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        <title>Das Eiserne Buch.</title>
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            <forname>Georg</forname>
            <surname>Gellert</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>gellert_eisernes_buch_1915</idno>
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        </bibl>
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        —  —
—
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        <pb n="3" />
        Wth

 

rl

 

 

Deutiche  Ulanen  beschiehen  einen
feindlichen  Flieger.
Nach  einem  Originalbilde  v.  A.  Roloff.

 

 

/Wl
        <pb n="4" />
        Der  Panzerkreuzer  „Scharnhorst“  im  Kampf  mit  der  englischen  Flotte  bei  den  Falklands-Tuleln.
Nach  einem  Originalbilde  von  Professor  Willy  Stöwer.
        <pb n="5" />
        Veröffentlichung  der  „Deutschen  Gesellschaft  zur  Verbreitung
guter  Schriften  und  Bücher“,  E.  V.,  Berlin-Wilmersdorf.

Ehren-Präsidium:  Reichskanzler  Fürst  von  Bülow.

Eiserne  Buch

Die  führenden  Männer  und  Frauen
zum  Weltkrieg  1914/15

nebst  interessanten  Schlachten-Schilderungen,  Erzählungen,  Gedichten,
Dokumenten  usw.  mit  mehrfarbiger  Original-  Umschlagzeichnung
von  Professor  Carl  Röchling  und  Zeichnungen  von  DProfessor
Willy  Stöwer,  Professor  Hans  Bohrdt,  Friedrich  Wilhelm,
Kronprinz  des  Deutschen  Reiches  und  von  Preußen,  Professor
Max  Liebermann,  Professor  Georg  Schöbel,  Josef  Eimburg,
Adolf  Wald,  A.  Koloff.

Herausgegeben  von

Georg  Gellert

Verlag  Gebrüder  Enoch,  Hamburg
        <pb n="6" />
        Inhaltsverzeichnis  der  Beiträge  und  Vilder.

Seite
Kunstmale#  fl.  Roloff  (Bild)1

Drofessor  W.  Stöwer  (Bild)  2  u.  166
Fürst  von  Bülo  5
Generaloberst  von  Mackensen  6
Staatsminister  von  Coebell  7
Eeneraloberst  von  Ludendorff  .  8

Geh.  Rat  PDrof.  Dr.  v.  Wilamowitz-Möllendoor)rr

Dr.  Graf  von  Schwerin-Cöwitz.  10
Walter  Bloem  1
Ludwig  AUbhoma
Generalfeldmarschall  von  der  Goltz  13
Staatssekretär  Drof.  Dr.  Karl
belfferich
Generaloberst  Sreih.v.  Falkenhausen  18
Oberbürgermeist.  Mermuth,  Berlin  19
Major  von  Löseke  21

General  von  Linsingen  22
Rudolf  hersg6  22
Graf  von  Zeppeln  25
Generalmajor  Srhr.  von  Gaul.  .  25

Kronprinz  Rupprecht  von  Bayern  28
Geh.  Justisrat  Dr.  Riefser,  Hräk--dent
  des  Hansabundees
Johannes  Trojan
Staatsminister  von  Breitenbach  33
Sriedrich  Wilhelm,  Kronprins  des
Deutsch.  Reichs  (Bilber  m.Text)  54u.35
Drofessor  t  Bohrdt  (Bild).  56
Geheimrat  pProf.  Dr.  DPend  37

Karl  Bleibtten  37
Generaloberst  von  beeringen  38
Max  Geißdler  39
Kontreabmiral  3.  D.  Schlieper  40
Thomas  lan  41

Drof.  Dr.  Stanz  von  Lisst.  43
General  Srhr.  von  Gebfatte#  44
EGeneralfeldmarsch.  v.  Hindenburg  45
Uannu  Cambrecht  47
Eine  Antwort  von  Eisen  47
Drof.  Dr.  Ernst  baeckel  48
Drof.  Max  Liebermann  (Bild)  53
#cchademtral  von  Fitealgen  .  64
Sr.  Naumamn,  Mitgl.  d  Keichstags  64
Drof.  mWn*  Stämer  6
Ida  Bou-Ed
Drof.  Dr.  Max  Schillings  Maten)  69
Kolonial-Staatssekretär  Dr.  Solf.  70

General  von  Emmich  70
Deter  S3her  71
Generaloberst  von  Eine  72
bermann  Bar  73
Nunstmaler  .  Wald  (Bild)  75
Generalarzt  Dr.  P.  Körte  77
Deter  Rosegger  78
Drof.  Georg  Sammel  70

Ernst  Srhr.  pon  Wolzogen  31
Staatssekretär  Krätle
Drof.  Dr.  Werne  Sombart  83
fl.  Roloff  (Blld)
Sriedrich  Wilhelm,  Kronprinz  das
Oeutschen  Reiches  u.  v.  Preutzen  101
nei  ser  *risn  Josef  pon  Mierreich
(Facllmiteg  108
Bas  —  d.  uei  lou,  108

 

Ludwig  SGanghofer
Sedor  von  obelttee
Edith  Gräfin  Salburg
Generalleutnant  Sleck
Bouston  Stewart  Chamberlain
Drof.  Dr.  G.  Roethe
Frefellor  Dr.  Wilhelm  Wundt  ·
Max  Liebermann  (Bild)
Fritz  Engeei.
Geh.Reg.-Ratprof.Dr.  Rud.  Eucken
Gerhart  hauptmann
Dr.  Daul  Rohrbach
von  beudebrand,  Mitglied  des
Reichstags
Reichskanzler
Hollweg  4
E.  von  bandel-Mazzeti.
Wilhelm  hegeler
Drof.  Dr.  Lujo  Brentauo
Rudolf  Stra)9
Max  Reger  (Noten)
Drof.  Dr.  Ueubecker
Reichstagspräsident  Dr.
Kdmiral  Graf  Spee  O„
Generalleutnant  E.  von  Ciebert

von  Bethmannc.

  Kaempf

Geh.  Justizrat  Drof.  Josef  Kohler
berbert  Eulenbttten
Drof.  Dr.  Wilbelm  Kahl
Sriedrich  ienhandd.

Prof.  Dr.  Jumes  Israel

1
Wolfgang  beine,  Reichstagsabgeordneter


Geheimrat  Drof.  Dr.  Reinke,  Mitglied

  des  herrenhauses
Staatssekretär  von  Jagor
Ernst  hart
Eeh.  Med.-Rat  Drof.  Dr.  lbert

Eulenbug

##am  Beyerlen
Drof.  L.  von  Jumbusch  (Bild).
PDrof.  Dr.  Dessoir
Richard  Dehmeell
Geheimrat  Dbesche,  Dizepräsident
des  Reichstags
Drof.  Dr.  J.  Jastrow
Otto  Ernst.  ...  .  ..
Drof.  Carl  Tudwig  Schleich
Dr.  Pachnicke,  Mitglied  des  Reichstags
  u.  d.  Preußischen  Sbgeordnetenhauses

Ludwig  Sulda
-  Westarp,  Mitglied  d.  Reichswict=
  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  Adols
von  harnack
Dictor  Blutnaen
Richard  bdb
feiogebbotorb.  Scheidemann
o.........
Zalef  LCimburg  (Bilb)
Drof.  Georg  Schöbel  (Bild)

Prof.  Bodo  Ebhart  2

Rudolf  Presber
Gtto  Sommerstorff
Prof.  Dr.  Georg  Degener

Druck  von  b.  Carly,  hamburg.

183
184
        <pb n="7" />
        nD.  der  schlichten  Größe  des  deutschen
Dolkes,  seiner  Entschlossenheit  und  der  Reinheit

  der  Seele,  mit  der  es  diesen  Krieg
führt,  muß  Jeder  das  haupt  neigen.

In  diesem  Zugenblick  fühlen  alle  Deutschen,
  was  sie  an  ihrem  Daterland  haben.
Möge  dieses  Bewußtsein  für  kommende
Seiten  ein  dauernder  Gewinn  unserer  Tage

bleiben.

Berlin,  5.  Juni  1915.

Fürlt  von  Bülow.
        <pb n="8" />
        D.  gegenwärtige  Weltkrieg  lehrt,  daß  heute,
wie  vor  hundert  Jahren,  der  sittliche  und  religiöse
  Gehalt  eines  Dolkes  auf  den  Kusgang  eines
Krieges  entscheidend  wirkt,  und  beweist  zugleich,
was  ein  Dolk  in  Waffen  zu  leisten  vermag,  das
auf  solcher  Grundlage  seit  Generationen,  zuletzt
durch  die  allgemeine  Wehrpflicht,  soldatisch  erzogen
  worden  ist.  Das  Soldatentum,  welches
KNönig  Friedrich  Wilhelm  I.  von  Preußen  „stabilirete“,
  sein  großer  Sohn  durchgeistigte,  die  Befreiungskriege
  volkstümlich  machten  und  die  Wilhelminische
  Seit  dem  ganzen  Deutschland  zum
Gemeingut  gab,  ist  der  Jels,  an  dem  die  Übermacht
  unserer  Jeinde  sich  bricht.  Nur  ein  Dolk,
in  dem  jedes  Elied  soldatisch,  im  edelsten  Sinne,
empfindet,  ist  geistig  und  körperlich  zu  der  Kraftäußerung
  fähig,  wie  sie  das  deutsche  Dolk  in
diesem  Weltkriege  betätigt.  Die  Forderungen
für  die  Jukunft  —  also  an  die  Jugend  —  ergeben
sich  daraus  ohne  Worte.

von  Mackensen,

Generaloberst.
        <pb n="9" />
        Die  Siege  dieser  großen  Zeit,  die  gewaltigen
Leistungen  des  deutschen  Dolkes  werden  des  Deutschen
Reiches  Größe,  Macht  und  Sreiheit  in  der  weiten  Welt
aufs  neue  begründen  und  mehren.  Kus  der  Saat  des
deutschen  Opfersinnes  und  hHeldengeistes  wird  auch  für
unser  inneres  nationales  Leben  in  Reich,  Staat  und
Dolk  die  Ernte  einer  neuen  großen  eit  aufgehen.  Das
ungeheure  Erlebnis  dieses  Daseinskampfes  gegen  eine
Welt  von  Leinden  wird  auch  die  einzelnen  Menschen
in  ihrem  Denken  und  Empfinden  umgestalten.  Die
Zeit  kommenden  Sriedens,  von  der  noch  niemand
weiß,  wie  fern  sie  liegt,  wird  in  einem  neuen  großen
Reich  auch  erneuerte  deutsche  Menschen  sehen.

Der  Deutsche,  der  diese  Seit  erlebt  hat,  muß  stolzer
auf  sein  Deutschtum  sein,  als  es  je  Deutsche  gewesen
sind.  Er  soll  die  deutsche  Weitherzigkeit  auch  gegenüber
  dem  Sremden  nicht  verlieren,  aber  fest  stehen  in
dem  Bewußtsein,  daß  deutsches  Sein  und  Wesen  den
Dorrang  verdient,  eben  weil  es  deutsch  ist.  Der
Deutsche  der  Jukunft  muß  in  jedem  Deutschen,  gleichviel
  welchen  Standes  und  welcher  Meinung,  mehr  den
Bruder  sehen  als  es  bisher  der  Lall  war.  Meinungsverschiedenheiten
  unter  Deutschen  dürfen  nicht  mehr
sein,  als  häuslicher  Swist,  der  wenig  bedeutet  neben
der  Liebe  der  Deutschen  untereinander.  Und  niemals
        <pb n="10" />
        wieder  darf  das  Ausland  Anlaß  haben  zu  dem  Irrtum,
es  könne  die  Stunde  der  Gefahr  das  deutsche  Volk
nicht  einig  sehen.  Deutschland  und  sein  Volk  haben  in
schwerster  Zeit  viele  Seinde  und  erfahren  wenig
Sreundschaft.  Das  dürfen  wir  niemals  vergessen,  und
müssen  der  Treue  und  Liebe  untereinander  zur  Seite
stellen  stolze  Jurückhaltung  gegenüber  dem  Kuslande,
das  deutsche  Juneigung  und  deutsches  Dertrauen  erst
durch  Taten  erwerben  muß.

Berlin,  den  7.  Mai  1915.

von  Toebell,

Staatsminister  und  Minister
des  Innern.

Auein  das  mit  höchster  Kraftanspannung
Erreichte  ist  ein  dauerndes  Gut  und  ein  Segen
für  ein  Dolk.

von  TLudendorff,
General-Oberst.
        <pb n="11" />
        D.  Daterland  ist  in  Gefahr.  Wem  Allter  und
Körperkraft  es  irgend  gestatten,  stellt  Leib  und  Leben
in  den  Dienst  der  Derteidigung.  Uns  Hlten,  die  nicht
mehr  für  den  Waffendienst  taugen,  zuckt  doch  die
Kampflust  in  den  Eliedern.  Da  mag  der  heranwachsenden
  Jugend  das  Tagewerk  des  Lernens  schwer
fallen.  Um  so  mehr  muß  ihnen  klar  werden,  daß
eben  dieses  ihre  Ppflicht  gegen  das  Daterland  ist.
Der  Sriede  wird  kommen;  er  wird  von  ihnen  doppelte
Leistung  fordern,  denn  sie  sollen  die  Edelsten  ersetzen,
die  ihr  Blut  für  uns  alle  vergossen  haben.  Seiner
geistigen  und  sittlichen  Kraft  verdankt  Deutschland,
daß  es  der  Überzahl  der  Jeinde  überlegen  ist.  Zuf
seiner  reicheren  Bildung  und  seiner  ernsteren  Pflichttreue
  beruht  die  Geltung  Deutschlands  in  der  Welt.
Den  Dorrang  gilt  es  zu  behaupten;  es  wird  im
Frieden  nicht  minder  schwer  fallen.  Schön  ist's  und
ehrenvoll  für  das  Daterland  zu  sterben;  dem  schwersten
  Opfer  der  höchste  Ruhm.  Kber  dem  Daterlande
  leben,  nie  vergessen,  daß  wir  ihm  unser  Leben
allezeit  schulden,  das  ist  auch  Pflicht,  und  keine  leichtere
Hflicht.  So  beginne  denn  der  deutsche  Knabe  sein
dem  Daterlande  geweihtes  Leben,  indem  er  sich  selbst
tüchtig  macht,  lernend  und  gehorchend,  auf  daß  er
dereinst  als  freier  Mann  in  freier  Hingabe  dem  Daterlande
  dienen  könne.

Ulrich  von  Wilamowitz-Möllendorf,

Geh.  Reg.-Rat  und  Hrofessor  a.  d.  Universität
  Berlin.

 

9
        <pb n="12" />
        Banork  hat  einmal  gesagt:  „Der  Krieg  ist
wie  ein  Gesundbrunnen.  Wer  ihn  nicht  verträgt,
den  bringt  er  um.  Wer  ihn  aber  verträgt,  den
macht  er  gesund.“  Und  ich  sage  heute:
Deutschland  wird  diesen  Weltkrieg  vertragen
und  er  wird  unser  Dolk  gesund  machen.  —  Gesund
  an  Leib  und  Seele.  —  Militärisch  noch
stärker  als  zuvor.  Wirtschaftlich  unabhängiger
vom  Kusland,  —  sicherer  in  seiner  Selbstversorgung,
  —  freier  in  seinem  handels=  und  Weltverkehr.


tber  auch  innerlich  —  freier  von  kleinlichem
  Parteigeist  —  einmütiger  in  opferwilliger
Daterlandsliebe,  —  häher  gerichtet  in  seinen
Jdealen,  —  demütiger  in  Gottesfurcht  und  doch
stolzer  auf  seine  Eigenart  und  seine  Kraft.  —  So
wird  die  Läuterungsglut  dieses  Weltenbrandes
—  mit  Gottes  bilfe  —  unser  Dolk  gesunden.

Dr.  Graf  von  Schwerin-Löwitz
Wirkl.  Geh.  Rat,  Präsident  d.  Preuß.  Hbgeordneten-hHauses
u.  d.  Deutschen  Landwirtschafts-Rats.

 

10
        <pb n="13" />
        *  *
ri'

1D.  war  es  doch  vor  dem  Kriege  so  fabelhaft
gemütlich  in  der  Welt!  Klles  war  organisiert,  alles
klapptte  und  harmonierte  bis  in  die  kleinsten  Einzelheiten:
  jemand  konnte  an  seinem  Hrbeitstisch  in
Berlin  das  Drogramm  einer  Weltreise  ausarbeiten
bis  auf  jeden  Straßenbahn=  und  Lokalbootanschluß.
Und  unterwegs  traf  er  nur  Sreunde:  die  Nationen
begegneten  einander  mit  Respekt  und  Sumpathie
—  der  ewige  Sriede,  die  gemeinsame  Mitarbeit  am
Werke  der  Menschheitskultur  schienen  gesicherte  Tatsachen.
  Da  ist  der  Krieg  gekommen  und  hat  uns  die
ugen  geöffnet:  Wir  leben  inmitten  wilder  Bestien,
die  den  Kugenblick  nicht  erwarten  konnten,  uns  Deutschen
  an  die  Kehle  zu  springen  und  uns  zu  zerreißen.
Jungens,  vergeßt  diese  Lehre  nicht!  Wenn  kaum  der
Friede  wieder  hergestellt,  die  allgemeine  Gemütlichkeit
wieder  mühsam  zusammengeflickt  ist,  dann  werden
die  Sriedenssäuseler  und  Weltverbrüderungsträumer
wieder  aus  den  Mauselöchern  auftauchen,  in  denen
sie  sich  zur  Stunde  versteckt  halten.  Dann  rate  ich  euch
eins:  bleibt  ungemütlich!  Mag  auch  eure  Kußenseite
noch  soviel  Hbgeschliffenheit  zur  Ochau  tragen  —  bleibt
mißtrauisch  und  unversöhnlich,  glaubt  keinem  als  dem
eigenen  Dolksgenossen,  haltet  die  Hand  am  Schwert!
Und  wenn  einer  die  Friedensmelodie  dudelt,  schlagt
ihm  die  Schalmei  von  den  Lippen!  Bleibt  stolz  und
herrisch  und  stark  —  bleibt  verschlossen,  unnahbar,
eisern  —  bleibt  deutsch.
Walter  Bloem.

 

11
        <pb n="14" />
        Emcden.

.

Cief  auf  den  Strand  .  .  So  klang  wohl  der  Bericht
Dem  HSeinde  selbst  nicht  froh.  Wenn  sie  noch  sind
Wie's  einmal  englisch  war,  von  Well'  und  Wind
Gestählte  Seemannsherzen  —  freut  sie's  nicht.

Das  eine  Schiff  —  und  geinde  allzuviel,
Das  große  England  wagt'  es  nicht  allein,

Es  mußten  Gelbe  mit  im  Bunde  sein,

Eins  gegen  hundert  —  war  kein  ehrlich  Spiel.

Ein  Schiff  verloren.  Und  im  Meere  treibt

Was  holz  und  Eisen  war.  Sein  heldentum

Und  den  er  mitschuf  —  Deutschlands  Seemannsruhm


Als  Markstein  einer  neuen  Zeit  —  das  bleibt.

Ludwig  Thoma.
        <pb n="15" />
        D.  Weltkrieg  von  1914  hat  dem  deutschen  Volke
eine  Prüfung  auferlegt,  wie  sie  kaum  jemals  einem
anderen  beschieden  gewesen  ist.  Inmitten  der
glücklichen  Entwicklung  und  fleißiger  Arbeit  ist  es
unerwartet  zu  einem  Kampfe  gezwungen  worden,
bei  dem  es  sich  um  Sein  oder  Richtsein  handelt.  Dies
geschah,  ohne  daß  Deutschland  den  mindesten  Knlaß
dazu  gegeben  hätte.  Das  ist  ein  hartes  Schicksal,
welches  schon  heute  ungeheure  Derluste  gekostet  hat
und  deren  noch  mehr  fordern  wird.  ber  die  Kraftprobe
  wird  am  Ende  zum  Segen  gereichen.  Wie  das
Eisen  im  Feuer  sich  läutert  und  alle  Schlacken  abwirft,
so  wird  auch  das  deutsche  Dolk  sich  in  der  Hrüfung,  die
ihm  auferlegt  ist,  von  allem  Unlauteren  freimachen,
das  begonnen  hatte,  den  reinen  Kern  seines  Wesens
zu  umhüllen.-Es  wird  an  innerer  Kraft  gewinnen,  den
hang  zum  Materialismus,  der  erschreckend  zu  wuchern
begann,  von  sich  weisen,  einiger  und  stärker  werden,
um  sich  so  eine  um  Jahrhunderte  längere  Dauer  in
der  Weltgeschichte  zu  sichern.  Es  wird  zurückkehren  zu
dem  stolzen  geharnischten  Dasein,  wie  es  Ernst  Moritz
Arndt  ehedem  ihm  gewünscht  hat.

Freiherr  von  der  Goltz,
EGeneralfeldmarschall.

Konstantinopel,  den  15.  Kpril  109  15.

 

13
        <pb n="16" />
        Staatslekretär  des  Reicheschatzamte
Dr.  Karl  Pelfferich:

E.  gilt,  dem  ganzen  Volke  klarzumachen,  daß
dieser  Krieg  mehr  als  irgendeiner  zuvor  nicht  nur  mit
Blut  und  mit  Eisen,  sondern  auch  mit  Brot  und  mit
Geld  geführt  wird.  Sür  diesen  Krieg  gibt  es  nicht
nur  eine  allgemeine  Wehrpflicht,  sondern  auch  eine
allgemeine  Sparpflicht  und  eine  allgemeine  Jahlpflicht.
  Keiner  darf  sich  entziehen,  auch  der  Mleinste
nicht.  Der  Derschwender  notwendiger  Lebensmittel
und  der  Mammonsknecht,  der  sich  nicht  von  seinen
Ersparnissen  trennen  kann,  ist  um  kein  haar  besser  als
der  Deserteur,  der  sich  seiner  Wehrpflicht  entzieht.
Wie  es  für  das  heer  auf  jeden  Arm  ankommt,  der
noch  die  Büchse  spannen  kann,  so  brauchen  wir  alle
die  großen  und  kleinen  Ersparnisse.  Niemand  darf
sich  mit  der  billigen  Redensart  entziehen:  auf  meine
paar  Eroschen  kommt  es  doch  nicht  an.  Es  kommt  auf
jede  Ersparnis  an.  Das  deutsche  Dolk  muß  auch  in
dieser  Beziehung  leisten,  was  es  irgend  leisten  kann.
Ich  wiederhole:  auch  unser  Ruf,  der  Ruf  der  finanziellen
  Kriegsleitung,  geht  an  alle,  an  groß  und  klein,
und  Schande  über  jeden,  der  sich  taub  stellt!

Nein,  mit  dem  dicken  Geldbeutel  allein,  auch  wenn
er  mit  allen  Künsten  der  Subsidie  und  Bestechung  gehandhabt
  wird,  sind  damals  Schlachten  nicht  zu  gewinnen
  gewesen;  und  heute  sind  sie  damit  erst  recht
nicht  zu  gewinnen.

 

14
        <pb n="17" />
        Den  preußzischen  Grenadieren,  die  bei  Waterloo
zur  rechten  Zeit  noch  Wellingtons  Truppen  herausgehauen
  und  damit  Schlacht  und  Seldzug  und  Imperatorenschicksal
  entschieden  haben,  waren  silberne  Kugeln
  eine  ganz  unbekannte  Munition,  und  unsere
Zweiundvierziger  und  unsere  Unterseebote  schießen
auch  nicht  mit  silbernen  Kugeln,  sondern  mit  gutem
Stahl,  der  durch  deutscher  hände  Krbeit  gewonnen
und  gehärtet  ist.

Das  bekannte  Wort  von  Clausewitz  „Der  Krieg
ist  die  Fortsetzung  der  Holitik  mit  anderen  Mitteln“,
muß  in  das  Englische  übersetzt  werden:  die  Holitik  und
der  Krieg  sind  die  Sortsetzung  des  Geschäfts  mit  anderen
  Mitteln.  Die  Engländer  betrachten  in  der  Tat
den  Krieg  als  ein  Geschäft,  das  mit  Gewaltmitteln
abzuwickeln  ist.

Der  Deutsche  dagegen  sieht  in  dem  Kriege  die
schwerste,  aber  auch  die  erhabenste  Hrüfung,  die  das
Eeschick  einem  Dolk  zuerteilen  kann,  eine  Prüfung,  die
alle  moralischen,  intellektuellen  und  materiellen  Kräfte
auf  den  Plan  ruft  und  auf  das  äußerste  anspannt.
Diese  Kuffassung,  auf  die  wir  unsere  Juversicht  bauen,
ist,  glaube  ich,  ein  festeres  Fundament  als  alles  Gold
und  Silber  der  Welt.

Kber  es  ist  gut,  daß  wir  den  Gegner  kennen  und
wissen,  auf  welche  Waffen  er  sein  Dertrauen  setzt;  und
noch  besser  ist,  daßwir  sicher  sind,  ihm  mit  seinen  eigenen
Waffen  ausreichend  dienen  zu  können.  Diese  felsenfeste
  SJuversicht  möchte  ich  hier  aus  meiner  innersten
Überzeugung  heraus  mit  allem  Nachdruck  und  aller
Eindringlichkeit  bekunden.

 

15
        <pb n="18" />
        Die  Begleiterscheinungen  des  Kriegsausbruches
und  der  bisherige  Derlauf  des  Krieges  haben  denjenigen
  recht  gegeben,  die  unser  finanzielles  Kräfteverhältnis
  gegenüber  unseren  Gegnern  günstig  bewerteten.
  Die  vielen  Jahre  von  Krbeit  und  Sparsamkeit
  haben  bei  uns  Kräfte  angesammelt,  die  durch  die
wohlvorbereitete  Organisation  der  finanziellen  Mobilmachung
  in  der  wirksamsten  Weise  zur  Geltung  gebracht
  werden  konnten.  Wohl  sahen  wir,  daß,  ebenso
wie  in  anderen  Ländern,  in  den  ersten  Tagen  der  Bestürzung
  und  der  Beunruhigung,  der  Derwirrung  und
der  Kopflosigkeit,  ein  törichtes  Jurückhalten  und  zZurückziehen
  von  Bargeld  stattfand.  Hber  den  wohlüberlegten
  Maßnahmen  der  Regierungen  und  der
Behörden,  dem  zielbewußten  Eingreifen  der  Reichsbank,
  der  sofortigen  Errichtung  der  Darlehnskassen,
dem  ruhigen  und  selbstsicheren  Derhalten  der  Geldinstitute,
  Banken  und  Sparkassen  gelang  es  in  der
kürzesten  Frist,  die  Jahlungsmittelkrisis  zu  überwinden
und  im  Geldverkehr  Dertrauen  und  normale  Derhältnisse
  wiederherzustellen.

Wir  sind  umringt  von  geinden,  die  kein  Recht
achten  und  kein  Erbarmen  kennen;  wir  sind  von  dem
größten  Teil  unserer  auswärtigen  Derbindungen  abgeschnitten;
  unsere  Kusfuhr,  unsere  Einfuhr,  unsere
Schiffahrt  sind  lahmgelegt;  unsere  Zinsen.  und
Kapitalforderungen  an  das  Kusland  sind  großenteils
gesperrt,  unsere  Kapitalinvestierungen  beschlagnahmt
—  und  trotzdem  atmen  und  leben  wir!  Die  Schwingen
sind  uns  gewachsen  für  den  weiten  Weltenraum  —
das  haben  wir  in  der  Dergangenheit  gezeigt  —  aber

 

16
        <pb n="19" />
        wir  haben  die  Wurzeln  unserer  Kraft  im  heimischen
Boden  behalten,  und  solange  uns  der  heimische  Boden
bleibt,  und  solange  wir  uns  seiner  würdig  erweisen,
so  lange  wird  es  keiner  hunger=  und  keiner  Erdrosselungspolitik
  gelingen,  uns  die  Lebensluft  abzubinden.

Jedes  Opfer  und  jede  Entbehrung,  aber  auch  jede
Meinungsverschiedenheit  im  einzelnen  muß  klein  erscheinen
  gegenüber  dem  Gedanken,  daß  es  bisher  gelungen
  ist,  und  weiter  gelingen  muß  und  wird,  ein
Dolk  von  70  Millionen,  das  mit  tausend  Säden  in  die
Weltwirtschaft  verflochten  war,  auf  sich  selbst  zurückzuführen,
  ein  Dolk  von  70  Millionen  durch  die  Mittel
wirtschaftlicher  und  sozialer  Organisation  ohne  Elend
und  Derschmachten  durch  den  größten  Krieg  in  der
Weltgeschichte  hindurchzuleiten,  durch  einen  ruchlosen
und  kulturlosen  Krieg,  den  ein  kalter,  erbarmungslos
aufs  Ganze  gehender  Leind  nicht  als  einen  Krieg  der
Waffen  dem  deutschen  Heere,  sondern  als  einen  hunger=
  und  Dernichtungskrieg  dem  ganzen  deutschen
Dolke  angesagt  hat.

Wir  alle  können  uns  der  Größe  der  zeit  nur
würdig  zeigen,  wenn  wir  uns  Qag  für  Tag  und  Stunde
für  Stunde  von  dem  ganzen  schweren  Ernste  der  dem
deutschen  Dolk  auferlegten  HPrüfung  bis  ins  Innerste
durchdringen  lassen,  wenn  jeder  sich  als  Mitkämpfer
fühlt,  wenn  jeder  täglich  und  stündlich  sich  das  große
iel  vor  Augen  hält  und  täglich  und  stündlich  bereit
ist,  sein  Bestes  für  das  große  Siel  herzugeben.  Wir
haben  das  leuchtende  Beispiel  an  unseren  braven  Soldaten,
  die  zu  Lande  und  zu  Wasser,  in  Regen  und
Wind,  in  Frost  und  Schneegestöber,  im  Unterseeboot

 

17
        <pb n="20" />
        und  im  Slugzeug  zu  jeder  Stunde  Blut  und  Leben
einsetzen.  Unseren  braven  Soldaten  und  ihren  Sührern
verdanken  wir  es,  wenn  kaum  mehr  ein  Seind  auf
deutschem  Boden  steht;  ihnen  verdanken  wir  es,  wenn
der  verheerende  Krieg  den  heimischen  Sluren  ferngehalten
  wird,  und  wenn  der  Ansturm  der  Leinde  sich
an  den  Bajonetten,  den  Gräben  und  Derhauen  im
Leindesland  bricht.  zeigen  wir  uns  den  Brüdern
draußen  an  Mut  und  Selbstverleugnung,  an  zähigkeit
  und  Disziplin  ebenbürtig,  fühlen  wir  uns  alle  mit
ihnen  als  ein  Heer,  wie  wir  mit  ihnen  ein  Dolk  und
ein  Blut  sind!  Dann  kann  uns  mit  Gottes  Hilfe  der
Lohn  nicht  fehlen,  dann  werden  wir  durchhalten  und
durchkämpfen  bis  zum  vollen  Sieg,  bis  zum  ehrenvollen
  Srieden  und  bis  zum  Siegespreis,  der  allen
den  unsäglichen  Opfern  Kusgleich  und  Dersöhnung
bietet.  Dann  wird  das  deutsche  Dolk  vor  dem  Weltgericht
  bestehen,  und  die  Jukunft  wird  uns  gehören!

□

Der  weltkrieg  1914  ist  eine  Quelle  der  Stählung
  und  Läuterung  des  deutschen  Dolkes.
Mochte  sie  jetzt  und  in  Jukunft  befruchtend
wirken  zum  heile  unseres  teuren  Daterlandes.
Sreiherr  von  Falkenhausen,
General-Oberst.

□

 

18
        <pb n="21" />
        *  *
v

1D.  der  Weltkrieg  der  Jukunft  des  deutschen
Dolkes  bedeutet,  das  schon  jetzt,  da  wir  noch  im  heißen
Waffengang  stehen,  voll  zu  übersehen,  ist  nicht  wohl
möglich.  Eines  aber  läßt  sich  schon  gegenwärtig  unerschütterlich
  feststellen:  Bei  allem  unsäglichen  Leid
und  Elend,  das  er  dem  Einzelnen  auferlegt,  hat  der
Krieg  Erscheinungen  gezeitigt,  Merte  an  den  Tag
gebracht,  die  für  die  Entwicklung  des  Dolksganzen
von  höchster  Bedeutung  sind,  Werte,  die  neben
düsterem  Unglück  wie  lichter  Gewinn  stehen,  die  uns
das  Schwere  leichter  tragen  lassen  und  die,  wenn  wir
auf  die  Jukunft  unserer  Entwicklung  sehen,  uns  Elück
verheißende  zeichen  einer  innerlich  gesunden,  kraftvollen
  Fortentwicklung  unseres  Staatslebens  sind.
Die  Derwöhnung  eines  fast  vierundvierzigzährigen
IFriedens,  die  Epoche  eines  unvergleichlichen  wirtschaftlichen
  Sufschwungs  und  Wohlstandes  in  allen
Dolksschichten,  sind  auf  die  Lebensauffassung  und
Lebenshaltung  unseres  Dolkes  nicht  ohne  nachhaltigen
Einfluß  geblieben;  sie  haben  uns  mehr  und  mehr  in
die  materialistische  Richtung  abgedrängt,  haben  zur
Derflachung  des  Geistes=  und  Gemütslebens,  zu  starker
Betonung  des  Genusses  und  des  eigenen  Ich,  zur
Überwertung  des  Individuums  und  der  Sonderinteressen,
  zu  rücksichtslosem  Sichausleben,  zur  Gleichgültigkeit
  und  Kälte  gegen  den  Mitmenschen  und  zu
politischen  und  sozialen  Spaltungen  tiefer  Krt  geführt.

 

19
        <pb n="22" />
        Don  dem,  was  uns  band,  hat  uns  der  Krieg  mit
einem  Schlage  befreit.

Kuf  den  Ruf  des  Daterlandes  sehen  wir  hoch
und  niedrig  in  freudiger  Selbstverleugnung  zu  den
Sahnen  eilen;  Eigensucht  und  Eigennutz  sind  abgestreift,
  der  Einzelne  wächst,  erhoben  durch  das  gemeinsame
  ziel,  weit  über  sich  hinaus,  fühlt  jetzt,  wie
sehr  er  der  Allgemeinheit  gehört,  nur  als  Elied  des
Ganzen  einen  Wert  hat,  begibt  sich  in  straffe  zucht
und  Entbehrung;  die  gegenseitige  #chtung  der  Einzelnen
  wie  ganzer  RKlassen  der  Bevölkerung  und  ihr
Derständnis  voneinander  steigt;  alte  Dorurteile  werden
gestürzt,  und  menschlich  schöne  Eigenschaften,  das  Mitempfinden
  mit  fremdem  GElück  und  TLeid,  die  Zrüderlichkeit,
  werden  wieder  gepflegt,  wir  erleben  den  zusammenschluß
  aller  Dolksschichten,  das  Derstummen
aller  inneren  Gegensätze.

Die  Wurzeln  solcher  sittlichen  Kräfte  lagen  immer
tief  in  der  germanischen  Dolksseele;  dort  haben  sie  ihre
beste  Nahrung  aus  dem  deutschen  hause,  der  Dolksschule
  und  der  allgemeinen  Wehrpflicht,  diesen  bewährten
  Jundamenten  unseres  Staates,  gezogen;
im  schweren  Wetter  unserer  -eit  treiben  sie  nun  auf
das  herrlichste  aus.

Doch  nur  der  gerechte  Nrieg  konnte  so  ungemeine
Wirkung  haben.  Bismarcks  prophetisches  Wort  in
seiner  wuchtigen  Februarrede  des  Jahres  1888  hat  das
vorausgesehen:  „Wenn  wir  in  Deutschland  einen  Krieg
mit  der  vollen  Wirkung  unserer  Nationalkraft  führen
wollen,  so  muß  es  ein  Krieg  sein,  mit  dem  alle,  die
ihn  mitmachen,  alle,  die  ihm  Opfer  bringen,  kurz  und

 

20
        <pb n="23" />
        gut,  mit  dem  die  ganze  Nation  einverstanden  ist;  es
muß  ein  Dolkskrieg  sein;  es  muß  ein  Krieg  sein,  der
mit  dem  Enthusiasmus  geführt  wird,  wie  der  von
1870,  wo  wir  ruchlos  angegriffen  wurden.  Es  ist
mir  noch  in  Erinne  zung  der  ohrengellende,  freudige
Suruf  am  Nölner  Bahnkof,  und  so  war  es  von  Berlin
bis  Köln,  so  war  es  hier  in  Berlin.  Die  Wogen  der
Dolksstimmung  trugen  uns  in  den  Krieg  hinein,  wir
hätten  wollen  mögen  oder  nicht.  So  muß  es  auch
sein,  wenn  eine  Dolkskraft  wie  die  unsere  zur  vollen
Geltung  kommen  soll.  Dann  wird  das  ganze  Deutschland
  von  der  Memel  bis  zum  Bodensee  wie  eine
Dulvermine  aufbrennen  und  von  Gewehren  starren,
und  es  wird  kein  Leind  wagen,  mit  diesem  Furor  teutonicus,
  der  sich  bei  dem  Angriff  entwickelt,  es  aufzunehmen.“


Die  Entfaltung  des  sittlichen  Gehaltes  unserer
Nation  ist  der  große  Gewinn  der  zeit;  ihn  zu  hegen
und  zu  mehren,  ist  das  Dermächtnis  an  unsere  Jugend.

Berlin.
Ober-Bürgermeister  Wermuth,
Wirklicher  Geheimer  Rat.

—

Wenn  man  alle  guten  Eigenschaften  des
Deutschen  zusammennimmt,  dann  hat  man  den
Geist  unserer  Truppen  im  Lelde.

Major  von  Cösecke,
bei  einem  Ar  mee-Oberkommando.

 

21
        <pb n="24" />
        Mein  Leitwort  heißt:
„Pflichtgefühl  und  Derantwortungsfreudigkeit!“

von  Linsingen,
General  der  Infanterie,  Oberbefehlshaber
  der  deutschen  Südarmee.

Munkacz,  April  1915.

□

Ihr  heischt  einen  Spruch  —  für  Leben  und  Tod?
Ich  weiß  einen  Spruch  nur  fürs  Leben!

An  den  herrgott  glaubt  und  an  Naisers  Gebot
Und  ans  Schwert,  daß  wir  schwörend  heben.
Bleibt,  wo  ihr  auch  weilt,  der  Heimat  Kind

Und  laßt  eure  Hrt  nicht  schänden.

Sorgt,  daß  eure  Saaten  schamhaft  sind

Und  löwenstark  —  die  Lenden!

Denn  es  tut  der  Welt  dieser  Seele  not

Und  die  Sehnen  und  Muskeln  der  Ahnen.

Wir  sind  die  herren  über  Leben  und  Tod,
Schreibt  deutsch  ihr's  auf  die  Sahnen!

Reicht  die  hand  euch  zum  Eid  und  sprecht  vereint
Der  Mutter  reinen  Namen  —  —

„Ju  Pferd!  Ju  Pferd!  und  des  Daterlands  LSeind
Über'n  haufen  geritten!  Kmen.“

Im  Selde.  Rudolf  herzog.
        <pb n="25" />
        An  Deutschlands  Jugendl

Deutsche  Jugend!  Dein  Eigentum  werden  die
Errungenschaften  des  gegenwärtigen  Krieges  sein.  Du
wirst  sie  zu  erhalten  und  auszugestalten  haben.

Die  Errungenschaften  größerer  militärischer  Macht
und  wirtschaftlicher  Stärke  wären  kein  wahrer  Gewinn
ohne  die  gleichzeitige  Befestigung  und  hebung  der  sittlichen
  Eigenschaften,  welche  allein  uns  den  Sieg  über
unsere  von  Wohcheit,  Treue  und  Recht  abgewandten
Heinde  verschafft  Laben  werden,  und  ihn  uns  auch  in
der  Sukunft  sichern  müssen;  —  nach  dem  Worte  des
großen  deutschen  Mahners  Treitschke:  „Nicht  die
Gewalt  der  Krme  noch  die  Tüchtigkeit  der  Waffen,
sondern  die  Kraft  des  Gemüts  ist  es,  welche  die  Siege
erkämpft.“

Im  Sinne  der  verfeinerten  Kultur  müssen  auch
die  Lehren  dieses  Dölkerringens  erkannt  und  angewandt
  werden:  Ein  verhängnisvoller  Rückschritt  in
unfrer  Kultur  wäre  es,  wenn  die  gerechte  Empörung
über  das  Dorgehen  unfrer  Leinde  in  diesem  Kriege  die
Unempfindlichkeit  gegen  deren  TLeiden  zu  einer  allgemeinen
  und  dauernden  machte;  wenn  die  Dergeltung
des  Bösen  mit  Bösem  uns  als  ein  Befriedigung  gewährendes
  Recht  erschiene;  wenn  wir  uns  gewöhnten,
Genugtuung  an  der  Dernichtung  feindlicher  Wohlfahrt
und  feindlichen  Lebens  zu  empfinden,  anstatt  gerade
durch  die  Greuel  des  Krieges  zu  milderen  Sitten,  zur
reineren  Menschlichkeit  geführt  zu  werden.

Gewiß  ist  der  Kampf  um  das  eigene  Dasein  ein

 

23
        <pb n="26" />
        von  dem  Schöpfer  in  die  Natur  gelegtes  Gebot.  Darum
  entspricht  es  dem  Bechtsbewußtsein,  daß  zu  seiner
Erfüllung  alle  Mittel  heilig  sind:  Die  Aötung  in  der
Notwehr  ist  kein  Mord;  ein  um  seinen  Bestand  ringendes
  Dolk  ist  verpflichtet,  alle,  auch  die  am  grausamsten
erscheinenden  Mittel  mit  äußerstem  Nachdruck  anzuwenden,
  —  insofern  diese  mit  Wahrscheinlichkeit  zur
schnelleren  und  sicheren  Niederwerfung  des  Gegners
dienen.  Diesem  natürlichen  Gesetz  darf  kein  herkom--men,
  kein  Dölkerrecht  und  keine  Weichherzigkeit  im
Wege  stehen.  Mit  dem  Kugenblick,  wo  der  Grund  der
Selbsterhaltung  wegfällt,  oder  das  Jiel  ohne  solche
Mittel  erreicht  werden  kann,  werden  diese  zur  Grausamkeit
  und  zum  Derbrechen.  Wehe  dem  Barbaren,
der  sie  dann  mit  Bewußtsein  noch  anwendet.

Wenn  aber  je  ein  Dolk  um  sein  Dasein  in  schwerstem
  Kampfe  streiten  mußte,  so  ist  es  das  deutsche  in
diesem  gewaltigen  Dölkerringen.  Denn  Deutschlands
Dasein  bedeutet  nicht  nur  sein  Lortbestehen  als  das,
was  es  bisher  gewesen,  mit  der  Licherheit,  in  absehbarer
eit  nicht  wieder  von  dem  ngriff  feindlicher  Horden
bedroht  zu  werden.  Ein  solcher  ustand  der  Ruhe  wäre
der  Dorläufer  des  nahenden  Untergangs.  Deutschland
braucht  ein  entwicklungsfähiges,  lebendiges  Dasein!

Deutsche  Jugend!  ein  zu  neuem,  höherem  Leben
aus  diesem  Kriege  geborenes  Daterland  wird  Dein
göttliches  Erbe  sein.  Gott  verleihe  Dir  Mraft,  es  zu
wahren  und  Weisheit  zu  seinem  Gebrauchen!  —

Friedrichshafen,  den  2.  Mai  1915.
Graf  Jeppelin.

 

24
        <pb n="27" />
        Die  Rullenzeit  in  Ostpreuhen.
Don  Generalmajor  3.  D.  Srhr.  v.  Gaul.

Mein  ununterbrochener  lufenthalt  von  Mitte
Kugust  1914  bis  Mitte  Sebruar  1015  im  Kreise  Ragnit
ließ  mich  die  russischen  Truppen  während  ihres  zweimaligen
  Eindringens  gründlich  kennen  lernen.  Gerade
Beobachtungen  hinter  der  Hront  einer  Krmee  bieten
die  beste  Gelegenheit,  sich  von  der  Dissiplin,  den  Charaktereigenschaften
  der  feindlichen  Offiziere  und  Mannschaften
  und  deren  Wesen  und  Creiben  ein  treffendes
Bild  zu  machen.  Bei  der  Größe  des  russischen  Reiches
und  der  Susammensetzung  der  Bevölkerung  aus  so
verschiedenen  Stämmen  ist  es  natürlich,  daß  auch  das
beer  keinen  einheitlichen  Charakter  trägt,  um  so  mehr,
da  das  Offizierkorps  nach  Hbstammung,  Bildung  und
Erziehung  aus  ganz  verschiedenen  Elementen  zusammengesetzt
  ist.  Ein  drastisches  Beispiel  gibt  hierfür  das
Wiedersehen  eines  russischen  Offiziers  mit  einem  Gutsinspektor.
  Zuf  die  Srage  dieses  Offiziers,  ob  der  Inspektor
  ihn  denn  nicht  erkenne,  stellte  es  sich  heraus,
daß  dieser  als  Landarbeiter  auf  dem  betreffenden  Gute
im  Frühjahr  gearbeitet  hatte.  Uur  die  Gardeoffiziere
waren  den  höheren  Ständen  entnommen,  in  Umgangsformen
  und  Erscheinung  sehr  elegant,  jedoch  zeigte  sich
bei  näherer  Betrachtung  der  Kulturfirnis  nur  wenig
haltbar;  den  besten  Beweis  für  diese  Behauptung  haben
wir  in  den  von  diesen  Offizieren  verlassenen,  vor
Schmutz  starrenden  Quartieren  gehabt.  Kuch  die  Behandlung
  der  Untergebenen  durch  Knute  und  Saustschläge,
  mit  denen  auch  die  Gardeoffiziere  ihren  Be- 



25
        <pb n="28" />
        fehlen  stets  Nachdruck  verliehen,  machten  einen  rohen
ungebildeten  Eindruck.  Die  Disziplin  wurde  äußerst
streng  gehandhabt,  war  aber  bei  dem  gutartigen,  unterwürfigen
  Charakter  der  Soldaten  leicht  aufrecht  zu
erhalten.  Don  den  Soldaten  der  Garde  wurde  in  den
meisten  Sällen  gekaufte  Ware  mit  russischem  Gelde  bar
bezahlt,  Beschwerden  über  Nichtbezahlung  wurden  bei
Kenntnisgabe  an  die  Offiziere  sofort  mit  Hbführung  bestraft.
  In  Uilsit  hatte  ich  Gelegenheit,  den  Dorbeimarsch
einer  Truppenabteilung  wohl  einer  Division,  an  einem
sehr  eleganten  General,  zu  beobachten.  Infanterie-,
Artillerie-,  Kavallerieabteilungen,  Maschinengewehre,
Kochkessel  und  Bagagewagen  zogen  vorüber;  eine  vor
dem  General  abgeschwenkte  Kapelle  vollführte  eine
Höllenmusik  und  plagte  sich  mit  dem  Pariser  Einzugsmarsch
  herum.  Diese  heeresabteilung  kam  aus  der
Gegend  hinter  Moskau,  war  seit  Ende  Mai  unterwegs,
in  der  Meinung,  es  handle  sich  um  ein  größeres  Manöver;
  bessere  Gewehre  und  Munition  erhielten  sie
erst  in  Tauroggen,  wo  ihnen  auch  der  Kriegszustand
mit  Deutschland  mitgeteilt  wurde,  eine  Maßregel,  die
wohl  zur  Dermeidung  von  Desertationen  getroffen
war.  Die  Mannschaften  in  den  verschiedenen  Hltersklassen
  machten  einen  stupiden  gleichgültigen  Eindruck,
die  AQusrüstung,  die  Uniformen  waren  recht  mäßig,
teils  graue  Leinwand,  teils  abgetragene  Tuchröcke,
schlechtes  chuhzeug,  aber  bis  auf  diese  Mängel  gut.
Daß  die  Mannschaften  mit  der  handhabung  der  ihnen
übergebenen  neuen  Gewehre  nicht  vertraut  waren
und  daß  das  Laden  ihnen  Schwierigkeiten  machte,  beobachtete
  ich  kurz  darauf  auf  der  Straße,  als  sie  ver- 



26
        <pb n="29" />
        suchten  einen  unserer  Slieger  abzuschießen.  Die  Kavallerieabteilung
  Nosaken  machte  auf  ihren  kleinen,
unansehnlichen  Ppferden  einen  mäßigen  Eindruck,  dagegen
  waren  die  Hrtillerie  und  die  Kochkessel  mit  kleinen
ponyartigen,  sehr  gut  gebauten  Pferden  bespannt.

Bei  der  ersten  Imvasion  der  Russen  in  Ostpreußen
benahmen  sich  diese  an  vielen  Orten  verhältnismäßig
anständig.  Anders  war  es,  als  sie  zum  zweitenmal
einen  Teil  unserer  Drovinz  in  Besitz  genommen  hatten,
weil  unsere  Truppen  zu  wichtigeren,  für  die  Kriegsführung
  entscheidenden  Operationen  an  anderer  Stelle
des  Kriegsschauplatzes  Derwendung  fanden  und  sich
unser  Grenzschutz  im  großen  und  ganzen  auf  die  Derteidigung
  einer  fortifikatorisch  aufs  beste  eingerichteten
Linie  beschränkte.  Die  Disiplin  bei  den  Russen  war
diesmal  durch  den  Mangel  guter  Offiziere  erheblich
schlechter,  die  Truppenkörper  selbst  waren  aus  minderwertigen
  Leuten,  teilweise  aus  ganz  unzioilisierten
Dolksstämmen  zusammengesetzt,  und  die  Lurcht  vor
den  Landesbewohnern,  die  früher  für  das  Derhalten
gegen  diese  ausschlaggebend  war,  war  nicht  mehr  vorhanden.
  Infolgedessen  wurde  auch  das  frühere  Biwakieren
  geschlossener  Truppen  aufgegeben  und  dafür
zur  Einquartierung  in  den  Gehäften  geschritten.  hierdurch
  waren  die  Soldaten  der  Kufsicht  ihrer  Offiziere
entzogen  und  die  unglücklichen  Quartierwirte  waren
ganz  ihrer  Gewalt  preisgegeben.  -Swar  erfuhren  hierdurch
  die  Massenbrände  und  Mordtaten  eine  Einschränkung,
  aber  die  armen  Cstpreußen  litten  unter
der  Rohheit  der  auf  den  Gehäöften  hausenden  wilden
borden.

 

27
        <pb n="30" />
        Kronprinz  Rupprecht  von  Bapern.

In  ungeahnter  Eröße  offenbart  sich  der  innere
Wert  unseres  Dolkes,  opferwilliger  Sinn  in  der  beimat,
  heldentum  im  Felde.

Von  einem  Srieden  darf  erst  dann  gesprochen  werden,
  wenn  die  Ergebnisse  des  Krieges  derart  sind,  daß
wir  imstande  sind,  diesen  Srieden  nach  unseren  Bedürfnissen
  und  den  Lörderungen  der  Wohlfahrt  des
Daterlandes  zu  gestalten.  Staatsnotwendigkeiten  verschiedener
  Art  müssen  dabei  ausschlaggebend  sein,
niemals  aber  irgendwelche  Gefühle  oder  auch  nur
eine  Anwandlung  von  Kriegsmüdigkeit  daheim  im
Lande  oder  die  Stimmung,  daß  der  Opfer  nun  genug
gefordert  und  gebracht  seien.  Rücksichten  auf  unsere
Gegner  können  dabei  überhaupt  niemals  mitsprechen.

Wie  sich  die  Grenzen  des  Daterlandes  in  der  JZukunft
  gestalten  müssen,  kann  dieser  überlassen  bleiben.
Die  vornehmste  Kufgabe  wird  sein,  die  gewahrte,
glänzende  und  mit  unerhörter  Capferkeit  verteidigte
Selbständigkeit  des  Reiches,  die  Interessen  der  Bundesstaaten
  und  viel  historisch  und  wirtschaftlich  bedingte
Derhältnisse  auszubauen,  in  wirtschaftlicher,  industrieller
  und  agrarischer  Hinsicht.  Wird  das  Gebiet  des
Reiches  erweitert,  so  wird  es  der  klugen  Dorsicht  der
Staatsmänner  anheimgegeben  werden  müssen,  den  Anpassungs=
  und  Derschmelzungsprozeß  weise  zu  fördern.
Dafür  sind  verschiedene  Möglichkeiten  vorhanden,  verschiedene
  ege.  Jedenfalls  muß  aber  dafür  gesorgt  werden,
  daß  für  die  Knforderungen  des  Krieges  Ersatz  geschaffen
  werde,  der  vollkommen  ausreichend  sein  muß.

 

28
        <pb n="31" />
        Der  uns  aufgedrungene  Krieg.

Von
Universitäts-Hrofessor  Dr.  J.  Riesser

Präsident  des  hansa-Bundes,  Berlin.

Wir  sind  in  diesen  uns  aufgedrungenen  Krieg,
den  England  für  seine  Macht,  Deutschland  für  sein
Dasein  führt,  eingetreten  mit  tiefem  Ernst,  da  wir  die
gewaltige  Stärke  der  vereinigten  Gegner  nicht  unterschätzen,
  die  uns  umstellen,  wie  die  Treiber  das  Wild.

Kber  es  gibt  eine  Gerechtigkeit,  und  noch  sind
Konkurrenzneid,  hochmut  und  Tüge  keine  sittlichen
Mächte,  mit  denen  man  einen  Krieg  beginnen  und
den  Sieg  erringen  kann  in  einem  Kampfe,  den  wir,
zugleich  zugunsten  der  Neutralen  und  der  Welt,  für
hohe  Ideale  führen,  insbesondere  für  die  endliche
nnerkennung  des  immer  wieder  von  England  verletzten
  und  verhöhnten  Grundsatzes  der  Unnverletzlichkeit
  des  Drivateigentums  zur  See.

Wir  glauben  nicht,  daß  wir  allein  die  Kultur  in
der  Welt  vertreten,  aber  wir  wissen,  daß  es  eine  nie
wieder  gut  zu  machende  Schädigung  der  Weltkultur
wäre,  wenn  Deutschland  erniedrigt  und  Europas  zivilisation
  durch  die  russische  Knute  und  die  japanische
List  geleitet  würde.  Dies  aber  wird  nicht  geschehen.
Mag  Japans  Übermacht  auch,  zusammen  mit  englischen
  Truppen  unter  japanischem  Oberkommando,
die  Sorts  vernichten,  welche  die  unsterblichen  Namen
Bismarck  und  Moltke  führen,  das  nationale  Der- 



29
        <pb n="32" />
        mächtnis  dieser  Heroen  kann  nicht  zerstört  werden,
nicht  die  Energie  und  die  Begeisterung,  welche  das
deutsche  Dolk  in  der  Erinnerung  an  seine  großen
Sührer  beseelt.

Wir  leben  des  Glaubens,  daß  in  diesem  Kriege
nicht,  wie  der  englische  Minister  Lloyd  George  verkündete,
  „die  letzte  Milliarde“  den  Sieg  entscheiden
wird.  Die  Derteidigung  des  Daterlandes  ist  denn  doch
keine  bloße  Buchungsoperation  und  kein  finanzielles
Nonsortialgeschäft  zur  Buchführung  der  Winston  Churchillschen
  Lorderung,  auch  während  des  Krieges  „das
Geschäft  wie  sonst“  („busimess  as  usual“)  betreiben  zu
können.

Wir  müssen  siegen  und  wir  werden  siegen,  weil
im  deutschen  Dolke  die  militärische,  finanzielle,  wirtschaftliche,
  wissenschaftliche,  technische  und  organisatorische
  Ichulung  vereint  vorhanden  und  zu  einem
harmonischen  Ganzen  zusammengefaßt  ist.  Diese  in
harter  Sriedensarbeit  dem  deutschen  Dolke  anerzogene
Schulung,  die  der  höchsten  Kultur  nicht  entgegensteht,
  sondern  sie  voraussetzt,  ist  die  Bürgschaft
unseres  Sieges,  und  ihr  vor  allem  hatten  wir  auch  die
glänzende  Durchführung  unserer  militärischen,  finanziellen
  und  wirtschaftlichen  Mobilmachung,  des  Transports
  unserer  Truppen  und  ihres  Kufmarsches  zu
danken.

Der  Nation  aber  wird,  die  Erfüllung  ihrer  berechtigten
  orderungen  vorausgesetzt,  auch  der  Krieg
zum  Segen  werden,  der  uns  zugleich  den  Srieden  im
Innern  und,  neben  namenloser  Trauer,  doch  auch  die
Sreude  an  unserem  Dolke  und  den  Stolz  auf  unsere

 

30
        <pb n="33" />
        Jugend  bringt,  und  der  durch  den  Tod  so  vieler
Tapferen  das  Daterland  zu  neuem  Leben  weckt.
Denn  Krieg  erst  zwang  uns  zur  Kbkehr  von  tausend
  Dorurteilen  und  Leindschaften,  zur  Einkehr  in
uns  selbst  und  zur  Rückkehr  zu  größerer  Einfachheit  der
Sitten  und  Lebensgewohnheiten.  Er  hat,  indem  er,
wie  aus  einem  verschütteten  Brunnen,  die  besten
Eigenschaften  der  Dolkseele  aus  der  Tiefe  ans  Tageslicht
  brachte,  einigend  undreinigend,  versöhnend
und  ausgleichend  gewirkt,  den  Einzelnen  über  sich
selbst  hinausgehoben  und  ihn  befähigt,  mitten  im
Lärm  des  Krieges  den  Slügelschlag  einer  neuen  Seit
zu  vernehmen,  die  jeden  umzulernen  zwingt  und  schon
deshalb  jedem  etwas  und  vielen  vieles  bringen  wird.
Jene  berechtigten  Forderungen  aber,  die  ich  erwähnte,
  gehen  dahin,  daß  die  Sedern  dereinst
nicht  verderben  dürfen,  was  das  Schwert
geschaffen  hat;  daß  zum  Sriedensschlusse  und  zu
seiner  Dorbereitung  auch  landwirtschaftliche  sowie
wirtschaftliche  und  finanzielle  Sachverständige  aller
Richtungen  zugezogen  werden,  und  daß  nach  dem
Frieden  alle  Schichten  des  Dolkes  an  allen  im  freiheitlichen
  Sinne  auszugestaltenden  politischen  Rechten  und
an  der  Gesamtverwaltung  des  Staates  mit  gleicher
Berechtigung  teilnehmen.  Es  darf  jedoch  kein
Sriede  geschlossen  werden,  bevor  Englands  Macht
mindestens  so  gebrochen  ist,  daß  es  die  Welt  und
die  Meere  nicht  mehr  allein  beherrschen,  das  Dölkerrecht
  nicht  mehr  mit  Süßen  treten  und  nicht  einmal
mehr  versuchen  kann,  uns  die  Grenzen  vorzuschreiben,
  bis  zu  denen  wir  uns  zu  Wasser  und  zu

 

31
        <pb n="34" />
        Lande,  sowie  wirtschaftlich  und  finanziell  sollen  ausdehnen
  dürfen.  Für  das  Weitere,  die  möglichste  Befreiung
  unserer  Wirtschaft  von  der  englischen  Bevormundung
  und  Dermittlung,  wird  Deutschlands  Industrie
  und  handel  selbst  zu  sorgen  wissen.

8ie  werden,  was  auch  kommen  möge,  gleich  den
Brüdern  im  Lelde  aushalten  und  durchhalten  bis  zu
einem  Frieden,  der  uns  auf  Generationen  hinaus  vor
nochmaligen  Einkreisungen  und  Überfällen  sichert.  In
der  schweren  Seit  aber,  die  bis  dahin  noch  vor  uns
liegt,  werden  wir  uns  stärken  und  begeistern  durch  die
nämlichen  Worte,  mit  denen  unsere  teuere,  tapfere
Jungmannschaft  singend  in  den  Kampf  und  in  den
Tod  zog:

Deutschland,  Deutschland  über  alles,
Uhber  alles  in  der  Welt!

—'——

Furchtbare  zeit,  da  Ernte  hält

Mit  Unbarmherzigkeit

Der  Tod  auf  blutgetränktem  Seld  —
Doch  auch  heilvolle  eit!

Wie  riß  sich  unser  Daterland

Rasch  von  Gemeinem  los!
Umflochten  von  der  Eintracht  Band
Wie  ist  es  stark  und  groß!

im  März  1915.  Johannes  Trojan.

 

32
        <pb n="35" />
        D.  kämpfenden  Heeren  jedes  Mittel  zur  Derfügung
  zu  stellen  und  bereit  zu  halten,  welches  den
kriegerischen  Erfolg  sichert,  ist  aller  Berufenen  HPflicht.

Die  deutschen  Eisenbahnen,  deren  Kufgabe  es
ist,  das  wirtschaftliche  Leben  zu  fördern,  haben,  ohne
Beeinträchtigung  dieses  Sieles,  ihre  Kusgestaltung  und
Ordnung  unter  dem  Gesichtspunkte  erfolgen  lassen,
daß  sie  ein  hervorragendes,  nie  versagendes  Kriegsinstrument
  sein  und  bleiben  müssen.

Die  in  dem  jetzt  tobenden  Weltkriege  vollbrachten
glänzenden  Waffentaten  unserer  heere  haben  sich  auf
dieser  im  Frieden  geschaffenen  festen  Grundlage  des
deutschen  Eisenbahnwesens  vollzogen,  eine  Tatsache,
die  von  keiner  Seite  in  Jweifel  gestellt,  Beweis  dafür
liefert,  daß  friedliche  und  kriegerische  Swecke  sich  nicht
ausschließen,  im  Gegenteil  nach  beiden  Seiten  segensreich
  wirken.

Berlin,  den  4.  Junuar  1915.

von  Breitenbach,
Staatsminister  und  Minister
der  öffentlichen  Krbeiten.

 

33
        <pb n="36" />
        <pb n="37" />
        SEin  Man  meiner  Alachhompagnie.

S.  K.  und  K.  H.  der  Deutsche  Kronprinz  halte  die  Güte,  uns  diese  eigenhändig
gezeichnete  Pastellstizze  und  den  daneben  wiedergegebenen  Begleltspruch  zur
Verfügung  zu  stellen.

35
        <pb n="38" />
        vJca#og  surd  Jollslolth  uo  dallolvufb#  #  us  Pvis
'8s%  durpelspurd  uochin6ßus  Soufe  Gun#spodtona

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

36
        <pb n="39" />
        Der  Krieg  hat  uns  einen  erheblichen  Gewinn  gebracht,
  nämlich  die  Erkenntnis,  daß  wir  nicht  nur  um
unsere  Existenz  als  Dolk  und  Staat,  sondern  um  die
großen  Werte  der  Menschheit  kämpfen.  Mit  gerechtem
  Stolz  können  wir  auf  unser  Gewinnkonto  das
Erwachen  des  einheitlichen  Gefühls  der  deutschen  Nation
  setzen,  das  die  Doraussetzung  ihrer  Entwicklung
zur  Weltmacht  ist  und  das  zugleich  eine  innere  Läuterung
  der  deutschen  Dolksseele  gebracht  hat.  Wir
werden  siegen!

Geheimrat  Professor  Dr.  Penck,
Oirektor  des  „Museum  für  Meereskunde“,  Berlin.
DS...Ü—5.

De  utschland  steht  wie  ein  Löwe,  umstellt  vom
Jägerheer,

Doch  hält  in  seinen  Klauen  ein  donnerndes  GEewehr.


Sein  Schuß  dröhnt  wie  ein  Brüllen  hoch  über
Meer  und  Land.

Der  Schakal  hört  die  Stimme,  der  heulend  sich
am  Boden  wand.

Wir  werden  nicht  erliegen,  wir  werden  aufrecht
stehn.

Und  unfre  Banner  werden  wie  Löwenmähnen
wehn.

Das  große  Dolk  der  Deutschen  ist  seines  Schicksals
  Held.

Schau,  wie  die  hetzer  fliehen!  Der  alte  Leu  bebält
  das  Seld.

Karl  Bleibtreu.

 

37
        <pb n="40" />
        S  .
#–vv#%0  u#ih  —

 

Niemand  in  Deutschlandwollte
  den  Krieg.

Es  ist  eine  der  groben  Lügen,  die  unsere  Gegner
verbreiten,  daß  in  Deutschland  eine  Kriegspartei  bestanden
  hätte.  Im  Gegenteil,  wir  waren  in  den
43  Jahren  des  Friedens  beinahe  zu  friedlich  geworden.
Diele  hielten  die  Erhaltung  und  Erweiterung  der
deutschen  ehrmacht  für  überflüssig.  er  von  den
Schrecken  und  Lasten  eines  Krieges  um  unsere  Existenz
sprach,  wurde  in  weiten  Kreisen  als  Scharfmacher
wenig  beachtet.  Das  deutsche  Dolk  lief  Gefahr,  über
egoistischen  und  materiellen  Interessen  die  hingabe
an  das  Daterland,  seine  Ideale  hintenanzusetzen.

Da  räumte  am  2.  Hugust  1014  der  uns  aufgezwungene
  Krieg  mit  allen  unklaren  Dorstellungen  vom
ewigen  Frieden  mit  einem  Schlage  auf.  Die  Ciebe
zum  Daterlande  lohte  empor.  Ob  wehrpflichtig  oder
nicht,  jedem  wehrfähigen  Deutschen  war  es  beilige
Ehrenpflicht,  mit  den  Waffen  einzustehen  für  Kaiser
und  Reich.

Großes  ist  seitdem  erreicht.  Dieles  ist  noch  zu  tun.
Wir  werden  im  sicheren  Dertrauen  auf  Gottes  hilfe
unsere  Leinde  völlig  niederzwingen,  bis  ein  ehrenvoller
  Friede,  der  die  Zukunft  Deutschlands  in  jeder
Richtung  sichert,  errungen  ist.  Dann  aber  handelt  es

 

38
        <pb n="41" />
        sich  darum,  das  Erkämpfte  zu  sichern,  inmitten  von
Nationen,  die  aus  erbitterten  Gegnern  sicherlich  auf
absehbare  zeit  sich  nicht  zu  aufrichtigen  Sreunden
wandeln  werden.  Eine  der  ersten  Erfordernisse  dazu
ist,  die  Erhaltung  der  opferwilligen  hingabe  unseres
Dolkes  an  das  Daterland,  die  Erziehung  der  Jugend
im  wahren  militärischen  Geiste,  der  himmelweit  von
dem  uns  fremden  Chauvinismus  entfernt  ist,  der  aber
bereit  macht,  jederzeit  Alles  hinzugeben  für  Kaiser  und
für  Reich.
Im  hauptquartier  der  7.  Krmee,  den  29.  Hpril  1915.

von  Heeringen,
Generaloberst  und  Oberbefehlshaber
der  7.  rmee.

S#

Das  aber  ward  uns  vom  Eimmel  gewahrt,
Daß  —  die  uns  der  Krieg  beschieden  —
Die  Selbstbesinnung  und  deutsche  Ert
Richt  wieder  einschlafen  im  Frieden!

Max  Geißler.

 

39
        <pb n="42" />
        D.  ein  Weltkrieg  blutige,  schwere  Wunden
schlagen  würde  —  das  konnte  man  wohl  annehmen.
Daß  er  indes  eine  solche  Sülle  trüber  und  entsetzenerregender
  Begleiterscheinungen  zeitigen  würde,  dürfte
nicht  zu  den  Doraussetzungen  gehört  haben.  Lug
und  Trug  haben  unsere  Leinde,  zumal  diejenigen,  die
man  früher  die  „lieben  Dettern“  nannte,  auf  ihre
Sahnen  geschrieben.  Es  war  erschreckend  zu  lesen,
welche  Greuel  zu  Knfang  des  Krieges  an  unsern
tapferen  Kriegern  verübt  wurden  und  wie  auch  heute
noch  ruchlose  Hände  dem  Menchelmord  und  der  unritterlichen
  Behandlungsweise  unserer  Eefangenen
dienlich  sind.  Stellen  wir  dies  im  zwanzigsten  Jahrhundert
  erschüttert  und  mit  Kbscheu  fest,  so  übersehen
wir  andererseits  zumeist  doch,  wie  gerade  hierdurch
die  uns  innewohnende  Stärke  wächst:  der  feste  Wille,
jene  zu  überwinden,  die  solches  in  schnöder  Weise  vollbringen
  können.

50  wächst  der  Ingrimm  und  wird  das  gerade
Gegenteil  von  dem  hervorgerufen,  was  der  Feind
bei  uns  gern  sehen  möchte.

Erstaunt  stellt  er  fest,  daß  wir  weit  zäher  sind,
als  man  hätte  annehmen  müssen,  dort  in  den  Schützengräben
  im  Stellungskampf  und  dort  auf  See,  wo  doch
eigentlich  nur  ein  Britannia  rules  the  wawes  Gültigkeit
  haben  sollte.  Die  Kraft  im  Innern  unseres  Marks
—  sie  ist  unsere  Stärkel!

Nontreadmiral  z.  D.  Schlieper.

 

40
        <pb n="43" />
        aterlandsliebe,  friedliche  Neigung  des  Gemütes

zur  heimatlichen  Flur  und  Welle,  gelehrte  oder
poetische  Pflege  unserer  reichen  und  tiefen  Sprache,  —
dergleichen  war  auch  uns  Deutschen  von  jeher  erlaubt
und  erregte  den  Fremden  kein  Argernis.  Irgendwelches
  Bestehen  aber  auf  deutscher  Macht  und  deutschem
  Erdenrecht,  —  solche  Krt  Patriotismus  gilt  noch
heute  draußen  (und  sogar  manchen  Geistern  im
Inneren  selbst)  als  eine  Derzerrung  des  deutschen
Wesens,  als  etwas,  was  uns  durchaus  nicht,  wie
anderen  Völkern,  erlaubt  und  anständig  sei.  Der
Dualismus  von  Macht  und  Geist  soll  für  uns  mit
einer  Unverbrüchlichkeit  gelten,  die  er  für  andere  niemals
  besaß.  Nicht  zu  reden  von  den  Sranzosen,  so  ist
etwa  Ruduard  Kipling  ein  wundervoller  Erzähler,  ein
großer  Dichter  wohl  gar,  in  den  Oschungelbüchern,
und  er  ist  englischer  Imperialist  und  haßt  uns  von
herzen.  Das  setze  ihn  nicht  herab.  Ein  deutscher  Gelehrter,
  Künstler,  Schriftsteller  jedoch,  den  Jorn  ergreift
gegen  diejenigen,  die  einem  großen  Dolke  wehren
wollen,  an  der  Derwaltung  der  Erde  nach  dem  Maße
seiner  spät  entdeckten  Tüchtigkeit  teilzunehmen,  —
er  bekundet  schimpfliche  Hingerissenheit.

Das  ist  zweierlei  Maß,  —  und  wer  möchte  zweifeln,
  daß  es  ein  ehren  volles  Maß  ist,  das  damit  an
den  Deutschen  gelegt  werden  soll?  Nur  ist  es  ungerecht,
  außerdem  zeugt  es  durchaus  nicht  von  wahrer
Wenntnis  des  deutschen  Wesens  und  ist  schließlich  wohl
gar  nur  ein  Werkzeug  der  Schlauheit.

Das  herz,  das  Gewissen  Europas,  das  Land  des

 

 

41
        <pb n="44" />
        EGedankens,  der  „vorstellung"“  —  erlaubt  man  ihm  den
politischen  „Willen“  nicht,  weil  es  zu  schade  dafür
ist?  Und  Kipling  durfte  in  Gottes  Mamen  den  Nationalhaß
  und  der  Machtlust  frönen,  weil  er  „bloß“  ein
Engländer  ist?  Ja,  Deutschland  sollte  rein  bleiben,  rein
und  willenlos.  Die  Welt  will  sich  erbauen  können  an
seinem  Anblick.  Man  will  es  verehren  dürfen,  indem
man  es  nicht  zu  fürchten  braucht.  ber  das  ist  ein
wenig  bequem.  Dieser  Idealismus  auf  anderer  Kosten
verträgt  sich  mit  eueren  Interessen  gar  zu  gut.
Deutschland  soll  euer  Gewissen  sein,  die  Suflucht  der
Geister  und  der  Anschauung,  und  ihr  wollt  dafür,
indem  ihr  es  zwar  ehrt  aber  belächelt,  die  Dorteile
der  Erde  haben.  So  war  es  und  so  hätte  es  bleiben
sollen.  Wir  aber  wollen  das  Schicksal,  den  sehnsüchtigen
  Willen,  den  eigentümlichen  Weg  eines  Dolkes
ehren,  der  Männer  aus  sich  hervorbrachte,  echte  tiefe
EGeschöpfe  seiner  Krt,  die  es  zur  Wirklichkeit  und  zum
Leben  führten.  Sriedrich  und  Bismarck  sind  nicht
weniger  deutsch,  als  Goethe,  —  welcher  sich  übrigens
nach  einem  „starken,  gefürchteten  Daterlande"“
sehnte.  Es  ist  Sentimentalität  über  euch  —  ich  fürchte,
es  ist  Schlimmeres  —  Deutschland  beständig  zuzurufen:
„Du  bist  zu  gut,  um  zu  sein  wie  wir!  Wir  wollen
dich  daran  hindern!  Denn  wir  wollen  aufbblicken
können!“"  »
Thomas  Mann.

#

 

42
        <pb n="45" />
        Mit  uns  HAlten,  deren  Kräfte  für  den  Waffenkampf
  nicht  mehr  ausreichen,  tragen  wohl  auch  die
meisten  von  Euch  heranwachsenden  Söhnen  des  deutschen
  Daterlands  schwer  an  der  Trauer  darüber,  daß
sie  in  diesen  großen  Tagen  zu  Hause  bleiben  und,  wie
bisher,  still  ihre  kleine  Hflicht  erfüllen  müssen.  ber
es  besteht  doch  ein  tiefgehender  Unterschied  zwischen
Eurer  Lage  und  der  unfrigen.  Wir  sind  zwar  auch
erfüllt  und  getragen  von  der  stolzen  Juversicht,  daß
wir  den  endgültigen  Sieg  unseres  Dolkes  erleben  und
den  ruhmgekrönt  heimkehrenden  belden  zujubeln
werden;  aber  die  reichen,  allmählich  erst  reifenden
Früchte  des  mit  schweren  Opfern  erkämpften  Sieges
werden  wir  nicht  mehr  pflücken,  an  der  Gestaltung  der
glänzenden  Jukunft  unseres  Deutschen  Reiches  werden
nur  wenige  von  uns  noch  mitarbeiten  können.  Ihr
aber,  Ihr  habt  die  zukunft  vor  Euch  und  für  Cuch.
Ihr  werdet  die  Bürger  des  neuen,  größeren  und  glücklicheren
  Deutschlands  sein;  in  Eure  hände  wird  der
Schatz  an  Zukunftshoffnungen  gelegt,  die  der  siegreich
beendete  Krieg  uns  bringen  wird,  damit  Ihr  ihn  sorgsam
  hütet  und  mit  ihm  wuchert.

Damit  ist  Euch  die  Hufgabe  vorgezeichnet,  die  Ihr
zu  erfüllen  habt,  heute  schon,  während  Eure  Däter
und  Brüder  draußen  im  Lelde  stehen:  Euch  vorzubereiten
  für  die  Feit,  die  kommen  und  die  Eure
        <pb n="46" />
        Zeit  sein  wird.  Tüchtige  Männer  sollt  Ihr  streben
zu  werden;  gesund  und  stark,  aber  auch  stolz  und  frei,
damit  Ihr  im  Hrieden  wie  im  Krieg  den  hohen  Anforderungen
  zu  genügen  vermöget,  die  die  Jzukunft
an  das  junge  Geschlecht  stellen  wird;  und  all  Eure
Kraft  und  Husdauer  sollt  Ihr  einsetzen,  um  treue
Bürger  des  Deutschen  Reiches  zu  werden,  die
in  keinem  ugenblick  ihres  Lebens  vergessen,  daß,  wie
das  Ganze  über  seinen  Teilen,  so  der  Staat  über  den
Einzelnen  steht,  und  daß  Deutschland  der  opferwilligen
  Hingabe  aller  seiner  Bürger  bedarf,  um  seine
Stellung  in  der  Staatenwelt  zu  behaupten  und  zu
festigen.  Das  Daterland  braucht  Euch,  Cuch  alle;
Cuch  ist  das  Erbe  anvertraut,  das  die  auf  den  Schlachtfeldern
  gefallenen  Helden  uns  errungen  haben.  Macht
Euch  der  großen  eit  würdig,  in  der  zu  leben  und  zu
wirken  ein  gütiges  Geschick  Euch  berufen  hat!
Charlottenburg,  im  Mai  1915.

Professor  Dr.  Franz  von  Tißtt.
M.  d.  R.

Diese  große  zeit  hat  wieder  den  unbestreitbaren
Beweis  dafür  geliefert,  daß  Gottvertrauen,  Dflichtbewußtsein
  und  Willenskraft  zu  den  höchsten  Leistungen
  befähigen.  Ich  füge  das  zusammen  in  das  Wort:

„Dennoch!“

29.  4.  15.  Irhr.  v.  Gebsattel,
General  der  Kaovallerie

und  kommandierender  General
d.  K.  Bayur.  III.  8.-K.

 

44
        <pb n="47" />
        Generalfeldmarschall  von  Hindenburg.

Unsere  Leute  besitzen  Enthusiasmus  und  heiliges
Leuer!  Es  ist  für  mich  eine  wahre  herzensfreude,
an  der  Spitze  eines  solchen  heeres  zu  stehen.  Jeder
Soldat  ist  im  Kampfe  ein  Held.  Dann  ist  der  Geist
der  Truppen  wunderbar,  und  derselbe  bei  Generalen
wie  bei  dem  letzten  Musketier.  Wenn  ich  zum  Beispiel
Truppen  aus  strategischen  Gründen  zurückgehen  lassen
muß,  sind  die  Leute  ebenso  freudig  und  siegesbewußt
wie  beim  Angriff.  Das  herrlichste  aber  sind  meine
Hlieger.  Was  diese  leisten,  grenzt  einfach  an  Wunder.

Wer  kann  im  Ernst  an  die  famose  Million  Kitcheners
  glauben?  Und  wenn  schon,  so  wären  es  nicht
Soldaten,  sondern  beliebige  Menschen,  die  man  in
Uniform  gesteckt  hat,  um  ein  heer  zu  schaffen.  Es
fehlt  den  Engländern  an  der  Kusbildung  und  Sührung,
an  den  Cffizieren  und  Unteroffizieren,  die  wir
Deutschen  uns  erst  in  langen  Generationen  heranbilden
  mußten.  Was  die  Russen  betrifft,  so  schießt
die  Krxtillerie  gut,  verschleudert  aber  ungeheuer  viel
Munition.  Die  Infanterie  ist  tüchtig,  aber  die  Kavallerie
  taugt  nichts.  Die  Russen  schlagen  sich  zwar
gut,  aber  ihre  Disziplin  beruht  nicht  wie  bei  uns  auf
Intelligenz  und  Moral,  sondern  auf  blindem  Gehorsam.
  Die  Russen  haben  im  japanischen  Kriege  viel
gelernt  und  sind  namentlich  im  Schützengrabenkampfe
erfahren.  Kaum  nehmen  sie  eine  Stellung,  so  ver- 



45
        <pb n="48" />
        schwinden  sie  in  ein  paar  Minuten  unter  der  Erde.
Aber  wenn  es  keine  Schützengräben  gibt  oder  wir  sie
herausjagen,  geht  es  ihnen  schlecht.  Dor  ihrer  numerischen
  Ubermacht  braucht  niemand  bange  zu  sein.
Wer  gegen  Russen  kämpft,  der  kämpft  immer  gegen
Übermacht.  Das  ist  eine  alte  Geschichte.  Die  Zahl
entscheidet  aber  nicht  über  den  Sieg.  Bei  Tannenberg
  waren  sie  dreimal  stärker  als  wir,  aber  es  half
ihnen  doch  nichts.  Ubrigens  haben  wir  viele  unfehlbare
  Anzeichen,  daß  die  Russen  bereits  mürbe  sind
und  das  Kriegsmaterial  auszugehen  beginnt,  das  sie
in  unerhörter  Weise  verschleuderten.  Kus  der  K##t
und  Weise,  wie  sich  die  Russen  heute  schlagen,  ersieht
man,  daß  es  nicht  mehr  lange  dauern  kann.

England  ist  im  Grunde  verantwortlich  für  den
Krieg.  Es  war  neidisch!  Die  englischen  Naufleute
haben  diesen  Krieg  gemacht;  es  ist  ein  englischer  Geschäftskrieg.


Deutschland  fing  nicht  an,  das  tat  Rußland.  England
  hätte  ihn  verhindern  können.  Rußland  hätte
nicht  angefangen,  wenn  England  Nein!  gesagt  hätte.
ber  England  wünschte  es;  es  dachte,  daß  es  mit  Rußlands
  und  Srankreichs  hilfe  Deutschland  vernichten
könne.  Wir  haben  keine  Hbneigung  gegen  Frankreich,
noch  gegen  Rußland.  Wir  halten  viel  von  den  FSranzosen.
  ber  England!  Wir  hassen  England!  Es  ist
der  Urheber.

e

 

46
        <pb n="49" />
        No  an  den  Leind!  Zuch  du,  Jugend  liebe
Jugend!  Uno  ihr  braucht  nicht  mal  den  Schulranzen
  ab  und  den  ornister  feldmarschmäßig
aufzuschnallen.  Tut  einen  Schwur.

Schwört  nicht  in  Haß,  denn  haß  und  Tiebe
sind  Zehn-Minuten-Begeisterungen.

Schwört  deutsch,  treu  und  fest!

Schwört  das:

Deutsch  sein  mit  Tat,  Schrift  und  Wort,  mit
herz,  Hand  und  Mund.

Ein  Schwert-Deutsch,  an  dessen  blankem
Stahl  das  Blut  der  Erinnerung  an  1914—15
leuchtet!

Prügelt  das  Sremde  in  euch  hinaus!

Rabt  Hohenzollernherzen!

Jugend,  liebe  Jugend!

Ran  an  diesen  Erbfeind!

Nanny  TLambrecht.
Eine  Antwort  von  Eilen.

Ein  deutscher  Kriegsberichterstatter,  der  in  Konstantinopel
  die  „Goeben“  besuchte,  fragte  den  Kapitänleutnant,
  wo  die  Rettungsboote  auf  dem  Kreuzer

wären:

 

„Uber  wo  sind  denn  die  Boote,  die  ich  im  Srieden
auf  dem  Deck  der  Kriegsschiffe  sah?"
„Wir  nehmen  keine  Boote  mit,  die  hindern  ja
das  Schießen.  Entweder  wir  kehren  heil  heim  oder
wir  gehen  ganz  unter.“
Die  A#ntwort  ist  von  Eisen  wie  das  ganze  Schiff.

 

47
        <pb n="50" />
        Weltkrieg  und  Naturgeschichte.

Don

professor  Dr.  Ernst  haeckel.

Der  gewaltige  Weltkrieg,  welcher  am  4.  Zugust
1914  gleich  einem  verheerenden  Orkan  über  Curopa
plötzlich  ausbrach,  hat  beispiellose  Dimensionen  angenommen
  und  unglaubliche  Ereignisse  hervorgerufen.
Wir  stehen  erstaunt  und  entsetzt  vor  einer  Umwälzung
aller  politischen  Derhältnisse,  vor  einer  tiefgehenden
Umwertung  aller  Werte,  welche  ihresgleichen  nicht  in
der  ganzen  Geschichte  der  Menschheit  hat.  Der  Naturforscher,
  der  gewohnt  ist,  allgültige  Naturgesetze  im
Menschenleben  ebenso  wie  überall  in  der  Ratur  walten
zu  sehen,  sucht  das  Derständnis  der  neuen,  jetzt  zutage
tretenden  Erscheinungen  durch  die  Erkenntnis  ihrer
bewirkenden  Ursachen  zu  finden.  Da  bietet  sich  ihm
als  sicherste  Hührerin  die  moderne  Entwicklungslehre,
  jene  „monistische  Genetik“  oder  „Evolutionstheorie“,
  welche  dem  alten  Begriffe  der  „Naturgeschichte“
  eine  neue  und  tiefere  Bedeutung  verliehen
  hat.

„Der  Kampf  ist  der  Dater  aller  Dinge“
(Polemos  pater  panton)  —  so  sprach  schon  vor  2400
Jahren  heraklit  von  Ephesus,  jener  tiefblickende,
griechische  Philosoph,  den  wir  zu  den  ältesten  Monisten
rechnen  müssen,  und  der  auch  den  Grundgedanken
der  Entwicklungslehre  in  zwei  Worten  zusammenfaßte:
  „Glles  fließt“  (Panta  rhei)  —  alle  Dinge

 

48
        <pb n="51" />
        sind  in  ewiger  Veränderung  und  Umbildung  begriffen;
die  ganze  Welt  ist  ein  einheitliches  Wesen,  das  sich
ununterbrochen  verwandelt.  So  ist  denn  auch  die
ganze  Naturgeschichte  nichts  anderes,  als  (im  weitesten
Sinne)  die  Geschichte  der  Umbildungen  oder  Metamorphosen,
  welche  durch  den  fortdauernden  Wechsel
zwischen  Gegensatz  und  Harmonie  bedingt  sind.

Der  wenig  jüngere  griechische  Naturphilosoph
Empedokles  von  Hagrigent  (im  5.  Jahrhundert
v.  Chr.)  erklärte  diesen  ewigen  Wechsel  zwischen  vollendeter
  Trennung  und  vollendeter  Mischung  durch
den  Gegensatz  der  treibenden  RNräfte:  „Liebe  und
haß  der  Elemente".  Wie  die  unendlich  mannigfaltigen
  Einzeldinge  bloß  durch  verschiedenartige
Mischung  ihrer  Bestandteile  entstehen,  so  ist  auch  die
Entwicklung  der  höheren  Lebensformen  aus  den
niederen  durch  den  Kampf  ihrer  Elemente  bedingt;
so  sind  auch  im  sozialen  Leben  der  Menschen  und  im
Kriege  der  Dölker  die  treibenden  Kräfte  durch  Liebe
und  haß,  Suneigung  und  Kbneigung  der  Bestandteile
gegeben.

Der  Kampf  ums  Dasein.  Das  epochemachende
  Derk  von  Charles  Darwin,  welches  1859
die  neue  Begründung  der  50  Jahre  früher  von  Jean
Lamarck  aufgestellten  Qbstammungslehre,  und  damit
den  größten  Hortschritt  der  modernen  Naturgeschichte
herbeiführte,  hat  den  bezeichnenden  Aitel:  „Über  die
Entstehung  der  Hrten  im  Tier=  und  Pflanzenreich  durch
natürliche  Hüchtung,  oder  die  Erhaltung  der  vervollkommneten
  Rassen  im  Kampfe  ums  Dasein“.  Dieser
große  Gedanke  der  Natural-Selektion  ist  der  Nern  der

 

49
        <pb n="52" />
        Süchtungslehre  oder  „Selektions-Theorie“,  des  eigentlichen
  „Darwinismus“.  Erffehlte  noch  der  älteren
„DOesßendenz-Theorie“,  in  welcher  Lamarck  den  Gegensatz
  der  beiden  treibenden  Entwicklungskräfte,  der  konservativen
  Dererbung  und  der  progressiven  Anpassung
  richtig  erkannt  hatte.  Erst  Darwin,  gestützt
auf  langjährige  eigene  Erfahrungen  in  der  planmäßigen
  künstlichen  Süchtung  von  haustieren  und
Kulturpflanzen,  erkannte  mit  tiefem  Blick  die  außerordentliche
  Bedeutung,  welche  der  planlos  wirkende
„Kampf  ums  Dasein“  für  die  Droduktion  der  unendlich
mannigfaltigen  Lebensformen  in  der  freien  Natur  besitzt;
  dieser  große,  überall  und  jederzeit  wirksame
„Struggie  for  life“  ist  der  mechanisch-kausale  Saktor,
welcher  die  beständige  Wechselwirkung  zwischen  den
beiden  Grundursachen  der  organischen  Entwicklung  der
Dererbung  und  der  Anpassung  reguliert.  Er  ist  somit
auch  das  unbewußt  (mechanisch)  wirkende  Drinzip,
welches  die  beiden  großen,  unmittelbar  aus  dem  Selektionsprozesse
  folgenden  Naturgesetze  bedingt,  das  Gesetz
  der  Arbeitsteilung  oder  Divergenz,  das  Gesetz  der
Dervollkommnung  oder  des  Fortschritts.

Die  ganze  wundervolle  Geschichte  des  organischen
Lebens  auf  unserem  Erdball,  die  Stammesgeschichte
der  flanzenarten  und  Tierarten,  gestützt  auf  die  handgreiflichen
  Urkunden  der  Haläontologie  und  auf  die
ergänzenden  Dokumente  der  vergleichenden  Knatomie
und  Ontogenie,  hat  uns  im  letzten  Jahrhundert  klar
bewiesen,  daß  die  früheren  teleologischen  Ansichten  von
einem  übernatürlichen,  zweckvoll  wirkenden  „Schöpfungsplan“
  Phantasiegebilde  der  Dichtung  waren.

 

50
        <pb n="53" />
        Dielmehr  ist  die  ganze  „Naturgeschichte“  im  Grunde
bedingt  durch  die  mechanische  Wechselwirkung  der  phusiologischen
  Kräfte  und  ihrer  Konstellationen  im  fortwährenden
  „Kampf  ums  Dasein“.  Ganz  dasselbe  gilt
aber  auch  für  die  „Dölkergeschichte“"  (—  die  früher
anmaßlich  sogenannte  „Weltgeschichte“!  —).  Zuch
im  Leben  der  Rassen  und  Nationen,  der  größeren  und
kleineren  sozialen  Derbände,  ist  die  fortschreitende
Entwicklung  nicht  die  FJolge  einer  planvoll  regierenden
  „Dorsehung",  sondern  des  Wechsels  von  phusikalischen
  Kräften  oder  „Energie-Sormen“:  Spannkraft
  (potentiale  Energie)  und  Eriebkraft  oder  lebendige
  Kraft  (aktuelle  Energie).  lle  organische  Entwicklung
  ist  das  notwendige  Produkt  der  ewigen
Wechselwirkung  von  „Dererbung  und  Knpassung“,  reguliert
  durch  ben  „Kampf  ums  Dasein“.

Im  weitesten  Sinne  seines  Begriffes  ist  der
Kampf  ums  Dasein  für  alle  Organismen  ein  Konkurrenz-Kampf,
  ein  „Wettbewerb  um  die  Erlangung
  der  notwendigen  Erxistenz-Bedingungen“.
Wenn  aber  diese  Konkurrenz  sehr  gefährlich  wird  und
ihre  verwickelten  Bedingungen  sich  sehr  erschweren,
dann  verwandelt  sie  sich  in  einen  direkten  Existenzkampf;
  dann  ist  sein  ziel  nicht  nur  die  Beschränkung
und  Jurückdrängung  des  gefährlichen  Gegners,  sondern
  seine  vollständige  Dernichtung.  Darwin  hat  bereits
  gezeigt,  daß  sowohl  im  Dflanzenreich  wie  im
Tierreich  die  Stärke  und  Bedeutung  dieses  Kampfes
um  so  heftiger  wird,  je  näher  sich  die  kämpfenden  Organismen
  in  ihrer  Natur  und  Besonderheit  stehen,  je
gleichartiger  ihre  Bedürfnisse  sind  und  je  enger  sie

 

51
        <pb n="54" />
        durch  Stammverwandtschaft  oder  durch  räumliche
Nachbarschaft  verbunden  sind.  Er  hat  daraus  sein
Prinzip  der  Divergenz  des  Charakters  gefolgert;
dieses  äußzert  sich  phusiologisch  in  der  stetig  zunehmenden
  Arbeitsteilung  (Ergonomie)  der  konkurrierenden
  Individuen  oder  Gruppen,  morphologisch  in  ihrer
damit  verknüpften  Formspaltung  (Polumorphismus).
  Diese  überall  wirkende  Sonderung  oder  Differenzierung
  ist  die  wahre  Ursache  der  endlosen  Mannigfaltigkeit
  der  Lebensformen  und  zugleich  des  Fortschritts
  in  ihrer  Geschichte,  der  Dervollkommnung  ihrer
Organisation  und  Krbeit.  Ebenso  wie  diese  Divergenz
die  unzähligen  verschiedenen  Arten  oder  Spezies  im
Tier=  und  Pflanzenreich  hervorgerufen  hat,  ebenso  ist
sie  auch  die  wahre  Ursache  der  stetig  wachsenden  Derschiedenheit
  im  Gesamtleben  der  Menschheit,  in  der
Entwicklung  ihrer  Rassen  und  Dölker,  ihrer  Staaten
und  Gemeinden,  ihrer  sozialen  Derbände  und  ihrer
einzelnen  Personen.

Der  heutige  Existenzkampf.  #ls  an  dem
denkwürdigen  4.  Hugust  1914  das  Deutsche  Reich,
heimtückisch  von  Rußland  und  Srankreich  überfallen,
diesen  beiden  verbündeten  Staaten  den  Krieg  erklären
mußte,  und  als  an  demselben  welthistorischen  Gedenktage,
  wenige  Stunden  später,  auch  England  den
Krieg  an  Deutschland  erklärte,  da  lüftete  sich  der  Dorhang,
  welcher  bisher  die  dunkle  Weltbühne  verdeckt
hatte.  Da  wurde  es  mit  einem  Male  klar,  daß  dieses
unnatürliche  Dreiräuber-Kleeblatt“  entschlossen  war,
das  Deutsche  Reich  zu  vernichten;  da  wurde  aus  dem
bisher  mehr  oder  weniger  lebhaften  „Konkurrenz= 



52
        <pb n="55" />
        Stürmende  Garde-Infanterie.
Rach  einer  Originalzeichnung  von  rofessor  marx  Liebermann.

53
        <pb n="56" />
        kampf“  für  uns  der  verzweifelte  und  endgültige
„Existenzkampf“.  Klsbald  wurde  offenbar  und  ist
seitdem  durch  unzählige  direkte  und  indirekte  Dokumente
  bewiesen,  daß  der  eigentliche  Urheber  dieses
Weltkrieges  England  war.  Seit  zehn  Jahren  hatte
König  Eduard  VII.  an  der  Isolierung  und  „Einkreisung
Deutschlands“  gearbeitet  und  mit  allen  Mitteln  das
Justandekommen  der  Derschwörung  gefördert,  die  den
Titel  des  „herzlichen  Einvernehmens",  der  „Entente
cordiale“  annahm.  Jetzt  endlich  glaubte  sein  „Uestamentsvollstrecker“,
  Iir  Edward  Grey,  den  rechten
ugenblick  gekommen,  um  deren  Pläne  in  die  Tat
umzusetzen.  Der  Lürstenmord  in  Serajewo,  von  der
serbischen  Regierung  unterstützt,  gab  nur  den  ersten
äußeren  Anstoß  zum  Kusbruch  des  Krieges.  Rußland,
das  dessen  gerechte  Zestrafung  verhindern  wollte  benutzte
  ihn  zur  Kriegserklärung  an  seinen  verhaßten
Nachbar  Ssterreich.  Srankreich,  befangen  von  seinen
törichten  „Revanche"-Gelüsten,  schloß  sich  ihm  an,  um
Elsaß-Lothringen  und  demnächst  das  ganze  linke  Rheinufer
  zu  gewinnen.  Die  Derletzung  der  Neutralität
Belgiens,  die  Srankreich  auszuführen  im  Begriff  war
(—  in  der  wir  ihm  aber  glücklicherweise  einige  Tage
zuvorkamen  ),  benutzte  England  nur  als  Dorwand
zu  seiner  längst  beabsichtigten  Kriegserklärung.
Solange  wir  den  Kampf  ums  Dasein  nur  mit
jenen  zwei  Großmächten  zu  führen  hatten,  mit  Ruß-=land
  im  Osten  und  Srankreich  im  Westen,  handelte  es
sich  für  uns  um  einen  großen  Europäischen  Krieg,
der  zwar  gewaltige  Anforderungen  an  unsere  Kraft
stellte,  aber  doch  mit  Hilfe  des  verbündeten  Gsterreich

 

54
        <pb n="57" />
        einen  sicheren  und  schnellen  Sieg  erhoffen  ließ.  Erst
durch  das  Eintreten  Englands  für  jene  beiden  Derbündeten
  (—  seit  Jahrhunderten  seine  gefährlichsten
Gegner!  —  gewann  der  Kampf  den  Charakter  eines
wahren  Weltkrieges,  dessen  Derlauf  und  Ende  auch
heute  noch  nicht  abzusehen  sind.  Erst  durch  Englands
Schuld  und  die  herbeiziehung  seiner  Kolonien  aus
allen  Erdteilen  —  endlich  sogar  die  Derbrüderung  des
indogermanischen  Großbritanniens  mit  dem  mongolischen
  Japan!  —  erweiterte  sich  der  Weltbrand  zu
jenen  unerhörten  Dimensionen,  die  alle  bisher  dagewesenen
  Dölkerkämpfe  übertreffen:  Millionen  von
Streitern  auf  beiden  Seiten;  Milliarden  von  Geldmitteln
  zu  deren  Kusrüstung,  Kufstellung  und  Dersorgung
  mit  Droviant  und  Munition;:  Schlachtlinien
von  mehr  als  hundert  RKilometer  Kusdehnung;  —
und  dazu  nun  die  technische  Dollendung  der  modernen
Kampfmittel:  der  Riesenbomben  und  Maschinengewehre,
  der  Danzerflotten  und  Unterseeboote,  der
Seppeline  und  der  Luftfahrzeuge!

Deutschland  und  England.  Unter  den  großen
Sragen,  die  uns  jetzt  der  Weltkrieg  vorlegt,  bleibt  zunächst
  die  wichtigste  das  Derhältnis  der  beiden  stammverwandten
  germanischen  Schwester-Nationen.  Durch
Sprache  und  Gesittung,  durch  hervorragende  Leistungen
in  Wissenschaft  und  Kunst  durch  originelle  Kusbildung
  des  Philosophie  und  Religion  erscheint  Großbritannien
  dem  deutschen  Dolkscharakter  näher  verwandt
  und  inniger  verbunden  als  allen  übrigen  Nationen
  Europas;  und  dennoch  ist  es  jetzt  zu  unserem
bittersten  und  unversöhnlichsten  Todfeinde  geworden!

 

55
        <pb n="58" />
        Warum?  TLediglich  aus  Konkurrenzhaß,  aus  Neid
über  den  Wohlstand  und  die  blühende  Kultur  des  geeinigten
  Deutschen  Reiches;  aus  Arger  darüber,  daß
unsere  Industrie  besser  arbeitet  und  ihre  Waren
billiger  herstellt  als  die  englische;  aus  Mißgunst  über
die  zunehmende  Kusdehnung  unseres  Welthandels
und  unserer  Geltung  in  der  Gesamtheit  der  Kulturvölker.


Das  britische  herrenvolk  verfolgt  seit  vier
Jahrhunderten  mit  eiserner  Konsequenz  und  großartigem
  Erfolge  das  Siel  der  maritimen  Weltherrschaft.
  Die  Mittel  dazu  liefern  ihm  seine  bevorzugte
geographische  Lage,  sein  kolossaler  Nationalreichtum
und  seine  mächtige,  die  Weltmeere  beherrschende
Slotte.  Die  Grundzüge  des  englischen  Nationalismus
sind  in  dem  berühmten  Satze  von  Palmerston  zusammengefaßt:
  „Right  or  wwong  —  my  country!“,  Recht
oder  Unrecht!  mein  Land  und  seine  Weltherrschaft  sind
mein  einziges  Interesse;  mag  auch  die  übrige  Welt
darüber  zugrunde  gehen!“  Sie  beruhen  auf  der  Einbildung,
  daß  England  das  auserwählte  Dolk  sei,  von
der  göttlichen  Dorsehung  auserlesen,  allen  andern
Nationen  die  wahre  Kultur  zu  bringen.

Mit  bewunderungswürdiger  Schlauheit  und  Solgerichtigkeit
  hat  das  ehrlose  England  diesen  Grundsatz
seit  vier  Jahrhunderten  durchgeführt,  unbeirrt  von
jeglicher  Anwandlung  von  Gewissen  und  Schamgefühl.
Sein  wirksamstes  Mittel  bestand  immer,  wie  noch  heute,
darin,  die  Dölker  des  europäischen  Kontinents  gegeneinander
  zu  hetzen,  sie  gegenseitig  sich  zerfleischen  lassen
und  die  daraus  folgenden  Geschäfts-Kombinationen

 

56
        <pb n="59" />
        zum  Vorteil  seiner  eigenen  Macht  und  seines  Geldbeutels
  auszunutzen.  Das  geschriebene  Dölkerrecht
stand  für  England  immer  nur  auf  dem  Papier;  bei
jeder  Gelegenheit  hat  es  —  wie  noch  heute  —  geschriebene
  Derträge  verletzt,  Eide  gebrochen,  neutrale
Staaten  vergewaltigt,  ihre  Slotten  vernichtet,  ihre
offenen  Städte  bombardiert  —,  wenn  es  nur  Großbritannien
  zugute  kam!  Dieser  brutale  nationale
Egoismus  von  England  liegt  auch  seiner  alten
Theorie  vom  „Gleichgewicht  der  Europäischen  Nontinental-Staaten“
  zugrunde;  keiner  von  ihnen  soll  eine
Übermacht  über  die  andern  gewinnen;  keiner  soll
kräftig  genug  werden,  um  sich  der  britischen  Tyrannei
entgegenstellen  zu  können.

Insular-Selektion.  Ju  den  Beobachtungen,
welche  den  jugendlichen,  50jährigen  Darwin  auf
seiner  Weltreise  vor  80  Jahren  zuerst  auf  den  Gedanken
der  Kbstammungslehre  brachten,  gehörte  die  Wahrnehmung
  der  eigentümlichen  Derwandtschaftsbeziehungen,
  die  zwischen  den  Bewohnern  der  Kontinente  und
der  benachbarten  Inseln  bestehen.  Kuf  den  isolierten
Galapagos-Inseln,  an  der  Westküste  von  Südamerika
fand  er  eine  Knzahl  von  landbewohnenden  Reptilien
und  anderen  Wirbeltieren,  die  zwar  am  nächsten  den
ähnlichen  Arten  derselben  Hbteilung  auf  dem  benachbarten
  Kontinent,  aber  doch  spezifisch  verschieden  waren.
Es  ergab  sich  klar,  daß  die  ersteren  von  eingewanderten
Arten  der  letzteren  stammen  mußten;  durch  die  lange
Isolierung  von  den  Lestland-Dorfahren  hatten  die
Inselbewohner  unter  den  abweichenden  Lebensbedingungen
  allmählich  neue  Lormen  angenommen.

 

57
        <pb n="60" />
        Dieselben  Einflüsse  der  geographischen  Isolierung
und  der  dadurch  bewirkten  insularen  Selektion  sind  es
auch,  welche  das  britische  Inselreich  dem  benachbarten
Kontinent  entfremdet  und  seinen  eigentümlichen  National-Egoismus
  gefördert  haben.  Diele  charakteristischen
  Eigenschaften,  die  uns  Kontinentbewohnern
besonders  im  feineren  Seelenleben,  in  den  Sitten  und
Eebräuchen  der  Engländer  befremdend  entgegentreten,
  erklären  sich  durch  ihre  Separation  auf  ihrer
meerumschlungenen  Inselfestung.  Wir  erinnern  nur
an  den  hartnäckigen  Widerstand  Englands  gegen  das
metrische,  sonst  allgemein  angenommene  DezimalsUstem,
  oder  an  die  mittelalterlichen  Jeremonien  und
Kufzüge  bei  Lesten,  an  den  steifen  Coilettenzwang,
oder  an  die  lächerliche  Suffragettenkomödie,  die  in
keinem  vernünftigen  Kontinentalstaate  möglich  wäre.

Im  fernen  Osten  wiederholt  sich  bieselbe  Erscheinung
  der  Insular-Selektion  bei  dem  neuesten  Bundesgenossen
  Englands,  bei  Japan.  Jetzt,  wo  zum  ersten
Male  diese  gelbe  und  schlitzäugige  mongolische  Rasse
in  die  Geschicke  Europas  direkt  eingreift,  werden  vielfach
  (und  mit  Recht!)  dem  germanischen  England
wegen  dieser  unnatürlichen  und  schmachvollen  Derbindung
  die  schwersten  Dorwürfe  gemacht.  Indessen
findet  dieselbe  teilweise  ihre  biologische  Erklärung  in
den  analogen  Derhältnissen  der  beiden  meerumflossenen
  Inselreiche;  ihre  vielgliedrigen  Küsten  mit  zahlreichen
  trefflichen  Hhäfen  bieten  ihren  mächtigen  Slotten
viele  ausgezeichnete  Schlupfwinkel;  die  Bedingungen
für  Seeräuberei  im  großen  Stil,  wie  für  ausgedehnten
  Welthandel  sind  in  beiden  Inselstaaten  gleich

 

58
        <pb n="61" />
        günstig  —  ähnlich  wie  vor  2000  Jahren  in  Griechenland.
  Es  fragt  sich  nur,  welcher  von  beiden  Piraten
der  schlauere  und  gewissenslosere  Egoist  ist?  Und  dabei
wird  sich  vielleicht  bald  zeigen,  daß  die  verschlagene
heidnische  Mongolenrasse  dem  arischen  „christlichen“
England  überlegen  ist.  Wenn  jetzt  das  weltbeherrschende
  Großbritannien  japanische  Cruppen  nach
Indien  ruft,  um  den  drohenden  Zufständen  in  seiner
größten  und  wertvollsten  Kolonie  einen  Damm  entgegenzusetzen,
  so  wird  dieses  gefährliche  Experiment
vielleicht  schon  bald  für  England  selbst  die  schlimmsten
Holgen  haben.

Die  großen  Dorzüge  seiner  insularen  Isolierung,
gestützt  auf  den  Besitz  der  mächtigsten  Slotte  und  der
reichsten  Kolonien  in  allen  Erdteilen,  hat  England  jetzt
in  dem  von  ihm  angestifteten  Weltkriege  ausgiebig
benutzt,  um  sein  hauptziel,  die  Dernichtung  des  aufblühenden
  Deutschen  Reiches  zu  fördern.  Durch  Lug
und  Crug  aller  Art,  durch  die  verwerflichsten  Mittel
des  Derrats  und  der  diplomatischen  Ränke,  hat  es
Deutschland  von  jeder  Derbindung  mit  der  übrigen
Welt  abzuschneiden  gesucht;  es  hat  unseren  Postverkehr
  mit  dem  Kuslande  vielfach  unmöglich  gemacht,  die
submarinen  Kabel  durchschnitten,  unsere  funkentelegraphischen
  Stationen  zerstört,  unsere  aufblühenden
Kolonien  in  Kfrika  und  Ksien  geraubt;  es  hat  über
200000  junge  und  kampffähige  Deutsche  gefangen  genommen,
  welche  aus  Kmerika  und  anderen  Erdteilen
nach  Deutschland  zurückkehren  wollten,  um  ihrer
Militärpflicht  zu  genügen  und  dem  bedrängten  Daterlande
  hilfe  zu  bringen.  Schlimmer  als  das  alles!

 

59
        <pb n="62" />
        England  hat  ein  großartiges  sustematisches  Lü—
gennetz  über  die  ganze  Erde  verbreitet,  durch  welches
das  Ausland  über  die  wahren  Verhältnisse  des  Weltkrieges,
  über  seine  Ursachen,  seinen  Verlauf,  seine
Bedeutung  im  Dunkel  gehalten  wird.  So  ist  es  gekommen,
  daß  das  neutrale  Kusland  ein  völlig
falsches  und  verzerrtes  Bild  von  dem  furchtbaren
Dölkerkampfe  sich  gebildet  hat,  und  daß  es  die  ungeheure
  Blutschuld  an  dessen  Kusbruch  auf  Deutschland
  schiebt,  während  sie  allein  auf  England
fällt.

Beispiellos  und  großartig,  wie  alle  Dimensionen
dieses  Weltkrieges,  ist  auch  die  Derblendung  und  die
Derlogenheit,  mit  welcher  die  Presse  und  die  Harlamente,
  die  Staatsmänner  und  die  Sürsten  des  Dreiverbandes
  die  tatsächlichen  Derhältnisse  entstellen.  Die
führenden  Minister  Englands,  voran  Sir  Edward  Gren
—  der  „Millionenmörder“  und  Erzlügner  —  haben  sich
nicht  gescheut,  dem  Harlamente  direkte  Unwahrheiten
zu  sagen  und  durch  Unterschlagung  wichtiger  Dokumente
  die  Dorgeschichte  des  von  ihm  angestifteten  Weltbrandes
  zu  fälschen.  Das  Unterhaus  wie  das  Oberhaus
hat  diese  Lügen  gutgläubig  für  Wahrheiten  gehalten;
einzelne  Stimmen,  die  sich  dagegen  erklärten,  sind
wirkungslos  verhallt,  ebenso  wie  die  schwachen  Proteste
  von  einem  Dutzend  Gelehrter  und  Ehrenmänner
aus  den  höheren  Bildungskreisen.  Es  hat  sich  klar  gezeigt,
  daß  die  ganze  britische  Nation  (von  ganz
vereinzelten  ehrlichen  Kusnahmen  abgesehen)  diesen
entsetzlichen  Krieg  —  das  größte  Derbrechen  der
Weltgeschichte  —  will,  bloß  von  dem  Wunsche  be- 



60
        <pb n="63" />
        seelt,  die  Existenz  der  deutschen  Nation,  als  einer
freien  und  selbständigen  Weltmacht  zu  vernichten,  einen
gefährlichen  Konkurrenten  auf  dem  Weltmarkt  auszuschalten.
  Den  Königlichen  Stempel  hat  dieses  Raubsustem
  dadurch  erhalten,  daß  sogar  die  herrscher  der
drei  verbündeten  Großmächte,  der  König  Georg  von
England,  der  zar  Nikolaus  von  Rußland  und  der
Dräsident  der  französischen  Republik  Hoincaré  (—denen
sich  auch  der  König  lbert  von  Belgien  anschloß  —)
sich  nicht  gescheut  haben,  in  ihren  Ehronreden  und
Droklamationen  falsche  Behauptungen  aufzustellen,
welche  ihren  eigenen,  aktenmäßig  festgelegten  früheren
Kusführungen  (ebenso  wie  den  aktuellen  Tatsachen)
direkt  widersprechen.

Der  wahrhafte  Krieg.  In  einer  vortrefflichen
Rede,  welche  unser  berühmter  Philosoph  Wilhelm
Wundt  am  10.  September  1914  in  Leipzig  gehalten
hat,  wird  der  heutige,  von  England  uns  aufgezwungene
  Weltkrieg  als  ein  wahrhaftiger  Krieg  in  dem
Sinne  beleuchtet,  daß  wir  ihn  um  unsere  teuersten
nationalen  Güter,  um  unsere  Freiheit  und  Selbständigkeit
  führen  müssen,  und  daß  wir  in  verzweifelter  Notwehr
  siegen  müssen,  wenn  wir  unsere  deutsche
Existenz  behaupten  wollen.  Wie  unsere  Däter  und
Großväter  vor  hundert  Jahren  den  Befreiungskrieg
gegen  NUapoleon  den  Großen  führten  und  Europa  vom
Tyrannenjoche  Srankreichs  befreiten,  so  müssen  wir
jetzt  den  viel  gewaltigeren  Weltkrieg  gegen  das  „perside
  lbion“  und  seinen  leitenden  Minister  ir  Edward
Eren  durchkämpfen.  Dieser  neue  „Befreiungskrieg“
  hat  aber  deshalb  eine  weit  höhere,  universale

 

61
        <pb n="64" />
        Bedeutung,  weil  wir  ihn  für  die  höhere  menschliche
Kultur  und  oittlichkeit  führen;  weil  er  nicht  bloß  die
ganze  Welt  von  der  unerträglichen  Gewaltherrschaft
Großbritanniens  erlösen  soll,  sondern  weil  er  zugleich
  das  Recht  der  Wahrheit  zur  Geltung  bringen
soll  gegenüber  dem  niederträchtigen  SUstem  der
Lüge,  der  heuchelei  und  Derleumdung,  welches  das
stolze  England,  das  scheinheilige  Land  der  christlichen
„Gentlemen“  vertritt.

Die  beispiellosen  Opfer  an  Gut  und  Blut,  welche
Deutschland  und  das  verbündete  Gsterreich  in  diesem
Existenzkampfe  bringen  müssen,  berechtigen  uns,  nach
dem  erhofften  Siege  auch  entsprechende  Srüchte  zu
verlangen.  Die  wichtigste  von  diesen,  ein  langdauernder
  ungestörter  Sriede,  kann  nur  erlangt  werden,  wenn
die  Weltherrschaft  des  ewigen  Störenfriedes,  Großbritannien,
  gebrochen  wird.  Die  „Dereinigten
Staaten  von  Mitteleuropa“  müssen  zu  einem  dauernden
  westeuropäischen  Kontinentalbunde  zusammentreten,
  der  eine  sichere  Schutzwehr  ebenso  gegen  das
perfide  England  im  esten,  wie  gegen  das  barbarische
Rußland  im  Osten  errichtet.  Jodann  muß  das  Deutsche
Reich  seinem  dringendsten  Bedürfnis  genügen,  der  Kusbreitung
  in  einem  großen  Kolonialreiche.  Dazu
ist  zunächst  schon  das  zentrale  Kfrika  gegeben;  denn
der  reiche  Kongostaat,  als  Nationaleigentum  des
eroberten  Belgien,  fällt  uns  mit  dessen  Besitze  von
selbst  zu.  Indem  das  Deutsche  Kolonialreich  seine  Besitzungen
  im  westlichen  und  östlichen  Kfrika  durch  die
zentralen  Gebiete  unmittelbar  verbindet,  wird  zugleich
  das  großartige,  alle  anderen  europäischen  Ko- 



62
        <pb n="65" />
        lonialvölker  bedrohende  Projekt  der  panbritischen
Weltkolonie  (—  „Dom  Kaop  bis  Kairo,  vom  Niger  bis
zum  Irawadi“  —)  zerstört.  Daß  überhaupt  die  politische
  Geographie  nach  beendigtem  Weltkriege  gewaltige
  Deränderungen  erleiden  wird,  ist  jetzt  schon
allgemeine  Überzeugung.  Bestimmte  Projekte  für
diese  „Landkarten  der  Jukunft“  zu  entwerfen,  würde
verfrüht  sein.

Die  Naturgeschichte,  geleitet  von  unserer  modernen
Entwicklungslehre,  überzeugt  uns  unzweideutig
von  der  Wahrheit  der  oben  angeführten  Sätze  von
beraklit  und  Eupodokles.  Klles  Individuelle  ist  vergänglich,
  während  die  ewige  Substanz  in  der  Einheit
von  „Kraft  und  Stoff“  erhalten  bleibt.  Das  stolze
Weltreich  Großbritanniens  wird  ebenso  vergehen,
wie  das  griechische  Weltreich  lexanders  des  Großen,
wie  das  Imperium  Komanum  der  Bömischen  Cäsaren,
wie  das  französische  Kaiserreich  von  Napoleon  dem
Großen  vergangen  ist.  Dielleicht  geschah  am  4.  Kugust
1914  der  erste  Spatenstich  zum  Grabe  des  perfiden
Albion,  und  vielleicht  war  ir  Edward  Gren  selbst  der
Totengräber?  hoffen  wir,  daß  der  Sieg  Deutschlands
uns  eine  dauernde  Kra  des  Sriedens  bringen
wird  und  daß  der  künftige  Kampf  ums  Dasein  der
geeinigten  Nationen  nicht  mehr  ein  blutiger  und  barbarischer
  Existenz-Kampf,  sondern  ein  friedlicher
und  vernünftiger  Konkurrenz-RKampf  sein  wird.

lelK

J

 

63
        <pb n="66" />
        Die  Zukunft  gehört  der  Jugend.  Die  gewaltigen
  Opfer  an  Gut  und  Blut  werden  für  diese
Zukunft  gebracht.  Es  wird  Dflicht  der  Jugend
sein,  dereinst  Deutschlands  Machtstellung  in  der
elt  zu  wahren.

Eroßadmiral  von  Tirpitz.
i

Was  der  Krieg  ist?  Eine  Prüfung  der  Regierung,
  des  Dolkes,  der  heeresverwaltung,  der
Wirtschaftsordnung.  Großer  Befähigungsnachweis
  nicht  ohne  kleinere  Mängel.  Ende  des  reinen
Individualismus,  Anschluß  der  Sozialdemokratie
an  den  deutschen  Staat.  Jusammenschluß  von
Mitteleuropa.  Diel  Kufgaben  für  die  Sukunft.

Fr.  Naumann,
Mitglied  des  Reichstags.

Der  uns  frevelhaft  aufgedrungene  Weltkrieg
hat  uns  erst  so  recht  zum  Bewußtsein  gebracht,
daß  wir  Oeutschen  die  wahre  Kulturnation  sind.

In  tiefem  Kbscheu  vor  dem  TLügengewebe
unserer  Heinde  steht  unser  Dolk  einmütig  binter
unserm  geliebten  Kaiser,  dem  heldenmütigen
Heer  und  der  Marine  und  sieht  in  deutschem
Empfinden,  in  deutschem  Stolz  einer  großen
Jukunft  entgegen.

1915.  Professor  Willy  Stöwer.
        <pb n="67" />
        Soldatenmütter.

Don  IJda  Bou-Ed.
*

Wenn  wir  in  der  Schule  von  germanischen  Frauen
lasen,  die  ihren  Söhnen,  sie  anfeuernd,  die  Waffen
nachtrugen  in  die  Schlacht,  und  wenn  uns  von  Römerinnen
  gesprochen  wurde,  die  in  Derzweiflung  gerieten,
  falls  sie  keinen  krieghaften  John  mit  hinaussenden
  konnten  in  den  Streit  für  Rom,  dann  ging  wohl
durch  unsere  Mädchenseelen  ein  kühler  Unglaube.  Und
unsere  noch  unbewußte  Weiblichkeit  mochte  es  nicht
für  möglich  halten,  daß  je  eine  Irau  ihr  Teuerstes  kühn
in  Gefahr  hinausziehen  lasse,  anstatt  es  zitternd
zurückzuhalten.

Uun  aber  haben  wir  es  selbst  erlebt.  Das  Übernatürliche
  ist  wahr  geworden.  Und  die  deutsche  Frau
hat  ohne  Leigheit  nicht  nur,  sondern  vielmehr  mit
stolzem  Mut  ihre  reifen  Söhne  und  die  Däter  ihrer
kleinen  Söhne  den  grauen  Rock  anziehen  sehen  —  diesen
grauen  Rock,  der  ein  Sumbol  geworden  ist  für  die
Einheit  und  die  Unerschöpflichkeit  unserer  Streiter.

Was  ist  das?  Kus  welchen  geheimnisvollen  Untergründen
  kommt  dieses  heldentum  der  Srau  herauf?
Sind  das  nie  erloschene  Spuren  aus  jenen  frühen
Tagen,  wo  der  herd  der  erste  Keim  des  Staates  war?
Wo  alles,  was  sich  um  die  Slamme  eines  herdes
sammelte,  von  einem  Gefühl  der  Susammengehörigkeit
  gefestigt  war  —  voll  wacher  Leindseligkeit  gegen
den  nächsten  herd  und  dessen  Sippe?  Bis,  im  Fort- 



65
        <pb n="68" />
        schreiten  der  Entwicklung,  sich  vieler  Herde  Sippen
zusammentaten  und  so  allmählich  etwas  erwuchs,
was  schon  staatengleich  die  Aneinandergeschlossenheit
schützte.  —  Und  der  herd  ist  das  Sinnbild  aller  Jusammengehörigkeit
  geblieben.  Die  Irau  weiß  nicht,
daß  ihre  Empfindung  aus  der  Geschichte  herauswuchs
und  in  fernsten  Dorzeiten  noch  Wurzelfäden  hat.  Kber
sie  weiß,  daß  die  Stätte,  an  der  sie  solange  in  der  Lebensfülle
  des  Friedens  wohnte,  ihre  Gegenwart  und
ihre  zukunft  bedeutet  und  daß  sie  deshalb  ihren  Sohn
hinaussenden  muß,  diesen  berd  —  den  zusammengepreßten
  Begriff  vom  Staat  —  zu  verteidigen.  In
einem  einzigen  schrecklich  großen  Zugenblick  gebar  sich
ihr  die  Kraft,  sich  selbst  zu  vergessen!  Ein  wunderbares
  Ahnen  ging  ihr  auf:  daß  über  ihrer  eigenen
Mutterschaft  noch  eine  höhere  thront.  Sie,  die  eine
Mutter,  kann  leiden,  die  Söhne  dahingeben,  sterben,
es  ist  nichts!  8ie  hat  mit  ihrem  Gram  still  zu  ringen,
damit  er  sie  nicht  niederzwinge,  sondern  sie  aufrecht
lasse  zu  tätigem  MutI  Sie,  die  einzelne,  ist  nur  der
Staub  in  der  Wagenspur  des  Sieges  und  das  Bruchteilchen
  im  Ungeheuren!  ber  über  uns  allen  steht
die  heilige  Gewalt,  die  nicht  geschmälert,  nicht  zerbrochen
  werden  darf,  die  Mutter  aller  Mütter:  das
Daterland!

Rührend  und  groß  bebt  hiervon  ein  Erkennen  in
allen  Soldatenmüttern.  Die  arme  rbeiterfrau  weiß
auch,  wie  durch  eine  Offenbarung,  daß  ihre  Schwester,
die  Fürstin,  genau  gleich  ihr,  nicht  zittern  darf,  daß
kein  Glanz,  kein  Reichtum  von  der  hingabe  des  Ciebsten
befreit  —  daß  auch  keine  deutsche  rau  davon  befreit
        <pb n="69" />
        sein  will!  Daß  sie  am  liebsten  selbst  dem  Sohne  die
Waffen,  ihn  anfeuernd,  in  den  Kampf  nachtrüge.  —
Kber  er  bedarf  nicht  der  Anfeuerung,  und  das  ist  ihr
leuchtender  Stolz  geworden  .  .  Sie  hat  helden  geboren!
  Die  bis  dahin  in  der  Enge  klein  und  bänglich
ihren  Klltag  lebte,  nun,  durch  ihre  Helden  ist  ihr  königlicher
  Glanz  in  ihr  Dasein  gekommen.  Ich  sehe  ihn  auf
Stirnen  strahlen,  auf  denen  bisher  nie  etwas  anderes
eingegraben  war  als  schwere  Sorgenfalten;  er  umgibt
  gleich  Gloriolen  Häupter,  die  man  bisher  ob  ihrer
nüchternen  Schlichtheit  kaum  mit  einem  Blicke  streifte.
—  Und  wie  ein  heißer  K#tem  geht  die  Begier  zu  helfen
durch  die  Brust  der  §rauen;  sie  wollen  die  Wunden
der  Helden  heilen,  ihre  von  ihnen  verlassenen  bürgerlichen
  Pflichten  für  sie  erfüllen  und  überall  das  Ihre
tun,  damit  die  berde  —  die  heiligen  Stützen  und  Sinnbilder
  des  Daterlandes  —  nicht  in  sich  zusammensinken.
  —  Die  Geschichte  wird  es  dereinst  aufzeichnen,
daß  alle  Frauen  gleichen  Herzschlags  und  gleicher  Gebärde
  ihr  Werk  getan  haben.  —  lbeer  nicht  alles  in
unsern  herzen  ist  Liebe  und  kann  es  nicht  sein.  Wir
sind  nicht  nur  Wächterinnen,  hoffende,  Opfernde!

Gott  gab  uns  auch  ein  Richteramt  —
Und  ich  habe  eine  Dision:

Ich  sehe  eine  schwarze  Srauengestalt,  still  schreitet
sie  im  herbstlichen  Nebel  dahin  —  ein  zweite  kommt
und  gesellt  sich  ihr  schweigend  —  vom  Wegrain,  wo
sie  verarmt  und  weinend  saß,  erbebt  sich  die  dritte  und
geht  mit.  Don  allen  Straßen  wallen  Irauen  heran
—s  schon  sind  sie  eine  Gruppe  —  sie  werden  eine  Schar,

 

67
        <pb n="70" />
        —  sie  sind  ein  Heer.  Und  sie  ziehen  über  Ströme  und
brauchen  keine  Brücken.  Und  wo  Berge  felsig  trotzen,
spalten  sie  ihr  Massiv  und  geben  dem  endlosen,  schweigenden
  Jzuge  eine  Gasse.  Die  düsteren  Reihen  der
Stummen  erreichen  den  Strand  da,  wo  grünglasig  die
Nordsee  an  das  weiße  Ufer  schäumt  und  der  Nebel  auf
den  Wogen  lastet.  Sie  ziehen  über  die  Wasser,  wie
ein  Christus  schritt  —  denn  auch  sie  trägt  ein  heiliger
Glaube,  der  an  ewige  Gerechtigkeit!  ..  Une  sie  erreichen
  ihr  ziel.  —  Don  Entsetzen  steinerne,  bleiche
Gesichter  starren  ihnen  entgegen,  und  die  wahnsinnigste
  Angst  flackert  in  den  Augen  von  drei  britischen
Männern  —  und  doch  können  sie  den  Blick  nicht  lassen
von  diesen,  die  da  heranwallen  in  einer  erhabenen,
fürchterlichen  Gleichmäßigkeit  und  sie  in  einem  ungeheuren
  Kreis  umschließen.  .  .  Pohin  auch  die  drei
britischen  Männer  fliehen  möchten,  immer  und  überall
werden  die  gespenstischen  Frauen  ihre  Reihen  um  sie
schließen..  es  gibt  kein  Entrinnen  vor  ihnen,  keines
—  denn  sie  sind  die  Mütter  .  —  Uno  hinter  ihnen
verloht  düsterrot  der  Krieg.4

*

 

 

68
        <pb n="71" />
        69

 

 

   

 

 

 

 
  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

———  7  —  Ex  -

"  iW  P8  1rIr  1  *  "V.  J  *  .
1  G.  –2  4
*  4.  E  41–  m#  1  1  □

5+  W—

 

 

 

 

 

 

 

2

 

—
4—  #  —  #
—

—
Komposition  von  General-Musik-  (((7  #  ———  5’#“#  —  —

direttor  Prof.  Dr.  Max  Schillings.
        <pb n="72" />
        Unsere  Seinde  behaupten,  sie  müßten  die  Welt
vom  deutschen  Militarismus  befreien!  Wir  aber
erwarten  von  der  alle  Doraussicht  übertreffenden
militärischen  Kraft  und  von  der  Opferfreudigkeit
unseres  Dolkes  einen  Srieden,  der  es  Deutschland
ermöglicht,  in  noch  höherem  Maße  als  vordem
seine  Sähigkeiten  auf  kulturellem  und  wirtschaftlichem
  Gebiete  zu  entfalten.  Wir  hoffen,  daß  für
die  Entwicklung  dieser  friedlichen  Kräfte  besonders
auch  ein  ausgebautes  und  gesichertes  deutsches
Nolonialreich  Tausenden  von  jungen,  schaffensfrohen
  Deutschen  ein  dankbares  LHeld  der  Betätigung
und  eine  zweite  Heimat  geben  wird.

Berlin,  den  5.  Juni  1915.  Dr.  Solf,
Staatssekretär  des  Reichs-Kolonialamts.

“

In  dem  uns  aufgedrungenen  Kriege,  der
alle  im  Dolke  ruhenden  Kräfte  löste,  handelt  es
sich  um  das  Dasein  unseres  Daterlandes.  Wir
wollen  und  müssen  siegen!  Deutschland  soll  aus
dem  Kampfe  hervorgehen  kräftiger  und  herrlicher
denn  je!  Unserer  Jugend  übergeben  wir  den
stolzen  Bau.  Sie  möge,  allezeit  mit  Gottvertrauen,
  gesund,  stark  und  bereit  sein,  alle  Kräfte
für  das  Daterland  einzusetzen  und  —  wenn  es
sein  muß  —  auch  dafür  zu  sterben  wissen.

von  Emmich,

General  der  Infanterie  und  kommandierender  General
des  X.  Krmeekorps.

 

70
        <pb n="73" />
        Otto  Meddigen

und  den  Männern  von  „U  29“  zum  Gedächtnis.

Don  Peter  Scher.

We  sind  sie  gefallen?  Wir  wissen  es  nicht!

ber  wir  fühlen  alle  Schauer  der  Stunde.

Und  wir  sprechen  mit  zitterndem  herzen  und
Munde:

Wartet,  es  kommt  das  große  Gericht!

Jeder  deutsche  Schwur  muß  sich  erneuen;

Hür  das  Daterland  zu  sterben  fürcht’  ich  nicht  —

Weddigen,  fahr'  wohl  mit  deinen  Getreuen!

Ruht  ihr  am  Erund  im  wirren  Tang:

Wenn  die  großen  Stürme  über  euch  gehen,

Seh'n  euch  die  Feinde  nächtlich  im  Traum  erstehen.
hör'n  eures  Schallrohrs  schrecklichen  Klang;
Furcht  wächst  gräßlich.  Englands  Mütter  weinen,
Und  die  Meerbeherrscher  schlottern  bang:

Das  war  Weddigen  mit  den  Seinen!

 

71
        <pb n="74" />
        Sür  Deutschland  gestorben!  Sür  Deutschland  gelebt!


berrlich  gelebt  und  ewig  weiter  lebend,

Aller  erhabnen  Tugend  Dorbild  gebend,

Seid  ihr,  zur  Tiefe  gleitend,  in  die  Hhöhen  entschwebt.


tber  noch  einmal  woll'n  wir  euch  beschwören  —

Wenn  im  Siegessturm  die  Welt  erbebt,

Sollt  ihr  uns  in  tiefsten  Gründen  hören:

Deutschland,  sollt  ihr  hören,  lebt!
Da  müßt  ihr  empor  und  müßt  euch  freuen  —
Weddigen,  steh’  auf  mit  deinen  Getreuen!

Winige  zeilen  über  den  Weltkrieg  zu  schreiben,
ist  kaum  möglich.  Seine  Erscheinungen  sind  zu  mannigfaltig
  und  gewaltig.  Er  ist  kein  Krieg  wie  andere.
Der  jetzige  Krieg  ist  ein  Dölkerringen  von  nie  dagewesener
  Größe,  von  nie  erlebtem  Umfange.  In  Dielem
  weicht  er  von  sonstigen  Kriegen  ab.

Das  Eine  steht  aber  auch  für  ihn  fest:  daß  das
sittlich  höchst  stehende  Dolk  Sieger  sein  wird.
Und  diese  Besten  werden  wir  sein.

von  Einem,
General-Oberst.
        <pb n="75" />
        Das  deutsche  Wesen  ist  uns  erschienen!
D

Und  wenn  ich  hundert  Jahre  würde,  diese  Tage
werde  ich  nie  vergessen!  Es  ist  das  Größte,  was  wir
erlebt  haben.  Wir  wußten  nicht,  daß  so  Großes  erlebt
werden  kann.  Noch  vor  drei  ochen  wären  wir  unfähig
  gewesen,  es  uns  auch  nur  vorzustellen.  Dieses
Gefühl,  etwas  erlebt  zu  haben,  was  wir  selber  noch
gar  nicht  aussprechen  können,  überwältigt  alle.  Jeder
sieht's  dem  anderen  an  und  fühlt's  am  Drucke  seiner
entschlossenen  hand.  Reden  ist  unnütz  geworden,  jeder
weiß  stumm,  was  jeder  fühlt.  Nichts  lebt  in  uns  als
das  Eine,  das  Ungeheure:  uns  ist  das  deutsche  Wesen
erschienen.

Wir  haben  einander  endlich  erblickt.  Wir  wissen
jetzt  zum  erstenmal,  wie  wir  wirklich  sind.  Das  ist  das
unbeschreibliche  Geschenk  dieser  großen  Zeit.  Davon
schlagen  in  dieser  schweren  Stunde  die  herzen  alle  so
hoch.  Niemals  sind  wir  ernster  gewesen,  aber  auch
noch  nie  so  froh.  In  einer  gläubigen  Sreudigkeit  stehen
wir  beisammen,  die  wir  niemals  kannten.  Denn  uns
ist  das  deutsche  Wesen  erschienen.

Wo  war  es  so  lange  geblieben!  Über  Nacht  stand
es  auf.  Und  steht  so  stark  da,  daß  nichts  daneben  mehr
Platz  hat  auf  der  deutschen  Erde.  Jeder  andere  Gedanke,
  jedes  andere  Gefühl  ist  weg.  Es  müssen  Gespenster
  gewesen  sein,  was  wir  sonst  noch  alles  dachten
und  fühlten:  es  hat  getagt,  sie  sind  verscheucht.  Wir
haben  uns  wieder,  nun  sind  wir  nichts  als  deutsch;  es

 

73
        <pb n="76" />
        genügt  uns  auch  ganz,  wir  sehen  jetzt,  daß  man  damit
völlig  auskommt,  fürs  Leben  und  fürs  Sterben.  hochmütig
  waren  wir  nie,  jetzt  aber  sind  wir  tiefmütig  geworden.
  Kus  der  Tiefe  leben  wir  jetzt,  das  macht  uns
so  froh.

Don  Waffen  starrt  das  Land,  und  jedes  deutsche
Herz  von  Juversicht.  Ein  einziges  Schwert  des  Glaubens
  ist  das  ganze  Dolk.  Uns  ist  das  deutsche  Wesen
erschienen!

Wo  war  es  denn  so  lange!  Warum  erscheint  das
deutsche  Dolk  immer  erst  vor  dem  Leinde?  Wo  steckt
es  sonst?o  Wenn  wir  immer  so  wären,  wie  wir  jetzt  auf
einmal  alle  sind,  die  ganze  Welt  müßte  sich  vor  uns
beugen!  Kber  wir  wußten  ja  selbst  nicht  mehr,  wie  wir
wirklich  sind;  wir  hatten  uns  längst  vergessen.  Jetzt,
wo  wir  wieder  wissen,  wie  wir  wirklich  sind  und  was
wir  an  uns  haben,  erkennen  wir  selber  erst,  wie  wir
uns  die  ganze  eit  her  um  uns  betrogen  haben.  Was
waren  wir  nicht  alles!  Wir  waren  so  viel,  daß  wir  uns
darüber  selbst  abhanden  kamen;  und  jeder  wollte  nur
ja  für  sich  immer  noch  ganz  was  Besonderes  sein.  Wie
hat  uns  solcher  arge  Wahn  nur  so  betören  und  in  Jwietracht
  so  verblenden  können!  Es  zeigt  sich  ja  jetzt,  daß
wir  es  uns  schließlich  leisten  durften:  denn  wir  sind
dennoch  unversehrt  geblieben,  wir  haben  keinen  Schaden
  gelitten  an  unserer  Seele.  Die  deutsche  Seele  schlief
einstweilen,  und  jetzt,  gut  ausgeschlafen,  ist  sie  erwacht,
und  wir  können  uns  kaum  mehr  recht  entsinnen,  wie
denn  das  damals  gewesen  sein  muß,  noch  vor  drei
Wochen,  als  jeder  gegen  jeden  immer  nur  seinen  Unterschied,
  seine  Besonderheit,  seinen  Eigensinn  kehrte,

 

74
        <pb n="77" />
        75

 

 

hinrichtung  einer  russischen  Brandkolonne.
Im  Selde  gezelchnet  von  A.  Wald.

 

1½

7

—ue
„
        <pb n="78" />
        als  wir  noch  getrennt  lebten,  als  wir  nur  Parteien
waren,  kein  Dolk.  Einer  kannte  da  den  anderen  nicht,
weil  keiner  sich  selber  kannte.  In  unheiligen  Wünschen
hatte  jeder  seinen  wahren  Willen  vergessen.  Jetzt  hat
jeder  seinen  Willen  wiedergefunden,  da  zeigt  sich's:
alle  haben  nur  einen.  In  allen  deutschen  herzen  schlägt
jetzt  derselbe  heilige  Sorn.  Ein  heiliger  Sorn,  ein  heiligender
  Sorn,  ein  heilender  Sorn.  Alle  deutschen  Wunden
  schließen  sich.  Wir  sind  genesen.  Gelobt  sei  dieser
Rrieg,  der  uns  am  ersten  Tag  von  allen  deutschen  Erbübeln
  erlöst  hat!  Und  wenn  dann  erst  wieder  Sriede
sein  wird,  dann  wollen  wir  es  uns  aber  auch  verdienen,
diesen  heiligen  deutschen  Krieg  erlebt  zu  haben.  Dann
soll  kein  Wort  mehr  gesagt,  keine  Tat  mehr  getan  werden
  auf  deutscher  Erde,  die  nicht  würdig  wären  dieser
erhabenen  Stunden.

An  der  Ecke  stehen  Gruppen  vor  den  letzten  Nachrichten.
  Dann  zählt  einer  laut  auf,  wieviel  §einde  wir
haben;  jetzt  sind's  schon  ihrer  sechs.  Dann  wird's  eine
Jeit  still.  ber  dann  sagt  einer:  viel  Seind,  viel  Ehr,
und  siegen  werden  wir,  denn  unsere  Sache  ist  gerecht!
SRf  kann  man  es  jetzt  jeden  Tag  hören.  Das  ist  der
deutsche  Glaube:  nicht  Menschenmacht  entscheidet,
sondern  Gottes  Gerechtigkeit!  Es  ist  der  Segen  dieser
großen  Seit,  daß  wir  wieder  auf  den  Geist  vertrauen
lernen.  Wir  heutigen  Deutschen  sind  niemals  einer
so  rein  geistigen  Existenz  teilhaftig  gewesen  als  jetzt,
da  uns  das  deutsche  Wesen  erschienen  ist.

Bayreuth,  12.  Kugust.
Hermann  Bahr.

 

76
        <pb n="79" />
        Wer  diesen  furchtbaren  Krieg,  in  welchem  wir
noch  stehen,  mitgemacht  hat,  der  wird  eine  Sülle  von
schrecklichen,  aber  auch  von  großartigen  Eindrücken  mit
nach  hause  nehmen,  sofern  es  ihm  vergönnt  sein  wird,
die  glückliche,  siegreiche  Beendigung  des  harten  Ringens
  zu  erleben.

Insbesondere  haben  wir  k#rzte  und  Chirurgen,
denen  es  obliegt,  die  geschlagenen  Wunden  zu  heilen,
die  Leiden  der  Derwundeten  nach  Möglichkeit  zu  lindern,
  reiche  Gelegenheit  gehabt,  die  unverwüstliche
Tüchtigkeit,  die  stille  Tapferkeit  und  die  ausdauernde
Standhaftigkeit  zu  bewundern,  welche  die  Männer
unseres  Dolkes  bewiesen  haben.

Die  Blüte  und  die  Kraft  unserer  wehrfähigen
Mannschaft,  vom  jungen  kaum  dem  Knabenalter  entwachsenen
  Kriegsfreiwilligen  alle  Hltersklassen  bis  zum
ergrauten  Landsturmmann,  dessen  Löhne  schon  wieder
im  Lelde  stehen,  —  vom  jugendlichen  Lahnenjunker
bis  zu  dem  alten  General,  der  bereits  an  der  Hltersgrenze
  steht  oder  sie  schon  überschritten  hat  und  doch
wieder  zu  den  Waffen  geeilt  ist,  um  das  Seinige  zum
Siege  beizutragen,  —  alle  Klassen,  alle  Stände  sind
durch  unsere  hände  gegangen,  wenn  das  feindliche
Geschoß  sie  getroffen  hatte.

Diel  stilles  Heldentum  haben  wir  gesehen,  das
nicht  nach  außen  hervortritt;  auf  ärmlichem  Strohlager,
in  dürftigster  Unterkunft,  bei  rauhen  äußeren  Derhältnissen
  haben  die  Jünglinge,  wie  die  Männer  unseres
Dolkes  eine  Kraft  und  Stärke  im  Ertragen  der  Leiden
und  Entbehrungen  bewiesen,  welche  jedem  unvergeßlich
  bleiben  wird,  der  es  erlebt  hat.

 

77
        <pb n="80" />
        Solange  unser  Volk  solche  Männer  hervorbringt,
ist  es  unbesiegbar.

Möchten  die  endlichen  Erfolge  dieses  schweren
Kampfes  den  großen  Taten,  den  schweren  Opfern  an
Leben  und  an  Teiden  entsprechen,  welche  von  allen
in  der  gleichen  ruhigen  „HPflichterfüllung  bis  zum
äußersten“  dargebracht  sind,  —  und  unserm  Daterlande
  zu  neuem  Ruhm  und  zu  neuer  glanzvoller  Entwickelung
  im  Srieden  verhelfen!

Polen-Brzozow  Starg.,  6.  Mai  1915.

Dr.  w.  HKörte,

Generalarzt  III.  Res.-K.
(Professor  Geh.  San.-Rat  in  Berlin).

I
Deutlfchland  -  Öfterreich.

Uns  —  die  den  alten  Germanen  entstammen  —
Arennte  das  Schwert,  einte  das  Schwert.
Daterland,  Mutterland,  herrliche  Namen!

Dater  und  Mutter  sind  wieder  beisammen!
Tapfere  Löhne  beschützen  den  herd,

Schauen  empor  zu  den  Taten  der  #bhnen,
Gütig  im  Srieden,  schrecklich  im  Streit;

Solgen  mit  Jauchzen  den  heiligen  Sahnen
Germanischer  Sürsten  auf  ruhmreichen  Bahnen.
Bauen  vereint  eine  glückliche  Seit!

Peter  Rosegger.

 

78
        <pb n="81" />
        Durch  alle  Furchtbarkeit  der  jetzigen  Ereignisse
geht  für  uns  doch  wohl  diese  Richtungslinie:  das  deutsche
  Wesen  endgültig  durch  seinen  Gegensatz  zu  dem
romanischen,  dem  slawischen,  dem  englischen  festzustellen.
  Es  wird  hoffentlich  nicht  nötig  sein,  die  Macht
und  die  Kultur  Deutschlands  dauernd  mit  Kampf  und
haß  gegen  die  Derlockungen  wie  gegen  die  Bedrohungen
  seitens  dieser  Mächte  zu  behaupten.  ber  einmal
scheint  es  solchen  Kampfes  zu  bedürfen,  damit  das
Deutschtum  nun  für  immer  seine  Reinheit  und  selbständige
  Entschiedenheit  bewahre.  haben  die  Waffen
hierfür  getan,  was  durch  sie  geschehen  kann,  so  wird
sich  die  Qufgabe  dann  ins  Geistige  umsetzen.  Eine  lange
Arbeit  steht  uns  bevor:  das  Selbstbewußtsein  des
deutschen  Wesens  zu  gewinnen,  nicht  im  Sinne  chaupinistischen
  Hochmuts,  sondern  einfach  als  Wissen  um
das,  was  wir  denn  eigentlich  sind.  Die  politische  Einsamkeit,
  in  die  uns  dieser  Krieg  stellt,  gibt  gewissermaßen
  die  Dorzeichnung  und  Zufforderung,  uns  auf
die  Schärfe  unserer  geistigen  Umrißlinien  zu  besinnen.
Der  Weg  dazu,  von  manchem  schon  zuvor  begonnen,
ist  lung  und  in  unzählige  Nebenstraßen  verzweigt,  er
führt  durch  das  ungeheure  Gebiet,  auf  dem  seit  jeher
der  germanische  Geist  sich  dem  klassisch-romanischen
entgegenstellt,  allzuoft  in  Kämpfen,  die  für  das  deutsche
  Wesen  tragisch  verlaufen  sind.  Kllein  wie  das
tiesste  und  bedeutsamste,  wenn  auch  oft  härteste  Geschick
  des  einzelnen  Menschen  oft  das  ist,  durch  das  sein
eigenstes  Wesen  von  allen  Derhüllungen  und  blen- 



79
        <pb n="82" />
        kungen  befreit  und  rein  herausgestellt  wird,  für  ihn
selbst  wie  für  die  anderen:  so  sind  die  größten  Schicksale
  der  Dölker  immer  die,  in  denen  sie  sich  selbst  finden.
Man  suche  dieses  Wir-selbst-Derden  nicht  im  Negativen,
  nicht  darin,  daß  wir  Sremdwörter,  französische
Moden  und  englische  Sitten  abtun.  Sich  daran  genügen
zu  lassen,  wäre  noch  immer  eine  bhängigkeit  vom
Ausland,  wenn  auch  mit  umgekehrtem  Dorzeichen,  und
träfe  den  wesentlichsten  Hunkt  nicht.  Im  Gegenteil,
wenn  wir  nur  erst  das  Sein  und  Bewußtsein  dessen,
was  wir  als  Deutsche  sind,  ganz  rein  und  positiv  gewonnen
  haben,  können  wir  ohne  Gefahr  uns  aneignen,
was  die  ganze  europäische  Kultur  an  Werten  zu  bieten
hat.  Ireilich  muß  dieser  Drozeß,  in  dem  wir  werden,
was  wir  eigentlich  sind,  wie  ich  sagte,  sich  zunächst  an
dem  Gegensatz  zum  Sremden  vollziehen.  ber  dies  ist
nur  ein  Durchgangsstadium,  binter  dem,  als  letzter
Ertrag  dieses  Krieges,  die  Eigenform  und  das  Gesetz
des  deutschen  Lebens  als  solchen  steht.  Indem  die
politische  Einheit  Deutschlands  die  Dorbedingung  und
der  Träger  dieses  reinen  Selbst-Seins  ist,  vollendet  sich
1870  erst  mit  unserm  jetzigen  Erlebnis  —  wie  der  Körper
  erst  in  seiner  Einheit  gebaut  sein  muß,  damit  die
Seele  sich  in  ihm  zu  Bestimmtheit  und  Selbständigkeit
entwickle.

Professor  Georg  Simmel,
Straßburg.

 

80
        <pb n="83" />
        Der  moderne  Krieg!  Ein  Wechselbalg  von  himmel
  und  hölle  —  und  dennoch  schön,  so  schön  wie
Lucifer  in  der  Phantasie  großer  Künstler  Gestalt  gewann.
  Millionen  von  Menschen,  gleich  den  zellen
eines  Organismus  zu  einem  einzigen  Rörper  zusammengeballt
  durch  den  ordnenden  Schöpferwillen
der  geistigen  Sührer.  Die  einzelne  zelle  ein  Nichts,
eine  Ohnmacht;  das  Ganze  eine  gewaltige,  elektrisch
geladene  Maschine,  dem  Singerdruck  gehorchend,
beseelt  durch  den  Willen  zum  Siege.  Uno  diese  gewaltige,
  lebendige  Maschine  gepanzert  und  gewaffnet
durch  alle  die  wunderbaren  Errungenschaften  der
modernen  Technik.  Die  tragbaren  NUervenbündel,  die
Telephondrähte,  zieht  der  Soldat  von  heute  überall
hinter  sich  her  wie  die  Spinne  ihren  Jaden;  er  wühlt
sich  in  die  Erde  ein  wie  ein  Maulwurf;  er  versteckt
sich  vor  dem  Weltblick  der  wunderbaren  modernen
Fernrohre  und  Deriskope;  er  übt  Mimicru  nach  dem
Beispiel  so  vieler  sonderbarer  Tiere  und  Pflanzen,
indem  er  sein  Kleid  dem  Erdboden  anähnelt,  und  seine
Mordwerkzeuge  mit  Laub  bedeckt  hinter  künstlichen
Wäldern  schlau  versteckt.  Doch  er  tut  das  nicht  aus
Heigheit,  sondern  weil  er,  ebenso  wie  der  Leind  seine
Kugen,  losgetrennt  vom  Körper,  hoch  in  die  Luft  zu
schicken  vermag.  Der  moderne  Krieg  ist  eine  große,
dröhnende,  leuchtende  heimlichkeit,  ein  Dersteckspiel
von  furchtbaren,  gewaltigen  Riesen  ausgeführt.  Er

 

81
        <pb n="84" />
        hat  eine  ganz  neue  Art  von  Romantik,  eine  ganz  neue
Art  von  Heroismus  erzeugt;  er  mußte  sich  auf  die
hinterhältigkeit  und  Heimlichkeit  verlegen,  weil  jene
fliegenden  Qugen  ihn  dazu  zwangen.  Das  rralte,
ewige  Heldentum  des  todesverachtenden  Mannesmutes
  bricht  erst  beim  Sturmangriff  herrlich  durch;
aber  die  noch  nie  dagewesene  überwältigendste  K#
von  beldentum  beweisen  doch  jene  tollkühnen  Spione
der  TLuft,  die  sich  nicht  verstecken  und  verkleiden,  die
sogar  noch  ihr  Kommen  dem  Leinde  vorher  anzeigen
durch  das  Rattern  ihrer  Maschinen  und  Brummen
ihrer  Propeller.

Ernst  Freiherr  von  Wolzogen.

Qg6e  unsere  deutsche  Jugend,  die  noch  nicht  berufen
  ist,  mit  den  Waffen  in  der  hand,  an  diesem
Kriege  teilzunehmen,  die  großen  Eindrücke,  die  ihr  Gemüt
  von  der  durchlebten  Seit  empfangen  hat,  nicht
verflüchten,  sondern  in  ihrem  späteren  Leben  auf  sich
wirken  lassen.  Es  ist  für  mich  kein  Sweifel,  daß  der
vaterländische  Geist  unserer  Jugend  durch  die  Erinnerung
  an  die  schweren  Gefahren,  in  die  wir  durch
den  Ueid  und  die  Mißgunst  unserer  Leinde  gebracht
worden  sind,  zur  höchsten  Entwickelung  gesteigert  werden
  wird.

Berlin,  den  8.  Mai  1915.

Kraetke,
Staatssekretär  des  Reichs-Postamts.

 

82
        <pb n="85" />
        Univerlitäts-Profellor  Dr.  dlerner  Sombart,
Berlin:

Die  andern  und  wir.

D.  einzige  Beziehung,  die  wir  jetzt  zu  den  Hauptvölkern
  Europas  unterhalten,  ist  der  Krieg,  und  die
einzig  wichtige  Sache  ist  einstweilen  keine  andere  als
diese,  daß  wir  siegen,  gründlich,  entscheidend  siegen.

Man  hat  mir  wohl  entgegengehalten:  Deine  Ermahnungen
  zur  Kbkehr  vom  händlergeist  vertragen  ja
im  GErunde  diesen  Willen  zum  Siegen  gar  nicht,  der
doch  der  Kusfluß  eines  starken  Staatsgefühles  ist.  Du
müßtest  ja  doch  wünschen,  daß  Deutschland  als  Staatsgebilde
  wieder  so  schwach  würde  wie  ums  Jahr  1800,
denn  damals  ist  ja  jene  Weltanschauung  ausgebildet,
die  du  uns  preisest.  Deine  Ideale  begegnen  sich  ja  mit
den  Wünschen  und  Dorschlägen  wohlmeinender  Kusländer,
  die  uns  Deutschen  den  guten  Rat  geben,  uns  auf
unser  Reich  in  den  Wolken  wieder  zurückzuziehen  und  die
Erde  und  das  Meer  den  übrigen  Mationen  zu  überlassen.

Ihr  irrt,  meine  Kreunde,  wenn  ihr  solcherlei  Einwände
  gegen  mich  erhebt.  Zwar  glaube  ich,  daß  jene
staatenlose  Jeit  vor  hundert  Jahren  ein  Segen  für  die
Deutschen  gewesen  ist,  die  in  dieser  Seit,  als  die  andern
Nationen  verflachten,  sich  vertiefen  konnten.  Kber
was  ohne  Staat  entstehen  konnte:  ein  starkes,  tiefes
Dolkstum,  das  kann  nicht  ohne  Staat  bestehen,  denn
es  würde  den  übrigen  Staaten  zum  Opfer  fallen.  Was
aus  staatenlosen  oder  staatenschwachen  Dölkern  wird:
dafür  bieten  uns  die  „kleinen“  Nationalitäten  in

 

83
        <pb n="86" />
        Europa  Beweis  genug.  Der  Staat  ist  wie  ein  Panzer,
der  den  zarten  Dolkskörper  schützen  muß,  wie  die
rauhe,  feste  Schale,  die  die  reife  Irucht  umschließt.
Das  hatten  auch  schon  damals,  als  wir  ohne  Staat
waren,  die  Männer  der  klassischen  Zeit  begriffen,  und
niemand  hat  es  mit  treffenderen  Worten  ausgesprochen,
  als  der  gereifte  Dbumboldt,  der  als  junger
Mann  eine  so  leidenschaftliche  Schrift  gegen  allen
Staat  geschrieben  hatte.  Er  äußert  sich  in  einer  Denkschrift
  an  Stein  aus  dem  Jahre  1813  Citiert  bei
Meinecke,  185)  wie  folgt:

„Deutschland  muß  frei  und  stark  sein,  nicht  bloß,
damit  es  sich  gegen  diesen  oder  jenen  Nachbar  oder
überhaupt  gegen  jeden  Leind  verteidigen  könne,  sondern
  deswegen,  weil  nur  eine  auch  nach  außen  hin
starke  Mation  den  Geist  in  sich  bewahrt,  aus  dem  auch
alle  Segnungen  im  Innern  strömen;  es  muß  frei  und
stark  sein,  um  das,  auch  wenn  es  einer  Prüfung  ausgesetzt
  würde,  notwendige  Selbstgefühl  zu  nähren,
seiner  Nationalentwicklung  ruhig  und  ungestört  nachgehen
  und  die  wohltätige  Stelle,  die  es  in  der  Mitte
der  europäischen  Nationen  für  dieselben  einnimmt,
dauernd  behaupten  zu  können.“

Nein,  meine  Sreunde:  Ihr  verwechselt  Materialismus
  und  Realismus;  freilich  ist  jener  mit  einer
idealistischen  Weltanschauung  nicht  vereinbar,  wohl
aber  dieser.  Wir  wollen  Idealisten,  aber  keine  Ideologen,
  keine  Wolkensegler  sein,  sondern  fest  auf  der
Erde  stehen  und  uns  von  Meer  und  Erde  so  viel
nehmen,  als  wir  für  unser  Dasein  und  unser  normales
Wachstum  brauchen:  nicht  mehr,  aber  auch  nicht

 

84
        <pb n="87" />
        weniger.  Unser  Reich  ist  von  dieser  Welt.  Und  gerade
das  ist  ja  die  besondere  Note  der  hier  vertretenen  uffassung:
  daß  wir  die  stärkste  Realität  auf  dieser  Erde,
den  Willen  zur  Macht,  der  sich  im  Staate  verkörpert,
in  den  Dienst  einer  idealistischen  Weltanschauung
stellen,  daß  wir  an  deren  Erhaltung  ohne  solche  bilfe,
die  ihr  aus  dem  Staatsgefühl  her  kommt,  nicht  zu
glauben  vermögen.

Wollen  wir  aber  ein  starker  Staat  bleiben,  so
müssen  wir  auch  siegen.  Und  auch  der  Einwand,  den
ich  höre,  ist  nicht  berechtigt:  daß  für  unsere  geistige
Dertiefung,  für  die  Rettung  unserer  Seele  ein  unglücklicher
  Krieg  noch  segensreicher  sein  würde  als  ein  siegreicher.
  Gewiß:  ein  verlorener  Krieg  würde  zur
inneren  Einkehr,  zur  Jerknirschung  führen,  aber
schwerer  zu  einem  tätigen  Leben  im  Cichte  der  idealistischen
  Weltbetrachtung.  Und  das  erstreben  wir  doch.
Denn  erst  der  Sieg  gewährt  uns  die  Überzeugung,  daß
das  Gute,  das  Edle,  das  Littlich  Große  doch  auch  auf
dieser  Erde  noch  eine  Wohnstatt  habe,  daß  diese  Erde
nicht  völlig  dem  Krämergeist  verfallen,  daß  noch  nicht
alle  Macht  bei  dem  Gelde  sei.  Nur  ein  starker  Sieg
gibt  uns  chwung  und  HSrohmut.

Ein  starker  #ieg  verschafft  uns  aber  auch  erst  die
Möglichkeit,  uns  um  die,  die  um  uns  herum  sind,  nicht
weiter  kümmern  zu  müssen.  Wenn  der  Deutsche  dasteht,
  gestützt  auf  sein  riesiges  Schwert,  stahlgepanzert
von  der  Sohle  bis  zum  haupte,  dann  mag  da  unten
um  seine  Süße  herumtanzen,  was  will,  da  mögen  sie
ihn  beschimpfen  und  mit  Schmutz  bewerfen,  wie  sie
es  jetzt  schon  tun:  die  „Intellektuellen“,  die  Künstler
        <pb n="88" />
        und  Gelehrten  Englands,  Srankreichs,  Rußlands,
Italiens:  er  wird  sich  in  seiner  erhabenen  Ruhe  nicht
stören  lassen  und  wird  im  Sinne  seiner  Dorfahren  in
Europa  nur  bei  sich  denken:

„Oderint,  dum  metuant.“

Was  aber  wird  dann,  so  fragen  ängstliche  Gemüter,
  denen  das  Deutschtum  noch  etwas  fremo  ist,
aus  dem  gelobten  „Internationalismus“,  an  dem  wir
seit  Jahrzehnten  so  eifrig  gebaut  haben,  und  der  uns
doch  im  Grunde  den  einzigen  Wert  bedeutet?  Ich  will
nicht  so  grob  sein,  auf  diese  Irage  ohne  Umschweife  zu
antworten:  „hol  ihn  der  Teufel“  („und  nehme  er  bei
dieser  Gelegenheit  euch  gleich  mit!"),  sondern  will
mich  einen  Kugenblick  besinnen,  was  denn  eigentlich
unter  diesem  „Internationalismus“  zu  verstehen  sei,
und  welche  Bewandtnis  es  mit  ihm  habe.

Offenbar  umfaßt  die  Bezeichnung  „Internationalismus“
  sehr  verschiedene  Dinge,  will  sagen:  daß
die  Beziehungen  der  Dölker  untereinander  recht  mannigfacher
  Matur  sind.  Da  haben  wir  zunächst  die  materiellwirtschaftlichen
  Beziehungen,  die  ökonomische  „Krbeitsteilung“
  der  Dölker  untereinander.  Daß  diese  ein
großes  Hroblem  für  sich  ist,  steht  außer  Srage.  ber
es  gehört  nicht  in  den  Gedankenkreis  dieser  Schrift,
und  deshalb  brauche  ich  mich  an  dieser  Stelle  nicht  mit
ihm  zu  befassen.  Ganz  im  allgemeinen  will  ich  nur  zu
diesem  Thema  bemerken,  daß  wir  solcher  Krt  Internationalismus
  immer  in  dem  Maße  haben  können,
als  wir  seiner  bedürfen:  denn  hier  entscheidet  das  rein
geschäftliche  Interesse,  das  ja  bei  unserm  ärgsten

 

86
        <pb n="89" />
        Heinde  das  einzige  ist.  Im  übrigen  wird  uns  der  Krieg
mehr  und  eindringlicher  Zzum  Bewußtsein  bringen,
daß  alle  internationalen  Wirtschaftsbeziehungen  ein
notwendiges  Übel  sind,  das  wir  so  klein  wie  möglich
machen  sollen.  Es  wird  zweifellos  die  dringlichste
Kufgabe  der  Dolkswirtschaftspolitik  nach  dem  Kriege
sein:  Mittel  und  Wege  zu  finden,  auf  denen  wir  zu
einer  möglichst  großen  wirtschaftlichen  Kutonomie
Deutschlands  gelangen.

Eng  verwandt  mit  diesem  ökonomischen  Internationalismus
  ist  derjenige,  den  man  als  institutionellen
  oder  Rechts-Internationalismus  bezeichnen  kann.
Er  umfaßt  alle  übmachungen  und  Derträge  über
irgendwelche,  meist  dem  Derkehrsleben  entsprungene,
gemeinsame  oder  entgegengesetzte  Interessen  der  verschiedenen
  Staaten.  hier  ist  die  endlose  Reihe  der
Konventionen  zu  nennen,  von  der  Post  und-TLelegraphenverträgen
  bis  zu  den  internationalen  rbeiterschutzgesetzen
  und  der  Genfer  Konvention.  Dieser  Teil
des  Internationalismus  hat  zweifellos  viel  Gutes  gestiftet
  und  mag  in  Jukunft  sich  ungestört  weiter  entwickeln.
  Wird  es  auch,  da  er  ja  aus  dem  Interesse  der
einzelnen  Staaten  entsprungen  ist.

Dann  gibt  es  einen  politischen  Internationalismus
  wiederum  in  verschiedenem  Sinne.  Er  kann  die
diplomatischen  Beziehungen  der  selbständigen  Staaten
untereinander,  also  „Bündnisse“  aller  Krt,  bedeuten,
von  denen  hier  natürlich  gar  nicht  die  Rede  ist;  er
kann  aber  auch  die  Bestrebungen  bedeuten,  die  Grenzen
  der  selbständigen  Staaten  zu  verwischen  und  eine
politische  Dereinigung  der  Angehörigen  der  verschie- 



87
        <pb n="90" />
        denen  Völkerschaften  herbeizuführen.  Wenn  es  wohl
auch  zurzeit  keinen  Anacharsis  Cloots,  keinen  „orateur
du  genre  lhumain“  unter  den  frei  herumlaufenden
Menschen  gibt,  so  spukt  doch  die  Jdee  der  „VDölkerverbrüderung“,
  wie  man  weiß,  noch  heute  in  zahlreichen
  Röpfen  und  feiert  auf  allen  internationalen
Sozialistenkongressen  ihre  Jeste.  Daß  die  internationale
  Tendenz  des  roletariats  vom  Standpunkte  der
bier  vertretenen  Anschauungen  nur  ein  schweres  übel
ist,  brauche  ich  nicht  erst  ausdrücklich  auszusprechen.
Wie  weit  unsere  Krbeiterschaft,  die  aus  den  Schützengräben
  heimkehrt,  von  dieser  Krankheit  geheilt  sein
wird,  muß  abgewartet  werden.  Und  ob  sie  —  was  zu
wünschen  wäre  —  stark  genug  sein  wird,  sich  von  jener
Tlique  internationaler  Redakteure  frei  zu  machen,  die
ihnen  bis  jetzt  das  schwere  Joch  des  Internationalismus
  aufgelegt  hat.  Ju  hoffen  ist,  daß  unsere  deutsche
Sozialdemokratie,  die  trotz  allem  Andersreden,  doch
immer  die  patriotischest  gesinnte  gewesen  ist,  —  zum
#rger  der  radikalen  Internationalisten  auf  den  verschiedenen
  Kongressen:  ich  erinnere  an  die  Militärdebatte
  in  Stuttgart!  —  nun  erst  recht  die  nationale
Note  der  Krbeiterbewegung  wieder  betonen  wird.  Erfreuliche
  Anzeichen  dafür,  daß  sie  es  tun  wolle,  liegen
in  mancher  schriftlichen  und  mündlichen  äußerung
deutscher  #ozialdemokaten  schon  jetzt  vor.

Bleibt  der  kulturelle  oder  geistige  Internationalismus,
  mit  welcher  Bezeichnung  man  alle  Beziehungen
der  Dölker  untereinander  auf  wissenschaftlichem,  künstlerischem,
  gesenigem  Gebiete  zusammenfassen  kann.

EGott  sei  Dank  wird  für  die  nächste  Seit  das  Maß

 

88.
        <pb n="91" />
        der  internationalen  Beziehungen  dieser  Krt  von  den
feindlichen  Nationen  bestimmt,  so  daß  wir  uns  selbst
darum  nicht  zu  sorgen  brauchen.  Immerhin  ist  es  gut,
daß  wir  uns  schon  jetzt  völlig  klar  werden,  was  bei
einem  Derlust  oder  einer  Einschränkung  oder  auch  einer
(späteren  I)  Ausdehnung  dieser  Beziehungen  für  uns
in  Frage  steht.

Im  GErunde  brauchen  wir  Deutsche  in  geistigkultureller
  hinsicht  niemand.  Kein  Dolk  der  Erde
kann  uns  auf  dem  Gebiete  der  Wissenschaft,  der  Technologie,
  der  Kunst  oder  der  Citeratur  irgend  etwas
Nennenswertes  geben,  das  zu  entbehren  für  uns
schmerzlich  wäre.  Besinnen  wir  uns  doch  auf  den  unerschöpflichen
  Reichtum  des  deutschen  Wesens,  das
alles  in  sich  schließt,  was  menschliche  Kultur  an  wirklichen
  Werten  zu  erzeugen  vermag.  Man  braucht  kein
Deutschfex  zu  sein,  um  das  einzusehen.

Uun  gehört  es  aber  zur  deutschen  Krt  (manche
nennen  es  eine  deutsche  Unart),  daß  wir  immer  für
fremdes  Wesen  Sinn  und  Ciebe  gehabt  haben.  Es
bieße  undeutsch  sein,  nur  deutsch  sein  zu  wollen,  hat
man  gesagt.  Das  hängt  wiederum  mit  unserem
geistigen  Reichtum  zusammen.  Wir  verstehen  alle
fremden  Dölker,  keines  versteht  uns,  und  keines  kann
uns  verstehen.  Darum  entdecken  wir  Werte  in  fremden
Kulturen,  die  wir  uns  zunutze  machen  möchten.  Und
wenn  wir  bei  dieser  Ergänzung  unseres  Wesens  das
richtige  Maß  und  bestimmte  Richtlinien  einhalten,
so  haftet  ihr  kein  Bedenken  an.  Hüten  müssen  wir  uns
freilich,  das  ruft  ja  jedes  meiner  Worte  warnend  aus,
hüten  müssen  wir  uns  wir  vor  der  Dest  vor  jeder  Er- 



89
        <pb n="92" />
        scheinungsform  des  händlerischen  Geistes,  auf  welchem
Eebiete  er  sich  auch  äußere.  Wir  müssen  als  tief  unter
uns  stehend  alles  erkennen,  was  nach  „westeuropäischen
Jdeen“  ausschaut,  was  mit  Kommerzialismus  auch  nur
entfernt  verwandt  ist.  Gar  nichts  „lernen“  von  irgendeinem
  Dolke  der  Erde  können  wir  deshalb  in  allen  Fragen
der  inneren  DHolitik,  der  Derfassung  und  Derwaltung.
Wir  danken  Herrn  Hräsident  Eliot  und  all  den  anderen,
èie  sich  angelegen  sein  lassen,  uns  eine  „bessere“  Derfassung
  zu  verschaffen,  herzlich  für  ihren  guten  Willen,
erklären  aber  mit  höflicher  Bestimmtheit,  daß  wir  selber
am  besten  wissen,  was  für  uns  in  politischer  hinsicht
taugt,  und  das  wir  alles,  was  westlich  von  der  deutschen
Grenze  an  Derfassungen  sich  im  Kugenblick  zu  Tode
rennt,  als  höchst  minderwertig  erachten.

Daß  auch  die  englische  Derfassung  und  Derwaltung,
  an  deren  Ultären  unser  #ltliberalismus  geopfert
hat,  mindestens  heute  für  uns  kein  Dorbild  mehr  sein
kann,  haben  wohl  alle  Sachkundigen  jetzt  eingesehen.

Anders  steht  es  auf  wissenschaftlichem  und  künstlerischem
  Gebiet.  hier  können  uns  die  fremden  Kulturen
  manche  Knregung  bieten.  Ob  die  deutsche
Wissenschaft  irgendwelche  Jörderung  vom  Kuslande
erfahren  kann?  Die  Bücher,  die  wir  mit  Dorteil  lesen,
bekommen  wir  nach  Wunsch.  Die  internationalen
Wissenschaftskongresse  werden  hoffentlich  für  absehbare
  zeit  verschwinden;  auch  wenn  alle  internationalen
  zeitschriften  eingingen,  wenn  der  Gelehrtenaustausch
  ein  paar  Jahrzehnte  mal  in  Wegfall  käme:
es  wäre  für  uns  kein  Schade.  Beim  „Hustausch“  sind
wir  fast  immer  die  Gebenden.  Bleibt  die  „Anregung“

 

90
        <pb n="93" />
        Auf  Vorposten!
Nach  einer  Originalzeichnung  von  K.  Roloff.

91
        <pb n="94" />
        durch  fremdländische  Kunst  und  TLiteratur.  Dersteht
man  darunter,  daß  wir  uns  der  Erzeugnisse  fremder
Länder  mitfreuen  wollen,  so  ist  nichts  dagegen  zu
sagen.  Daran  werden  wir  aber  kaum  je  gehindert
werden  können.  Dersteht  man  darunter,  daß  fremde
Künstler,  fremde  Dichter  in  Deutschland  mit  Vorliebe
gepflegt  und  gefördert  werden,  so  ist  das  eine  Unsitte,
die  gern  verschwinden  könnte.  Dersteht  man  darunter
endlich,  daß  unsere  Schaffenden  sich  von  den  remden
beeinflussen  lassen,  so  liegt  in  einem  derartigen  Derhältnis
  eine  schwere  Gefahr  für  die  deutsche  Kunst,  die
wahrhaftig  solcher  Ermunterungen  von  auswärts
nicht  nötig  hat.  Ich  möchte  jedem,  der  immerfort  von
dem  fruchtbaren  Einfluß  der  fremden  Kulturen  auf
unser  deutsches  Geistesleben  redet,  die  Worte
Goethes,  der  doch  gewiß  kein  „Deutschtümler“  und
kein  „Chauoinist“  war,  vor  die  Seele  halten:

„Der  Deutsche  läuft  keine  größere  Gefahr,  als  sich
mit  und  an  seinen  Nachbarn  zu  steigern;  es  ist  vielleicht
  keine  Nation  geeigneter,  sich  aus  sich  selbst  zu
entwickeln,  deswegen  es  ihr  zum  größten  Vorteil  gereichte,
  daß  die  Außenwelt  von  ihr  so  spät  Notiz  nahm.“

„Jetzt,  da  sich  eine  Weltliteratur  einleitet,  hat,
genau  besehen,  der  Deutsche  am  meisten  zu  verlieren:
er  wird  wohl  tun,  dieser  Warnung  nachzudenken.“

Daß  fremde  Kulturen  uns  geistige  Werte,  sei  es
zum  Genus,  sei  es  zur  Lörderung  darbieten,  gilt  selbstverständlich
  immer  mit  Kusschluß  Englands,  das
geistige  Werte  überhaupt  nicht  erzeugt,  und  dessen
andere  „Kulturgüter“  wir  in  ihrer  Derderblichkeit
schon  kennen  gelernt  haben.

 

92
        <pb n="95" />
        Das  Gerede  von  dem  „Zusammengehören“  dieser
beiden  „stammverwandten“  Dölker:  der  Engländer  und
der  Deutschen,  wird  nun  hoffentlich  endgültig  verstummen.
  Es  gibt  nichts  Dümmeres  als  das.  Die  Engländer
sind  unserem  Wesen  nicht  nur  völlig  fremd,  wie  alle
anderen  Nationen.  Sie  können  uns  auch  in  keinem
Sinne  ergänzen  oder  bereichern  oder  erfreuen  mit  ihrer
Kultur,  wie  es  die  slawischen,  die  romanischen,  die  nordgermanischen,
  die  keltischen  Nationen  immerhin  tun.

Uun  gibt  es  aber  Leute,  die  die  Beziehungen  der
verschiedenen  Dölker  untereinander  nicht  auf  solcherart
  „Anregungen“  oder  „Bereicherungen“  der  eigenen
nationalen  Kultur  beschränkt  wissen  wollen,  die  vielmehr
  so  etwas  wie  eine  europäische  oder  westeuropäische
  Kulturgemeinschaft  erhoffen,  der  dann  auch
ein  neuer  Menschentup:  der  europäische  Mensch,  der
„gute  Europäer“,  entsprechen  solle.  Es  sind  keine
Slachköpfe,  die  diese  Hoffnung  hegen  und  insbesondere
  von  diesem  Kriege  erwarten,  daß  er  uns  einen
Schritt  vorwärts  auf  dem  Wege  zum  europäischen
Menschen  bringen  werde.  Ihr  Sührer  ist  Nietzsche,
wie  man  weiß,  der  das  Schlagwort:  „Wir  guten
Europäer“  geprägt  hat,  und  dessen  „Übermensch“
man  wohl  in  diesem  Sinne  deutet.  Dieser  „gute
Europäer“,  den  die  einzelnen  in  verschiedener  Weise
territorial  abgrenzen,  was  aber  hier  nicht  in  Betracht
kommt,  würde  also  streng  genommen  kein  Deutscher,
kein  Sranzose,  kein  Engländer  sein,  sondern  Deutscher,
+  FSranzose  +  Engländer,  dividiert  durch  drei.  Ein
inter-,  das  heißt  zwischen=  oder,  wenn  man  lieber  will,
übernationaler  Mensch.

 

93
        <pb n="96" />
        Ich  halte  diese  Idee  eines  europäischen  Menschen
für  grundsätzlich  verkehrt.  Der  ganze  Gedanke  ist,
scheint  mir,  falsch  gedacht,  wie  folgende  Erwägungen
erkennen  lassen.

Die  Konstruktion  eines  „europäischen  Menschen“
als  dem  ziele  unserer  Entwicklung  geht  wie  alle  ganzen
oder  teilweisen  „Menschheitsideale",  die  in  deutschen
Seelen  lebendig  werden  (soweit  sie  nicht  in  christlichen
nschauungen  verankert  sind),  auf  die  humanitätsideen
  unserer  „Meimarer“  zurück.  Unter  diesen  ist
es  ja  vor  allem  herder  gewesen,  der  diese  Idee  entfaltet
  hatte:  daß  es  die  höchste  Aufgabe  jedes  Menschen
auf  Erden  sei,  seinem  „idealistischen  Menschen“,  das
heißt  seiner  eigenen,  gottähnlichen  Idee  sich  anzunähern.
  Das  —  und  nicht  etwas  ganz  Slaches,  wie
dann  unter  dem  Einfluß  der  Westeuropäer  daraus  gemacht
  wurde  —  ist  der  Sinn  des  Begriffes  humanität
bei  jenen  edlen  Geistern.  „Ich  wünschte“,  heißt  es  bei
berder,  „daß  ich  in  das  Wort  humanität  alles  fassen
könnte,  was  ich  bisher  über  des  Menschen  edle  Bildung
zur  Dernunft  und  Sreiheit,  zu  feineren  Sinnen  und
Grieben,  zur  zartesten  und  stärksten  Gesundheit,  zur
Erfüllung  und  Beherrschung  der  Erde  gesagt  habe;
denn  der  Mensch  hat  kein  edleres  Wort  für  seine  Bestimmung,
  als  er  selbst  ist,  in  dem  das  Bild  des  Schöpfers
  unserer  Erde,  wie  es  hier  sichtbar  werden  konnte,
abgedrückt  lebt.“

Uun  hatten  aber  schon  die  Männer  jener  Tage
einsehen  müssen,  daß  die  Sugehörigkeit  des  Menschen
zu  den  verschiedenen  Dölkern  völlig  voneinander  abweichende
  Geister  und  Charaktere  erzeugte.  Wir  er- 



94
        <pb n="97" />
        innern  uns,  was  Schiller,  was  Wilhelm  von  Humboldt
über  die  Bedeutung  des  Nationalen  in  der  Menschheitsbildung
  bereits  auszusagen  wußten.  Im  Grunde
liefen  Berders  „Ideen“"  selbst  schon  hinaus  gerade  auf
eine  Kufdeckung  der  verschiedenen  Dolksindividualitäten.
  Und  sein  bekannter  Satz:  „Die  Kultur  rückt
fort,  sie  wird  aber  darum  nicht  vollkommener“  widersprach
  der  landläufigen  uffassung  vom  „Fortschreiten
des  Menschengeschlechts".

humboldt  meinte  schon  geradezu,  daß  durch  die
feinere  Ausbildung  der  Sprache,  der  Philosophie  und
der  Kunst  die  Individualität  und  die  Derschiedenheit
der  einzelnen  Nationen  zunehme,  das  innigere  Derstehen
  verschiedener  Nationen  schwerer  werden  würde.
Diese  Überzeugung  hat  sich  seitdem  je  mehr  und  mehr
bei  allen  Tieferblickenden  befestigt.  Die  Angehörigen
verschiedener  Dölker  sind  gleichsam  zu  besonderen
Arten  geworden.  Und  ebenso  wie  es  einen  abstrakten
Baum  anderswo  als  in  unserer  Dorstellung  nicht  gibt,
so  gibt  es  auch  keinen  abstrakten  Menschen  in  einem
anderen  Sinne.  Es  gibt  vor  allem  keinen  außernationalen
  Menschen  als  IJdee,  der  sich  anzunähern
die  lufgabe  der  nationalen  Menschen  sein  könnte.  Es
hieße  alle  Menschheitswerte  zerstören,  wollte  man  die
nationalen  Eigenarten  vermischen  oder  verwischen.
Jeder  Mensch  kann  sich  nur  vervollkommnen  im
Rahmen  seiner  völkischen  Eigenart.  Der  Deutsche,
der  Hranzose,  der  Engländer  können  sich  steigern  zu
Überdeutschen,  Überfranzosen,  Überengländern,  niemals
  aber  zu  einem  Übermenschen,  und  also  auch  schon
nicht  zu  einem  „Europäer“".  Wie  sollte  das  geschehen?

 

95
        <pb n="98" />
        Nehmen  wir  die  Gegensätze  des  englischen  und  deutschen
  Dolksgeistes.  Der  Engländer  denkt  in  händlerischem,
  der  Deutsche  in  heldischem  Sinne:  und  der
Dritte,  der  aus  den  beiden  sich  bilden  soll?  Er  kann
nicht  halb  händlerisch,  halb  heldisch  denken,  oder  wenn
er  es  täte,  so  hieße  das  eine  Hebung  des  Engländers,
aber  dafür  eine  Senkung  des  Deutschen.  Der  dritte
Mensch  könnte  sich  zu  der  höheren  Weltauffassung,
der  heldischen,  bekennen  und  diese  immer  tiefer  erfassen:
  dann  wäre  er  eben  kein  dritter  Mensch,  sondern
er  wäre  ein  über  den  früheren  Deutschen  hinaus  gesteigerter
  Mensch.  Noch  undenkbarer  ist  ein  metanationaler
  Übermensch  als  Erschaffer  von  Kunstwerten.
  In  welcher  Sprache  soll  denn  der  Übermensch,
der  kein  Deutscher  und  kein  Engländer  ist,  dichten?
In  Esperanto  vielleicht?  Ich  wünsche  gesegneten
Hppetit.

bat  nicht  Nietzsche  selbst  sein  Idealbild  des  metanationalen
  „guten  Europäers“  zerstört  mit  den  orten
Sarathustras:

„Tausend  Ziele  gab  es  bisher,  denn  tausend  Dölker
gab  es.  Uur  die  Lessel  der  tausend  Nacken  fehlt  noch,
es  fehlt  noch  das  eine  Ziel.  Noch  hat  die  Menschheit
kein  ziel.

ber  sagt  mir  doch,  meine  Brüder:  wenn  der  Menschheit
  das  Jiel  noch  fehlt,  fehlt  da  nicht  auch  —  sie
selber  noch?“

Mein.  Wir  müssen  auch  die  letzten  Reste  des  alten
IJdeals  einer  fortschreitenden  „Menschheits“entwicklung
aus  unserer  Seele  austilgen.  Nicht  von  Dolk  zu  Dolk
gibt  es  einen  „Lortschritt“  zu  höherem:  wir  sind  nicht
weiter  „fortgeschritten“  als  die  Griechen,  wenn  wir
        <pb n="99" />
        den  Begriff  Fortschritt  nicht  rein  als  Ingenieurbegriff
fassen.  Dielmehr  wirkt  sich  die  Gottheit  in  den  verschiedenen
  Dolksindividualitäten  aus,  die  in  sich  „fortschreiten",
  das  heißt  ihr  eigenes  Wesen  vervollkommnen,
  sich  ihrer  Idee  annähern  könnmen,  so  wie  der
einzelne  Mensch  bei  seinen  Cebzeiten  fortschreiten  kann,
indem  er  sein  natürliches  Dasein  dem  idealischen  Menschen
  in  seinem  Innern  anzunähern  vermag.  In  jedem
Dolke  wirkt  eine  bestimmte  Lebenskraft,  die  nach  Entfaltung
  strebt  und  die  Eigenart  dieses  Dolkes  in
seiner  Geschichte  verwirklicht.  Die  einzelnen  Dölker
wachsen,  blühen  und  welken  wie  Blumen  im  Garten
Gottes:  das  allein  vermögen  wir  als  den  Sinn  der
Menschbeitsentwicklung  zu  erkennen.  Und  die  Jdee
der  Menschheit,  also  die  Dumanitätsidee,  in  ihrem
tiefsten  Sinne  kann  nicht  anders  verstanden  werden
als  dahin:  daß  sie  in  einzelnen  Edelvölkern  zu  ihrer
höchsten  und  reichsten  KQuswirkung  gelangt.

Das  sind  dann  jeweils  die  Dertreter  des  Gottesgedankens
  auf  Erden:  das  sind  die  auserwählten
Dölker.  Das  waren  die  Griechen,  das  waren  die  Juden.
Und  das  auserwählte  Dolk  dieser  Jahrhunderte  ist  das
deutsche  Dolk.

Weshalb  es  das  ist,  sollen  diese  Zeilen  erweisen:
weil  es  sich  zur  heldischen  Weltanschauung  bekennt,
die  allein  in  dieser  Jeit  den  Gottesgedanken  auf  Erden
in  sich  schließt.

Uun  begreifen  wir  aber  auch,  warum  uns  die
andern  Dölker  mit  ihrem  Haß  verfolgen:  sie  verstehen
uns  nicht,  aber  sie  empfinden  unsere  ungeheure  geistige
Überlegenheit.  5o  wurden  die  Juden  im  Zltertum

 

97
        <pb n="100" />
        gehaßt,  weil  sie  die  Statthalter  Gottes  auf  Erden
waren,  solange  nur  sie  die  abstrakte  Gottesidee  in
ihren  Geist  aufgenommen  hatten.  Und  sie  gingen
hocherhobenen  Hauptes,  mit  einem  verächtlichen
Lächeln  auf  den  Lippen,  durch  das  Dölkergewimmel
ihrer  Seit,  auf  das  sie  von  ihrer  stolzen  Höhe  geringschätzig
  herabsahen.  Sie  wußten  warum.  Sie  schlossen
sich  auch  ab  gegen  alles  fremde  Wesen,  aus  Besorgnis,
das  heilige,  das  sie  mit  sich  trugen,  könne  durch  die  Berührung
  mit  Ungläubigen  besudelt  werden.  lso  lebten
die  Griechen  in  ihren  besten  Tagen  unter  den  Barbaren.

So  sollen  auch  wir  Deutsche  in  unserer  zeit  durch
die  Welt  gehen,  stolz,  erhobenen  Hauptes,  in  dem
sicheren  Gefühl,  das  Gottesvolk  zu  sein.  So  wie  des
Deutschen  Dogel,  der  Kar,  hoch  über  allem  Getier
dieser  Erde  schwebt,  so  soll  der  Deutsche  sich  erhaben
fühlen  über  alles  Gevölk,  das  ihn  umgibt,  und  das  er
unter  sich  in  grenzenloser  Tiefe  erblickt.

ber  daß  ldel  verpflichtet,  gilt  auch  hier.  Die
Jdee,  das  auserwählte  Dolk  zu  sein,  lädt  gewaltige
Pflichten  —  und  nur  HPflichten  —  auf  uns.  Wir
müssen  uns  vor  allem  in  der  Welt  als  ein  starkes  Dolk
erhalten.  Micht  auf  Eroberung  der  Welt  ziehen  wir
aus.  habt  keine  Ungst,  ihr  lieben  Nachbarn:  verschlingen
  werden  wir  euch  nicht.  Was  sollen  wir  mit
diesen  unverdaulichen  Bissen  im  Magen?  Und  halb
zivilisierte  oder  Naturvölker  zu  erobern,  um  sie  mit
deutschem  Geiste  zu  erfüllen,  danach  steht  unser  Begehr
auch  nicht.  Eine  solche  „Germanisierung“  ist  gar  nicht
möglich.  Der  Engländer  kann  in  diesem  Sinne  allenfalls
  kolonisieren  und  fremde  Dölker  mit  seinem  Geiste

 

98
        <pb n="101" />
        erfüllen.  Er  hat  ja  keinen.  Es  sei  denn  der  Krämergeist.
  Ju  einem  händler  kann  ich  jeden  beliebigen
Menschen  machen,  und  englische  Jiovilisation  verbreiten,
  ist  kein  Kunststück.  Das  den  Engländern  nachgerühmte,
  große  „RKolonisationstalent“  ist  nichts  als
ein  Kusdruck  ihrer  geistigen  Krmut.  Deutsche  Kultur
aber  andern  Dölkern  einzupflanzen:  wer  möchte  sich
des  unterfangen?  heldentum  kann  man  nicht  wie
Gasleitungen  an  jede  beliebige  Stelle  der  Erde  verlegen.
  Wir  Deutsche  werden  also  —  von  Rechts
wegen!  —  immer  schlechte  Kolonisatoren  bleiben.  Und
fremde  Länder  zu  akkumulieren,  wie  England:  das
scheint  uns  auch  nicht  der  Mühe  wert.  „Expansionstendenz“
  steckt  also  ganz  und  gar  nicht  im  neuen  Deutschland.
  Die  überlassen  wir  neidlos  England,  das  sie  in
sich  hat  wie  jedes  Marenhaus:  von  Rechts  wegen!
Wir  wollen  ein  starkes  deutsches  Dolk  und  also
ein  starker  deutscher  Staat  sein  und  bleiben  und  also
auch  wachsen  in  den  Grenzen  des  Organischen.  Und
wenn  es  notwendig  ist,  daß  wir  unsern  Länderbesitz
ausweiten,  damit  der  größere  Dolkskörper  Raum  bekomme,
  sich  zu  entfalten,  so  werden  wir  so  viel  Land
an  uns  nehmen,  als  uns  notwendig  erscheint.  Wir
werden  auch  unsern  Juß  dorthin  setzen,  wo  es  uns
aus  strategischen  Gründen  wichtig  dünkt,  um  unsere
unantastbare  Stärke  zu  erhalten:  werden  also,  wenn
es  unserer  Machtstellung  auf  der  Erde  frommt,
Slottenstationen  anlegen  etwa  in  Dover,  in  Malta,
in  Suez.  Weiter  nichts.  „Expandieren“  wollen  wir
uns  ganz  und  gar  nicht.  Denn  wir  haben  Wichtigeres
zu  tun.  Wir  haben  unser  eigenes,  geistiges  Wesen  zu

 

99
        <pb n="102" />
        entfalten,  haben  die  deutsche  Seele  rein  zu  erhalten,
haben  achtzugeben,  daß  der  Leind,  der  hBändlergeist,
nirgends  in  unsere  Sinnesart  eindringe:  nicht  von  außen
und  nicht  von  innen.  Diese  Kufgabe  aber  ist  eine  gewaltige
  und  verantwortungsvolle.  Denn  wir  wissen,  was
auf  dem  Spiele  steht:  Deutschland  ist  der  letzte  Damm
gegen  die  Ichlammflut  des  Kommerzialismus,  der  sich
über  alle  andern  Dölker  entweder  schon  ergossen  hat
oder  unaufhaltsam  zu  ergießen  im  Begriffe  ist,  weil
keines  von  ihnen  gegen  die  andringende  Gefahr  gepanzert
  ist  durch  die  heldische  eltanschauung,  die  allein,
wie  wir  gesehen  haben,  Rettung  und  Schutz  verheißt.

Möchten  Euch,  meine  lieben,  jungen  SFreunde,
denen  ich  diese  Blätter  widme,  meine  Worte  zu  herzen
dringen  und  in  Euch  den  Geist  stärken,  der  uns  zum
Siege  führen  wird:  den  deutschen  heldengeist.  Wir
die  wir  nicht  in  Euren  Reihen  mitkämpfen  können,
blicken  mit  Reid  auf  Euch,  die  Ihr  Euer  heldentum
mit  Eurem  Tode  besiegeln  dürft.  Wir  können  nichts
anderes  tun,  als  Euch  Schwerter  schmieden,  mit  denen
Ihr  bei  Eurer  Rückkehr  in  die  heimat  den  großen  und
schwierigen  Kampf  gegen  die  inneren  und  äußeren
Seinde  Eures  geistigen  heldentums  führen  sollt.

Möchten  diese  Worte  dazu  beitragen,  Euch  von
der  Sendung  zu  überzeugen,  die  Ihr  erfüllen  müßt,
und  die  nur  Ihr  erfüllen  könnt!

„Der  Menschheit  Würde  ist  in  Eure  hand  gegeben.

Bewahret  sie!
Sie  sinkt  mit  Euch,  mit  Euch  wird  sie  sich  heben.“

 

100
        <pb n="103" />
        Deutschland  in  Waffen.

Sr

Dieses  kleine  Buch  soll  der  gesamten  wehrfähigen
Bevölkerung  Deutschlands  gewidmet  sein.  Ju  einer
wehrfähigen  Bevölkerung  rechne  ich  jeden  deutschen
Jüngling  und  Mann,  der  gesonnen  ist,  für  die  Ehre  und
Machtstellung  des  Daterlandes  mit  der  Waffe  in  der
band  seine  Kraft  und  sein  Leben  freudig  einzusetzen.

Den  Jungen  aber  mag's  ein  Lingerzeig  und  eine
Anleitung  werden  für  die  kommenden  k#nforderungen,
die  ihrer  Kraft  und  ihres  guten  Willens  bei  der  Kbleistung
  der  Dienstzeit  harren.

Mehr  wie  andere  Länder  ist  unser  Daterland  darauf
  angewiesen,  seiner  guten  Wehr  zu  vertrauen.
Schlecht  geschützt  durch  seine  ungünstigen  geographischen
  Erenzen,  im  Sentrum  Europas  gelegen,  nicht
von  allen  Nationen  mit  Liebe  beobachtet,  hat  das
Oeutsche  Reich  vor  allen  andern  Dölkern  unserer  alten
Erde  die  heilige  Pflicht,  Heer  und  Slotte  stets  auf  der
Röhe  der  größten  Schlagfertigkeit  zu  erhalten.  Nur  so,
auf  das  gute  Schwert  gestützt,  können  wir  den  Platz  an
der  Sonne  erhalten,  der  uns  zusteht,  aber  nicht  freiwillig
  eingeräumt  wird.

Ein  waffenfroher  Geist  hat  stets  in  unserem  Dolke
gesteckt.  Schon  bei  den  alten  Germanen  ward  der
Jüngling  erst  dann  für  voll  angesehen,  wenn  ihm  die
Waffenweihe  zuteil  geworden  war.  Dieser  von

 

101
        <pb n="104" />
        tapferen  Ahnen  überkommene  Geist  ist  es  auch  gewesen,
  der  unsere  Väter  in  den  Kriegen  des  Großen
Kurfürsten,  Sriedrichs  des  Großen,  des  alten  Kaisers,
insbesondere  in  den  glorreichen  Schlachten  des  Leldzuges
  1870-71  und  noch  in  der  letzten  Zeit  auf  Deutsch-Südwestafritas
  sonnendurchglühtem  Boden  zu  unbezwinglichen
  Truppen  zusammenschweißte.  Diesen
kriegerischen  treuen  und  stolzen  Sinn  müssen  wir
pflegen  und  unsern  Nachkommen  als  heiliges  Erbe
binterlassen.

Wir  leben  freilich  heutzutage  in  einer  zeit,  die
mit  besonderer  Genugtuung  die  stolze  höhe  ihrer  Kultur
  betont,  die  nur  zu  gern  sich  ihres  internationalen
Weltbürgertums  rühmt  und  sich  in  dem  schwärmerischen
  Traum  von  der  Möglichkeit  eines  ewigen  Weltfriedens
  gefällt.

Diese  Lebensauffassung  ist  undeutsch  und  steht  uns
nicht  an.  Der  Deutsche,  der  sein  Dolk  liebt,  der  an  die
Eröße  und  Jukunft  unserer  heimat  glaubt,  und  ihr  Ansehen
  nimmer  gemindert  sehen  will,  darf  die  Augen
nicht  zu  solchen  Cräumereien  schließen,  darf  sich  nicht
in  trägen  Schlaf  singen  lassen  von  dem  Sriedenswiegenlied
  der  Utopisten.

Seit  dem  letzten  großen  Kriege  hat  Deutschland
eine  Heriode  wirtschaftlichen  Qufschwungs  hinter  sich,
die  fast  etwas  Beängstigendes  an  sich  hat.  Der  Wohlstand
  ist  in  allen  Kreisen  unseres  Dolkes  derart  gestiegen,
  daß  die  Ansprüche  an  die  Lebenshaltung  und
der  Luxus  sich  üppig  entwickelt  haben.  Uun  soll  gewiß
nicht  undankbar  verkannt  werden,  daß  ein  hoher  wirtschaftlicher
  Qufschwung  viel  Gutes  schafft,  aber  die

 

102
        <pb n="105" />
        Schattenseiten  einer  allzu  raschen  Entwicklung  treten
vielfach  peinlich  und  drohend  hervor.  Schon  hat  die
Bewertung  des  Geldes  bei  uns  ein  Gewicht  gewonnen,
  das  man  nur  mit  Lorge  beobachten  kann.  Die
tüchtige  Leistung  als  solche  gilt  heutzutage  leider
häufig  schon  weniger  als  das  Dermögen,  das  einer  ererbt
  oder  errafft  hat.  Und  auf  welche  Weise  das  Dermögen
  verdient  worden  ist,  danach  wird  oft  schon
kaum  mehr  gefragt.  Diese  Sucht  nach  dem  Besitz
möglichst  großer  Geldmittel  droht  alte  und  ehrwürdige
  Begriffe  zu  verschieben,  Dinge,  die  früher
nicht  als  fair,  oder  besser  gesagt  nicht  als  anständig
galten,  werden  stillschweigend  geduldet,  dem  hitzigen
Gelderwerb  wird  alles  geopfert.  Die  alten  Ideale,
ja  selbst  Ehre  und  Ansehen  der  Nation  können  in  Mitleidenschaft
  gezogen  werden;  denn  zum  ungestörten
Geldverdienen  braucht  man  Srieden,  Frieden  um
jeden  Dreis.  Und  doch  lehrt  uns  das  Studium  der
Geschichte,  daß  noch  immer  alle  diejenigen  Staaten,
bei  denen  rein  kaufmännische  Interessen  in  entscheidenden
  Stunden  den  Kusschlag  gaben,  elend  zugrunde
gegangen  sind.

Srisch  und  freudig  wieder  anknüpfend  an  den
schlichten  Iinn  unserer  Däter  wollen  wir  gewiß  keine
Säulenheiligen  heranziehen,  die  sich,  auf  alle  Sreuden
der  schönen  Erde  verzichtend,  von  wildem  honig  nähren
und  rauhe  Kamelfelle  zur  Sewandung  wählen.  Mögen
wir  den  Komfort  und  Luxus,  den  wir  als  Kinder  unserer,
  in  der  Technik  so  fortgeschrittenen,  an  praktischen
  Erfinbungen  so  reichen  Seit  genießen,  als  angenehme
  Beigabe  betrachten,  die  an  sich  keine  ver- 



103
        <pb n="106" />
        Dieser  eigenhändig  von  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  Sranz  Josef  vo
zur  Verfügung  gestellte  Spruch,  träg
        <pb n="107" />
        treich  für  „Das  Eiserne  Buch“  niedergeschriebene,  uns  huldoollst
ldie  Unterschrift  des  greisen  herrschers.
        <pb n="108" />
        ständige  Berechtigung  hat.  Kls  ein  Überflüssiges,  das
wir  lachend  in  die  Ecke  werfen  in  dem  Rugenblick,
wenn  der  Kaiser  uns  ruft  und  wenn  wir  die  hände
frei  haben  müssen  für  das  Schwert.

Wenn  wir  in  den  Blättern  der  Geschichte  studieren,
  müssen  wir  das  erkennen:  es  zieht  sich  wie
ein  roter  Laden  die  Lehre  von  der  Notwendigkeit
kriegerischer  Tüchtigkeit  eines  Dolkes  hindurch.  Selbst
starke  große  Mationen  mußten  von  ihren  lange  behaupteten
  Dorzugsplänen  zurücktreten,  als  die  Pflege
kriegerischer  Tugenden  dem  hang  zum  Wohlleben  gewichen
  war  und  als  frischere,  tüchtigere  Dölker  rechtzeitig,
  ihren  Dorteil  suchend,  auf  dem  Kampfplatz  erschienen.
  Die  Geschichte  der  allerletzten  Seit  noch  hat
uns  im  Osten  ein  interessantes  Beispiel  für  die  beberzigenswerte
  Lehre  geliefert,  über  ein  an  Kopfzahl
schwächeres  Dolk  durch  unverbrauchte  Kriegstüchtigkeit
  und  frischen  Elan  der  einst  von  Kennern  hochgeschätzten
  aber  auf  seinen  Lorbeeren  ruhenden  Gegner
besiegt.  Und  —  auch  das  haben  die  Erlebnisse  der
jüngsten  zeit  deutlich  gezeigt  —  die  Iumpathien  der
Kulturvölker  gehen  heute  noch,  wie  in  den  Schlachten
der  Antike,  mit  dem  forsch  und  tapfer  kämpfenden
Leere  und  gehen  mit  den  braven  Kämpfern,  die,  wie
hessing  seinen  Tellheim  sagen  läßt,  für  ihr  Land  Soldat
  sind  und  aus  Liebe  zu  der  Sache,  für  die  gefochten
wird.

Gewiß  kann  und  soll  diplomatische  Geschicklichkeit
  wohl  eine  Jeitlang  die  Konflikte  hinhalten,  zuweilen
  lösen.  Gewiß  müssen  und  werden  sich  in  der
ernsten  Entscheidungsstunde  alle  Berufenen  ihrer

 

 

106
        <pb n="109" />
        ungeheuren  Derantwortung  voll  bewußt  sein.  Sie
werden  sich  klarmachen  müssen,  daß  der  Riesenbrand,
einmal  entfacht,  nicht  mehr  so  leicht  und  rasch  erstickt
werden  kann.  ber  wie  der  Blitz  ein  Spannungsausgleich
  zweier  verschieden  geladener  Luftschichten  ist,  so
wird  das  Schwert  bis  zum  Untergange  der  Welt
immer  der  letzten  Endes  ausschlaggebende  Jaktor
sein  und  bleiben.

Und  deshalb  muß  ein  jeder,  dem  seine  Heimat
lieb  ist  und  der  an  eine  große  Jukunft  unseres  Dolkes
glaubt,  freudig  mitarbeiten  für  sein  Teil,  daß  der  alte
soldatische  Geist  unserer  Däter  nicht  verloren  geht,
nicht  von  des  Gedankens  Blässe  angekränkelt  werde.
Denn  das  Schwert  selbst  macht  die  Sache  nicht  allein,
sondern  der  in  Übung  gestählte  Arm,  der  es  führt.
Jeder  einzelne  von  uns  muß  sich  waffenfählg  erhalten
und  auch  innerlich  vorbereitet  sein  auf  die  ernste,  große
Stunde,  da  der  Kaiser  zu  der  Sahne  ruft.  Kuf  jene
Stunde,  da  wir  uns  nicht  mehr  selbst,  sondern  nur  noch
dem  Daterlande  mit  all  unsern  geistigen  und  körperlichen
  Kräften  gehören;  da  alle  diese  Sähigkeiten
zur  höchsten  Anspannuug  gebracht  werden  müssen,
zu  jenem  „Willen  zum  Siege“,  der  noch  niemals  in
der  Geschichte  erfolglos  gewesen  ist.

Wenn  so  das  ganze  deutsche  Dolk  entschlossen  ist,
Gut  und  Ceben  freudig  einzusetzen,  dann  kann  die
Welt  voll  Teufel  sein,  und  gegen  uns  in  Waffen  stehen,
und  wir  wollen  mit  ihr  schon  fertig  werden,  und  wäre
die  Not  der  Stunde  noch  so  groß.  Dann  halten  wir's
mit  dem  herold  des  neuen  Deutschen  Reiches,  mit
Emanuel  Geibels  zuversichtlichen  Dersen:

 

107
        <pb n="110" />
        Und  wenn  uns  nichts  mehr  übrigblieb,
So  blieb  uns  doch  ein  Schwert,

Das  zorngemut  mit  scharfem  hieb
Dem  Crutz  des  #remdlings  wehrt.

So  blieb  die  Schlacht  als  letzt’  Gericht
Kuf  Leben  und  auf  Tod.

Und  wenn  die  Not  nicht  Eisen  bricht,
Das  Eisen  bricht  die  Not.

Friedrich  Wilhelm,

Kronprinz  des  Deutschen  Reiches
und  von  Preußen.

½92

De#  einem  friedlichen  Dolke  aufgezwungene
  Weltkrieg  ist  die  größte  Epoche  deutscher
Eeschichte.  Die  Bismarckische  Zeit  ist  von  Bismarck
  geführt,  er,  der  Große,  hat  den  Knäuel
entwirrt  und,  wo  es  nicht  anders  möglich,  den
gordischen  Knoten  zerhauen.

beute  fehlt  uns  ein  Bismarck;  aber  das  Dolk
selbst  ist  durch  das  Eisen,  das  ihm  Bismarck  ins
Blut  goß,  bismarckisch  geworden  und  steht  fest  im
Weltenkampfe,  wie  er  als  Roland,  der  in  hamburg
  dräuend  die  Wacht  hält.  Was  er  aus  der
Seinde  Ueid  und  haß  uns  herausholte,  Deutschlands
  Einheit,  wir,  sein  Dolk,  werden  es  bewahren
und  aus  Blutsaat  das  größere  und  stärkere  Deutschland
  uns  erkämpfen.

Mannheim,  den  1.  pril  1915.
Bassermann,
Mitglied  des  Reichstags.

 

 

108
        <pb n="111" />
        Ludwig  Ganghofer
als  Gast  beim  Kronprinzen  Rupprecht  v.  Bayern.“)

S

Der  Krieg  ist  hart,  aber  er  wird  auch  Großes
gewinnen.  Hlles  Starke,  wenn  es  gerecht  ist,  muß  sich
belohnen.  Wir  haben  noch  immer  schwere  Hrbeit
zu  leisten,  doch  ich  glaube,  daß  das  Schwerste  bereits
getan  ist.  Dieles,  was  ich  hörte,  muß  ich  in  mir  verschließen,
  manches,  was  ich  sage,  muß  ich  sagen,  weil
es  für  das  Leben  in  der  Heimat  auch  wegweisend,  aufklärend
  und  hilfreich  ist.  Ein  stolzes  Kufleuchten  in  den
graublauen  Augen  des  Kronprinzen:

Unser  heer,  das  ist  ein  Menschenmaterial,  mit
dem  man  alles,  auch  das  fast  unmöglich  Scheinende,
leisten  kann,  wenn  man  es  richtig  macht  und  die  rechte
Stunde  wählt.  Die  wird  kommen.  Man  darf  nur  in
der  Heimat  den  Erscheinungen  gegenüber,  die  durch
die  Lage  der  Dinge  hier  verursacht  werden,  nicht  allzu
kritisch  sein.  Die  Lituation  ist  für  uns  eine  ganz  verläßsiche.
  Daheim  beurteilt  man  das  nicht  immer  in  zutreffender
  Weise.  Wenn  wir  von  der  heimat  Geduld
und  gläubiges  Kusharren  erwarten,  dann  verlangen
wir  weniger,  als  wir  im  Lelde  hier  zu  leisten  haben.

 

*)  uf  seiner  Reise  zur  deutschen  §Front  war  Ludwig  Ganghofer
  auch  der  Gast  des  Kronprinzen  Rupprecht  von  Bauern,
von  dem  er  unter  Schilderung  des  einfachen  von  rastloser
Arbeit  erfüllten  Lebens  des  Nronprinzen  und  seiner  Umgebung
  eine  Reihe  von  äußerungen  wiedergibt.

 

109
        <pb n="112" />
        Wir  im  HSelde  hier,  besonders  wir  Sührer,  liefern  Geduldsproben,
  mit  denen  die  wesentlich  ungefährlichere
Geduld,  die  man  in  der  heimat  beizusteuern  hat,  den
Dergleich  nicht  aushält.  Ganghofer  kam  auf  die
Skrupellosigkeit  unserer  Jeinde  in  der  Wahl  ihrer
Kampfmittel  und  ihrer  politischen  Schachzüge  zu
sprechen.  Der  Kronprinz  lächelte:

„Holitische  Moral  ist  ein  remdwort,  es  kommt
nur  darauf  an,  wie  man  es  übersetzt.  Bei  uns  Deutschen
  heißt  es  „Gewissen“,  bei  den  Engländern  heißt
es  „Erfolg“.  Unter  allen  Dölkern  sind  die  Engländer
in  der  Dolitik  am  brutalsten.  Aber  man  kann  nicht
leugnen,  daß  sie  mit  dieser  gegen  alle  Dölker  gleich
rücksichtslosen  Brutalität  eine  häufig  sehr  erfolgreiche
Rüchternheit  beim  Rechnen  vereinigen.  Doch  passiert
es  manchmal  auch  diesen  gewiegten  Rechnern,  daß
sie  theoretisch  zwar  das  Richtige  für  ihren  Dorteil
erkennen,  in  der  Praxis  aber  das  Schädliche  ausführen.
  Ich  glaube,  so  geht  es  ihnen  jetzt.  In  uns
Deutschen  wohnen  Kräfte,  die  für  die  Engländer  am
4.  Kugust  noch  eine  dunkle  Jiffer  waren.  Darum  haben
sie  sich  verrechnet.“

„Wir  sprachen“,  so  fährt  Ganghofer  fort,  „von
der  psuchischen  Erneuerung,  die  der  Krieg  und  die
Eröße  seiner  deutschen  Siele  in  den  Lebenskräften  und
im  Wesen  unseres  Dolkes  hervorrufe,  und  sprachen
auch  von  den  materiellen  Schmerzen,  durch  die  der
Krieg  eine  große  Anzahl  von  Existenzen  erschüttert.
„Kllen  schwer  erträglichen  härten  zum  rotz  ist  dieser
Krieg  ein  Gesundbrunnen  für  unser  Dolk.“  Die  Stimme
des  Kronprinzen  hob  sich:  „Klles  Gute  und  Lebens- 



110
        <pb n="113" />
        fähige  stärkt  er,  alles  Schwächliche  belebt  er  neu,  alles
Hilflose,  Ungesunde  bläst  er  weg.  Richtet  er  nicht  vieles
Wertvolle  jetzt  wieder  auf,  von  dem  man  im  letzten
Jahrzehnt  besorgen  konnte,  daß  es  für  immer  lahm
geworden  wäre?  klles  Hngekränkelte,  das  sich  hervordrängt,
  verschwindet.  Man  ist  jetzt  in  der  heimat
doch  wohl  erlöst  von  einem  überreizten  ästhetentum
und  aller  manirierten  Dekadenz.  Wegen  solcher  Dinge
hat  man  sich  übrigens  viel  mehr  Sorge  gemacht,  als
notwendig  war.  Gar  so  alt,  wie  es  für  manchen  aussah,
  war  es  nicht.  Die  frische,  prachtvolle  Jugend
die  jetzt  mit  den  Rekrutennachschüben  ins  Seld  kommt,
beweist  es  mir.  Solche  Menschheitskrankheiten  sind
Wellen,  die  kommen  und  vergehen.  Im  großen  und
ganzen  ist  es  meine  Überzeugung,  daß  der  Mensch
immer  der  gleiche  bleibt,  sich  nur  in  seiner  äußerlichen
Lebensmodalität  wandelt,  gestern  zum  Schlechten,
heute  wieder  zum  Besseren.  Und  dann  kommt  es  auch
darauf  an,  ob  man  solche  Erscheinungen  mit  alten
oder  mit  jungen  Kugen  ansieht.  lte  Uugen  sehen
das  Dergängliche  schärfer,  junge  KZugen  erkennen
deutlicher  das  neue  Werden.  Zuch  liegt  es  immer
im  Wesen  des  Menschen,  zu  hoffen,  daß  das  Kommende
besser  sein  wird,  als  das  Gegenwärtige  ist,  und  zu  glauben,
  daß  das  Gegenwärtiae  schlechter  ist,  als  das  Dergangene
  war.  Wie  in  rein  menschlichen  Sragen,  so
ist  es  auch  in  politischen  Dingen.  Ich  habe  alte  Männer
oft  sagen  hören:  Im  Jahre  1870/71  wäre  es  nicht  so
gewesen,  wie  in  den  Befreiungskriegen,  nicht  so  groß,
einheitlich  und  heilig.  Und  jetzt  sagen  die  Altgewordenen:
  So,  wie  es  70/71  war,  so  ist  es  heute  nicht,

 

111
        <pb n="114" />
        weder  das  heilige,  noch  das  Große.  Ich  glaube,  es
war  vor  100  Jahren  und  vor  45  Jahren  nud  im
vergangenen  Kugust  ganz  das  gleiche:  Deutsche  Kraft,
die  sich  ausstreckte  in  der  Not,  deutscher  Wille,  der  zu
Eisen  wurde,  und  deutsche  Energie,  die  sich  nicht  beunruhigen
  läßt  und  beharrlich  bleibt,  weder  im  Elück
übermütig  noch  unter  einem  Rückschlag  verzagt  wird."
Ein  freies,  ruhiges  Kuflachen  des  Prinzen,  dann  ein
kurzes  nachdenkliches  Ichweigen:  Diele  haben  es  hart
daheim.  Ich  weiß.  Was  man  in  einem  so  schweren
Kriege  zu  überstehen  hat,  das  ist  kein  Bett  auf  Rosen.
Es  ist  auch  ein  zweifelhafter  Crost,  zu  sagen,  daß  es
unsere  Feinde  nach  allen  Niederlagen  noch  schlechter
haben  als  wir,  die  wir  nach  so  leicht  errungenen
Erfolgen  bald  den  endgültigen  Sieg  erhoffen  dürfen.
Kber  man  sollte  doch  vergleichen  wie  es  hier  aussieht
unter  allen  Kriegsschrecken  im  Lande  des  Heindes,  und
um  wieviel  besser  es  daheim  in  Deutschland  ist,  das,
ein  paar  Grenzstriche  ausgenommen,  von  allem  verschont
  blieb,  was  der  Seind  unter  dem  Kriege  leiden
muß.  Hür  viele  daheim  ist  es  eine  harte  Seit.  Dieles,
was  man  verlieren  mußte,  ist  unersetzlich.  Hber
materielle  Derluste  kann  man  doch  wirklich  bei  dem
Gedanken  überwinden,  daß  eine  große  Jukunft  den
Derlust  wieder  ersetzen  wird.  Ich  weiß,  daß  gerade
unsere  engere  heimat,  der  deutsche  Süden,  sehr  empfindlich
  leidet.  Es  gibt  da  nicht  viele  Industrien,  die
auf  die  Arbeit  für  den  heeresbedarf  umsatteln  können.
  Kunst  und  Kunsthandwerk,  Luxusgeschäfte  und
Sremdenindustrie  haben  bittere  Seiten  durchzumachen.
Ich  boffe,  unsere  Kunst  und  unser  Kunsthandwerk

 

112
        <pb n="115" />
        werden  diese  Prüfungsmonate  mit  ungebrochenen
Kräften  überdauern.  Und  was  die  Iremdenindustrie
anbelangt  ..  wer  weiß,  ob  da  der  Krieg  nicht  gerade
  für  uns  Münchener  etwas  sehr  Gutes  und  beilsames
  bringt?  Ein  reich  flutender  Sremdenverkehr  ist
gewiß  etwas  Ungenehmes  und  Rützliches.  ber  wenn
sich  eine  große  Stadt  und  ein  ganzes  Land  fast  ausschließlich
  auf  den  remdenverkehr  einrichtet,  so  ist
auch  immer  die  Gefahr  dabei,  daß  eiten  kommen
können,  in  denen  der  Derkehr  stockt  und  die  Iremden
ausbleiben.  Unser  liebes,  schönes  München  wird  nach
diesen  Erfahrungen  ein  bißchen  umlernen  müssen.  Ich
bin  überzeugt,  daß  München  auch  nach  dem  Kriege  die
Xunststadt  bleiben  wird,  die  es  war,  und  ich  hoffe,
daß  es  daneben  eine  Stadt  der  deutschen  Hrbeit  sein
wird,  die  in  ihrer  Blüte  unabhängig  ist  von  allem
Sremden.“  “*

Beim  Kbschiede,  als  der  Kronprinz  mit  festem
Drucke  meine  hände  umspannte,  sagte  er:  „Erzählen
Sie  nur  zu  hause,  wie  der  Krieg  aussieht.  Je  deutlicher
  Sie  es  sagen,  um  so  mehr  wird  man  daheim  aufatmen,
  daß  unser  Dolk  durch  dick  und  dünn  durchhalten
wird.  Daran  habe  ich  noch  keine  Sekunde  gezweifelt.
Ein  paar  Ungeduldige  und  Wehleidige?  Mas  macht
das  aus?  Das  Dolk  im  ganzen  fühlt  seine  deutsche
Hflicht,  und  Hflichtgefühl  und  Geduld  sind  immer  zwei
Dinge,  die  zusammengehören  wie  Schwestern.  Menn
wir  recht  und  fest  unsere  Pflicht  erfüllen,  dann  ist  die
EGeduld  von  selber  dabei.  Oder  haben  Sie  hier  bei  uns
im  Lelde  schon  einen  Ungeduldigen  gesehen?“  „Nein,

 

113
        <pb n="116" />
        Königliche  Hoheit,  nur  Sehnsüchtige.“  Der  Kronprinz
nickte.

Das  ist  etwas  anderes.  Wäre  es  nicht  so,  dann
wären  wir  keine  Deutschen.  Sie,  Herr  Doktor,  werden
  wohl  früher  nach  hause  kommen,  als  ich.  Grüßen
Sie  von  mir  die  heimat.“

Km  Schluß  gibt  Ganghofer  noch  das  Wort  des
kommandierenden  Kdmirals  wieder:  „Wir  haben  zu
Beginn  des  Krieges  vieles  unterschätzt,  aber  eines
haben  wir  überschätzt:  Die  englische  Slotte!"

S

Der  §riede  wird  kommen,  aber  unvergessen
wird  dieser  Krieg  auch  kommenden  Geschlechtern
sein.  Jumal  die  Jugend  soll  immer  und  immer
wieder  daran  erinnert  werden:  nicht  um  des
Krieges  willen,  sondern  wegen  der  geschlossenen
Größe  die  er  wachrief  in  einer  Seit,  da  der  hader
der  Darteien  das  Land  zerfleischte.  Kls  Krone
aller  Tugenden  galt  von  jeher  die  Vaterlandsliebe.
  S#ie  hat  uns  Deutsche  aus  einer  Einengung
des  Cebens  auf  freiere  höhe  geführt  und  in  dem
harten  Jusammenstoß  zwischen  Schicksal  und  Sreiheit
  uns  auch  von  mancher  Kette  gelöst.  Wir
wissen  noch  nicht,  was  die  Jukunft  uns  bringen
wird,  Eins  aber  gewiß:  eine  neue  Daseinsordnung,
  die  alle  Derirrungen  der  Dergangenheit
in  die  Winkel  jagt.  Das  Blut  der  Schlachtfelder  ist
die  Morgenröte  dieser  Seit.

Berlin,  März  1915.  Fedor  von  Sobeltitz.

 

114
        <pb n="117" />
        □nsern  Jungen!
Don  Edith  Gräfin  Salburg.

=

Die  knaben  spielten  nicht  wie  sonst  die  alten,
kindlichen  Spiele.  Und  Krieg  zu  spielen  schien  ihnen
töricht,  ja  unwürdig,  weil  Krieg  wirklich  war.  Das
Große,  Eherne,  das  Lurchtbare.  Es  machte  auch  die
jungen  Gesichter  ernst.

Nachdenklich  schlich  sich's  in  die  kleine  Seele:
Warum?  und:  Muß  das  sein?  Erst  aufbauen,  dann
zerstören.  Mit  soviel  Cod  und  Not!  Manche  dachten
es.  In  den  Sreistunden,  die  ihnen  die  Schule  ließ,
wanderte  neben  ihnen  das  Schwere  der  eiten.  Es
nahm  verfrüht  die  Kindheit  von  ihrer  Stirn.  Kls
junge  Männer  fühlten  sie.  Der  Geschichtslehrer  selbst,
ein  junger  Mensch,  av#c  untauglich,  zu  seinem  brennenden
  Schmerze,  suchte  hartnäckig  in  diesen  Sondertagen
  zu  ihnen  einen  inneren  Weg.  Es  genügte  ihm
nicht,  diesen  Soldaten  kommender  Seiten  die  alltäglichen
  hrasen  zu  sagen,  von  Hatriotismus,  verfluchter
Hflicht  und  Öchuldigkeit.  Er  war  kein  Hurramensch
und  das  äußerliche  Geschrei  erschien  ihm  nicht  als  die
erfüllte  Mission.  Er  las  auch  den  heimlichen  Trotz  in
manchen  Gesichtern,  daß  man  sich  nicht  mehr  anessen
solle,  mit  dem  was  gut  schmeckt,  daß  man  nicht  gedankenlos
  lustig  sein  möge,  daß  alles  geschont,  alles

 

115
        <pb n="118" />
        geachtet  werden  müsse  und  jeder  —  jeder  zu  geben
habe,  für  sich  nur  das  Kllernötigste  verlangen.  Dielen
paßte  das  nicht.  Gar  nicht.  Sie  schimpften  untereinander
  und  umgingen  die  Gebote  auf  Schleichwegen.
Schön  war  das  ja  nicht,  aber  sie  wollten  gar  nicht
schön  sein  in  einer  Seit,  die  sie  häßlich  fanden.

Besonders  die  Söhne  der  sehr  Reichgewordenen,
Übersatten,  die  der  Luxus  erzogen  hatte,  und  dann
die  verweichlichten  Ichkinder.  Sonderbar!  die  aus
dem  Dolke  und  dann  die  Söhne  alter,  vornehmer  Lamilien,
  sonst  unbotmäßig  genug,  in  die  Notstandszeit
des  Krieges  fanden  die  sich.  Es  war  die  Gewohnheit
zu  entsagen  bei  den  Einen  und  bei  den  Anderen  der
Ehrenstandpunkt.  Das  begriffen  sie.  ber  die,  aus  den
wichtigsten,  den  breiten  Schichten  der  Mittelklasse,  die
so  überaus  gediehen  waren  in  Deutschlands  letzten
Jahrzehnten,  die  hatten  allerlei  Wollen.  Sie  waren
das  nicht  gewohnt.  Sie  mußten  dieses  haben  —  konnten
ohne  jenes  nicht  sein.

„Es  ist  unglaublich,  was  man  alles  kann“,  sagte
der  Lehrer.  „Und  erst,  was  man  nicht  nötig  hat!  Das
geht  ins  Unbegrenzte.“  Dazu  lachte  er  trocken.

„Hber  dann  ist  man  kein  Kulturmensch!“  rief
verächtlich  Hans  aus  der  Champagnerfabrik.

„Du  meinst,  daß  die  Kultur  im  Derbrauch  liegt.
Je  mehr  einer  ißt,  trinkt,  teure  Kleider  zerreißt  und  so
weiter,  desto  höher  steht  er.  Es  war  mal  der  selige
Jalstaff,  Englands  größter  Mann!“  Da  lachten  sie.
Und  der  TLehrer,  der  sie  ansah,  dachte:  „Es  sind  nicht
mehr  diese  Kindernaturen,  die  wir  waren.  Es  sind
die  Kinder  einer  ganz  neuen  Feit.  helle,  nüchterne,

 

116
        <pb n="119" />
        feste  Bubenköpfe  in  der  Überzahl.  Sie  lieben  die
Phantasie,  die  Räubergeschichten  nicht  mehr.  Das
Märchen  geht  flüchtig  vorbei  an  ihrem  Leben,  und
am  König  mit  goldenen  Locken  und  Wundern,  die
ihm  helfen  die  Drachen  zu  töten,  glauben  sie  nicht.
Sie  wollen  Wirklichkeit,  ob  schön  oder  häßlich.  Einerlei!
Sie  wollen  Logik  und  Kraft.  Es  dämmert  in  ihnen
die  neue  Welt  eines  großen,  eines  sehr  starken  Menschengeschlechts,
  das  allen  Ballast  abstreift  und  auf
die  Tiefe  der  Dinge  geht.  Ihre  Sührer,  die  sie  als
berren  anerkennen,  werden  sehr  starke  Menschen  sein
müssen,  tief  wurzelnd  im  Boden  der  Wirklichkeit.
Der  deutsche  Träumer  stirbt  mit  diesem  Weltkrieg  für
immerdar.  Den  löst  die  deutsche  Kraft  aus  zu  befreitem
  Schaffen,  alle  Möglichkeiten  tun  sich  hier  auf.

Wenn  diese  Männer  sein  werden  und  sich  für
etwas  begeistern,  dann  wird  ihre  Begeisterung  keine
äußerliche  sein.  Und  nicht  das  Mitlaufen  des  herdentieres.“
  Er  sagte  den  Knaben,  die  unruhig  wurden
unter  dem  Sorschen  seines  Blickes:

„Wißt  Ihr,  was  dieser  Krieg  euch  gibt,  wenn  ihr
wollt.  Euch  allen!

„Was?“

„Daß  ihr  viel  früher  Männer  sein  könnt,  als  wir  es
waren.  Wir  haben  Umwege  gemacht.  Bepackt  mit*
Tand,  mit  nsprüchen  und  falschen  Begierden  zogen
wir  aus  und  wanderten  langsam  mit  den  Kufenthalten
vieler  Irrwege  der  Mannheit  zu.  Die  ist  tnappes  Genügen,
  innerliche  Sreiheit,  Wollen  —  Sielbewußtsein.
Ihr  macht  ihr  Riesenschritte  zu,  durch  den  Krieg.  Ihr

 

117
        <pb n="120" />
        lernt  entsagen  und  euer  Rückgrat  stählt  sich  schon
heute  —  wenn  ihr  wollt.

Die  Schwachen  gehn  zugrunde  an  sich  selbst.
Es  ist  nicht  schade  um  sie.  Den  Starken  gehört  das
Leben.  Seid  stark  gegen  euch  selbst.  Dann  seid  ihr
die  Herren  der  Welt,  die  heute  erkämpft  wird  dem
deutschen  Gedanken.“

Sie  lauschten  still.

Oer  Hans  vom  Champagner  sagte  nichts  mehr.

Dieser  Krieg  ist  ein  Stahlbad  für  da-  deutsche
Dolk,  aus  dem  es  geläutert  und  gereinigt  wie  noch
nie  hervorgehen  muß,  befähigt  für  die  großen  Zufgaben,
  die  seiner  in  der  Jukunft  noch  harren.

Solche  Suversicht  trug  mich  durch  die  schwersten
Stunden  beim  Erleben  eines  heldentums,  wie  es  auf
den  Schlachtfeldern  der  Champagne  erwuchs.

Fleck,

Generalleutnant,
Hührer  des  VIII.  Reservekorps.

Karfreitag  1915  in  der  Champagne.

 

118
        <pb n="121" />
        .  diesem  Kriege  tritt  der  Deutsche  in  ein  Ringen
ein,  das  auf  Geschlechter  hinaus  die  höchste  Knspannung
  aller  Kräfte  erfordern  wird:  dazu  muß  er  sich  jetzt
rüsten.  Dieser  Krieg  hat  uns  ein  für  allemal  gelehrt,
daß  es  einen  Kampf  gilt  auf  Leben  und  Nod,  und
zwar  einen  Kampf  zwischen  zwei  Menschheitsidealen:
dem  deutschen  und  dem  undeutschen.  Dem  ist  nicht
mehr  auszuweichen.  Nach  der  Sülle  des  hasses,  die
aus  verborgenen  höhlen  ausgespien  worden  ist,  nach
der  Bosheit,  der  Brutalität,  der  Gefühls=  und  Gesinnungs=
  und  handlungsbarbarei,  die  sich  hervorgetan
  haben,  wissen  wir  heute,  woran  wir  sind.  Der
Kampf  wird  geführt  zwischen  BRoheit  und  Gesittung,
zwischen  Unbildung  und  Bildung,  zwischen  gemeinster
Goldgier  und  einer  Lebensauffassung,  in  welcher
Goldeswert  nur  dient  und  an  sich  gar  kein  Ansehen
genießt,  zwischen  materialistischer  Regierungsanarchie
der  Starken  und  dem  Dersuch,  mannigfaltiges  Staatsleben
  so  zu  organisieren,  daß  höchstleistungen  des
Menschenwesens  auf  allen  Gebieten  erzielt  werden.
Entscheidend  ist  der  Besitz  einer  klaren  Einsicht
in  diese  gesamte  Lage,  sowie  des  Willens,  ihrer  herr
zu  werden.  Brächte  der  gegenwärtige  Krieg  gar
keinen  weiteren  Dorteil  als  diesen:  Deutschland  über
seine  Weltaufgabe  aufgeklärt  und  seinen  Willen  gerichtet
  zu  haben,  ich  würde  ihn  für  einen  Segen  halten.

Bayreuth,  18.  Müärz  1915.

Houston  Stewart  Chamberlain.

 

119J
        <pb n="122" />
        Das  deutsche  Volk  steht  mitten  in  der  härtesten
Drüfung,  die  seine  schicksalsreiche  Geschichte  ihm  jemals
  zugemutet  hat.  Diese  Hrüfung  gilt  dem  Ganzen,
aber  sie  stellt  zugleich  jeden  Einzelnen  vor  ihren  Richterstuhl.
  Sie  verlangt  von  uns  allen  die  freudige  Bereitschaft,
  unser  Bestes  dem  Daterlande  darzubringen,  uns
selbst  ohne  jeden  Dorbehalt.  Mit  blitzender  Waffe,
mit  feuriger  Begeisterung  ist  es  nicht  allein  getan:
starkes  Herz,  eiserner  Wille,  nie  wankende  Treue,  das
sind  die  Kräfte,  denen  die  Entscheidung  zufallen  wird.

Es  handelt  sich  heute  nicht  nur  um  unser  äußeres
Dasein:  nicht  unser  Recht,  sondern  unfre  Pflicht  ist  es,
das  nationale  Ideal,  das  wir  hochhalten,  in  der  Welt
zu  Würde  und  Geltung  zu  bringen,  ihm  Raum  und
Freiheit  zu  schaffen.  Wir  verdienten  nicht  zu  existieren,
wenn  wir  jenes  ziel  preisgäben.  Denn  wir  wissen,
daß  wir  vor  den  Undern  geistige  und  sittliche  Kräfte
voraushaben,  deren  Untergang  ein  Unglück  wäre  für
die  Menschheit.

Universitäts-Drofessor  Dr.  G.  Roethe,  Berlin.

2

Hestigkeit  und  Treue,  das  sind  die  Eigenschaften,
  die  dem  Deutschen  am  höchsten  stehen,
oder  um  es  in  einem  einzigen  Wort  auszudrücken,
die  Pflicht.

Es  ist  die  Pflichttreue,  die  der  Deutsche  aus
dem  friedlichen  Beruf  hinüberträgt  in  den  Krieg,
wo  sie  ihm  zur  höchsten  aller  Pflichten  wird,
zur  Pflicht  der  Hingabe  für  das  Daterland.

Professor  Dr.  Wilhelm  Wunodt.

 

120
        <pb n="123" />
        2

Landsturm  auf  Brückenwache.
Uach  elner  Originalzeichnung  von  Hrofessor  Max  rlebermann.

121
        <pb n="124" />
        An  Soldatengräbern.
Don  Hritz  Engel.

“

Ihr  stürmtet  hin  zum  Berg,
Ihr  sanket  jäh  hinab,

Und  euer  war  das  Werk,
Und  euer  ist  das  Grab.

Und  wenn  der  Uau  sich  gießt
Der  Tiebe  heiß  herauf,

Die  Blume  Teben  sprießt
Kus  dieser  Nacht  nicht  auf.
Wie  auch  der  Sreund  verlangt
Nach  eurem  Freundeswort:
Nicht  einmal,  daß  er  dankt,
Erreicht  noch  euren  Ort.

S  tief  ist  unser  Leid  —
Und  wird  sich  doch  befrein:
Ihr,  die  ihr  nicht  mehr  seid,
Ihr  werdet,  werdet  sein!

Die  zeit  reicht  euch  die  hand
Und  führt  euch  stolz  hervor,
        <pb n="125" />
        Kus  eurem  Schattenland
Rauscht  eure  Tat  empor,
Und  von  Walhalla  her

Kus  reichem  heldenglanz
Sließt  durch  das  Wolkenmeer
Ein  goldener  Strahlenkranz
Der  fernsten  Tagen  spricht
Don  eurem  Männertum

Und  webt  um  euch  das  Licht
Dom  großen  deutschen  Ruhm,
Don  einem  hohen  Recht,
Don  einem  edlen  ziel,

Dom  würdigsten  Geschlecht
Das  stieg,  indem  es  fiel.

Oköstlicher  Gewinn
Und  GElück  dem  Daterland..

Wir  aber  schwinden  hin,
Ruhmlos  und  ungenannt.
        <pb n="126" />
        Gegenwart  und  Zukunft  unseres  Volkes

von  Geh.  Reg.-Rat  Professor  Dr.  Rudolf  Euchen.

Großes  läßt  uns  die  Gegenwart  erleben,  aber
Großzes  verlangt  sie  auch  von  uns.  Wir  stehen  in  dem
gewaltigsten  Kampf,  den  jemals  die  Menschheit  sah,
und  dieser  Kampf  hat  unerhörte  Formen  angenommen.
Im  Ganzen  unseres  nationalen  Seins  sind  wir  angegriffen,
  man  will  unsere  Krt  des  Lebens  und  Schaffens
nicht  dulden,  und  man  überfällt  uns  nicht  nur  mit
einer  ungeheuren  Übermacht  der  Waffen,  man  verfolgt
uns  auch  mit  elenden  Schmähungen  und  Derleumdungen,
  man  sucht  uns  bei  der  ganzen  Menschheit
in  Schimpf  und  Derruf  zu  bringen.

m

Ein  schwächeres  Dolk  wäre  bei  solchem  Ansturm
zusammengebrochen,  uns  Deutsche  hat  er  zum  vollen
Bewußtsein  unserer  Stärke  geweckt  und  innerlich
wachsen  lassen.  Dem  einzigartigen  Angriff  entsprach
und  entspricht  eine  einzigartige  Hbwehr.  Wir  haben
uns  fest  Zzusammengeschlossen  und  in  Hingebung  um
das  Ganze  einen  unbegrenzten  Opfermut  erwiesen,
wir  entsagten  allem  Harteistreit  und  fühlten  uns  lediglich
  als  Genossen  eines  gemeinsamen  Werkes,  wir
vertrieben  aus  unserem  Leben  alle  künstliche  Tändelei
und  gaben  ihm  einen  tiefen  Ernst,  wir  zeigten  uns
fähig,  schwerste  Derluste  in  Geduld  und  Dertrauen
zu  tragen  und  eben  im  Leid  den  Glauben  an  ewige
Jiele  zu  stärken.

Eine  derartige  Bewegung  ging  durch  das  ganze

 

124
        <pb n="127" />
        Dolk;  indem  heldentum  bei  ihm  alltäglich,  ja  selbstverständlich
  wurde,  hat  es  sich  als  ein  echtes  heldenvolk
  erwiesen.

m

So  darf  die  Jugehörigkeit  zu  diesem  Dolk  uns
mit  freudigem  Stolz  erfüllen.  ber  sie  legt  uns
auch,  jedem  Einzelnen  von  uns,  große  Pflichten  auf.
Geistige  Leistungen  dauern  nicht,  weil  sie  einmal  da
sind,  nach  einem  Trägheitsgesetze  ohne  weiteres  fort,
sondern  sie  wollen  immer  von  neuem  ursprünglich
hervorgebracht  werden.  Namentlich  weil  der  große
WKampf  kein  so  rasches  Ende  finden  kann,  wie  es  anfänglich
  manche  hofften,  und  weil  es  daher  unerschütterlicher
  Beharrlichkeit  bedarf,  müssen  wir  uns
immer  wieder  auf  die  höhe  unseres  Dolkes  und  unserer
Seit  erheben,  müssen  wir  im  Einzelnen  das  Ganze  mit
seinen  großen  Sielen  sehen  und  das  äußere  Ereignis
in  ein  inneres  Erlebnis  verwandeln,  müssen  wir
uns  stählen  durch  ein  Jurückgehen  auf  die  tiefsten
Wurzeln  unserer  Kraft,  durch  ein  stetes  Gegenwärtighalten
  der  geistigen  Jusammenhänge,  die  unser  Leben
tragen.

—

Wir  müssen  das  auch  aus  dem  Grunde,  weil,
was  heute  an  Großem  vorgeht,  nicht  flüchtig  vorüberrauschen
  darf,  sondern  sich  tief  in  unser  Leben  und
Wesen  einsenken  und  in  ihm  dauernd  fortwirken  muß.
Die  Taten  und  Erfahrungen  der  Gegenwart  müssen
ein  bleibender  Antrieb  werden,  uns  über  die  Kleinheit
des  Klltags  und  die  Enge  der  Selbstsucht  zu  erheben,
zerstörenden  Harteisinn  fernzuhalten,  Liebe  und  Der-
        <pb n="128" />
        trauen  zu  unserem  edlen  Volke  in  reichstem  Maße  zu
üben,  unserem  geistigen  Streben  und  Schaffen  die
Richtung  auf  hohe  Ziele  zu  geben  und  zugleich  unsere
Unentbehrlichkeit  für  das  Ganze  der  Menschheit  zu
erweisen.  Das  wird  die  gründlichste  Wiederlegung  der
gehässigen  Derleumdungen  unserer  Seinde  sein.

“

Daß  aber  das  geschehe  und  daß  die  Größe  der
Gegenwart  in  die  Jukunft  hinübergeleitet  werde,
das  liegt  namentlich  der  deutschen  Jugend  ob.  Sie  hat
in  ergreifender  Weise  ihre  Treue,  ihren  heldensinn,
ihren  Opfermut  erwiesen;  diejenigen  unter  ihr,  denen
das  Schicksal  eine  Rückkehr  zu  den  Werken  des  Sriedens
vergönnt,  sind  vornehmlich  berufen,  die  heroische
zeit  und  die  in  ihr  gewonnenen  Lebensgipfel  den
kommenden  Geschlechtern  zuzuführen  und  dafür  zu
sorgen,  daß  der  Gewinn  der  Gegenwart  uns  ein  Besitztum
  für  immer  werde.  Daß  die  Eindrücke  und  Gesinnungen
  des  aufblühenden  Jugendalters  den  ganzen
Lebenslauf  zu  beherrschen  pflegen,  das  wird  sich  bei
der  Jugend  der  Gegenwart  im  besonderen  Maße  erweisen;
  sie,  die  so  viel  Großes  nicht  nur  miterlebte,
sondern  selbst  mit  herbeiführen  half,  sie  wird  damit
eine  innere  Meihe  für  das  ganze  Leben  empfangen
und  die  Kraft  erlangen  in  treuer  und  tätiger  Gesinnung
  zur  bleibenden  Hebung  und  durchgreifenden
Derjüngung  des  ganzen  Dolkes  zu  wirken.  So  ist  der
Stolz  der  Gegenwart  zugleich  eine  hoffnung  für
kommmende  zeiten.

 

126
        <pb n="129" />
        Kriegswinter  des  Theaters.

Von  Gerhart  Hauptmann.

Mir  erklärte  neulich  ein  Freund,  der  bei  den
Kämpfen  in  den  Karpathen  tätig  ist  und  in  Berlin
eines  kurzen  Urlaubs  genoß,  er  habe  hier  einen  Theaterabend
  mitgemacht  und  sich  über  die  Stimmung  des
hauses  gewundert,  die  so  wie  im  tiefsten  Srieden  gewesen
  sei  und  nicht,  als  ob  Deutschland  in  Ost,  West
und  Nord  auf  blutigen  Schlach  feldern  um  sein  Dasein
  ringe.

Ja,  der  prachtvolle,  deutsche  Soldat  sagte  sogar
etwa  das  Lolgende:  Müssen  hunderttausende  in  den
Schützengräben  an  beiden  Sronten  ihr  Blut  verspritzen,
damit  die  Leute  dazwischen  ungestört  ihren  Dergnügungen,
  meinethalben  auch  ihren  Kunstgenüssen
nachgehen  können?

lle  von  den  Ironten  kommenden  und  wieder
nach  den  Sronten  abgehenden  Krieger,  die  ich  sprach,
haben  ähnlich  gedacht  und  ähnlich  empfunden;  aber
die  meisten  haben  sich  dann  auch  wieder  zu  der  Einsicht
aufgerafft,  daß  die  von  ihnen  mit  Befremden  wahrgenommene
  Erscheinung  eine  im  Grunde  gesunde  ist.

Sie  ist  es.  Sehen  wir,  inwiefern  sie  es  ist!

Krieg  bedeutet  keineswegs  eine  dem  Frieden  absolut
  entgegengesetzte  Angelegenheit,  sofern  man
Krieg  und  Frieden  nur  national  betrachtet.  So  be- 



127
        <pb n="130" />
        trachtend  entdeckt  man  zwischen  beiden  nur  den  graduellen
  Unterschied.  Die  Altivität  des  Friedens  hat
sich  in  die  mehr  gewaltsame  Rktivität  des  Krieges
umgesetzt.  So  bleibt  es  immer  derselbe  herakles,  ob
er  an  Omphales  Spinnrocken  sitzt  und  die  Keule  ruhen
läßt  oder  ob  er  die  Keule  schwingt,  ob  er  den  Stall  des
Kugias  reinigt  oder  als  Sämann  körnerstreuend  über
den  Acker  geht.  Der  Sriedenskörper  ist  das  Kraftmagazin
  einer  Nation,  und  je  gesünder  er  ist,  um  so
schwerer  wird  er  im  Kriege  zu  überwinden  sein.

Und  wie  beim  einzelnen  Kämpfer  der  Körper
mit  seinen  Organen  und  deren  Junktionen,  ob  er  nun
gerade  im  Felde  steht  oder  etwa  auf  Urlaub  ist,  derselbe
  bleibt,  so  ist  es  auch  bei  dem  sozialen  Körper.  Es
gibt  überdies  bei  jeder  Krt  von  Kriegs=  oder  Sriedenstätigkeit
  immer  nach  zeit  und  Ort  einen  Teil  an  ihm,
der  in  Ruhe  ist.  So  muß  der  Einzelne  wie  das  Ganze
der  Nation  mit  Tag  und  Nacht,  mit  Krbeit  und  Ruhe
abwechseln,  und  keiner  kann  ohne  notwendig  einzuschaltende
  Abwesenheit  immerwährend  auf  der  gefährlichsten
  Stelle  der  öchanze  sein.  Hier  verschwendet
man  Kraft,  aber  man  muß  auch  Kraft  einnehmen,
wenn  man  nicht  in  den  Justand  der  Ohnmacht  verfallen
  will.

Wir  wissen,  daß  in  einem  gesunden  Organismus
Soll  und  haben  balancieren  muß:  soviel  Kraftverbrauch,
  soviel  Nahrungsaufnahme,  soviel  wache  Uätigkeit,
  soviel  Untätigkeit  im  Schlaf!  Soviel  Cast,  soviel
Freiheit,  soviel  Erlösung!  Soviel  Spannung,  soviel
Entspannung,  soviel  chmerz  und  Teid,  soviel  Lust
und  Sreude!  Soviel  aufopferungsvolle  hinlenkung,

 

128.
        <pb n="131" />
        soviel  ausruhende  und  erneuernde  Kblenkung.  Die
Nraft  liegt  ebenso  hinter  der  Front,  als  in  der  Sront.
Der  Krieg  ist  das  „Soll“.  Die  gute  Kunst  fällt  unter
das  „Hhaben“  der  Nation.

Darum  ist  es  eine  gesunde  Erscheinung,  wenn  sich
die  Deutschen  hinter  den  Sronten  zuweilen  in  ihren
Theatern  versammeln.  Und  wenn  es  sich  zeigt,  daß
man  in  dieser  ernstesten  aller  eiten  mehr  der  heiteren
Muse  huldigt,  so  beruht  dies  wahrscheinlich  auf  einer
dem  hunger  ähnlichen  elementaren  Sorderung.  Zuch
im  Kriege  selbst,  wie  wir  wissen,  tritt  der  Humor  bis
dicht  an  die  Grenze  des  heiligen  Opfertodes  heran.

*

E.  gibt  ein  sehr  wahres  Wort,  das  zwar  einer
unserer  größten  Seinde,  aber  zugleich  einer  der  größten
Menschenkenner  geprägt  hat:  „Um  den  Wert  eines
Menschen  festzustellen,  muß  man  von  seiner  Begabung
seine  Eitelkeit  subtrahieren;  nur  mit  dem  was  übrig
bleibt,  darf  der  Mensch  in  eine  Rechnung  eingestellt
werden.“  Dieser  Spruch  stammt  von  Napoleon  I.

Was  von  dem  Einzelmenschen  gilt,  das  gilt  auch
von  den  Dölkern,  und  was  von  der  Eitelkeit  gilt,  das
gilt  auch  von  allen  anderen  Charakterfehlern.  Jedes
Dolk  bringt  soviel  Kraft  für  die  Erbeit  an  seiner
nationalen  Idee  auf,  wieviel  es  übrig  behält,  wenn  die
Saktoren  mit  sittlich  verneinenden  Dorzeichen  von
denen  mit  sittlich  bejahenden  abgezogen  sind.

Dr.  Daul  Rohrbach.
        <pb n="132" />
        In  einem  Worte  ist  es  unmöglich,  über  einen
seit  Menschengedenken  bisher  in  dieser  Größe  noch
nicht  dagewesenen  hergang,  dessen  Nonsequenzen  fast
keines  unserer  Lebensgebiete,  draußen  und  drinnen,
unberührt  lassen,  eine  Meinung  festzulegen,  zumal
man  gegenwärtig  seinen  weiteren  Derlauf  und  Kbschluß
  noch  nicht  übersehen  kann.

Soviel  aber  steht  schon  jetzt  fest,  daß  er  Ungeahntes
  hat  in  die  Erscheinung  treten  lassen.

Wer  hätte  unserem  Dolke,  bei  sonst  noch  so  hoher
Wertschätzung,  eine  solche  begeisterte,  von  vollster
Einheitlichkeit  des  Empfindens  getragene  Kraft  zugetraut,
  solchen  Opfermut  bis  zum  Ende!

hüten  wir  uns  gleichwohl  vor  einer  gewissen
Selbstbewunderung,  die  einem  jetzt  nicht  selten
entgegentritt,  und  vergegenwärtigen  wir  uns,  daß  es
eine  höhere  Leitung  war,  unter  deren  Knrufung
unser  Dolk  in  das  gewaltige  Ringen  hineinging,  daß
es  weltgeschichtliche  Entwicklungen  sind,  die  sich
bier  abspielen,  in  deren  Walten  wir  nur  Werkzeuge
sind!  Entnehmen  wir  aus  dieser  großen  Seit,  mag
das  Ende  des  Kriegs  sein  wie  es  will,  für  immer  ein
festes  gegenseitiges  Dertrauen,  Selbstbewußtsein,
das  Gefühl  der  Pflicht,  und  die  Erkenntnis,  daß  es
auch  die  Kufgabe  jeder  glückverheißenden  Jukunft  sein
wird,  darzutun,  daß  nur  Süchtigkeit,  ehrliches  Streben,
praktischer  inn,  ideale  Bemühung,  die  Pole  sein
können,  um  die  sich  ein  Dolks=  und  Staatsleben  bewegen
  muß,  wenn  anders  es  einen  wahren  FSortschritt
und  den  Gewinn  einer  vollen  Srucht  auch  aus  einer

solchen  Seit  erringen  soll!  von  heydebrand,
Citglied  des  Reichstags.

 

130
        <pb n="133" />
        *  *
n

Reichskanzler
von  Bethmann-gollweg.

Doller  Stolz  und  felsenfestem  Dertrauen  blicken
wir  auf  die  Krmee,  die  Marine,  unsere  Soldaten,  die
draußen  auf  dem  gelde  und  auf  hoher  See  für  die
Ehre  und  Größe  des  Reiches  kämpfen.  Die  Triple-=entente
  ist  ein  Werk  Englands.  Ein  Dolk  von  der
Größe  und  Tüchtigkeit  des  deutschen,  läßt  sich  in  der
freien  Entfaltung  seiner  Kräfte  nicht  einschnüren.  Die
englische  Denkungsart  hat  im  Laufe  der  Jahrhunderte
einen  politischen  Grundsatz  mit  der  Kraft  eines  selbstverständlichen
  Dogmas  ausgestattet,  den  Grundsatz,
daß  England  ein  Schiedsrichteramt  der  Welt  gehört,
da  es  nur  aufrechterhalten  werden  könne  durch  die
unbestrittene  Seeherrschaft  einerseits  und  durch  das
vielgenannte  GEleichgewicht  der  Kräfte  auf  dem  Kontinent
  andererseits.  Ich  habe  niemals  gehofft,  diesen
alten  englischen  Grundsatz  widerlegen  zu  können.
Was  mir  möglich  erschien,  das  war,  daß  die  wachsende
Kraft  Deutschlands,  das  wachsende  Risiko  eines  Krie-=ges,
  England  hätte  einsehen  lassen,  daß  dieser  von  der
englischen  Politik  solange  vertretene  Grundsatz  veraltet
  und  unpraktisch  geworden  ist,  daß  England  veranlaßt
  worden  wäre,  sich  mit  Deutschland  zu  verständigen.
  Dieses  Dogma  war  aber  so  fest  eingewach- 



131
        <pb n="134" />
        sen,  daß  es  alle  Dersuche  einer  entschiedenen  Derständigung
  lähmte.

England  will  kämpfen  bis  Deutschland  wirtschaftlich
  und  militärisch  niedergezwungen  ist.  Der  Panslawismus
  ruft  jubelnd  Beifall  dazu,  Srankreich  hofft
mit  der  ganzen  Kraft  einer  alten  soldatischen  Nation,
die  Scharte  von  1870  wieder  auswetzen  zu  können.
Darauf  haben  wir  nur  eine  Antwort  an  unsere
Heinde:  Deutschland  läßt  sich  nicht  vernichten!

Was  Bismarck  geschaffen,  kein  Deutscher  läßt  es
sich  rauben.  Leinde  umtoben  das  Reich,  wir  werden  sie
schlagen.  Er  hat  uns  gelehrt:  Surcht  nur  vor  Gott,
Jorn  gegen  den  Leind,  Glauben  an  unser  Dolk.  So
werden  für  Kaiser  und  Reich  wir  kämpfen,  siegen  und
leben.
ee  ⏑  ν  —

 

Erst  wenn  der  Schmerz,  an  dem  heute  unser
aller  Seelen  bluten,  innerlich  überwunden  ist,
wenn  alle  Greuel,  die  den  Dölkerkampf  unserer
Cage  entstellen,  vor  den  Segnungen,  die  ihm  entblühen
  werden,  abgebüßt  sind;  wenn  —  viel
später  noch!  —  von  den  Geschehnissen  und  den
belden  des  Eisernen  Jahres  die  Derschleierungen,
mit  denen  die  Stunde  sie  umkleidet,  weggefallen
sind:  dann  wird  mir  Gott  ein  Lied  schenken  vom
Opfertod  Franz  Ferdinands,  von  unseres  UMärtyrerkaisers
  Leid,  und  von  der  Treue  seines  großen
Sreundes,  des  Hohenzollern;  von  den  Millionenschlachten
  an  der  Maas  und  Marne,  vom  Uodeskampfe
  Belgiens  und  von  König  Klberts  Schuld.

E.  von  handel-Mazeetti.

 

132
        <pb n="135" />
        *  *
*

J%  bin  nicht  nur  glücklich,  nein,  ich  bin  erst
wieder  zur  Ruhe  gekommen,  seitdem  ich,  wenn  auch
in  der  untergeordnetsten  und  bescheidensten  Stellung
an  diesem  Kriege  teilnehmen  kann.  Und  ich  weiß,
Unzählige  empfinden  ebenso.  Künstler  vor  allem.
Man  zog  einsam  seine  Straße,  empfand  dunkle  Sehnsucht
  nach  einem  größeren  Ganzen  und  war  doch  so
häufig  abgestoßen  und  enttäuscht  von  den  zufälligen
Berührungen  mit  den  Menschen.  Nun  aber  ist  man
aus  dieser  Einzelhaft  befreit  und  ein  Glied  der  ungeheuren
  Organisation  des  deutschen  heeres.  Es  adelt
die  niedrigste  Arbeit,  das  fühlt  man  auf  Schritt  und
Critt.  Es  erfüllt  einen  mit  Glück  und  Stolz  auch  bei
dem  unscheinbarsten  TLun.  Man  spürt,  die  alte  Sremdbeit
  gibt  es  hier  nicht  mehr.  Wohl  sind  strenge  Rangunterschiede
  da,  aber  über  der  unerbittlichen  Ordnung
steht  ein  Höheres:  Kameradschaft,  die  hervorgewachsen
ist  aus  der  Gemeinsamkeit  des  Erlebens,  des  hoffens
und  Sürchtens,  des  hasses  und  der  Liebe,  aus  der  Gemeinsamkeit
  des  ziels.  Das  ist  eine  Bereicherung
unserer  Seele,  die  uns  bleiben  wird,  wenn  wir  dereinst
zu  den  Werken  des  Sriedens  zurückkehren.  Ebenso
wie  die  neue  Liebe  zum  Leben,  die  der  Krieg  uns  ge- 



133
        <pb n="136" />
        geben  hat.  Wohl  hat  er  das  Dasein  Unzähliger  vernichtet,
  aber  für  die  Wertung  des  Lebens  selbst  hat  er
unsere  Seelen  neu  geschärft.  In  jeder  Stunde,  wo
Menschen  den  Tod  gefaßt  oder  zitternd  erwarteten,
wo  sie  ihm  entgegenstürmten,  ist  ihnen  der  Wert
dessen,  was  sie  besaßen,  in  leuchtenden  Sarben  aufgeglüht.
  Ich  meine  nicht  nur  die  materiellen  Güter,
ich  meine  vor  allem  die  Bande  der  Liebe  und  des
Geistes,  die  unser  Dasein  bereichern.  Deren  wurden
wir  uns  in  diesen  langen  Monaten  des  Wartens  erst
recht  wieder  bewußt.  Nicht  stumpfer,  roher  und  müder
werden  die  Menschen  aus  dem  Kriege  heimkehren,
sondern  bescheidener,  mit  einer  neuen  Empfänglichkeit
  des  Gemüts,  und  die  Trauer  um  den  Derlust  so
vieler  Braver  wird  unvergeßlich  in  ihrem  Leben  nachklingen
  wie  ein  den  Klltag  heiligender  Glockenton.

Wilhelm  hegeler,
Sreiw.  Krankenpfleger  im  Leld.

 

134
        <pb n="137" />
        Professor  Dr.  Lujo  Brentano:

Der  geschlossene  handelsstaat  ist  etwas  barbarisches,
  in  dem  kein  zivilisiertes  Dolk  auf  die  Dauer  zu
leben  vermöchte.  Und  so  dürfte  er  auch  nach  wiederhergestelltem
  Frieden  einer  Wiederaufnahme  der  handelsbeziehungen
  mit  dem  Kusland  alsbald  wieder  Platz
machen.  Jwar  ist  es  eine  bekannte  Tatsache,  daß  die
Justände,  wie  sie  die  Not  des  Krieges  hervorgerufen
hat,  in  dem  wiederhergestellten  Sriedenszustand  nach
Derewigung  streben.  Die,  welche  sich  in  der  Kriegqszeit
  so  außerordentliche  Derdienste  erworben  haben,
pflegen  sie  dann  mit  Nachdruck  geltend  zu  machen  und
den  Undank  zu  betonen,  den  es  bedeuten  würde,
wollte  man  sie  dann,  wenn  man  sie  nicht  mehr  braucht,
der  erdrückenden  Konkurrenz  der  bisherigen  Leinde
preisgeben.  Dazu  kommt  das  durch  den  Krieg  hochgespannte
  Nationalgefühl,  das  nach  verschärfter  Kbsonderung
  von  allem  Sremden  ruft.  Daher  es  begreiflich
  ist,  daß  Kriege  der  Ausgangspunkt  verstärkter
Bestrebungen,  fremde  PDrodukte  vom  heimischen  Markte
auszuschließen,  zu  werden  pflegen.  So  hat  das  amerikanische
  Schutzzollsyostem  von  dem  Kriege  der  jungen
Dereinigten  Staaten  mit  England  im  Jahre  1812
seinen  Kusgang  genommen;  so  die  Schutzzollbestrebungen
  der  verschiedenen  Staaten  des  europäischen

 

135
        <pb n="138" />
        Kontinents  gegenüber  England  von  den  napoleonischen
  Kriegen;  so  die  Neubelebung  des  Drotektionismus
  in  Srankreich  vom  deutsch-französischen  Kriege.

Was  immer  also  die  Jukunft  bringen  mag,  sie
wird  uns  nötigen,  darauf  bedacht  zu  sein,  den  Schwerpunkt
  in  die  Droduktionszweige  zu  legen,  welche  den
größten  Überschuß  über  die  aufgewendeten  Kosten
bringen,  und,  um  den  Kbsatz  zu  mehren,  die  Drodukte
des  Huslandes  bei  uns  aufzunehmen,  mit  denen  es
dasjenige,  was  wir  an  es  bezahlen,  allein  zu  bezahlen
vermag.  Das  allgemeine  volkswirtschaftliche  Interesse
wird  nach  wie  vor  in  den  Produktionszweigen  liegen,
welche  für  Deutschland  die  vorteilhaftesten  sind,  und
deren  Interesse  wird  uns  auf  die  Dauer  zur  Wiederaufnahme
  der  durch  den  Krieg  unterbrochenen  Derflechtung
  in  die  Weltwirtschaft  nötigen.  Es  ist  aber
möglich,  daß  diese  Wiederaufnahme  etappenweise
stattfindet.

Werdet  „deutsche  Barbaren“,  ihr  lieben
heranwachsenden  Knaben  und  Jünglinge,  bleibt
es  nach  diesem  Weltkrieg  euer  Leben  lang  und
seid  stolz  darauf!  Es  ist  das  höchste  an  herrlichkeit
  eines  Dolkes,  was  je  die  Erde  sab.

Gut  Lambelhof,  Oberbauern,  den  15.  Zpril  1915.

Rudolf  Stratz.

 

136
        <pb n="139" />
        Komposttion  für  das  „Eiserne  Buch“  von  General-Musikdirektor
Prof.  Dr.  Max  Reger.

 

137
        <pb n="140" />
        Der  jüngeren  Generation  von  Deutschen  erschien
das  Reich  als  eine  Selbstverständlichkeit.  Sie  kannte
eine  „Theorie“  von  Blut  und  Eisen,  die  historisch  und
verblaßt  war,  und  lebte  unter  dem  Dache  des  Reichshauses
  in  gedankenlosem  Genießen.  Wohl  sah  man
Wolken  und  ahnte  manchmal  drohende  Unwetter,
aber  das  haus  schien  zu  fest,  eine  ernstliche  Gefahr  unmöglich.
  Judem  glaubte  man  inbrünstig  an  „Kulturgemeinschaft“.
  Da  fuhr  der  Blitz  nieder  am  1.  Kuqust
  1914.  „Krieg!“  —  schallte  es  durch  die  deutschen
Lande,  gellte  es  in  die  deutschen  Ohren,  hallte  es
wieder  in  den  deutschen  herzen.  Da  sahen  wir  in
einen  Abgrund,  in  dem  Kaiser  und  Reich,  Staat  und
Dolk  zu  versinken  drohten.  Umstellt  von  einer  Meute
rachgieriger,  beutelüsterner,  reichgeschwollener  Feinde
erkannten  wir  den  vollen  Wert  unseres  Besitztums,  des
von  den  Dätern  übernommenen  Erbes.  Wir  alle
sahen,  daß  wir  nichts  sind  außerhalb  des  Dolkes;  daß
das  Dolk  nichts  ist  außerhalb  des  Reiches;  daß  das
Leben  wertlos  ist,  wenn  wir  es  nicht  leben  können  als
freie  Deutsche  im  freien  Reich.  Unsere  Ciebe,  unser
Wille,  unser  Leben  gehören  Kaiser  und  Reich.  Unseres
Glaubens  höchstes  und  Tiefstes  ist  Kaiser  und  Reich.
Unser  Däter  schönstes  Erbe  haben  wir  neu  erworben
durch  die  Eigentat  unseres  Erkennens  und  unseres
Willens.  In  dieser  Erkenntnis  und  in  diesem  Willen
steht  das  ganze  Dolk  wie  ein  Mann.  Bei  aller  Trauer

 

138
        <pb n="141" />
        über  die  ungeheuren  Opfer  lacht  uns  das  herz  über
dies  wunderbare  Bild  von  Einheit  und  Kraft.

Was  sonst  uns  der  FSriede  bescheren  mag,  —  diese
innere  Kraft,  diesen  Willen  zur  Einheit,  dies  eimütige
Bekenntnis  zu  Kaiser  und  Reich  wollen  wir  den  kommenden
  Generationen  als  treue  hüter  vererben.

Universitäts-Professor  Dr.  NUeubecker,

3.  St.  Oberleutnant  und  Erzieher  am  Kadettenhaus
in  Potsdam.

Niemals  in  der  weltgeschichte  ist  dem  deutschen
  Dolke  ein  Dölkerbund  entgegengetreten,  wie
jetzt.  Miemals  hat  es  einer  derartigen  Kraftanstrengung
  bedurft,  wie  sie  das  deutsche  Dolk
in  diesem  gewaltigen  Kriege  hat  in  Erscheinung
treten  lassen.  Einig  in  allen  arteien,  einig  in
allen  Ständen!  Das  ist  ein  erhebendes  Bild.  Ich
freue  mich,  daß  wir  alle  nach  dem  4.  Kugust  den
2.  Dezember  erleben  konnten,  der  uns  das  Gefühl
der  Größe  des  deutschen  Dolkes  so  zum  Kusdruck
bringt,  wie  niemals  zuvor.  Diese  Teistungen
sind  so  großartig,  daß  der  Dank  in  Worten  gar
nicht  auszudrücken  ist.  In  den  herzen  aller
Deutschen  klingt  es  wider:  Deutschland  kann  nicht
besiegt  werden,  so  lange  es  einig  ist!  Das  ist  das
sicherste  Dalladium  unserer  Jukunft.

Dr.  Maempf,

Präsident  des  Reichstags  und  Vorsitzender
der  ültesten  der  Kaufmannschaft  von  Berlin.

 

139
        <pb n="142" />
        Admiral  Graf  Spee:

Die  Seeschlacht  bei  Coronel.
*

2.  November  1914.

Gestern  war  Allerheiligen  und  für  uns  ein  Glückstag.
  Ich  war  mit  dem  Geschwader  auf  dem  Wege
südlich  längs  der  Küste  gefahren,  als  ich  Wind  davon
bekam,  daß  ein  englischer  Kreuzer  in  Coronel,  einem
kleinen  Kohlenhafen  bei  Concepcion,  eingelaufen  sei.
Da  nach  den  allgemeinen  internationalen  Regeln  ein
Schiff  einer  Kriegspartei  innerhalb  24  Stunden
wieder  auslaufen  muß,  dachte  ich  es  abzufangen.  Ich
hatte  die  Plätze  so  verteilt,  daß  „Rürnberg“  vor  den
hafen  laufen  sollte,  um  nachzusehen,  ob  der  Kreuzer
noch  drinnen,  während  die  anderen  Schiffe  außen
herumgestellt  werden  sollten.  Meine  Schiffe  waren
um  4,25  Uhr  etwa  auseinandergezogen,  nur  „Gneisenau“
  ganz  in  der  Nähe,  als  mir  gemeldet  wurde,
daß  in  West-Süd-West  etwa  zwei  Schiffe  gesichtet  wurden.
  Ich  hielt  darauf  zu,  befahl  den  anderen  Kreuzern
zu  mir  zu  kommen,  denn  es  war  mir  bald  klar,  daß
es  Gegner  seien,  und  zwar  der  Danzerkreuzer  „Monmouth“
  und  der  kleine  Kreuzer  „Glasgow“.  Bald  kam
hinter  den  gesichteten  Schiffen  der  bilfskreuzer
„Otranto“  und  nach  einer  Deile  der  Hanzerkreuzer

 

140
        <pb n="143" />
        „Good  Hope“  in  Sicht.  Der  Gegner  versuchte  einige
Manöver,  durch  die  er  meines  Erachtens  näher  an  die
Küste  gekommen  wäre  und  nach  Luv,  was  mir  sehr
schädlich  gewesen.  Ich  hatte  sogleich  „Scharnhorst"
und  „Sneisenau“  befohlen,  alle  Kessel  in  Betrieb  zu
nehmen,  und  in  einer  Diertelstunde  lief  ich  mit  20  Seemeilen
  gegen  schwere  See  und  Dünung  auf,  kam  glücklich
  so  weit,  daß  ich  dem  Gegner  parallel  zu  liegen  kam,
war  aber  allein  und  mußte  auf  das  Herankommen  der
anderen  warten.  Der  Gegner  war  so  liebenswürdig,
mich  dabei  nicht  zu  stören,  die  Entfernung  betrug  da
noch  neun  Seemeilen.

KAls  meine  Schiffe  um  6,10  Uhr  bis  auf  „Nürnberg“,
  die  noch  nicht  zu  sehen  war,  zusammen  waren,
begann  ich  die  Entfernung  zu  verringern,  und  als  sie
etwa  5  Seemeilen  betrug,  d.  h.  9,25  Kilometer,  ließ
ich  das  Seuer  eröffnen.  Die  Schlacht  hatte  begonnen
und  im  wesentlichen  leitete  ich  mit  wenig  nderungen
des  Kurses  die  Linie  ganz  ruhig.  Die  Sonne  im  Westen
hatte  ich  so  ausmanörriert,  daß  sie  mich  nicht  stören
konnte.  Der  Mond  im  COsten  war  noch  nicht  voll,  versprach
  aber  gut  in  der  Nacht  zu  leuchten,  Regenböen
standen  an  verschiedenen  Stellen.  Meine  Schiffe
feuerten  schnell  und  hatten  auf  die  großen  Schiffe
guten  Erfolg.  „Scharnhorst“  feuerte  gegen  „Good
bope“  (Hlaggschiff:  Admiral  Craddok),  „Gneisenau“
gegen  „Monmouth“,  „Leipzig“  gegen  „Glasgow“,
„Dresden“  gegen  „Otranto“.  Cetzteres  Schiff  verließ
nach  einiger  eit  die  Linie  und  ist  entkommen,  wie  ich
denke.  Kuf  „Good  Hhope“  und  „Monmouth“  brachen
viele  Brände  aus,  auf  ersterem  fand  eine  ungeheure

 

141
        <pb n="144" />
        Explosion  statt,  die  sich  gegen  den  dunklen  EAbendhimmel
  wie  ein  Brillantfeuerwerk  darstellte,  weißglühend
  mit  grünen  leuchtenden  Sternen  lohte  es
dabei  über  Schornsteinhöhe  hinauf.  Ich  glaubte,  das
Schiff  müßte  dabei  untergehen,  doch  schwamm  es
weiter  und  der  Kampf  ging  ununterbrochen  fort.  Die
Dunkelheit  brach  herein,  die  Entfernung  hatte  ich
zuerst  verringert  bis  auf  4500  Meter,  dann  drehte  ich
soweit,  daß  sie  langsam  wieder  zunahm.  Es  wurde
weiter  gefeuert,  nach  dem  nur  durch  die  Brände  erkennbaren
  Schiffe  und,  als  die  Geschützführer  nicht
mehr  zielen  konnten,  abgebrochen.  Das  Schießen  des
Gegners  hatte  aufgehört.  Ich  befahl  den  kleinen
Kreuzern,  die  Derfolgung  aufzunehmen,  da  der  Gegner
aber,  wie  es  schien,  nun  die  Brände  gelöscht  hatte,
war  nichts  mehr  zu  sehen,  und  das  berumfahren  um
die  gegnerische  Cinie,  um  sie  in  günstige  Beleuchtung
zu  bekommen,  führte  nicht  mehr  zum  Jzusammentreffen.
  Der  Artilleriekampf  hatte  52  Minuten  gedauert.
  Um  etwa  8,40  Uhr  auf  N-#.„Kurse,  beobachtete
  ich  voraus  auf  sehr  große  Entfernung,  geschätzt
etwa  10  Seemeilen,  rrtilleriefeuer.  Ich  hielt  darauf
zu,  um  zu  helfen,  falls  nötig.  Es  war  die  „Nürnberg“,
die  vorher  nicht  mehr  den  Anschluß  hatte  finden  können,
nun  auf  die  fliehende  „Monmouth“  gestoßen  war,  die,
wie  sie  meldete,  mit  starker  Schlagseite  nach  Steuerbord
vorgefunden  wurde.  „Nürnberg“  ging  dicht  heran
und  gab  ihr  den  Rest  durch  Geschützfeuer.  „Monmouth"
kenterte  und  ging  unter.  Leider  verbot  die  schwere
See  die  Rettungsarbeit  neben  dem  Umstand,  daß
„Nürnberg“  glaubte,  „Good  hope“  in  der  Uähe  zu

 

142
        <pb n="145" />
        sehen,  was  wohl  eine  Täuschung  war.  Sie  wird  die
großen  Kreuzer  auf  große  Entfernung  im  Mondlicht
dafür  angesehen  haben.  Ich  weiß  nicht,  was  aus
„Good  hope“  geworden  ist;  Leutnant  G.,  der  Seit  zu
Beobachtungen  hatte,  meinte,  er  habe  erkannt,  daß
auch  sie  starke  Schlagseite  bekommen  habe,  und  wenn
ich  mir  das  Bild  in  Erinnerung  rufe,  halte  ich  es  für
wohl  möglich,  glaubte  aber,  es  sei  eine  Folge  der  Schiffsbewegungen
  in  der  schweren  See.  Es  ist  möglich,  daß
auch  sie  untergegangen  ist,  kampfunfähig  war  sie  wohl.
„Glasgow“  war  kaum  zu  sehen,  sie  soll  auch  einige
TCreffer  bekommen  haben,  ist  meines  Erachtens  aber
entkommen.

S§o  haben  wir  auf  der  ganzen  Seite  gesiegt,  und
ich  danke  Gott  dafür.  Wir  sind  in  gerade  wunderbarer
Weise  geschützt  worden,  wir  haben  keinen  Derlust  zu
beklagen.  Einige  leichte  Derwundungen  kamen  auf
„Gneisenau“  vor.  Die  kleinen  Kreuzer  wurden  überhaupt
  nicht  getroffen.  Die  Treffer,  die  „Scharnhorst"
und  „SEneisenau“  erhielten,  haben  so  gut  wie  keinen
Schaden  angerichtet.  Eine  15-Sentimeter-Granate
fand  ich  in  einem  hellegat  der  „Scharnhorst“  vor,  sie
hatte  die  Bordwand  durchschlagen,  dann  allerlei  Unfug
und  Jerstörung  unten  verursacht,  war  glücklicherweise
nicht  krepiert  und  lag  nun  als  Gruß  da.  Ein  Schornstein
war  getroffen,  aber  nicht  so,  daß  er  seinem  Jwecke
nicht  mehr  dienen  konnte.  äbnliche  Kleinigkeiten  sind
auf  „Gneisenau“.  Ich  weiß  nicht,  welche  unglücklichen
  Umstände  beim  Gegner  vorgelegen  haben,  die
ihm  jeden  Erfolg  genommen  haben.  Die  Begeisterung
unserer  braven  Leute  ist  ungeheuer,  ihre  Siegeszuver= 



143
        <pb n="146" />
        sicht  konnte  ich  offen  beobachten.  Besonders  gefreut
hat  es  mich,  daß  auch  „MNürnberg“,  die  ohne  Schuld
von  der  Schlacht  ferngeblieben,  doch  noch  schließlich
zum  Erfolge  beitragen  konnte.  Wenn  „Good  Hope“
entkommen  ist,  muß  sie  meines  Erachtens  wegen  ihrer
Beschädigungen  einen  chilenischen  hafen  anlaufen;
um  das  festzustellen,  will  ich  morgen  mit  „Gneisenau“
und  „Nürnberg“  Dalparaiso  anlaufen  und  sehen,  ob
„Good  hope“  nicht  von  den  Chilenen  abgerüstet  werden
  kann.  Damit  bin  ich  zwei  starke  Gegner  los.
„Good  hope“  ist  ja  größer  als  „Scharnhorst“,  hat  aber
nicht  so  gute  Krtillerie.  Sie  hat  zwar  schwere  Geschütze,
aber  nur  zwei  davon.  „Monmouth“  ist  dagegen  der
„Scharnhorst"  nicht  gleichwertig,  da  sie  nur  15  Zentimeter
  hatte.  Die  Engländer  haben  noch  ein  Schiff
wie  „Monmouth“  hier,  außerdem,  wie  es  scheint,  ein
Linienschiff  der  Queensklasse  mit  30,5  zentimeter.
Eegen  letzteres  können  wir  kaum  was  ausrichten,
hätten  sie  ihre  Streitkräfte  zusammengehalten,  so
würden  wir  wohl  den  Kürzeren  gezogen  haben.  Man
kann  sich  kaum  vorstellen,  welche  Sreude  überall  bei
uns  herrscht,  so  haben  wir  doch  wenigstens  etwas  zum
Ruhm  unserer  Waffen  beitragen  können,  wenn  es  auch
für  das  Ganze  und  bei  der  ungeheuren  Jahl  der  englischen
  Schiffe  wenig  bedeuten  mag.

5.  Movember  1914.

Wir  sind  heute  morgen  in  Dalparaiso  angekommen.
  Der  Gesandte  von  Eckert  war  anwesend,  kam
bald  an  Bord,  ebenso  der  Generalkonsul  Gumprecht.
Die  Nachricht  unseres  Seesieges  war  noch  nicht  her- 



144
        <pb n="147" />
        gedrungen,  verbreitete  sich  aber  wohl  schnell.  Als  ich
zum  Besuch  des  Stationschefs  an  Land  fuhr,  war  großes
Gedränge  am  TLandungssteg.  Photographenapparate
knipsten  dauernd  und  manches  hurra  aus  kleinen
Gruppen  wurde  ausgebracht.  Die  Deutschen  wollten
natürlich  feiern,  was  ich  aber  absolut  abgelehnt  habe.
Ich  ließ  mich  dann  nötigen,  auf  eineinhalb  Stunden
in  den  Klub  zu  kommen.  Kuf  dem  Rückwege  zur  Knlegestelle
  kam  eine  Dame,  überreichte  mir  einen  Rosenstrauß.
  Es  wurden  eben  allerlei  Schwierigkeiten  vom
englischen  Gesandten  überbracht  gegen  unser  Kuslaufen,
  da  wir  vor  kurzem  einen  chilenischen  hafen
aufgesucht  haben.  Ich  sagte  dem  Offizier,  der  die  Mitteilung
  überbrachte,  daß  das  Dorgehen  des  englischen
Gesandten  absolut  unberechtigt  sei,  er  solle  dessen
Lorderungen  einfach  zurückweisen.  Elücklicherweise
kam  gleichzeitig  noch  der  Gesandte  an  Bord,  der  auf
Spanisch  die  nötigen  Jusätze  machte.

##

 

145
        <pb n="148" />
        nD.  dem  Kusbruch  des  großen  deutschen  Krieges
zweifelte  mancher,  ob  unser  Dolk  in  den  langen  Jahren
der  Mammonsherrschaft,  der  Ichsucht,  des  Weiberkults
und  der  stetig  wiederholten  Sriedensbeteuerungen  sich
die  männlichen  Tugenden  des  Kriegers  bewahrt  habe.
Das  deutsche  Dolk  hat  gezeigt,  daß  es  im  innmersten
Kern  gesund  geblieben  ist,  es  hat  schon  heute  die
große  Drüfung  glänzend  bestanden.  Sobald  es,  schwer
bedroht,  von  seinem  Kaiser  Zzum  Kriege  aufgerufen
ward,  loderten  Opfermut,  hingebung,  Selbstsosigkeit,
Daterlandsliebe  in  hellen  Jlammen  empor.  Unsere
heere  überschritten  die  Grenze,  Sieg  reihte  sich  an
Sieg,  ein  deutscher  Stamm  suchte  den  andern  an
Tapferkeit  und  heldenmut  zu  überbieten.  Klle  inneren
Gegensätze  waren  vertagt  und  traten  zurück,  es  zeigte
sich  eine  hocherfreuliche  Erscheinung:  die  gesamte
deutsche  Hrbeiterbevölkerung  bekannte  sich  zur  nationalen
  Lahne  und  hat  ihren  Mann  gestanden  vom  ersten
Tage  des  Krieges  bis  heute.  Rang-,  Klassen-,  Bildungsunterschiede
  gibt  es  im  Selde  nicht.

Kls  dann  das  Kriegsglück  umschlug  und  die  gewaltigen
  Massen  der  Gegner  dem  deutschen  Siegeslauf
  halt  geboten,  als  die  deutschen  heere  in  die  Derteidigung
  geworfen  wurden,  da  traten  als  weitere
Cugenden  unseres  Dolks  hervor:  Ruhe,  Gleichmut,

 

146
        <pb n="149" />
        Ausdauer,  gleichmäßiges  Kushalten  schwerer  Strapazen,
  vor  allem  aber  Hesthalten  an  der  unbedingten
Juversicht  auf  den  Sieg.

Einem  solchen  Dolk  in  Waffen,  das  fest  gewillt
ist  zu  siegen  und  bis  zum  Siege  unbedingt  durchzuhalten,
  kann  der  Lohn  nicht  vorbehalten  bleiben.  Es
ist  eine  Lust  zu  leben,  und  die  höchste  Sreude,  an  der
Spitze  solcher  Truppen  zu  stehen,  von  denen  jeder
Mann  ein  held  ist!  Möge  nur  der  kommende  Friede
der  heldentaten  und  der  Opfer  wert  sein!

„Es  stritt  für  uns  im  Eliede
Nein  Mensch,  nur  Gott  allein.

So  soll  denn  auch  der  Sriede
Ein  deutscher  Friede  sein.“

E.  von  Tiebert,
EGeneralleutnant  und  Kommandeur
einer  Reservedioision.

In  Srankreich,  Februar  1015.

0——

WV

Der  Weltkrieg  wird  zweifellos  eine  ungeheure
  Macht=  und  Kulturverschiebung  zugunsten
Deutschlands  herbeiführen,  da  die  Leinde  Deutschlands
  eine  so  große  sittliche  und  geistige  Minderstellung
  bewiesen  haben,  daß  sie  neben  Deutschland
  nicht  mehr  auf  gleicher  Stufe  stehen  können.
Dies  wird  eine  unabsehbare  Steigerung  der  in
der  Welt  lebenden  Kulturkräfte  zur  Folge  haben.

Josef  HKohler,  Geheimer  Justizrat,
Professor  an  der  Universität  Berlin.

 

147
        <pb n="150" />
        Der  heranwachsenden  deutschen  Jugend!

2

Die  Ihr  dies  miterlebt,  den  Krieg,  das  Siegen,
vergeßt  die  Toten  nicht,  die  wir  ihm  brachten.
Ihr  dürft  im  heldengeist  der  zeit  Euch  wiegen,
fern  von  dem  Schrei  und  Blutgeruch  der  Schlachten.
Und  sollt  Euch  doch  nicht  vor  den  tausend  Schrecken,
berauscht  von  schöner  Rednerei  verstecken!

Laßt  Euch  von  der  Begeisterung  durchwehen,

die  unser  Dolk  wie  nie  zuvor  empfunden!

Doch  auch  den  Ernst  der  zeit  sollt  Ihr  verstehen,

den  Schmerz,  die  l#ngst  und  all  die  schweren
Stunden.

Das  höchste  Glück,  das  einem  Land  beschieden,

kann  nie  ein  Krieg  sein,  ist  allein  der  Srieden.

KNaiserswerth  am  Rhein,  haus  SFreiheit.

Berbert  Eulenberg.

½3

 

148.
        <pb n="151" />
        *  *
*

Di  draußen  kämpfen,  bluten  und  sterben  für
deutsche  reiheit.  Sür  unsere  Einheit  bleiben  wir
daheim  verantwortlich.  Kehren  die  Helden  zurück,  so
können  sie  erwarten,  ein  ihrer  Taten  würdiges
Bürgertum  vorzufinden.  Der  Parteigeist  muß  seine
engen  Fesseln  gesprengt  und  gelernt  haben,  sich  zu
weiten  und  zu  höhen  für  den  offenen  Blick  aufs  Daterland,
  aufs  Daterland  allein.  Der  Dauerbestand  der
Einigkeit  im  deutschen  Dolk  wäre  der  höchste  Siegespreis.
  Der  Srieden  um  Land  und  Gold  kann  uns
reicher,  aber  nicht  stärker  machen.  Unsere  Stärke
und  unversiegliche  Kraftquelle  sind  Einheit  und  Einigkeit.
  Keine  Welt  von  Feinden  kann  uns  niederringen,
wenn  ihr  unser  ehern  geschlossener  Dolkswille  entgegentritt.
  Das  ist  die  Lehre  auch  dieses  Sreiheitskrieges.
  Erfüllt  und  begeistert  von  ihr  wachse  die
deutsche  Jugend,  die  so  Großes  gesehen  und  erlebt,
als  Männergeschlecht  der  deutschen  Zukunft  heran!

Berlin,  an  Bismarcks  100.  Geburtstag,  1.  Kpril  10915.

Dr.  Wilhelm  Kahl,
Universitätsprofessor

 

149
        <pb n="152" />
        Deutschland  hat  1870  den  Reichskörper  gebaut
und  in  diesem  Weltkrieg  1914/15  wird  das  Reich
seine  Weltmachtstellung  bewähren.  Danach  werden
wir  daran  gehen,  die  deutsche  Reichsseele  auszubauen,
  daß  sie  ein  Segen  sei  für  alle  Dölker.

Eräfenroda  i.  Shür.,  12.  Zpril  1915.

Friedrich  Lienhard.
*

Inm  gesunden  Körper  schlummern  unwahrnehmbare
  bwehrkräfte  gegen  verderbliche  Angriffe  schädlicher
  Organismen;  sobald  unsere  Existenz  durch  diese
gefährlichen  Jeinde  bedroht  wird,  treten  die  bis  dahin
verborgenen  Kräfte  in  die  Erscheinung,  um  den  Kampf
mit  den  zFerstörern  der  Gesundheit  und  des  Lebens
aufzunehmen.

Wie  bei  dem  gefährdeten  Einzelwesen  hat  auch
der  Existenzkampf  unseres  Dolkes  unerkannt  schlummernde
  Kräfte  des  Geistes  und  des  Gemüts  geweckt
als  machtvolle  WMaffen  im  Kampfe  gegen  seine  Derderber.


Diese  aus  ihrer  Derborgenheit  in  der  Gefahr  zutage
  getretenen  Kräfte  der  Dolksseele,  die  Selbstlosigkeit,
  die  Opferwilligkeit,  die  tätige  Nächstenliebe,
der  erfinderische,  die  Not  bezwingende  Geist,  stehen
im  Ringen  um  unsere  bedrohte  Existenz  der  bewaffneten
  Macht  als  ebenbürtige,  gleich  wirksame  Kbwehrkräfte
  zur  Seite.

Berlin  W.,  15.  Zpril  1915.

Professor  Dr.  James  Israel.

 

150
        <pb n="153" />
        Ein  neues  Deutlschland.

Wenn  wir  ein  neues  Deutschland  schaffen  wollen,
so  muß  es  aufgebaut  sein,  auf  dem,  was  wir  in  der
Stunde  der  Gefahr  erlebt  haben,  auf  dem  Bewußtsein
der  Einheit  der  Nation  ohne  Unterschied  der  politischen
oder  religiösen  Meinungen.  Es  darf  nur  eine  Gesinnung
  erfordert  werden,  die  des  freien  Mannes,  der
sich  seinem  Dolke  hingibt  und  nach  seiner  Uberzeugung
das  Beste  für  sein  Dolk  tun  will,  der  aber  ebenso  die
Meinungen  anderer  achtet,  auch  wo  er  sie  bekämpft.
Kusgeschlossen  aber  sollte  die  Gesinnung  des  Hhilisters
sein,  der  sich  nicht  nur  ärgert,  wenn  ein  anderer
andere  Gedanken  und  Gewohnheiten  hat  als  er  selbst,
sondern  ihn  auch  zwingen  möchte,  sie  abzulegen.  Dolitische
  Kämpfe  wird  und  muß  es  geben.  Es  ist  undenkbar,
  für  die  innere  Kusgestaltung  des  Reiches  eine
Sormel  zu  finden,  mit  der  alle  —  vom  preußischen
Landedelmann  oder  dem  in  der  Schreibstube  hochgestiegenen
  Bürokraten  bis  zum  süddeutschen  Bauern,
dem  katholischen  Kaplan  und  dem  sozialdemokratischen
Industriearbeiter  —  einverstanden  sein  könnten.  Sie
müßte  sich  denn  in  so  abstrakten  Selbstverständlichkeiten,
  wie  „das  Daterland  über  der  Partei“  erschöpfen,
die  den  Streit  sofort  wieder  aufleben  ließen,  sobald
die  Frage  aufträte,  was  denn  nun  für  das  Daterland
geschehen  solle.  Mein,  wir  erwarten  und  wollen  politische
  und  soziale  Darteien;  „ie  sind  die  Rdern,  in
denen  das  Blut  der  Nation  kreist,  und  die  politischen

 

151
        <pb n="154" />
        Kämpfe  treiben  es  mit  rascherem,  vollerem  hHerzschlag
  durch  den  Körper  des  Dolkes,  erweckend  und
belebend.  zu  hüten  haben  wir  uns  vor  dem  Siebergift
der  Gehässigkeit,  die  nicht  Meinungen  sachlich  bekämpfen,
  sondern  dem  politischen  Gegner  die  Ehre  abschneiden
  und  ihn  verfemen  will.

Jetzt  hat  die  Seit  und  ihre  Not  in  uns  Deutschen
einen  großen  Willen  zur  Einheit  geboren,  und  so  lange
die  herzen  noch  warm  und  die  großen  Erlebnisse  nicht
vergessen  sind,  gilt  es,  die  Jusammengehörigkeit  des
deutschen  Dolkes  durch  Taten  zu  besiegeln  und  den
Erund  zu  legen  zu  einer  wahrhaft  sozialen  Gemeinschaft
  aller  seiner  Glieder.  Ein  Teil  des  Baues  ist  vorhanden
  in  den  Organisationen  der  Arbeiter  und  in
dem  einheitlichen  Geiste  echt  sozialer  hilfsbereitschaft
und  menschlicher  Gesinnung,  der  sie  erfüllt.  Derkenne
man  die  Schätze,  die  darin  liegen,  nicht,  nehme  man  sie
vorbehaltlos  an,  baue  man  weiter  auf  diesem  Grund
und  mit  diesem  Gold,  so  wird  jeder  Sozialdemokrat
bereit  sein,  an  diesem  Werke  eines  neuen  Deutschlands
mitzuschaffen  und  froh  sein,  in  einem  solchen  hause
zu  wohnen.

Wolfgang  heine,
Reichstagsabgeordneter.

 

152
        <pb n="155" />
        N  eben  unsagbarer  Trauer  und  grauenhaften  Zerrbildern
  hat  der  Krieg  uns  des  Edlen  und  Erhabenen
die  Sülle  gezeigt.  Stolz  erhebt  unser  deutsches  Dolk
sein  haupt  vor  der  Geschichte  —  denn  es  hatte  das
Schwert  geschliffen,  um  den  #rieden  zu  wahren  und
der  Feinde  zu  wehren,  nicht  um  seine  Nachbarn  zu
schädigen  und  mit  Krieg  zu  überziehen.  Diese  haben
es  anders  gewollt;  mögen  sie  die  Solgen  tragen!  Eine
eiserne  Willensklammer  eint  alle  Elieder  unseres
Heeres  von  den  obersten  Sührern  bis  zu  den  einfachen
Soldaten,  nicht  eher  die  Waffen  niederzulegen,  als
bis  ein  dauernder  FSriede  unserm  Daterlande  erkämpft
wurde.  Die  Feinde  haben  durch  ihr  Derhalten  gegen
uns  jede  Rücksichtnahme,  jede  Regung  des  weichen
deutschen  Gemüts  verwirkt;  nur  unsere  zukünftige
Sicherheit,  nur  unser  eigenstes  Interesse  darf  für  die
Bedingungen  des  Sriedensschlusses  maßgebend  sein.
Dann  wird  das  deutsche  wieder  das  friedlichste  der
Dölker  sein,  wie  es  dies  vor  dem  Kriege  gewesen  ist.
Der  jetzt  in  hellem  Kriegerzorn  entflammte  deutsche
Geist  wird  dann  den  Werken  des  Sriedens  in  Kunst,
issenschaft  und  Erwerb  obliegen,  und  die  Wunden
werden  heilen,  die  der  Krieg  uns  geschlagen  hat.  Ja,
dieser  Krieg  wird  uns  zu  einer  Q#uelle  der  Läuterung
werden;  Häßliches  wird  von  uns  abfallen,  in  verjüngter
  Kraft  wird  Deutschland  seine  idealen  Ziele
wieder  aufnehmen  und  die  kommenden  Generationen
besseren  zeiten  entgegenführen.

Geheimrat  Dr.  Reinke,

Kiel,  9.  März  1915.  Universitäts-Professor,
Mitglied  des  herrenhauses.

 

153
        <pb n="156" />
        Staatslekretär  von  Jagom
über  den  Krieg  mit  SEnglancd.

□—

Wir  wissen  es  nun  aus  Greus  eigenem  Mund,
England  geht  darauf  aus,  Deutschland  niederzuschlagen
und  zu  vernichten.  Es  war  ein  offenes  Eingeständnis.
Die  Welt  kennt  nun  Englands  Beweggrund  zu  diesem
Kriege,  wie  wir  ihn  längst  gekannt  haben.  Ereus
Rede  stellt  eine  erneute  Kriegserklärung  dar.  Sie
bedeutet  Krieg  bis  aufs  Messer.  England  will  es  so!
Wir  nehmen  diesen  Kampf  auf,  und  wenn  diese
Menschenschlächterei  ohne  Ende  fortdauert,  so  mag
die  Welt  die  Schuld  dort  abladen,  wo  sie  hingehört,
vor  der  Tür  Englands,  das  diesen  Krieg  ins  Werk  gesetzt
  und  angestiftet  hat.  Greys  Worte  mögen  ein
harter  Schlag  für  diejenigen  sein,  die  einige  Hoffnung
zu  haben  meinten,  den  Frieden  zustande  zu  bringen.
Erey  kündigt  an,  daß  England  nicht  eher  aufhören
will,  als  Deutschland  völlig  zu  Boden  geworfen  ist.
Dieser  Cag  ist  weit  entfernt.  Die  Geschichte  hat  gezeigt,
daß  das  deutsche  Dolk  nicht  leicht  niederzuschlagen  ist.
Tausende  von  Menschenleben  werden  geopfert  werden,
viel  Blut  wird  noch  fließen,  und  alles,  weil  Deutschland
  gewagt  hat,  neben  England  stark  und  mächtig  zu
werden,  weil  England  seine  unbedingte  Seeherrschaft
in  Srage  gestellt,  sein  Handelsmonopol  gefährdet,
seine  Weltbeherrschung  durch  eine  fortschreitende  Nation
  in  Srage  gestellt  glaubte.  Dies  allein  ist  der  Ursprung
  des  Krieges  und  alle  die  abgedroschenen

 

154
        <pb n="157" />
        Phrasen  der  Greuschen  Rede  vermögen  weder  den
Krieg  zu  gewinnen,  noch  Ursache  und  Urheber  des
Krieges  zu  verhüllen.  Wir  sind  ihm  dankbar  dafür,
daß  er  vor  der  Welt  Englands  Beweggrund  und  ziel
offen  eingestanden  hat.  Elaubt  denn  jemand,  der
Englands  Geschichte  kennt,  auch  nur  einen  Kugenblick,
daß  England  für  selbstlose  Siele  kämpft?  England  mit
seiner  Nächstenliebe  und  Menschlichkeit,  das  sich  zum
Dorkämpfer  der  Leidenden  aufwirft,  während  es
Causende  von  Srauen  und  Kindern  hungern  ließ,  um
die  britische  Herrschaft  über  die  freien  Buren  auszudehnen,
  möchte  jetzt  Deutschland  in  ein  großes  Konzentrationslager
  verwandeln,  und,  wenn  es  das
könnte,  Hunderttausende  deutscher  Srauen  und  Ninder
zum  hungertod  verdammen,  alles,  um  Deutschland
auf  seinem  Wege  niederzuwerfen.  Dor  dem  Schreckensworte
  Hunger  erbleicht  England  nicht.  Es  hat  zu  oft
den  Schrei  der  vielen  Tausende  gehört,  die  unter  der
britischen  Jlagge  in  Indien  Hungers  gestorben  sind.
Der  hunger  ist  Englands  Lieblingswaffe,  um  zu  unterwerfen
  und  in  Unterwerfung  zu  halten.

Wir  sind  nicht  auf  die  Konferenz  eingegangen,
weil  wir  SOsterreich  nicht  zumuten  konnten,  seine
Sache  dem  Schiedsspruch  anderer  Mächte  zu  unterwerfen,
  die  der  JSall  nichts  anging.  Wir  regten  eine
direkte  Derständigung  zwischen  Osterreich  und  Rußland
  an  und  förderten  diesen  Plan.

Belgien  ist  durch  England  in  den  Krieg  gezerrt
worden,  während  Deutschland  wünschte,  das  Land
nicht  hineinzuziehen  und  seine  Unabhängigkeit  und
Integrität  zu  wahren.

 

155
        <pb n="158" />
        Gewiß,  das  deutsche  Dolk  bereitete  sich  vor,  sein
Daterland  zu  verteidigen.  haben  die  Ereignisse  das
nicht  gerechtfertigt?  Englands  jetzt  von  Eren  offen
eingestandene  Kbsichten,  Deutschland  niederzuwerfen,
waren  uns  kein  Geheimnis.  Jetzt  will  England  uns
das  Messer  an  die  Kehle  setzen.

England  hat  keinen  Nebenbuhler  zur  See  geduldet.
  Meint  man  in  Gmerika,  daß  England  mit  Jzustimmung
  oder  besonderer  Freude  eine  große  amerikanische
  Slotte  entstehen  sehen  wird?  Will  das  amerikanische
  Dolk  sich  in  diesem  Dunkte  fremde  Befehle
eher  gefallen  lassen  als  Deutschland?  Ich  glaube  es
nicht,  aber  wir  wollen  die  Antwort  der  Geschichte  abwarten.
  Trotz  allem  Gerede  und  allen  Hbleugnungen
zeigen  Geschichte  und  Tatsachen,  daß  England  die  unbedingte
  politische  Diktatur  in  der  Welt  verlangt,  den
Bau  jeden  Schlachtschiffs  als  Drohung  gegen  sich  selbst
betrachtet  und  Krieg  führen  wird,  um  den  Nebenbuhler
  niederzuwerfen,  sobald  ein  Dolk  mit  fortgeschritteneren
  Methoden  den  englischen  Handel  auf
dem  Weltmarkte  bedrängt.  6

 

156
        <pb n="159" />
        Das  neue  Sedan  1914.

Einmal  schon  schwand  und  wuchs  der  Mond  seither!


Die  Sonne  kam  und  ging  zu  dreißig  Malen

Don  Ost  nach  West.  Kus  Blut  hebt  sie  das  haupt

Und  birgt  das  haupt  in  Blut.

Du  gold'ner  Ball,  der  uns  gesegnet  und  geliebt,
Uns  Deutsche!  Sieh,  wie  war  es  dir  verwandt,
Was  aus  Millionen  deutschen  Männerhirnen

Kus  deutschen  händen  und  aus  deutschen  herzen
Sieghaft  und  licht  hinstürmte  durch  die  Welt

KAls  Ruhm  und  höchste  Tat  des  Menschentums:
Gedankentat  und  händetat,  Gesittung  und  Gefühl.
Gesegnet  hast  du,  gold'ner  Ball,  die  sonnenhafte,
Die  ungeheure  Sriedensarbeit  deutscher  Menschen.

Uun  kommt  und  geht  dein  haupt  aus  rotem  Blut
Zu  rotem  Blut  und  trinkt.

In  gierem  Wahnwitz  und  in  schwarzer  Tollwut
Eriffen  sie  rings  mit  neidverkrampften  Fingern
Heige  nach  dieser  deutschen  Sriedenskrone,
Gehetzt  vom  Racheteufel  und  von  einer  Dirne,
Der  kühlen  Lügenmetze  Dolitik.

 

157
        <pb n="160" />
        Es  kam  ein  Kugenblick,  da  wir  erschraken:
Es  schien,  als  sei  in  dieser  großen  Welt
Ein  Mensch  der  Deutsche  nur,  rings  um  ihn  Tiere.

Und  was  ein  Ich  war  und  zerspalten  war
Im  Sriedenswähnen  und  im  Friedenswollen,
Das  wuchs  in  Eins  zusammen  vor  dem  ier,
Eeheimnisvoll  gespeist  aus  schuttbefreiten
Urtiefen  Brunnen  der  Dergangenheit,

Und  schaute  in  dein  Antlitz,  deutsche  Sonne,
So  heilig  ernst  und  so  zum  Tod  entschlossen,
Daß  wieder  wir  erschraken,  tief  in  Ehrfurcht
Vor  diesem  Dolke,  das  wir  selber  sind.

Kls  du's  verließest  heut'  vor  dreißig  Gdagen,

Da  war  es  arbeitstreu  und  mild,  ein  Dolk,
Besonnen,  gütig,  helfend  und  mitfühlend

Ein  jedes  Menschenleid  auf  fernster  Erde.

Und  was  du  wiederfandest  nach  der  einen  Nacht,
Das  war  ein  einziger  held  aus  siebenzig  Millionen
Kriegsfroher  Helden:  Mann  und  Srau  und  Kind.
Der  hob  den  Riesenleib  und  sprang  zum  Kampfe
So  heiter  wie  zum  Tanz  und  sang  dabei,

Sang  aus  Millionen  Kehlen,  daß  es  klang

ls  sei  das  ganze  Land  ein  Sommerwald,

Ein  singender  Wald  das  ganze  deutsche  Land,
Und  alle,  die  es  hörten,  mußten  weinen,
Dann  hat  der  beld  geschwiegen  und  getangt,
Und  wieder  dir  verwandt  und  sonnenhaft

 

158
        <pb n="161" />
        Hinstürmt  ein  Ruhm  durch  alle  Welt:  Des
Krieges  deutsche
Gedankentat  und  Händetat,  Gesittung  und  Gefühl.

Noch  kämpfen  wir,  Dergangenheit  und  Jukunft
bindend,

Dich  schützend,  heilige  Muttererde,  deutsches  Land.

Drei  Brüder  gabst  du  uns  zu  dieser  Stunde,

Die  halten  wir  umschlungen,  Mann  und  Srau
und  Kind:

Den  deutschen  Tod,  den  deutschen  Sieg
Und  unfre  deutsche  Ehre.

Ernst  hardt.

 

159
        <pb n="162" />
        Das  Große  dieses  Weltkrieges,  „das  wahrhaft
Bedeutsame“  für  uns  erblicke  ich  nicht  allein  in  den
äußeren  Dorgängen  des  Weltgeschehens,  in  den  äußeren
  Umwandlungen  des  Weltbildes,  die  er  (wie  wir
alle  hoffen)  zu  unsern  Gunsten  vollziehen  wird.
Sondern  ebenso  und  noch  mehr  in  den  inneren
Umwandlungen,  die  sich  schon  seit  seinem  ersten
Beginn  in  uns  angebahnt  haben  und  in  immer  gesteigertem
  Maße  fortdauernd  entwickeln  —  in  der  gründlichen
  Umgestaltung  und  Umwertung  unserer  Gesinnung,
  unseres  Denkens  und  Sühlens,  unseres
Wollens  und  handelns.  Dor  allem  in  dem  Wiederaufleben
  und  kräftigen  Kufblühen  jenes  von  der  deutschen
  Uatur  untrennbaren,  aber  in  der  verflossenen
Periode  friedlichen  Wohllebens  und  materiell“technischen
  Fortschreitens  allzu  lange  zurückgedrängten
nationalen,  religiösen  und  sittlichen  Jdealismus.
In  der  Rückkehr  zu  den  hohen  geistigen  und  sittlichen
Leitsternen  unseres  Dolkes,  einem  Luther  und  hutten,
berder  und  Schiller,  einem  RNant  und  Sichte,  krndt
und  Wilhelm  von  Humboldt  und  in  der  hinwendung
zu  ihren  glücklicherweise  auch  unter  uns  nicht  fehlenden
Eeistesverwandten.  Möchten  wir  nur,  was  wir  hier
errungen  haben  und  was  für  unser  Dolkstum  noch
wichtiger  ist  als  alle  erst  zu  erringenden  militärischen
und  politischen  Erfolge,  auch  späterhin  in  der  hoffentlich
  uns  beschiedenen  Sriedensära  niemals  wieder
preisgeben!

Berlin,  10.  April  1915.
Geh.  Med.-Rat  Drof.  Dr.  Slbert  Eulenburg.

 

160
        <pb n="163" />
        Nationalökonomie
im  Schützengraben.

Don  Sranz  Adam  Beyerlein.
*

Einen  ag  erst  war  die  jüngst  eroberte  Stellung
besetzt,  aber  bereits  begann  man  sich  häuslich  darin
einzurichten.  Im  „Hltenteil“",  wo  die  beiden  ältesten
hauptleute  und  der  Chef  der  Pionierkompagnie  untergekrochen
  waren,  ließ  es  sich  schon  ganz  behaglich
wohnen.  Gewissermaßen  im  Erbgang  hatten  die
Deutschen  von  den  französischen  Dorgängern  den
eisernen  Ofen  nebst  Seuerungsvorrat,  die  bequemen
Dolsterstühle  und  die  Strohlagerstätten  übernommen.
Sogar  die  französische  Kerze  in  der  Laterne  war  noch
nicht  ganz  heruntergebrannt.

Der  Hionier  war  eingedrusselt  und  schnarchte
schon  ein  wenig.  Der  Infanteriehäuptling  aber  der
für  den  verwundeten  Major  zurzeit  das  Bataillon
führte,  las  bei  dem  trüben  Lichte  in  der  Seitung  die
heimische  Derordnung  über  den  Brotverbrauch.  Er
überlegte:  4  Dfund  in  der  Woche  auf  den  Kopf,  —
war  das  nun  viel  oder  wenig?  Und  kam  zu  dem
Schluß:  für  seine  kleine  §rau,  für  den  fünfjährigen
Buben  und  das  süße  Mädelchen  von  zwei  Jahren  bedeuteten
  12  Dfund  in  der  Woche  keine  hungersnot;
die  ganz  Jungen  und  die  ganz  Klten  brachten  den
Kusgleich.

Da  öffnete  sich  die  Tür.  Eiskalte  Luft  drang
herein,  und  sofort  erwachte  der  Pionier.  „Tür  zul!"“

 

161
        <pb n="164" />
        schrie  er  ganz  bös.  „Zum  Donnerwetter,  zu  die  Türe!!“
„Na,  na!“  brummte  es  vom  Eingang  her.

Hauptmann  Vogel  kroch  auf  allen  Vieren  unter
der  alten  Bettdecke  hervor,  die  den  Türvorhang  abgab.
Er  richtete  sich  stöhnend  auf,  hing  die  Regenhaut  hinter
dem  Ofen  an  einen  Kleiderhaken  und  stellte  sich
selber  mit  dem  Rücken  gegen  die  Wärme.  „Sauwetter!“
schalt  er.

Strauß,  der  Pionier,  nickte  bloß,  und  Mauerhoff,
der  Bataillonsführer,  versetzte  träge.  „Ja,  ja.“

„Ist  alles  in  Ordnung  draußen,  Dogelchen?“
fügte  er  hinzu.

„Zu  Befehl,  du  darfst  ganz  ruhig  sein.  Ich  glaube
nicht,  daß  sie's  heute  nacht  nochmals  versuchen.

„Hoffen  wir,  lieber  Leser!“

Die  beiden  Herren  in  den  weichen  Tehnstühlen
neigten  offenbar  dazu,  zu  schweigen  und  bei  gegebener
Gelegenheit  zur  Ruhe  überzugehen.  Hauptmann
Dogel  aber,  der  aus  der  frischen  Nacht  draußen  kam,
war  noch  sehr  munter  und  zu  einem  Gespräch  aufgelegt.

„Eben  hab'  ich  ein  nationalökonomisches  Kolleg
gehört,“  sagte  er.

Der  Hionier  erwiderte  nur:  „#ch!?“  Mauerhoff
aber  fragte  behaglich:  „Wo  denn,  Dogelchen?“

„Dorn  im  Schützengraben.“

„Du  träumst,  mein  Bester.“

Und  der  ionier  bekräftigte:  „Entschieden  Wahnvorstellung."


Dogel  aber  rieb  sich  die  klammen  hände  und  erkundigte
  sich:  „Weißt  du,  Mauerhoff,  oder  wissen  Sie,
herr  Kamerad  Strauß,  was  Taylorismus  ist?“

 

162
        <pb n="165" />
        Mauerhoff  zuckte  die  Achseln,  der  Pionier  aber
war  plötzlich  lebendig  geworden  und  dozierte:  „Cailor
ist  englisch  und  heißt  Schneider,  und  wenn  meine  Frau
sich  ein  'tailormade'-Kleid  zulegt,  so  weiß  ich,  daß  es
dreimal  mehr  kostet  als  gewöhnlich."“

„Ja“,  gab  Dogel  zu,  „diese  traurige  Erfahrung
hab'’  ich  auch  gemacht.  Und  trotzdem  ist  es  etwas
anderes.“

Der  Dionier  hatte  sich  eine  Sigarette  angezündet
und  war  nun  bereit  zu  hören.  „So  rücken  Sie  doch
heraus  damit!“  mahnte  er.

Dogel  sperrte  sich  nicht  eben  und  erzählte:  „Ganz
vorn  war  das,  wo  der  feindliche  Schützengraben  in
einen  freundlichen  verwandelt  wird.  Im  Ernst,  sie
haben  dort  tüchtig  zu  schaffen  bei  der  Srontverlegung,
der  Boden  ist  verdammt  steinig.  Da  hab'  ich  mal  nach
dem  Rechten  gesehen.  Es  ist  stockfinster  draußen,  und
wenn  einen  die  Leute  nicht  erkennen,  schwatzen  sie
ruhig  fort.  Kuf  diese  Krt  erfährt  man  manches,  was
zu  wissen  gut  ist.  Run  hab'  ich  im  ersten  Jug  ein  seltsames
  Gespann,  den  Wehrmann  Brömme  und  den
Kriegsfreiwilligen  Grimm.  Brömme  ist  Maurer  und
hat  als  solcher  eine  Bombenruhe.  Neulich  z.  B.  kommt
er  von  einer  Hatrouille  nicht  zurück.  Ich  denke  schon,
den  hat's,  da  —  abends  ist  er  wieder  da.  „Na,  Brömme“,
sag'  ich,  „an  den  Tag  werden  Sie  denken!  Don
früh  bis  abends  im  Seuer!“  WMas  antwortete  der
Nerl??!  —  „J  Gott,  herr  hauptmann,  sie  schossen
ja  manchmal  recht  nahe  hin,  aber  ich  hatte  meine
Pfeife  und  abak  genug,  Brot  und  Speck  war  da,  und
warm  angezogen  bin  ich  auch,  —  warum  sollt'  ich  da

 

163
        <pb n="166" />
        nicht  bleiben?  Hier  hätt'  ich  doch  bloß  mitbuddeln
müssen.“  Das  ist  Brömme.  Grimm  dagegen  ist  Doktor
der  Philosophie  und  Privatdozent  der  National-=ökonomie.“


„O“,  sagte  der  Pionier,  „dann  muß  er  es  ja  wissen.
Da  werden  wir  also  authentisch  erfahren,  wie  das  mit
den  Schneiderkleidern  ist.“

„Die  beiden  also  sind  Nebenmänner  im  Glied,“
fuhr  Dogel  lächelnd  fort,  „Erimm  hilflos  in  allen
praktischen  Dingen,  dann  springt  ihm  Brömme  bei,
und  der  Doktor  bedankt  sich  wieder,  indem  er  dem
Maurer  auf  alle  Sragen  mit  rührender  Geduld  Kuskunft
  gibt.  Sreilich  ist  es  bei  Brömme  mehr  Neugier
als  Wissensdurst,  und  wenn  die  Rede  gar  auf  Dolitik
kommt,  dann  kann  Grimm  reden,  was  er  mag  —
Brömme  ist  und  bleibt  Sozialdemokrat.  Schadet  ja
auch  gar  nichts.  Im  übrigen  aber  ist  er  ganz  gelehrig.
heut'  arbeiten  sie  nun  vorn  im  Graben,  und  wenn
Brömme  sich  auch  auf  dem  Bau  nie  übernehmen  wird,
da  vorn  markiert  er  nicht  bloß,  nein,  es  geht  ihm
tüchtig  von  der  Hand.  Grimm  dagegen  —o  du  meine
Güte!  —  kommt  immer  mehr  in  Rückstand.  Da  nimmt
ihm  mit  einem  Male  Brömme  den  Spaten  aus  der
hand  und  sagt  väterlich:  „Gib  mal  her,  Doktor.  Den
Blödsinn  kann  ich  nicht  länger  ansehn.  Du  rackerst  dich
ab  und  bringst  doch  nichts  zuwege.  Uu  paß  mal
lchtung:  so  wird  das  gemacht.  8o  packst  du  den  Spaten
an,  so  —rin  damit  in  den  Boden,  und  so  —  wupp!  —
wirfst  du  die  Erde  oben  raus.  Hast  du  dir's  gemerkt?"

Grimm  versucht  die  handgriffe  nachzuahmen,
und  es  geht  schon  besser.  „Hha“,  sagt  er,  „so  'ne  Krt

 

164
        <pb n="167" />
        165

 

 

 

Junger  Tiroler  Schütze.
Nach  einem  Ortginalblilde  von  Professor  L.  von  Zumbusch.
        <pb n="168" />
        —

 

 

*J*—

 

 

 

 

 

Ein  deutsches  Unterseeboot  bohrt  den  engl.  Kreuzer  „Permes“  in  den  Grund.
Nach  einem  Originalbilde  von  Professor  Willy  Stöwer.

 

 

 

7
0

 

 

 

E———————

 

 

 

 

 

166
        <pb n="169" />
        Taulorismus!“  „Nõö“,  meint  Brömme,  „wie  ich  es
mache,  ist  es  praktisch,  und  wie  du  es  machst,  ist
es  dämlich.“  „Na,  ja,  eben  so  'ne  Krt  Taulorismus.“
  Da  wird  Brömme  aufmerksam  und  fragt:
„Du  „Doktor,  was  meinst  du  wohl  damit?“  Und
nun  erklärt  ihm  Grimm,  daß  ein  amerikanischer
Leuteschinder  —  namens  TSaylor,  Bherr  Kamerad
Strauß!  —  herausgekniffelt  hat,  wie  man  z.  B.  beim
Erdschaufeln  oder  KNohlenschippen  oder  Uütenpacken
oder  Maschinenschreiben  handgriffe  sparen  kann,  wie
Hände  und  Krme  den  kürzesten  eg  zurückzulegen
haben,  wie  dadurch  zeit  erübrigt  und  die  Teistung
teilweise  bis  aufs  doppelte  erhöht  wird.  Freilich  wird
damit  der  Mensch  fast  zur  Maschine  erniedrigt,  und  nur
noch  der  Hlinkste  und  Behendeste  wird  drüben  als  Krbeiter
  eingestellt  und  natürlich  sehr  hoch  bezahlt,  aber
in  der  allerkürzesten  Frist  ist  er  gänzlich  ausgesogen
und  aufgebraucht,  und  dann  wird  er  erbarmungslos
beiseite  geworfen.  So  was  hatte  mein  Brömme  noch
nie  gehört;  er  stand  ganz  starr,  bis  der  Unteroffizier
vorbeikam  und  brummte:  „Na,  Brömme,  Sie  vespern
wohl  gerade?"  Da  legte  sich  der  Maurer  wieder  ins
Jeug,  und  erst  nach  einer  geraumen  Weile  fragte  er,
ordentlich  mit  bebender  Stimme:  „Doktor,  auf  dein
Wort,  so  was  gibt  es?“  „Und  ob,  Kamerad,“  erwiderte
  Grimm,  „das  wird  drüben  das  herrschende
Prinzip.“  Brömme  kratzte  sich  den  Kopf:  „Ei  verflucht,
  und  ich  wollte  auswandern!“  Und  wieder  nach
einer  langen  Weile  fing  er  an,  ganz  zaghaft:  „Doktor,
sag  mal,  beim  Bauhandwerk  soll  das  drüben  auch  eingeführt
  werden?“  „Jawohl,  da  zu  allererst.“  Da

 

167
        <pb n="170" />
        triumphierte  aber  Brömme:  „Gott  sei's  getrommelt
und  gepfiffen,  wir  haben  hier  die  Gewerkschaft,  und
da  heißt  es:  soundsoviel  Steine  in  der  Stunde,  basta.
Keinen  weniger,  aber  auch  keinen  mehr!  hier  wird
nix  draus.  Und  es  ist  gut  so.  Denn  du  kannst  mir
glauben,  Doktor,  es  ist  sowieso  kein  Spaß,  jeden  Tag
in  einem  ganzen  Leben  einen  Siegel  nach  dem  anderen
  zu  vermauern.“  „Ja“,  fiel  da  Grimm  ein,  „das
ist  ja  eben  das  soziale  hauptproblem  der  Jetztzeit,
diese  gräßliche,  freudlose  Einförmigkeit  der  Grbeit!“
„NMö“,  versetzte  darauf  Brömme,  „das  sag  ich  nicht,
daß  es  ein  Problem  ist,  aber  ein  Spaß  ist  es  wirklich
nicht,  Doktor!  Und  das  andere,  —  ich  weiß  nicht,  wie
du  es  genannt  hast,  —"  „Der  Naylorismus?  —  Das
ist  eine  Gemeinheit,  NKamerad!“  „Da  hast  du  recht,
Doktor,  eine  hundsgemeine  Gemeinheit!  Pfui  spucke!!
—  Na,  sie  werden  wohl  noch  mancherlei  drüber  geredet
  haben,  Grimm  und  Brömme,  aber  da  kam  ein
ekliger  Regenguß,  und  ich  ergriff  die  Slucht.  Das
Wesentliche  hatt'  ich  ja  auch  schon  erwischt."“

hauptmann  Mauerhoff  rappelte  sich  aus  dem
tiefen  Lehnstuhl  auf  und  begab  sich  nach  dem  Strohlager
  in  der  Ecke.  „Wenn  man  sich's  recht  überlegt",
sprach  er,  „so  ist  die  Geschichte  tatsächlich  riesig  interessant.
  Don  so  was  hat  man  nun  einfach  keine  hnung
gehabt.“

„Tia“,  versetzte  der  Dionier  gähnend,  „da  sehen
Sie  mal  wieder,  wie  recht  der  Dreiverband  hat.  Wir
sind  eben  Barbaren.“

 

168
        <pb n="171" />
        *  k
2

D.  Bündelkrieg,  in  dem  wir  uns  befinden,  entspringt
  einer  schier  unauflösbaren  Derwicklung  zwischen
  den  Kufgaben  der  europäischen  Staatengruppierung,
  des  Kolonialbesitzes,  den  Restforderungen  einiger
Nationen  und  den  mannigfach  verschiedenen  Richtungen
  ihrer  inneren  Politik.  Das  Ganze  gleicht
einem  jener  australischen  Buschdickichte,  von  dem  die
Reisenden  behaupten,  man  könne  nur  um  sie  herumgehen.
  Dennoch  —  wir  müssen  mitten  durch.  Wie
kann  das  geschehen?

Die  erste  Doraussetzung  ist  die  des  siegreichen
Kampfes  mit  heer  und  Slotte.  Eine  andere  Bedingung
liegt  darin,  daß  auch  jeder  Nichtkämpfer  die  kriegerischen
  Tugenden  der  Tapferkeit  und  der  sittlichen
Widerstandskraft  in  sich  entfalte.  Dies  sei  der  heranwachsenden
  deutschen  Jugend  ins  Gewissen  geschrieben.
Es  handelt  sich  nicht  um  ein  einmaliges  Opfer,  dargebracht
  im  Rausch  der  Begeisterung,  sondern  um  die
unermüdliche  tägliche  Bereitwilligkeit,  in  der  eigenen
Lebensführung  ein  vernünftiges  haushalten  mit  den
Dorräten  durchzusetzen,  allerhand  Unbequemlichkeiten
auf  sich  zu  nehmen  und  nicht  aus  privater  Saulheit  auf
andere  abzuschieben.  Manche  unter  uns  befinden  sich
offenbar  in  einem  halbzustand  zwischen  Wachen  und
Schlafen,  aus  dem  sie  nur  geweckt  werden  wollen,  um
Siege  zu  feiern  oder  Entrüstungsschreie  auszustoßen.

 

169
        <pb n="172" />
        Sie  sollten  endlich  lernen,  daß  der  kategorische  Imperativ
  strengster  pflichterfüllung  auch  für  sie  gilt.
Kantisch  denken  kann  nicht  jeder,  wohl  aber  Kantisch
handeln.  Wir  dürfen  nicht  müde  werden,  denn  unsere
Gegner  rechnen  mit  langen  Seiträumen  nach  dem
Erundsatz,  den  der  englische  Geschichtsschreiber  Gibbon
seinen  Landsleuten  eingeschärft  hat:  „Nichts  als  Seit,
aber  viel  Seit  gehört  dazu,  daß  eine  Welt  untergeht.“
Nun  wollen  wir  ihnen  beweisen,  daß  sie  soviel  Zeit
doch  nicht  aufbringen  können.

Wenn  unter  den  ällteren  sich  leicht  eine  gewisse
Lässigkeit  entwickelt,  so  müssen  die  daheim  gebliebenen
Jungen  mit  der  ihnen  innewohnenden  Srische  und
Entschiedenheit,  mit  ihrer  schönen  Jukunftsfreudigkeit
zum  Dorbild  und  Ansporn  werden.  Ihr  Knaben  und
Mädchen:  ihr  habt  die  große  Kufgabe,  uns  jetzt  zu
belfen;  ihr  habt  die  noch  größere  Kufgabe,  ein  erhöhtes
  und  gereinigtes  Deutschtum  späterhin  lebendig
zu  machen.

Berlin  am  12.  Hpril  1915.

Universitäts-Professor  Dr.  Dessoir.

t

 

170
        <pb n="173" />
        Cied  an  Alle.

m

Sei  gesegnet,  ernste  Stunde,
die  uns  endlich  stählern  eint;
Hriede  war  in  #ller  Munde,
Argwohn  lähmte  Sreund  wie  Seind  —
Jetzt  kommt  der  Krieg,
Der  ehrliche  Mrieg.

Dumpfe  Gier  mit  stumpfer  Kralle
feilschte  um  Genuß  und  Hracht;
jetzt  auf  einmal  fühlen  Hlle,
was  uns  einzig  selig  macht  —
Jetzt  kommt  die  Not,
Die  heilige  Not!

Seurig  wird  nun  Klarheit  schweben
über  Staub  und  Pulverdampf;
nicht  ums  Ceben,  nicht  ums  Leben
führt  der  Mensch  den  Lebenskampf  —
Stets  kommt  der  od,
Der  göttliche  Tod!

Eläubig  greifen  wir  zur  Wehre
für  den  Geist  in  unserm  Blut;
Dolk  tritt  ein  für  Deine  Ehre,
Mensch,  Dein  Elück  heißt  Opfermut  —
Dann  kommt  der  Sieg,
Der  herrliche  Sieg!

Richard  Dehmel.
        <pb n="174" />
        Englands  Weltherrschaft
und  der  Krieg.

Über  die  Sriedensziele  dürfen  wir  nicht  sprechen,
aber  das  muß  zum  Kusdruck  gebracht  werden,  daß
im  Herzen  eines  jeden  Deutschen  der  Wunsch  lebt:
Das  mit  soviel  deutschem  Blut  eroberte  feindliche
Land  geben  wir  nicht  mehr  heraus!  WMir  müssen  heran
an  den  englischen  Kanal  und  wenn  wir  nochmals  von
vorn  anfangen  und  die  alten  Swingburgen  aufs  neue
erobern  müßten.  Das  deutsche  Dolk  verlangt  auch,
daß  wir  uns  im  Osten  sichern  vor  neuen  Einfällen  der
russischen  Horden,  nicht  wieder  darf  die  Seder  verderben,
  was  das  Schwert  errungen.  ##n  alle  Meeresstraßen,
  auf  denen  die  Dölker  verkehren,  hat  England
seine  Iwingburgen  gesetzt,  deren  Kanonen  jedes  Land
zum  Stillstand  bringen  können.  Im  Kanal  haben  die
Engländer  nicht  nur  Dover,  sondern  jetzt  auch  noch
Calais  zur  Kontrollstation  des  Dölkerverkehrs  gemacht
  —  wer  weiß,  ob  es  den  Franzosen  gelingt,  ihre
englischen  9reunde  ohne  unsere  Mitwirkung  jemals
wieder  aus  Calais  hinauszubringen.  Dann  weiter:
Gibraltar,  Singapur,  Hongkong,  Weiheiwei,  alles
Iwingburgen,  durch  die  England  dafür  sorgt,  daß
nirgends  in  der  Welt  etwas  gegen  seinen  Willen  geschieht
  —  und  wir  waren  so  zartfühlend,  Asingtau
nicht  zu  befestigen,  weil  es  Englands  Eitelkeit  verletzen
  könnte.  Der  Hanamakanal  wird  auch  bald  englisch
  sein,  wenn  Amerika  nicht  bald  einsieht,  daß  man

 

172
        <pb n="175" />
        auch  Opfer  bringen  muß,  wenn  man  Weltpolitik
treiben  will.  Wir  können  nicht  mehr  wie  früher  daheim
  bleiben  und  friedlich  unseren  Kohl  bauen,  wir
müssen  hinaus  in  die  Welt  und  unsere  Güter  austauschen,
  wenn  wir  nicht  verkümmern  und  in  die  alten
Jeiten  der  Ohnmacht  zurücksinken  wollen.  Es  ist  aber
für  uns  undenkbar,  daß  wir  ewig  von  der  Gnade  Englands
  abhängen  sollen  —  deshalb  müssen  wir  unfseren
Sreiheitskampf  gegen  die  Engländer  führen,  deren
handel  von  unserem  fast  erreicht  wird,  deren  Industrie
der  unseren  unterlegen  ist.  Es  ist  nicht  unsere  Kbsicht,
nun  mit  Blut  und  Eisen  ein  neues  Weltreich  an  Stelle
des  englischen  aufzurichten.  Wir  kämpfen  für  die
§reiheit  der  Meere  und  die  Entwicklung  für  uns  und
die  anderen.  Wie  wir  die  englische  Seeherrschaft
brechen,  das  ist  eine  nicht  mit  wenigen  Worten  zu
beantwortende  Srage,  aber  es  gibt  keinen  -weifel
darin,  daß  es  uns  gelingen  wird.  Wir  können  unser
Volk  im  Uotfall  auf  der  eigenen  Scholle  ernähren,
England  kann  das  niemals.  Wir  haben  für  alle  uns
fehlenden  Rohstoffe  künstlichen  Ersatz  schaffen  können
—  wir  halten  den  Krieg  aus,  in  dem  sich  Englands
gewaltige  Slotte  versteckt  halten  muß.

Geheimrat  paasche,
Dizepräsident  des  Reichstags.

 

173
        <pb n="176" />
        Universitätsprofessor  Dr.  J.  Jastrow,  Berlin:
Im  Oktober  1914.

u  der  Jeit,  wo  diese  zeilen  geschrieben  werden,
3  liegen  außer  einigen  wenigen,  hoffnung  gewährenden
  Grenzerfolgen  keine  Mitteilungen  vor.
Noch  sind  alle  militärischen  Möglichkeiten  offen,  ja  sogar
  die  politischen  einer  Erweiterung  der  kriegführenden
  Mächte.  NMur  eine  Möglichkeit  ist  verschlossen:  daß
dieser  Krieg  mit  unserer  Niederlage  ende.  Wenn  zum
Schlimmen  das  Schlimmste  kommt,  so  werden  wir  den
sichersten  Satz  der  modernen  Strategie,  daß  mit  der  Dernichtung
  des  hHeeres  der  Krieg  beendet  sei,  zuschanden
machen.  Dann  werden  wir  #lten  noch  einmal  die  Slinte
auf  die  Schulter  nehmen.  Jwar  unsere  Jahrgänge  sind
gelichtet,  und  vielen  hat  der  Kampf  ums  Dasein  die
Knochen  zu  müde  gemacht,  als  daß  sie  noch  antreten
könnten.  ber  so  viel  werden  unsere  15  Jahrgänge
über  45  noch  aufbringen  können  wie  die  zwei  oder
drei  jüngsten  Jahrgänge,  und  was  uns  an  Schwung
fehlen  wird,  wird  uns  an  Erbitterung  zuwachsen.
Der  Ruf  „res  venit  ad  triarios“  wird  der  Schrecken
unserer  Leinde  sein.  Es  gibt  kein  zweites  Land  der
Erde,  das  aus  diesen  Jahrgängen  noch  einmal  25  Krmeekorps
  gedienter  Soldaten  herausziehen  könnte.  Es  wäre
eine  äußerste  und  furchtbarste  Notwendigkeit;  aber

 

174
        <pb n="177" />
        unter  uns  ist  keiner,  der  daran  zweifelt,  daß  sie  Wirklichkeit
  würde.  Und  wenn  selbst  das  versagen  sollte,
so  würde  der  Krieg  damit  so  wenig  beendet  sein,
wie  im  Jahre  1807  mit  dem  Srieden  von  Eilsit  der
Napoleonische  Krieg  beendet  war.  Dann  träte  eine
Dause  ein,  bis  die  vierzehnjährigen  Knaben  herangewachsen
  sind  und  abermals  eine  neue  Krmee  ins
Leld  gestellt  werden  kann.

Das  ist  die  Bedeutung,  die  in  unserem  Munde
die  Worte  haben,  daß  dieser  Krieg  mit  unserer  Niederlage
  nicht  enden  kann.  Wir  sprechen  es  aus  mit  dem
Bewußtsein,  daß  uns  die  Anmut  naiven  Prahlens  von
der  Natur  versagt  ist,  daß  wir  für  den  vollen  Sinn
dessen,  was  wir  aussprechen,  verantwortlich  sind.  Er
kann  so  nicht  enden,  weil  es  eine  logische  Unmöglichkeit
ist:  wenn  die  Niederlage  da  ist,  so  ist  der  Krieg  nicht
beendet.

 

175
        <pb n="178" />
        Schaãmt  Ihr  Such  nicht?

Von  Otto  Ernst.

2

Ihr  Kämpfer  dort  an  der  User  und  an  der  Hisne
—  beeilt  euch,  vorwärts,  vorwärts;  herr  Gutbier
wartet  auf  den  endgültigen  Sieg!

Ihr  Streiter  im  Osten,  tummelt  euch,  stürmt,
stürmt;  Herr  Gutbier  wünscht  größere  Leistungen  zu
sehen  und  möchte  binnen  drei  Tagen  Warschau,  oder
noch  besser:  Moskau  besetzt  sehen.

herr  Gutbier  ist  nicht  waffenfähig,  aber  dort,
wo  die  Kugeln  nicht  hintreffen,  ein  ungemein  kluger
und  eifriger  Mann.

Wen  100  000  Feinde  gefangen  genommen,
hundert  GEeschütze  erbeutet  und  drei  Kreuzer  in  den
Erund  gebohrt  wurden,  dann  kann  er  auf  Stunden
binaus  sehr  wohlwollend  gegen  Heer  und  Marine  sein,
besonders  wenn  alles  an  einem  age  geschehen  ist.

tber  wenn  es  am  folgenden  Tage  nicht  200  000
Gefangene,  200  Kanonen  (schweren  Kalibers)  und
sechs  Danzerkreuzer  sind,  dann  kann  er  auch  sehr  ungemütlich
  werden.  Denn  er  ist  ein  zwar  wohlwollender,
  aber  auch  strenger  Kritiker.

„Sie  werden  sehen“,  sagt  dann  herr  Gutbier,
„was  ich  geahnt  habe:  der  Krieg  versumpft.  Das
Schlimmste,  was  uns  passieren  kann!  Was  nützt  alle

 

176
        <pb n="179" />
        Tapferkeit  und  Begeisterung,  wenn  die  Sührung  versagt.
  Der  Kluck  hätte  ja  schon  längst  —  na  ja,  ich  will
nichts  weiter  sagen.  Den  General  X.  haben  sie  schon
absägen  müssen,  weil  er  nichts  gekonnt  hat.  Na  ja,
ich  meine,  das  hätte  man  droben  etwas  früher  merken
können.“

Ich  glaube,  man  kennt  herrn  Gutbier.  Ich  brauche
ihn  nicht  weiter  vorzustellen.  Seinesgleichen  hat  es
immer  gegeben  und  wird  es  auch  weiter  geben.

ber  es  ist  nötig  zu  fragen:  haben  wir  es  hier
nicht  mit  einem  deutschen  Tupus  zu  tun?  Dereinzelte
  Erscheinungen  solcher  Krt  könnte  man  verlachen
und  verachten;  aber  sind  ihrer  nicht  recht,  recht  viele?
Die  deutschen  Blätter  haben  sich  schon  öfter  mit  ihnen
befassen  müssen.

Ja,  ja,  leider  handelt  es  sich  um  einen  deutschen
Tupus:  den  nie  zu  befriedigenden  Nörgler,  den  unentwegten
  Besserwisser  und  Besserkönner,  den  Mann
mit  den  unerreichbaren  Maßstäben,  dessen  „scharfe
Kritik“  sich  nur  von  einem  Dinge  „wirklich  voll  und
ganz“  befriedigt  zeigt,  von  sich  selbst.

Diese  Nörgelsucht  ist  ja  vielleicht  besser  als  ihr
EGegenteil,  als  die  kindliche  Illusionsfähigkeit  der  Srangosen,
  die  aus  einem  in  Leindesland  requirierten  huhn
eine  Niederlage  des  Gegners  macht;  sie  ist  sicherlich
noch  erträglicher  als  das  erbärmliche  Maulheldentum
der  Jalstaffsöhne  Kitchener,  Churchill,  Ksquith,  Curgon
  und  wie  die  Gentlemen  sonst  heißen  mögen,  die
sich  Trophäen  verfertigen  aus  den  Kastanien,  die
fremde  Truppen  für  sie  aus  dem  Leuer  geholt  haben.

Diese  Laster  sind  vielleicht  gefährlicher  als  das

 

177
        <pb n="180" />
        deutsche;  aber  gefährlich,  höchst  gefährlich  ist  auch
deine  Nörgel-  und  Krittel-  und  Derkleinerungssucht,
mein  gutes  deutsches  Dolk.

sja,  mein  gutes  deutsches  Dolk,  du  hast  mit
dieser  Sucht  schon  manch  genialem  Plane,  mancher
kühnen  hoffnung,  manchem  himmelstürmenden  Wollen
und  Wagen  die  Slügel  geknickt  und  gebrochen,  das  laß
dir  gesagt  sein.  Es  hat  nicht  an  deiner  Ermutigung
gelegen,  wenn  der  Graf  eppelin  durchhielt  und  triumphierte;
  herr  Gutbier  hielt  nichts  von  dem  „Schwindel“.

Du  warst  in  den  Tagen  der  Kriegserklärungen  und
der  Mobilmachung  sicherlich  tief  und  ehrlich  begeistert;
aber  schon  bald  hernach  duldetest  du  Slaumacher  und
ihre  Reden  und  hörtest  ihnen  teilnehmend  zu.

Der  Deutsche  nimmt  seine  erste  Begeisterung
immer  schnell  zurück;  er  läßt  sich  auf  den  Tausendmarkschein
  der  Begeisterung  900  Mark  herausgeben.
Kuch  950.  Er  erinnert  in  dieser  hinsicht  an  einen  Geizhals,
  der  in  einer  großen  Wallung  sagt:  „Ich  zeichne
hundert  Mark  —  oder  doch  fünfzig  —  oder  sagen
wir:  zehn!“

Kuch  ich  bin  leider  nicht  mehr  kriegstüchtig.  Ich
habe  die  höhe  des  Klters  nie  mit  sentimentaler  Klage,
ja,  eher  mit  vergnügter  Neugier  und  zugleich  mit
wohltuender  Entspannung  betrachtet.  In  dieser  Zeit
hat  es  mir  zum  ersten  Male  bitter  leid  getan,  daß  ich
nicht  mehr  jung  und  stark  bin.  Hreilich,  wenn  auch  die
52jährigen  heranmüssen,  dann  werde  ich  auch  meine
Slinte  zu  tragen  und  einen  Engländer  ins  goldene
herz  zu  treffen  wissen.  Kber  vorläufig  haben  wir  noch
Überfluß  an  junger  Mannheit,  und  wir  „Würdigen“

 

178
        <pb n="181" />
        könnten  ihr  nur  im  Wege  stehen.  Wenn  wir  Daheimgebliebenen
  aber  vorläufig  nichts  anderes  tun  können
als  von  den  ungeheuren  Taten  unserer  Brüder  und
Söhne  lesen,  dann  sollen  wir  es  wenigstens  mit
grenzenloser  Bescheidenheit,  mit  unerschöpflicher  Dankbarkeit,
  mit  siegessicherem  Dertrauen,  mit  unerschütterlicher
  Geduld  und  mit  nie  erlahmender  hilfsfreudigkeit
  tun.  Ja,  mit  unbezwingbarer  Sreudigkeit  überhaupt.
  Ich  wende  mich  mit  besonderem  Nachdruck
gegen  die  vorzeitigen  Heulmener,  die  sich  wunder  wie
ernst  und  gefühlvoll  dünken,  wenn  sie  Tag  für  Tag  von
unseren  Derlusten  reden  und  flennen.  Unbegrenzte
Ehrfurcht  vor  den  stillen  Tränen  derer,  die  einen
teuren  Gatten,  Dater,  Sohn  oder  Bruder  beweinen!
ber  die  Heulmeuer  sind  gewöhnlich  unbeteiligt  an
den  Opfern  des  Krieges.  Wir  wollen  jetzt  nichts  —  man
wird  mich  keinen  Zugenblick  mißverstehen  —  wir
wollen  nichts  wissen  von  der  Sahl  unserer  Derluste;
wir  kennen  immer  und  immer  nur  eins:  Drauf  und
drauf  und  vorwärts  und  vorwärts,  bis  die  Niedertracht
  Englands  in  ihrem  eigenen  Blute  erstickt  ist.

„Die  Pferde  schnauben  und  setzen  an,
Liege  wer  will  mitten  in  der  Bahn,
Sei's  mein  Bruder,  mein  leiblicher  Sohn,
Jerriß  mir  die  Seele  sein  Jammerton,
Über  seinen  Leib  weg  muß  ich  jagen,
Kann  ihn  nicht  sachte  bei  Seite  tragen.“

50  spricht  Schiller,  der  „Moraltrompeter“,  der  auch
der  Schutzheilige  dieses  Befreiungskrieges  wie  desjenigen
  vor  hundert  Jahren  ist,  und  das  ist  das  Wort

 

179
        <pb n="182" />
        dieser  großen  Stunde  der  Weltgeschichte.  Einst,  wenn
der  Leind  für  immer  am  Boden  liegt,  wenn  die
Srüchte  des  Sieges  in  die  Scheuer  gebracht  sind  und  der
Cag  der  tiefsten  und  innersten  deutschen  Hammlung
gekommen  ist,  dann,  ja  dann  wollen  wir  weinen  um
unsere  gefallenen  helden.  Kuch  der  jugendliche  Held
von  Gadebusch  verlangte  nichts  Besseres,  als  er  sang:

„Doch  stehst  du  dann,  mein  Dolk,  bekränzt  vom  Elücke,
In  deiner  Dorzeit  heil'gem  Siegerglanz:

Dergiß  die  kreuen  Uoten  nicht  und  schmücke

uch  unfre  Urne  mit  dem  Eichenkranz!“

Ja,  wir  wollen  an  den  Urnen  unserer  Tapferen
weinen  aus  herzensgrund  und  -kraft,  und  wenn  wir
uns  satt  geweint  haben,  wollen  wir  wieder  jauchzen
und  jubeln,  daß  der  Schoß  unserer  heiligen  Mutter
Germania  eine  solche  Sülle  herrlichster  Helden  geboren
hat  und  künftig  gebären  wird  in  unabsehbarer  zeit.
Und  dieses  Weinen  und  Jauchzen  wird  furchtbar  sein
in  den  Ohren  derer,  die  künftig  unseren  Srieden  stören
wollen;  wenn  wir  jetzt  wimmern  und  klagen,  so  ist  es
unsern  Leinden  nur  Ohrenweide.

Kus  allen  Nachrichten,  die  von  der  Sront  kommen,
klingt  es  heraus:  Unsere  Kämpfer  mit  ihren  Sührern
sind  voll  siegesgewisser  Suversicht.

Schämt  Ihr  Euck  nicht,  Ihr,  die  Ihr  hinterm  Ofen
sitzt,  schämt  Ihr  Euch  nicht  unsäglich  Eurer  Ungeduld,
wenn  sie,  die  das  Schwerste  tragen,  voll  festen  Dertrauens
  und  eiserner  Geduld  sind?  Dergeßt  nicht,
daß  unser  Dolk  nur  ein  einziges  herz  hat,  daß  die
Kdern  der  da  draußen  Ringenden  und  Eure  Kdern

 

180
        <pb n="183" />
        verbundene  Röhren  sind,  in  denen  das  Blut  im  gleichen
ugenblicke  steigt  und  fällt.  Wenn  unsere  helden  den
Blick  zurückrwenden  nach  der  Heimat,  wollen  sie  Eure
ugen  lachen  sehen,  auch  wenn  Uränen  darin  stehen
sollten  —  das  ist  vorab  ihr  einziger,  ihr  schönster  und
ihr  verdienter  Lohn.  Ihr  habt  mitzukämpfen;  wenn
Ihr  die  Waffen  nicht  tragen  könnt,  dann  mit  allen
Sasern  Cures  hirnes  und  herzens,  mit  jeder  guten
Kraft  Curer  Seele.  Es  ist  ein  heiliger  inn  in  der  Geschichte
  von  Moses,  dessen  Dolk  siegte,  solange  er  die
Arme  betend  erhob,  und  zurückweichen  mußte,  sobald
er  sie  sinken  ließ.  Betet,  was  Ihr  wollt  und  zu  wem  Ihr
wollt;  aber  hebt  gläubig  und  sehnsuchtsvoll  Eure
bhände  empor  zum  höchsten,  das  Ihr  kennt,  und  stützt
sie  einer  dem  andern,  wenn  sie  sinken  wollen:  das  ist
das  Geringste,  was  Ihr  tun  könnt,  das  ist  Eure  selbstverständlichste
  Pflicht  und  ist  das  Recht  derer,  die
sterben,  damit  wir  leben  können.

 

 

181
        <pb n="184" />
        *  *
*

Dieser  Weltkrieg,  entfesselt  vielleicht  durch  die
handgreiflichkeiten  des  merkantilen  Interesses,  ist  doch
im  letzten  Sinne  ein  Kampf  um  Ideen.  Die  Sragestellung,
  täglich  jetzt  hinausgedonnert  durch  das
Klphabet  der  Kanonen,  lautet:  Soll  der  Geist  des
internationalen  handels  mit  seinen  diplomatischen
Kniffen  die  Rktionen  der  Dölker  beherrschen  oder  der
EGeist  der  ehrlichen  Hingabe  an  den  herzensfortschritt
der  Menschheit.  Man  hört  so  oft,  daß  unsere  deutsche
Diplomatie  versagt  habe.  Ich  meine:  Gott  sei  Dank!
Das  ist  ein  gutes  Jeichen,  wenn  Gradheit  und  Ehrlichkeit
  nicht  Schritt  halten  kann  und  will  mit  Dersteckspiel
  und  Bluff.  Unser  Reichskanzler,  ein  Mann,  hart
und  gerade  wie  ein  personifizierter  Imperativ  unseres
großen  Kant,  wird  nach  unserem  Siege  die  Dölker
schon  lehren,  daß  Wahrheit  und  Offenheit  des  Geistes
die  besten  Waffen  sind.  Nur  mit  der  Derbreitung
deutscher  Sehnsucht  nach  Wahrheit  und  Ideenreichtum
kann  der  Überschätzung  des  Mammons  endlich  ein
halt  und  ein  Jurück  nach  innen,  nach  dem  Reichtum
des  herzens,  geboten  werden.  Darum  wogt  der  Krieg.!

Professor  Carl  Ludwig  Schleich.

Im  MUMärz  1915.

 

182
        <pb n="185" />
        *  *
*

U  hvergleichliches  erleben  wir.  Die  ganze  Welt  ist
in  Bewegung.  Die  Kräfte  aller  Kriegsführenden  sind
auf  das  höchste  gespannt.  ber  Deutschland  darf  mit
SJuversicht  dem  Kommenden  entgegenblicken;  denn
auch  für  das  Leben  der  Dölker  gilt  das  Gesetz  von  der
Kuslese  der  Süchtigsten.

Und  nach  dem  Krieg?  Mancher,  der  die  menschliche
  Natur  nicht  kennt,  träumt  sich  in  eine  Zukunftswelt
  hinein,  wie  sie  nicht  sein  wird.  Doch  ohne  Spur
kann  das  Gewaltige  nicht  vorübergehen,  das  sich  jetzt
vollzieht.  Wandlungen  innerhalb  der  Regierungskreise
  und  der  Parteien,  #nderungen  in  der  Stellung
und  TLösung  der  Kufgaben,  Derschiebungen  in  dem
Derhältnis  zu  den  anderen  Staaten,  —  das  steht
zu  erwarten.

Dabei  muß  der  eine  Eedanke  alles  beherrschen.
Ein  Dolk,  das  soviel  Lebenswillen,  soviel  Lebenskraft
bewiesen  hat,  verdient  Dertrauen.

Und  ein  zweites:  nicht  die  Wenigen  allein,  auch
die  Dielen  machten  Geschichte.  Darum  muß  die  Dolkserziehung
  jeden  Einzelnen  zu  erfassen,  emporzuheben,
stämmig  und  standhaft,  markig  und  mannhaft  zu
machen  suchen.  Insofern  bedarf  Nietzsches  Lehre  vom
Übermenschen  der  Ergänzung.

Dr.  Pachnicke,
Mitglied  des  Reichstags  und  des
Preußischen  bgeordnetenhauses.
Bühl-Immenstadt  am  Hlpsee,  20.  4.  1615.
        <pb n="186" />
        Zivilisation.

S

Was  hilft  es,  daß  wir  jahrtausendlange

der  Menschheit  gemeinsamen  Hort  gemehrt?
Was  hilft  es,  datz  wir  im  Schöpferdrange

die  Kunst  und  das  Wissen  wie  Götter  verehrt?
Was  hilft  es,  daß  wir  die  Geber  waren

für  jene,  die  jetzt  uns  feindlich  bedrohn?

Sie  nennen  uns  hunnen  und  Barbaren,

die  Führer  der  Jivilisation.

Wir  lehrten  sie  Kräfte  des  Klls  erkunden,

des  Denkens  Bahn  und  der  Sterne  Jug;

wir  haben  für  sie  das  Hulver  erfunden,

den  Buchdruck,  Lernspruch  und  Menschenflug.
Wir  schöpften  aus  tiefem  Märchenbrunnen
des  deutschen  Liedes  herzinnigen  Ton;

drum  schelten  uns  jetzt  Barbaren  und  hunnen
die  Sührer  der  Jivilisation.

Wir  sprachen  in  ihrer  zunge  mit  ihnen,
weil  ihrem  Ohr  die  unfrige  fremd;

wir  trachteten,  ihrem  Geist  zu  dienen,
wenn  unserm  den  Jutritt  sie  gehemmt:;
wir  huldigten  jedem  Eötzenbilde,

dem  sie  erbaut  einen  Eingangsthron,
und  dennoch  erklären  uns  nun  für  Wilde
die  Führer  der  Jivilisation.

 

184
        <pb n="187" />
        Was  taten  wir  ihnen?  Wir  haben  die  Rolle
des  Welteroberers  stolz  verschmäht;

wir  wollten  nur  Herr  sein  auf  unsrer  Scholle
wir  wollten  nur  ernten,  was  wir  gesät,

nur  unseres  Sleißes  Werkzeug  schärfen,

es  blank  vererben  vom  Dater  zum  Sohn.
Welch  Unrecht  haben  uns  vorzuwerfen

die  FJührer  der  Jivilisation?

Ja,  wir,  das  Dolk  der  Dichter  und  Denker,
ohnmächtig  auf  unserem  eigenen  Grund,
und  sie  das  Dolk  der  Richter  und  Lenker,
allmächtig  rings  auf  dem  Erdenrund;

wir  irdischem  Gut  entsagend  hienieden
und  emsig  wirkend  in  ihrer  Sron  —
dann  wären  völlig  mit  uns  zufrieden

die  Hührer  der  Jioilisation.

Doch  daß  wir  nicht  die  Schwächlinge  spielen,
daß  wir  bewehrt  sind  zu  unserem  Schutz,
da,  als  sie  tückisch  uns  überfielen,

wir  ihnen  die  zähne  gezeigt  im  Urutz

und  kämpfen  wollen  um  unser  Leben,

bis  unser  letzter  Ktem  entflohn,

das  können  uns  nie  und  nimmer  vergeben
die  Sührer  der  Jivilisation.

Drum  steht  es  mit  ihrer  Gesittung  übel,
drum  finden  sie  jede  Schmach  erlaubt,
drum  gießen  sie  eifrig  Unratkübel

 

185
        <pb n="188" />
        auf  Deutschlands  unbemakeltes  haupt,
drum  hetzen,  vor  Ingrimm  roh  geworden,
dem  weißen  Europa  zu  Schimpf  und  hohn
auf  uns  Mongolen=  und  Negerhorden

die  Hührer  der  Jirilisation.

Wir  aber,  wir  heben  der  Menschheit  Banner,
das  ihrer  verrätrischen  hand  entsank:

wir  senden  als  flinkere  Büchsenspanner

mit  blutigen  Köpfen  sie  heim  zum  Dank,
und  bis  zu  Kindern  und  Kindeskindern

soll  Jurcht  vor  solchem  verdienten  Lohn

an  fernerem  Raubgelüst  verhindern

die  Sührer  der  Jivilisation.

Ludwig  Sulda.

n
        <pb n="189" />
        Biei  der  Seier  des  hundertjährigen  Geburtstages
Bismarcks  an  dem  Denkmal  vor  dem  Reichstag  schmetterten
  Tausende  von  Ninderstimmen  die  vaterländischen
  Lieder  in  die  Luft  und  der  achtjährige  Prinz
Wilhelm,  der  künftige  Kaiser  und  herrscher  dieser
Ninder,  huldigte,  da  sein  Dater  und  Großvater  den
Leldherrupflichten  in  Leindesland  sich  widmeten,  dem
t#ndenken  des  großen  Kanzlers.  Das  war  ein  schöner
Gedanke.  Das  Werk,  das  Bismarck  den  Großvätern
dieser  Kinder  in  dem  deutschen  ZReiche  errichtet  hat,
wird  auch  ihnen  und  ihrem  Geschlechte  noch  zum
Segen  gereichen.  Ebenso  sind  sie  es,  für  die  in  erster
Linie  jetzt  der  gewaltigste  Krieg  der  Weltgeschichte  vom
deutschen  Dolke  ausgefochten  wird.  Ihnen,  die  jetzt  in
kindlichem  Spiele  die  schwere  zeit  durchleben,  gilt  das
Heldentum  unfrer  deutschen  Jünglinge  und  Männer;
für  sie  soll  dereinst  reicher  Segen  daraus  erblühen,
daß  jetzt  Tausende  und  Abertausende  freudig  ihr
Leben  dahingeben,  und  ihre  ganze  Kraft  dafür  einsetzen,
  unser  herrliches  Daterland  vor  dem  Ansturm
einer  Welt  von  Feinden  zu  schützen  und  es  aus  diesem
Weltbrande  stärker  und  größer,  freier  und  gesicherter
erstehen  zu  lassen.
        <pb n="190" />
        So  wachsen  auch  sie  einem  Vaterlande  entgegen,
für  das  zu  leben  und  zu  sterben  der  schönste  Stolz
und  der  größte  Gewinn  ist.  Sie  werden  sich  an  dem
beispiellosen  Heldentum  ihrer  Däter,  deren  Taten
schon  heute  von  keinem  in  der  Weltgeschichte  übertroffen
  werden,  erbauen  und  stärken  und  werden
kein  höheres  Streben  kennen,  als  dem  nachzueifern.
Deshalb  werden  die  ungeheueren  Opfer  nicht  verloren
sein,  die  wir  alle  jetzt  bringen.  Denn  ihnen  wird
unsere  Jugend  es  einst  verdanken,  daß  sie  in  einem
starken,  reichen  und  stolzen  Daterlande,  aber  auch,
daß  sie  in  Gottesfurcht  und  Gehorsam,  in  Hflichttreue
und  heißer  Daterlandsliebe  heranwachsen  und  sich
des  Erbes  der  Däter  ebenso  würdig  zeigen  kann,  wie
die  helden,  die  in  unsern  Tagen  das  deutsche  Lied  auf
den  Lippen  in  den  Tod  für  das  Daterland  stürmen.

Graf  Westarp,
Mitglied  des  Reichstags.

 

 

188
        <pb n="191" />
        An  die  Krieger  im  Felde.

(Weihnachten  1914.)

“

Sorg  Dich  nicht  um  Deinen  Teib,
Noch  um  Deine  Elieder;

Was  in  DOir  lebendig  ist,

Nehrt  verdoppelt  wieder.

Des  gerechten  Hbels  Blut

Stockt  nicht  in  der  Erde,

Solcher  Saat,  von  Gott  gesät,
Eilt  Sein  „Stirb'  und  Werde“!

Wirkl.  Geh.  Rat  Professor
Kdolf  von  Harnack,
Direktor  der  Königl.  Bibliothek,  Berlin.

 

189
        <pb n="192" />
        Was-  ist  der  Krieg?  Kus  der  Welt  zu  schaffen
ist  er  nicht.  Er  kann  sehr  Derschiedenes  sein:  Ein
Straßenraub:  das  Geld  oder  das  Leben!  Eine
Notwehr  gegen  unerträglichen  Druck.  Eine  Explosion
  aufgesammelter  Überkraft.  Eine  Probe
darauf,  ob  die  Dölker  das  sind,  was  sie  sich  zu  sein
einbilden,  um  unberechtigte  Ansprüche  zu  ducken,
die  Trägen  aufzurütteln,  besonders  wenn  diese
hohe  Menschheitsgüter  zu  hüten  haben,  somit  ein
Gottesgericht  und  eine  Offenbarung,  die  wieder
den  Frieden  sichern  wollen.  Der  Erweis,  daß
KNopf  und  Arm  zusammen  mehr  zu  sagen  haben,
als  der  Krm  allein,  und  daß  ein  gutes  Gewissen
die  Hälfte  vom  Sieg  verbürgt.  Ein  Prediger,  daß
das  Leben  nicht  der  Güter  höchstes  ist  und  daß
die  vergängliche  Gegenwart  dazu  da  ist,  um  für
die  Jukunft  zu  sorgen.  Schließlich  ein  Atemholen
der  Menschheit,  um  verdorbene  Luft  aus=  und
bessere  einzuatmen,  sonst  erstickt  sie.

Dictor  Blüthgen.

 

190
        <pb n="193" />
        Die  weihe  Christblume.

..  In  der  §chützenstellung  des  zweiten  Garderegiments
  fand  sich  in  der  Nähe,  sogar  am  Rande
eines  von  einer  Granate  eingebohrten  Erdtrichters
eine  einsame,  noch  nicht  aufgeblühte  Christrose.  Diese
wurde  von  Mannschaften  des  Regiments  sorgfältig
herausgenommen  uno  beschlossen,  sie  bis  Weihnachten
sorgfältig  zu  pflegen,  um  sie  dem  Kaiser  am  heiligen
Abend  als  einen  Gruß  des  Regiments  zu  übersenden.
Das  Regiment  hatte  einen  Gärtner  des  Regiments
damit  betraut  und  sandte  die  schön  aufgeblühte
Christrose,  in  Tannengrün  gebettet,  durch  einen  Radfahrer
  nach  dem  hauptquartier,  wo  sie  dem  Kaiser
unter  dem  brennenden  Weihnachtsbaum  als  Gruß  des
Regiments  aus  seiner  Stellung  am  Leinde  übergeben
wurde.  Der  Raiser  hatte  eine  große  Sreude  darüber,
fand  es  einen  rührenden  poetischen  Gedanken  und
war  ganz  entzückt  davon;  er  stellte  sie  selbst  in  ein
Elas  und  will  sie  dauernd  aufheben  lassen.  Der  Kaiser
sagte:  Das  wäre  ein  schöner  Dorwurf  für  ein  Gedicht.
SRo  dachte  ich  dann  gleich  an  Sie  und  teile  Ihnen  den
Dorgang  mit.  Dielleicht  finden  Sie  eine  poetische
Sorm  für  die  Sache  und  senden  mir  etwas.  Dem
Kaiser  würde  es  eine  große  Freude  bereiten.“  Darauf
schrieb  der  Dichter  folgendes  Gedicht:

 

191
        <pb n="194" />
        Die  weiße  Christblume
des  zweiten  Garde-BRegiments  in  Deutschlands
heiligem  Kriege.

Was  ist  die  Wintererde  so  rot,  so  purpurrot?

Das  ist  der  Kaisermantel,  den  Deutschland  Srankreich
  bot.

Er  ward  so  rot  gewirket  mit  deutschem  heldenblut;

Er  wurde  ausgebreitet  von  deutschem  beldenmut!

Es  kämpft  die  deutsche  Garde  vom  zweiten  Regiment:

8die  ringt  mit  Deutschlands  Feinden  wie  Eottes
Element.

Und  ist  auch  Frankreichs  Erde  von  ihrem  Blut  so  rot,

Sie  geht  für  ihren  Kaiser  mit  Jauchzen  in  den  Tod!

Mit  Jauchzen  und  Srohlocken  fürs  teure  Vaterland  —

Doch  seht!  Was  glänzt  dort  drüben  an  jener  Grube
Rand?

Lie  rissen  die  Granaten  auf  in  der  Erde  Leib..

Das  taten  die  Sranzosen  zu  unserm  zeitvertreib!

Kuf  purpurroter  Erde  ein  Blümlein,  weiß  wie  Schnee.

„Gelobt  sei  Jesus  Christus!  Ehre  Gott  in  der  Höh'!"

Christrose  wird  das  Blümlein,  das  schneeige,
genannt.

In  Leindesland  zu  Weihnacht  ein  Gruß  vom  Daterland!

Ein  Ölüstern  ging,  ein  Raunen,  durch  unfrer  Tapferen
Kreis:

„Was  tun  wir  mit  der  Blume,  so  wonnig  maienweiß?

Sie  sproßt  aus  einer  Scholle,  die  unser  Grab  konnt'
sein.

Wir  senkten  wohl  so  manchen  in  solche  Gruft  hinein!“

 

192

—
        <pb n="195" />
        Und  wieder  lief  ein  Hlüstern  der  helden  Reihn  entlang,

Ein  Wort  war's  nur,  ein  Name.  Er  hatte  hehren
Klang;

„Der  Naiser!  Unser  Kaiser!  Was  uns  der  Feind
beschert:

Die  weiße  Christusblume  ist  unsres  Naisers  wert!"

„Wir  graben  die  Schneeweiße  mit  allen  Wurzeln  aus;
Wir  bringen  sie  fürsorglich  in  unser  Schützenhaus;

Wir  pflegen  sie  voll  Ciebe  gleich  einem  teuren  Gut.
ls  sei  die  lichte  Blume  erblüht  aus  unsrem  Blut.“

„Der  Kaiser,  unser  Kaiser!  Jur  heiligen  Weihenacht
Sei  ihm  von  seiner  Garde  die  Blume  dargebracht.
Mein  Kaiser,  ach,  mein  Raiser!  Der  fromme  Blumenscherz

Bedeutet  Deiner  Garde  getreues  deutsches  herz.“

„Und  wär'  die  weiße  Blüte  gefärbt  auch  purpurrot  —
Mit  Jauchzen  und  Srohlocken  wohl  grüßen  wir  den
Tod!
Mein  Kaiser,  ach,  mein  Kaiser!  Wir  haben  starken
Mut;
Erblühte  doch  die  Blume  so  licht  aus  Tod  und  Blut.“

Gott  selbst  hat  Dich,  mein  Kaiser,  mit  ihrem  Glanz
gegrüßt  —

Gelobt  seist  Du,  Erlöser;  gelobt  sei  Jesus  Christ!

Der  Du  in  dieser  stillen,  in  dieser  Weihenacht

Mit  Engels-Jubelchören  die  Botschaft  hast  gebracht:

„Den  Menschen  Wohlgefallen  und  —  selige  Melodei!
Daß  auf  der  Erde  Srieden  —  Mein  Kaiser:  Friede
sei!"

 

193
        <pb n="196" />
        Und  als  die  Deutschen  sangen  das  alte  Weihnachtslied,
Da  war  die  Christusrose  in  vollem  Glanz  erblüht;
Es  hat  die  treue  Garde  in  unsres  Leindesland
Dem  Kaiser,  ihrem  Kaiser  die  Blume  übersandt.

Der  Raiser  steht  ergriffen  stumm  unterm  Weihnachtsbaum


Und  träumt  in  seiner  Seele  den  alten  Weihnachtstraum.


Wohl  auf  die  Weihnachtsrose  hält  er  sein  haupt  gesenkt
  .

Mein,  Kaiser  Du,  mein  Naiser  —  Ach,  wißt  Ihr,
was  er  denkt?

„Ich  ward  von  Gott  begnadet  mit  einem  tapfren  heer.
Dafür  sei  Dir,  heerführer,  dort  oben  PDreis  und  Ehr'!
Ich  strecke  auf  die  hände  und  rufe  Dich  herbei,

Daß  bald  auf  deutscher  Erde  Dein  heiliger  Sriede  sei.“

Weihnacht  1914.  Richard  Doß.

*

 

194
        <pb n="197" />
        De##  Weltkrieg  bedeutet  für  alle  beteiligten
Dölker  den  Kampf  um  ihre  Existenz.  Hoffentlich  lernt
die  Menschheit  aus  dieser  schweren  Jeit.  Wenn  die
Gegner  uns  auf  Grund  von  Phantasien  und  Märchen,
über  deutsche  Greuel,  Hunnen  und  Barbaren  nennen
so  verdient  dieses  Beispiel  keine  Nachahmung.  Wenn
die  hunderttausende  Gefangener,  die  unfreiwillig
deutsche  Gastfreundschaft  genießen,  dereinst  in  ihre
heimat  zurückkehren,  dann  können  sie  den  Irrtum
ihrer  Landsleute  über  die  Deutschen  zerstören  und
ihnen  sagen,  daß  Deutschland  kein  hunnenland  ist.

Diese  Saat  wird  dem  deutschen  Dolke  einst  reiche
Ernte  bringen.  Die  Kusdauer  und  Capferkeit  unserer
Truppen  erregt  mit  Recht  die  Bewunderung  der
ganzen  Welt.  Wir  sind  ihnen  zu  unermeßlichem  Danke
verpflichtet.  Ein  neues  zeitalter  kündigt  sich  an.
Wir  brauchen  zum  Kriege  auch  die  SFreiheit.

Das  Schwert  entscheidet.  Und  überall,  wo  das
Schwert  geführt  wird,  geschieht  es  im  Namen  der
Sreiheit.  Dor  dem  Gewissen  der  Dölker  kann  die  Anwendung
  der  Gewalt  nur  gerechtfertigt  werden,
wenn  sie  zum  Schutze  der  Freiheit  aufgerufen  wird
Ein  Dolk,  das  keine  FSreiheit  zu  verteidigen  hat,  hat
nichts  zu  verteidigen.

Wir  sind  voll  zuversicht  und  darum  voll  Kraft.
Wir  verteidigen  das  Daterland,  denn  es  ist  unser  Land.
Wir  verteidigen  es  jetzt,  auf  daß  es  allen  eigen  sei,
ein  Daterland  der  gleichen  Rechte  und  der  gleichen
Hflichten,  ein  Daterland  der  Freiheit  und  der  Wohlfahrt.


Reichstagsabgeordneter  Scheidemann.

 

195
        <pb n="198" />
        Kriegl!l  Es
Don  Max  Halbe.

Ans  Tor  des  Friedens  donnern  Eisenfäuste
Und  krachend,  splitternd  sprang  die  Pforte  auf.

Ein  blühender  Garten  lag  die  deutsche  Welt,
Dran  fast  ein  halb  Jahrhundert  fleißige  Hände
Gegraben  und  gerodet  und  gepflanzt.

Dem  ehmals  kargen  Schoße  unfrer  Erde

In  rastlos  neuer  zeugung  und  Derjüngung
Kbringend  so  stets  reich're  Srucht  und  Saat.

EGeborgen  schien  das  Werk,  doch  nicht  vollendet,
Und  alle  herzen  jauchzten  erntefroh,

Kus  reifen  Leldern  scholl  der  Sense  Schnitt,
Im  GEleichtakt  stampfte  surrender  Räder  Schwung,
Don  Brust  und  Stirnen  rann  der  Krbeit  Schweiß,
Indes  in  tausend  Kammern  still  der  Geist
Nachsann  der  Elemente  Wunderbau,

Des  eignen  Ichs  verborgener  Jauberei.

Ein  Garten  blühte  uns,  die  Luft  ging  lind,

Und  weich  von  Düften,  die  der  Nachtwind  trug,

Blau  funkelte  des  himmels  Krönungsmantel

Ob  unfrer  Cage  Lust,  und  jede  Stunde

Ward  uns  zum  Werk,  ward  uns  noch  mehr:
zum  GSest.

 

196
        <pb n="199" />
        Noch  keiner  hat  des  Reichtums  schmeichelnd  Gift
Ganz  ungestraft  geschlürft.  Betäubend  schwer
Und  honigsüß  rann  es  durch  unser  Blut,

Ein  Taumeltrank,  einlullend  uns  in  Wahn

Und  Träumerei  von  Schönheit,  Glück  und  Frieden,
Don  hochkultur,  vom  Bruderkuß  der  Dölker,
Die  Lämmern  gleich  auf  einer  Weide  sich
Eesellt,  fromm,  ohne  Haß  und  Sutterneid,

Kuf  ihres  Nachbarn  Wohlfahrt  nur  bedacht.

Und  wie's  in  unsern  Kdern  trunken  gor,
Dergessen  trat  Natur  voll  Scham  beiseite,

Kraft  ward  zum  Spott  von  Weisen  wie  von  Toren,
Derachtet  ward,  was  echt  und  erdentsprossen,
Uur  Klang  noch,  bloße  Hülle  ohne  Kern,
Erschien  die  Kunst,  ein  leeres  Spiel  von  Worten.
Don  Farbe,  Ton  und  Lorm,  ein  Götterbild,
Dem  zürnend  alle  Götter  fern  geblieben,
Belächelt  ward  des  herzens  heißes  Schlagen,
Der  Sturm  der  Seele  hieß  Theaterdonner

Und  unsern  Sag  regierten  Spott  und  Witz.
Der  bunte  Spuk  verflog.  Nach  Spaß  kam  Ernst.
Ans  Nor  des  Sriedens  dröhnten  Eisenfäuste

Unc  zitternd,  ächzend,  donnernd  brach's  in  Staub.

Da  stand  das  blanke  Schwert  vor  sich  gestemmt,
Don  Kopf  zu  LSuß  ein  schwarz  gepanzert  Bild,
Doll  düstrer  Majestät  der  Erzengel  des  Kriegs
Dor  unfres  Gartens  jäh  gesprengter  Bresche

 

197
        <pb n="200" />
        Die  dunkeln  Brauen  gerunzelt  winkten  uns:
Ihr  habt  geschafft,  gelebt!  Jetzt  kämpft  und  sterbt!
Und  hob  das  Schwert.  Sein  roter  Helmbusch  nickte.

Ein  Schweigen  kam.  Millionen  Purlse  stockten

Für  eines  herzschlags  Dauer.  Dann  ein  Schrei

Kus  hunderttausend  Kehlen  wie  aus  einer:

Krieg!  Krieg!  Ihr  wollt  den  Krieg?.  80
habt  denn  Kriegl

Und  die  Millionen  Pulse  schlugen  den  einen,

Den  gleichen  Takt:  Ein  Dolk!  Ein  herz!  Ein  Reich!

Und  einen  Sluch  dem  ruchlos  tück'schen  Feind!

Und  hieb  und  Stoß  und  Schlag  nach  rechts  und  links,

Uach  Ost  und  West,  nach  oben  oder  unten!

Und  stiege  aus  dem  Kbgrund  noch  ein  HLeind,

Wir  stampften  in  den  bgrund  ihn  zurück.

Und  wenn  die  Welt  auf  uns  zusammenbricht,

Wir  zittern  nicht!  Beim  ewigen  Gott!  Wir  nicht!

Und  so  geschah's.  Kus  Morgen  und  aus  Kbend
Ward  uns  ein  neuer  Sag,  und  eine  neue,
Derjüngte  Sonne  schien  mit  blutigem  Rot

Kuf  unser  Dolk.  Diel  alten  haders  giftig
Dermaledeites  Unkraut  schmolz  zu  Alsche

Dor  ihrem  heißen  Aug'.  In  Uagen  reifte,

Was  viele  Jahre  taub  und  unfruchtbar.
Susteme  stürzten,  dran  ein  Menschenleben
Gebaut,  SUsteme  wuchsen  über  Nacht

Empor,  im  TLichte  ihre  ZSinnen  badend.

 

198
        <pb n="201" />
        199.

 

 

 

 

  

Aleltkrieg

modelltert  vom  Blldhauer  Josef  Limburg.

Gott  sei  des  Kailers  Schutz!

Mit  bewaffneter  Faust  schlägt  die  deutsche  Kraft  ihre  Feinde.
Sicher  und  stol)  trägt  sie  ihren  edelsten  Hort,  die  Katserkrone
  auf  Poseldons  unüberwindlichem  Rosse  durch  das  Weltmeer.
  Mit  der  untergehenden  Sonne  versinkt  Englands  Seeherrschaft.
  —  Gott  sei  des  Kaisers  Schutz!

  

Peil  dem  Kailer!

GIm  Splele  der  Wellen  taucht  die  Kalserkrone  unserer  Unterseeboote
  aus  dem  Meere  empor.  Der  deutsche  Aar  breltet
seine  Fittiche  darüber  und  blickt  spähend  und  kampfberelt  nach

dem  Feinde  aus

der  selner  Kraft  unterllegen  muß.
Heil  dem  Kaiser!
        <pb n="202" />
        „  und  gebe  Dir  leinen  Frieden“.
Nach  einem  Originalbilde  von  Professor  Georg  Schoebel.

200
        <pb n="203" />
        Und  wie  des  Künstlers,  des  Gelehrten  Los,

So  in  JSabrik  und  Werkstatt  und  Kontor.

Diel  Untergehn,  viel  Neu=  und  Kuferstehn.

Der  Däter  chwung  und  Kraft  und  Mark  der  Enkel
Erbteil;  nur  wucht'ger  noch  und  ohne  Phrase,
Im  Leben  wie  im  Aod  des  sachlichsten
Jahrhunderts  klar  bewußtes  Dflichtgeschlecht.
Gefaßter  Mannheit  schlichtes  Heldentum,

Der  Frauen,  Bräute,  Mütter  innig  letztes
Umfangen,  wer  weiß!  Dielleicht  auf  Ewigkeit.
Ein  Druck,  ein  Kuß,  ein  langer  Scheideblick,

Das  Bild  der  Seelen  ineinander  fließend,

Wie  um  Erinnerung  jenseits  der  Nacht

Noch  einzupflanzen  für  ein  Wiederfinden.

Und  Stund'  um  Stund'  der  Schritt  der  Bataillone,
Des  hufschlags  Dröhnen  durch  die  nächtigen  Gassen,
Geschütze,  Wagen,  Kutos,  Kugelspritzen,

Ein  Rasseln,  Sauchen,  Jagen,  Schreien,  Winken,
Die  Menge  drängt,  Soldatenlieder  schallen,

Ein  Jauchzer  steigt.  War  es  des  Bergwalds  Gruß?
Leb  wohl,  du  junges  Blut!  Dorbei!l  Dorbeil
Und  abermals  der  Marsch  der  Bataillone.

Der  Seiger  sprang.  Die  Uhr  hub  an  zum  Schlag.
Kus  Blut  und  Aod  stieg  unser  höchster  Tag.
Was  gestern  war,  scheint  wie  geträumt,  verjährt.
Was  längst  verfloß,  zum  Cichte  wiederkehrt.
Don  dieses  Dorhangs  Salten  noch  verhüllt

Seht  ihr  aus  großer  eit  ein  ernstes  Bild.

 

201
        <pb n="204" />
        Es  gleicht  uns,  wie  des  Ahnherrn  züge
Geschlechter  bis  zum  Enkel  überdauern,

Ihr  schaut  es  an.  Ist's  Wahrheit?  ist  es  Lüge?
Une  seid  entrückt  aus  eurer  Umwelt  Mauern.
Das  enge  Jetzt  dehnt  sich  hinaus  ins  Weite.

Der  Freiheitskrieg!  Klingt's  nicht,  als  wär'  es  heute?
Es  kämpft  ein  Dolk  für  höchste  Erdengüter,

Um  Tebens  willen  stürzt  es  in  den  Uod.

Der  Kleinste  selbst  wird  seiner  Ehre  Hüter.
Jertrümmert  sinkt  des  Einzelglücks  Gebot.

Ein  Schwächling  wächst  vor  eurem  Blick  zum  Helden,
Dernichtet  sieht  er  eitler  Kunst  Jdol,

Und  mag  kein  zeitbuch  seinen  Namen  melden,
Nehmt  ihn  als  euer  eigenes  Sumbol.

Es  gleicht  euch,  gleicht  euch  wieder  nicht,

Im  Bilde  künd“  es  euch  von  diesen  Brettern,
Wie  sich  das  Heute  und  das  Einst  verflicht.

Und  wenn  Sanfaren  für  den  Korsen  schmettern,
Und  wenn  der  Bauyer  noch  des  Preußens  Feind,
Der  Moskowiter  eng  mit  uns  vereint:

NUehmt's  als  Dergangenheit,  nehmt's  als  Geschichte.
Traumbilder  nur  sind  aller  Kunst.  Gefichte.
Lebendig  ewig,  wirklich  ist  die  Tat.

Kus  unfrer  Däter  blutgedüngter  Saat,

Kus  jenes  frühen  Deutschlands  Morgenrot,

Kus  aller  Zwiespalt,  Wirrsal,  Rot  und  Tod,  —
Dört,  Sreunde  ihr,  der  Weltuhr  erz'nen  Schlag?  —
Steigt  unseres  Dolkes  höchster  Erdentag.

—

 

202
        <pb n="205" />
        Deutsche  Burgen  als  Vorbilder.
Von  Professor  Bodo  Ebhardt.

Die  glorreichen  Taten  unserer  Leldgrauen  sind
heute  noch  fast  namenlos.  Und  doch  sehnt  sich  das
Dolk  daheim  gerade  in  dem  heldenhaften  Ringen  und
stummentschlossenem  Erwarten  nach  der  heldenvereh--rung,
  die  in  allen  Jahrtausenden  den  einzelnen  emporgehoben
  hat  aus  -Jweifel  und  Not.  Und  dabei
welche  Unzahl  von  Taten  stillen  heldentums!  Welche
Masse  edler  Lodesopfer  und  von  frohen  Einzelsiegern!
Ihnen  baut  1000  Denksäulen  und  heldengräber!  Richtet
die  ragenden  Steine  in  allen  Gauen  des  Daterlandes!

An  ernst  erhabenen  Dorbildern  fehlt  es  uns  nicht.
In  allen  Teilen  unseres  Daterlandes  ragen  die  Reste
alter  Wehrbauten  empor.  Wuchtig  und  massig  getürmt,
um  den  Ansturm  wilder  Heinde  aufzuhalten  und  dadurch
  stark  genug  selbst  in  Trümmern  noch  Jahrhunderte
  als  Denkmale  vergangener  Geschlechter  zu  dienen.

Die  vorbildliche  Größe  und  Schlichtheit,  Festigkeit
und  innere  Schönheit  aber,  die  unsere  Burgbauten
zeigen,  kann  der  deutschen  Kunst  aller  Seiten  nur  zur
Gesundung  helfen,  wenn  sie  zu  solchen  Quellen  ihrer
raft  zurückkehrt.  Gerade  heute,  wo  unser  aller
Gedenken  um  den  Krieg  und  um  Deutschlands  Jukunft
  sorgen  —  sprechen  diese  Gewaltbauten  eine  besonders
  vernehmliche  Sprache.

Sie  sagen  uns:  Nur  die  Kraft  kann  alle  Schicksalsstürme
  überdauern,  wie  die  Mauern  von  10000  deutschen
  Burgen  selbst  als  Ruinen  die  Stürme  der  Jahrhunderte.

  —  Kraft  und  Schönheit  können,  wie  die
herrlichen  Kuinen  beweisen,  sehr  wohl  zusammen
wohnen.  —  In  moderne  Kriegssprache  übersetzt:

Militarismus  und  hohe  Entwicklung  aller  Künste  und
Wissenschaften  lassen  sich  restlos  vereinigen!  —  Ja,
gerade  unter  dem  Schutz  mächtiger  Mauern  und  nur

 

203
        <pb n="206" />
        da  —  seien  es  nun  Stein-  oder  Menschenmauern  —
können  alle  Künste  des  Friedens,  alle  Gesittung  und
Handel  und  Wandel  bestehen.

So  verstanden,  wird  uns  die  Sprache  unserer
Wehrbauten  anspornen  zur  dauernden  äußersten
Kraftentfaltung.

Aber  noch  mehr!  Die  Ruinen  lehren  uns  auch  tiefen
Ingrimm  und  ehrlichen  Haß  gegen  unsere  Erbfeinde.

Wie?  —  VWir  sollen  sie  plötzlich  nicht  mehr  hassen?
Jene  Sranzosen  —  die  Schänder  unserer  heiligen  heimat,
  die  Derwüster  der  Rheinufer,  die  Räuber  und
Plünderer,  die  noch  vor  hundert  Jahren  bis  Bremen
und  hamburg,  bis  Königsberg  und  Memel  unsere
Städte,  unsere  Sluren  ausgesogen  haben?

Dieses  Mal  haben  wir  freilich  dank  unglaublicher
heldentaten  unserer  Heere  den  furchtbaren  Krieg  in
Leindesland  getragen.  Die  Ruinen  aber  lehren  uns,
was  unser  Schicksal  sein  würde,  wenn  heute  die  horden
unserer  Feinde  und  ihre  edlen  farbigen  Hilfstruppen
wieder  auf  unser  Daterland,  auf  unsere  Städte  und  Dörfer,
  auf  unsere  Frauen  und  Kinder  losgelassen  würden.

Denken  wir  an  das  schmachvolle  Bild  des  heidelberger
  Schlosses,  an  dieses  Denkmal  französischer  Barbarei
  —  es  sei  uns  wie  die  verstümmelten  Orte  und
Burgen  der  Pfalz,  was  die  beidelberger  Ruine
einst  einem  Bismarck  war,  ein  Kufruf  zum  haß,  ein
Kufruf  zur  Rache,  zum  Kampf  bis  zum  bitteren  Ende.

Solche  Schmach  war  damals  möglich  durch  Deutschlands
  inneren  Unfrieden!

Das  glänzende  Bild  einigster  Begeisterung  und
gewaltigster  Kampfesfreude  aber,  das  wir  mit  erschütterten
  Herzen  erleben  durften  beim  Kufbruch
unserer  Söhne  und  Gatten,  unserer  Däter  und  Brüder
zu  diesem  Krieg,  das  wird  auch  die  Jagenden  nicht
zweifelhaft  gelassen  haben,  daß  uns  der  Sieg  zufallen
  muß.  —  „Wer  könnte  den  Deutschen  widerstahn,
  wenn  sie  wollten  zusammengahn."“

 

204
        <pb n="207" />
        Krieg.
Don  udolf  Presber.
*

Nrieg,  du  aller  Leidensschulen
Grausamste,  im  Waffenglanz

Seh'’  ich  starke  Dölker  buhlen

heut  um  deinen  blut'gen  Kranz,
Trotz'gen  Muts  in  blanken  Wehren,
Wie  des  Landes  UNot  sie  rief,
Männer  bringst  du  hoch  zu  Ehren  —
Und  die  TLaffen  senkst  du  tief.
Einz'gen  Glanz  leihst  du  dem  Schwerte,
Gibst  dem  helden  nur  den  Wert,

Als  dem  treuen  Sohn  der  Erde,

Die  gebor'n  ihn  und  genährt.

Krieg,  du  blut'ger  Überglänzer
Allen  Irrwahns  fauler  zeit,
Dirnenpack  und  Tangotänzer
Segqst  du  in  die  Nichtigkeit;
Cilgst  die  Wünsche,  die  frivolen,
Scheuchst  die  chlemmerschar  vom  Schmaus,
Löschst  die  eitlen  Girandolen

In  der  Denus  Tempeln  aus;
Jeigst  ein  Jiel  in  weiter  Ferne
Nur  dem  Kug'  des  Steuermanns,
Und  hinauf  in  reine  Sterne
hängst  du  deinen  Siegeskranz.

 

205
        <pb n="208" />
        Krieg,  vor  deinem  Eisenthrone
Manch  ein  zuckend  Herz  zerbrach;
Dem  Geliebten  und  dem  Sohne
Sließen  fromme  Tränen  nach.

Tief  im  Schweigen  wirst  du  betten
Manchen,  der  uns  teuer  war;
Kber  du  zerbrichst  die  Ketten

Dor  der  Götzen  Drunkaltar.

Die  verspielte  Seit  zu  richten,
Läßt  du  wahre  Größe  sehn;

Feigst  du,  wie  in  heil'gen  flichten
Stille  helden  sterben  gehn.

Krieg,  von  dessen  roten  Kerzen
Rings  die  Nacht  ihr  Licht  gewann,
Jornerwachte  Menschenherzen
Beten  deine  Größe  an;

Der  du  mitleidslos  die  Werber
Müden  Sriedenswahnes  zaust
Und,  ein  lächelnder  Derderber,
Tapfern  neue  Grenzen  baust;
Der  du  mordest  ohne  Milde,

Ob  auch  Dölkerglück  zerschellt,
Bis  du  auf  dem  reinen  Schilde
hebst  den  neuen  herrn  der  Welt!

Kus:  Rudolf  Presber,  „Der  Tag  der  Deutschen.“

 

206
        <pb n="209" />
        Ein  prangender  Srühling  ist  ertrunken

In  einem  reißenden  Strom  von  Blut,  —

In  einem  Wirbel  von  Haß  und  Wut

In  ewige  Sinsternis  gesunken

Eine  Welt  von  hoffnung,  Licht  und  Glut

Und  doch  —  nach  dem  tausendfachen  Dergehn
Wird  wunderbringend,  blütengeschwellt,
Neustrahlender  Frühling  auferstehn,

Und  neue  Elut  durchfluten  die  Welt

Und  neues  Ticht,  das  die  Pfade  erhellt,

Die  aufwärtsführen  zu  Geisteshöhn!

Und  heilen  werden  die  schwersten  Wunden,
Km  Teid  der  Welt  wird  die  Welt  gesunden,
Die  kalten  Seelen  werden  erwarmen

Km  großen,  tiefen,  heißen  Erbarmen,
Erstarken  werden  die  Schlaffen  und  Schwachen,
Die  Schläfer,  die  Träumer  werden  erwachen
Im  wiederaufflammenden  Sonnenlicht,

Im  ersten,  blendenden  Morgenstrahl,

Der  den  neuen  Tag  und  die  neue  Dflicht
beraufführt  über  dem  Erdental.  —

Otto  Sommerstorff,
Königl.  Hofschauspieler,  Berlin.

 

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        We-  foll  ich  im  gegenwärtigen  Zeitpunkt
und  im  Hauptquartier  über  den  Krieg  schreiben?
Ich  stehe  selbst  nicht  darüber,  ich  stehe  mit  allen
Lasern  des  herzens  mitten  darin,  und  das
Schönste  und  das  Einzige,  was,  wie  mir  scheint,
in  diesen  Kugenblicken  gesagt  werden  kann,  das
hat  schon  ein  Größerer  gesagt:

Euphorion:  Träumt  ihr  den  Sriedenstag?
Träume  wer  träumen  mag.

Krieg!  ist  das  Losungswort.

Sieg!  und  so  klingt  es  fort.

(Saust  II,  3.)

Professor  Dr.  Georg  Wegener,

Dozent  an  der  handels-hochschule  Berlin,
3.  Zt.  Kriegsberichterstatter.
Großes  Hauptquartier,  25.  3.  1915.

3

 

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