Beginnende  Reaction.  Die  Reichsverfassung.  609

schiedene  Mißbilligung  der  vom  Oberleutnant  Müller  in  der
Kammer  entwickelten  Ansichten  über  militärische  Verhältnisse
aussprach,  was  letzterem  von  seiten  der  dresdener  Garnison
eine  Vertrauensadresse  eintrug.  Eine  Adresse  an  den  König
aus  Leipzig  appellierte  bereits  an  das  Schwert;  noch  deutlicher
redete  eine  zweite,  von  der  Lausitz  ausgehende,  die  den  Thron
in  Gefahr  erklärte  und  den  König  aufforderte,  „da  nöthig  selbst
die  äußersten  Mittel  zu  ergreifen  um  das  sonst  so  glückliche
Sachsen  vor  der  unumschränkten  Herrschaft  einer  Partei  zu
bewahren,  welche  Ehre,  Wohlfahrt  und  Selbständigkeit  des
Vaterlandes  ihren  einseitigen  und  selbstsüchtigen  Zwecken  zu
opfern  kein  Bedenken  trage“.  Daß  Held  mit  Berufung  auf
die  Freiheit  der  Presse  und  des  Petitionsrechtes  sich  weigerte,
gegen  die  Urheber  dieser  Adresse  einzuschreiten,  war  für  die
Radicalen  ein  neuer  Grund  zur  Erbitterung  gegen  das  Ministerium.


Den  völligen  Bruch  führte  die  deutsche  Frage  herbei.  Am
28.  März  war  die  Reichsverfassung  in  Frankfurt  angenommen
worden  1);  trotzdem,  daß  der  König  von  Preußen,  3.  April,  die
angetragene  Kaiserkrone  ablehnte  und  seinerseits  die  Forderung
erhob,  daß  die  Reichsverfassung  nicht  anders  als  durch  Vereinbarung
  mit  den  Regierungen  festgestellt  werde,  hielt  die  Nationalversammlung
  an  ihrem  Werke  fest  und  unternahm  es  die  Regierungen
  zur  Annahme  desselben  zu  zwingen.  Auch  die  Linke  sah
man  plätzlich  zur  Rettung  des  Grundsatzes  der  Volkssouverainetät
für  die  zeither  mit  Hohn  überschüttete  Reichsverfassung  in  die
Schranken  treten  und  die  Durchführung  derselben  auf  das  Banner
ihrer  Partei  schreiben.

Die  sächsische  Linke  gehorchte  ebenfalls  der  neuen  Parole.
Von  ihr  war  Heubner,  Kreisamtmann  zu  Freiberg,  wie  überhaupt
  an  Charakter  und  Bildung  seine  Parteigenossen  überragend,
  der  einzige,  der  niemals  die  Souverainetät  der  Nationalversammlung
  verleugnet  hatte;  er  war  daher  allerdings

1)  Von  den  Sachsen  hatten  nur  fünf  für  das  erbliche  Kaiserthum
gestimmt.
Flathe,  Neuere  Geschichte  Sachsens.  39