210  Das  System  der  Gemeindebesteuerung  in  Elsaß-Lothringen.

sozialdemokratischen  Abgeordneten  das  Oktroi,  der  städtische.
Lebensmittelzoll,  aufgehoben.  Die  erhoffte  Wirkung  blieb  aus.
Weder  Brot  noch  Fleisch  verbilligte  sich.  Bäcker  und  Schlächter  steckten
den  ganzen  Vorteil:  den  Preisunterschied  in  Höhe  des  Oktrois,  in  ihre
Tasche.  Kein  Wunder!  Hatten  sie  doch  in  ihren  Innungen  starke
Organisationen,  denen  die  unorganisierte  Konsumentenschaft  völlig
zersplittert  und  darum  wehrlos  gegenüberstand.“

Daran  zeigt  sich  so  recht,  wie  geteilter  Ansicht  man  in  der  Oktroifrage
  sein  kann.  Während  die  einen  mit  Recht  für  die  Abschaffung  des
Oktrois  eintreten,  da  sie  jede  indirekte  Steuer  und  besonders  das  Oktroi
für  eine  Kopfsteuer  halten,  die  jedermann  ohne  auf  die  sozialen  Unterschiede
  zu  achten,  belastet,  besieht  sich  der  andere  nicht  bloß  die  Umrechnung
  des  Oktroiertrags  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung,  wenngleich
die  Oktroi-Einnahme  mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung  und  des  Wohlstandes
  derselben  steigt  1.  Gerade  der  Umstand,  daß  die  Preise  nach  Aufhebung
  des  Oktrois  trotz  der  freien  Konkurrenz  nicht  oder  nur  wenig
sinken,  läßt  darauf  schließen,  daß  das  Oktroi  nicht  ganz  vom  Konsumenten
getragen  wird,  sondern  zum  größten  Teile  vom  Zwischenhändler.  Vor
1899  waren  z.  B.  in  den  Straßburger  Vororten  die  Nahrungsmittel
weder  billiger  noch  besser  als  in  der  Innenstadt  und  doch  hatten  jene  Gebiete
  keine  Oktroiabgaben.  Umgekehrt  haben  sie  sich  nach  Einführung  ebenfalls
  in  den  gleichen  Preishöhen  gehalten,  auf  denen  die  Preise  der  Innenstadt
  standen.  Es  liegt  auch  hierbei  nahe,  dem  Zwischenhändler  das  erste
Mal  die  Vorteile,  das  andere  Mal  die  Nachteile  des  Oktrois  zukommen
zu  lassen.  Und  wenn  dies  zu  einer  Zeit  der  Fall  war,  in  welcher  die
Wirkung  der  Handwerkernovelle  noch  kaum  verspürt  wurde,  um  wieviel
eher  wird  es  möglich  sein,  daß  beim  gegenwärtigen  Blühen  des  Innungswesens
  und  den  Vorteilen,  die  man  für  das  Handwerk  aus  dieser  Novelle
heraus  liest,  durch  einen  Beschluß  irgend  einer  Zwangs-Innung  der  ganze
erhoffte  Preisrückgang  ausbleibt,  indem  die  Innungsmitglieder  solidarisch
die  Preise  beim  geringsten  preiserhöhenden  Anlaß  künstlich  wieder  in  die
Höhe  treiben  und  dort  zu  erhalten  suchen.  Die  Konkurrenz  von  außen
wird  schon  wegen  der  Schwerfälligkeit  der  Versorgungsweise  (wir  denken
speziell  an  Fleisch)  beim  Preisdruck  nicht  allzu  viel  erreichen.  Wenn  also
bei  Aufhebung  des  Oktrois  sich  heraus  stellt,  daß  nicht  nur  dem  kleinen

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1  So  kamen  1875  in  Straßburg  15,35  Mk.  Oktroi-Einnahme  auf  den  Kopf,
1895  dagegen  fürs  gleiche  Gebiet  27,10  Mk.  Infolge  der  großen  Bautätigkeit.  Im
Jahre  1905  war  die  Vorortsbevölkerung  in  das  Oktroigebiet  einbezogen;  die  große
Zahl  der  Arbeiterfamilien  reduzierte  den  Betrag  pro  Kopf  auf  21,8  Mk.