Die  schleswig-holsteinsche  Frage  1863.  761

nehmen  lassen  und  nährte  sich  mit  der  geheimen  Hoffnung,  so
am  besten  die  Annexionslust  Preußens  zügeln  zu  können.  Die
offene  Gegnerschaft  mit  Preußen  war  für  Sachsen  weniger
schmerzlich  als  Osterreich  gegenüber  die  Stellung  des  hintergangenen
  und  verrathenen  Freundes.

Die  am  9.  November  eröffneten  Stände  sprachen  sich  mit
vollstem  Nachdruck  für  das  gute  Recht  Schleswig-Holsteins  aus
und  Beust  hatte  die  Genugthuung  seine  Politik  in  dieser  Angelegenheit
  von  ihnen  vollständig  gebilligt  und  in  jeder  Weise
unterstützt  zu  sehen.  „Und  meine  Herren“,  damit  schloß  er
am  24.  Rovember  unter  lautem  Beifall  der  zweiten  Kammer
eine  Darlegung  dessen,  was  Sachsen  am  Bunde  gethan  hatte,
„lassen  Sie  sich  noch  das  Eine  gesagt  sein:  die  sächsische  Regierung
  ist  nicht  eilig  mit  Kundgebungen  und  Beschlüssen,  die,
von  ihr  allein  ausgehend,  eine  Entscheidung  nicht  bringen,  sie
vielleicht  nur  erschweren  können;  wenn  es  aber  zum  Handeln
kommt,  so  wird  Sachsen  nicht  im  letzten  Treffen  zu  finden
sein!“  Wegen  dieser  Außerungen  in  der  auswärtigen,  besonders
der  preußischen  Presse  hart  angegriffen,  da  ja  auch  Sachsen
seiner  Zeit  dem  londoner  Protokoll  beigetreten  sei,  gab  er  am
4.  December  in  der  Kammer  die  Erklärung,  daß  die  sächsische
Regierung,  Dank  ihrem  damaligen  Vorbehalt,  bei  ihrer  Abstimmung
  am  Bunde  durch  das  londoner  Protokoll  nicht  gebunden
  sei;  nach  seiner  Überzeugung  könne  dasselbe  den  Bundesvertrag,
  der  älter  und  unter  andern  Paciscenten  als  jenes  abgeschlossen
  sei,  nicht  alterieren  1).  Am  folgenden  Tage  er-1)

  „So  unerfreulich  das  londoner  Protokoll  an  sich  sein  mochte,  so
war  es  doch  das  damals  Erreichbare  und  enthielt  ein  werthvolles  Zugeständniß
  von  seiten  Dänemarks:  die  Nichtincorporierung  Schleswigs.
Erst  Ende  1852  erfolgte  die  Mittheilung  des  Protokolls  von  den  Unterzeichnern
  an  die  deutschen  Regierungen.  Wenn  wir  damals  es  nicht
absolut  zurückgewiesen  haben  uns  darauf  einzulassen  und  eine  vorläufige
beistimmende  Antwort  aussprachen,  so  lag  das  Motiv  hauptsächlich  darin,
daß  es  uns  wohlgethan  schien,  dasjenige  befestigen  zu  helfen,  was  erlangt.
worden  war  und  was  man  freilich  im  gerechten  Vertrauen  auf  eine  gewissenhafte
  und  redliche  Ausführung  als  etwas  Werthvolles  betrachten