Die  indirekte  Gemeindebesteuerung  in  Elsaß-Lothringen.  205

Außerdem  ist  durch  den  modernen  wirtschaftlichen  Aufschwung,  durch  die
höheren  Löhne,  das  Bedürfnis  nach  besserer  Nahrung,  besonders  Fleischnahrung
  sehr  gesteigert  worden,  sodaß  zu  dessen  Befriedigung  quantitativ
wie  qualitativ  größere  Ansprüche  gemacht  werden.  Mit  anderen  Worten,
die  unteren  Schichten  nähern  sich  dem  Durchschnitt  immer  mehr,  sodaß  der
Oktroi-Ertrag  pro  Kopf  der  Gesamtbevölkerung  auch  auf  die  minderbemittelten
  Bürger  angewandt  werden  kann,  zumal  auch  das  beträchtliche
Oktroi  auf  Baumaterial  in  der  Höhe  der  Miete  zum  Ausdruck  gelangt.
Wir  können  also  beim  Oktroi  als  Steuersubjekt  theoretisch  die  gesamte
ortsanwesende  Bevölkerung  bezeichnen,  mit  dem  Bemerken,  daß  die  Reichen
etwas  stärker  herangezogen  werden,  weil  bei  der  Festsetzung  des  Tarifes
das  Bestreben  vorherrscht,  Gegenstände,  die  mehr  dem  Luxus  dienen  und
nicht  unbedingt  notwendig  sind,  stärker  zu  belasten.  Erinnern  wir  aber
daran,  um  ein  krasses  Beispiel  anzuführen,  daß  ein  reicher  alleinstehender
Mann  vom  Oktroi  nur  für  seine  Person  betroffen  wird,  während  er  anderseits
  infolge  der  geringen  direkten  Besteuerung  absolut  nicht  nach  seiner
Leistungsfähigkeit  zur  Besteuerung  herangezogen  wird,  so  haben  wir  hieraus
  das  gleiche  Verhältnis  konstruiert,  in  dem  unter  dem  Regime  der
Personal-Mobiliarsteuer  sich  der  reiche  Chambregarnist  befand.  Aus  diesem
Umstande  nun,  weil  allgemein  angenommen  wird,  das  Oktroi  werde  von
sämtlichen  Bewohnern  einer  oktroierhebenden  Stadt  gemeinsam  und  zu
gleichen  Teilen  aufgebracht,  wirke  also  wie  eine  Kopfsteuer,  leitet  man  und
leitete  man  zu  allen  Zeiten  die  Verwerflichkeit  dieser  indirekten  Steuer  ab.
Bei  den  unzähligen  Versuchen,  das  Oktroi  abzuschaffen,  und  in  den  verschiedensten
  Oktroi-Ländern  steht  stets  dieser  Hinweis  auf  die  Ungerechtigkeit
  des  Oktrois  unter  Hervorhebung  der  gleichmäßigen  Belastung  der
wirtschaftlich  ungleichen  Steuerschultern  durch  das  Oktroi  an  der  Spitze.
Es  gäbe  hiernach  allerdings  Steuerzahler,  die  man  bei  Berücksichtigung
ihrer  wirtschaftlichen  Lage  nie  vor  den  Staatsfiskus  zu  zitieren  wagte.
Wie  eng  tatsächlich  die  Oktroi=  Einnahmen  mit  der  Gesamtbevölkerung
verbunden  sind,  geht  aus  der  gleichmäßigen  Zunahme  beider  deutlich  hervor.
Von  1900—10905  wuchs  die  Bevölkerung  Straßburgs  von  151041  auf
167  678  Personen,  also  um  11,0  %.  Die  Oktroi-Einnahmen  stiegen  von
3227256  Mk.  auf  3  588  594  Mk.  oder  um  11,2  %.  Die  Einnahmen
aus  Oktroi  von  Eßwaren  allein  brachten  bis  31.  März  1905  11,9  %
mehr  als  im  Rechnungsjahr  1900,  die  der  Getränke  und  Flüssigkeiten
hielten  dagegen  nicht  gleichen  Schritt  und  stiegen  nur  um  5,9  %,  denn
diese  treffen  ja  nur  einen  kleinen  Teil  der  Bevölkerung.  Die  Einnahmen
aus  dem  Oktroi  auf  Brennmaterial  erhöhten  sich  wiederum  wie  die  Volks-