736  Sachsen  unter  König  Johann.  Inneres.

Dagegen  gewann  die  sächsische  Specialgeschichte  durch  die  rückhaltslose
  Erschließung  des  dresdner  Hauptstaatsarchivs  und  den
mit  ständischer  Unterstützung  unter  Gersdorfs  Redaction  seit
1864  begonnenen  Codex  diplomaticus  Saxoniae  regiae  zum
erstenmale  eine  sichere  urkundliche  Grundlage.  Während  Leipzig
seit  1848  aufgehört  hatte  der  Sitz  des  specifischen  Literatenthums
  zu  sein,  versammelte  Dresden  in  den  funfziger  Jahren
jenen  Kreis  namhafter  Dichter  und  Schriftsteller  (K.  Gutzkow,
R.  Reinick,  O.  Roquette,  M.  Heydrich,  O.  Ludwig,  J.  Hammer,
  B.  Auerbach  u.  A.),  in  welchem  bei  Gelegenheit  von
Schillers  fünfzigjährigem  Todestage  der  Gedanke  der  Schillerstiftung
  entsprang,  der  dann  1859  durch  die  Schillerlotterie
in  einem  anfangs  nicht  geahnten  Umfange  zur  Ausführung
kam.

Das  Erwachen  eines  regeren  Sinnes  für  die  Kunst  bethätigten
  die  Stände  seit  1858  durch  jedesmalige  Bewilligung
von  5000  Thlrn.  für  Kunstzwecke.  Unter  der  dresdner  Künstlerschaft
  ragten  namentlich  Ed.  Bendemann,  der  seit  1849  den
Thronsaal  mit  Fresken  schmückte,  J.  Schnorr  v.  Carolsfeld
(st.  1872)  und  J.  Hübner  hervor,  doch  aber  brachte  sie
es  auch  jetzt  nicht  zu  einer  sicheren  Kunstrichtung,  einer
eigenen  Schule,  wie  sie  München  und  Düsseldorf  besaßen.
Dafür  giengen  aber  aus  Rietschels  Werkstatt  die  vollendetsten
  Werke  des  Meisters  hervor;  die  Ausführung  des  großartigsten,
  des  Lutherdenkmals,  mußte  er,  1861  vom  Tode
ereilt,  seinen  Schülern  A.  Donndorf  und  G.  Kietz  überlassen.
  Das  Hoftheater,  an  welchem  Gutzkow  seit  1847  nur
kurze  Zeit  als  Dramaturg  wirkte,  zehrte  theilweise  vom  Ruhm
vergangener  Tage;  E.  Devrient,  die  Hauptstütze  des  classischen
Repertoirs,  nahm  1856,  mit  Ehren  überschüttet,  von  der  ihm
mitunter  durch  die  Triumphe  seines  Rivalen  und  Antipoden
Dawison  verleiteten  Bühne  Abschied  (st.  1872).  Leipzig  erhielt
sich,  wie  die  Gründung  der  Bachgesellschaft  im  Jahre  1850
und  die  jährliche  Charfreitagsaufführungen  der  Matthäuspassion
  bewiesen,  den  angeerbten  Cultus  der  Musik  im  edelsten
Sinne,  am  Conservatorium  pflegten  Moscheles,  F.  David