Kirchliche  Reaction.  693

fassung,  eine  innere  Verwandtschaft,  die  beide,  nicht  ohne  tiefe
Schädigung  der  wahren  kirchlichen  Interessen,  zu  engen  Bundesgenossen
  machte.  Denn  nicht  genug,  daß  dadurch  die  Kirche
dem  Parteigeist  verfiel,  so  daß  z.  B.  jetzt  der  Oberhofprediger
in  der  ersten  Kammer  jederzeit  mit  der  äußersten  Rechten
stimmte,  ließ  sie  sich  von  der  politischen  Reaction,  und  von
dem  Cultusminister  v.  Beust  zumal,  mißbrauchen  als  ein
wirksames  Mittel  um  den  übermüthigen  Zeitgeist  zu  bändigen
und  wieder  zum  Gehorsam  zu  gewöhnen,  ihrersefts  zufrieden
ihre  Zwecke  durch  die  Staatsgewalt  unterstützt  zu  sehen.  Selbst
der  politische  Particularismus  fand  sein  Seitenstück  in  dem
kirchlichen  Particularismus,  mit  dem  Harleß,  den  Zusammenhang
  mit  der  allgemeinen  protestantischen  Kirche  hintansetzend,
vorwiegend  den  Begriff  der  Landeskirche  betonte.  Was  auf
diesem  Wege  erreicht  wurde,  war  wohl  eine  äußerliche  Kirchlichkeit
  bei  den  Einen,  ein  unbedingtes  Gefangengeben  der  Vernunft
bei  den  Andern,  bei  der  großen  Mehrheit  aber  ein  tief  wurzelndes
Mißtrauen  gegen  alles  Kirchliche  überhaupt,  und  dieses  zu  verscheuchen
  waren  weder  der  Ruf  nach  strengerer  Kirchenzucht  oder
die  Gehässigkeit  gegen  die  Reformierten  und  die  preußische  Union,
noch  die  Mißgunst  gegen  den  Gustav-Adolf-Verein,  noch  auch  das
eifrige  Betreiben  der  innern  und  äußern  Mission  1)  die  geeigneten
  Mittel;  daß  das  1850  begründete  Sächsische  Kirchen=  und
Schulblatt  sich  zur  Ablagerungsstätte  dieser  sich  in  Luthers
Buchstaben  verhärtenden  Rechtgläubigkeit  machte,  wurde  bei  dem
Zusammenhange  dieses  Blattes  mit  dem  Cultusministerium
nicht  minder  anstößig  empfunden  und  selbst  in  der  Kammer
gerügt  2).

1)  Das  dänische  Missionscollegium  übertrug  im  Jahre  1847  der
evangelisch-lutherischen  Missionsgesellschaft  zu  Dresden  die  gesamte  dänische
Mission  zu  Tranquebar,  so  daß  also  nun  deren  Händen  das  Feld,  auf
welchem  die  deutsch-lutherische  Kirche  durch  Ziegenbalg  ihre  erste  Missionsthätigkeit
  entfaltet  hatte,  wieder  anvertraut  war.  —  1853  wurde  ein
sächsischer  Hauptmissionsverein  gegründet.

2)  Die  Säcularfeier  des  passauer  Vertrags  im  Jahre  1852  unterblieb
aus  Furcht,  „daß  sie  die  Gestalt  einer  Provocation  gewinnen  könne,