632  Sachsen  von  1848—1854.

die  Wegnahme  des  Landhauses  stellte  die  Verbindung  mit  dem
äußersten  linken  Flügel  her.  So  schloß  sich  der  eiserne  Ring
immer  enger  um  die  Insurgenten  zusammen.

Am  folgenden  Morgen  nahm  der  rechte  Flügel  im  Sturm
nacheinander  das  Thurmhaus,  die  Sophienkirche  und  die  Spiegelfabrik,
  wodurch  die  Aufständischen  genöthigt  wurden  den  wilsdruffer
  Platz  aufzugeben;  vom  linken  Flügel  her  arbeiteten  sich
die  Truppen  unermüdlich  durch  die  Häuser  vorwärts,  theils  in
der  Richtung  nach  der  Schloßgasse  theils  bis  zum  Gewandhause
hin.  Am  Vormittag  traf,  ebenfalls  unterwegs  vielfach  aufgehalten,
das  Bataillon  Hülsen  aus  Berlin  ein  und  noch  am  späten  Abend
brachte  ein  Dampfboot  nach  einer  nicht  ungefährlichen  Fahrt
einen  Vorrath  Munition  vom  Königstein  in  die  Neustadt.

Der  Aufstand  neigte  sich  unverkennbar  dem  Erlöschen  zu.
Außer  Fremden  sah  man  nur  noch  Gesindel  und  Turner  an
den  Barrikaden;  der  Glaube  an  die  Möglichkeit  eines  Sieges
sowie  an  die  Fähigkeit  der  Führer  war  stark  im  Schwinden.
Tusgesprengte  Gerüchte  von  dem  angeblichen  Umsichgreifen  der
Kevolution  im  übrigen  Lande  verfingen  nicht  mehr,  einzelne
Freischaren  zogen  wieder  ab  und  der  unter  Androhung  der
ernstesten  Strafen  allen  Ortsbehörden  zugefertigte  Befehl  der
pcovisorischen  Regierung,  sofort  ihre  sämtliche  Bürgerwehr
auf  zu  requirierenden  Wagen  nach  Dresden  zu  senden,  fand
nirgends  Beachtung.  Gegen  Abend  verließen  die  Kämpfer
scharenweise  die  Stadt  unter  dem  Vorgeben  gegen  die  cernierende
  Reiterei  auszuziehen,  doch  fiel  ihnen  nur  in  Kesselsdorf
ein  Detachement  von  zehn  Mann  in  die  Hände.  Dagegen  ließ
sich  spät  Abends  der  Obercommandant  Heinze,  angeblich  auf
einer  Recognoscierung  begriffen,  auf  dem  pirnaischen  Platze  gefangen
  nehmen;  in  der  Nacht  wurde  auch  Röckel  durch  die
Kavalerie  aufgegriffen.

Der  Kampf  hatte  an  den  beiden  letzten  Tagen  den  Charakter
äußerster  Erbitterung  angenommen.  Die  Truppen  kannten  keine
Schonung  mehr  gegen  Feinde,  die  ihnen  immer  nur  aus  dem
Hinterhalte  ihre  todbringenden  Geschosse  —  oft  Nägel  und  gehacktes
  Blei  —  zusandten.  Je  länger  das  Gefecht  dauerte,  desto