798  Sachsen  unter  König  Johann.  Deutsche  Verhältnisse.

gedachte  der  Kronprinz  den  Truppen  eine  kurze  Nachtruhe  zu
gönnen,  die  ihnen  nach  der  furchtbaren  Hitze,  den  Entbehrungen
und  Anstrengungen  des  Tags  dringend  nöthig  war.  Plötzlich
aber  stieß  die  sächsische  Leibbrigade  mitten  in  der  Stadt,  deren
Besetzung  sie  an  Stelle  der  hart  mitgenommenen  Osterreicher
übernehmen  sollte,  auf  Preußen,  die  durch  die  westlichen  unbesetzten
  Eingänge  eingedrungen  waren.  Es  entspann  sich  in
der  Dunkelheit  ein  Straßengefecht,  in  welchem  die  Sachsen  ihre
Stellung  tapfer  behaupteten,  bis  sie,  da  starke  feindliche  Massen
vor  der  Stadt  standen,  dieselbe  nach  Mitternacht  in  der  Stille
räumten  1).

Der  Rückzug,  welcher  auf  das  unglückliche  Gefecht  folgte,
machte,  obgleich  er  unverfolgt  blieb,  für  die  erschöpften  und
niedergedrückten  Truppen  das  Maß  der  Entbehrungen  voll.
Durch  österreichische  Traincolonnen  zu  stundenlangen  Stockungen
genöthigt  erreichte  der  größte  Theil  der  Sachsen  das  27  Meilen
entfernte  Smidar  erst  am  Nachmittag,  nachdem  sie  fast  ununterbrochen
  36  Stunden  auf  den  Beinen  gewesen  waren.
Trotzdem  hatten  sie  ihren  Zusammenhang  und  ihre  Schlagfertigkeit
  bewahrt,  nur  zwei  Bataillone,  die  besonders  stark
gelitten  hatten  und  dann  unter  die  in  großer  Verwirrung
retirierenden  Osterreicher  gerathen  waren,  kamen  am  Abend
des  30ften  bei  Josephstadt  im  Zustande  höchster  Erschöpfung
an  2).  König  Johann  reiste  auf  Einladung  des  Kaisers  von
Pardubitz  nach  Wien.

Nach  dem  Verluste  von  Gitschin  konnte  Benedek  nicht
mehr  daran  denken,  den  Kampf  auf  dem  Plateau  von  Dubenitz,
  wo  er  jetzt  die  Armee  vereinigte,  anzunehmen.  Selbst
bereits  tief  entmuthigt  entschied  er  sich  für  den  Rückzug  in
eine  neue  Stellung  bei  Königgrätz,  wo  er  seinen  Truppen

1)  Das  Gesecht  bei  Gitschin  kostete  den  Sachsen  27  Offiziere  und  587
Mann  an  Todten,  Verwundeten  und  Gefangenen.

2)  Durch  sie  wurde  wahrscheinlich  Benedek  zu  der  ganz  ungegründeten
Angabe  verleitet,  das  sächsische  Corps  habe  sich  nach  dem  Gesfecht  bei
Gitschin  „ep  débacle“  befunden.