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        <title>Geschichte des Preußischen Staates</title>
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            <idno>geschichte_preussen_1896</idno>
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        Geschichte

Preußischen  Staates

Von

Dr.  Ernst  Berner

Archivrath  und  Königlicher  Hausarchivar

Mit  65  Taseln  und  Beilagen  in  Farbendruck  und  Buchdruck,  etwa  400  Abbildungen  im
Text  und  o  Rarten.

Sweite  vermehrte  und  verbesserte  Auflage.

 

Bunn
PDerlag  von  Emil  Strauß
1896.
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        Vorwort  zur  ersten  Auflage.

Ciegt  dir  Gestern  klar  und  offen,

Wirkst  du  heuie  kraͤftig  frei,

Uanns  auch  auf  ein  Morgen  hoffen,

Das  nicht  minder  Hläücklich  jei.

Gocthe.
Noch  liegt  die  Feit  nicht  allzuweit  hinter  uns,  in  welcher  wir  die  Uenntnis  der

fremden  Staaten  für  weit  notwendiger  als  die  des  eigenen  hielten.  Der  preußische  Staat
galt  ja  nichts  anderes  als  eine  Episode  in  der  Geschichte  der  Jahrtausende,  welche  dem
Drange  nach  Erkenntnis  des  Universums,  wie  er  der  Wissenschaft  eigen  ist,  ein  würdiges
c#eld  nicht  zu  bieten  schien.  Man  übersah,  daß,  wie  Goethe  sagt,  keine  Nation  ein
Urteil  gewinnt,  als  wenm  sie  über  sich  selbst  urteilen  kann.  Freilich,  so  setzt  Goethe
hinzu,  „zu  diesem  Vorteil  gelangt  sie  aber  sehr  spät“.  Heute,  da  das  gute  Schwert
Uaiser  Wilhelms  uns  die  nationale  Selbständigkeit  und  Geltung  wiedergewonnen  hat,
wendet  sich  umgekehrt  das  Ausland  dem  Studium  unserer  Geschichte  zu.  Und  wenn  es
den  fremden  Gelehrten  bei  aller  Bereitwilligkeit,  die  männischen  Tugenden  unseres
Staates  anzuerkennen,  doch  nicht  geliugen  will,  seine  Eigenart,  sein  Wesen  recht  zu
erfassen,  so  scheint  dies  darin  begründet,  daß  sie  ebenso,  wie  dies  bis  vor  kurzem  in
Deutschland  geschah,  das  allmähliche  lvachstum  des  Staates  sich  im  Grunde  doch  nicht
anders  als  aus  einer,  durch  Glück  und  Talente  begünstigten,  Herrschsucht  erklären  können.
Das  Wesen  ihee  Staates  ist  in  Wirklichkeit  ein  solcher  Auschanung  ganz  entgegengesetztes.
  Wie  die  Gegenwart  das  Erzeugnis  der  Dergangenbeit,  so  ist  auch  die  Ver-Langenheit
  nicht  mm  Uenntnis  der  Gegenwart  zu  verstehen.  Mlit  Recht  ist  darauf
hingewiesen,  daß  Kant  die  Lehre  vom  kategorischen  Imperativ  nur  in  Hreußen  aufstellen
konnte.  Deun,  welche  Irrtümer  dieser  Staat,  als  ein  Gebilde  der  Menschenhand,  auch
aufweist,  so  ist  das  treibende  Motiv  seiner  Entstehung  in  der  That  nichts  anderes  als  eine
bis  zur  Stunde  fortgesetzte  Erfüllung  der  jeweiligen  HPflicht.  Ja,  wenn  die  Hflicht  als  „die
Forderung  des  Tages“  erläuntert  wird,  so  haben  die  Herrscher  ans  dem  Hohenzollernhause
in  staunenswerter  Folge,  mit  kaum  neunenswerten,  die  Regel  bestätigenden,  Ausnahmen
nicht  nur  der  Befriedigung  der  wahren  Bedürfnisse  ihrer  Seit  gelebt,  sondern,  den  Seitgenossen
  voran,  neue  Forderungen,  neue  Bedürfnisse  geschaffen.  Sie  haben,  indem  sie  in
ihrer  herrschenden  Stellung  nicht  sowohl  ein  nutzbares  Recht  als  vielmehr  ein  verpflichtendes
Amt  erkannten,  indem  sie  neben  dem  materiellen  vorzüglich  das  sittliche,  wie  staatliche  Wachstum
  des  Volkes  leiteten,  das  Gebot  der  Pflicht  zuerst  ihrem  Heere,  dann  ihren  Zeamten
und  zuletzt  ihrem  ganzen  Staat  eingepflanzt.  So  haben  sie  einen  Staat  geschaffen,  welcher,
ohne  „zu  den  uralten  nationalen  Hotenzen“  zu  gehören,  doch  dem  nationalen  Gedanken  die
reinste  Gestaltung  gab,  welcher  sowohl  die  Einheit  zwischen  Regierung  und  Unterthau,  wie
die  von  Alristoteles  geforderte  Einheit  zwischen  Ethik  und  Holitik  zur  lebendigen  Wahrheit
macht  und  in  der  politischen  zugleich  die  sittliche  Idee  zur  Erscheinung  bringt.  Die
Erfüllung  des  Hlichtgebotes  ist  somit  recht  eigentlich  das  Wesen  unseres  Staates,  und  darin,
        <pb n="4" />
        IV
so  scheint  uns,  liegt  der  eigentümliche  Reiz  wie  die  erziehende  Kraft  seiner  Geschichte.
Darin  liegt  die  Bedeutung,  welche  das  Haus  Hohenzollern  und  der  prenßische  Staat  für
die  Entwickelung  und  die  sittliche  Vervollkommnung  des  deutschen  Volkes,  ja  der  Menschheit
iberha  gewe  haben

e  Geschichte  darzustellen,  wird  daher  immer  wieder  die  Aufgabe  der  tüchtigsten
Kräfte  Leiten,  und  wenn  ich  trotzdem  einen  Versuch  wagte,  so  möge  dies  darin  seine
Erklärung  finden,  daß  die  Wahrheit  nicht  oft  genug  gesagt  werden  kann.  Eine  billige
Beurteilung  wird,  so  hoffe  ich,  die  fast  unüberwindlichen  zeitlichen  und  räumlichen  Schwierigkeiten,
  mit  denen  ich  neben  den  in  der  Sache  liegenden  zu  kämpfen  hatte,  freundlich
berücksichtigen.  Einen  großen  Teil  der  mir  nur  knapp  bemessenen  Frist  nahmen  überdem
die  mannigfachen  Anforderungen  in  Anspruch,  welche  durch  die  zahlreichen  Illustrationen
aller  Art  an  mich  gestellt  waren.  Das  Derdienst  für  diese  gebührt  indessen  der  opferwilligen
Verlagsanstalt,  welche  besonders  in  der  Aufsuchung  der  weit  zerstrenten  Vorlagen  sich  als
nnermüdlicher  Mitarbeiter  erwies.  Da  aber  meine  Ansichten  bei  der  Auswahl  der
Illustrationen  nicht  immer  die  entscheidenden  waren,  und  mehrere  Erlänterungen  mir  nicht
vor  dem  Drucke  vorgelegt  werden  konnten,  so  muß  ich  neben  dem  Verdienst  auch  die
Verantwortlichkeit  für  den  illustrativen  Teil  wie  das  Register  der  Derlagsanstalt  zuweisen.

Verlin,  im  September  1891.

Ernst  Berner.

Horwort  zur  zmeiten  Auflagr.

Die  eindringenden  Forschungen,  welche  von  berufener  Seite  jetzt  auf  allen  Gebieten
der  Geschichte  des  prenßischen  Staates  angestellt  werden,  haben  mehrfache  Anderungen  der
ersten  Auflage  nölig  gemacht,  der  engere  Druck  hat  es  ermsglicht,  die  Darstellung  wenigstens
in  großen  Sügen  bis  auf  unsere  Tage  herabzuführen.  Möchte  das  Zuch  auch  in  seiner
veränderten  Gestalt  wieder  eine  freundliche  Aufnahme  bei  allen  denen  finden,  die,  ohne
Bistoriker  von  Fach  zu  sein,  in  der  geschichtlichen  Entwickelung  den  Boden  für  den  weiteren
Ausbau  unseres  Staates  sehen!  B
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        535

—

S  2

—

*

#

4  Kurfürst  Joachim  1
.  Kurfürst  Johann  7

König  Friedrich  der  #

Anhaltsverzerichnis.

Dorgeschichte.  789—1411.

Die  Eroberungsversuche  des  deutschen  tönigiumes  .
.  Dtc  anhaltinische  Markgre  .

affchaft
Der  Zerfall  der  anhantucchen  Martgrasichaft  .

Erstes  Buch.  Der  Terrikorialstaat.  1411—1640.

I.  Der  landesberrliche  Territorialstaat.

uffüt  Friedrich  1

Die  Berusung  der  Hohenzollern
Die  Delihmahme  der  Mark  durch:  die  Vohenzollein  ·
Die  Husitenzeit  .  .
Kurfürst  Friedrich  II.
Kurfürst  Albrecht
Kurfürst  Johann  ........
Kurfiirsthmhiml».........

U-DerständijcheTerritovialsiaat.

Kurfürst  Joachim  Frie

Kürfürst  Johann  Sna  x
Kurfürst  Georg  Wilhelm

Zweites  Buch.  Der  Staak  des  Grosien  Kurfürsten.
1640—1713

Vom  Regierungsantritt  bis  zum  westfälischen  Frieden
Vom  westfälischen  Tüien  bis  zum  Frieden  von  Oliva
-  Gareden  von  Oliva  bis  zum  Irieden  von  S.  Eernatn

ette  Jahrzehm

Der-  Große  Kurfürst

.  K  guchen,  1rhr  a  III.  —  LT  *-Die

  kurfürstliche  Zeit
Die  königliche  Zeit

Driktes  Buck.  Der  Staat  des  Grosßen  Rönigs.
1713—1807.

Die  Begründung  durch  König  Friedrich  Wilhelm!  I.

Auswärlige  Politi
Verwaliung  und  bohgweienn;

 

Gro
ie  beiden  ersten  rm#s  Kriege
Ein  Friedensjahrzehnt

Seite

21

244
269
308.
338
        <pb n="6" />
        VI

Seite
Der  siebenjährige  Kri  .  361
Russische  und  W  Vergröherungspläne  391
Gesetzgebung  und  Verwaltung  nach  dem  stebenjährigen  #Kiege  402
3.  Die  W5  des  Staa
Fskunhsung  den  Sitnen  ————
Die  nsing  König  Sars-  Wllhelms  17.  .450
DPiertes  Buch.  Der  Sfaat  unter  König  Friedrich  Wilhelm  III.
und  König  Friedrich  n  IV.  1807—1861.
Die  egebu  des  Staatees  404
Die  Lefreiungstrien.  65656501
Die  Neubegrün  sad  der  preußischen  Staats-Einhei!  ............555
König  gu  Est
Pnih  Wiel.  t  Ve  rsassung  615
-s  Versuche  zur  Einigung  Deutschlands.  Krimirieg  641309
Fünfkes  Buch.  Die  Begründung  des  deutschen  RNeiches
durch  Rönig  ilhelm  l.  18057)61—1371.
zum  Wiener  rieden  659
6  e  Prager  nchen  und  zur  brimung  bes  norddeuischen  Bundes  ..  6383
38  rrichtung  des  deutschen  Kaisertunms  ..  .  703
Sechstes  Buch.  Im  neuen  Reichh  115

Verzeichnis  der  Einschaltbilder  und  Beilagen.

Tltelblat=  Vorgeschichte  mit  Erläuterungsblatt  r  S.  1

bergang  Karls  des  Großen  über  die  Elbe  789,  mit  eussbnrnebiatg  uwrint  „  2
Urkunde:  -  o  I.  gründet  uud  dotiert  *l'  Bistum  Brandenbur  urg  4
Urkunde  des  Markgrafen  Albrecht  v.  J.  1155,  mit  Erläuterungsblati.  8
Markgraf  Otto  IV.  und  seine  Wemoahig  Hedwig  (2),  mit  eutemagsstan.  6
Beratun  *“  aheten  ifürgen  zur  Kaiserwahl  Heinrichs  VII.  1308,  mit

 

*  u  16

u  “  use  Sigmund  *  „rondenur  mit  z  r  von
385,  mit  Erläuterungsbla  »  „  24
Titel  gur  □—  #echem  mit  girurnacttn“  .  »  34

Klagebrief  Dietrichs  von  Quihow  v.  J.  141  Erläuterungsblatt
Belchnung  Tncchrich  I.  aus  dem  Hause  4½.  olern.  mit  Erläuterungsbl.  „
estli.  smzug  am  M  orgeng  des  lehnungslages.
2.  Die  Beiryumh  Kurfürst  Friedrichs
Eigenber.  r  h  des  K  5  nnsn  (Achill),  ca.  1179  „  „  68

si  st  Joachim  "„  „  80
o  des  s  Albrecht  von  Mainz  1517,  mit  Erläuterungsblat-  „  5„  84
Schenhändiger  Beie  Kurfürst  Joachims  II.,  mit  Erläuterungsblait  „  «  92

Eigenhänd.  Brief  Dr.  Martin  Luthers  an  Sescie  le.  zunt  Erszmerungbl.  «  »  96
Hinrichtung  des  Münzmeisters  Lippold  zu  Berl  „  „  938

Aufzüge  und  Mingrenen  gelegentlich  der  Le  4  Shemms
zu  Kölln  a.  d.  Spree  1592,  mit  Erläuterungsblatt  „  „  100
        <pb n="7" />
        Ankunft  des  Auige,  *-  IV.  von  Dänemark  in  Berlin  1595,  mit
Erläutern

Feuerwerk  E  8  nwenhen  ws  cheiene  IV.  in  Verlin
1595,  mit  Erläuterungsb  ..
Bankett  auf  dem  Rämer  1.  Fra  an
Tüelblatt  1  r  r*J.  .  dhhch  !  46%  Friedrich  ilhein
1658

Erste  en  der  etgeuhäadltz  niederfeschuebenen  Bäumchen  Ermahnung
rich  MWllhelm  v.  J.  1667,  mit  Erläuterungsblalt
elen  den  Stett  .

Karte  des  preuß.  Sian  nnk  Friedrich  Wilhelm  1640—1668

Sibente  See  der  eigenhändig  miergeschriehenen.  „Väterlichen  Ermahung“
  des  Kurfürsten  Friedrich  III.,  mit  Erläuterungsblatt

Eine  Seite  dedn  ur  Testamentes  des  abnige

it  Erlãuterungsblatt
rn  t  pprin  edrich  von
nig  Friedrich  II.  eine  Generaten  rorn  zien  Manzver  zurückkehrend
Karte  des  preuß.  Staates  unter  Frie  d.  Großen
Anfang  und  Szua  9  zoen  nceen  imens  des
gs  Frie  II.  v.  J.  1769,  mit  Erläuterungs
Schluß  Wsn  Schreibens  ber'  sors  s  Fri-  u  Vm  u.
Minister  Grasen  don  *  ers  14.  Zuli  1790
Farbendrucke  rrin  Luis  von  Preußen
Die  Königliche  Familie
Karte  des  Preuß.  St  •  unter  Friedrich  Wilhelm  IL  u
Eigenhändiges  reen  der  Königin  Luise  v.  J.  1607.  mit  rnun
Karte  des  greug.  Staates  nach  dem  Frieden  von  it.
luß  des  Aigerhändigen  Schreibens  König  3endrch  Wilhelms  ill.  an
den  "  Frelherrn  vom  Stein  vom  24.  November  isos,  mit

Erlãu  att
Sühch  *  E  Ben  v.  20.  März  *
mit  Er  äuterungsölalt  .

r

Die  Frünene  a  Wir  lbelms  1.  in  Königsberg  am  18.  Ollober  1861.

—.zôßWô  König  Wilhelms  I.  vom  31.  Dedember  1886.
t

m
Depesche  des  Königs  Wilhelm  1.  an  die  Königin  Augusta  vom  ls  Aug  1871

 

Die  Kasserproklanletton.  zu  Versailles  am  18.  1
arte:  Der  preuhische  Siaat  unter  E
Die  Taufe  t  Prinzen  Wilhelm  zu  Potsdam  in  am  11.  Juni

Wilhelm  I.,  deuischer  Kailser  ünd  an  von  Preußen,  mit  zua

gegenüber  S.
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        <pb n="9" />
        Erläuterungsblatt
zum

Titelblatt:  vorgeschichte.

Der  Titel  ist  entnommen  dem  Evangelium,  welches  Godesscalc  281  für  Karl  den
Großen  und  dessen  Gemahlin  Hildegard  angefertigt  hat.  Die  Schriftverzierungen  sind  noch
nicht  eigentlich  farbig,  sondern  mit  Gold,  Silber  und  Rot  auf  Hupurgrund  aufgetragen.
Später  der  Abtei  St.  Sernin  in  Toulouse  gehörig,  wurde  die  wertvolle  Handschrift  von
der  Stadt  Toulouse  Napoleon  l.  übergeben  und  befindet  sich  jetzt  in  der  Nationalbibliothek
  zu  Haris  (Nouv.  ucqu.  lat,  1093).  Der  Titel  beginnt  mit  dem  Worte  »INITIUM«
(Anfang).  Das  Wort  Vorgeschichte  ist  von  Ansgar  Schoppme#ver  im  Stile  der  Seit
hinzugefügt.
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        <pb n="11" />
        —
—r  4

—
        <pb n="12" />
        <pb n="13" />
        In-  4  ½

um  (Monogr.)  Carob  gloriosjssimi  regi’
Sier  5  Karls  des  Großen  (urtleinert  di  *  Grüßel.  .
LBon  einem  Hrtignediien  8  d.  Düren,  25.  Okt.  75,  im  k.  Steatearchto  zu  Marbur

GE#r  Bolslehung  Pvet  Urkunde  hat  der  Kal  dem  selnen  Namen  ve  darstellenden  vogromm  die  9  dlesem  Zwecke
vom  Schrelber  —  S—————5  re  ebnbenen

 

 

 

 

Vorgeschichte.  789  -1411
Die  Euoberungsversuche  des  bullhen  Rönigtums.  789—175

Von  allen  Bedingungen,  die  zusammentreffen  und  auf
einander  wirken  müssen,  um  eine  staatliche  Gemeinschaft
  zu  ermöglichen,  ist  das  Vorhandensein  von  Land
und  Leuten  die  wichtigste.  Der  preußische  Staat  hat
sich  diese  erste  Grundbedingung,  die  den  meisten
Staaten  gleichsam  von  Natur  gegeben  ist,  selbst  schaffen,
erwerben  und  erarbeiten  müssen.  Die  Arbeit,  strenge
und  gewissenhafte  Arbeit,  liegt  daher  im  Wesen  dieses
aates.

—  Da  d,  auf  welchem  sich  der  preußische
16  dem  Lessionarlam  bes  Wischos  Staat  auftanen  sollte,  sind  die  Gebiete  an  der  Havel
erg.  11.  Johrh.  und  Spree  zwischen  der  mittleren  Elbe  und  Oder.  Die
Bewohner  dieses  Landes  waren  ursprünglich,  soweit
bro  Geschichte  weiß,  Deutsche,  Semnonen,  ein  Teil  des  großen  Sueven-Stammes.
Diese  verließen  jedoch  in  der  Zeit  der  großen  und  allgemeinen  Völkerwanderung
ihre  Heimat,  und  flavische  Stämme  aus  dem  Osten  rückten  heran,  das  frei  gewordene
Land  in  Besitz  zu  nehmen,  die  wenigen  zurückgebliebenen  Deutschen  sich  unterthan
zu  machen.  Jahrhunderte  hindurch  bewohnten  nun  die  Wenden  —  wie  ein,  mehrere
slavische  Stämme  umfassender,  Name  lautet  —  das  Land  bis  zur  Elbe  hin,
rüsteten  sich  sogar,  die  Sachsen  auch  aus  den  Gebieten  westlich  der  Elbe  zu  vertreiben.
  Die  Sachsen  aber  waren  damals  trotz  zähester,  unter  der  Führung  ihres
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="14" />
        2  Kaiser  Karl  der  Große.

 

Taufe  der  fabelhaften  Sachsenkönige  Helsis  und  Sigemort  in  Siegburg.

Ertsallle  aus  -ocducestes  de  Charlemaswe:  —  Handschrist  des  18.  Jahrbunderts  in  der  K.  Pidtlethek  zu  Brüslel.

Herzogs  Widukind  geleisteten  Gegenwehr  von  Kaiser  Karl  dem  Großen  unterworfen,
  Herzog  Widukind  in  der  kaiserlichen  Pfalz  zu  Attigny  zur  Annahme  der
christlichen  Taufe  genötigt  worden.  Ein  Angriff  der  Sachsen  durch  die  Wenden
galt  also  zugleich  dem  fränkischen  Reich.

760  Im  Jahre  789  überschritt  daher  Karl  der  Große  die  Elbe,  best  te  die
Wilzen,  drang  bis  zur  Peene  vor,  gründete  mehrere  Burgen  und  behauptete  trotz
verschiedener  Aufstände  seine  Herrschaft.  Unter  seinen  Nachfolgern  zerfiel  jedoch
sein  Reich,  und  länger  als  ein  Jahrhundert  währte  nun  wieder  die  unbedingte

#1  Herrschaft  der  slavischen  Völkergruppen.  Erst  als  Herzog  Heinrich  der  Sachsen
deutscher  König  geworden,  wandte  sich  das  deutsche  Königtum  der  Aufgabe  zu,
den  deutschen  Norden  für  Deutschland  wieder  zu  gewinnen.  Das  Heer,  das  sich
König  Heinrich  für  den  Kampf  gegen  die  Ungarn  gebildet,  sollte  sich  die  ersten
Lorbeeren  in  einem  Angriff  auf  die  Heveller  zu  beiden  Seiten  der  Havel  und
Spree  erwerben.  In  mehreren  Treffen  Sieger,  rückte  Heinrich  bis  vor  die

2#  Hauptveste  des  Volkes,  Brennabor  (927/28),  das  heutige  Brandenburg,  eroberte,
        <pb n="15" />
        Exläukerungsblatt
zu
Annales  Einhardi:  übergang  Rarls  des  Großen  über  die  Elbe  759.

Einhard  wurde  um  720  im  Maingan  von  edlem  Geschlecht  geboren.  Nachdem  er
im  Nloster  Fulda  und  in  der  Dofschule  Karls  des  Großen  zu  Aachen  eine  für  damalige
Seit  ungewöhnliche  Bildung  sich  angerignet,  wurde  er  oberster  Leiter  der  Bauten  Karls
des  Großen,  sowie  dessen  vertranter  Freund  in  polilischen  Dingen.  Er  schrieb  ein  Leben
UMarls  des  Großen  und  wahrscheinlich  auch  die  Annalen,  aus  welchen  wir  nachstehend  die
Stelle,  die  Karls  des  Großen  Übergang  über  die  Elbe  (7609)  schildert,  mitteilen.  Sein
ntein  ist  das  beste  des  Mittelalters.

Nach  Karls  Tode  diente  er  noch  dessen  TAachfolgern,  zog  sich  aber  seit  azo  mehr
und  mehr  auf  den  vom  Uaiser  ihm  geschenkten  Landsitz  Michelstadt  im  Odenwald  zurück.
Für  die  hier  aufzuführende  Nirche  verschaffte  er  sich  die  Gebeine  der  Märtrrer  Helrus  und
Marcellinus.  Ihrer  Üiberführung  nach  Michelstadt  hat  er  #30  ein  mit  vielen  Wundergeschichten
  versehenes  Werk  gewidmet.  achdem  Einhard  im  Jahre  3856  seine  geliebte
Gatltin  Imma  (Schwester  des  Bischofs  Bernhar  von  Worms,  nicht,  wie  die  spätere  Sage
erzählt,  Marls  des  Großen  Tochter)  verloren,  starb  er  selbst  am  14.  Nlärz  810.
        <pb n="16" />
        Welatabi

Wilꝛi

Dragauuitus

CTransskription  und  Übersetzung  des  nebenstehenden  Textes
aus  „Annales  Einhardi“

Anfang  des  Berichts  über  das  Jahr  789  auf  tol.  ·  verso:

Natio  quaedam  Sclavenorum  est  in  Ccrmania,  sedens  super  litus
Es  gab  in  Deutschland  ein  flavisches  Volk,  das  am  Strande  des  *  eim

DCCLNNVIIH

duae  propria  lingua  uuclatabi.  faancica  autem
uuiltzi  uocatur  ea  francis  semper  inimica  et  ui
cinos  suos  qui  francis  uel  subiecti  uel  #o#ederati
erant  odiis  insectari.  belloque  premere  ac

lacessire  solebat.  Cuius  insolentiam  rex  lon
gius  sibi  non  lerendam  ratus  bello  eam  adgre
di  staluit,  Conparatoque  ingenti  exercitu
rhenum  apud  coloniam  traiecit,  inde  per

sakoniam  iter  agens,  cum  ad  albiam  peruecisset
Castris  in  ripa  positis,  amnem  duobus  pontibus

iunx#t.  Quorum  unum  ex  utroque  capite  uallo

muniuit  et  inposito  presidio  firmauit.  ipse
fiunio  transito  quo  constituerat  exerci

tum  duxit.  Ingressusque  uuiltzorum  terram,
cuncta  ferro  et  igni  uastari  iussit,  sed  gens
illa  quamuis  bellicosa,  et  insua  numerositate

confdens.  Impetum  erxercitus  regü  diu  susti
nere  non  ualuit.  Ac  proinde  cum  primum
ciuitatem  dragauuiti  uentum  est.  Nam  is  caeteris
uuiltzorum  regulis  et  nobilitate  generis

et  auctori  .  tate  senectutis  longe  pre
minebat.  extemplo  cum  omnibus  suis  ad  re

gem  deciuitatc  processit.  Obsides  qui  impe

und  in  seiner  eigenen  Sprache  Welataben,  auf
fränkisch  aber

Wilpen  heißt.  Dies  war  immer  feindselig  gegen
die  Franken

Pflegte  neine  Aochbemne  die  den  Franken  unterworsen

waren,  *  5r  zu  rren.  *rêß'v  durch  Krieg
edrängen  und  zur
Ihren  sebermant  glaubte  der  e  nicht  länger
dulden  zu  dürsen  und  beschloß  sie  anzuges#fen.
Er  bot  eine  große  Heeresmacht  auf
Und  setzte  bei  Köln  über  den  Rhein.  Von  da  zog
er  durch

Sachsen,  schlug,  als  er  an  die  Elbe  gekommen  war,
an  ihrn  iler  ein  Lager  auf  und  dann  zwei
u  über  den  Strom

von  Lasr  er  di  eine  an  “  Enden  durch  Verschanzungen
  besestigt

und  eine  hineingelegte  Ichobung  sicherte.

Er  selbst  führte  das  Heer,  nachdem  er  den  Fluß  an
der  bestimmten  Sielle  überschritten  hatte,  rückie

in  das  Land  der  Wiltzen  ein  und  ließ  alles

mit  Feuer  und  Schwert  verwüsten.  Dies  Volk  aber

vermochte,  obwohl  kriegerisch  und  auf  seine  große
Zahl  pochend

den  Angriff  des  königlichen  Heeres  nicht  lange
auszuhalten,  und  sobald  man  vor  die  Stadt  des
Dragawit  kam  —  denn  der  ragie  vor  den  übrigen
Wiltzenfürsten  durch  den  Adel  seines  Geschlechis
wie  durch  die  Würde  des  Allers  weit  hervor  —
kam  dieser.  art  allen  seinen  Leuten  aus  dem  Tempel
e  Stadt  zum  König,
stellte  i“  wbn  Geißeln.

-chluß  des  Berichts  über  das  Jahr  780  auf  sol.  779  verso:

#abantur  dedit,  sidem  "*0„  regi  no  Francis  servatumm  ireinraudeo
promisit.  —  i*d  #imores  ac  recguli  omnes
2#ccmi,  se  rexis  e  *  -  ulm  us  subacto  illo  po.

pulo  ei  obsidihns  cadem  ria  dua

*#

bositis,  in  Franciam  reversns  ꝛ  in  Wormacia  civilate  ei  me
lalem  Domini  et  pascha  cclebra:

 

und  versprach  eidlich,  dem  Koni  nia  und  den  Franken  treu
zu  sein.  —  Beispiel  solgten  alle  *  e#  und
Häuptlinge  der  Siaven  und  ihrren  sich  der  Herrschaft
des  KznisNachdem  er  nun  dieses  Volk  unterjocht  und  die

Geisein  welche  er  neso-  -  in  Empfann  genommen  batte,
zog  er  am  dem  nämlich  n  Wegt,  den  er  gnounmumk  wieder
an  uue  Abe,  führte  8  aet  iib.  r  rücke  zurück,  kehrte
dann,  na-  achdem  er  noch  dr  Ssteshner  #ngetchen  wbiten,  so  aut
es  die  Ueit  Els  in  r*E  dunug  arbracht  hokte,  ins  Frantru.
land  beim  und  seierte  in  der  Stadt  Worms  Weihnachten
und  Ostern.
        <pb n="17" />
        Dccl###  unnt.

.  Welatz#

Juacepropr#ndu-u  —————————  ——
————————“  I#npinmicadin
cmos  suos  cquifncisuclsub  iccuel  sfoeclentti
enor  odis  inscctari  belloq  premere  ac
lacessire  solebat-  Cinis  insolennã  rexlon
Quls  sibi  nonferendk###mbelloc  zrelrdi#uonpam#öod=
  i  tt  e#n
rhenim  apud  colonK###cnndper-###nn-s.
  irer  agens  cum  aAdalbiã  peruemisso
castris  inripapositis  MÄnæ  duobi  pomabis
numn  ·  Quorũ  unu  coinroq-  caprreuallo
muniurposfr  p̃si  dio  firmaurts  ipseflmio
  uffiro  quo  con  shruerrt-  rocerci
tum  ckverr,  1  nressusq-  uuiltorũ  rerrov
cuncta  ferro  Aigmn  1I#  Miirle#l  gens
I  dfnau  bellicos  #lbammriftarr
confidcn##  lmpern  ——  cliii  siishi
nere  nonualun-Acpmdercumprrn#
ctünsz#daqannn  ——J—l——  ——
uu/#t  regulis&amp;amp;  noba  liz####nenlsaucto#t'an
  rarr  Kncchu##h  lonqe  pre
mincharPlo  cum  Ommtb-  IMAhrrgem
  deciurtate,  pcessit-so  bsidesquiimpr

Übergang  KUarls  des  Großeu  über  die  Elbe  789.
Gleichzeitiger  Bericht  aus  »  Annales  Einhardi.

Faksimile  der  Handschrist  in  der  K.  u.  K.  Hoibibliothel  zu  Wien.  Fol.  779  recto.

*  ——  —  ooNF  OL„„

S  oH–——
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        <pb n="19" />
        König  Heinrich  I.

3

durch  eisige  Kälte  und  Hungersnot  uniersuen  dieselbe  und  zwang  damit  den
er

ganzen  Stamm  zur  Unterwerfung,  ja,  w

ährend

selbst  sich  südlich  gegen  die

Dalminzier  wandte,  drangen  seine  Heerr  gleichzeitig  siegreich  gegen  die  Redarier,
Wilzen  und  Obotriten  bis  zur  Ostsee

Aber  mit  unbändiger  Wildheit  barhen  sich  alsbald  sä

mmliche  wendische  Stämme,

und  vor  der  wendischen  Veste  Lenzen  kam  es  am  4.  September  929  zu  einer  ?

 

Fast  gleie  ächneitaerk  Bericht  aus  Widukinds  von  Corv  viet
Widukind,  ein  Mönch  des  Klolters  Coroeh,  schrieb  seine  Geschichte

erste  Hälte  des  10.  P  e  eer  etwa  907.  Aul  de

Tronsskription:

Tali  lege  ac  disciplina
  cum  cives  assame.

  serro,  Higore.
Cumaue  illa  urbe  potitus
  omnem  2egionem,
signa  vertit  contm  dalamantiam,

  aderus
duam  iam  oli  i
dquit  ei  pater  militiam:;
urbem

vicen#ema  tapdem  die
ccpit  cam.  Preda  urbis
  milititibus  iradirn,
Fuberes  omnes  interfecti,
  pucri  ac  puche

eus  est  in  saxohian-Heinrichs

  I.  Kämpfe  gegen  bie  Slaven.  327/6.

ciues  assuefacer.  mpente  irrum  sug  slauol

estae  saxon

(K.  Bibl.

er  1  1  *  hst  —  der
Geichichte

—.  cũ

quui  dicunt  heuelli  ·  ⁊mulus  eos  p̃lus  fau·

gans.  demũ  bieme

asprima  castris  super  t

glarss  poftus.prr  urhe  quedi  brenna

—  Cuunq;  illa  urbe
pout  ommẽ  wgionẽ  signa  ᷣur  arra  dala
manuã.  aduisus  qmn  iam  olim  relic  eipai
milttiã.  obsidens  urbe  que  di  kietni.
——  —  ——
lntibtradtta.  puberres  om̃s  Hnt#k.  puenac

Fuller

—  —  —*

adut  cũ  om̃u  grereitu  boennoy  urbe
eindedmongacrpur  deqᷓ  quedi  nurabiia
schenn-  queck  sihhamus.  flennonm#u

vicam  frat  ram̃  erar  bolralai.  qui  qindiu

—  mansir.  sgrẽ
rx  boemios  criburarios  faciens.  reusus  it

insaxomã.

Dresden.
rwest  dle  nsee  deutsche  Geschlchtsauelle  sür  die
Name  Scennaducg  (VBrandenburs)  zum  erlkenmale

übersetung:

on  R3  er  s

Marich  gegen  Dalatute


gn  g  ihren  Rönig
E
er
un.  tm  krhare
Im  welch
eret  vbeorele  uis
Siruten  zuüber=Kaiser

  tren  und  zu
Diensten.  Also  machte
der  König  Böhmen
Runspflichtig  und  kehrte
nach  Sachsen  zurück.
1=
        <pb n="20" />
        4  Kaiser  Otto  der  Große.  —  Markgraf  Gero.

der  blutigsten  Schlachten,  die  je  geschlagen  sind.  Bernhard,  der  Markgraf  der

Nordmark,  und  Graf  Thietmar  erfochten  zwar,  trotzdem  sie  fast  überrascht

wurden,  den  vollsten  Sieg,  aber  weder  beugte  dies  furchtbare  Blutbad  die

Wenden,  noch  hielten  sie  die  zahlreichen,  von  Heinrich  angelegten  Burgen  —
erben  —  im  Zaum

wie  Tangermünde,  Arneburg,

aum  war  vielmehr  König

Heinrich  gestorben,  und  sein  Huzenblichr  Sohn  Otto  zu  seinem  Nachfolger  erwählt,
  so  empörten  sich  auch  die  Wenden  aufs  neue,  und  obwohl  durch  den  Grafen
Hermann  Billung  völlig  geschlagen  (936),  benutzten  sie  doch  die  schweren  Zeiten,
in  die  der  König  durch  die  Empörung  seiner  Brüder  geriet,  zu  immer  neuen

Aufständen.

Eine  wirksame  Gegenwehr  fanden  diese  fortdauernden  Aufstände,  erst  seit
ovo  Graf  Gero  den  Oberbefehl  gegen  die  Wenden  erhalten  und  939  zum  Markgrafen

der  Nordmark  ernannt  war.

Erst  jetzt  kam,  möchte  man  sagen,  System  in  die

Pläne  des  Kaisers,  diese  alten  deutschen  Länder  wieder  zu  erobern.  Ein  Mann
von  rücksichtsloser  Energie  und  gewandter  Schlauheit,  hat  Markgraf  Gero  in
jahrelangen  Kämpfen  den  Sieg  des  Deutschtums  und  des  Christentums  bis  zur
Oder  ausgebreitet.  Weder  die  Tapferkeit  der  Wenden  im  Felde,  noch  ihre  List
und  Verschlagenheit  in  Zeiten  scheinbarer  Ruhe  schreckten  ihn.  Als  er  von  einem
heimtückischen  Anschlag  erfuhr,  den  sie  gemacht,  ihn  zu  ermorden  und  mit  diesem
Morde  die  Herrschaft  der  Deutschen  überhaupt  abzuschütteln,  vergalt  er  ihnen
durch  gleiche  Heimtücke.  Dreißig  ihrer  Häuptlinge  lud  er  zu  festlichem  Gelage,
machte  sie  trunken  und  ließ  die  Paeen  niederstechen.  Den  Aufstand,  der  über
sol

Siegel  des  Markorasen  Gero.  (  8

Von  elner  Urkunde  des  Jahres  voi  im

Haupl-  hd  zu  Zerb,  deren  nen
indes  ulcht  zwelsetlos  seststehzt.

 

e  Unthat  losbrach,  wußte  er,  durch  den
König  zeitweise  unterstützt,  wieder  nicht  nur
mit  dem  Schwerte,  sondern  auch  mit  List  niederzuschlagen.
  Namentlich  gewann  er  durch  kluge
Bestechung  eines  Fürsten  der  Heveller  Brandenburg
  wieder.

So  gelang  es  Gero  festen  Fuß  zu  fassen,
und  da  ziemlich  gleichzeitig  auch  Markgraf
Billung  die  Wenden  an  der  Küste  von  der  Trave
bis  zur  Peene  besiegte,  so  schien  die  Unterwerfung
  des  Landes  gesichert  zu  sein,  und  man
ging  daran,  das  Land  als  eine  Mark,  eine
Grenzprovinz  Deutschlands,  zu  germanisieren
und  zu  christianisieren.  Rein  militärisch,  auf
die  Zwecke  des  Angriffs  und  der  Verteidigung
berechnet,  mußte  die  Verwaltung  des  Landes
natürlich  sein.  Im  Gegensatz  zum  deutschen
Heerbann,  der  nur  auf  den  Ruf  des  Königs
unter  die  Waffen  trat,  bildete  der  König  hier
eine  Kriegsschar,  die  von  ihm  besoldet  oder  mit
Grundbesitz  ausgestattet,  zu  stetem  Kampf  gerüstet
  sein  mußte.  In  und  um  die  zahlreichen

urgen,  die  man  zur  Sicherung  des  Landes
wieder  aulegte,  wurde  dieselbe  angesiedelt;  den
Burgen  und  ihren  Bezirken,  den  sog.  Burg-
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        un

rus—t
:

L

 

—

—

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erie  04053  erlten  ar  s  ue

—  —

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t—i-.t.e
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        <pb n="23" />
        Kaiser  Otto  der  Große.  —  Markgraf  Gero.  5

warden,  wurden  Burggrafen  oder  Kastellane  vorgesetzt,  und  wieder  diese  unterstanden
dem  Markgrafen,  der,  bald  als  dux  ei  marchio,  als  Markherzog  bezeichnet,  nur  um
so  mehr  in  jeder  Beziehung  maunscchränt  gebot,  als  der  Besitz  des  Landes  von  der
Kraft  seines  Armes  allein  abhing.  Nur  dem  Kaiser  war  er  unterthan.  Das
war  indessen  schon  klar,  daß  man  auf  einen  dauernden  und  friedlichen  Besitz  des
Landes  nur  hoffen  könne,  wenn  die  Slaven  zum  Christentum  bekehrt,  und  ihr
blutdürstiger  heidnischer  Gottesdienst  völlig  ausgerottet  sei.  Vornehmlich  der  Kaiser
Otto  der  Große  selbst,  beseelt  von  wahrhaft  frommem  Eifer,  erkannte,  daß  nur
so  die  Aufgabe,  die  Deutschland  hier  gestellt  war,  gelöst  werden  konnte.  Er
gründete  daher  946  für  die  Redarier  das  Bistum  Havelberg,  948  für  die  Heveller  /6
und  Liutizen  das  Bistum  Brandenburg,  und  968  endlich  gelang  es  ihm,
seinen  Lieblingsplan  auszuführen  und  in  treuem  Gedenken  an  seine  zärtlich  geliebte
erste  Gemahlin  Edith  ein  besonderes  Erzbistum  für  die  flavischen  Länder,  das
von  Maydeburg,  zu  begründen.  973  feierte  der  Kaiser  hier  das  Osterfest  und
stattete,  wie  schon  vorher  die  beiden  Bistümer,  so  auch  das  Erzbistum  mit  den
reichsten  Gütern  aus.

Doch  nur  zu  bald  nach  dem  Tode  des  mächtigen  Kaisers  sollte  sich  zeigen,
wie  wenig  gesichert  diese  Länder  noch  immer  für  Deutschland  waren,  wie  ihr  Besitz
abhängig  war  von  der  äußeren  Gewalt,  mit  der  das  deutsche  Königtum  selbst
seine  Macht  zur  Geltung  zu  bringen  wußte.  Denn  als  Kaiser  Ottos  Sohn  Otto  II.
von  den  Arabern  982  jene  furchtbare  Niederlage  in  Unter-Italien  erlitten  hatte,
da  erhob  sich  auch  das  ganze  Wendenvolk  wie  ein  Mann,  und  mit  erschütternder
Gewalt  kam  aller  Haß  und  Ingrimm  der  Slaven  gegen  die  sie  verachtenden
Deutschen  und  den  Christengott  zum  entsetzlichsten  Ausbruch.  Am  29.  Juni
stürmten  die  Liutizen  Havelberg,  drei  Tage  später  Brandenburg,  zerstörten  die
Städte,  raubten  und  plünderten  die  Schätze  der  Kirche,  machten  nieder,  was  ihnen
entgegen  trat  und  drangen  unter  wüstem  Kriegsgeschrei  über  die  Elbe  bis  zum
Tanger  vor.  Einem  weiteren  Vorgehen  ward  freilich  durch  ein  deutsches  Heer
Halt  geboten,  aber  die  Bistümer  waren  völlig  vernichtet,  das  Heidentum,  doch
nur  äußerlich  unterdrückt,  lebte  neu  auf,  und  ein  großer  Teil  der  Nordmark,  das
ganze  Gebiet  östlich  der  Elbe,  war  verloren.  Auf  anderthalb  Jahrhunderte  hinaus
gab  es  nun  zwar  noch  deutsche  Markgrafen,  aber  ihre  Macht  war  gebrochen,  und
jenseits  der  Elbe  herrschten  wieder  flavische  Häuptlinge.  Auch  Bischöfe  von
Brandenburg  und  Havelberg  wurden  wieder  ernannt,  aber  ihre  Sprengel  auch
nur  *  betreten,  wagten  sie  nicht  mehr.

arkgraf,  Werner  von  Walbeck,  nötigte  zwar  im  Frieden  von  Werben
1005  din  Wenden  zur  Anerkennung  der  deutschen  Herrschaft,  und  Kaiser  Heinrich  II.  1
wahrte  sie  sowohl  durch  Verhandlungen  zu  Werben,  Arneburg  und  Wallersleben,
  als  durch  energisches  Einschreiten  gegen  die  fortwährenden  Räubereien  und
durch  Wiederherstellung  der  deutschen  Grenz-Burgen.  Doch  gerade  Heinrich  mußte
es  stillschweigend  anerkennen,  daß  alle  christlichen  Einrichtungen  zerstört  blieben,
der  alte  Götendienst  sich  behauptete.  Noch  einmal  flammte  dann  das  Interesse
für  die  Germanisierung  und  Christianisierung  unter  dem  hochstrebenden  Erzbischof
Adalbert  von  Bremen  auf,  und  das  kühne  Unternehmen  dieses  gewaltigen  Kirchenfürsten
  schien  um  so  mehr  Aussicht  auf  Erfolg  zu  haben,  als  sich  ihm  ein
christlich  erzogener  Obotritenfürst  Namens  Gottschalk  anschloß,  und  dieser,  begünstigt
  durch  innere  Streitigkeilen  zwischen  verschiedenen  wendischen  Stämmen,

z
        <pb n="24" />
        6  übergewicht  der  Wenden.

im  Begriff  schien,  ein  einheitliches,  großes  Wendenreich  christlichen  Bekenntnisses
zu  errichten.  Aber  das  heidnische  und  wendische  Element  trat  solchen  Bestrebungen
trotzig  entgegen,  die  Liutizen  griffen  1055  die  Deutschen  mit  Erfolg  an,  und
105  am  10.  September  1056  erlitten  die  Deutschen  bei  Prizlawa  eine  der  schimpflichsten
  Niederlagen.  Und  diese  war  um  so  folgenreicher,  als  das  Reich  —  es
waren  die  letzten  Tage  Kaiser  Heinrichs  III.  —  von  großen  Gefahren  heimgesucht
wurde,  und  die  folgende  Regierung  Kaiser  Heinrichs  IV.  gewiß  nicht  geeignet
war,  den  völligen  Zerfall  der  Nordmark  zu  verhindern.  Auch  Gottschalks  Reich
war  bald  dahin,  am  7.  Juni  1066  ward  der  Fürst  zu  Lenzen  erschlagen,  und
mit  seinem  Tod  erloschen  auch  die  letzten  Spuren  des  Christentums  unter  den

enden.

Erst  unter  Kaiser  Heinrich  V.  hören  wir  wieder  von  einem  Siege  der  Deutschen,

aber  nicht  der  Kaiser  oder  sein  Markgraf,  sondern  ein  Graf  Otto  von  Ballenstädt,

ins  der  Reiche  zugenannt,  erfocht  denselben  am  9.  Februar  1115,  wenige  Tage  vor

jener  Schlacht  am  Welfesholze,  in  der  das  deutsche  Königtum  von  dem  deutschen

Fürstentum  so  schwer  getroffen  wurde.

Nunmehr  konnte  es  in  Frage  kommen,  ob  ein  einzelnes  deutsches  Fürstenhaus,

  etwa  das  des  Grafen  Otto,  die  Aufgabe,  die  dem  deutschen  Wesen  hier  im

Norden  und  Osten  gestellt  war,  und  die  das  deutsche  Königtum,  erfüllt  von  andren
Plänen,  nicht  hatte  lösen  können,  zu  vollführen  im  stande  sein  werde!

 

Wendenpsennig.
(Als  Probe  der  Münzen,  wie  sie  um  das  Jahr  1000
in  den  Ländern  rechis  der  Elbe  in  Umlanf  waren.)
In  Größe  des#  Orlolnals  (Slider)  iIm  K.  Manzkablnetz  zu
Berliu.
        <pb n="25" />
        2
Die  gu  Markgrasschaft  Brandenburg.  1u15—1519

as  Haus  Ottos  des  Reichen,  ursprünglich
wohl  aus  Schwaben  stammend,  hatte  am
Harz  reiche  Besitzungen  erworben,  war
aber  zu  größerer  Bedeutung  erst  durch
die  Heirat  Ottos  mit  einer  Erbtochter
aus  dem  Hause  der  Billunger  Markgrafen
  gelangt.  Aus  dieser  Heirat  war
dem  Hause  namentlich  ein  gewisser  Anspruch
  auf  das  Herzogtum  Sachsen  und
auf  die  Nordmark  entstanden,  ebenso  aber
auch  durch  die  Lage  der  Besitzungen  an
den  wendischen  Grenzen  die  Notwendigkeit
  auferlegt,  die  unruhigen  Slaven
tius  esk..  des  4e  e,  14.  Jahrh.  zurückzudrängen.  Jenen  Anspruch  haben
Goit  verlelht  dem  El  72  7  rinteen  dem  Kaller  sie  nur  zum  Teil  und  zeitweise  durchzusetzen
  vermocht,  dieser  Aufgabe  aber
sind  sie  im  vollem  Umfange  gerecht  geworden.  Hatte  schon  Otto  nach  jener  glücklichen
  Schlacht  jenseits  der  Elbe  Fuß  gefaßt,  so  war  es  sein  Sohn  Albrecht
der  Bär,  der  den  Slaven  die  uralten  deutschen  Gebiete  westlich  der  Elbe  für
immer  entriß,  sie  auf  die  Dauer  dem  Deutschtum  wieder  gewann  und  der
damit  eine  Kultur-Aufgabe  von  der  allergrößten  welthistorischen  Bedeutung  löste.
Er  pflanzte  damit  das  Samenkorn  in  das  Land,  aus  dem  dereinst  der  preußische
Stan  das  heutige  deutsche  Reich  erwachsen  sollte.
Natürlich,  daß  vorerst  von  Albrechts  glänzenden
Eigenschaften  sich  seine  Kriegstüchtigkeit  zu  bewähren
hatte.  Schon  wenige  Monate  nach  dem  Tode  des
Vaters  (1123)  war  es  ihm  im  engeren  Anschluß  an
den  Herzog  Lothar  von  Sachsen  gelungen,  die  Ostmark
  und  die  Lausitz  zu  erkämpfen  und  sich  damit
eine  Stelle  unter  den  vornehmsten  Fürsten  Deutschlands
  zu  erringen.  Diese  Stellung  mußte  aber,  so
durfte  Albrecht  hoffen,  mit  der  Erwählung  Lothars
zum  deutschen  Könige  eine  noch  bevorzugtere  werden,
und  auch  der  neu  erwachte  Glaubenseisfer,  mit  dem
Bischof  Otto  der  Heilige  von  Bamberg  die  lange
vernachlässigte  Christianisierung  der  slavischen.  Völker  *
unternahm  (1127),  und  die  Albrecht  nach  allen  Siegel  aus  ben  m.  Jahrhundert,
Kräften  unterstützte,  schien  der  Ausdehnung  seiner  W“  32
weltlichen  Herrschaft  förderlich  sein  zu  müssen.  n  n  end  eh  n  Verlin
        <pb n="26" />
        8  Markgraf  Albrecht  der  Bär.

Zu  der  nebenstehenden  Münze  Pribislaws:
fß  Der  Fa##st  bewossaet  mil  Schlid  und  Uohne,
einen  spiden  Helm  ausf  dem  Haupte,  zu  Pierde,  in  Näcken  ein
Stern.  Umschrift  röckwärts:  (GINEiGLS.

RNeer#  #n  Gestucher  mit  der  Lorfur,  mlt  sequender
Nechten,  in  der  Linken  das  ——  —  über
eln  Stern.  Auch  hler  düriie  die  Umschei
ein  —  Ny..  Die  Darslellung  wo  vc4½n  54
—  riewc  Branden  ar  rg,  wohl  auf  elnen  Bischof  von  Prandenburg.

 

In  Größe  **n  ur  12  in  &amp;amp;.  —

Aber  wie  ihn  die  Hoffnung  auf  das  sächsische  Herzogtum  täuschte,  so  täuschte
ihn  auch  zunächst  die  auf  die  Nordmark.  Lothar,  der  diese  einem
Grafen  Udo  übertrug,  stellte  Albrecht  sogar,  wohl  infolge  der  deshalb  zwischen
beiden  Grafen  ausgebrochenen  Streitigkeiten,  vor  ein  Fürstengericht,  das  ihm
sogar  die  Lausitz  und  einen  Teil  der  Ostmark  absprach.  Doch  scheint  der  König
ihm  schon  damals  Aussicht  auf  Entschädigung  eröffnet  zu  haben,  jedenfalls  begleitete
  Albrecht  den  König  auf  dem  Römerzuge,  und  dieser  belehnte  ihn  nach
uss  Udos  Tode  1134  zu  Halberstadt  mit  der  Nordmark.  Damals  gerade  waren
die  Slaven  wieder  über  die  Elbe  vorgedrungen,  so  daß  Albrecht  alsbald  mit
ihnen  in  Kampf  geriet.  Ein  kurzer  aber  glänzender  Zug  führte  (1136)  jedoch
den  Markgrafen  bis  an  die  Mündung  der  Elbe,  erwarb  ihm  die  Priegnitz.
Freundschaftliche  Beziehungen,  die  Albrecht  schon  vorher  mit  einem  christlichen
Slavenhäuptling  Pribislaw  von  Brandenburg  angeknüpft  hatte,  bewährten  sich
außerdem  so  sehr,  daß  Albrecht  von  diesem  Häuptling  die  Zauche  als  Patengeschenk
  für  seinen  Sohn,  für  sich  selbst  aber  die  Anwartschaft  auf  das  ganze
Erbe  des  Häuptlings  erhielt.
Diese  günstigen  Erfolge  wurden  indessen  nach  Lothars  Tode  längere  Zeit
wieder  vollkommen  in  Frage  gestellt.  Doch  erhielt  Albrecht  im  Frieden  von
1112  Frankfurt  (1142)  wenigstens  die  Nordmark  und  zwar  als  erblichen  Besitz  zurück,
und  es  verstand  sich  von  selbst,  daß  er  für  das  verlorne  sächsische  Herzogtum  von
jeht  an  im  Osten  Ersatz  suchte.  Und  in  diesem  Streben  schien  ihn  nun  die  allgemeine
  Weltlage  wieder  zu  begünstigen.  Denn  nun  geschah  es,  daß  Abt  Bernhard
  von  Clairvaux  und  der  Papst  nicht  nur  gegen  die  Sarrazenen,  sondern  auch
gegen  die  Wenden  das  Kreuz  predigten,  und  die  allgemeine  Begeisterung,  von  der
die  ganze  christliche  Welt  dadurch  aufs  tiefste  ergriffen  ward,  sich  auch  auf  die
heidnischen  Slaven  richtete.  Aber  so  großartig  der  Kreuzzug  gegen  die  Wenden
#  (1147)  auch  angelegt  war,  so  scheiterte  er  doch  völlig.  Da  war  es  denn  von
wesenklicher  Bedeutung,  daß  Albrecht  beim  Tode  des  Häuptlings  Pribislaw  (1150),
dessen  Erbschaft,  zu  der  namentlich  Brandenburg  gehörte,  wie  es  scheint,  völlig
friedlich  antreten  konnte.  Ein  polnischer  Großer,  Verwandter  Pribislaws,  Jacza
mit  Namen,  soll  zwar  noch  einmal  Brandenburg  überrumpelt  haben,  von  Albrecht
jedoch  wieder  zurückgeschlagen  worden  sein.  Jedenfalls  war  mit  der  Erwerbung
dieser  Spree=  und  Havelländer  zur  Nord=  und  Altmark  der  Grund  zur  Mark
Brandenburg  gelegt,  und  Albrecht,  der  schon  vorher  die  Teilnahme  an  der  Königswahl,
  vielleicht  auch  die  Erzkämmererwürde  des  deutschen  Reiches  gewonnen  hatte,
führte  seit  dieser  Zeit,  wenn  auch  noch  nicht  regelmäßig,  den  Namen  eines  Markgrafen
  von  Brandenburg.
        <pb n="27" />
        Erläuterungsblatt
zu  der
Urkunde  des  Martkgrafen  Albrecht
d.  d.  Aschersleve  11535.

durch  welche  derselbe  im  öffentlichen  Landgerichte  die  von  Seite  eines  gewissen

  Mivta  erfolgte  Schenkung  von  drei  im  Dorfe  hohendorf  gelegenen

Zufen  Landes  mit  ihrem  Subehör  an  das  Stift  St.  Simonis  und  Zudäk
zu  Goslar  bestätigt.

In  halber  Größe  des  Originals  im  Stadtarchiv  zu  Goslar.
        <pb n="28" />
        Ubertragung  der  nebenstehenden  Urkunde  Markgraf  Albrecht  des  Bären.

In  omno  r*m  r%%  Indlviduc.  grinsante,  *—  αα  oportot  geripto  r  commondere  facia.

l  mithin-International  matbmahklsus  allda-.
sonnt-  s  acl  lecturls.  b  quldam  chrisu  delis  ehren  .  ad  altaro  in  honoro

domini!]  nostr..  6*8  ehristi.  o  —  gonlstricis,  porpotug  uf  ·.%  rum  ApcetelerurI  Symo
ot  dudo.  ot  hyę,  et  Sanetorum  martirum  Rusiick  et  ee  Aggnon  2  -  eo  im  Valeril
et  .  in  gosiaria  construchum.  tros  sos  cum  sept#e  *  In  proprium  dolot
  ot  vontraàidit.  altos  in  uilla  händorp  nomin  Atà.1  arlo  **  ot  colaudante  horade  elus.
et  ecelesig  aducchto  uldollcet  Helnrico  Ureio.  Imporatoro  secundo.  ceterisque.  quorum  collaudetio  uol
teslimonlum  ad  hoc  ernt  necessarium.  Tradidit  autem  eo  pacto.,  ut  çLeclesla  predlea  predlum  possidçat.
vzed  predletus  Ni#tA  in  benoeffelum  ab  —  Stin  1#  Su#ggvot  Sda  e  Fsue  Kromät.  rt  niu
Kliorumqve  priml  lll.  post  quos  ecelesie  po  In!  rsleeche  vornm  D  um  pre  ·
r-*p?  Seesstst  in  bencfleium  Bas  —*  n  invemmn  an  Prcio  Mmartiris!  Seorbent  ——  eenest
  aüchu  unum  çeclesie  porsch#at.  por  aquem  ei  possessionom  snam  rocognoscat.  Quod  alngult
zu  E  s  deliter  complouerunt.  Pos-  sedlt  itaquo  l  cgeclesia  Prochtetum,  Predlum  *  gun  Per  octotuleta
  possesslono.  Ot  fiam  omnibus  Ulis  defunctis,  ar  —.

seie  erant.  W1s  I  Reisebeschle  ogo  Marchio  #nles  gaellie  kre  —  regem
*  F  a.  eomesquo  eomlele  in  qᷣus  Bredlota  Possesalo  sita  est.  üÜ#lam  eccles  iet  oslariensi  1  recognosco,  et
rogio  in  Kr-  elto  prouinciell  conbrmo.  et  Grerteln  eli  mel  attostacione  ei  l  mel  impressione  corrop#
  ut  *  desia  possesslonem  suam  utpoto  —“  s  slhl  one-nimm  ll  låoouasaolllonua
suoeessotsuomotll  Maul-atm-  k  Kot  sumsr.AItI  duls  eam
8  9  1—  15  een  ob  testimonlum  hoc  5  r—  h  ——  uel  innftus  suceumbat.
m  guf  hulc  confirmatlonl  affuerunt,  nec  Ruodollus  do  uin.  Burcherans

50  -  *  KSn  do  hacaburnen.  Liuderu  has  2*  Volcmarus  de  minor
e  6t  elus  #’lll.  Conradus.  Gero.  Otto.  Ruothardus  0  in  ane  4  kiaent  ot  i
#Wuchelzm  s  Madam-s  enotlingen.  Wideiktinus  de  enetünge  I  e  tummstlor.
a  hokp  taullpstoseoaslmtlosmtlkttsdc  Manto-o  4  *  #  Pl  et  de  dal-4
  rrs  3  —  rein  ag  ot  dun  piwen  in  Cadem  ullla  do  aschersloue,

rnoldus  .  Burehardus  ö  ge  elus  fläus  Ru  oth.  eder  as
r  —  2  ot  Sele  tus.  0  Tüs  ½  Soßnsn  do  winnongen.  ncne  de  hardestorp.  «
Nsüh  II  l  clo  s  —  fritherleus  et  oius  frator  Liuderus  de  ellwandestorp.
1½6  rnhardus  8  zeo  *  N,  mdi  #us  —  eh  et  olus  —  logus  er  Aneiee.
et  alli  1  noblles.  Bruno  *  Ken  —  ol  4u  fl  de  sgelingen.  Iso  et  Adelbertuß  frat  em  de
enel  Srchr,  comes  de  unlkenstein.  —  “  s  Cono  do  Vipere,  Comes  Boterlcus
d#i  Gebelenz.  e  cins  frator  Elnerleus  de  merongen.  Conradus  de  dromthorp.  )  Gardol  —  4%  166  *  .
leucu.  Eckoh  *  ½  6  bdurmen  #)  et  flins  Kratris  oius  Holnrlcus.  Hothericus  de  gundorsleu
Rothardus.  Gun  je  wigeleuen,  et  nepos  chus  1  Radulfus,  Adelbertus  de  —  benn  5
*“*“  .E  ds  de  arnstoke  ct  Cobrndus  ot  Adolbero  lil  patruft  sul.  Willohomus  et  Otholricu
de  amoersleuc.  Gcrharle  de  thictvorde.  1  Data  in  aschersleue  Anno  dominlee  Uncarnalionls  millesimoc.  I

 

Ubersetzung.

Im  Nameß  der  heiligen  und  unteilbaren  Dreifaltigkeit.  2  zenuigen  Thaten  mutz  man  vornehmlich  durch  die  Schri
Kusrsiegete6  E  k  u  r  cheonmen  rtal  n  v  ner  1½—  a  .  hn  ¾  allen  c  zu  wislen.
Dieses  Prio  u  werden,  daß  ein  Eht  Vg  ven  un
Christus  ise  8  *  In  ·  c  milqu  Jungfrau  Mem  and  Sei  t  at  P  non  p  Indas  und  Matthias,  und
der  heil.  Märiyrer  Rusticus  und  Benamtius  und  g  Sihsaug  Valerins  und  E#ruh  in  Goslor
erbam  ist,  drei  mit  bo#ten0  9##  und  r  166  8—  nimm  ver-nacht  und  übersehen  Im  ge  elegen  sind
im  Der.  ,  ½  heuorf  genannt  ute  astimmung  und  m  u  tes  der  e  s  Its
Häsi  .  wei  en  d  and  hr.  I
neun

,  q  Itfc  klcll  cN  III  n  der
Kirche  —  hm.  Kar  ausid  7.  EWn  und  0c  M  "a  9  .  ut  5  r—  Fnnnn  hen  ing
Sdhiie,  nach  de  —  onsiher  t  Ver  *  20  8  T  Heie,  Juzwischen  aber  solle,  auch  im

—

66  *o  n  e  *  e

ad  verstummte  Gt  rche  als  Lehen  din  .—  des  s  I  Sie  hanus  N  7
Zins,  d.  h.  einen  *  der  e  bezahlen  als  gubr  Beslyes,  und  das  hoben  die  Ginzelnen  zu  ihrer
sten  “rdr*-  Es  bejaß  also!  2  *  7  60  d  esgence  ue  r  s  als  —  Jare  bis  .  eler  2#  in  .  emn
Besitz,  und  nachdem  nun  G  k„  welche  auf  das  Lehen  Anspruch  ##  I  Lade
Veriåfmm  Ihnle  II  dem  Rats  der  7  der  —.  ’  “t

die  vorgenannte  Bi  *  rien  d  Kirche  von  Goslar  Grrleme  Und  P1  e  Asgt

Vann  in  dr  beirästige  PSn  d  Zenos  Urkunde  und  du
daß  die  Kirche  die  Besith  K  ihr  vonlig  Aurth  1  eu  I  frei  Ist-We  III  daß  kein  7  i  ##%  oder
von  mir  und  kein  Wa  mirte  wage,  sie  in  dem  vorbenannte  Sehten  ..  oder  Wwee

F

b.  1“s  bieser  Bestätigung  zu  *  waren,  s#ud  I  Rudolf
linqeu,·B-tkchisv,0mäoon  SEND-,  Zetkdacch  von  I  a  an  A  “—  von  Klhele  ·
»[stSshue,coan-d,0cko,9uhqkdvøItSIIeil  use-I  Er  —2  vor  Suenin  jeit  und  sein  Bruder  ee  sr
Lindrich  von  Suttlingen,  Widelln  von  t  gen  und  andre  von  Snetlingen  ihres  ##  n,  Bruno  von  Seide-o  und
andre  seines  gieichen,  Friedrich  von  #lthaute  und  ue  Freic  von  Widestor  #  urn  Dalihorp,  #uherne  p—
Reinsteden,  und  andre  Freic,  die  in  demselben  Dorsf  wohnen,  Se  von  V  eve,  Axuold  von  Redere.

Uhorp  und  sein  Sohn  Ruotholf,  Friedrich  von  Gaterdleve  cc,  ein  Miutbst  el,  Elverich  und  rm—t  Wedd,  dd
Schöffen  von  Winnengen,  Friedrich  von  Hardeslorp,  Husward  von  ars  burnen,  rich  %7r  I  staat-It  onner
gilt  kudkksladeevanllwthomBrutmasse-Iklimmt-m  nnd  It  Ida-da  Hauch

ruder,  Sigelog  und  Adelach  zund  „au  1.  Edle,  Bruno  von  Gittenstein,  d  Vernhards  e  *.  2  Jso  und
Adelbert,  sein  Bruder  von  4.  Burchard,  Gl  von  Valkens  enstein.  **n*0  von  Burnensiede,  Cono  von  -t
Bererich  von  Grbelenza  und  sein  ene  —  1  Von  Mereug.  Conrad  von  Droméhorp,.  Gardolfe  m—  dn
Eckehard  von  Burmen  un  8  Sobn  seines  ders  Heinrich,  Rotherich  von  Gunderslever  sshe  Beuder  Rothard,
Günther  von  Wigeleven  und  Hen  Lant  wob  Adelbert  von  Orsleven,  e4uenn  von  unhn  Walther  von  Arn  ·
vede  und  Lu#a  und  Abekbero,  die  Söhne  srines  Onkels,  Willehelm  um  d  thelkich  von  Amersleve,  Gerhard  von  Thlet.
slorde.  Gegeben  zu  —  im  rInhnent  der  Fleischwerdung  des  Herru  1
        <pb n="29" />
        Markgraf  Albrecht  bestätigt  öu  Aschersleve  i.  J.  1155  dem  Stift  St.  Simonis

und  Indc  zu  Goslar  die  durch  einen  gewissen  Livta  erfolgte  Schenkung  von  drei  Hufen  Landes  mit  ihrem  Subebö

In  haiber  G  Originals  im  Stabtarchiv  zu  Goslar.
        <pb n="30" />
        <pb n="31" />
        Markgraf  Albrecht  der  Bär.  9

Zu  den  nebenstehenden  Münzen  Jaczos:

1)  Das  därige  Brustblid  lm  Profll,  mli  der  Rechten  das
Schwert  geschultert  haltend,  hinter  ihm  zwel  Sterne,  mit  der
Li##ken  vor  sich  einen  Palmenzwesg  hallend,  vor  dem  Barie  eln
Stern.  Die  Umschrist  lausct  J4ácz4pD##ci

2)  Der  zwischen  zwel  Türmen  auf  einem  Sessel  thronende
bärilge  Forsi,  nach  rechis  gewendet;  mit  der  Rechten  das
Schwert,  mit  der  Linken  elnen  38  enn  neben  der  Schwertspide
  #1#—  K,  hluter  ihm  ebensoll

 

Dleser  Jacho  ist  mit  dem  im  Text  genannten  polnischen  Crasen  Einseitig  elnie  ie  Wiellrelah  Jaczas
nlcht  zu  idenilfizleren.  Köpenick.

 

Noch  aber  war  nur  das  nackte  Land  erobert,  und  für  dasselbe  mußte  ein
Volk  sozusagen  erst  geschaffen  werden,  und  dies  Volk  mußte  in  seinen  wirtschaftlichen
  und  staatlichen  Verhältnissen  so  gestellt  werden,  daß  es  befähigt  war,  das
slavische  Volk,  soweit  es  sich  nicht  zurückgezogen  hatte,  zu  überwinden.  Es  mußte
sich  wohl  fühlen  im  Lande  und  dem  Boden  diejenigen  Erträge  abgewinnen  können,
die  er  hervorzubringen  im  stande  war.  So  straff  das  militärische  Regiment
Ottos  gewesen,  so  voller  Feuer  und  Eifer  die  Thätigkeit  der  Bischöfe  und  Mönche#
in  der  ottonischen  Zeit:  das  hatte  der  Zerfall  gelehrt,  daß  sie  nicht  ausreichten,
ein  christlich-deutsches  Fürstentum  zu  errichten.  Das  hatte  man  erkannt,  daß  ein
olches  nur  mit  einer  deutschen  Bevölkerung  gebildet  werden  könne.  Schon  an
anderen  Orten  hatte  man  daher,  wo  man  nicht  nach  Art  Herzog  Heinrichs  des
Löwen  die  Wenden  mit  dem  Schwerte  vernichten  wollte,  den  Plan  gefaßt,  deutsche
Männer  in  das  Land  zu  rufen,  hier  und  da  solchen  Plaun  auch  zur  Ausführung
gebracht.  Diesen  Plan  nun  machte  Albrecht  zu  dem  seinigen,  und  indem  er  ihm

 

 

Bauern,  ein  Dorf  anlegend.
Aus  der  ——  e  Handschrift  des  Sachsenspiegels  in  der  ——  zu  Heidelberg.
bauerne#r  zäon  Wald  aus,  ein  drister  schlögt  ein  Hous  aus,  und  der  gs  umelster  5e  l  Grunde-die

Its-Induktion  (ecgo  Ee  4%r  elnEn  mit  sewen  v#  cann,  ,  #  Der  chsta  8  8  erieehn  sich  d
Ansang  des  zu  der  Minlotur  gehörenden  Texgtes:  „Swa  gebures  elc.  (Wenn  Bauern  2c.)  %%  Suigel  verdl.  den  Text  auf  S.  1
        <pb n="32" />
        10  Germanisierung  des  Landes.

die  breiteste  Grundlage,  die  weiteste  Ausdehnung  gab,  erwarb  er  sich,  unterstützt
  hauptsächlich  durch  den  thatkräftigen  und  hochbedeutenden  Erzbischof  Wichmann
von  Magdeburg  den  Ruhm,  für  die  Wiedergewinnung  dieser  Lande  für  Deutschland
  das  meiste  gethan,  den  deutschen  Küsten  ein  sicheres  Hinterland  und  somit
diese  selbst  für  Deutschland  gerettet  zu  haben.  Wie  einst  die  deutschen  Völker
aus  diesen  Gegenden  ausgezogen  waren,  so  begann  jeht  eine  umgekehrte  Völkerwanderung
  aus  Sachsen,  Schwaben,  namenniche  aber  aus  Holland  nach  Brandenburg
  und,  während  die  Slaven  auswanderten  oder  sich  in  die  Wälder  zurückzogen,
setzten  sich  Sachsen,  Seeländer  und  Vläminger  an  der  Elbe  und  Havel,  dann  auch
an  der  Oder  fest.  «
Gefördert  durch  eine  günstige  Dorfverfassung,  die  volle  grabhei  tewehrtund

  nur  geringfügige  Abgaben  verlangte,  machte  der  deutsche  Bauer  das  Land
urbar.  Die  Altmark,  die  bisher  „voll  langen  Rohres"“  stand,  die  Priegnitz,  die
ein  einziger  undurchdringlicher  Urwald  war,  die  wilden  Bruchgegenden  an  der
Havel  und  Spree,  die  wüsten,  sandigen,  von  Wäldern  und  Sümpfen  durchzogenen
Gegenden,  einst  die  unzugänglichen  Schlupfwinkel  der  Wenden  vor  dem  deutschen
wert:  sie  wurden  durch  diese  Einwanderungen  einer  völligen  Umwandlung
unterzogen,  und  deutscher  Fleiß  entlockte  dem  fast  jungfräulichen  Boden  so  viel
Früchte,  daß  die  Ansiedler  zu  ungeahnt  schnellem  Reichtum  gelangten.  —  Ermuntert
  durch  zahlreiche  Privilegien  wie  durch  den  Schutz  sieggewohnter  Waffen
erblühten  an  der  Elbe  und  Havel,  später  an  der  Spree  und  Oder,  Städte  auf
Städte,  und  deutsches  Gewerbe  und  deutsche  Kaufmannschaft  trugen  deutsches  Leben,
deutschen  Handel  und  Wandel  in  bunter  Mannigfaltigkeit,  brachten  Wohlstand  und
Gesittung  in  die  bisher  fast  städtelosen  Gegenden.  —  Gestärkt  durch  die  Notwendigkeit
  des  weiteren  Kampfes  gegen  die  benachbarten  Slaven,  angespornt  durch
die  Aussicht  auf  reichen  Gewinn  an  Belehnungen  mit  Land  und  Leuten,  Zehnten
und  anderen  Nutzungen,  brachte  eine  zahlreiche  Ritterschaft  deutsche  Gefolgschaftstreue,
  die  ganze  Begeisterung  für  die  Ideale  der  damaligen  Zeit  des  Gehorsams
und  Dienens  in  christlicher  Frömmigkeit  und  Demut,  brachte  den  Sinn  für  rittermäßige
  und  höfische  Sitte,  brachte  das  Verständnis  für  die  Verwaltungsgeschäfte
des  Landes,  brachte  endlich  mit  ihrem  guten  Schwert  dem  Kaufmann  und  Bauern
die  Sicherheit  des  Daseins,  die  Möglichkeit,  ihrem  Berufe  gerecht  zu  werden.  —
Gehoben  und  bereichert  durch  außerardentlich  große  Schenkungen  und  die  volle,
namentlich  auch  beim  Neubau  der  Kirchen  zu  Brandenburg  und  zu  Havelberg  bewiesene,
  untz  des  Landesherrn,  unterstützt  auch  durch  Kaiser  und  Papst,  sowie
urch  den  ganzen  Sinn  der  damaligen  Welt,  brachte
anih  die  Geistlichkeit,  brachten  die  Bischöfe  und  Mörche,
sowie  die  Ritter  des  Templer=  und  Johanniter-Ordens
das  Christentum  und  mit  ihm  die  ganze  Summe  dessen,
was  es  an  irdischen  und  geistigen  Gütern  umfaßt
und  in  sich  schließt.  Insbesondere  haben  die  Klöster
des  Cisterzienser-Ordens,  der  mehr  als  der  der  Benediktiner
  und  Prämonstratenser  in  der  Mark  sich  ansiedelte,
-  -  für  die  Pflege  des  Landbaues  3  Beralteat

  Albrechis  des  Bären,  hn  deutung  gewonnen,  und  namentlich  die  Klöster  Lehnin
—  und  Chorin  sind  Mittelpunkte  für  die  Verbreitung  der

e  ene  P.  Kultur  in  der  Mark  geworden.
        <pb n="33" />
        Die  markgräfliche  Gewalt.  11

 

—  auf  bem  Hoarliniger  Verge  zu  Vrandenburg.

 

 

W*“t  um  1140  unter  Pribisla  Hälfte  des  13.  Jahrk.
gotische  Anbau  Unks  aus  Tuht  9  Nach  einem  Gemälde  in  der  Godehardkirche  daselbst  von  1586.
9mP0dn  l7  der  Morlenkiiche,  des  wertoollsen  Denkmals  W0  Backlelndaukunst  in  der  Mark,  wurden  troh  der
Gegenvorllellungen  des  Rates  zu  Brandendurg  auf  Belehl  Könlgs  Friedrich  Withelm  I.  1122—3)  abgedrochen.
hre  Stelue  8  zum  Bau  des  großen  sttrprnge  gamies  in  Polsdam  verwendet.

So  erfüllte  sich  das  für  Deutschland  wieder  gewonnene  Land  auch  mit  deutschem
  Volk,  mit  einem  Volk,  dessen  einzelne  Schichten  wirksam  einander  unterstützten
  in  dem  bewußten  Streben,  christliche  Lehre  und  deutsches  Wesen  im  Lande
zu  verbreiten,  einem  Volke,  mit  dem  und  für  welches  ein  christlichdentscher  Staat
aufzubauen  möglich  war.  An  der  Spitze  des  neu  sich  gründenden  Staatswesens
hand  der  Markgraf  mit  ausgedehnter  Gewalt.  Selbst  dem  Kaiser  gegenüber  war

da  ja  sein  Land  nicht  von  diesem  erhalten,  sondern  es  ihm  erst
hünt  erobern  müssen,  freier  als  andere  deutsche  Fürsten.  Gleichwohl  sah  er  seine
Macht  noch  durchaus  als  ein  kaiserliches  Amt  an  und  war  in  der  That  auch  durch
sein  eigenes  Interesse  zum  engeren  Anschluß  an  das  Kaisertum  genötigt.  Der
Markgraf  war  vor  allen  Dingen  oberster  Kriegsherr.  Auf  den  Kriegsfall  mußte
ja  die  ganze  Verfassung  zugeschnitten  sein  und  auf  den  ritterlichen  Adel  mußte
sie  sich  daher  wesentlich  stützen.  Dieser  bildete,  wenn  auch  für  die  Verteidigung
des  Landes  eine  allgemeine  Wehrpflicht  galt,  das  Heer  des  Markgrafen,  aus
seinen  Reihen  berief  der  Markgraf  aber  auch  auf  bestimmte  Zeit  seine  Ratgeber,
seine  höchsten  Verwaltungsbeamten,  den  Kämmerer,  Truchseßen,  Marschall  und
Schenken.  Von  einer  Teilnahme  der  Stände  finden  wir  unter  Albrecht  nur
geringe  Spuren,  aber  sobald  die  landesherrlichen  Einnahmen  für  die  Bedürfrisse
        <pb n="34" />
        12  Die  markgräfliche  Gewalt.

 

Cilleraenieren  —  von  der
270-72  in  frsihgotischem  Stil.
Nach  elnem  Llchtbilde.

des  Krieges  und  der  Verwaltung  sich  als  unzulänglich  erwiesen,  und  die  Erhebung
von  außerordentlichen  Steuern,  der  sog.  „Bede-  .  rn.  mußte  sich  auch
eine,  wie  immer  geartete,  ständische  Vertretung  bilden.  er  Markgraf  war  weiter
auch  oberster  Gerichtsherr,  er  „dingte  bei  sein  selbst  *  *  hatte  er
auch  der  Kirche  gegenüber  eine  große  Machtvollkommenheit,  denn  Bistümer  und
Klöster  bedursten  andauernd  seines  Schutzes,  von  ihren  Zehnten  gebührte  ein  Teil
dem  Landesherrn,  ihre  Sprengel  lagen  in  seinem  Territorium  und  wurden  fast
als  dem  Landesherrn  selbst  zugehörig  betrachtet.  Auch  waren  die  brandenburgischen
Lande  nicht  durch  reichsfreie  Städte  oder  durch  Gebiete  reichsfreier  Herren  oder  Stifter
durchrissen,  vielmehr  erscheint  der  Markgraf  allein  auch  als  oberster  Grundherr.
Bald  allerdings  begannen  die  mit  großem  Landbesih  für  ihre  Teilnahme  an  den
Kämpfen  ausgestatteten  Edlen,  wie  die  Gänse  von  Puttlitz,  die  Ploto,  Lindow  gewisse
  Rechte  des  Landesherrn  auszuüben.  Das  Land  selbst  wurde,  abgesehen  von
den  geistlichen  Gebieten  in  etwa  30  Vogteien  geteilt,  deren  Vorsteher,  der  Vogt,
vom  Markgrafen  auf  bestimmte  Zeit  ernannt  wurde.  Der  Vogt  hatte  die  militärischen,
  gerichtlichen  und  Verwaltungs-Befugnisse  des  Landesherrn  auszuüben,  er
mußte  für  die  Sicherheit  der  Burgen,  für  die  landesherrlichen  Güter  sorgen,  die
Abgaben  und  Gefälle  aller  Art  einziehen

Alles  in  dieser  Markgrafschaft  Albrechts  war  Leben,  war  Bewegung  und
vorschreitende  Entwicklung,  und  ein  günstiges  Geschick  wollte,  daß  Albrecht  nicht
nur  sein  Land,  sondern  auch  seine  Tüchtigkeit  und  Kraft  seiner  Nachkommenschaft
        <pb n="35" />
        Albrechts  Nachfolger.  13

vererbte.  Fast  immer  treu  auf  der  Seite  des  Kaisers  stehend,  durfte  sich  diese
mancher  Förderung  durch  die  Kaiser  erfreuen.  Nach  dem  Sturze  Heinrichs  des
Löwen  erhielt  Otto  I.  herzogliche  Rechte  auch  über  die  Altmark  und  erwarb  die
Erzkämmererwürde,  die  Albrecht,  wenn  überhaupt,  so  nur  für  seine  Person  innegehabt
  zu  haben  scheint,  als  ein  der  Markgrafschaft  selbst  zustehendes  Recht.  Auch
hat  Otto,  der  mehrfach  gegen  die  Pommern  vorgedrungen  war,  die  Lehenshoheit
über  dieses  Land  erworben,  und  längere  Zeit  hindurch  behauptet.  Ein  dauerndes
Verdienst  um  Deutschland  erwarb  sich  Albrecht  II.  durch  die  große  Energie,  mit
welcher  er  die  Dänen,  die  sich  an  den  deutschen  Küsten  festsetzen  wollten,  bekämpfte
und  ihnen  die  Herrschaft  über  die  Südküste  der  Ostsee  entriß.  Andererseits  aber
mußten  Albrecht  II.  und  sein  Bruder  Okto  II.,  durch  kirchlichen  Bann,  wie  es
scheint,  stark  gefährdet,  vielleicht  auch  in  der  durch  den  zeitweisen  Mangel  an  Söhnen
hervorgerufenen  Hoffnung,  ihren  weiblichen  Nachkommen  die  Erbfolge  zu  sichern
oder  durch  die  Absicht  des  Erzbischofs,  ihren  sächsischen  Vettern  das  Erbe  zu  enlziehen,
  gezwungen,  ihren  Allodialbesitz  dem  Erzbistum  Magdeburg  zu  Lehen  auftragen,
  wodurch  für  die  Folge  schwere  Bedrängnisse  heraufbeschworen  wurden.
Indessen  die  Gefahr  des  Aussterbens  ging  glücklich  vorüber.  Albrechts  Söhne
Johann  I.  und  Otto  III.  wurden  in  den  Streit  der  Hohenstaufen  und  Welfen
tief  hineingezogen  und  erwarben  sich  um  dessen  Beilegung,  nachdem  ihnen  der
Kaiser  nach  mannigfachen  Weiterungen  1231  die  Belehnung  mit  Brandenburg,
zugleich  aber  auch  mit  Pommern  erteilt  hatte,  erhebliche  Verdienste.  Auch  war
ihr  Ansehen  im  Reich  ein  so  großes  daß  Markgraf  Otto  bei  der  Kaiserwahl  von
1257  gewählt  werden  sollte.  Für  die  Mark  und  beibr  Germanisierung  aber  war
ihre  Regierung  von  einschneidender  Bedentung.  Der  langjährige  Zehntstreit  mit
dem  Bischof  von  Brandenburg  wurde  beigelegt,  heiße  Kämpfe  mit  den  hestigsten
Gegnern  der  Mark,  dem  Erzbischof  von  Magdeburg,  dem  Bischof  von  Halberstadt
und  dem  Markgrafen  von  Meißen  endeten  schließlich  mit  dem  Siege  der  beiden
Brüder.  Wichtiger  aber  waren  ihre  meist  auf  dem  Wege  des  Vertrages  gemachten
Erwerbungen,  der  Barnim  und  Teltow,  ein  großer  Teil  der  Uckmark,  die  Oberlaufit
  im  Süden,  die  Länder  Lebus,  Steruberg,  die  Gebiete  an  der  Warthe  und
Netze.  Damit  war  zugleich  der  Grund  der  späteren  Neumark  gelegt,  und  seit  der
Gründung  der  Stadt  Frankfurt  der  Handel  auf  der  Oder  in
märkische  Hände  übergegangen.  Ueberhaupt  ließen  sich  beide
Markgrafen  wie  die  Pflege  der  Kultur  so  gerade  auch  die  des
Handels,  sowohl  des  Absatzes  der  Erzeugnisse  des  Landes,
wie  die  Durchführung  fremder  Erzeugnisse  besonders  angelegen
sein.  Ein  sehr  günstiges  Privileg  König  Wilhelms
(1252)  eröffuete  dem  brandenburgischen  Handel  den  leichtesten
Eingang  in  die  Niederlande,  und  mit  der  erfolgreichen  Be=  ratteat  Markgras
lämpfung  der  Pommern  (1250)  wie  mit  der  Belehnung  über  Onos  11.
die  wichtigste  Handels=  und  Seestadt  Lübeck  durch  König  1
Wilhelm  erlangte  Vrandenburg,  obwohl  die  Stadt  die  Be-  in  Cnalsalbröb
lehnung  nicht  anerkannte,  eine  hervorragende  Machtstellung  Der  gepanzerie  und  bebelm#e
an  der  See,  die  zugleich  für  den  Verkehr  und  den  Wohlbäohhwozenered
stand  des  Landes  tiefgreisende  Folgen  hatte.  Mit  dem  atn  nenn
leichteren  Absatz  stieg  der  Wert  des  Acker=  und  Wald--  à#1⅜

baues,  mit  ihm  und  dem  ausgedehnten  Durchgangshandel  dneln

 

1231
        <pb n="36" />
        14  Albrechts  Nachfolger.

hob  sich  aber  namentlich  die  Macht  der  Städte  zu  immer  größerer  Bedeutung
  «

Eine  große  Anzahl  von  Städten  wurde,  man  kann  sagen,  neu  gegründet,  sie
erhielten  weitgehende  Privilegien,  die  ihnen  namentlich  die  eigene  kommunale  Verwaltung
  und  deutsches  vornehmlich  brandenburgisches  Stadtrecht  gewährten.  Die
Gesamtheit  aller  städtischen  Rechte  stellte  man  sinnbildlich  in  den  Rolanden,
*  ß2  unschönen  Rittergestalten  dar,  die  man  noch  jetzt  in  vielen  Städten

B.  Brandenburg  findet.  Berlin  erhielt  diese  städtischen  Rechte  wahr-6t
  bald  nach  dem  Regierungsantritte  der  beiden  Brüder  und  zwar  nach
dem  Vorbilde  von  Brandenburg,  das  seinerseits  auf  die  Gerechtigkeit  von  Magdeburg
  gegründet  und  die  bedeutendste  Stadt  der  Mark  damals  war.  Schon  in  der
zweiten  Hälste  des  Jahrhunderts  war  Berlin  aber  so  wichtig  geworden,  daß  es
von  Frankfurt  um  eine  Mitteilung  über  das  in
seinen  Mauern  herrschende  Recht  gebeten  wurde
und  dieser  Bitte  entsprechen  konnte.  Uberhaupt
ist  diese  Zeit  zu  einer  schriftlichen  Aufzeichnung
des  Rechtes  geneigt,  und  dies  ist  um  so  wichtiger,
als  diese  Aufzeichnungen  noch  rein  deutsches,  von
römischen  Grundsätzen  unberührtes  Recht  geben.
Die  wichtigste  derselben  war  aber  die  des
Sachsenspiegels.  Es  ist  dies  zwar  nur
eine  Privatarbeit  eines  Ritters  Eike  von  Repkow,
  aber  indem  sie  das  thatsächlich  in  Ubung
befindliche  sächsische  Landrecht  wiedergab,  erlangte
  sie  allmählich  auch  volles  gesetzliches  Ansehen,
  wie  in  ganz  Nord=  und  Mittel-Deutschland,
  so  auch  in  der  Mark.  Begreiflich,  daß
die  Slaven,  wenn  auch  nicht  vollständig  vertrieben,
  doch  weiter  und  weiter  durch  solche
Maßnahmen  zurückgedrängt  wurden.

Mit  dem  Tode  der  beiden  markgräflichen
Brüder  teilte  sich  das  Geschlecht  in  zwei  Linien,
die  zu  Stendal  und  die  zu  Salzwedel,  ohne  daß
doch  daraus  ein  wesentlicher  Schaden  für  das
Land  erwachsen  zu  sein  scheint.  Vielmehr  erfolgte
  noch  eine  Vergrößerung  desselben,  indem
die  Mark  Landsberg,  die  Niederlausitz,  in  der
Folge  noch  weitere  Gebiete  mit  Großenhain,
Torgau  und  Dresden  durch  Kauf  und  Pfand
erworben  wurden.  Einen  besonderen  Ruhm  erwarb
  sich  der  Markgraf  Otto  I.  dadurch,
daß  er  an  seinem  Hofe  der  Dichtkunst  eine  gastfreie
  Stätte  bereitete  und  selbst  als  Dichter  von
8  und  duftigen  auftrat.
Um  ihn  hat  denn  auch  die  Sage  ihre  Netze

Der  irr  vor  dem  neustädtischen  Nai,  geschlungen,  und  namentlich  der  zähe  Widerstand,

E  verbunden  mit  frischem,  fast  übermütigem  Selbst-
        <pb n="37" />
        Ersle  Seite  der  Oldenburger  Handschrift  des  Sachsenspiegels.
Einzige  Handschrift  ss-  “  mit  niederdeutschem  brur  vollendet  1336  von  dem  Rasieder  Mönch
einrich  Gloyesten,  auf  Veranlassung  des  Grasen  Johann  von  Oldenbur
Acch  dem  Crioinal  in  E  Srlvatblbllothct  S.  k.  Hohelt  des  Sis  von  Oldenburg  in  halber  Vrote  reproduglert.

bertragung:
is  der  Sh  d  Des  helligen  issein  Minnc,  die  stärke  meine  Sie,  daß  lich  Necht  und  Unrecht  der
achsen  onn  Dic  Gottes  en  III  )  Welt  men.  Das  konn  ich  gsn  it  k  2  darum  blite  ich  zu
gf  alle  Fenn  Leu  dle  ,  wenn  irgend  e  8  M  dieiee  begeane.  *  auslosse  und  wovon
20  Vach  88  in  X  L  8  nn  bescheiden  nach  ihiem  Siune,  wie  ste  c#  ½4  8  dct  o  et  es
esse-Its-  wede  sed  noc#  Leld,  isn  Zorn  noch  Gadc.  Go  #t  selber  gerccht,  58  isi  Rechi  III-di  desdalb  sollen  sich
vorleder  Ees  henen  in  #  icht  von  Goltes  wegen  delohlen  sel,  daß  sle  so  richten,  daß  Gotke  Zorn  und  sein  Gerscht  Sss
te  ergeben  mdaec,  Goii,  ber  da  I#t  Ereten  und  Ende  auer  hulen  Dinge,  der  machte  zu  allererst.  u“  und  Erde  #und
schus  enschen  auf  Erden  und  sete  ihn  in  das  Paradles).
        <pb n="38" />
        16  Olto  IV.  —  Woldernar.

bewußtsein,  den  er  gegen  den  Erzbischof  von  Magdeburg  einsetzt,  in  dessen  Gefangenschaft
  Otto  in  der  Schlacht  von  Frohse  geriet,  hat  die  Sage  auf  wunderbare
  Weise  ausgestattet.  Nichts  anderes  als  ein  wohl  verwahrter  Schatz,  von
dem  sein  treuer,  alter  Diener  „sein  heimlicher  Rat“  Johann  von  Buch  seiner
Gemahlin  Hedwig  gemeldet,  und  den  dieser  gehoben,  habe  ihn  aus  der  Gefangenschaft
  erlöst.  Ohne  Zweisel  war  Okto  eine  Persönlichkeit,  die,  wie  er  es  im  Felde
und  auf  Turnieren  bekundete,  sich  durch  rittermäßiges  Heldentum  und  fröhliche
Sangeskunst  eine  Stätte  im  Herzen  seines  Volkes  bereitet  hat.  Den  Beinamen
mit  dem  Pfeil  hat  ihm  der  Volksmund  gegeben,  weil  ein  Pfeil,  der  sein  Haupt
in  einem  Kampf  getroffen,  längere  Zeit  nicht  hat  entsernt  werden  können.

Von  großer  Bedeutung  für
die  spätere  Entwickelung  der
Stände  und  insbesondere  der
Steuerfreiheit  des  Adels  wurden
  die  „Bedeverträge“,  zu
deren  Abschluß  die  Markgrafen
sich  damals  (1280—82)  verstehen
  mußten.

Noch  reckenhafter  und  gewaltiger
  als  Otto  erscheint
der  letzte  Fürst  aus  Albrechts
Stamm  in  Brandenburg,  der
Markgraf  Woldemar.  Durch
ein  überraschend  schuelles
Sterben  aller  seiner  Vettern
und  Skammesgenossen  —
ihrer  neunzehn  sollen  einst
sich  auf  dem  Markgrafenberge
bei  Rathenow  zusammengesunden
  und  beratschlagt  haben,
wie  das  Land  eine  so  große
Anzahl  Fürsten  ernähren
rönne  —  war  Woldemar
Alleinherrscher  der  gesamten

Narken  geworden,  und  die
Siegel  Markgraf  Cttos  IV.  mit  dem  Pfeile.  Schärfe  seines  Schwertes  hatte
Nach  dem  Criolmal  im  K.  Siaalsarchlo  zu  Magdeburg.  Crlalnalgröbe.  alsbald  die  unruhigen  Nachbarn
  gelehrt,  was  sie  von
ihm  zu  gewärtigen  hatten.  Als  daher  Fürst  Witzlaw  von  Rügen  und  der
önig  von  Dänemark  die  Stadt  Stralsund  bedrohten,  Markgraf  Woldemar
aber  der  Stadt  seine  Hilfe  zusagte,  da  schlossen  sämtliche  Fürsten  ringsum  einen
Bund  gegen  Woldemar.  Dem  Könige  von  Dänemark,  den  Fürsten  von  Rügen
und  Mecklenburg  schlossen  sich  die  Herzoge  von  Sachsen-Lauenburg,  Braunschweig,
Lüneburg,  die  Grafen  von  Holstein  und  Anhalt,  eine  große  Zahl  geistlicher  Fürsten,
ja  auch  Schweden  und  Polen  an,  aber  Woldemar  eröffnete  selbst  den  Krieg  und
führte  ihn  mit  solchem  Erfolg,  daß  er  im  Frieden  von  Templin  im  wesentlichen
  seine  Rechte  behauptete.
        <pb n="39" />
        Erläuterungsblatt
zu
Markgraf  Otto  IV.  und  ()  seine  Gemahlin  Dedwig.

Das  nachstehend  farbig  wiedergegebene  Zlatt  befindet  sich  auf  der  Vorderseite  von
Bl.  15  der  berühmten  großen  Reidelberger  Minnesänger-Zandschrift  (sogen.  Manesse  Coder),
die  auf  429  Hergamentblättern  etwa  7o000  Strophen  von  l#0  Dichtern  und  137  eine  ganze
Seite  einnehmende  Illustrationen  enthält.  Die  Kandschrift  ist  im  l#.  Jahrhundert  in  der
Schweiz  von  verschiedenen  Händen  geschrieben.  Geschichtlich  zuerst  nachweisbar  ist  sie  um
léooo,  wo  sie  im  Besitze  der  Freiherren  von  Hohen-Sax  auf  der  Zurg  Forsteck.  bei  St.  Gallen
auftaucht.  löos  für  die  kurfürstliche  Bibliothek  zu  Keidelberg  erworben,  kam  sie  im
dreißigjährigen  Uriege  merkwürdigerweise  nicht  mit  den  übrigen  entführten  Kandschriften
nach  Rom,  sondern  nach  Haris  in  privatbesitz  und  später  an  die  Tationalbibliothek  dort.
Von  dort  gelangte  sie  im  Jahre  i888  durch  Vermittlung  des  Buchhändlers  Trübuer
in  LKondon  in  die  Universitätsbibliothek  zu  Beidelberg  zurück.  Ihren  Tlamen  führt  sie
auf  Grund  eines  in  der  Zandschrift  enthaltenen  Liedes  des  Süricher  Dichters  Zadlaub,
worin  dieser  zwei  Mitglieder  der  Füricher  Ratsherrufamilie  Manesse  wegen  ihres  Eifers
zum  emmen  von  TLiedern  preisk.  Ihnen  schrieb  Zodmer  die  Herstellung  der  Handschrift
  3

Site  IV.  ist  abgebildet  als  jugendlicher  Fürst  mit  seiner  jungen  Frau  Hedwig  von
Holstein,  die  ihn  aus  der  Haft  des  Erzbischofs  von  Magdeburg  befreite.  An  sie  ist
vielleicht  auch  sein  auf  S.  19  abgedrucktes  Minnelied  gerichtet.  Das  Har  ergötzt  sich  am
Schachspiel;  im  Dordergrunde  Spiellente.  Der  rote  brandenburgische  Adler  im  silbernen
Felde  kehrt  mehrmals  wieder;  über  dem  Fürsten  der  Helm  mit  Adlerflug  als  Helmzier.
        <pb n="40" />
        <pb n="41" />
        Margrave  octe  vo  brandbg  nith  dem  pfile·  vr  ·

 

Uarkro  Otto  W  icinu  dem  FPfeile
and  (:  seine  Seinöhhn  liea  :on  Blolstein

Aus  der  Bres  ###  leicierer  Miniteganger  -  Iandschrist  Sogen  Lanesse-Codex)  B1  13124#
        <pb n="42" />
        <pb n="43" />
        Transskription
Von  brandenburg  der  markis
Wan  in  der  selben  schar  be-Eant.

E  luomn  cin  stchelin  gewant
Daz  muter  als  ein  spiegel
schein.
Den  lip  bei  er  unde  duc  bein
Nlit  lehten  ringen  wol  be-Van.


(Gaplic)

Ein  kursit  von  richer

Fuort  et  von  Hosn  dor
obe.

Nach  eines  werden  sueraten
lobe

Cerieret  was  et  vaste  genuoc.
Den  schilt  den  suort  er  unde
truoe

Verdecket  mit  hermine,
Dar  uz  nach  wunncklichem
schine

Ein  glantzer  adelor  sich  bot.
Der  was  von  lichten  keln  ror
Unde,  dabee  dar  velt  wis  214

—i  an  er  ul  den  cle
Unde  zuo  des  piancs  melme

So  4ere  unde  also  garwe.

Uoebertragung
Der  —n–m  von  Branden.

wer  in  derselben  Schar  erkannt.

Er  bo  -  Kählernes  Gewand.
cglänzt  in  wiegelklorem
uon
Zhm  war  der  Leib  und  beide
Beine  ie
A#ll  sichtei  ##tzen  wohl  verwahri.

Ein  appentoa  von  reicher

We.  Vl  pedtede  lag  darob.
n  thn  berrn  gereicht

waese  er  ges-tm  Wutgequ
Der  Schild  war,  den  er  führt

und  trug,
zut  lermnel  bezogen
mit  idoz

ein-vica  Uar  den  Aug  sich

   
  

Der  war  von  lichtem  Nehlpel#
Das  S  darunter  weiß  wie

—  on  er  in  den  l#ice
Und  auf  den  Hlan  von  su#nte

Mit  einem  Helme  kösllich  reich,

Und  *  dieen,  “  war
e  Pech  und
nni  a

arlgraf  Oue  IV.  im  Turnier  von  Nanteis  (Nantes  in  der  Bretagne)
Gedicht  des  %N  von  Warzburg  (:  126)  I  der  Würzburger  Liederhandscheit  (ol.  en  #  Unloersitätsbibetother  zu  Moncken.
2

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  F
        <pb n="44" />
        18

Transstription  und  ilbertragung  zu  den  Minneliedern  Ottos  mit  dem  Pfeile
aus  dem  sogenannten  Manesse-Codex,  auf  S.  19

Übertragung

.  Winter,  deine  trüben  Stunden,
beine  HKälte  manniefal  t,
Hãtt'  den  Zauber  ich  gefunden,
Daß  sie  würden  schöngestaltet,

ch  ließ,  es  um  die  lange  Nacht
1a  um  52  viel  Minnigliche,
Die  mir  Freuden  viel  gebracht.

s  ich  sie  in  beichem  Kleide
7  vor  mir  stehen
Ward  ich  frei  von  allem  seid-,
Da  mir  solches  G
Ihr  Mund,  der  Hüch-  Sae  mir  bot,
Däuchte  mir  von  solche
Wie  ein  Feuer,  das  d  rae

Ach.  Herr  Gottl  in  deiner  Güte
#  e  dieser  holden  Frau
ind  in  Creuen  sie  behü  i
Send'  ihr  deines  Segens  *
Folches  hat  sie  doch  fürw
e  ganze  Welt  ver  d  et
Gott  die  Herr,  nimm  ihrer  wahrl

4.  O,  wieder  will  der  Mai  entspringen,
—8  macht  fröhlich  manch  Gemüt.
Bunte  Zlumen  will  er  bringen,
Wie  sie  holder  nie  erblüht.
E  tõnt  mannissen
Wohlbelaubet  steht  der  Wald,
es  wird  d  traurig  leerze  froh.

5.  Ich  will  nach  aier  Liebe  ringen
Allle  meine  Lebens#
Wird  mirs  aber  ag  Lelin  en,
3  so  sterb'  ich  sonder  Klage
Tröstet  sie  mich  nicht  zur  Stumd“.
Hr-  durchleuchtig  roter  Mund,
avon  lieg'  ich  todeswund.

 

Transskription

Wimer  dine  zueben  Stunde.
und  din  kelte  m  alt.
ich  d

ur
7½  mir  —“  Vil  hat  brahr.

lch  sach  die  vil  minnekliche:

vor  mir  stan  in  richer  wat.
zchant  de  wart  sen  froeiden  riche.
davon  min  muet  vil  t.

h  gru  i
der  duhte  mich  in  solher  roete
sam  ein  snorig  fame  enzunt.

Hey  herregot  durh  dine  guetc.
ruoche  der  minnekliche  plicgen.

wol  gegen  al  der  werlte  brmeine
ey  herre  got  nu  nim  ir  v

Uns  komt  aber  ein  liehter  meie.
der  machet  manig  herze  fruct
er  bringet  bluomen  mangerleye.
Ver  gesach  ie  suesser  bluct.

des  wirt  vil  trurig  herze  balt.
h  wil  nah  ir  *“#x  ringen.
toge.
scht  so  stirbe  ich  sender  klage.
sie  entroeste  mich  zestunt.

ir  durliuhtig  roter  munt
hat  mich  ul  den  tot  verwunt.
        <pb n="45" />
        —  zm  mec  dme  wuht  wude  ·  vnd
dm  kelte  manigval  ob-  ich

das  erwendẽ  kvnde.  do  si  wur
·  vasgesialrdaobesswch

—  durdæwngc  imycvndurhdæmtmmth

Dochedumwkwtismtharth

ch  soch  die  vil  mielliche.  r  mit  stan  in  ri

*  cher  wad  ·  2  ehant  do  wart  ich  kevid  iche  da

GEmmmöe  vuhohe  #r.  muchgriisde  u.  #“
Spekhch  mund  der  duhte  mich  fallier

(am  ein  futig  fsũne  enz  unt.

y  hoot  durh  dene  ghte·  ruͤhe  i

Kheche  ptlegẽ.  mit  /  Netẽ  truͤwe  Kbehr#e.

2  Wrsee  suͤllen  segẽ  dohat  seichl
EIEIIEIL  “-  %

m—————

’  nskvnwchec  emuelye  meie.  der  macher

manig  I#re  frisc  er  Cügerblynns  aisge
wer  gesach  ie  coͤller  vuͤt  ·  vogeln  daͤnend

  “t  wi  geloͤbet  stet  dwalt.  7

irt  vil  trurig  ljze  bait

«  ch  wWanah'  hulde  rng  aule.  acheucch

taͤge  ·  (ol  mir  nilt  an  it  geligen  ·  scht  so  s#te.

uch  sender  laage  ·  si  entroͤttẽ  mich  ⁊e  stũt.  dur

luͤstig  roter  nwnt  hat  imich  vt  dẽ  tot  vᷣuunt.

—

 

39  6##

Minnelied  Markgraf  Ottos  IV.  mit  dem  Pfeile.

Aus  der  großen  Heldelberger  Minnesängerhandschrift  ezen.  oneh  Codex)  in  der
Untversitätsbibliothek  zu  Heidelberg.  (Fol.  13  v,
        <pb n="46" />
        1319

20  Tod  Woldemars.

Aber  in  der  Vollkrast  seines  Lebens  starb  Markgraf  Woldemar  (1319)  und
kurz  darauf  folgte  ihm  im  Knabenalter  sein  Mündel  Heinrich,  der  letzte  der
anhaltinischen  Markgrafen.  Ohne  die  tief  greifenden  Folgen  für  sein  eigenes
Land  ahnen  zu  können,  hatte  aber  Woldemar  durch  seine  Zustimmung  zur  Wahl
König  Heinrich  VII.  aus  dem  luxemburgischen  Hause  (1308)  geholfen,  einem
Hause  den  Weg  zu  bahnen,  das  für  die  Mark  von  größter  Bedeutung  werden
sollte.  Zunächst  war  jedoch,  wie  sich  bald  ergab,  mit  dem  Erlöschen  des  Herrschergeschlechts
  auch  der  Bestand  des  Landes  selbst  in  Frage  gestellt.

 

Altestes  Siegel  der  Stadt  Berlin.  Um  1272.
Von  einer  Urkunde  des  städt.  Urchlos  zu  Franksurt  o.  O.,  in  welcher  dle  Stadt)  Beriin  der  neu  gegründelen
Stadt  Frank#u#t  ihre  Rechte  mlitellt.  Das  In  Orlalnalgröße  wledergegebene  Siegel  zelgt  ein  getürmies  Stadudor
und  in  der  aus  drei  Halbbögen  geblideten  Thoröffnung  den  Braudenburger  Adker.

Umschrist:  (g8)rorrpmu  or  B#aLin  Bond  Su#u#).  Mon  lht  also  noch  kelne  Spur  von  dem  späteren  Wappentier
der  Stadt,  dem  Bären.
        <pb n="47" />
        t.  Ka.  Neus
—  ugn  !l*“  #6  —2  23  gt,  F
Thorcs)  kirche  haus  Stelathorturm

Ansicht  von  Brandenburg.
Nach  dem  um  1610  entstandenen  Sigemälde  im  Neustädt.  Nathause  daselbst.

3
Der  Zerfall  der  anhaltinischen  Markgrafschaft.  1510—záu

unter  den  Askaniern  hatten
die  Marken  eine  hohe  Blütezeit
  durchlebt,  unter  den
beiden  Fürstengeschlechtern,
die  ihnen  im  vierzehnten
Jahrhundert  folgten,  werden
sie  mit  einer  zeitlich  nur
zu  kurzen  Ausnahme  gekennzeichnet
  durch  die  Zerstörung
  jeder  staatlichen  Ordnung,
  jedes  staatlichen  Zusammenhanges,
  durch  Zuchtlosigkeit
  und  Regellosigkeit
in  allen  Verhälltnissen,  durch
wüste  Raub=  und  Fehdelust,
n.  —“—“.———  durch  den  derbsten  Eigennutz
*  laden  *  éen  In  m  e.  %  Steeis·
Die  welbliche  Glgur  la  V  die  hl.  are  er  Riuer  eort  taate,  dur  en  erlust
t  4#36  2  ire  Leusssu  n  alles  landesherrlichen  Ansehens,
  aller  fürstlichen  Gewalt,

  durch  Verpfändung  und  Hingabe  aller  landesherrlichen  Einnahmen  und  Befugnisse.
  Die  immer  schneller  vorwärts  schreitende  Schwächung  der  landesfürstlichen  Gewalt,
  der  Zerfall  der  markgräflichen  Verfassung  führte  das  blühende  Land,  so  schien
es,  rettungslos  dem  völligen  Untergange  entgegen.  Wunderbar  genug  aber  zeigte  sich
in  diesen  trostlosen  Zeiten  doch  wieder  in  Adel  und  Bürgerschaft  eine  urwüchsige
Kraft,  ein  Selbstgefühl  und  eine  Fähigkeit  des  Schaffens  und  Gestaltens,
die,  wenn  sie  zu  wahrem  Staatsgefühl  sich  erhoben,  wohl  hätte  dem  Lande
Rettung  bringen  können.  Aber  gerade  daß  es  trotz  dieser  Fülle  von  guten  Eigen-
        <pb n="48" />
        22  Die  Markgrafen  aus  dem  Hause  Wittelsbach.

schaften  des  Volkes  nicht  zu  einer  neuen  staatlichen  Bildung  kam,  zeigte  die  Notwendigkeit
  einer  landesfürstlichen  Regierung,  und  fünf  Jahre  einer,  wie  auch
immer  zu  beurteilenden,  so  doch  thatkrästigen  und  zielbewußten  Herrschaft  inmitten
dieses  Zeitraumes  mußten  die  Erkenntnis  davon  zu  einer  allgemeinen  machen.

Nach  dem  Tode  Woldemars  wurde  das  fürstenlose  Land  die  Beute  der  be- 



Statue  Kalser  Karls  IV.
o.  e  4.  h.

Von  der  Follade  eines  Nornberger  Hauses  stommend,
  leyt  in  den  K.  Museen,  Verlin.

nachbarten  Fürsten,  die  jener  im  Templiner  Frieden
gedemütigt  hatte.  Ludwig  der  Bayer  belehnte
zwar,  nachdem  er  in  der  Schlacht  von  Mühldorf
seine  Anerkennung  als  König  errungen  hatte,  seinen
jungen  Sohn  Ludwig  mit  der  Mark,  und  es
glückte  auch  den  Verhandlungen  des  Grafen  Berthold
  von  Henneberg,  einige  der  abgerissenen  Länder
wieder  zu  gewinnen,  andere  aber  mußte  man  den
Eroberern  überlassen,  und  als  Ludwig  im  Verlauf
seines  heftigen  Kampfes  mit  der  Kurie  um  die
Selbständigkeit  der  deutschen  Königskrone  vom  Papste
mit  dem  Banne  belegt  und  entsetzt  wurde,  waren
die  bittersten  Leiden  für  die  Marken  die  Folge
ihrer  unmittelbaren  Verbindung  mit  dem  deutschen
Königtum.  König  Wladislaw  von  Polen  verwüstete
auf  den  Ruf  der  Feinde  Ludwigs  die  Marken
mit  grauenhaftester  Gründlichkeit.  Weithin  gaben
rauchende  Dörfer,  zerstörte  Kirchen  und  Klöster
Kunde  von  dem  Wüten  der  polnischen  Scharen.
Nur  um  so  lebhafter  betrieben  natürlich  die  Feinde
der  Mark  aus  der  Zeit  Woldemars  ihre  Eroberungspläne,
  und  von  dem  Verlust  anderer  Landschaften
  abgesehen,  mußte  Ludwig  auch  auf  die
Oberlehensherrlichkeit  über  Pommern,  die  schon
von  den  Herzogen  dem  Papste  angeboten  war,  gegen
das  Recht  der  Nachfolge  in  Pommern  verzichten.
Bedenklicher  war  fast  noch,  daß  die  Bevölkerung
Berlins,  empört  über  das  Verhalten  des  Papstes
und  begeistert  für  das  gute  Recht  des  Kaisers,
sich  soweit  hinreißen  ließ,  einen  besonders  verhaßten
  Geistlichen,  den  Propst  von  Bernau  zu
erschlagen,  daß  die  Frankfurter,  von  derselben
Wut  ergriffen,  und  überzeugt,  daß  der  Bischof
Stephan  von  Lebus  den  Einfall  der  Polen  veranlaßt
  habe,  dessen  Kirche  in  Göritz  verbrannten
und  römisch  gesinnte  Priester  vertrieben.  Bann
und  Interdikt  waren  die  geistlichen  Strafen,  die
das  fromm  und  gläubig  gesinnte  Volk  tiefer  trafen,
als  jede  Art  weltlichen  Gerichts.  Mit  vielen  Opfern

haben  beide  Städte  erst  nach  Jahren  die  Kirche  zu  versöhnen  vermocht.
Auch  erbitterte  Ludwig  die  Kurie  bald  aufs  neue  gegen  sich  durch  eine
Handlung,  die  gerade  wieder  für  die  Mark  von  Bedeutung  wurde.  Indem  er
        <pb n="49" />
        Der  falsche  Woldemar.  23

nämlich  die  Ehe  des  Herzogs  von  Luxemburg  und  der  Herzogin  Margarete
von  Tirol  ohne  Rücksicht  auf  das  der  Kirche  zustehende  Recht  trennte  und  die
geschiedene  Herzogin  mit  seinem  ältesten  Sohn,  dem  Markgrafen  Ludwig  von
Brandenburg  vermählte,  erregte  er  einmal  den  vollen  Zorn  des  Papstes,  indem
er  aber  durch  diese  Vermählung  zugleich  auch  eine  Verbindung  zwischen  Tirol  und
der  Mark  herzustellen  versuchte,  ebnete  er  in  der  That  nur  dem  Herzoge
Karl  aus  dem  ihm  feindlichen  Hause  der  Luxemburger  den  Weg  zur  deutschen
Königskrone.

Dieser  kluge  und  vielgewandte  Karl  IV.  richtete,  nachdem  er  nach  Ludwigs
Tode  deutscher  König  geworden,  sein  Augenmerk  darauf,  von  des  abgeschiedenen  ½5
Kaisers  Hausmacht  soviel  als  möglich,  vornehmlich  aber  die  Mark  Brandenburg
seinem  Hause  zu  erwerben.  Durste  er  doch  hoffen,  mit  dieser  der  Macht  seines
Hauses,  das  ursprünglich  nur  im  Westen  Deutschlands  die  Herzogtümer  Lützelburg
und  Brabant  besessen,  nun  aber  im  Osten  durch  die  Herrschaft  über  Böhmen,
Mähren,  Schlesien  das  entschiedene  bergewicht  erhalten  hatte,  einen  Schlußstein
einzufügen,  welcher  der  luxemburgischen  Macht  in  Deutschland  und  über  Deutschland
  hinaus  den  überwiegenden  Einfluß  auf  die  Dauer  zu  sichern  schien.

Allerdings  die  Waffen  zu  rüsten  und  das  Streitroß  zu  besteigen,  das  war
nicht  nach  dem  Sinn  des  verschlagenen  Luxemburgers.  Ein  Märchen  vielmehr,
das  auf  die  tiefe  Sehnsucht  der  Märker  nach  einer  Neuordnung  der  immer  mehr
sich  zerrüttenden  Verhältnisse,  auf  ihre  Abneigung  gegen  die  Wittelsbacher  und
ihre  Anhänglichkeit  an  das  angestammte
  Fürstenhaus  berechnet
war,  sollte  vorerst  den  Wittelsbachern
  Verlegenheit  in  der  Mark
bereiten.  Man  ließ  einen  Mann
—  wie  es  heißt  einen  Müller.
Namens  Jakob  Rehbock  —  der
mit  dem  verstorbenen  Markgrafen
Woldemar  Ahrlichkeit  hatte,  auftreten,
  verbreitete  vor  ihm  her
die  Behauptung,  er  sei  der  Markgraf
  Woldemar,  der  fälschlich
seinen  Tod  habe  ansagen  lassen,
um  einen  Zug  ins  gelobte  Land
anzutreten,  nun  aber,  die  Marken
zu  retten,  zurüückgekehrt  sei.  Das
dreiste  Gaukelspiel  zu  erhöhen,
erkannten  Karl  und  die  Feinde
der  Wittelsbacher  den  Prätendenten
  förmlich  als  Markgrafen  an,
gebot  der  König  der  Mark,  ihn
als  ihren  Herrn  auf=  und  anzunehmen.
  Und  nur  zu  richti
hatte  man  die  Zustände  beurteilt;
bis  auf  wenige  Städte  huldigte  Eiegel  des  falschen  Woldemer.

die  g  anze  Mark  dem  an  gebli  ch  en  In  Gröbe  des  rie  Ehrssstes,  Sammlang  des
        <pb n="50" />
        24  Kaiser  Karl  IV.

Woldemar,  der  zum  Zeugnis  seiner  Unechtheit  an  Karl  die  Lausitz  abtrat  den  Herzogen
von  Sachsen,  den  Grafen  von  Anhalt  die  Erbfolge  in  der  Mark  zusicherte.  Auch  half  es
den  Wittelsbachern  wenig,  daß  sie  dem  König  Karl  in  der  Person  des  Grasen  Günther
150  von  Schwarzburg  einen  Gegenkönig  aufstellten,  und  Karl  nun,  um  diesen  zu  beseitigen,
  *  E  Markgrafen  fallen,  ihn  n  einen  Betrüger  erklären  ließ  (1350).
die  Streitigkeiten  im  Hause  der  Wittelsbacher  selbst  hinreichende

Eelegenheiter,  seine  Pläne  auf  die  Mark  auszuführen!  Ludwig  der  Römer  und
Otto  der  Faule,  denen  ihr  Bruder  Ludwig  der  Altere  schon  1351  im  Vertrage
zu  Luckau  die  Mark  abgetreten  hatte,  gestanden  aus  Haß  gegen  ihren  Bruder
Stephan  1363  dem  Könige  die  Erbfolge  zu.  Nach  Ludwig  des  Römers  Tode,
der  wenigstens  nicht  unthätig  im  Lande  gewesen  war,  trat  Okto  dem  Kaiser  1367

 

Tangermünde.  -#  dem  Stiche  von  G.  —  m

die  Niederlausitz  ab,  die  1370  auch  formell  der  Krone  Böhmen  einverleibt  wurde,
egab  sich  unter  Karls  Vormundschaft  und  überließ  endlich  im  Vertrage  von
1773  Fürstenwalde  vom  15.  August  1373  den  8*  des  Kaisers  gegen  eine  Geldsumme
  von  500,o000  Gulden  die  ganze  Mark.  —  So  niederdrückend  das  Gefühl
für  die  Märker  sein  mochte,  als  un  schmählicher  Habsucht  verkauft
worden  zu  sein,  so  mochten  sie  doch  zuvörderst  die  Hoffnung  auf  eine  kräftige,
das  Land  hebende  Regierung  als  einen  Gewinn  ansehen.  Denn  in  schrecklicher
Weise  hatte  der  Mangel  an  jeder  Fürsorge  für  das  Land  seitens  der  Wittelsbacher,
  hatte  der  Kampf  zwischen  den  Wittelsbachern  und  Luxemburgern  die
inneren  und  ußeren  Verhältnisse  des  Landes  zerrüttet.  Umgekehrt  aber  war
Böhmen  unter  Karls  Leitung  schnell  emporgeblüht,  und  an  diesem  Aufblühen
mußte  nun  auch  die  Mark  teilnehmen.  Denn  wie  sehr  auch  der  eigenste  Vorteil
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        <pb n="52" />
        <pb n="53" />
        Kaiser  Karl  IV.  25

der  Mittelpunkt  war  der  glatten  Politik  Karls,  der  zunächst  statt  seiner  unmündigen
Söhne  die  Regierung  übernahm,  so  zeigte  das  Aufblühen  Böhmens  doch,  daß  der
Kaiser  ganz  richtig  in  der  Hebung  des  Landes  seinen  wahren  Vorteil  erblickte.
Ebenso  sprach  für  Karl,  daß  er  1356  jenes  große  Reichsgesetz,  die  Goldene  156
Bulle,  wie  man  es  nach  der  angehängten  goldenen  Siegelkapsel  nennt,  erlassen
hatte,  welches  nicht  nur  die  Markgrafen  von  Brandenburg  unter  die  vornehmsten,
allein  zur  Königswahl  berechtigten  sieben  Fürsten,  die  Kurfürsten,  ausdrücklich
aufgenommen,  sondern  auch  die  Einheit  und  ünteilbarkeit  der  Kurmark  gesehlich
festgestellt  hatte.

In  der  That  wußte  Karl  in  unglaublich  schneller  Zeit  alle  Nachbarfürsten,
welche  die  Notlage  der  Mark  zu  Einfällen  und  zur  Eroberung  von  Grenzgebieten
benutzt  hatten,  zu  Friedensverträgen  mit  der  Mark  zu  bestimmen,  und  die  gewaltige
  Stellung,  die  er  als  Herr  des  gesamten  Nordens  und  Ostens  zu  einsichtsvollster
  Beförderung  des  ganzen  Handels  von  Lübeck  bis  Krakau  und  Konstantinopel
hin  benutzte,  gereichte  gerade  den  Marken  zu  besonderem  Nutzen.  Frankfurt  und
namentlich  Tangermünde  erfreuten  sich  sogar  seiner  besonderen  Gunst,  und
von  der  glänzenden  Zeit  welche  diese  Stadt  als  Residenz  des  deutschen  Kaisers
durchlebte,  geben  noch  heute  erhaltene  Reste  der  kaiserlichen  Burg  daselbst  Kunde.
Unzweifelhaft  aber  wird  die  Freude  an  den  schönen  Bauten  des  Kaisers  sich  hier
erhalten  haben,  und  sie  mag  auch  im  folgenden  Jahrhundert  noch  zu  dem  Entschlusse
  beigetragen  haben,  jenes  oft  bewunderte  Rathaus  der  Stadt  zu  erbauen.
Für  die  Schiffahrt  auf  der  Oder  und  Elbe  wurden  umfassende  Maßregeln  getroffen,
und  namentlich  wurde  ein  Verzeichnis  aller  Ortschaften  und  Grundbesitzer  nach  ihrer
Leistungsfähigkeit  und  Abgaben-Verpflichtungen
  aufgestellt,  wodurch
  die  Rechtsunsicherheit  von
Grundund  Bodenausgehoben  und
die  Steuerkraft  des  Landes  ermittelt
  wurde.  Es  ist  dies  das
Landbuch  Karls  IV.  Für  die
Entwickelung  des  Rechts  wurde
serner  von  besonderer  Bedeutung
die  Glosse  zum  Sachsenspiegel
und  die  spystematische  Darstellung
  des  Rechtsganges  bei
den  Landgerichten  im  „Richtsteig
Landrechts“,  welchebeiden  Werke
Johann  von  Buch  schon  etwas
früher  verfertigt  hatte.  Unter
den  Räten  Kaiser  Karls  aber,
die  für  die  Mark  Bedeutung.
haben,  ist  Dietrich  von  Portitz,
genannt  Kagelwit,  seit  1361
Erzbischof  von  Magdeburg,  besonders
  hervorzuheben.

Aber  der  Blick,  der  sich  an

 

diesen  Jahren  erstarkender  Kraft  Sot  isses  |  Ess,
        <pb n="54" />
        26  Markgraf  Sigmund.

ux  efreuen  möchte,  wird  trübe,  wenn  er  gewahr  wird,  daß  die  Mark  (1374)  von
Karl  und  zwar  im  Einverständnis  mit  den  Ständen,  welche  nur  die  Vorteile  der
Verbindung  mit  dem  großen  Reiche  sahen,  der  Krone  Böhmens  einverleibt  wurde.
Hätte  man  dies  Verhältnis  fest  gehalten,  so  hätte  damit  Brandenburg  aufgehört,  ein
selbständiges,  deutsches  Fürstentum  zu  sein,  es  wäre  vielmehr  böhmisch,  ein  Teil
des  flavischen  Königreichs  geworden.
Denn  statt  des  erhofften  Aufblühens  sich  erfreuen  zu  können,  sah  sich  die  Mark
1u#bei  dem  zu  schnell  erfolgten  Tode  des  Kaisers  (1378)  nur  gefesselt  an  die  böhmische
Krone  und  hineingezogen  in  deren  Streitigkeiten  und  verwickelte  Beziehungen  zu
Polen  und  Ungarn.
igmund,  der
zweite,  noch  unmündige
Sohn  Karls,  dem  nach
dem  väterlichen  Testament
  die  Marken  zugefallen
  waren,  gestattete
den  Städten  der  Altmark
  und  Friegaig
nicht  nur,  sich  in  den
Schutz  fremder  Fürsten
zu  begeben,  sondern,
kaum  zu  seinen  Tagen
gekommen,  wies  er  dem
Lande  sofort  diejenige
Stellung  zu,  die  sie
in  seinen  Plänen  auf
die  ungarische  und  polnische
  Königskrone  einnehmen
  sollte.  Hatte
er  sich,  um  diese  zu  erlangen,
  schon  mit  der
Alichen  Tochter  des
Angebliches  h  7  t  (#  1867).  3#  E  *
in  der  Mark  auch  nur
ein  Nebenland,  das  für  die  Gewinnung  jener  Kronen  die  erforderlichen  Geldsummen
aufbringen  sollte.  Er  verpfändete  daher  1385  die  Altmark  und  Priegnitz,  demnächst
  nach  häßlichen  Verhandlungen  mit  seinen  Brüdern  König  Wenzel  und
Herzog  Johann  1388  die  gesamte  Mark  seinem  Vetter  Jobst  von  Mähren  für
mehr  als  eine  halbe  Million  Goldgulden.

Mit  diesem  Akt  des  eigenen  Landesherrn  ist  nun  der  Zustand  der  Gesetzlosigkeit
  im  Innern,  der  Wehrlosigkeit  nach  Außen,  welchen  die  wittelsbachischen
Zeiten  im  Lande  erzeugt  und  die  zehn  Jahre  nach  Karls  IV.  Tod  weiter  und
weiter  ausgebildet  hatten,  gleichsam  zu  einem  zu  Recht  bestehenden  gestempelt
worden.  Der  Pfandherr  Jobst.  —  seit  1397,  da  ihm  die  Pfandsumme  nicht  zurückgestellt
  werden  konnte,  Markgraf  und  K  Kurfürst  —  war  ein  Fürst  so  unfürstlicher
Art,  wie  es  wenige  gegeben  hat,  und  wenn  Sigmund  die  Mark  als  Pfandobjekt
        <pb n="55" />
        Markgraf  Jobst.  27

dahin  gegeben  hatte,  so  kannte  der  „große  Lügner",  wie  man  den  Markgrafen
Jobst  genannt,  kein  anderes  Bestreben,  als  das  dahingegebene  Kapital  aus  dem
Lande  wieder  herauszupressen  und  Wucherzinsen  obenein.

Es  ist  ohne  weiteres  klar,  daß  ohne  eine  sichere  finanzielle  Hrundlage,  ohne
regelmäßig  fließende  Einnahmen  eine  Regierungsgewalt  nicht  denkbar  ist.  Nun
aber  gab  es  solche  in  den  Marken  nur  noch  in  sehr  beschränktem  Umfange.
Schon  durch  den  sog.  Bedevertrag  von  1280,  noch  mehr  aber  durch  die  Zugeständnisse,
  die  man  1345  den  Ständen  hatte  machen  müssen,  war  die  Steuerkraft
  des  Landes  erheblich  beschränkt  worden.  Gefahrvoller  noch  war,  daß  unter
den  bayerischen  Markgrafen  die  Unsitte  eingerissen  war,  in  finanziellen  Verlegenheiten
  Kapitalien  aufzunehmen  und  für  sie  dem  Gläunbiger  landesherrliche
Güter  und  Schlösser  als  Pfand  hinzugeben,  damit  er  aus  ihnen  beliebig
Zinsen  erhebe.  Allmählich,  als  Schlösser,  Güter,  Dörfer  und  Städte  nicht  mehr
ausreichten,  auch  die  Verpfändungen  ganzer  Gebiete  an  auswärtige  Fürsten,  namentlich
  der  Neumark  an  den  deutschen  Orden  (1402)  das  Geldbedürfnis  nicht
deckten,  gab  man  auch  landesherrliche  Rechte  wie  Gerichtssporteln,  Zölle  und
Steuern  dahin.  Und  diese  Unsitte  bildete  nun  Jobst  mit  solcher  Virtuosität  aus,
daß  ordnungsmäßige  Einnahmen  für  den  Landesfürsten  kaum  noch  übrig  blieben.

Wie  sollte  die  obrigkeitliche  Gewalt  unter  solchen  Verhältnissen  ihres  Amtes
walten!  An  eine  irgendwie  erfolgreiche  Abwehr  äußerer  Feinde,  von  denen  bald
dieser,  bald  jener  Teile  der  Mark  heimsuchte,  war  gar  nicht  zu  denken,  und  fast
begnügte  Jobst  sich  in  dieser  Hinsicht  mit  der  Erlaubnis  für  seine  Unterthanen,
sich  den  Schutz  fremder  Fürsten  zu  erkaufen  und  zu  erbitten.  Es  versteht  sich
auch,  daß,  ohne  die  notwendigen  Auslagen  machen  zu  können,  die  Obrigkeit  nicht
im  stande  war,  eine  thatkräftige  Verwaltung,  Polizei  oder  Justiz  zu  üben  und
weder  für  die  Ergreifung  noch  für  die  Verurteilung  des  Verbrechers,  noch  für
die  Vollstreckung  der  etwa  erkannten  Strafe  Sorge  tragen  konnte.  Dazu  erteilte
aber  der  Landesfürst  für  die  Gewährung  von  Geldmitteln  Befreiungen  von  den
ordentlichen  Gerichten  in  maßloser  Weise,  ja  gab,  wie  freilich  auch  früher  schon
geschehen,  die  höchste  Gerichtsbarkeit,  den  Blutbann  gegen  bare  Münze,  unbekümmert
um  die  Folgen,  einzelnen  Körperschaften  dahin.

Die  Folgen  aber  konnten  nicht  andere  sein,  als  die,  daß  sich  der  Einzelne,
der  nun  im  ordentlichen  Gerichtsverfahren  sein  Recht  nicht  mehr  erlangen  konnte,
dies  selbst  zu  verschaffen  suchte,  und  daß  —  der  menschlichen  Natur  und  dem
Geist  der  Zeit  gemäß  —  jeder  wirkliche  oder  auch  nur  scheinbare  Eingriff  in  das
Recht  dem  Gekränkten  sofort  die  Waffen  in  die  Faust  drückte.

Ganz  natürlich  verwirrten  sich  weiter  die  Begriffe  dahin,  daß  nicht  nur
Kampfeslust  und  Waffenfreudigkeit  für  etwas  Edles  und  Ritterliches  galt,  sondern
daß  die  Fehde  an  sich,  ohne  Rücksicht  auf  ihren  Grund,  ja  schließlich  gemeiner
Straßenraub  und  Plünderung  als  etwas  Berechtigtes  angesehen  wurde.  Die  Unfähigkeit
  der  Obrigkeit,  das  Recht  zu  wahren,  führte  mit  Notwendigkeit  dahin,
das  Unrecht,  sofern  es  nur  die  Gewalt  für  sich  hatte,  zum  Recht  zu  machen.  Und
eben  dahin  war  es  nun,  wie  vielfach  in  Deutschland,  so  ganz  besonders  in  der
Mark  gekommen.  Raub=  und  Fehdewesen,  Gewalt  und  Unthaten  aller  Art  waren
die,  das  allgemeine  wie  das  besondere  Leben  bestimmenden  und  beherrschenden
Faktoren  geworden.  Selbst  die  Städte  schreckten  vor  oft  schwerster  Gewaltthätigkeit
keineswegs  zurück,  gewichtiger  aber  trifft  den  damaligen  Adel  der  Vorwurf,  das
        <pb n="56" />
        28  Die  Quitzow.

schlimmste  Fehdewesen  geübt  zu  haben.  Auch  wird  sich  das  Verhalten  der  Städte
meist  mit  dem  Zustand  der  Notwehr  und  Verteidigung  erklären  lassen,  andererseits
aber  wird  man  nicht  außer  acht  lassen  dürfen,  daß  mit  der  namentlich  von
Karl  IV.  dem  Handel  gewährten  Begünstigung  in  den  Städten  ein  Reichtum
sich  gebildet  hatte,  vor  dem  die  frühere  Bedeutung  des  in  seiner  finanziellen
Lage  nicht  beförderten  Adels  zu  seinem  Schaden  zurückgetreten  war.  Der  damals
natürliche  Gegensatz  beider  hatte  sich  dadurch  in  hohem  Maße  verschärft.  Ferner
war  den  Rittern  der  Gebrauch  der  Waffen  Lebensberuf,  der  Lebensberuf  der
Städter  aber  hatte  gerade  friedliche  Zustände  zur  Voraussetzung.  Und  wenn  der
Adel  die  Bauern  zu  leibeigenen  Unterthanen  herabzudrücken  wußte,  so  ging  auch
das  Bestreben  der  Städte  dahin,  durch  landesherrliche  Rechte  und  Güter  die  eigene
Herrschaft  d.  h.  die  der  regierenden  Geschlechter  zu  erhöhen.  Gewiß  zeigte  sich
in  den  Städten  eine  äußerst  rühmliche  Kraft  und  Schaffensfreudigkeit,  eine  Munterkeit
  und  Stetigkeit  der  Entwickelung  aller  Verhältnisse,  eine  Beobachtung  von
Recht  und  Ordnung,  die  gerade  in  jener  Zeit  der  Not  staunenswert  ist.  Aber
mit  abstoßender  Ausschließlichkeit  und  wirtschaftlicher  Engherzigkeit  bezieht  sich  die
Sorgfalt  von  Bürgermeister  und  Rat  nur  und  lediglich  auf  die  alleinigen  Interessen
  der  eigenen  Stadt  ja  nur  der  in  der  eigenen  Stadt  herrschenden  Geschlechter.
  Die  anderen  Städte  aber  zu  schädigen  und  zu  kränken,  gilt  für  kluge
Politik,  und  den  gemeinen  Mann  zu  knechten  und  zu  drücken,  versteht  sich  für  den
ehrenfesten  Bürger  gerade  so  gut,  wie  der  Schloßgesessene  es  unternimmt,  den
Bauern  zum  Hörigen  herabzudrücken.  Gewiß  begeht  andererseits  der  Adel  durch
Raub  und  Mord,  durch  Plünderung  und  Brandstiftung  Übel  der  allerschlimmsten
Art,  aber  unter  ihm  ragen  Gestalten  hervor,  die  wie  Hüner  von  Königsmark,
wie  Lippold  von  Bredow,  wie  Kaspar  Gaus  zu  Putlitz,  wie  Wedego  von  Wedel
und  Balthasar  von  Schlieben,  wie  selbst,  gelegentlich  und  in  gewissem  Sinne,  die
Quitzow  in  diesen  Zeiten  des  Verfalls  Proben  von  ritterlicher  Tapferkeit,  von
politischer  Umsicht,  staatsmännischer  Tüchtigkeit  und  vaterländischer  Gesinnung  geben,
die  wahrhaft  rühmenswert  sind.  Und  gerade  diese  Brüder  Dietrich  und  Johann
von  Quitzow  sind  es,  die,  wie  sie  aus  den  Verhältnissen  ihrer  Zeit  erwachsen  sind,
wiederum  diese  in  so  hohem  Maße  charakterisieren,  daß  man  sie  nicht  nach  dem
unbedeutenden  Landesherrn,  sondern  nach  ihnen  wohl  zu  nennen  befugt  ist.
Einer  der  Familien  des  niederen  Adels  der  Priegnitz  entsprossen,  verstanden
es  beide  Brüder,  den  überkommenen,  schon  nicht  unerheblichen,  Grundbesitz  so
außerordentlich  zu  erweitern,  daß  er  sich  schließlich  fast  über  alle  Teile  der
Mark  ausdehnte.  Nur  schreckten  sie  in  diesem  Bestreben  so  wenig  vor  den  verwerflichsten
  Mitteln  zurück,  daß  diese  fast  als  die  einzigen  erscheinen.  Von  ihren
zahlreichen  Schlössern  und  Burgen  mit  ihrer  Mannschaft  herabziehen,  dem  reisenden
Kaufmann  den  Hinterhalt  legen,  ihn  seiner  Ware  berauben,  ihn  selbst  und  seine
Leute  gefangen  nehmen,  auf  die  Burg  schleppen,  für  die  Gesangenen  ein  hohes
Lösegeld  erpressen,  oder  Dörfer,  selbst  Bodee  „auspochen“,  den  Bauern  die  Herden
forttreiben,  die  Hütten  und  Häuser  in  Brand  stecken,  die  Saat-  und  Getreidefelder
  niederreiten:  das  schienen  ihnen  würdige  Mittel,  um  reichen  Geldgewinn
zu  erzielen,  mit  diesem  wieder  von  dem  stets  geldbedürstigen  Landesfürsten  Schlösser,
Güter  und  Rechte  zu  erwerben  und  Straflosigkeit  ihrer  Unthaten  zu  erlangen.
In  diesem  System  hatten  die  Quitzow  die  Meisterschaft  erworben,  und  nicht  nur
Bauern  und  Bürger  erzikterten  vor  ihnen,  sondern  auch  die  Nachbarfürsten  mußten
        <pb n="57" />
        die  Kraft  ihres  Armes
fühlen  und  wußten  ihre
eigenen  Interessen  und
die  ihrer  Unterthanen  oft
nicht  anders  vor  dem  gewaltthätigen
  Treiben  der
Brüder  und  ihrer  Genossen
zu  schützen,  als  durch  förmliche
  Bündnisse  und  Verträge,
  die  sie  mit  ihnen
abschlossen.  Einen  eigentlich
  politischen  Gedanken,
wie  etwa  die  Gründung
eines  Fürstentums  oder
etwa  gar  die  Übertragung
der  Markgrafschaft  auf
ihre  Familie  scheinen  dagegen
  die  Qnitzow  trotz
aller  Macht  und  Mittel
nicht  gehabt  zu  haben.
Bei  den  naturgemäß
in  dieser  Zeit  sehr  häufigen
Einfällen  der  Nachbarfürsten
  in  die  Mark  —
wobei  sich  besonders  der
Erzbischof  von  Magdeburg
einmal  durch  empörende
Grausamkeit  auszeichnete
—  bot  sich  indessen  auch
den  Quitzows  öfter  Gelegenheit,
  ihren  Landsleuten
  gute  Dienste  zu
leisten,  und  indem  sie  dies
thaten,  konnte  es  scheinen,
als  ob  sie  ihre  außerordentliche
  Machtstellung  auch
zum  Nutzen  der  Heimat
verwerten  könnten,  wenn
sich  die  Umstände  so  anließen.
  Neben  dem  Adel
waren  nämlich  notwendigerweise
  auch  die  Städte
zu  großer  Macht  gelangt,
und  wie  unter  jenen  die
Quitzow,  so  ragte  unter
diesen  Berlin-Kölln  weit
hervor.  Die  Eifersucht  und

Die  Quitow.

Auf.  der  Adrehfseite:

 

(zu  Lichtenberg)

tadtarchiv.

Drohbries  Dielrich  von  Onitzors  an  die  Bauern  4  Tichteuberg  um  1400.
In  Größe  des  Originals  im  Berliner

—

Mierrich  von  Dulgow#.

Überseyun
„Wisset,  Schulle  und  Bauern  zu  blchienderg.  wenn  ###  nicht  sogleich  mit  Euren  Wagen  nach

Sößow  kommt  und  mir  Holz  und  10  Schock  gute  döhmische  Groschen  u#lihlngt  für  die  Abgö#en,

welche  Eure  Herren,  dle  (Nalhmannen)  von  Verlin  zu  göpensck  mir  genommen  haden,  so
werde  ich  Euch  alles  nehmen,  wasz  Ihr  habt.  Darous  lerwarke  ich)  Euere  Antwort!  Geschrieden

emier  meinem  Inskegel.“

Drderlek  van  Qultlzowe.

Transskription

Weizt  Rehulte  vode  bure  in  Licbtenrber#e  w0  fFr  vas  standan  ulcht  en  kemen  med  lowen  wethecen
l#o  Bellsowe  vode  forren  m.)  holt  unde  brinfen  my  10u  schook  gude  bemesche  kro##en  mere  vor

##  olicht  dye  m.  Juwe  herscc  var  den  berlio  cecomen  bobber  ic  Kopealch  so  ull  lek  Ine  nemen

ellont  dat  37  hebben  Des  low#t  sotwerl.  Serchen  vader  myn  1ogeseel
        <pb n="58" />
        30  Berlin-Kölln.

der  Neid,  den  beide  Nachbarstädte,  so  gut  wie  etwa  die  Alt-  und  Neustadt  Brandenburg,
  gegen  einander  empfanden,  führte  zwar  auch  hier  nicht  selten  zu  Kämpfen,  und
die  Herrschsucht  der  vornehmen  Geschlechter  zeitigte  eine  Unzufriedenheit  der  unteren
Klassen,  die  bedenkliche  Gefahren  in  sich  schloß.  Aber  diese  Umstände  hatten  die  vom
Landesherrn  selbst  geförderte  günstige  Entwickelung  zu  bedeutender  Macht  doch  nicht
wesentlich  beeinträchtigen  können.  Vielmehr  erlangte  Berlin-Kölln  durch  die  ungewöhnlich
  günstige  Lage  mitten  zwischen  den  beiden,  durch  Spree  und  Havel  verbundenen,
  Flußsystemen  der  Elbe  und  Oder  einen  bedeutenden  Einfluß  auf  den  Handel,
der  sich  über  Magdeburg,  Hamburg  und  Lübeck  bis  zu  den  Niederlanden,  der  sich
über  Oderberg  bis  nach  Stettin,  über  Frankfurt  bis  nach  Breslau  und  in  die
polnischen  Länder,  der  endlich  über  Leipzig  und  Wittenberg  bis  nach  Prag  sich
erstreckte.  Den  Reichtum,  der  sich  durch  diesen  Zwischenhandel  ansammeln  mußte,
hatte  nun  Berlin-Kölln  ebenfalls  zum  Erwerb  politischer  Rechte  benutzt,  und  mit
der  Zusicherung  des  Landesfürsten,  keine  Truppen  in  die  Stadt  ohne  ihre  Bewilligung
  zu  legen,  mit  der  Festsetzung  der  Steuerhöhe  für  alle  Fälle  der  Auferlegung
  einer  solchen,  mit  der  Münzhoheit,  mit  der  bertragzung  der  höchsten
Gerichtsbarkeit  und  des  Blutbannes  an  die  Stadt  und  endlich  mit  dem  durch
den  Reichtum  ermöglichten  Austreten  einer  eigenen  bewaffneten  Macht  war  Berlin
in  der  That  über  die  früher  erworbene  kommunale  Selbständigkeit  weit  hinausgeschritten.
  Die  Stadt  war  ein  auf  sich  selbst  gestelltes,  freies  Gemeinwesen,  war
gleichsam  ein  Staat  im  Staate  ganz  so  wie  die  Quitzow  geworden.  Die  Macht
Berlins  war  aber  um  so  bedeutender,  als  die  Stadt  in  Bündnisse  trat  mit  einer
großen  Zahl  anderer  Städte,  und  als  ihr  Anschluß  an  die  Hausa  ihr  auch  deren
Hilfe  in  gewissem  Maße  verbürgte.  Zugleich  aber  hatte  die  Notwendigkeit,  dem
bürgerlichen  Berufe  des  Handels  und  Gewerbes  eine  feste  Grundlage  zu  geben,
die  Erkenntnis  von  der  Heilsamkeit  eines  geschriebenen  Rechtes  gezeitigt,  und  man
legte  in  dem  heute  noch  vorhandenen  Stadtbuch  eine  Reihe  von  Rechtsgrundsätzen
und  getroffenen  rechtlichen  Entscheidungen  nieder.

Es  liegt  nun  in  der  Natur  der  Dinge,  daß  zwei  so  gewaltige,  nach  der
vorherrschenden  Macht  strebende,  aber  auf  so  verschiedenen  Grundlagen  beruhende
Gewalten  wie  die  der  Stadt  Berlin  und  die  der  Quitzow  ohne  eine  sie  zwingende,
über  ihnen  stehende  Gewalt  mit  einander  in  Kampf  kommen  mußten,  und  daß
ihre  Macht,  statt  dem  Ganzen  zu  nützen,  ihm  schädlich  werden  mußte.  Doch
diese  überragende  Gewalt  fand  sich.  Nur,  daß  es  bei  weitem  nicht  der  Landesherr
  war,  der  diese  beiden  Mächte  dem'  Ganzen  dienstbar  machte,  sondern  die
Not,  die  beiden  gemeinsamen  Interessen,  und  daß  diese  ihre  einigende  Macht  eben
nur  so  lange  bewährten,  wie  sie  vorherrschten.  Hier  nun  trat  jener  Zeitpunkt
ein,  wo  die  Vereinigung  Berlins  und  der  Quitzow  dem  Lande  eine  Rettung  aus
der  trostlosen  Zeit  durch  die  Mark  selbst  bringen  zu  können  schien,  und  es  bleibt
ein  Verdienst  Berlins,  dies  zuerst  erkannt,  die  ersten  Schritte  zur  Vollziehung
der  Einigung  gethan  zu  haben.

In  ihren  Handelsinteressen  nämlich  durch  die  von  den  Pommern  im  Bunde
mit  den  Quitzow  erfolgte  Wegnahme  der  Städte  Straußberg  und  Bötzow  bedroht,
trug  Berlin  den  Quitow  ein  Bündnis  an.  Und  diese,  durch  die  von  Jobst  vollzogene
  Ernennung  des  Grafen  Günther  von  Schwarzburg  zum  Verweser  der
Mark  in  ihrem,  zwischen  ihnen  und  dem  Erzstift  Magdeburg  immer  streitigen

110,  Besitz  des  Schlosses  Plaue  ebenfalls  bedroht,  gingen  auf  das  Angebot  ein.  In
        <pb n="59" />
        Die  Quitzow  und  Berlin-Kölln.  31

unbefangener  Anmaßung  der  landesherrlichen  Rechte  wurde  Dietrich  zum  Feldherrn,
  Johann  zum  Hauptmann  der  Mittelmark  ernannt.  Die  meisten  anderen
Städte  fügten  sich,  und  der,  namentlich  durch  den  Abt  Heinrich  Stich  von  Lehnin
geleistete  Widerstand  der  havelländischen  Städte  kam  um  so  weniger  zur  Geltung,
als  die  Siege  der  Quitzow  über  die  Pommern  und  die  magdeburgischen  Stiftsvassallen
  den  lebhaftesten  Jubel  in  der  Mark  hervorriefen,  und  die  Gefangenkahme
  vran  des  derzogs  Johann  von  Stargard  durch  Dietrich  die  Gegenpartei  empfindi


Aurs  bald  aber  zeigte  sich,  daß  die  Interessen,  von  ganz  verschiedenen
Richtungen  ausgehend  und  nach  anderen  Zielen  trachtend,  nur  in  einem  Punkt
zusammengetroffen  waren,  daß  gerade  das  zeitweilige  Zusammengehen  der  doch
einander  widerstrebenden  Mächte  zum  Kampfe  führen,  daß  die  Gesetlosigkeit,  der
Mangel  einer,  alle  Parteien  zwingenden  landesfürstlichen  Gewalt  zum  Bürgerkriege
  führen  müsse.  Dietrich  sagte  der  Stadt  Berlin  ab,  und  diese  versuchte  es
zwar,  den  ausgebrochenen  Streit  durch  richterliche  Entscheidung  zum  Austrage  zu
bringen,  beging  aber  dabei  den  Fehler,  die  Natur  des  Streites  zu  verkennen.
Denn  nicht  um  eine  Rechtsfrage,  sondern  um  eine  Machtfrage  handelte  es  sich
sowohl  für  Dietrich  von  Quitzow  wie  für  Berlin.  Dietrich  wollte  die  eroberten
Städte  und  Schlösser  Straußberg,  Bötzow,  Köpenick  und  Saarmund  für  sich  behalten,
  Berlin  aber  wäre  durch  diesen  Besitz  von  allen  vier  Himmelsrichtungen
her  umklammert,  und  der  Stadt  die  Möglichkeit  des  freien  Handels  abgeschnitten,
ihr  die  „ceei  unterbunden  gewesen.

diesem  Kampf  der  einzelnen  Teile  des  Landes  hätte  nun  der  Landesherr

einschreien  sollen.  Aber  das  eben  wagte  dieser  nicht  und  konnte  es  nicht  wagen
bei  dem  Mangel  an  jeglichen  Mitteln  und  jeglichem  Ansehen.  Ihm  galten  vielmehr
  beide  Parteien  nur  als  finanzielle  Kräfte,  mit  keiner  wünschte  er  es  zu
verderben,  und  so  beschränkte  er  denn  seine  Thätigkeit,  wenn  er  überhaupt  einmal
  in  die  Mark  kam,  auf  die  Erhebung  der  erreichbaren  Gelbsummen,  für  die
er  unbekümmert  immer  weitere  Schlösser  und  Rechte  verpfändete,  und  auf  die
Ernennung  von  Statthaltern.  Waren  diese  auch,  wie  der  vortreffliche  Lippold
von  Bredow,  wie  Wilhelm  von  Meißen,  Johann  von  Stargard,  Günther  von
Schwarzburg,  Suantibor  von  Pommern  und  dessen  hochbedeutender  Stellvertreter
Kaspar  Gans  zu  Putlitz  an  sich  durchaus  nicht  untüchtig,  so  mußten  sie  doch,
ohne  die  Mittel  zur  Hebung  des  fürstlichen  Ansehens,  dem  Emporwuchern  der
revolutionären  Elemente  in  Adel  und  Bürgerschaft  ruhig  zusehen.  Und  diese
nahmen  so  überhand,  daß  auch  die  in  einzelnen  Gliedern  lebende  Kraft  und
Gesundheit  nur  dazu  dienen  konnte,  sich  gegenseitig  aufzureiben  und  zu  zerfleischen.
Schon  rüstete  Berlin  zu  ernstem  Streit,  schon  machte  sich  auch  Herzog  Suantibor
von  Pommern  auf  das  dringende  Mahnen  der  Städte  bereit,  „mit  Macht“  gegen
die  Friedensstörer  zu  verfahren.  Das  zwar  überall,  aber  doch  ohne  rechten  Zusammenhang
  bisher  ausgetretene  Fehdewesen  und  Stegreif-Rittertum  mußte  nun
Zusammenhang  gewinnen,  ein  geschlossener  Kampf  au  der  ganzen  Linie  zwischen
dem  Adel  und  den  Städten  mußte  entbrennen,  und  bei  der  Energie  des  gegenseitigen
  Hasses  war  vorauszusehen,  daß  in  diesem  Kampfe  auch  der  letzte  Rest
von  Wohlstand  und  Gesittung,  den  die  obrigkeitslose,  durch  den  ganzen  Jammer
jener  grauenhaften  Krankheit,  des  schwarzen  Todes,  verderbte  Zeit  etwa  noch  gelassen,
dahin  schwinden  mußte.
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        lransxskription.
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fuerlt  i0s#⅜te  LXV  „zuis

bahere  Polalt  cnofessa  44.
eis  et  viulmo  lo  Premslauls
  in

demo  noelsawms.  duock  es
vitta  duor  anbes,  hrimus
vodek:  crecceunduvathe
e#  hac#  de  polonta.  Courad.
  Clause  de  brendeburek


herman.  atlos  uc#cluht  vomioro
  gufbos  confeasa
  es

Ii  ple  von  auderer  Seite
re##hite  Auflosnag  nata
Eiseelt.  alcht  zotbrelfcorh.
)  e  koon  auch  spuos
aulgesont  verdeo.
*)  In  oleht  mait  voller.
Steusrheit  n  leren.

 

       

 

E  4%  #

—  mie  .  —  6%

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5–  “

  

3  *

r—.  —

Ketzerverfolgung  in  der  Mark  Brandenburg  1393—1394.
Neproduktion  eines  Stückes  v.  Nr.  128  aus  den  Originalprotokollen  des  Inquisitors  in  der  Vibliothek  zu  Wolfenbüntel.
Das  hler  nachgedildete  Zrayment  i,  wie  schon  aus  der  Protekollnuummer  es  hervorgeht,  millen  aus  der  Handscheitt

denommen,

die  zahlrelche  „u.  l.  10.  und  „w#c  oben  “  verwelsen  auf  die  vorhergehenden  Vernehmungen.

Es  ih  uberaus  siuchilg  geichrieben,  so  daß  es  sich  nicht  durchweg  ult  undedingter  Slcherheit  lesen  läßt.

Übersetzung.

188.  Hellhola,  Wlime  des  Wilte
ELEIIIIII—
Prenzlau,  in  der  ZSelte  os  Seoen
Ferner  im  Johr  usw#
lehlen  Toge  des  acdochten  W
Jonnar  etwa  um  die  Tertenzet

 

Neu  äiesdo  bel  angermunde,
lor  Voter  dade  Konrad  Ziumer.
mann  gehelseen  und  ihre  Mutier
wic  sle.  iht  Vater  sei  in  der  Sette
EEBLIIIII—
belde  selen  geltorben  in  eilelbtn.  sle

sti  sie  o3  Jahre  in  der  Eette.  ge.

denen  sle  gebelchtet  habe,  konnte  sie
nicht  namhaft  machen.

 

*)  Die  solgenden  Worte  bl#  „  vor-Ellseriigkelt

  70  kalt  60.
        <pb n="61" />
        Tod  des  Markgrafen  Jobst.  33

Laut  auf  seufzte  da  wohl  die  gequälte  Menschenseele  und  suchte  Trost  für
das  irdische  Elend  in  überirdischen  Dingen.  Und  wenn  die  Kirche  gegen  die
Waldenser  trotz  ihres  frommen  und  stillen  Wandels  mit  der  Inquisition  auch  in
der  Mark  einschritt,  da  sie  abweichende  Lehren  verkündeten,  so  gab  sich  die  noch
unmittelbar  und  naiv  empfindende  3  nur  um  so  mehr  dem  Glauben  an
Zauberei  und  Wunder  hin.  Eine  ganz  ungeheure  Verbreitung  fand  namentlich
der  Glaube  an  die  Heilkraft  des  Wischetblus  zu  Wilsnack,  und  gewaltige  Scharen
pilgerten  selbst  aus  Böhmen  und  Ungarn  zu  dem  kleinen  märkischen  Städtchen,
um  dort  Vergebung  der  Sünden,  Befreiung  von  allen  Leiden  zu  erlangen.  Wohl
trat  ein  Teil  der  Geistlichkeit  dem  offenkundigen  Betrug  ernst  entgegen,  aber  alle
Mittel  versagten,  um  das  besondere  Elend  der  einzelnen  oder  gar  die  schwere
Krankheit,  an  der  das  märkische  Staatswesen  so  schnell  dahinsiechte,  zu  heilen.

Da  starb  zum  Glück  der  Markgraf  Jobst.  Und  voll  banger  Zweifel  mochte
sich  der  Blick  der  Märker  weit  nach  Südosten,  nach  Ofen  richten,  wo  Sigmund,
der  nun  wieder  der  rechtmäßige  Landesherr  war,  lebte,  voll  banger  Zweifel
mochte  man  überlegen,  ob  der,  nun  zu  seinen  Mannesjahren  herangereifte  Sigmund
  jetzt  etwa  im  stande  sein  würde,  ein  neues  Morgenrot  über  das  Land  aufgehen
  zu  lassen.

 

Altestes  Siegel  der  Neustadt  Brandenburg.
in  Größe  des  Originals  im  Stadtarchiv  zu  Brandenburg.
Ggillum)  BVEGENSIVM.  NOVE  CTVITATIS  I.  BRaANDEBURCH
vd=  *  Prager  eesebihches  eln  Bewels  für  dle  nahen  undenbainböhmen
  in  der  Zeit  der  Markgrasen  Johanns  I.  und  Dubos  1

Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  4
        <pb n="62" />
        Hobhen  Zollern.

  
   

Burg  Hohenzollern.

Ausschnlt  s  der  Anslcht  von  Hechingen,  Kuplerstich  von  M.  Merlan  In  »Topographla  Saoriae·  Grantsuri  a.  M.  1668.
Erstes  Buch.
Oer  Crrritorialstaat.  1411—1640.
I.  Der  landesherrliche  Terrikorialstaat.6
1411—1535
Rurfürst  Friedrich  I.  141—;440.
Die  Verufung  der  Vohempollern.

3  war  eine  weit  über  die  eigenen  Grenzen
hinauzsgreifende  Aufgabe,  welche  Branden-1
  burg  für  das  Reich,  für  die  Entwickelung  und
Ausbreitung  des  Deutschtums  zu  erfüllen
hatte,  und  ihre  Lösung  mußte  wieder  auf
das  übrige  Deutschland  bestimmend  einwirken.
Die  Mark  war  das  Hinterland  für  die
deutsche  Herrschaft  auf  der  Ostsee,  wie  für
die  Staaten,  die  sich  an  den  Küsten  von  der
Trave  bis  zur  Memel  gebildet  hatten.  Und
nur  insoweit,  als  sie  diesen  Ländern  einen
festen  Rückhalt  und  kräftigen  Schutz  gab,
konnten  diese  ihre  Macht  gegen  auswärtige

   

Von  d  Selte  elner  G  1  i  -  -
sagsusmfsstmm?s7-"Z·k««-IFYTFXM-ku,FemdebehauptmMIUCVVVUIAMVM

i-«gmpskxmqkquwqummäm  nichtung  der  landesherrlichen  Gewalt,  jeder
        <pb n="63" />
        2

I1640
        <pb n="64" />
        <pb n="65" />
        Bedeutung  der  Mark  für  das  Reich.  35

staatlichen  Ordnung  war  aber  für  die  Mark  naturgemäß  die  Lösung  einer
solchen,  weite  Gebiete  des  Auslandes  umfassenden  Aufgabe  unmöglich  gemacht,
und  es  war  vorauszusehen,  daß  Brandenburg  sowohl  wie  jene  Länder  dem
Reiche  demnächst  verloren  gehen  würden.  Das  aber  wäre,  zumal  bei  der  unendlich
  tief  greifenden  Bedeutung,  die  die  Mark  für  den  gesamten  Handel  und
Verkehr  im  Reiche  gewonnen  hatte,  nicht  nur  eine  politische  Macht-Einbuße  des
deutschen  Volkes,  sondern  ein  außerordentlich  schwerer  wirtschaftlicher  Schaden  für
das  Reich  gewesen.

Eine  Zeit  hindurch  hatte  es  allerdings  so  scheinen  können,  als  ob  die  Hausa
mächtig  genug  sich  entfalten  werde,  um  den  Schutz  des  Deutschtums  zu  übernehmen.
  Aber  auch  sie,  einst  die  Königin  des  Meeres,  hatte  durch  Streitigkeiten
innerhalb  des  Bundes,  sowie  im  Innern  der  einzelnen  Städte  so  sehr  an  Macht
verloren,  daß  sie  der  gewaltig  vordrängenden,  seit  der  Kolmarer  Union  geeinten
standinavischen  Welt  bei  weitem  nicht  mehr  zu  widerstehen  vermochte.  Nicht  einmal
  das  unselige  Fehdewesen,  das  sich  vom  Lande  auch  auf  das  Meer  verpflanzt
hatte,  konnte  sie  beseitigen;  vielmehr  machte  die  Seeräuberei  der  sogenannten
Vitalienbrüder  jeden  geordneten  Handelsverkehr  zur  See  urmöglich.  Eine  Hoffnung
  hatten  nun  freilich  gerade  noch  die  Hansastädte;  Rettung,  so  hofften  sie,
würde  ihnen  entstehen  in  jener  staunenswürdigen  Gründung  der  deutschen  Ordensritter
  im  Preußenlande.  Denn  in  gewaltigen  Kämpfen  hatten  die  Ritter  des
deutschen  Ordens,  seit  sie  unter  Hermann  von  Salza  im  Anfang  des  dreizehnten
Jahrhunderts  nach  Preußen  gekommen  waren,  hier  einen  deutschen  Staat  geschaffen,
  der  in  seiner  Verfassung  zwar  wesentlich  auf  den  Statuten  des  ritterlichgeistlichen
  Ordens  aufgebaut  war,  der  aber  in  der  Verbreitung  des  deutschen

Wesens  zugleich  dem  deutschen  Handel  das  ganze  Gebiet  der  Weichsel  und  die
Ostküste  der  Baltischen  See  erschlossen  hatte.  Doch  auch  diese  Hoffnung  hatte  sich
als  eitel  schon  erwiesen.  Denn  wie  dort  die  Skandinavier,  so  hatten  sich  hier  die
Slaven  wieder  zu  einem  entschiedenen  Vorgehen  gegen  die  Deutschen  erhoben,
und  seit  der  Vereinigung  von  Polen  und  Littauen  bedrängten  sie  den  Orden  aufs
lebhafteste,  ja  brachten  ihm  in  der  Schlacht  von  Tannenberg  die  solgenschwerst
und  erschütterndste  Niederlage  bei.  Und  als  nun  die  Skandinavier  den  Slave
die  Hand  reichten,  sich  mit  ihnen  verbündeten,  da  konnte  man  nicht  zweifeln,  dveß
dem  vereinten  Vorgehen  das  ganze  Norddeutschland  zum  Opfer  fallen  werde,
wenn  nicht  die  Mark  einen  kräftigen  Widerstand  entgegensetzen  konnte.  So
trat  die  Bedeutung  Brandenburgs  für  das  Reich  als  dessen  Mark  wieder  einmal
grell  hervor;  man  mußte  erkennen,  daß  die  Wiederherstellung  friedlicher,  geordneter
Verkehrsverhältnisse,  die  Neubegründung  eines  festgefügten  Staatswesens,  einer
machtvollen  landesherrlichen  Gewalt  nicht  nur  für  das  Land  selbst,  sondern  !
die  deutsche  Herrschaft  auf  dem  Meere,  für  den  Ordensstaat,  ebenso  aber  auch  für
das  Reich,  für  die  politische  Machtstellung  wie  für  das  wirtschaftliche  Gedeihen
der  Nation  dringendste  Notwendigkeit  sei.

an  wird  nicht  zweifeln  können,  daß  König  Sigmund  diese  Bedeutung

#randenburgse  sehr  wohl  erkannte.  Dem  die  Unterbrechung  des  Handels,  welche

die  heillosen  Zustände  daselbst  verschuldeten,  machte  auch  in  Ungarn,  sowie  in

Böhmen,  Mähren  und  Schlesien,  welche  Länder  dereinst  noch  Sigmund  zufallen

sollten,  sich  lebhaft  fühlbar.  Das  Vordringen  der  Polen  aber  gefährdete  den

König  außerordentlich,  und  überdies  schloß  Polen  ein  Bündnis  mit  der  Republik
s·

0
        <pb n="66" />
        1411

36  König  Sigmunds  Stellung.

Venedig,  umklammerte  so  gewissermaßen  die  Stellung  Sigmunds  in  Ungarn,  und
das  nichtsnutzige  Regiment  seines  Bruders,  des  Königs  Wenzel  hatte  die  luxemburgische
  Herrschtt  in  Böhmen  selbst  gelockert.
der  Wahl  König  Sigmunds  zum  römischen  König  mußten  aber  auch
jene  -  für  die  Bedeutung  der  Mark  noch  lebhafter  auf  ihn  einwirken.  Dazu
kamen  nun  aber  noch  welthistorische  Gesichtspunkte,  die  gerade  für  Sigmund  schwer
ins  Gewicht  fielen.  Es  war  jene  Zeit  der  entsetzlichen  Kirchenspaltung  und  der
nicht  minder  schlimmen  Spaltung  des  Reichs,  da  drei  Päpste  und  drei  Kaiser  die
auf  das  ärgste  verwilderten  Gemüter  noch  mehr  verwirrten,  da  sittliche  Würde
und  Frömmigkeit,  da  Zucht  und  Sitte  so  völlig  erstorben  schienen,  daß  der  Ruf
nach  Reformen,  nach  einem  allgemeinen  Konzil,  das  die  Besserung  aller  geistlichen
und  weltlichen  Verhältnisse  in  die  Hand  nehmen  sollte,  immer  lauter  und  lauter
ertönte,  und  bei  den  Besten  der  Zeit,  bei  Fürsten  und  Geistlichen,  bei  Adel  und
Bürgerschaft  den  lautesten  Wiederhall  fand.  Kein  Zweifel,  diesem  mit  urwüchsiger
Kraft  austretenden  Verlangen  mußte  Genüge  geleistet  werden.  Das  aber  fühlte
man  deutlich  heraus,  daß  die  deutsche  Reichsgewalt  die  einzige  auf  Erden  war,
die  so  viel  Macht,  so  viel  Autorität  entfalten  konnte,  um  den  Widerspruch  einzelner
  Fürsten,  die  in  dem  allgemeinen  Chaos  ihren  Vorteil  sahen,  niederzuschlagen,
um  vor  allen  den  Widerstand  der  Kurie  zu  brechen.  „So  lange“,  meinte  man,
„es  keinen  gerechten,  strengen,  allgemeinen  römischen  Kaiser  oder  König  giebt,  wird
das  Schisma  nicht  bloß  dauern,  sondern  man  muß  besorgen,  daß  es  immer  ärger  wird."“
Freilich  war  dies  eine  ungeheuer  schwierige  Aufgabe,  und  ihre  Lösung  von
der  dauernden  Unterstützung  der  Kurfürsten  abhängig.  Um  so  weniger  aber  war
auf  sie  zu  rechnen,  so  lange  der  Kurhut  Böhmens  auf  dem  trägen  Haupte  des
unberechenbaren  Wenzel  saß,  so  lange  Kursachsen  in  Freundschaft  mit  Wenzel
verbunden  war,  so  lange  die  Kurstimme  Brandenburgs  nicht  durch  einen  kräftigen
Arm  den  erforderlichen  Nachdruck  erhielt.  Sigmund  selbst  aber,  dem  ohnehin  die
Erhaltung  der  Siebenzahl  der  Kurfürsten  von  Bedeutung  war,  konnte  ohne  Zweifel
der  brandenburgischen  Stimme  diesen  Nachdruck  nicht  geben,  wenn  anders  er  den
hohen  Pflichten,  die  besonders  in  jener  Zeit  der  königliche  Beruf  seinem  Träger
auferlegte,  gerecht  werden  und  zugleich  seinen  weitgehenden  luxemburgischen  Pläuen
nachgehen  wollte.  Denn  in  der  Mark  mußte,  so  viel  war  klar,  ein  Fürst  an  die
Spitze  gestellt  werden,  der  Herr  im  eigenen  Lande  zu  werden,  und  der  zugleich
worauf  es  Sigmund  wesentlich  ankam,  zu  seinen  Gunsten  durch  das  Gewicht  einer
überragenden  Persönlichkeit  durchgreifenden  Einfluß  im  Kurkollegium  zu  üben
verstand.  Hier  mußte  ein  Fürst  an  die  Spitze  gestellt  werden,  der  die  auseinander
strebenden  Gewalten  im  Innern  des  Landes  niederzubeugen,  sie  dem  Ganzen
dienstbar  zu  machen  wußte,  der  den  Frieden  im  Innern  der  Mark  neu  herstellte,
sie  wieder  zu  einem  Schutzwall  für  Deutschland  gegen  Norden  und  Osten,  zu
einer  Vormauer  für  alle,  auf  Wiederbelebung  und  Entfaltung  deutschen  Geistes
und  deutscher  Arbeit,  gerichteten  Bestrebungen  machte.  Das  war  die  Forderung,
die  das  Gedeihen  der  Mark  selbst  an  einen  neuen  Landesherrn  stellte,  aber  es
war  eine  Forderung,  deren  Erfüllung  andererseits  wieder  auf  das  gesamte  staatliche
  und  wirtschaftliche  Leben  des  deutschen  Volkes  befruchtend  einwirken  mußte.
So  ergab  sich  denn  für  Sigmund,  als  märkische  Abgeordnete  unter  Führung
des  Kaspar  Gans  zu  Putlitz  zu  ihm  nach  Ofen  kamen,  „der  Lande  Mißstand  und
Notdurft“  zu  klagen,  „mit  demütigen  Bitten  ihn  baten,  persönlich  in  die  Mark
        <pb n="67" />
        Burggraf  Friedrich  VI.  von  Nürnberg.  37

zu  kommen  und  Rat  zu  finden,  daß  solche  Unsteuer,  Krieg  und  Schaden  hingelegt
und  niedergehalten  werden  möge“,  die  zwingende  politische  Notwendigkeit,  auf
diese  Klagen  einzugehen.  Unzweifelhaft  erkannte  er,  daß  die  Erhaltung  und  Befestigung
  seiner  eigenen  Macht  als  deutscher  wie  als  ungarischer  König  fordere,
dies  Land  dahinzugeben.  Denn,  und  darin  wird  das  Hauptmotiv  Sigmunds  für
diese  Schwächung  säines  Hauses  gelegen  haben,  nach  all  den  Leiden,  die  über  die  Mark
ergangen  waren,  brachte  sie  keinen  finanziellen  Ertrag,  sondern  forderte  finanzielle  Opfer.

Wenn  er  aber  Umschau  hielt  unter  den  Fürsten,  die  in  Betracht  kommen
konnten,  so  mußte  sein  Blick  haften  bleiben  am  Burggrafen  Friedrich  VI.
von  Nürnberg  aus  dem  Hause  Hohenzollern,  seinem  „heimlichen  Rat“.
Schon  in  frühen  Jahren  hatte  ihn  Friedrich  auf  seinem  Türkenzuge  begleitet,  1896
Not  und  Gefahr  mit  ihm  geteilt,  hatte  dann  in  den  folgenden  Zeiten  den  Landfrieden
  in  Franken  kräftig  aufrecht  erhalten,  König  Ruprechts  Regierung  zu
stützen  versucht  und  hielt  sich  nun  wieder  auf  Sigmunds  Wunsch  und  vielleicht
zur  Vermeidung  einer  kostspieligen  Hofhaltung  wieder  bei  Sigmund  auf.  Hier
entfaltete  er,  wie  es  heißt,  zum  Nutzen  der  ungarischen  Krone  eine  vielfältig  ruhmvolle
  und  verdienstliche  Thätigkeit.  Vor  allem  aber  schuldete  Sigmund  ihm  Dank
für  das  große  Geschick  und  den  steten  Eifer,  mit  welchem  Friedrich  trotz  aller
Wirrnisse  gerade  jetzt  seine  Wahl  zum  römischen  König  betrieben  hatte.  Für  1110
Sigmund  und  seine  Stellung  im  Reich  war  daher  die  Aufnahme  dieses  durch  hohe  um
staatsmännische  Begabung,  durch  kriegerisches  Geschick,  durch  einen  friedliebenden
und  doch  energischen  Charakter  ausgezeichneten  Fürsten  in  das  Kurkolleg  von
wesentlicher  Bedeutung.  Hinzu  kam  aber  die  hervorragende  Bedeutung,  welche
Friedrichs  Haus,  welche  die  Hohenzollern  sich  seit  ihrem  ersten  Auftreten  in  der
Geschichte  im  Dienste  für  Kaiser  und  Reich  errungen  hatten.

Das  Haus  der  Hohenzollern  entstammte,  wie  man  wahrscheinlich  zu  machen
gesucht  hat,  dem  Stamme  der  alten  alamanischen  Herzoge  der  Burkardinger.
Nach  dem  Stammsitz,  der  Burg  Zollern  werden  zuerst  Wezel  und  Burkard  als
"'de  Zolrer  1061  genannt,  doch  ist  diese  Familie  am  Ende  des  Jahrhunderts  1061
schon  so  bedeutend,  daß  Adalbert  von  Zollern  als  der  Hauptstister  des  Klosters
Alpirsbach  im  Schwarzwald  bezeichnet  wird.  Der  fromme  Sinn,  der  sich  in  dieser
Stiftung  zeigt,  war  indessen  damals  der  allgemein  herrschende,  die  Hohenzollern
aber  haben  sich  durch  hervorragende  Eigenschaften  schon  frühzeitig  einen  besonderen
Namen  unter  ihren  Genossen  verschafft:  durch  große  Wirtschaftlichkeit,  durch  regen,
auf  Zusammenhalt  der  Güter  gerichteten  Familiensinn  und  vornehmlich  durch
treuesten  Anschluß  an  die  Reichsgewalt  und  strenge  Pflichttreue  in  der  Ausübung
ihres  fürstlichen  Amtes.  Denn  das  Wesentliche  der  Burggrafschaft  von  Nürnberg
war  das  mit  ihr  verbundene  kaiserliche  Landgericht.  Die  Burggrafen  hatten
vohne  Mittel  an  eines  römischen  Kaisers  oder  Königs  Statt  zu  richten“",  und
dieses  Gericht  erstreckte  sich  über  Sachsen,  Franken,  Schwaben  und  die  Rheinlande
d.  h.  fast  das  gesamte  Reich.  Dies  fürstliche  Amt  als  solches  bot  seinen  Trägern
keine  Gelegenheit  zu  der  sonst  in  Deutschland  üblichen  Ausbildung  eines  in  sich
abgeschlossenen  fürstlichen  Territoriums,  wohl  aber  eine  so  lebendige  Beziehung
zum  Reich,  daß  die  Burggrafen  wie  naturgemäß  in  der  Stärkung  des  Reichs
zugleich  die  Hebung  ihres  eigenen  Ansehens  sahen  und  in  der  von  anderen  deutschen
Fürsten  erstrebten  Schwächung  der  Reichsgewalt  zugleich  die  Verminderung  der
Bedeutung  ihres  Landgerichts  erkennen  mußten.  Zwischen  dem  Amt  der  Burg-
        <pb n="68" />
        38  Die  Hohenzollern.

grafen  von  Nürnberg  und  dem  Reich  waltete  daher  sozusagen  eine  beständige
Wechselwirkung,  und  im  Sinne  der  Reichstreue  und  Reichspflicht  hatten  auch
die  Hohenzollern  den  Hohenstaufen  gedient,  hatte  Friedrich  III.  die  Wahl  Rudolfs
von  Habsburg  betrieben,  hatte  Friedrich  IV.  dem  König  Ludwig  von  Bayern
in  der  Schlacht  bei  Mühldorf  den  Thron  gerettet,  hatte  Friedrich  V.  zur  Zeit
Karls  IV.  das  Reichspanier  hochgehalten,  in  diesem  Sinne  hatte  auch  Friedrich  VI.
selbst  bisher  gewirkt.  „Hohenzollern“,  so  durfte  daher  der  Dichter  singen:

66—  —  2  4
wtS2.
*.  5  -

land  lds  Vees  α

  
     

N.

    

 

übertragung.
hobenzollern,  Du  wehrhaft  Baus,  Da  alle,  die  Dich  je  gesehn.
Wie  weit  hast  Du  geschauet  hinaus!  Wohl  mõgen  fprechen  und  gestehn:
Al  öberall  im  Schwabenlond  Ein  welrhafter  Haus  im  Land  nicht  gewesen  ist,
Warst  Du  vor  allen  Häusern  bekanmt.  i  Als  Du  bisber  gewesen  bist!
Faksimile  (O#inalge)  zus  „Ein  Lied  von  brae  Friederich  von  Zolre“
onrad  Silberdraht  (1416).
Papierhandschrist  d.  15.  dehrh.  in  der  Form  jFükfleubskqsichenBlbttothctmDonqueichingmSII

Diese  Treue  der  Familie  der  Hohenzollern  für  das  Reich  gab  daher  die
Hoffnung,  daß  auch  Friedrichs  Nachkommen,  wie  dieser  selbst  in  der  Kurwürde
nur  neuen  Anlaß  finden  würden,  die  Reichsgewalt  zu  stärken  und  zu  festigen.
Hinzu  kam,  daß  die  Lage  der  Besitzungen  des  Burggrafen  im  Herzen  Deutschlands
auf  die  Wechselwirkung  des  Reichs  und  seiner  nördlichen  Mark  einen  günstigen
Einfluß  ausüben  konnte,  und  hinzukam  endlich,  daß  sich  hier  dem  Könige  eine
Gelegenheit  bot,  Feieer  nbn  für  die  großen  Dienste  des  Burggrafen  einen
wirdigen  Ausdruck  z

Unter  solchen  Lchekea  fand  sich,  auch  wenn  uns  die  Motlive  Sigmunds
nicht  ausdrücklich  überliefert  sind,  ungesucht  die  Antwort  auf  die  Klagen  der
märkischen  Abgeordneten.  Selbst  könne  er  wegen  der  Geschäste  der  Reichsregierung,
  der  Herstellung  der  Eintracht  in  der  Kirche  nicht  in  die  Mark  kommen;
statt  seiner  aber  wolle  er  ihnen  den  Burggrafen  Friedrich  senden,  der  werde  ali
ihrem  Elende  ein  Ende  zu  machen  wissen.  Freudig  leisteten  die  Abgeordneten
diesem  die  Huldigung  und  schwuren  ihm  Treue  und  Gehorsam.  Nur  die  Rücksicht
  auf  das  Erbrecht  seines  Bruders  Wenzel,  dem  gerade  der  Burggraf  als
Beförderer  der  Königswahl  Sigmunds  nicht  die  willkommenste  Persönlichkeit  sein
konnte,  nötigte  Sigmund,  nicht  sofort  mit  seinem  Plane,  der  Erhebung  Friedrichs
        <pb n="69" />
        Burggraf  Friedrich  VI.,  „oberster  Verweser  und  Hauptmann  der  Mark.  39

 

Kloster  Alpirsbach  im  Schwarzwald.
Adalbert  von  Zollern  nebst  einigen  andren  Edlen  1004  gestiftet.
Nach  der  Lithographle  eines  unbekann#ten  Könsi#ers  in  v.  Selufrieds  „Alterth.  u.  Kunstdenm.  d.  H.  Hohenzollern“.  Stuttgort  1688.

zum  Kurkfürsten  hervorzutreten.  In  der  Urkunde  vom  8.  Juli  1411  ernannte  er  um
den  Burggrafen  Friedrich  daher  nur  zum  „obersten  Verweser  und  Hauptmann
der  Mark",  aber  mit  der  Befugnis,  von  dem  Kurrecht  bei  der  Wahl  eines
römischen  Königs  abgesehen,  alle  landesherrlichen  Rechte  nach  eigenem  Ermessen
auszuüben  und  vor  allem  mit  dem  Rechte  der  Vererbung  dieser  obersten  Hauptmannschaft
  auf  seine  Nachkommen.  Der  Burggraf  erhielt  die  oberste  Gewalt  in  Finanz-,
Lehens-,  Gerichts=  und  Militärsachen,  kurz  „volle  und  ganze  Macht  im  allgemeinen
  und  besonderen,  alles  zu  thun,  zu  schaffen,  zu  halten,  zu  setzen,  zu
ordinieren,  was  wir  oder  ein  jeglicher  wahrer  Markgraf  zu  Brandenburg  zu  thun
hätten;  denn  unsre  wohlerwogene  Absicht  ist,  nichts  auszunehmen,  dessen  wir  nicht
dem  Vurggrafen  volle  Gewalt  geben,  allein  ausgeschlossen  die  Kur  eines  römischen
Königs  und  was  dahin  gehört,  das  uns  vorbehalten  bleibt“.  Und  ses
ergiebt  sich  als  der  wichtigste  Zweck  dieser  Maßregel,  „dieselbe  unfre  Mark  und
die  dazu  gehörenden  Länder  und  Leute  aus  solchem  kriegerischen  und  verderblichen
Wesen,  worin  sie  lange  Zeit,  was  wir  beklagen,  sich  befunden  haben,  desto  besser
zu  bringen,  und  das  Fürstentum  der  Marken  in  ein  ordentlich  Wesen  und  gute
Sasse  desto  geruhlicher  zu  bringen“.

Nur  Eins  mußte  Sigmund  wenigstens  formell  noch  mit  Rücksicht  auf  seinen
Bruder  König  Wenzel  vorbehalten:  die  Möglichkeit  des  Widerrufs  dieser  Ubertragung.
  Da  aber  jede  thatkräftige  Regierung  in  den  Marken  mit  der  Einlösung
der  verpfändeten  landesherrlichen  Güter  und  Rechte  —  wohl  neun  Zehntel  aller
        <pb n="70" />
        40  Burggraf  Friedrich  VI.,  „oberster  Verweser  und  Hauptmann  der  Mark“.

 

—  —
.  &amp;amp;
——

 

—  —  E

Stadt  und  Burg  Nürnberg.
Aus  Conrad  Celtis  „Quatuor  lidri  ormorum=  Nürnberg  1502.  (Drucker  unbekannt.)

landesherrlichen  Einkünfte  waren  damals  verpfändet  oder  verkauft  —  beginnen,
also  sehr  erhebliche  Aufwendungen  machen  mußte,  so  verstand  es  sich  von  selbst,
daß  der  Widerruf  geknüpft  wurde  an  einen  wenigstens  teilweisen  Ersatz  der  gemachten
  Geldaufwendungen.  Eine  Pauschalsumme,  die  man  erst  auf  100,000,
später,  als  es  durch  Vermählung  einer  sächsischen  Prinzessin  mit  dem  ältesten
Sohne  des  Burggrafen  gelungen  war,  Kursachsen  auf  Sigmunds  Seite  zu  ziehen,
auf  150,000  Gulden  festsetzte,  wurde  dem  Burggrafen  für  den  Fall  der  Rückforderung
  zugesichert.  Sigmund  schob  dadurch  etwaigen  Gelüsten  Wenzels,  die
Mark  zurückzubegehren,  einen  festen  Riegel  vor,  dachte  aber  weder,  was  man
früher  behauptete,  an  einen  Verkauf,  noch  was  selbst  jetzt  zuweilen  behauptet
wird,  an  eine  Verpfändung  der  Mark.  Beide  setzen  die  Hingabe  einer  Geldsumme
  an  den  Besitzer  voraus,  eine  solche  ist  aber  vom  Burggrafen  nicht  geleistet
  worden.  Erst  in  dem  Augenblick,  da  etwa  ein  Widerruf  erfolgte,  wäre
die  Mark  für  die  inzwischen  auf  sie  verwendeten  Kosten  Gegenstand  eines  Pfandobjekts
  geworden,  die  Urkunde  aber  spricht  weder  von  Verkauf  noch  von  Verpfändung,
  sondern  von  dem  erblichen  Auftrage  eines  Amtes,  dessen  volle  Ausübung
nur  durch  besondere  Umstände  noch  hinausgeschoben  wurde.  Diese  erbliche  Übertragung
  der  Hauptmannschaft  an  die  Hohenzollern  ist  daher  sachlich  nichts  andres,
als  die  durch  König  Sigmund  kraft  königlichen  Rechts  erfolgte  Ausleihung  eines
Kurlandes,  auf  das  der  Landesherr,  Markgraf  Sigmund  Verzicht  geleistet  hat;
nur  daß  der  König  Sigmund  aus  Rücksicht  für  die  Verwandten  des  Markgrafen
  Sigmund  die  Ausübung  des  Kurrechts  noch  vorbehält,  die  feierlichen
Belehnungsformen  zunächst  noch  hinausschiebt.
        <pb n="71" />
        41

Die  Besitzuahme  der  Mark  durch  die  Dohenzollern.

einahe  ein  volles  Jahr  nach  der
Berufung  Friedrichs  sollte  noch
vergehen,  ehe  der  erste  Fürst  aus
dem  Hause  der  Hohenzollern  die

ark  betrat.  Am  21.  oder
22.  Juni  1412  ritt  Burggraf
Friedrich  VI.  von  Nürnberg,  gefolgt
  von  den  Herzogen  Rudolf
und  Albrecht  von  Sachsen,  dem
Grafen  von  Schwarzburg  und  einer
Anzahl  fränkischer  Ritter,  unter
denen  der  Graf  von  Hohenlohe
hervorragte,  in  die  Stadt  Brandenburg
  ein.

Noch  vor  der  Ernennung  hatte
zwar  König  Sigmund  den  Edlen
Wend  von  Ileburg  in  die  Marken
gesandt,  und  Friedrich  hatte  diese
Sendung  Wends  als  seines  Unterhauptmannes
  noch  zweimal  wieder-4
  Arbeit  Laneg  *  —  Abt  anss  junge  Lo  —  e

In  Verliner  8  lösung  der  verpfändeten  Güter  und

Rechte  beginne.  Aber  so  scharf

und  bestimmt  Sigmunds  und  Friedrichs  Geleitsbriefe  Gehorsam  verlangten,  so

wenig  konnte  der  Unterhauptmann  ohne  kriegerische  Unterstützung,  wie  er  war,

solchen  erzwingen.  Man  lachte  vielmehr  aller  Befehle  und  verweigerte  jebe

Herausgabe  der  Pfänder.  „Gulde  it  Hant  oder  Fut,  wy  hebben  die  Schlote  in

vnser  Hut,  hy  schal  vns  nicht  verjagen.“  Man  verhöhnte  den  Burggrafen  als

and  von  Nürnberg“,  und  meinte,  Kaspar  Gans  sei  Markgraf  genug,  oder  man

hielt  sich  wohl  noch  an  Herzog  Suantibor  von  Pommern  als  den  rechten,  von
Markgraf  Jobst  eingesetzten  Landeshauptmann.

Es  war  in  der  That  die  höchste  Zeit,  daß  der  neue  Landesherr  sich  frei
machte  von  den  Geschäften  des  Königs  und  selbst  in  den  Marken  erschien.  Denn
ohne  die  persönliche  Anwesenheit  des  Landesherrn  mußte  in  der  That  die  Meinung
entstehen,  daß  seine  Ernennung  eine  so  folgenlose  sein  werde  wie  die  Jobstens
und  seiner  Statthalter  gewesen  war.  Und  dem  Burggrafen  huldigen,  ihm,  der
als  erste  Forderung  die  Einlösung  der  landesherrlichen  Schlösser  und  Rechte
        <pb n="72" />
        42  Die  Aufgabe.  —  Huldigung  Berlins.

stellte  —  was  hieß  es  anders,  als  den  eigenen  Reichtum,  die  eigene  Macht,
das  so  trefflich  begründete  eigene  Ansehen  untergraben?  Generationen  hindurch
war  man  aufgewachsen,  ohne  eine  Obrigkeit  zu  fühlen,  und  sicher  hatte  man
sich  nur  nach  Maßgabe  der  eigenen  Kräfte  gefühlt.  Sollte  die  Idee  der  Obrigkeit
von  neuem  in  den  Vorstellungen  der  Menschen  Platz  greifen,  so  mußte  diese
erst  wieder  ihren  Beruf  erfüllen,  erst  ein  Verständnis  für  diesen  Beruf,  das
Gefühl  staatlicher  Zusammengehörigkeit  in  der  Brust  des  Menschen  wieder  erwecken.

Burggraf  Friedrich  nun  besaß  den  politischen  Scharfblick  und  den  staatsmännischen
  Takt  für  die  Bedingungen,  unter  denen  in  der  Mark  ein  Staat  geschaffen
  werden  konnte,  und  wenn  die  Herstellung  des  Friedens  der  Zweck  bei
der  Ubergabe  der  Mark  an  ihn  war  so  ergab  sich  ihm,  daß  auch  die  Mittel
friedliche  sein  müßten.  Ein  nur  thatkräftiger  ziber  der  seentsbildenden  Begabung
entbehrender  Fürst  hätte  wohl  meinen  können,  in  einem  entschlossenen  kriegerischen
Vorgehen  gegen  die  Feinde  der  Mark  im  Innern  und  nach  Außen  das  geeignete
Mittel  zu  finden,  und  die  Anschauung  der  Zeit,  die  Sehnsucht  aller  Gedrückten
nach  Frieden,  Recht  und  Ordnung  hätte  ihm  Beifall  zugejubelt.  Aber  selbst
wenn  es  gelungen  wäre,  die  zu  einem  solchen  Kriege  notwendigen  Geldmittel  zu
erlangen,  so  wäre  ein  kriegerisches  Vorgehen  sozusagen  nur  die  negative  Lösung
der  Aufgabe  gewesen.  Es  wäre  die  Behandlung  eines  feindlichen  Landes  gewesen,
  daß  man  auf  solche  Weise  zu  einem  bestimmten  Friedensschluß  nötigen
wollte,  es  wäre  aber  nicht  die  Behandlung  eines  Landes  gewesen,  dessen  man
selbst  Herr  und  Landesfürst  sein  wollte.  Es  hätte  die  Vernichtung  der  eigensten

aft  des  Landes,  nicht  aber  seine  Erhaltung  und  Stärkung  bedeutet;  nicht
Treue  und  Anschluß  der  Unterthanen  an  den  neuen  Herrn,  sondern  Haß  und
Widerwillen,  Gewalt  und  Widerstand  gegen  ihn  hätte  es  erzeugt.  Burggraf
Friedrich  hatte  einen  anderen  Mörtel  zur  Hand,  mit  dem  er  Stein  auf
Stein  fügte  zum  festen  Unterbau  des  Staates.  Mit  außerordentlicher  Energie
empfand  er  das  Amt,  das  ihm  der  König  in  diesem  Fürstentum  gegeben.  Als
„Gottes  schlichten  Amtmann  im  Fürstentum“  sühlte  er  sich  Gott  und  dem  Könige
für  das  Land  verantworklich,  und  je  lebhafter  er  sein  Handeln  von  diesem  Pflichtgefühl
  abhängig  machte,  um  so  mehr  mußte  das  Land  den  Segen  seiner  Herrschaft
  erkennen;  je  mehr  Treue  er  dem  Lande  erwies,  um  so  mehr  mußte  er  auf
die  Treue  des  Landes  rechnen  können.

Mit  großer  Schonung  übersah  Friedrich  daher  den  seinem  Unterhauptmann
entgegengesetzten  Ungehorsam  völlig,  berief  vielmehr,  sich  selbst  streng  an  die
deutsche  Gesetzesanschauung  haltend,  die  Stände  zum  10.  Juli  nach  Brandenburg,
  ihm  die  Huldigung  zu  leisten,  und  begab  sich  inzwischen  nach  der  bedeutendsten
  Stadt  des  Landes,  Berlin-Kölln,  deren  Beispiel  vermutlich  für  die
übrigen  Städte  des  Landes  bestimmend  sein  würde,  und  die  zu  gewinnen  daher
von  besonderer  Wichtigkeit  war.  Zwistigkeiten,  die  innerhalb  der  Bürgerschaft
selb  st  bestanden  zu  haben  scheinen,  sicherten  ihm  von  vornherein  eine  Partei;
auch  mußte  ja  die  Herstellung  des  Friedens  vorwiegend  den  Städten  von  Nutzen
sein,  und  diese  konnten  überdies  hoffen,  durch  den  Anschluß  an  den  neuen  Landesherrn
  eine  Stütze  in  ihrem  Kampfe  gegen  den  Adel  zu  gewinnen.  Und  indem
Friedrich  die  für  Berlin  brennende  Frage,  nämlich  die  Einlösung  Köpenicks  vorerst
nicht  berührte,  auch  das  dem  Landesherrn  von  der  Stadt  verweigerte  sogenannte
Offnungsrecht  noch  unentschieden  ließ,  dagegen  die  Privilegien  der  Stadt  im  all-
        <pb n="73" />
        Landtag  in  Brandenburg.  —  Huldigungen.  43

gemeinen  bestätigte,  erreichte  er  wenigstens  soviel,  daß  die  Bürgerschaft  Berlins
am  7.  Juli  1412  ihm  die  Huldigung  leistete.  Das  war  das  erste  Gelübde  der
Treue  und  des  Gehorsams,  das  den  Hohenzollern  in  der  Mark  geleistet  wurde.
Spandau  und  Nauen,  die  Friedrich  auf  der  Rückkehr  nach  Brandenburg  berührte,
solgten  am  8.  und  9.  Juli  dem  von  Berlin  gegebenen  Beispiel.

Aber  in  Brandenburg,  wo  Friedrich  am  festgesetzten  Tage  wieder  eintraf,
fand  er  nur  einen  kleinen  Teil  der  Stände,  die  Ritter  der  Lande  Teltow,  Lebus
und  Sternberg,  sowie  die  Städte  der  Mittelmark  und  von  Steruberg  und  die
beiden  Bischöfe  von  Brandenburg  und  Lebus  anwesend  und  bereit,  ihm  zu  huldigen.
Auch  Kaspar  Gans  war  als  Vertreter  der  Altmark  und  Priegnitz  zwar  erschienen,
  aber  nicht,  um,  wie  man  von  ihm,  der  mündlich  die  Befehle  Sigmunds  in
Ofen  entgegengenommen  hatte,  erwarten  mußte,  die  Huldigung  zu  leisten,  sondern
um  sich  Abschrift  der  königlichen  Urkunde  auszubitten.  Denn  er  müsse  diese  erst
den  Ständen  der  Altmark  und  Priegnitz  zur  Prüfung  vorlegen.  So  überrascht
Burggraf  Friedrich  von  diesem  Verhalten  gewesen  sein  mag,  so  erfüllte  er  doch
das  Begehren,  meldete  es  aber  gleichzeitig  an  Sigmund,  der  dann  seinerseits
in  einem  sehr  entschiedenen  Schreiben  die  von  den  Ständen  der  Altmark  und
Priegnitz  ihm  vorgelegten  Fragen  zurückwies  und  ihnen  die  sofortige  Anerkennung
des  Burggrafen  befahl.  Trotzdem  verweigerten  sie  diese  auch  jetzt  noch,  und
lebhafter  noch  war  die  Widersetzlichkeit  der  Ritter  im  Havellande,  die  schon  ihre
Burgen  neu  verschanzten,  sie  mit  „Büchsen“  versahen,  um  auch  im  Kampfe  dem
Burggrafen  begegnen  zu  können.  „Und  wenn  es  ein  ganzes  Jahr  Burggrafen
vom  Himmel  regnete“,  so  äußerte  damals  Johann  von  Quitzow,  „so  würde  er
kein  Schloß  herausgeben

Inzwischen  aber  haite  Burggraf  Friedrich  die  ganze  Mittelmark  bis  nach
Frankfurt  durchreist  und  in  den  Städten,  da  er  entgegen  der  hergebrachten
Sitte  unentgeltlich  ihre  Privilegien  bestätigte,  sowie  bei  der  Geistlichkeit  Anerkennung
  gefunden.  Ebenso  leisteten  auch  von  den  Schloßgesessenen  immer  etliche,
so  die  von  Uchtenhagen,  von  Buch,  von  Gröben,  von  Schlabberndorf  die  Huldigung,
und  am  14.  September  ritten  sogar  in  Berlin,  wo  Friedrich  sich  damals  aufhielt,
  viele  Ritter  des  Havellandes,  so  die  von  Knoblauch,  Retzow,  Bardeleben,
Arnim,  Döberitz,  Ribbeck,  Lindow  ein,  schwuren  den  Huldigungseid  und  empfingen
dafür  die  Bestätigung  ihrer  Lehensbesitzungen.  Ein  wesenkliches  Verdienst  um
diese  Sinnesänderung  des  havelländischen  Adels  hatte  sich  der  Abt  Heinrich  Stich
von  Lehnin  erworben.  Das  meiste  aber  that  dazu  Friedrichs  eigenes  Verhalten,
seine  imponierende  Persönlichkeit,  seine  Anerkennung  aller  rechtlichen  Ansprüche,
sein  gütliches  Verhandeln  über  die  einzelnen  Ansprüche  an  die  verpfändeten
Schlösser  und  Güter.  „Sachtmodige  ound  lymplike“,  durch  „sanftmütige  und  glimpfliche
  Teidigung“  suchte  der  Burggraf  den  erneuten  Befehl  Sigmunds,  „Friede  und
Ruhe  wiederzubringen,  Land  und  Leute  desto  besser  zu  schirmen,  und  die  Straßen
im  Frieden  zu  halten“,  in  Ausführung  zu  bringen.  Und,  bezeichnend  genug,
wenigstens  soviel  erreichte  er,  daß  die  widerspenstigen  Vassallen  nicht  wie  gegen
frühere  Landeshauptleute  offenen  Krieg  zu  beginnen  wagten,  sondern  trotz  ihrer
unter  einander  eingegangenen  Verpflichtung,  gemeinsam  wider  den  Burggrafen  zu
stehen,  mit  passivem  Widerstande  sich  begnügten.

Dieser  aber  war  für  den  Burggrafen  um  so  weniger  nachteilig,  als  es  ihm
gelang,  mit  den  meisten  Nachbarfürsten  in  ein  gutes  Einvernehmen  zu  kommen.

1412
        <pb n="74" />
        44  Nachbarfürsten.  —  Huldigung  des  gesamten  Adels.

Wenn  die  Erstarkung  der  Mark  den  Hoffnungen  Pommerns  auf  die  Uckermark,
Mecklenburgs  auf  die  Priegnitz,  Magdeburgs  und  Braunschweigs  auf  die  Altmark,
Anhalts  auf  die  Mittelmark,  sogar  auf  die  Kurwürde,  anderer  Länder  auf  diesen
oder  jenen  Teil  der  Mark  ein  Ende  zu  machen  schien,  so  ist  es  geradezu  erstaunlich,
  daß  es  den  Verhandlungen  Friedrichs  glückte,  mit  den  meisten  Nachbarländern
  —  wie  Magdeburg,  Braunschweig,  Anhalt,  Pommern-Wolgast,  Werle,
den  beiden  Mecklenburg,  Krossen  und  Glogau  —  Bündnisse  abzuschließen,  oder
doch  in  so  nahe  Beziehungen,  wie  mit  Sachsen  und  dem  deutschen  Orden  zu  treten,
daß  er  ihres  Beistandes  gewiß  sein  konnte.  Ebenso  erstaunlich  ist  es,  daß  der
einzige  Angriff,  den  von  außen  her  jetzt  der  Burggraf  durch  die  Stettiner  Herzoge
Otto  und  Kasimir  zu  erleiden  hatte,  zwar  zu  einem  mehrtägigen  Gefecht  auf  dem
Kremmer  Damm  (24.  Oktober  und  folgende  Tage)  führte,  in  dem  so  manche
seiner  Getreuen  aus  Franken,  wie  der  Graf  von  Hohenlohe,  dahinsanken,  der  aber
doch  durchgefochten  wurde,  ohne  daß  einer  der  Nachbarfürsten  die  widerspenstigen
Städte  oder  der  eingesessene  Adel  den  Herzogen  die  gewünschte  Hilfe  geliehen  hätte.
Und  wenn  auch  ein  Teil  der  Edelleute  ohne  Rücksicht  auf  ein  Abkommen  Friedrichs
mit  dem  Magdeburger  Erzbischof  die  Zeit  dieses  Kampfes  mit  Pommern  zu  einem
umfassenden  Einfall  in  magdeburgische  Orte  benutzte,  so  war  doch  Friedrichs
Stellung  eine  so  befestigte  geworden,  daß  nunmehr  sich  die  Städte  der  Altmark
und  Priegnitz  ihm  unterwarfen.

Um  aber  alle  Mittel  des  Friedens  zu  erschöpfen,  hatte  Friedrich  gegen  die
Widerspenstigen  schon  Klage  bei  König  Sigmund  erhoben,  und  da  der  Prozeß,
den  der  König  nun  einleitete,  ohne  Zweisel  mit  dem  Verlust  der  Lehensbesitzungen
für  die  Verklagten  enden  mußte,  so  schien  ihnen  in  der  That  allein  die  bedingungslose
  Unterwerfung  unter  den  Burggrafen  übrig  zu  bleiben.  Gleichwohl
verstand  man  sich  auch  jeßt  noch  nur  zu  Verhandlungen,  Friedrich  aber  ging
darauf  ein,  gestand  —  wie  von  Anfang  an  —  zu,  daß  die  Einlösung  der  Pfänder
lediglich  gegen  die  Rückgabe  der  Pfandsumme  erfolgen  sollte,  forderte  dagegen  die
sofortige  Einlösung  von  Tangermünde,  das  Kaspar  Gans  und  von  Straußberg
und  Saarmund,  das  die  Quitzow  in  Händen  hatten.  Die  Wahl  aber  gerade  dieser
Orte  ist  für  Friedrichs  Politik  insofern  eine  höchst  bezeichnende,  als  dieselben
für  den  freien  Verkehr  des  Handels  in  der  Mark,  besonders  der  Stadt  Berlin
von  hervorragender  Bedeutung  waren.  Auf  Grund  dieser  Verhandlungen  er-L

  folgte  nun  endlich  die  Unterwerfung  des  gesamten  Adels,  im  April  1413  leistete
er,  die  Quitzow  mit  eingeschlossen,  die  Huldigung  und  den  Eid  der  Treue.

Nur  wie  weit  war  man  doch  noch  davon  entfernt,  in  dieser  Huldigung  zugleich
  die  Verpflichtung  zum  Gehorsam  gegen  den  Landesherrun  und  dessen  Gebote
zu  erkennen!  Mit  nichten  glaubte  man  insbesondere  durch  die  Anerkennung  des
#dsherrn  etwa  die  hergebrachte  Sitte  des  Fehdewesens  abgeschworen  zu  haben.

Schwäche  vielmehr  deutete  man,  was  vorsichtige  Maßregel  war,  den  Frieden
“  ktuchün  und  die  Zeitgenossen  meinten,  „sie  huldeten  und  schwuren  betrüglich“.
Zwar  einem  Gebot  Friedrichs  zu  einem  notwendig  gewordenen  Zuge  nach  Trebbin
leistete  der  havelländische  Adel,  auch  beide  Brüder  Quitzow  Folge.  Aber  vom
Lager  des  Burggrafen  zogen  sie  fort  ins  Magdeburgische,  plünderten  ein  Dorf
des  Klosters  Zinna  und  entzogen  sich  nicht  nur  der  Rechenschaft,  die  Friedrich
forderte,  sondern  nunmehr  schlossen  sich  ganze  Scharen  des  Adels  aus  den  verschiedensten
  Teilen  der  Mark  unter  der  Führung  von  Kaspar  Gans  zusammen,
        <pb n="75" />
        Erläuterungsblatt
zu  dem

Rlagebrief  Dietrich  von  Quitzows

an  die  Stadt  Brandenburg  sowie  an  sämtliche  Städte  und  Gemeinden  der
MNeuen  Mark  wider  den  Burggrafen  Friedrich  von  Kürnberg  wegen  des
von  diesem  ihm  angeblich  zugefügten  Unrechtes.

Aus  dem  Jahre  1414.
        <pb n="76" />
        Transskription  und  Übersetzung  des  nebenstehenden  Briefes  von
Dietrich  von  Quitzow.

Wetet  Ratmanne  ihu  brandeboreh  vnde  alre
stede  meynlyken  yn  der  ganczen  nygen  marke
vnde  allen  werken  vnde  meynheden  dar  sulwens  Ik
clage  iw  overt)  den  borchgrewen  dat  dy  stylleawygendy
  is  getogen  vor  myne  slote  vnde  hest  my
dy  all  gewunnen,  So  als  ik  myns  heren  des  koninges
man  was  vnde  syne  hode  nye  vor  seyten  hadde
vnde  zo  ik  vor  der  leyt  bydeme  borchgrewen  was
thus)  czerwest  dar  ny  r0  sckken  ltl
e  my  eyn
ledten  in  der  marke  vor  myns  heren  hern  mannnen
  vunde  steyden  hedde  hy  denne  thu  Sprake
thu  m)  dar  scholde  ik  em  thu  antworden  dar  ik
thu  seyde  dat  ik  dat  gerne  0)  duen  wolde  vnde
vor  boyt  my  ihu  der  sulwen  teyt  thu  lke  vade
thu  rechtte  alze  ik  vor  der  teyt  ducke  vande  mennechweruc
  my  negen  ik/)  ok  vor  boden  hadde  vnde
myzanoch  wor  byde  gegen  alle  bedderwere  luccle
dat  my  alle  nicht  helpen  kan  Wen  den  reche
dach  doen  hy  meynde  den  leyde  hy  my  vor  iryzeke
#vhöwarwaret  synre  eren  vade  stylleswigende  er  d)
IInen  dar  wor  legen  wen  kan  ik  iwer  underwy.-nge
  nicht  ge  nyten  alzo  dat  my  dy  borchgreue
dat  myne  wedder  gewe  z20  mut  ik  em  ower
schrywen  wu  hy  den  gancz  vor  raden  C)  heit  alze
dat  leyder  war  is  vude  wu  hy  mei  hanse  m#y#
nen  broder  dedingede  vmme  plawe  dar  dat  myn
brocker  em  dat  duen  scholde  20  wolde  hy  em
buten  laten  vande  al  syn  gereyde  dat  hy  ihn
Plawc  ane  (upe  7)  hadde  dar  thu  scholde  myn  broder
locs  weysyn  synre  lengenysse  Do  dy  borchgrewe
do  plawe  hadcdde  do  hyt  hy  bancze  loes  laten
wen  hy  (gotzen))  greyp  eyne  vp  der  stede  weciler
ok  be  hylt  h)  buten  solwen  vnde  hylt  myme  brocer
al  dat  nicht  dat  h)  om  ge  secheyt  hadde  dar  hy
Plawe  mede  f□)  kreith  annen  dy  bosheyt  muct  ik
deme  borchgreuen  ower  schriwen  vmme  mynre
manynghe  wyllen  weynt  an  dy  (yt,  dat  hy  my)
ai  myne  weydder  gy(  geschreven  vuder  myn
ingesegel
(L.  S.)  Dyderyh  van  duytczowr.  s.  h.  eic.

 

Wisset  Natmannen  zu  Brandenburg  und  alle
Slädte  insgesamt  in  der  ganzen  Neumark  und  alle
Gewerke  und  Gemeinden  daselbst:  Ich  klage  Euch
über  den  Burggrafen,  daß  er  stillschweigend  vor
mein  Schloß  gezogen  ist  und  mir  es  abgenommen
hat,  obwohl  ich  meines  Herrn  des  Königs  Vassall
war  und  dessen  Gebote  niemals  verletzt  hatte  und  als
ich  vor  einiger  Zeit  bei  dem  Burggrafen  zu  Zerbst
war,  da  er  mir  sagen  ließ,  er  wolle  mich  zu  cinem
Tage  in  der  Mark  geleiten  vor  meines  Herrn
Herren,  Mannen  und  Sitädte.  Hätte  er  donn  Beschuldigungen
  gegen  mich  (vorzubringen),  so  solle  ich
ihm  antworten.  Dazu  sagte  ich,  daß  ich  das  gern
thun  wollte  und  erbot  mich  zu  derselben  Zeit  zu
Gleich  und  zu  Recht,  wie  ich  mich  schon  vor  der
Zeit  ost  und  mannigfach  auch  gegen  Euch  erboten
hatte  und  mich  noch  gegen  alle  biedern  Leute  erbicte;
was  mir  (aber)  alles  nicht  helsen  kann.  Denn  den
Rechistag,  den  er  meinte,  den  legte  er  mir  vor
Friesack,  unbeschabet  seiner  Ehre,  umd  legte  stillschweigend
  die  Seinen  davor.  Wenn  ich  Euren
Beistand  nicht  erlangen  kann,  damit  der  Burggraf
mir  das  Melnige  wiedergiebt,  so  muß  ich  ihn  öffentlich
  beschuldigen,  daß  er  mich  vollständig  verralen
hat  (?)  —  was  leider  wahr  ist  —  und  wie  er  mit
Hans,  meinem  Bruder,  wegen  Plaue  unterhandelt

at,  daß,  wenn  mein  Bruder  ihm  es  Übergeben
würde,  er  ihn  herauslassen  wolle  mit  all  seinem
Geräle,  das  er  zu  Plaue  hälte;  außerdem  sollie  mein
Bruder  seines  Gesängnisses  erlöst  sein.  Als  (nun)
der  Burggraf  Plaue  hatte,  hieß  er  Hans  frei  lassen,
aber  er  ergriff  ihn  auf  der  Stelle  wieder  und  behielt
ihn  draußen  (Sesangen),  und  hielt  meinem  Bruder
alles  das  nicht,  was  er  ihm  zugesichert  hatte,  wodurch
  er  Plaue  frühzeilig  (2)  erhielt.  Dieser  Bosheit
muß  ich  den  Burggrafen  meiner  Forderung  rlDJß  :3)
össentlich  beschuldigen  bis  zu  der  Zeit,  da  er  mi
das  Meinige  wiedergiebt.  Geschrieben  unler  meinem
Insiegel.

(##.  S)  Dielvrich  von  Cuttzow.  Steine)  Hlandchrilt.)

1)  R  und  n  ist  im  Fakstmile  nicht  immer  mit  voller  Deutlichkelt  zu  lesen.

)Ein  zweites  „us  ist  durchgestrichen.

)  Dle  eingeklammerte  Stelle  ist  im  Originole  durchgestrichen  und  nicht  ganz  leserlich.

Statt  .  Jegen  ir“.
        <pb n="77" />
        2  ——  .  W’VgBeznrn

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Berner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates
        <pb n="78" />
        <pb n="79" />
        Neue  Friedensstörungen.  —  Friedrichs  Sieg.  45

Mochten  auf  eigene  Faust  im  Magdeburgischen  und  gegen  den  Bischof  von  Brandenburg,

  und  die  magdeburgischen  Vassallen  vergalten  der  Mark  diese  Einfälle  so
reichlich  wie  möglich.  Noch  einmal  blühte  das  alte  Raubwesen  neu  auf,  und  das
Auspochen  der  Dörfer,  die  Wegnahme  des  Viehes,  Plünderung  der  Ortschaften,
Gefangennahme  der  Beraubten,  Erpressung  hoher  Lösegelder  ward  wieder  in  alter
Weise  geübt.  Aber  nach  erfolgter  Huldigung,  in  der  die  „Huldigenden  sich  verpflichtet
  hatten,  vornehmlich  den  „Frieden  und  Unfrieden“  des  Burggrafen  zu
halten,  hatten  diese  Gewaltthaten  einen  ganz  anderen  Charakter  als  vor  ihr
angenommen.  Von  einem  politischen  Widerstand,  wenn  man  von  einem  solchen
überhaupt  reden  will,  konnte  nun  nicht  mehr  gesprochen  werden,  sondern  nur  noch
von  Widersetzlichkeit  und  Ungehorsam  gegen  die  landesherrlichen  Gebote.  Jetzt
noch  friedliche  Verhandlungen,  ein  gerichtliches  Verfahren  einzuleiten,  war  nicht
nur  völlig  aussichtslos,  sondern  ein  so  klares  Zeichen  der  Schwäche,  daß  auch  der
Abfall  der  Treuesten  zu  besorgen  war,  die  landesherrliche  Autorität  für  immer  in
Frage  gestellt  schien.  Der  Burggraf  zögerte  munmehr  auch  nicht  länger,  und  der
wohlvorbereitete  Kampf  glückte  in  kürzester  Zeit.

Während  dieser  Vorgänge  im  Innern  hatte  nämlich  der  Burggraf  namentlich
  mit  dem  Erzbischofe  von  Magdeburg  und  dem  Herzog  Rudolf  von  Sachsen
gemeinsame  Maßregeln  gegen  die  Friedensstörer  verabredet,  die  Beziehungen  zu
den  anderen  Nachbarmächten  waren  durch  die  schon  oben  erwähnten  Verträge  so
geregelt,  daß  wenigstens  eine  Parteinahme  gegen  Friedrich  von  ihnen  nicht  zu
fürchten  war.  Es  wurde  der  Erzbischof  von  Magdeburg  mit  den  altmärkischen
Edelleuten  versöhnt.  Anleihen  wurden  ausgenommen,  Mannschaften  herbeigezogen
und  das  nötige  Belagerungsgeschütz  —  unter  demselben  jene  „große  Büchse",
welcher  der  Volksmund  den  Namen  der  „faulen  Grete“  gegeben  hat  —  angeschafft.
Ein  glückverheißendes  Ereignis  war,  daß  der  Hauptführer  der  Widerstrebenden
Kaspar  Gans  eben  damals  von  dem  brandenburgischen  Stiftshauptmann  Hans  von
Redern  gefangen  genommen  war.  Ein  Angebot,  das  Dietrich  von  Quitzow  machte,
sich  jetzt  dem  Gerichte  der  Stände  fügen  zu  wollen,  konnte  selbstverständlich  nunmehr
  um  so  weniger  Gehör  finden,  als  noch  im  Januar  Friedensversuche  von  den
Quitzow  zurückgewiesen  zu  sein  scheinen.

Der  Erfolg  des  Kampfes  war  natürlich  abhängig  von  der  Einnahme  der
mächtigsten  Schlösser,  und  dies  waren  Friesack,  wo  Dietrich  von  Quitzow,  Plauen,
wo  Johann  von  Quitzow,  Golzow,  wo  Wichard  von  Rochow,  Beuthen,  wo  Götze
Predöhl  den  Befehl  führten  und  endlich  die  Stadt  Rathenow,  die  ebenfalls  noch
die  Fahne  des  Aufstandes  trug.  Aber  freiwillig  huldigte  nun  Rathenow,  und  überraschend
  schnell  erfolgte  die  aarbminn  der  Burgen.  Pu  ungünstiger  Witterung  —

t  weder  was  gar  ungestald
*  kre  supde  und  was  ##  kaldt
heißt  es  im  Liede  —  waren  sie  sämtlich  im  Laufe  weniger  Wochen  des  Monats
Februar  gebrochen,  Dietrich  entflohen,  Johann  gefangen.

Das  war  in  der  That  ein  unerhörtes  Ereignis;  wie  mit  einem  Schlage
waren  die  Machthaber  und  Friedensstörer,  die  den  Ruf  der  Unbesiegbarkeit  so
lange  aufrecht  erhalten,  vor  denen  sich  alle  in  Schrecken  und  Furcht  gebeugt  hatten,
niedergeschlagen,  vernichtet.  In  ganz  Deutschland  erscholl  daher  das  Gericht  von
dieser  glorreichen  Niederwerfung  der  Räuber,  aller  Orten  feierte  man  Friedrichs

1414
        <pb n="80" />
        46  Friedrichs  Lob.

—  —

—

M

6§

 

Die  Erstürmung  einer  Burg.
Holzschnitt  nach  einer  Zeichnung  von  Hans  Schacuselein  (um  1480—1540),  aus  Petrarcha  „Von  der  Aroncy
bayder  Glück“.  Angsburg  1532,  gedruckt  von  Heynrich  Sleyner.

Namen,  vornehmlich  aber  in  der  Mark.  Ein  märkischer  Dichter,  Nikolaus  Upschlacht,
  preist  des  Himmels  Güte,  die  diesen  Fürsten  der  Mark  gegeben:

Der  marke  zu  troste  sicherlich

DV  ist  ein  furste  von  hoger  ardt;
Hen  vnd  hen  war  hy  sich  kardt,
By  sy,  leie  ader  wolgelarot

Dy  loben  alle  sinen  nahmen,

Dy  werlich  wol  zu  loben  stadt.
Gott  selber  in  siner  majestadt
Mit  des  gantzen  hemels  radt
Den  fursten  hat  erwecket.
        <pb n="81" />
        Friedrich  nach  dem  Siege.  47

Aber  so  hell  der  Glanz  der  kriegerischen  Leistung  leuchtete,  so  hatte  man
als  das  Wesen  der  burggräflichen  Politik,  als  das  beste  Zeugnis,  wie  ernsthaft
er  seine  Pflicht  gegen  die  Mark  auffaßte,  doch  schon  die  Wahrung  und  Befestigung
des  Friedens  so  allgemein  anerkannt,  daß  der  Dichter  nicht  richtiger  den  Fürsten
zu  verherrlichen  meinte,  als  durch  die  Betonung  seiner  Friedensliebe.

·  Ustdenacie  ar  sachte,
neshrie  nas  "  —
Na  frede  sinndt  all  syn  beger.

ri
r  *
r  steit  nach  guden  freden.

Wie  treffend  diese  Anschauung  war,  zeigte  denn  auch  wieder  das  Verhalten
des  Burggrafen  nach  dem  Siege.  Nicht  aus  landesherrlicher  Macht,  wie  es  wohl
natürlich  gewesen  wäre,  bestraste  er  die  Friedbrecher,  sondern  den  Landständen
überließ  er  auf  einem  zum  20.  März  1414  einberufenen  Tage  die  Entscheidung,
welche  Strafen  jene  treffen  sollten,  14  hob  späterhin  die  erkaunten  Strafen  fast
sämtlich  im  Gnadenwege  auf.  Um  jedoch  den  „mannigfalten  Schaden,  welcher  der
Mark  Brandenburg  durch  Mord,  Raub  und  Brand  bisher  geschehen  und  zugezogen
ist,  mit  Gottes  Hilfe  vorzubeugen  und  zu  wahren,  und  das  Land  für  die  Zukunft
  nach  Kräften  in  friedliche  Lage  zu  bringen“,  errichtete  der  Burggraf  mit
Zustimmung  der  Stände,  der  geistlichen  und  weltlichen  Herren,  Mannen  und
Städte  das  Landfriedensgesetz  vom  20.  März  1414,  durch  welches  an  Stelle  der
Selbsthilfe  nun  endlich  wieder  das  ordentliche  Gericht  des  Landesherrn  gesetzt,
vorzüglich  aber  auch  der  Macht  der  Selbstherrlichkeiten  und  der  Zerstückelung  der
Mark  in  einzelne  Herrschaften  ein  Ende  gemacht  war.  Der  Landesherr  war  in
Wahrheit  wieder  Herr  des  Landes  geworden.  Und  welchen  Eindruck  mußte  es
in  diesem  bisher  selbstherrlichen  und  rechtlosen  Lande  machen,  als  Werner  von
Holzendorf  dem  herumstreifenden  und  tollkühn  wieder  auf  Raub  und  Mord  ausziehenden
Dietrich  von  Quitzow  die  hilfreiche  Hand  bot,  und  Friedrich  die  bertretung  des  Landfriedens
  durch  diesen  gerade  besonders  begünstigten  Vassallen  nicht  mit  der  im  Lande  gewohnten
  Gewalt  ahndete,  sondern  ein  förmliches  Rechtsverfahren  gegen  ihn  einleitete!
  In  aller  Form  Rechtens  ward  Werner  durch  ein  Lehensgericht,  zu  dem
auch  frühere  Anhänger  der  Quitzow  als  Beisitzer  zugezogen  wurden,  zum  Verlust
seiner  sämtlichen  Lehensgüter  verurteilt.

Mit  diesem  Akt  durfte  Friedrich  die  Besitznahme  der  Mark,  ihre  Befriedung,
die  Begründung  friedlicher  Zustände  als  zunächst  gesichert  ansehen.  Denn  auch
die  einzelnen  Gerichte  machten  nun,  da  es  möglich  war,  freien  Gebrauch  von
ihrer  Pflicht,  die  Friedrich  als  den  eigensten  Beruf  des  Fürsten  bezeichnete,  „das
Recht  zu  stärken  und  das  Unrecht  zu  kränken".

Während  dieser  meisterhaften  Thätigkeit  Friedrichs  in  der  Mark  war  Sigmund
nach  Italien  gezogen,  hatte  dort,  mit  Papst  Johann  verhandelnd,  die  Berufung
eines  Konzils  durchgesetzt.  Als  er  nach  Deutschland  zurückgekehrt  war,  eilte
nunmehr  auch  Friedrich  zu  ihm,  versah  bei  der  endlich  zu  Aachen  am  8.  November
erfolgten  Krönung  das  dem  Kurfürsten  von  Brandenburg  zustehende  Ehrenamt  als
Erzkämmerer  und  begab  sich  von  da  nach  Konstanz,  wo  er  wenige  Tage  nach

Sigmund  am  5.  Januar  1415  eintraf.  Hierher  war  nämlich  das  Konzil,  jene  115

großartige  Versammlung  weltlicher  und  geistlicher  Würdenträger  der  ganzen  Christen-
        <pb n="82" />
        48  Friedrichs  Erhebung  zum  Markgrafen  von  Brandenburg.

heit,  berufen,  von  der  man  ein  neues  Heil  der  Welt  und  der  Kirche  erwartete,
hierher  auch  der  Reichstag,  von  dem  die  Reform  des  Reiches  ausgehen  sollte.
Und  wenigstens  einem  deutschen  Lande  sollte  hier  das  wahre  Heil  erstehen  —
der  Mark  Brandenburg.  Denn  eben  hier  vollzog  Sigmund  die  Ernennung  des
Burggrafen  Friedrich  zum  Kurfürsten  von  Brandenburg.

Friedrich,  der  im  „Hohen  Hause“  des  Heinrich  von  Tettikow  am  Fischmarkt
Wohnung  genommen,  widmete  sich  zunächst  mit  dem  Eifer,  der  ihn  auszeichnete,
den  Reichsgeichäften.  ließ  sich  aber  auch  die  Interessen  der  Kirche  lebhaft  angelegen
  sein.  In  dem  berühmten  Prozeß  des  Johann  Hus  hat  er  dagegen  selbstthätig
  nur  in  geringem  Maße  eingegriffen,  denn  das  war  nicht  seines  Amtes.
Doch  das  Ansehen  des  Konzils  und  des  Königs  aufrecht  zu  erhalten,  das  war
seines  Amtes,  und  als  Herzog  Friedrich  von  Ssterreich  im  Bunde  mit  dem  Papste
Johann  XXll.  beiden  offen  Hohn  sprach,  war  es  Friedrich,  der  jenen  zur
Demütigung  unter  den  König  zwang.

Nächst  dem  Könige  selbst  war  daher  unter  allen  weltlichen  Fürsten  der
Burggraf  einer  der  bedeutendsten,  er  erschien  fast  wie  ihr  natürliches  Haupt,
dem  wohl  einmal  die  deutsche  Königskrone  zufallen  müsse,  der  jedenfalls
eines  Kurhutes  würdig  sei.  So  zögerte  denn  auch  Sigmund  nicht  länger,  seine

ins  ursprüngliche  Absicht  auszuführen,  und  am  15.  April  1415  vollzog  er  die
zweite  jener  Urkunden,  auf  denen  die  Herrschaft  der  Hohenzollern  beruht,  jener
Urkunden,  die  für  das  ganze  Reich  von  grundlegender  Bedeutung  werden  sollten.
r  erhebt  den  Burggrafen  zum  Erzkämmerer  des  deutschen  Reichs  und
Markgrafen  von  Brandenburg  „in  Betracht  der  Redlichkeit  dieses  Fürsten,  seiner
Vernunft,  Macht,  Festigkeit  und  der  sonstigen  Tugenden,  womit  der  allmächtige
Gott  seine  Person  reich  geziert  habe“.  Er  hebt  die  eigene  Unmöglichkeit,  dem
Lande  vorzustehen,  und  die  Notwendigkeit,  das  Kurkollegium  zu  erhalten,  bervor
und  fährt  dann  fort,  „da  nun  ferner  auch  landkundig  ist,  wie  mit  Hilfe  d
allmächtigen  Gottes  gedachter  Friedrich  durch  seine  Vernunft,  mit  seiner  57
Arbeit  und  Wagnis,  sowie  auch  mit  großen  Aufwendungen  und  Kosten,  die  er
aus  seinem  eigenen  Vermögen  gemacht  hat,  die  genannte  Mark  in  einen  so  trefflichen
  Zustand  des  Friedens  und  guter  Ordnung  gebracht,  namentlich  Raub  und
andere  Unthaten  dermaßen  unterdrückt  und  ausgerottet  hat,  daß  wir  sowie  auch
alle  Einwohner  der  Mark,  wovon  wir  wohl  unterrichtet,  dadurch  sehr  zufrieden
gestellt  sind;  da  es  uns  auch  billig  zu  sein  dünkt,  daß  wir  ihm  für  solche  seine
Arbeit  uns  dankbar  erweisen,  und  daß  ihm  der  gemachte  Kostenaufwand  wieder
erstattet  werde;  ingleichem  in  Erwägung  seiner  willigen,  nützlichen  und  getreuen
Dienste,  die  er  uns  lange  Zeit  fleißig  und  unverdrossen  gethan,  täglich  thut  und
sforkan  noch  thun  soll  und  kann",  —  habe  er  die  Erhebung  Friedrichs  vollzogen.
Eine  solche  feierliche  Erklärung  aus  dem  Munde  des  deutschen  Königs  läßt  wahrlich
  erkennen,  welche  überaus  ersprießliche  Thätigkeit  Friedrich  geübt  haben  muß.
Als  Zweck  der  Erhebung  spricht  aber  wieder  die  Urkunde  mit  unfehlbarer
Deutlichkeit  die  Erhaltung  des  Friedens  aus  —  „so  wie  endlich  in  der  Absicht,
daß  der  Friede  und  die  Besserung,  welche  die  Mark  und  deren  Bewohner  in
den  Zeiten  seiner  Hauptmannschaft  durch  Gott  und  des  gedachten  Friedrichs
Arbeit,  Redlichkeit  und  Macht  gewonnen,  erhalten  bleibe  und  zunehme,  und
die  Mark  nicht  unfre  Abwesenheit  entgelte“"  —  darum  habe  er  mit  Zustimmung
der  Kurfürsten  und  vieler  anderer  deutschen  Fürsten  „dem  vorgedachten  Friedrich
        <pb n="83" />
        Friedrichs  Erhebung.  —  Thätigkelt  in  der  Mark.  49

und  seinen  Erben  die  vorgedachte  Mark  und  das  Kurfürstentum  mit  der  Kur
und  mit  dem  Erzkammermeisteramte  und  mit  allen  und  jeglichen  anderen  Würden
—  gegeben  und  ihn  auch  zu  einem  wahren  und  rechten  Markgrafen  darüber
emacht“.

6  Die  Möglichkeit  der  Rückforderung  der  Mark  durch  die  Luxemburger
wird-  freilich  noch  aufrecht  erhalten,  die  Entschädigung  für  die  in  ihrem  Interesse
gemachten  Auslagen  indessen  auf  400  000  Gulden  erhöht,  so  daß  die  volle
Sicherheit  des  Besitzes  8  mit  dem  Aussterben  der  Luxemburger  eintritt.  Höchst
merkwürdig  ist  auch  die  weitere  Bestimmung,  daß  Friedrich  die  Mark  ohne
jede  Entschädigung  in  dem  Fall  wieder  abtreten  soll,  wenn  er  mit  Sigmunds
Gutheißung  römischer  König  werden  sollte.

Aber  leicht  begreist  man,  daß  eine  Staatengründung,  als  deren  Zweck
immer  wieder  die  Herstellung  geordneter  und  friedlicher  Verhältnisse  betont  wird,
auch  nur  durch  friedliche  Mittel  erhalten  werden  könne.  Man  hofft,  daß  eine,
die  meisten  Fürsten  seiner  Zeit  so  weit  überragende  Persönlichkeit,  die  zudem
aus  ##leinem  durchaus  reichstreuen  Hause  stammte,  auch  Erben  haben  werde,  die,
den  Fußstapfen  der  Ahnherren  folgend  in  der  Wahrung  des  Friedens,  der  Reichstreue
  und  des  Pflichtgefühls  hervorragen  werden.  König  Sigmund  hat  dieser
Hoffnung  gelebt,  die  Geschichte  hat  sie  in  einer  Weise  erwiesen,  die  weit  hinausgreift
  über  das  Verständnis  jener  Zeit.  Was  die  Gedanken  der  Zeit  immerhin
als  ein  politisches  Ereignis  von  großer  Bedeutung  bezeichnen  mochten,  haben
die  Jahrhunderte  zu  einem  welthistorischen  Akt  gestempelt,  dem  nur  wenige  an
die  Seite  zu  stellen  sind.  —

Kurfürst  Friedrich  begab  sich,  nachdem  er  den  König  Sigmund  auf  seiner
großen  Reise  durch  den  Westen  Europas  bis  nach  Bern  hin  begleitet  hatte,  zurück
in  die  Mark  und  empfing  —  allerdings  mußten  einige  rechtliche  Bebenken  der
Städte  noch  beseitigt  werden  —  am  21.  Oktober  zu  Berlin  die  allgemeine  Erbhuldigung
  als  rechter  Erbherr.  Unterstützt  durch  die  vom  königlichen  Hofgericht
über  die  Herzoge  von  Stettin  ausgesprochene  Acht  ordnete  er  die  Beziehungen
zu  Pommern  und  Mecklenburg,  suchte  im  Auftrage  Sigmunds  zwischen  dem
deutschen  Orden  und  Polen  Frieden  zu  stisten  und  nahm  vor  allen  Dingen,  seinem
wohlwollenden  und  vertrauenden  Herzen  nachgebend  und  seine  friedlichen  Absichten
recht  auffällig  offenbarend,  fast  alle  widersetzlichen  Vassallen  in  seine  Gnade  auf.
Durch  feierlichen  Eid  verpflichtete  sich  dagegen  die  Mannschaft  dem  Kurfürsten  zu
Gehorsam  und  Treue  und  versprach,  jede  Selbsthilfe  zu  unterlassen.  Und  wenn
späterhin  es  sich  zeigte,  daß  die  jetzt  geübte  Milde  noch  zu  früh  erfolgte,  und
noch  immer  nicht  alle  Vassallen  der  Pflicht  ihres  Eides  gemäß  zu  handeln  gelernt
hatten,  so  lag  diese  Milde  doch  in  der  Richtung  der  gesamten  Politik  Friedrichs
und  erhöhte  nur  das  Recht  der  Obrigkeit  gegen  die  Friedbrecher.

Indessen  mußte  der  Kurfürst  nur  zu  bald  zurück  nach  Konstanz,  wo  im
Gegensatz  zu  der  glänzenden  konziliaren  Reise  Sigmunds,  wie  man  sie  genannt
hat,  innerhalb  des  Konzils  starke  Zwistigkeiten  ausgebrochen  waren,  von  deren
Beseitigung  die  weitere  Durchführung  der  kirchlichen  Pläne  abhängig  war.  Gerade
nach  der  versöhnenden  und  vermittelnden  Richtung  war  Friedrich  nun  thätig,  und
unter  seiner  Obhut  ward  das  Konklave  der  Kardinäle  abgehalten,  aus  bem
Martin  V.  als  neuerwählter,  nunmehr  alleiniger  Papst  hervorging.  Papst  ur
König  ehrten  daher  Friedrich  als  einen  der  wornehnsien  und  mächtigsten  Mau

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staate#.

1415
        <pb n="84" />
        1417

50  Die  Belehnung.
2*

der  Zeit,  und  unter  den  zahlreichen  Belehnungen  der  deutschen  Reichsstände,  die
jetzt  erfolgten,  war  infolge  dessen  auch  die  Belehnung  des  Kurfürsten  Friedrich  I.  mit
der  Mark  und  dem  Erzkämmereramt  der  Kur  Brandenburg  die  bedeutungsvollste.

Nachdem  schon  am  frühen  Morgen  des  18.  April  1417  zwei  Bannerträger
  mit  dem  Wappen  der  Mark  Brandenburg  und  der  Burggrafschaft  Nürnberg
  in  Begleitung  einer  großen  Schar  von  Rittern  und  Knechten  aus  den  fürstlichen
  Gefolgen  und  unter  dem  Schall  der  Posaunen  und  Pfeifen  die  Stadt
dreimal  durchzogen  hatten,  holten  gegen  8  Uhr  früh  alle  anwesenden  Fürsten  und
Grafen  den  Burggrafen  aus  seiner  Wohnung  im  „Hohen  Hause"  am  Fischmarkt
ab  und  geleiteten  ihn  nach  dem  oberen  Markt,  wo  vor  dem  „Hohen  Hafen“,  der
Wohnung  Sigmunds,  eine  prunkvoll  geschmückte  Tribüne  errichtet  war.  Hier

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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stand  der  Thron,  auf  dem  Sigmund,  umgeben  von  den  Kurfürsten  von  der  Pfalz
und  Sachsen,  von  Kardinälen  und  vielen  anderen  weltlichen  und  geistlichen  Fürsten
und  Herren  Platz  genommen  hatte.  Kurfürst  Friedrich  stieg  mit  seinem  Bannerträger
  die  Treppe  hinauf  zum  Throne  und  beugte  zweimal  die  Kniee  vor  dem
König.  Der  Kanzler,  Bischof  Georg  von  Passau  verlas  unter  allgemeiner  Stille
des  zahlreich  versammelten  Volks  ein  Schriftstück,  welches  die  Rechte  und  Pflichten
eines  Kurfürsten  darlegte,  und  Sigmund  richtete  darauf  die  Frage  an  Friedrich,
„Herr  Kurfürst  des  heiligen  römischen  Reichs,  lieber  Oheim,  wolt  Ihr  das
beschwören?“  Mit  den  Worten,  „Mächtiger  König,  gerne“,  erklärte  Friedrich
seine  Bereitwilligkeit  und  leistete  den  Eid.  Run  ließ  sich  der  König  das  Banner
von  Brandenburg  reichen  und  gab  es  in  die  Hände  Friedrichs,  demnächst  nahm
er  das  Szepter  des  Reichserzkämmerers  und  den  Reichsapfel  vom  Pfalzgrafen
entgegen,  endlich  auch  das  Banner  von  Nürnberg  und  legte  auch  diese  Symbole-
        <pb n="85" />
        Erläuterungsblatt
zu  den  folgenden  drei  Einschaltbildern

„Die  Belehnung  Friedrich  I.  aus  dem  HSause  Dohenzollern  mit  der  Mark
Brandenburg  1417“

aus  Ulrich  von  EKlchenthalt  Chronik.

Ulrich  von  Richenthal  (Reichenthal)  war  zur  Zeit  des  Konzils  ein  angesehener  Bürger
der  Stadt  Konstanz  und  bekleldete  wahrscheinlich  eine  Stelle  im  städtischen  Kanzleiwesen.  Er
stand  während  desselben  vielsach  mit  den  zum  Konzil  anwesenden  Fürstlichkeiten  in  Verbindung
und  hat  uns  eine,  augenscheinlich  meist  auf  persönlichen  Beobachtungen  oder  doch  guten  Insormationen
  beruhende,  höchst  anschauliche  und  lebendige  Geschichte  der  Ereignisse  hinterlassen,
welche  sich  damals  in  seiner  Vaterstadt  abspielten.  Die  Niederschrift  dürste  auf  Grund  von
—mmm  und  Akten  nach  Schluß  des  Konzils  etwa  in  den  Jahren  1418  und  1419
erfolgt  sein.

Unter  den  auf  uns  gekommenen  Handschriften  der  Chronik,  welche  der  Sitte  der  Zeit
gemäß  vielfach  mit  sigürlichen  Darstellungen  von  hohem  sitten=  und  kostümgeschichtlichen  Wert,
sowie  Wappen  geschmüickt  sind,  steht  der  in  der  Wessenbergischen  Stadtbibliothek  zu  Konstanz,
aufsbewahrte  Codex  wegen  der  künstlerischen  Ausführung  seiner  Bilder  in  erster  Reihe.  Ihm
haben  wir  die  folgenden  Abbildungen  entnommen:

1)  den  Holzschnitt,  der  den  festlichen  Umzug  am  Morgen  des  Belehnungstages  darstellt
(s.  den  Text  auf  S.  51);

2)  zwei  Farbendruckbeilagen  stellen  den  gäütewch  Belehnungsakt  dar  (s.  den  Text
ebenda),  während  das  Faksimile  auf  S.  54  eine  Probe  der  Schrift  der  Chronik  und  zwar
von  der  auf  die  Belehnung  beziiglichen  Sielle  gibt.

Im  Druck  erschien  Richenthals  Chronik  zuerst  1483  zu  Augsburg  bei  Anton  Sorg;
diesem  Druck  sind  die  Abbildungen  auf  S.  54  und  55  entnommen.
        <pb n="86" />
        <pb n="87" />
        Belehnung  Friedrichs  I.  aus  dem  Hause  Hohenzollern  mit  der  Mark  Brandenburg  1417.

Festlicher  Umzug  am  Morgen  des  Belehnungstages.
Aus  U.  v.  Rchenthals  Chronik  in  der  v.  Wessenberg'schen  Stadtbibliothek  zu  Konslanz,  auf  etwa  verkleinert.

Verner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates  Verlagsanst.  I.  Kunst  u.  Wissensch.  München
        <pb n="88" />
        <pb n="89" />
        <pb n="90" />
        Die  Belehnuns  Kursurst  hriedrichs  I  aus  dem  Ha
auf  dem  Konzil  zu  Kons
Aieste  Darbtellung,  aus  Ulrich  vön  Richertal:  handschuifllicher

Be#r#er.,  Sesch  &amp;amp;##freus:  #ens
        <pb n="91" />
        e  Hlohenzollern  it  der  Mark  Brandenburę
mz  amn  iß  april  1417

ngon#  iun  der  vWelsenberts  en.  Stadibibl  zu  Konstanz
*  .
        <pb n="92" />
        <pb n="93" />
        Die  Belehnung.  51

in  Friedrichs  Hand.  Fünf--  ¶DOie  lestet  kiinig  Sigmundb  burggralé  Fride
zehn  zahlreiche  Chöre  fielen  wucten  von  nürenderg  marpgraft  hadt  zu
mit  Pfeifen  und  Posaunen  brandenburgschmetternd

  ein  und  be-  *
*“
Wu|

 

29
endeten  die  feierliche  Hand  —*
lung,  der  sich  ein  von  3
Friedrich  dem  Könige  und
allen  Fürsten  auf  der  Rats-  8
stube  dargebotener  Imbiß
anschloß.

Es  war  ein  Akt,  der
die  königliche  Gewalt  noch
einmal  auf  ihrem  Höhepunkt
  zeigte,  ein  Akt,  der
aber  wesentlich  auf  den
Persönlichkeiten  Sigmunds
und  Friedrichs,  auf  ihrem
persönlichen  Verhältnis  zu
einanderberuhte.  Denn  wie
„seinen  leiblichen  Sohn“
liebte  Sigmund  den  Kurfürsten.
  Die  alles  überragende
  Stellung  indessen,
die  der  König  bei  Beginn
des  Konzils  und  während
seiner  großen  Reise  eingenommen,
  schwand  immer
mehr  dahin.  Mit  England
  hatte  Sigmund  zu
Canterbury  ein  Bündnis
geschlossen,  sollte  demgemäß
in  Kürze  Frankreich  den
Krieg  erklären,  war  aber
nun  nicht  im  Stande,  ihn
auch  nur  zu  beginnen.  Die  Belehnung  Friedrichs  I.  aus  dem  Hause  Hohenzollern  mit
Immer  kräftiger  vielmehr  der  Mark  Brandenburg.
erhoh  die  Oposition  der  #  e#  ker  uwd.W/ed.  iat  aror.

deutschen  Fürsten  ihr  Llnle  Hailie.

Haupt,  die  rheinischen  Kurfürsten

  schlossen  sich  zusammen,  Kurfürst  Ludwig  von  der  Pfalz,  der  bisher  treu
und  eifrig  zum  König  gehalten,  gesellte  sich  ihr,  trat  ihm  in  offenem  Zerwürfnis,
ja  mit  Hohn  entgegen.  Der  Achtsprozeß  gegen  den  Herzog  Friedrich  von  Österreich,
  der  Verlauf  des  unerquicklichen  Streites  zwischen  den  beiden  bayerischen
Herzogen  von  Ingolstadt  und  Landshut  gereichten  nicht  zur  Förderung  des  königlichen
  Ansehens.  Im  Reich,  im  Auslande  und  auf  denr  Konzil  hatte  es  schon
Einbuße  erlitten,  und  da  nun  die  Türken  in  Ungarn  einzufallen  drohten,  die
böhmische  Bewegung  immer  mehr  anschwoll,  so  begreift  man,  daß  Sigmund  jetzt

7
        <pb n="94" />
        52  Friedrich  Statthalter  des  Reichs.  —  Pommern.

2

S

7
*

 

 

Die  Belehnung  Friedrichs  I.  aus  dem  Hause  Hohenzollern  mit
er  Mark  Brandenburg.
Nachldem  Honschnilt  im  ersten  Druck  von  Utrich  von  Rchtentdats  Kongsliumbuch.
Ausbhue  1668,  gedruckt  von  Anton  ð  In  elwa  halber  Größe.
Mechte  Halfte.

ausgefochten  wurden,  gesellten  sich  auch  neue  Kämpfe

seinen  eigenen  landesfürstlichen
  Interessen  nachging,
sich  von  den  Reichsgeschäften
  zurückzog  und
sie  dem  Markgrafen
übertrug.  Er  ernannte
Friedrich,  —  wiederum
übrigens  dessen  besondere
Begabung  für  die  Herstellung
  des  Friedens  betonend,
  —  zu  seinem
„Statthalter  und  Verweser
des  römischen  Reichs  in
deutschen  Landen“.

Friedrich  rechtfertigte
jedenfalls  auch  in  seiner
neuen  Stellung  das  allgemeine
  Vertrauen,  und  er
selbst  „ist  dessen  von  Gottes
Gnaden  sicher  und  fröhlich,
daß  er  seinem  gnädigsten
Herrn  getreulich  gedient
und  sein  Bestes  nach  bestem
Vermögen  und  Verständnis
  bestellt  habe“.

Aber  unter  der  Sorge
für  die  Allgemeinheit  litt
doch  das  Besondere.  Denn
nicht  sobald  hatte  Friedrich

ie  Mark  verlassen,  als
es  sich  zeigte,  daß  seine
den  Friedbrechern  erwiesene
Gnade  und  Huld  doch  deren
inn=  und  Denkungsart
noch  nicht  hatte  ändern
können.  Und  zu  den  Stegreif-Fehden,
  die  namentlich
  in  den  märkisch-magdeburgischen
  Grenzgebieten
mit  den  meckleuburgischen

und  pommerschen  Herzogen,  die  wieder  die  allgemeine  Bedeutung  der  Mark  für
Deutschland  ersichtlich  machten.  In  dem  Umstande  nämlich,  daß  in  Konstanz  die
elehnung  der  Stektiner  Herzoge  nur  unter  bestimmter  Wahrung  der  brandenburgischen

  Lehenshoheit  über  Pommern  vollzogen  war,

mußten  die  Herzoge  nicht

nur  die  Absicht  Friedrichs,  sondern  auch  die  des  Königs  erkennen,  der  Mark,
welche  die  eigene  Herrschaft  der  Herzoge  und  die  Zugehörigkeit  Pommerns  zu
Deutschland  erst  sicherte,  auch  einen  maßgebenden  Einfluß  auf  Pommern  zu  erhalten.
        <pb n="95" />
        Die  slandinavisch-  polnische  Gefahr.  53

 
 
   
  
 

Ste  .  –  4  .
KOK  .  4

**  .  –

henaesn  2732  r.

rden  5F  *  *  chbra

5

 
 

Übertragung:
Am  achien  Tage  nach  Ostern  empfing  Burgraf  Friedrich  von  Rürnberg  vor  dem  Imbiß  um  die  achte  Stunde  getn
%4  1770  die  le  t  ———#3&amp;amp;#  ie  Marlt  g#e  d  es  gezimmert  und  angelegt

an  dem  hohen  ie.  LHüttemue  „Zu  dem  Hohen  efen.  ein  sehr  weiler  und  breiter  (Steg  8  5n  ewöle,  eu
weg  bis  an  die  Fenster  und  vor  den  en  sern  eine  hroße  Tribüne,  worauf  wohl  vierzih  Mann  Kehen  kont

Die  Feleinung  Friedrich  I.  a.  d.  Hause  Hohenzollern  mit  der  Mark  Brandenburg  G
Handschrift  (.  b.  u  De  i  etid  t  E—  In  ½  Gröbe.
Das  widersprach  natürlich  den  Anschauungen  der  pommerschen  und  anderen  Nachbarfürsten
  des  Markgrafen.  Es  kam  daher  nach  der  Gefangennahme  des  Herzogs
Johann  von  Stargard  zu  einem  großen  Bunde  der  „Niederländischen  Herren“  d.  h.
des  Herzogs  von  Schwerin,  zugleich  für  den  von  Stargard,  der  Herzoge  von  Braunschweig-Lüneburg,
  Sachsen-Lauenburg  und  den  bis  dahin  Friedrich  ergebenen  Fürsten
von  Werle.  Indem  diese  nun  sich  auf  der  einen  Seite  mit  Dänemark,  auf  der  anderen
aber  mit  Polen,  das  seinerseits  gegen  den  deutschen  Orden  und  die  deutsche  Herrschaft
in  Böhmen  vorgegangen  war,  verbündeten,  bedrohte  diese  skandinavisch-polnische
Kombination  die  Deutschen  überhaupt.  Und  wenn  Sigmund,  der  gegen  die  Türken,
vielleicht  auch  Böhmen,  die  Hilfe  Polens  brauche  mit  diesen  sich  vereinte,  selbst  eine
Teilung  der  Ordenslande  zugab,  so  war  Friedrichs  ersichtliches  Bemühen,  den
Frieden  zu  erhalten,  nur  von  um  so  iunre  Bedeutung.  Trot  mancher  Herrentage,
  die  zu  schiedlicher  Beilegung  des  Streites  gehalten  wurden,  wogte  der
Kampf  hin  und  her.  Und  wenn  auch  die  Märker  den  Feinden  manchen  empfindlichen
  Schaden  zufügten,  so  schien  das  Unwetter  der  Mark  selbst  um  so  bedrohlicher
  zu  werden,  als  der  Kurfürst  im  Dezember  1419  zwar  daselbst  erschien,  aber  110
ohne  Aufenthalt  sich  nach  Breslau  zu  Sigmund  begab.  Denn  hier  sollte  ein
Fürstentag  über  die  wVeseitigung  der  husitischen.  Lehre  und  über  die  allgemeine
Gefahr  beschließen,  die  dem  deutschen  Orden,  ja  den  Deutschen  überhaupt  aus
dem  slavischen  Vorgehen  drohte.

Anfang  März  1420  gelang  es  jedoch  dem  Markgrafen,  sich  von  diesem  1120
zu  Gunsten  des  Ordens  entschiedenen  Geschäfte  zu  befreien,  und  überraschend
schnell  traf  er  nach  wenigen  Tagen  in  der  Mark  ein,  erschien  an  der  mecklenburgischen
  Grenze,  nahm  die  zwei  wichtigsten  Festungen  daselbst,  Gorlosen  und
Dömitz,  eilte  von  da  in  die  Uckermark  und  gewann  nach  blutigem  Kampfe  mit
Pommern  und  Polen  die  Stadt  und  das  Schloß  Angermünde.  So  gewaltig
war  der  Eindruck  dieser  Siege,  daß  die  Verbündeten  sich  zum  Friedensschluß  oder
doch  mehrjöhrigen  Waffenstillstand  bereit  erklärten  und  Verzicht  auf  jegliche  Selbsthilfe
  und  Unterstellung  ihrer  Ansprüche  unter  rechtliche  Entscheidung  versprachen.
        <pb n="96" />
        54  Ihre  vorläufige  Beseitigung.

Verhandlungen  mit  dem  Erzbischof  von  Magdeburg  und  seinen  Vassallen  führten  auch  an
dieser  Grenze  geordnetere  Zustände  herbei,  und  mit  den  beiden  Herzogen  von  Braunschweig-Lüneburg
  kam  es  durch  eine,  zwischen  diesen  und  zwei  Töchtern  des  Kurfürsten
geschlossene  Eheverabredung  sogar  zu  einem  dauernden  Freundschaftsverhältnis.  Und
in  diesen  Kämpfen  hatte  die  Mannschaft,  hatte  namentlich  Kaspar  Gans  unter  den
uren  des  Landesherrn  gulichten  m  u  Kampf  hatten  auch  die  bedeutendsten  Städte
der  Hansa,  hatten  Hamburg  u  in  voller  Erkenntnis  von  der  Bedeutung
einer  festen  Macht  in  der  hünh  für  5  Hondel,  sich  dem  Kurfürsten  verbündet.

Nunmehr  erst  konnte  die  Besitnnahme  der  Mark  durch  die  Hohenzollern,  zugleich
  aber  die  Neubegründung  eines  geordneten  Staatswesens,  einer  ihre  Aufgabe
erfüllenden  Obrigkeit  und  die  Herstellung  friedlicher  Verhältnisse  zu  den  Nachbarfürsten
  als  vollzogene  Thatsache  gelten.  Und  das  wurde  nun  von  großer
Wichtigkeit.  Denn  schon  war  ein  Unkraut  in  die  Halme  geschossen,  welches  überhaupt
  das  deutsche  Leben  zu  ersticken  drohte.  —

 

Reitersiegel  i  Frichrichs  I.

n  Größe  Originals  im  K.  Pr.  Geh.  Staaldarchiv  du  sr
Den  esantg  tWu.  56  een  mit  golilgen  Schössen  und  e  welsen  K#mein  e  attDeNTstoneqeltImck
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        55

Die  Husitenzeit.

önig  Sigmund  war  durch  den  Tod  seines  Bruders  Wenzel
(1419)  allerdings  der  legitime  König  von  Böhmen  geworden,
  als  solcher  aber  konnte  er  nicht  nur  im  Lande
keine  allgemeine  Anerkennung  finden,  sondern  er  mußte
zugleich  besorgen,  daß  die  böhmischen  Verhältnisse  auch  in
seinen  übrigen  Reichen  nachteilige  Folgen  hervorrufen
würden.  Ja,  der  heftige  nationale  Widerstand,  den
n,  Z  gefunden,  mußte  gegen  Sigmund,  der  die
ark  Brandenburg  und  das  Herzogtum  Brabant  der
n  ie  Sinellatt  den,  Krone  Böhmens  entzogen,  der  den  Helden  und  Märtyrer
des  böhmischen  Volkes  Johann  Hus  trotz  des  zugesicherten
freien  Geleites  den  Flammen  überantwortet  hatte,  zu  einem  weit  heftigeren  werden.
Die  tiefe,  religiöse  Bewegung,  von  der  die  Böhmen  ergriffen  waren,  hatte  sich  zugleich
  auch  ihrer  Brüder  im  ganzen  Slavenstamme  bemächtigt,  und  ebenso  fand  der
nationale  Widerwille  der  Böhmen  gegen  die  deutsche  Herrschaft  bei  ihnen  überall
den  entschiedensten  Beifall.  Kam  es  jetzt  zum  Kampfe,  so  war  vorauszusehen,
daß  es  sich  um  Sein  oder  Nichtsein  handeln  werde,  und  in  diesem  Kampfe  war,
so  schien  es,  bei  dem  Mangel  jeder  verfassungsmäßigen,  vorzüglich  jeder  militärischen
  Ordnung  die  Niederlage  Deutschlands  wahrscheinlich,  der  Sieg  des  Slaventums
  aber  bei  der  gewaltigen  Begeisterung  der  Slaven  fast  gewiß.  Und  sicher
war,  daß,  wenn  in  Böhmen  die  Macht  in  slavische  Hände  überging,  nicht  nur
von  hier  aus  die  Ansprüche  auf  die  Mark  erneuert  werden  würden,  sondern  daß
die  überdies  durch  Friedrichs  Parteinahme  für  den  deutschen  Orden  und  dessen  Sieg
bei  Angermünde  gegen  den  Markgrafen  besonders  erbitterten  Polen,  daß  auch  die
Pommern  und  Meckleuburger  im  Bunde  mit  den  Dänen  alsdann  mit  Freuden
bereit  sein  würden,  zu  helfen,  daß  die  Marken  dem  Reich  entrissen  würden,  ja,
da  man  nun  den  Plan  faßte,  den  zugleich  zum  Erben  des  Königs  von  Dänemark
bestimmten  Herzog  Bogislav  von  Pommern-Stolp  mit  der  Erbin  der  polnischen
Krone  zu  vermählen,  drohte  die  Mark  völlig  von  übermächtigen  Feinden  umklammert
  zu  werden.  Und  um  das  Maß  der  Sorgen  voll  zu  machen,  lohte  auch
in  Franken  wieder  die  Kriegsflamme  auf.

So  war  der  Gegensatz,  in  den  Friedrich  durch  die  Entwickelung  der  Verhältnisse
  gerathen  war,  ein  überaus  eigentümlicher,  gewiß  ein  unendlich  schwer
zu  überwindender,  um  so  schwerer,  als  die  Husiten  mit  siegenden  Waffen  jede
Abwehr  niederschlugen.  Vergeblich  wurde  die  Eroberung  Prags  versucht,  am
Ziska-Berg  erlitt  man  eine  furchtbare  Niederlage  (14.  Juli  1420)  und  das  Heer
mußte  den  Rückzug  antreten.  Ja,  indem  Sigmund  und  die  Kurie  den  Weg  friedlicher
  Verständigung  völlig  aufgaben  und  einen  allgemeinen  Reichskrieg  gegen  die

 

1

5

Böhmen  ins  Werk  setzten,  erlebte  das  Germanentum  (1421  Oktober)  eine  der  111
        <pb n="98" />
        56  Slandinavisch-slavische  Gefahr.  —  Friedrichs  Stellung  zu  Sigmund.

clectoꝛes  septem  sactlimperii  Imperatoꝛgloꝛiosus

 

Trier  ndin  Wainz
Der  gasfer  und  die  7  Kurfürsten  des  hl.  römischen  Reiches.
Aus  Hartmann  Schedels  „Liber  Chronicarum“.  Mit  Holzschnitien  nach  Zeichnungen  von  Michel  Wolgemut

(1834—1519)  und  gt  Pleydenwurff  (t  um  1195)  Nürnberg  1498,  drnru  von  Anon  Koburger.
Linke  Haͤlite.

schimpflichsten  Nicderlagen,  und  fast  das  ganze  Deutschland  seufzte  nun  lange
Jahre  hindurch  unter  den  unerhörten  Gränelthaten  der  entfesselten  Wut  der
Husitenscharen.  Nh  rasfte  man  sich  noch  mehrmals,  im  folgenden  Jahr  sogar
unter  dem  Oberbefehl  des  Markgrafen,  zur  Verteidigung  auf,  aber  jedesmal
ward  man  geschlagen,  und  die  überlegene  Fechtweise  der  Slaven  feierte  über  die
Uneinigkeit  der  Fürsten  und  die  Thaklosigkeit  Sigmunds  so  glänzende  Triumphe,
daß  allmählich  Friedrichs  Rat  und  Friedrichs  Versuche,  mit  den  Husiten  friedlich
zu  verhandeln,  allgemeine  Anerkennung  finden  mußten.

Inzwischen  aber  hatte  Markgraf  Friedrich  nicht  nur  mit  Glück  in  Franken
gefochten,  sondern  auch  einen  Schritt  gethan,  der  wenigstens  die  Hauptmacht  der
Slaven,  Polen,  von  der  böhmischen  Sache  zu  trennen  geeignet  schien.  Die
Böhmen  hatten  nämlich  in  richtiger  Berechnung  des  slavischen  Gemeingefühls  ihre
Krone  dem  König  Wladislaus  von  Polen  angeboten.  Dieser  hatte  sie  zwar
wiederholt  abgelehnt,  doch  aber  nachgegeben,  daß  sein  Neffe,  der  Großfürst  Witold
von  Littauen,  sie  annahm.  Gelang  es  diesem  auch  in  der  Zukunft  nicht,  die
Anerkennung  der  äußersten  Partei  in  Böhmen  zu  erringen,  so  sieht  man  doch,
wie  bedeutsam  dieser  Schritt  auf  die  Vereinigung  der  slavischen  Stämme  wirken
mußte.  Beachtet  man  hierzu  noch  jenes  oben  erwähnte  polnisch-pommersche
Heiratsprojekt,  so  erkennt  man,  welche  Bedeutung  es  hatte,  daß  Friedrich  jetzt
dem  Plane,  eine  eheliche  Verbindung  zwischen  seinem  zweiten  Sohne  Friedrich  und
der  Erbtochter  des  polnischen  Reiches  zu  schließen,  näher  trat.  Denn  durch  diese
        <pb n="99" />
        Friedrichs  Stellung  zu  Sigmund.  57

 

Böhmen  Blolz  Sachsen  Brandenburg

Der  Vaer  und  die  7  Kurfürsten  des  hl.  römischen  Neiches.
Aus  Hartmann  Schedels  „Liber  Chronicarum“.  Mit  Holzschnitten  und  Zeichnungen  von  Michel  Wolgemut
(14341—1519)  und  Wilheim  Pleydenwurff  (f  um  1495),  Rürnberg  1493,  re  von  Anton  Koburger.
Nechte  Halfte.

brandenburgisch-polnische  Vereinigung  wurde  nicht  nur  der  Wiedererwerb  der
Neumark  vom  deutschen  Orden  erleichtert  und  die  pommersch-polnische  Umzingelung
der  Mark  beseitigt,  sondern  in  die  Gemeinsamkeit  und  Zusammenfassung  des
Slaventums  ein  Keil  getrieben,  dessen  Kraft  von  großer  Bedeutung  sich  erweisen
mußte.  Die  allgemeine  slavische  Gefahr  wurde  dadurch  zu  einer  nur  böhmischen
für  Deutschland  gemacht.  Sigmund  freilich,  obwohl,  wie  es  scheint,  anfangs  einverstanden
  mit  diesem  Schritt  Friedrichs,  ward  über  ihn,  da  er  seine  Ansprüche
auf  Polen  beeinträchtigte,  heftig  erzürnt.

Höher  aber  noch  sollte  Sigmunds  Zorn  gegen  Friedrich  sich  steigern,  als
dieser,  um  den  immer  ärger  werdenden  Ausschreitungen  deutscher  Fürsten  und
Städte,  vor  allem  der  immer  deutlicher  zu  Tage  tretenden  Unlust  und  Unfähigkeit
  Sigmunds,  im  Reich  das  Regiment  zu  führen,  ein  Ziel  zu  setzen,  nunmehr
mit  den  schon  längst  in  Opposition  zum  König  stehenden  anderen  Kurfürsten  sich
vereinigte  und  in  der  Kurfürsteneinnung  von  Bingen  (1424)  eine  wirkliche  Reichs=  14
regierung  herzustellen  suchte.  Die  heftigsten  Scheltworte,  die  kaum  geringer  denn
die  wüsten  Schmähungen  des  Bayernherzogs  waren,  stieß  –  gegen  Friedrich
  aus,  trat  all  seinen  Plänen  schroff  entgegen,  übertrug  die  Kur  an  Sachsen,
auf  die  Friedrichs  Sohn  gerechte  Ansprüche  hatte,  auf  das  Haus  Wettin,  that
alles,  um  Polen  zu  feindseligem  Auftreten  gegen  den  Markgrafen  zu  reizen.

Hinzu  kam,  daß  die  Mark  immer  wieder  von  den  mecklenburgischen  und
pommerschen  Fürsten  und  deren  Vassallen  angegriffen  wurde,  ohne  daß  Friedrichs
        <pb n="100" />
        58  Friedrichs  Stellung  zu  Siegfried.

 

Schloß  Kadolzburg.
Nach  einem  Aquarell  von  H.  Grñnewald.

Gemahlin,  die  vom  Volke  „die  schöne  Else“  genaunte  Kurfürstin  Elisabeth,
welche  statt  des  Kurfürsten  die  Regierung  führte,  mit  Erfolg  ihnen  entgegen
treten  konnte.  Zwar  den  Schweriner  Herzog  gewann  Friedrich  durch  die  Hingabe
  von  Dömitz  und  Gorlosen  völlig,  aber  die  Stettiner  Herzoge  erneuerten  den
alten  Bund  mit  Däncmark,  Stargard,  den  Herren  von  Werle,  ja  wußten  auch
die  Hochmeister  in  Preußen  und  Livland,  sogar  den  König  Sigmund  selbst  auf
ihre  Seite  zu  ziehen.  Nunmehr  mußte  Friedrich  persönlich  wieder  in  die  Marken
kommen,  aber  noch  ehe  er  einen  Erfolg  errungen,  folgte  er  der  Weisung  desselben
  Sigmund,  der  nicht  nur  die  Oberlehensherrlichkeit  Brandenburgs  über
Pommern  wieder  aufgehoben,  die  Neumark  mit  dem  deutschen  Orden  vereinigt,
sondern  mit  Friedrichs  Feinden  sich  gegen  diesen  verschworen,  zu  einem  Reichstag

tne  nach  Wien.  Auch  wirkte  die  politische  Lage  hier  doch  soweit  auf  Sigmund  ein,
daß  nunmehr  wieder  ein  besseres  Verhältnis  zwischen  ihm  und  dem  Markgrafen
hergestellt  wurde,  und  wenn  dessen  Sohn  Johann,  der  auf  dem  Landtage  zu
Rathenow  zum  Statthalter  in  der  Mark  bestellt  wurde,  im  folgenden  Jahr
unter  wenig  günstigen  Bedingungen  mit  Pommern  und  Mecklenburg  Frieden
schließen  mußte,  damit  nur  die  Kräfte  frei  würden  für  einen  neuen  Reichskrieg
gegen  die  Husiten,  so  hatte  Friedrich  doch,  wie  immer  er  die  Aussichtslosigkeit
der  Reichsreform  beklagen  mochte,  die  Genugthunng,  seinen  mehrfach  empfohlenen
Weg  der  Verständigung  mit  den  Böhmen  auf  dem  Konzil  zu  Basel  als  Notwendigkeit
  anerkannt  zu  sehen  und  an  dem  Abschluß  der  Prager  Kompaktaten
mitzuwirken.

Doch  wenn  Kurfürst  Friedrich  —  wir  kennen  nicht  recht  seine  Gründe  —.
sich  nun  ganz  von  der  Mark  zurückzog,  so  hatte  er  sich  doch  auch  hier  wie  wenig  später
ein  habsburgischer  Kaiser  unterrichtet  wurde,  den  Ruhm  erworben,  ein  Spiegel
der  Sittlichkeit  und  Rechtschaffenheit  zu  sein,  durch  seine  Tugenden  sich  selbst  verherrlicht
  und  den  Namen  seines  Hauses  weit  und  breit  in  der  ganzen  Welt  be-
        <pb n="101" />
        Friedrich  verläßt  die  Mark.  —  Tod  Friedrichs  1.  59

rühmt  gemacht  zu  haben,  überhaupt  alles  Rühmliche,  was  man  einem  guten  rechtgläubigen
  Fürsten  zuschieben  möge,  als  Eigenschaften,  seiaes  Charakters  und  seiner
Haltung  bewiesen  zu  haben.  Seinem  Hause  hatte  er  ganz  neue  Wege  des
Strebens  und  der  Thätigkeit  geöffnet,  er  durfte  #erbies  die  Überzeugung  haben,
nicht  nur  in  der  Mark  die  adligen  Selbstherrlichkeiten  niedergebeugt,  die  Obrigkeit
  wieder  hergestellt  zu  haben,  sondern  auch  in  dem  Schutz  des  Reiches  zugleich
die  Erhaltung  der  Marken  ermöglicht  und  wieder  in  der  Erhaltung  der  Marken
dem  Reiche  einen  Schutzwall  neu  aufgerichtet  zu  haben.  Was  die  Marken  gewonnen,
  bewährte  sich  als  ein  Gewinn  des  Reiches,  und  in  der  Rettung  des
Reichs  lag  zugleich  eine  Kräftigung  der  Marken.

Nur  mit  zunehmend  Emerzlicher  Enttäuschung  konnte  der  Markgraf  dagegen
den  ungeachtet  all  seiner  Bemühungen  weiter  vorschreitenden  Verfall  im  Innern
Deutschlands,  sowie  die  Mißerfolge  der  kirchlichen  Reform-Versuche  verfolgen.
Schon  die  Wahl  Herzog  Albrechts  zum  römischen  König  (1438),  dessen  Interessen  1/88
noch  mehr  als  die  Sigmunds  im  Osten  lagen,  statt  der  vom  Volke  erwarteten
Wahl  Friedrichs,  war  ein  lebendiges  Zeichen  für  das  Schwinden  der  Bedeutung
der  Obrigkeit.  Die  Wahl  Herzog  Friedrichs  von  Österreich  (1440)  aber  war  10
recht  eigentlich  der  Triumph  aller  der  Bestrebungen,  welche  auf  Lösung
des  Unterthanenverhältnisses  der  Reichsglieder  hinausliefen.  Dagegen  durfte
Friedrich  in  diesen  Wahlen  doch  wenigstens  die  Hoffnung  auf  das  Übergewicht
Deutschlands  über  die  slavischen  Völker  sehen,  und  sein  dritter  Sohn  Albrecht,
der  junge  Achill,  war  es,  der  in  Schlesien  die  wieder  vorwärks  drängenden  Polen
zurückwarf.  In  der  Mark  aber  wies  sein  zweiter  Sohn  Friedrich  die  mecklenburgischen
  Fürsten,  den  Herzog  von  Lauenburg  zurück,  demütigte  den  Bischof  von
Halberstadt,  den  Herzog  Wilhelm  von  Sachsen,  und  der  Name  dieses  Sohnes
wurde  schon  so  gefeiert,  daß  er  „allen  Guten  ringsumher  sehr  verehrungswürdig,
Straßenräubern  und  Friedensstörern  ein  Schrecken  war“,  asshalb  er  auch  des
Kaisertums  würdig  geachtet  wurde.  Wahrlich,  wenn  das  Mißlingen  aller
Pläne  auf  eine  nationale  Reform  des  deutschen  Reichs  den  Tod  des  alten
Markgrafen,  der  am  21.  September  1440  auf  der  Kadolzburg  erfolgte,  1410
schwer  machte:  im  Hinblick  auf  solche  Söhne  durste  er  an  der  Zukunft  des
Vaterlandes  nicht  verzweifeln,  durften  auch  die  Märker  auf  Vollendung  des  großen
Werkes  hoffen.

 

Groschen  Kurfürst  Friedrichs  I.
In  Größe  des  r  inal  (Silber)  im  K.  Münzkabinett  zu  Berlin.
W  Avers:  FR'DERGC’M  PCEPS  ELECTOR  (Fiidericus  marchio  princeps  elcctor
Nevers:  GROSSVS  z  nAHDURG  *.  (Grossus  marchionis  Brandenborgensis).
        <pb n="102" />
        Kurfürst  Sriedrich  II.  1440  -1470.

     

aut  Testament  von  1437  hatte  Friedrich  seine  Länder  unter
seine  vier  Söhne  so  geteilt,  daß  die  fränkischen  Besitzungen
  seinem  ältesten  und  seinem  dritten  Sohne
Johann  und  Albrecht  zufielen,  die  Mark  aber  zunächst
-  auf  seinen  **  Sohn  Friedrich  überging,
während  dem  vierten,  ebenfalls  Friedrich  genannten,
3  ae  Sohn  ein  bedingter  Anspruch  auf  die  Mimark  und
Moinz  1452—55.  Priegmit  für  die  Zeit  seiner  Großjährigkeit  zugesprochen
wurde,  —  ein  Anspruch,  der  indessen,  vorübergehende
Verhältnisse  abgerechnet  —  eine  Bedeutung  für  die  Mark  nicht  erlangt  hat.
riedrich  II.  war  ein  im  besonderen  Sinn  friedliebender,  doch  in
vollstem  Maß  iet  auchossener  Charakter.  Nicht  so  hervorragend  wie  der
Vater,  hat  er  doch  durch  Abgrenzung  der  brandenburgischen  Länder  und
namentlich  durch  feste  Begründung  der  landesherrlichen  Macht  für  deren
Entwickelung  sehr  Bedeutendes  geleistet.

Die  ritterlichen  Selbstherrlichkeiten,  die  der  Obrigkeit  spotten  zu  dürfen
geglaubt,  hatte  Friedrich  I.  so  völlig  zerschlagen,  daß  sie  sich  fügen  gelernt
  hatten.  Nunmehr  galt  es  auch,  die  Städte  zum  Gehorsam  zu
zwingen,  sie  zu  lehren,  daß  nicht  das  selbsteigene  Interesse  dieser  oder  jener
Stadt  auf  Kosten  der  anderen  Städte  und  des  platten  Landes  sondern  das
Wohl  der  gefamten  Markgrafschaft  das  Entscheidende  sei,  daß  nicht  der
Reichtum  einzelner  Geschlechter,  sondern  „das  geruhsame  Wohlleben“  aller
Unterthanen  das  Ziel  sei.  Denn  wenn  sich  die  Städte  an  Friedrich  I.  angeschlossen
  hatten,  so  waren  sie  doch  weit  davon  entfernt  gewesen,  dies  aus
Achtung  vor  der  Obrigkeit  oder  in  dem  Wunsche,  über  ihrer  eigenen  Hoheit
eine  landesherrliche  Gewalt  zu  schaffen,  gethan  zu  haben.  Vielmehr  sahen  sie,
wie  bemerkt,  in  dem  neuen  Markgrafen  nur  einen  Verbündeten  in  ihrem  Kampf
gegen  die  Quitzow,  den  Adel  überhaupt.  Denn  nach  dieser  Richtung  hin,  der
„Verdrückung  und  Vertreibung  alles  Adels“,  war  die  Politik  der  Städte  im
ganzen  Deutschland  gerichtet,  und  in  erster  Linie  zählte  ja  der  Landesherr  zur
Nobilität.  Diesen  möglichst  bei  Seite  zu  schieben,  sich  unabhängig  und  auf  Kosten
des  Landes  selbst  zu  einem  eigenen  kleinen  Staatswesen  zu  machen,  bildete  fortgesetzt
  das  Ideal  der  städtischen  Politik.  Die  Einungen  aber,  die  mannigfach
zwischen  einzelnen  Städten  bestanden  und  vor  allem  ihre  Beziehungen  zur  Hansa
        <pb n="103" />
        Det  „Berliner  Unwille“.  61

schienen  dies  Ideal  mehr  und  mehr  zu  verwirklichen.  Ein  Landesstaat  aber,  der
alle  Interessen  des  Landes  umfassen  sollte,  konnte  selbstverständlich  solche  Bildungen,
die  das  Gedeihen  des  Ganzen  schädigten  und  oft  genug  wilde  Empörungen  des
bemeinen  Mannes  gegen  den  regierenden  Rat  hervorriefen,  nicht  dulden.

Eine  solche  Empörung  brach  nun  in  den,  zwar  zu  einem  Gemeinwesen  *
einten  aber  auf  einander  eifersüchtigen,  Städten  Berlin-Kölln  aus.  Aber,  und
das  ist  das  Bezeichnende,  die  „Viergewerke  und  die  Gemeinde“  wandten  sich  an
den  Kurfürsten  um  Hilfe  gegen  den  Rat  über  „ungewohnte  Beschwerung,  die  ihr
geschehe"“.  Der  gemeine  Bürger  wußte,  daß  Abhilfe  seiner  traurigen  Lage,  daß
Hilse  gegen  das  vornehme  Patriziat  nur  beim  Landesherrn  zu  finden  sei.  Und
soweit  war  dessen  Ansehen  auch  schon  befestigt,  daß  selbst  der  Rat,  der  sonst  dem
Fürsten  jeden  Eingriff  in  die  städtische  Selbstregierung  versagte,  auch  seinerseits
die  Vermittlung  des  Fürsten  anrief,  „die  Gemeinheit  zum  Gehorsam  gegen  den
Rat  zu  zwingen“.  Der  Kurfürst  vertröstete  beide  Parteien  mit  guten  Worten
bis  zu  seiner  Ankunft  und  gab,  nachdem  sie  erfolgt  war  und  vielerlei  Verhandlungen
  stattgefunden  hatten,  den  nun  wieder  getrennten  Städten  eine  ganz  neue
Verfassung,  die  bei  aller  Wahrung  kommunaler  Selbständigkeit  doch  mehrere  der  1412
staatlichen  Hoheitsrechte  dem  Landesherrn  wieder  zusicherte.  Außerdem  mußten
die  Städte  Land  hergeben,  auf  welchem  der  Kurfürst  ein  Schloß  zu  bauen  anfing
(31.  Juli  1443),  von  dem  jeder  fühlte,  daß  es  den  Mutwillen  der  Bürger  1466
brechen  und  sie  im  Zaume  halten  sollte.  Aber  wie  wenig  waren  doch  die  Geschlechter
  in  der  Stadt  gewillt,  auf  den  ersten  Wurf  hin  ihre  trotzige  Selbstherrlichkeit
  aufzugeben!  Überall  vielmehr,  „binnen  und  außer  Landes  bei  Fürsten,
Herren,  Mannen  und  Städten“,  suchten  sie  Bündnisse  gegen  den  Landesherrn  abzuschließen,
  warfen  der  fürstlichen  Burg  gegenüber  Befestigungen  auf.  Man
stürmte  „das  hohe  Haus“,  die  alte  Residenz  der  Markgrafen,  erbrach  die  Kanzlei
des  Kurfürsten,  vernichtete  seine  Papiere,  setzte  seine  Beamten  gefangen  oder  versarte
  sie,  stellte  die  alte  Verfassung,  die  Vereinigung  beider  Städte  wieder  her.

Friedrich  aber,  statt  mit  Gewalt  gegen  die  Aufständischen  einzuschreiten,  entbot  sie
vor  einen  ständischen  Gerichtshof,  gewann  andere  Städte  durch  persönliche  Besprechungen.
  Aber,  Und,  merkwürdig  genug,  so  trotzig  Berlin  anfangs  solche  Mittel
des  Friedens  von  sich  gewiesen  hatte,  so  schnell  schwand  der  Mut  vor  dem  Erscheinen
des  kriegerisch  gerüsteten  Markgrafen.  Denn  sobald  der  Markgraf  vor  den  Thoren
der  Stadterschien,  gaben  die  Ratmannen  nach  und  erklärten  nunmehr  sich  dem  Spruche
der  Stände  sügen  zu  wollen.  Selbst  jetzt  noch  wünschte  Friedrich  nämlich  nicht  von
seiner  Macht  Gebrauch  zu  machen,  sondern  verlangte  den  rechtlichen  Ausspruch
der  Stände,  „damit  ein  Jeglicher  erkennen  möge,  wie  gar  gütig,  rechtlich  und
aufrichtig  wir  Uns  gegen  die  Unsren  in  Kölln  und  Berlin  gehalten,  und  anders
nicht  als  Recht  begehrt  und  gesprochen  haben“.  Und  wenn  Friedrich  sich  mit  1/8
der  Ausweisung  der  Rädelsführer  als  einziger  Strafe  des  Aufstandes  begnügte,
der  Stadt  dagegen  die  1442  gegebene  Verfassung  beließ  und  nur  einige  rein
landesherrliche  Rechte  wieder  an  sich  nahm,  so  erkennt  man  deutlich  die  Richtschnur
  des  Kurfürsten.  Es  handelte  si  ch  für  ihn  darum,  die  Übermacht  der
Patrizier  zu  brechen,  aber  gewiß  nicht  in  das  materielle  Emporblühen  der  Städte
einzugreifen.  Die  Hauptsache  aber  war,  daß  nunmehr  den  Städten  —  denn
in  Berlin  war  der  selbstherrliche  Dünkel  aller  Städte  gebrochen  —  die  Stelle
angewiesen  war,  in  der  sie  dem  ganzen  Lande  Nutzen  und  Segen  bringen  sollten
        <pb n="104" />
        62  Innere  Entwickelung.  —  Auswäriige  Politik.

und  konnten.  Friedrich  persönlich  hatte  überdies  unter  den  Fürsten  Norddeutschlands
  mit  diesem  schnellen  Siege  über  die  Städte  die  erste  Stellung
gewonnen.  —

Leichter  noch  als  die  Städte  wußte  Friedrich  auch  die  Bischöfe  in  den
staatlichen  Organismus  einzugliedern,  und  in  dem  Geiste  aufrichtiger  Frömmigkeit,
  der  ihn  beseelte,  gründete  der  Kurfürst  für  den  Adel  den  Schwanenorden,
  der  das  Bekenntnis  der  christlichen  Wahrheit  durch  die  That  sein  und
ein  Vorbild  wahrhaft  adeligen  Wesens  und  Lebens  abgeben  sollte.  Wenn  später
diesem  Orden  die  Stiftung  einer  Brüderschaft  für  das  Bürgertum  folgte,  eine
strengere  Sonntagsheiligung  befohlen  wurde,  so  sieht  man,  wie  Friedrich  bemüht
war,  sittliche  Anschauungen  in  der  ganzen  Bevölkerung  wieder  zu  wecken.

Aber  in  dem  an  die  Gutsherren  gerichteten  Verbot  der  Sonntagsarbeit  lag
zugleich  die  Fürsorge  für  den  gemeinen  Mann  auf  dem  Lande,  der  die  Arbeit  zu
verrichten  hatte,  eine  Fürsorge,  die  lebhafter  noch  in  der  Verordnung  uns  entgegentritt,
  daß  die  Bauern  „keinen  andern  Dienst  oder  sonst  was  thun  sollten,
geben  oder  verpflichtet  sein,  anders  als  vor  Alters  gewesen  und  daneben  mit  nichts
beschwert  werden  in  keinerlei  Weise“".  Wie  der  gemeine  Mann  in  den  Städten
vor  dem  Übermut  der  Geschlechter,  so  wurde  auch  der  Bauer  vor  Übergriffen  der
Gutsherren  durch  den  Kurfürsten  geschützt.

Kurz,  überall  im  Innern  herrschte  eine  rege  Fürsorge  und  scharfe  Aufmerksamkeit
  auf  alles,  was  den  Menschen  zu  irdischem  Wohlbefinden,  wie  zu  einem
christlich  ernsten  Leben  hinzuführen  geeignet  ist.  Natürlich  bedingte  aber  das  Gedeihen
  auch  möglichste  Sicherheit  von  außen,  und  nicht  nur  dem  Charakter  des
Kurfürsten,  sondern  auch  der  Lage  der  Sache  entsprach  es,  wenn  Friedrich  in
der  auswärtigen  Politik  vornehmlich  den  Frieden  zu  erhalten  suchte.

Freilich  das  war  gerade  die  ihm  eigentümliche  Meinung,  daß  ihm,  als  „Ortsfürsten
  an  diesem  Ende  deutscher  Lande  gegen  Polen  und  Preußen  gesessen,  mehr
zufallen  müsse“,  aber  das  Motiv  war  ihm  nicht  ein  ehrgeiziges  Streben  nach
größerer  politischer  Macht,  sondern  seine  Meinung  ergab  sich  ihm  aus  der  Bestimmung
  der  Marken,  „damit  deutschen  Landen  und  dem  heiligen  Reich  nicht
mehr  an  diesem  Ort  zu  fremden  Zungen  entzogen  werde".  Die  Streitigkeiten
mit  den  benachbarten  Fürsten  suchte  Friedrich  durch  Nachgiebigkeit  zu  beendigen,
und  namentlich  Mecklenburg  und  Pommern  gegenüber  begnügte  er  sich  statt  der
bisher  behaupteten  lehensherrlichen  Ansprüche  mit  der  Zusicherung  des  Nachfolgerechts
  nach  dem  Aussterben  der  Herzöge  von  Mecklenburg  und  von
Pommern-Stettin.

Schärfer  aber  noch  tritt  diese  Friedensliebe  uns  entgegen  in  der  Richtung,
die  Friedrich  in  der  allgemeinen  großen  Politik  des  Reichs  einnahm.  Die  Leidenschaft
  und  Heftigkeit,  mit  der  die  flavische  Welt  zur  Zeit  seines  Vaters  dem
deutschen  Wesen  gegenüber  getreten  war,  änderte  sich  zwar  während  der  Regierung
Friedrichs  II.  in  ein  kühl  berechnendes,  aber  darum  nur  um  so  gefährlicheres
Vorgehen.  Und  sie  nahm  einen  so  allgemeinen  Charakter  an,  daß  sie  der  Zeit
überhandtg  das  Gepräge  geben  sollte.  Um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  war  nämlich

  die  Zerrüttung  des  deutschen  Ordens  eine  so  tief  gehende  geworden,  daß  seine
Auflösung  bevorzustehen  schien,  schon  boten  sogar  Mannschaft  und  Städte  dem
Könige  von  Polen  an,  ihm  den  Ordensstaat  auszuliefern.  Da  konnte  es  wohl
an  der  Zeit,  konnte  es  als  eine  Erfüllung  der  Aufgabe  der  Mark  erscheinen,  mit.
        <pb n="105" />
        63

 

 

 

 

Bürgerliches  Leben  im  Mittelalter.
Aus  dem  „Mittekalterlichen  Hausbuch“.  Bilderhandschrift  des  17.  Jahrh

 

zu  Nürnberg.
Unterer  Teil  des  Planetenbildes  Merkur  mit  den  unter  seinem  Einfluß  stehenden  Gewerben.  Auf  677  verkleinert.
Lints  unten  ein  Goldschmied,  darcder  ein  Lehrer,  einen  Schullmnaben  züchilgend,  darüber  ein  Uhrmacher;  rechis  davon  ein  Orgelbaucr,
  welter  rechts  eln  Maler,  darunter  eln  jzunges  Welb  mit  bejahrtem  Ehemann  belm  Mahle  einem  sungen  Bildhauer  unter
Protest  des  Mannes  Weln  relchend.
        <pb n="106" />
        64  Auswärtige  Politik.

—
—

V
.#

 

Kopfbild  der  ersten  Seite  des  frühesten  Druckes  der  Altmark:  Sassenspegel.
Druck  v.  Joach.  Westsal,  Stendal  1488.  (S.  a.  Initial  auf  S.  66.)
Der  Kolfer  mit  elnem  Nter,  der  Popst  mit  elnem  Bischof  hallen  das  M#rihn#s  der  richterlichen  Gewali,  das  Schwert,  in  idren
Händen.  (llber  den  Sochsenspiegel  vol.  S.  11  und  15.)  Noach  dem  Ex##plar  der  K.  Blollolhek  zu  Beriln.

gewappneter  Hand  das  „neue  Deutschland“,  wie  man  es  nannte,  für  Deutschland
zurückzugewinnen.  Der  Kurfürst  aber  beschied  sich,  in  richtiger  Würdigung  der
Verhältnisse  das  zu  erreichen,  was  ohne  Blutvergießen  möglich  war.  Für  40,000
Gulden  kaufte  er  die  von  Kaiser  Sigmund  dem  Orden  verpfändete  Neumark  zurück
und  rettete  dadurch  nicht  allein  dies  Land  für  immer  vor  der  Gefahr,  polonisiert
zu  werden,  sondern  bewahrte  zugleich  der  Mark  den  Frieden  zu  einer  Zeit,  wo
die  Länder  ringsum  in  heftigem  Kriegszustand  waren,  und,  was  mehr  noch  war,
bewahrte  zugleich  die  Mark  selbst  vor  dem  Schicksal,  unter  slavische  Botmäßigkeit
zu  kommen.  Denn  eben  dies  planke  man  damals  in  Polen  sowohl  wie  auch  in
Böhmen,  und  in  den  furchtbaren  Verwickelungen,  die  der  Tod  des  jungen  Königs
Ladislaus  von  Böhmen  (1457)  für  lange  Jahre  hervorrief,  erregte  es  geradezu
Bewunderung,  daß  es  trotz  aller  Einbußen,  die  Friedrich  wie  sein  Bruder  Markgraf
  Albrecht  erlitt,  gelang,  aus  dem  Schiffbruch,  den  das  Reich  infolge  der
aufsteigenden  Macht  des  Böhmen-Königs  Georg  Podiebrad  entgegen  trieb,  im
Frieden  von  Guben  (1462)  die  Marken  zu  retten.  Auf  die  sehnsüchtige  Gier
Böhmens,  die  Marken  zu  gewinnen,  wies  jetzt  selbst  der  Papst  hin,  als  er  seinerseits
  dem  Kurfürsten  die  böhmische  Krone  anbot.  Friedrich  aber  lehnte  unter
Zustimmung  seines  Bruders  Albrecht  ein  solches  Angebot,  welches  Brandenburg
wieder  zu  einem  Teil  Böhmens  gemacht  hätte,  ab,  ebenso  wie  er  schon  1446
dieselbe  böhmische  und  1447  die  polnische  Krone  zurückgewiesen  hatte.

Aber  gerade  durch  das  Hinzuthun  des  deutschen  Kaisers  sollte  nun  die
slavische  Bewegung  doch  noch  eine  Gestalt  bekommen,  die,  indem  sie  die  flavischen
Stämme  aufs  neue  zusammenführte,  zunächst  wieder  Brandenburg  bedrohte.  Inzwischen
  waren  nämlich  die  Herzoge  von  Pommern-Stettin  ausgestorben  (1464),
und  der  Herzog  von  Pommern-Wolgast  hatte  sich  ungeachtet  der  brandenburgischen
Erbverträge  in  den  Besitz  des  Landes  geseht.  Ja  er  trug  nunmehr  unter
        <pb n="107" />
        Friedrich  II.  legt  die  Regierung  nieder.  65

Betonung  seines  slavischen  Blutes  dem  Könige  Kasimir  von  Polen,  der  inzwischen
in  Preußen  völlig  Herr  über  den  Orden  geworden  und  das  Land,  selbst  sprachlich,
slavisiert  hatte,  seine  Länder  zu  Lehen  auf.  Da  aber  auch  die  Hansa  seinem
Unternehmen  die  hilfreiche  Hand  bot,  so  schien  in  der  That,  wie  Friedrich  es
ausdrückte,  „der  ganze  Seestrand  schier  zu  Grabe  gehen  zu  müssen".  Denn  auch
das  Reichsoberhaupt,  obwohl  dem  brandenburgischen  Rechte  anfangs  geneigt,  übersah
im  Zorn  darüber,  daß  Friedrich  und  Albrecht  nicht,  wie  der  Kaiser  wünschte,  mit
Macht  gegen  Böhmen  vorgingen,  sowohl  die  Vorteile,  die  deren  freundliches  Verhalten
  gegen  Georg  Podiebrad  für  Deutschland  bot,  sondern  auch  das  deutsche
Interesse  an  der  Seeküste.  Der  Kaiser  vernichtete  den  zu  Soldin  mit  seiner
eigenen  Zustimmung  zwischen  Brandenburg  und  Pommern  vorläufig  geschlossenen
Vergleich,  unterstützte  und  ermunterte  den  Herzog  von  Wolgast.  Und  indem  er
den  König  Mathias  von  Ungarn  zum  Kampfe  gegen  Podiebrad  aufreizte,  trieb  er
auch  diesen  zum  Bunde  mit  Polen.  Friedrich  mußte  daher  schließlich  nicht  nur
trotz  aller  diplomatischen  Verhandlungen  sein  gutes  Recht  über  Pommern  der
Entscheidung  des  Polenkönigs  anheimstellen,  sondern  zu  allen  heftigen  Wirren,
unter  denen  das  Reich  krankte,  trat  wieder  eine  flavische  Kombination,  die  Polen,
Ungarn  und  Böhmen  —  denn  auch  diese  beiden  näherten  sich  in  Unheil  verkündender
Weise  —  umfaßte.

Aufs  Tiefste  gebeugt  durch  so  schwere  Verhältnisse  legte  Friedrich,  dessen
kluges  Verhalten  doch  seines  scharfsichtigen  Bruders  Albrecht  „Gefallen  von  Anfang,
  Mittel  und  Ende“  gefunden  hatte,  die  Regierung  nieder,  in  der  Hoffnung,
daß  sein  Bruder  —  denn  Söhne  hinterließ  er  nicht  —  Mittel  und  Wege  finden
werde,  aus  diesem  Labyrinth  die  Marken  herauszuführen.  Nur  wenige  Monate
noch  waren  ihm  selbst  beschieden,  am  10.  Februar  1471  ist  Friedrich  II.  zu
Neustadt  an  der  Aisch  verstorben.

 

Totenscin  Friedrichs  II.  mit  der  Keite  des  Schwanenordens.
der  Münsterkirche  zu  Heilbronn  i.  J.  1471  ausgehängt.

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  5
        <pb n="108" />
        Rurfürst  Albrecht.  7470—456.

ur  die  Hälfte  der  fränkischen  Besitzungen,  das  kleine
Markgrafentum  Ansbach,  hatte  Albrecht  beim  Tode
seines  Vaters  geerbt,  aber  die  ganz  außergewöhnliche
  Tüchtigkeit,  die  ihn  auszeichnete,  und  die  er,
in  den  verwickeltsten  Lagen  und  im  Mittelpunkt
des  politischen  Getriebes  stehend,  stets  aufs  glänzendste
  bewährt,  hatte  es  dahin  gebracht,  daß  er
längst  und  unbestritten  als  das  Haupt  des  deutschen
Fürstenstandes,  die  Zierde  der  Ritterschaft  galt.
Die  Nebel,  die  bei  der  Entsagung  des  Kurfürsten
  Friedrich  II.  den  politischen  Himmel  Branden-Ehen
  g  dn  aen  Der  burgs  verfinsterten,  teilten  sich  allmälig,  denn  durch
der  Altmart.  die  schnellen  Fortschritte  und  Rücksichtslosigkeiten
des  Ungarn-Königs,  sowie  durch  den,  von  Georg
Podiebrad  ausgesonnenen  und  von  den  deutschen  Fürsten  aufgenommenen,  Plan
der  Absetung  des  „unnützen  Kaisers“  und  der  Wahl  Herzog  Karl  des  Kühnen
von  Burgund  zum  deutschen  König  ward  der  Kaiser  so  hart  bedrängt,  daß
er  auf  den  Kurfürsten  Albrecht  wieder  angewiesen  war.  In  der  That  rettete
dieser  dem  Kaiser  die  Krone  und  führte  die  Dinge  zu  jenem  glanzvollsten  Reichstag
  der  Regierung  Kaiser  Friedrichs  III.  zu  Regensburg  (1471).  Wenn  auch  die
Reform  des  Reiches  nicht  gelang,  so  durfte  Albrecht  doch  auf  einen  Gewinn
hoffen.  Als  nämlich  nach  dem  Tode  König  Georg  Podiebrads  (22.  März  1471)
der  polnische  Prinz  Wladislaus  zum  König  von  Böhmen  gewählt  worden,  entbrannte
  zwischen  diesem  und  König  Mathias  von  Ungarn,  den  die  katholischen
Stände  Böhmens  zum  König  wünschten,  ein  heftiger  Kampf,  infolge  dessen  das
Interesse  Polens  an  dem  pommerschen  Erbfolgestreit  erheblich  abnahm.  So
entschied  denn  auch  der  Kaiser  jetzt  gegen  die  pommerschen  Herzoge,  und  diese
schienen  sich  zu  sügen.  Im  Vertrage  von  Prenzlau  (31.  Mai  1472)  erkannten
sie  die  brandenburgische  Lehenshoheit  an  und  gestanden  die  Erbhuldigung  wie
den  Besitz  mehrerer  Ortschaften  an  Brandenburg  zu.  Doch  in  der  That  dachte
weder  Herzog  Wladislaus,  noch  dachten  die  pommerschen  Städte  daran,  diesen
Frieden  nun  auch  zu  halten;  vielmehr  drohte  der  pommersche  Streit  eine
Wendung  zu  nehmen,  die  die  Herrschaft  der  Hohenzollern  in  der  Mark  überhaupt
in  Frage  stellte.

Zunächst  erhob  sich  der  Feind  im  Innern:  die  Städte  versagten  dem  Landesfürsten
  die  erforderlichen  Mittel,  ja  neigten  sich  sogar  den  Pommern  zu.  Den
Mangel  an  Geld  hatte  schon  Kurfürst  Friedrich  schwer  empfunden,  ja  er  hatte
sich,  wie  sein  Bruder  Albrecht  übertreibend  sagte,  von  den  eingehenden  Straf-
        <pb n="109" />
        Ungeld.  —  Pommersche  Gefahr.  67

geldern  ernähren  müssen.  Nun  schlug  böiie,  einer  der  tüchtigsten  Finanzmänner
seiner  Zeit,  „der  freilich  auch  noch  Schulden  machte,  sie  aber  auch  bezahlte"  ,

die  Schuldenlast  zu  beseitigen,  auf  dem  ersten  Herrentage,  den  er  in  der  Mant
hielt  (Januar  1471),  eine  Steuer  auf  Bier  und  Wein  für  vier  Jahre  vor.  Doch
die  Städte  verweigerten  eine  solche  indirekte,  Ungeld  genannte  Steuer,  die  die
landesfürstliche  Macht  stärken  und  sie  finanziell  unabhängiger  machen  mußte.  Und
Albrecht  verzichtete  trotz  der,  1456  dem  Landesherrn  ausdrücklich  gegebenen,  kaiserlichen
  Erlaubnis  auf  seinen  Vorschlag,  überließ  den  Ständen  ganz  die  Art,  wie
sie  ihren  Anteil  an  der  Deckung  der  Schuld  aufbringen  wollten  und  übernahm
selbst  den  dritten  Teil,  den  er  auf  eine  dem  Lande  möglichst  bequeme
Weise  einziehen  werde.  Aber  wie  war  man  entsetzt,  als  der  Kurfürst  nach  dem,
ihm  vom  Kaiser  selbst  gegebenen  Recht  zur  Bezahlung  jener  Summe  einen  neuen
Holl  einführen  zu  wollen  erklärte!  Indessen  entschied  ein  ständisches,  auch  von
den  Städten  besetztes,  Schiedsgericht  völlig  zu  Gunsten  des  Landesherrn,  und  der
Kaiser  bestätigte  dies  Urteil.  Mit  dieser  rechtlichen  Anerkennung  des  Prinzips
begnügte  sich  Albrecht  und  unterließ  es,  ihr  Nachdruck  zu  geben,  erreichte  aber  dadurch
nur,  daß  der  doch  nicht  unterdrückte  Widerwille,  der  doch  ungebeugte  Ungehorsam  der
Städte  den  Angriffen  der  Pommern  im  Lande  selbst  Förderung  gewähren  konnte.

Ein  zweiter  Umstand,  wodurch  die  pommersche  Gefahr  einen  so  bedenklichen
Charakter  annahm,  lag  wieder  in  ihrer  Beziehung  zur  flavischen  Bewegung  und
in  den  genaueren  Verhältnissen,  in  die  Albrecht  trotz  gelegentlicher  Entfremdung
durch  seine  langjährige  Unterstützung  der  böhmisch-ungarischen  Politik  des  Kaisers
zu  den  Wirren  in  Polen,  Böhmen  und  Ungarn  getreten  war.  Infolge  dieses
Festhalkens  am  Kaiser  hatte  Albrecht  nämlich  Wratislav  als  König  von  Böhmen
anerkannt  und  war  den  auf  die  böhmische  Krone  gerichteten  Bestrebungen  des
König  Mathias  von  Ungarn  entgegen  getreten.  Der  hierdurch  entstandene  Gegensatz
  zwischen  beiden  Fürsten  erhielt  aber  eine  besondere  Schärfe  noch,  als  der
Schwiegersohn  Albrechts,  Herzog  Heinrich  von  Glogau  starb,  und  dessen  Land
vertragsmäßig  von  Albrecht  für  seine  verwitwete  Tochter  Barbara  in  Anspruch
genommen  wurde,  gleichzeitig  jedoch  ein  Verwandter  des  verstorbenen  Herzogs,
Johann  von  Sagan,  der  wilde  Hans  genannt  das  Herzogtum  in  Besitz  zu  nehmen
suchte.  Denn  mit  diesem  Herzog  Hans  trat  nun  der  König  Mathias  in  Verbindung
  und  veranlaßte  ihn,  eine  gleiche  Verbindung  mit  den  pommerschen  Herzogen
zu  suchen.  So  gestaltete  sich  denn  ein  gemeinsames  Vorgehen  der  Feinde  der
Mark  von  Pommern  bis  nach  Ungarn  hin,  und  bald  unterlag  es  keinem  Zweifel
mehr,  daß  selbst  Sachsen  sich  an  Mathias  anschließen  werde,  daß  auch  der  deutsche
Orden  nur  deshalb  wieder  Ansprüche  auf  die  Neumark  zu  erheben  wagte,  weil  er
in  Mathias  seinen  Genossen  erblickte:  eine  Verbindung,  die  mit  der  Einnahme
Schlesiens  durch  Mathias  ihre  volle  Bedeutung  erhielt.

Hinzu  kam  endlich,  daß  Albrecht  allein  von  allen  Fürsten  dem  Kaiser  Hilfe
gegen  die  Türken  leistete,  und  daß  Herzog  Karl  von  Burgund,  der  im  Westen
eine  alles  überragende  Stellung  gewonnen,  jetzt  mit  König  Mathias  anknüpfte
und  im  Begriff  schien,  auch  Herr  des  deutschen  Reiches  zu  werden.  Außerordentlich
  groß  war  die  Gefahr;  in  innigster  Beziehung  zum  Kaiser  stehend,
suchte  Albrecht,  ihr  zu  begegnen.  Indessen  der  Krieg,  zu  dem  es  kam,  lief  in
einem  Frieden  aus,  der  nur  das  habsburgische  Hausinteresse  wahrte  und  mit  der
Verleugnung  jedes  nationalen  Gedankens  gerade  Albrechts  Ansehen  schädigte.

5
        <pb n="110" />
        68  Krieg  mit  Pommern,  Sagan  und  Ungarn.

Gleichwohl  ging  Albrecht  auf  die  ihm  wiederholt  gemachten  Anerbietungen
des  Königs  Mathias,  in  ein  Bündnis  mit  ihm  zu  treten,  nicht  ein.  Es  schien
zwar  die  sicherste  Hilfe  gegen  die  ringsum  anstürmenden  Feinde  darin  zu  liegen,
wenn  man  den  mächtigsten  von  Lihmen  zu  sich  herüberzog;  aber  ohne  Zweifel  wäre
Mathias  infolge  eines  solchen  Bundes  in  Österreich,  wo  Kaiser  Friedrichs  Herrschaft
  ohnehin  schwankte,  eingebrochen,  und  die  östlichen  Mächte  hätten,  um  die
Mark  Österreich  verstärkt,  nur  um  so  schneller  die  Herrschaft  über  Deutschland
gewonnen.  Denn  schon  gewann  Mathias  Mähren,  Schlesien,  die  Lausitz,  und
bis  nach  Brandenburg  erstreckte  sich  die  ungarische  Grenze.

Inzwischen  war  aber  der  Kampf  ausgebrochen,  Markgraf  Johann,  der  ihn
einstweilen  bestehen  sollte,  war  arg  ins  Gedränge  gekommen  und  nur  mühsam  hielt
er  hin  und  her  verhandelnd  die  siegreich  vorgehenden  Feinde  hin,  bis  endlich  der
alte  Achill  selbst  wieder  erschien,  denn  schon  sah  er  deutlich,  daß  man  ihn  „zu
nichte  machen  wolle".  Aber  gerade  hier  wieder  bewährte  er  seinen  alten  Ruhm:
je  größer  die  Zahl  seiner  Feinde,  um  so  waffenfreudiger  nur,  um  so  umsichtiger
nur  erscheint  er  in  der  Zurüstung  zum  Kampfe,  wie  in  der  glanzvollen  Ausführung
des  Krieges.  Und  zugleich  zeigt  sich  hier  mit  vollster  Klarheit  die  unbedingte
Herrschaft  des  Landesherrn.  Auf  einem  Herrentage  zu  Köllun  an  der  Spree  wurde
die  allgemeine  Rüstung  des  Landes  beschlossen,  und  alle  Stände,  Ritter,  Bischöfe
und  Städte  mußten  sich  jetzt  in  Gehorsam  dem  Landesherrn  unterordnen,  die  geforderten
  Mannschaften  stellen.  20,000  Mann,  so  giebt  ein  gleichzeitiger  Anschlag
an,  waren  beisammen,  ein  Heer,  wie  es  die  Mark  kaum  gesehen,  und  unter  diesem
die  nötige  Anzahl  von  Geschützen,  die  von  den  Städten  gestellt  wurden.

Von  der  Neumark  her  warf  sich  Albrecht  auf  Herzog  Bogislav  von  Pommern,
verjagte  ihn  aus  den  eingenommenen  Städten,  eroberte  die  festen  Plätze  und
zwang  ihn  zur  Unterwerfung.  Demnächst  rückte  er  gegen  Herzog  Wratislaw
über  die  Randow,  nahm  Vierraden  und  nötigte  auch  Wratislaw  zu  einem  „steten
christlichen  Frieden“  bis  zum  nächsten  Jahr.  Doch  beließ  Albrecht,  wieder  seine
politische  Umsicht  bethätigend,  Garz  den  Pommern.  Denn  schon  zog  Hans  von
Sagan  vor  Krossen,  erklärte  Mathias,  nun  auch  mit  Böhmen  verständigt,  an
Brandenburg  den  Krieg  und  ließ  9000  Mann  Ungarn  heranrücken.  Mit  seiner
ganzen  Macht  wandte  sich  Albrecht  gegen  Hans,  schlug  ihn  vollständig,  rieb  auch
die  ungarischen  Scharen  völlig  auf.  Doch  trotz  dieser  Siege  wurde  die  Haltung
des  Königs  Mathias  immer  bedrohlicher,  und  vor  seiner  gewaltigen  Macht,  die
den  Kaiser  gebeugt,  der  Frankreich,  die  Eidgenossen  in  der  Schweiz,  die  Kurie,
ja  viele  Fürsten  in  Deutschland  selbst  zujubelten,  schienen  Albrechts  Erfolge  nur
augenblickliche,  deren  Aufrechthaltung  wenigstens  noch  Ströme  Blutes  kosten  würden.
Da  schlossen  die  Venetianer  mit  den  Türken  einen  Frieden,  „des  der  Teufel
lachen  werde"“.  Dadurch  war  Mathias  genötigt,  gegen  die  Türken  Front  zu
machen  und  folgeweise  mit  Brandenburg  einen  Vergleich  abzuschließen.  Für  die
Ansprüche  der  Tochter  Albrechts,  Barbara  auf  Glogau  sollten  50,000  Dukaten
gezahlt  werden,  die  herrschende  Stellung  des  Königs  aber  in  Schlesien  unangetastet
  bleiben.  Die  Pommern  waren  schon  vorher  beim  Beginn  der  Annäherung
  zwischen  Mathias  und  Albrecht  zum  Frieden  genötigt  worden,  der
ihnen  zwar  Garz  wieder  überließ,  aber  die  übrigen  Schlösser  und  Städte  der
Mark  zusprach  und  vor  allem  die  brandenburgische  Lehenshoheit  über  Pommern
anerkannte.
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Eigenhändiges  Postscriptum  des  Kurfürsten  Albrecht  (Achill)  von  Brandenburg  zu  einem  Kabinetschreiben  an  seinen  Sohn,  den
Marksrafen  Johann  (5),  ca.  1479.
In  Größe  des  Origlnals  im  K.  Pr.  Geh.  Staatsarchiv  zu  Berlin.

Übertragung.

Auch,  lieber  Sohn,  so  Enre  Liebe  uns  durch  Euer  jetziges  Schreiben  beladen  (=  beauftragt)  hat,  den  hochgeborenen  Fürstinnen,  unserer  lieben  Gemahlin,
Eurer  Frau  Mutter,  auch  unserer  lieben  Tochter,  Eurer  Gemahlin,  von  Euretwegen  viel  Liebes  und  Gutes  zu  sagen  —  das  haben  wir  von  Euretwegen
an  Ihre  beiden  Lieben  mit  ganzem  Fleiße  geworben  (=  ausgerichtet)  und  ist  durch  sie  beide  gar  zu  großem  Willen  (-mit  großer  Genugthuung)  von  Eurer
Liebe  aufgenommen,  mit  sehr  freundlicher  Danksagung,  und  haben  uns  befohlen,  Eurer  Liebe  von  ihretwegen  wiederum  viel  liebe  Freundschaft  und
Gutes  zu  schreiben,  und  daß  sie  Eure  Gesundheit,  gutes  Wesen  (—  Wohlbefinden)  und  glücklich  Zustehen  (-glücklichen  Zustand)  allzeit  zu  erfahren
und  zu  vernehmen  erfreut  und  ganz  begierig  sind.  —  Datum  wie  oben.
Berner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates  Verlagsanst.  f.  Kunst  u.  Wissensch.,  München.
        <pb n="112" />
        <pb n="113" />
        Kurfürst  Albrecht  Achilles.
Nach  dem  Kuplerstich  von  Domenicus  Custos  in  Schrenck  v.  Nobings  Augustis  simorum  imperntorum
sercnissi  naquc  archiducum,  illuswmissimorum  principum  eic.  eic.  verisimne  imagines-Innsbruck.
  1601.

Das  Namensfakslmile  nach  einem  Orlglnal  (I)  des  K.  Pr.  Geh.  Staatsarchlos  zu  Berln.
        <pb n="114" />
        70  Friedensschlüsse  —  Zurückweisung  der  Stände.

Diese  Erfolge  Albrechts  hatten  im  Reich  die  mächtigste  Wirkung,  und  mit
um  so  größerem  Eifer  konnte  sich  nun  Albrecht  den  Bemühungen  hingeben,  eine
Reichshilfe  gegen  die  Türken  ins  Werk  zu  setzen.  Er  selbst  stellte  regelmäßig
sein  Kontingent,  trieb  auch  die  auf  dem  Nürnberger  Reichstag,  wo  er  wieder
als  „der  Fürsten  Haupt“  erschien,  bewilligte  Kriegssteuer  sogar  von  den  Geistlichen
  ein,  worüber  ihn  allerdings  der  päpstliche  Bannstrahl  traf,  der  ihn  indessen
nicht  tief  bekümmerte.  Und  wenn  sich  die  Reichshilfe  nicht  nur  gegen  die  Türken,
sondern  gegen  Mathias  selbst  richtete,  so  konnte  ihm  d  dies  nur  erwünscht  sein,  denn
jede  etwaige  Niederlage  des  Königs  Mathias  in  Österreich  verringerte  diesem
die  Möglichkeit  im  Norden  gegen  die  Mark  vorzugehen.  Umsoweniger  war
daher  der  Kurfürst  damit  einverstanden,  daß  sein  Sohn,  Markgraf  Johann  mit
Herzog  Hans  von  Sagan  einen  Vergleich  schloß  (September  1482),  welcher  der
Mark  statt  des  glogauer  Herzogtums  nur  Krossen,  Züllichau  und  Schwiebus  überwies.
  Aber  der  erfolglos  fortschreitende  Kampf  des  Kaisers  ließ  es  doch  auch  dem
Hurfissten  zuletzt  rätlich  erscheinen,  auf  beese  Bedingungen  hin  sich  zu  verständigen.

Denn  mit  diesem  Abkommen  war  die  Mark  im  Wesentlichen  aus  dem
Chaos,  in  das  die  emporschwellende  kornte  des  Ostens  Deutschland  zu  stürzen
schien,  gerettet  und  genoß  Jahre  des  Friedens,  während  ihr  Kurfürst  tief
in  die  Geschäfte  des  Reiches  verstrikt  war  und  dem  schlaffen  Kaiser  seine  Anhänglichkeit
  bis  über  das  Maß  hinaus  erwies.  Und  diesen  Frieden  auch  im
Innern  des  Landes  zu  wahren,  zeigte  sich  Markgraf  Johann,  der  doch  manches
ungerechte  Scheltwort  des  Vaters  zumal  über  den  ungenügenden  Zustand  der
märkischen  Finanzen  hinnehmen  mußte,  damals  wohl  gewachsen.  Das  alte  Raubrittertum,
  das  in  den  jahrelangen  Kämpfen  hie  und  da  sich  wieder  zeigte,  wurde
im  Zaume  gehalten,  die  Ritterschaft,  da  und  dort  an  den  Grenzen  noch  unwillig
über  die  märkische  Herrschaft,  mußte  sich  fügen.  Die  Städte  namentlich  die  der
Altmark,  schon  zur  Empörung  geneigt  wegen  der  zur  Tilgung  der  Kriegsschulden
neu  auferlegten  Landbede,  wurden  durch  gerichtliches  Urteil,  an  dessen  Spruch
24  Bürgermeister  beteiligt  waren,  zum  Gehorsam  genötigt.  Der  Anspruch  der
Ritterschaft,  die  Landbede  nicht  durch  landesherrliche,  sondern  durch  ständische
Beamte  zu  erheben,  ward  zurückgewiesen.  Hier  war  in  der  That  der  Landesherr
  ein  Haupt  geworden,  um  das  sich  alle  scharen  konnten,  „des  Landes  und  aller
Frommen  Nugzen  zu  helfen  und  zu  fördern  und  alle  für  einen  Mann  zu  stehen.“

Freilich  andere  Fürstenhäuser  der  Zeit  suchten  große  und  weite  Reiche  zu
gewinnen,  und  armselig  mag  dagegen  der  Erwerb  der  Hohenzollern,  ihr  wiederholter
  Verzicht  namentlich  auf  die  Krone  Böhmens  erscheinen,  aber  die  neu  erworbenen
  Gebiete  retteten  sie  für  Deutschland,  wußten  sie  den  alten  anzugliedern
und  ihrem  Lande  eine  Abschließung  zu  geben.  die  sie  nur  um  so  mächtiger  in  der
Folge  erstarken  ließ.  Und  gerade  für  die  Geschlossenheit  der  Lande  hat  Albrecht
den  wichtigsten  und  folgenreichsten  Schritt  gethan,  indem  er  am  24.  Februar  1473
in  Übereinstimmung  mit  seinen  ältesten  Söhnen  seinem  Hause  ein  Hausgesetz,  die
berühmte  Dispositio  Achillea  gab,  welche  vornehmlich  die  Unteilbarkeit  aller  zur
Mark  gehörenden  Länder  und  deren  regelmäßigen  Übergang  auf  den  ältesten
Sohn  eines  gestorbenen  Kurfürsten  festsetzte,  die  Abfindung  der  Ansprüche  der
jüngeren  Söhne  an  das  väterliche  Erbe  durch  Zusicherung  jährlicher  Unterhaltungskosten
  bestimmte.  Die  fränkischen  Lande  wurden  zwar  in  zwei  Teile  getreunt,
aber  eine  weitere  Teilung  derselben  verboten,  das  Erstgeburtsrecht  auch.  bier  an-
        <pb n="115" />
        Tanz  einer  niederdeutschen  Hofgesellschaft  im  15.  Jahrhundert.  Von  Israel  von  Me#m  100.
Durch  die  im  Hinkergrunde  dargeslellten  Szenen,  Enthauptung  Johannes  des  Täufers  und  Darbringung  seines  Hauptes  durch  die  Herodias  auf  einer  Schüssel,
der  Künstler  dleser  durchaus  das  Leben  seiner  Zeit  widerspiegelnden  Darstellung  cinen  biblischen  Charakter  zu  geben.
        <pb n="116" />
        72  Dispositio  Achillea.  —  Tod  Albrechts.

erkannt.  Damit  war  das  Haus  Hohenzollern  trotz  mancher  Versuche,  diesem
Grundgesetz  entgegen  zu  handeln,  vor  einer  Zersplitterung  seiner  Macht  bewahrt.
Die  hausgesetzliche  Anerkennung  der  Unteilbarkeit  der  Länder,  das  Verbot,  daß
nie  mehr  als  drei  regierende  Herren  im  Hause  überhaupt,  nie  mehr  als  einer
in  der  Mark  regieren  dürfe,  gab  erst  die  Möglichkeit,  aus  der  Mark  und  den
dazu  gehörenden  oder  in  Zukunft  etwa  anfallenden  Ländern  einen  Staat  zu  saffen,

Den  Schl  u0ßstein  der  Thätigkeit  Albrechts  aber  bildete  die  Sorge  für  das
Reich,  und  in  vielleicht  noch  höherem  Grade  für  den  Kofferz  und  das  Haus
Ssterreich.  Es  galt  die  Wahl  Maximilians  zum  deutschen  Könige.  Wenige
Wochen  danach,  noch  in  Frankfurt  im  Predigerkloster  daselbst  starb  der  alte  Held
(11.  März  1486),  und  Kaiser,  König,  Kurfürsten  und  Fürsten  gaben  seiner  Leiche
das  Geleite.  „Sein  Leben  war“,  so  klagten  nach  einem  etwas  späteren  Zeugnis
die  Zeitgenossen,  „Deutschlands  Halt,  sein  Tod  war  Deutschlands  Fall.“

 

———

 

Ein  Feldlager  im  15.  Jahrhundert.
Aus  dem  „Mittelasterlichen  Hausbuch“,  Bilderhandschrift  des  15.  Jahrh.  im  German.  Nationalmuseum  zu  Nürnberg.
Aus  ½/  verklelnert.
        <pb n="117" />
        Kurfürst  Johann.  1486—1499.

an  kann  in  der  Regierung  des  Kurfürsten
Johann,  die  das  lezte  Jahrzehnt  des  15.  Jahrhunderts
  umfaßt,  für  die  Mark  in  manchem
Betracht  den  Abschluß  der  einen,  wie  den  Ubergang  zu
ceiner  neuen  Zeit  sehen.  Es  schließt  der  Zeitraum,  in
dem  der  Ansturm  der  flavischen  Welt  gegen  die  germanische
  das  vorwiegende  Interesse  behauptet.  Noch  einmal
  schien  zwar  die  Lage  Brandenburgs  gegen  die  slavischen
Länder  dadurch  eine  schwierige  zu  werden,  daß  mit  dem
Tode  des  Königs  Mathias  von  Ungarn  (1490)  der  König  1½90
Wladislaus  von  Böhmen  dessen  Nachfolger  auch  in  Ungarn
geworden,  und  somit  die  Vereinigung  dieser  beiden  slavsichen
Königreiche  vollzogen  war.

Kaiser  Maximilian  suchte  seine  Ansprüche  mit  Waffengewalt
  gegen  Wladislaus  durchzusetzen,  und  es  hätte  für
Johann  nahe  gelegen,  in  diesen  Kampf  einzutreten,  zumal
er  selbst  durch  seine  Gemahlin  Ansprüche  zu  erheben  hatte,
und  König  Wladislaus  noch  immer  die  längst  zugesagte
Vermählung  mit  seiner  Schwester  Barbara  zu  vollziehen
zögerte.  Statt  dessen  begnügte  sich  der  Kurfürst  mit  dem
Verzicht  des  Königs  Wladislaus  auf  das  Recht  des
Wiederkaufs  der  1482  abgetretenen  Landschaften  und  der

 

Nanvverzierung  in  Originalgröße  von  der  ersten  Seite  des  -Norum  beate  MNlaric  virginis  Psalterium“.
Urthestes  befanntes  mättisches  Druckwerk  aus  der  Druckerel  des  Cllterciensexklosters  Zinna  ca.  1197.  Nach  dem  Exempiar
der  Manchener  Ho=  und  Staatsdibliothek.
        <pb n="118" />
        Kurfürst  Johann.

ihm  erteilten  Zustimmung  zum  Ankauf
von  Land  und  Stadt  Zossen.  Hierin
lag  ohne  Zweifel  ein  Aufgeben  berechtigter
  und  weitreichender  Aussichten,
und  bedenklicher  war  es  noch,  wenn  Johann
  auch  gegen  die  trotzigen  Pommernherzoge
  eine  weit  guab  Nachgiebigkeit
  1  s  sonderlicher
Liebe  und  Ls  leisee  er
hier  ans  #  ver  Mark  so  oft  zugesprochene
  Recht  der  Oberlehensherrlichkeit
  gegen  die  Zusicherung  des  dereinstigen
  Anfalls  des  Landes  beim
Aussterben  der  Herzoge  Verzicht,  gab
selbst  die  von  seinem  Vater  erworbenen
Städte  und  Schlösser  zurück.  Aber
ein  Wesentliches  war  ach  mit  dieser
Nachgiebigkeit  insofern  gewonnen,  als
die  Zeiten  des  Kämpfens  und  Ringens
gegen  auswärtige  Feinde,  die  seit  dem
Aussterben  der  Askanier  begonnen  und
unter  den  ersten  hohenzollernschen  Kurfürsten
  durch  das  Vordrängen  der
Slaven  kaum  eine  Unterbrechung  erlitten
  s  jetzt  abgeschlossen  gck
  sich  wieder  auf  die  G
staltung  rih  Ausbildung  des  *
Seins,  den  inneren  Ausbau  der  Länder
richten  konnte.

von  Franken  wieder  getrennt  waren.

Gewiß  läßt  es  sich  nicht  verkennen,

daß  gerade  die  Beziehungen  zu  jenen
rn

gemeinsame  Fürstenhaus  nur  um  so
ester  an  Deutschland  ketteten,  und
wer  hätte  sagen  wollen,  daß  nicht

Das  nebenstehende  Blidnis  Kursörst  Johonns
bildet  dieDeckplatle  selnes  Grabmals  in  der  blsherigen
Domkicche  zu  lin.  urde  entworsen  und

rche  wi
begonnen  von  Peter  Allcher  d.  d.  (1456.—1520),

vollendet  von  boui  Sohn  und  Mltarbeller
Johannes  Vlscher  1830.  Vgl.  S.  10.  Dos  Namenslalsiulle
  ne  8  orhin  mal  im  K.  Pr.  Geh.
aatsdarchlo  zu  Berlin.
        <pb n="119" />
        Kurfürst  Johann.  75

auch  die  Mittel,  die  Reichtümer,  die  vorgeschrittene  Bildung  Frankens  für
die  Mark  weiterhin  hätten  fruchtbringend  wirken  können!  Auch  lag  es  vielleicht
  mit  in  dieser  Trennung,  daß  das  Ansehen  der  Mark  in  Deutschland  ein
geringeres  wurde,  also  daß  sie,  wie  ein  brandenburgischer  Rat  wenig  später
schrieb,  „seit  achtzig  Jahren  nicht  kleiner
Gerücht  gehabt  hat  im  Reich".  Indessen
waren  die  Interessen,  die  politischen  Gesichtspunkte
  wie  die  wirtschaftlichen  Bedingungen
  in  beiden  Landschaften  so
durchaus  verschieden,  daß  ihr  Zusammenwachsen
  undurchführbar  und  die
volle  Entfaltung  aller  Kräfte  jeder  der
beiden  Landschaften  nur  gehemmt  erscheinen
  mochte.  Insbesondere  konnten
die  Marken  nun,  unbekümmert  um  die
widerwärtigen  Streitigkeiten  mit  den  bayerischen
  Herzogen,  die  Fehden,  Zänkereien
und  Eifersüchteleien  der  fränkischen
Bischöfe  und  Reichsstädte  ihres  eigenen
Weges  gehen,  ihres  eigenen  Lebens  froh
werden.

Nach  dieser  Richtung  hin  wirkte  vornehmlich
  die  weitere  Befestigung  der
landesherrlichen  Gewalt,  die  sowohl  dem
Selbstwillen  der  Städte  wie  den  Übergriffen
  der  Ritter  namentlich  in  der
Priegnitz  gegenüber  trat.  Und  es  gelang
schon  1488  eine  indirekte  Steuer,  die  Bierziese,
  die  bisher  stets  von  den  Ständen
zurückgewiesen  war,  auf  sicben  Jahre  durchzusetzen,
  die  Empörung,  die  sich  darüber
in  den  altmärkischen  Städten  vornehmlich
  in  Stendal  erhob,  niederzuschlagen
  und  auch  diese  Städte  zur  Leistung  .,
der  Abgabe  5u  nötigen.  Aber  nur  mit  dem  —5  —  —  von
Zugeständnis  eines  wesenklichen  Rechts  der  —  ##ro.  „Die  grotzartlce  Gesamttompolilon,  welche  die
landesfürstlichen  Gewalt  an  die  Stände,  n  he  en  ern  ic  n  n  e
der  Umlage  und  Erhebung  der  Steuer  der  Haupiderhalinlsse,  dle  Relnhelt  und  t  g
durch  Beamte  der  Stände,  war  dieser  wendung  des  burch  das  Baumatertal  gegebenen  Farbenwechsels
Erfolg  erreict.  Man  mußte  zufrieden  1c  en  n  idn  e  e  n  l  li
sein,  die  Mittel  zur  Tilgung  der  in  den  der  —  d  b—tt  in
pommerschen  Kriegen  erhöhten  —SOLEEAI
schulden  gewonnen  zu  haben.  Das  wieder
erwachende  Fehde=  und  Raubwesen,  die  stärker  zu  Tage  tretende  Bedrückung  des
armen  Mannes  vermochte  Johann  indessen  nicht  zu  beseitigen.  Doch  gerade  die
Unterthanen  gegen  die  Unterdrückung  ihrer  Herren,  die  Hilflosen  gegen  die
Grausamkeit  der  Mächtigen  zu  schützen,  soll  er  seinem  Nachfolger  als  eine  seiner
        <pb n="120" />
        76  Kurfürst  Johann.

vorzüglichsten  Aufgaben  bezeichnet  haben.  Und  gefördert  durch  das  feine  Verständnis
  des  Kurfürsten  für  die  emporblühenden  humanistischen  Studien  begann
nun  auch  eine  allgemeine  Bildung  allmählig  den  Weg  in  die  Marken  zu  sinden,
und  Johann,  von  dem  sein  berühmter  Staatsmann,  der  Bischof  Friedrich  Sesselmann
  von  Lebus,  rühmt,  er  sei  „von  gottes  gnaden  von  hoher  und  großer  Vernunft
  und  gutes  Rates,  wann  ich  ihn  versucht  habe  und  erfinde  rat  an  Im,  der
mir  sehr  wohl  gefällt"  —  dachte  sogar  daran,  im  Lande  eine  Universität  zu  errichten.
  Da  ereilte  ihn  im  besten  Mannesalter  der  Tod  zu  Arneburg  am
4.  Januar  1499,  und  das  war  nun  die  wichtigste  Frage,  ob  un  durch  die  drei
ersten  Kurfürsten  so  kräftig  entwickelte  landesherrliche  Regiment  aufrecht  erhalten
oder  ob  die  Macht  etwa  an  die  Stände  übergehen  werde.

 

Grabmal  des  Kurfürsten  Johann
in  der  bisherigen  Domkirche  zu  Berlin.
Von  Peer  Blscher  d.  d.  (1185—1f20).  B#9l.  d.  S.  14.
        <pb n="121" />
        Rurfürst  Joachim  I.  1499—z555.

as  sechszehnte  Jahr  hatte  Kurfürsts  Joachim  I.
noch  nicht  vollendet,  als  er  zur  Regierung
berufen  wurde,  und  doch  wußte  er  mit
sicherer  Hand  gerade  das  hinauszuführen,
was  seine  Vorfahren  begonnen,  sein  Vater
aber  zu  beendigen  nicht  vermocht  hatte.
Auf  fast  allen  Gebieten  des  inneren  politischen
  Lebens  reformierend  thätig,  erhob

Zlerbuchstabe,  eine  Schulstube  =  er  die  landesherrliche  Gewalt  zu  einer

s—is——.—1  Blüte,  wie  sie  unter  seinen  Vorfahren

erallenls.  Holztaleldruck  des  ren  sie  nicht  gehabt,  unter  seinen  Nachin
  uim,  um  urs.  folgern  auf  lange  hinaus  nicht  wieder  haben

sollte.  Der  Staat,  die  Macht  des  Landes

ruhte  unter  ihm  lediglich  in  seiner  Hand,  und  in  dieser  rein  monarchischen

Gestaltung  des  Landes  gelang  es,  dem  Frieden  und  der  Ruhe  im  Innern

eine  feste  Norm  zu  geben,  wodurch  wenigstens  in  der  ersten  Hälfte  seiner

Regierung  auch  das  Ansehen,  welches  die  Mark  im  Reich  hatte,  wieder

erhöht  wurde.  Nur  nach  einer  Richtung  hin  verführte  den  Kurfürsten

sein  Verständnis  für  die  Notwendigkeit  der  absoluten  landesherrlichen

Gewalt  zu  einem  Schritt  abseits  von  dem  vorwärts  führenden  Wege,

and  die  Einsicht,  welche  er  in  die  Kraft  und  Bedeutung  der  fürstlichen

Autorität  hatte,  verschloß  ihm  die  Erkenntnis  von  der  überwältigenden

Macht,  mit  welcher  beim  Auftreten  Martin  Luthers  aller  Herzen  von

der  Notwendigkeit  der  „Reformation  an  Haupt  und  Gliedern“  ergriffen

waren.  Und  dies  ist  um  so  mehr  zu  beklagen,  als  gerade  Joachim  wie
sein  Vater  inmitten  der  neu  erwachten  humanistischen  Studien  stand,
und  gerade  die  höchsten  und  wichtigsten  Fragen  alles  Seins  zu  durchforschen,
  seinem  hochgebildeten  Geiste  unendlich  anziehend  war.  Natürlich
verschmähte  er  dabei  nicht,  der  Sitte  und  Anschauung  der  Zeit  entsprechend,
den  trügerischen  Studien  der  Astrologie,  der  Kunst,  aus  den  Sternen  die

Geschicke  des  Menschen  zu  erkennen,  zu  huldigen.

Mit  ruhiger  Sicherheit  lehnte  er  zunächst  die  von  seinem  Oheim
Friedrich  in  Franken  gewünschte  Vormundschaft  ab  und  erklärte  alsbald
  seinen  Ständen,  daß  er  auch  ohne  ihre  Zustimmung  thun  werde,
was  dem  Lande  zum  Heile  gereiche.  Er,  „als  der  Landesfürst  werde
von  sich  selbst  darein  sehen,  der  Lande  und  der  Unterthanen  gemeinen
Nutzen  zu  befördern“,  denn  „der  Fürst  ist  da“"  —  sagte  er,  —  „damit
        <pb n="122" />
        78  Die  landesherrliche  Gewalt.

 

l  M

Kurfürst  Joachim  I.  im  45.  Lebensjahre.
Das  Original  von  Lukas  Cranach  in  der  Kanzleibibliothek  zu  Bayreuth.
Tas  Nomenssakslmile  nach  elinem  Orlalnal  lm  K.  Pr.  Geh.  Staatsarchlo
zu  8

er  für  die  Ruhe  und  die
Wohlfahrt  aller  sorge,
denn  er  ist  Gottes  Diener,
den  Guten  freundlich  und
ein  Rächer  zur  Strafe
denen  zu  sein,  die  Böses
thun“.  Dies  Wort,  das
nicht  nur  fürstliches  Selbstgefühl,
  sondern  volles  Verständnis
  von  der  Aufgabe
des  fürstlichen  Amtes  bezeugt,
  darf  man  als  die
Richtschnur  der  Politik
Joachims  ansehen.
Naturgemäß  gedachten
aber  die  Stände  nicht,
einer  solchen  Politik,  die
ihre  Macht  untergraben
mußte,  ohne  weiteres  sich
zu  sügen.  Im  Gegenteil,
das  unter  Johann  wieder
aufgetauchte  Raub=  und
Fehdewesen  ctlicher  Edelleute
  nahm  weiteren  Umfang
  an.  Denn  unter  einem
so  jugendlichen  Fürsten
glaubte  man  ungestraft  „auf
Raub  und  Name“  ziehen  zu
dürfen,  um  so  die  wirtschaft.
lich  wie  namentlich  politisch
äußerst  bedrängte  Lage
verbessern  zu  können.  „Vil
Blackerei  und  Beschedigung
des  Kaufmannesundandrer
armer  Leute“  begab  sich
wieder  überall  im  Lande,
ja  dem  Kurfürsten  selbst
wagte  man  es,  den  Fehdebrief
  zu  senden,  und  in
der  Köpenicker  Heide  geriet
Joachim  mit  den  Friedbrechern
  sogar  ins  Handgemenge.
  Aber  mit  fester
Hand  und  erfolgreich  griff
der  Kurfürst  durch,  selbst
vor  Todesurteilen  scheute
er  nicht  zurück.  Keines-"
        <pb n="123" />
        .
S

S————

—

 

„

*N  ’

 

Ausplünderung  eines  Dorfes  durch  Naubritter.
##u#  dem  „WMilttelalterlichen  Hausbuch-.  Bilderhandschrist  des  15.  Johrhunderts  im  Germanischen  Natlonalmuseum
zu  Rürnberg.  Unterer  Teil  des  3.  Planetenbildes  (Mars).  Auf  ½  verkleinert.
Während  lnk  s  unten  ein  Wonderer  ermordet  wird,  piohndert  man  rechis  unten  den  Laden  eines  Geldwachslers,  darsber  trribt  eln
Neller.  das  gerauble  Blet  von  dannen,  andere  zünden  das  Dors  an  oder  plagen  die  Bewohner,  von  denen  ein  Teil  sich  in  den
Tur##  der  Kleche  geslachtet.
        <pb n="124" />
        80  Reformen  im  Innern.

wegs  aber  war,  wie  die  Zeitgenossen  ihm  vorwarfen,  dies  strenge  Verfahren  in
einer  Abneigung  gegen  den  Adel  begründet.  Vielmehr  gerade  als  ein  „Liebhaber
und  Förderer  des  frommen  Adels,  wie  uns  das  angeerbt“,  will  Joachim  erfunden
werden,  und  gegen  eine  Stadt,  die  sich  landesherrlichen  Gerichts  anmaßt,  verfährt
  er  mit  der  gleichen  Strenge,  obwohl  er  in  den  Bürgern  „das  Herz  des
Staates“  sieht.  Nicht  Vorliebe  oder  Abneigung  gegen  einen  einzelnen  Stand,
sondern  die  ihm  als  Landesherrn  obliegende  Pflicht  gegen  das  ganze  Land,  die
Ausbildung  der  landesherrlichen  Gewalt  bestimmte  sein  Verhalten.

Daher  reformierte  Joachim  auch  eigenmächtig,  „als  der  Landesfürst,  dem
das  gebührt“"“,  und  „aus  der  Betrachtung  des  gemeinen",  d.  h.  allgemeinen
„Nutzens“  die  morsch  geworbenen  Verfassungen  der  in  ihrer  Entwickelung  zurückgekommenen
  Städte  und  hob  damit  —  ganz  im  Sinne  seiner  Auffassung  von  der
Staatsgewalt  —  sowohl  das  wirtschaftliche  Gedeihen  der  Städte,  wie  er  deren
Eigenwillen  und  Trotz,  sobald  er  sich  hervor  wagte,  zu  beugen  wußte.  In  demselben
  Sinne  erließ  er  eine  allgemeine  „Polizei-Ordnung  der  Städte“",  „zu  helfen,
damit  unsere  Städte  und  Einwohner  an  ihrer  Nahrung  zunehmen,  sich  bessern,
Friede,  Gericht  und  Recht  bei  ihnen  erhalten  werde“.  Ebenso  nahm  er  sich  mit
besonderem  Eifer  der  Bauern,  die  unter  der  „Wüterei  gegen  die  armen  Leut"“
am  meisten  litten,  energisch  an,  trat  den  Versuchen  der  Gutsherren,  die  Bauern
zu  Hörigen  herabzudrücken,  sie  auszubeuten,  mit  aller  Entschiedenheit  entgegen,
denn,  „als  der  gemeine  Landesfürst  sei  er  den  Armen  wie  den  Reichen  Schutz
und  Schirm  zu  Recht  und  Billigkeit  in  gleichem  Maße  schuldig“.  Ebenso  steigerte
er  die  Einnahmen,  die  1411  gleich  Null  gewesen,  1440  aber  schon  30  000  Gulden
betragen  hatten,  auf  80  000  Gulden  oder  186  000  heutige  Thaler.

Naturgemäß  sucht  ein  solches  Pflichtbewußtsein  vornehmlich  in  der  Verbesserung
  der  Rechtspflege  seinen  Ausdruck,  und  Joachim,  beeinflußt  auch  wohl
durch  ähnliche  Bestrebungen  im  Reich  und  einzelnen  Territorien,  suchte  diese  Verbesserung
  auf  zwei  Wegen  zu  erreichen.  Einmal  ließ  er  eine  Kammergerichts-Ordnung
  ausarbeiten,  nach  welcher  das  Kammergericht  zu  Berlin  als  ein  oberstes
Gericht  für  alle  Unterthanen  gelten  und  zugleich  als  ein  Mittelpunkt  für  die

1516  fernere  Entwicklung  des  Rechts  selbst  dienen  sollte  (1516).  Bezeichnender  Weise
verlangte  der  Kurfürst  hierbei,  daß  die  Prokuratoren  besonders  zur  unentgelllichen
Wahrnehmung  des  Rechts  „der  armen  Leute"“  eidlich  verpflichtet  werden  sollten.
Zweikens  aber  sollte  an  Stelle  der  ganz  verschiedenen,  im  Lande  geltenden  Rechte,
statt  des  Sachsenspiegels  und  seiner  Abweichungen  nunmehr  das  einheitliche
römische,  das  gemeine  Recht  treten,  das,  wie  es  eine  feste  Staatsgewalt  zur
Voraussetzung  hat,  doch  auch  wieder  zur  weiteren  Ausbildung  einer  solchen  geeignet
  war.  Wenigstens  auf  einem  Gebiet,  dem  des  Erbrechts  gelang  sogar

1#schon  (1527)  eine  Kodifikation,  die  sogenannte  Joachimika,  die  in  ihrer  Vermischung
deutschen  und  römischen  Rechts  noch  heute  in  der  Mark  in  Geltung  ist

Hier  ist  auch  der  berühmte  Prozeß  gegen  die  Juden  zu  erwähnen,  der  im
Jahre  1510  infolge  eines  Hostiendiebstahls  aus  einer  havelländischen  Kirche  entstand
  und  die  weitesten  Dimensionen  annahm.  Aber  weniger  deshalb  ist  dieser
Prozeß  zu  erwähnen,  weil  er  mit  seinen  unglaublichen  Anklagen,  seiner  harten
Bestrafung  der  Juden  ein  unser  Gefühl  verletzendes  Spiegelbild  der  Zeit  gibt,
sondern  weil  er  das  hohe  Gerechtigkeitsgefühl  des  Kurfürsten  kennzeichnet.  Nicht
allein  nämlich,  daß  Joachim  der  herrschenden  Leidenschaft  gegenüber  die  prozessualischen
        <pb n="125" />
        Thronsiegel  Kurfürst  Joachimis  J.

In  Größe  des  Originals  im  K.  Pr.  Geh.  Staatsarchiv  zu  Verlin.

Verner,  Gesch,  d.  Prcuß.  Staalcs  Verlagsanft.  s.  Kunst  u.  Wissensch.,  München
        <pb n="126" />
        <pb n="127" />
        ¶  wie  Jacob  ind  von  Sinol  Salomons  son  diein

  partigkel  hateupfangen  und  #x  auffein  gro“

ben  tysch  gelegt  und  iren  muewillen  daemir  geüber
vnd  mit  messern  datin  gehawen  vund  gestochen.

wo  Tacob  auch  —  der  —  it  itzlicher
inndie  Heylig
hostien  gehaw
—  gestoch
*  en.  vnd  wo  das
heplig  Sacta
ment  vluͤt  von
Mhch  gelassenn  /
WOnnd  souder

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'.

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—z’'“  V
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3
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nr-  *5

  

ander  messer“
die  sp  datzu  ge
brancht  wieshe  das  in  der  gefengknus  irer  itzlicher  an  der  an
dern  wissen  bekant  wissen  zusuchen  vnd  zuftnden.  Als  auch
det  tesctj  vnd  vil  blůtstropfen  daranf  zusampt  den  messern

Zur  Judenverfolgung  1510.

81

„  nano,
Em  JonP
Hom  *·###½  ons  ien
tine  Fr  E5  der  Sespende
Hostie)  *—  hat
auf  eine  5  oben

Se  e
auf  der  don.  Iter  erprehien  Oesia  ne
golge,Pen  *

wo  Jakob  auch  Salomon,
  der  Kabbi  und
nach  einige  andere  in
die  henlige  Hostie  gehauen
  und  gestochen
haben  und  wo  das
heilige  Saltrament  Blur
von  sich  gelassen.  Und
besondert  an  welchem
Ert  der  Rabbl  einen
Froßen  Spahn  aus
dem  Cisch  gehauen,  darauf
  viel  Blur  gewesen.
Erlichehaben  auch  alleln
das  Wotdmesser  und

wirder  andere  andere
Messer,  die  sie  dazu
  gebraucht  wie  das
etliche  von  ihnen  im
Gesängnis  ohne  der  andern
  Darwissen  bellannt
haben  zu  suchen  und
aufzusinden  gebuuszt.

Auch  sei  der  Cisch  mit
viel  Blurgtropfen  darauf
  samt  den  MWessern

Un  der  Dooikieche  zu  Vraondenburg
vorhauden).

Faksimilewiedergabe  einer  Seite  aus  „63  ift  der  wahrposstio  Humarjus  der  verlchts  hendel  unnd  proteß  der

behalten  iKt  morden  uff  monchfelnt
wiralg  Hacrament  famöt  einer  monstrangle

Minder  Ess  beleger  und  im  Zer

Audicia,  aufsag,  und  benentnus  Dem  From
abloch  gestolen.  Unl

onont  der  dat  hoch-Johann

  Hanau.  Einzig  dekanntes  vollständiges  Exemplar  in  der  K.  Bibliothek  zu  Berlin.

Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="128" />
        82  Judenprozeß.  —  Universität  Frankfurt.

 

a  an  der  We
Aus  Sebaslian  Münflers  Cozmographei,  Basel  1550.  n  erfemen  bund  weisen  narb  zu  dilem  werch  der
Co#moyraphen  trellulichen  und  gan#  pöen  ete  abenschm#r.  2  —  furderlichen  Sheen  ber  der  beben  s  zu
derselölgen  —  ein  bochwirdloer  Re#n#r  don  mir  Munstero  drhalben  erlucht  vad  uff  das  bochst  Ach
hab  det  Stett  in  Ctutschland  nit  viel  gesunden  /  die  uff  mein  einsaltias  schrtiben  mlt  in  meinem  be  so  —
wrsen.

o
2  Parochlalis  Ecelesla  M#es.  B  Vbolteriun.  Rathaus.  C  Das  Selhaus.  D  Der  Juristen  Kollegium.
E  Sankt  Rikolaus-Kirch.  F  Minoriten,  Barfüster.  Das  Groh  44  der  Artisten  etn  H  Etraß  gen  Berlin.
S##stG  K  Die  Straß  nach  —  1LDie  Straß  nach  dem  Land  zu  Behem.  Ein  Kart  ·
häuser=  Kloster.  N  Straß  gen  Preßla.  O  Sanlt  Gertruben  h,  ch.

Formen,  „nach  ordinung  der  recht  und  gewohnheit  der  lande“  genau  inne
zu  halten  befahl,  widersprach  vielmehr  schon  die  Genehmigung  zur  Einleitung
des  Prozesses  und  die  Vertreibung  der  Juden  aus  dem  Lande  entschieden  dem
eigenen  finanziellen  Interesse  des  Kurfürsten,  da  dieser  bisher  in  dem  Schutzgeld,
das  die  Inen  zahlen  mußten,  eine  reiche  Einnahme  gehabt  hatte.
ie  Eniwicklelung  des  Rechts,  insbesondere  die  Einführung  des  römischen
1606  Rechts  *  aber  ferner  die  am  25.  April  1506  mit  großer  Feierlichkeit  eröffnete
  erste  Universität  in  den  Marken,  Frankfurt,  von  Bedeutung  werden.
Es  versteht  sich  indessen,  daß  durch  die  von  der  Universität  gepflegten  bmanisticchen
Studien  überhaupt  eine  tiefer  greifende  Bildung  in  den  Marken  —  in  denen
nach  Joachims  Zeugnis  ein  Gelehrter  noch  so  selten  wie  ein  weißer  Rabe  war
—  erweckt  werden  sollte.  Denn  „von  der  besseren  Erziehung  der  Jugend  muß
die  wahre  Reformation  ausgehen,  nicht  blos  die  der  Kirche,  sondern  auch  die
der  äußeren  gesehlichen  Zucht,  die  des  Staates,  des  häuslichen  und  allgemeinen
Wohlstandes“.  Ganz  im  Sinne  Joachims  feierte  daher  der  junge  Ulrich
        <pb n="129" />
        Auswärtige  Lage.  83

von  Hutten  in  seinem  Lobgedicht  auf  die  Mark  und  Universität  Frankfurt,
  wo  er  selbst  immatrikuliert  war,  die  Liebe  zur  Wissenschaft  als  den
schönsten  Schmuck  des  Lebens

Man  erkennt,  daß,  wie  alle  diese  Bestrebungen  das  landesfürstliche  Ansehen
  über  alle  anderen  Gewalten  heraushoben,  so  wiederum  die  kandesfürsiiche
Gewalt  auf  die  Entwickelung  der  Marken  in  allen  Beziehungen  förderlich  und
wohlthätig  einwirken  mußte,  auch  wenn  sich  nicht  alle  Reformen  Joachims  auf
die  Dauer  haben  erhalten  können.  Mit  Bewunderung  wird  man  daher  zu  den
Herrschergaben  und  dem  klugen  Sinn  des  Kurfürsten  hinauf  sehen  dürfen,  der
trotz  seiner  Jugend  mit  so  sicherer  Hand  die  Grundlinien  zog,  auf  denen  ein  gedeihliches
  Fortschreiten  möglich  war.

Natürlich,  daß  diese  Ordnung  im  Innern  auch  das  Ansehen  im  Auslande
hob.  Joachim  mußte  sein  Augenmerk  zuvörderst  vornehmlich  auf  die  gewaltigen
Kämpfe,  in  welche  damals  die  skandinavischen  Reiche  wie  die  kleinen  deutschen
Küstenstaaten  verwickelt  waren,  richten.  Aber  indem  in  diesen  ein  auch  für  den
Kaiser  Maximilian  wichtiger  Wendepunkt  (1506)  eintrat,  und  der  Kaiser  die
Stimme  des  Kurfürsten  für  die  Königswahl  seines  Sohnes  zu  gewinnen  suchen
mußte,  kam  Joachim  doch  auch  wieder  in  die  nächsten  Beziehungen  zum  Kaiser,
die  überaus  wertvoll  waren.  Trotz  seines  Widerstrebens  ließ  sich  nämlich  der
Kaiser  zuletzt  zu  erneuter  Anerkennung  der  brandenburgischen  Lehenshoheit  über
Pommern,  sowie  zur  Anerkennung  der  Anwartschaft  Brandenburgs  auf  die  Hälfte
von  Schleswig-Holstein  bewegen.  Dazu  gelangten  nun  die  einzelnen  Glieder  des
Hauses  Hohenzollern  zu  hochbedeutsamen  Stellungen,  die  wieder  das  Ansehen  des
Kurfürsten  heben  mußten.  Der  Bruder  des  Kurfürsten,  Markgraf  Albrecht,  war
Erzbischof  von  Magdeburg  geworden,  hatte  trotz  mancher  Hindernisse  sogar  den
Kurstuhl  von  Mainz  bestiegen,  war  Kardinal  und  Primas  Germaniens  geworden.
Schon  faßte  ein  Vetter  Joachims,  Markgraf  Georg  der  Fromme  von  Ansbach,
Fuß  in  schlesischen  Fürstentümern,  und  schon  war  vorzüglich  Georgs  Bruder,
Markgraf  Albrecht  (1511),  zum  Hochmeister  des  deutschen  Ordens  gewählt  worden,  161
ein  Ereignis,  das  für  Brandenburg  von  bleibender  Bedeutung  werden  sollte.  Von
diesem  ritterlichen  Hohenzollern  durste  man  hoffen,  daß  er  Preußen,  das  „neue
Deutschland“  den  Polen  entreißen  werde,  und  der  Kurfürst  konnte  bald  den  jungen
Vetter  um  so  thatkräftiger  unterstützen,  als  dieser  im  Namen  des  Orbens  die  vielbestrittene
  Neumark  endgiltig  (1517)  der  Mark  überließ.  Uberdies  hatte  Joachim  1517
Zossen  erworben,  Peitz  und  Teupitz  eingelöst,  auf  Krossen  sichere  Anwartschaft  erworben,
  die  Grafschaft  Ruppin  beim  Aussterben  des  Ruppiner  Grafenhauses  dem
Lande  einverleibt  und  eine  engere  Freundschaft  mit  Hessen  und  Herzog  Georg
von  Sachsen  geschlossen.

Nur  davon  war  man  allerdings  weit  entfernt,  mit  diesen  Erfolgen  irgendwie
den  Vorsprung,  den  das  Haus  Habsburg  gewonnen  hatte,  einholen  zu  können.
Umgekehrt  vielmehr  erscheinen  diese  territorialen  Erfolge  Brandenburgs  gegen  die
universale  Stellung  Habsburgs  verschwindend  gering.  Am  12.  Januar  1519  1510
war  Maximilian  gestorben,  ohne  die  von  ihm  mit  so  lebhaftem  Eifer  betriebene
Wahl  seines  Enkels,  des  Königs  Karl  von  Spanien,  zu  seinem  Nachfolger  erreicht
  zu  haben.  Höchst  unwürdig  war  dann  nach  seinem  Tode  das  Feilschen  um
die  deutsche  Königskrone,  und  bald  war  es,  da  Friedrich  von  Sachsen  es  ablehnte,
ihre  Bürde  auf  sich  zu  nehmen,  und  die  mehrfach  empfohlene  Wahl  Joachims,

6*
        <pb n="130" />
        84  Kaiserwahl.  —  Reformation.

zu  deren  Annahme  dieser  gern  bereit  war,  auf  Widerspruch  stieß,  nicht  mehr
zweifelhaft,  daß  sie  nur  einem  auswärtigen  Herrscher,  entweder  dem  Könige
von  Spanien  oder  dem  von  Frankreich,  zufallen  werde.  Die  Wahl  ergab  dann
König  Karl  von  Spanien,  für  den  auch  Joachim  nach  den  unerquicklichsten  Verhandlungen
  mit  den  Prätendenten  und  den  Kurfürsten  zuletzt  seine  Stimme  abgab.
Wie  aber  durfte  Joachim  erwarten,  der  alles  überragenden,  die  Welt  beherrschenden
Macht  eines  solchen  Kaisers  gegenüber  die  Selbständigkeit  seines  Staates,  wie  er
sie  gepflegt,  erhalten  zu  können!

Wenigstens  in  einer  Beziehung  mochte  indessen  Joachim  hoffen,  mit  dem
habsburgischen  Kaiser  Hand  in  Hand  gehen  zu  können.  Er  durste  die  Überzeugung
hegen,  in  Karl  V.  einen  sicheren  Rückhalt  zu  finden  gegen  Martin  Luther,  mit
dessen  kurz  vor  Karls  Wahl  erfolgtem  Austreten  jene  allgewaltige  Bewegung  begonnen
  hatte,  die  an  Tiefe  und  Innerlichkeit,  an  Kraft  und  Bedeutung  für
den  einzelnen  Menschen  wie  die  gesamte  Menschheit  von  keiner  anderen  in  der
neueren  Geschichte  erreicht  worden  ist.  Joachim  nämlich,  obwohl  gegen  die  tiefen

chäden  der  damaligen  christlichen  Kirche  keineswegs  blind,  verurteilte  doch  eine
Reformation,  die  nicht  von  den  geordneten  Organen  der  Kirche,  vom  Papst,  den
Bischöfen  oder  einem  Konzil  ausging,  als  strafbare  Auflehnung  der  Unterthanen
gegen  die  Obrigkeit  und  verkannte  so  allerdings  den  Charakter  der  gesamten  Bewegung.
  Demgemäß  aber  schloß  Joachim  sich  dem  Papste,  bald  auch  dem  Kaiser,
der  doch  ihn,  wie  die  anderen  deutschen  Fürsten,  durch  das  offenkundige  Bestreben,
sie  zu  unterdrücken,  tief  verletzte,  aufs  innigste  an.

 

Das  Lob  der  Mark.
Gedicht  von  Ulrich  von  etenT  in  Publii  Vigilantii  Arungiae  tae  et  oratoris  ad  illustrissimum  principem
Frankfurt  a./O.  1507,  gedruckt  von  Conrad  Baumgardt.
Nach  dem  *  bekannten  Exemplar  in  der  Breslouer  Universlitsbibtlothef  Iin  Ciglnalaröße
Fol.  i8  rerio.

über-.

  1
Bdalricus  Huttenus  phagigena  Jobannis
  Khagij  Aesticampiani  discipu
lus  Ad  Lectoꝛẽ  huius  libꝛi.  «

 

Marchia  tardi  dot  interiect  ootae
Bargareum  fruperat  fertilitate  ĩolum.
Cuius  in  Autumno  cum  piguibus  incola  botris

oma.sub  aestate  pꝛaemia  messis  habet.
Vit  entit  picels  Boꝛeglia  frigoꝛa  tedis.
Tempoꝛe  foetura  Veris  abundat  apum.
Adde  boum  cult  us  hic  quoꝛum  copia  tanta  est
Qunanta  sub  Jonio  fertur  arena  mari,

z  Buches

Nortlam=  unter  dem  ras  sich  bewegen  ·
ren,  gelegen
eabt  *  di  argtel  Weit  Gargaras  Trist,

Apiel  schemt  den  Vttnhnern  der  Herdst
und  saftige  Birnen.
—  der  Sommer  ihm  reich  spendet

noner  E  S  doreas  Frost  bei

den  pechen
ie  von  e  daraus  Honig
ihm  sliebet  im
Rechne  dozu  die  tnd  der  Ochsen,  die
bier  wohl  in  Unzahl
Grasen,  wie  kaum  sie  der  Strand  bielet
des  jonischen  Meers.

!)  In  dieiem  log  seine  Stammburg  Steckeiberg.
        <pb n="131" />
        Erläuterungsblatt
zu  dem
Ablaßbrief  des  Erzbischofs  Albrecht  von  Mainz,  Markgrafen
von  Brandenburg,

zum  Besten  des  Zaues  der  Oekterskirche  zu  Rom.

Ausgestellt  für  Mechtild,  Heter  Rodts  Witwe,  und  Adam  Rodt  zu  Göttingen
am  1.  Juli  1517.

Als  Probe  der  Ablaßbriese,  welche  Tetzel  in  jener  Zeit  in  der  Mark  Brandeuburg,  besonders  in  Jüterbog  und
VBerlin  verkaufte.

Nach  d  t  Exemwlar  in  öberzoquch  .·..  .  .  ....
an  dem  sedoch  das  Siegel  jetzt  nicht  mehr  vorhanden  ist;  letzleres  ist  ergänzt  nach  einer  Abbildung  dieses  Ablaß.
brieses  in  Iermann  von  der  Hardt  „Illstoria  Liternrin  reformatienl“,  Frnnkfurt  a.  M.  1717.  IV.  1.
und  hat  die  Umschrist  Siigillon)  fahrice  Stancti)  Peir#gf#de  Vrle.
        <pb n="132" />
        Transskription  des  nebenstehenden  Abiasebriefes.

Wir  Ilben  von  Gottes  und  ber  aposiolischen  Stage,  Gnaden,  des  heiligen  Stuhles  zu  Main-  azu  er  Kirche  zu  Magde-##
  Erzbi  162.  K  und  des  *ius  roischen#  els  in  Deutschland  Er  gn,  Scurigen  und  sesch  #  brsn
gigr  rt  nn  Steitin,  Lommern,  akn  #  Wenden  r  8  raset  F  *
8  o  stehet  der  B  Maoritsokdens  des  O  lhesK  iing  (und)  d  *—  eten  1  h
Pap#kt  Leo  X.,  für  die  W—m  Malnz  und  —i  icg,  für  6  und  hed  un  n  Sichte  und  Srrumn)  eg  für  die
der  weltlichen  erschett.  des  burchauchlignen  u  der  iglongi  iten  Fũrsten,  r  er  Herren  Morkgrasen  r  n  od  ztelter
oder  unmittelbar  W——  unten  o  r  t—  tien
Lemstarien  htete  ·  einzelnes-,  me  diesen  rief  I  f  Heu  r  thun  ligsier  D
vers-hole  öttltcht  Vorsehung  kjeht  kmeread  IILX  allen  und  Jinlice  Fi  deren  a  tusnd  .  27  zur  Wiederherstellung
  des  d  *P.  476•  Peirt  ian  Rom,  auf  Grund  unfres  Erlasses  Hilsreiche  Hand  b  Hleten
r*#  E-  allen  —  —  loß  und  ande  #  Hrge  2  %  #nbls  EChristen  ——  groeln  rtt“  hche  den
bes  de  n  wesgenn  apostolischen  Brie  en  zm  Herrn  nachgiebt  und  ——  daß  sie  sich
*  ai  s  nrihn  *  huuc  Regular.  Sete  ben  end  Vesiel  keihnen  Lbt-n  der,  nachdem  er  ihre  rm—  Pes  5  k  igen  *
uge
n  de

2#:"tv

nen  r  erebon  Aus  zwen  gen  und  Sünden  jeglicher  r—.  wic  schwer  un  1  grus  It
o  %n  wrne  .  E  wericn  #ü#en  möd  die  —.  ichen  Cen  rcs  auch  wenn  sie  auf

Zenschen  ertragen,  mit  Zustimm  d  PliGdecrkaklt  stn  und  deren  t

#iensche  r5  -lt#en  isnl  —  aut  —ä  die  Senn  gegen  #.  Person  des  heiliosten  Papst  .  an  9  g  2  anderen  hoͤheren
Belstlichen,  sowie  Gewaltthärig  ehen  jene  oder  andere  Prälaten,  Fälschung  eines  ¾-  slollichen  *een  nttegen  wegen
Se  apoolische  Verbot
e  l  ldublqoasaeglstrsddrobkouammsvetnaichtemttm
  in  den  nicht  Sbeeee  len,
es  erbinen,  dodkommen  *  *  une  6  2#  eiliome  E  Wete  suiene  einmal  im  eben  un  ih  der  erwähmen  Todes-—


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T  volle  Verzeihung  und  Erloß  aller  ewähren  und  Abendmahls  mit  Ausn-  W  des  Ollertags  und
er  Sterbestunde  zu  allen  Zeiten  des  Jal  *r  res  -..  alien  s  ch  hast  a  zeitlichen  Gelübde  er  Ari  r—  43.
nahme  der  Wallsahrt  nach  dem  heiligen  Lau  maie  om  —  r-  LonwZ  des  —  und

eit  m  andere  fromme  Werke  mit  MWt  Jolemas  n  leine  und  dazu  im  ftande  sei.  Auch  hat  d  8
ert  nachgegeben,  dan  die  vorgenannten  Wohlthaäter  und  ihre  in  der  Giade  verltorbenen  dni  den  Leerditrrn  ätten  Alm  Faten

en,  zum  Gotchdlenst  bestimmten  Stunden,  Disziplinen,  wesar  zgen  und  allen  übrige  1  geel  istlichen  Gütern,  x  d  der

Leu#en  Lllerbeiliolten  streitenden  nirche  und  bei  allen  ihren  Gliedern  geschehen  und  geschehen  chen  n  Wistett  geütänte  wi

mnd  weil  nun  die  Glaubigen,  Wechtild  Kodis  Winpe,  Peser  und  Adam  Roodt,  un  S#e  und  hn  #n  enqigen  Wiederhersteliung  der  ben.
erwähnten  Bastlira  des  Avostelfürsten  nach  der  Absicht  unseres  belligsten  Lerrn  es  Papstes  unleret  Perorte  t  da  ch
Beitrag  aus  ihrem  Bermögen  dankbar  —  -en  und  P44  eeut,  eus  auch  zum  Beichen  P  riũr  gegen  2  igen  Brief  ve
so  gestehen  und  verleihen  wir  ihnen  durch  diesen  Vrief  krast  berseuben  r-2!  versiehenen  und  von  und  iu  nne  wl  s
Vor  F  zl.  daß  sie)  die  erwähnten  r  und  Ablaß  gebrauchen  und  weuen  können  und  mögen.  Gegeben  in  Göttingen
unter  dem  hierfür  von  uns  bellim  2.  el  ant  ersien  Tag  des  Monats  i  im  Jahr  des  Herrn  1517.

RX  l  IIotIsfokmkl  Mk  sehe  Man
Es  erbarme  chr  er  Hert  Jesjus  Christus  eche  dich  los  durch  das  Verdienst  seines  Leidens.  In  seiner
145  #der  der  n  ois  u  5  aoelt  acchen  Vollmacht  spreche  ich  Dich  los  von  allen  Deinen  Sünden.
aiers
l  der  i  und  Eu  enen  aerbe  odln  im  Lrben,  zund  in  der  Todesstlunde.

sch  Dein  i  Here  Jesus  Chrisius  spreche  Dich  los  durch  das  Verdienst  seines  Leidens.  Und  ich

(  20  r  und  in  enn  wgenen  und  Dir  zuteil  Eern  to  Bollmacht  frei  erstens  von  jeder  Strase
Hrostren,  boern  leiueren  K.  a-  Du  ae  versallen  disßs,  sod  allen  Drinen  Sünden,  gewät  re  Dir  vonkommene
ünden  und  erlasse  Dir  auch  die  Fnen  fen  des  u  us  owei  sichch  Schlüsskf  der  heiligen  Mutter

ebun  allen  Dein
%  A#rvon  unt  2.  Namen  des  Vaters  und  des  —  und  des  heiligen  Geistes.
*!)  Das  Formutar  des  Ablaßbrieles  ist  aul  elne  Person  berechnet,  und  der  Singolaris  pomit  et  valent  hier  nicht  korricler#.

berkne  dol  et  #  vostalico  Kodls  Gntitt  sancte  Moguntinonsis  sedls,  ae  Mugdeburgensis  eccleslo  Arehleplscopus.
suacrl  Romanl  Impe  en  germanla  Archica-  Veolineis.  Fbrrue  oleelor  ae  rr  Lalbortektcnise
lei  go  xensis.  S  ss  Selauorumquo  dux.  Lu  nulus  Nuronb
Lugsoque  xceps.  Ei  Guardlunns  fratrum  ordinls  zaiineune  *  ernntIae  eonnn  N  Her  lin  en
lomlnum  —  aonp#m  La  d6R—  *  m  vkupor.  fr  n  ouni  39  agde  oburgonses  ao  Illarum  ei  Halbe  ers
stattenses  olultn  t  dloe  mi  0  a  Prineipum  dominorum  Marchionum
Brandebu  nlenias,  #  hionen  iwerln,  ern  ——–“*  u  let  nunell  e.  eammiserit:  ud  Infra  eripen  bSpreielnen
doputati.  alterms  et  singulis  presontes  IHras  Inspechurls  Salutem  in  domino.  Notum  fncimus  rr#oan  lseei  rius  dominus
nont  0  n  oalslono  nIsn  darin-no  modernus  s  *  ainkuls  un  sehne  soxus  chrisüf  ropara
Casilice  principis  npostolorum  sanetl  Petri  d  auslonom  nostram  manus  u
zuhense  nr  ui  nlanan,  ac  allas  gratins  ##t  ——  57w.  anbrcschn  1  obtinere  possumt.  lust
litorarum  Aunone  Harm  desuper  confecinrum  comtinentiam  miserleordstor  ia  in  domino  indulsit  K#Auc,  eoncessit.  Fz“l
doneum  poss  ire  confessorem  presbyterum  sceulurem.  vel  en  4  uns  mor  an  ordinis
Ccorum  —8—  —  audltn.  pro  commissis  por  oligentem  delletis  ct  ekeessibus:  ne  ploclentis  qulbur  ide  qunntumcunquo
  graulbus  et  enormibus.  etluam  in  dliete  sedl  reseruntis  ensibus.  ne  r  oechleeiei,  etiam  ab  homino
re  instantlam  lutis.  de  consonen  partium  otlam  rationo  Intordletl  Iincursis.  norum  absolutio  oldem  sodl  css
speciallior  reserunta.  Pretorqnnm  machinatlonls  In  borsonem  #r  Anesssshinn  Pshes  occislonls  opiscoporum  aut  enst
superlorum  woaen  .  ot  laie  ½-gtlonis  manuum  vloleniurum  in  Hlos  alios  prolntos.  Faulsillentlonis  Uterarum  apostolearum.
  Delntionls  urmorum  et  allorum  Fchbhuteren.  *  hrre  vun  r  sleintentlarum  t  consurarum  arre  slo.
a#ursnn,  e  pschehce  r  Partibus  Inddellum  ad  fdoles  contra  prohlbltionem  apostollen  eam  dolntorum.  tacursnr
scmol  in  t  In  mortis  artleulo  B  letg  oisabe:  i  ½et  mors  luse  non  —  untur  u  non  rEm*  S
totlens  X  petierint  plenarle  ubsoluer  ols  Sienig  Iejultlinm  saluturom  intu  Necnon  kern  in  vlia  e#  in  dier
mortis  artlenlo.  plonarlam  omulum  Wese  ghonbe  In  Ingonlnnlokomlsslonenslm  Icsulotv  ot  oueharistio  zennsn
(exechto  die  pnscatis  et  mortls  artichio)  ralmau  amm  #lemsporibus  minieira  orten  r  eos  zartt  grg  tomporo  volã
mecuuquo  (vlirn  marino.  visltatlonis  lmlnum  apost  olorum  et  lmunletl  incobl  in  rensdt,  In:  rellglonls  et  castitatis  Tott
umtaxat  excotis)  in  alla  W  16  eern.  commutaro  auctorltato  r  nossl  s  alone  Indul#n  n  ldem  sx
ln  domlnus  osier.  prosu  netores  corumquc  parontes  defünctos  dul  e  charlinto  dec-  t  In  procibus.
Fuglis,  clemosinls.  "Wst  b  missis.  horis  bu  Aewürbt.  Eulurelkasalkadbene  .  nn,  omnibus
gutrhtl  bonis  duc  Nunt  et  frl  Doterunt  in  tota  vulvorsull  sucrosanein  ceclesin  millltante  et  in  ammt#s  membris  elusdem
  in  perboluum  paritiel  4  sieri.  uln  dovotl  Asccekel  Re  1740  Roudts  Peders  Et  Adam  Rodt  ad  ipsam  4r  frienm  et  necose
  sneirsnel  ulten  basiilco  prinelpie  l  luxta  slanjletisslmi  dominl  nosir!  Papo  intemionom  eri
eluntionom  de  bonis  suls  contribucndeo  krntoz  exhfbuce#nnt  Ol  Hberas##r  in  eulus  uos  buiene  —2
bbbrere  .r  #bs  necoporwu  ldeo  ondem  auctorktate  3  nobls  commissn.  t  dun  funglmur  in  hac  purt  le  sls  duod
Ves  gratlis  ot  e  T  9  em  gnudoro  nosslt  o  valent  por  presontos  Concedlmus  ot  largimur.  in
inngen  sub  sigillo  per  nos  ud  he  6  P  nio.  Dle  pr  erule  Mulii  une.  *-  MCCCCCXVII.
absolutionls  totle  *  E—ir  In
Dominus  noster  —ie  rn  *  her  merltun  Sslonis  *½  Absolnat.  auctorlinte  Cnius  et  Apostollea
mihl  in  hac  W  commissn.  eonerau  4%  .  z  ubn#oluo  unb  ommnibus  pecestis  tuis.  In  nomiu
n  kn-  ollllllo  splkllns  ans-ou  Amen
For  ubsclutionls  ot  plenlislme  remissionis:  semel  Iin  vila  ct  in  artloulo
AMiseroatur  tul  cie  Ve-  minus  noster  14.00  ehristlus  per  irutns  ano  Lasslons  te  ubsolunt  e  cgo  auctoriinte  Ipslus  et
npostolich  mihl  in  huc  purte  comimmissn  3  eonee  %%  aaisolse.  4  imo  ab  rnn  wtn  ——

Mlscreniur  tul  eic.

munientlonis  maioris  vel  minoris  sl  dnum  incumist  mdeo  uab  omulbus  pesenil  d„„:  eonso
4  1—  omnlum  peccatorum  cuasso  eendn  une  do  tibl  etlam  ge-  9  4
nntum  so  citvos  sancte  mntris  ceclosio  extendunt.  In  nomino  patris  o#  lils  ot  splrikus  Sauctl  Amon.
        <pb n="133" />
        leich.  d.  Preuß.  Siaates
        <pb n="134" />
        <pb n="135" />
        Die  Reformation.  85

Ulrich  von  Huttens  Lob  der  Mark.  (Schluß.)  Nüstige  kauch  besipt  es  und
##ll  10  recto.  2  ngehoͤrtete  Esel

ad
innumeras

kröhlich
Fursn  *  "6nn  4%  nicht  und

rn  nn  bn  Roms

à

Selrn  den  Erdann  ut  er  Eorück
n  schnellen  Caslyrn
Flcoe-  —.  nr  das

Arit3  e  die  Dense  da  ·
sie  uen  dicken  Eat  ueite  den
bläusichen  Wols.

crrai  rlu  arei#  es  und  hoch

Tener  ele  we  e  gebaut  du  von
den  awcnunice,

Fürskt  Joachim,  des  sn  Scep-Dieser

  Ruhm  uichr  dem  Land  sehle,
wora  er

Iüd  muqsimn  auf  mit  hoch  ·
Szen  .

Daß  i  emporragt,  die
graln

Ediere  Künste  *  er  bierber  und
Scharen  der  Weisen.

Männer  auch,  welche  Mons  Lieder
auꝰn  5  &amp;amp;  *  sellen  sich

den  gn  gesellen  si

en  die  te  ert  VPallas.

Diese  Güter,  si  m-#  als  die

in  ba  1

Ja  „o.  Fruchtbare  gibt  den  blühen
n  Ae  des  Dasein,
t  der  goct  Ged:ei  net  ce  ·

—S
Willst  du  900  deerge  besler  noch  kennen,
  durchblötl-re  dar  Büchlein,
beler.  det  dir  os  Land  inniger
e  v  etrant.

mee  "o0]  Käten  i  Mark  hin

Wer.  *  onumente;
.  Wn.  zwie,  debenn.  der  dir

7  kreut,  gelesen  zu  haben,
pꝛius  Triebst  .o  t  ½6  du  es  neu

kamen
Darce.  moia  celeri  autoꝛ  opuo.

 

Stöbest  im  ucde  du  hie  und  da  auf

Iriges:
er  in  i#soer  Eil  bracht  es
t  zu  Tag.

 

Aber  bemerkt  zu  werden  verdient  es  doch,  daß  Joachim  niemals  wie  andere
Fürsten  zu  einer  Verfolgung  gegen  die  Evangelischen  als  solche  sich  hat  hinreißen
lassen,  und  Luther  selbst  ist  es,  der  mit  einem  Seitenblick  auf  solche  Fürsten
meinte,  für  Joachim  könne  man  trotz  seiner  Feindschaft  gegen  das  Evangelium
noch  beten.

Der  unverschämte  Handel,  welchen  auch  nach  katholischer  Auffassung  „geizige
Kommissarien  Mönch  und  Pfaffen“  mit  dem  zum  Bau  der  Peterskirche  in  Rom
        <pb n="136" />
        86  Die  Reformation.

 

Der  Ablabhendel
Nach  elner  Zeichnung  von  L  Solbein  b.  j.  1497—154  8)  in  Hols  geschnitten  n  1  Lühelburger  (#  1826).
dem  Exemplar  im  Museum  zu  Basel.  Fragmen

ausgeschriebenen  Ablaß  betrieben,  bot  bekanntlich  Luther  die  Veranlassung,  am
31.  Oktober  1517  seine  95  Thesen  an  die  Schloßkirche  zu  Wittenberg  anzuschlagen.
Joachim  aber  gewährte  dem  Dominikaner  in  seinen  Landen  Schutz,  und  die
Professoren  seiner  Universität  Frankfurt  traten  ebenfalls  für  Tetzel  und  gegen
Luther  auf,  während  die  Unterthanen  schon  jetzt  vielfach  für  Luther  Partei  er-1621
  griffen.  Auf  dem  berühmten  Reichstage  zu  Worms  1521  war  Joachim  einer  der
entschiedensten  Gegner  Luthers,  und  die  Kurie  that  alles,  um  einen  Fürsten  festzuhalten,
  der  zu  seinem  Auftreten  doch  nicht  durch  gelegenkiche  Gunstbeweise  der
ie,  sondern  durch  die  Macht  der  ihm  nun  einmal  inne  wohnenden,  religiösen
und  politischen  Urerzengung  bestimmt  war.  Auch  persönliche  Unterredungen
zwischen  Luther  und  Joachim  verstärkten  eher  den  Gegensatz,  als  daß  sie  ihn
milderten.  Joachim  ließ  Bann  und  Acht,  die  über  Luther  ausgesprochen,  in  der
Mark  verkündigen,  verbot  die  Verbreitung  der  lutherischen  Bibelübersetzung,  weil
sie  zu  „merklicher  Uneinigkeit  christlich  Glaubens  und  zu  mancherley  Aufruhr
führen  müsse",  wie  Joachim,  seine  Stellung  scharf  bezeichnend,  sich  ausdrückte.
Freilich  brach  damals  in  vielen  Teilen  Deutschlands  ein  lange  drohender
Sturm  los.  Neben  den  Schwärmgeistern,  den  Wiedertäufern,  auch  den  um  die
Herrschaft  kämpfenden  Bürgern  im  Norden  Deutschlands  erhoben  sich  nämlich  die
Bauern,  Luthers  Lehre  von  der  Freiheit  des  Christenmenschen  völlig  mißdeutend,
in  gewaltigster  Empörung  gegen  ihre  Herren;  aber  an  den  Felsen  des  Joachimischen
Staates  schlugen  diese  Wogen  vergeblich  an.  In  der  Mark  wußte  der  Bauer,
daß  der  Landesherr  für  ihn  sorgte  und  so  stand  er  von  blutiger  Empörung  ab.
Dagegen  mußte  Joachim  es  erleben,  daß  sein  Vetter,  Markgraf  Georg,  in
Franken  die  Reformation  einführte,  daß  dessen  Bruder  Albrecht,  der  Hochmeister  des
1625  deutschen  Ordens,  seinen  geistlichen  Ritterstand  (1525)  aufgab,  seine  geistliche  Herrschaft
in  ein  weltliches,  von  der  Krone  Polen  zu  Lehen  gehendes  Herzogtum  verwandelte.
Das  konnte  er  freilich  nicht  ahnen,  daß  Albrecht  damit  das  Ordensland  für  Deutschland
  gerettet,  für  Brandenburg  einen  der  bedeutsamsten  Schritte  gethan.  Zeit-
        <pb n="137" />
        weise  mußte  Joachim  selbst  von
seinem  Bruder,  dem  Kardinal
Albrecht,  den  Ubertritt  zu  Luthers
Lehre,  die  Verweltlichung  des  kurmainzischen
  Erzbistums  fürchten,
und,  was  weit  tiefer  ihn  noch
verletzte,  auch  seine  Kinder,  namentlich
  aber  seine  Gemahlin,
Elisabeth,  neigten  sich  der  Lehre
Luthers  zu.  Die  entschiedenen
Maßregeln,  die  er  gegen  sie  ergriff,
  führten  endlich  dazu,  daß
die  Kurfürstin  aus  Berlin  flüchtete
und  in  Sachsen  ein  Asyl  suchte
und  fand,  in  dem  sie  dem  Zorne
des  Gemahls  entrückt  war.  Zudem
  war  der  Kaiser  damals  gar
nicht  in  der  Lage,  gegen  die
Protestanten  volle  Gewalt  zu
gebrauchen,  da  seine  Kämpfe  mit
Frankreich,  mit  dem  Papst  und
den  Türken  ihn  nötigten,  die
Ketzer  bei  gutem  Willen  zu  erhalten,
  und  mehrere  Reichstagsbeschlüsse,
  besonders  zu  Speier
1526  und  1529,  daher  ihnen
günstig  lauteten.

Auch  ein  Bündnis,  das
Joachim  mit  katholischen  Fürsten
in  Dessau  zur  Aufrechterhaltung
der  alten  Lehre  und  Ordnung
schlob,  hatte  zunächst  nur  die
Wirkung,  ein  gleiches  Bündnis
der  lutherischen  Fürsten  in  Torgau
hervorzurufen.  Aber  der  Gegensatz
  zwischen  den  beiden  Religions.
parteien  war  so  machtvoll  geworden,

  daß  der  allgemeine  Kampf
in  Deutschland  nicht  mehr  zu  vermeiden

  schien.  Ein  Einfall  des
Ritters  Nickel  Minckwitz  in  das
Bistum  Lebus,  dessen  Bischof  mit

Strenge  gegen  die  lutherisch  Ge

sinnten  eingeschritten  war,  ließ
Trübes  genug  ahnen.  Und  fort.
während  mehrten  sich  im  eigenen
Lande  die  Anzeichen  von  dem

Die  Reformation.

Luther  vor  dem  Kaiser  und  den  Kurfürsten  auf  dem  Reichstage  zu  Worms  1521.

 

Kuplerslichvon  Hans  Sebald  Beham  (1500—1550).
        <pb n="138" />
        88  Die  Reformation.  —  Tod  Joachims.

Fortschreiten  des  Luthertums.  Da  entschloß  sich  Joachim  unter  schweren  Opfern
zu  zwei  weiteren  Bündnissen  mit  nordischen  Fürsten.  Er  gab  die  bisher  von
ihm  vertretene  Sache  seines  Schwagers,  König  Christians  II.  von  Dänemark  auf,
er  gab  ebenso  die,  wie  wir  gesehen,  mit  so  viel  Energie  von  seinen  Vorfahren
behauptete  Lehenshoheit  über  Pommern  auf  und  durfte  glauben,  in  dem  dadurch
erkauften  Bündnisse  dem  Katholizismus  eine  neue  Stütze  gewonnen  zu  haben.
Mit  dem  äußersten  und  lebendigsten,  vom  Papste  in  überschwänglichen  Dankesworten
  anerkannten  Eifer  trat  Joachim  den  Protestanten  auf  dem  Reichstage  zu
L80  Augsburg  (1530)  entgegen,  beförderte  sogar  die  ganz  formlos  vollzogene  und
dem  kurfürstlichen  Amte  wie  dem  Rechte  der  deutschen  Fürsten  höchst  gefährliche
Wahl  des  Erzherzogs  Ferdinand  zum  römischen  König,  und  war,  als  dem  neuen,
in  Schmalkalden  geschlossenen  Bunde  der  protestantischen  Fürsten  gegenüber  die
1688  katholischen  Fürsten  sich  ebenfalls  aufs  neue  in  dem  hallischen  Bündnis  (1538)
verbanden,  eines  der  thätigsten  Mitglieder  dieses  Bundes.  Auch  im  eigenen
Lande,  so  in  Stendal,  in  Sommerfeld  trat  Joachim  der  Ausbreitung  des  Protestantismus,
  insofern  er  sich  gegen  die  rechkliche  Ordnung  verging,  entgegen,  aber
das  sind  nur  vereinzelte  Fälle  gegen  die  sonst  allgemein  herrschende  Ruhe.  Und
diese  ungestörte  Entwickelung  hoffte  Joachim,  während  ringsumher  die  Reformation
  siegte,  auch  über  seinen  Tod  (er  erfolgte  am  11.  Juli  1535)  hinaus  der
Mark  zu  erhalten:  er  verpflichtete  seine  Söhne,  der  katholischen  Lehre  treu  zu
bleiben,  teilte  sogar,  den  Gesetzen  seines  Hauses  und  doch  auch  seiner  eigenen
Grundanschauung  zuwider,  sein  Land  unter  seine  beiden  Söhne.  So  mochte  er
glauben,  seinen  zweiten  Sohn  Johann  in  der  Gewährung  eines,  nur  durch  dies
Testament  begründeten,  Anspruches  auch  zum  Festhalten  am  Katholizismus  zu
bewegen.  Er  mochte  weiter  hoffen,  daß  Johanns  Verhalten  dann  auch  für  den
dereinstigen  Kurfürsten  maßgebend  sein  werde.  Er  mochte  endlich  gegenüber  der
in  Deutschland  allenthalben  steigenden  Macht  der  Landstände  hoffen,  gerade  durch
diese  Teilung  die  absolute  Herrschaft  des  Landesherrn,  die  er  zur  vollen  Blüte
gebracht,  aufrecht  zu  erhalten.  Es  war  eine  Lebensfrage  für  die  Marken,  wie
für  den  Protestantismus,  ob  sich  solche  Hoffnungen  erfüllen  würden.

 

Ihaler  Joachims  I.  vom  Jahre  1521.
In  Gräße  des  (Silber)  im  K.  Wiiesn  *  Phite-—  7  #n  F  Thaler.

umschrift.  Ave  Achlm  .  MARHO  AN  -  *  *  z#"  14
rechts  mit  Kurhut  858  er  in  de  1  nn,  7  a  .
PRINeipis  ELECToris  s,  Vlerfeldiges  Wappen,  in  un  Son  zisg  zehn  oon

in  Schlide  E  Fazichl  1521.
        <pb n="139" />
        II.
Der  ständische  Terrikorialltaak.
Kurfürst  Joachim  II.  1555—571.

X####

ietätvoll  hielt  Kurfürst
  Joachim  II.
den  letzten  Willen
seines  Vaters  aufrecht
  und  überließ
nach  Beseitigung

geringfügiger

Schwierigkeiten

neidlos  seinem
Aus  „Alissale  sccundum  ubeicam  Bruder  Johann
r,  eede  Pete  die  Regierung  der
Neumark.  Von
ungleich  größerer  Bedentung  als  diese  zum
Glück  vorübergehende  Teilung  sollten  aber
für  den  Staat  drei  andere  Ereignisse  während
der  Regierung  Joachims  werden:  das  Emporkommen
  der  Stände,  die  Einführung  der  Reformation
  und  die  Mitbelehnung  mit  Preußen.
Zunächst  beschäftigte  alle  Gemüter  die
Frage,  welche  Stellung  die  Brüder  zur

 

 

Einfassung  von  Lucas  Cranach.

Titelumrahmung  zu  „Ein  Sermon  von  der  wirdigen  empfahung  des  heyligenn  waren  Leychnamß  Christi  geann
  am  gründornstag  zu  Wittembergck/  yn  kegenwerligkent  des  Durchleuchtigsten  Hochgebornn  Fürsten  vund
Marggraff  zu  Brandenburgk  2c.  dem  Jungern.  D.  M.  61ber.“  O.  O.  1521.  (Der  Name  des  Markgrasen  ist
nicht  genonnt,  doch  kaun  nur  an  den  damaligen  Kurprinzen,  späteren  Kurfürsten  Joachim  ll.  gedacht  werden.)
        <pb n="140" />
        90  Einführung  der  Reformation.

lutherischen  Lehre  einnehmen  würden.  Markgraf  Johann,  schneller  und  entschiedener
als  sein  Bruder,  ließ  gleich  anfangs  keinen  Zweifel  über  seine  Stellung.  Er
versagte  sich  den  hallischen  Genossen,  trat  vielmehr  dem  schmalkaldischen  Bunde

ibar  der  evangelischen  Fürsten  bei  und  führte  schon  1537  die  Lehre  Luthers  in  sein
Land  ein.  Der  Kurfürst,  vorsichtiger  als  Johann,  auch  durch  mancherlei  Rücksichten
  auf  die  katholischen  Verwandten  seiner  Gemahlin,  Hedwig  von  Polen  beengt,
  und  vor  allem  beseelt  von  dem  Wunsche,  die  Einheit  der  Kirche  zu  erhalten
  und  ohne  Bruch  mit  den  Altglänbigen,  namenklich  dem  Kaiser  die  kirchliche
  Reformation  zu  vollziehen,  suchte  eine  mittlere  Richtung  einzuschlagen,  in
der  beide  Parteien  sich  wieder  die  Hand  reichen  könnten.

Daher  vollzog  Joachim  zwar  schließlich  den  Beitritt  zum  hallischen  Bund,
lehnte  aber  die  W  an  der  neuen,  zu  Nürnberg  gescheosenen  Liga  der
Katholischen  ab.  Im  Sommer  1538  wußte  er  dagegen  den  König  Ferdinand
und  durch  diesen  auch  den  Kaiser  Karl,  welcher  die  Hilfe  der  evangelischen  Fürsten
nicht  entbehren  konnte,  zu  einer  Einigung  mit  den  Evangelischen  geneigt  zu
stimmen.  Joachims  Verhandlungen  ist  der  sogenannte  Frankfurter  Anstand  von

16391539  vorzüglich  zu  danken,  der  die  Entscheidung  über  die  kirchliche  Frage  von
einem  doch  nur  parteiischen  Konzil  auf  den  deutschen  Reichstag  und  in  selbständige,
  von  Rom  nicht  beeinflußte  Erörterungen  zwischen  Theologen  und  Laien
verlegte.  Uberhaupt  bahnte  diese  Verständigung  ein  so  günstiges  Verhältnis
zwischen  beiden  Parteien  an,  daß  der  Weg  zum  friedlichen  Ausgleich  gefunden
zu  sein  schien.  Jetzt  durfte  Ivachim  darauf  rechnen,  ohne  mit  dem  Kaiser  zu
zerfallen,  der  Reformation  in  der  Mark  Geltung  zu  verschaffen.  Denn  hier  freilich
  „dürstete  das  Volk  wunderbar  nach  der  lanteren  Lehre"“.  Unter  dem  Adel
auf  dem  Lande,  wie  bei  den  Bürgern  in  den  Städten  hatte  sie  weite  Verbreitung
  gefunden,  vielfach  schon  waren  evangelische  Geistliche  im  Lande  thätig,
und  selbst  der  Bischof  von  Brandenburg,  der  treffliche  Mathias  von  Jagow,  der
Luther  zu  dem  Wunsche,  daß  Gott  mehr  solche  Bischöfe  geben  wolle,  veranlaßte,
lebte  und  handelte  ganz  nach  dem  Geiste  des  Evangeliums.  Noch  im  Sommer
1539  berief  Joachim  eine  Kommission  zur  Ausarbeitung  einer  Kirchenordnung
und  am  1.  November  1539  vollzog  er  seinen  Ubertritt  zum  Protestantismus,
empfing  zu  Spandau  aus  den  Händen  des  genannten  Bischofs  das  heilige  Abendmahl
  unter  beiderlei  Gestalt.  Adel  wie  Städte  folgten  dem  Beispiel  ihres  Fürsten

töto  im  Verlaufe  weniger  Wochen.  Schon  im  März  1540  erschien  die  neue  Kirchenordnung,
  die  trotz  mancherlei  katholischen  Kirchen-Zeremoniells  doch  die  evangelische
  Lehre  so  lauter  enthielt,  daß  Luther  selbst  seine  ob  der  papistischen
Formen  bedenklichen  Freunde  zur  Zustimmung  Ws  Die  neue  Ordnung
fand  daher  auch  bei  den  Ständen,  abgesehen  von  den  opponierenden  Bischöfen
von  Havelberg  und  Lebus,  allgemeine  Zustinnnung  und  in  den  nächsten  Jahren
folgte  durch  eine  landesherrliche  Kommission  eine  allgemeine  Visitation  der  märkischen
  Kirchen,  die  Ernennung  eines  Generalsuperintendenten  der  Mark  und  die

1688  Einsetzung  eines  Konsistoriums  (1543).  Dieser  Ubertritt  zur  Reformation  wurde
aber  für  den  Staat  von  der  allergrößten  Wichtigkeit.  Denn  im  evangelischen
Glauben  sollte  er  eine  seiner  stärksten  und  festesten  Wurzeln  finden,  und  der
Protestantismus  wurde  so  sehr  ein  Teil  vom  Wesen  des  preußischen  Staates,  daß
er  ohne  ihn  gar  nicht  hätte  entstehen  können.

Inmitten  der  gewaltigen  Dinge,  welche  die  Welt  damals  bewegten,  erregte
        <pb n="141" />
        n  ES  eter  Sere

—

 

Joachim  II.  im  Aller  von  65  Johren.

Kupserstich  von  Franz  Friedrich,  Goldschmied  und  Kupserslecher  zu  Franksurt  k,  zwischen  *  1563  thätig.
n  25  nach  einem  Original  im  K.  Pr.  Geh.  Fo  W  9  zu  Berlie
        <pb n="142" />
        92  Joachims  Siellung  im  Reich.

das  tollkühne  Unterfangen  eines  Berliner  Bürgers,  Hans  Kohlhase  mit  Namen,
allgemeines  Aufsehen.  In  seinem  vermeintlichen  Recht  gekränkt,  meinte  er
nämlich  zur  Selbsthilfe  greifen  zu  sollen  und  ließ  seine  Knechte  sengend  und
brennend  umherstreifen.  Mehrere  Jahre  trieb  er  sein  Unwesen,  zu  dem  er  sich
voll  berechtigt  fühlte,  bis  es  gelang  ihn  zu  ergreisen.  1540  erlitt  er  den  Tod
durch  Henkershand.

1  Unterdessen  waren
"v.  Religionsge--

  die

«  spräche  zu  Hagenau

irt  hben  r  nung  begonnen,  zu
Wormsund  Regensim
  Churfurstenthum̃  der  Marcken  battn
zu  Prandemburg)  wie  man  licoe,r  n  n
beide  mit  der  Teer  ond  Lere  h  da  auße
.  »Joachmmuchanderc
monien  halten  sol  t  evangelische  Fürsten,
so  Hessen  und  Kurpfalz
  auf  seine  Seite
traten.  Joachim
aber  schloß  sich  insbesonderedem
  Kaiser
auf  das  innigste  an,
verzichtete  nach  erfolgter
  kaiserlicher
Anerkennung  seiner
Kirchenordnung  auf
jeden  Widerstand
gegen  die  spanische
Politik  des  Kaisers,
that  auch  als  kaiserlicher
  Feldhauptmann
  einen  Zug
gegen  die  Türken,
von  dem  er  doch
selbst  gleich  anfänglich
  urteilte,  daß  er
besser  nie  ange- 



 

  

—..  —  «  i  —-—
  fangen  sei.  Unermüdlich

  verhandelte
und  vermittelte  er

**  zu  Ber  l  in  im  jar  zwischen  dem  Kaiser

 

und  den  evangeli-"
  "  i  schen  Fürsten,  um

Titelblatt  der  Kirchenordnung  der  Mork  Brandenburg.  den  drohenden  Aus-Verlin,
  Johonn  Weis  1540.  Erster  Verliner  Druck.  bruch  eines  Krieges
        <pb n="143" />
        Erläuterungsblatt
zu  dem
eigenhändigen  Brief  Kurfürst  Joachims  II.
an  seinen  Bruder,

den  Markgrafen  Johann  von  Rüstrin,

d.  d.  Tölln  a.  d.  Spree,  17.  Auni  1543.

Wiedergabe  in  Größe  des  Originals  im  K.  Pr.  Geh.  Staatsarchio  zu  Verlin.
        <pb n="144" />
        Übertragung  des  nebenstehenden  Briefes.

Bochgeborener  Si  freundlicher,  lieber  Zruder!  Ich  habe  Ener  Liebden  Schreiben
empfangen  und  befinde  (=  ersehe)  daraus,  daß  Euer  Tiebden  aus  allerlei  Bedenken
(=  mannigfachen  Gründen)  gern  sich  mit  mir  freundlich  und  brüderlich  unterreden  wollten.
Es  haben  auch  E.  XK.  gebeten,  Dieselben  auf  nächsten  Mittwoch  gen  Müncheberg  oder  Brietzen
(Wrietzen)  zu  bescheiden.  Uun  bin  ich  in  alle  Wege  (=  durchaus)  geneigt,  E.  X.  frenndlich
zu  willfahren  und  brüderlichen  Willen  zu  erzeigen,  so  (=  ebenso)  kann  ich  auch  bei  mir
nicht  anders  bedenken,  dem  daß  unsere  Susammenkunft  zu  vielen  Dingen  nützlich  und  gut
sei;  ich  hoffe  auch,  da  (=  sobald)  wir  bei  einander  sein  werden,  daß  wir  uns  unserer  Gebrechen
  halb  wohl  brüderlich  und  freundlich  vergleichen  wollen  —  werden).  Dieweil  aber
die  beiden  Orte,  von  E.  X.  vorgeschlagen  zu  unserer  Zusammenkunft  und  freundlichen
Unterredung  und  Ergötzlichkeit  fast  (=  sehr)  ungelegen  (sind)  —  denn  Müncheberg  ist  ein
Lanz  unlustiger  und  ungelegener  Hlatz;  so  (=  auch)  bin  ich  nie  mein  Leben  lang  in  Brietzen
gewesen  und  kenne  die  Dethälknisse  daselbst  nicht  —  (so)  ist  (=  ergeht)  an  E.  X.  meine
brüderliche  und  freundliche  Zilte,  Euer  Tiebden  wolle  sich  nicht  beschweren  (=  wolle  es  sich
nicht  verdrießen  lassen)  samt  Derselben  Gemahlin  (sich)  zu  mir  hierher  zu  verfügen  als  an
den  Ort,  da  (=  wo)  wir  zu  unserer  Unterredung  und  fröhlichen  Ergöglichkeit  besseren
Raum  und  Bequemlichkeit  haben  mögen  (=  können).  Deun  daselbst  können  sich  E.  X.
samt  Derselben  Gemahlin  mit  meiner  freundlich  lieben  Gemahlin,  auch  mit  meinen  Söhnen
und  Uöchtern,  welche  Euer  Liebden  zum  Teil  noch  nie  gesehen  haben,  auch  unterreden  und
UMundschaft  (—  Zekanntschaft)  machen,  welche  dann  zu  vielen  Dingen  nützlich  und  gut  sein
kann.  Derhalben  (=  deshalb)  bitte  ich  nochmals.  Euer  Tiebden  wolle  solches  nicht  abschlagen
  sondern  wolle  Ihre  Reise  dermaßen  anstellen  (=  einrichten),  daß  E.  T.  samt  Ihrer
Gemahlin  am  nächsten  Johannistage  124.  Juni)  zu  Müncheberg  einkommen  (einziehen)  und
folgenden  Montag  um  8  oder  9  Uhr  Vormittag  bei  mir  zu  Taßdorf“)  erscheinen.  Allda
will  ich  E.  K.  (er-)warten  samt  meiner  freundlich  lieben  Gemahlin  und  E.  X.  ein  Jagen
bestellen  (=  eine  Jagd  veranstalten)  und  darnach  das  Miorgenmahl  (=  Frühstück)  halten
und  sofort  mit  E.  X.  nach  Berlin  ziehen  und  uns  alsdann  weiter  mit  einander  freumlich
bereden  und  ergöten  und  bin  es  zu  dem  um  Ener  TLiebden  freundlich  und  brüderlich  zu
verdienen  geneigt.

Gegeben:  Cölln  an  der  Spree,  Sonntag  nach  St.  Deit  1545.  (I2.  Juni).
Aoachtm  Criigral)  8  Drandenbura)

Mis  *  keln  geichrieben.

(F.  S.)  Und  bitte  des  (=  bezüglich  dessen)  von  Ener  Liebden  freundliche  und  unabschlägige
  eilende  —8  Ich  will  auch  am  Jehannisiuge  einen  bei  E.  K.  zu  Müncheberg
  haben  (—  Jemand  zu  E.  X.  gen  Ml.  senden),  welcher  E.  X.  auf  den  Morgen  (=  am
nächsten  Morgen)  zu  mir  bringen  soll.

Dorf  im  Krrise  Nieber-Barnim,  Negierungsbezirk  Hotsdam.
        <pb n="145" />
        *
*
u
%%
        <pb n="146" />
        <pb n="147" />
        Joachims  Stellung  im  Reich.  93

zu  verhindern.  Aber  alle  seine  Bemühnngen  blieben  erfolglos,  und  seiner  Anhänglichkeit
  au  den  Kaiser  und  politischen  Gebundenheit  entsprach  es,  daß  Joachim
einen  irgendwie  entscheidenden  Einfluß  auf  die  großen  Krisen,  die  in  den  folgenden

Jahren  über  Deutschland
Krieg  endete  mit  einer
Niederlage  des  Protestantismus
  und  führte  den
vollständigen  Sieg  der
spanischen  Fremdherrschaft
über  Deutschland  herbei.
Die  Gefangennahme  des
Landgrafen  von  Hessen,
für  den  sich  Joachim  verbürgt,
  war  eine  schwere
Ehrenkränkung  des  Kurfürsten
  durch  den  Koaiser,
und  der  Religionsfriede,
an  dessen  Zustandekommen
Joachim  mit  Eifer  gearbeitet
  hatte,  lief  in  das
Augsburger  Interim  aus,
das  keineswegs  den  protestantischen
  rerse
genügte.  Aber  Karl  V

stand  tm  Fäher  seiner
Macht,  und  der  Hohn
seiner  spanischen  Ratgeber
über  die  s  „die

Nase  herunführen  werde“,
kannte  keine  Grenzen  mehr,
und  „des  Klagens  und
Schmähens“  über  Eite
selbst  war  kein  Ende,  ja
im  eigenen  Lande  wurden
satirische  Schriften  gegen
das  durch  kaiserlichen  Betrug
  erschlichene  Interim
vielfach  verbreitet.  Schon
wußte  auch  König  Ferdinand
  der  Mark  sich  durch
strasses  Anziehen  der  böhmischen
  Lehensrechte  lästig
zu  machen,  aber  während
Markgraf  Haus  im  heftigsten
  Zorne  über  das
„teuflische  und  viehische

hereinbrachen,  nicht  gehabt  hat.  Der  schmalkaldische

 

"  %  ¾%%  5½
nisr  I7.  27

  

am#  r7  "  JIl)

Rückseite.

Mitteilung  Hans  hm  vom  Fssce  1535  an  den  Bürgerftc
  von  Wiltenberg.

Auf  der  Nuckselte  elne  gud  Fien  arimen  —*  Jehn,)  II  »Gutes-Gestaarchlo

  zu  Welmar.  Dic  belden  schwarzen  Stellen  auf  der  Vorderselte  r*  von
dem  Wachs  her,  mit  dem  dle  Karte  in  den  e  angckleb!
Übertragung.
2  E  Richert  ond  Mlatzkoll  ist  nicht  verschont  vorden  angeschen
  gross  armut  ich  Rate  sic  kommen  nicht  widder  adir  sic  ich
Splic:)  zo  einc  hant  hyr  lassen  I  H  Kohlhas
        <pb n="148" />
        94  Joachims  Stellung  im  Reich.  —  Die  Stände.

Joch  der  Tyrannei“  des  Kaisers  dem  Herzog  Morih  von  Sachsen  sich  anschloß,
hielt  sich  Joachim  in  der  nun  unter  der  Führung  dieses  Herzogs  losbrechenden
Empörung  deutscher  Fürsten  gegen  den  Kaiser  doch  neutral.
Beim  Abschluß  des  Passauer  Vertrages  war  Brandenburg  daher  nur  in
geringem  Maße  beteiligt.  Schließlich  stimmte  Joachim  dem  auf  dem  Reichstage
1555  von  Augsburg  1555  abgeschlossenen  Religionsfrieden  zu,  der  den  gefährlichen
Grundsatz,  daß  die  Religion  des  Fürsten  auch  die  seiner  Unterthauen  sein  müsse,
zur  Anerkennung  brachte.  Im  Reich  hatte  Brandenburg  jetzt  nur  eine  untergeordnete
  Stellung,  und  so  wenig  kümmerte  sich  der  Kaiser  um  brandenburgische
Ansprüche,  daß  Joachim  am  Ende  seines  Lebens  klagt,  wie  schmerzlich  es  ihm
sein  müsse,  in  seinem  Alter  zu  erfahren,  daß  „alle  seine  unterthänigen  und  mit
seiner  und  seiner  treuen  Leute  und  Lande  Anstalten  so  langher  geleisteten  großen
Dienste  gar  nichts  geachtet,  er  selbst  verachtet  werde".

Man  würde  aber  doch  fehlgehen,  wenn  man  dieses  Herabsinken  des  märkischen
Ansehens  allein  der  Vermitklungstheorie  des  Kurfürsten  in  der  Religionsfrage  zuschreiben
  wollte.  Es  war  vielmehr  wesentlich  in  der  Umgestaltung  begründet,
welche  die  innere  Verfassung  des  Landes  infolge  der  tiefen  Zerrüttung  der  Finanzen
erlitt.  Denn  durch  diese  kam  es  dahin,  daß  an  Stelle  des  monarchischen,  absoluten
  Regimentes  ein  ständisches  trat,  und  aus  dem  landesherrlichen  nunmehr  ein
ständischer  Territorialstaat  wurde.  Und  dies  ist  nicht  ohne  Schuld  des  Kurfürsten,
aber  doch  auch  infolge  der  Lage,  in  welcher  die  Fürsten  Deutschlands  sich  damals
überhaupt  befanden,  geschehen.

Allerdings  liebte  Joachim  das  Leben  in  vollen  Zügen  zu  genießen,  und  von
Festlichkeiten,  Banketten  und  fröhlichen  Gelagen  wird  vieles  berichtet.  Auch  war
Joachim  freigebig  und  schnell  geneigt,  oft  weit  gehenden  Forderungen  und  Ansprüchen,
  die  unwürdige  Günstlinge  und  Vertraute  an  ihn  stellten,  zu  genügen.
Und  endlich  förderte  er  mit  vollem  Verständnis  ihres  Wertes  Künste  und  Wissenschaften
  durch  reichliche  Belohnungen  wie  Gelegenheiten  zu  Leistungen,  namentlich
großartigen  Bauten,  wie  er  denn  das  Schloß  zu  Berlin  durch  Kaspar  Theiß
völlig  umbauen,  andere  Schlösser  im  ane  nen  errichten  ließ,  vorzüglich  auch
den  Bau  der  Festung  Spandau  begann.  Die  Geldsummen,  die  diese  Neigungen
kosteten,  waren  freilich  für  ein  Land,  dessen  Emporblühen  von  strengster  Wirtschaftlichkeit
  abhängig  war,  erheblich  genug,  und  die  Stände,  die,  da  alle  Verpfändungen
  so  wenig  wie  die  wucherischen  Rechenkünste  des  Juden  Lippold
durchgreifende  Hilfe  brachten,  um  Bewilligung  der  erforderlichen  Mittel  angegangen
  werden  mußten,  haben  sich  nicht  geschent,  dem  Kurfürsten  in  bittersten
Worten  über  seine  Verschwendung  und  Freigebigkeit  die  schärfsten  Vorwürfe  zu

machen.  Aber  mit  der  Teilung  des  Landes  waren  auch  die  Einnahmen  erheblich
geschmälert,  und  wenn  wir  bedenken,  daß  für  die  Versorgung  brandenburgischer
Prinzen  mit  Bistümern  und  für  die  Sicherstellung  des  dereinstigen  Erwerbs  von
Preußen,  worauf  wir  gleich  zurückkommen,  erhebliche  Aufwendungen  gemacht  werden
mußten,  daß  von  den  durch  die  Reformation  freigewordenen  Kirchengut  ein  erheblicher
  Teil  in  die  Hände  des  Adels,  der  Städte,  der  Stiftungen  kam  und  das
der  kurfürstlichen  Kammer  Heimgefallene  alsbald  gegen  baare  Vorschüsse  fortgegeben
  werden  mußte,  wenn  wir  ferner  hören,  daß  es  damals  im  Reich  überhaupt-keinen
  Fürsten  gab,  der  nicht  arm,  nicht  verschuldet  war  und  Wucherzinsen
        <pb n="149" />
        Die  Stände.  95

zahlen  mußte,  so  wird  man  die  Ursachen  der  fortwährenden  Finanznot  unter
Joachim  doch  auch  in  allgemeinen  Verhältnissen  der  Zeit  suchen  müssen.

Wie  dem  auch  sei,  Joachim  hatte  während  seiner  ganzen  Regierung  mit  den
schwersten  Schulden  zu  kämpfen  und  war  immer  wieder  und  wieder  in  der  Lage,  von
seinen  Ständen  neue  Bewilligungen  sich  erbitten  zu  müssen.  Die  Stände  aber  gewährten
  die  Bewilligungen  nur  gegen  Zusicherung  der  gewichtigsten  Rechte.  Schon
1540  übernahmen  sie  die  Deckung  der  Schulden  nur  gegen  das  Zugeständnis
des  Landesherrn,  „keine  wichtige  Sache,  daran  der  Lande  Gedeih  und  Verderb
gelegen,  ohne  unser  gemeinen  Landstände  Vorwissen  und  Rat  zu  schließen  oder
vorzunehmen,  auch  in  kein  Verbündnis,
  dazu  unsere  Landsassen  oder  2tv4
Unterthanen  sollten  oder  müßten  rt
gebraucht  werden,  ohne  Rat  und
Bewilligung  gemeiner  Landräte  zu
begeben“.  1543  erlangte  der  ständische
  Ausschuß  ein  Recht  zur  Kontrole
  der  gesamten  Schuldenverwaltung,
  1550  übernahmen  die
Stände  zwar  als  Selbstschuldner  die
gesamte  Landesschuld,  aber  nur
gegen  das  Recht,  nicht  nur  die
Steuern  durch  ständische,  vom
Landesherrn  unabhängige  Beamte
selbst  einzuziehen,  sondern  deren
Erträge  auch  selbst  zu  verwalten.
Somit  war  dem  Landesherrn  in
der  That  jegliche  freie  Verfügung  in
der  auswärtigen  wie  in  der  Finanzpolitik
  unmöglich  gemacht,  die  —.—  2
Stände  waren  zur  vollen  Mit-  ——  ——
herrschaft  gelangt,  oder  viemehr,  es  rosud##  ##  #omu#u  D0.
war  jetzt  nicht  mehr  der  Landes--  rivus  n  A##A#s#us.
herr,  sondern  der  große  Ausschuß  9
der  Stände  thatsächlich  die  oberste  Kupferstich  elnes  uom  an  bieer  et  elekis  virorum
Macht  im  Lande.  Und  doch  hatten  *3  st  a0  47  B  wwoe
die  Stände  naturgemäß  weder  die  Bü###  ce##  2randenbay#te-.  D.  D.  und  Jahr  (Verlin  um  1030.
Fähigkeit  noch  die  Aufgabe,  aus  ihren
nach  ständischen  wie  lokalen  Gesichtspunkten  stets  verschiedenen  Motiven  das  staatliche
oder  monarchische  Interesse  zu  vertreten,  wie  sie  denn  auch  keineswegs  selbst  Steuern
zahlten,  sondern  sie  auf  die  untern  Klassen  in  den  Städten  wie  auf  dem  Lande
abzuwälzen  wußten.  Es  waren  die  Zustände,  es  war  diejenige  Verfassung  des
Landes  geschaffen  worden,  in  deren  Beseitigung  der  Große  Kurfürst  und  König
Friedrich  Wilhelm  I.  die  Begründung  ihres  Staates  erkennen  sollten.  Für  jetzt
aber  gelang  es  ungeachtet  aller  Nachgiebigkeit  gegen  die  Stände  nicht,  die  höher
und  höher  anschwellende  Schuldenlast  zu  tilgen,  die  gänzlich  zerrütteten  Finanzverhältnisse
  zu  ordnen.  Und  die  einzige  Rettung,  die  Einführung  indirekter
Steuern,  auf  die  namentlich  der  Kanzler  Lampert  Distelmeyer  mit  Energie

 
      
 
    

.
-*-
        <pb n="150" />
        96  Die  Stände.  —  Dynastische  Verbindungen.

hinwies,  scheiterte  wiederholt  an  dem  Widerspruch  der  Städte,  die  überhaupt  sich
an  eine,  das  Allgemeine  umfassende  Anschauung  noch  weniger  als  der  Adel  gewöhnen
  konnten.  Gerade  aber  den  Städten  hatte  die  steigende  Kultur,  die  größere
Gemeinschaft  im  Staate,  sowie  die  Fürsorge  Joachims  wie  Johanns  —  so  z.  B.
für  das  von  Stettin  hart  bedrängte  Frankfurt  —  manigfache  Förderung  gewährt,
und  auch  eine  Reform  des  Kammergerichts,  das  nun  erst  von  den  übrigen  Behörden
1537  getrennt  wurde,  die  Einsetzung  von  Gerichten  in  Städten,  war  vornehmlich  diesen
von  Nutzen.
Aber  trotz  dieser  unglückseligen  Verschiebung  der  inneren  Machtverhältnisse,
trotz  der  Geringschätzung,  mit  der  Brandenburg  vom  Kaiser  behandelt  wurde,
und  trotz  aller  verwickelten  Wirrnisse  der  Zeit  wurden  doch  dynastische  Ver- 



Joachim  II.
Nach  einem  Medaillenmodell  von  Kelheimer  Stein  im  K.  Münzkabinelt  zu  Verlin.  Originalgröße.

bindungen  angeknüpft,  die  wieder  für  die  Entwickelung  des  Staates  in  der  Zukunft.
von  einschneidender  Bedeutung  werden  sollten  und  die  dafür  aufgewendeten  Geldmittel
  daher  reichlich  gelohnt  haben.  In  der  Erneuerung  der  Erbverbrüderung
mit  Hessen  und  Sachsen  hatte  man  zunächst  einen  Weg  gefunden,  der  den
Staat  aus  der  Isolierung,  in  die  man  geraten,  herausführen  konnte.  Es  war
ferner  geglückt,  in  dem  ganz  evangelischen  Erzbistum  Magdeburg,  wie  dem
Bistum  Halberstadt  mehrfach  die  Wahl  kurbrandenburgischer  Prinzen  durchzusetzen
und  so  nicht  nur  den  Prinzen  günstige  Versorgungen  zu  verschaffen,  sondern  zugleich
  gewissermaßen  den  Heimfall  dieser  Länder  an  Brandenburg  vorzubereiten.
1557  Schon  früher  (1537)  hatte  Joachim  mit  dem  ihm  verwandten,  für  die  Erhaltung.
        <pb n="151" />
        Erläuterungsblatt

zu  dem

eigenhändigen  Brief  Dr.  Martin  Luthers  an  den  Rurfürsten
Joachim  II.  von  Brandenburg

vom  9.  Wärz  1545.

Nach  dem  riginal  auf  der  Kirchenbibliothek  zu  Landeshut  in  Schlessen.
        <pb n="152" />
        Übertragung  des  nebenstehenden  Zriefes  Dr.  Martin  Luthers.

Gnade)  u.  Flricde)  im  Herrn  und  mein  arm  Palernoster.  Durchlauchtigster,  hochgeborner

Fürst,  gudigster  Herr!  Mir  hat  der  würdige  Herr  George  Buchholzer,  zu  Verlin  Probst,

angezeigt,  daß  mir  Eure  K  Lurfürstliche  Gnaden  durch  ihn  —  -  Lnädigen  Lc  sagen,  und
h  E.

sich  wundert,  daß  ich  E.  K.  F.  G.  nichts  schreibe,  auch  begehret,  daß  ich  wollt  ein  Büchlein
lassen  ausgehen  wide-  .  Jweiweibigen.  Erstlich  danke  1.7  benuhigich  ¾  54.  F.  G.  (jür)
gnädigen  Gruß.  Daß  ie  r  E.  K.  F.  G.  nichts  schreibe,  sollen  mir  E.  K.  F.  G.  ja  nicht

deuten,  als  geschehe  5  E  Unwillen.  Denn  mein  Herz  stehel  je  also,  daß  ich  keinem
Menschen  auf  Erden  seind  oder  abgünstig  bin;  Wm  euch  ent  gind  Herren  kaun  ich
nicht  abgünstig  sein,  weil  ich  täglich  für  euch  beten  muß,  wie  S.  Paulus  lehrt  1.  Timoth.  2
Sehe  e  wohl,  was  für  ein  arm  *  ist  um  einen  *i  zu  —2  schändlichen  zeit,
da  so  A  Untren  ist  unter  den  Räthen,  und  der  Hosteufel  ein  gewalliger  Herr  ist:  daher
Joilrcche  iund  Unlust  zwishen  allen  Kbnigen,  *#  Sünhe  sich  entspinnet.  Se  hab  ich  auch
keine  sonderlichen  Ursachen  gehabt  E.  K.  F.  G.  zu  schreiben.  Darum  sollen  E.  K.  F.  G.  gewiß
sein,  daß  es  aus  keinem  Unwillen  nachbleibt  Cincrhleio=  Ich  habs  oft  geiagt  und  geprchigee
daß  ich  auch  dem  Cardinal  zu  Mainz“")  nicht  gram  bin.  Ja  ich  wülnschte  nicht,  d
meinen  Catarrhum  sollt  eine  Stunde  haben,  wiewohl  ich  ihn  dor  -  denn  *  nicht
gerne  sehe,  daß  er  also  eilet  und  rennet  zur  Hölle  zu,  als  hätte  er  er  möchte  tsie  versäumen,
  so  er  doch  zeitlich  genug  hineinkommen  ken,  wenn  er  5  —  Fuß  für  Fuß
hinein  uteten  Aber  es  will  keine  Vermahmung  da  etwas  schaffen.

re  K.  F.  G.  habe  ich  wobl  große  Sorge,  daß  die  Juden  einmal  ihr  jüdische  Tücke
104,.  —  Aber  E.  K.  F.  haben  ein  afcen  starken  GOlanben  und  Vertrauen  auf
sie,  daß  mein  Schreiben  doch  8  #ae  ich  aber  (habe)  gar  keinen  Glauben:  darum  bitte
ich  Gott,  daß  er  E.  !  9.  .  wollie  dntdigiich  vor  ihnen  behüten,  —  die  jungen  Markgrafen,
daß  E.  K.  F.  G.  G  nicht  zu  stark  sei  Füestieen.  damit  nicht  elwas  geschehe,  welches
uns  darnach  allen  54  sbehsun  und  vergeblich  leid  sein  würde.  Der  Pro“  bst  gesället  mir  über
die  Maßen  wohl,  daß  er  so  heftig  auf  die  Juden  *  "er  hat  E.  K.  F.  G.  mit  Eant  bei,  das
spür  ich  we-  und  meinet  sie  mit  Treuen  (meint  es  gut).  Und  ich  hab  ihn  auch  dazu  gestärtt,
  daß  er  auf  der  Bahn  bleiben  soll.  Deun  das  (was)  sie  nt  der  Alchymei  ünhee
(vorgeben),  h  en-  hroßer,  schändlicher  Trug.  Man  weiß  wohl,  daß  Alchymei  nichts  ist  und
kein  Gold  machen  kann  (ohne  Sophistereien),  das  kein  Feuer  hält  (anshäll),  wie  ander  Gold,
welches  auch  wohl  üt  Goldschmiede  (machen)  können.

Auch  hat  mich  Hr.  George  vermahnet  und  gebeten:  ich  wollle  Cvolle)  E.  K.  F.  G.  für
ihn  schreiben  und  bitten,  das  E.  K.  F.  G.  wollten  seinen  zween  Söhnen  gnädiglich  etwa  ein
geistlich  Lehen  zuwerfen  (verleihen),  damit  sie  zum  Studio  möchten  gehalien  werden.  Schade
wäre  es,  daß  sie  sollten  n  und  verlassen  werden.

Summa  E.  K.  J.  hallen  mich  nicht  für  einen  Feind.  Aber  ich  kann  das  nicht
glauben,  daß  E.  K.  F.  %  2  an  nämlich  daß  die  Juden  E.  K.  F.  G.  mit  Treuen
meinen  ½  treu  meinen  nüt  &amp;amp;  E.  K.  G.).  Und  die  Alchymisten  hanilch  mit  E.  K.
spielen,  daß  sie  Alles,  u  C.  K.  F.  G.  das  Nichte  Gichtige)  gewinnen.  Doctor  Jeckel  macht
mich  Konn  (ist  mir  6E  als  mir  viel  Andere  gesagt  haben.

Hiemit  dem  lieben  ’  ¾  besohlen  samt  der  jungen  8  unn  *  Lganzen  Regiment,
Amen.  Am  9.  März  1  E.  K.  F.  G
iwanwa  Kss  Dtoctor).

(Adressed  Dem  burchlanchtosen  liocheeberen
Fürsten  und  Herrn,  Herrn  Joachim,  Markgrafen  zu
Brandenburg,  des  Beil.  Röm.  Reichs  *  und
Xurfürsten,  Berzogen  zu  Stektin,  —  rr.,  Fürsten
zu  Rügen,!  meinem  gnedigsten  Rerr#

 

*  WMorzgral  Albrecht  von  Vrandeuburg,  Ohelm  des  Kurfürsten  Joachim  11.
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        Vre.–—  .  —  6  —
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Berner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates
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        Dynastische  Verbindungen.  97

der  sevangelischen  Lehre  in  Schlesien  äußerst  thätigen  und  fürsorglichen  Herzog
Friedrich  II.  von  Liegnitz-Brieg  dahin  eine  Erbverbrüderung  geschlossen,  daß  dem
Hause  Brandenburg  bei  dem  Aussterben  der  Liegnitzer  Herzogsfamilie  deren  gesamte
  Länder  zufallen  sollten,  und  beide  Fürsten  hatten  dem  unrechtmäßigen  Einspruch
  Königs  Ferdinand  gegenüber  auf  Grund  des  dem  Herzoge  von  seinem
Lehensherrn  König  Wladislaus  von  Böhmen  1511  gegebenen  freien  Dispositionsrechtes
  über  alle  seine  Länder  an  dieser  Erbverbrüderung  festgehalten.  Endlich
aber  ergab  eine  höchst  eigentümliche  Kombination  der  allgemeinen  europäischen
Politik  um  die  Vorherrschaft  im  Norden  und  auf  der  Ostsee  einen  Punkt,  an  dem
Polen  auf  die  Geneigtheit  Brandenburgs  angewiesen  war.  Polen  mußte  nämlich
besorgen,  daß  das  Herzogtum  Preußen  durch  den  Kaiser  wieder  zu  einem  geistlichen
  Ordensstaat  umgewandelt  werden  würde,  und  da  der  alt  und  schwach  gewordene,
  durch  seine  Stände  aufs  ärgste  bedrängte  Herzog  eine  Verteidigung  nt
ins  Werk  setzen  konnte,  so  war  die  polnische  Lehenshoheit  über  Preußen,  wie  der
bestimmende  Einfluß  Polens  an  der  Küste  aufs  Außerste  bedroht.  Dies  war
aber  nur  umsomehr  der  Fall,  als  Polen  durch  anderweitige  Verhältnisse  innerlich
und  äußerlich  so  geschwächt  war,  daß  zumal  bei  den  dänisch-russischen  Beziehungen
und  den  österreichischen  Plänen  der  völlige  Zusammenbruch  des  polnischen  Reiches
zu  befürchten  war.  Da  mochten  selbst  die  Senatoren  der  Meinung  ihres  Königs
werden,  daß  der  gute  Wille  Brandenburgs  Bedeutung  habe.  Nach  unendlichen
Verhandlungen,  die  schon  bei  Joachims  Vermählung  mit  der  polnischen  Prinzessin
Hedwig  begonnen,  im  Jahre  1556  neu  aufgenommen,  1563  wenigstens  zu  einem
vorläufigen  Resultat  geführt  hatten,  erreichte  der  Kanzler  Distelmeyer  1569  bei  86
dem  Thronwechsel  in  Preußen  endlich  die  Mitbelehnung  Kurbrandenburgs  mit
Preußen.  Und  wenn  Joachim  dieses,  durch  seinen  —  als  vlumen  et  oculus  Marchiaer
von  den  Zeitgenossen  gepriesenen!  —  Kanzler  erreichte,  Ereignis  in  festlicher  Weise
in  Berlin  feierte,  so  sollte  eine  späte  Zukunft  die  volle  Berechtigung  dieser
Festlichkeiten  erweisen,  wenn  auch  die  Gegenwort,  herahe  aus  solchen  Veranstaltungen
  Anlaß  zu  Unzufricenheiten  nahm,  für  die  m  bald  darauf,  am
3.  Januar  1571,  erfolgten  Tode  des  Kurfürsten  nach  *  G*  Richtungen  1671
hin  von  seinem  Nachfolger  Abhilfe  erwartet  wurde.

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates  —  7
        <pb n="158" />
        Rurfürst  Johann  Georg.  157—1598.

ampert  Distelmeyer  war  in  der
That  der  einzige  von  den  Räten
Joachims,  den  sein  Sohn  bei-9
  behielt,  die  übrigen  wurden  ent-9
  lassen  oder  gefänglich  eingezogen.
Der  Jude  Lippold  wurde  sogar
hingerichtet,  seine  Stammesgenossen
  sämtlich  des  Landes  verwiesen.
  Uberhaupt  begann  Johann
Georg,  der  bis  in  sein  46.  Jahr
hinein  fern  vom  Hofe  auf  den
Schlössern  der  Priegnitz  und  Alt-«
  mark  eine  durch  Sparsamkeit  aus-&amp;amp;
  r-  gezeichnete  Lebensweise  geführt
hatte,  wie  man  es  vorausgesehen,
in  mancher  Hinsicht  ein  anderes
Regiment.

Zunächst  fiel  ihm  zehn  Tage
nach  seiner  Thronbesteigung  mit
dem  Tode  seines  Oheims  Johann
die  von  diesem  inzwischen  höchst

vovirtschaftlich  regierte  Neumark
wieder  zu.  Die  wichtigste  Sorge
5  mußte  es  aber  sein,  Ordnung  in

die  Finanzen  des  Hauptlandes  zu

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-Q  bringen.  Auf  den  Landtagen  zu
Uus  La  mer  des  Hlistoircs=  Paris,  Ant.  Berard  1488.  Berlin  und  Küstrin  brachte  Distelmeyer
  unter  energischem  Hinweis
auf  die  Notwendigkeit  einer  indirekten  Steuer  und  bei  eingehender  Berücksichtigung
der  städtischen  Finanzen  es  dahin,  daß  die  Stände  die  Schulden  aufs  neue  übernahmen,
  und  so  wenigstens  eine  regelmäßige  Verzinsung  und  Abzahlung  erfolgen
konnte.  Aber  trot  der  musterhaften  Ordnung,  die  Johann  Georgs  Hofhalt  aufwies,
konnte  auch  seine  Regierung  nicht  ohne  Schulden  vorwärts  kommen.  Auch  bei
seinem  Tode  betrug  die  Landesschuld  wieder  600,000  Thaler:  ein  deutlicher  Beweis
dafür,  daß  auch  für  Joachims  Schulden  die  unzulänglichen  Einnahmen  mindestens
dieselbe  Ursache  waren,  wie  die  übertriebenen  Ausgaben.  Deun  nur  je  und  je
gab  es  jetzt  noch  Hoffeste  und  fröhliche  Gelage,  wie  etwa  bei  der  Ankunft  fremder
        <pb n="159" />
        <pb n="160" />
        Varhafuue  Abconterfeyung  oder  gest
sa  mnen  unschüldigen  2  Jemna#ss.  zu  Berlyn  /  na
Dan  zuio  seine  vnd  anderer  Juͤden  tiranney  /  so  etwan

«  Este-spion  tückischer-Zweck  —'  s

"  —.  s

 

Die  Hinrichtung  des  Münzmeisters  Cipy
Nach  einem  gleichzeitigen  fliegenden  Blatt  aus  Leopold  Thurneyssers  Ossizin  im  Grauen  Kloster  zu  Ben
Während  das  Mitlelbild  die  Vierleilung  Lippolds  aus  dem  Schafott  darstellt,  srigen  die  drei  kicinen  Medaillons  unten  1)  da

—————
        <pb n="161" />
        stalt  /  desangesichts  Leupolt  Auden/

grausamen  vnd  vnmenschlichen  thaten  halben(so  er  an  dem
ach  pnhat  anmchevond  Kogllldes  Achtem  po  -.-9

  ê4  1

an  von  jhnen  wider  alle  menschliche  Affecten  /  vnd  mitleiden
sommen  Chrisien  zu  gut  vnd  warnung(  Auff  das  sie  sich  fuͤr  solchen  blutzn
  Reimen  gestelt  /  vnd  an  tag  geben  .

—.

 

s  ü#wold  am  28.  Januar  1575  zu  Zerlin

erprlin.  In  ½2  Größe,  nach  dem  Exemplar  der  Hof=  und  Staatsbibliothek  München,  Einblattdr.  II,  14.
hs:  Vildnis  Lippolds,  2)  die  Peinigung  mit  olühenden  Zangen  auf  der  Fahrt  zum  Richtplab  und  3)  die  Flechtung  aus  das  Rad.
        <pb n="162" />
        <pb n="163" />
        Johann  Georg  im  Alter  von  56  Jahren.
Holzschnitt  von  Peter  Hille  zu  Frankfurt  a.  O.  (f  um  1574)  *  Hran  Friedrich  (I.  S.
rhefs=  ahet  l  dem  5  Hen  weches  Kolser  Garolo  dem  V.  auf  dem  gehet  zu  Uugs-75
  1530  vbergeben!  ordnur  Du  chtlosen  errn  8  55  mg  sen  zu  Vran  ·
|  ———.-7P—  !s  ͤn  Agenn  ln  G.  dodg  Ft  zusom

sel  Johann  Elchorn,  Grantsuri  a.  O.
7.
        <pb n="164" />
        100  Die  Stände.

Fürsten  so  1595  des  Königs  von  Dänemark)  oder  bei  Kindtaufen,  die  Johann
Georg  namentlich  nach  seiner  dritten  Vermählung  fast  jährlich  auszurichten  hatte.

Doch  natürlich  hatte  Johann  Georg,  dessen  Gesichtskreis  überhaupt  nicht
soweit  wie  der  seines,  zwar  leichtlebigen  doch  weitblickenden  Vaters  ging,  den
Ständen  wieder  die  umfassendsten  Rechte  zubilligen  müssen.  Der  Landesherr
verzichtete  auf  das  Recht,  in  den  „Gerichten“  der  Stände  Zölle  zu  erheben,  er
gewährte  den  Ständen  die  Befugnis,  alle  in  den  letzten  50  Jahren  ergangenen
Polizei-,  Justiz=  und  anderen  Ordnungen  zu  verändern,  und  anerkannte  die  weit
gehenden  gutsherrlichen  Befugnisse  über  die  Bauern.  Es  kam  dahin,  daß  der
landesherrlichen  Gewalt  in  den  Städten  die  Magistrate,  auf  dem  Lande  die
Gutsherren  eine  Schranke  entgegensetzten,  die  ihr  den  freien  Verkehr  mit  der  Masse  der
Unterthanen  ungemein  erschwerte,  allgemach  unmöglich  machte.  Schon  jett
fruchteten  die  Verordnungen,  die  Johann  Georg  zur  Besserung  und  Hebung  der
Lage  der  gemeinen  Leute  ergehen  ließ,  nur  wenig,  und  alle  Bemühungen,  die
namentlich  Lampert,  wie  demnächst  Christian  Distelmeyer  auf  die  dringend  erforderliche
  Kodifizierung  des  in  der  Mark  giltigen  Rechts  verwendeten,  scheiterten
an  dem  Widerstande  der  Stände,  die  immer  mehr  neben  dem  landesherrlichen  ein
besonderes  Regiment  führten.

In  einem  Punkt  aber  traf  der  Wille  des  Kurfürsten  mit  dem  der  Stände
unbedingt  zusammen,  in  dem  des  Bekenntnisses.  Der  milden  und  vermittelnden
Richtung  Melanchthons  gegenüber  wurde  mit  vieler  Schärfe  „der  rechten  reinen
lutherischen  Lehre"  alleinige  Geltung  im  Lande  gestattet,  eine  neue  Kirchenordnung
erlassen,  die  strengsten  Visitationen  wrgenommen.  Nur  zu  bald  kam  es  dahin,
daß  die,  doch  aus  demselben  Geiste  des  lauteren  Evangeliums  geborenen  beiden
protestantischen  Richtungen  einander  schärfer  gegenüberstanden,  als  dem  Katholizismus,
  und  die  Furcht  der  Lutheraner,  daß  „ein  Werk  allein  von  den  Kalvinisten
getrieben  werde“,  hat  nicht  selten  dem  Katholizismus  genützt.  Immer  mehr  beeinträchtigte
  dieser  Gegensatz  die  Segnungen  der  Reformation,  von  immer  größerer
Bedeutung  wurde  er  für  die  Entwickelung  des  Staates.  Zunächst  zeigte  die
Reformation  ihre  Wirkungen  unbeeinträchtigt  auf  dem  Gebiete  der  Schulen.
Johann  Georg,  wie  seine  Vorfahren  vielseitig  gebildet,  aber  um  das  Studium
auf  der  Universität  zu  Frankfurt  ihnen  voraus,  leistete  der  brandenburgischen
Hochschule,  deren  Rektor  er  als  Kurprinz  gewesen,  durch  Aufbesserung  der  Gehälter,
  Stiftung  von  Stipendien,  durch  Berufung  guter  Lehrer,  vornehmlich  aber
auch  durch  Hebung  der  auf  sie  vorbereitenden  Schulen,  der  Gymnasien,  allen
Vorschub.  Das  Graue  Kloster  in  Berlin,  durch  ausgezeichnete  Lehrkräfte  seit
mehr  als  drei  Jahrhunderten  und  bis  auf  den  heutigen  Tag  eine  Zierde  des
Staates  und  Bildnerin  seiner  Staatsmänner,  Beamten  und  Geistlichen  verehrt

1874  noch  heute  in  Johann  Georg,  dem  Kanzler  Lampert  Distelmeyer  und  dem  Rat
Steinbrecher  seine  Stifter  mit  gebührender  Dankbarkeit.  Im  Grauen  Kloster  hatte
auch  der  Leibarzt  des  Kürfürsten  und  der  Kurfürstin  Leonhard  Thurneysser
seine  Wohnung  aufgeschlagen  und  trieb  hier  nicht  nur  seine  alchymistischen
Studien,  sondern  brachte  von  hier  aus  teils  durch  seine  medizinischen  Kenntnisse,
teils  und  hauptsächlich  durch  die  Anlage  einer  Buchdruckerei,  durch  die  Pflege
der  Formschneidekunst  den  Marken  den  schätzbarsten  Gewinn.  Dem  namentlich
seit  dem  Tode  Kaiser  Maximilians  II.  überall  mit  siegenden,  von  den  Jesuiten
getragenen  Fahnen  vordrängenden  Katholizismus  war  in  der  Förderung  des  Schul-
        <pb n="165" />
        Erläuterungsblatt  zu  „Aufzüge  und  ningeennen  nach  der  UKindtaufe  am  kurfürstlichen
Hofe  zu  Kölln  a.  Spree,  41.  —I5.  Dezember  1592“  und  zu  den  S.  108/0  und  110/111
Aceschalieter  beden  Bilbertefel  n.

e  hier  zwischen  den  S.  8  s  11  nen  drei  Bildertasesn  bi  *  a  1  7ur  belannten
zaen  n  brandenural  Soflestlichteiten;  das  bilct  sich  hi  ——  Siglemund  Sor  7
ers  ember  1592,  die  beiden  an  #aü#  den  Cmpsang  und  die  sest  ü0crn  E.  während  des

28  nn  des  Königs  Wchter  von  nebe  un  *  im  ager,  **  Eine  rd  nl  die  er  dd  e  Ls.
5“*7  beziehende  Darstellung,  „Ware  ab  Contersrnung  des  herlichen  seurs  ·
hler  dren  der  —  #3  “  Pwe  anten  F  m  m  des  Ihrs  —  e  Ringrennen-  7  wieerhegeen.
  Alle  vier  gehören  als  #  ail  z  1591  in  Frankkurt  a.  M.  regelmäßig  halbjährlich  Pucrhe
bie  h  Heiterei  eh  gase  von  von  einer  Messe  bis  zur  V  berichtenden  Ss-  iesn  Diese  Mebrelationen,  welche
erbrochen  bi  ae  andgres,  Jahrhun  T  8  henen-  re.  wm  Q  rE—x  vom  n  ber  Stadt
2  „:  M.  an  die  #  daselbst  berusenen  Predige  utenbach,  m  Pleudonym  Jacob
ene,n  schrieb,  —  Ksd  von  m  bis  #  geinem  am  2  n  ilt  13  Tohe  dn  n  bn  ——

an  nenmt  sich  als  Verleger  *—  Kachs  ce  Relation  erschien  zur  Frankkurter  Fastenr
Hltoricae  Konls  ee,.  eder  unp##m#pellsche  Beschresung,  bon  allen  #5  en  r  ——  um
leltzemes  sich  sleder  derschlenen  Veröst  bitz  an  e  Sstremesse  zugeiragen  har  sonderilch  in  KHronchreich
Cnyelland  Eriet#tand  ch  2  rsue  wie  auch  in  Dennenarch  Ln  Bübmen  len  n
Italien  bnd  senn  in  wop#.  Zubor  in  Lateinischer  Sprachtn  Veschtieben  durch  Stcobum
**  nleh  T  snben  1  2  Dation  Derricet.  Gedruchr  im  Aahr  nach  der  Aungiramen

urt  .

Bemerkun  6  daß  diele  F  aus  dem  Letefallchen  übersetzt  sei,  war  eine  os  belgge  un  und  hatte  nur  den  Zweck,
ber  das  Pseudonym  des  Autors  irrezusühren.  Auch  die  solgende  Relation,  d  eröstmesse  1591  unter
dem  Titel  „Hi##oricae  relationis  cominuntio“  erschien,  gibt  der  Autor  b0ch  *rn  berse  *—  8  dem  Lateinischen  aus,
während  alle  solgenden  Meßrelationen  ohne  sene  Firrion  —  Kurz  ve  inem  Tode  igte  Konrad  Lautenbai
  it  voñ  Herbst  1600  bis  Herb  "  ,  um  em  De  ·
so  daß  er  1505  erschienene  Ausgabe  als  „Relerio
i  ich  nur  bis  Augui  a
der  Halbsjahrsrelationen,  im  ganzen  42  und  1  Karte  beigegeben.  Eine  zweite,  an  unseres  Wissens  ichie,  solche  Zusammen--assung,
  von  Sebast.  Brenner  bearbeitct,  erschien,  gleichhcitig  mit  incn  Neubruck  des  ersten  Ou  emnalbandes  es  bei  P.  Brach  ·
seldt  #ög  unier  dem  Titel  ·  Coniinvaior  *—  duinquennaalis-.  Sie  behandest  jedes  nur  die  E  weoht  1.  Juni  1594  bis
September  1508.  ihr  waren  die  Kup#  grche  den  eirue  auss  eben  l  wit  leider  nicht
ermitteln  e.  ese  4  in  t  "  bist.  Cl.  d.  1883.

r  een  alder  zur  brandenbu  urgischen  E  *W  “5  1  ·—-  en  von  ihrem  hiort  cchen  und  kustur-*

  tn  ien  id  V  ugeschichte  E—  nicht  gans  ert,  iviewohl  in  bieser  Hin  bemis,  —  t  zu

bag  t  Abidn  or#en  eit  Cal  F  n-  #dr  Joachim  il.  8  e  7.

Sietaus,  durch  den  e  bou  teils  ganz  behein  □n  choaf  E  vehen

eerl  u  itenen  2  5  5  *5  oew  chlosses,  als  solche  auch  von

den  *  auf  diesem  5ö4#  s  mn-  Tei  becchtet  keinem  a  in  ihrem  Zusammenhang  untereinander
und  in  er  WS  eän  Meßrelationen  richtig  ert

20  --.  cren  die  dem  ed  —’.  t  2  1538  als  Turnlerpla  CStechheha)n  (enge

—  n  —  1  an  wieder.  Dieselbe  nahm  nur  die  Hälf
—  der  ont  inn  Wrmr  i  Küche  —  —  #n  Spreeseite  ist  in  dem  heutigen  bis  2*  S
.  *  oelein  B9  uen  “  7  8  2*8  er  wellliche  Eckerler  siand  etwa  gegenuͤb
ohen  3  s#hende  verdeckte  Gang  blidete  eine  für  den  i-  r  ·
d  get  mit  #  7  il  den  westlichen  Teil  errhehiten  Schloßplatzes  einnehmenden  Domkirche.
Derselb  en  Fheniccker  a  seiner  Bestimmun  hektewghan  auf  dem  Feuerwerssbild  von  1555.
t  sin  d  die  Bilderdadch.dal'ieiins,  nd  was  Se  die  gwreiche  Bemalung  der  Schloß  e  ghecc.
brigens  in  der  Dorstellung  der  Urchlicktur  nuversennbar  die  Dachgiebei
erer  §*ri  #  getl.  auf  dem  Turnierbild  vlel  zu  flach  re  ind,  brs  uur,  um  das  Gebäude  N*3
ehmen  mnnien.
r—  r  lond  auf  einem  damols  freien  Flab  d.  den.  nick:  zum  #n  1  dußeren
—  ind  Sibria  rV*#r  Teil  des  Sal  eimimmt.  ie  sch  dies  rucen  dw  igen  —
und  war  rechts  von  Stallaebäuden  .  Vom  Schioß  selbst  sieht  r  hne  rr  nur  lints  r*im  lleinen  Teil  der  Westfront
est  bdem  westlichen  Eckerker,  der  auf  n  uildern  von  1592  von  der  anderrn  Seibe  erscheint,  den  oben  erwähnten  verdeckten
bindungsgang  zum  Dom  und  die  Nordseite  des  sctteren.  een  Darsteung  p  rche.  iene#  die-  che  diesen  interessanten
r  e.  t.  ist  leider  sehr  dürstig  und  mit  der  soiisli  sein  naligen  Zustand  vonlig
at  schon  Jvachim  1Ul.  die  alte  an  dieser  Sielle  stehende  l  e,  8  er  sie  zur  Gruftkirche
T  *n  ede  vo.  ausgebant,  —  1.7  aus  eher  Abbildungen  des  17.  Jahrhunderts,  besonders  in
—  enche  aphie  erscheint,  al  cuzlirche  mit  *  Giebeln,  zwei  aulin  esttürmen  und  e  Dachrelter
auf  der  auf  z  Vilde  rrst  vorhanden,  und  es  muß  wohl  ungenommen  werden,  daß  der  fesiccher
  n  #  an  Ort  und  Speur  zun  und  nach  einer  Si##ze  arbeitetr,  welche  —  Dom  kaum  andeutete.
mun  die  Künstler  anlangt,  denen  wir  diele  Icasirorionen.  verdanken,  42  pen  dies  übrigen,  teilweise.  mit,  2
onogramm  si  —  we  uper  i  des  rancusschen  Meßrclationen  auf  Phlliy.  enbach  und  Georg  Keller  hin.
t  wurde  zwischen  1.  d  1570  ankjurt  a.  M.  in  empfing  dr  os  Fnsi#e  lgeche  Umierricht  von  dem
uliier  99  ler  Adam  —W0  eont  ch  jedo  nach  den  *M  deutschen.  eln  ersies  datiertes  Werk
J—  m  Jahre  1586.  Er  malte  für  den  Nat  tadt  Franksur  zuehwern,  —  6  Bilder  und  bebss  mk-.
  Heserte  au-  4  viele  Zeichnungen  als  ron  auch  len  n  einige  Stafseleibilder  leiner  dand
##  sr  ige  1639.  Neben  dem  berühnen  A.  Elzheimer  war  der  oben  untm  en  Roerr  Georg  Keller  sein
elbe  uronn  vor  1576  zu  Franksurt  a.  M.  geboren  und  ——  zu  Rürnberg  K  en  lezterer  Sradt  genoß
S  von  0  uen  Buerrcch.  Die  früheste.  uss  h  guren  dotierte  rr  —  mnd,  der  zwischen  S.  1
eingeschaltete  b  önigs  von  Dänemark,  w  sach  Jeich  usch  bacha  tX  zus  dem  Jahre  1595,  die  spteste
auß  dem  Jahre  1627.  Sein  Sbang  wamm  -C.  K.-  er  ele  nel  en  n.  Wtrute  Uftenba-  V.=  äusig  in  den  Francu-Kelationen,
  1  die  Pesche  der.  en  urec  doß  auch  das  S.  enn

von  ihm,  basule  gichn  W  rui  geso  Sh
Die  beiden  Bu15  elicht  nur  p!—m  leen  auch  radiert  hal  Da
er  Kunslier  icnernch  se  .  Lehe  gewe  i  Isodl  anzunehmen,  das  für  seine  S  von  —  d  an  Ort
and  Stelle  Ke  gernachte  S  die  ihm  vielleicht“  E  erlegtt  Paul  —  l  dee  An  IachWae
Lhaieani  krlinet  die  eliien  uveklsissenppan  vi  lleth  gesicll  satddtadey  denndl
chlldmi  ngen,  —.  ir  als  —  o  Et  auf  der  2#  der  renn  T7erungsbl.  "  abdrucken,  gehen  osse
von  einem  Augenzeugen  aus.  ben  gle  Seitigen,  im  nahrn  Straußberg  wohnende  eisten  n
n  Agtn  Lar  Errarn  1sm—  dal  Llchet  des  Jar.  Francus
*  ocn  geeuso5  be  1  1  5
Fh  *  auch  die  n  *-  el  e  au  in  je  al  Bla
.  nt  in  och  anc  ie  Borm  Phur  und  Stechbahn.  s
        <pb n="166" />
        Can  zu  dem  folgenden  Sinshallblee  „Aufzüge  und  Ringrennen  2c.7

Am  20.  tag  Weinmonats  #i#)  ward  zu  Göllu  er  Sp#e  Marggrafte  Si  llt  von  —  eeede  #Z
Georgen  e  on  Es  zeerg  Eirh  eSsdan.  p  ern  alebe  gebarsen  g#s  von  Anhal
JJ  —  #-  “  7  7  *  zrich  von  V  Aa  |n5  6#  SEhoh  *
m  beysein  der  dren  fungen  ssc  a  cn.  (su  u  #echelburg,  deß  Hertogen  von  Holstein  I
Boda  von  Prag,d  7  rrSen  Ns  Brunon  l  von  M  tiefem  von  Aren  W  D
ier-  Lhonn  *  Sa  der  Gräftn  Schau  vnd  Sol  —

auff  wurden  -*-  solgende  4.  ve  “*  "  EmW  suahe  ##  e  onats  W  Nitterspiel  einer

St  geraben.  chben  Rennbahn  an  der  Sprte  mit  Thurnlermn,  Ringrennen,  Schissen  vund  Musica,  Feuwerwerck  vund

a  lot  erst  ward  ein  Patent  an  das  3  r*x—  7  —  zween  i##  oder  Ritter  am  Churfürst.
1  Brandenburgischen  Hoff  ernennet,  welche  allen  Riktermak  #  Personen  mit  Kir  vund  andern  Auersichen
Spielen  im  Namen  der  Chur  m2  8  nach  inhalt  genielbtes  Palents  Alfahuuste  Gutt  kund  wolten.  Die
bahn  ward  allernechst  unter  dem  Schloß  dey  dem  Wasser  die  r  genannt,  buperülee.  und  mit  rwien  -  1
Darauf  warn  rol  schbner  3  aufsgerichtet,  vund  mit  schönen  Gemälden  ond  Historien  versetzet,  we
Auff

.  3.  heichnet  enlen  fnden  zu  oberst  zwo  Schlangen,  ein  poor  Touben,  und  wen  "ö  den  De#l.
en  i  Häiwen,  welche  das  Her#  hie-  elen.  7  E-  die  Vorsichiiakelt  und  Liebe  oder  ch  Au  a  dem
kü  o  mii  unn  dr  Rennbahn  gegen  en  Ludieierhant  100er  esianden,  Num.  7.  8  x'-m
  gerennet,  in  kurh  in  Könd  iche  —-  e  u  aberk  r'  1  m  *  en  und  die  1  6,  4½%
oW7  auff  einer  runden  —  104  bieuue  in  der  Hand  eine  he  in  geschrie  cioria,  Nu.  9.  zu  beyden  sehteñ
llunden  –qU½  „  und  zu  ihren  Füssen  ein  gemalter  Greisf,  *!1  7  ut  bru  e  röbes  waren  mit  folgenn
  en

Zu  de  r—  kürnt  ichen  Stam,

bara  2  llerzu  diß  Rirter  gut
winnr  ###n  an,  Gela

l
s3m—  #  hem  mut,
D  Zu  Sameon  a  leben-kam

Dam  13235  *
Du  FE  el  l  bewegen,  mögen  Luen8  bot  den  pl
Zu  E  —  nd  SEhr,  Sein  Pt  —  suchen  ob  mg  erlan
jedi  elngen“  "%  2  mehr  n  der  r—Ni'mvie  **  *  hangen,
Das  didi  ht  denburg,  Vnd  d  brde  guc«
Goqg  sim  daduẽch,  ten  wird  In  m̃uth,
mie  einem  #ae  herren  zart,  Fortung  wirds  erfanben  wol,
Den  20.  Ge  r.e  was.  Diciorl  wer  sie  n  en
darn  oe  in  ·  Au  werer  en
jedt  wlder  auffs  newe.  le  achun  dn  1
Die  we  W  .  dar#n,  nur  gescht  unrecht
le  recht  Vernunfft,  Der  mags  —#  treiben  44

D6  6  .  n  an,
00•  Wi-  hat  machen
Umonats  sieng  man  an  5  sich  auff  2.  92  n  zu  vben  vnnd  uche.  Es  ward  aber  nichts
gur6  47  1  ndh  Fceng.  in  Tag,  Fweren  1  aud  die  zween  Ritter  oder  Mandinakores,  als  nem

lich  Jost  vo  deß  Ch  eürhen  koen  s  d  kq  vum  Caspar  Sihsck  in  Bedenurgen
Fure  wardem  Saimmer  und  henen  güldenen  Rosen  verbremet,  dehlungen  auch  in
zrde  Samt  460  r  mit  gülden  r  pechenn  4  asn  vnd  44%%  unbera  R  leder  6  2  elbsn.  erter  genennei

worden,  auffgezogen.  Vor  ihnen  her  ritien  zu  forderst  vler  Trommeter  u  seen  vnd  —  4  ve  bald  neun
sn  PêR  rey  vund  drey  in  einem  Glied  gesotget,  Item,  son  a  mmeter,  zuletzt  "  man  zwst  schöne

r*0p*!  welte  und  —  Zierde  an  der  Hand  Pa  Num.  11.  12.  13.  14.  Als  nun  die  rs  res  mit  soichem  Gelend
n  ,  sind  die  neun  Gelendslent  wider  cbgetaarn.  4  die  zwölfs  verdeckte  rre  1%  in  zivo  darzu  auff  ·
s.  adh  en  -l  .  —58  biß  die  andern  müde  worden,  t  worden.  Nu.  16.  vn
n  auibei  wie  leneen  gekleydet,  auff  5  welche  gegen  den  zweyen
vnuid  dcse  r-  gemoldte:  Fker  mbten  Herren  so  dapsser  gehalten,  daß  sie  den  besten  Gewinn  darnon  betragen.
zuag,  Cl  Fna  84  Ritter  oder  Mandinasores  auff  vorgemeldte  zeit  vund  weiß  widerumb
wu  leypdsleute  ein  Partey  auff  Türckische  art  gekieydet,  zugesühret,  gegen  welchen  sie

7•

gn  7  tsan
KW  bnen  ein  re  in  lqnvarhem  Sammet,  mit  silbern  sirichen  komnien,  welche  sich  auff

wol  versignden  nt  n
uuu  d  ein  wolgerüstes  Schiff,  mit  drey  Mahbäumen,  N.  21.  alles  rot  und  weilß
PEmtet  ——  ,  Ahe  s  gasica  war  von  Herren  vnd  kvelleuten.  So  bald  die  an  die  en  b  un

lich  Few  lche  wosse  schläge,  ols  duppel  Falänetlein  abgehen,  glengen  darnach  zu
Henche  zogen  he  Wrimix*  6  en  reuneten  nach  dem  Minglein,  ond  so  bald  10ä  das  getrogen,  un  dn  E  a
weiche-I  *  er  ein  7  ück  loß  gebrennet.  Im  wegfahren  liessen  ste  auch  etliche  Frewdenschüß  ond  'rnt
öbgehe

ihsd),  tiner  in  geslast  eines  Moscowltlerd  *  die  Bahn,  der  sich  auch  im  Ringrennen  wol  gebrauckt.
aum  fünssten  iar  aris  Finn  grün  gekleidet  sampt  einem  Po  enci  auff  die  Bahn,  weicher,  lo  bald  senoetroslen
  ½  m—  S  hant.  ie  len.
echste  ulit  —  war  in  grün  Sammieck,  mit  Silber  verbremet,  staltlich  gelleidct.
szug  waren  in  köstlich  graw  Gewandt  gekleibet,  und  mit  hübschen  Büchsen,  graw  Kronlchsfrdern
auff  threu  upten  r**!r  4  n
achten  ein  Parted  auff,  in  aller  rr  wie  die  Fischer  gerleldet,  in  grow  Gewand.  ischersstlesfeln,  ledern
Stebteun  ral  che  rrshüten,  nn  E  hat  der  2E  die  Nadeln,  rz  *7  6  1“  ersgarn  strickri,  drey  kleine  Fischkurbe
  Stan  Felche  sle  g  elohee  e  ein  —.  Vor  —  ber  dern  oder  Einspc  sutgent  in
*  ugt  as  il  dkru  te  ain  (  sichel-  aaska  e  vor  jhuen  En  rek,  da  win
*—  icher  gelolget,  Fiche  allerlen  auff  She  —  selen  getragen,  vnd  eln  Fischerdiled  mit  gleiche
2  Aaeche  ols  sie  auff  den  Thur  assehn
hogen  auch  ze  en  auff  einem  Schliteen  crn  Wchr  Na  aen,  darinn  lebendige  9  vuad  ein  Schiffkuchht,
Fcher  sich  PW  als  wann  er  ruderte.  Auuf  einem  Luneen  6  amn  Welb  einer  Bäwrin  gleich,  weiche  die  Ochsen  fort  u
Vornen  auff  dem  Nachen  soß  ein  Wheriab  iner  Keiten.  Sind  also  in  1  Hedwartg  und  mit  grossem  Lelschter  deg  Volck
aufk  die  Wne  tommen,  vnnd  eill  ho  den  Mandinatoren  Paer  vand  als  sie  den  Guse  ge  damt  sie  denn
etliche  Gewinn  dauon  r%  o  ebr  ".  da  aben  gen  Tl,  cioch  gier  Pe  von  dem  vorigen  Fischerslied  geH
in  dem  2  V  waren  rot  önd  weiß  haeet  rn  iv—44  Kun#ttele
  cin  nähhn  de  man  aafi  b  dea  feinen  ch  afldmdaelolktaach  l

pfklsseavna  cher  an,  in  weiß
Scileidt.  so  die  Rennspieh  geführet.  Item,  ts  *8  in  *  7  knl,  .  weiß  ge  S  welche  sich  auch  im
ngrennen  wol  gehatten.  Als  unn  in  dessen  der  Tbea#  mit  eh  von  dem  Mincbrunen  ebselasen.  4070  #

.  obgenitldie  Partenen,  so  noch  verha  anden  *  eu.  dui  hacen,  b  en  widerumb  abgezogen,  van  asd
arn  2  vr  —  leht  sind  auch  die  tusta  iu  geite  Ordmina,  ½  ste  an  mmit  WVoon  ehct  sten
ewlnnen
—  *•#  tañ  Wassmontan  srd  *7“  sonderliches  außgerichtet,  denn  daß  man  einem  Junckern,  zu  Hoff  ausf  dem
Schioß  Hochzelt  und  Veylager  gehalt
s  Jac.  Fraucus  »Ilistoricae  relationis  conlinualtio  15923.  sol.  o  rrelo.
        <pb n="167" />
        <pb n="168" />
        ———  21—  i-,  »F
MU-  mczwtw  If  m  »»-»"  «

Auföllge  und  Ringrennen  gelegentlich  der  Taufe

des  am  20.  Mov.  1502  geborenen  Sohnes  des  Kurfürsten  Jollann  Georg  und  der  Elisa

.  13.  Dezem

Sriginalradierung  in  der  Art  des  Philipp  Ussenbach,  auf  ½  verkleinert.  Näheres  über  diese  älteste  Durstellung  des
Nach  ei

einem  Exemplar  im  Vesihe  des  Kunstem
Verner,  Gesch,  des  Preust.  Staates  enn  sh  -
        <pb n="169" />
        fe  Markgraf  Sigismunds  von  Brandenburg,

eubsabeth  von  Anhalt,  auf  der  Stechbahn  am  kurfürstlichen  Schlosse  zu  Nölln  a.  Sprec,
7mber  1592.

w)es  kurfürstlichen  Schlosses,  sowie  Erlämerung  der  in  derselben  vorkommenden  Zissern  auf  vorslehendem  Blatle.
##  utianariats  von  Max  Harrwib  in  Berlin.  ·

Verlagsaufl.  f.  Kunst  u.  Wissensch.,  München
        <pb n="170" />
        <pb n="171" />
        Katholische  Reaktion.  101

wesens  und  der  8  doch  ein  Damm  entgegengebaut,  der  seine  Haltbarkeit
oft  genug  erprobt  hat.
Denn  freilich  politisch  oder  gar,  wozn  Johann  Georg  des  öftern  aufgefordert

 

Leonh.  Thurneysser  zum  Thurn.

Holzschn  von  Peter  Hille  (.  S.  107),  wobl  nach  Zeichnung  von  Franz  Friedrich  (.  S.  99),  .Historia
e  descriptio  plantarum  cic.  etc.  n  Leonhardo  Thurneissero.  Verlin  1578.  M.  Hentzske  e

wurde,  kriegerisch  der  katholischen  Reaktion  entgegenzutreten,  vermochte  der  Kurfürst
  nicht.  Er  erkannte  die  Gefahr,  —  „der  Papst"“,  so  sagte  er  wohl  einmal  „beginnt
uns  immer  näher  zu  grasen“.  —  Aber  der  Kampf  hätte  weder  seiner  Sinnesart,
  noch  seiner  von  den  Ständen  abhängigen  Lage  und  der  mit  ihr  verknüpften
        <pb n="172" />
        102  Katholische  Realtion.

Schwierigkeit  einer  ausreichenden  Rüstung,  noch  auch  der  politischeng  Lage  voll
entsprochen.

Johann  Georg  glaubte  mit  einer  passiven  Haltung  sich  begnügen  zu  müssen,
und  in  der  Ungewißheit,  ob  eine  Einigung  zwischen  den  evangelischen  Fürsten  zu
stande  kommen  werde,  hält  er  es  „am  besten,  daß  man  zur  Zeit  sich  in  diese
Sachen  nicht  menge,  sondern  das  Spiel  von  außen  ansehe  und  den  Willen
Goties  des  Allmächtigen  als  wahren  Beschützers  seiner  Kirchen,  das  Amen  dazu
sprechen  lasse“.  Die  um  ihres  Glaubens  willen  flüchtigen  Niederländer  nahm
er  zwar  in  seinen  Landen  auf,  aber  ein  Bündnis  mit  den  evangelischen  Glaubensgenossen
  in  Frankreich,  den  Niederlanden  und  England  einzugehen,  hat  Johann

   

 

Alchymistisches  Laboratorium  im  16.  Jahrhundert.
Holzschnikt  nach  einer  Zelchnung  von  Haus  Schäuselein  (um  1480—1540)  aus  Petrarcha,  „Von  der  Art#ney
bayder  Glück“,  Augsburg  1532,  gedruckt  von  Heynrich  Steyner.

Georg  stets  abgelehnt,  und  er  trat  dem  Hause  Osterreich  auch  dann  nicht
entgegen,  als  es  sehr  weltliche  Interessen  seines  eigenen  Hauses  verletzte.
Wiederholt  verweigerte  man  namentlich  seinem  Kurprinzen,  der  Administrator,
d.  h.  evangelischer  Bischof  von  Magdeburg  war,  die  Session  auf  dem  Reichstage,
den  ihm  gebührenden  Vorsitz  im  Fürstenrat.  Die  kaiserliche  Genehmigung  für
die  erneut  geschlossene  Erbverbrüderung  mit  Sachsen  und  Hessen  wurde  verzögert,
schließlich  nicht  erteilt,  und  der  in  Straßburg  von  den  evangelischen  Domherren
vorgenommenen  Wahl  des  zweiten  Sohnes  des  Kurprinzen  zum  Bischof  wurden
immer  neue  Hindernisse  in  den  Weg  gelegt.

Unter  solchen  Verhältnissen  mochte  es  Johann  Georg  für  einen  Gewinn
ansehen,  daß  er  mit  den  Herrschaften  Storckow  und  Beeskow,  die  der  Kaiser  an
        <pb n="173" />
        Erläuterungsblatt

zu  der

Ankunft  des  Königs  von  Dänemark  zum  Besuche  des
Rurfürsten  Johann  Georg

in
Berlin  am  6.  Pkfober  1595.

(S.  a.  das  Erläuterungsblatt  zu  der  eingeschalteten  Bilderta  fel
„Aufzüge  und  Ringrennen“.)
        <pb n="174" />
        Text  zu  dem  folgenden  Einschaltbilde:  „Ankunft  des  Rönigs  von  Dänemark“.

 

Anno  1505.  im  Ociob.  als  der  Durchleuchtigst  *.  n  rst  vnd  Berr!
Berr  Christianns  geborner  König  in  Dennemarck  ꝛc.  den  Churfürsten  zu
Brandenburg  zu  besuchen  auffm  wege  gewesen:  haben  si'  'bre  Churf.  Gna.
mit  allem  seinem  Adeldenn  er  auch  eines  guten  theils  hierzu  vom  Lande!
sonderlich  erfordern  ond  beschreiben  lassen  /  ber  zeit  gerüstet  r  Kön.  Wirde
enigegen  zu  sl0s*  da  denn  zu  förderst  viel  grosser  Herren  vom  Adel  vorher
geritten!  Rum.  l.  darauff  funffzehen  Trommeter  gefolget!]  so  noch  in  schwartzen
Trawrkleidern  bekleidet  waren  wie  sie  auch  gleicher  gestalt  schwartze  FKahnen  an
ihren  Trommeten  führeten  i  so  war  auch  die  Heertrummel  mit  schwartz  omb.
henget  Mum.  2.  (Soiches  darumb  rienl  onlangst  zuvor  jrer  TChurf.  Gnaden
Fraw  Schwester.  [Wiewe  von  Braunschweig  ond  Lünenburg  !  todes  herchieden.)
  Num.  5.  Denen  sind  nun  ihre  CThurf.  G.  allgemach  hernach  gefolget
wischen  den  berden  Bochgebornen  Färsten  ond  Berren!  Herrn  Administratorn
des  Stüiffts  Magdeburg  s  2c.  so  auff  der  rechtens)  !  Xum.  4  ond  den  Sigisnund

 

Hertogen  in  Preussen  welcher  auff  der  luncken  seiten  geritten  Num.  5.  auff
welche  J.  Thurf.  G.  zween  ander  Söhne  /  Rum.  6.  ond  7.  in  veren  mitte  Thristianns
  Fürst  zu  Anhalt]  Tum.  3.  ferner  der  Junge  Graffe  von  Sollern)  vnd

der  Herr  Graff  von  Spandawen)  Num.  9.  vnnd  10.  diese  sind  von  einem  grossen
Adels  so  all  in  schwartzem  Sammet  gekleidet!  ond  mit  schönen  güldenen  Ketten
gejieret]  beleitet  worden:  also|daß  sich  rdieer#  auszug  sämptlich  ober  fünff.
hundert  Oferde  erstrecket  hat.  Rum.  UI.  vund  12.  Man  hat  auch  zuvor  in
den  berden  Städten  Berln  ond  Töll)  zuen  tage  ehe  man  sich-  jhrer  Kön.
Wirden  ankunfft  gewißlich  zu  versehen  gehabt.  die  gantze  Bürgerschafft  gemustert]
  wie  dieselbig  am  Einzug  zum  besten  mit  jlbren  Wehren  gerüstet!]  auff
berden  seiten  der  Gassen  in  feiner  Ordnung  zierlich  sind  dargestellt  worden.  Als
man  un  ihre  Köô.  Wirden  auff  der  Spannischen  ***)  Heiden  mit  500.  Pferden
sehen  ankommen  7  ist  i46  Th.  G.  derselben  neher  gerückt  vound  beneben
dero  Hoffräthen]  nach  Fürstlichem  brauch  mit  grosser  Reuerentz  daselbsten
entpfangen)  uound  angenommen]  Num.  15.  da  als  denn  die  Beertrummel
geschlagen  ]  ond  von  allen  Crommctern  zugleich  (deren  Kön.  Wird.  auch
zwölff  mitgebracht!  so  alle  silberne  Crometen  gehabt!  wie  auch  seine  Heertrummel
  silbern  gewesen)  gewaltig  auffgeblasen  worden!  Sn  I4.  jrer  Kön.
Wir.  sind  auch  vier  schöner  Pferd  mit  Fürstlichem  zeug  geputzetjedes  von  einem
Trabanten]  so  in  gelb  ond  roth  Damast  gekleidet!  geieitet  vnd  nachgeführet
worden]  Aum.  15.  Als  man  in  die  Stadt  hinein]  ond  zum  Schloß  kommen
haben  die  Bürger  loß  gebrandt  ]  onter  daß  sein  jbhre  K.  W.  vollends  ins
Schloß  geführet!  welches  auffs  hellichte  mit  köstlichen  #güldenen  ns  Silbern
stücken  gezieret  war  da  ihre  Thurf.  G.  die  Kön.  Wir.  zum  wilkommen  neg
einmahl  herrlich  angenommen  wie  auch  jhre  Kon.  W.  von  jhr.  Chur
Gemahl]  ond  andern  Fürstlichen  Fräwlein!  auch  Lantzem  Frawenzimmer  P#erlich!
  .s  mit  grosser  Fürstlicher  Reuerentz  sind  entpfangen  worden.

olgenden  Montag  ist  ein  Ringelrennen  außgeruffen  worden  vnd
als  ba  die  stechban  zu  solchem  zugerüstet  worden]  ond  sind  die  Fürstliche
Hersonen  sampt  andern  Berren  ond  vom  Adels  omb  12.  ohr  bemeltes  tags
auffgezogen.  Erstlich  haben  ihre  F.  G.  der  Herr  Kauministlator  gerennet  ond
sich  trefflich  wol  gehalten  I  ond  ein  schön  Kleinot  gewonnen  folgends  K.  W.
selbst  mit  Fürst  Thristian  von  Anhalt]  desgleichen  Fürst  TChristianu#s  Herr  Bruder
mit  Reichards  von  der  Schulenburg  Son  welche  allesampt  wol  ond  künstlich
renneten  insonderheit  hat  ihr  K.  W.  in  diesem  Fürstlichen  Nitterspiels  ein
schön  Credentz  mit  dem  Pellican  gewonnen.

Ihre  CThurf.  G.  haben  solchem  Ritterspiel  aus  dem  Schlob  èin  den
Fenstern  mit  dero  mitlern  jungen  Herrn  zugeseben  wie  auch  j  .
gleichfals  auch  des  Herrn  Administratoris  Gemahl  ]  ond  die  junge  *  auß,
Hreussen  iE  dem  gantzen  Frawenzimmer  demsselben.  zugeschawe

Abend  herber  kommen  sind  die  Rerren  wider  tach  Hoffe
assse  1  boecruen  mit  frewden  zugebracht

Kuc.  e  relationit  ntinunuat.o  ßö-.

 

der  nachnialige  Kurfurst  %t  ui  gnerin
.  jedensalo  Nochus  (#raf  zu  Lun
valgärc,  auch  sonst  rrrhane  Form  für  Spandauisch.
        <pb n="175" />
        <pb n="176" />
        —  —  —

—  —  Denmarckt  Ber  #hu  —  n3

 

 

 

 

 

 

Ankunft  des  Königs  Christian  IV.  von  Dänemark  zum  Besuche

Rodlerung  von  G.  Keller  (I.  Erläuterungsblatt  zum  Einschalibild  „Auszüge  und  Ringrennen"),  etwas

Berner.  Gesch,  d.  Preuß.  Staales.  2.  Aufl.
        <pb n="177" />
        D  —  —

Kũ  Brandenburggehn  Berlin  Den  ·  6.  October:  Anno  In  „J

des  Kurfürsten  Johann  Georg  in  Berlin  am  6.  Oktober  1595.

e  verkleinert.  Die  in  der  Darstellung  vorkommenden  Zisfern  werden  auf  vorstehendem  Blatte  erlöutert.

Berlag  von  Emil  Strauß  in  Bonn.
        <pb n="178" />
        <pb n="179" />
        Erläuterungsblatt
Feuerwerk  auf  dem  platze  an  der  Südseite  des  kurfürstlichen

Schlosses

(S.  a.  das  Erläuterungsblatt  zu  der  zwischen  S.  106/7  eingeschalteten  Bildertafel  „Auszüund
  Ringrennen“.)
        <pb n="180" />
        Text  zu  dem  nebenstehenden  Einschaltbilde  „Feuerwerk  2c."

Den
ze.  gerich  wurderoals  in  der  F

andern  solgenden  Tag  /  ist  ein  herrlich  Fewerwerck  zwischen  dem  m*ms  vnd  Stall
Fignre  zu  ersehn  /  welches  anzeigte  /  zum  e

Wasserpferd

vud  2.  ond  dahinder  ein  Schiff/Num.  3.  auff  welhes  #nute  horlt  wuin  Nep.

um  Fk  7  Meer  eergabel  in  de
Haud  /
gesessen  i  ander  vuibjang
—  in  Colum

*  ein  wirge  8  /  Num.  8

Fn  eee  gHsstellet  Num.  0.  v#

den  Churfirstlichen  Schloßbo

Num.  10.  welchen  man  Feich

assen.  Diewei

nachfolgendes  Lie  dien  /i  J.  K.

holdselig  Bild"  mit  nachotgen

Wolan  in  —  Ja

Ick  bin  ein  seh  S

Weint  eit  halt  ich  in  n
bthut  mich  mein  Gott

b

*
Das  1t  der  Fürsten  Schild
Geschrieben  wird  mein  Bild.

Wolan  der  sich  befleist.
Auff  Weisheit  allermeist.
Die  wird  j#n  nicht  verlassn  1
aingen  %  ond  auch  an
Vnd  jhm  darzu  gebn  /
Ein  Kill  gerüglich  lebn.
Dieselbig  der  slehe,  T
Bißher  gegeben  hat  /

Allen  die  weissen  Schwan  /
Führen  in  jhrer  Fahn  /
Gott  wil  dieselb  usmsehen
Bex  allen  die  mich  führen.

Auch  ist  einer  angeborn“
Zu  meiden  vnd  Zorn  /
Denn  die  *7%  saut  ot
st  mein  eignes  Erbgut“
Darumb  ist  mein  Zalß  gekrön


Weil  ich  werd  bald  versönt.

 

er  rechien  Hand/  Num
en  /  daruon  die  eine  das  Mercu
der  Velllauff  4  vnd

r  For

inden  Hand  d
dem  “.„n'  1  eir  geir
am  sügend  hinauff  I  “

önten  Schwan  in  *

2:
“

(.  *sr  Chern  ¾auff  allerley  Ilrrnn  auff  die

vnd  die
k  5.  in  gemeltem  Schifflein  aber  nein  4%  Nungszen  einer  Menschen  geiß
mische  signom  in  der  Hand/  und
u  dem  liucken  Arm  r*es  Num.  6.  vnd  7.  hinden  auff  Fulten  Sübe.

d  in  der  lincken
die

2.i  /als

—  ein  gro
r  biß  aufs

rtuna  war  ein  Zam

önter  Echwae  /  dug  riaunh

u  abesondern  Ehren  hat  schweben
en  sühren  /  wiileen  dieses
elodey  /  O

den  worten  spielen  vnd  singen  lassen

Die  laußtmmut  Cobsan  /

Stehet  tapffr  Helden  wol  an  /

n.  seind  vor  augen
n  derf  nicht  vnib  scha  -

vier  zuce  Gott  verleihen“
Allen  die  mich  befrewen.

Wann  ich  liege  im  streit

Mein  Flügel  bald  ansbreit  /
chütz  mich  damit  am  geib“

2  Feind  von  mir

1  inlt  auch  weggestossen“
Mit  meinen  starcken  Füssen.

Gott  geb  den  Fürsten  mild“
dies  ich  führen  in  jirm

P7n  54%  glück  heil  vnd
In  thun  ond  Ratschl


Daß  jr  Volck  und  Land“
Schützen  ftr-  Feindes  band.

Weil  ich  mein  wunsch  vollendet


 

e
Für  meinem  letzten  End“

wit  ich  mein  Ceib  vnnd
eben  /
Dem  Todt  jebund  ergeben
k  “  Eses  ich  kinen  4
das  End  thut  her

Hieber  lehrt  zu  der  zei-,
All  hohe  Obrigkeit
In  bedeucken  alle  stend

Denn  wenn  in  einem  Land

Die  bitt  han  4

So  regiert  Gote-  güt  /

A##  Herrn  vnd  Knuecht
hüta

Dasgeb  eut  allen  frommen“

Die  mich  in  schild  genommen.

hiemit  fahr  ich  darnon?
wen  sind  vnd  zeit  kömpt

n  /

wi  we  thue  dich  schicken,
Im  Fewr  soltu  gI  en  /
Gott  gesegne  alle  fromn

 

Herrn  /
Die  mich  halten  in  Ehren.

Vund  zum  ende  dieses  Lieds,  also  gar  biß  auff  Lne  liucken  handt  der  Fortuna

8  n  /

das  Fewerwerck  angezündet“  darauß  viel  tausent

chlege“  und  außfarende  sewren

ommen  auch  vunden  am  Schiff  grosse  pen  n-  wie  Gartaunen  boßgangen  Num  11.  v  td

socinangezutgewohnt-undcnthmtlsch
Nach  dtekemvndanderemtuel)t-sotbr.(wmlicht  Wu

wde

Frewden  au  vnd  zugericht  worden,  wihpilih  sirgangen  ind  i  .
mtholeax  also  auch  hie  im  Außzug  alle

von  dannen  verreisel:  da  dam

Ehr  und  Reuerentz  erzeigt  m  methaus  worden.
sAus  Jac.  Francus  Ilistoricoe  relalionis  continuatio  18396-.  Seile  58.

var.
P.vd  nr  Ehenn.  n
den

n  zu  u  sehen

Octob.  wider

13.
        <pb n="181" />
        —  »
—  Uclu##n  —

 

 

Feuerwerk  auf  dem  Platze  an  der  Südseite  des  Kurf.  Schlosses  zu  Rölln  a.  d.  Spree
anläßlich  der  Anwesenheit  des  Mönigs  Christian  IV.  von  Dänemark  am  10.  Oktober  1595.
        <pb n="182" />
        <pb n="183" />
        Erbrecht  auf  die  rheinischen  Länder  und  Preußen.  103

  

Revers.

Gnadenpfennig  Johann  Georgs  v.  J.  1597
des  ie—  und  seiner  Gemahlin,  Elisabeih  von  Anhalt,  Bilduis  zeigend.
Größe  des  OrioInols  (Gold)  im  K.  Münzlabluctt  zu  Verlin.

Haus  von  Küstrin  verpfändet  hatte  und  nun  nicht  einlösen  konnte,  belehnt  wurde,
daß  der  Kaiser  die  Vermählung  des  jungen  Herzogs  Albrecht  Friedrich  von
Preußen  mit  der  Herzogin  Marie  Eleonore,  der  ältesten  Tochter  des  Herzogs
Wilhelm  von  Jilich  beförderte.  In  der  That  eröffnete  diese  Vermählung  die
weitesten  Aussichten.  Der  Herzog  Albrecht  Friedrich,  der  seinem  Vater  in  der
Regierung  folgte,  wurde  gemütskrank,  die  Söhne,  die  ihm  geboren  wurden,  starben
schnell  dahin,  sein  einziger  Vetter  aus  der  fränkischen  Linie,  Markgraf  Georg
Friedrich  von  Ansbach  und  Bayreuth,  der  nach  vielem  Widerstreben  der  Stände
endlich  als  Gubernator  die  Regierung  zugewiesen  erhielt,  —  wobei  die  brandenburgische
  Mitbelehnung  durchgesetzt  wurde,  —  war  kinderlos.  Der  Anfall  Preußens
an  die  Kurlinie  war  mithin  demnächst  zu  erwarten.  Marie  Eleonore  aber  hatte
bei  ihrer  Eheschließung  ausdrücklich  die  Bestätigung  ihres  Erbrechts  auf  die  Länder
ihres  Vaters  in  Gemäßheit  der  für  sie  durch  Kaiser  Maximilian  I.  und
Karl  V.  festgestellten  weiblichen  Erbfolge  und  Unteilbarkeit  der  Länder  zugesichert
erhalten,  und  bei  der  Kinderlosigkeit  ihres  einzigen  Bruders  ergab  sich,  daß  auch
dieses  Erbfolgerecht  praktische  Bedeutung  in  absehbarer  Zeit  gewinnen,  und  die
rheinischen  Länder  auf  die  Herzogin  von  Preußen  und  auf  deren  Erben  übergehen
  würden.  Es  war  dies  um  so  sicherer,  als  die  Ansprüche  der  jüngeren
Schwestern  der  Herzogin  Marie  Eleonore  mit  Geld  ausdrücklich  abgefunden  waren.
Und  nun  vermählte  sich  der  älteste  Sohn  des  Kurprinzen,  der  Prinz  Johann
Sigismund,  mit  der  ältesten  Tochter  Albrecht  Friedrichs  und  Marie  Eleonorens,
und  somit  mußte  Marie  Eleonorens  Erbrecht  au  Brandenburg  übergehen.  Rechtlich
  war  also  kein  Zweifel,  daß  auch  diese  rheinischen  Lande,  —  die  Herzogtümer
Jülich,  Cleve,  Berg,  die  Grafschaften  Mark  und  Ravensberg,  —  demnächst  an
Kurbrandenburg  fallen  müßten.  Des  weiteren  war  auch  der  Heimfall  der  fränkischen
Länder  Ansbach  und  Bayreuth  und  mit  ihnen  des  schlesischen  Fürstentums  Jägerndorf
        <pb n="184" />
        104  Tod  Johann  Georgs.  —  Geraischer  Vertrag.

mit  seinen  Annexen  Oderberg  und  Ratibot  zu  erwarten  —  welche  Zukunft
öffnete  sich  dem  Hause  Brandenburg!  Aber  freilich,  wer  hätte  glauben  dürfen,
daß  ihm  solche  Erfolge  vom  Kaiser,  von  den  katholischen  Fürsten,  ja  selbst  von  den
evangelischen,  ohne  Kampf  und  Streit  gegönnt  werden  würden!  Johann  Georg
hat  bis  an  sein  Lebensende  (8.  Jan.  1598)  an  solchen  Erfolgen  gezweifelt  und
in  lebhafter  Sorge  um  seine  zahlreiche  Nachkommenschaft  setzte  er  testamentarisch
eine  Teilung  der  Kurlande  fest.  Der  Kurprinz  aber  verweigerte  im  tiefsten  und
aufrichtigsten  Schmerz  dem  sterbenden  Vater  die  gewünschte  Genehmigung  zu  einer
solchen  der  goldenen  Bulle  wie  dem  Achilleischen  Hausgesetz  widersprechenden  Anordnung.

  Die  Pflicht  gegen  den  Staat,  den  seine  Vorfahren  geschaffen,
stand  ihm  höher  als  der  menschlich  schöne  Wunsch,  dem  sterbenden-  Vater

#  den  letzten  Willen  zu  thun.
1  w
-  5  Rurfürst  Joachim  )  Sriedrich.  1598—Jö08.

   

 

er  scharf  erkannten  Pflicht  gegen  die  Interessen  des
Landes  getreu,  verharrte  Joachim  Friedrich,  dem
Pflichttreue  und  Gewissenhaftigkeit  im  besonderen
Maße  eigen  waren,  auch  nach  dem  Antritt  seiner
Regierung  bei  der  Ablehnung  des  väterlichen
Testamentes.  Doch  glaubte  der  Kurfürst,  um  den
entbrennenden  Familienzwist  zu  vermeiden,  auf
den  bevorstehenden  Anfall  der  fränkischen  Länder
-  an  die  Kurlinie  um  so  mehr  verzichten  zu  dürfen,
nus  gu#n  1  Feßte  Plalterium.  als  das  Hausgesetz  des  Kurfürsten  Albrecht,  auf

4.
S
;
3  ach  den  Etenien  und  Stoge,  dessen  Grund  er  die  Teilung  versagte,  jene  Länder
8
2

     

ilIothef  u  Monchen.  für  nachgeborne  Markgrafen  bestimmt  hatte.  Aus
Verhandlungen  mit  den  Räten  des  Markgrafen
Georg  Friedrich  von  Ansbach  und  Bayreuth  ging  daher  1599  eine  Verabredung
  hervor,  der  1603  nach  dem  Tode  Georg  Friedrichs  der
Geraische  Vertrag  folgte.  In  ihm  wurde  wiederum  die  Unteilbarkeit
!  der  Mark,  zugleich  aber  der  Heimfall  Bayreuths  an  den  Markgrafen
ristian,  der  Ansbachs  an  den  Markgrafen  Joachim  Ernst,  die  beiden
ältesten  Söhne  des  Kurfürsten  Johann  Georg  und  seiner  dritten  Gemahlin

1  Elisabeth,  festgestellt.
Der  Grundgedanke  dieses  Geraischen  Vertrages  war  offenbar  staatlicher,
  monarchischer  Natur.  Mit  demselben  monarchischen  Gedanken  trat
Ivachim  Friedrich  auch  den  Ständen  und  nicht  ohne  Schärfe  entgegen.  Bei
seinem  Regierungsantritt  lag  der  Ausbruch  eines  Religionskrieges  sozusagen  schon
in  der  Luft,  und  deshalb  forderte  der  Kurfürst,  wiewohl  von  der  Unzulänglichkeit
der  alten  Wehrverfassung  von  vornherein  überzeugt,  von  den  Ständen  die  Ableistung
  der  Wehrpflicht.  Auch  ihn  mag  es  dann  doch  überrascht  haben,  daß  das
        <pb n="185" />
        Die  Stände.  —  Der  Geheime  Rat.  105

gesamte  Lehensaufgebot  nicht  mehr  als  etwa  1000  Reiter  und  4000  Mann
Fußvolk  ergab.  Wahrlich  ein  Resultat,  das  die  Notwendigkeit  einer  Veränderung
der  Militärverfassung,  die  Notwendigkeit,  landesherrliche  Truppen  anzuwerben,
dem  Kurfürsten  dringend
zeigte.  Eben  deshalb
mußte  aber  der  Landesherr
  vornehmlich  wieder
err  der  Einnahmen
werden  und  die  finanzielle
  Abhängigkeit  von
den  Ständen  lockern.

fahrt  des  gemeinen
Mannes  eintrat,  den
Gutsherren  das  „Graviminieren“,
  den  Städten
das  „ewige  Deffikultieren“
  scharf  verwies,
aß  er  verlangte,  die
Stände  sollten  ihrem
Ausschuß  zu  endgiltigen
Abmachungen  mit  dem
Landesherrn  Vollmacht
geben,  daß  er  den  Distelmeyerschen
  Entwurf  eines
1
alles  machte

Sien  nur  um
weniger  willfährig.  ½5
der  Kurfürst  in  seiner
ganzen  Auffassung  der
kirchlichen  Verhältnisse,  -
die  damals  die  politischen  –—
wesentlich  bestimmten,  der

reformierten  Lehre  näher  ½mv
d  al

 

 

tand  als  der  streng
lutherischen  der  Stände.
Von  weiter  greifen- 



dem  Einfluß  für  die  .  ..

monarchische  Ausbildung  sersi  m———  G.  6.  9

der  Landes-  Verfassung  Das  —  nach  elnem  Origlnal  des  K.  Pr.  Geh.  einatsnrchos  zu  Berlin.

war  es  indessen,  daß  der

Kurfürst  durch  die  Ordnung  vom  13.  Dezember  1604  den  „Geheimen  Rat“  1001
stiftete.  Anlaß  zu  dieser  Stiftung  boten  die  ungemein  verwickelten,  auswärtigen
Verhältnisse,  die  durch  dynastische  Beziehungen  begründet,  für  das  Land  selbst
von  höchster  Wichtigkeit  waren,  deren  Erledigung  aber  einc  erheblich  größere
        <pb n="186" />
        106  Der  Geheime  Rat.  —  Preußen.

Thätigkeit  kurfürstlicher  Räte  als  früher  nötig  machte.  Neben  der  lauswärtigen
Politik  hatte  der  Geheime  Rat  auch  die  Finanzen  zu  verwalten,  die  Handelsund
  Verkehrs-Interessen  zu  vertreten  und  endlich  die  Geschäfte  der  Landesverteidigung
  zu  führen.  Es  sorgte  mithin  die  landesherrliche  Regierung  jeßt
für  die  geregelte,  ordnungsmäßige  Verwaltung  einer  Reihe  von  staatlichen
Aufgaben,  die  bisher  nur  gelegentlich  und  je  nach  Bedürfnis  teils  vom  Landesherrn,
  zum  größeren  Teil  aber  von  den  Einzelnen  unter  den  Ständen  gepflegt
  waren.  Sie  erfüllte  jetzt  Aufgaben,  die  —  wie  z.  B.  der  1605  begonnene
Elb-Oder-Kanal  —  den  Unterthanen  das  Dasein  des  Staates,  seine  Fürsorge
für  das  Volk  immer  mehr  erkennen  ließen,  und  andererseits  hob  sie  doch  das
Interesse  des  ganzen  Landes  über  das  des  Einzelnen  hinaus,  um  in  jenem
wieder  das  des  Einzelnen  um  so  besser  zu  erfüllen.  Naturgemäß  mußte  mit  jeder
Erweiterung  der  Thätigkeit  der  kurfürstlichen  Regierung  die  Wichtigkeit  der  Stände
schwinden,  und  mußte  der  Geheime  Rat  in  der  That  ein  Gegengewicht  gegen  die
Stände  zu  Gunsten  der  monarchischen  Beamten-Verfassung  werden,  das  jene  als
solches  um  so  mehr  fühlten,  als  seine  Mitglieder  nicht  aus  dem  märkischen  Adel
stammten,  sondern  Ausländer,  „Gäste“  waren,  die  Joachim  Friedrich  zum  Teil
wie  den  Grafen  Schlick,  den  Kanzler  von  Loeben,  aus  Magdeburg  mitgebracht  hatte.

ien  Wirklichkeit  waren  aber  der  landesherrlichen  Regierung  auch  damals  die
umfassendsten  Aufgaben  gestellt,  da  die  Ansprüche  des  Fürstenhauses  auf  Preußen
und  die  rheinischen  Länder,  so  klar  ihre  Rechtstitel  waren,  nicht  nur  im
deutschen  Reiche  auf  den  heftigsten  Widerstand  stießen,  sondern  auch  auswärtige
Staaten  in  hohem  Maße  an  der  Frage  interessiert  waren,  in  wessen  Hand  jene
Länder  bei  ihrer  Eröffnung  fallen  würden.  Haußtsächlich  aber  war  es  der  Kaiser
und  die  spanisch-katholische  Partei,  die  mit  aller  Energie  bald  offen,  bald  heimlich
  den  brandenburgischen  Rechten  entgegentraten.

Die  nächste  Sorge  des  Geheimen  Rats  war  die  preußische  Angelegenheit.
Denn  da  mit  dem  Tode  des  Markgrafen  Georg  Friedrich  zugleich  die  Vormundschaft
  über  den  gemütskranken  Herzog  Albrecht  Friedrich  von  Preußen  erledigt
war,  so  mußte  nicht  nur  diese  Vormundschaft  auf  den  Kurfürsten  als  den  nächsten
Agnaten  übergehen,  sondern  es  mußten  auch  dessen  Sukzessionsrechte  auf  das  Land
anerkannt  werden.  Doch,  von  dem  heillosen  Wirrwarr  in  Preußen  und  Polen
abgesehen,  bot  auch  die  allgemeine  politische  Lage  der  Zeit  den  brandenburgischen
Ansprüchen  schwere  Gefahren.  Denn  Polen  war  mit  Schweden  im  Kriege  begriffen,
  krieb  sogar  infolge  der  Umtriebe  des  falschen  Demetrius  einem  Krieg  mit
Rußland  entgegen,  und  das  in  sich  zerrissene  und  gespaltene  Preußen  vermochte
dem  schwedischen  Vordringen  nach  Polen  keinen  Müberstann  entgegenzusetzen.

Andererseits  spielte  in  diesem  Kampf  zugleich  der  Krieg  Spaniens  gegen  die
Niederlande  hinein,  und  die  rheinischen  Anwartschaften  erforderten  geradezu  ein
Bündnis  mit  den  Niederlanden.  Dadurch  aber  kam  der  Kurfürst  in  Gegensatz  zu
Philipp  II.  von  Spanien,  der  damals  durch  ein  Bündnis  mit  Polen  den  Ostseehandel
der  Niederlande  zu  vernichten  suchte.  Beim  Könige  von  Polen  hatten  indessen  zunächst
die  eigenen  Gefahren  und  die  ihm  von  Brandenburg  geleisteten  baren  Zahlungen  das
Ubergewicht.  Er  übertrug  daher  dem  Kurfürsten  die  Vormundschaft  über  den
kranken  Herzog  von  Preußen,  und  ließ  ihn,  als  er  in  Königsberg  (1605)  anlangte,
  als  dux  Prussiae  begrüßen,  aber  die  Frage  der  Sukzession  konnte  er  infolge
der  Auflösung  des  polnischen  Reichstages  nicht  erledigen.  Joachim  Friedrich  mußte
        <pb n="187" />
        Preußen.  —  Die  rheinischen  Länder.  107

sogar  bei  der  Opposition  der
Stände  in  Preußen  selbst  nach
wenigen  Wochen  das  Land  verlassen,
  ein  neuer  polnischer

 
   
  

zession  entscheiden  sollte,  führte
zu  einem  Bürgerkriege,  und  die
Briefe  des  Kurprinzen,  den
Joachim  Friedrich  in  Königs-  —
berg  zurückgelassen  hatte,  sind  Avett.  Atvers.

voller  Klagen  über  den  Wider-  Medaille  Joachim  Friedrichs,

stand  der  Preußen  gegen  das  ihn  und  seine  Gemahlin  Kathorina  von  Küstrin  darsletzend.
märkische,  überhaupt  gegen  ein  ——————
landesherrliches  Regiment.

Bedrohlicher  fast  noch  waren  die  Verhältuisse  in  den  rheinischen  Ländern.
Seit  1602  wußte  man,  daß  die  herzogliche  Familie  mit  dem  Tode  des  alten
Herzogs  aussterben  würde.  Sofort  erhoben  andere  Fürstenhäuser  gegen  das  brandenburgische
  Recht  Ausprüche,  vor  allen  der  Pfalzgraf  von  Neuburg,  weil  die
Herzogin  Marie  Eleonore  von  Preußen  nur  Töchter  besäße,  und  mithin  die  Erbfolge
  auf  den  ältesten  Sohn  der  zweiten  Schwester  Marie  Eleonorens,  seiner  Gemahlin
  übergehe.  Demnächst,  auf  andere  und  andere  Rechtstitel  gestützt,  beanspruchten
  der  Kurfürst  von  Sachsen,  die  ernestinischen  Herzoge  von  Gotha,
Weimar  und  Altenburg,  auch  ein  französischer  Herzog,  der  von  Nevers,  das  Land,
und  das  Kaiserhaus  dachte  zunächst  den  Prätendenten  jede  Besihnahme  des  Landes
zu  verbieten,  es  durch  kaiserliche  Kommissare  verwalten  zu  lassen.  Bei  dem
besonderen  Interesse  aber,  welches  das  an  die  Niederlande  sowohl,  wie  an  die
spanischen  Provinzen  grenzende,  zum  Teil  von  katholischen,  zum  größeren  Teil
von  reformierten  Unterthanen  bewohnte  Land  für  die  katholische,  wie  für  die
evangelische  Sache,  für  das  Reich,  für  die  Niederlande,  für  Spanien  und  Frankreich
  hatte,  schien  hier  der  Zündstoff,  der  Dank  der  kirchlichen  Reaktion  und  der
durchaus  ihr  in  die  Hänude  arbeitenden  Politik  des  Kaiserhauses  in  Deutschland
  aufgehäuft  war,  in  helle  Flammen  ausschlagen  zu  sollen.  Der  entbrannte
Kampf  mußte  eine  europäische  Bedeutung  erhalten.  Und  ein  Vergleich  zwischen
den  Hauptprätendenten,  den  die  Herzogin  Marie  Eleonore  als  den  einzigen  Weg,
„Spanien,  das  Herr  der  Lande  zu  werden  wünsche“  fernzuhalten,  vorschlug,  kam
nicht  zu  stande.  Dagegen  gelang  es  endlich,  gegenüber  den  unglaublichen  Rechtsverletzungen
  und  Gewaltthaten  der  Katholischen,  so  namentlich  in  Aachen  und
Donauwörth,  eine  Anzahl  von  evangelischen  Fürsten  zum  Schutze  des  Religionsfriedens,
  der  Freiheit  und  Hoheit  der  deutschen  Stände  in  der  Union  zu  vereinigen,
  wogegen  sich  die  katholischen  Fürsten  wieder  in  der  Liga  zusammen  thaten.

vachim  Friedrich  sah  die  Stürme  kommen,  die  über  Deutschland  hereinbrechen
würden,  um  so  mehr  nur  wünschte  er  das  von  ihm  mit  den  Niederlanden  verhandelte
  Bündnis  von  seinen  Ständen  angenommen  zu  sehen.  Doch  starb  der
milde  und  weitsichtige,  klare,  fromme  Fürst  plötzlich  am  18.  Juli  1608  im  Reisewagen
  „unter  herzlichem  Beten  und  Singen“,  nachdem  er  kurz  vorher  (Angust  1607)
für  die  erste  Ausbildung  der  Staatsdiener  das  noch  heute  blühende  Gymnasium
zu  Jovachimsthal  gegründet  hatte.  Er  mußte  es  seinem  Sohne  überlassen,  ob  er

 

1608
Mai
        <pb n="188" />
        108  Johann  Sigismund.  —  Die  rheinischen  Länder.

die  durch  dessen  Heirat  mit  der  Herzogin  Anna  von  Preußen  begründeten,  durch
die  eigene  Heirat  des  Kurfürsten  mit  der  Schwester  seiner  Schwiegertochter,  der
Herzogin  Eleonore  von  Preußen,  noch  befestigten  und  der  Aufgabe  der  Mark  voll
entsprechenden  Ansprüche  durchsetzen  werde.

Rurfürst  Johann  Sigismund.  JZ6086—079.

   

jine  der  hervorragendsten  Eigenschaften  des  Kurfürsten

Johann  Sigismund  war  genau  wie  die  seines  Vaters

die  der  Gewissenhaftigkeit  und  Pflichttreue  gegen  den

Staat,  die  feine  hohenzollernsche  Erkenntnis  von

der  Stellung  des  Landesfürsten  zu  seinem  Staat.

„Gott  helfe  mir,  daß  ich  mein  hohes,  beschwerliches

und  mühseliges  Amt  so  bestellen  möge,  daß  ich  es

»  —  mit  gutem  Gewissen  gegen  Gott  und  meine  Mit-Voon
  einem  Cinzeblatte  des  K.  upser,  menschen  hier  und  dort  verantworten  könne"  und

schrabinekts  zu  Mönchen.  „Ich  bin  meines  lieben  Gottes  Diener  und  Statthalter"
  —  das  ist  der  vollkommen  hohenzollernsche
Grundgedanke,  mit  dem  er  seine  Regierung  angetreten  und  in  dem  er  sie  geführt  hat.
Er  war  auf  der  Reise  nach  Preußen,  als  ihn  die  Nachricht  vom  Tode  seines
Vaters  ereilte,  aber  die  Dinge  in  Preußen  lagen  so,  daß  er  unverweilt  die  Reise
fortsetzen  und  ifür  Brandenburg  in  der  Person  Adams  Gaus  Edlen  zu  Putlitz
einen  Statthalter  ernennen  mußte.  Unter  schärfstem  Widerstand  der  Stände  —
denn  „der  Tyrannei  der  Fürsten  müsse  ein  Ende  gemacht  werden"  —  und  nach
Bewilligung  der  ausgedehntesten  Rechte  an  die  Stände,  erhielt  Johann  Sigismund
  wenigstens  wie  sein  Vater  die  Kuratel  über  seinen  Schwiegervater,  den
Herzog  von  Preußen,  und  der  König  von  Polen  selbst  zwang  sogar  die  heftigsten
Gegner  unter-den  Ständen  zur  Leistung  einer  Abbitte.

1609  Gleichzeitig  trat  nun  aber  der  Tod  des  Herzogs  von  Jülich  ein  (25.  März  1609),
und  Johann  Sigismund  sandte  daher  seinen  Bruder,  den  hoch  begabten  Markgrafen
  Ernst,  an  den  Rhein,  ließ  durch  den  cleveschen  Edelmann  Stephan  von
Hertefeld  sofort  das  brandenburgische  Wappen  anschlagen  und  vollzog  so  die  Besibnahme
  des  Landes.  Eben  dasselbe  that  indessen  auch  Pfalz-Neuburg,  der
Herzog  von  Nevers  rüstete  sich,  gewaltsam  in  das  Land  einzufallen,  und  der  Kaiser
erklärte  alles  Geschehene  für  null  und  nichtig,  forderte  die  Prätendenten  vor  seinen
Richterstuhl.  Indessen  einigte  sich  Brandenburg  mit  Pfalz-Neuburg  im  Dortmunder
  Vertrage  vom  20.  Juni  1609  zu  einer  gemeinschaftlichen  Regierung  bis
zur  endlichen  Lösung  der  Rechtsfrage.  Vielleicht  hätte  der  träge  Kaiser  Rudolf  II.,
über  dessen  Absetzung  man  sogar  im  katholischen  Lager  verhandelte,  jetzt  nachgegeben,
  wenn  nicht  Spanien,  die  katholische  Partei  und  Kursachsen  ihn  davon
zurückgehalten  hätten.  Ein  kaiserlicher  Kommissar,  Erzherzog  Leopold,  wurde  nach
Jülich  gesandt,  swußte  sich  heimlich  in  der  Stadt  festzusehen,  und  der  Kurfürst
von  Sachsen  erklärte  der  brandenburgischen  Kurfürstin  Anna  ins  Gesicht,  „daß
        <pb n="189" />
        Fremde  Ansprüche.  109

er  in  die  Marken  einfallen,  für  die  Vertreibung  der  Hohenzollern  von  der  Kur,
für  die  Achtserklärung  des  Kurfürsten  sorgen  würde,  wo  er  in  das  Land  Jülich
ziehen  werde“.  In  der  That  wurde  Kursachsen  vom  Kaiser  belehnt,  der  Achts- 



—

Johann  Sigismund.

Kupferslich  von  Crispin  de  Passe  (um  1500—1630).
Das  Namenssakslmile  nach  einem  Original  des  K.  Pr.  Geh.  Staatsarchsos  zu  Berlin.

prozeß  gegen  Johann  Sigismund  eingeleitet.  Der  alte  Pfalzgraf  war  im  Begriff,
ich  dem  Kaiser  zu  unterwerfen,  der  junge  sogar  zum  Katholizismus  überzutreten.
Der  Herzog  von  Bayern,  das  Haupt  der  katholischen  Liga,  war  daher  bereit,  für
        <pb n="190" />
        110  Europälsche  Bedeutung  der  cheinischen  Frage.

Pfalz-Neuburg  einzutreten,  während  Brandenburg  von  der  Union  keine  Hilfe  zu
erwarten  hatte.  Selbst  innerhalb  des  eigenen  Hauses  erhoben  sich  angesichts  der
drohenden  Gefahr  schon  Stimmen,  die  zur  Nachgiebigkeit  rieten.  Aber  alle  Bemühungen
  der  Kaiserlichen,  König  Heinrich  IV.  von  Frankreich  von  dem  beabsichtigten
Kampfe  gegen  Spanien,  dessen  Truppen  die  Rheinlande  besetzen  sollten,  zurückzuhalten,
  scheiterten.  Frankreich  war  zum  Kampfe  mit  Spanien  gerüstet,  schloß
mit  Savoyen  ein  Bümdis,  verhandelte  mit  Venedig  und  den  Niederlanden  ein
solches.  Die  Niederlande  rüsteten  ihrerseits,  Schweden  näherte  sich  ebenfalls
Frankreich,  und  der  Kaiser  war  durch  Zwistigkeiten  in  seiner  Familie,  durch
mehrere  katholische  Fürsten,  Kamentlich  aber  durch  die  Bewegung  der  von  den
Katholiken  aufs  äußerste  gereizten  evangelischen  Stände  Böhmens  heftig  bedrängt.

Eine  allgemeine  Krisis  stand  vor  der  Thür,  und  Brandenburg  stand  mitten
in  der  gesamten  Politik  Europas.  Es  beginnt  die  Zeit,  wo  König  Friedrich  der
Große,  die  brandenburgisch-preußische  Geschichte  mit  einem  Strom  vergleichend
meint,  daß  der  Strom  aufange,  schiffbar  zu  werden.  Es  fragte  sich  nur,  ob
Brandenburg  die  Mittel  haben  werde,  in  einen  so  weit  aussehenden  Kampf  einzutreten,
  ob  die  Stände  für  die  Bedeutung  der  Frage  Sinn  und  Verständnis
haben,  ob  sie  in  diesem  Kampfe  das  Interesse  ihres  Landes  sehen  würden.  In
der  That  gelang  es,  wiewohl  unter  erneuten  schwersten  Zugeständnissen,  wenigstens
400,000  Thaler  bewilligt  zu  erhalten.  Für  das  Weitere  aber  mußte  man  beim
König  von  Dänemark  eine  Anleihe  aufnehmen,  und  die  aufgebotene  Lehensmiliz
zeigte  sich  über  alle  Maßen  unvollständig  und  erbärmlich.  Mit  französischer  und
holländischer  Hilfe  ward  freilich  Jülich  (1610)  genommen,  aber  auf  Bewilligung
der  wirklich  erforderlichen  Mittel  durfte  der  Kurfürst  jetzt  um  so  weniger  rechnen,
als  seine  Hinneigung  zum  Kalvinismus  die  größten  Besorgnisse  erweckte.

Nur  noch  verwickelter  wurde  die  Lage,  als  man  gleichzeitig  die  Srccession

16n  in  Preußen  zu  betreiben  hatte,  sie  endlich  1611  unr  unter  den  lästigsten  Bedingungen
  und  unter  der  Androhung,  Gewalt  gegen  die  Stände  zu  gebrauchen,
erlangte.

Freilich  hatte  seit  der  Ermordung  Heinrichs  IV.  von  Frankreich  die  jülichsche
Frage  von  ihrem  europäischen  Interesse  viel  verloren,  aber  weder  verursachte  der
Wechsel  auf  dem  deutschen  Kaiserthron  —  au  Stelle  Rudolfs  trat  nun  sein  feindseliger
  Vetter  Mathias  —  eine  Anderung  der  kaiserlichen  Politik  in  dieser  Frage,
noch  wurde  Kursachsens  Stellung  zum  Kaiser  dadurch  geschädigt,  und  alle  Versuche
  Brandenburgs  führten  zu  keiner  Verständigung.  Während  aber  nun  der
Uebertritt  des  jungen  Pfalzgrafen  von  Neuburg  bekannt  wurde,  und  dessen  Unterstügung
  durch  die  Liga  und  die  in  Belgien  unter  Spinola  stehenden  Spanier
gewiß  war,  that  Johann  Sigismund  jetzt  einen  Schritkt,  der  ihm  noch  mehr  jede
Aussicht  auf  Willfährigkeit  seiner  Stände,  wie  auf  Unterstützung  der  Union  entzog.
Der  Kurfürst,  der  seit  1604  schon  dem  reformierten  Bekenntnisse  zugeneigt  war,
wollte  in  diesen  gefährlichen  Zeitläufen  wenigstens,  wie  er  selbst  es  sagt,  Ruhe
in  seinem  Gewissen  haben.  Hatte  der  Pfalsgraf  von  Neuburg  den  Glauben  gewechselt,
  um  sich  politische  Vorteile  zu  gewinnen,  so  trat  Johann  Sigismund

1  am  Weihnachtstage  1613  zur  reformierten  Kirche  über,  obwohl  er  die  schlimmsten
achteile  davon  zu  besorgen  hatte.  Und  wenn  dies  den  Kurfürsten  hoch  hinaushebt

  über  die  sittliche  Verkommenheit  und  den  irdischen  Jammer  vieler  seiner
Zeitgenossen,  so  gab  ihm  dieser  Übertritt  zugleich  die  Kraft,  einen  Gedanken,
        <pb n="191" />
        Johann  Sigismunds  Uebertritt  zur  resormierten  Kirche.  111

 

Belagerung  der  Festung  Jülich
vom  28.  Juli  bis  2.  September  1610  durch  kusssmnche,  pfalz-neuburglsche,  französische  und  holländische
ruppen.

Nach  elnem  anonymen  Kupserlilch  in  J.  L.  Got#esicds  öllortscher  Chronlea,  Frank#lurt  1612  bel  M  Merlan.

ein  Prinzip  ins  Leben  zu  rufen,  dem  der  preußische  Staat  eine  der  besten
Wurzeln  seines  Lebens  verdankt,  den  Gedanken  der  Gewissensfreiheit,  der  Duldung
aller  christlichen  Bekenntnisse  im  Staate.  Hier  in  Brandenburg  war  durch  die
Initiative  des  pflichtgetreuen,  Hewissenhaften,  hohenzollernschen  Kurfürsten  der  Weg
zum  Religionsfrieden,  an  dem  sich  sschlechter  und  Völker  abgearbeitet  hatten
und  noch  Jahrhunderte  abarbeiten  sollten,  in  Wirklichkeit  gefunden.  „Auch  wollen

.  Kf.  u  diesem  Bekenntnis  keinen  Unterthan  öffentlich  oder  heimlich  zwingen,
sondern  den  Kurs  und  Lauf  der  Wahrheit  Gott  allein  befehlen,  weil  es  nicht  an
Rennen  und  Laufen,  sondern  an  Gottes  Erbarmen  gelegen  ist".  Das  sind  die
in  der  That  ewig  denkwürdigen  Worte,  mit  denen  der  Kurfürst  aus  dem  Hause
Hohenzollern  den  Weg  wies  zur  evangelischen  Union,  den  Weg,  auf  dem  fortan
auch  Katholiken  mit  den  Evangelischen  gemeinsam  den  Aufgaben  des  Staates  und
auch  der  Kirche  sich  hingeben  konnten.

Aber  wie  waren  nun  die  Stände  in  heftigster  Aufregung!  Schien  es  doch
in  der  That,  als  ob  „die  Unterthanen  sich  anmaßen  wollten,  während  ihnen  selbst
Gewissensfreihot.  gelassen  wurde,  ihrem  Herrn  vorzuschreiben,  was  er  glauben

olle“.  In  Berlin  kam  es  zu  tobendem,  wildem  Aufstand,  die  Häuser  der  refor-166
  Prediger  und  Räte  wurden  zerstört,  das  Schloß  selbst  kam  in  Gefahr,
a  den  Ständen  gegenüber  mußte  sich  der  Kurfürst  nun  auch  verpflichten,  selbst
        <pb n="192" />
        112  Die  Stände.  —  Vertrag  zu  Nanten.

den  Gemeinden  seines  eigenen  Patronats  „keinen  verdächtigen  oder  unannehmlichen
Geistlichen“  d.  h.  keinen  reformierten  zu  9geben  —  bin  Recht,  das  jedem  Privatpatron
  zustand.  Und  schlimmer  noch  in  Preußen.  Nur  zu  willkommen  war  hier
die  Gelegenheit,  bei  diesem  Anlaß  „das  brandenburgische  Joch"“  überhaupt  abzuschütteln,
  und  die  Beschwerden  der  Stände  beim  König  von  Polen  brachten  es
dahin,  daß  dieser  den  Kurfürsten  zur  Verantwortung  zog,  einen  preußischen  Landtag
  berief  und  die
Frage  nur  dadurch
für  erledigt  erklärte,
daß  im  Lande  „keine
andere  als  die  katholische
  und  augsburgische
  Religion
gelehrt  werde“,  kein
anderer  ein  Amt
bekleiden  dürfe,  als
wer  „katholisch  oder
augsburgisch  sei
oder  werden  wolle“.
Dahin  also  war  es
gekommen,  daß  der  (#
Katholik  den  lutherischen

  Ständen
näher  stand  als  der
Reformierte,  wie
denn  auch  der  sächsische
  Hofprediger
ganz  offen  zugab,
daß  das  Luthertum
sich  der  römischen
Kirche  näher  fühle
alsder  reformierten.
Mit  einem  Wort,
Apet  der  Ubertritt  Jo-Onabenplennia

  u  i  Johann  hann  Sigismunds  Vnadenrsenn  W  *  Johann

 

brachte  seiner  lanet

  8  l  4%

In  Gräße  mt  n%  im  K.  Mänz-  —*  li  en  tel=  In  Grobe  de  3.r  2  n%  m  K.  Manzrl
  h

ung  im  eigenen
Lande  zunacjst  Gefahren  und  Schäden.

So  im  Innern,  so  aber  auch  im  Außern.  Der  Pfalzgraf  vertrieb  die
brandenkurgischen  Truppen  aus  Düsseldorf,  und  im  August  1614  rückten  die
Spanier  über  die  Grenze,  nahmen  Aachen,  Düren,  setzten  über  den  Rhein,  eroberten
  Mühlheim,  Duisburg,  die  Festung  Wesel.  Ein  neuer  Vertrag  mit  Pfalz-101

  Neuburg,  den  Johann  Sigismund  zu  Kanten  (Nov.  1614)  schloß,  übergab  in
vorläusiger  Teilung  Jülich  und  Berg  an  Neuburg,  Brandenburg  behielt  nur  Cleve
und  Mark.  Aber  weder  zogen  die  Staaten  aus  Jülich  noch  die  Spanier  ans
Wesel,  das  Land  blieb  vielmehr  der  Schauplotz  für  den  Kaum  der.  Großmächte,
        <pb n="193" />
        Erwerbung  von  Preußen.  —  Tod  Johann  Sigismunds.  113

und  die  Union  verhielt  sich  so  zweidentig  gegen  Johann  Sigismund,  Färn  dieser
endlich  aus  ihr  austrat,  andere  Verbindungen  einzuleiten  suchte.  Da  bot  sich  —
nicht  ohne  Zusammenhang  mit  der  Gesamtlage  Deutschlands,  wo  90  Ererzn
Ferdinand  zwar  zum  Kaiser,  gleichzeitig  aber  der  Kurfürst  von  der  Pfalz  zum
König  von  Böhmen  gewählt  war,  und  nun  auch  in  Böhmen  der  Krieg  ausbrechen
mußte  —  für  Brandenburg  eine  solche  Verbindung  mit  dem  jungen  König  Gustav
Adolf  von  Schweden.  Johann  Sigismund  erlebte  es  noch,  daß  beim  Tode  des
Herzogs  Albrecht  Friedrich  von  Preußen  infolge  der  drohenden  Stellung
Schwedens  an  der  Düna  der  Übergang  der  preußischen  Herzogswürde  an  Kur-Brandenburg
  ruhig  und  ohne  Widerspruch  erfolgen  konnte.  Eine  nähere,  von
Gustav  Adolf  eingeleitete  Verbindung  sah  Johann  Sigismund  —  er  starb  am
23.  Dezember  1619  —  dagegen  nicht  mehr  in  Erfüllung  gehen,  doch  das  Gewitter,
das  am  dnee0  Deutschlands  stand,  sah  er  nur  zu  wohl.  Aber  wie  grell  auch
schon  die  Blitze  aufzuckten,  wer  konnte  ahnen,  daß  das  heraufziehende  Gewitter
ein  Menschenalter  über  Deutschland  stehen,  mit  seinen  Blitzen  einen  Brand  entzünden
  werde,  der  alles,  was  deutscher  Fleiß  und  deutsche  Arbeit  geschaffen,  der
unser  ganzes  Vaterland  mit  seinen  gräßlichen  Flammen  vernichten  sollte!

 

Artilleristen  zur  Zeit  des  dreißigjährigen  Krieges.

Aus  JI.  Callots  „Erercices  wilitaires.

VBerner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  8
        <pb n="194" />
        —  zur  Zeit  des  vrten  Krieges.
Callots  -Mistzes  de  la

Rurfürst  Georg  Wwilhelm.  3619—)640.

zer  Kurfürst  Georg  Wilhelm  hat  den  Namen,
der  unglücklichste  Herrscher  aus  dem  Hause
der  Hohenzollern  zu  sein.  Aus  der  sonst  so
zutreffenden  Beobachtung  heraus,  daß  die
Persönlichkeiten  der  Hohernzollern  es  gewesen,
die  den  preußischen  Staat  geschaffen,  hat  man
alles  Unglück,  das  Brandenburg  unter  seiner
Regierung  getroffen,  auch  der  Person  des
Kurfürsten  beigemessen.  Und  in  der  That
hat  es  Georg  Wilhelm  der  hohenzollernschen
Energie  und  Entschlußfähigkeit  nur  allzu  sehr
9  Sssssi  183  Aiche  gemangelt;  aber  trotz  der  unter  seinen  Räten,

F6  W  v  eue  seinen  Ständen,  ja  seiner  Familie  herrschenden
Verschiedenheit  der  Auffassung  der  politischen

Verhältnisse  hat  der  Kurfürst  es  doch  gerade  in  entscheidenden  Momenten,
zumal  in  späterer  Zeit,  nicht  daran  fehlen  lassen,  bestimmende  Entscheidungen  zu
treffen.  Andere,  vornehmlich  die  Zeitgenossen,  haben  allen  Jammer,  der  die
Mark  getroffen,  der  Person  seines  vornehmsten  Rates,  dem  Grafen  von
Schwartzenberg  zugemessen;  aber  wenn  man  dessen  Politik  auch  für  eine
irrige  und  schädliche  halten  wird,  so  kann  man  nicht  leugnen,  daß  sie  eine  einheitliche
  Richtung,  daß  sie  dieselbe  Spie,  dasselbe  Ziel  unentwegt  im  Auge  behalten
  hat.  Noch  audere  haben  die  Uneinigkeit  Schwartzenbergs  und  der  reformierten
  Räte  des  Kurfürsten  als  die  Quelle  des  Uebels  angesehen,  aber  wie  schwer
sie  auch  ins  Gewicht  fällt,  so  drang  die  Meinung  des  Grafen  doch  fast
allemal  beim  Kurfürsten  siegreich  durch.  Man  wird  die  Unschlüssigkeit  des  Kur-
        <pb n="195" />
        Gründe  des  Zusammenbruchs.  115

fürsten  beklagen,  des  Grafen  Schwartenberg  Politik  verurteilen,  den  Zwiespalt
der  Räte  bedauern  müssen,  aber  den  Grund  des  heillosen  Elends,  der  Zertrümmerung
  alles  staatlichen  Gefüges  doch  nicht  allein  in  diesen  Umständen
suchen  dürfen.

—————  allerschwerste  Zeit,  das  allerfurchtbarste  Gewitter,  das
gerade  in  dieser  Zeit  wie  über  Deutschland,  so  auch  über  die  Marken  erging,
und  diese  Zeit  brauchte  allerdings  außerordentliche  Mänmer,  welche  der  Mark
damals  fehlten,  aber  sie  brauchte  auch  außerordentliche  Mittel.  In  jenen  sturmbewegten
  Zeiten  des  dreißigjährigen  LKeiches  handelte  es  sich  für  Brandenburg
um  die  Erhaltung  der  evangelischen,  der  lutherischen  wie  der  reformierten,  Lehre
mit  ihren  geistigen  wie  sozialen  Errungenschaften.  Es  handelte  sich  weiter  um
die  Behauptung  der  Ansprüche  auf  Preußen,  auf  die  rheinischen  Länder,  auf
Pommern  —  denn  mit  dem  Tode  des  kinderlosen  Herzogs  mußte  das  so  sicher
begründete,  so  oft  verbriefte  brandenburgische  Erbrecht  in  Geltung  treten  —  ja
um  die  Stammlande  selbst,  und  diese  Ziele  hatte  man  zu  verfolgen  im  Einklang
sowohl  wie  unter  dem  Widerspruch  der  gesamten  europäischen  Staatenwelt,  wie  sie
sich  damals  entwickelt  und  im  Widerstreit  mit  den  eigenen  Ständen.  Und  diese  Welt
stand  damals  im  Kriege,  im  furchtbarsten  Kriege,  den  die  neuere  Geschichte  überhaupt
kennt.  Welchen  Entschluß  man  also  auch  in  Brandenburg  fassen,  welche  Politik  man
auch  befolgen  mochte,  eine  jede  forderte  die  Aufstellung  eines  einigermaßen  brauchbaren
Heeres,  forderte  die  Bereitschaft  erheblicher  Mittel.  Und  eben  diese  erhielt  der  Kurfürst,
abhängig  wie  er,  zumal  seine  Domänen  längst  verpfändet  oder  überschuldet  waren,  von
seinen  Ständen  war,  von  diesen,  geringfügige  Ausnahmen  abgerechnet,  nicht  bewilligt.
  Was  halfen  alle  Entschlüsse,  wenn  man  nicht  im  stande  war,  auch  nur
einen  von  ihnen  auszuführen,  wenn  weder  die  alte  militärische  Verfassung  irgend  eine
Truppe  zur  Verfügung  stellte,  noch  die  Stände  die  Mittel  hergaben,  ein  Heer  nach
anderen  Grundsätzen  zu  bilden!  Oder  wenn  die  Stände  selbst  die  Mittel  bewilligten,
aber  diese  wieder  nicht  eingingen!  Welche  Vorwürfe  immer  man  also  der  Regierung
Georg  Wilhelms  machen  mag,  die  schlimmeren,  das  Land  ohne  Verteidigung,
ohne  Truppen,  ohne  die  zum  Unterhalt  der  Truppen  ötten  Mittel  gelassen  zu
haben,  treffen  die  Stände  und  deren  Kurzsichtigkeit.  Mit  furchtbarstem  Elend
und  grausamster  Not  bestrafte  sich  die  Schwächung  der  landesherrlichen  Gewalt,
und  die  ganze  Verirrung  der  ständischen  Verfassung,  die  Uebertragung  aller
Regierungs-Gewalt  vom  Landesfürsten  weg  an  die  Stände  trat  mit  entsetzlichsten
  Schrecken  zu  Tage  —  und  das  zu  einer  Zeit,  wo  die  Bedeutung
Brandenburgs  für  das  ganze  Deutschland,  ja  für  Europa  in  eigentümlicher  Weise
sich  zeigte.

Die  erste  Sorge  des  jungen  Kurfürsten  galt  dem  Herzogtum  Preußen,  wo#
man  die  Gelegenheit  der  Huldigung  zu  neuer  Schwächung  des  Landesherrn  zu
benutzen  trachtete,  ja  eine  Partei  sogar  die  völlige  Einverleibung  des  Herzogtums
in  Polen  betrieb,  während  die  Schweden  bereit  standen,  schon  Pillau  zu  erobern,
und  andererseits  dem  Kaiser  wieder  der  Plau  vorschwebte,  das  Land  zu  einem
geistlichen  Fürstentum  umzugestalten.  Durch  gute  Worte  und  Nachgiebigkeit  des
Kurfürsten  wie  durch  das  Uebermaß  der  äußersten  Partei,  deren  Forderungen  doch
vielen  von  den  Ständen  selbst  zu  weit  gingen,  erreichte  man  wenigstens  im
Oktober  1620  die  Huldigung  der  Stände,  während  die  Belehnung  durch  Polen
erst  nach  mannigfachen  Eingriffen  polnischer  Kommissarien  in  die  landesherr-8-
        <pb n="196" />
        116  Krieg  in  Böhmen.  —  Eingreifen  Dänemarks.

lihen  Rechte  unter  dem  Druck  des  schwedischen  Vorgehens  am  21.  September  1621
erfolgte
Inzwischen  hatten  aber  die  Böhmen,  um  ihren  Glauben  zu  retten  und  den
von  ihnen  gewählten  König  Friedrich  zu  behaupten,  den  Kampf  gegen  das  Haus
Oesterreich  begonnen,  und  Brandenburg  hatte,  als  nach  der  ersten  Niederlage  der
Böhmen  bei  Budweis  englische  Scharen  zu  Hilfe  eilten,  von  diesen  die  erste
Plünderung  zu  erleiden,  während  Kursachsen  sich  bei  dieser  günstigen  Gelegenheit
in  der  Lausitz  huldigen  ließ.  Als  aber  die  Union  sich  auflöste,  und  die  Niederlage
  der  Böhmen  am  weißen  Berge  (8.  Nov.  1620)  dem  Königtum  Friedrichs
ein  schuelles  Ende  bereitete,  hatte  Brandenburg  auch  den  Uebermut  des  kaiserlichen
Siegers  zu  einpfinden.  Der  Kurfürst  wagte  es  nicht,  seinem  Schwager,  dem
König  Friedrich,  in  der  Mark  ein  Asyl  zu  gewähren,  sein  Protest  gegen  die
Uebertragung  der  Kur-Würde  von  Pfalz  auf  Bayern  wurde  vom  Kaiser  nicht  beachtet.
  Markgraf  Georg  von  Jägerndorf  ward  geächtet,  sein  Land  vom  Kaiser
statt  an  seinen  erbberechtigten  Rchensverter,  den  Kurfürsten,  einem  Grafen  von
Lichtenstein  gegeben,  ja  kursächsi  ische  und  kaiserliche  Regimenter  standen  fertig,
wegen  der  böhmischen  Lehen  in  Braudenburg  einzufallen.  In  dieser  Gefahr
wandte  sich  die  kurfürstliche  Regierung  an  die  Stände.  Diese  jedoch,  erfreut
über  die  Niederlage,  die  der  Kalvinismus  in  Böhmen  grlitten,  und  in  der  Absicht,
dem  lutherischen  Sachsen,  sobald  es  einfalle,  Thür  und  Thor  zu  öffnen,  verweigerten
  die  Mittel,  auch  nur  für  die  bestehenden  Kompagnien,  das  Krachtsche
Regiment,  den  Sold  zu  zahlen.  Man  solle  sie  entlassen,  einhundert  und
dreißig  Mann  seien  vollauf  genug.  Und  derselben  Meinung  war  das  Volk,  das.
in  Kölln  z.  B.  seinen  Rat  aufforderte,  sich  lieber  in  den  Turm  stecken  zu  lassen,
als  Mittel  für  Truppen  zu  bewilligen,  das  in  Mittenwalde  zu  offener  Empörung
trieb.  Man  sah  nur,  daß  dem  Kalvinismus  Schaden  geschah,  und  dieser  „habe
ja  doch  nur  die  Hülsen;  Saft  und  Kraft  aber  sei  bei  den  Papisten“.  Wae
auf  diese  Weise  dem  Landesherrn  die  Hände  gefesselt,  so  war  es  in  der
eine  einsichtsvolle,  sachgemäße  Mahregel,  wenn  man  durch  Verhandlungen  uund
Schweden,  England,  Holland,  Frankreich  das  Geschick  Brandenburgs  an  die  großen
europäischen  Konstellationen  zu  knüpfen  versuchte.  Aber  um  so  mehr  nur  mußte
auch  eine  solche  politische  Kombination  wieder  auf  ausreichende  Geldmittel  gestützt  sein,
#sless  als  1625  König  Christian  IV.  von  Däuemark  als  Kreisoberster  des  niedersächsischen
  Kreises  die  Leitung  des  Kampfes  übernahm,  und  diesem  nun  Wallenstein
und  Tilly  von  Süden  her  entgegen  rückten,  ehe  eine  Einigung  der  europäischen
Mächte  erfolgt  war.  Jetzt  riet  nicht  nur  Schwartzenberg,  sondern  rieten  auch
die  reformierten  Geheimen  Räte  zu  voller  Neutralität.  Doch  selbst  die  für  eine
solche  erforderlichen  Mittel  versagten  die  Stände,  und  nicht  einmal  die  Havelpässe
  vermochte  der  Kurfürst  zu  besehen.  Die  Folgen  waren  auf  der  einen  Seite
weit  anssehende  Pläne  der  Kaiserlichen,  ein  immer  schrofferes  Auftreten  des  Kaisers.
gegen  Brandenburg,  über  dessen  Kurhut  schon  zu  Gunsten  Wallensteins  verfügt
wurde,  auf  der  anderen  aber  ein  Einfall  des  Grafen  von  Mansfeld,  dessen
Soldaten  in  der  Altmark  und  Priegnih  schamlos  wüteten.  Da  endlich  traten  die
zum  Februar  1626  berufenen  Stände  wenigstens  im  April  zusammen  und  bewilligten
  dem  Kurfürsten  3000  Mann,  aber  auch  diese  nur  auf  drei  Monate.
Natürlich  besetzte  Mansfeld,  durch  eine  solche  Bewilligung  nicht  gehindert,  nun
die  ganze  Mark,  und  der  Kurfürst  hatte  wohl  nicht  Unrecht,  wenn  er  im  höchsten
        <pb n="197" />
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—  ris  rhrn  rel  tc.  El  Pülmogentti-IES


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eorg  Wilhelmi.
Gezeichnet  und  —  von  Simon  de  Passe  (um  1590—16440.
Dem  Stich  llegt  elne  lm  Lager  zu  Rec  egeen  zu  Grunde.  Das  Namenslakizurlic  nach  elnem  Original
K.  Vr.  Staaatwarchlo  zu  Veriln
        <pb n="198" />
        118  Anschluß  an  den  Kaiser.  —  Einfall  der  Kaiserlichen  in  die  Mark.

Unmut  über  die  Stände,  „die  alles  gehemmt,  aufgehalten  und  gesperrt  hätten,
was  zur  Rettung  des  Landes  nötig  sei“,  jetzt  den  Anschluß  an  den  Keiser  für
dringend  geboten  erachtete.  Wenigstens  darin  traf  er  die  Meinung  seiner  Stände,
daß  er  den  Ratschlägen  seiner  reformierten  Geheimen  Räte  entgegen  handelte.
Und  der  immer  wiederholte  Rat  des  Grafen  Schwartzenberg,  dem  Kaiser  sich  anzuschließen,
  mußte  jetzt  um  so  mehr  ins  Gewicht  fallen,  als  Mansfeld  von
1626  Wallenstein  bei  Dessan  (April  1626),  König  Christian  von  Tilly  bei  Lutter  am
Barenberge  (Angust  1626)
geschlagen  wurde,  als  die
zur  Musterung  aufgebotenen
  Vassallender  Uckermark
  überhaupt  nicht  erschienen,
  der  Kaiser  mit
der  Acht  drohte,  und  nun
auch  Gustav  Adolf  von
Schweden  Pillau  besetzte,
Preußen  aufforderte,  zu
ihm  überzutreten,  und
dieses  in  der  That  einen
Neutralitäts-Vertrag  mit
Schweden  abschloß  (Ende
1626).  In  tumultuarischen
Szenen  erklärten  sich  auch
die  Stände  für  den  Anschluß
  an  den  Kaiser  und
Kursachsen.  Aber  die
wenigen  Truppen  (2000
Mann),  die  sie  Georg
Wilhelm  zu  werben  gestatteten,
  und  mit  denen
er  gegen  Gustav  Adolf
vorrückte,  streckten  vor  dem
König  am  6.  Juli  1627
ohne  Kampf  die  Waffen,
Adam  von  Schwartenberg.  und  Fuurs  Wilhelm  mußte
#serstich  von  P.  Mollos  nach  dem  Gemölde  von  Wm.  Switzel.  sich  Gustav  Adolf  gegenüber
  verpflichten,  den
Polen  keine  Hilfe  zu  gewähren.  Und  über  die  rheinischen  Lande,  die  teils
von  den  Spaniern,  teils  von  den  Holländern  besetzt  waren  und  ausgepreßt
wurden,  befahl  der  Kaiser,  die  Sequestration  jetzt  trohz  Georg  Wilhelms  Gehorsam
  durch  Tilly  ausführen  zu  lassen.  Doch  damit  nicht  genug,  erfolgte  nun,
um  die  Verbindung  des  dänischen  Königs  mit  dem  schlesischen  Heere  unter
Bernhard  von  Weimar  zu  unterbrechen,  ein  Einfall  einer  großen  Zahl  kaiserlicher
Regimenter  in  die  Marken  und  damit  eine  abscheuliche,  grausame  Aussaugung
des  Landes.  Aber  so  arg  und  schlimm  die  Not  auch  sein  mochte,  die  Stände
versagten  auch  jezt  ihre  Hilfe,  900  Mann  war  die  höchste  Truppenzahl,  die  sie
bewilligen  wollten.  Sehr  wohl  erkannte  Schwartzenberg  in  der  ständischen  Mit-
        <pb n="199" />
        —

***

 

Velagerung  Frankfurts  a.  O.  durch  Gustav  Adolf,  König  von  Schweden,  vom  27.  März  bis  3.  April,  1631.
Nach  dem  Kupserstich  von  Math.  Merian  im  „Thea#um  Europaeum-,  Frankfurt  a.  M.T1687,  auf  die  Hälfte  verkleinert.
4  BPlarriirch.  B  St.  Mlkolaus,  darinn  das  Pulver  gewesen.  0  Barfüsser  Alrch.  D  Nathhauß.  #  Brackenthor  darlun  die  Bagagle  sich  gestect.  y  Libusstsche  Thor.  0  Gubenische  TShor,
welches  mit  zwo  Pekarden  gesprenget,  doraufsf  dle  Schwedische  zu  Fuß  hlucingedrungen,  denen  der  Obriste  Boudlssen  mll  selner  Keuterey  gesolget.  M  Sburmb,  In  welchem  J.  Kel.
Mayesict  selbsten  hineinkommen.  J  Kayserliche  Schonh.  1  Slachilge  Soldaten,  so  in  die  Oder  gesallen  und  mehrenthells  erlossen.  1.  Schanh  daraus  die  Kayserische  geschlagen,  und  sich

—
nach  der  Stodt  salolrt.  #.  Gesongene  so  nach  Steitln  gesahret  worden.  N  Abgeltlegene  Reutser  milt  ihren  Corablnen,  so  die  Mawren  erlllegen.
        <pb n="200" />
        120  Anschluß  an  den  Kaiser.  —  Mittlere  Stellung.

regierung  die  Wurzel  alles  Uebels,  suchte  wieder  und  wieder  sie  zu  mildern,  denn
„die  Tandschft  sei  schuldig,  die  Kontribution  zu  zahlen“.  Es  blieb  aber  ein
vergebliches  Bemühen.  Unumwunden  sprachen  die  Stände  es  aus,  „es  sei  ganz
und  gar  unnötig,  ferner  einiges  Kriegsvolk  zu  unterhalten,  weil  man  sich  nach
wie  vor  in  kaiserlicher  Devotion  befinde"“.  Die  Folge  war  natürlich,  daß  die
Marken  von  den  nun  fortwährend  stattfindenden  Durchzügen  der  Wallensteinischen

ruppen  die  allerärgsten  Gräuel  zu  ertragen  hatten,  die  unter  Auflösung  aller
sittlichen  Bande,  aller  wirtschafklichen  Bedingungen  das  Land  in  den  tiefsten  Verfall
  brachten.  Ebenso  zeigte  sich  nur  zu  bald,  daß  auch  jeder  politische  Gewinn,
den  man  vom  Anschluß  an  den  Kaiser  gehofft  hatte,  hinfällig  geworden  war.
Weder  die  Zurückgabe  Jägerndorfs,  noch  die  Bestätigung  des  Anrechts  auf  Pommern
  erfolgte,  vielmehr  offenbarten  sich  in  dem  Vorgehen  Tillys  und  Wallensteins,
der  zum  „ozeanischen  und  baltischen  Admiral“  ernannt  wurde,  die  merkantilen
Pläne  des  Kaisers  auf  die  Herrschaft  über  die  Nordküsten.  Und  auch  Georg
Wilhelm  zweifelte  nicht  mehr,  daß  der  Kaiser  über  Preußen  zu  Gunsten  des
deutschen  Ordens  verfügen,  in  den  rheinischen  Landen  gegen  ihn  entscheiden,  ja
selbst  die  Neumark  zu  Schlesien  ziehen  und  die  Altmark  an  Markgraf  Georg
heben  werde.  Als  aber  Stralsund,  die  einzige  Stadt,  die  dem  Heere  Wallensteins
erfolgreichen  Widerstand  entgegensetzte,  eine  schwedische  Besahung  aufnahm,  war
die  Erwerbung  Pommerns  doppelt  unsicher  geworden,  zumal  Wallenstein  Dänemark
  zum  Frieden  von  Ludea  bewog  (12.  Mai  1629)  und  so  freie  Hand  gegen
Schweden  bekam.  Doch  die  Krone  aller  Unbilden,  die  man  vom  Kaiser  zu  erleiden
  hatte,  war  der  Erlaß  des  Restitutions-Edikts,  das  wieder  alle  Reformierten,
also  auch  den  Kurfürsten  Georg  Wilhelm,  vom  Religionsfrieden  ausschloß,  und
alle  seit  dem  Passauer  Vertrage  eingezogenen  Kirchengüter  den  Katholiken  wieder
einräumte,  unter  ihnen  das  Erzbistum  Magdeburg,  die  Bistümer  Brandenburg,
Havelberg,  Lebus.  Wie  ein  Hohn  nur  klang  es,  als  der  Kaiser  des  weiteren
nicht  nur  die  Güter  brandenburgischer  Vassallen  eigenmächtig  einzog,  sondern  auch
dem  Kurfürsten  unter  der  Abrohung,  Berlin  zu  besetzen,  verbot,  sein  einziges
Regiment  aus  Preußen  in  die  Mark  zu  führen.  Hatte  doch  Schwartzeuberg  sogar
den  traurigen  Mut,  seinem  Herrn  zu  schreiben,  100  bis  150  Mann  Leibgarde
seien  genügend,  —  und  doch  standen  schon  die  Kroaten  vor  den  Thoren  Berlins
und  forderten  den  Durchzug!

Mittlerweile  war  jedoch  der  Pfalzgraf  von  Neuburg  zu  der  Ueberzeugung  gekommen,
  daß  die  Segquestration  der  rheinischen  Länder  seinem  Interesse  durchaus
zuwider  laufe,  und  er  ließ  sich  daher  zu  einer  vorläufigen  Teilung  der  Länder
bereit  finden,  die,  wenn  auch  für  ihn  günstiger  als  für  Brandenburg,  doch  zunächst
weitere  feindselige  Schritte  des  Pfalzgrafen  verhinderte.  Wichtiger  noch  war,  daß
Frankreich,  beunruhigt  durch  die  wachsende  Macht  Oesterreichs,  zwischen  Polen  und
Schweden  einen  Waffenstillstand  vermittelte,  der  Brandenburg  eine  mittlere  Stellung
zwischen  beiden  streitenden  Mächten  gewährte  und  sowohl  die  Abhängigkeit  von
Polen  etwas  lockerte,  wie  einen  Anschluß  an  Schweden  vorbereitete.  Ein  solcher
mußte  aber  damals,  da  der  Kaiser  inzwischen  Dänemark  zum  Angriff  gegen
Schweden  aufgereizt  hatte,  und  Wallenstein  im  Begriff  schien,  nach  Schweden
selbst  überzusetzen,  auch  für  Gustav  Adolf  von  Wichtigkeit  sein.  Für  Brandenburg
und  alle  evangelischen  Fürsten  war  es  indessen  naturgemäß  weit  wichtiger,  daß
Schweden,  vom  Kriege  mit  den  Polen  befreit,  jenen  Pläuen  Wallensteins  und
        <pb n="201" />
        Gustav  Adolf.  —  Friede  von  Prag.  121

Dänemarks  zuvorzukommen  dachte,  und  zugleich  in  den  Kampf  für  das  Evangelium
in  Deutschland  eintreten  konnte.

Am  24.  Juni  1630  landete  Gustav  Adolf  auf  der  Insel  Ruden,  schloß  mit  2030
Herzog  Boguslav  von  Pommern  einen  Allianzvertrag,  der  das  brandenburgische
Erbrecht  anerkannte,  vertrieb  die  Kaiserlichen,  deren  Feldherr  Wallenstein  gerade
jetzt  bom  Kaiser  auf  Drängen  der  Liga  hin  entsetzt  wurde,  aus  Pommern  und
Mecklenburg,  schlug  sie  glänzend  bei  Garz  und  Frankfurt,  entriß  ihnen  die  Städte
Frankfurt  und  Landsberg  (April  1631).  Was  mußte  wichtiger,  was  notwendiger
für  Brandenburg  erscheinen,  als  eilig  sich  dem  Könige  anzuschließen!  Aber  alle
Verhandlungen,  die  man  schon  vorher  in  Danzig  mit  Schweden  begonnen,  führten
zu  keinem  Resultat,  da  Georg  Wilhelm  in  Uebereinstimmung  mit  Sachsen  und
mit  seinen  Ständen,  die  weder  offensiv  noch  defensiv  sich  an  dem  Krieg  beteiligen,
sondern  in  kaiserlicher  Devotion  bleiben  wollten,  Neutralität  forderte,  die  Gustav

dolf  nicht  bewilligen  zu  können  meinte.  Endlich  öffnete  der  Kurfürst,  wenn  auch
in  tiefster  Schwermut,  den  Schweden  Spandau,  und  nach  dem  Falle  Magdeburgs
mußte  er  sich  selbst  den  schroffsten  Forderungen  Gustav  Adolfs,  der  nun  mit  seinen
Truppen  auch  Berlin,  Brandenburg  und  Küstrin  besetzte,  fügen  und  ihm  monatlich
  30,000  Thaler  zahlen.  Unter  schwedischem  Druck  mußten  die  Stände  ferner
für  den  Kurfürsten  selbst  5000  Mann  bewilligen,  die,  während  Gustav  Adolf
nach  der  Schlacht  von  Breitenfeld  seinen  glänzenden  Siegeszug  durch  ganz  Deutschland
  ausführte  und  überall  das  Evangelium  herstellte,  Krossen,  Grünberg,  Freistadt
  eroberten  und  mit  den  Schweden  tief  in  Schlesien  eindrangen.  Dank  dem
schwedischen  Eingreifen  hatte  wenigstens  Preußen  und  zwar  auf  lange  Jahre  Ruhe,
und  nach  dem  Abzuge  der  Spauier  und  Holländer  konnte  selbst  Cleve  und  Mark
in  Besitz  genommen  werden.  Ja  der  Gedanke  Gustav  Mdorfs,  auf  Grund  einer
Heirat  des  brandenburgischen  Kurprinzen  mit  seiner  einigen  Tochter  die  brandenburgischen
  und  schwedischen  Länder  zu  einem  Reiche,  dem  auch  die  Kaiserkrone
zufallen  solle,  zu  vereinigen,  eröffnete  sogar  die  weitesten  Aussichten.  Der
spanisch-österreichischen  Mocht  gegenüber  schien  so  mindestens  ein  Gegengewicht
geboten  werden  zu  kön

Aber  wenn  der  Kusfürst  selbst  solche  Hoffnungen  geteilt  haben  sollte,  #
waren  sie  wie  das  Aufflackern  des  verlöschenden  Lichtes.  Mit  der  Schlacht  b
Lützen  (am  16.  Norember  1632),  in  der  Gustav  Adolf  fiel,  wurde  die  —*
der  Mark  wieder  so  kritisch  wie  zuvor.

Zwar  hielt  Georg  Wilhelm  —  wenn  er  sich  auch  dem  Heilbronner  Bunde
nicht  anschließen  mochte  —  an  dem  Vertrage  mit  Schweden  entschieden  fest,  lehnte
sogar,  trotzdem  Wallenstein  aufs  neue  in  die  Mark  einfiel  und  sie  wiederum
aufs  unbarmherzigste  aussaugte,  den  geforderten  Uebertritt  zum  Kaiser  ab,  unterstellte
  jetzt  vielmehr  seine  Truppen  dem  schwedischen  Oberbefehl,  obwohl  Schwedens
Absichten,  Pommern  für  sich  zu  behalten,  unzweideutig  hervortraten.  Als  aber
Kursachsen  mit  dem  Kaiser  den  Frieden  von  Prag  (1635)  geschlossen  hatte,  165
glaubte  Georg  Wilhelm  unter  Zustimmung  der  Stände,  diesem  Frieden  nicht
nur  beitreten,  sondern  im  Jannar  1636  den  Schweden  sogar  den  Krieg  erklären
zu  sollen.

Allerdings  erfochten  nun  die  kaiserlichen  und  kursächsischen  Truppen  in  der
Mark  einige  Erfolge  über  die  Feinde,  aber  nach  dem  Siege  der  Schweden  bei
Wittstock  lösten  sich  nicht  nur  die  wenigen  (3500  Mann)  brandenburgischen  Truppen
        <pb n="202" />
        122

Übertragung.

„Der  feindt  marchler
ereinwarth-  t

bel
unt  sich  besun(de)
Ach  aber  derblelbe

blemitt

 

beren  dleustwisliger


A.  H.  3.  m.

(Tür)zen  den  15.Bobem.
Ao  1632.

t  ist  schon  an  dem
b-s
olanlwecoewestist.
Auf  der  Rückseite  steht
die  Adresse:
och=  vudt  Wolgebor  ·
neñ  *  lieben  *
Lottsried  Heinrichen  Graven  zu
appenheim  aus  Treichlin
ôm.  kay.  Maj.  Reichs-Hofrat
.  undi  Dero  wie  al
,  Li#ga  e
eslelten
Pts  *  7  *—.
Cit

—*  .  ErFd  St
-  ent  Wallensteinsche

Ees  6aw  Stes

 

 

S##e  n  ecklenburg)
.  SK6
·  ·  a  l  hs
8  un  ust  vom  ·  wozu-suspen-  nat

IschespttslullssII.MI-IeI-sssl-tslsssoettlettm.
        <pb n="203" />
        Anschluß  an  den  Kaiser.  123

 

Thaler  Georg  Wilhelms  vom  Jahre  1620.
In  Gräöße  des  Orlginals  im  K.  Münskabinett  zu  Berlin.

völlig  auf,  sondern  das  ganze  Land  geriet  wieder  bis  auf  wenige  Festungen  in
die  Hände  der  Schweden,  die  ihrerseits  den  Abfall  des  Kurfürsten  mit  der  schamlosesten
  Heimsuchung  des  Landes  bestraften  und  furchtbare  Kontributionen  erhoben.
Doch  blieb  der  Kurfürst,  auch  als  ihm  die  Schweden  Waffenstillstand  anboten,
auf  Seiten  des  Kaisers,  der  ihn  zu  seinem  Generalissimus  ernannte,  ja  er  treunte
sich  auch  nicht  von  ihm,  als  (1637)  der  letzte  Herzog  von  Pommern  starb,  und
die  Schweden  dessen  Land  in  Besitz  behielten.  Vielmehr  rüstete  der  Kurfürst  mit
Geldern,  die  angeblich  der  Kaiser  hergab,  in  der  That  aber  der  Mark  entstammten,
6000  Fußtruppen  und  1000  Reiter  aus,  aber  diese  mußten  „dem  Kaiser  und  an
des  Kaisers  Statt  dem  Kurfürsten"  Gehorsam  schwören.  Dahin  war  es  gekommen,
  daß  des  Kurfürsten  eigene  Truppen  dem  Kaiser  schwören  und  der  Kurfürst
  zufrieden  sein  mußte,  im  Namen  des  Kaisers  das  Kommando  über  seine
eigenen  Truppen  mitten  im  Kriege  übertragen  zu  erhalten.  Was  sollte  werden,
wenn  etwa  der  Kaiser  einem  anderen  Feldherrn  das  Kommando  übergab?
Immerhin  kamen  die  Schweden  jetzt  in  eine  bedrängte  Lage,  aber  schlimmer
noch  war  die  Lage  Brandenburgs,  denn  ärger  und  scheußlicher  noch  als  bisher
hausten  hier  die  Schweden  und  die  kaiserlichen  Obersten,  und  keineswegs  dachte
der  Kaiser  etwa  daran,  Brandenburg  mit  Pommern  zu  belehnen;  im  Gegenteil
ward  es  immer  klarer,  daß  er,  um  dem  unglücklich  geführten  Kriege  gegen  die
Niederlande  und  Frankreich  eine  günstigere  Wendung  zu  geben,  bereit  war,  mit
Schweden  Frieden  zu  schließen  und  als  Preis  dafür  Pommern  an  Schweden
abzutreten.  Erst  als  diese  Aussicht  durch  den  Abschluß  eines  Bündnisses  zwischen
Schweden  und  Frankreich  ferner  gerückt  worden  war,  belehnte  der  Kaiser  den
Kurfürsten  mit  Pommern  und  gab  ihm  die  Erlaubnis,  25,000  Mann  zu  werben,
wozu  er  natürlich  gar  nicht  im  stande  war.  Mit  der  Abreise  des  Kurfürsten
nach  Preußen,  wo  die  Versuche  des  polnischen  Königs  Wladislaus,  durch  Errichtung
  von  Seezöllen  sich  die  Mittel  zu  einer  Marine  und  zur  Seeherrschaft  zu
verschaffen,  mannigfache  Weiterungen  hervorgerufen  hatten,  lösten  sich  auch  die
wenigen  Truppen,  die  man  hatte,  beinahe  ganz  auf.  Und  der  Kaiser,  —  seit
dem  15.  Februar  1637  Ferdinand  III.  —  durch  Bernhards  von  Weimar,  sowie
durch  Baners  Vorgehen  hart  bedrückt,  suchte  wieder  mit  Schweden  anzuknüpfen.
        <pb n="204" />
        124  Zustand  beim  Tode  Georg  Wilhelms.

In  der  Mark  aber  tobte  der  kleine  Krieg  mit  endlosen  Verwüstungen,  hin  und  her
schwankenden  Erfolgen  fort  und  fort,  während  das  nächste  Interesse  Braudenburgs
—  der  Besitz  Pommerns  —  keineswegs  von  diesen  Erfolgen  abhängig  war,  sondern
  an  die  großen  europäischen  Fragen,  den  Ausgang  des  spanisch-österreichischen
und  französisch-niederländisch-schwedischen  Kampfes  gebunden  war.

*n  Mitten  in  dieser  Krisis  starb  nun  Georg  Wilhelm,  am  1.  Dezember  1640,
und  wenn  auch  in  dem  durch  den  Krieg  selbst  hervorgerufenen  Kontributions=  und
Steuerwesen,  wie  in  dem  durch  ihn  geschaffenen  Soldatenstand  wenigstens  Keime
lagen,  dic  dereinst  vielleicht  zur  Rettung  benußtzt  werden  konnten,  so  kann  man
sich  von  dem  Elend  des  Landes  bei  Georg  Wilhelms  Tode  doch  kaum  eine  Vorstellung
  machen,  die  nicht  hinter  der  Wirklichkeit  noch  zurückbliebe.  Nach  einem
Protokoll,  das  über  die  Zustände  im  Oberbarnim  aufgenommen  wurde,  war  die
Bevölkerung  schon  1634  etwa  um  ein  Drittel  gesunken,  und  betrug  die  jährliche
Abgabe  des  einzelnen  Unterthanen  etwa  den  25  fachen  Betrag  der  heutigen,  während
doch  jede  ernährende  Thätigkeit  gebrochen  war.  Freund  und  Feind  hätten  das
Land  zur  Wüste  gemacht,  so  klagte  der  Berliner  Rat  dem  Kurprinzen  (21.  Juli
1640),  Ackerbau  könne  gar  nicht  getrieben  werden,  alle  Geschäfte  und  Nahrung
hätten  aufgehört,  Städte  und  Dörfer  ständen  wüst.  Auf  viele  Meilen  weit  fände
man  weder  Menschen  noch  Vieh,  weder  Hund  noch  Katze.  Dennoch  würden  die
Kriegssteuern  mit  Gewalt  beigetrieben,  und  habe  man  den  Bürgern  Häuser,  Aecker,
Gärten,  Wiesen  und  Weinberge  genommen.  Die  Beamten,  Kirchen=  und  Schullehrernt
  könnten  nicht  besoldet  werden,  viele  hätten  sich  beeilt,  durch  Wass  ser.  Strang
und  Messer  ihrem  Leben  ein  Ende  zu  machen.  Wie  sollte  man  bei  einem  so
hohen  sozialen  Elend  an  irgend  eine  Regierung  überhaupt  noch  denken!  Und
Schwartzenberg  selbst  ist  es,  der  dies  für  unmöglich  e  erklärte.  Im  Dezember  1640
stellte  er  den  Ständen  vor,  daß  nicht  allein  die  Form  der  Regierung  gänzlich
umgestürzt  und  die  vorige  Herrschaft  verändert,  sondern  auch  alles  in  Polizei-,
Gerichts=  und  Haushaltungs=  Sachen  mit  eitel  Verwirrung  und  barbarischem  Wesen
erfüllt  worden  sei.  Das  also  war  die  Aufgabe  des  Nachfolgers,  das  Land  aus
der  Barbarei  heranszuführen,  und  wohl  hat  man  mit  Recht  darauf  hingewiesen,
daß  es  dem  nunmehrigen  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm  aus  dem  Herzen  gesprochen
war,  wenn  man  am  Sarge  seines  Vaters  für  ihn  betete:  „Möge  der  Herr  mit
ihm  sein,  daß  durch  ihn  wieder  gebauet  werde,  was  so  lange  wüst  gelegen,  daß
er  einen  Grund  lege,  der  für  und  für  bleibe".  —

 

Artillerislen  r  Zeit  des  breihigjährigen  Krieges.

Callots  .#ercices  militaires,
        <pb n="205" />
        E
“
5“
#
I

 

Obiges  Titelblatt  ist  ennommen  aus:  „Pison,  Von  Kalten,  Warmen.  Minerischen  und  Metallischen  Wassern.“
Verlin  1572.  Gedruckt  von  L.  Thurneysser.
        <pb n="206" />
        Aus  Leon.  Thurneyssers  „Omnastikon“.  Gedruckt  zu  Berlin  durch  N.  Voltzen  1583.

Zweites  Buch

Der  ötaat  des  Grohen  Rurkürkten.  1610  178.

i  l
DevaoßeKurfüvst.x64o—x688.

  
 

vomIrgittunggauitittbigznmwcstfälisslxknFried-m1640—1648.

ie  Lage  des  Landes  war  beim  Regierungsantritt  des

Kurfürsten  Friedrich  Wilhem  eine  eben  so  jammervolle
wie  damals,  als  sein  Ahnherr  Friedrich  I.  die  Mark
zum  erstenmal  betrat.  Man  wird  nicht  sagen  können,
daß  Friedrich  Wilhelm  einen  Staat  übernahm,  ja
kaum  kann  man  sagen,  er  überkam  Land  und  Leute.
Demn  die  Bevölkerung  war  in  erschreckender  Weise
ägelichtet,  und  die  noch  vorhandenen  Einwohner  nicht
nur  finanziell  ruiniert,  sondern  auch  moralisch  völlig
verkommen.  Von  den  Ländern  aber  waren  die  rheinischen
  wie  die  märkischen  in  der  Hand  fremder  Truppen,
der  Besitz  Preußens  war  von  der  Belehnung  Polens  abhängig,  die  Erwerbung
Pommerns  oder  nun  gar  Jägerndorfs  trotz  aller  Rechtstitel  ganz  und  gar
unwahrscheinlich.  „Pommern  ist  dahin,  Jülich  ist  dahin,  Preußen  haben
wir  wie  einen  Aal  beim  Schwanz  und  die  Marken  wollen  wir  auch  vermarquetentieren.“
  Die  Stände  aber  hatten  weder  in  Preußen,  noch  in
den  Rheinlanden,  noch  selbst  in  den  Marken  die  Fähigkeit  oder  auch  nur
die  Neigung,  dem  Landesherrn  Unterthanenpflichten  zu  leisten,  ihm  zu  helfen,
daß  man  vom  Feinde  befreit,  aus  der  Verachtung  wieder  zu  Ansehen,  daß  man
wenigstens  wieder  zum  eigenen  Besitz,  zur  Freude  am  Dasein  gelangen  könne.
Am  wenigsten  war  in  der  allgemeinen  Verwirrung  der  staatlichen  Zustände  und  der
durchgehenden  Verderbtheit  der  sittlichen  Anschauungen  natürlich  an  eine  irgendwie
geordnete  Rechtspflege  zu  denken.  Man  fand  „im  Lande  nichts  Gemeineres  als
Lamentieren  über  die  Ungerechtigkeit,  Korruption  und  Unbilligkeit  der  Richter  und
        <pb n="207" />
        Die  Aufgabe.  127

Beamten".  Hatte  man  doch  selbst  das  Gefühl  für  menschliche  Würde  verloren
—  wie  sollte  da  der  staatliche  Trieb,  die  der  menschlichen  Natur  sonst  innewohnende
  Sehnsucht  nach  staatlicher  Gestaltung  zur  Geltung  kommen!  Die  Macht
der  sittlichen  Ideen  war  dahin,  wie  weggetilgt  aus  dem  Bewußtsein  der  Menschen
—  wo  sollte  da  die  Idee  des  Staates  Platz  greifen!  Oder  vielmehr  umgekehrt,
das  staatliche  Dasein,  die  Bedingungen  für  ein  staatliches  Gemeinleben  waren
zerstört  —  wie  konnte  da  der  Mensch  an  sein  höheres  Selbst,  an  sein  moralisches
Ich  noch  denken!  Denn  die  menschliche  Natur  vermag  sich  selbst.  gerecht  zu  werden,
vermag  ihre  volle  Blüte  zu  treiben  nur  im  Anschluß  an  ein  Gemeinwesen,  und
nur  in  der  Unterordnung  unter  ein  Ganzes,  in  der  Ausübung  von  Pflichten  gegen
die  Allgemeinheit,  nur  im  Staate  gelangt  der  Mensch  zur  völlen  Entfaltung
Luiner  Kräfte.  Im  Staat  und  im  Dienste  des  Staates  erst  erfüllt  sich  der
Mensch  mit  der  Erkenntnis  des  eigenen  Wertes.  Und  mit  dem  Maße  der
Pflichten  steigt  die  Bedeutung,  steigt  der  eigene  Wert.  Je  inniger  der  Mensch
als  dienendes  Glied  einem  Ganzen  sich  anschließt,  um  so  erweiterter  wird  sein
Gesichtskreis,  und  mit  höher  gesteckten  Zielen  wächst  der  Mensch  selbst.

Sollten  Land  und  Leute  noch  gerettet  werden  aus  dem  physischen  und  sittlichen
  Verfall,  so  mußte  also  ein  Ganzes  erst  wieder  geschaffen  werden,  ein
Staat  mußte  entstehen,  als  dessen  dienende  Glieder  sich  die  Unterthanen  wieder
fühlen  konnten  und  fühlen  mochten.  Es  mußte  dem  Volke  das  Bewußtsein,  einem
Ganzen  anzugehören,  einem  Staate  Pflichten  zu  schulden,  und  von  einem  solchen
getragen  zu  werden,  erst  anerzogen  werden.  Das  Pflichtbewußtsein  des  Einzelnen
mußte  wieder  gebildet  werden,  und  je  ernster  das  Haupt  es  mit  dem  eigenen
Pflichtbewußtsein  nahm,  um  so  eher  mußte  es  sich  bei  den  einzelnen  Gliedern
wieder  einfinden.  Dann  erst  konnte  wieder  moralische  Gesundung,  sittliche  Würde
in  die  Herzen  der  Menschheit  ziehen,  dann  mochte  auch  wieder  äußerer  Wohlstand
gewonnen  werden.

So  wird  man  es  wohl  eine  gnädige  Fügung  nennen  dürfen,  daß  Brandenburg
  jetzt  einen  Fürsten  zum  Herrn  erhielt,  dem  die  Erfüllung  der  Pflicht  zugleich
das  tiefste  Bedürfnis  des  Herzens  wie  die  strenge  Forderung  des  Verstandes
war.  Wie  Friedrich  Wilhelm  einst  in  Holland  als  Jüngling  im  lebendigen  Bewußtsein
  dessen,  was  er  seiner  Ehre  und  seinem  Lande  schulde,  den  lüsternen
Gesellen  den  Rücken  gekehrt  hatte,  wie  er  ungeachtet  aller  Abneigung  gegen  die
Schwartzenbergsche  Politik  in  pflichtschuldigem  Gehorsam  sich  unter  die  ihm  so
unliebsamen  Gebote  des  Vaters  gebeugt  hatte,  und  von  Holland  zurückkehrend  an
dessen  Hof  sich  begeben,  ihm  nach  Preußen  gefolgt  war,  so  wollte  er  auch  in
seiner  Regierung  „dessen  stets  9  bleiben,  daß  es  nicht  seine  Sache  sei,
die  er  führe,  sondern  die  des  Volkes“.  Dies  keifto  ausgebildete  Pflichtbewußtsein
in  Verbindung  mit  einem  festen  Vertrauen  auf  Gott  gab  dem  Kurfürsten  den
Mut  und  die  Sicherheit,  gegen  die  äußeren  und  innereg  Feinde  seines  Staates
mit  der  gleichen  Gewissensruhe  in  Güte  wie  mit  Strenge  aufzutreten,  und  die
Pflicht  gegen  das  Ganze  gab  ihm  die  sittliche  Kraft,  auch  über  juristisch  begründete
Rechte,  die  dem  Ganzen  zum  Schaden  werden  mußten,  hinwegzuschreiten.  So
schwer  es  ihm  im  Einzelsall  auch  sein  mochte,  er  stand  dafür  ein,  daß  summum
jus  nicht  summa  injuria  wurde.

Auf  Veranlassung  der  lfuri=  Witwe  überreichte  der  General  Georg  Ernst
von  Wedell  dem  jungen  Kurfürsten  in  den  ersten  Tagen  seiner  Regierung  eine
        <pb n="208" />
        128  G.  E.  von  Wedells  Denlschrist.

Deukschrift,  welche  Regierungsgrundsätze  aufstellte,  die  ihm  zur  Richtschn  nur
dienen  sollten.  Wir  hören  zwar  nicht,  wie  der  junge  Kurfürst  sie  aufgenommen
hat,  ohne  Zweifel  aber  wirkte  der  fromme  Ton,  den  sie  anschlägt,  auf  sein
Gemüt,  die  hohe
klassische  Bildung,
die  sic  verrät,  schlug
eine  ihm  verwandte
Saite  an,  und  endlich
  die  Realpolitik,
die  sie  empfiehlt,
stimmt  in  überaus
merkwürdiger  Weise
mit  der  vom  Kurfürsten
  wirklich  befolgten
  Politik  überein.
  Schonnng  aller
Unterthanen,  auch
der  etwa  wider
spenstigen,  wenn  sic
in  ihrem  Recht  zu
sein  glauben,  die
weise  Beschränkung
auf  das,  was  z
erreichen  möglich  ist,
der  Rat,  es  niemals
auf  die  extrema  ankommen
  zu  lassen,
der  Hinweis,  daß
es  besser  sei,  einstweilen
  ein  wenig
von  seinem  Recht
nachzugeben,  als
alles  in  die  Schanze
zu  schlagen,  nicht
nach  dem  Spruch
aut  Cacsar,  aut
nihil  zu  handeln,
*  vornehmlich  aber
Der  Kurprinz  Friedrich  Wilhelm  im  Alter  von  10  Jahren.  auf  die  Erhaltung
Nach  dem  Original  eines  unbekannten  hollöndischen  Meisters  im  Kgl.  Schlosse  zu  Berlin.  der  Festungen  zu
sehen  und  sich  ein
Heer  zu  rüsten:  das  sind  Natschläge,  von  denen  man  meinen  könnte,  sie  seien
nicht  Ratschläge  für  die  Regierung  des  Kurfürsten,  sondern  die  aus  derselben
gezogene  Onintessenz.
Niemand  zweifelt,  daß  der  Führer  eines  Schiffes  eine  günstige  Fahrt  nur
dann  erzielt,  wenn  er  Herr  seiner  Mannschaft  und  des  festen  Gefüges  der
Planken,  der  Dauerhaftigkeit  seiner  Takelage  gewiß  ist,  aber  auch  klares  Wetter
        <pb n="209" />
        Verhältnis  zu  Schweden,  zum  Kaiser  und  zu  Polen.  129

muß  ihm  leuchten,  ihn  Klippen  und  Felsen  in  der  Meeresenge  erkennen  lassen.
So  auch  der  Führer  des  Staatsschiffes,  vor  allem  des  brandenburgischen.  Der
Kurfürst  mußte  erst  wieder  der  Machtmittel  und  Kräfte  des  Landes  gewiß  werden,
er  brauchte  aber  auch  die  Gunst  und  Gewogenheit  wenigstens  des  einen  oder  des
anderen  Nachbarstaates,  um  desto  leichter  die  Schwierigkeiten  zu  überwinden,  die
Abneigung  und  den  Haß  der  anderen  zu  besiegen.  Denn  zunächst  stand  er  allein,
nur  auf  sich  angewiesen.  Aber  je  höher  er  die  eigenen  Kräfte  zu  spannen  wußte,
um  so  stärker  war  das  Gewicht,  mit  welchem  er  den  auswärtigen  Mächten  zu
begegnen  vermochte.  Und  ebenso  umgekehrt,  je  höhere  Erfolge  er  in  der  auswärtigen
  Politik  erlangte,  um  so  sicherer  konnte  er  im  Innern  die  Axt  an  die
Wurzel  des  Ubels,  an  die  Wbhängigkei.  von  den  Ständen  legen.  Eins  wirkte
auf  das  andere  unmittelbar
Die  Hauptangelegenheit  van  zunächst,  die  fremden,  feindlichen  wie  angeblich
verbündeten  Heere  aus  den  Marken  zu  entfernen  und  sich  den  Besitz  der  Länder
zu  sichern.  Man  mußte  mit  den  Schweden  ein  Abkommen  treffen,  das  womöglich
dem  Kurfürsten  Pommern  sicherte,  man  mußte  trotzdem  aber  die  Geneigtheit  des
Kaisers  erhalten,  um  nicht  die  rheinischen  Länder  zu  verlieren,  noch  sonst  von
seiner  Ubermacht  Schaden  zu  leiden.  Man  mußte  ferner  von  der  Krone  Polen
die  Belehnung  mit  Preußen  erzwingen  und  doch  die  Verbindung  mit  Schweden
mur  fester  knüpfen,  obwohl  man  dadurch  Polens  Argwohn  erregte.
emäß  schonte  der  Kurfürst  den  ihm  verhaßten  Schwarzenberg,  bestätigte
  ihn  sogar  als  Statthalter  —  denn  in  diesem  Amte  gewährte  er  die  gewünschte
  Deckung  gegen  den  Kaiser  —  und  erklärte  sich  mit  der  Belassung  der  bisherigen
  Festungskommandanten
  einverstanden,  ja
selbst  den  Auftrag,  den  der
Graf  an  die  ihm  vertrauten
Offiziere  gab,  gegen  die
Schweden  zu  streifen,  ließ
er  unwidersprochen.  Dagegen
  gab  er  seinem  Gesuete
  in  Regensburg,  wo
Kaiser  und  Reich  mit
chweden  unter  anderem
auch  über  Pommern  verhandelten,
  Befehl,  diese
Verhandlungen  abzubrechen,
weil  er  selbständig  mit
Schweden  darüber  ins  Benehmen
  treten  wolle.  „Denn
die  Natur  selbst  lehre  einen
jeden“,  so  schrieb  er  dem
darüber  unwilligen  Kaiser,
„daß,  wer  nicht  zu  resistieren
vermöge,  gute  Worte  geben  medaile  v.  2.  1689  auf  die  Anwesenhett  des  Kursärsten  Georg  Wilhelm
und  also  sich  konservieren  und  leine  Gohnen,  des,  uruen  weiedrch  Withelm,  in  Prauzen
müsse“.  Gleich  darauf  be-  In  der  Gröbe  *P'.  Driginals  *  -*  —
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  1
        <pb n="210" />
        2

130  Die  ersten  Schritie.

fahl  er  gemäß  den  dringenden  Bitten  der  Stände,  die  Truppenzahl  zu  verringern  und
sich  gegen  die  Schweden  lediglich  auf  die  Verteidigung  zu  beschränken.  An  die  Kommandanten
  seiner  Festungen  erließ  er  direkte  Befehle,  ohne  auf  Schwartzenberg  Rücksicht
  zu  nehmen  und  stellte  vor  allem  den  fast  aufgelösten  Geheimen  Rat  insofern  wieder
her,  als  er  den  alten  Kanzler  Götze  und  andere,  durch  Schwartzenberg  entfernte
Räte  wieder  in  ihr  Amt  einsetzte.  Das  ständische  Kreditwerk  war  bankerott,  die
auf  die  Domänen  in  allen  Provinzen  gemachten  Schulden  —  in  Preußen  z.  B.
brachten  etwa  50,000  Hufen  noch  nicht  6000  Thaler  ein  —  betrugen  mehrere
Millionen,  der  einträglichste  Zoll,  der  zu  Lehnzen  war  an  Dänemark  verpfändet,
für  eine  Schuld,  die  man,  um  den  Besitz  von  Cleve-Mark  antreten  zu  können,
1629  bei  dem  Holländer  Peter  Hösyser  aufgenommen,  sollte  man  Wucherzinsen  zahlen,
dem  Kaiser  mehr  als  eine  halbe  Million  an  rückständigen  Steuern  bezahlen.  Und
doch  hatte  man  nicht  Geld  genug,  auch  nur  den  Bedarf  der  Hoffküche  zu  bestreiten,
mußte  mehrfach  vom  Berliner  Magistrat  die  hohe  Summe  von  15  Thalern  aufnehmen,
  um  nur  leben  zu  können.  Nun  ließ  der  Kurfürst  über  die  Einnahmen
und  Ausgaben  Ermittlungen  anstellen  und  leitete  selbst  eine  allgemeine  Revision
über  die  Kammerverwaltung,  die  Kriegsexpedition  und  den  Hofhalt,  wobei  sich
dann  erst  die  wirkliche  Größe  der  Finanznot  ergab.

Bedrohlich  genug  ließen  sich  die  ersten  Folgen  dieses  selbständigen  Vorgehens
an.  Der  Kaiser  verbot  die  Reduktion  der  Truppen  und  war  doch  weder  im
stande,  die  Schweden  aus  der  Mark  zu  vertreiben,  noch  auch  gar  willens,  dem
Versprechen  des  Prager  Friedens  gemäß  Pommern  für  Brandenburg  zu  erobern.
Im  Gegenteil  wußte  man,  daß  eben  dies  Land  der  Preis  sei,  um  den  er  von
den  Schweden  den  Frieden  erkaufen  wollte.  Graf  Schwartzenberg,  entsetzt  über
das  eigene  Vorgehen  des  Herrn  und  gepeinigt  von  der  Besorgnis,  daß  seines
Waltens  nicht  mehr  lange  sein  werde,  verfiel  in  Krankheit  und  starb  eines  plötzlichen
  Todes.  Allein  selbst  sein  Tod  war  nur  scheinbar  ein  günstiges  Ereignis,
wenigstens  schadete  er  dem  Kurfürsten  insofern,  als  er  nunmehr  das  geringe  bisher
noch  vorhandene  Vertrauen  beim  Kaiser  einbüßte,  und  über  die  Frage  seines  Nachfolgers
  im  eigenen  Lande,  vornehmlich  bei  den  Lutherischen  große  Aufregung  entstand.
Endlich  als  der  Kurfürsttrotz  des  kaiserlichen  Verbots  die  Reduktion  der  Truppen  wirklich
begann,  die  förmliche  Vereidigung  der  übrigen  Truppen  auf  seinen  Namen  befahl
und  eine  Untersuchung  über  die  ungehenerlichen  Unterschleife,  die  unter  Schwartzenbergs
  Leitung  sich  die  Offiziere  hatten  erlauben  dürfen,  einleitete,  kam  es  zu
offener  Empörung  der  Soldaten,  und  trotzig  verweigerten  ihm  die  Obersten  die
Eidesleistung.

Indessen  gelang  es  dem  Kurfürsten,  hauptsächlich  durch  die  Unterstützung  des
Kommandanten  von  Küstrin,  Konrad  von  Burgsdorf,  einige  Regimenter  und
Festungen  zu  gewinnen.  Markgraf  Ernst,  der  Sohn  des  Markgrafen  von  Jägerndorf,
  wurde  —  da  der  Kurfürst  noch  in  Preußen  weilen  mußte,  um  die  Belehnung
  von  Polen  durchzusetzen  —  zum  Statthalter  in  der  Mark  ernannt  und
waltete  seines  Amtes  mit  aller  Energie.  Der  Kurfürst  selbst  setzte  es  bei  Polen  durch,
daß  ihm  wenigstens  die  Übernahme  der  Regierung  in  Preußen  gestattet  wurde
(21.  April  1641),  und  vornehmlich  sandte  er  seinen  einstigen  Erzieher  Rumelian
Kalkum  genannt  Leuchtmar  nach  Stockholm,  dort  einen  Waffenstillstand  zu  verhandeln
und  zugleich  unter  der  Hand  von  dem  alten  Plane  Gustav  Adoljs,  einer  Vermählung
des  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm  selbst  mit  der  jungen  Königin  Christine  von  Schweden
        <pb n="211" />
        Belehnung  mit  Preußen.  —  Kriegszüge.  131

zu  sprechen.  Da  nun  damals  die  Kaiserlichen  mit  einigem  Erfolg  gegen  die

Schweden  vorgingen,  und  diese  zugleich  einen  Krieg  mit  Dänemark  fürchten  mußten,
so  bequemten  sich  die  Schweden  in  der  That  am  14.  Juli  1641  zum  Abschluß
eines  vorläufigen  Waffenstillstandes,  der  wenigstens  die  Durchmärsche  durch  die
Mark  beschränkte,  die  Verpflegung  der  Truppen  für  diese  Fälle  regelte  und  endlich
—  man  sieht,  wie  es  dem  Kurfürsten  auf  die  eigensten  Interessen  der  Unterthanen
  ankam  —  die  Straßen  zu  Wasser  und  zu  Lande  für  den  freien  Verkehr
sicherte,  die  willkürlichen  Zölle  beseitigte.

Wenig  später  war  es  nach  den  heftigsten  Streitigkeiten  im  poluischen  Reichstage
  und  mit  den  preußischen  Ständen,  von  denen  namentlich  die  Städte  die
unerhörtesten  Forderungen  an  den  Kurfürsten  stellten  und  die  Krone  Polen  für
deren  Befriedigung  aufriefen,  dahin  gekommen,  daß  Friedrich  Wilhelm  am
8.  Oktober  1641  zu  Warschau  vom  Könige  von  Polen  „friedsam  und  still“  belehnt
  worden  war.  Allerdings  war  dies  nur  unter  Augestänuissen  schwerster
Art  an  die  Krone  wie  an  die  Stände  ermöglicht  worden,  und  die  Städte
harrten  dabei,  jede  Steuer  abzulehnen,  wurden  endlich  nur  mühsam  zur  Hulige
bewogen,  ja  Königsberg  konnte  nur  durch  einen  königlich  polnischen  Befehl  dazu
vermocht  werden,  die  eischungefeier  des  Kurfürsten  Georg  Wilhelm  ohne  Störung
geschehen  zu  lassen.  Aber  der  Kurfürst  war  doch  nun  auch  in  Preußen  rechtmäßiger
  Landesherr,  und  er  stand  zugleich  wenigstens  mit  den  Oberständen  in
gutem  Vernehmen.  Auch  wußte  er  durch  Beseitigung  der  eigentümlich  ausgebildeten
  und  durchaus  nicht  ordnungsmäßig  verwalteten  Seczölle  schon  damals  für
den  völlig  gelähmten  Handel  Königsbergs,  Memels,  ja  des  ganzen  Landes  Ersprießliches
  zu  leisten.

Endlich  hatte  der  Kurfürst  einen  Fuß  im  Bügel.  Doch  um  in  den  Sattel
zu  kommen,  fehlte  noch  viel.  Hierfür  war  das  Vorhandensein  einer  einigermaßen
großen  Truppenzahl  dringend  erforderlich  und  dem  fortwährend  schwankenden
Kriegsglück,  dessen  Theater  doch  der  märkische  Boden  blieb,  gegenüber  mußte  man
wenigstens  leidlich  gerüstet  sein.  Aber  trotz  aller  Gefahren  weigerten  sich  die
Städte,  den  auf  sie  fallenden  Teil  der  bewilligten  Summe  von  etwas  über
100  000  Thalern  zu  zahlen.  Nicht  16,  sondern  12  Kompagnien  seien  zum
Schutze  des  Landes  genug.  Und  doch  wogte  der  Kampf  hin  und  her,  gingen  die
Kaiserlichen  an  der  Oder  wie  an  der  Elbe  vor,  rüstete  der  König  von  Dänemark,
  machte  dann  Torstenson  jenen  kühnen  Zug  nach  Schlesien  und  Mähren,
bedrohte  die  Kaiserstadt  selbst.  Wie  aber  sollten  unter  solchen  Verhältnissen  die
Friedensverhandlungen,  deren  Beginn  schon  auf  den  25.  März  1642  in  Münster
und  Osnabrück  festgesetzt  war,  gedeihen!  Und  selbst  wenn  sie  begannen,  was
hatte  Brandenburg  von  ihnen  zu  hoffen!  Man  wußte  ja,  daß  der  Kaiser
Pommern  an  Schweden  zu  aberahen  bereit  war,  daß  Schweden  den  eutschiedensten
Anspruch  auf  dieses  Land,  ja  auch  auf  die  Altmark  mache,  daß  selbst  Dänemark
von  einem  niedersächsischen  Königtum  träume.  In  den  Rheinlanden  war  die
Stellung  der  Niederlande  die  festeste  geworden,  und  da  die  clevischen  Stände  sich
weigerten,  für  die  Berichtigung  der  Höfyserschen,  auf  die  Generalstaaten
übergegangenen  Schuld  einzutreten,  so  hatten  diese  ein  Mittel  gefunden,  mit
dem  sie  Brandenburg  noch  viele  Jahre  drangsalieren  konnten.  Da  war  es
denn  in  der  That  ein  großer  Erfolg,  daß  im  Mai  1643  mit  den,  durch
einen  dänisch-polnisch-kaiserlichen  Angriff  bedrohten  Schweden,  ein  Vertrag  ge-9.
        <pb n="212" />
        132  Friedenshoffnungen.

schlossen  werden  konnte,  der  die  Mark  von  den  schwedischen  Truppen  fast  völlig
befreite.  Und  indem  nun  bekannt  wurde,  daß  der  Kurfürst  den  Vermählungsplan
  Gustav  Adolfs  aufnähme,  trat  eine  Wendung  der  politischen  Lage  Brandenburgs
  ein,  die  für  Polen,  die  Niederlande,  für  den  Kaiser,  Dänemark,
ja  Spanien  höchst  bedrohlich  schien.  Denn  die  solchergestalt  in  Aussicht  stehende
Vereinigung  der  schwedischen  und  brandenburgischen  Macht  hätte  in  der  That
die  Ostsee  beherrscht,  hätte  der  habsburgischen  Macht  ein  Gegengewicht  gegeben
  und  alle  europäischen  Machtverhältnisse  verschoben.  So  mußten  sich  doch
die  Augen  des  ganzen  Europas  wieder  auf  den  Beherrscher  dieses  armen,  so
tapfer  zertretenen  Landes,  das  man  als  gute  Beute  zu  verteilen  schon  gedacht,
mit  einiger  Aufmerksamkeit  richten.
Friedrich  Wilhelm  aber  wollte  nichts  anderes  und  konnte  nichts  andere
wollen,  als  dem  ewigen  Krieg  ein  Ziel  zu  seten,  endlich  Frieden  zu  schaffen,  udie
  ganz  zerfahrenen  Verhältnisse  im  eigenen  Lande  und  im  Reiche  endlich  nicber
einer  Ordnung  entgegenzuführen.  Mächtig  schallte  aus  allen  Gegenden  der
Jammer  der  Unglücklichen,  die  um  das  Ende  der  Draugsale  flehten.  Ganz
Deutschland  lag  erschöpft,  blutend,  verödet  und  seufzte  nach  Erholung.  Sein
Kaiser  wollte  jedoch  nur  mit  den  Schweden  Frieden  haben,  und  für  ihn  wollte
er  deutsches  Land  dahin  geben,  aber  nicht  um  Deutschland  den  Frieden  wieder  zu
schenken,  sondern  um  die  Reichskräfte  für  den  Krieg  Spaniens  gegen  Frankreich
  frei  zu  machen  und  sie  für  die  spanisch-  ferreichischen  Interessen  ins
Feld  zu  führen.  Doch  auch  im  Norden  wurden  die  Aussichten  für  den  Frie
geringer,  da  nun  wegen  des  Sundzolls  der  Krieg  wischen  Dänemark  ird
Schweden  ausbrach  und  auf  deutschem  Boden  ausgefochten  wurde.  Indessen
endete  er  bald  mit  dem  Siege  der  Schweden,  und  Torstenson  konnte  sich  nach
16/56  dem  Frieden  von  Bromsebrö  (Sommer  1645)  wieder  direkt  gegen  den  Kaiser
wenden.  Auch  schlug  er  ein  kaiserliches  Heer  bei  Jenko  in  Böhmen  und  fiel  von
neuem  in  Mähren  ein.  Zugleich  aber  bedrohte  der  Fürst  Ragochy  von  Siebenbürgen
  her  den  Kaiser,  drangen  die  Franzosen  und  Holländer  in  die  spanischen
Niederlande  mit  Erfolg  ein,  und  ebenso  eroberte  Turenne  am  Oberrhein  eine
Stadt  nach  der  anderen:  Mannheim,  Worms,  Landan,  selbst  Mainz.  Indem  so
die  österreichischen  Länder  und  das  habsburgisch-spanische  Hausinteresse  selbst  angegriffen
  waren,  mochte  Deutschland  hoffen,  daß  auch  sein  Kaiser  zum  Friedensschluß
  geneigt  sein  werde.  Wirklich  wurde  auch  Graf  Trautmannsdorf,  der  vertrauteste
  Rat  des  Kaisers,  zum  Kongreß  nach  Münster  und  Osnabrück  gesendet.
Denn  Schweden  sowohl  wie  Frankreich  hatten  bei  der  Werschiedenartigee  ihrer
Absichten,  bei  der  Rivalität,  mit  der  beide  Mächte  nach  der  Beherrschung  Deutschlands
  strebten,  ganz  folgerichtig  es  für  vorteilhafter  gehalten,  an  zwei  verschiedenen
Orten  mit  Deutschland  zu  verhandeln,  und  man  hatte  Münster  für  die  Verhandlungen
  mit  den  Franzosen,  Osnabrück  für  die  mit  den  Schweden  gewählt.
Wie  war  nun  die  Stellung  Brandenburgs  auf  diesem  Kongreß  eine  so  überaus
  emtumlichen
Die  kaiserliche  Willkür  hatte  alle  Ordnnngen  zerstört,  auf  denen  früher
das  deutsche  Reich  geruht  hatte,  namentlich  seit  Karl  V.  war  das  deutsche  Reich
für  den  Kaiser  nur  noch  ein  Faktor  in  der  zum  großen  Teil  von  Jesuiten  geleiteten
  österreichisch-spanischen  Hauspolitik,  und  nicht  mehr  vertrat  der  Kaiser
das  Reich  und  seine  Bedürfnisse,  sondern  das  Reich  sollte  die  Interessen  des.
        <pb n="213" />
        Verfall  der  Reichsverfassung.  133

 

Der  Große  Kurfürst  als  Mitglied  der  fruchtbringenden  Gesellschaft.
Radierung  aus  „Der  Teutsche  Palmenbaum.  Das  ist  *  der  hochlöblichen  fruchibringenden
Gesellschaft“.  Nürnber
In  die  Stammrolle  der  Gesellschaft  trug  der  164  als  Wahlspruch  ein:
Große  Herrn  thun  wol,  sich  zu  befleißen,
Den  Armen  als  den  Reichen  Recht  zu  icisten.

Hauses  Habsburg  verfechten.  Und  diese  lagen  vornehmlich  in  Spanien,  Italien,
Ungarn,  am  wenigsten  in  Deutschland,  wo  der  Kaiser  nur  zu  oft  durch  Ubergriffe  und
Verletzungen  der  Reichsversassung  Ansehen  und  Einfluß  zu  gewinnen  strebte,  während
er  selbst  und  sein  Hof,  an  dem  nicht  einmal  die  deutsche  Sprache,  sondern
italienisch  und  lateinisch  gesprochen  wurde,  völlig  entdeutscht  waren.  Das  Beispiel

  des  Kaisers  aber  wirkte  natürlich  auf  die  deutschen  Fürsten  ein,  es  lockerten
sich  daher  die  Verbindungen  zwischen  den  einzelnen  Territorien  allmählich  vollständig,
  und  die  einzelnen  Fürsten  finanziell,  wie  der  Kaiser  selbst,  meist  erschreckend
zerrüttet,  handelten  nur  nach  ihren  eigenen  Interessen,  verlernten  mehr  und  mehr,
ein  gemeinsames  Gesamtinteresse  anzuerkennen.  Unter  den  furchtbarsten  Folgen
des  gewaltigen  Krieges  ist  gerade  der  endgültige  Verfall  der  Reichsverfassung,  das
Verschwinden  des  nationalen  Zusammenhanges  eine  der  traurigsten.  Lebte  noch
hie  und  da  ein  —  deutscher  Gedanke,  die  Hoffnung  auf  eine  doch  deutsche
Faltti.  des  Reiches,  die  Absicht,  des  deutschen  Reiches  Interesse  zu  wahren,  so
konnte  sich  eine  solche  kaum  jemals  noch  an  das  Reichsoberhaupt,  den  Kaiser,
anlehnen.  Sie  mußte,  wenn  sie  nicht  auch  dem  österreichischen  Interesse  entsprach,
  sich  zumeist  im  Gegensatz  zum  Kaiser  und  wider  dessen  Willen  Geltung
zu  verschaffen  suchen.  Und  gewiß  dann,  wenn  es  sich  um  das  Recht  des  Protestantismus,
  um  die  Freiheit  des  Evangeliums  handelte.  In  diesem  Sinne
war  es,  wenn  sich  der  Kurfürst  „zuvörderst  dem  Reich  und  nachmals  dem  Kaiser"
verpflichtet  fühlte,  oder  wenn  er  sich  „einzig  und  allein  als  gut  reichisch“  bezeichnete.
  In  diesem  Sinne  war  er  als  „der  Untadlige"  auch  der  Frucht-
        <pb n="214" />
        134  Friedenskongreß.  —  Vermählung  mit  Luise  Henriette.

bringenden  Gesellschaft  beigetreten,  deren  vornehmste  Devise  „deutsche
Tugend  und  deutsche  Sprache  zu  üben“  ganz  seiner  Sinnesart  entsprach.  So
verlangte  er  auf  dem  Kongreß  vor  allem  die  Aufhebung  des  Restitutionsedikts
von  1629,  die  Beseitigung  des  Prager  Friedens,  die  Aufnahme  auch  der
Reformierien  i  in  den  Religionsfrieden  und  ebenso  forderte  er  —  entgegen  den  Absichten
des  Kaisers,  allein  oder  höchstens  im  Einvernehmen  mit  den  Kurfürsten  den
Frieden  schließen  zu  wollen  —  die  Teilnahme  aller  deutschen  Fürsten  an  den
Friedensverhandlungen.  Nir  sich  beanspruchte  der  Kurfürst  natürlich  das  ganze
Pommern,  ein  Anspruch,  der  doch  zugleich  im  Gesamtinteresse  Deutschlands  lag,
wie  auch  für  anßerdeutsche  Staaten  von  Wichtigkeit  war.  Gewiß  war  das
dynastische  Recht  des  Kurfürsten  ein  voll  begründetes,  nicht  zu  bezweifeludes,  und
die  pommerschen  Stände  haben  energischen  Protest  gingelegt  dagegen,  einem
anderen  Staate  als  Kurbrandenburrg  einverleibt  zu  werden,  „denn  sie  seien  durch
ihren  Eid  dem  Kurfürsten  pflichtig,  und  könnten  doch  nicht  wie  das  unvernünftige
Vieh  gehalten  und  veräußert  werden“.

Ohne  Zweifel  war  es  für  das  Kurfürsteutum  von  unendlicher  Bedentung,
die  Küstenlande  und  die  Odermündungen  zu  gewinnen.  Aber  wenn  außer  Bremen
und  Verden,  das  die  Schweden  für  sich  verlangten,  auch  Pommern  an  diese  fiel,
so  verlor  nicht  nur  Brandenburg,  sondern  Deutschland  überhaupt  jeden  Einfluß
auf  die  baltische  Politik,  und  dem  Handel  auf  der  Oder  wurde  ebenso  der  Lebensnerv
  durchschnitten  wie  dem  auf  der  Elbe  und  Weser.  Im  Besitze  der  Oder-,
Elbe=  und  Wesermündung  hätte  Schweden  nicht  nur  politisch  die  norddeutsche
Tiefebene  beherrscht,  sondern  dem  deutschen  Haudel  die  wichtigsten  Ausgangspforten
  verrammelt.  Und  weder  konnten,  so  schien  es,  die  Franzosen  eine  solche
dominierende  Stellung  Schwedens,  die  auch  ihre  Macht  am  Rhein  beeinträchtigte,
zugeben,  noch  konnte  es  den  Dänen  oder  gar  den  Polen  willkommen  sein,  die
Schweden  eine,  für  sie  militärisch  so  bedenkliche  Position  einnehmen  zu  lassen,
noch  mochten  endlich  die  Niederlande  ihren  Handel  nach  den  Ostseeländern  —
Preußen  zumal  war  ihnen  von  großer  Wichtigkeit,  weil  sie  von  dort  das  Holz
für  ihren  Schiffsbau  bezogen  —  durch  die  Schweden  beschränken  lassen.

In  dieser  Bedeutung  Pommerns  für  die  außerdeutschen  Länder  lag  allein
die  Gewähr  des  Gelingens,  und  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  sind  die  unendlich
langwierigen,  jahrelangen  und  mühseligen  Verhandlungen  in  Münster  und  Osnabrück
  über  Pommern  zu  beurteilen.  Es  kam  selbst  (1646)  dahin,  daß  der  Kurfürst
  die  Waffen  gegen  die  trotzigen  Schweden,  die  all  seine  Erbietungen  mit
Lachen  hinwegwiesen,  zu  ergreifen  schien.  Die  geplante  Vermählung  mit  der
Königin  Christine  gab  er  auf;  zur  großen  Verwunderung  der  Herren  Schweden
vermählte  er  sich  mit  der  ältesten  Tochter  des  Prinzen  Friedrich  Heinrich
von.  Oranien,  der  Prinzessin  Luise  Henriette  —  eine  Vermählung,  die  zwar  der
Ansicht  des  Kurfürsten  über  die  Gemeinsamkeit  der  Interessen  Brandenburgs  und
der  Niederlande  sowie  seiner  Vorliebe  für  dieses  Land  voll  entsprach,  und  die
dem  Kurfürsten  ein  fest  und  sicher  gegründetes  Eheglück,  aber  politische  Vorteile,
wenu  man  an  solche  gedacht  hat,  zunächst  nicht  gebracht  hat.  Vielmehr  nahmen
die  Verhandlungen  auf  dem  Friedenskongreß  einen  immer  unerwünschteren  Verlauf.
  Denn  wie  sehr  auch  das  Interesse  der  außerdeutschen  Staaten  gegen  den
Besitz  Pommerns  in  der  Hand  der  Schweden  war,  so  wenig  lag  ihnen  doch
daran,  Brandenburg  zu  verstärken,  und  vor  allem  war  der  Kaiser  trotz  seines
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        136  Friedensschlüsse.

Versprechens  entschieden  gegen  Brandenburg.  Ihm  wäre  nichts  willkommener  gewesen,
  als  mit  einem  Schlage  die  Schweden  ohne  seine  Unkosten  zu  befriedigen
und  zugleich  Brandenburg  zu  schwächen.  Der  Kurfürst  sah  sich  schließlich  vor  die
bittere  Wahl  gestellt:  entweder  den  Frieden  ohne  brandenburgische  Zustimmung
und  mit  dem  Verluste  vom  ganzen  Pommern  geschlossen  zu  sehen,  oder  einen  Teil
Pommerns  an  Schweden  abzutreten  und  für  den  Verlust  des  anderen,  für  die
Abtretung  von  Vorpommern  angemessene  Entschädigungen  zu  erhalten.

Tief  schmerzlich  war  das  Opfer,  das  ihm  zugemutet  wurde,  er  fühlte,  wie
viel  er  hingab,  doch  er  mußte  das  Opfer  bringen,  „lieber  etwas  von  seinem  Lande
zu  verlieren  als  das  Ganze  quitt  zu  gehen“  und  die  Teilung  Pommerns  zugeben.

46%  Am  7.  Februar  1647  kam  es  trotz  aller  Störungs-Versuche  des  kaiserlichen  Gesandten
  zwischen  Schweden  und  Brandenburg  durch  den  französischen  Bevollmächtigten
  d  Avanx  zum  Abschluß.  Aber  anderthalb  Jahre  dauerte  es  noch,  bis  auch
der  Kaiser  sich  zum  Frieden  beqnemte.  In  den  immer  neuen  Verwickelungen  versuchte
  der  Kurfürst  wohl  eine  „dritte  Partei  zu  bilden,  die  sich  beiden  kriegenden
Teilen  konsiderabel  machen“"  und  sie  zum  Frieden  zwingen  könne.  Dies  mißlang
zwar,  aber  trotz  der  heftigen  Einsprache  Kursachsens  erreichte  der  Kurfürst,  da
auch  die  Reformierten  als  Evangelische  in  den  Frieden  eingeschlossen  wurden,
und  als  die  Franzosen  und  Schweden  bis  an  den  Inn  vorgedrungen,  die  Schweden
die  Kleinseite  von  Prag  erobert  hatten,  und  nun  Wien  selbst  von  zwei  Seiten
bedroht  war,  da  war  auch  der  Kaiser  gezwungen,  das  spanische  Interesse  bei  Seite

1648  zu  setzen.  Am  24.  Oktober  1648  vollzog  er  den  Frieden.  —

ohl  war  nun  Friede,  aber  es  war  ein  Friede,  der  hundertfältigen  Keim
zu  neuen  Kriegen  in  sich  barg.  Wohl  war  die  Freiheit  der  Religionsbekenntnisse
anerkannt,  das  nmßkfen“à2  aufgehoben,  aber  wer  hätte  sich  nicht  wie  der
Kurfürst  an  den  Grundsatz  erinnern  sollen,  daß  man  den  Ketzern  Treue  zu  halten
nicht  schuldig  sei?  Wohl  war  nun  die  Landeshoheit,  le  droit  de  souverainete
eines  jeden  deutschen  Fürsten  anerkannt,  aber  es  war  zugleich  das  deutsche  Reich
als  solches  zu  politischer  Ohnmacht  verurteilt,  und  die  verkümmerte  Reichsverfassung
  unter  die  Garantie  der  fremden  Mächte  Schweden  und  Frankreich  gestellt.
Osterreich,  das  sich  der  Einwirkung  des  Reiches  nun  völlig  entzogen  und  seine
Erblande  aus  der  Reichsverfassung  gelöst  hatte,  wirkte  umgekehrt  mit  den  Resten
der,  geinem  Herrs  cherhause  wie  erblich  zustehenden  kaiserlichen  Gewalt  lähmend
auf  das  Reich  ein,  Frankreich  hatte  mit  dem  Elsaß  sich  die  Thüre  zum  Reich  geöffnet,
  hatte  die  Fürsten  am  Rhein,  in  Schwaben  und  Franken  in  der  Hand,  und
Schweden  hatte  mit  Vorpommern,  mit  Bremen  und  Verden  die  Mündungen  der
Oder,  Elbe  und  Weser  und  damit  die  Herrschaft  im  Norden  thatsächlich  erlangt.
Es  lag  in  der  Natur  der  Sache,  daß  diese  drei  Mächte  immer  wieder  um  den
vorwaltenden  Einfluß,  um  die  beherrschende  Stellung  in  Deutschland  ringen  würden,
  und  es  war  nicht  anzunehmen,  daß  sie  einem  der  deutschen  Fürstenhäuser
gestatten  würden,  seine  Kräfte  so  zu  konzentrieren,  daß  es  ihnen  widerstehen,
das  nationale  Interesse  Deutschlands  ihnen  gegenüber  verfechten  könne.  Die
einzige  Hoffnung  war  vielleicht,  daß  gerade  aus  der  Rivalität  der  drei  Mächte
sich  eine  Kombination  bilde,  die  deutsches  Gut  und  deutsches  Recht  wieder  zu  erringen
  möglich  machte.

Freilich  hatte  Kurbrandenburg  Hinterpommern  erhalten,  waren  ihm  die  Stifte

Minden,  Kamin,  Halberstadt  und  Magdeburg  zugesprochen.  Aber  ganz  abgesehen
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        Rurfürst  Friedrich  Wilbelm  mit  seiner  Gemahlin  Luise  Denriette,)
geb.  Prinzessin  von  Granien.
Nach  dem  Criginal  (Lebensgröße)  von  Picter  Nason  (geb.  um  1615,  gest.  nach  1080)  im  Kgl.  Schloß  zu  Berlin.
        <pb n="218" />
        138  Der  Friede.

davon,  ob  diese  Länder  dem  aufgegebenen  Vorpommern  gleich  kamen,  war  der
Besitz  Halberstadts,  noch  mehr  der  von  Magdeburg  dadurch  in  eine  unbestimmte
Zukunft  gerückt,  daß  die  Ubernahme  erst  nach  dem  Tode  des  zeitigen  Inhabers
aus  dem  Hause  Sachsen  erfolgen  solle,  war  ferner  die  Regulierung  der  Grenzen
gegen  Schwedisch-Pommern  weiteren  Besprechungen  vorbehalten,  und  so  auch  der
Anlaß  zu  kriegerischem  Einschreiten  Schwedens  gegen  Brandenburg  gegeben.  Es
war  aber  weiter  Brandenburg  vom  Meer  fast  ausgeschlossen,  da  die  wenig
entwickelte  Küste  Hinterpommerns  mit  dem  kleinen  Hafen  von  Colberg,  dem  der
Kurfürst  später  in  Leba  einen  zweiten  hinzuzufügen  suchte,  einer  maritimen  Entwickelung
  keine  rechte  Möglichkeit  bot.  Durch  den  Besitz  Vorpommerns,  Verdens
und  Bremens  und  die  zugleich  gewährte  Reichsstandschaft  war  Schweden  gerade
für  Brandenburg  der  Felsen  geworden,  an  dem  jedes  Emporringen  erfolglos  abgleiten
  mußte.  Die  Existenz,  das  Leben  Brandenburgs  hing  daran,  daß  diese
Fremdherrschaft  vor  seiner  Thür  und  auf  deutschem  Boden,  die  das  wirtschaftliche
Leben  von  ganz  Deutschland  unterbunden  hatte,  beseitigt  wurde.  Auf  Vorpommern
ferner  hatte  Brandenburg  das  beste  und  begründetste  Recht  gehabt,  die  kaiserliche
Politik  hatte  es  ihm  genommen  und  dafür  in  jenen  Stiften  Ansprüche  gegeben,
die  an  vielen  Orten  Eifersucht  erweckten  und  Gegenansprüche  hervorriefen.  Ebenso
waren  die  Rechte  Brandenburgs  in  den  rheinischen  Landen  keineswegs  auerkannt
worden,  sondern  die  unklaren  Verhältnisse  dauerten  dort  fort,  und  die  Ansprüche
Pfalz  Neuburgs.  bildeten  einen  Zunder,  der  nur  des  Funkens  bedurfte,  um  den
Kampf  aufs  neue  hervorzurufen,  den  Kampf,  der  unfehlbar  wieder  ein  allgemeiner
werden  zu  müssen  schien.  Währte  doch  noch  der  Krieg  zwischen  Spanien  und
Frankreich  fort,  und  wenn  der  Kaiser  eine  günstige  Gelegenheit  zu  erneuter  Unterstütung
  Spaniens  ergriff  —  wie  mochte  man  nicht  zagen,  daß  er  auch  das  Reich
wieder  hineinziehe  in  den  Kampf!  Und  wenn  der  Ausbruch  des  Krieges  auch
zwischen  Polen  und  Schweden  nur  wie  an  einem  Faden  hing  —  wer  sah  nicht,
daß  Brandenburg  dann  wie  zwischen  Hammer  und  Ambos  lag?  Rechnet  man
hierzu  die  zerrissene  und  getreunte  Lage  der  bisher  nur  durch  die  Person  des
Landesherrn  vereinten  brandenburgischen  Länder,  die  sich  von  einander  streng  abschlossen,
  die  aufsässige  und  übermütige  Haltung  der  Stände,  die  überdies  in  Preußen
an  Polen,  in  den  Rheinlanden  an  den  Generalstaaten  eine  Stütze  hatten,  rechnet
man  endlich  die  Armut,  das  Elend,  ja  die  völlige  Verkommenheit  der  Lande  hinzu,
  so  erkennt  man,  welche  Riesenaufgabe  es  war,  aus  diesen  Ländern  und  den
verschiedenen  Rechten,  die  der  Landesherr  in  ihnen  hatte,  membra  unius
capitise,  eines  Hauptes  Glieder,  einen  Staat  zu  schaffen,  man  zweifelt  an  dem
Gelingen.  Der  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm  ging  unverzagt  ans  Werk  oder  vielmehr
  setzte  mit  neuem  Mut  die  begonnene  Arbeit  fort.  Er  mußte  sehen,  wie  er
sich  durch  den  Widerwillen,  die  Trägheit  und  Unlust  im  Innern,  durch  die  Eifersucht
  und  Mißgunst  der  Mächte  hindurch  wand,  wie  er  trotz  aller  Feinde  den
Frieden  bewahrte.  Niemals,  meinte  er,  sei  ein  Fürst  in  ähnlicher  Bedrängnis
gewesen  wie  er,  weder  Salomo  noch  David  sei  es  so  schwer  geworden,  zu  finden,
was  zu  thun  sei,  und  mit  Davids  Worten  betete  er  wohl  „Herr,  zeige  mir
den  Weg,  den  ich  gehen  kann“.
        <pb n="219" />
        139

Vom  Wegffälischen  Prieden  bis  zum  Frieden  von  Oliva.
1648—1000.

  

*

       

  

*ld1  .  —  VI  riedrich  Wilhelm  hatte  keineswegs  erlangt,  was  er  ge-—
  ,  wollt,  im  Hinblick  auf  das  bonum  publicum,  auf
das  Beste  des  Vaterlandes  hatte  er,  wie  er  es  aus-«
  A  s,-7  spricht,  viel  von  seinem  Recht  nachgegeben,  sein  Privatinteresse
  gänzlich  zurückgesetzt  und  nur  auf  den  Reichshsicbet
  und  das  Wohl  seiner  Laude  und  Leute  gesehen.
Aber  man  darf  über  dem  Nichterreichten  nicht  vere#
  Vemnyrrd-d  -F#oe,  gessen,  wie  ungeheuer  vielies,  wa  was  der  Kurfürst  erlangt
gr  doi,  Ganda  hatte;  selbst  die  melancholische  Stimmung,  in  der  er  sich
steneh,  Etraßhnr  t576  wegen  der  Vereitelung  seiner  Rechte  befand,  kann  den  Sich
nicht  trüben,  der  die  vt-  Brandenburgs  beim  Regierungsantritt  und  nach  dem
Friedensschlusse  vergleicht.  Im  Jahre  1640  schien  der  Untergang  Brandenburgs
gewiß,  Freund  und  Feind  hausten  im  Lande  auf  das  furchtbarste,  und  schon  hatten  beide
das  Los  über  das  Land  geworfen,  es  im  Geiste  unter  die  kriegführenden  Mächte
verteilt,  die  Vertreibung  des  Kurfürsten  vom  Throne  seiner  Väter  ins  Auge  gefaßt.
  Jetzt  hatte  der  Kurfürst  nicht  nur  von  den  angestammten  Ländern  Besitz
ergriffen,  sondern  durch  die  Haltung,  dic  er  zwischen  den  kriegführenden  Mächten
eingenommen,  durch  die  Beziehungen,  die  er,  erdrückt  fast  zwischen  dem  Kaiser
und  den  Schweden  zu  dritten  Mächten  angeknüpft,  eine  Stellung  gewonnen,  die
es  verlangte,  daß  man  auf  ihn  achtete,  und  zu  den  Ländern  seiner  Väter  hatte
er  wenigstens  das  Recht  auf  die  Hälfte  des  pommerschen  Erbes,  auf  die  Stifte
in  Mitteldeutschland  zugesprochen  erhalten.  Längst  fühlte  man  im  Lande  nicht
nur,  sondern  auch  an  den  auswärtigen  Höfen,  welch'  energischer,  kühner  Wille
in  Berlin  jetzt  gebot,  man  fürchtete  Friedrich  Wilhelm  als  einen  Fürsten,  der
„nächst  dem  Kaiser  an  Land  und  Leuten  der  größte  und  considerabelste  Herr
im  Reich  sei  und  eine  überaus  große  Ambition  habe,  sich  noch  größer  zu
machen".  Man  fürchtete  ihn  nur  um  so  mehr,  als  man  erkaunt  hatte,  daß  der
Kurfürst  nur  das  fordere,  nur  „das  ambitioniere“,  worauf  ihm  ein  unbedingtes
Recht  zustand,  und  als  dieses  Recht  ihm  zu  verweigern,  das  Interesse  der  Mächte
verlangte
Zwischen  diesen  mußte  er  zunächst  dahin  streben,  daß  ihm  wenigstens  die
in  dem  Frieden  zugestandenen  Rechte  auch  voll  zu  Teil  würden.  Denn  keineswegs
kam  der  Kurfürst  mit  der  Unterzeichnung  des  Friedensinstruments  nun  auch  in
den  wirklichen  Besitz  der  neuen  Landschaften.  Vielmehr  mußte  von  Schweden
der  Abzug  aus  Hinterpommern  und  den  Stiften,  die  Regulierung  der  Grenzen
erst  sehr  mühsam  durchgesetzt  werden,  es  mußte  vom  Kaiser  die  Ausführung  der
Bestimmungen  des  Friedenstraktats,  die  Regelung  der  deutschen  Verhältnisse,  ver-
        <pb n="220" />
        140  Ausführung  bes  Friedens.  —  Streit  mit  Pfalz-Neuburg.

langt  werden,  man  mußte  die  endliche  definitive  Ordnung  der  seit  1609  offenen
Frage  über  den  Besitz  der  Rheinlande  betreiben,  man  mußte  die  Ansprüche  auf
das  Erbe  des  1621  geächteten  Markgrafen  von  Jägerndorf  im  Auge  behalten,
man  mußte  die  Einwirkungen  Polens  in  Preußen,  der  Niederlande  in  Cleve  beseitigen,
  und  zu  all  diesen  umfassenden  Aufgaben  der  äußeren  Politik  kam  die
eigentliche  Aufgabe,  für  die  jene  nur  ein  Mittel  sein  konnten,  die  Wiederbelebung
des  Landes  selbst,  dessen  Wohlstand,  dessen  physische  und  moralische  Genesung.
Mit  aller  Energie  betrieb  der  Kurfürst  die  Zahlung  des  auf  ihn  fallenden
Teiles  der  an  Schweden  zugesagten  Entschädigungssumme  von  über  800000  Thaler,
und  hatte  die  Genugthuung,  sie  zuerst  voll  bezahlt  zu  haben.  Gleichwohl  kam
er  mit  den  Schweden  zu  keinem  Resultat.  Aus  Minden  und  Halberstadt  zogen
16/9  sie  erst  Ende  1649  ab,  und  in  Pommern  erhoben  sie  unerwartet  den  Anspruch
auf  weitere  Gebiete  am  rechten  Oderufer,  auf  die  Hafenzölle  vom  brandenburgischen
  Hinterpommern.  In  Nürnberg  wurde  der  Hauptexekutionrezeß  ohne
Rücksicht  auf  Brandenburg  geschlossen,  und  unter  der  steten  Sorge  eines  Bruches
mußte  man  noch  Jahre  verhandeln,  ehe  es  zur  endlichen  Feststellung  der  Grenzen
kam.  Aber  konnte  Polen,  konnten  die  Generalstaaten  zugeben,  daß  Schweden
immer  kühner  sich  ausbreitete,  in  dem  Kampfe,  den  es  gegen  Polen  nun  plaute,  daß
es  die  Ostsee,  „die  Mutter  alles  Handels“,  zu  einem  schwedischen  Binnensee  machte?
Polen,  unter  dem  trägen  König  Johann  Kasimir  durch  innere  Zwistigkeiten  und
das  Vordrängen  Rußlands,  in  dessen  Schutz  die  polnischen  Kosacken  damals  traten,
geschwächt  und  gelähmt,  bot  keinen  Rückhalt.  Der  Kurfürst  rechnete  auf  di
Niederlande,  wie  er  denn  immer  die  Gleichartigkeit  und  das  Zusammentreffen  der
Interessen  dieses  Staates  mit  den  seinigen  annahm.  Und  damals  schienen  die
Niederlande  jede  Hilfe,  die  sich  ihnen  bot,  mit  Dank  annehmen  zu  müssen,  denn
mit  Erfolg  gingen  die  Spanier  gegen  die  Franzosen  in  Belgien  vor,  und  der
Pfalzgraf  von  Neuburg  benutzte  die  allgemeine  Kombination,  in  welcher  unter
diesen  Umständen  dem  katholisch-spanischen  Wesen  neue  Hoffnung  winkte,  um  sich
von  dem  Provisional-Vertrage,  in  dem  ihn  der  Kurfürst  1647  zur  Schonung
seiner  protestantischen  Unterthanen  gezwungen  hatte,  frei  zu  machen.  Entgegen
den  Bestimmungen  dieses  Vertrages  wollte  der  Pfalzgraf  für  die  religiösen  Zustände
  nicht  das  Jahr  1612  als  Normaljahr  mehr  anerkennen.  sondern  das  im
westfälischen  Frieden  festgesetzte  Jahr  1624  auch  auf  die  in  seinem  Besitz  befindlichen
  Linder  Jülich  und  Berg  ausdehnen.  Schmachvoll  bedrückte  und  knechtete
er  daher  die  etwa  62  000  Protestanten  daselbst,  und  nur  die  Abreise  des  Kurfürsten
  nach  Preußen  erwartete  er,  so  ließ  Friedrich  Wilhelm  dem  Kaiser  melden,
um  die  brandenburgischen  Länder  am  Rhein  zu  besetzen.  So  beschloß  der  Kurfürst
  den  Angriff,  ließ  im  Juni  eine  kleine  Truppenzahl  in  das  Herzogtum  Berg
einrücken.  Mit  Münster  und  Osnabrück,  mit  Köln  und  Trier  suchte  der  Pfalzgraf
  ein  Bündnis  und  berief  die  Truppen  des  verjagten  Herzogs  von  Lothringen
ins  Land.  Die  Spanier,  nach  Mazarins  Sturz  im  Frieden  mit  Frankreich  und
in  gutem  Einvernehmen.  mit  Cromwell,  dem  Protektor  von  England,  konnten
jeden  Augenblick  ins  Land  fallen,  stellten  vorläufig  dem  Pfalzgrafen  drei
Regimenter  zur  Verfügung,  und  im  Rücken  des  Kurfürsten  war  der  König  von
Polen,  als  Schwager  des  Pfalzgrafen  zu  dessen  Unterstützung  wohl  geneigt,  ja
kar  Papst  war  bereit,  ihm  für  sein  Unternehmen  Geldsummen  zur  Verfügung
zu  stellen.
        <pb n="221" />
        Die  Kurfürstliche  Residenzstadt  Berlin  und  Köln  um  1650.
A  Border  Schloß.  B  Das  Schloß  hinden.  C  Ihr  C.  D.  Zimmer.  D  Der  Wendlstein  da  man  kan  hinaufreiten.  E  Schloß  Kirche.  F  Gallerlie).  C  Wasserkunst.
Der  Thum.  J  St.  Nlcolaus  in  Berlin.  K  Rathhauß.  L  Cöln.  Ratshauß.  dl  Altmundh  u.  Apodecca.  N  Bruck.

141

Fraoment  aus  M.  Beiller  Topograpbin  Electorskus  Brandenburgici  ct  Ducatus  Pomeraniae)k.  .  w.=  (Franksurt  o.  Main  o.  I

10527)).  In  Druck  gegeben  vundt
Verlegt  durch  Malthaci  Merian,Scel.  Erbe#n  m  On  Aua  aes
        <pb n="222" />
        142  Vergleich  mit  Pfalz-Neuburg.

Hier  an  der  Westgrenze  schien  der  Kriegskeim,  der  im  westfälischen  Frieden
lag,  zuerst  aufgehen  zu  sollen,  und  die  beiden  rheinischen  und  der  westfälische
Kreis  rüsteten  sich  daher  mit  Macht.  Aber  in  den  Niederlanden  war  nach  dem
Tode  des  Prinzen  Heinrich  Friedrich  von  Oranien  die  autioranische  Partei  ans
Ruder  gekommen,  und  diese  suchte,  da  gerade  der  Kriegsruhm  eine  der  Ursachen
der  großen  Popularität  der  Oranier  war,  Frieden  um  jeden  Preis  und  achtete
nicht  der  Gefahren,  die  in  den  Erfolgen  der  Spanier  für  ihr  Land  lagen.  Dreimal
  ist  der  Kurfürst  persönlich  im  Haag  gewesen,  während  seine  Truppen  schon
über  den  Rhein  gegangen  waren.  Vergeblich.  Die  Generalstaaten  boten  höchstens
die  Vermittlung  beim  Pfalzgrafen  an,  und  dieser  lehnte  sie  ab.  Mehrfach  begab
sich  der  Kurfürst  zu  persönlichen  Zusammenküntten  mit  dem  Pfalzgrafen,  auch  sie
verliefen  resultatlos.  Der  Kaiser,  von  ganz  anderen  Motiven  bewegt  und  zur
Rücksicht  auf  den  Kurfürsten  genötigt,  gab  dem  kurfürstlichen  Gesandten  von
Blumenthal  zwar  gute  Worte,  aber  selbst  Blumenthal,  unter  den  kurfürstlichen
Räten  derjeuige,  der  am  meisten  zum  Anschluß  an  den  Kaiser  riet,  fürchtete,  daß
der  Kaiser  auf  Andrängen  der  Katholischen  nachgeben  werde.  Trotzdem  und  trotz
kleinerer  nicht  entscheidender  Gefechte  gegen  den  Pfalzgrafen  war  der  Kurfürst
jeht  willens,  die  Sache  in  Güte  beizulegen.  Und  da  weder  von  den  Schweden
noch  von  den  Staaten  ein  Eingreifen  zu  hoffen  war,  so  fügte  er  sich  der  Vermittlung
  kaiserlicher  Kommissarien,  aber  auf  seinen  Vorschlag  mußten  diesen  doch
je  zwei  kurbrandenburgische  und  zwei  kurpfälzische  hinzutreten.  Der  Vergleich
stellte  dann  den  früheren  Stand  einfach  wieder  her.

Durchaus  nicht  hatte  der  Kurfürst  erreicht,  was  er  gewollt,  selbst  der  Schutz
der  Evangelischen  in  Jülich  war  ihm  nicht  gelungen,  und  überall  im  Reich  und
außer  dem  Reich  war  großes  Geschrei  über  den  Friedensstörer  von  Brandenburg,
der  es  gewagt,  den  teuer  erkauften  Frieden  zu  verletzen,  und  „keiner  Macht  hätte
der  Kurfürst  dergestalt  trauen  dürfen“,  wie  es  in  einem  Gutachten  heißt,  „daß
er  sich  nicht  vor  und  wider  ihr  in  etwas  vorzusehen  hätte“.  Schweden  insbesondere
  wollte  jetzt  sogar  das  brandenburgische  Preußen  an  Polen  geben  und
dafür  Livland  für  sich  nehmen,  ja  indem  Schweden  nun  ein  Bündnis  mit  Brannschweig
  und  Hessen-Kassel  einging,  umklammerte  es  Brandenburg  noch  fester.
Schlimmer  noch  war,  daß  die  Königin,  die  immer  mehr  und  mehr  zum  Katholizismus
  hinneigte,  Auschluß  sogar  an  den  K  Kaiser  und  Spanien  suchte.

mmerhin  war  der  Streit  indessen  noch  im  Keim  erstickt  worden,  dem  Versuch,
  kraft  angemaßter  kaiserlicher  Oberhoheit  die  Frage  zu  entscheiden,  war  durch
die  Hinzuziehung  der  landesherrlichen  Kommissarien  die  Spitze  abgebrochen,  und
die  Sache  war  ohne  Rücksicht  auf  die  fremden  Staaten  zu  Ende  geführt.

So  war  bei  aller  Sorge  für  die  auswärtige  Lage  doch  wenigstens  die  Würde
und  das  Ansehen  Brandenburgs  behauptet,  und  wohl  konnte  man  zweifeln,  ob
nicht  die  innere  Gefahr  noch  größer  wäre.  Mit  Fug  urteilte  Blumenthal,
die  Hauptsache  sei,  „daß  E.  K.  D.  ihre  Sicherheit  auf  ihre  eigene  Macht,
auf  ihre  eigenen  Kräfte  und  deren  Vermehrung  sowohl  in  ökonomischer  wie  politischer
  Hinsicht  und  dann  auf  ihre  eigene  Antorität  stellen,  daß  E.  K.  D.  alle
ihre  Actiones  zur  Ehre  des  großen  Namens  Gottes  und  zur  Gründung  und  Beförderung
  des  Heils  und  der  Wohlfahrt  ihrer  Unterthanen  jeder  Zeit  lenken  und
bestimmen.“  Vom  Beginn  seiner  Regententhätigkeit  an  hatte  Friedrich  Wilhelm
nicht  nur  vornehmlich  sein  Augenmerk  auf  diese  gerichtet,  sondern  all  seine  politischen
        <pb n="223" />
        Innere  Lage.  —  Die  Stände.  143

Maßnahmen  hatten,  indem  sie  auf  einen  ehrenhaften  Frieden  abzielten,  eben  diese
allein  zum  Zweck,  nur  daß  der  Friede  immer  die  Voraussetzung  des  inneren  Gedeihens
  war.  Mit  dem  ganzen  Eifer  seiner  pflichtbewußten  Seele  hatte  er  zur  neuen
Bebaunng  des  Ackers,  zur  nenen  Thätigkeit  des  Bürgers  das  Mögliche  versucht,  hatte
durch  zahlreiche  Banern=  und  Gesinde-Ordnungen,  wie  durch  wiederholte  Mahnungen,
  die  mit  Wald  bestandenen  ehemaligen  Ackerflächen  wieder  auszuroden,  dem
Landbau  aufzuhelfen  gesucht.  Namentlich  aber  hatte  er  durch  energisches  Einschreiten
  gegen  Bauern  und  Kossäthen,  die  ihre  Stellen  verließen  und  dadurch
jeden  rationellen  Wirtschaftsbetrieb  unmöglich  machten,  sowie  durch  Heranziehung
von  fremden  Bürgern  und  Bauern,  denen  die  verlassenen  Grundstücke  und  Bauplätze
  in  den  Städten,  die  frei  gewordenen  Hufen  auf  dem  Lande  angewiesen,
denen  zeitweiser  Steuererlaß  und  staatliche  Unterstützungen  zugebilligt  wurden,  auch
manch  erfreuliches  Resultat  erzielt.  Aber  in  der  Natur  der  Sache  lag  es,  daß
diese  Thätigkeit  noch  wenig  innerlichen  Zusammenhang  haben  und  nur  den  augenblicklichen
  Verhältnissen  angepaßt  sein  konnte.  Nimmermehr  hatten  die  wenigen,
von  Kriegslärm  nicht  erfüllten  Zeiten  ausgereicht,  dem  Elend,  das  der  Krieg  auf  dem
Lande  wie  in  den  Städten  geschaffen,  abzuhelfen.  Noch  immer  lag  die  Industrie
der  Städte  völlig  darnieder,  und  ihre  Schuldenlast  war  trotz  der  an  sich  hoch
bedenklichen  Zins-Moratorien  zu  außerordentlicher  Höhe  angeschwollen.  Entsetzlich
  war  noch  die  Verwilderung  der  Gemüter,  die  Verderbtheit  der  sittlichen  Anschauungen,
  und  der  gehässigsten  Ausbentung  von  Recht  und  Gewalt,  wie  solche
namentlich  in  den  Städten  im  Schwunge  war,  entsprach  eine  unwürdige  und  gemeine
  Unterthänigkeit  und  Servilität  der  Bedrückten.  Naturgemäß  waren  unter
solchen  Umständen  manche  Pläne,  so  der  eines  Kanalbaues  zwischen  Oder  und
Sprce  gescheitert,  andere  dringend  notwendige  Reformen,  wie  die  der  städtischen
Verhältnisse  nur  je  nach  Gelegenheit  und  im  Einzelnen  in  Angriff  genommen.
Es  mußte  vorerst  ausreichen,  ja  es  mußte  als  ein  großes  Werk  erscheinen,  wenn
man  wenigstens  die  oberste  Leitung,  die  Zentralverwaltung  ordnete  und  die
Besserung  der  lokalen  Verhältnisse,  wie  verdorben  sie  auch  waren,  jener  Aufgabe
hintansetzte.  Aber  ohne  Aussicht  auf  Frieden,  in  steter  Gefahr,  aufs  neue  von
feindlichen  Heeren  überfallen  zu  werden  —  wie  sollten  die  Werke  des  Friedens
gefördert  werden?

Nach  den  Schrecken  des  30  jährigen  Krieges  lag  es  am  Tage,  so  sollte  man
meinen,  daß  Mittel  vorhanden  sein  mußten,  eine  Militär-Macht  im  Lande  zu
erhalten,  aber  selbst  die  märkischen  Stände  verweigerten  wiederholt  die  Mittel,
waren  entrüstet  über  den  Kurfürsten,  als  er  auch  ohne  ihre  Bewilligung  seine
kleine  Truppenzahl  beibehielt.  Die  preußischen  Stände  waren  in  heller  Aufregung,
  daß  der  Kurfürst,  auch  ohne  den  Landtag  zu  berufen,  zu  regieren  suchte;
auch  sie  weigerten  die  Mittel  für  das  Heer,  die  Landräte  entzogen  sich  überhaupt
der  Beratung.  In  Cleve  endlich  hielten  die  Stände  den  Verboten  des  Kurfürsten
zuwider  Versammlungen  ab,  und  in  dem  Streit  mit  dem  Pfalzgrafen  hatten  sie
Verfügungen  gegen  die  kurfürstlichen  Befehle  erlassen,  die  diese  direkt  aufhoben,
hatten  offen  zur  Empörung  gegen  den  Landesherrn  getrieben.  Der  allerärgste
Partikularismus  herrschte  in  den  einzelnen  Ländern,  und  der  gegenseitige  Abschen
  war  so  groß,  daß  auch  der  tüchtigste  Beamte  nur  eben  in  dem  Landesteil
geduldet  wurde,  darinnen  er  geboren  war.  Aus  diesen  verschiedenen  Ländern  und
Rechten  einen  Staat  zu  bilden,  forderte  vor  allen  Dingen,  den  Gegensatz  zwischen
        <pb n="224" />
        144  Heerwesen.  —  Rezeß  von  1653.  —  Beamte.

Landesherrn  und  Landständen  zu  überwinden,  die  Ubermacht  der  Stände  zu  brechen,
die  Scheidewand,  die  sie  zwischen  dem  Landesherrn  und  den  Unterthanen  aufgerichtet,
  niederzuwerfen  und  die  unmittelbaren  Beziehungen  zwischen  dem  Herrscher
und  dem  Volk  wieder  herzustellen.  Uber  dem  Wirrsal  der  ständischen  Gliederungen
mußte  sich  ein  einheitliches,  alles  umfassendes  und  alle  Verhältnisse  belebendes
und  reinigendes,  monarchisches  Regiment  erheben,  und  die  kurfürstliche  Regierung
mußte  für  alle  Stände,  für  alle  Länder  gleichmäßig  sorgen.  Freilich  kam  der  Kurfürst,
um  nur  zu  irgend  einem  Resultate  zu  gelangen  und  die  notwendigsten  Geldmittel
zu  erhalten,  den  Ständen  überall  weit  entgegen.  Denen  in  der  Mark  mußte  er
sogar,  damit  sie  nur  im  Laufe  von  sechs  Jahren  die  kleine  Summe  von  wenig
1633  über  eine  halbe  Million  Thaler  für  das  Heer  zu  leisten  versprachen,  1653  einen
Rezeß  bewilligen,  der  ihnen,  der  Ritterschaft  wie  den  Städten,  obrigkeitliche  Rechte
über  ihre  Unterthanen  einräumte,  die  Leibeigenschaft  bestehen  ließ.  Es  war  freilich
ein  Zugeständnis,  das  dann  auf  lange  hinaus  schwer  wiegende  Folgen  für  die
Landbevölkerung  gehabt  hat.  Auf  lange  Zeit  hinaus  blieb  dieser  Rezeß  die  Grundlage
  der  ständischen  Verhältnisse  und  ein  schweres  Hindernis  für  die  Befestigung
der  landesherrlichen  Gewalt,  wenn  auch  in  jener  Bewilligung  wenigstens  wieder
einer  der  Keime  des  stehenden  Heeres  lag.  Aber  das  waren  eben  Folgen  der
kriegerischen  Zustände,  und  was  man  auch  erreichen  wollte,  man  konnte  es  nur,
indem  man  an  das  geschichtlich  Gewordene  anknüpfte,  sofern  man  nicht  etwa  wie
anderwärts,  wie  namentlich  in  Frankreich  oder  Dänemark  mit  tyrannischer  Willkür
verfahren  wollte.  War  doch  der  Kurfürst  entfernt  nicht  der  Meinung,  die  Stände
etwa  zu  beseitigen!  Er  sah  in  ihnen  vielmehr  ein  berechtigtes  Glied  des  staatlichen
  Gefüges,  nur  daß  es  ihm  dienen,  nicht  es  beherrschen  sollte.  Viel  zu  weit,
viel  zu  sehr  auf  das  Erreichbare  gerichtet  war  der  Blick,  viel  zu  eng  das  Gewissen
  des  Kurfürsten  für  einen  gewaltsamen  Bruch  mit  dem,  was  nun  einmal
rechtlich  entstanden  war.  Und  wie  einst  sein  Ahne  hätte  er  mit  bloßer  Gewaltsamkeit
  nur  negativ  seine  Aufgabe  gelöst,  hätte  nur  erbittert,  nicht  —  was  ihm  doch
selbstverständlich  —  zugleich  versöhnt.  Er  beschied  sich  daher,  alle  nur  kommunalen
Rechte  unangetastet  zu  lassen  und  nur  die  wesentlichsten  politischen  in  Anspruch
zu  nehmen,  so  daß  die  Stände  schließlich  trotz  aller  Joariige  doch  nicht  neben  oder
über  ihm,  sondern  unter  ihm,  in  seinem  Staat  lebten
Und  wenn  auch  die  Räte,  die  der  Kurfürst  nach  den-  Tode  Schwarpenbergs
herangezogen  hatte,  vor  allen  der  Oberkammerherr  von  Burgsdorf  und  der  Kanzler
Götze  eine  Politik  einzuschlagen  versucht  hatten,  die  nur  brandenburgisch  war  und
die  Bedingungen,  Vorteile  wie  Nachteile,  die  sich  aus  den  rheinischen  wie  preußischen
Landen  ergaben,  nicht  oder  doch  nicht  genügend  in  Betracht  zog,  so  war  jetzt  der
Moment  gekommen,  wo  eine  das  Ganze  umfassende  Politik  einsetzen  konnte.  Es
wurde  nun  eine  der  wichtigsten  Fragen,  wie  man  „S.  Kf.  D.  Lande  vereinigen“
könne,  und  schon  kommt  für  sie,  die  neue  Auffassung  treffend  wiedergebend,
der  Ausdruck  „Provinzen“  auf.  Der  Kurfürst  umgab  sich  jetzt  mit  Männern,
die,  wie  Fürst  Moritz  von  Nassau,  wie  General  von  Sparr,  der  Graf  Schwerin,
Jena,  Platen,  Somnitz,  Weimann  und  vorzüglich  der  Graf  Waldeck,  den  Wert
des  wachsenden  Staates  erkannten  und  der  Aufgabe,  die  diesem  gestellt  war,  sich
voll  hingaben.  Endlich  entschloß  sich  der  Kurfürst,  auch  Burgsdorf,  dem  vielerlei,
namentlich  aber  eine  größere  Rücksicht  auf  die  ständischen  als  auf  die  staatlichen
Interessen  zur  Last  gelegt  ward,  und  dessen  rücksichtsloses  Auftreten  den  fein-
        <pb n="225" />
        Geheimer  Rat.  145

fühlenden  Sinn  der  Kurfürstin  Luise  oft  tief  verletzt  hatte,  zu  verabschieden.
  Noch  vorher  aber  erließ  er  das  Dekret  (4.  Dezember  1651),  durch  1651
welches  der  Geheime  Rat  völlig  neu  geordnet  wurde.  Die  gesamten  Geschäfte
wurden  in  eine  Reihe  von  Titeln  zerlegt,  jedem  der  Geheimen  Räte  ein  Teil  von
ihnen  zur  Bearbeitung  übertragen,  und  zwar  so,  daß  jedes  Territorium  auch

     

Luise  Henriette  von  Oranien,  Gemahlin  des  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm.
Nach  dem  Originale  von  Gerard  von  Honthorst  (1590—1656)  im  Kal.  Schlosse  zu  Berlin.

  

einen  besonderen  Vertreter  im  Geheimen  Rat  hatte.  Doch  blieb  dieser  eine

nur  beratende  Behörde,  deren  Organisation  sich  allerdings  bald  in  mancher  Beziehung

  als  verbesserungsfähig  erwies.  Der  Kurfürst  selbst  behielt  sich  die  Eröffnung

  aller  Schreiben,  ihre  Zuweisung  an  die  einzelnen  Räte,  sowie  endlich

  und  hauptsächlich  die  Entscheidung  selbst  vor.  Er  war  es,  der  regierte,
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  10
        <pb n="226" />
        146  Kammerverwaltung.  —  Finanzen.

wenn  er  auch  1652  in  der  Person  von  Blumenthals  einen  Direktor  des  Geheimen
Rates  bestellte.  Oft  pflegte  er  sich,  wenn  er  die  Meinungen  seiner  Räte  gehört,
in  sein  Kabinett  zu  stillem,  eifrigen  Gebet  und  zu  traulicher  Besprechung  mit  seiner
Luise  zurückzuziehen.  Niemals  sei  ihm  etwas  mißlungen,  hat  der  Kurfürst  nach
dem  Tode  seiner  Gemahlin  selbst  gestanden,  wenn  er  ihrem  Rate  gefolgt  sei,  und
oft  noch  soll  er  vor  ihr  Bild  getreten  sein  und  geklagt  haben:  „O  Luise,  wie
sehr  vermisse  ich  deinen  Rat!“  Abte  sie  doch  durch  ihr,  in  der  Anlage  von  Gärten
und  Meiereien  bekundetes,  wirtschaftliches  Verständnis,  sowie  namentlich  durch  ihre
werkthätige  Frömmigkeit  und  weiblichen  Sinn  den  wohlthätigsten  Einfluß  auch  auf
sein  Volk!  Und  das  von  ihr,  kurz  vor  der  Geburt  des  Kurprinzen  Karl  Aemil,
gestiftete  Waisenhaus  zu  Oranienburg  hält  noch  heute  ihr  Gedächtnis  lebendig.
Neben  der  auswärtigen  Politik  war  dem  Geheimen  Rat  aber  auch  die  Erledigung
  einer  Reihe  von  inneren  Verkehrsverhältnissen,  so  die  der  Posten,  Münzund
  Salzhandlungssachen  übertragen.  Gleich  dem  Geheimen  Rat  wurde  auch  das
Kammergericht  einer  Neuordnung  entgegengeführt,  die  namentlich  im  Gegensatz  zu
jenem  die  kollegialische  Entscheidung  der  Sachen  anordnete  und  die  Uberweisung
der  Rechtssprechung  von  jenem  an  dieses  anbahnte.  Die  wichtigste  Sorge  war
natürlich  die  der  Kammerverwaltung,
  d.  h.  der  Finanzen  und  die
des  Militärs.  Jene  waren,  wie
erwähnt,  durch  die  ständische  Mitregierung,
  durch  den  Krieg,  durch
die  Unterschleife  und  die  überlebte
kostspielige  Naturalwirtschaft  völlig
zerrüttet,  und  alle  bisherigen  Versuche
  hatten  noch  nicht  zu  einer
Lösung  führen  können.  „Mein
Lebtag“",  schrieb  Blumenthal  vielmehr
  an  Waldeck,  „habe  ich  nichts
schlechter  18  gefunden,  als  die
Expedition  bei  der  Berliner  Amtskammer;
  auch  glaube  ich  nicht,  daß
bei  zehn  Cdellenten  im  ganzen  Lande,
ob  sie  wohl  arme  Leute  sind,  sich
Medallle  ouf  die  .  des  erinen  aorl  Aenil  solche  Armut  und  Mange
r.  nde,  als  jehiger  Zeit  in  der  kur-In
  der  Größe  des  wuet  n  im  Kal.  Manzkablelt  fürsüüchen  Kasse;  alle  Rechnungen
liegen  von  vielen  Jahren  unabgelegt
und  unjustifiziert,  die  Amter  sind  nicht  gehörig  visitiret  worden"“.  Bei  dem
dringenden  Bedürfnis  galt  es  jeßzt,  ein  stehendes  Heer  und  eine  regelmäßige,
eine  stehende  Steuer  einzuführen.  Zunächst  wurde,  hauptsächlich  auf  Waldecks
Anregung,  das  ganze  Finanzwesen,  einschließlich  der  persönlichen  Einkünfte  des
Kurfürsten,  einer,  aus  Waldeck,  Blumenthal,  Schwerin  und  Tornow  zusammengesetzten,
  Zentralstelle  überwiesen,  damit  „das  Einkommen  in  eine  richtige  Verfassung
  gebracht,  die  Ausgaben  damit  recht“  proportioniert  werden“.  Eine  Verpachtung
  der  verschuldeten  und  wenig  ertragreichen  Domänen  auf  Zeit  wurde  ins  Auge  gefaßt,
  die  Ausgaben  bei  Hofe  und  im  Zivilstaate  gemindert  und  geregelt.  Endlich  wurde
        <pb n="227" />
        Finanzen.  —  Heerwesen.  147

 

 

Das  Kurfürstl.  Lusischloß  Oranlenburg.  Erbaut  1650/51  durch  die  Kurfürstin  Lulse  Henriette.
Verllelnerte  Nachblldung  der  s  n  J.  3.  Broches  (um  1070—1132)  aus  *“  eVues  des  Palals  ei  Malson#s  &amp;amp;  Plalsance
a  Mejeste  le  Bey  de  Prusses.  Augsburt

der  Bestand  der  Domänen  Fu  ihr  Soll-Ertrag  nach  einer  zwölfjährigen
Friedenszeit  berechnet  und  die  Umwandlung  der  kostspieligen  Natural=  in  die
Geldwirtschaft,  die  eine  subesi  Kontrolle  ermöglichte,  angebahnt.  Natürlich
hatten  alle  diese  Maßregeln  nur  einen  allmäligen  Fortgang,  aber  der  Erfolg
—  binnen  fünf  Jahren  waren  die  Einnahmen  mehr  als  doppelt  so  hoch
geworden  —  zeigte  erst  klar,  wie  schlecht  die  Wirtschaft  vorher  gewesen.  Dagegen
scheiterten  die  Pläne  Waldecks,  die  direkten  Steuern,  die  wesentlich  den  armen
Mann  bedrückten,  in  indirekte  Abgaben  umzuwandeln,  ebenso  wie  die  von  Pfuel
befürwortete  Neuaufnahme  des  Grundbesitzes,  gerechtere  Verteilung  der  direkten
Steuer  auf  grund  dieser  Aufnahme  und  Verwaltung  der  Steuern  durch  kurfürstliche
  statt  durch  ständische  Beamte,  an  dem  Widerspruch  der  Landstände,  wie  an
der  ängstlichen  Scheu  eines  Teiles  der  Geheimen  Räte,  die  auch  noch  von  der  Anschauung
beherrscht  waren,  daß  eine  solche  Steuerpflicht  nur  Hörigen  und  Leibeigenen  auferlegt
  werden  dürfe.  Beide  Pläne  mußten,  obwohl  sie  den  vollen  Beifall  der  Kurfürsten
  hatten,  vorerst  liegen  bleiben.  Aber  indem  der  Kurfürst  auch  bei  der  jetzt
möglichen  Reform  des  Finanzwesens  keineswegs  nur  auf  das  fiskalische  Interesse
Rücksicht  nahm,  förderte  er  mit  diesen  Maßregeln  in  erster  Linie  „als  ein  rechter
Landesvater,  wie  er  sich  zu  erweisen  vorgenommen,  seiner  armen  Unterthanen
Aufnehmen"“.  Eben  dieses  erforderte  aber  vor  allen  Dingen  militärischen  Schutz,
und  bei  dem  Mangel  an  genügenden  Mitteln  zum  Unterhalt  eines  stehenden
Heeres  griff  man  zu  einer  Art  von  Krümpersystem,  indem  man  schon  ausgebildete
Truppen  auf  dem  Lande  ansiedelte  und  ihnen  die  Verpflichtung  auferlegte,  sich
bei  einer  Einberufung  gegen  den  gewöhnlichen  Sold  zu  stellen.  Ebenso  wurden
überall  nicht  ohne  Erfolg  Versuche  gemacht,  dem  alten  Land=  und  Lehns-Auf-10
        <pb n="228" />
        148  Heerwesen.  —  Reichspolitik.

ebot  den  veränderten  Verhältnissen  gemäß  neues  Leben  einzuhauchen,  und  es
soldatisch  umzubilden.  Endlich  wurden,  worauf  wir  noch  zurückkommen,  neben  den
ständischen  Kreis-Kommissaren  das  Amt  der  landesherrlichen  Kriegs-Kommissare  zur
ordnungsmäßigen  Betreibung  des  Kontributionswerkes,  der  von  den  Unterthanen
für  6  Heerwesen  geforderten  Leistungen  wieder  hergestellt.
Allerdings  beanspruchte  das  Heerwesen  einen  für  die  bedrängte  Lage  der
Einwohner  erheblichen  Teil  der  Einnahmen,  aber  nur  zu  bald  sollte  sich  zeigen,
aß  ohne  genügende  militärische
  Kräfte  der  Friede
nicht  erhalten  werden  konnte.
Das  Verhalten  des
Kaisers  hatte  zwar  1651
schon  gezeigt,  daß  es  einen
Punkt  gab,  der  ihn  wenigstens
  zu  einiger  Nachgiebigkeit
  veranlassen  könnte.  Es
schien  nämlich  die  höchste  Zeit,
die  neue  Kaiserwahl  vornehmen
  zu  lassen,  und  dazu
brauchte  man  Brandenburg.
Indem  nun  der  Kurfürst
seine  Stimme  davon  abhängig
machte,  daß  der  Kaiser  einen
Druck  auf  Schweden  zure  endlichen
  Ausführung  des  Friedens
  ausübe  und  Schweden
nicht  eher  mit  Pommern  belehne,
  noch  zur  Session  auf
dem  Reichstage  zulasse,  als
bis  es  das  brandenburgische
Pommern  geräumt  habe,  traf
er  zugleich  die  Absicht  des
Kaisers.  Denn  durch  die
Aufnahme  Schwedens  in  den
Fürstenrat  wurde  natürlich

 

VGeorg  Frledrich  Graf  Waldec.  das  Verlangen  dieses  Kolle-Nach
  dem  Gemälde  von  Jan  von  Vaan  (1638—sr0,  gesochen  von  giums  auf  die  ihm  im  west-Mleter
  dan  Sun  n7—210.  fälischen  Frieden  zugesicherte

Teilnahme  an  der  Aufstellung
der  “oinu  und  einer  Neuordnung  der  Wahl  immer  weniger  abzuweisen
möglich

ünter  diesen  Umständen  wurde  eine  persönliche  sn  des  Kaisers

1652  mit  dem  Kurfürsten  verabredet,  die  im  November  1652  rag  stattfand,  und
bei  welcher  dem  Kurfürsten  namentlich  auch  in  bezug  aufe  Iäher  wor  die  besten
Versprechungen  gegeben  wurden.  In  der  That  bequemte  sich  nun  Schweden,  die
Räumung  Pommerns  zuzugestehen,  und  Friedrich  Wilhelm,  der  seinerseits  in  der
überaus  wichtigen  Frage  der  Seezölle  nachgeben  mußte,  hatte  damit  wieder  „für
        <pb n="229" />
        Reichspolitit  149

die  gemeine  Wohlfahrt  und  deren  einigen  und  wahren  Grund,  nämlich  die  Vollziehung
  und  Stabilierung  des  Friedens  im  Reich“  ein  wichtiges  se  erreicht.
Aber  kaum  war  Ferdinand  IV.  (21.  Mai  1653)  gewählt,  als  jed  e  Rücksichtnahme
  auf  Brandenburg  geschwunden,  jede  Aussicht,  in  irgend  einer  Form  die
Verfassung  des  Reiches  herzustellen,  die  Lösung  aller  der  im  Frieden  unbestimmt
gelassenen  reichsrechtlichen  Fragen  in  Angriff  zu  nehmen,  erloschen  war.  Jägerndorf,
  so  hieß  es  jetzt,  sei  rechtmäßig  dem  Kaiser  augefallen,  eine  Deputation  der
aufsässigen  Stände  in  Cleve  wurde  vom  Kaiser  empfangen,  öffentlich  sprach  der
junge  Pfalzgraf  von  Neuburg  davon,  daß  Brandenburg  seiner  Rechte  in  Jülich-Cleve
  verlustig  sei,  und  der  Kaiser  befahl  die  Festungen  Hamm  und  Lippstadt
zu  zerstören,  die  kürfürstlichen  Truppen  abzuführen.

Ein  lebhafter  Unwille  der  Fürsten  gab  sich  nun  wohl  gegen  den  Kaiser  kund.
Die  Kurfürsten  von  der  Pfalz,  von  Trier  und  Köln  waren  tief  erbittert,  und  das
Kollegium  der  Fürsten  war  schwer  verletzt,  weil  der  alte  Vorrang  der  Kurfürsten
bestehen  blieb.  Alle  evangelischen  Stände  lebten  in  größter  Sorge,  weil  die
katholischen  Stimmen  im  Kurkolleg  die  Majorität  behielten,  und  mit  der  Aufnahme
  einer  Reihe  von  neuen  österreichischen  Fürsten  in  den  Fürstenrat  auch  dieses
Kollegium  in  seiner  Majorität  katholisch  gemacht  war.  Klug  und  energisch  war
der  Kurfürst  auf  dem  Reichstage  aufgetreten,  die  evangelischen,  ja  ein  Theil  der
katholischen  Fürsten,  so  namentlich  die  Kurfürsten  von  Köln  und  Trier  hatten  sich
um  ihn  geschart,  und  auf  wenigstens  zwei  Gebicten  war  man  doch  einen  erheblichen
  Schritt  vorwärts  gekommen.  Die  neu  geschaffene  Kriegsverfassung  der
Kreise  bot  wenigstens  die  Möglichkeit  einer  Verteidigung  des  Reichs  und  durch  den
Beschluß,  daß  die  Landsassen  und  Unterthanen  schuldig  seien,  in  der  Verteidigung
des  Landes  ihrem  Fürsten  „mit  hülflichem  Beitrag  gehorsamlich  an  die  Hand  zu
gehen“  waren  die  sehr  häufigen  Klagen  der  Stände  beim  Reichshofrat  oder
Kammergericht  über  ihre  Landesherren  für  unstatthaft  erklärt.  Für  die  Entwickelung
der  Landeshoheit  mußte  dieser  Beschluß  von  durchgreifender  Bedeutung  werden.

Was  Wunder  aber,  daß  der  Graf  Waldeck,  der  damals,  nachdem  die  bisherige
Nachgiebigkeit  gegen  das  Haus  Habsburg  so  bittere  Früchte  gezeitigt  hatte,  die
vornehmste  Stelle  im  Rate  des  Kurfürsten  inne  hatte,  Pläne  faßte,  die  Deutschlands
  Macht  auch  ohne  den  Kaiser  begründen  sollten!  Ihm  schwebte  ein  Bündnis
der  Reichsfürsten  vor,  das  unter  der  Führung  des  mächtigsten  protestantischen
Staates  den  Schutz  und  Schirm  Deutschlands,  den  der  Kaiser  nicht  gab,  sichern
sollte.  Kurbrandenburg  sollte  an  der  Spitze  einer  Anzahl  evangelischer,  aber  auch
katholischer  deutscher  Fürsten  und  vielleicht  im  Bunde  mit  Frankreich  eine  bedeutende
  Stellung  im  europäischen  Staatenkonzert  einnehmen,  im  letzten  Grunde
aber  ein  „einig  Imperium“  ein  einheitliches  deutsches  Reich  gegründet  werden.
„Feuer  muß  man  zeigen“,  so  äußerte  Graf  Waldeck  sich  bei  anderer  Gelegenheit,
und  Feuer  zeigte  er  auch  bei  diesem  Plane.  Nur  war  er  mehr  großartig,
mehr  patriotisch  gedacht,  als  in  einer  Zeit  der  allgemeinen  Mißgunst,  der  Eifersucht
  auf  Brandenburg  irgendwie  durchführbar.  Wie  der  Kurfürst,  dem  man
wohl  eine  Neigung  zu  unausführbaren  Plänen  zuschrieb,  dessen  Sinn  aber  stets
sich  dem  Wirklichen  und  Möglichen  zuwandte,  sich  zu  solchen  Plänen  verhielt,
wissen  wir  nicht  genauer.  Irgend  eine  Folge  hat  er  ihnen  nicht  gegeben.  Wohl
trat  er  für  das  von  den  Schweden  hart  bedrängte  Bremen  ein,  wohl  brachte  er,
und  er  allein,  dem  Kölner  Erzbischof  die  ersehnte  Rettung  vor  den  in  sein  Stift
        <pb n="230" />
        150  Reichspolitik.  —  Karl  KX.  Gustav.

Lüttich  eingebrochenen  räuberischen  lothringischen  Scharen.  Wohl  —A
auch  Graf  Waldeck  bald  an  diesem,  bald  an  jenem  Hof,  wohl  offenbarte  sich  dabei
  das  gewonnene  Anehen  des  Kurfürsten,  aber  über  einen  Defensivantrag  mit
den  braunschweigischen  Herzogen  kam  man  doch  nicht  hinaus.  Vergeblich  bemühte
man  sich  in  Regensburg  um  die  Ausgestaltung  des  „wie  ein  Besen“  aufgelösten
Reiches.  Kaum  daß  man  der  kaiserlichen  Politik,  die  8  darauf  ausging,
die  durch  den  westfälischen

Frieden  geschaffene  Stellung
der  deutschen  Fürsten  zu  untergraben,
  einige  kleine  Erfolge
abrang.  Der  Reichstag  wurde
llestüch  geschlossen,  ohne
daß  die  große  Frage  der
deutschen  Heran#,  welche
das  Friedensinstrument  offen
gelassen,  gelöst  worden  wäre.
Da  aber  zeigte  sich,  während
die  Vermählung  des  jungen
Königs  Ferdinand  IV.  mit
einer  spanischen  Infantin  dem
habsburgischen  Hause  wieder
die  Verwirklichung  der  weltbeherrschenden
  Macht  in  Aussicht
  stellte,  daß  die  Existenz
des  jungen  brandenburgischen
Staates  selbst  auf  dem  Spiele
stand.  Die  Königin  Christine
von  Schweden  legte  nämlich
1654  ihre  Königskrone  nieder,
und  mit  dem  Regierungsantritt
  ihres  Vetters  Karl
Gustav  aus  dem  Hause
Pfalz-Zweibrücken  war  der
Besitz  der  gesamten  Länder
rings  um  die  Ostsee  herum
höchst  zweifelhaft  geworden.
Denn  die  vermeintlichen  An-Karl
  X.  Gustav  (v.  d.  Pfalz)  König  von  Schweden.  sprüche  Schwedens  an  diese

Nach  dem  Gemälde  von  David  Beek,  geslochen  von  Jeremias  Falck.  durchzufihrrn,  hatte  Christine

ihrem  Vetter  ausdrücklich  anempfohlen,

  und  für  den  kühnen,  mit  Leidenschaft  nach  Ru-  begierigen  Karl  Gustav
dc#4  war  eine  solche  Aufforderung  kaum  erforderlich.  Sie  ergab  sich  ihm  aus  seiner
eigenen  Veranlagung,  sie  ergab  sich  auch  aus  der  Notwendigkeit,  den  inneren  Gährungen

in  Schweden,  die  seine  Königskrone  gefährdeten,  einen  Abfluß  nach  außen  zu  eröffnen.
Sie  ergab  sich  endlich  und  vornehmlich  aus  der  überaus  großen  Bedentung,  welche
die  Herrschaft  über  die  Ostsee,  der  „Mutter  der  Kommercien“  für  den  Handel  damals
hatte.  Der  reiche  Gewinn,  den  Dänemark  aus  dem  Sundzoll  zog,  der  zunehmende
        <pb n="231" />
        Karl  X.  Gusiav.  151

Reichtum,  welchen  neben  dem  bisher  am  meisten  begünstigten  Holland  nun  auch
England  hier  zu  erwerben  wußte,  ließen  die  Schweden  den  Verlust  der  prenßischen
Häfen  der  „Augen  der  Ostsee“  und  der  einst  erhobenen  Seezölle  nur  um  so  weniger
verschmerzen.  Im  wesentlichen  war  daher  mit  dem  Thronwechsel  die  Frage,  ob
Krieg  oder  Frieden  herrschen  solle,  zu  Ungunsten  des  Friedens  entschieden,  und  nur
das  war  noch  zweifelhaft,  auf  welchen  Gegner  Karl  Gustav  sich  zunächst  stürzen
würde.  Es  lagen  drei  Möglichkeiten  vor,  um  den  übermütigen  Charakter  des
Königs  zu  befriedigen.  Es  konnte  sein,  daß  er  die  schon  versuchte  Unterwerfung
Bremens  beenden,  von  Bremen  aus  die  angeblichen  Ansprüche  seines  Hauses  auf  die
pfalz-nenuburgischen  Länder  am  Niederrhein  mit  den  schwedischen  Machtmitteln
durchführen  werde,  und  ein  Streit  zwischen  Kurpfalz  und  Pfalz-Neuburg
schien  solchen  Absichten  um  so  mehr  Aussicht  auf  Erfolg  zu  geben,  als  der
Hader  der  Stände  den  Landesherrn  schwächte.  Gewiß  aber  war,  daß  Schweden,
einmal  im  Besitz  von  Jülich-Berg,  nach  dem  brandenburgischen  Cleve-Mark
seine  Hand  ausstrecken  werde.  Es  hommter  indesen  auch  sein,  daß  Karl  Gustav
die  südlichen  Landschaften  Schwedens,  die  noch  im  Besitze  Dänemarks  waren,
angreifen,  daß  er  Bornholm,  wo  die  Dänen  die  schwedische  Schifffahrt  nach
der  Odermündung  und  Pommern  belästigten,  erobern,  daß  er  den  Dänen
den  Sund  und  mit  dessen  Zoll  die  wichtigste  Einnahme  rauben  werde.  Endlich
  aber  konnte  der  König  das  innerlich  vollkommen  zerfallene  Polen  angreisen,
  die  von  diesem  unmittelbar  oder  mittelbar  beherrschten  Küsten  sich  aneignen
und  den  immer  noch  unsicheren  Besitz  Livlands  zu  einem  endgültigen  machen.
Dies  war  um  so  leichter,  als  Polen,  von  Rußland  in  einen  Krieg  verwickelt,
im  Osten  große  Einbußen  erlitt.  Wer  aber  konnte  zweifeln,  daß  in  diesem  Falle
die  von  Schweden  so  lebhaft  beanspruchten  hinterpommerschen  und  auch  die
preußischen  Lande  des  Königs  Begier  reizen  würden?  Nur  wenn  der  Angriff
auf  Dänemark  erfolgte,  durfte  Brandenburg  die  Krisis  mit  einer  gewissen  Ruhe
sich  entwickeln  sehen,  in  allen  anderen  Fällen  war  Brandenburg  unmittelbar
bedroht.  Karl  Gustav  entschied  sich  für  denjenigen,  welcher  für  Brandenburg
der  gefährlichste  war.  Er  griff  Polen  an.

Natürlich,  daß  dem  Kurfürsten  das  Heraufziehen  des  Sturmes  nicht  entgangen
  war.  Wie  auch  immer  er  sich  entschied,  zwischen  den  beiden  Gegnern
Polen  und  Schweden,  schien  er  erdrückt  zu  werden,  mindestens,  „seinen  Augapfel“,
das  preußische  Herzogtum  fürchtete  er  zu  verlieren.  Und  wohin  er  sah,  war
eine  Hilfe  von  auswärts  nicht  zu  erblicken.  Weder  an  Osterreich  noch  an  die
deutschen  Fürsten  war  auch  nur  zu  denken,  obwohl  die  Reichsverfassung  ihnen  den
Schutz  der  deutschen  Länder  gebot.  Dänemark  schien  troy  seines  Umfangs  durch
die  unglückliche  Verfassung  des  Landes  völlig  ohnmächtig.  Die  Niederlande
waren  die  einzigen,  mit  denen  er  um  ein  Bündnis  verhandeln  konnte,  denn  jede
Ausbreitung  der  schwedischen  Herrschaft  in  der  Ostsee  schädigte  vorzüglich  den
schwunghaften  Handel,  den  die  Holländer  nach  den  Häfen  der  Ostsee  mit
Kolonial=  und  Wollwaren  trieben,  während  sie  von  dort  Getreide  und  das  für
den  Schiffsbau  höchst  nötige  Holz  exportierten;  da  hier  aber  die  antioranische,
  die  republikanische  Partei  das  Heft  in  Händen  hatte,  und  diese  in  jeder
Förderung  des  Kurfürsten  einen  Gewinn  der  oranischen  Partei,  der  monarchischen
Verfassungform  sah,  so  kostete  es  unendliche  Mühe,  sie  zu  einem  Bündnis  zu
bewegen.
        <pb n="232" />
        162  Brandenburgs  Stellung.

Mit  seinem  ganzen  Eifer  verwendete  sich  daher  der  Kurfürst  für  die  Bewahrung
  des  Friedens,  die  allein  der  Lage  der  Dinge  entsprach,  und  unermüdlich
verhandelte  er  gleichmäßig  in  Warschau  wie  in  Stockholm.  Doch  in  Warschau  mit
seinen  Warnungen  abgewiesen,  sah  er  in  Stockholm  sich  nur  um  so  hochmütiger
behandelt.  Memel  und  Pillau,  die  wichtigsten  Häfen  Preußens  forderte  Karl
Gustav  als  das  Geringste,  und  daß  der  Kurfürst  an  dem  einen  Hofe  verhandelte,
wurde  ihm  an  dem  anderen  zum  Vorwurf  gemacht.  Doch  wie  hätte  er  den  Kampf
anders  vermeiden  können,  als  hüben  und  drüben  verhandelnd,  zum  Frieden  ratend?
Oder  war  in  der  That  der  Kurfürst  von  Brandenburg  zu  tadeln,  wenn  er  gleichzeitig
  Vorbereitungen  zum  Kriege  traf  und  so  das  brandenburgische  Interesse  zu
wahren  suchte?  Und  lag  etwa  die  Ausdehnung  der  Schweden  in  Deutschland
—  wenn  auch  das  Reich  um  die  Fremdherrschaft  im  Lande  sich  nicht  groß
kümmerte  —  in  Deutschlands  Interesse?  Ohne  Zweifel  war  ferner  die  polnische
Oberlehenshoheit  über  das  deutsche  Preußen  durch  die  Not  zwar  staatsrechtlich
begründet,  ebenso  zweifellos  aber  war  sie  nichts  anderes  als  eine  traurige
Fremdherrschaft  über  ein  deutsches  Land,  die  zumal  bei  der  Schwäche  des  polnischen
Reichs  noch  länger  zu  ertragen  unwürdig  war.  Und  Sklavenketten  zu  zerreißen,
hat  immer  für  ein  Verdienst  gegolten,  und  deutsches  Land  vom  Fremdenjoch  zu
befreien,  noch  stets  für  eine  sittliche  Forderung,  die  in  diesem  Falle  doch  darum
nicht  weniger  heilig  war,  weil  die  Herrschaft  der  Fremden  ein  Jahrhundert  hindurch
  hatte  geduldet  werden  müssen.  Die  Forderung  war  vielmehr  jetzt  nur  um
so  ernster,  als  das  Festhalten  an  Polen  nur  zu  einem  Wechsel  in  der  Person
der  Fremden,  zum  Ubergang  der  Lehenshoheit  auf  Schweden  zu  führen  schien.  Denn
von  dem  kraftlosen  Polen  war  ein  kriegerischer  Erfolg  gegen  die  Schweden  durchaus
  nicht  zu  erwarten.  Bei  der  unbezweifelten  Habgier  der  Schweden  nach  dem
*  Küstenlande  war  aber  im  Falle  des  schwedischen  Sieges  entweder  —  wenn

er  Sieg  Brandenburg  an  Polens  Seite  traf  —  die  einfache  Wegnahme  des  Landes
oder,  wenn  Brandenburg  an  Schwedens  Seite  gekämpft  hatte,  mindestens  die
Unterstellung  des  Landes  unter  schwedische  Hoheit  und  unter  schwedischen  Einfluß
zu  gewärtigen.

Oder  sollte  der  Kurfürst  die  Odysseus-Gabe  besitzen  und  zwischen  der  schwedischen
  Scylla  und  der  polnischen  Charybdis  sein  Schifflein  hindurch  zu  steuern
wissen?  Sollte  er  Geschick  und  Macht  genug  haben,  um  Preußen  aus  der  polnischen
  Fremdherrschaft  an  der  schwedischen  vorbei  zur  Freiheit  zu  führen,  es
wieder  deutsch  zu  machen?  Alles  kam  darauf  an,  die  richtige  Balance  zwischen

1655  den  beiden  Mächten  herzustellen.  Da  rückte  Karl  Gustav  im  Juli  1655  von  der
Oder  her  gegen  Polen  vor,  und,  da  er  die  vom  Kurfürsten  in  Stettin  für  den
Abschluß  eines  Bündnisses  gestellten  Forderungen  —  Außhebung  der  Lehenshoheit,
eine  Verbindung  der  Mark  mit  Preußen  und  das  Bistum  Ermland  —  nicht  zugestanden
  hatte,  so  eilte  Friedrich  Wilhelm,  Preußen  in  eine  militärisch  so  befestigte
Stellung  zu  bringen,  daß  wenigstens  die  Neutralität  aufrecht  zu  halten  möglich
bleibe.  Und  in  der  That:  unter  den  gewaltigen  Schlägen  Karl  Gustavs  brach
das  morsche  Polenreich  zusammen,  und  natürlich  wurde  dadurch  der  Übermut  des
Königs  gegen  Brandenburg  nur  noch  kühner  und  dreister,  so  daß  der  Kurfürst  —
da  auf  die  immer  wieder  erbetene,  selbst  vom  spanischen  Gesandten  in  Wien  eindringlich
  befürwortete  Hilfe  vom  Kaiser  nicht  zu  zählen  war,  und  die  Niederlande
die  in  dem  abgeschlossenen  Vertrage  zugesicherten  Truppen  nicht  stellten  —  jetzt  den
        <pb n="233" />
        Verträge  von  Königsberg  und  Marienburg.  153

äußersten  Moment  gekommen  sah,  wo  er  mit  Schweden  sich  vereinigen  müsse.
Nicht  sowohl  der  Rat  Cromwells  und  der  Herzoge  von  Braunschweig,  auf  schwedischer
  Seite  das  evangelische  Interesse  zu  suchen,  als  vielmehr  die  unmittelbar
von  den  Schweden  drohende  Gefahr  bestimmte  den  Kurfürsten  zum  Abschluß  des
Königsberger  Vertrages  vom  16.  Januar  1656.  Einen  tiefen  Stachel  im  Herzen,
gestand  Friedrich  Wilhelm  in  diesem  den  Schweden  die  Oberlehnsherrlichkeit  über
Preußen,  die  Offnung  der  preußischen  Häfen  und  die  Hälfte  der  Seczölle  zu,
räumte  die  im  polnischen  Preußen  von  ihm  besetzten  Festen,  namentlich  die  Marienburg
  und  übernahm  die  Stellung  von  1500  Mann.  Dagegen  verpflichtete  sich
Schweden,  das  herzogliche  Preußen  zu  verlassen,  vereinigte  Ermland  mit  demselben
  und  gab  einige  von  der  Krone  Polen  bisher  behaupteten  Rechte  auf.  Es
verzichtete  auf  den  Tribut  und  auf  das  Recht,  außerordentliche  Steuern  aufzuerlegen.

Für  den  Augenblick  war  jedoch  vielleicht  weniger  die  Unterstellung  unter
schwedische  Oberhoheit  bedenklich,  als  vielmehr  von  Wichtigkeit,  daß  der  Kurfürst,
dessen  Heer  schon  mehr  als  20  000  Mann  zählte  und  von  so  hervorragenden
Führern  wie  Sparr  und  Derfflinger  befehligt  wurde,  sich  doch  den  Schweden  nur
mit  1500  Mann  verpflichtet  hatte.  Allerdings  glaubte  man  an  den  übrigen
europäischen  Höfen,  der  Kurfürst  sei  in  jene  Kombination  eingetreten,  die  Schweden
und  das,  damals  unter  Cromwell  zu  hohem  Glanz  emporgestiegene  England  zu
einem  energischen  Vorgehen  gegen  die  Katholiken  vereinen  und  unter  der  Agide
Frankreichs  das  Haus  OÖsterreich  stürzen  sollte.  Dem  gegenüber  drängten  nun  die
katholischen  Mächte  zum  Kampfe  gegen  die  Evangelischen,  man  hoffte,  daß  der
Kaiser  allein  60  000  Mann  gegen  Schweden  und  Brandenburg  ausstellen  werde,
und  auch  im  Westen  schien  der  jesuitische  Eifer  des  Pfalz-Neuburgers  alles  zu
gefährden.  Die  Polen  aber  erhoben  sich  mit  überraschender  Kraft  von  ihrer
Niederlage,  und,  von  nationalem  und  religiösem  Enthusiasmus  beseelt,  boten  sie
den  Schweden  so  entschieden  die  Stirn,  daß  diese  ihnen  kaum  noch  zu  widerstehen
vermochten.  Damit  änderte  sich  die  Situation  vollständig,  und  Karl  Gustav  war
jetzt  auf  das  brandenburgische  Heer  angewiesen.  Doch  die  rücksichtslos  unternommenen
  Einfälle  der  Polen  in  Hinterpommern  und  in  die  Neumark,  die  Wildheit
  und  Grausamkeit,  mit  der  sie  gegen  alle  Deutschen  verfuhren,  zwangen  nun
auch  umgekehrt  den  Kurfürsten,  von  seinen  stets  erneuten  Friedens-Versuchen  abzusehen
  und  sein  Land  gegen  die  Polen  zu  verteidigen.  Am  25.  Juni  1656
ward  daher  zwischen  Schweden  und  Brandenburg  zu  Marienburg  ein  neuer  Vertrag
  geschlossen,  der  gegen  die  Zusicherung  von  vier  polnischen  Palatinaten  und
weiterer  Lösung  der  oberlehensherrlichen  Eacsen  den  Schweden  die  Hilfe  von
4000  Brandeuburgern  für  die  Dauer  des  Krieges,  für  das  laufende  Jahr  sogar
die  der  gesamten  brandenburgischen  Macht  zu  Gebote  stellte.  Zugleich  aber  hatte
Friedrich  Wilhelm  in  dem  Wunsche,  den  König  von  Polen  zum  Frieden  zu  bestimmen,
  Karl  Gustav  das  Zugeständnis  abgerungen,  diesem  das  eigentliche  Polen
als  erbliche  Monarchie  anzubieten.  Indessen  Johann  Kasimir  lehnte  unter  dem  Eindruck
  eines  neuen  Sieges  auch  dieses  Friedensangebot  wie  alle  früheren  ab,  und
nun  vereinigten  sich  die  brandenburgischen  mit  den  schwedischen  Truppen.  Am
28.  Juli  kam  es  bei  Warschau  zur  Schlacht.  Drei  Tage  währte  sie,
schließlich  erlitten  die  Polen  die  vollständigste  Niederlage.  Die  „hohe  Konduite“
des  Kurfürsten  am  zweiten  Tage  bei  der  kleinen  Colline,  der  Sturmangriff  der
Brandenburger  unter  Sparr  am  dritten  Tage  brachte  den  Verbündeten  „die

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1656
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        154  Schlacht  bei  Warschau.

 

König  Karl  X.  Gustav  von  Sn  und  La  Frichrich  Wilhelm  von  Brandenburg
Schlacht  bei  Warschau.
Ausschnitt  aus  der  Radierung  eines  .abere  rbc  o  5  Zeichnung  von  E.  J.  Dahlberg  in
Pufendorfs  -De  rebus  Carolo  Gusta  tis«.  Nũrnberg  1696.

herrliche  Viktorie“.  Das  war  die  erste  Waffenthat  der  brandenburgischen  Armee.
Sie  bedeutete  die  Befreiung  Preußens  von  dem  fslavischen  Joch,  die  Wiedergewinnung
  Preußens  für  Deutschland.

hatte  die  Schlacht  im  kriegerischen  Betracht  zunächst  geringere  Folgen,
als  man  glauben  sollte.  Die  Polen  rafften  sich  wieder  auf  und  brachten  namentlich
  in  Westpreußen  den  Schweden  wiederholte  Verluste  bei,  so  daß  Karl  Gustav,
dessen  Heer  überdies  durch  Zersplitterungen  und  Krankheiten  geschwächt  war,  zum
Schutze  Preußens,  Pommerns  und  der  Marken  nichts  thun  konnte.  Und  mußte
der  König  nicht  fürchten,  daß  Dänemark  seine  täglich  schwächer  werdende  Kraft
benutzen  werde  zum  Einfall  in  Schweden  selbst?  Schien  bei  der  gewaltigen  Aufregung
  der  katholischen  Mächte  noch  ein  Zweifel  möglich,  daß  endlich  auch  der
Kaiser  von  Schlesien  aus  vorbrechen  werde,  um  den  unbequemen  Garanten  des
westfälischen  Friedens  und  zugleich  den  mächtigsten  protestantischen  Reichsfürsten
mit  Macht  anzugreifen?  Oder  war  etwa  von  den  Niederlanden  und  dem  mit
ihnen  geschlossenen  Traktat  Hilfe  zu  erwarten?  Die  Flotte,  die  sie  jezt  in  die
Ostsee  sandten,  hatte  sicherlich  nicht  die  Aufgabe,  den  Schweden  die  für  den  holländischen
  Handel  so  wichtigen  Häfen  zu  lassen.  Und  um  die  Lage  Karl  Gustavs
völlig  zu  verschlimmern,  griff  auch  der  Zar  von  Moskau  thätig  ein,  ol  seine
Truppen  bis  nach  Riga  vorgehen  ban  sich  mit  den  poluischen  vereinigen.  Sogar
dem  Kurfürsten  bot  er  ein  Bündnis  und  den  Schutz  Preußens  unter  russischer
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        Vertrag  von  Labiau.  —  Karl  Gustavs  Züge.  155

Oberhoheit  an.  Schließlich  geschah  auch,  was  Karl  Gustav  so  lange  gefürchtet:
  die  Polen  besetzten  Danzig  und  schnitten  ihn  damit  von  Pommern  ab.
Nun  war  der  König  allein,  und  wenn  jetzt  auch  Brandenburg  sich  von  ihm
wandte,  so  war  es  um  ihn  geschehen.  Schon  suchte  Polen  den  Kurfürsten  für
ich  zu  gewinnen.  Da  mußte  Karl  Gustav,  in  all  seinen  stolzen  Entwürfen  getäuscht,
  dem  Kurfürsten  wohl  entgegen
  kommen,  und  so  erkannte  er
ihn  im  Vertrage  von  Labiau  als
„obersten,  absoluten  und  souveränen
Fürsten  von  Preußen“  an  (10.  November
  1656),  und  beide  Herrscher
verpflichteten  sich  zu  gegenseitiger
Hilfeleistung.  Auf  immer  wurde
das  Heuzehm  von  der  Krone
Polen  getreunt,  dagegen  der  brandenburgische
  Anspruch  auf  die  polnischen
Palatinate  so  gut  wie  aufgegeben.
Indessen  entzog  Karl  Gustav
dem  Vertrage  nur  zu  bald  seine
Basis.  Alle  erneuten  Friedensversuche
  des  Kurfürsten,  Frankreichs
und  der  Niederlande  wies  er  ab,
verabredete  sogar  mit  dem  Fürsten
von  Siebenbürgen  und  den  Kosacken
neue  Pläne  zur  Teilung  Polens
und  drang  selbst  bis  zu  den  Karpathen
  vor.  Damit  versagte  er
thatsächlich  Brandenburg  den  vertragsmäßigen
  Schutz  gegen  Polen,
und  stellte  es  den  polnischen  Angriffen
  gegenüber  bloß.  Da  nun
aber  Frankreich  und  England  sich
gegen  Spanien  verbanden  und  so
die,  ohnehin  durch  den  Tod  Kaiser
Ferdinands  in  Gefahr  geratene
Macht  Osterreichs  bedrohten,  schloß
Ssterreich  jetzt  mit  Polen  einen  gessckrdin  %  ure  6  on
Vertrag,  um  in  Schweden  zugleich  Bon  Artus  Quellinus  d.  J.  (um  1025-1070).
Frankreich  und  England  zu  schädigen,
und  gleichzeitig  benützte  Dänemark  die  Gelegenheit,  brach  gegen  Schweden  los.
In  Eilmärschen  eilte  der  König  mit  seinen  überall  gründlichst  gehaßten  Schweden
aus  Galizien  zurück,  drang  in  kühnem  Zuge  nach  Holstein  und  Jütland  vor.
6000  Mann  sollte  er  nach  dem  Vertrage  zur  Verteidigung  Preußens  stellen,  jetzt
zog  er  fast  alle  seine  Truppen  aus  Preußen  fort,  suchte  Cromwells  Beistand  durch
Versprechungen  auf  deutsche  Länder,  wie  Dithmarschen,  Oldenburg,  zu  gewinnen  und
überließ  es  dem  Kurfürsten,  wie  er  den  vereinten  polnisch-österreichischen  Heeren
widerstehen  und  zugleich  die  ebenfalls  bedrohten  rheinischen  Länder  decken  wollte.
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        156  Wehlauer=  und  Bromberger  Verträge.  —  An  den  „Ehrlichen  Teutschen“.

Der  Rache  der  Polen  war  der  Kurfürst  nun  preisgegeben,  aber  er  war  nunmehr
  auch  freier  Herr  seiner  Entschlüsse.  Mit  Johann  Kasimir  mußte  er  eine
Aussöhnung  suchen,  aber  eine  solche  mußte  es  zugleich  sein,  die  ihm  sein  großes
Ziel,  die  Souveräuität  in  Preußen,  gewährte.  Und  so  bedeutend  war  nun  schon
die  Stellung  Brandenburgs,  daß  die  Gesandten  der  auswärtigen  Stände,  schwedische,
  polnische,  französische,  österreichische  um  die  Entscheidung  des  Kurfürsten
mit  einander  kämpften.  Da  bot  ihm  Polen  durch  den  Mund  des  österreichischen
Gesandten  Lisola  das  ersehnte  Gut,  die  Basis,  auf  der  er  stehen  konnte,  bot  ihm
die  Souveränität.  Da  durfte  er  nicht  mehr  zögern,  wenn  Brandenburg  nicht  die
Strase  für  Karl  Gustavs  Eroberungsgelüste  treffen  sollte.  Seinem  Vertrage  getreu
  teilte  er  indessen  dem  Könige  vorher  mit,  daß  er  zwar  dessen  Zug  zum
Schutze  Schwedens  selbst  begreife,  daß  er  aber,  da  alle  Vermittlungsversuche
scheiterten,  da  keine  Hoffnung  vorhanden  sei,  daß  der  König,  auf  den  er  so  lange
gewartet,  zur  Rettung  seiner  Lande  etwas  thun  werde,  er  aber  allein  den  verbündeten
  SÖsterreichern  und  Polen  nicht  gewachsen  sei,  mit  Polen  abschließen

168;  werde.  Demgemäß  unterzeichnete  er  am  19.  September  und  6.  November  1657
mit  Polen  die  Wehlauer  und  Bromberger  Verträge,  in  denen  gegen  Aufgabe  von
Ermland  und  der  vier  Palatinate  nun  auch  von  polnischer  Seite  die  Souveränetät
des  Kurfürsten  über  Preußen  anerkannt  wurde,  ohne  daß  dieser  zum  Angriff
gegen  Schweden  verpflichtet  wurde.  Lauenburg,  Bütow  und  Draheim  wurden
dem  Kurfürsten  unter  verschiedenen  Formen  zugesprochen,  dagegen  mußte  er  zugestehen,
  daß  die  freilich  noch  zu  erobernde  Stadt  Elbing  gegen  Zahlung  einer
Geldsumme  und  nach  Schleifung  der  Befestigungen  an  Polen  zurückfalle.  Infolge
dieser  Verträge  fand  eine  feierliche  Begegnung  des  kurfürstlichen  und  des  königlichen
  Paares  in  Bromberg  statt,  und  es  schien,  als  ob  die  Hoffnung,  unter  brandenburgischer
  Vermittlung  den  Frichen  herzustellen,  gelingen  könne.

ber  die  gewaltigen  Erfolge,  die  Karl  Gustav  gegen  Dänemark  gewann,
ließen  alle  Friedenspläne  scheitern,  ja  Karl  Gustav  traf  nicht  nur  energische  Vorbereitungen,
  Brandenburg  für  den  durch  seinen  eigenen  Vertragsbruch  erzwungenen
Abfall  zu  füchtigen,  hlondern  ließ  gegen  das  Reich  so  frei  seinem  Ubermut  die
Zügel  schießen,  daß  die  Gefahr  für  ganz  Norddeutschland  mit  Händen  zu  greifen
war.  Die  politische  Lohänpigtelte  in  die  man  von  Schweden  sowohl  wie  von
Frankreich,  das  unbeschränkten  Einfluß  am  Rhein  übte,  durch  den  westfälischen
Frieden  geraten  war,  zeigte  immer  deutlicher,  daß  man  unter  dem  Joch  der
Fremdherrschaft  stand.  Die  wirtschaftliche  Gebundenheit,  der  Deutschland  durch
den  Verlust  seiner  Flußmündungen,  durch  die  fremden  Zölle  an  den  Küsten  der
Nord=  und  Ostsee  überliefert  war,  erstickte  auch  jedes  materielle  Aufleben  nach  den
Aussangungen  des  großen  Krieges  im  Keime.  „Wir  sind“,  so  schreibt  daher  der  Kurfürst
  damals  in  einer  Denkschrift  an  den  „Ehrlichen  Teutschen“,  „mit
dem  letzten  Kriege  schier  Dienstknechte  fremder  Nationen  geworden;  was  sind  Rhein,
Weser,  Elbe,  Oderstrom  anders  als  fremder  Nationen  Gefangene?  Was  ist
unsere  Freiheit  mehr,  als  daß  andere  damit  spielen?"  Von  dem  einst  so  herrlichen
Körper  des  deutschen  Reiches  sei  nichts  mehr  übrig  als  das  Skelett;  wem  noch
deutsches  Blut  im  Herzen  warm  sei,  der  müsse  darüber  weinen.  Vedente  ein  jeder,
der  kein  schwedisches  Brot  essen  will,  was  er  für  die  Ehre  des  deutschen  Namens
zu  thun  habe,  um  sich  gegen  sein  eigenes  Blut  und  sein  einst  vor  allen  Nationen
berühmtes  Vaterland  nicht  zu  versündigen.  Gedenke,  daß  du  ein  Deutscher  bist.“
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Verner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staales.  2.  Ausl.
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        Verlag  von  Emil  Strauß  in  Vonn.

opacum  VIII.  Bd.  Franksurt  a.  M.  1607.

est  1658  bei  der  Wahl  Leopolds  I.  zum  deutschen  Kaiser

 

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1658.
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        Osterreich  und  Brandenburg.  —  Kampf  gegen  Schweden.  157.

Doch  dieser  Mahnruf  hatte  wenig  Erfolg.  Vielmehr  schloß  sich  eine  große
Anzahl  deutscher  Fürsten  eng  an  Frankreich  an,  einigte  sich  (14.  August  1658)
in  dem  sogenannten  rheinischen  Bunde  und  schloß  von  dem  Schutz,  den  man
sich  gegenseitig  zusagte,  die  brandenburgischen  Länder  nicht  nur  ausdrücklich  aus,
sondern  man  verpflichtete  sich  sogar,  den  Schweden  Hilfe  zu  leisten,  wenn  etwa
neben  Polen  auch  Brandenburg  sie  in  den  dem  deutschen  Reiche  entrissenen  Herzogtümern
  Bremen  und  Verden  angreifen  sollte.  Mit  Eifer  hatten  viele  dieser  Fürsten
schon  vorher  die  von  Frankreich  und  Schweden  empfohlene  Wahl  eines  deutschen
Kaisers  aus  einem  anderen  als  dem  habsburgischen  Hause  betrieben,  die  Deutschland
zum  Tummelplatz  der  Rivalität  zwischen  Frankreich-Schweden  und  Osterreich-Spanien
machte.  Drei  Kurfürsten  waren  für  die  österreichische  Wahl,  drei  dagegen.
Osterreich  mußte  also  Brandenburg  gewinnen,  und  Karl  Gustavs  Vordringen
bis  an  seine  Grenzen  hatte  überdem  das  Erzhaus  darüber  belehren  können,  welche
Bedentung  die  Mark  für  seine  gienen  Länder  habe,  daß  ihm  Schweden  so  feindlich
  wie  Frankreich  sei.  Und  da  auch  der  Kurfürst  den  Anschluß  an  Osterreich
suchte  und  die  bitteren  Erfahrungen,  die  er  namentlich  bei  der  letzten  Kaiserwahl
gemacht,  hintansetzte,  um  den  Einfluß  der  fremden  Kronen  im  Reich  nicht  noch
mächtiger  werden  zu  lassen,  so  schloß  er  mit  Osterreich  jezt  ein  Verteidigungs-Bündnis
  und  setzte,  trotzdem  es  mit  der  nach  diesem  Bunde  zu  leistenden
Hilfe  zögerte  und  wegen  der  brandenburgischen  Ansprüche  in  Schlesien  nur
widerwillig  halbe  Zusicherungen  gab,  die  Wahl  Leopolds  zum  Kaiser  durch
(18.  Juli  1658).

In  dieser  Vereinigung  der  katholisch-österreichischen  und  der  evangelisch-brandenburgischen
  Macht  hatte  der  Kurfürst  ein  Mittel  gefunden,  das  nicht  nur  den
schwedischen  Angriffen  gegenüber  Nutzen  stiften  sollte,  sondern  das  zugleich  ebenso
wie  früher  das  Eintreten  des  Kurfürsten  zu  Gunsten  des  Kölner  Erzbischofs  die
unglückselige  kirchliche  Parteigruppierung  der  deutschen  Fürsten  beendigen  und  der
französischen  und  schwedischen  Fremdherrschaft  gegenüber  das  nationale,  das  deutsche
Interesse  betonen  und  zum  Siege  führen  konnte.

Im  August  1658  begann  Karl  Gustav  aufs  neue  den  Krieg,  und  zwar  165°8
wiederum  mit  einem  Angriff  auf  Dänemark.  Im  Bunde  mit  dem  Kaiser  und  in
der  Hoffnung,  daß  nun  auch  Holland  das  Seinige  thun  werde,  hielt  der  Kurfürst,
der  im  eigenen  Lande  auf  einen  Angriff  Schwedens  gerechnet  hatte,  jetzt  den
Augenblick  zum  Handeln  für  gekommen.  Er  erkannte,  daß  die  Entscheidung  weder
in  Polen  noch  in  Preußen  oder  Pommern,  sondern  in  Holstein  zu  suchen  sei.
Denn  hier  fühlte  sich  Karl  Gustav  völlig  sicher,  während  von  hier  aus  zugleich
der  niedersächsische  Kreis  geschüht  werden  konnte.  An  der  Spitze  brandenburgischer
und  polnischer  Truppen  sowie  einer  Reichsarmee  brach  Friedrich  Wilhelm  dorthin
auf,  entriß  den  Schweden  Holstein,  Schleswig,  Jütland,  während  eine  holländische
Flotte  die  schwedische  im  Sunde  besiegte.  Damals  schon  entwarf  ein  Holländer  den
Plan,  den  Kurfürsten  zum  „Admiral-General“  aller  deutschen  Seeschiffe  zu  ernennen.
Das  lag  nun  zwar  noch  weit  ab  von  der  Wirklichkeit,  aber  im  Dezember  noch
nahm  der  Kurfürst  in  der  That  durch  eine  glänzende  Waffenthat  die  Insel  Alsen.

Endlich  hatte  der  Ruf  von  der  Unüberwindlichkeit  der  schwedischen  Waffen
in  Deutschland  einen  Stoß  erlitten,  Karl  Gustav  war  auf  die  Defensive  angewiesen,
  mußte  im  Februar  nach  monatelangen  Bemühungen  die  Belagerung
Kopenhagens  aufgeben  und  im  Mai  die  Ubergabe  von  Friedrichsodde  au  den  Kur-
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        168  Kampf  gegen  Schweden.

fürsten  erleben.  Endlich
war  ein  deutsches  Heer
zum  Angriff  und  zum
Siege  über  die  fremden
Unterdrücker  geführt,  und
selbst  in  Wien,  wo  man
sofort  nach  den  Siegen
die  brandenburgischen  Ansprüche
  zurücksetzte  und  den
Kampf  zu  Nutz  und  Frommen
  der  Spanier  auch
gegen  Frankreich  zu  führen
gedachte,  gestand  man  doch,
daß  ganz  Europa  hierin
wesentlich  das  Verdienst
des  Kurfürsten  erkenne.
Unter  solchen  Umständen
griff  jedoch  die  Politik
Mazarins  ein,  da  Frankreich
  den  Ruin  Schwedens

«  ·  nicht  wünschen  konnte.
Medaille  auf  den  Frieden  zu  Oliva,  3.  Mai  1660.  Freilich  der  Kurfürst  ant-Avert.



 

wortete  auf  die  Zu-Umschrist:

  Peetora  quo  regum  coeunt  quo  vulnera  secli,  mutungen  der  Franzosen
En  selix  oleum  pacis  Olĩva  dedit.  *

In  Gröhe  des  Originals  (Sllber)  im  gyl.  Monztablnent  zu  Bern.  mit  voller  Würde,  „daß

er  sich  in  seinem  Gewissen
  gezwungen  sehe,  die  Länder,  die  er  durch  Gottes  Gnade  besitze,  zu
verteidigen,  und  nicht  einsehe,  mit  welchem  Grunde  er  darüber  von  irgend
jemand  getadelt  werden  könne"“.  Aber  im  Haag  wußte  Mazarin  so  lebhaft  die
Furcht  vor  England  zu  erregen,  daß  Holland  den  beiden  Mächten  nachgab,  die
günstigsten  Bedingungen  für  Schweden  zugestand  und  das  Unternehmen  des  Kurfürsten
  nach  der  Eroberung  von  Fanö,  auch  Fünen  zu  erobern,  in  keiner  Weise
unterstützte.  Ja  in  den  sogenannten  Haager  Konzerten  (Sommer  1659)  gaben
die  Staaten  vielmehr  den  überhaupt  nur  mit  geringem  Ernst  geführten  Kampf  gegen
Schweden  auf,  und  nun  versuchten  Frankreich,  England  und  die  Niederlande
Schweden  und  Dänemark  zum  Frieden  zu  zwingen.  Inzwischen  hatte  auch  Frankreich
gegen  die  Spanier  solche  Erfolge  errungen,  daß  diese  einen  Präliminarfrieden  mit  jenem
schlossen,  der  aus  der  österreichisch-spanischen  eine  französisch-spanische  Vorherrschaft
einzuleiten  schien.  Das  mußte  Österreich  wieder  verhindern,  und  um  die  französischen
Heere  vom  spanischen  auf  das  nördliche  Kriegstheater  abzulenken,  —  wenigstens
erkennt  man  keinen  anderen  Grund,  da  die  Hofburg  gewiß  ebenso  weit  davon
entfernt  war,  für  Brandenburg  das  Land  zu  erobern,  wie  etwa  den  alten  Plan
Wallensteins,  Osterreichs  Herrschaft  bis  zur  Ostsee  auszudehnen,  jetzt  ausführen
zu  wollen  —  sollte  daher  ein  Einfall  in  Pommern  unternommen  werden.  Denn
man  meinte,  daß  Frankreich  eine  so  starke  Schwächung  Schwedens,  wie  die
Eroberung  Pommerns  war,  nicht  zugeben  werde.  Indessen  war  ein  solcher  Einfall
  das  Signal  auch  zu  einem  Kriege  mit  Frankreich.  So  entschieden  der  Kur-
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        Chur-Wrandenburgischer

Andie  Königliche  Najestaäkt  von  Schweden
abgelassener  Gesandschafft

Ferrichtuno“

Woraus  zuersehen“

Wie  wunderlich  mandieselbe  getraktiret  und  abgewtesen
  weil  Ste  vom  FRIELDE  sprechen)  Und  Seine
Churfürstl.  Durchl.  mit  Schweden  gegen  Polen  /  und
dero  geallilrte  sich  urdie  vorige  Kriegeshandel.
nicht  wieder  einlassen  wollen.

Zu  Hamburg  im  Jabr  os..

 

Titelblatt  und  erste  Seite  der  Denkschrift  des  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm
an  den  „Ehrlichen  Teutschen“.

Verner,  Gesch.  d.  Prcuß.  Staates
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        Ehrlicher  Teutscher!

Ein  edles  Vaterland  war  leider  bey  den  letzten  Kriegen

  /  unter  dem  Vorwandt  der  Religion  und  Freyheit  gar  zu

jaͤmmerlich  zugerichtet  /  und  an  Warck  und  Bein  deromassen
außgesogen  /  daß  von  einem  so  berrlichen  corpore  schier  nichts  uͤbrig
verblieben  /  als  das  blosse  Sceleton:  Weme  noch  einig  teutsch  Blut
umb  sein  Hertze  warm  ift  /  muß  daruͤber  weinen  und  scufzen!  Weme
sein  Vaterland  lieb  ist  /  muß  die  ungluͤckliche  Zeiten  bekllagen:  Wir  haben
  unser  Gut  /  wir  haben  unser  Blut  /  wir  haben  unser  Ehre  /  und  Natnen
  dahin  gegeben  /  und  nichts  damit  außgerichtet  /  als  daß  wir  uns
schier  Wn  fremde  Narionesberöhmek/  une  deh  uhraltenhoden
  Namens  fast  verluntigtund  deenige'so  wir  vorhin  kaum
keimeten)  damil  herrlich  gemachet.  Was  sind  Rhein  /  Weser  /
Elbe  und  Oderftrom  nunmehr  anders  als  frenider  Nation  Gefangene?
  Was  ist  deine  Freyheit  und  Religionmehr  /  als  daß  andere  damit
spielen?  Summu  /  alles  verlohr  sich  mit  dem  trefflichen  Ponimern  /
mit  andern  so  statlichen  Laͤndern!

Nun  der  Allerhoͤchste  erbarmete  sich  unsers  Jummers  einiger
masse  /  und  gab  zu  Münster  endlich  seinem  Volcke  einen  Friede)  einen
Friede  /  da  ihm  alles  /  was  lebendigen  Athein  hatte  /  fuͤr  danckete  /  und
muͤssen  wir  bekennen  /  alles  fieng  an  wieder  zu  bluͤhen  /  alles  nahm  zu  /
Mannschafft  und  Viehe:  Und  haͤtte  wol  ein  iederman  gehoffet  /  er
wuͤrde  nunmehr  eine  gute  Zeit  unter  seinem  Feigenbaum  /  und  Weinftock
  ruhiglich  leben  /  Und  die  alte  /  welche  ihre  ungluͤckliche  Jahre  in  so
schweren  Zeiten  zugebracht  /  ihre  graue  Haare  init  Frieden  in  ihre
Sterbgrube  haben  bringen  moͤgen.  Wie  nun  aber  eine  Frau  das
SchwedischeScepter  quitirete  /  so  schien  /  daß  der  Allerhoͤchsie  uns  den
Frieden  wieder  wolte  nehmen  /  da  er  ihn  uns  mitgegeben  /  inmassen
dann  kurtz  hernach  davon  die  Vorbothen  sich  im  Bremischen  sehen
lassen  /  und  endlichen  das  Feuer  mit  voller  Flamme  in  Polen  außgeschlagen.
  Polen  diehochberöhmte  Vormauer  der  Christenheit/  war
bon  den  Frembden  dermassen  allerends  angegrieffen  daß#es  zunn  an

ihme
(ihme  selbst  noch  stunde  /  und  muße  es  dabef  nicht  bleiden  da  es  ber  aller  welt  umb  HDlsfse  schrir  und
rieff  da  eslete  der  itzige  KMönig  von  Schweden  mit  aller  Macht  und  grieff  es  von  der  Evangelischen

Seite  und  im  Bäcken  on?  demassen“  daß  es  Anfangs  alsobald  in  lime  zersicle  #und  männiglich  schier  in
die  Gedancken  kam  /  daß  es  allen  Völckern  zum  Naube  bleiben  würde:  &amp;amp;c.  Kc.
        <pb n="245" />
        Friede  von  Oliva.  159

fürst  daher  diesen  Einfall,
der  überdies  die  Stellung
der  Alliierten  in  Jütland
erheblich  schwächte,  mißbilligte,
  so  wenig  durfte
er  sich  doch  der  Teilnahme
  an  ihm  entziehen.
Sein  eigenes  Interesse,
sowie  die  allgemeine,  vom
französischen  Ubergewicht
bedrohte  Lage  Europas
geboten  sie  vielmehr.  Indessen
  nur  zu  bald  sollten
sich  seine  Besorgnisse  als
gerechtfertigt  zeigen.  Sobald
  Spanien  mit  Frankreich
  den  pyrensischen
Frieden  geschlossen  hatte
(8.  November  1659),  und
sogar  die  intimste  Vereinigung
  dieser  beiden
Länder  durch  einen  Ehe-  Medaille  auf  den  Bhe-  4  Oliva,  3.  Mai  1660.
vertrag  gesichert  war,  hatte

ja  der  einzige  Grund  für  Umlchrist;  z  Ad  ·
das  überraschend  energische  An  Orialnais  Gute)  t-  www-owns-  sank-Vorgehen
  des  Kaisers  seine

Erledigung  gefunden.  Da  der  Angriff  auf  Pommern  den  Spaniern  keine  Erleichterung
  gebracht,  Spanien  sich  vor  Frankreich  hatte  beugen  müssen,  so
erlahmte  die  österreichische  Energie,  und  man  hob  sogar  ohne  Rücksicht  auf  die
Nachteile,  die  Schweden  bei  Nyborg,  in  Pommern,  in  Polen  wie  in  Fünen
erlitt,  die  schon  im  August  begonnene  Belagerung  Stettins  auf.  Damit  hatte
Frankreich  auch  im  Norden  freie  Hand,  und  um  keinen  Preis  wollte  es  irgend
welche  Einbuße  Schwedens,  das  abgesehen  von  den  Folgen  des  Krieges  nach  dem
plötzlichen  Ableben  Karl  Gustavs  (23.  Februar)  auch  an  den  Folgen  einer  vormundschaftlichen
  Regierung  krankte,  zugeben.  Wie  sehr  sich  der  Kurfürst  auch
bemühte,  wenigstens  Stettin,  das  ihm  diesmal  auch  der  Kaiser  zusicherte,  zu  erhalten,
  so  mußte  er  doch  wieder  die  deutschen  Länder  an  Schweden  Mechussen.
Um  so  unbedeutender  Differenzen  willen  werde  der  Kurfürst,  so  meinte  der  Kaiser,
den  Generalfrieden,  für  den  niemand  mehr  als  er  gearbeitet  habe,  doch
nicht  scheitern  lassen.  Im  Kloster  Oliva  wurde  er  am  3.  Mai  1660  vollzogen.
  Friedrich  Wilhelm  mußte  Schweden  im  Besitz  all  seiner  deutschen  Gebiete,
  im  Besitze  auch  der  Odermündungen  lassen,  und  selbst  das  ihm  vertragsmäßig
  zugesicherte  Elbing  lieferten  die  Schweden  nicht  aus.  Der  Kurfürst  war
völlig  verlassen,  weder  eine  auswärtige  Macht,  noch  etwa  gar  ein  deutscher  Fürst
gewährte  ihm  die  Unterstützung,  deren  er  bedurfte,  um  eine  der  Fremdherrschaften,
welche  der  Friede  von  Osnabrück  in  Deutschland  niedergesetzt  hatte,  die  schwedische,
völlig  zu  unterdrücken.
        <pb n="246" />
        160  Friede  von  Oliva.

Aber  die  Schweden  waren  doch  auf  das  empfindlichste  getroffen,  ja  ihre
Macht  wäre  zerstört  worden,  wenn  nicht  die  andere  fremde  Macht,  wenn  nicht
Frankreich  sie  gerettet,  und  der  Kaiser  durch  das  vorzeitige  Aufgeben  des  Kampfes
dies  ermöglicht  hätte.  Allem  Neide  zum  Trotz,  der  sich  gegen  den  jungen
aufstrebenden  Staat  bildete,  war  die  Selbständigkeit  Brandenburgs  erstritten,
und  das  Ansehen  des  Kurfürsten,  der  in  der  energischen  Wahrung  seines
Interesses  zugleich  das  gute  Recht  Deutschlands  auf  sein  Gebiet  vertreten,  allgemein
  zur  Geltung  gekommen.  Pommern  war  zwar  wieder  den  Fremden  überlassen,
  aber  wenn  das  Reich  seit  einem  Jahrhundert  an  seinen  Grenzen  nur  Verluste
  gehabt  hatte,  so  war  in  dem  Herzogtum  Preußen  doch  endlich  ein  großes
deutsches  Land  zurückerobert.  Obwohl  Kaiser  und  Reich  es  ablehnten,  die  vom
Kurfürsten  beantragte  Einverleibung  in  das  deutsche  Reich  zu  vollziehen,  so  war
doch  das  „neue  Deutschland“  den  Slaven  entrissen,  und  Schweden  wie  Polen
hatten  die  dem  Kurfürsten  in  den  letzten  Jahren  gemachten  Zusagen,  vornehmlich
die  Souveränetät  über  Preußen,  aufs  neue  anerkennen  müssen.  Mit  einem  Dritteil
seines  Gebietes  außerhalb  der  zerfahrenen  deutschen  Verhältnisse  als  souveräner
Fürst  stehend,  arbeitete  der  Kurfürst  daran,  dies  Herzogtum  mit  seinen  alten
Ländern  zu  einer  Einheit,  zu  einem  deutschen  Staat  umzubilden,  und  hierfür
waren  natürlich  die  inneren  Verhältnisse  von  größter  Wichtigkeit.

 

Das  Stadtschloß  zu  Potsdam.
duch  Wilbelm  1660—2.  Vlgnette  aus  9.  Begers#
d-..[.[(mG—“
        <pb n="247" />
        161

VDom  Frieden  von  Oliva  bis  zum  Trieden  von  S.  Germain.  1660  1678.

il  jene  furchtbaren  Schrecken,  die  der  Krieg  mit  sich  geführt,
  hatten  die  Unzulänglichkeit  der  ständischen  Verfassungen
  in  den  einzelnen  Territorien  klar  gelegt.  Welche
Reformen  der  Kurfürst  auch  bisher  unternommen  hatte,
es  hatten  nur  Anfänge,  zum  Teil  nur  tastende  Versuche
  sein  können.  Allerdings  handelte  es  sich  in  den
Verhandlungen  mit  den  Ständen  seit  dem  Reichstagsschluß
  von  1654  nicht  mehr  um  die  Frage,  ob  die
Stände  die  Mittel  zur  Verteidigung  des  Landes  bewilligen
wollten,  sondern  nur  um  die  Höhe  der  zu  bewilligenden
Summe.  Aber  natürlich  lag  hierin  genau  dieselbe
Schwierigkeit,  und  der  Kurfürst  war  genötigt,  auch  ohne  Bewilligung  der  Stände  die
notwendigen  Stenern  zu  erheben.  Mit  Evidenz  ergab  sich,  daß,  wenn  hier  den  haltlosen
  Zuständen  des  Reichs  gegenüber  ein  Staat  sich  bilden  sollte,  der  eine  bewußte
ehrenhafte  Politik  treiben  und  die  Seinigen  schühen  wollte,  aus  der  Landeshoheit,
die  der  westfälische  Frieden  für  die  Reichslande,  der  von  Oliva  für  Preußen  dem
Kurfürsten  zugesichert  hatte,  eine  Wahrheit  werden  mußte,  d.  h.  der  Landesherr  mußte
der  seiner  auswärtigen  Politik  völkerrechtlich  gewährten  Souveränetät  in  der  inneren
Souveränetät  erst  die  Basis  geben.  Er  mußte  Herr  der  Finanzen,  der  Steuern
werden  und,  um  solche  erzielen  zu  können,  für  das  Wohl  der  Unterthanen  nach  allen
zur  Zeit  möglichen  Richtungen  sorgen.  Aus  den  Verhältnissen  wie  aus  der  ihm  als
Landesvaker  obliegenden  Pflicht  ergab  sich  dem  Kurfürsten  diese  Aufgabe.  Ihre
Erfüllung  war  um  so  notwendiger,  als  die  Stände  nicht  nur  dem  Landesherrn  die
Mittel  zur  Regierung  versagten,  sondern  die  Unterthanen  aufs  schwerste  bedrückten.
Die  Banuern,  soweit  der  Krieg  sie  nicht  von  Haus  und  Hof  vertrieben  batte,  seufzten
in  schlimmster  Hörigkeit,  während  der  Gutsherr,  selbst  da,  wo  er  wie  in  Preußen
nicht  steuerfrei  war,  sich  auch  der  bewilligten  Steuern  oft  genug  zu  entziehen
wußte.  In  den  Städten  aber  hatte  sich  eine  Gevatterwirtschaft,  eine  Korruption
der  Finanzen,  eine  Unlauterkeit  der  Gesinnung  und  ein  verstockter  Egoismus
traurigster  Art  ausgebildet.  Mit  wuchtiger  Schwere  lastete  die  Hand  der  regierenden
Magistratsräte,  die  ebenfalls  oft  genug  sich  der  eigenen  Steuerzahlung  zu  überheben
  verstanden,  auf  dem  Bürger.  Wenn  in  den  Rheinlanden  der  reichste  Bürger
5  bis  6  Thaler  steuerte,  Prälaten  und  Ritterschaft  weder  Steuern  noch  Zölle
gaben,  so  mußte  der  ärmste  Mann  auf  dem  platten  Lande  15  Thaler  und  mehr,
der  Bauer  70—80  Thaler,  soviel  wie  eine  ganze  Stadt  zahlen.  Und  aus
Preußen  schreibt  der  Statthalter  Fürst  Radziwill,  daß  Königsberg  keinen  Heller
zahle,  und  die  Reichsten  des  Landes  sich  auf  tausend  Wegen  eximierten.  Nach
oben  wie  nach  unten  meinten  die  Stände  nur  Rechte  zu  haben  und  wußten  nichts
von  Pflichten;  mit  der  Erweiterung  ihrer  Rechte  hatten  sie  den  Kreis  ihrer
Berner,  Gesch,  des  Pr.  Stoate#.

 

Aus  einem  Berliner  Druck  von
U.  Liebpert.
        <pb n="248" />
        162  Das  landesherrliche  Regiment  und  die  Stände.  —  Stieuern.

Leistungen  nur  enger  und  enger  *  und  das  eigene  Interess  galt  weit  höher
als  das  Wohl  des  Landes,  für  das  man  kaum  ein  Verständnis

Dies  ruhte  allein  beim  Landesherrn,  er  allein  sah  über  *  lokalen  und
persönlichen  Gesichtspunkte  hinweg  auf  das  Gemeinwohl  des  Ganzen,  und  indem
fise  dieses  als  Richtschnur  nahm,  begründete  er  seinen  Staat.  Der  tiefe  Blick,
den  er  für  die  Verhältnisse  des  Ganzen  hatte,  deckte  ihm  die  Größe  des  Ubels
in  seiner  vollen  Schrecklichkeit  auf,  er  zeigte  ihm  aber  auch  die  Mittel,  es  zu
besiegen.  Denn  nicht  entfernt  handelte  es  sich  für  ihn  darum,  den  Ständen  nur
Rechte  zu  nehmen,  sondern  die  von  jenen  versäumten  Pflichten  seinerseits  auszuüben,
  das  war  die  Triebfeder  seines  Strebens.  Pro  Deo  et  populo,  so  bezeichnet
  er  selbst  nach  der  Schlacht  von  Warschau  den  Grundgedanken  seiner
Staatsauffassung.  Immer  war  es  seine  Absicht,  an  das  geschichtlich  Gewordene
anzuknüpfen  und  mit  gelinder  Hand,  mit  Schonung  der  thatsächlichen  Verhältnisse
die  faulen  Zweige  zu  beschneiden.  Und  indem  er  und  seine  Regierung  das
leisteten,  was  die  in  ihren  vermeintlichen  Rechten  Verkürzten  zu  leisten  längst
verlernt  hatten,  indem  er  der  Mittelpunkt  für  alle  Juteressen,  indem  sein  Staat
die  Wurzel  wurde,  die  Saft  genug  hatte,  alle  Zweige  des  Baumes  zu  speisen,
gewann  er  Rechtfertigung  wie  Versöhnung  auch  bei  den  Widerstrebenden.  Charakteristisch
  für  das  Verhalten  des  Kurfürsten  ist  es  daher,  daß  man  in  Preußen
zur  Zeit  des  erbittertsten  Kampfes  gegen  ihn  doch  die  Uberzeugung  hatte,  „in
S.  Ch.  D.  allezeit  einen  guten  und  gnädigen  Herrn  zu  haben“,  und  daß  er
andererseits  es  ausspricht,  „wie  in  den  Fällen  der  extremae  necessitatis,  wo  es
sich  um  die  Selbsterhaltung  des  Staates  handle,  die  Privilegien  Einzelner,  also
auch  die  des  Adels  und  der  Städte,  keine  Geltung  haben  könnten“.

Vor  allem  mußte  die  Steuerkraft  in  der  Hand  des  Landesherrn  liegen.  Die  Steuer
mußte,  wie  schon  oben  erwähnt,  eine  regelmäßig  eingehende,  eine  stehende  werden,
ihre  Last  mußte  gerecht  und  den  Umständen  des  Einzelnen  gemäß  verteilt  werden,
und  der  Landesherr  mußte  über  ihre  Erhebung  verfügen.  Das  war  erforderlich,  nicht
nur  um  das  Heer  erhalten  zu  können,  sondern  um  dem  Unterthan  durch  dieses  die
Existenz,  die  Möglichkeit  seines  Gewerbes  geben  zu  können.  Man  mußte  nicht  nur
von  den  Ständen  pflichtmäßig  Steuern  fordern,  um  das  Land  zu  verteidigen,  sondern
man  mußte  an  Stelle  der  bisherigen  Verteilung,  die  den  armen  Mann  unverhältnismäßig
  benachteiligte,  eine  Form  finden,  welche  ihr  Gewicht  gleichmäßig
verteilte  und  endlich  eine  Besserung  der  Zustände,  ein  „Aufnehmen  von  Land
und  Stadt“  ermöglichte.

aher  ging  der  Kurfürst  auf  den  schon  erwähnten  Vorschlag  zurück,  an
Stelle  n  alten  Pfundschosses,  einer  seit  Jahrzehnten  bestehenden  Haus=  und
Vermögenssteuer,  die  Akzise  einzuführen,  die  geringe  Abgaben  auf  möglichst  viele
Verbrauchsartikel  legte,  die  Last  relativ  gerechter  verteilte  und  die  gehässigen
Steuerexekutionen  beseitigte.  Schwere  Mühe  verursachte  es  jedoch,  die  eingewurzelten
  Vorurteile,  wonach  jede  Steuerzahlung  eigentlich  des  freien  Mannes
unwürdig  war,  und  jede  Bewilligung  nur  wie  eine  dem  Landesherrn  auf  eine
gewisse  Zeit  gewährte  Gunst  und  Gnade  angesehen  wurde,  zu  überwinden.
Namentlich  der  Adel  trat  diesem  neuen  System,  das  ihn  seiner  Vorrechte  beraube,
mit  Entschiedenheit  entgegen,  so  daß  der  Kurfürst  von  einer  Anderung  der  Kontributionszahlung
  auf  dem  platten  Lande  überhaupt  absah,  ja  er  beschied  sich,  auch
den  Städten  die  freie  Wahl  zu  lassen.  So  ward  die  Akzise  zunächst  nur  in  einigen
        <pb n="249" />
        Stände  in  Cleve  und  Preußen.  163

märkischen  Städten  eingeführt  (1667),  aber  so  glänzend  bewährte  sie  sich  zugleich
als  ein  Heilmittel  für  die  unteren  Klassen,  daß,  wo  die  Magistrate  sich  sperrten,
die  Bürgerschaft  die  Annahme  erzwang.  „Eine  Eingebung  Gottes“  nannte  man
die  Reform,  man  schwärmte  für  die  Akzise  als  für  ein  Universal-Heilmittel,  und
von  allen  Seiten  wurde  der  Kurfürst  angefleht,  sie  einzuführen.  Von  wesentlicher
Bedeutung  aber  für  die  städtische  Verwaltung  wie  für  die  Ausbildung  des  Staates
selbst  wurde  später  die  Einsetzung  eines  landesherrlichen  Steuerkommissars  (1667),
der  die  Einziehung  und  Abführung  der  Akzise  überwachte  und  im  Laufe  der  Zeit
auf  die  Stadtverwaltung  überhaupt  und  ebenso  auch  auf  das  in  argen  Verfall
gerathene  Zunftwesen  Einfluß  gewann

Gerade  die  Einmischung  in  ihre  Finanzen  sowie  die  Aufdeckung  der  Unterschleife
  und  Begünstigungen  fürchteten  die  gewinnsüchtigen  Ratsfamilien  in  den
Städten,  zumeist  natürlich  in  den  rheinischen  Landen  und  in  Preußen,  wo  ja  die
Stände  überhaupt  die  umfassendsten  Privilegien  hatten.  Hier  aber  war  umsomehr
  ein,  wenn  auch  entschiedenes,  so  doch  gütiges  und  gelindes,  vorsichtiges
Verfahren  geboten,  als  in  beiden  Ländern  die  Stände  in  auswärtigen  feindlichen
Mächten,  den  Niederlanden  und  Polen  Hilfe  finden  konnten,  die  dem  aufstrebenden
  Brandenburg  gegenüber  nur  zu  gern  gewährt  wurde.  Doch  so  bedrohlich
  noch  in  den  fünfziger  Jahren  die  Stände  in  Cleve  aufgetreten  waren,  jetzt
gelang  es  noch  in  dem  Jahre  des  Friedensschlusses  dem  kurfürstlichen  Statthalter
Prinzen  Moritz  von  Nassau-Siegen  die  Stände  zum  Verzicht  auf  die  in  den
unruhigen  Zeiten  ertrotzten  landesherrlichen  Rechte  zu  bewegen.  Sie  verzichteten
auf  das  Recht,  zur  Werbung  und  Einführung  von  Truppen  ihre  Zustimmung  zu
geben,  verzichteten  auf  die  Notwendigkeit,  die  Beamten  auf  die  Landtags-Abschiede
zu  vereidigen,  und  der  Kurfürst  konnte  nun  persönlich  (Frühjahr  1661)  die  für
das  Gedeihen  dringendsten  Reformen  vornehmen.

Weit  schwieriger  ließen  sich  die  Verhältnisse  in  Preußen  an,  und  doch  war
gerade  hier  durch  den  Krieg,  durch  Seuchen  und  Hungersnot  das  Elend  entsetzlich.
Einer  Einöde  glich  das  Land  oder  „wo  man  noch  Menschen  erblickte,  sah
man  nur  noch  Gegenstände  des  Mitleids,  und  Elend  und  Jammer  war  allgemein“.
Jahre  hindurch  haben  hier  namentlich  der  Fürst  von  Radziwill  und  Otto  von
Schwerin  mit  den  Ständen  um  die  wichtigsten  Regierungsrechte,  die  nötigsten
Geldmittel  gekämpft.  Hier  vornehmlich  war  das  Volk  unter  der  ständischen
Regierung  gedrückt  und  niedergebeugt,  und  wenn  der  Kurfürst  es  unternahm,  seine
Souveränetät  zu  wirklicher  Geltung  zu  bringen,  so  war  es  das  Beste  des  Volks,
das  er  gegen  die  Willkürherrschaft  der  Stände  zur  Geltung  brachte.  Eben  deshalb
  verweigerten  die  Stände  die  Anerkennung  der  Souveränetät,  behaupteten,
sie  sei  ohne  ihre  Zustimmung  null  und  nichtig,  da  die  Krone  Polen  nicht  mehr,
als  sie  selbst  besaß,  dem  Kurfürsten  habe  abtreten  können.  Aber  die  Souveränetät
war  es  auch  nur,  die  Polen  abgetreten,  und  die  der  Kurfürst  in  Anspruch  nahm,
während  er  alle  Privilegien  und  Rechte  der  Stände,  soweit  sie  dieser  nicht  entgegenstanden,
  voll  anerkannte.  Und  durch  die  Unterwerfung  unter  die  schwedische
Oberlehensherrlichkeit,  welcher  die  Oberräte,  Landräte  und  Deputierte  des  Adels
und  der  Städte  zugestimmt,  welcher  der  Landtag  nicht  widersprochen  hatte,  hatte
jene  Behauptung  die  Beweiskraft  verloren.  Oder  wie  konnten  die  Stände  über
ein  Recht,  das  nicht  ihnen,  sondern  der  Krone  Polen  zugestanden,  und  das  diese
aufgegeben,  ihrerseits  versügen  wollen?  Und  wenn  es  Rechte  waren,  die  sie  ver-11*8
        <pb n="250" />
        164  Stände  in  Preußen.

 

dulbinn  im  Satrlhe  zu  Königsberg  i.  Pr.  am  18.  Oltober  1663.
Stich  von  J.  G.  Vartsch  nach  einer  Zeichnung  von  Christof  Gercke.

teidigten,  so  waren  diese  doch  von  ihnen  dem  Landesherrn  in  Zeiten  der  Not
und  Schwäche  abgetrotzt  und  abgekämpft  worden  —  was  Wunder,  daß  die  erstarkte
  landesherrliche  Gewalt  sie  wieder  nehmen  wollte!  Und  mit  fortwährenden
Klagen  über  die  während  des  Krieges  unbewilligt  erhobenen  Steuern,  über  das
märkische  Joch,  in  dem  „die  wahren  Nachbarn  der  Polen“  angeblich  eine  Fremdherrschaft
  zu  erdulden  hätten,  über  die  Gefahren,  die  dem  Luthertum  wie  dem
Papismus  von  dem  reformierten  Fürsten  drohten,  suchte  man  auch  in  den  unteren
Schichten  Königsbergs  Stimmung  gegen  den  Kurfürsten  zu  machen.  Der  Haupträdelsführer
  war  dabei  der  Königsberger  Schöppenmeister  Hironymus  Rohde  und
sein  Bruder,  ein  Jesuit.  Auch  hier  scheuten  die  Oberräte  wie  die  Magistrate  in
den  großen  Städten  vor  allen  Dingen  die  Rechenschaftsablegung  über  ihre  Verwaltung.
  Aber  nicht  lange,  und  die  Gemeinde  wenigstens  war,  wie  der  Kurfürst
schrieb,  sehr  gut,  mit  ihrer  Hilfe  hoffe  er  durchzudringen.  Auch  hier  erkannte
der  gemeine  Mann,  daß  sein  Schutz  in  der  pflichtmäßigen  Regierung  des  Landesherrn
  ruhte.  Die  eigentliche  Gefahr  lag  jedoch  in  den  Beziehungen  der  Opponenten
  zur  Krone  Schweden  und  namentlich  zu  der  Polens,  mit  der  man  sich
        <pb n="251" />
        Stände  in  Preußen.  —  Kolonien.  165

nicht  scheute,  hochverräterische  Verbindungen  anzuknüpfen.  Wie  wären  sie  getroffen
  worden,  wenn  der  Plan,  der  damals  gefaßt  wurde,  sich  hätte  verwirklichen
lassen,  wenn  der  Gedanke,  dem  Kurfürsten  die  Krone  der  Jagellonen  aufs  Haupt
zu  setzen,  nicht  an  dessen  Forderung,  seinen  evangelischen  Glauben  beizubehalten,
gescheitert  wäre!  Als  unter  dem  Schutz  der  polnischen  Königin  die  Wahl  des
Herzogs  von  Enghien  zum  Thronfolger  in  Polen  betrieben  wurde,  da  durfte  die
Opposition  sogar  auf  französische  Unterstützung  und  auf  ein  schwedisches  Heer
rechnen.  Und  im  Reich  drohten  auch  wieder  Verwickelungen,  die  den  Kurfürsten
in  Anspruch  nahmen.  So  mußte  er  dem  hartnäckigen  Widerstand  nachgeben  und
im  März  1663  den  Ständen  alle  Privilegien,  vornehmlich  das  Steuerbewilligungszecht,
  bestätigen.  Nur  die  Verteidigung  des  Landes  behielt  er  sich  selbst,  aber
mit  dem  Beirat  der  Stände  vor,  mit  dem  Recht  der  Oberaufsicht  über  das
Kammerwesen  beugte  er  der  weiteren  Verschleuderung  des  landesherrlichen  Domaniums
vor,  und  mit  dem  Zugeständnis  der  Stände,  auch  Reformierte  in  der  Verwaltung
und  im  Gerichtswesen  zuzulassen,  war  auch  die  Einschränkung  des  landesherrlichen
Ernennungsrechts  der  Beamten  durchbrochen.  Wie  viel  auch  hatte  nachgegeben
werden  müssen,  im  Ganzen  hatte  der  Kurfürst  damit  doch  mehr  erreicht,  als  er
selbst  gehofft  hatte.  Darauf,  erst  im  Oktober,  leisteten  die  Stände  die  Huldigung
dem  Kurfürsten  als  souveränem  Herzog.

och  noch  viele  Jahre  grollte  dem  Kurfürsten  eine  Partei  in  Preußen,
weigerte  hartnäckig  die  notwendigsten  Zahlungen  und  hoffte  noch  immer  wieder
polnisch  zu  werden.  Besonderes  Aufsehen  hat  namentlich  das  wilde  und  ungestüme
  Hetzen  des  gegen  den  Kurfürsten  aufs  heftigste  erbitterten  Obersten  von
Kalckstein  hervorgerufen.  Schließlich  wurde  er  in  Warschau  ergriffen,  vor  Gericht
  gestellt  und  wegen  Hochverrats  hingerichtet.  Hierbei  sind  freilich  die  vorgeschriebenen
  Prozeßformen  verletzt  worden,  und  bis  heute  haben  sich  Stimmen
des  Tadels  deshalb  gegen  den  Kurfürsten  erhoben.  Aber  ihm  war  es  kein  Gewaltakt,
  keine  Kabinettsjustiz,  er  selbst  war  vielmehr  von  seinem  guten  Recht  nicht
nur  überzeugt,  sondern  ihm  war  es  eine  Pflicht  so  zu  handeln,  ein  Akt  der  Notwehr
  gegen  die  Umtriebe,  mit  welchen  man  Preußen  wieder  unter  polnische  Herrschaft
  bringen  wollte,  Umtriebe,  die  in  der  strengen  Bestrafung  Kalcksteins  eine
eindringliche  Warnung  erhielten.

Wenn  aber  die  Stände  nur  für  ihr  eigenes  Wohl  und  Wehe  offene  Augen
gehabt  und  dem  Verfall  des  Ganzen  mit  verschränkten  Armen  zugeschaut  hatten,
so  war  dem  Kurfürsten  die  Erfüllung  der  Pflicht  für  das  Gemeinwohl  der  Adel
seiner  Thätigkeit,  die  Grundlage  und  die  Rechtfertigung  seines  Staates.  Vorzüg-=lich
  alles,  was  auf  die  Hebung  des  Ackerbaues,  auf  die  Belebung  von  Handel
und  Verkehr  irgendwie  günstig  einwirken  konnte,  fand  bei  ihm  eindringendes  Verständnis
  und  lebendigste  Fürsorge.  In  die  Besiedlung  des  platten  Landes  mit
fremden  Zuzüglern,  in  die  Berufung  fremder  Handwerker  und  Gewerbetreibender
in  die  entvölkerten  Städte  kam  trotz  manchen  Widerstandes  der  engherzigen  Bürger
immer  mehr  System.  Noch  fehlte  es  der  Bürgerschaft  sowohl  an  der  nötigen
Unternehmungslust  wie  an  den  für  einen  größeren  kaufmännischen  Betrieb  erforderlichen
  Kapitalien.  Fehlte  es  doch  noch  1647  in  Berlin  an  einem  Zimmermeister,
  Baumeister  und  Steinmetzen,  also  daß  der  Kurfürst  sich  solche  von  auswärts
  verschreiben  mußte.  Durch  Monopole  und  andere  Privilegien  zog  er  nun
fremde  Kapitalisten  ins  Land  und  betrieb  mit  fiskalischen  Mitteln  Groshandel,  so“

1#

3
        <pb n="252" />
        166  Handel.  —  Verlehr.

 

Inneres  einer  Buchdruckerei  um  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts.
Lolzschnitt  von  Abraham  von  Weerdt  (thätig  um  1636—1680)  auf  eiwa  die  Hälste  verkleinert.

namentlich  den  Handel  mit  Lüneburger  Salz.  Bald  gab  es  aber  auch  ein
eigenes  Kommerz=  und  Industrie-Departement,  das  unter  Raban  von  Canstein
die  ersprießlichste  Thätigkeit  übte.  Es  galt  den  einheimischen  Handel  erst  widerlanskähn
  hegen  die  Übermacht  des  höher  entwickelten  auswärtigen  zu  machen
und  zur  Verarbeitung  der  Rohprodukte  des  Landes  anzuregen.  Daher  wurden
die  Zölle  auf  ausländische  Gewerbe  erhöht,  die  Ausfuhr  der  inländischen  Rohprodukte
  erschwert,  namentlich  die  Wolle  auszuführen  ganz  verboten,  und  so  dem
Handel,  „als  worin  die  beste  Aufnahme  eines  Landes  bestehet",  ein  ungemeiner
Aufschwung  gegeben.

Schon  erregte  die  Schnelligkeit  und  Sicherheit  der  neu  gegründeten  Posten
das  Erstaunen  der  Fremden,  und  seit  deren  Leitung  dem  Amtskammerrat  Michael
Mathias  (1654)  e  war,  brachten  sie,  anstatt  wie  früher  20  000  Reichsthaler
  zu  kosten,  denselben  Gewinn.  Der  Friedrich-Wilhelms-Kanal  bot,  die  Elbe
mit  der  Oder  verbindend  und  dem  bedeutenden  hamburgisch-breslauischen  Handel
die  Wege  durch  die  Mark  weisend,  einigen  Ersatz  für  den  Verlust  der  Odermündungen,
  und  recht  ein  Fest  nach  dem  Herzen  Friedrich  Wilhelms  war  es,  als
auf  dem  „Graben“"  die  ersten  Schiffe  in  Berlin  eintrafen.  Handelsverträge  wurden
mit  fremden  Staaten,  besonders  mit  England  abgeschlossen  oder  angebahnt  und
die  heimische  Schiffahrt  in  jeder  Weise  ermuntert.  Straßen  wurden  angelegt
oder  verbessert,  fiskalische  Zölle  im  Lande  aufgehoben.  In  kurzer  Zeit  hob  sich
namentlich  Berlin,  begünstigt  durch  die  Einführung  der  Akzise  statt  der  Kontribution,
  wie  durch  sachgemäße  Feuer=  und  Baupolizei-Ordnungen  auserordentlich
        <pb n="253" />
        Wissenschaft.  —  Künste.  —  Religiöse  Duldung.  —  Justiz-  167

—  allein  im  Jahre  1667  wurden  gegen  hundert  und  fünfzig  Häuser  gebaut  —
vermehrte  sich  die  Kauffahrtei  Königsbergs  in  hohem  Maße.  Und  ungeachtet  aller
Kriegsnot  war  für  die  Bildung  und  Erziehung,  namentlich  die  Gymnasien,  viel
geschehen,  hatte  der  Kurfürst  Mittel  gefunden,  die  Universitäten  Frankfurt  und
Königsberg  neu  zu  beleben,  ja  mitten  in  den  Kriegswirren  hatte  er  die  Muße,
in  Duisburg  eine  Universität  zu  gründen,  die  Wissenschaft  und  Leben  in  die
rechte  Wechselwirkung  setzen,  die  gegenseitige  Befruchtung  beider  ermöglichen  sollte.
Schon  hatte  der  Kurfürst  die  Bibliothek  gegründet,  die  erste  Buchhandlung  in
Berlin  privilegiert  (1659),  und  schon  zog  sein  Hof  in  höherem  Maße  Gelehrte
und  Künstler  an  sich.  Aus  Holland,  wo  die  bildenden  Künste  auf  Friedrich
Wilhelm  in  seiner  Jugend  einen  tiefen  Eindruck  gemacht  hatten,  kamen
Bildhauer,  Architekten  und  Maler,  wie  die  Brüder  Gerard  und  Willelm  van
Honthorst  nach  Berlin  und  wurden  vom  Krnrfürsten  mannigfaltig  beschäftigt.
Konnte  er  doch  jebt  daran  denken,  wenigstens  kleinere  Schlösser,  wie  das  in
Potsdam  und  das  in  dem  benachbarten  Bornim  zu  erbauen!  Durchdrungen
aber  auf  das  innigste  von  der  Uberzeugung,  daß  die  Gewissen  seiner  Unterthanen
nicht  ihm  gehören,  sondern  Gottes  seien,  daß  kein  Potentat  in  der  Welt  die  Gewissen
  zwingen  könne,  führte  er  die  schon  von  seinem  Großvater  proklamierte
Duldung  aller  Bek  enntnisse  mit  vollstem  Ernst  durch,  und  in  ihrer  völligen
Gleichstellung  that  er  einen  Schritt,  der  weit  weg  von  der  als  staatsrechtliche
Theorie  wie  in  der  Praxis  noch  immer  geltenden  Regel  —  cujus  regio  ejus
religio  —  zur  Bilduig  des  Staates  unendlich  viel  beitrug.  Mit  überzeugter
Glaubenstreue  und  der  warmen  Innigkeit  seines  Gemütes  hielt  er  an  seinem
reformierten  Bekenntnis  fest,  aber  dem  gehässigen  Schelten  und  Toben  gegen
das  reformierte  Bekenntnis  in  Schriften  und  auf  der  Kanzel,  dem  selbst  ein
Religionsgespräch  kein  Ende  gemacht  hatte,  trat  er  nur  im  Interesse  des  kirchlichen
  Friedens  mit  Entschiedenheit  entgegen,  forderte  „das  unchristliche  Verketzern,
Verlästern  und  Verdammen“  zu  unterlassen.  Eben  deshalb  verlangte  er  von  den
Geistlichen  die  Ausstellung  eines  Reverses,  nach  dem  sie  die  Taufe  auf  den
Wunsch  der  Eltern  auch  ohne  den  Exorcismus  zu  vollziehen  sich  anheischig  machen
sollten.  Einer  der  mildesten  und  gemäßigtsten  lutherischen  Geistlichen,  der  berühmte
  Dichter  der  Kirchenlieder  Paul  Gerhardt,  geriet  infolge  dessen  (1667)  in
Konflikt  mit  dem  kurfürstlichen  Konsistorium,  und,  erst  von  seinem  Amte  entsetzt,
dann  wieder  eingesetzt,  glaubte  er  selbst  seines  Gewissens  wegen  sein  Amt  niederlegen
  zu  müssen.

Dem  Kurfürsten  war  der  kirchliche  Friede  Gewissenssache,  denn  in  der  That
wurden  bei  der  ungeheuren  Leidenschaft,  mit  der  alle  Klassen  der  Bevölkerung
an  den  kirchlichen  Streitigkeiten  den  lebendigsten  Anteil  nahmen,  diese  eine  Gefahr
für  das  Land,  die  den  inneren  Frieden  auf  das  bedenklichste  störte.  —  Diesem
nun  sollten  auch  die  Reformen  der  Justiz  dienen,  denen  der  Kurfürst  große  Aufmerksamkeit
  widmete.  Man  plante  nach  dieser  Richtung  vielerlei,  Anderungen  im
prozessualischen  Verfahren,  Aufstellung  neuer  Normen  für  die  Besetzung  des
Kammergerichts  und  vor  allem  die  Einsetzung  einer  obersten  Appellationsinstanz.
Doch  bei  dem  Widerspruch  der  Stände  kam  man  nicht  zum  Ziel.  Nur  die  schon
früher  angebahnte  Ubertragung  der  Rechtsprechung  vom  Geheimen  Rat  auf  die
ordentlichen  Gerichte  kam  insofern  wenigstens  vorwärts,  als  die  Justizsachen,  die  der
Geheime  Rat  zu  erledigen  hatte,  einer  besonderen  Kommission  übertragen  wurden.
        <pb n="254" />
        168  Finanzen.  —  Geheimer  Rat.

Naturgemäß  aber  hatte  der  Kurfürst  ein  Hauptangenmerk  auf  die  Finanzen
gerichtet,  und  er  fäörderte  sie  in  der  That  dadurch  außerordentlich,  daß  er  sie
einer  einheitlichen  Leitung  unterstellte,  und  zwar  der  des  schon  genannten  Raban
von  Canstein.  Er  erhielt  die  Kontrolle  über  den  gesamten  Kammerstand,
„die  Inspektion  über  alle  Domänen  und  Intraden  in  allen  unsern  Landen.“
Indem  nun  aber  dieser  höchste  Finanzbeamte  des  Staates  auch  zum  Oberhofmarschall
  ernannt  wurde,  brach  der  Kurfürst  mit  der  herrschenden  Ansicht,  wonach
die  Domänen  der  fürstlichen  Familien,  die  immer  noch  den  Grundstock  der  staatlichen
  Einnahmen  bildeten,  in  erster  Linie  den  Bedürfnissen  des  fürstlichen  Hofhalts
  zu  dienen  und  nur  ihre  Überreste  die  staatlichen  Bedürfnisse  zu  befriedigen

4
à
n

SS

 

Inneres  eines  deuischen  Patrizierhauses,  mit  Tischgesellschaft,  zu  Milte  des  17.  Jahrhunderts.
Noch  einer  Radlerung  von  Konrad  Meyer  (1618—1689),  auf  etwa  die  Hällte  verkleinert.

hätten.  Ohne  Unterschied  wurden  fortan  die  Einkünfte  aus  allen  Gütern  zusammen
  vereinnahmt  und  nur  ein  Teil  davon  der  Schatulle  des  Kurfürsten  überwiesen.
  Deutlich  kennzeichnet  sich  hierin  die  Auffassung,  welche  der  Kurfürst  von
seiner  Pflicht  gegen  den  Staat  hatte.  Zugleich  aber  wurde  eine  zentrale  Verwaltung
  des  sbessemwsen,  wenn  auch  noch  vergeblich  angestrebt.

Die  wichtigste  Neuerung  im  Geheimen  Rat  bildete  es,  daß  Otto  von
Schwerin,  nachon  er  mehrmals  abgelehnt  hatte,  zum  „Obristen  Praesidenten“
des  Geheimen  Rats  (30.  August  1658)  ernannt  wurde,  und  ihm  alle  Staats-,
Justiz=  und  bchenssachen  unterstellt  wurden.  Denn  indem  für  alle  Regierungsund
  Justizgeschäfte  der  sämtlichen  Territorien  mit  dieser  Ernennung  eine  oberste
Instanz  geschaffen  worden,  gelang  es  allerdings  dem  Kurfürsten,  „seinen  Estat
etwas  besser  zu  fassen"“.  Dies  Amt  konnte  die  übergeordnete  Instanz  für  die
Provinzialorgane,  konnte  ein  Eckstein  werden  für  die  werdende  Einheit  des  Staates,
        <pb n="255" />
        Heerwesen.  —  General-Kriegs-Kommissariat.  169

und  auch  in  der  äußerlichen  Ehre,  die  der  Kurfürst  ihm  beilegte,  drückte  er  selbst
die  Bedeutung  aus,  welche  er  ihm  als  dem  wichtigsten  Amte  in  seinem  Staate
beimaß.

Doch  Feinde  ringsum,  das  war  und  blieb  die  Signatur  des  Landes,  und
demnach  mußte  die  Heeresverfassung  die  Grundlage  des  Staates  bleiben.  Nächst
Gott  stellte  der  Kurfürst  daher  die  „Konservation  seines  Estats  und  Landes  in
Waffen“  und  mußte  sie  in  diese  stellen.  Während  des  letzten  Krieges  hatte  er
seine  Truppen  bis  auf  26  000  Mann  gebracht,  nach  dem  Frieden  von  Oliva
reduzierte  er  sie  auf  die  geringe  Zahl  von  3550  Mann,  und  unter  unendlichen
Schwierigkeiten  und  heftigstem  Widerspruch  der  Stände  hatte  er  wenigstens  hierfür
  die  Mittel  gefunden.  Aber  schon  1666  sahen  die  Stände,  wiewohl  mit
Klagen,  die  hierfür  monatlich  erforderlichen  22  000  Thaler  „pro  ordinario  onere:,
als  hergebrachte  Last  an.  Damit  war  das  stehende  Heer  geschaffen,  und  es  war
eine  Folge  von  der  größten  Bedeutung  für  die  Entwickelung  der  landesherrlichen
Macht  gegen  die  Übergrisse  der  Stände,  daß  hier  das  monarchische  Gefühl
den  besten  Nährboden  finden  sollte.  Allmählich  war  das  Pflichtbewußtsein
des  Kurfürsten  durch  die  sittliche  Strenge,  mit  welcher  er  selbst  ihm  nachlebte,
  in  seine  Räte,  Offiziere  und  Beamten  übergegangen.  Hier  nun,  in
dieser  Erkenntnis  der  Stände  zeigt  sich  der  erste  Keim  davon,  daß  jetzt  auch
die  Unterthanen  selbst  das  Gefühl  für  staatliche  Zusammengehörigkeit,  die
Empfindung,  dem  Staate  Pflichten  zu  schulden,  wieder  gefunden  haben.  Wie
Großes  war  damit  erreicht!  Aber  wie  nahm  der  Kurfürst  auch  auf  die  bedrängte
Lage  der  Unterthanen  Rücksichtt  Erst  nach  einer  neuen  Rüstung  hat  er
(1666)  diesen  Anfang  eines  stehenden  Heeres  auf  6=  bis  7000  Mann  erhöht,
und  zwar  behielt  er  auch  während  des  Friedens  die  größere  im  Felde  erforderliche
  Zahl  der  Offiziere  bei,  doch  mußten  sie  sich  eine  erhebliche  Verringerung
ihres  Gehaltes  gefallen  lassen.  Und  es  will  etwas  sagen,  daß  der  Kurfürst  eine
solche  Maßregel,  die  doch  seine  verdientesten  Generale,  wie  Sparr,  Derfflinger,
den  Fürsten  von  Anhalt  schwer  traf,  vornehmen  durfte,  in  der  Hoffnung,  daß
sie  nicht  so  sehr  auf  ihren  eigenen  Vorteil  als  auf  seinen  Dienst  sehen  würden.
Entgegen  der  früheren  Sitte,  wonach  die  Obersten  und  Hauptleute  ihre  Truppen
warben,  und  die  höheren  Offiziere  die  Subalternoffiziere  selbständig  ernannten,
hatte  sich  der  Kurfürst  in  diesem  kleinen  Heer  vornehmlich  ein  durchaus  landesherrliches
  gebildet,  dessen  Offiziere  lediglich  von  ihm  ernannt  wurden,  und  die,
durch  eine  sich  allmählich  befestigende  Disziplin  und  durch  den  Begriff  der  Ehre
zusammengehalten,  an  Pflichttreue  und  Diensteifer  gewöhnt  wurden.  Zu  außerordentlicher
  Bedentung  aber  sollte  sowohl  für  das  Heerwesen  wie  für  den  ganzen
Staat  ein  Institut  sich  im  Laufe  der  Zeit  entwickeln,  das  mit  der  Beibehaltung
des  stehenden  Heeres  nun  auch  ein  ständiges  blieb,  das  des  General-Kriegs-Kommissariats
  mit  seinen  zahlreichen  Unterorganen,  den  Kommissariaten  für  die  einzelnen
  Provinzen  und  deren  vorzüglichsten  Kontrollbeamten,  den  schon  erwähnten
Steuerkommissaren.  Indem  dies  Amt  nämlich  durch  seine  Thätigkeit  für  dic  gesamte
  Heeresverwaltung  zugleich  auch  eine  landesherrliche  Steuerbehörde  und  ebenso“
eine  landesherrliche  Polizeibehörde  wurde,  die  für  eine  große  Anzahl  der  einzelnen
  Teile  der  allgemeinen  Wohlfahrt  zu  sorgen  hatte,  entkräftete  es  zugleich
die  Bedeutung  der  Stände,  entzog  ihnen  die  Einziehung  und  Verwaltung  der
Landessteuern  und  bildete  für  die  Zusammenfassung  der  einzelnen  Länder  wie  für
        <pb n="256" />
        170  Heerwesen.  —  Politisches  Testament.

die  Befestigung  der  landesherrlichen  Gewalt  in  ihnen  immer  mehr  und  mehr
ein  festes  Bindemittel.  Und  in  ähnlicher  Weise  wirkte  die  Armee  noch  nach
anderer  Seite.  Notwendigerweise  folgte  nämlich  aus  der  Beibehaltung  des  Heeres
auch  die  Forderung  des  kurfürstlichen  Garnisonrechtes  in  den  Städten,  und  wenn
diese  sich  dagegen  nach  Möglichkeit  sträubten,  so  wurden  sie  doch  jetzt  wieder
in  einen  Zustand  gesetzt,  der  ihre  Verteidigung  ermöglichte.  Denn  in  immer
höherem  Grade  hatten  die  Städte  die  Befestigungswerke  verfallen  lassen,  und  selbst
dem  notwendigsten  Wachtdienst  hatten  sich  die  Bürger  Berlins  im  großen  Kriege
zu  entziehen  gewußt.  Nun  übernahm  der  Kurfürst  die  Befestigung  auf  fiskalische
Mittel  (in  Berlin  1657),  und  seine  Truppen  leisteten  den  militärischen  Dienst.
Hiermit  war  den  Städten  eine  schwerwiegende  Pflicht,  die  entsfehlich  vernachlässigt
worden,  vom  Kurfürsten  abgenommen,  wogegen  sich  wie  von  selbst  in  dem  militärischen
  Gonvernement  des  Kurfürsten,  wie  in  dem  Kommissariat  eine  weitere  Stütze
der  landesherrlichen  Regierung  bildete,  die  trotz  mancher  Härten  im  einzelnen  doch
für  das  Wohl  des  Landes  weit  greifende  Bedentung  erhaten  sollte.

Und  wenn  auch  alle  diese  Reformen  mehr  gelegentlich  nach  dem  angenblicklichen
  Bedürfnis  und  nicht  etwa  nach  einem  allgemeinen  Programm  ins  Leben
getreten  waren,  und  öfter  noch  Anderungen  und  Umgestaltungen  nötig  wurden,
auch  der  Kurfürst  selbst  sie  nur  als  Anfänge  bezeichnet,  wie  sie  eben  die  Kriege
und  gefährlichen  Zeiten  zugelassen  hätten,  so  bildeten  sie  doch  die  Keime  des
späteren  Besseren,  und  zum  weitaus  größten  Teil  wirkten  sie  damals  namentlich
auf  dem  Gebiete  der  wirtschaftlichen  Wohlfahrt  ganz  außerordentlich.

Und  für  die  Denkart  und  Bestrebungen  des  Kurfürsten  ist  eine  umfangreiche
Denkschrift,  die  er  im  Mai  1667  als  Instruktion  für  seinen  Nachfolger  afsete,
das  sogenannte  Politische  Testament,  von  höchstem  Interesse.  Fast  alle
Gebiete  der  inneren  und  äußeren  Politik  behandelt  er,  diese  den  Bedürfnissen  der
Zeit  entsprechend  natürlich  ausführlicher  als  jene.  An  die  Spitze  seiner  Ausführungen
  über  die  innere  Politik  stellt  er  die  Freigebigkeit  gegen  die  Armen  und
die  Erbauung  neuer  Kirchen,  die  Beförderung  des  K  Kchenfrieden  wozu  vornehmlich
  die  Reformierten  beitragen  würden.  Den  Katholischen  seien  nur  die  einmal
gewährten  Rechte,  diese  aber  auch  unbedingt  zu  sichern,  die  Universitäten  solle  der
Nachfolger  sich  zum  höchsten  anbefohlen  sein  lassen,  dem  Adel  solle  er  gnädig  und
belebt  entgegen  kommen,  aber  alle  Unterthanen  solle  er  ohne  Unterschied  der
Religion  als  rechter  Landesvater  lieben,  ihren  Nuhzen  allzeit  befördern,  den  Handel
überall  in  Aufnahme  bringen,  die  Bevölkerung  zu  vermehren  suchen,  ohne  Ansehen
der  Person  den  Armen  wie  den  Reichen  gleiche  Justiz  angedeihen  lassen.  In  der
Wahl  der  Räte  müsse  er  sehr  vorschtig  verfahren  und  sie  in  Abhängigkeit  von
sich  halten,  aber  er  müsse  sie  auch  so  besolden,  daß  sie  ihm  zur  Ehre  leben  könnten
und  sich  nicht  korrumpieren  ließen.  Im  Rat  solle  er  alle  Räte  hören,  den
jüngsten  zuerst,  damit  nicht  der  jüngere  durch  das  schon  abgegebene  Votum  des
älteren  Rats  eingeschüchtert  werde.  Den  Bienen  gleich,  die  aus  allen  Blumen
den  besten  Saft  sangen,  solle  er  aus  allen  Voten  das  beste  herausfinden  und
dieses  beschließen.

An  die  Spitze  der  Ausführungen  über  die  auswärtige  Politik  ist  die  Bewahrung
des  Friedens  gestellt,  und  die  Notwendigkeit,  guten  Frieden  zu  unterhalten,  den
zwischen  anderen  Staaten  entbreunenden  Krieg  durch  gütliche  Verhandlungen  beizulegen,
  Gott  um  friedfertige  Regierung  anzurufen  —  deun  der  Friede  ernähre,
        <pb n="257" />
        Politisches  Testament.  —  Pfalz-Neuburg.  171

der  Krieg  aber  verzehre  —  wird  mehrfach  hervorgehoben.  Bei  der  allgemeinen
Feindschaft  gegen  Brandenburg  müsse  man  mit  allen  Mächten  vertrauliche  Beziehungen
  unterhalten,  sich  jedoch  keineswegs  von  seinen  Rechten  und  Ansprüchen
verdrängen  lassen.  So  müsse  man  bei  dem  Bündnis  mit  dem  Kaiser  vornehmlich
die  Wohlfahrt  des  Reiches,  der  Evangelischen  und  endlich  auch  die  eigene  bedenken,
bei  dem  mit  Polen  auf  die  Souveränekät  sehen,  bei  dem  mit  Schweden  auf  die
Seehäfen  ein  gutes  wachendes  Auge  haben,  bei  dem  mit  Frankreich  fürnehmlich
aufs  Reich  und  dessen  Verfassung  achten,  bei  dem  mit  Holland  dessen  Ubergriffe
in  den  rheinischen  Ländern  abweisen.  Endlich  müsse  man  auch  mit  England  und
Dänemark  verbunden  sein,  weil  ihre  Flotten  die  Küsten  decken  könnten.  Namentlich
  die  Allianz  mit  Holland  wird  seiner  Flotte,  der  gemeinsamen  Religion,  der
holländischen  Handelsinteressen  im  Osten  wegen,  und  weil  es  der  älteste  Verbündete
ist,  hervorgehoben.  Indessen  seien  Allianzen  zwar  gut,  und  ein  Schwert  halte
des  öftern  das  andere  in  der  Scheide,  eigene  Kräfte  indessen  seien  noch  besser,  auf
sie  könne  man  sicherer  sich  verlassen,  und  demgemäß  solle  der  Nachfolger  die
Magazine  und  Festungen,  deren  Besatzung  im  einzelnen  festgestellt  wird,  wohl  in
stand  halten  und  fortbilden.  Besonders  eingehend  wird  noch  über  das  Herzogtum
Preußen  gehandelt,  und  der  Nachfolger  zur  Standhaftigkeit  gegen  die  dortigen
Stände  und  Oberräte  dringend  ermahnt.  Wenn  der  Nachfolger  diese  Ermahnungen
beherzige  und  allezeit  in  Gottes  Wegen  wandle,  so  würde  er,  heißt  es  zum  Schluß,
eine  glückliche  Regierung  führen,  „Niemanden  außer  Gott“  werde  er  zu  fürchten
haben  und  Segen  und  beständigen  Frieden  im  Lande  genießen.

Man  sieht,  auf  fast  alle  Gebiete  lenkt  der  Kurfürst  die  Augen  seines  Erben,
aber  immer  wieder  betont  er  die  Notwendigkeit  des  Friedens,  die  Vorbedingung
jeden  Gedeihens,  und  zwölf  Jahre  erhielt  er  damals  Brandenburg  und,  von  einem
kurzen  Zuge  gegen  die  Türken  abgesehen,  auch  Deutschland  den  so  höchst  nötigen
Frieden.  Aber  unter  welchen  Schwierigkeiten,  unter  welchen  Mühen!  Staunenswert
  ist  die  Klugheit,  mit  der  Friedrich  Wilhelm  die  Kriegsfurie,  die  überall  ihr
Haupt  erheben  wollte,  nieder  zu  halten  wußte.  War  Deutschland,  dessen  Westgrenzen
  von  Frankreich  und  den  Niederlanden  durchlöchert  und  immer  unklarer
geworden  waren,  gewissermaßen  in  drei  Gruppen  geteilt,  je  nachdem  Osterreich,
Schweden  oder  Frankreich  den  vorwaltenden  Einfluß  übte,  so  war  jeder  Zwist
unter  den  deutschen  Fürsten  Anlaß  zum  Ausbruch  eines  allgemeinen  Krieges,  und
oft  genug  hat  der  Kurfürst  in  jenen  Jahren  für  die  friedliche  Beilegung  derartiger
Zwiste  sein  Ansehen,  seine  Vermittlung  in  die  Wagschale  gelegt.  Unter  dem

ruck  der  allgemeinen  Lage,  der  französischen  Pläne,  namentlich  in  Bezug  auf  die
polnische  Königswahl,  gelang  es  auch  mit  Pfalz-Neuburg  in  einer  Reihe  von
Verträgen  zu  einer  definitiven  Ordnung  der  Besitzverhältnisse  und  anderer  Streitpunkte
  in  den  Rheinlanden  zu  kommen,  und  diese  Verbindung  gab  nicht  nur  den
kurfürstlichen  Ländern  am  Rhein  größere  Sicherheit,  sondern  setzte  zugleich  den
französischen  Absichten  auf  die  spanischen  Niederlande  ein  bedeutendes  Hindernis
entgegen.  Inzwischen  war  nämlich,  und  nicht  zum  mindesten  auf  Frankreichs
Betreiben,  der  lange  gefürchtete  Krieg  zwischen  England  und  den  Niederlanden
ausgebrochen,  und  der  Bischof  von  Münster  hatte  seinerseits  den  Kampf  gegen
die  Niederlande,  die  ihn  oft  gekränkt,  energisch  ausgenommen,  Frankreich  aber  hatte
für  die  Niederlande  Partei  ergriffen.  So  mußte  dieser  Kampf  der  Seemächte  in
einen  Landkrieg  in  Deutschland  verwandelt  werden.  Braunten  doch  der  Kaiser

1665
        <pb n="258" />
        Inn##n##  /1  Inv  ipi  uzmauour  mout?  ono  Ululenn

-urcungißo.  (##a  un  Gun31

172

 

 

Münsterischer  Krieg.  —  Bündnisse.

und  Spanien  darauf,  im  Bunde
mit  England  Frankreich  anzugreifen,
  den  Reichskrieg  zu  erklären.
  Und  Schweden,  obwohl
von  Frankreich  umworben,  verbündete
  sich  mit  England,  drohte
von  seinem  bremischen  Gebiet
aus  mit  Münster  gemeinsame
Sache  zu  machen.  Unabsehbar
war  der  Krieg,  der  hier  aufflammte,
  und  von  unermeßlichem
Segen  war  es,  daß  es  dem
Kurfürsten,  der  sich  doch  selbst
hatte  rüsten  müssen,  glückte,  im
frieden  von  Cleve  den  Streit
zwischen  den  Niederlanden  und
Münster  beizulegen.

So  bedeutend  war  das  Ansehen
  des  Kurfürsten  geworden,
daß  Frankreich  sich  ihm  jetzt
näherte,  daß  Schweden  und
Dänemark,  die  braunschweigischen
Herzoge,  Kur-Köln,  Hessen-Kassel
Defensiv-Allianzen  mit  ihm  abschlossen,
  und  selbst  der  Kaiser
die  Allianz  von  1658  zu  gegenseitiger
  Verteidigung  erneuerte,
und  auch  die  Generalstaaten  sich
vorsichtig  gegen  ihn  verhalten
mußten.

Die  Lage  Deutschlands  war
somit  doch  eine  sehr  veränderte
geworden,  und  dem  Drucke,  den
Schweden  im  Norden,  dem  Einfluß,
  den  Frankreich  im  Westen,
ja  bis  in  das  Herz  Deutschlands
  und  durch  Polen  auch  im
Osten  Deutschlands  ausibte,
gegenüber  ein  Gegengewicht  geschaffen.
  Dem  Vorwurf  indessen,
als  ob  er  durch  sein  Bündnis
mit  dem  Kaiser  ganz  in  dessen
und  Spaniens  Abhängigkeit  geraten
  sei,  durfte  Friedrich  Wilhelm
  in  der  Wahrheit  und  seine
echt  deutsche  Gesinnung  wieder
einmal  scharf  bezeichnend  mit  den
        <pb n="259" />
        Erläuterungsblatt

zu  der
nachstehend  wiedergegebenen  ersten  Seite  der

eigenhändig  niedergeschriebenen  „Bäterlichen  Ermahnung“  des
Rurfürsten  Friedrich  Wilhelm

vom  19.  Mai  1667.

In  Gräße  des  Originales  im  Kol.  Hausarchiv  zu  Verlin.
        <pb n="260" />
        überkragung  der  nebenstehend  wiedergegebenen  ersten  Seike  der  rigenhändig
medergeschriebenen  „Väterlichen  Ermahnung“  des  Kurfürßen  Frichrich  Wihrlm
vom  19.  Mai  1662.

Die  Vatterliche  liebe  So  Ich  als  ein  Vatter  Kegen  (=  gegen)  seinen  Sohn  vndt  zukunfligen
  Successoren  trage,  hatt  mich  verursacht,  Ihme  einige  auß  langer  erfahrenheitt  nutzliche
  onterrichtungen  zu  hinterlassen,  undt  also  dieses  kurplichen  in  die  Feder  zu  fassen,  in
betrachtung,  das  es  Ihme  noltig,  ondt  dienlich  zu  wissen  ist,  Wie  Er  Seine  gantze  Regirung
führen,  wie  Er  darin  zusorders  gegen  Gott,  Seines  gleichen,  wie  auch  gegen  Seine,  Ihme
von  Gott  Vnutergebene  undt  anuertrautie  Vuterthanen,  in  Kirchen  undt  velllichen  Regimendt,
Sich  zu  verhalten,  was  für  Rähtte  Er  gebrauchen,  wie  Er  im  Rahite  Votiren  lassen  solle,
auch  wan  vndt  wie  Er  das  conclusum  nehmen  solle,  Mit  welchen  Er  in  Allace  sey,  undt
mitt  wehme  Er  solche  noch  zu  machen  habe,  vudt  wie  der  Cammerstodt  (=  die  Finanzen)
verbessert  werden  kan,  was  an  conservation  der  Vestungen  gelegen,  bemannungen  der  Vestungen
so  ahn  io  sein,  vudt  was  für  Ortter  bequemlich  zu  Versicherung  ondt  communication  der
Landen  angelegt  werden  konnen,  was  für  garnisonen  in  Friedens  vudt  Kriegszcitten  darin
nottig,  darnehbenst  die  Vuterhaltung  der  Nlagasinen  uondt  dessen  Vermehrung:  So  trage  Ich
gank  keinen  Zweissell  dz  (=  daß)  in  diessen  aufsah  guugsahm  begriffen  sein  wirdt,  wie  der
gau#e  Staadt  gesuhret  werden  muß,  hosse  auch  das  mein  Sohn  solches  gebuhrend  beobachten
werde,  wodurch  Er  dan  diesses  erlangen  wirdt,  daß  Ihme  Seine  Regirung  lnicht  schwer  sondern
gant  leicht  für  kommen  auch  sosches  von  seinen  Diemin  nicht  zu  lernen  haben  wird",  sondern  selbst  die  Wissenschast
  haben  kan.]
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        Magdeburg.  —  Devolutionskrieg.  173

Worten  gegenübertreten:  „Er  sei  weder  kaiserlich  noch  spanisch,  weder  französisch
noch  spanisch,  sondern  einzig  und  allein  gut  reichisch,  und  allein  für  die  Freiheit
des  Reiches  werde  er  alle  consilia  und  actiones  dirigieren.

In  dieser  verhältnismäßig  günstigen  Lage  konnte  der  Kurfürst  es  nun
unternehmen,  die  ihm  im  westfälischen  Frieden  zugesicherten  Rechte  auf  das  Erzuift
  und  die  Stadt  Magde  burg  ihrer  Ausführung  näher  zu  bringen.  Die
unglückliche  Parteiung  in  der  Stadt,  die  auf  Grund  gefälschter  und  nicht  vorhandener
  Privilegien  Ottos  I.  reichsunmittelbar  zu  sein  behauptete,  sowie  die
Schwäche  des  sächsischen  Administrators  hatten  die  Stadt  wehrlos  gemacht,  und
die  schamlose  Unterwerfung  Erfurts,  welche  der  Erzbischof  von  Mainz  durch
französische  Truppen  hatte  vollziehen  lassen,  ließ  die  Gefahr  einer  ähnlichen

berrumpelung,  sei  es  durch  Frankreich  oder  durch  Schweden  nahe  geung  erscheinen.
  Denn  weitaus  war  Magdeburg  handelspolitisch  und  militärisch  der
wichtigste  Elbpaß,  der  die  Marken  deckte  und  die  Verbindung  zwischen  den  östlichen
  und  westlichen  Ländern  des  Kurfürsten  sicherte.  Während  unter  General
Sparr  sich  einige  Regimenter  in  Halberstadt  sammelten,  verhandelten  daher  unter
Zustimmung  des  Administrators  Jena  und  Platen  in  Wanzleben  mit  dem  Rat
und  der  Bürgerschaft,  forderten  Huldigung  für  den  Kurfürsten  und  das  Besatzungsrecht.
  „Ohne  Anlegung  einigen  gewalts  freiwillig“  war  binnen  wenigen  Tagen
im  Vertrage  von  Kloster  Berge  (28.  Mai)  beides  zugestanden.  Eine  kurfürstliche
Garnison  zog  in  Magdeburg  ein,  die  Bürger  huldigten  (23.  Juni)  dem  Kurfürsten,
  und  mit  vollstem  Eifer  erfolgte  demnächst  die  Befestigung  der  Stadt.
Auch  hier  war  nicht  sowohl  die  anmaßliche  Selbständigkeit  vernichtet,  als  vielmehr
die  Stadt  einer  ordnungsmäßigen  Verwaltung  zugeführt,  und  eine  der  wichtigsten
deutschen  Städte  vor  der  Fremdherrschaft  bewahrt.

Noch  einmal  wußte  der  Kurfürst  einen  allgemeinen  Krieg  zu  vermeiden,  indem
  er  den  Anlaß,  den  das  Vorgehen  Schwedens  gegen  die  Stadt  Bremen  bot,
beseitigte.  Aber  was  konnten  schließlich  alle  Bemühungen,  alle  Verhandlungen
helfen  gegen  den  unersättlichen  Ehrgeiz  Ludwigs  XIV.  von  Frankreich,  dessen
gewaltsame  Hand  im  Innern  alle  Gewalten  niedergebeugt  und  einen  Absolutismus
begründet,  der  keine  Schranken  kannte,  aber  in  der  sultanhaften  Willkür,  die  er
übte,  die  „  ganze  Fülle  aller  Kräfte  und  Mittel  seines  Landes  sich  dienstbar  gemacht
hatte!  Denn  kaum  war  Ludwig  im  Innern  absoluter  Herr  geworden,  so  richtete
er  den  Blick  auf  das  Ausland,  vornehmlich  auf  Deutschland  und  die  Niederlande.
Dem  Charakter  des  Königs  und  seiner  Staatsauffassung  entsprach  es,  wenn  er
die  führende  Rolle  nicht  nur,  sondern  eine  beherrschende  Stellung  in  Europa
überhaupt  für  sich  beanspruchte.  Damals  nun  suchte  Ludwig,  wie  zur  Einleitung
seiner  Universalherrschaft,  sein  Übergewicht  an  zwei  Punkten  zugleich  zur  Geltung
zu  bringen,  in  den  spanischen  Niederlanden  und  in  Polen.  Von  jenen  beanspruchte
  er  unter  einem  gänzlich  unbegründeten  Erbschaftstitel  seiner  Gemahlin
einen  Teil  für  Frankreich  selbst,  dort  suchte  er  durch  die  Wahl  eines  französischen
Prinzen  zum  König  Frankreichs  Dominat  auch  im  Osten  zu  begründen;  an  beiden
Punkten  mußte  er  die  spanisch-österreichische  Vorherrschaft  treffen,  an  beiden  aber
zugleich  Brandenburg  sich  höchst  unbequem  machen.  Plötzlich  fiel  er  (1667)  in
Flandern  ein,  nahm  im  folgenden  Frühjahre  die  Freigrafschaft.  Die  Niederlande
waren  nun  direkt  bedroht,  der  burgundische  Kreis  für  Deutschland  so  gut  wie
verloren.  Schon  aber  hatte  Frankreich  in  voller  Ausnützung  der  im  westfälischen

66
        <pb n="264" />
        174  Aachener  Friede.  —  Spanische  Erbfolge.

Frieden  ihm  gewährten  Stellung  sich  der  meisten  deutschen  Fürsten,  außer  denen
des  immer  mehr  ermattenden  Rheinbundes  auch  Kursachsens  und  Kurbayerns,
versichert,  ihre  Genehmigung  zum  Durchmarsch  eines  französischen  Heeres
nach  Polen  erhalten,  und  schon  rüstete  es  die  Abfahrt  einer  Flotte  nach  Danzig.
Im  Bunde  mit  dem  Kaiser  und  Spanien,  dem  England,  Holland  und  die  deutschen
Fürsten,  von  denen  damals  so  mancher  löblichen  Eifer  zeigte,  beitreten  sollten,
hatte  der  Kurfürst  —  eben  damals  durch  das  Hinscheiden  seiner  Gemahlin
(18.  Juni  1667)  auch  persönlich  tief  bedrückt  —  gehofft,  Widerstand  leisten  zu
önnen.  Aber  die  Niederlande  suchten  sich  mit  Frankreich  zu  verständigen,  meinten
durch  einen  solchen  Bund  die  Hälfte  der  spanischen  Niederlande  für  sich  zu  erhalten,
  und  die  Haltung  Schwedens  wie  Englands  blieb  eine  unbestimmte.  Der
Kaiser  aber  denuncierte  den  Kurfürsten  beim  Könige  von  Femnreich  as  denjenigen,
der  allein  ihn  wider  seinen  Willen  zum  Kriege  zwinge,  und  der  Eifer,  den
deutsche  Fürsten  jetzt  entfalteten,  konnte  eine  rechte  Frucht  doch  mizt-  bringen.
Unmöglich  hätte  der  Kurfürst  allein  den  Schutz  der  Westgrenze  übernehmen  können,
während  er  im  Osten  näher  bedroht  war.  Er  durfte  es  als  einen  Gewinn  ansehen,
  daß  man  in  Paris  ihn  so  hoch  schätzte,  gegen  Zusicherung  seiner  Neutralität
die  Pläne  in  Polen,  an  denen  Frankreich  mit  allem  Ernste  gearbeitet,  aufzugeben.
Damit  war  dem  französischen  Einfluß  im  Osten,  wie  ihn  Ludwig  gehofft,  wenigstens
zunächst  die  Spitze  abgebrochen.  Im  Westen  aber  schloß  die  vielgerühmte  Tripelallianz,
  die,  um  die  spanische  Herrschaft  in  Flandern  und  Brabant  aufrecht  zu
erhalten,  zwischen  den  Niederlanden,  England  und  Schweden  geschlossen  war,  den

165.  Aachener  Frieden,  der  die  Freigrafschaft  an  Spanien  zurückgab,  dagegen  nicht  nur
die  von  Frankreich  geforderten  Festungen  diesem  überließ,  sondern  zugleich  den  ungeheuerlichen
  Rechtstitel,  auf  dessen  Grund  Ludwig  jene  Ansprüche  erhoben  hatte,
im  Prinzip  anerkannte.

Eben  dies  hatte  nun  aber,  wie  man  bald  #erfuhr,  ganz  im  geheimen  auch
schon  der  Kaiser  Lethan  und  zwar  aus  einem  Grunde,  der  fernab  von  Deutschlands
  Interessen  lag.  Auf  dem  spanischen  Königsthron  saß  damals  Karl  II.,  ein
schwächlicher  kranker  Knabe,  mit  dessen  frühzeitig  erwartetem  Tode,  so“  schien  es,
die  spanische  Linie  des  Hauses  Habsburg  aussterben  würde.  Unzweifelhaft  mußte
dann  das  ganze  Erbe  an  fee  hünger.  Schwester  Karls,  die  Gemahlin  des  Kaisers
Leopold  fallen,  während  Ludwig  als  Gemahl  der  älteren  Schwester  das  Erbe
beanspruchte,  obwohl  diese  ausdrücklich  Verzicht  geleistet,  und  obwohl  Frankreich
im  pyrenäischen  Frieden  dem  Erbe  feierlich  entsagt  hatte.  In  Wirklichkeit  kam
diese  Frage  erst  viel  später  zur  Erledigung,  aber  die  Möglichkeit,  daß  sie  zu  jeder
Stunde  praktische  Bedeutung  erhalten  könne,  hat  schon  von  dieser  Zeit  an  auf
die  allgemeine  politische  Lage  bestimmend  eingewirkt.  Schon  jetßt  glaubte  namentlich
  der  Kaiser  es  an  der  Zeit,  mit  Frankreich  einen  provisorischen  Teilungsvertrag
  (19.  Januar  1668)  zu  schließen,  der  Oesterreichs  Macht  im  Reich  außeruninth
  erhöhte.  Gleichzeitig  suchte  aber  der  Kaiser  genau  wie  Frankreich  im

Osten  die  beherrschende  Stellung  zu  gewinnen.  Zwar  veranlaßte  er  den  Kurfürsten,
  für  die  von  diesem  selbst  gebilligte  Wahl  des  Pfalzgrafen  von  Neuburg
zum  König  von  Polen  einzutreten,  leitete  indessen,  von  den  Jesuiten  unterstützt,
alles  dahin,  daß  der  Prinz  von  Lothringen  gewählt  wurde,  und  diese  Wahl  betrieb
  er  nicht  nur  hinter  dem  Rücken  des  Kurfürsten,  sondern  auch  sonst  in
Formen,  die  ihn  tief  beleidigen  mußten.  Es  kam  soweit,  daß  der  Kurfürst  dem
        <pb n="265" />
        Wahl  in  Polen.  —  Frankreich  oder  Habsburg?  175

kaiserlichen  Gesandten  erklärte,  „einmal  könne  man  ihn  wohl  betrügen,  aber  gewiß
  nur  einmal“.  In  dem  wilden  Gezänk  der  polnischen  Parteien  war  die
gemessenste  Partei  entschieden  für  die  Wahl  des  Kurfürsten  selbst  oder  doch  die  des
Kurprinzen,  und  wiederholt  ist  er  um  ihre  Annahme  ersucht  worden,  doch  hat  er
sie  stets  abgelehnt.  Er  war  eben  ein  deutscher  und  ein  evangelischer  Fürst,  der  seine
Länder  nicht  zum  Anhängsel  dieses  verrotteten  Slavenstaates  zu  machen  gesonnen  war.

Aber  trotzdem  zuletzt  in  Polen  weder  der  französische  noch  der  österreichische
Kandidat,  noch  auch  der  Pfalzgraf  von  Neuburg,  für  dessen  Wahl  der  Kurfürst
alles  gethan  hatte,  gewählt  wurde,  wußte  Osterreich  sich  durch  die  Vermählung
einer  Erzherzogin  mit  dem  gewählten  Piasten  doch  den  gewünschten  Einfluß  im
Osten  zu  sichern.  Immer  schärfer  spitzte  sich  demnach  die  Frage  zu,  ob  Frankreich
oder  Habsburg  die  dominierende  Macht  in  Europa  werde,  und  Deutschland
wurde  in  diesem  Streit,  wie  Leibniz  es  ausdrückt,  „der  Erisapfel,  der  Ball,  den
die  einander  zuwerfen,  welche  um  die  Monarchie  spielen,  der  Kampfplatz,  darauf
man  um  die  Meisterschaft  in  Europa  ringt"“.  Und  in  diesem  Kampf  stand
Brandenburg  allein.  Denn  von  den  Mächten  der  Tripelallianz,  den  beiden
Seemächten  und  Schweden,  war  diese  ihm  entschieden  feindselig.  Die  antioranische
  Partei  in  den  Niederlanden  aber  that  dem  Kurfürsten  jeden  Tort  an,
und  wie  sie  im  nordischen  Kriege  seine  Aktionen  gehemmt  hatte,  so  wußte  sie
jetzt  in  der  Besatzung  der  clevischen  Festungen,  der  Hosyserschen  Schuld,  der
Geldernschen  Frage  und  anderen  Sachen  fort  und  fort  ihm  Chikanen  zu  bereiten
  und  Nadelstiche  zu  versetzen.  Dem  Kaiser  hatte  er  seit  Beginn  seiner
Regierung  sich  immer  wieder  genähert,  ihm  allein  verdankte  das  Haus  Osterreich
die  letzten  beiden  Kaiserwahlen,  er  hatte  das  Reichsheer  zum  Siege  in  Jütland,
in  Pommern  geführt,  und  trotzdem  der  Kaiser  im  Frieden  von  Oliva  abermals
dafür  gesorgt  hatte,  daß  Pommern  ihm  genommen,  daß  Schweden  ihm  auf  den
Nacken  gesetzt  worden,  hatte  er  wieder  das  Bündnis  mit  dem  Kaiser  erneuert,
hatte  geglaubt,  in  der  polnischen  Wahl  die  Linie  gefunden  zu  haben,  auf  der  er
mit  dem  Kaiser  zusammengehen  könne.  Auch  da  hatte  man  ihn  getäuscht,  und
nun  stand  die  Macht  Polens,  um  das  Gewicht  des  Kaisers  verstärkt,  ihm  im

ücken.  Noch  weniger  schienen  die  Fürsten  des  Reichs  einen  Anhalt  zu  bieten.
Wohl  suchten  ihrer  mehrere,  während  in  Regensburg  die  tollste  Verwirrung
herrschte,  sich  einander  zu  nähern,  Bündnisse  zu  schließen,  um  sich  der  österreichischen
  und  franesichen  Ubermacht  zu  erwehren,  wohl  entwarf  damals  Leibniz
seinen  großen  Plan  über  die  Sicherheit  des  Reichs.  Aber  mehr  als  tastende

ersuche  waren  jene  Bündnisse  nicht,  und  solche  Pläne  blieben  ohne  praktische
Bedeutung.  Nur  allzu  deutlich  und  richtig  hatte  Samuel  von  Pusendorf  kurz
vorher  unter  dem  Namen  Monzambano  in  seiner  Schrift  de  statu  imperü  die
volle  Zerfahrenheit  und  Unförmlichkeit  des  Reichs  geschildert.

Da  war  es  doch  wertvoll,  daß  Frankreich  immer  aufs  neue  die  Verbindung
mit  Brandenburg  suchte,  daß  es  für  den  Fall  der  Erledigung  der  spanischen  Erbschaft
  und  des  Ubergangs  der  spanischen  Niederlande  an  Frankreich  dem  urürsten
die  clevischen  Festungen,  die  Holland  nicht  herausgeben  wollte,  und  die  für  die
militärische  Deckung  der  rheinischen  Länder  notwendig  waren,  zusicherte,  ihm  auch
den  Wiedererwerb  Jägerndorfs  verhieß,  während  der  Kurfürst  sich  Frankreich
gegenüber  eben  auch  nur  für  diesen  Fall  verpflichtete,  und  König  Ludwig  die  Ablehnung
  weitergehender  Forderungen  hinnahm.  Brandenburg  war  für  den  Kampf
        <pb n="266" />
        176  Ludwig  XIV.  gegen  Holland.

der  Mächte  wichtig  genug  geworden,  aber  in  diesem  Kampfe  lag  doch  die
5  Gefahr  für  seinen  Bestand  selbst.  Man  durfte  die  Hand,  die  einzige,
die  sich  bot,  nicht  zurückstoßen,  so  sehr  man  sie  fürchten,  so  sehr  man  sie  auch
hassen  mochte.

Und  schon  erhob  sie  sich  zum  Schlage.  Holland  sollte  er  zunächst  treffen.
Aber  das  Bündnis,  das  Ludwig  jetzt  von  Friedrich  Wilhelm  forderte,  selbst  das
Verlangen  nach  Neutralität,  womit  er  sich  begnügen  wollte,  lehnte  der  Kurfürst
wiederholt  und  mit  Entschiedenheit  ab.

Und  dabei  beharrte  er  trotz  aller  i  der  Hochmögenden  Herren  im

aag,  die  in  sorgloser  Sicherheit,  aus
Sparsamkeit  sowie  aus  Haß  gegen  den
jungen  Oranier  ihre.  Heeresmacht  vernachlässigten,
  an  eine  Gefahr  nicht
glauben  mochten  und  die  schon  werdende
Einigung  des  westfälischen  Kreises,  die
ihnen  ein  Schutz  werden  konnte,  so
viel  sie  vermochten,  hinderten.  Er  beharrte
  dabei  auch,  wiewohl  seine  Haltung
  nun  sofort  Schweden  und  Frankreich
  einander  näher  brachte,  und
namentlich  der  König  von  England,
der  ebenso  geldbedürftig  wie  begierig
war,  die  evangelische  Lehre  und  die
parlamentarische  Verfassung  im  Lande
auszurotten,  von  Ludwig  längst  gewonnen
  war,  bald  auch  Schweden  das
Bündnis  mit  Frankreich  wieder  aufnahm,
  und  damit  die  Tripelallianz
der  drei  Mächte  gegen  Ludwig  gesprengt
  war.

In  raschen  Stößen  hatte  Ludwig
im  August  1670  Lothringen  eingenommen,
  das  Elsaß  mit  Frankreich

Johann  Georg  r  .  *  Anhalt-Dessau  verbunden.  Jetzt  drang  er  mit  ge--waltigen
  Heerhaufen  durch  das  Erzstift
rbemen  g  ro  “  Kaoln  gegen  die  Generalstaaten  vor.
Da  mußten  selbst  die  Hochmögenden

Herren  im  Haag  daran  glauben,  wovon  alle  Zeitungen  schon  voll  waren,  daß
ihnen  die  außerordentlichen  Rüstungen  Ludwigs  galten,  daß  weder  ihre  Unterwürfigkeit
  noch  die  Bemühungen  Brandenburgs  Ludwig  von  seiner  Absicht  zurückhalten
  würden.  Die  anti-oranische  Partei  aber,  die  der  Brüder  de  Witt,  hatte
die  Zeit  ihrer  Herrschaft  nur  zu  gut  benutzt,  um  das  Land  völlig  wehrlos
gegen  einen  Angriff  zu  Lande  zu  machen.  Nun  endlich  schickten  sie  einen  Ge-160n
  sandten,  Herrn  von  Amerongen,  nach  Berlin,  um  Hilfe  zu  verabreden,  aber  mit
so  beleidigenden  Bedingungen,  daß  es  der  vollen  Einsicht  des  Kurfürsten  von  der
Größe  der  Gefahr,  der  ganzen  Vornehmheit  seiner  Gesinnung  bedurfte,  um,  alles
nachgebend,  endlich  zu  einem  Schluß  zu  kommen.  Und  wenn  neben  dem  holländischen

F  Cronent
        <pb n="267" />
        Friedrich  Wilhelm  für  Holland.  177

ein  französischer  Gesandter  in  Berlin  wiederum  nur  um  Neutralität  verhandelte
und  boßie-  weit  günstigere  Bedingungen  namentlich  bezüglich  der  elevischen  Festungen
bot,  als  die  Herren  im  Hacg  für  gut  hiel  ten,  für  wirkliche  Hilfe  zuzugestehen,
wenn  noch  immer  eine  Partei  im  Haag  ihren  Frieden  mit  Ludwig  zu  machen
hoffen  konnte,  so  sieht  man,  wie  hochherzig  zugleich  der  Entschluß  des  Kurfürsten
war.  Denn  kam  es  zum  Frieden  zwischen  den  Holländern  und  Ludwig,  so  mußte
sich  die  ganze  Schale  des  Zornes  Ludwigs  auf  Friedrich  Wilhelms  Haupt  entladen.
  Doch  Friedrich  Wilhelm  sah  zu  weit.  Wie  groß  immer  die  Gefahr  war,  die
er  durch  den  Kampf  gegen  Frankreich  auf  sich  nahm:  die  größere  drohte  dem
Reich  durch  Frankreich  gewiß  dann,  wenn  es  Holland  über  den  Haufen  geworfen
hatte.  Die  Frivolität,  mit  der  Ludwig  allen  Verträgen  zum  Trotz  um  sich  griff,
das  Ubergewicht,  das  er  bei  vielen  Fürsten  im  Reich  gewonnen,  ließ  in  dem
Angriff  auf  Holland  mit  Sicherheit  schon  den  auf  das  Reich  voraussehen.  Aber
wie  sich  auch  der  Kurfürst  bemühte,  wie  energisch  er  den  deutschen  Fürsten  wieder
zu  Gemüte  führte,  „gedenket,  was  das  Vaterland  von  euch  fordert!“  —  es  fand  sich
kein  deutscher  Fürst,  der  es  mit  ihm  gewagt  hätte,  ja  Köln  und  Münster  hatten
sich  längst  zu  gemeinsamer  Aktion  mit  dem  Könige  verbunden.  „Der  Franzos",
so  schrieb  man  freilich  damals  warnend,  „läßt  die  Todten-  Posaun  blasen:  der
Freiheit  letzten  Tag  lässt  der  Franzos  dem  Niederländischen  Reich  und  dem  ganzen
Europa  ansagen".  Aber  „Augen  haben  die  Reichsfürsten  und  sehen  nicht,  teils
werden  sie  von  des  Goldes  Strahlen  verblendet,  teils  ob  sie  schon  das  Schwert
rücken,  oder  ihr  Haupt  trutzig  emporheben,  werden  sie  doch  in  Ansehung  des
Franzosens  gleich  wie  von  Gorgonen  erschreckt  und  sind  so  stumm,  als  ob  sie  in
einen  Felsen  verkehret  wären."“

Um  so  lebhafter  mußte  der  Fürst  von  Anhalt,  den  der  Kurfürst,  immer
bestrebt,  für  Deutschlands  Interessen  den  Kaiser  zu  gewinnen,  nach  Wien  gesandt
hatte,  dort  den  Abschluß  eines  Bündnisses  betreiben,  und  dank  des  persönlichen
Eintretens  des  Kaisers  und  des  spanischen  Gesandten  kam  ein  solches  ungeachtet  1
der  Gründe  der  Gegenpartei  und  ungeachtet  des  vom  Kaiser  mit  Frankreich  am
1.  November  1671  geschlossenen  Neutralitätsvertrages  zu  stande.  Es  war  doch
nicht  vergeblich  gewesen,  daß  Lisola,  der  kaiserliche  Gesandte  im  Haag,  mit  immer
neuer  Energie  darauf  hingewiesen  hatte,  daß  Frankreich  das  ganze  Rheinland
erobern  und  die  Kaiserkrone  gewinnen  wolle;  nur  daß  der  Kaiser  den  Bund  mit
Holland  nicht  zu  schließen  wagte,  bevor  Brandenburg  für  Holland  eingetreten  war.
Erst  nachdem  er  der  brandenburgischen  Hilfe  versichert  war,  befahl  nun  auch  der
Kaiser  mit  Holland  das  Bündnis  abzuuschließen.

Aber  inzwischen  war  Ludwig  ins  Clevische,  von  da  in  Holland  eingefallen,
hatte  infolge  von  Verrat  und  Feigheit  Festung  auf  Festung  eingenommen,  hatte  die
ganze  Macht  der  Holländer  überrannt.  Alles  boten  die  Regenten  in  den  Staaten
auf,  wie  teuer  auch  immer  den  Frieden  zu  erkaufen,  ohne  doch  auch  nur  vertragsmäßig
  ihrem  Bundesgenossen  von  Brandenburg  wenigstens  Kunde  von  den  Verhandlungen
  zu  geben.  Ebensowenig  zahlte  man  dem  Kurfürsten  die  Subsidien,
noch  traf  man  sonst  die  für  das  Vorgehen  des  Kurfürsten  nötigen  Vorbereitungen,
noch  brachte  man  endlich,  wie  man  übernommen,  Spanien  oder  Dänemark  oder
Braunschweig  zur  Kriegserklärung.  Selbst  die  so  höchst  nötige  Allianz  mit  dem
Kaiser  schloß  Holland  trotz  aller  Gewandtheit  Lisolas  erst  am  Ende  des  Jahres.

Gleichwohl  zog  der  Kurfürst  seine  Truppen  bei  Halberstadt  zusammen,  und  Anfang
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates
        <pb n="268" />
        178  Feldzug  von  1672  und  1673.

September  fand  sich  hier  auch  der  kaiserliche  General  Montecuccoli  mit  der  Hälfte
der  zugesagten  kaiserlichen  Truppen  ein.  Da  nun  ein  direkter  Marsch  auf  Holland
und  ein  gemeinsames  Operieren  mit  den  Truppen  des  Prinzen  von  Oranien  nicht
mehr  möglich  war,  so  beschloß  man  durch  eine  Diversion  in  das  kölnische  Gebiet
einen  Teil  der  französischen  Truppen  von  Holland  abzuziehen  und  zugleich  Spanien
zum  Angriff  auf  Frankreich  zu  ermutigen.

In  der  That  mußte  Ludwig  seinen  tüchtigsten  Marschall,  Turenne,  den
Verbündeten  entgegenschicken,  und  so  erhielten  die  Niederlande,  wo  nach  der
schauderschaften  Ermordung  der  Brüder  de  Witt  durch  das  Volk  nun  der  Prinz
von  Oranien  die  leitende  Stellung  gewonnen  hatte,  die  Möglichkeit,  sich  zur  Verteidigung
  aufzuraffen.  Aber  alle  Bemühungen  des  Kurfürsten,  den  kaiserlichen
General  zu  energischer  Kriegführung  zu  bringen,  scheiterten.  Jede  offene  Feindseligkeit
  gegen  Turenne  lehnte  dieser  ab,  und  ganz  offen  gestand  man  ein,  daß
der  Kaiser  dem  Könige  von  Frankreich  es  zugesagt  habe,  jeden  Angriff  zu  unterlassen.
  Ohne  Rücksicht  auf  Ludwigs  Einfälle  in  Cleve  und  in  die  Grasschaft
Mark  behauptete  man  noch  immer,  daß  Frankreich  nicht  das  Reich  angegriffen,
den  westfälischen  Frieden  nicht  verletzt,  man  also  auch  keinen  Grund  zum  wirklichen
  Kriege  mit  ihm  habe.  Und  weder  Trier  noch  Mainz  noch  Frankfurt  gestatteten
  die  Benützung  der  Schiffsbrücken  zum  Uebergang  auf  das  linke  Rheinufer,
und  Kurmainz  konnte  sich  hierfür,  so  erfuhr  man,  auf  direkte  kaiserliche  Befehle  berufen.
  Im  Jahre  1673  wurde  der  Feldzug  noch  weniger  kriegerisch  geführt;  zu  einer
Schlacht,  die  Friedrich  Wilhelm  und  der  kaiserliche  General  dem  Marschall  Turenne
bei  Soest  anboten,  kam  es  nicht,  eine  Diversion,  die  von  Hamm  aus  unternommen
werden  sollte,  unterblieb.  Der  Kurfürst  geriet  vielmehr  in  die  Gefahr,  von  Turenne
und  den  münsterschen  Truppen  umzingelt  zu  werden,  er  mußte  sich  zurückziehen.

#er  Kaiser  wollte  und  konnte  nach  seinem  geheimen  Vertrage  mit  Ludwig  es  nicht
zum  Schlagen  kommen  lassen,  wenn  er  nicht  die  in  demselben  ihm  zugesicherten
Vorteile  aufs  Spiel  setzen  wollte.  Schon  im  Februar  wußte  Turenne,  daß  die
kaiserliche  Armee  den  Kurfürsten  im  Stich  gelassen  habe.  So  wenig  wie  der
Kaiser,  so  wenig  waren  aber  auch  die  Holländer  zu  einem  irgend  entschiedenen
Handeln  zu  bringen,  oder  bereit,  ihrerseits  die  Bedingungen  zu  erfüllen,  auf
Grund  deren  sich  der  Kurfürst  zum  Kampf  hatte  entschließen  können.  Seine
rheinischen  Lande  seufzten  nach  Frieden,  die  anderen  vermochten  nicht  mehr,  weitere
Opfer  zu  leisten,  die  polnische  Gefahr  drohte,  seitdem  der  polnische  Reichstag  den
Frieden  mit  den  Türken  verworfen,  wieder  lebhaft,  und  Schweden,  mit  dem  der
Kaiser  wegen  der  Türken  sich  verbinden  wollte,  forderte  dafür  mehrere  Städte  in
Preußen,  Elbing,  Thorn,  Marienburg.  Der  Kaiser  aber  unterhaudelte  auch  mit
Münster,  ja  jetzt  erhielt  der  Kurfürst  in  Paris  den  vollen  Beweis  dafür,  daß  er
sich  überhaupt  nur  zum  Scheine  mit  Brandenburg  verbunden  und  gegen  Frankreich
  nicht  vorzugehen  in  Paris  wiederholt  ausdrücklich  zugesichert  hatte.  Köln
und  Münster  rechneten  auf  den  Gewinn  brandenburgischer  Länder,  Kursachsen
wartete  nur  auf  eine  brandenburgische  Schlappe,  um  seine  rheinischen  Ansprüche
mit  Gewalt  zur  Geltung  zu  bringen,  und  Schweden  war  schon  zu  einem  Angriff
auf  Pommern  oder  Bremen  bereit.  Endlich  die  Staaten  selbst  hatten  ihre  Friedensverhandlungen
  mit  Frankreich  kaum  unterbrochen,  hofften  den  Frieden  jeden  Augenblick
  abzuschließen.  Und  Frankreich,  noch  immer  gewillt,  Brandenburg  entgegen
zu  kommen,  forderte  vom  Kurfürsten  nur,  er  solle  die  Unterstützung  der  Staaten
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        —
—.—  2.

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1/4  „  Cai  Cesena  Fel,  Marrcha  725,  0.  —

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120  qa  Sehrhest  —  hdlsdberz  2
taot“  Noeuconzeshen  —*

 

Georg  Freiherr  von  Derfflinger.
Gezeichnet  und  gestochen  von  Johann  Heinzelmann  (geb.  zu  Augsburg  1611,  gest.  zu  Berlin  10937).
        <pb n="270" />
        180  Friede  von  Vossem.  —  Feldzug  von  1673  und  1674.

aufgeben,  während  ihm  die  Verteidigung  des  Reiches,  falls  Ludwig  es  etwa  anigreife,
  frei  stehen  und  doch  ihm  die  Mittel  für  sein  Heer  gewährt  werden  sollten.
«  Hierauf  war  der  Kurfürst  gezwungen  einzugehen,  wenn  er,  allein  gelassen,
nicht  ganz  erliegen  wollte.  Nur  hielt  ihn  weder  der  Vertrauensbruch  des  Kaisers,
noch  das  vertragswidrige  Verhalten  Hollands  ab,  beiden  Mächten  gegenüber  mit
voller  Ehrlichkeit  zu  handeln.  In  Wien  wie  im  Haag  ließ  er,  wie  einst  an
Karl  Gustav,  ausdrücklich  seinen  Entschluß  mit  Frankreich  zu  unterhandeln  mitteilen,
  und  auf  der  von  diesem  gebotenen  Grundlage  schloß  er  den  Vertrag  von
1679  Vossem  im  Juni  1673  zugleich  für  Köln  und  Münster  ab.  Auch  übergab  ihm
Frankreich  seine  clevischen  Festungen  bis  auf  Wesel,  Rees  und  Schenkenschang,  und
er  behien  dem  Kaiser  den  Zutritt  zu  diesem  Vertrage  ausdrücklich  #v“
eilich  war  aller  Orten  der  Unwille  groß  und  der  Lärm  ur  über  den
Kursiskeie  der  sich  doch  nur  hatte  zurückziehen  müssen,  weil  niemand  neben  ihn
trat,  weil  man  ihn  allein  die  Gefahr  bestehen  ließ.  Aber  nun,  da  Brandenburg
nicht  mehr  für  die  anderen  die  Kastanien  aus  dem  Feuer  holte,  nun  da  Turenne
ungehindert  am  Main,  in  Franken,  Hessen  eindrang,  mit  empörender  Gewaltsamkeit
gegen  die  Einwohner  und  die  Fürsten  verfuhr,  ein  zweites  französisches  Heer  die
Pfalz  besete,  da  endlich  erkaunte  man  die  ganze  Größe  der  Gefahr,  die  dem
Reich  von  Ludwig  drohte,  die  der  Kurfürst  so  eindringlich  in  Wien  wie  an  den
deutschen  Fürstenhöfen  und  im  Haag  hatte  vorstellen  lassen.  Jetzt  endlich,  da
auch  Spanien  den  Angriff  auf  Frankreich  ins  Werk  zu  setzen  begann,  beschloß  man,
so  schien  es  wenigstens,  mit  Ernst  vorzugehen.  Die  unerhörten  Frevelthaten,  die
Frankreich  im  Reich  übte,  die  grauenvolle  Verheerung  der  Pfalz,  die  kecke  Frechheit,
  mit  der  Ludwig  den  Kaiser  und  die  deutschen  Fürsten  verhöhnte,  erzeugte
auch  wieder  eine  nationale  Empfindung,  wie  sie  sich  in  den  energischen  Aufrufen
der  Zeit,  in  der  lebhaften  Anerkennung  der  Thaten  des  Kurfürsten  zeigt,  und
indem  nun  die  vom  Kurfürsten  von  Anfang  an  betriebene  Koalition  zwischen  dem  Kaiser,
Spanien  und  Holland  abgeschlossen  war,  und  die  deutschen  Fürsten  thatkräftigen  Eifer
gegen  den  „Reichsfeind“,  wie  man  Ludwig  XIV.  damals  nannte,  bewiesen,  England
aber  mit  Holland  Frieden  zu  schließen  bereit  war,  durfte  man  auch  auf  Erfolge
rechnen.  Denn  Brandenburgs  war  man,  da  Frankreich  das  Reich  selbst  in  unerhörter
Weise  angegriffen,  völlig  sicher.  Und  in  der  That  war  der  zu  Vossem  vom
Könige  von  Frankreich  besonders  zugestandene  Fall  jetzt  unzweifelhaft  vorhanden.
Der  Kaiser  verhielt  sich  allerdings  noch  sehr  kühl,  aber  der  Prinz  von  Oranien
wußte  wohl,  wie  viel  auf  den  Kurfürsten  ankomme,  dringend  forderte  er  ihn
wiederholt  zur  Unterstützung  auf,  denn  unlöslich,  wie  Himmel  und  Erde,  sei  man
ja  verbunden.  Aber  erst  als  Turenne,  der  1673  durch  Montecuccoli  noch  recht
erhebliche  Verluste  erlitten  hatte,  aufs  neue  über  die  deutsche  Armee  bei  Sinzheim
(16.  Juni)  gesiegt,  bequemte  man  sich  in  Wien  zum  Vertrage  mit  dem  Kurfürsten.
Hochherzig  setzte  der  Kurfürst  allen  Groll  und  alles  noch  so  berechtigte  Mißtrauen
beiseite,  und  unter  der  Bedingung  und  Zusage,  daß  man  ihn,  falls  seine  Lande
selbst  angegriffen  würden,  mit  der  nötigen  Truppenzahl  unterstützen  und  daß  man
nur  gemeinsam  Frieden  schließen  werde,  versprach  der  Kurfürst  seine  Hilfe  (1.  Juli
16¼  1674).  Die  nächste  Wirkung  war,  daß  Ludwig  alle  seine  Truppen,  Bann  und
Arrierebann,  aufbot.
Mit  größter  Schnelligkeit  rüstete  der  Kurfürst  seine  Truppen,  mit  über
20000  Mann  erschien  er  im  Felde.  Aber  —  wer  sollte  es  glauben  —  der
        <pb n="271" />
        Feldzug  in  Elsaß.  —  Einfall  der  Schweden.  181

Feldzug  verlief  fast  noch  trauriger  und  elender  als  der  frühere,  jede  Unternehmung,
jedes  Vorgehen  wurde  durch  den  österreichischen  General  Bournonville  gehindert,
verdorben,  vereitelt.  Selbst  österreichische  Offiziere  chrachen  mit  schärfstem  Tadel
über  die  elende  Leitung,  und  der  Verdacht  des  Verrates,  den  der  Kurfürst  hatte,
und  den  die  Soldaten  offen  aussprachen,  läßt  sich  nicht  abweisen.  Schon  von
vornherein  wurden  die  brandenburgischen  Truppen  statt  nach  den  Niederlanden,
wo  die  Verbündeten  bei  Senef  in  blutiger  Schlacht  ohne  Entscheidung  geschlagen
hatten,  nach  dem  Elsaß,  wo  die  Kaiserlichen  ebenfalls  ohne  Entscheidung  beie
Enzheim  gefochten,  dirigiert,  wurde  der  dem  Kurfürsten  zugesicherte  Oberbefehl
ihm  genommen.  Bei  Marlenheim  in  der  Nähe  von  Straßburg  stand  man  mit  etwa
50000  Mann  den  20000  Truppen  Turennes  in  verhältnismäßig  günstiger  Lage
gegenüber,  aber  den  dringenden  Rat  des  Kurfürsten  und  Derfflingers,  Turenne
anzugreifen,  ihn  zu  vernichten,  verspottete  man  als  lächerlich;  und  doch  erklärte
selbst  ein  österreichischer  General,  daß  man  mit  Truppen  wie  die  brandenburgischen
nicht  allein  die  Franzosen,  sondern  selbst  den  Teufel  in  der  Hölle  angreifen  könne.
Trotzdem  verschanzte  man  sich,  und  Turenne  entkam.  Hier  war  es,  wo  zu  all
dem  Unwillen,  den  der  Kurfürst  über  die  schmachvolle  Kriegführung  empfand,  ihn
noch  der  tiefe  Schmerz  traf,  seinen  Kurprinzen  Karl  Aemil,  dessen  hervorragende
Geistesgaben  ihm  und  seinen  Landen  die  fröhlichsten  Hoffnungen  waren,  durch  den
Tod,  und  wie  er  meinte,  an  Gift  zu  verlieren  (7.  Dezember  1674).  Hagenau,
Belfort  sollten  genommen  werden,  aber  trotz  aller  Zusagen  verweigerte  der  kaiserliche
  General  seine  Mitwirkung.  Turenne  konnte  Verstärkungen  heranziehen  und
aufs  neue  vorgehen,  dem  kaiserlichen  General,  da  er  stets  anders  handelte,  als
festgesetzt  war,  Verlust  auf  Verlust  beibringen.  Schließlich,  nach  der  Schlacht  bei
Türkheim,  zog  Bournonville  sogar  heimlich  ab,  und  mitten  in  der  Nacht  mußte
nun  auch  der  Kurfürst,  um  nicht  abgeschnitten  zu  werden,  den  Rückzug  antreten.

Der  Feldzug  war  völlig  und  um  so  mehr  mißlungen,  als  auch  der  Priyz  von
Oranien  ohne  Glück  gekämpft  hatte,  und  die  Spanier  genötigt  waren,  Truppen
nach  Sizilien  zu  senden.  Weit  schlimmer  aber  als  alles  dies  war,  daß  es  dem
diplomatischen  Geschick  Feuquieres,  des  französischen  Gesandten  in  Stockholm,  gelungen
  war,  die  Schweden  zu  einem  Einfall  in  die  Mark  zu  bewegen.  Allerdings
hatte  der  Kurfürst,  obwohl  er  vor  dem  Feldzuge  mit  Schweden  einen  Vertrag  zu
gegenseitiger  Verteidigung  geschlossen,  dies  von  vornherein  gefürchtet.  Denn  es
entsprach  zu  sehr  der  allgemeinen  und  der  gleichartigen  Lage  Schwedens  und
Frankreichs  —  aber  in  Wien  hatte  man  ihn  und  seine  Warnungen  stets  abgewiesen.
  Auch  selbst  da  nun  Wrangel  mit  15000  Mann  am  Ende  des  Jahres  1674
in  die  Mark  wirklich  eingedrungen  war,  dachte  man  im  Ernst  weder  die  zugesagte
Hilfe  zu  leisten,  noch  auch  nur  die  Brandenburger  zum  Schutz  ihrer  Länder  abziehen
  zu  lassen.  Man  fand  es  wohl  gar  ganz  gerechtfertigt,  daß  Schweden  den
Kurfürsten  aus  seiner  angemaßten  hohen  Stellung  zurückweise.  Wenn  nun  auch
die  Feinde  vorerst  noch  sich  wenigstens  maßvoll  in  der  Mark  verhielten  unter
der  Maske,  Brandenburg  zum  Frieden  mit  Frankreich  zu  bestimmen,  so  war  doch
an  ihren  wahren  Absichten  nicht  zu  zweifeln,  zumal  Hannover  und  Bayern  mit
ihnen  verbündet  waren,  Münster  mit  ihnen  verhandelte,  Kursachsen  schließlich  jede
Hilfe  verweigerte.  Dazu  war  nun  auch,  was  Friedrich  Wilhelm  noch  nicht  einmal
wußte,  der  König  von  Polen,  Johann  Sobiesky,  von  Frankreich  für  einen  Einfall
in  Preußen  gewonnen.  Alle  Mittel  der  Verhandlungen  setzte  der  Kurfürst  daran,

1674

1674
        <pb n="272" />
        182  Einfall  der  Schweden.

die  Hilfe  der  Verbündeten  zu  erhalten,  aber  mehr  als  gute  Worte  und  verheißungsvolle
  Beschlüsse,  mit  denen  man  allerdings  sehr  freigebig  war,  setzte  er
weder  am  Reichstag,  noch  in  Dänemark,  weder  in  Wien,  noch  selbst  beim  Prinzen
von  Oranien  durch,  selbst.  die  Subsidien  von  Spanien  und  Holland  stockten  völlig.
Die  Niederlande  fürchteten  für  ihren  Handel  und  schenten  sich  vor  der
tüchtigeren  Seerüstung  Schwedens.  In  Kopenhagen  verlangte  man,  daß  Holland
und  der  Kaiser  vorangingen,  und  gerade  dieser  wieder  machte  seine  Zustimmung,
noch  nachdem  der  Feldzugsplan  mit  Wilhelm  von  Oranien  festgestellt  war,  von
der  däuischen  abhängig.  Ja  in  Wien  meinte  man  selbst  im  Angenblick  der
schwersten  Gefahr  offenherzig  genug,  der  Kurfürst  möchte  allzu  mächtig  werden.
Denn  darüber  hatte  er  allerdings  keinen  Zweifel  gelassen,  daß  jetzt  den  Schweden
Pommern  unter  allen  Umständen  entrissen  werden  müsse.  Nur  um  so  mehr  mußte
er  selbst  sich  rüsten  und  vorbereiten  zum  Kampf.  Und  da  ist  es  von  besonderer
Bedeutung,  daß  er  damals  Pläne,  die  ihm  schon  früher  vorgelegt  und  lebhaft
seinen  Geist  beschäftigt  hatten,  zur  Ausführung  brachte.  Er  machte  den  Versuch,
1635  auch  auf  der  See  dem  Feinde  entgegen  zu  treten.  Im  Februar  1675  erteilte
er  die  ersten  Kaperbriefe,  bald  darauf  schloß  er  den  ersten  Vertrag  mit  dem  Schöffen
der  Stadt  Middelburg,  Benjamin  Raule,  wonach  dieser  die  ersten  drei  brandenburgischen
  Schiffe  auszurüsten  hatte.  Drei  weitere  Schiffe  wurden  in  Amsterdam
auf  brandenburgische  Kosten  übernommen  und  ein  Marinier-Regiment  angeworben.
4  die  Schweden  waren  inzwischen  immer  weiter  vorgedrungen  und  übten
Schandthaten,  die  kaum  hinter

denen  des  dreißigjährigen

Krieges  zurückstanden,  wenn

4  auch  mancher  Befehlshaber

sich  Mühe  gab,  die  Disziplin

⅛.  -  strenger  zu  handhaben.  Bei
Stettin  hatten  sie  die  Oder

F#  errschriten  waren  bis  in
#  unmittelbarste  Nähe  Berlins

  gelangt,  besetzten  die

.  wichtigsten  Pässe  über  die
Jej-  Havel.  Der  ülergang  über
die  Elbe  stand  bevor,  es  drohte

die  Vereinigung  mit  Han-6


—.—  nover,  die  Überrumpelung
W  7  —  Magdeburgs.  Und  weder  der
*  Statthalter  in  den  Marken,
der  Fürst  von  Anhalt,  noch
E—  ½  die  Bürger  oder  Bauern,  die
In  das  Stammhuch  des  Grasen  v.  Baudissin  geichrirden.  In  Gröde  teils  auf  Befehl  des  Fürsten

deso  —  jeßt  ini  Berliner  Privatvesit#.0  .  ...
von  Anhalt,  teils  freiwillig

  

ü  bertragung.

windt  ondt  negen  «  sich  bewaffnet  hatten,  konnten
Wir  offt  Sptgegen  ihnen  erfolgreichen  Wider-Ducke
  mich  laß  Vor  Vber  gan  .  .  .
W  usw-kqu»k...w.»k»«k..  stand  leisten.  Immerhin  zeigte
or#  Derfflinger  Cen:  well  chimeister  diese  Erhebung  des  Volkes,

d  obrister  n  Roß  den  t  Ma  -  .  .  .  ...
dkksksogmzsykmssgzmx-"."  soweit  sie  eine  freiwillige
        <pb n="273" />
        Rathenow.  —  Nauen.

w  schon  von  dem  Beginn
einer  vaterländischen  Gesinnung,
und  recht  treuherzig  war  der
Ausdruck,  den  ihr  Bauern  in
der  Altmark  gaben,  wenn  sie
auf  eine  noch  heut  vorhandene
Fahne  die  Inschrift  setzten:
„Wihr  Bauern  von  geringem
Guth  Dienen  unsern  gnädigen
Kurfürsten  und  Herrn  mit  unsern
Blut.“

Im  Mai  aber  war  der
Kurfürst  und  sein  Heer  vom
Main  aufgebrochen  und  führte
nun  jenen  wunderbaren  Ge-Hüsssb
  aus,  der  ihn  schon

am  20.  Juni  nach  Magdeburg
führte.  Am  23.  in  der  Frühe
brach  er  mit  der  Kavallerie,
mit  600  Dragonern  und  1350
Fußtruppen  auf,  erschien  vor
Nathenow,  dessen  Kommandant,
  Oberst  von  Wangelin,  von
seiner  Ankunft  nichts  ahnte.  Am
25.  morgens  erfolgte  der  Angriff,
die  Fußtruppen  erstürmten  eine
Stadtpforte  und  das  Mühlenthor,
die  Dragoner  unter  Derfflinger
drangen  durch  das  Havelthor
ein.  Die  Uberrumpelung  war
vollständig  gelungen,  und  die
Verbindung  der  schwedischen
Truppen  durchrissen,  der  geplante
Elbe-Ubergang  unmöglich  gemacht.
  Am  27.  erreichte  die
Kavallerie  die  Nachhut  des
Generals  von  Wrangel,  der  sich
von  Brandenburg  aus  schleunigst
mit  seinem  Bruder,  dem  Feldmarschall,
  zu  vereinigen  suchte.
Bei  Nauen  wurde  sie  verdrängt.
Am  nächsten  Morgen  —  Freitag
den  28.  Juni  —  hatte  der  Prinz
von  Homburg  mit  seinen  1500
bis  2000  Reitern  die  Schweden
kurz  vor  Fehrbellin  eingeholt,
zwang  Wrangel,  seine  Stellung

 

—
□##'#
#

Rathenow.
aus  M.  Zeitler  Topographin  Elcctoralus  Drandenburgici  etc.  Franlsurt  a.  M.  O.  J.  (eiwa  1652)  bei  Malh.  Merians  sel.  Erben.  Verkleinerung  auf  die  Hölfte.
        <pb n="274" />
        184  Fehrbellin.

    
 

26  et  wle  dle
—  wkirme  bel
dem  Dorf  Linuen  #1
14  eben  d  2
Won  Natenau  2
ir  ebracht.  )
Num.  2.  Wle  selbige
auß  sasa  Er.

.  a..le·ll0

Plan  der  Schlacht  bel  Fehrbellin.  ——

Nach  Merlans  „Theatum  Europacum=  XI.,  Franksurt  a.  M.  1682.  Srt  9¾bs  nn

„Bezeichnung,  Was  aaicher-  ber  u  l:  W7  Armee  und  der  Chur-  #  h  "ua

broüdenb  en  enn  4lt“  9  liy  Eiei)  Ao.  1675  zwischen  den  Leont  W  Hece

wehr  bey  Linum  anet  0  !  Kn  auff  dem  *  ein  Bellin  passiret  ist:  bbrs

·  Judokas-its  *—  .  sidde  un  Donsorfsũchen  (sic  33  1r—n*  s  nns

Berg  vor  die  2  Se  s  und  gegen  den  Feind  avancirct  1  uf  (  14½%  —
dle  2  Stücke  gestan  Comment  —  wie  selbige  in  der  Schweden  sucht  Wehdn  55  tn  Latei

(.  Die  VB  b  #1#  l  die  wedische  Arm  und  dem  Morast  auf
flachilge  ——  Siis  n  —  Fran  2  -benbergische  u  Punn  “  I  MHIMUIIMIM
Ionsetllaaqchcommeatlhuadsakcha  akde  Commentiret  n  Bellin  1  Tser  2
ple  er  mit  der  —  *  die  Stroßen  verser  en  Im  hinderte  uns  6  Metallener  der  Chnera

Stuck  (das  6te  Stuck  itt  hter  Bataille  erobert)  Bagage,  ub.  Cavallerie  ur
einige  Häuser  in  Fehr-Bellin  Set  und  wie  sie  Wadich  en  btntn  n  v  t  *rt  □—  A  versoget
irten  mann  Infanterie

men.  I1.  n  Com  Obrist
2.  von  Kann,  weche  Se  dem  Trefsen  erst  nachro  n  esn  denn  nht  .  Treffen
kein  mann  zu  Fuß  gewesen.  mdenbg.  Stucke  na  e  ie  dehnen  Trouppen  den
Feindt  mit  versolget  und  —  böchten  wieder  gepflandet

bei  Linum  aufzugeben  und  sich  weiter  bis  nach  Hakenberg  zurückzuziehen.  Unter  dem
Schutz  der  Dragoner  konnten  die  Brandenburger  nun  ihre  wenigen  Geschütze  auffahren.
Mit  gewaltigem  Stoße  drang  schwedische  Infanterie  und  Reiterei  gegen  sie  vor,
aber  nach  heißem  Kampf  mußte  sie  gasee  die  Geschütze  waren  gerettet.  Immer
aufs  neue  führte  der  Kurfürst  —  das  Fußvolk  war  noch  nicht  heran  —  selbst
seine  Schwadronen  gegen  den  Feind.  „Wie  zwei  funkelnde  Kometen  erschienen
seine  Augen“,  unausgesetzt  war  er,  wie  der  fast  siebzigjährige  Derfflinger  im
heftigsten  Gedränge,  im  schlimmsten  Kugelregen,  um  mit  seinen  Soldaten  zu  siegen
oder  ritterlich  zu  sterben.  Unmittelbar  neben  ihm  sank  sein  Stallmeister  Emanuel
von  Froben,  von  einer  schwedischen  Kugel  tödlich  getroffen  vom  Pferde.  Endlich
zog  sich  der  Feind  nach  Fehrbellin  zurück,  suchte  am  nächsten  Morgen  zu  entkommen.

gab  es  hier  und  da  ein  Gefecht,  ein  Scharmügzel,  aber  weiter  und  weiter
mußten  die  Schweden  weichen,  mußten  die  ganze  Mark  räumen.
        <pb n="275" />
        Fehrbellin.  185

Das  war  ein  Waffenerfolg,
so  glänzend  wie  ihn  nur  je  die
berühmtesten  Feldherrenerfochten.
Mit  etwa  6000  Reitern  ohne
jedes  Fußvolk  waren  die  noch
immer  für  unbesiegbar  gehaltenen,
  fast  doppelt  so  starken
Schweden  völlig  geschlagen  und
ihnen  die  Verbindung  mit  ihren
Freunden,  den  Hannoveranern,
unmöglich  gemacht.  Damals  war

emporranken  konnte,  aus  dessen
Kraft  ihm  die  Hoffnung  auf  eine
neue  Herrlichkeit  des  Vaterlandes  #vers  einer  Medaille  auf  die  Schlacht  bei  Fehrbellin.
entsproßte.  Es  war  aber  auch  In  Gröbe  bes  Originals  (Sllbch  in  Kgl.  Monztadlnett  zu  Berlin.

 

Die  Reit  dergrund  Und  Kursü  "l
ein  nationaler  Erfolg  von  der  und  E  E  Bern  W  bee  Eoeld
größten  Bedeutung,  es  *  ein  dlich  getrosfen,  vom  Pierde  finkt.

Schlag  gegen  die  schwedische

Fremdherrschaft,  der  wugleich  Frankreich  traf.  Denn  auch  den  französischen
Ubermut  durfte  man  hoffen,  wieder  zügeln  zu  können,  wenn  Frankreich  nicht
mehr  auf  Schweden  zu  zählen  vermochte,  wenn  die  Schweden  völlig  von  der
deutschen  Scholle  verjagt  wären.

 

 

 

 

Schloß  und  Stadt  Wolgast.
issit  s!ss  1  Kupferstich  in  M.  Zeliler  „Tepegrapbis  Rleslerstas  Brandeobur
Franklurt  O.  J.  (eiwa  ess)  bei  M.  Merlans  sel.  erben.  Vernelnerung  r  gr  benn
        <pb n="276" />
        186  Kampf  in  Pommiern.

 

Beschießung  von  Wolgast  1675.

Gobelin  im  enzollern=  Museum  zu  Berlin,  wahrscheinlich  nach  Entwurf  von  Ab  Cornel  elj
obeli  Oobens  ¶t  16097)  Gbtrte  von  9ö.  —t  un  .  ier.  sbe

Zunächst  wichen  sie  nach  Mecklenburg,  und  ihre  Niederlage  machte  auch  ihren
übrigen  Feinden  Mut.  Nun  da  Brandenburg  die  Bahn  gebrochen,  fingen  auch
die  Verbündeten  an,  einige  Thätigkeit  zu  zeigen.  Dänemark  schloß  im  Oktober
mit  Brandenburg  ein  Bündnis,  verabredete  in  Gadebusch  mit  dem  Kurfürsten

10/5  einen  Kriegsplan.  Hannover  sah  sich  zu  einem  Neutralitätsvertrag  mit  Brandenburg
  genötigt,  selbst  einige  kaiserliche  und  kursächsische  Regimenter  erschienen.  Der
Reichstag  erklärte  den  Reichskrieg  und  sicherte  dem  Kurfürsten  „behörige  Satisfaktion“
  zu.  Brandenburgische  und  braunschweigische,  sowie  münstersche  Regimenter
bereiteten  den  Schweden  im  Bremischen  Verlegenheiten,  die  durch  brandenburgische
Schiffe  an  der  Wesermündung  noch  vermehrt  wurden.  Der  Kurfürst  eilte  nach
Pommern,  nahm  im  Oktober  Wollin,  eroberte  im  November  Wolgast,  und  wenn
auch  die  Belagerung  Stettins  noch  unterbleiben  mußte,  so  war  doch  Schweden  sowohl
wie  auch  das,  bei  Saßbach,  an  der  Conzerbrücke,  sowie  durch  die  Wiedereroberung
von  Trier  und  vor  allem  durch  seine  inneren  Verhältnisse  schwer  geschädigte  Frankreich
  zum  Frieden  geneigt.  Jetzt  indessen  war  selbst  der  kaiserliche  Hof  wenigstens
der  Meinung,  daß  man  das  schwedische  Joch  abschütteln  müsse,  und  der  Kurfürst
brachte  in  der  That  trotz  schlimmster  Geldnot  die  Mittel  für  den  nächsten  Feldzug
zusammen,  selbst  einige  Schiffe  konnte  er  durch  Raule  wieder  ausrüsten  lassen.
Er  hoffte,  „daß  Gott  seine  Waffen  segnen,  daß  er  ganz  Pommern  okkupieren“
und  die  Schweden  „hinter  ihre  Scheeren“  zurückiagen  werde.  Das  hing  nun
aber  wesentlich  von  der  Einnahme  Stettins  ab,  und  dies  sollte  noch  unendliche
Mühe  und  Anstrengungen  verursachen.  Zunächst  wurde  der  Versuch  des  schwedischen
  Generals  Königsmark,  Wolgast  wieder  zu  nehmen,  vereitelt,  eine  dänisch-
        <pb n="277" />
        <pb n="278" />
        RCVR

 

Eroberung  von  Stettin,  5
Radierung  in  der  Art  des

Verner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates.  2.  Aufl
        <pb n="279" />
        jEnde  Dezember  1677.
#  Romenn  de  Booghe.

Verlag  von  Emil  Stauß  in  Bonn.
        <pb n="280" />
        <pb n="281" />
        Stettin.  —  Die  Verbündeten.  —  Rügen.  187

holländische  Flotte  erfocht  im  Juni  1676  bei  Bornholm  einen  Sieg  über  die
schwedische,  bei  welchem  brandenburgische  Schiffe  eine  Fregatte  und  einen  Brander
aufgriffen,  der  Kurfürst  nahm  die  Peenemünder  Schanze,  Anclam,  Demmin,
Löckuitz,  Damm.  Damit  war  Stettin  umschlossen,  aber  die  eigentliche  Belaerong
  mußte  man  auf  das  nächste  Jahr  verschieben,  zumal  der  Einfall  Polens,
das  Frieden  mit  der  Türkei  geschlossen  hatte,  ummittelbar  bevorzustehen  schien.
Dazu  wurde  es  schon  immer  klarer,  wie  wenig  die  Verbündeten,  wie  wenig  insbesondere
  der  Kaiser  trotz  aller  Zusagen  in  Wirklichkeit  gewillt  waren,  dem  Kurfürsten
  im  Frieden  —  zu  dessen  Abschluß  unter  Englands  Vermiktlung  in  Nymwegen
  ein  Kongreß  zusammengetreten  war  —  Pommern  wirklich  zu  überlassen.
Die  Beliebtheit  des  Prinzen  von  Oranien,  auf  dessen  Persönlichkeit  allein  der
Bund  mit  Holland  beruhte,  erlitt  infolge  seiner  unglücklichen  kriegerischen  Unternehmungen
  schwere  Einbuße.  Auf  dem  Kriegstheater  am  oberen  Rhein  hatten
die  Verbündeten  nur  Verluste,  selbst  Freiburg  fiel  in  die  Hände  der  Franzosen.
Immer  mehr  drängten  daher  die  Generalstaaten,  drängten  auch  der  Kaiser  und
England  zum  Frieden,  bevor  der  Kurfürst  Stettin  erobert  habe.  Allein  nach
erfolgter  Eroberung  Stettins  konnte  auch  der  Kaiser  höhere  Ansprüche  machen,
und  dadurch  ward  er  zunächst  noch  von  einem  voreiligen  Friedensschluß  zurückgehalten.
  Denn  die  Eroberungen  in  Pommern  boten  den  einzigen  Ersatz  für  die
Verluste  Spaniens,  das  immer  weniger  leistete,  und  mit  jenen  hoffte  man  diese
wett  zu  machen.

Doch  bis  in  den  September  währte  es,  bis  der  Kurfürst  mit  voller  Kraft
gegen  Stettin  vorgehen  konnte,  und  bis  Ausgang  Dezember  wehrte  sich  die
Stadt  mit  heldenmütiger  Tapferkeit.  Endlich  war  sie  zur  Kapitulation  gezwungen,
und  am  6.  Januar  1678  hielt  der  Kurfürst  seinen  Einzug  in  Stettin.  Aufs
freudigste  waren  die  Bürger  enttäuscht,  als  statt  der  tyrannischen  Willkür,  die
man  ihnen  vorgespiegelt,  die  „kurbrandenburgische,  gnädige  Leutseligkeit,  mit  der
tapferen  Großmütigkeit  vergesellschaftet"“  ihnen  entgegen  lächelte;  und  der  edle
schöne  Anstand,  womit  der  Kurfürst  die  Begrüßung  der  Stadt  euegemahm  und
ihr  alle  Rechte  bestätigte,  eroberte  ihm  vollends  die  Herzen  der  Bürg

Gewiß  war  allen  Verbündeten  diese  neue  glorreiche  That  Friedric  Wilhelns
hochwillkommen,  aber  ebenso  gewiß  war  man  nicht  gewillt,  ihm  die  Früchte  seiner
Mühen  zu  gönnen,  obwohl,  von  Dänemark  abgesehen,  keiner  der  Verbündeten  Erfolge,
  ja  kaum  ernsthafte  Mühen  aufzuweisen  hatte.  „Es  gefalle  dem  Kaiser  nicht,
daß  an  der  Ostsec  sich  ein  neuer  König  der  Vandalen  erhebe“  —  das  war  die  Stimmung
  am  Wiener  Hofe,  sie  entsprach  der  nur  allzu  vieler  deutschen  Fürstenhöfe,
und  mit  unterwürfigster  Demut  bettelten  die  Staaten  bei  Ludwig  XIV.  um  Frieden.
Sie  und  ebenso  der  Kaiser  —  aufgefangene,  wenn  auch  unechte  Briefe  bewiesen
es  —  waren  völlig  bereit,  die  erste  Forderung  Ludwigs,  die  Rückgabe  Pommerns
an  Schweden  zuzugestehen.  Selbst  der  Prinz  von  Oranien,  nun  mit  der  Tochter
Karls  II.  von  England  verlobt,  verabredete  mit  diesem  Friedensbedingungen,  ohne
von  ihnen  dem  Kurfürsten  auch  nur  Mitteilung  zu  machen.  Er,  auf  den  Friedrich
Wilhelm  am  sichersten  gezählt,  hatte,  so  meldete  der  brandenburgische  Gesandte,  die
Rückgabe  aller  Eroberungen  an  Schweden  zugestanden  (Juli  1678).  Um  so  mehr
nur  eilte  Friedrich  Wilhelm,  neue  Waffenerfolge  zu  erringen,  und  namentlich  die  Flotte
sollte,  wie  schon  vor  Stettin  gute  Dienste  leisten.  Rügen,  das  die  Schweden
während  der  Belagerung  Stettins  den  Dänen  entrissen  hatten,  wurde  mit  der

1677

1677

1678
        <pb n="282" />
        188  Pommern  von  den  Schweden  befreit.

 

Landung  des  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm  auf  Rügen  1678.

Gobelin  im  Hohenzollern.  Museum  zu  Berlin,  wahrscheinlich  nach  5.S  dl  (raham  Cornelis  Vegeiin
(#  1697)  gewirkt  von  den  Gebr.  Casteels  und  P.  M

größten  Anstrengung  im  September  1678  zurückerobert,  Stralsund  im  Oktober,
Greifswald  im  November  zur  Kapitulation  gezwungen.  Ganz  Pommern  war  von
den  Schweden  befreit,  und,  was  für  die  Folge  noch  wi  htiger  war,  der  immer
steigende  Waffenruhm  der  brandenburgischen  Armee  wurde  ein  Band,  das  alle
Länder  des  werdenden  Staates  umfaßte  und  einigte.  Die  persönliche  Feldherrngröße
  des  Landesherrn  und  der  überall  mit  Jubel  begrüßte  Erfolg  seines  Heeres
wurden  22  auch  für  den  Zusammenschluß  der  Länder  von  der  allergrößten
Wichtig
m  ur  —  Treue  der  Verbündeten  stand  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  den
außerordentlichen  Leistungen,  den  großartigen  Erfolgen  des  Kurfürsten.  In  Spanien
und  in  Holland  hatten,  da  Frankreich  nach  dem  Abmarsch  der  Brandenburger  das
Ubergewicht  vollauf  behauptete  —  nur  zu  richtig  hatte  Ludwig  den  Wert  des
        <pb n="283" />
        Winterfeldzug.  —  Friede  zu  Nymwegen.  189

schwedischen  Einfalls  berechnet  —  die  Friedensparteien  die  Oberhand.  Obwohl
Friedrich  Wilhelm  auch  jetzt  wieder  6000  Mann  unter  General  Spaen  nach  dem
Rhein  gesandt,  und  obwohl  man  ihm  vertragsmäßig  zugesichert  hatte,  nicht  ohne
ihn  mit  dem  Feinde  zu  verhandeln,  schlossen  Spanien  und  Holland  mit  Frankreich

im  September  1678  den  Frieden  von  Nymwegen,  in  dem  Holland  zwar  selbst  1636
nichts  aufgab,  aber  die  Rückgabe  aller  Verluste  Schwedens  zugestand.

Was  konnte  mithin  für  Ludwig  XIV.  wichtiger  sein,  als  die  Demütigung,
die  er  dem  Kurfürsten  durch  den  schwedischen  Einfall  zu  bereiten  gedacht,  jetzt
wo  er  zweier  Feinde  entledigt  war,  unter  allen  Verhältnissen  zur  Wahrheit  zu
machen.  Seine  Geldmittel  rüsteten  Schweden  aufs  neue  aus,  und  indem  nun  die
Schweden  mit  Macht  in  Preußen  einfielen  und  auf  die  bilfreiche  Hand  der  Polen
mit  Zuversicht  rechnen  konnten,  andererseits  aber  Ludwig  in  den  rheinischen  Ländern
Brandenburgs  vordrang,  schien  kein  Zweifel,  daß  man  doch  noch  dem  Kurfürsten
den  Garaus  machen  werde.  Gleichwohl  erbot  er  sich  in  Wien  zu  jeder  Aktion
gegen  Frankreich  und  erklärte  sich  bereit,  außer  den  6000  Mann  unter  General
von  Spaen  noch  10—12000  Mann  am  Rhein,  oder  wo  es  der  Kaiser  nur
wünsche,  operieren  zu  lassen.  80  000  Mann  könne  man  ohne  Mühe  gegen
Frankreich  allein  aufstellen,  zumal  Schweden  schon  so  tief  gedemütigt  sei.  Aber
eben  daß  Brandenburg  dies  Verdienst  zukam,  daß  der  Preis  des  Sieges  dem  Kurfürsten
  zufallen  mußte,  erschreckte  in  Wien.  Und  ohne  Skrupel  darüber  zu
empfinden,  daß  man  sich  verpflichtet  hatte,  dem  Kurfürsten  Hilfe  zu  leisten,  wenn
sein  Land  angegriffen  würde,  fand  man,  „daß  Kaiserl.  Maj.  nicht  schuldig  sei,
den  Krieg  zu  kontinnieren,  um  andere  groß  zu  machen."“  Und  wenigstens  der
Ruhm  und  das  Ansehen  Friedrich  Wilhelms  wurden  immer  größer.  Denn  auf
den  Einfall  der  Schweden  in  Preußen  folgte  nun  jener  unbeschreiblich  großartige
Winterfeldzug  in  diesem  Lande,  jenes  unübertrefflich  herrliche  Verjagen  der
Schweden  aus  allen  Stellungen,  zuletzt  auf  Schlitten  über  das  fest  gefrorene
frische,  über  das  kurische  Haff  bis  zwei  Tagemärsche  vor  Riga.  Trotz  eigener
Krankheit  hatte  der  Kurfürst,  begleitet  von  seiner  zweiten  Gemahlin  Dorothea,
sich  wieder  an  die  Spitze  seiner  Truppen  gesetzt  und,  unterstützt  von  Generalen
wie  Derfflinger,  Görtzke,  Hennigs  von  Treffenfeld  und  Schöning,  nicht  nur  bei
furchtbarster  Kälte  mit  der  Armee  in  zwölf  Wochen  hundert  Meilen  zurückgelegt,
sondern  „in  zwei  Tagen“  den  Feind  aus  dem  Lande  geschlagen,  die  feindlichen
Truppen  förmlich  zermalmt;  nicht  3000  von  18000  Mann  Schweden  kamen  nach
Livland  zurück.  Alle  ihre  Lorbeeren  mußten  die  Schweden  vor  der  überlegenen
Feldherrugröße  des  Kurfürsten  dahinwelken  sehen.

Da  erreichte  diesen  in  Königsberg  Ende  Februar  die  Nachricht,  daß  auch  der
Kaiser  zugleich  im  Namen  des  Reiches  mit  Ludwig  Frieden  gemacht,  die  Rück=  1679
gabe  Pommerns  an  Schweden  zugesagt  habe.

Und  diese  Nachricht  war  die  Wahrheit.  Wieder  einmal  hatte  neben  den
anderen  Verbündeten  auch  der  Kaiser  die  deutschen  Küsten  geopfert,  hatte  sie  geopfert
  zu  einer  Zeit,  wo  Brandenburg  sie  mit  den  schwersten  Opfern  neu  erobert
hatte,  wo  mehr  als  je  das  deutsche  Interesse  es  erforderte,  daß  eine  Macht  geschaffen
  werde,  die,  im  Rücken  gedeckt,  sich  ganz  gegen  Frankreich  wenden  könne.
Aber  in  der  Eifersucht  auf  Brandenburg  hatte  man  die  schimpflichsten  Bedingungen,
die  zweideutigsten  Bestimmungen  angenommen  ohne  Rücksicht  darauf,  daß  ein  verhältnismäßig
  großes  kaiserliches  Heer  gegen  Ludwig  im  Felde  lag,  daß  nun  nach
        <pb n="284" />
        der  vollkommenen  Besiegung

Friede  zu  St.  Germain.

Schwedens  Brandenburg  und  auch  Dänemark  im
stande  waren,  mit  voller  Kraft  Frankreich  gegenüberzutreten.  Selbst  der  Kaiser
geriet  in  Verlegenheit,  als  man  ihn  zu  diesem  Frieden  beglückwünschte,  der
Schwedens  Stellung  im  Reich  wieder  herstellte,  der  Frankreich  zum  Herrn  des

 

Dorothea,  geb.  Herzogin  v.  Hlse  it  iarer  "“„  zweite  Gemahlin  des  Kurfürsten
rich  Wille

Nach  dem  Gemälde  von  Jacob  Fir  (I1028—  im  Kal.  Schlosse  zu  Berlin.

Elsaß  machte  und  ihm  eine  Etappenstraße  von  der  Maas  bis  zum  Rhein,  den

freien  Zugang  zu  Deutschland  übergab.  Aber  das  Reich  nahm  den  Frieden  an,

der  Kaiser  vollzog  ihn,  und  Ludwig  rückte  nun  gegen  seinen  Hauptfeind  bis  an

die  Weser  vor,  drohte  —  Hannover  versagte  dem  Kurfürsten  den  zum  Schutze
        <pb n="285" />
        Friede  zu  St.  Germain.  191

von  Cleve  erbetenen  Durchmarsch  —  über  Minden,  Halberstadt,  Magdeburg  nach
Berlin  zu  marschieren.  Da  mußte  auch  Friedrich  Wilhelm  dem  König  sich  ergeben.
  Was  er  auch  noch  versuchte  zu  erreichen,  wie  er  sich  auch  mühte,  hinreichende
  Streitkräfte  aufzubringen  oder  im  Wege  der  Unterhandlungen  wenigstens
Stettin  zu  retten,  es  war  alles  umsonst,  und  ein  tollkühnes  unüberlegtes  Vorgehen
  wäre  nicht  nach  der  Art  des  Kurfürsten  gewesen.  „Denn  nicht  allein  diejenigen
  sündigen“,  schrieb  er  später,  „die  einen  ungerechten  Krieg  beginnen,  sondern
  auch  die,  welche  in  gerechter  Sache  die  Waffen  ergreifen  ohne  Hoffnung  auf
Erfolg,  ohne  den  Ernst  der  Vorbereitung  und  Berechnung,  die  das  furchtbare
Kriegsspiel  erfordert."  Im  Frieden  zu  St.  Germain  en  Laye  am  29.  Juni  1679  1670
hab  er  ganz  Pommern,  gab  er  alle  Früchte  des  mühseligen  Krieges  an  Schweden
zurück.  „Ganz  Deutschland  war  in  Erstaunen,  daß  der  Besiegte  alles  behielt,
der  Sieger  nichts  als  die  Schande"“,  so  schrieb  selbst  der  kaiserliche  Historiograh
—  nur  daß  er  Schaden  mit  Schande  verwechselte,  und  die  Schande  auf  Seite
derjenigen  war,  die  den  Sieger  wieder  einmal  im  Stiche  gelassen  hatten.  Denn
„nicht  der  König  von  Frankreich  sei  es,  der  ihn  zum  Frieden  zwinge,  sondern
der  Kaiser,  das  Reich,  seine  Verwandten  und  Bundesgenossen;  dereinst  würden
sie  es  bereuen,  wozu  sie  ihn  gezwungen,  und  ihr  Verlust  würde  so  groß  sein,  wie
jetzt  der  seine“  —  so  urteilte  Friedrich  Wilhelm;  aber  sein  Wunsch  war,  wie  er
den  Holländern  schrieb:  „daß  Gott  ihren  Stoat  inskünftige  vor  allem  Unglück
und  feindlichen  Uberfall  bewahren  wolle,  auf  daß  sie  nicht  einst  zu  ihrem  Schaden
gewahr  werden  möchten,  was  es  nach  sich  ziehe,  getreue  Freunde  zu  verlassen".
Ihm  hatte  der  Friede  von  Nymwegen  den  Boden  seiner  Politik  entzogen;
jede  Hoffnung,  gemeinsam  mit  dem  Kaiser  des  deutschen  Reiches  Interesse  zu  ver-*
  gemeinsam  mit  den  Verbündeten  die  Freiheit  Europas  gegen  den  französibermut
  zu  retten,  war  aufs  gründlichste  zerstört.  Er  mußte  sehen,  wie  er
äh  irte  und  wenn  es,  nach  seinem  Ausdruck,  sein  Herz  drückte,  daß  er  als
Deutscher  geboren  sei,  wenn  er  „unter  ihnen  nichts  sah,  als  Ungercchtigkeit",
dann  mußte  er  doppelt  so  scharf  zusehen,  wie  er  seinen  Staat,  wie  er  den  Staat
rette,  der  allein  die  Feinde  des  Reiches  gedemütigt  hatte.

 

Stasfage  des  Stiches  „Die  VBelagerung  von  Steltin“  durch  Kurfürst  Friedrich
Wilhelm  1677  in  P.  Valckenier  „Das  verwirrte  Europa“.  Amsterdam  1688.
        <pb n="286" />
        —  brandenburgische  Marine  auf  offener  See.
Nach  dem  1634  entstant  ,  erst  neuerdings  in  seiner  27.  Bedeutung  gewürdigten  Gemälde  von  Lieve
Berschuier  (  zu  —  —  ledt  im  Acbeitszimmer  Sr.  Maj.  Kaiser  Wilhelms  II.  im  Kal.  Schlosse  zu  Berlin.
Dle  Flagge  zelgt  den  rolen  brandenburoschen  Adler  Im  welben  Gelde.

Das  lehle  Jahrzehnk.  1679—1688.

Abitterung  und  Empörung,  Groll  und  Zorn,  so  hat  man
damals  gesagt  und  so  sagt  man  auch  neuerdings  wieder,
habe  nach  den  Friedensschlüssen  von  Nymwegen  und
St.  Germain  des  Kurfürsten  Politik  beherrscht.  Nur
der  Unwille  über  den  Verrat  habe  ihn  dahin  geführt,
von  einer  weiteren  Verbindung  mit  dem  Kaiser  abzusehen
  und  Anschluß  an  Frankreich  zu  suchen.  Es  war
doch  bei  weitem  nicht  so.  Gewiß  wallte  des  Kurfürsten

«  in  heftigstem  Zorn  auf,  wenn  er  gedachte,  wie

e  Bundesgenossen  ihre  Versprechungen,  ihn  zu  ver-—

  —  guer  ihm  „Satisfaktion"  zu  geben,  nicht  ohne  ihn
Drut  von  Melchlor  Lobher.  Leloig  165.  Frieden  zu  schließen,  gehalten  hatten.  Gewiß  hatte  er
ein  Recht  darauf,  ihnen  ihre  Treulosigkeit  vorzuwerfen,

und  seine  sittliche  Entrüstung  über  sie  hat  er  nicht  verhehlt.  Aber  eutfernt
nicht  gestattete  er  seiner  Leidenschaft  Einfluß  auf  seine  Politik;  mit  der  äußersten

Besonnenheit  vielmehr,  der  vorsichtigsten  Klugheit  leitete  er  die  Geschicke  seines
        <pb n="287" />
        Anschluß  an  Frankreich.  193

 

 

Das  Kurfürstliche  Lustschloß  Bornim.
Ecbaut  von  Frhee  Lercaeic  Wilhelm  nach  1664.  Nach  einem  *V  von  Samuel  Blesendorf
(1660—1706)  i  „Theaums  Brandenburgicus  zelece  l  Bd  Cölln  a.  Spree,  1696
(#Eii  Ulr.  Liebpert.  Auf  /  verkleinert.  E  .S.  107.)

Staates.  Eine  energische  deutsche  Politik  zu  treiben  oder  gar  für  Kaiser  und
Reich  das  Schwert  zu  ziehen:  das  hatte  man  ihm  nicht  etwa  nur  verleidet,  sondern
völlig  unmöglich  gemacht.

Das  war  nach  all  den  unseligen  Feldzügen,  der  elenden,  von  den  Zeitgenossen
  heftig  genug  beklagten  Kriegführung  vornehmlich  klar,  daß  damals  keiner
der  Verbündeten  imstande  war,  Frankreich  die  Stirne  zu  bieten,  ja  daß  kaum  einer
von  ihnen  auch  nur  den  rechten  Ernst  dafür  hatte.  Immer  wieder  im  Stich
gelassen,  hätte  der  Kurfürst  in  vollster  Verblendung  leben,  seinen  Staat  in  unverantwortlichem
  Leichtsinn  vollständig  aufs  Spiel  setzen  müssen,  wenn  er  selbst#jetzt
noch  ihnen  getraut  hätte.  Wagehalsig  hätte  er  nur  sich  selbst  und  seinem  Staat
das  gewisse  Grab  geöffnet.  Und  wenn  er  von  seinen  natürlichen  Bundesgenossen
verlassen,  wenn  Schweden  ihm  wieder  auf  den  Nacken  und  Polen  ihm  in  die
Flanke  gesetzt  war,  wenn  die  deutschen  Nachbarfürsten  zum  guten  Teile  mit  argwöhnischen
  und  habgierigen  Blicken  um  ihn  gelagert  waren,  wenn  in  dieser  ver-—
  und  ausgesetzten  Lage  alle  Kräfte  des  Staates  von  Grund  aus  für  die

eutsche  Sache  vergeblich  erschöpft  waren,  und  das  dringendste  Bedürfnis  vorlag,
irgend  eine  Stüte,  irgend  einen  Halt.  zu  finden,  so  war  eben  kein  anderer  vorhanden,
  als  bei  demjenigen,  den  man  mit  der  größten  Willenskraft  bisher  bekämpft,
dem  man  Schaden  und  Verluste  beigebracht,  wie  er  sie  von  keinem  anderen  erlitten.
Schon  aber  eilten  nicht  nur  die  Schweden,  sondern  auch  die  bisherigen  Verbündeten,
  dem  Kurfürsten  in  Paris  zuvorzukommen  und  dort  einen  Bund  —  zu
bringen,  dessen  Spitze  sich  gegen  ihn  kehren  sollte.  Und  wenn  er  schon  wußte,
daß  das  Oberhaupt  des  Reiches,  daß  der  Kaiser  sich  jetzt  nicht  einmal  gescheut
hatte,  mit  seinen  ärgsten  Feinden,  den  Schweden,  sich  zu  vereinigen,  wie  sollte  er
nicht  sehen,  daß  diese  Vereinigung  ihn  vollends  verderben  mußte?

Was  anders  konnte  also  das  nächste  Ziel  seiner  Politik  sein,  als  die  Sicherung
  seines  eigenen  Staates?  Doch  wenn  alle  ihm  feindlich  gesinnt  waren,  so“
blieben  ihre  auf  seinen  etwaigen  Untergang  gerichteten  Entwürfe  doch  abhängig

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates
        <pb n="288" />
        194  Vertrag  mit  Frankreich.  —  Reunionskammern.

von  dem  Herrn,  der  unbedingt  über  die  Geschicke  Europas  zu  gebieten  schien,
und  wieder  dieser  hatte  ein  Recht  darauf",  dem  Kurfürsten  Feind  zu  sein,  und
war  doch  der  einzige  zugleich,  dessen  guter  Wille  die  Rettung  ermöglichte.  Aber
wie  die  doch  wahrlich  verdiente  Abneigung,  das  wahrlich  gerechtfertigte  Mißtrauen
König  Ludwigs  überwinden?  Nur  ein  Zugeständnis  gab  es,  das  für  diesen  von
ert  war,  und  das  war  die  Kaiserkrone.  Denn  eben  nach  dieser  strebte  sein
Ehrgeiz.  Da  ging  der  Kurfürst,  klar  und  entschlossen,  wie  er  stets  war,
1679  auf  dieser  Grundlage  mit  dem  König  Ludwig  ein  Bündnis  ein  (25.  Oktober  1679)
und  stellte  ihm  unter  Umständen  die  Kaiserkrone  in  Aussicht.  Dafür  erhielt  er
Subsidiengelder  und  Auerkennung  der  Jägerndorfschen  Ansprüche  zugesichert.  Aber
der  Eintritt  dieser  Umstände  war  so  völlig  unwahrscheinlich,  und  das  Zugeständnis
war  durch  den  brandenburgischen  Gesandten  Otto  von  Meinders  in  Formen  gefaßt,
die  den  König  von  vornherein  überzeugen  mußten,  daß  diese  Verpflichtung  eine
praktische  Bedeutung  niemals  gewinnen  werde.  Gleichwohl  nahm  Ludwig,  froh,
den  gefährlichsten  und  thatkräftigsten  seiner  Gegner  zu  gewinnen,  ihn  von  den
übrigen  abzuziehen,  das  Bündnis  an.  Vor  allen  Dingen  erreichte  Friedrich
Wilhelm  das  für  den  Augenblick  Wichtigste:  Ruhe  und  Frieden,  die  Möglichkeit,
die  tiefen  Wunden,  die  der  Krieg  seinem  Lande  geschlagen,  wieder  auszuheilen
und  seine  Kräfte  zu  rüsten  und  zu  stählen  für  den  Augenblick,  da  es  möglich  war,
die  französische  Gewaltherrschaft  wieder  abzuwerfen.  Von  großer  Wichtigkeit  war
ferner,  daß  Friedrich  Wilhelm  im  Bunde  mit  Frankreich  die  von  Schweden  und
Polen  drohende  Gefahr  als  minder  drängend  ansehen  konnte,  daß  die  enge  Verknüpfung
  Schwedens  mit  Frankreich,  die  jener  Macht  fast  allein  noch  Bedeutung
gab,  zerrissen  war.  Im  Bunde  mit  Frankreich  und  doch,  wie  dessen  stets  neues
Mißtrauen  zeigte,  gefürchtet  von  diesem,  durfte  er  hoffen,  allmählich  die  Kraft  zu
gewinnen,  Ludwigs  Uebermut,  sei  es  Mmlomatich  sei  es,  und  währte  es  noch  so
lange,  zuletzt  auch  wieder  militärisch  zu  bändige
Denn  freilich  nur  zu  bald  zeigte  sich,  wie  e  die  unklaren  Bestimmungen
des  Friedens  von  Nymwegen  verstand,  wie  empörend  der  Uebermut,  mit  dem  er
Deutschland  seine  Geißelhiebe  austeilte.  Denn  nicht  nur,  daß  er  Elsaß  und
Lothringen  besetzt  hielt,  Schlettstadt  und  Colmar  beiigte,  setzte  er  vielmehr  die
„Reunionskammern“  ein,  welche  unter  dem  Schein  des  Rechtes  all  diejenigen
Gebiete  bezeichnen  sollten,  die  einst  zu  den  an  Ludwig  abgetretenen  Teilen  des
Reiches  gehört  hätten  und  demnach  von  Frankreich  in  Besitz  zu  nehmen  seien.  In
heiligem  Ingrimm  erzitterte  das  Gemüt  des  Kurfürsten  über  die  Gewaltthaten
Ludwigs  gegen  das  Reich,  aber  mehr  als  immer  neue  Vorstellungen  bei  Ludwig
für  die  Bedrängten  konnte  er  nicht  wagen,  wenn  er  nicht  seine  und  Deutschlands
1  Existenz  aufs  Spiel  setzen  wollte.  Den  Beitritt  zu  einer  „Association“,  die  der
Prinz  von  Oranien  plante,  mußte  er  daher  im  Hinblick  auf  die  vollkommene
Aussichtslosigkeit  einer  energischen  Ausführung  des  Vertrags  umsomehr  versagen,  als
Schweden  zu  den  Teilnehmern  gehörte.  Ja,  mißtrauisch  von  Ludwig  XIV.  und  dessen
Gesandten  in  Berlin  Rebenae  stets  beobachtet,  mußte  er  sich  zu  einem  weiteren  Defensiv-Vertrag
  mit  Frankreich  bequemen,  dessen  Forderung  zwar  zeigte,  wieviel  Wert  Ludwig
auf  das  Bündnis  mit  dem  Kurfürsten  legte,  diesen  aber  durch  die  endlich  durchgesetzte
Anerkennung  des  Nymwegener  Friedens  und  der  Rennionen  aufs  tiefste  demütigte.
Gleichwohl  ließ  es  Ludwig  geschehen,  daß  der  Kurfürst  aufs  neue  Schiffe
ausrüstete,  daß  er  nach  dem  besonders  von  Holland  gegebenen  Beispiel,  um  endlich
        <pb n="289" />
        Die  brandenburgische  Flotte.

die  von  Spanien  mit  trotzigen  Worten
verweigerten  Rückstände  der  Subsidien
einzutreiben,  bei  Ostende  ein  reich
beladenes  spanisches  Schiff  aufbringen
ließ,  daß  er,  sehr  zum  Aerger  der
Holländer,  zwei  Fregatten,  „das
Wappen  von  Kurbrandenburg“  und
den  „Morian“  nach  Guinea  sandte,

daß  er  sogar  1682  eine  afrikanische
Handelsgesellschaft  ins  Leben  rief,
überhaupt  für  die  Hebung  des  Handels
und  der  Industrie  seines  Landes  unermüdlich
  thätig  war,  endlich  daß  er,
von  den  ostfriesischen  Ständen  berufen,
  an  der  Emsmündung  Macht
und  Bedeutung  gewann.  Sein  Haupt-195



 

 

Abfahrt  der  brandenburg.  Schiffe  von  Glückstadt.

tus  Otto  Frledrich  von  der  Gröbens  „Orlentalische  Relse-Beschrelbung

  des  Brandenburgischen  Adelichen  Pilgers“.
Marienwerder  1691.  Auf  u  verkleinert.

augenmerk  aber  richtete  der  Kurfürst
nun,  da  er  der  Häfen  Vorpommerns,  vorzüglich  Stettins,  beraubt  war,  auf  die
breußischen  und  hinterpommerschen  Häfen,  auf  Pillau,  Königsberg  und  Kolberg.
In  Königsberg  und  Kolberg  sowie  in  Berlin  wurden  neue  Kommerzkollegien  eingerichtet
  und  alles  wurde  gethan,  um  die  Schiffahrt  zu  erleichtern,  den  Handel
vom  Auslande  unabhängig  zu  machen  und  ihm  die  Vorteile  des  Seeverkehrs  zuzuwenden.
  Darum  auch  versuchte  man  damals  durch  Benützung  der  Rega  und
Dage,  eine  Wasserverbindung  zwischen  der  Neumark  und  der  Ostsee  herzustellen,
ie  jener  ältere  Kanal  dem  Handel  Breslaus  nach  der  Nordsee  durch
gsshsnsussiscn.  Länder  einen  Weg  gewiesen  hatte,  nun  auch  ihm  einen  solchen

nach  der  Ostsee  eröffnen  sollte.
Denn  wie  immer  dem  Kurfürsten
mitgefpielt  worden  war,  den  Glauben
an  die  Zukunft  seines  Staates  hatte
er  so  wenig  verloren,  daß  er  jetzt
vielmehr  die  Neigungen  seiner  Jugend
ins  Werk  setzte.  Aller  Demütigung
in  Europa  zum  Trotz  suchte  er  nunmehr
die  außereuropäische  Welt  seinem
Lande  nutzbar  zu  machen  und  in
gesrissiche  Ländern  Einfluß  zu  gewinnen.
  Seine  Flotte,  die  1681
schon  die  stattliche.  Zahl  von  30  Schiffen
aufwies,  hatte  daher  nicht  nur  den
Zweck  militärischer  Verteidigung,
sondern  mit  ihrer  Hilfe  sollten  vornehmlich
  Kolonien  in  fremden  Weltteilen
  angelegt  werden,  die  Brandenburg
  auch  den  Nutzen  des  Welthandels
gewähren  sollten.  Hierfür  erwies  sich
1.

 

 

Plan  der  Festung  Suostinen

Aus  Otto  Friedrich  von  der  Gröbens  „Orientalische  Reise.
Beschreibung  des  gShn  3  Pllgers“.
Marienwerder  10  f  ½  ve

„3  Oll  der  Grosse  Friedrichs  Der#-  ll  et  rot-Munde  Ieslats
5,  #6|  sh  2  27  wj  l  genosseique
Adtklckluslls  Ile  II  Verge  llegen.
Zu.  0  16  die  zwen  Mandunge  c  I  Bluh  so

Wlnters-Zeilen  zene  *858  zur  —  mach
        <pb n="290" />
        196  Brandenburgische  Kolonien.

 

Groß-Friedrichsburg  und  Umgebung.
Nach  elner  glelchzeitigen  Zeichnung  im  Archiv  des  Generalstabes  zu  Berlin.

auch  jene  Festsetzung  an  der  Emsmündung  in  Greetsiel,  die  Verlegung  der
afrikanischen  2eaerzscht.  nach  Emden,  von  großer  Wichtigkeit,  weil
die  Einfahrt  in  die  Ostsee  und  nach  den  Häfen  Preußens  und  Hinterpommerns
von.  Schweden  wie  Dänemark
belästigt  wurde.  Hatte  der  Kurfürst
  schon  1650  Tranquebar
auf  Koromandel  von  den  Däuen
kaufen  wollen,  so  betrieb  er  jetzt
am  Kap  Trespuntas,  am  Kap
der  drei  Spitzen,  an  der  Westküste
  Afrikas  großartige
Kolonialpläne.  Im  Jahre  1681
wurde  ein  Vertrag  mit  einigen
Negerhäuptlingen  geschlossen,
durch  den  Brandenburg  einen
Landstrich  auf  der  Goldküste  erhielt.
  Im  Sommer  1682  liefen
wieder  zwei  Schiffe,  der  „Churprintz“
  und  der  „Morian",  von
Glückstadt  aus,  und  nach  der
Erneuerung  jenes  Vertrages
wurde  nun  auf  Guinea  durch

Major  von  der  Gröben  rs  Medallie  auf  die  alr.  eraes  eurh  edch  Wiheth1681.
f  rie  d  ri  ch  3  b  urg  mit  der  In  Größe  des  Crigina  (Sern  t  Kol.  Manzkablnelt  zu  Verlin.
        <pb n="291" />
        Kolonien.

Dorotheenschanze  und  der  Schanze
„Sophie  Luise“  angelegt,  Taccrama
und  Taccarary  befestigt  und  südlich
vom  Kap  S.  Blanko  das  Kastell  Arguin
erbaut.  In  jener  Stellung  wurden
die  Brandenburger  zwar  von  den
Holländern,  in  dieser  von  den  Fran-1n
  belästigt,  aber  man  konnte

doch  behaupten,  und  namentlich
*  Arguin  die  Hauptstation  für
Guinea,  die  der  Afrikanischen  Gesellschaft
  um  so  größeren  Gewinn  brachte,
als  die  Neger  mehr  Vertrauen  zu  den
Brandenburgern,  als  zu  den  Franzosen
und  Holländern  faßten.  Weiterhin
aber  plante  der  Kurfürst  noch  eine
Ansiedelung  in  Amerika  auf  der  Jusel
St.  Thomas,  die  Gründung  eeiner  Ostindischen
  Gesellschaft  und  die  Aussendung
  einer  Expedition  nach  China  und
Japan:  kurz  Entwürfe  und  doch  auch
Erfolge,  die  trotz  der  Kleinheit  aller
Verhältnisse  für  jene  Zeit  von  einer
Großartigkeit  waren,  wie  sie  kaum  in
den  Zeiten  der  Hansa  und  niemals

 

.—  Straßburg.  197

Das  Comptoir  eines  deutschen  Kaufmannes  im  17.  Jahrh.
Nach  einem  ates  ononymen  Silch  im  Hohenzollern  Muscum

auf  die  Halsic  verkleiner!.

von  einem  anderen  deutschen  Fürsten  gewagt  worden  sind,  und  die  von  der  größten
Wichtigkeit  für  die  .  des  Landes,  für  E  ja  für  den  Handel

 

Medaille  *“  bie  alrik.  Expedltion  vet  rur.  Friedrich  Kibrem  631.
In  cxhl  des  Originals  Im  *  Manzkabinett  zu  Berlin,

deutschen  Kaufmanus  übern
  werden  konnten.
Daher  erscheint  der  Neid

und  die  Mißgunst  der  übrigen

Seestaaten  gegen  die  neu  aufstrebende
  Flotte  auch  weniger
auffallend,  als  daß  König  Ludwig
  solche  Dinge  überhaupt
duldete.  Denn  inzwischen  waren
seine  Gewaltthaten  gegen  das
Reich  immer  schamloser  geworden,
selbst  Straßburg,  „das  herrliche
propugnaculum  des  Reiches",
hatte  er  genommen.  Doch  eine
Depntation,  die  man  in  Frankfurt
  versammelt,  um  mit  Ludwig
nunmehr  zu  einer  endgültigen
Abmachung  über  die  Grenzlinien
und  die  Auslegung  des  Nymwegener
  Friedens  zu  gelangen,
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        198  Neues  Bündnis  mit  Frankreich.  —  Kriegseifer  gegen  Frankreich.

kam  über  elende  Zeremonialstreitigkeiten  und  hohle  Proteste  so  wenig  hinaus,  wie  die
#1682  vollklingenden  Erlasse  und  geharnischten  Erklärungen  des  Reichstages  oder  des  Kaisers
den  König  irgendwie  belästigten.  So  heftig  man  auch  mit  dem  Säbel  rasselte,
so  war  doch  gar  nicht  daran  zu  denken,  ihn  auch  nur  aus  der  Scheide  zu
ziehen,  und  in  Wirrlichket.  schlug  auch  die  Politik  des  Kaisers  gar  keine  anderen
Bahnen  als  die  bisherigen  ein.  Friedrich  Wilhelms  weise  und  vorsichtige  Haltung
aber  hatte  es  dahin  gebracht,  daß  jetzt  Ludwig  ihm  freiwillig  anbot,  er  wolle
auf  jede  weitere  Wegnahme  verzichten,  falls  der  Kurfürst  dem  gegen  ihn  sich
bildenden  Bunde  nicht  beiträte.  Das  Ansehen  und  die  Stellung  des  Kurfürsten
in  Europa  konnte  kaum  schärfer  bezeichnet  werden,  als  durch  dies  Anerbieten  geschah,
  aber,  und  das  war  die  Hauptsache,  durch  eben  dieses  war  endlich  Deutschland
  sicher  gestellt.  Ohne  Zögern  schloß  Friedrich  Wilhelm  den  Vertrag.

Wie  anders  wirkte  der  Kurfürst  für  das  Reich  als  der  Kaiser  und  die
meisten  deutschen  Fürsten!  Mußte  es  nicht  endlich  klar  werden,  was  es  für
Deutschland  bedeutete,  daß  sich  ein  Staat  entwickelte,  der  eine  Macht  zu  Schutz
und  Trutz  war?  Freilich  verbündet  war  der  Kurfürst  mit  Frankreich,  und  oft
genug  wurde  es  ihm  in  bitteren  und  scharfen  Worten  von  denen  vorgeworfen,
die  wenige  Jahre  zuvor  es  so  eilig  gehabt  hatten,  mit  Frankreich  Frieden  zu
schließen.  Aber  den  Segen  dieses  Bündnisses  hatte  doch  nicht,  wie  man  behauptet,
Frankreich,  das  ohne  dieses  im  Kurfürsten  die  letzte  Säule  des  Reiches  zertrümmert
  hätte,  sondern  Deutschland.  Und  selbst  wenn  nicht  das  dringendste  Gebot
  der  Selbsterhaltung  den  Anschluß  an  Frankreich  gerechtfertigt  hätte,  diese
Art  seiner  Benutzung  offenbarte  die  Absichten  dessen,  der  ihn  vollzogen,  und  gab
ihm,  was  man  zuweilen  noch  heute  verkennt,  die  vollste  Rechtfertigung.

Mit  heftigster  Leidenschaft  aber  wurde  damals  an  den  übrigen  Höfen  zu
neuem  Kriege  gegen  Ludwig  geschürt,  und  vor  allen  drängte  der  Kaiser  und  der
Prinz  von  Oranien  zu  einem  allgemeinen  Kriege  mit  Frankreich,  und  Graf  Waldeck,
nun  in  oranischen  Diensten,  wirkte  an  den  kleinen  Höfen  Deutschlands  mit  dem
ganzen  Feuereifer  seiner  Seele  dafür.  Aber  so  edel  bei  vielen  die  Absicht,  so
unmöglich  war  doch  die  Ausführung.  Eben  deshalb  hielt  der  Kurfürst,  so  fest  er
auch  überzeugt  war,  daß  es  zum  Kriege  mit  Ludwig  kommen  müsse,  damals  den
Beginn  des  Krieges  für  sündhaft.  Freilich  zimmerte  Ludwig  am  Sarge  der
deutschen  Nation,  aber  die  unüberlegt  vorwärts  drängende  Politik  seiner  Feinde
schmiedete  die  Nägel  dazu.  Denn  auch  nach  dem  Urteil  des  Prinzen  von  Oranien
mußte  der  Bund  gegen  Ludwig  sich  wesentlich  auf  England  stützen.  König  Karl  II.
von  England  aber  war  durch  reichliche  Geldspenden  völlig  von  Ludwig  gewonnen
und  nicht  im  entferntesten  gewillt,  ihn  zu  bekriegen.  England  sowohl  wie  die
Generalstaaten  waren  ferner  infolge  der  Zerrüttung  ihrer  Finanzen  wie  der
heftigsten  inneren  Parteiungen  gar  nicht  in  der  Lage,  gewaltsam  gegen  Frankreich
aufzutreten.  Spanien  mußte  stillschweigend  alle  Uebelthaten  Ludwigs  über  sich
ergehen  lassen.  Von  den  deutschen  Fürsten  schlossen  sich  zwar  unter  der  Führung
des  Grafen  Waldeck  eine  Anzahl  kleinerer  mit  dem  Kaiser  im  Laxenburger  Bunde
zusammen,  aber  daß  sie  auch  nur  einen  Teil  der  verabredeten  Truppen  aufstellen
könnten,  war  billig  zu  bezweifeln.  Noch  weniger  aber  als  früher  war  jetzt  an
eine  thatkräftige  Kriegführung  seitens  des  Kaisers  zu  denken.  Deun  schon  konnte
niemand  daran  zweifeln,  daß  alle  seine  Kräfte  anderweitig  höchst  nötig  gebraucht
würden.  Immer  näher  und  näher  schwoll  nämlich  die  seit  lange  drohende  Türken-
        <pb n="293" />
        Friedensbestrebungen.  199

gefahr,  und  seit  etwa  1680  stand  es  mit  vollster  Gewißheit  fest,  daß  die  Türken
mit  größerer  Macht  als  je  in  Deutschland  einfallen  würden.  Völlig  unmöglich
aber  war  es,  ihnen  zu  widerstehen  und  zugleich  einen  Kampf  gegen  Frankreich
zu  führen.  Bei  der  militärischen  Unfertigkeit  des  Kaisers  war  vielmehr  schon  der
Kampf  mit  den  Türken  allein  von  solcher  Größe,  daß  er  nicht  nur  alle  Mittel
verbrauchte,  sondern  auch  trotz  ihrer  Anwendung  den  sichern  Sieg  des  Halbmondes  mit
zitternder  Angst  fürchten  ließ.  Wie,  wenn  nun,  was  man  allerorten  mit  Schrecken
voraussah,  geschah,  wie,  wenn  König  Ludwig  diese  furchtbare  Lage  des  Kaisers
und  des  Reiches  zu  einem  neuen  Nanbzuge  benutzte  und  wenn  er  gleichzeitig  auch
die  Schweden  zu  neuem  Einfall  in  das  Reich  bewog!  Vom  Osten,  Westen  und
Norden  überfallen,  wäre  das  Reich  jammervoll  zusammengebrochen.  Und  doch
steuerte  man  mit  vollen  Segeln  darauf  los,  Deutschland  in  dieses  doppelte  Unwetter
  hinein  zu  treiben.

Der  Kurfürst  hätte  nicht  der  sorgsame  Steuermann  sein  müssen,  der  er  war,
wenn  er  nicht  überall  im  Reich  und  namentlich  zu  Regensburg  in  dem  berühmten
Magdeburger  Votum  mit  den  beredtesten  Worten  diese  Lage  hätte  vorstellen  lassen!
Auf  den  Arzt  wies  er  hin,  der  Lob  verdiene,  wenn  er,  um  das  Leben  eines
Menschen  zu  retten,  eile,  das  kranke  Glied  abzuschneiden.  Aufs  dringendste  mahnte
er,  mit  Ludwig  den  geforderten  Vertrag  zu  schließen.  Denn  immer  noch  sei  es
besser,  an  Ludwig  abzutreten,  was  er  einmal  habe,  und  was  man  jetzt  nicht  die
Macht  habe,  ihm  zu  entreißen,  als  ihm  das  ganze  Vaterland  aus  Messer  zu
liefern.  Und  so  klar  lag  diese  Gefahr  auch  vor  aller  Augen,  daß  mit  einziger
Ausnahme  von  Bayern  das  ganze  Kurkollegium,  der  größte  Teil  der  Fürsten  die
Notwendigkeit  einer  endlichen  Abmachung  mit  Ludwig  XIV.  anerkannten.

Ebenso  ließ  Friedrich  Wilhelm  durch  seine  wiederholt  nach  Wien  geschickten
Gesandten  immer  dringender  und  dringender  zum  Abschluß  mit  Ludwig  raten.
Denn  dieser  allein  biete  die  Sicherheit,  Frankreichs  Reunionen  zu  beendigen,  und
eine  bare  Unmöglichkeit  sei  es,  zwei  so  gut  gerüsteten  Gegnern,  wie  den  Franzosen
und  den  Türken,  die  Spitze  zu  bieten.  Sei  erst  einmal  mit  Frankreich  abgeschlossen,
  und  so  die  Westgrenze  gedeckt,  so  wolle  er  gern  dem  Kaiser  gegen  die
Türken  helfen,  auch  in  der  Jägerndorfschen  Angelegenbeit  deren  Berechtigung  die
Hofburg  so  oft  anerkannt,  wolle  er,  um  dem  Kaiser  gegen  die  Türken  freie  Hand
zu  lassen,  für  jeht  eine  Entscheidung  nicht  herbeiführen.  Von  allen  Seiten,  selbst
vom  heiligen  Vater  in  Rom  wurde  der  Wiener  Hof  zu  einem  endlichen  Abkommen
mit  Frankreich,  zur  vollen  Entwickelung  aller  Kräfte  gegen  die  Türken  gemahnt
und  gebeten.  Auch  erkannte  man  in  Wien  sehr  wohl  die  entsehliche  Gefahr,  in
der  man  sich  befand,  und  gestand  dies  dem  kurfürstlichen  Gesandten  ein.  Doch
hier  hatte  man  in  der  That  noch  ganz  andere  Verhältnisse  in  Betracht  zu  ziehen.
Die  große  Frage  der  spanischen  Erbfolge  schien  nämlich  ihrer  Erledigung  nahe  zu
sein,  und  alles  lag  für  das  Haus  Oesterreich  daran,  den  kranken  König  Karl  von
Spanien  bei  gutem  Willen  zu  erhalten,  damit  er  Oesterreich  zum  Erben  seiner
Reiche  einsetze.  König  Karl  aber,  aufs  heftigste  gereizt  gegen  Frankreich  und
doch  bei  weitem  nicht  kräftig  geung,  allein  es  zu  bekämpfen,  verlangte  von
Oesterreich  den  Angriff  auf  Frankreich,.  Diesem  Willen  gegenüber,  von
dem  alles  abhing,  mußte  der  Kaiser  es  darauf  wagen,  mit  den  Türken  und
Frankreich  zugleich  sich  zu  schlagen,  immer  in  der  Hoffnung  und  dieser  unbefangen
  Ausdruck  gebend,  daß  das  Reich,  daß  namentlich  Brandenburg,  daß  zuletzt
        <pb n="294" />
        200  Türkengefahr.

auch  die  übrigen  Mächte  durch  die  Wucht  der  Verhältnisse  mit  in  den  Kampf
gezogen  werden  müßten,  und  das  Haus  Oesterreich,  in  dem  doch  der  eigentliche
Schwerpunkt  gegen  Frankreich  liege,  nicht  untergehen  lassen  könnten.  Deutschland
mußte  allerdings  damit  in  den  furchtbarsten  Krieg  gezerrt  werden  und  einer  entsetzlichen
  Verwüstung  entgegen  gehen.  Aber  dem  habsburgischen  Hausinteresse
gegenüber  kam  dies  nicht  in  Betracht,  denn  unmöglich  könne  der  Kaiser  „sein  und
seiner  Leibeserben  patrimonium  abandonnieren".  Wie  gering  auch  die  Hoffnung
war,  den  Türken  zu  widerstehen,  so  wies  man  daher  die  oft  gebotene  Hilfe
Friedrich  Wilhelms  dennoch  wieder  und  wieder  ab,  da  dieser  sie  von  dem  Abschluß
  mit  Frankreich  abhängig  machte  und  in  seinem  wie  in  Deutschlands  Interesse
abhangig  nchen  mußte.

ch  selbst  wenn  dieser  zum  Abschluß  gekommen  wäre,  blieben  die  Angebote
des  guedschnle-  für  die  Sicherheit  des  Reiches  unendlich  hochherzig;  denn  nicht
nur,  daß  er  jeden  Gedanken  an  Rache  für  den  Verrat  von  1679  völlig  hintansetzte,
  wußte  er  vielmehr,  daß  ihm  selbst  jetzt  Schlimmeres  bevorstand.  Deun
harmlos  genug  bekannte  sogar  der  spanische  Gesandte  in  Wien  dem  brandenburgischen
  den  Plan,  daß,  sobald  des  Kurfürsten  Truppen  nach  Südosten  zum
Schutze  von  Kaiser  und  Reich  abmarschiert  seien,  Polen,  Schweden  und  die  Braunschweiger
  als  Verbündete  des  Kaisers  ihm  ins  Land  fallen  würden.  Hinzu  kam
noch,  daß  im  Norden  zwischen  dem,  mit  Frankreich  verbündeten,  Dönemark  und
dem,  mit  den  welfischen  Herzogen  geeinten,  Schweden  die  Verwickelungen  und
Gegensätze  so  weit  gediehen  waren,  daß  auch  hier  ein  Krieg  jeden  Augenblick  losbrechen
  konnte,  der  nicht  nur  Brandenburg  in  Mitleidenschaft  ziehen,  sondern  auch
Frankreich  neuen  Anlaß  zum  Kriege  gegen  Deutschland  geben  mußte.  Trotz  alledem
lehnte  der  Kaiser  sogar  eine  20=  bis  30jährige  Waffenruhe,  zu  der  König  Ludwig
sich  schließlich  verstand,  ab,  und  das,  wiewohl  die  drei  Kollegien  des  Reichstages
sie  annahmen.  Ebenso  wies  Spanien  auch  die  von  England  angebotene  Vermittelung
  mit  Frankreich  zurück.

Indessen  wenn  man  in  Wien  „auf  die  bekannten  generösen  Sentiments  des
Kurfürsten  wegen  Deliberierung  des  Vaterlandes“  gerechnet  hatte,  so  war  dies
doch  nicht  unrichtig  gewesen.  Durch  beispiellos  kühne  Wendungen  und  die
schwierigsten  Kombinationen  beschwor  er  zunächst  den  Kampf  im  Norden,  der  —
wenn  er  auf  seinen  Vorteil  allein  gesehen  —  ihn  wohl  hätte  zu  neuem  Kampf
um  Pommern  veranlassen  können.  Mit  großer  Bestimmtheit  veranlaßte  er  ferner
den  König  Ludwig,  an  Kaiser  und  Reich  immer  neue  Vorschläge  zu  machen  und
ließ  sich  durch  dessen  Drohen  von  seinen  Anerbietungen,  dem  Kaiser  Türkenhilfe
  zu  senden,  nicht  abschrecken.  Im  Gegenteil  rüstete  auch  er  sich  für  alle
Fälle  mit  voller  Macht,  und  selbst  gehässige  Gegner  des  Kurfürsten  erkennen  an,
daß  jene  Bestimmtheit,  die  durch  das  auf  30000  Mann  gebrachte  Heer  und  die
Erinnerung  an  dessen  Thaten  gegen  die  Schweden  den  nötigen  Nachdruck  erhielt,
ebenso  wie  die  Besorgnis  Ludwigs,  der  Kurfürst  könne  doch  das  ihm  auferlegte  Joch
abschütteln,  den  König  vermocht  haben,  von  dem  geplanten  Einfall  in  das  Reich
zur  Zeit  der  Türkennot  abzustehen.  Dank  der  unermüdlichen  Fürsorge  des  rfürsten
  hatte  mithin  der  Kaiser  sich  allein  der  Türken  zu  erwehren.  Un
gelang.  Heldenmütig  verteidigte  sich  Wien  gegen  die,  an  Zahl  gewaltig  #es
legenen  und  deshalb  sorglos  gewordenen  Türken.  Am  12.  September  1683
war  Wien  entsetzt,  waren  die  Türken  geschlagen.  Gran  wurde  von  Johann
        <pb n="295" />
        dem  #rossen  lünftrsten
10640-1636.
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        <pb n="297" />
        Waffenstillsiand  mit  Frankreich.  —  Religionsverfolgungen.  201

Sobiesky,  bei  dessen  Heer  1200  Brandenburger,  die  der  Kurfürst  troß  allem  gesandt,
  erobert.

Natürlich  daß  man  in  Wien  und  Madrid  nur  um  so  stolzer  das  Haupt
erhob.  Spanien  erklärte  Frankreich  den  Krieg,  und  mit  erhöhtem  Selbstgefühl
betrieb  ihn  der  Kaiser.  Aber  im  September  rückte  Ludwig  in  Brabant  ein,
eroberte  die  Festungen,  nahm  selbst  Luxemburg,  und  gleichzeitig  zwang  er  durch
ein  schauderhaftes  Bombardement  Genna  zur  Unterwerfung,  drang  vom  Elsaß  bis
nach  Trier  und  Köln  vor,  ließ  weitere  Truppen  marschieren.  Und  Holland  that
—  die  Haltlosigkeit  der  Pläne  des  Prinzen  von  Oranien  und  des  Grafen  von
Waldeck  grell  beleuchtend  —  trotz  allem  Drängen  nichts.  Jetzt  forderten  Ludwigs
Gesandte  im  drohendsten  Ton  von  Kaiser  und  Reich  den  Abschluß  des  Waffenstillttandes.
  Und  vor  den  gezückten  Waffen  Ludwigs  schwanden  alle  reichspatriotischen
  Phrasen  dahin,  verstummte  alles  Kriegsgeschrei.  Selbst  nach  der
Besiegung  der  Türken  konnte  man  also  nicht  einmal  Frankreich  allein  widerstehen,
  und  mehr  als  alles  andere  bewies  dies,  daß  der  vom  Kurfürsten  stets
gegebene  Rat  doch  den  einzigen  Weg  zur  Rettung  zeigte.  Im  August  1684  wurde  ies
der  Waffenstillstand  vom  Kaiser,  vom  Reich,  von  Spanien  angenommen.

Wie  traurig  und  beschämend  es  auch  war,  daß  man  für  die  Dauer  des
Waffenstillstandes  Frankreichs  Gewaltthaten  anerkennen  mußte,  so  hatte  das  Reich
doch  endlich  vor  ihm  Ruhe  und  konnte  nunmehr  wenigstens  beginnen,  sich  für
den  Krieg  zu  rüsten,  den  der  Uebermut  Ludwigs  offenbar  unvermeidlich  machte
Vor  allen  Dingen  suchte  Friedrich  Wilhelm  eine  Organisation  des  Reichsheeres
durchzusehen.  Die  kleineren  Reichsglieder  sollten  nur  Zahlungen  leisten,  und
dafür  die  mächtigeren  größere  und  wirklich  brauchbare  Heere  aufstellen.  Er
suchte  wiederum  Verbindungen  mit  anderen  Staaten  anzuknüpfen,  so  mit  dem
immer  feindlichen  Hannover  und  mit  den  immer  unzuverlässigen  Niederlanden;  mit  u##n
jenem  wurden  sie  durch  die  Vermählung  des  Kurprinzen  mit  der  Prinzessin
Sophie  Charlotte  inniger  als  man  gehofft,  mit  diesen  wurden  sie  durch  Nachgiebigkeit
  des  Kurfürsten  auf  der  ganzen  Reihe  seiner  gerechten  Beschwerden
erreicht.  Durch  Paul  von  Fuchs  wurde  ein  Verteidigungsvertrag  verabredet,  der
zugleich  die  Stellung  des  Oraniers  sicherte.  Ebenso  ließ  der  Kurfürst  sogar  mit
Stockholm  verhandeln,  und  auch  hier  kam  er  zum  Schluß.

Wenn  diese  nähere  Verständigung  mit  Holland  und  Schweden  gelang,  so
hatte  dies  seinen  eigentlichen  Grund  darin,  daß  jetzt  ein  allgemeiner  Gesichtspunkt
das  Verhältnis  der  europäischen  Staaten  zu  einander  erheblich  verschob.  Der
gesamte  Protestantismus  fühlte  sich  nämlich  damals  durch  den  überall  mit  Erfolg  vorgehenden
  Papismus  in  seinen  Grundvesten  bedroht,  und  so  gewann  wieder  einmal
das  protestantische  Gemeingefühl  in  jenen  Staaten  die  Oberhand.  In  Frankreich,
wo  es  schon  lange  nicht  für  passend  gegolten,  eine  andere  Religion  als  der  König
haben  zu  wollen,  ging  Ludwig  XIV.  mit  immer  schärferen,  immer  grausameren
Maßregeln  gegen  die  Hugenotten  vor.  In  Oesterreich  wurden  die  Verfolgungen
gegen  die  Evangelischen  seit  den  Erfolgen  gegen  die  Türken  immer  rücksichtsloser.
In  England  hatte  nach  Karls  II.  Tode  Jakob  II,  den  Thron  bestiegen  und  begann
alsbald  auch  hier,  die  Unterdrückung  der  Evangelischen  mit  stetig  steigender  Energie
vorzunehmen.  Eine  allgemeine  Wiederherstellung  der  katholischen  Kirche  schien
bevorzuslehen,  und  die  Interessen  der  Kirche  schienen  die  staatlichen  Gesichtspunkte
überwinden  zu  sollen.  Gleichwohl  aber  ließ  sich  der  sehr  weltliche  Gegensatz
        <pb n="298" />
        202  Neue  Ansprüche  Ludwigs.  —  Kurfürst  und  Kaiser.

zwischen  den  beiden  Hauptmächten  des  Katholizismus  nicht·  so  leicht  übertünchen,
und  Ludwig  XIV.  that,  was  nur  möglich  war,  um  Oesterreich  zu  zwingen,  bei
den  protestantischen  Mächten  Hilfe  zu  suchen.  Denn  wie  Kinderspiel  erschienen
die  Reunionen  einzelner  Dörfer,  Städte  und  Landesteile  gegen  das,  was  Ludwig
jebt  in  Scene  setzte.

Im  Beginn  des  Jahres  1685  benutzte  er  nämlich  eine  gefährliche  Erkrankung
des  Königs  von  Spanien,  um  in  einer  überall  verbreiteten  Denkschrift  die  gesamte
spanische  Erbschaft  für  seinen  Dauphin  in  Anspruch  zu  nehmen,  und  den  Tod
des  Kurfürsten  von  der  Pfalz  benutzte  er  in  derselben  Weise,  um  für  Frankreich
den  ganzen  Allodialnachlaß  und  alle  Länder,  die  Kurpfalz  links  vom  Rheine
besaß,  zu  fordern.  Endlich  betrieb  er  auch  die  Wahl  seines  Sohnes,  des  Dauphins,
zum  deutschen  Kaiser,  hoffte  sie  mit  Gewalt  durchzusetzen  und  die  deutsche  Kaiserkrone
  in  seinem  Hause  erblich  zu  machen.  Da  hatte  man  deutlich  das  Bild  der
U#fersalmonarchie  wie  sie  Ludwig  wollte.  Alle  Staaten,  alle  Völker  waren

bedroht,  und  wenigstens  „in  Deusschend  so  gestand  man  sich  ein,  „könne  und
müsse  Kurbrandenburg  allein  vor  den  Riß  stehen".  Natürlich  war  der  Kurfürst
bei  diesen  erneuten,  allem  Völkerrecht  Hohn  sprechenden,  allen  Verträgen  zuwider
sauseneen  Ansprüchen  Ludwigs  auf  weite  deutsche  Länder  auch  nicht  mehr  durch
seine  Verträge  an  Frankreich  gebunden.  Ludwig  hatte  sie  vollständig  gerrisen,
und  deutlich  zeigte  er  seine  Ueberzeugung,  daß  Friedrich  Wilhelm  jede  Gelegenheit
benutzen  werde,  die  ihm  auferlegte  Kette  zu  sprengen.  Man  lachte  schon  lange  in
Frankreich  über  die  Behauptung,  daß  es  zur  Zeit  ein  deutsches  Reich  gäbe,  aber  man
gestand,  daß  des  K.  Kurfürsten  ganze  Thätigkeit  darauf  gerichtet  war,  ein  solches  wieder
zu  schaffen.  Schon  jene  Annäherung  an  Holland  hatte  bei  Ludwig  daher  heftigen
Widerwillen  erregt  und  empörende  Forderungen  an  den  Kurfürsten  hervorgerufen.
Aber  dieser  erfüllte  sie  nicht,  und  Ludwig  mußte  dies  hinnehmen,  weil  er
noch  immer  Brandenburg  brauchte  und  nicht  zulassen  konnte,  daß  Brandenburg
  und  der  Kaiser  sich  vereinten.  Denn  wie  vom  Anfang  seiner  Regierung
an  suchte  der  Kurfürst,  trotz  allem  was  geschehen,  auch  damals  wieder,  mit
dem  Kaiser  in  nahe  Verbindung  zu  kommen.  Denn  nur  auf  seine  Lande,
die  für  den  Augenblick  durch  die  französisch-brandenburgischen  Verträge  ja
geschützt  waren  und  diesen  Schutz  durch  die  Annäherung  an  den  Kaiser
verlieren  mußten,  Rücksicht  zu  nehmen,  lag  dem  Fürsten,  der  allzeit  „gut
reichisch"  sein  wollte,  sehr  fern.  Wie  Friedrich  Wilhelm  das  Verhältnis  ansah,
war  er  auf  den  Kaiser,  und  dieser  auf  ihn  angewiesen;  Ludwig  war  der  beiden
gemeinsame  Feind,  war  der  Feind  des  Reiches.  Und  wenn  sich  eine  Linie  bot,
auf  welcher  er  mit  dem  Kaiser  zusammen  für  das  Reich  eintreten  konnte,  so  war
dies  völlig  und  ganz  nach  seinem  Sinn.  Eine  solche  nun  mußte  sich  aus  jenem
Anspruch  Ludwigs  auf  das  spanische  Erbe  damals  ergeben.  Denn  wie  dem  Kurfürsten
  eine  Verteidigung  des  Reiches  selbst  ohne  die  Machtmittel  des  Kaisers
nicht  möglich  gewesen  wäre,  so  konnte  auch  der  Kaiser  ohne  Brandenburg  weder
auf  die  Durchsetzung  seiner  spanischen  Ansprüche,  noch  auch  nur  auf  die  dauernde
Abwehr  der  Türken,  mit  denen  er  noch  immer  im  Kampf  begriffen  war,  rechnen.

Darum  mußte  man  in  Wien  die  Eifersucht  auf  „das  neue  Königtum  der
Vandalen“  knse  lassen  hinter  die  Erkenntuis,  „daß  ohne  den  Knrfürsten
nichts  auszurichten  s1  ei,  und  derselbe  vor  allem  zufrieden  gestellt  werden  müsse".
Man  sandte  einen  der  gewandtesten  Unkerhändler,  den  Baron  Franz  Heinrich
        <pb n="299" />
        Kurfürst  Sriedrich  Wilhelm.
Schabkunstblatt  von  Inkob  Gole  (geb.  zu  Amsterdam  1600,  gest.  daselbst  1737).

Das  Namens#aksimil:  nach  cinem  Orizginal  im  K.  Vr.  Geh.  Staallarchiv  zu  Verlin.
        <pb n="300" />
        204  Vertrag  mit  Oesterreich.  —  Aufhebung  des  Edilis  von  Nantes.

Fridag  von  Gödens,  nach  Berlin,  zunächst  um  Hilfe  gegen  die  Türken  zu  bitten.
Denn  die  kaiserlichen  Armeen  seien  samt  den  Hilfsvölkern  in  die  größte  Not
geraten,  das  Land,  von  Feind  und  Freund  geplündert,  liege  wüst,  das  Volk  sei
zu  weiteren  Kontributionen  untüchtig,  alles  hänge  von  der  Entscheidung  Friedrich
Wilhelms  ab,  auf  ihn  baue  der  Kaiser.  Allein  das  hinderte  nicht,  gleichzeitig
alle  Rechte  und  Forderungen  Brandenburgs  abzuweisen,  die  Entscheidung  über  sie
zu  vertagen.  Nur  die  Belehnung  mit  Magdeburg,  dessen  Administrator,  der
Herzog  von  Sachsen,  1680  gestorben  war,  konnte  man,  wenn  man  sich  einmal
auf  den  westfälischen  Frieden  stützte,  nicht  verweigern.  Aber  namentlich  die  Ansprüche
  auf  die  schlesischen  Herzogtümer  lehnte  man  ab.  Außer  Jägerndorf,
welches  man  so  oft  dem  Kurfürsten  in  Aussicht  gestellt  hatte,  war  nämlich  mit
dem  Tode  des  Herzogs  Georg  Wilhelm  von  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau  (Dezember
1675)  auch  der  in  der  Erbverbrüderung  zwischen  Brandenburg  und  Liegnitz  von  1537
vorgesehene  Fall  des  Aussterbens  des  herzoglichen  Hauses  eingetreten,  und  Brandenburg
  der  berechtigte  Erbe  dieser  Herzogtümer  geworden.  Das  aber  wollte  man
in  Wien  um  keinen  Preis  zugeben.  Der  Kurfürst  hatte  noch  im  Todesjahr  des
Herzogs  und  seitdem  wiederholt,  wie  vor  der  Belagerung  Wiens  durch  die  Türken,
an  diese  Ansprüche  erinnert;  doch  wie  er  damals  seinen  Beistand  nicht  von  der

1666  Entscheidung  dieser  Frage  abhängig  gemacht,  so  schloß  er  auch  jetzt  (4.  Jan.  1686)
mit  Oesterreich  einen  Vertrag,  in  dem  er,  ohne  daß  jene  Frage  erledigt  wäre,
dem  Kaiser  wenigstens  7000  Mann  gegen  die  Türken  zusagte.  Schon  im  April
waren  sie  marschfertig,  zogen  von  Krossen,  wo  der  Kurfürst  Heerschau  über  sie
hielt,  unter  Schöning  nach  Ungarn  und  erfochten  hier  namentlich  bei  der  Belagerung
  Ofens  neue  Lorbeeren.

Ein  dreister  Akt  der  Willkür  Ludwigs  hatte  auf  die  Vollziehung  dieses  Vertrages
  durch  den  Kurfürsten  wesentlich  eingewirkt.  Im  Sinn  jener  vordrängenden
katholischen  Reaktion  hatte  nämlich  Ludwig  einen  Schritt  gethan,  der  die  ganze
evangelische  Welt  in  die  hellste  Entrüstung  setzte,  und  Friedrich  Wilhelm  darauf
einen  Gegenschritt,  der  ihm  den  entschiedensten  Zorn  Ludwigs  zuzog.  Im  Oktober

#16°65  1685  entzog  der  König  durch  die  Aufhebung  des  Edikts  von  Nantes  den  Evangelischen
  die  Erlaubnis,  in  Frankreich  zu  leben.  Jeder  reformierte  Gottesdienst
wurde  verboten,  Schulen  und  Kirchen  wurden  geschlossen,  zuletzt  auch  die  Auswanderung
  bei  Galeerenstrafe  den  Reformierten  verboten.  Die  Einheit  der  Kirche
schien  dem  Könige  eine  unabweisbare  Forderung  des  Staates  zu  sein  im  vollen
Gegensaßz  zu  den  Hohenzollern,  die  in  der  Freiheit  der  Bekenntnisse  gerade  eine
der  saftreichsten  Wurzeln  des  Staates  sahen.  Aufs  tiefste  empfanden  der  Kurfürst
und  alle  evangelischen  Christen  diese  empörende  Maßregel,  die  weitaus  die  bisherigen
  Verfolgungen  der  Ketzer  übertraf.  Wie  der  Kurfürst  den  Kaiser  mit
Lebhaftigkeit  von  den  gräßlichen  Verfolgungen  der  Evangelischen  in  den  Erblanden
und  vorzüglich  in  Ungarn  abgemahnt  hatte,  so  erhob  er  sich  mit  dem  ganzen.
Gefühl  seiner  tiefen  Frömmigkeit,  mit  seinem  vollen  protestantischen  Bewußtsein
auch  zuerst  gegen  Ludwigs  blinden  Fanatismus,  und  schon  am  8.  November
erließ  er  das  Potsdamer  Edikt,  in  welchem  er  die  Flüchtlinge  aufforderte,  nach
Brandenburg  zu  kommen,  ihnen  Rat,  Unterstützung,  jegliche  Förderung  auf  der
Reise  und  in  der  neuen  Heimat  zusicherte.  Ueber  15000  Refugies  aus  allen
Ständen  und  von  jedem  Beruf  —  die  meisten  zwar  arm,  aber  fest  und  stark
ausgebildete  Charaktere  —  folgten  dem  Ruf  des  Kurfürsten.  Mit  der  größten  Herzlich-
        <pb n="301" />
        Die  Refugies.  205

 

Der  Kurfürstliche  Lustgarten  zu  Berlin.
Nach  elner  Radierung  von  Peter  Schent  (1645-1715),  auf  die  Hälfte  verkleinert.

keit  wurden  sie  empfangen,  wurden  ihre  Verhältnisse  nach  ihren  Grundsätzen  geordnet.
  Mit  unerschütterlicher  Treuc,  mit  der  größten  Förderung  des  wissenschaftlichen
  Lebens  und  der  Industrie  haben  sie  der  neuen  Heimat  gedankt  und  die
Befürchtungen,  die  man  bei  Aufnahme  einer  so  großen  Zahl  Fremder  wohl  hegen
konnte,  zu  Schanden  gemacht.  Binnen  kurzem  waren  sie  voll  und  ganz  Brandenburger
  geworden.  Besonders  hohen  Anteil  an  der  Industrie  hatte  neben  Brandenburg
  und  Frankfurt  die  Hauptstadt  Berlin,  für  die  überhaupt  sehr  viel  geschah,
wie  denn  damals  auf  Veranlassung  der  Kurfürstin  die  nach  ihr  benannte  Dorotheenstadt
  vom  Lustgarten  bis  zum  Tiergarten  erbaut  wurde.  Die  Einwohnerzahl,
die  1620  etwa  6000  betragen  haben  mag,  hob  sich  auf  20000.  Von  tiefgehender
Wirkung  aber  für  die  ganze  Volkswirtschaft  war  die  wesentlich  durch  die  Franzosen
eingebürgerte  Fabrikarbeit,  welche  anders  als  die  bisherige  Arbeit  der  Zünfte
eine  Reihe  von  Arbeitszweigen  in  der  Hand  eines  Unternehmers  vereinigte  und
trotzdem  eine  bis  ins  Kleinste  ausgeführte  Teilung  der  Arbeit  herbeiführte.  Wollenweberei,
  Tuch-,  Seiden=  und  Halbseide-Fabrikation  waren  die  hauptsächlich  geförderten,
vom  Kurfürsten  finanziell  unterstützten  Unternehmungen,  aber  auch  Metallgewerbe
in  Gold=  und  Silberarbeit,  Sefalpr  und  Spiegelschleiferei  wurde  nun  im
Lande  betrieben,  durch  Pierre  Mercier  sogar  eine  Gobelinmanufaktur  angelegt.
Den  Zorn  Ludwigs  über  das  Edikt  von  Potsdam  zu  beschwichtigen,  kostete
dem  Kurfürsten  die  größte  Mühe,  und  um  so  mehr  nur  mußte  bei  ihm  das  allgemeine
  Interesse,  das  Europa  gegen  den  König  hatte,  ins  Gewicht  fallen.  Wie
weit  dies  Verständnis  und  die  Bereitwilligkeit  des  Kurfürsten,  sein  eigenes
        <pb n="302" />
        206  Neuer  Vertrag  mit  Oeslerreich  —  „Geraden  Wegs  nach  Paris.“

Interesse  dem  europäischen,  insbesondere  dem  deutschen  unterzuordnen,  ging,
zeigen  die  Verhandlungen,  die  neben  jenen,  auf  die  Türkenhilfe  gerichteten,  mit
Oesterreich  gepflogen  wurden,  und  die  zu  dem  geheimen  Defensiv-Vertrage  vom
1656  22.  März  1686  führten.  Gegen  Abtretung  des  kleinen,  damals  unfruchtbaren

Kreises  Schwiebus  und  Zusicherung  einiger  unbedeutender  Dinge  (von  denen  nur
die  Zession  der  sogenannten  liechtensteinischen  Forderung  auf  Ostfriesland  vielleicht
Bedeutung  gewinnen  konnte,  während  die  Zahlung  der  verheißenen  Subsidien  von
dem  nach  eigenem  Eingeständnis  zahlungsunfähigen  Oesterreich  kaum  zu  erwarten
war)  verzichtete  der  K  Kurfürst  auf  die  sämtlichen  schlesischen  Fürstentümer,  die  seinem
Hause  zustanden,  auf  Jägerndorf,  auf  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau,  verpflichtete
sich,  bei  der  Kaiserwahl  für  Oesterreich  zu  stimmen  und  zur  Unterstützung  der
spanischen  Ansprüche  Oesterreichs  8000  Mann  zu  stellen.  Denn  unn  schien  der
Türkenfriede  vor  der  Thür  zu  stehen,  und  daher  endlich  die  Zeit  gekommen,  mit
Frankreich  abzurechnen.

Oesterreich  hatte  sich  in  den  Kämpfen  gegen  die  Türken  ein  zuverlässiges
Heer  gebildet,  hatte  überdies  durch  den  Zuwachs  Ungarus  an  Kraft  gewonnen,
die  meisten  Reichsfürsten,  ebenfalls  in  den  Türkenzügen  gestählt,  traten  dem
Augsburger  Bunde  bei.  In  den  Staaten  hob  sich  in  Folge  der  Grausamkeiten
Ludwigs  gegen  die  Glaubensgenossen  die  Partei  des  Prinzen  von  Oranien  sichtlich,
  und  es  konnte  mithin  von  ihrer  Seite  auf  kraftvolle  Kriegführung  gerechnet
werden.  Jakob  II.  von  England  war  durch  die  Parteiungen  und  die  inneren
Verhältuisse  Englands  gefesselt,  und  Schweden  war  aus  der  französischen  Verbindung
  herausgerissen.  Endlich  war  überall  im  Reich,  in  den  Staaten,  in
Schweden,  selbst  in  England  die  Stimmung  des  Volkes  entschieden  für  den  Krieg
gegen  Frankreich.  Nunmehr  schien  der  rechte  Ernst  der  Vorbereitung,  ohne  den
der  Kurfürst  auch  den  gerechtesten  Krieg  für  sündhaft  hielt,  bei  allen  Fürsten,  in
allen  Staaten  vorhanden  zu  sein,  und  vornehmlich  hatte  Ludwigs  Macht  im
Innern  durch  seine  Tyrannei  erheblich  an  Sicherheit  eingebüßt,  und  der  Wohlstand
  und  die  Mittel  seines  Landes  hatten,  und  nicht  zum  wenigsten  durch  die
Vertreibung  der  Evangelischen,  gewaltige  Verluste  erlitten.  Man  durfte  hoffen,
daß  er  nur  viel  geringere  Heeresmassen  als  früher  aufstellen  könne.  Jeht  entwarf
  der  Kurfürst  den  Plau,  in  drei  Heeresabteilungen  durch  Burgund,  Lothringen,
von  Brabant  aus,  „Gerades  Wegs  nach  Paris“  zu  marschieren.  Endlich  glaubte
er  alles  gerüstet,  alles  vorbereitet,  um  das  mit  tiefstem  Widerwillen  getragene
französische  Joch  abschütteln  zu  können.

Aber  wie  schmählich  hatte  das  Haus  Oesterreich  selbst  jetzt  ihn  hintergangen!
Wie  hatte  es  schon  vor  dem  Abschluß  des  Vertrages  diesem  die  Grundlage  entzogen!
  Wie  verstand  man  es,  den  Zweck  des  Vertrages  während  der  Verhandlungen
  sebs  hinfällig  zu  machen!

n  Zwiespalt  in  der  busürstlchen  Familie  hatte  schon  längst  Aufsehen  erregt,
  mancherlen  Hoffnungen  Nahrung  gegeben.  Man  wußte,  daß  der  Kurfürst
seinen  jüngeren  Söhnen  erster  Ehe  eine  Ausstattung  in  Land  und  Leuten  zu
hinterlassen  gewünscht  hatte.  Es  war  natürlich,  daß  die  zweite  Gemahlin,  die  Kurfürstin
  Dorothea,  darauf  bedacht  war,  auch  die  Zukunft  ihrer  Kinder  sicher  zu
stellen.  Aus  diesem  Bestreben,  das  auf  ganz  den  Hausgesetzen  entsprechenden  Wegen
erreicht  werden  konnte,  war  aber  durch  Zwischenträgereien  das  übelste  Verhältnis
zwischen  der  Stiefmutter  und  den  Stiefkindern  entstanden.  Ja  allgemein  ward
        <pb n="303" />
        Revers  des  Kurprinzen.  207

das  Gerücht  besprochen  und  geglaubt,  der  Kurfürst  habe  zu  Gunsten  seiner
Kinder  zweiter  Ehe  denen  der  ersten  Ehe  und  ebenso  dem  Staate  selbst  empfindliche
  Nachteile  in  seinem  Testament  zugefügt.  Hinzu  kam,  daß  durch  die  Verträge
  des  Kurfürsten  mit  Frankreich  an  seinem  Hofe  sich  seit  Jahren  eine  starke
Partei  gebildet  hatte,  welche  jene  mit  Entschiedenheit  verurteilte  und  in  dem  Anluß

  an  den  Kaiser  die  nicht  allein  natürliche,  sondern  auch  in  jenen  Jahren
der  deutschen  Ohnmacht  die  allein  richtige  Politik  Brandenburgs  zu  erkennen
meinte.  Persönliche  Zerwürfnisse  waren  am  Hofe  enkstanden,  und  besonders  hatte
die  Ernennung  des,  als  Hugenott  aus  dem  französischen  Dienst  getretenen,  Marschalls
  von  Schonberg  zum  General  en  chel  der  brandenburgischen  Armee  die
alten  Generale  Derfflinger  und  den  Fürsten  von  Anhalt  tief  verletzt.  Mancherlei
Wirrnisse  haben  diese  Spaltungen  hervorgerufen,  manchen  schweren  Kummer  dem
alternden  Helden  zugefügt.  Vornehmlich  aber  der  Kurprinz,  aufgestachelt  durch
den  Hof  von  Hannover  und  durch  den  Schwager  seiner  Mutter,  den  innner  zu
Oesterreich  neigenden  Fürsten  von  Anhalt,  stand  mit  Entschiedenheit  auf  der  Seite
des  Kaisers,  in  dem  er  den  natürlichen  Bundesgenoss  en  seines  Hauses  sah.

Da  nun  der  kaiserliche  Hof  im  Ernst  in  keiner  Weise  auf  die  Abtretung
irgend  welchen  Landgebietes  für  den  Verzicht  des  Kurfürsten  auf  die  Gcheice
Fürstentümer  einzugehen  gewillt  war,  Friedrich  Wilhelm  aber  mit  vollster
stimmtheit  darauf  bestand,  so  war  Fridag  auf  den  Gedanken  gekommen,  durch  in
Ränkespiel  dem  Kurfürsten  die  Abtretung  von  Schwiebus  zwar  zuzugestehen,  vorher
jedoch  sich  durch  einen  Revers  des  Kurprinzen  die  Rückgabe  des  Kreises  an
Oesterreich  wieder  zusichern  zu  lassen.  Und  darauf  war  der  Kaiser,  waren  die
kaiserlichen  Räte  eingegangen.  Nur  hatten  sie,  „damit  die  üble  Nachrede  bei
der  Welt,  gleichsam  als  ob  man  diesen  jungen  Prinzen  übereilet  und  den  Revers
erschlichen  hätte,  vermieden  werde“,  die  dem  Kurprinzen  zugedachte  Belohnung
etwas  erhöht.  Unterstützt  vom  Fürsten  von  Anhalt,  überredete  Fridag  in  der
That  den  Kurprinzen,  die  Ansprüche  auf  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau  seien  ohne
rechtliche  Begründung,  der  Anspruch  auf  Jägerndorf  sei  durch  die  Zusicherung
der  liechtensteinischen  Schuldforderung  an  den  Kurfürsten  und  andere  Zugeständnisse
  vollauf  ausgeglichen,  und  der  Kaiser  könne  unmöglich  noch  Schwiebus  dafür
  abtreten,  zumal  da  dies  seinem,  als  König  von  Böhmen  geleisteten,  Eide
zuwiderlaufe.  Nur  die  französisch  gesinnte  Partei  veranlasse  den  Kurfürsten,  diese
Abtretung  zu  verlangen.  Solle  also  das  Bündnis  mit  dem  Kaiser  nicht  scheitern,
so  müsse  der  Kurprinz  die  Rückgabe  des  Kreises  dem  Kaiser  bei  seinem  dereinstigen
  Regierungsantritt  durch  ein  schriftlich  gegebenes  Versprechen  zusichern.
Wirklich  vollzog  der  Kurprinz  am  28.  Februar  1686  diesen  Revers,  und  darauf
schlossen  die  Kaiserlichen  mit  dem  Kurfürsten  den  Vertrag.

Nur  allzu  bitter  sollte  sich  am  Kurprinzen  eine  That  rächen,  deren  Gefahr
er  schon  daraus  erkennen  mußte,  daß  man  ihm  nicht  einmal  gestattete,  seinem
vertrautesten  Rat  und  früheren  Lehrer  und  Erzieher,  Eberhard  von  Danckelmann,
Mitteilung  davon  zu  machen.  Aber  darauf  konnte  er  später  allerdings  aufmerksam
  machen,  daß  nicht  nur  sein  Vater,  sondern  er  selbst  von  Fridag  betrogen
worden  sei.  Denn  weder  waren  die  schlesischen  Ansprüche  Brandenburgs  ohne
rechtliche  Begründung,  noch  bildete  die  liechtensteinische  Schuldforderung  einen
Ersatz  für  Jägerndorf,  und  daß  die  rechtlichen,  aus  dem  böhmischen  Krönungseide
hergeleiteten,  Bedenken  des  Kaisers  nur  vorgegebene  waren,  bewies  die  thatsäch-168
        <pb n="304" />
        208  Scheilern  der  Pläne  des  Kurfürsten.

liche  Uebergabe  des  Kreises  an  Friedrich  Wilhelm,  da  sie  den  Böhmen  doch  eine
bedingungslose  mindestens  scheinen  mußte.

Diesen  Betrug  hat  der  Kurfürst  nie  erfahren,  wohl  aber  mußte  er  noch
erkennen,  daß  es  ein  Irrtum  gewesen,  wenn  er  geglaubt,  Oesterreich  habe  dasselbe
  Interesse  wie  er  gegen  Frankreich  oder  befinde  sich  doch  durch  die  Frage
der  spanischen  Erbfolge  und  durch  seine  Stellung  im  europäischen  Staatensystem
wenigstens  in  so  entschiedenem  Gegensatz  zu  Frankreich,  daß  es  an  dessen  Bekämpfung
  alle  Mittel  setzen  müsse.  Sehr  bald  wurde  vielmehr  klar,  daß  das
katholische  Interesse  Oesterreichs  stärker  war,  als  sein  politischer  Gegensatz  zu
Frankreich,  daß  die  Betonung  des  Katholizismus  seinem  nächsten  Interesse,  der
vollen  Eroberung  Ungarns,  zur  Zeit  förderlicher  war,  als  der  Kampf  gegen
Frankreich.  Nun  aber  hingen  die  überaus  großen  Hoffnungen,  welche  der  Katholizismus
  aus  der  Verfolgung  der  protestantischen  Lehre  in  Frankreich  und  Oesterreich
  hatte  schöpfen  können,  wesentlich  davon  ab,  ob  die  großen  Fortschritte,
die  Jakob  II.  für  den  K  Katholizismus  auch  in  England  gewonnen,  ebenso  dauerhafte
sein  würden,  wie  es  von  den  in  Frankreich  und  Oesterreich  gelungenen  vorausgesetzt
  wurde.  Allein  dies  war  gewiß  dann  nicht  der  Fall,  wenn  Jakobs  Schwiegersohn
  und  gesetzmäßiger  Nachfolger,  der  Prinz  von  Oranien,  nach  ihm  den  englischen
  Thron  bestieg.  Unter  allen  Umständen  mußte  daher  der  Prinz  hieran
gehindert  werden,  und  dies  war  wieder  ohne  die  Hilfe  Frankreichs  unmöglich.
Demnach  hatte  die  Kurie  55  entschiedene  Interesse,  Frankreich  die  Hand  frei  zu
lassen  für  den  Kampf  gegen  England,  und  eben  deshalb  arbeitete  sie  mit  allem
Eifer  daran,  den  Kaiser  zum  Frieden  mit  Frankreich  zu  bestimmen.  Andererseits
aber  wuchs  mit  den  Erfolgen,  die  der  Kaiser,  Venedig,  Polen,  selbst  Rußland
damals  über  die  Türken  erfochten,  und  die  eine  Eroberung  sogar  von  Konstantinopel
leicht  möglich  erscheinen  ließen,  zugleich  auch  die  Hoffnung  der  Kurie,  zu  all  den
verheißungsvollen  Erfolgen  im  Westen  nun  auch  den  seit  Jahrhunderten  schmerzlich
  vermißten  Orient  zu  gewinnen  und  die  griechische  Kirche  wieder  unter  ihre
Herrschaft  zu  beugen.  Und  gleichsam  als  ob  Rom  noch  an  dem  Glaubenseifer
des  Kaisers  zweifeln  könne,  benutzte  dieser  —  ohne  Beachtung  der  häufigen  Verwendungen
  des  Kurfürsten  für  seine  ungarischen  Glaubensbrüder  —  die  Verbindung
  der  Rebellen  in  Ungarn  mit  den  Türken  zur  grausamsten  Bestrafung  der
Evangelischen,  und  das  Blutbad  von  Eperies  bewies  noch  einmal  mit  Flammenschrift,
  daß  Oesterreich  nicht  hinter  Frankreich  zurückbleiben  mochte  in  der  Ausrottung
  der  Ketzer.  Und  weil  dies  das  Ziel  der  Kurie  war,  so  lag  dieser  alles
daran,  Oesterreich  in  dem  Kampf  gegen  den  Orient  festzuhalten,  und  weil  es
ihn  nur  dann  durchzuführen  vermochte,  wenn  es  mit  Frankreich  in  Frieden  lebte,
so  mußte  eben  darauf  die  nächste  Absicht  Roms  gerichtet  sein.  Und  wie  sollte
gegen  diesen  großartigen  Plan  der  römischen  Kircheneinheit,  die  den  Orient  und
Occident  umfaßte,  die  Freiheit  der  europäischen  Staaten  in  Betracht  kommen!
Mochte  Ludwig  XIV.  die  Staatenfreiheit  vernichten,  mochte  er  Deutschland  knechten,
wenn  er  nur  half,  die  Einheit  der  katholischen  Kirche  wieder  herzustellen!

So  erfüllte  sich  denn  die  erste  Voraussetzung  für  den  Krieg  gegen  Ludwig  XIV.,
wie  ihn  Friedrich  Wilhelm  geplant,  nicht.  Der  Friede  mit  den  Türken  wurde
nicht  geschlossen,  dagegen  in  Paris  wie  in  Wien  von  Kardinälen  für  die  Erhaltung
  des  Friedens  gehandelt,  und  in  der  großen  katholischen  Hoffnung  kühlte
auch  der  hoch  gespannte  Eifer  der  katholischen  Reichsfürsten  gegen  Frankreich  sich
        <pb n="305" />
        Der  „disreputirliche  Friede“.  209

 

Kurfürst  Friedrich  he  auf  dem  Todtenbette.
ns-  7  aus  „Chrislian  Cochius,  Davids  des  Koenigs  in  Israel  beite  —
im  Tod  Cölln  a.  d.  Spree  n  ule  Liebpert.  O.  J.,  auf  /2  verklein

wieder  ab.  Je  entschiedener  daher  der  Kurfürst  das  Interesse  des  Reiches  gegen
Ludwig  betonte,  um  so  schwieriger  ward  es  für  ihn,  ein  leidliches  Verhältnis
mit  Frankreich  aufrecht  zu  erhalten.  Namentlich  auf  dem  Reichstage  zu  Regensburg,
  wo  die  neue  Forderung  Ludwigs,  den  zwanzigjährigen  Waffenstillstand  in
einen  endgültigen  Frieden  umzuändern,  erörtert  wurde,  kam  es  zu  den  ärgerlichsten
  Zwistigkeiten.  Denn  nichts  anderes  bedeutete  diese  Forderung  Ludwigs,
als  den  völligen  und  dauernden  Verzicht  des  Reiches  auf  alle  von  Frankreich
gewaltthätig  genommenen  Länder,  die  man  bisher  nur  für  die  Zeit  des  Waffenstillstandes
  ihm  gelassen.

Mit  vollster  Energie  trat  der  Kurfürst  dem  entgegen,  und  so  weit  ging  sein
Eifer  gegen  diesen  „disreputirlichen  Frieden“",  daß  er  seinen  Gesandten  in  Regensburg,
  weil  er  in  Uebereinstimmung  mit  dem  französischen  Gesandten  den  Vorschlag
gemacht  hatte,  über  diesen  Frieden  wenigstens  zu  verhandeln  und  währenddessen  keine
Feindseligkeiten  vorzunehmen,  abberief.  Damit  war  Brandenburg  Frankreich  gegenüber
  bloßgestellt.  Und  gleich  darauf  verständigte  sich  Oesterreich  ungeachtet  seines
Bündnisses  mit  Brandenburg  durch  gegenseitige  Erklärungen  über  den  Waffenstillstand
  mit  Frankreich  und  gab  dem  Könige  damit  den  bündigsten  Beweis  dafür,
  daß  es  ihn  nicht  mit  Krieg  überziehen  werde.  Immer  sicherer  wurde
Ludwig.  Schon  schloß  er  mit  Hannover,  das  der  Kurfürst  doch  seit  der  Vermählung
  des  Kurprinzen  mit  der  Prinzessin  Sophie  Charlotte  gewonnen  zu  haben
glauben  konnte,  einen  Bund,  und  bei  der  bevorstehenden  Wahl  eines  neuen  Erzbischofs
  in  Köln,  dessen  zeitiger  Hirt  auch  die  Bistümer  von  Vuttich  Münster

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="306" />
        210  Wilhelm  von  Oranien

und  LHilbeshein.  in  seiner  Handg  vereinigte  und  gleichsam  zu  vererben  schien,  durfte
Ludwig  auf  die  Wahl  eines  Erzbischofs  rechnen,  der  ihm  völlig  ergeben  war.
Dänemark  hielt  sich  ganz  an  Frankreichs  Seite.  Jakob  II.  von  England  war
im  innigsten  Einverständnis  mit  Ludwig,  und  nur  wenig  Mühe  konnte  es  diesem
kosten,  den  Polenkönig  von  seinen  türkischen  Schlachtfeldern  abzurufen  und  ihm
Brandenbucg  als  lockendes  Angrifssfelo  vorzustellen.

n  Wirklichkeit  war  daher  die  Stellung  Ludwigs  kraftvoller  denn  je,  und
die  Macht  der  katholischen  Kirche  wuchs  immer  höher.  Und  trotzdem  erfolgten
nicht  nur  Uebertritte  deutscher  lutherischer  Fürsten  zum  Katholizismus  in  erschreckender
  Zahl,  sondern  lutherische  Fürsten  und  Staatsmänner,  Gelehrte  und
Geistliche  waren  in  hohem  Maße,  und  gewiß  zum  großen  Teil  mehr  aus  politischen
als  religiösen  Gründen  eingenommen  für  den  Gedanken,  die  lutherische  Kirche
mit  der  katholischen  wieder  zu  vereinen.

Stets  hatte  der  Kurfürst  für  den  Kampf  gegen  Ludwig  vorzüglich  auf  England

  gehofft,  auf  die  Teilnahme  der  Generalstaaten  gerechnet.  Und  indem  nun
die  Unterjochung,  welche  König  Jakob  gegen  die  Evangelischen  immer  heftiger
betrieb,  die  Mißachtung,  welche  er  gegen  die  englische  Verfassung  immer  deutlicher
an  den  Tag  legte,  die  Engläuder  veranlaßte,  den  Prinzen  von  Oranien  aufzufordern,
  jetzt  schon  sein  Erbrecht  anzutreten  und  durch  seine  Herrschaft  die  bürgerliche
  und  kirchliche  Freiheit  in  England  zu  retten,  durfte  der  Kurfürst  hoffen,
England  aus  der  Verbindung  mit  Frankreich  gelöst  zu  sehen.  Er  durfte  darauf
rechnen,  auch  ohne  den  Kaiser  im  Einvernehmen  und  in  Gemeinschaft  mit  den
Seemächten  das  Gleichgewicht  der  Staaten  und  den  Protestantismus  zu  retten.
Es  ergab  sich  ihm  am  Ende  seines  Lebens,  daß  dem  Bunde  der  katholischen
Staaten  gegenüber  die  Unabhängigkeit  wie  die  Gewissensfreiheit  —  zwei  der
hauptsächlichsten  Grundlagen,  auf  denen  sein  Staat  beruhte  —  doch  allein  in  einem
Bunde  der  evangelischen  Staaten  gesichert  sei.  Noch  immer  war  infolge  der
kirchlichen  Umtriebe  eine  Vereinigung  der  Staaten  nach  rein  staatlichen  Gesichtspunkten
  unmöglich.  Das  ungeheure  Uebergewicht  der  Katholischen,  die  Ueberzeugung,
  daß  in  der  Gefahr  der  evangelischen  Kirche  der  Kurfürst  der  delensor
sidei,  der  Verieidiger  des  Glaubens  sei,  sowie  die  Gewaltsamkeiten  Jakobs  gegen
Holland  bewogen  nämlich  auch  die  Staaten  zu  einer  Versöhnung  mit  dem  Prinzen,
veranlaßten  sie,  für  dessen  Zug  nach  England  zu  rüsten.  Die  Voraussetzung  für
diesen  aber  war,  daß  Brandenburg  dem  Prinzen  und  den  Staaten  den  Rücken  sowohl
gegen  Frankreich  wie  auch  gegen  Dänemark  decke.  Und  dies  war  allerdings  zu
erwarten.  Hatte  doch  Friedrich  Wilhelm  durch  die  auseerordentliche  Förderung
seiner  Unterchanen  —  wir  erwähnen  nur  die  Erleichterung  des  Bauernstandes
urch  die  Verlegung  der  Infanterie  in  die  Städte  (1684),  die  Reorganisation
bes  Kassenwesens  und  die  Reform  der  Domänenwirtschaft,  wie  sie  zumal  seit  dem
Eintritt  des  Freiherrn  Dodo  von  Kuyphausen  angestrebt  wurde,  die  Einsetzung  des
General-Kommerzienkollegiims  unter  J.  E.  von  Grumbkow  (1684),  die  Verbesserung
  der  Akzise  und  ihre  Einführung  in  Magdeburg  —  allein  die  Kriegsgefälle
  bis  auf  anderthalb  Millionen  Thaler  gesteigert!  Hatte  er  doch  die  sonst
üblichen  Vorbehalte  der  höheren  Offiziere  gegen  die  landesherrlichen  Befehle  sowie
ihr  Einemmungsrecht  der  Subaltern-Offiziere  auf  ein  möglichst  geringes  Maß  zurückgefüh
  hrt  und  das  Heer  aus  einer  privatrechtlichen  zu  einer  öffentlichrechklichen,  zu
einer  ihm,  als  dem  Landesherrn,  unbedingt  ergebenen  Truppe  von  30000  Mann
        <pb n="307" />
        Wilhelm  von  Oranien.

 

 

Denkmal  des  Kurfürsten  —  ih  auf  der  Langen  Brücke

Nach  dem  1-Bie-  ientaen.  0rSr  Andreas  Sien  (1064—1714)  im  Jahre
4  Johann  Jacobi  (#  1726).
Nach  einem  Lichtbllde.

gemacht!  Mit  regstem  Eifer  hat  der  Kurfürst  daher  in  den  letzten  Monaten
seines  Lebens  an  dem  Plane  seines  Neffen  gearbeitet,  und  schon  zog  er  größere
Truppenmassen  im  Clevischen  zusammen.  „London“  war  die  vorletzte,  „Amsterdam“
die  letzte  Parole,  die  er  ausgab,  bis  zum  Tode  beschäftigt  mit  dem  Gedanken
an  das  große  Unternehmen,  das  seinen  Staat  sichern,  das  Deutschland  und  Europa
vor  der  Uebermacht  Frankreichs  bewahren  und  das  Evangelium  retten  sollte.

,-211
        <pb n="308" />
        212  Tod  des  Kurfürsten.

Aber  die  Ausführung  des  Unternehmens  sollte  er  nicht  mehr  erleben.  Schon
längere  Zeit  hatte  er  gekränkelt,  oft  die  heftigsten  Schmerzen  erduldet.  Seit  dem
Januar  litt  er  wieder  schwer  an  der  Wassersucht,  er  wußte,  daß  es  zu  Ende  ging,
bezeichnete  selbst  den  7.  oder  8.  Mai  als  seinen  Todestag.  Am  7.  Mai  versammelte
  er  zum  letztenmale  seinen  Geheimen  Rat  um  schs  mit  tief  ergreifenden
Worten  übergab  er  dem  Kurprinzen  die  Regierung,  dankte  den  Räten  für  ihre
treuen  Dienste,  ermahnte  sie,  solche  auch  seinem  Nachfolger  zu  leisten,  und
nahm  ihr  Gelübde  der  Treue  für  diesen  in  Empfang.  Dann  nahm  er  von  den
Seinigen  herzbewegenden  Abschied,  bat  den  Kurprinzen  feierlich,  seinen  Ratschlägen
zu  folgen.  Aber  noch  wollte  ihn  der  Tod  von  seinen  Qualen  nicht  erlösen.  Wie
ein  Held  und  frommer  Christ  hatte  er  gelebt,  wie  ein  Held  und  frommer
Christ  rang  er  mit  dem  Tode.  Noch  konnte  er  mit  den  herbeigerufenen  Predigern
von  Gott  und  dem  Jenseits  reden,  seiner  Zuversicht  auf  Vergebung  der  Sünden
Ausdruck  geben.  Dann  nahm  er  noch  einmal  Abschied  von  den  Seinigen.  Endlich
  am  9.  Mai  früh  9  Uhr,  nach  schweren,  mit  unendlicher  Geduld  ertragenen
Todcslünpfen,  und  in  der  trostreichen  .  „Ich  weiß,  daß  mein  Erlöser
lebt  und  er  wird  mich  auferwecken  aus  der  Erde“  'shloß  der  Kurfürst  Friedrich
Wilhelm  „ganz  sanft  und  selig  ohne  einige  Veränderung  der  Gestalt  mit  Neigung
des  Hauptes  die  Augen“.  „Die  Seinigen  haben  von  ihm“",  schreibt  Schwerin,
flernen  können,  wie  man  sterben  muß".  Aber  auch  die  Vorbereitung  zu  solchem
Sterben,  ein  Leben  voll  Mühe  und  Arbeit,  voll  strenger  und  harter  Pflichterfüllung
  haben  sie  von  ihm  lernen  können.  Diese  hatte  er  den  Seinigen,  diese
hatte  er  aber  auch  seinem  Staate  eingepflanzt,  und  in  ihr  lag  die  frohe  Hoffnung,
daß  dieser  Staat,  daß  sein  Werk  auch  ohne  ihn  weiter  sein  und  bestehen  werde.

   

-
—  des  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm  im  Dom  zu  Berlin.

Cochin#s  arstl.  brandenb.  Holsprediger)  .Davlde  des  Koenigs  in  Ilrael
n  iiiri  ausktter  us  1  d-  eneie  a.  d.  Spree  dei  Ulr.  Llebpert.  O.  J.
        <pb n="309" />
        Kupferslich  vom  Monogrammist  J.  C.  S.  nach  Zeichnung  von  Samuel  Blesendorf,  kurfürstl.  Hoskuplerstecher
Gé6O—1700)  in  Z.  Beger  -  Thesaurus  *  sclechus=  I.  Bd.,  gedruckt  von  U.  Llebpert,  Cölln  a.  d.  Spree#
1696.  Auf  etwa  ½  verlleinert.

Rurfürst  Friedrich  III.  —  Rönig  Friedrich  J.
1688—1713.
Die  Rurfürstliche  Zeit  1668—F0#k.

   

flichttreue  gegen  den  Staat,  das  war  der  Lebensinhalt
  des  Großen  Kurfürsten  gewesen.  Pflichttreue
im  Größten,  wie  im  Kleinsten,  Pflichttreue  nicht  nur
in  den  Zeiten  der  Hoffnung  auf  fröhliches  Gelingen
der  ernsten  und  im  wahren  Sinne  patriotischen
Arbeit,  sondern  Pflichttreue  auch  in  den  Zeiten,  da
l#le  Arbeit,  alle  Hingabe,  alle  Aufopferung  für  das
deutsche  Reich  mit  Undank  und  Verrat  belohnt  worden.
Aber  allem  Neide,  aller  Mißgunst  zum  Trotz  war
der  treuesten  Pflichterfüllung  doch  wahrlich  auch  der
schönste  Lohn  geworden.  Aus  den  zertretenen,  verr

  r  ad  el?.  aPmten  und  wie  aus  allen  Fugen  gerissenen  Ländern,
die  ihm  sein  Vater  hinterlassen,  hatte  der  Kurfürst

einen  Staat  geschaffen,  der,  vom  Feinde  gefürchtet,  vom  Freunde  geachtet,  eine
tellung  im  europäischen  Staatensystem  gewonnen  hatte,  mit  der  gerechnet  werden
mußte.  2013  Geviertmeilen,  mithin  etwas  mehr  als  die  drei  heutigen  süddeutschen
Staaten  zusammen  umfassend,  hatte  der  Staat  zwar  bei  weitem  nicht  eine  geographische
Einheit,  wohl  aber  ein  innerliches  Gefüge,  eine  Festigkeit,  eine  Sicherheit  seiner
Mittel  erhalten,  war  eine  Pflichttreue  seiner  Beamten  und  zum  großen  Teile  auch
seiner  Unterthauen  geschaffen,  wie  sie  damals  nur  in  geringem  Maße  in  Europa,

.—  —
        <pb n="310" />
        214  Das  Werk  des  Großen  Kurfürsten.

in  Deutschland  gewiß  nicht  zu  finden  war.  Hierin  lag  das  Geheimnis  seiner
Macht,  seiner  Bedeutung,  die  über  das  Maß  seines  Umfanges  erheblich  hinausgriff.

Denn  wenn  auch  für  deutsche  Verhältnisse  groß,  nahm  Brandenburg  seinem
Umfange  nach  unter  den  europäischen  Staaten  erst  den  dreizehnten  oder  vierzehnten
Platz  ein.  Aber  während  innere  Krankheiten  die  weitaus  meisten  Staaten  jener
Zeit  nicht  zur  vollen  Entfaltung  ihrer  Macht  kommen  ließen,  herrschte  hier  dank
der  Pflichttreue  des  Herrschers  frisches,  arbeitsames,  gesundes  Leben,  die  Stetigkeit
des  Diensteifers,  die  Gewöhnung  an  Pflichttreue  gegen  das  Ganze,  gegen  den
Staat.  Hier  in  Brandenburg  wußte  man  wieder,  daß  der  Staat  Macht  ist  und
Macht  sein  muß,  wenn  anders  er  Sicherheit  nicht  nur  gegen  auswärtige  Feinde,
sondern  vornehmlich  die  Grundlage  und  die  Mittel  jeder  geistigen  und  materiellen

twickelung  dem  Volke  geben  soll.  Und  wem  der  Kurfürst  seinem  Staate
diese  Macht  errungen  hatte,  so  war  eben  das  ihr  eigentümlich,  daß  sie  auf  das
ganze  Deutschland  zurückwirkte.  Wie  das  geistige  Leben,  das  am  Hofe  zu  Berlin
und  in  den  brandenburgischen  Universitäten,  in  der  brandenburgischen  Verwaltung,
wie  in  der  brandenburgischen  Justiz  herrschte,  mehr  und  mehr  die  fähigsten  deutschen
Köpfe  anzog,  so  mußte  jeder  wirtschaftliche  Aufschwung  dieses  Staates  doch  durch
die  drei  großen  Verkehrsadern,  den  Rhein,  die  Elbe,  die  Oder,  die  das  brandenburgische
  Land  durchschnitten,  auch  wieder  für  das  Reich  von  Bedeutung  werden.
Imner  aber  blieb  die  politische  Sicherheit  die  Hauptsache.  Und  was  wollte  es
nicht  sagen,  daß  unter  den  verkommenen  geistlichen  Staaten  rheinauf  rheinab  im
Westen  jetzt  ein  Bollwerk  aufgerichtet  war,  das  selbst  den  Waffen  eines  Ludwigs  XIV.
ein  kerndeutsches  Halt  zurief!  Was  hatte  es  nicht  zu  bedeuten,  daß  im  Osten
der  flügellahme  weiße  polnische  Adler  aus  deutschem  Lande  vertrieben  war,  und
der  rote  Aar  Kurbrandenburgs  seine  Fittiche  hier  schützend  ausbreitete,  mit  scharfem
Auge  die  Grenze  bewachte!  Was  wollte  es  nicht  sagen,  daß  Schweden  jetzt  nur
noch  eine  —  freilich  eine  herrliche  —  Scholle  Deutschlands  besaß,  daß  Schwedens.
Wimpel  nicht  mehr  in  preußischen  Häfen  wehten,  daß  Schwedens  Schiffe  an  der
preußischen,  der  hinterpommerschen  Küste  vorbeisegeln  mußten,  daß  Polen,  Schweden
und  Frankreich  des  deutschen  Schwertes  Schärfe  wieder  fürchten  gelernt  hatten!
Was  hätte  —  man  vermag  die  Frage  kaum  zu  unterdrücken  —  aus  Deutschland
werden  können,  wenn  die  deutschen  Fürsten,  wenn  der  deutsche  Kaiser  neben  den
Kurfürsten  getreten  wären,  ja  wenn  sie  ihm  nur  die  Verträge  gehalten,  wenn  sie
ihn  nicht  verraten  hätten!

In  den  ersten  Jahren  seiner  Regierung  noch  viel  zu  schwach,  um  der  doppelten
Fremdherrschaft,  die  der  westfälische  Friede  an  Schweden  und  Frankreich  zueichert
  hatte,  ein  Ende  zu  machen,  hatte  er  doch  wenigstens  in  Preußen  die
polnische  Fremdherrschaft  abgeschüttelt  und  die  Versuche  der  Schweden,  statt  der
polnischen  ihre  Herrschaft  auch  in  Preußen  zu  begründen,  abgewiesen.  In  kühnsten
Wendungen  hatte  er  die  Sonveränetät  in  Preußen  gewonnen  und  den  schroffsten
Angriffen  der  Stände  gegenüber  zur  Geltung  gebracht.  Wenig  fehlte,  daß  er  den
Schweden  auch  den  letzten  Rest  deutscher  Erde  entriß,  da  mußte  er  auf  die
Drohung  Frankreichs,  auf  den  Willen  des  Kaisers  den  Degen  in  die  Scheide
stecken.  Als  Frankreich  mit  unerhörter  Gewaltthat  seine  Fremdherrschaft  auszubreiten
  suchte,  da  war  es  der  Kurfürst,  der  zuerst  den  hingeworfenen  Fehdehandschuh
  aufnahm,  und  der,  wie  hinterhaltig  ihn  die  Verbündeten  auch  in  die  Enge
führten,  allein  mit  solcher  Energie  den  Kampf  betrieb,  daß  Ludwig,  um  nur  vor
        <pb n="311" />
        Das  Werk  des  Großen  Kurfürsten.  215

seiner  mächtigen  Hand  Sicherheit  zu  finden,  seine  Teilnehmer  an  der  Fremdherrschaft
  in  Deutschland,  die  Schweden,  aufrief,  ihm  in  den  Rücken  zu  fallen.  Das
aber  war  —  wer  möchte  nicht  staunen!  —  nur  der  Anlaß  für  den  Kurfürsten
gewesen,  die  Schweden  vollkommen  zu  schlagen.  Mit  dem  Tage  von  Fehrbellin,
mit  jenem  unvergleichlichen  Zuge  nach  Preußen  war  der  Kriegsruhm  der  Schweden,
war  die  schlotternde  Angst  vor  ihnen  dahin.  Aber  Frankreich  hatte  seine  Pläne
nur  zu  wohl  erreicht.  Ohne  den  Kurfürsten  hatten  ihm  weder  der  Kaiser,  noch
Holland,  weder  das  Reich,  noch  Spanien  Widerstand  leisten  können.  Doch  statt
nun  den  mit  Sicherheit  zu  hoffenden  heißen  Ritt  vom  Haff  zum  Rhein,  der
Rettung  bringen  konnte,  auch  nur  zu  wünschen,  hatte  man  sich  im  schimpflichsten
Frieden  vor  Frankreich  gebeugt,  die  wohl  erworbenen  Lorbeeren  dem  Kurfürsten
vom  Haupte  gerissen.  Man  hatte  Bedingungen  zugestanden,  deren  wahren  Inhalt
das  deutsche  Reich  wie  Holland  und  Spanien  erst  durch  Ludwigs  empörende  Verletzungen
  alles  Völkerrechtes  kennen  lernten.  Mit  diesem  Frieden  aber  hatte  man
naturgemäß  auch  den  Kurfürsten  zur  Unterwerfung  gezwungen.  Ungeachtet  aller
seiner  Erbietungen  und  allen  Verträgen  zum  Trotz  hatte  man  ihn  allein  der
Wut  Ludwigs  ausgesetzt  und  konnte  den  Treubruch  nicht  anders  als  durch  den
damals  nicht  einmal  zutreffenden  Himveis  auf  die  Uebermacht  Ludwigs  rechtfertigen.
  Mit  tief  verwundetem  Gemüt  mußte  der  Kurfürst  wieder  das  mit  vielem
Blut  getränkte  deutsche  Land  dahingeben.  Er  mußte  das  französische  Joch  auf
seine  Schultern  nehmen  und  nur  bestrebt  sein,  dem  vorzeitigen  Drängen  und  Toben
der  alten  Verbündeten  gegenüber,  die  nunmehr  leichtfertig  und  ohne  genügende
Vorbereitung  das  Schwert  ziehen  wollten,  durch  Nachgiebigkeit  und  Verträge
Ludwig  von  weiteren  Gewaltthaten  zurückzuhalten.  Und  während  die  Kriegspartei
den  König  durch  Krieg  und  Kriegsgeschrei  zu  größerem,  dreisteren  Uebermut  reizte,
war  es  die,  wie  immer  nachgebende  und  beschwichtigende,  doch  selbstbewußte
Haltung  des  Kurfürsten  gewesen,  vor  der  Ludwig  Halt  gemacht.  Es  war  von
unbeschreiblichem  Segen  für  das  Reich,  daß  Frankreich  von  einem  Einfall  in
Deutschland  zurückgehalten  wurde,  als  die  Türken  mit  gewaltiger  Macht  bis  Wien
vordrangen.  Doch  wie  Ludwig  selbst  es  hatte  voraussehen  müssen,  war  Friedrich
Wilhelm  der  erste,  der,  sobald  es  die  wahren  Machtverhältnisse  zu  gestatten
schienen,  bemüht  war,  das  fremde  Joch  abzuschütteln.  Ja,  als  sich  wider  alles
Erwarten  ergab,  daß  das  katholische  Interesse,  welches  Frankreich  mit  dem  Kaiser
gemeinsam  hatte,  im  Augenblick  stärker  als  der  dynastische  Gegensatz  zwischen
beiden  war,  arbeitete  der  Kurfürst  mit  hingebendem  Eifer  an  der  von  seinem
Neffen  ins  Auge  gefaßten  Befreiung  Englands,  um  in  dem  Bunde  der  evangelischen
  Staaten  das  Gleichgewicht  gegen  Frankreich  zu  finden.  —

Für  dieses  Unternehmen  war  nun  auch  der  Kurprinz  von  seinem  Vater  gewonnen,
  und  wenn  in  den  letzten  Jahren  eine  Spannung  zwischen  beiden  geherrscht
  hatte,  die  in  der  sogenannten  Flucht  des  Kurprinzen  nach  Kassel  ihren
schärfsten  Ausdruck  gefunden  hatte,  so  war  es  zunächst  von  größter  Wichtigkeit,
ob  die  angebliche  Benachteiligung  des  Kurerben,  worin  eben  der  Grund  für  jene
Spannung  gelegen,  wirklich  in  dem  Testament  des  Vaters  festgesetzt  war.

Am  17.  November  1688  ward  es  eröffnet.  Es  ergab  die  Aufrechthaltung  der
Einheit  des  Landes,  den  ungeschmälerten  Uebergang  der  Souveränetät  auf  den  Kurerben,
  während  für  die  jüngeren  Söhne  Paragien  d.  h.  auf  einen  mit  adligen  Rechten
versehenen  Grundbesitz  gegründete  Apanagen  ausgeworfen  waren.  Doch  war  dies  unter
        <pb n="312" />
        Rönig  Friedrich  I.

Ausschnikt  aus  r'r  dl  gtss  von  Jobann  Georg  Wolffgang  (1664—1744)  aan  dem  Original  von
Hosfmaler  Johonn  Friedrich  Wentzel  (1660—1729),  aus  verklei
—  regger  nach  einem  Exemplor  lm  Kgl.  Lausorchlo  zu
        <pb n="313" />
        Rönigin  Sophie  Charlotte.

Auaschrn  aus  elnem  Kupfersliche  von  Ensenn  gun  K  (1664—1744)  nach  dem  Orlglnal  von
edeon  Ramondon  (auch  Roman  u  genannt,  1  1698),  auf  ⅜  verkleinert.
Das  Nomenssassimite  zien  8  Kgl.  Lausarchlo  zu  Verlin.
        <pb n="314" />
        218  Testament  des  Großen  Kurfürsten.

 

—  —  h6  r
—

E  —  *“
?  oltt“  —  —

 

—  2422454

Das  Kurfürstliche  Schloß  zu  Coln  a.  d.  Spree  im  Jahre  16
Nach  einer  Zelchnung  von  Johann  Stridbed  d.  J.  (  Tüte  P5  der  r  “  —  Berlin,
auf  etwa  die  Hälste  verkleinert.

Formen  und  Bedingungen  geschehen,  die  im  Laufe  der  Zeit  wohl  zu  eigentlichen  Regierungsrechten
  führen  konnten.  Und  eben  dies  hätte  dem  Interesse  des  Kaisers,  dem
die  Vollziehung  des  Testamentes  übertragen  war,  und  dem  Friedrich  selbst  in  dem
Schwiebusser  Revers  eine  gefährliche  Waffe  gegeben,  voll  entsprochen.  Ein  Zwiespalt
  in  der  Familie  mußte  also  die  kaiserliche  Einmischung  in  die  innere  Angelegenheit
  des  Hauses  und  Landes  nach  sich  ziehen,  die  Ssnes  zu  vermeiden  war.
Und  Friedrich  wollte,  wie  er  es  aussprach,  „nicht  der  Mann  sein,  durch  den  der
Glanz  und  die  Macht  seines  Hauses  zerrüttet  Pgirl-  ;  er  war  der  Ueberzeugung,
doch  in  dem  Sinne  zu  handeln,  mit  dem  der  Vater  geschaffen,  wenn  er  jeder
Möglichkeit  einer  Spaltung  des  Landes  sich  widersetzte.  Wesentlich  der  Vermittelung
  der  viel  geschmähten  Kurfürstin-Mutter  und  unter  Hinweis  auf  die  in
der  „Väterlichen  Ermahnung“  des  Großen  Kurfürsten  stark  hervorgehobene  Notwendigkeit
  der  Unteilbarkeit  der  Lande  gelang  3  in  der  Folge,  die  jüngeren
Brüder  gegen  reiche  Entschädigungen  zum  Verzicht  auf  die  ihnen  zugedachten
Rechte  zu  bestimmen.  Und  ohne  Gweifel  hatte  **  spenli.  Beilegung  der  Sache
für  den  Staat  den  größten  Wert.

Die  beginnende  Verständigung  in  der  Familie  erleichterte  dem  Kurfürsten  den
Anfang  seiner  Regierung  außerordentlich.  Er  war  ganz  des  Willens,  das  große
Werk  seines  Vaters  voll  zu  erhalten,  pflichtmäßig  dem  Dienste  des  Staates  sich
zu  widmen,  und  „S.  Kf.  D.  haben  demnach“,  wie  es  heißt,  „wenig  Zeit,  die  sie
nicht  in  den  Geschäften  employieren“".  Einer  seiner  ersten  Schritte  war  die  Ernennung
  seines  einstigen  Erziehers  und  bisherigen  Rates,  Eberhards  von  Danckelmann
  zum  wirklichen  Geheimrat,  und  mit  dem  tiefen  Ernste  seines  Charakters  widmete
sich  dieser  der  Aufgabe,  im  Geiste  des  dahin  gegangenen  Genius  weiter  zu  arbeiten.

Ihn  hatte  Friedrich  Wilhelm  zugleich  mit  dem  Kurprinzen  eingeweiht  in
das  Gehrimmns  des  englischen  Unternehmens,  und  wenn  dem  Prinzen  von  Oranien
        <pb n="315" />
        Kampf  gegen  Frankreich.  —  Befreiung  Englands.  219

sofort  nach  der  Throubesteigung  von  Friedrich  die  bündigsten  Zusicherungen  gemacht
  wurden,  so  war  dies  um  so  wichtiger,  als  zwar  Hessen-Kassel,  auch  Braunschweig-Celle
  —  Hannover  verhielt  sich  kühl  zurückhaltend  —  nach  längerem  Zögern
zur  Unterstützung  Wilhelms  sich  bereit  erklärten,  aber  Brandenburg  allein  zum
Kampfe  gerüstet,  und  seine  Entscheidung  für  den  Beitritt  anderer  Fürsten  maßgebend
  war.  Im  August  sagte  Brandenburg  dem  Prinzen  6000  Mann  zu,  im
September  bei  einer  Zusammenkunft  in  Minden  soll  das  Nähere  zwischen  Friedrich
und  dem  Prinzen  verabredet  worden  sein.  Unterdessen  war  aber  in  Köln  zur
Wahl  geschritten,  und
da  der  französische  Kandidat
  nicht  die  nötige
Stimmenzahl  erhielt,
so  mußte  man  die  Besetzung
  der  Stadt  durch
französische  Truppen
befürchten.  Brandenburgische
  Truppen  retteten
  sie  zwar  noch  durch
ihr  rechtzeitiges  Einrücken
  vor  dem  Schicksal
  Straßburgs;  aber
König  Ludwig,  in  lebhaftester
  Sorge  über
die,  mit  den  Erfolgen
egen  die  Türken

wachsende  Macht  des
Kaisers,  und  in  der
Erwartung,  daß  die
holländischen  Kräfte
und  der  Prinz  von
Oranien  selbst  durch
das  Unternehmen  nach
England  vollauf  in  Anspruch
  genommen  würden,
  überschritt  am

24.  September  1688  Schwarzkunstblatt  von  ge,nene  elwa  die  Hälfte  verkleinert.
die  deutschen  Grenzen.

In  raschem  Vorgehen  nahm  er  Speyer,  Worms,  Mainz,  Mannheim,  Heidelberg.
Damit  waren  die  vier  rheinischen  Kurfürstentümer  in  Ludwigs  Hand,  ganz  Süddeutschland
  erzitterte  vor  ihm,  selbst  Breslau  war  schon  in  lebhafter,  heller  Verzweiflung.
  Holland  war  durch  ein  brandenburgisches  Heer  unter  Schonberg  gedeckt.
Deutschland  aber  mußte  für  die  Befreiung  Englands  den  Blutzoll  entrichten.  Doch
wenigstens  im  Norden  wurde  auf  Friedrichs  thatkräftiges  Betreiben,  wie  durch  seine
Nachgiebigkeit  in  anderen  Fragen,  das  Magdeburger  Bündnis  zwischen  Brandenburg,
Celle,  Hannover,  Kursachsen,  Hessen-Kassel  geschlossen,  wurde  ein  kräftiger  Widerstand
organisiert  und  die  Mainlinie  gesichert.  Ebenso  war  die  Landung  Wilhelms  in  England
  glücklich  erfolgt,  König  Jakob  vertrieben,  Wilhelm  König  von  England  geworden.
        <pb n="316" />
        220  Kampf  gegen  Frankreich.

   

Beschießung  Bonns  durch  Kurfürst  Friedrich  III.  1089.
Kupferstich  vom  Monogrammist  A.  K.,  auf  /  verkleinert.

Aber  Wilhelm  sowohl  wie  der  Kaiser  lehnten  —  jener  mit  Rücksicht  auf
die  englischen  Verhältnisse,  dieser  mit  Rücksicht  auf  die  Türkenkämpfe  —  den  von
Friedrich  betriebenen  Bund  gegen  Frankreich  ab.  Man  hatte  ja  so  eben  den
Reichskrieg  erklärt,  man  durfte  hoffen,  daß  der  Kurfürst,  trotdem  ihm  Ludwig
die  glänzendsten  Anerbietungen  machte,  „sich  auch  weiter  der  Defension  des  geliebten
  Vaterlandes  annehmen  werde.“  Erst  als  die  Franzosen  jene  satanische
Verwüstung  Süddeutschlands  ins  Werk  gesetzt  hatten,  die  eine  Wüste  zwischen  Frank-1689

  reich  und  Deutschland  schaffen  sollte,  schlossen  (im  Mai  1689)  der  Kaiser  und
England  einen  Bund  gegen  Ludwig,  zu  dem  man  auch  Brandenburg  „zulassen“
wollte.  Im  Hinblick  auf  den  großen  Zweck  übersah  Friedrich  die  Mißachtung
Wilhelms  wie  des  Kaisers  und  war  militärisch  wie  diplomatisch  aufs  lebhafteste
thätig,  Ludwig  zu  besiegen.  Seine  Truppen,  etwa  30000  Mann  stark,  nahmen
die  Städte  am  Niederrhein,  so  Rheinberg,  Kaiserswerth,  halfen  die  Kapitulationen
von  Mainz  herbeiführen  und  eroberten  endlich  unter  des  Kurfürsten  eigenem  Befehl
  mit  Hilfe  des  Herzogs  von  Lothringen  auch  Bonn  (15.  Oktober  1689).
Dadurch  waren  die  Gebiete  von  Kurköln  und  Kurtrier  von  den  Franzosen  gesäubert.
  Ebenso  verhandelte  Friedrich  mit  den  deutschen  Fürsten  und  dem  Koaiser,
um  ein  geschlossenes  Vorgehen  des  Reiches  herbeizuführen.  Deshalb  unterstützte
er  auch  den  Wunsch  seines  Schwiegervaters,  für  Hannover  die  Kurwürde  zu  erlangen,
  und  benutzte  andererseits  die  Wahl  des  Erzherzogs  Joseph  zum  römischen
König  (Januar  1690)  nicht,  um  irgend  welche  Zugeständnisse  von  Oesterreich  für
Brandenburg  auszuwirken.  Nur  eins  hatte  er  versucht.  Wiederholt  hatte  der
Kaiser  schon  an  die  Rückgabe  von  Schwiebus  erinnern  lassen,  und  Friedrich  hatte
        <pb n="317" />
        Revers.  —  Kampf  gegen  Frankreich.  221

endlich  vor  seinen  Räten  den  Schleier  des  Geheimnisses  lüsten  müssen.  Nun
konnten  diese  wohl  die  Gültigkeit  des  Reverses  überhaupt  in  Frage  stellen,  da
die  Rechtsverbindlichkeit  dessen,  was  ein  Thronerbe  thut,  für  den  Staat  allerdings
zu  bezweifeln  ist.  Aber  darauf  kam  es  keineswegs  an.  Denn  welche  Mühe  sich
auch  die  Räte  gaben,  einen  Ausweg  aus  der  schlimmen  Lage  zu  finden,  so  war
doch  klar,  daß  der  Kaiser,  dessen  Ansehen  damals  größer  als  während  seiner
ganzen  Regierung  war,  auf  seinem  Schein  bestehen  werde.  Es  wurde  zwar  selbst
von  den  kaiserlichen  Ministern  zugegeben,  daß  der  Revers  „nicht  eben  ganz  in
Ordnung  sein  möchte",  aber  man  hielt  es  doch  —  den  Zeitverhältnissen  allerdings
entsprechend  —  für  selbstverständlich,  „daß  unter  Fürsten  und  Herren  nicht  auf
juristische  und  gerichkliche  Subtilitäten  gesehen  werde.“

Doch  vorläufig  war  man  mit  dem  Kriege  vollauf  beschäftigt,  und  er
verlief  in  gewohnter  Weise.  Die  Verbündeten  erlitten  Verluste,  Brandenburg.
wendete  die  schlimmsten  Folgen  ab  und  wurde  dafür  mit  schnödem  Undank  belohnt.
Wie  man  dem  Kurfürsten  für  den  Unterhalt  derselben  Anzahl  von  Truppen,  für
welche  der  Kaiser  4½  Millionen  in  Anspruch  genommen,  300000  Thaler  anwies,
  so  verfügte  der  Kaiser  auch  eigenmächtig  über  die  brandenburgischen  Truppen.
Waldeck  erlitt  eine  furchtbare  Niederlage  bei  Fleurus  durch  den  M  Marschall  von  160
Luxemburg,  und  nur  der  schleunige  Marsch  der  Brandenburger  bis  in  die  un=  cunmittelbare
  Nähe  Brüssels  rettete  die  Niederlande.  Die  französische  Rlotte  besiegte
die  englisch-staatische,  die  Landung  französischer  Truppen  in  England  schien  bevorzustehen,
  und  nur  die  Brandenburger  in  Brabant  konnten  nach  Königs  Wilhelms
eigener  Meinung  sie  daran  verhindern.  In  Italien  war  Frankreich  mit  dem
Siege  bei  Staffarda  Herr  der  Po-Ebene,  bedrohte  Mailand,  und  natürlich  sandte  15
der  Kurfürst  von  Brandenburg  Truppen  nach  Italien.  IAm  Rhein  drangen  die?
Franzosen  bis  über  Aachen  hinaus  vor,  und  nur  die  Brandenburger  traten  ihnen
in  den  Weg.  Endlich  erlitt  der  Kaiser  selbst  in  Ungarn  Niederlagen,  und  nach
der  Einnahme  von  Belgrad  durch  die  Türken  war  die  Gefahr  für  Oesterreich  #r
größer  denn  je.  Und  trotz  allem,  was  bisher  vorgefallen,  und  trotzdem  die
Schwiebusser  Angelegenheit  nicht  einen  Schritt  vorrückte,  sandte  der  Kurfürst  auch
nach  Ungarn  6000  Mann.  All  das  geschah,  obwohl  sich  inzwischen  Schwedenmit
  Frankreich  verständigt  hatte,  und  die  Befürchtung  vor  einem  gemeinsamen
Vorgehen  Schwedens  und  Hannovers  unter  der  schügenden  Hand  Frankreichs  nur
zu  berechtigt  war.  Zweifelhaft  aber  war  es,  ob  der  Schutz,  den  die  Verbündeten
dem  Kurfürsten  für  einen  solchen  F.  in  dem  im  März  1690  abgeschlossenen
Vertrage  verheißen  hatten,  einen  En  Wert  gewinnen  würde.  Glücklicherweise
  nötigte  jedoch  der  breunende  Ehrgeiz  des  Herzogs  Ernst  August  von  Hannover
diesen,  von  den  schwedischen  Plänen  abzusehen  und  auf  den  Kaiser  und  die  Seemächte
  Rücksicht  zu  nehmen.  Indem  nun  Friedrich  den  Plänen  des  Herzogs  die
eifrigste  Unterstützung  zu  teil  werden  ließ,  gelang  es,  ihn  (März  1692)  bei  der
gemeinsamen  Sache  festzuhalten.  Als  demnächst  (Dezember  1692)  der  Kaiser  die

rwürde  Hannovers  anerkannte,  herrschte  namentlich  in  Berlin  große  Freude,
und  Brandenburg  war  es  zu  danken,  wenn  der  Wid  erspruch,  den  die  „korrespondierenden
  Fürsten“  noch  viele  Jahre  dagegen  erhoben,  eine  Bedeutung  nicht  erlangt
  hat.

Auf  den  Kriegsschauplätzen  war  inzwischen  während  des  Jahres  1691  „nichts
Nennenswertes“  geleistet,  und  im  Jahre  1692  hatte  Wilhelm  III.  in  den  Nieder=  1602.
        <pb n="318" />
        1694
Dez.

222  Friedrichs  Nachgiebigkeit.  —  Rückgabe  von  Schwiebus.

landen,  wohin  Friedrich  zu  ihm  geeilt  war,  schwere  Verluste  erlitten.  Ebenso
war  die  Türkennot  für  den  Kaiser  größer  und  größer  geworden,  und  er  verlangte
von  Friedrich  neue  6000  Mann  zum  Kampf  gegen  die  Türken.  Da  nun  Friedrichs

Truppen  auf  sämtlichen  Kriegstheatern,  am  Rhein,  in  den  Niederlanden,  in  Italien
und  Ungarn  kämpften,  und  diese  neue  Forderung  das  eigene  Land  noch  mehr  von
Truppen  entblößen  mußte,  so  glaubte  Friedrich  jetzt  vom  Kaiser  den  Verzicht  auf
die  d.  rahe  von  Schwiebus,  die  Anerkennung  der  Anwartschaft  auf  Oskwieslank
und  die  Zusicherung,  auch  seinen  Truppen  endlich  den  nötigsten  Unterhalt  zu  gewähren,
  erwarten  zu  können.

Aber  wieder  sah  Friedrich  „sich  verspottet  und  mit  leeren  Worten  abgespeist“,
nicht  einmal  die  gewöhnliche  Courtoisie  glaubte  der  Kaiser  gegen  ihn  wahren  zu
müssen.  Dennoch  wurde  auch  diese  Forderung  des  Kaisers  erfüllt.  Und  dies  geschah
deshalb,  weil  hier  der  Plan  einsetzt,  in  dessen  Verwirklichung  das  größte  Verdienst
Friedrichs  um  die  Entwickelung  des  Staates  zu  erkennen  ist:  die  Erwerbung  der
preußischen  Königskrone.  Auf  leise  Andeutungen  dieses  Wunsches  bei  den  kaiserlichen
Ministern  gab  nämlich  der  eine  oder  andere  von  ihnen  balb  zustimmende,  halb
bedenkliche,  jedenfalls  aufschiebende  Erklärungen,  aus  denen  der  Kurfürst  indessen
die  Möglichkeit  eines  Erfolges  entnahm.  Vorbedingung  hierfür  war  aber  allerdings,
  die  außerordentlich  bedeutenden  Leistungen  im  Felde  fortzusetzen  und  sich  zu
jeder  nur  möglichen  Nachgiebigkeit  gegen  den  Kaiser  bereit  zu  erklären.  So  ließ
Friedrich  nicht  nur  die  geforderten  Truppen  gegen  die  Türken  marschieren,  sondern
hab  jetzt  auch  den  Kreis  Schwiebus  an  Oesterreich  zurück.

Es  wollte  freilich  nicht  gerade  allzuviel  bedeuten,  daß  der  Kaiser  gelegentlich
dieser  Rückgabe  endlich  das  Expektanzdekret  auf  Ostfriesland  ausstellte,  auch  die
preußische  Herzogswürde  anerkannte.  Wichtiger,  wenigstens  nach  allem  Anschein
für  die  wirkliche  Rückgabe  des  Kreises  maßgebend,  war  die,  doch  nur  sehr  allgemein
gehaltene,  Zusicherung  des  Kaisers,  bei  einer  Standeserhöhung  dem  Kurfürsten
niemanden  vorziehen  zu  wollen.  Das  Bedeutungsvollste  aber  war,  daß  die  kaiserlichen
  Kommissarien  einen  Verzicht  auf  die  schlesischen  Herzogtumer  und  die  Beziehung
  auf  den  Revers  verlangt,  die  brandenburgischen  dies  mit  Entschiedenheit
abgelehnt,  und  jene  daraufhin  ihre  Forderung  fallen  gelassen  hatten.  Nicht  auf
Grund  des  Reverses,  sondern  „zum  Zeichen  gegen  Ks.  M.  tragenden  Deferenz
und  in  dem  lebhaften  Wunsch  mit  Ks.  M.  auch  in  diesem  Punkt  zu  guter  Einigkeit
zu  kommen",  hatte  der  Kurfürst  in  die  Abtretung  gewilligt,  und  indem  die  kaiserlichen
  Kommissarien  nach  umständlicher  Erörterung  ihren  Widerspruch  gegen  diese

1606  Auffassung  fallen  ließen,  war  auch  rechtlich  die  Wirkung  des  Reverses  ausgehoben,

und  mit  der  Vernichtung  des  Reverses  und  der  Rückgabe  von  Schwiebus  lebten
alle  Ausprüche  auf  die  für  Schwiebus  dahingegebenen  schlesischen  Fürstentümer
wieder  auf.  «
Aber  was  half  alle  Nachgiebigkeit  gegen  den  nun  einmal  am  Kaiserhofe  befolgten
  Grundsatz,  Brandenburg,  das  zu  mächtig  wurde,  zu  demütigen!  Namentlich
  in  einer  mecklenburgischen  Erbschaftsangelegeuheit  machte  der  kaiserliche  Hof
in  unangenehmster  Weise  seine  Ansprüche  geltend,  und  es  kam  zuletzt  dahin,  daß
dem  brandenburgischen  Gesandten  Nikolaus  von  Danckelmann  der  Hof  fast  ver- 



#16°#  boten  wurde,  er  ohne  Abschiedsaudienz  Wien  verlassen  mußte.  Dazu  stand  in

Polen  die  Königswahl  wieder  bevor,  und  wurde  schließlich  der  österreichische
Kandidat  Kurfürst  Karl  August  von  Sachsen  gewählt.  Kursachsen  war  nun  um
        <pb n="319" />
        Friede  von  Ryswick.  223

Polen  verstärkt,  und  in  Warschau  wie  in  Dresden  stand  der  österreichische  Einfluß
im  Zenith.

Auf  dem  Friedenskongreß  zu  Ryswick,  der  damals,  als  aller  Stimmen  sich  für
die  Beendigung  des  Krieges  erklärten,  zusammentrat,  wurden  die  brandenburgischen
Gesandten  mit  schnödester  Mißachtung  behandelt,  und  den  am  30.  Oktober  1697
zu  stande  gebrachten  Friedensvertrag  konnten  Brandenburg  und  audere  evangelische
Fürsten  nicht  einmal  unterzeichnen,  da  in  ihn  im  letzten  Augenblick  zum  Nachteil
der  Evangelischen  eine  Klausel  eingesetzt  war,  wonach  in  allen  Orten,  in-denen
während  der  französischen  Besatzung  einmal  katholischer  Feldgottesdienst  stattgefunden,
  die  katholische  Kirche  zu  Recht  bestehen  sollte.

 

 

 

s—iesu“i“.  —

„Unter  den  Linden“  zu  Berlin  im  Jahre  1691  Xvom  Lustgarten  aus  gesehen).
Nach  einer  gelchnung  von  Johann  Stridbeck  d.  J.  (1  1714)  in  der  Kol.  Bibliothek  zu  Berlin,  auf  etwa  die  Hälste
verkleinert.  Die  Unterschrift  ist  erst  1701  oder  später  hinzugesügt,  daher  „Königl.  Stall“.

Der  Friedensschluß  hatte  Brandenburg  nur  die  neue  Demütigung  gebracht:
weingeschlossen  zu  werden“.  Das  war,  wie  Friedrich  schrieb,  der  ganze  Erfolg
für  Brandenburg.  Selbst  Wilhelm  von  Oranien,  obwohl  er  wiederholt  bekannte,
daß  er  vornehmlich  Brandenburg  alles  danke,  hatte  seine  Nichtachtung  nicht  verborgen.
  Brandenburg  stand  allein.  Es  hatte  wieder  einmal  seine  ganze  Kraft
für  die  Freiheit  Europas  eingesetzt  und  wurde  wieder  einmal  von  seinen  Bundesgenossen
  verlassen.  So  wollte  es  einmal  das  Geschick  des  Staates,  der  mehr
leistete  als  andere,  und  dessen  Aufkommen  doch  den  bisher  vorwaltenden  Mächten
naturgemäß  ein  Dorn  im  Auge  war.

Viele,  nur  nicht  der  Kurfürst,  maßen  Danuckelmann  die  Schuld  bei.  Indessen
  hatte  gerade  er  schon  andere  Verbindungen  angeknüpft,  die  der  Lage  des
Staates  wohl  zu  entsprechen  schienen.  Er  hatte  nämlich  inzwischen  den  alten

1
        <pb n="320" />
        224  Neue  Verträge.

 

Samuel  von  zui
Nach  elnem  Stiche  von  Johann
(1713—1767),  uf  *—#  die  nue  derkleineit.

sowohl  in  der  Thatkraft,  mit  der  man  den

gefördert,  um  Deutschland,  um  Holland,
  um  England,  gewiß  aber  um
Wilhelm  von  Oranien  anderes  als
Undank  verdient  zu  haben.  Man
durfte  noch  immer  die  Ueberzeugung

haben,  daß  man  in  dem  Eintreten  für
die  Freiheit  der  Staaten  und  der  Gewissen

  doch  das  Rechte  gethan  habe,
wie  bitter  auch  die  Früchte  waren,
die  man  geerntet.

Ebenso  war  für  die  innere  Entfaltung
  nicht  Unerhebliches  geschehen.
Gerade  hier  trafen  die  Neigungen  des
Kurfürsten  in  mancher  Beziehung  mit
dem  Bedürfnis  des  Landes  zusammen,
und  die  Pracht=  und  Prunkliebe  des
Kurfürsten,  an  sich  schon  durch  ein
feines  Verständnis  für  das  ästhetisch
Schöne  gemildert,  rief  eine  Reihe  von
Industrien,  wie  Seidenwebereien,  Goldund
  Silberspinnereien,  Spiegelfabriken,

aetin  Bernigeroth

 

Bündnisvertrag  mit  Schweden  erneuert,
der  nicht  nur  gegen  Polen,  sondern  selbst
auch  gegen  Schweden  für  ganz  Norddeutschland
  Deckung  gewährte.  Er
hatte  ferner  mit  Kurbayern,  auf  dessen
Kurprinzen,  als  Enkel  der  Gemahlin
Leopolds,  die  alleinigen  und  jedenfalls
von  beiden  Seemächten  unterstützten
Aurechte  an  die  spanische  Erbschaft
übergegangen  waren,  einen  Vertrag.
eingeleitet,  der  den  Erwerb  von  Geldern,
von  Jülich  und  Berg  in  Aussicht  stellte.
Indem  man  so  in  der  allgemeinen
europäischen  Politik  zur  rechten  Zeit
Stellung  nahm,  sicherte  man  sich  nicht
nur  im  Westen  Deutschlands  eine  erhöhte
  Machtstellung,  sondern  man  gab
zugleich  auch  der  reichen  oranischen
Erbschaft,  die  sowohl  von  Rechtswegen
wie  nach  den  oft  gemachten  Aeußerungen
König  Wilhelms  auch  nach  dessen  Testament
  Brandenburg  zufallen  mußte,  eine
sehr  günstige  Grundlage.  Vornehmlich
aber  durfte  der  Kurfürst  und  durfte
Danuckelmann  das  Bewußtsein  haben,
anfänglichen  Plan  trotz  aller  Mißgunst

„Philipp  Jakob  Spener.
        <pb n="321" />
        Erläuterungsblatt
zu  der

nachstehend  wiedergegebenen  siebenten  Seite  der

eigenhändig  niedergeschriebenen  „Läterlichen  Ermahnung"  des
Rurfürsten  Friedrich  III.

für  seinen  Sohn,  den  RKurprinzen  Friedrich  Wilhelm

vom  Jahre  1698  oder  1699.

In  Größe  des  Orlginales  im  Kal.  Hausarchiv  zu  Berlin.
        <pb n="322" />
        übertragung  der  nebenlthend  wicdergegebentn  siebenten  Stilt  der
eigenhändig  niedergeschricbenen  „Väterlichen  Ermahnung“  des  Rurfürsten  Tricdrich  III.
vom  Jahre  1098  oder  1699.

Führs  daß  Drielte  muhs  Er  allemahl  darhin  sehen  daß  Er  mit  der  Krohn  Tennemarck
oder  Schweden  in  guhter  alliants  stehe,  damit  wan  einer  von  beyden  elwas  mit  uns  ansongen
  wollte  man  alsdan  gahr  wol  den  krieg  führen  kan,  und  nicht  zu  zweiffelen  slehet  man
werde  alsdan  auch  eben  sowol  von  dem  Höhesten  Gott  die  assislenst  haben  als  wie  mein
Herr  Vatter  in  den  forigen  Schwedischen  kriege  gehabt  hat,  Ich  vermahne  aber  meinen
Successer  daß  Er  sich  gahr  wol  hüte  keinen  unbesonnenen  krieg  anzufangen,  und  jolange  man
es  immer  verhindern  kan,  den  frieden  bey  zu  behalten,  trachten  möge,  damit  der  algemeine
man  dardurch  nicht  rouinieret  sondern  vielmehr  conserrieret  werde,  dan  daß  gemeine  sprichwohrt
  heist  was  der  Friede  Ernehret  der  Krieg  wieder  verzehret,  und  hätte  ich  wünschen  mögen,
die  genade  von  Gott  zu  haben,  daß  ich  meine  Landt  und  leute  in  frieden  hätte  regieren  können,
Es  scheinet  aber  daß  Gott  solches  alles  denen  evangelischen  zum  beslen  geschicket  hat.
        <pb n="323" />
        <pb n="324" />
        <pb n="325" />
        Momente  der  inneren  Entwicklung.  225

alle  Arten  Galanteriewaren  im  Lande
hervor.  Die  Tuch-,  Eisen-  und  Lederindustrie,
  die  Kohlenwerke  hoben  sich
beträchtlich.  Handelsverträge  mit  den
Nachbarstaaten  und  die  vortrefflichen
Einrichtungen  der  Post,  die  z.  B.  Leibniz
  rühmt,  „beförderten  die  Kommerzien
aufs  beste  und  mit  so  gutem  Succeß,
daß  der  Kurfürst  darüber  eine  unvergleichliche
  Reputation  und  die  Unterthanen
  und  Einwohner  des  Landes  den
größten  Nutzen  empfanden.“  Der
Wissenschaft  ferner  und  den  Künsten
jegliche  Aufmunterung  zu  teil  werden
zu  lassen,  entsprach  Friedrichs  eigenstem
Sinne  vollständig.

Es  8  jetzt  (1691—1694)
die  einst  vom  Kardinal  Albrecht  geplante,
  später  vom  Großen  Kurfürsten  r
betriebene,  Gründung  der  Universität  Christian  Thomasius.

Halle,  die  für  Staat  und  Kirche,  für  —  p  Sre  (645-1715),  auf
die  Menschheit  überhaupt  von  größter  ¼  verkleinert.

Bedeutung  werden  sollte.  Wirkten

hier  doch  gleich  anfänglich  neben  hervorragenden  Vertretern  der  Wissenschaft
wie  Ludwig  Veit  von  Seckendorf,  Samuel  Stryck,  Joh.  Peter  von  Ludewig,
ein  Aug.  Herm.  Francke  ein  Christian  Thomasius.  Jener  gründete  das  nicht
nur  für  elternlose  Kinder,  sondern  für  die  Entwickelung  des  preußischen  Schulwesens
  so  segensreiche  Waisenhaus  und  war  mit  seinem  Freunde,  dem  Berliner
Propst  Jakob  Spener,  der  eifrigste  Vorkämpfer  für  die  wirkliche  Bethätigung
des  Glaubens  in  einem  wahrhaft  christlichen  Leben.  Thomasius  aber  war  der  erste
Gelehrte,.  welcher  den  Mut  hatte,  deutsche  Vorlesungen  zu  halten,  eine  gelehrte
Zeitschrift  in  deutscher  Sprache  herauszugeben,  der  heftige  Gegner  der  alleinigen
Geltung  des  römischen  Rechts,  aller  Vorurteile,  aller  unpraktischen  Schulweisheit,
der  Bek  ämpfer  der  Hexenprozesse,  der  Streiter  für  „die  gesunde  Vernunft",
der  —  wie  ein  großer,  anders  gesonnener  Theologe  sagt  —  „als  ein  Wirbelwind
durch  alle  Gebiete  des  Lebens  und  der  Wissenschaft  hindurchgegangen  ist“.

Ebenso  lebten  in  Berlin,  von  dessen  damaliger  Beschaffenheit  ein  Augsburger
Kupferstecher,  Johann  Stridbeck,  uns  in  zwanzig  Aquarellskizzen  ein  schönes  Bild
hinterlassen,  die  bedeutendsten  Männer  der  Wissenschaft,  ein  Pufendorf,  den
noch  der  Große  Kurfürst  berufen,  um  die  Geschichte  seiner  Regierung  mit  freiester
Benutzung  aller  Akten  zu  schreiben,  Ezechiel  von  Spanheim,  Künstler  wie  Nering,
Eosander  von  Göthe  und  vornehmlich  Andreas  Schlüter.  Nach  dem  Muster
der  Pariser  Akademie  konnte  eine  ademie  der  Künste  gestiftet  werden,
und  namentlich  der  Baukunst  wandte  Friedrich  sein  ganzes  Interesse  zu.  Bauten
wie  die  des  Schlosses,  des  Zeughauses  und  der  Langen  Brücke  in  Berlin
legen  noch  heute  das  rühmlichste  Zeugnis  ab  von  Friedrichs  feinem  Verständnis
und  seiner  Fürsorge  für  diese  Dinge.

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  15
        <pb n="326" />
        226  Staatsverwaltung.

 

Beichen  chie  in  de  Aladeni-  der  Künste  in  Berlin.
—  *  aus  S.  Beger·  Th  randenburgicus=  III.  Bd.,  gedruckt  phr  u.  rövm
Cön#  b.  Spree,  o“  .3.  ann  s  A#uf  etwa  ½  vrrhucheert  S.  S.

Aber  auch  die  eigentliche  Staatsverwaltung  hatte  Danckelmann  möglichst
fortzubilden  gesucht.  Insbesondere  wurde  der  Geheime  Rat  immer  mehr  und
prinzipiell  die  oberste  Zentralbehörde  der  sämtlichen  Provinzen,  und  in  ihm
wurden  die  Geschäfte  so  verteilt,  daß  eine  schnellere  Erledigung,  als  dies
bei  der  Belastung  der  einzelnen  Näte  bisher  möglich  gewesen,  erreicht  wurde.
Das  Generalkriegskommissariat,  das  bis  1690  von  Grumbkow,  der  „dem  Werke
recht  in's  Maul  gefaßt“,  sowohl  was  die  militärische,  als  auch  die  steuerliche
Verwaltung  betrifft,  vorzüglich  geleitet  ward,  arbeitete  unter  Ludolf  von  Danckelmann
  in  demselben  Sinne  weiter  und  erhielt  durch  Ausbildung  seiner  unteren

Instanzen,  wie  durch  Abgrenzung  seiner
Befugnisse  gegen  die  Kammern,  d.  h.  die
eigentlichen  Regierungsbehörden,  festere  Gestalt.
  Durch  die  Aufstellung  eines  General-Etats
  auf  Grund  der  Etats  für  die  einzelnen
Provinzen,  die  jetzt  endlich  der  angestrengten
Arbeit  des  noch  vom  Großen  Kurfürsten  berufenen
  Freiherrn  Dodo  von  Knyphausen
gelang,  und  durch  die  Bildung  einer  kollegialischen
  Hofkammer  war  auch  für  die  Einkünfte
aus  den  Domänen  und  Regalien  der  sämtlichen
  Provinzen  ein  guter  Grund  gelegt
worden.  Aber  an  dieser  Finanzverwaltung
war  sehr  bald  gerüttelt  worden.  Natürlich
atten  die  Kriege,  zumal  die  Subsidien  nur

 

h
Wethaille  anf  den  ir  der  Langen  Veücke  n  ganz  unregelmäßig  einliefen,  sehr  erhebliche

n  Grabe  bes  Oriolnele  8  in  gal.  Wongtablnen  dosten  verursachi,  aber  nicht  minder  haͤtte  der
un  Glanz  des  Hofes  unermeßliche  Summen  ver-
        <pb n="327" />
        Danckelmanns  Entlassung.  —  „Väterliche  Ermahnung.“  227

schlungen,  und  in  der  Not  des  Augenblicks  hatte  man  in  den  Staatskassen  die  dringendste
Befriedigung  suchen  müssen.  Die  anfänglich  befolgten  vortrefflichen  Systeme  der
Finanzverwaltung  hatten  vor  den  Bedürfnissen  nicht  Stand  gehalten,  und  mit
der  Systemlosigkeit  war  man  zu  den  größen  finanziellen  Nöten  gekommen.  Auch
biese  rechnete  man  Danckelmann  zu,  der  doch  nach  Kräften  ihr  34.  seuern  gesucht
und  immer  die  Verantwortung  für  das  Finanzwesen  abgelehnt  hatt

So  hatte  man  einen  doppelten  Hebel  gegen  ihn.  Denn  das  ernste,  wohl
auch  schroffe  Verfahren,  das  Danckelmann  eigen  war,  hatte  längst  am  Hofe,  der
von  untergeordneten  Elementen  nicht  frei  geblieben  war,  und  unter  den  Beamten,
die  über  den  ihm  gewährten  Vorzug  Neid  empfanden,  vielfach  Mißstimmung  erregt.
  Die  Kurfürstin  fand  sich  oft  von  ihm  verletzt,  sah  es  ungern,  wenn  er
den  Wünschen  ihrer  Familie  von  Hannover  nicht  entsprach,  khat  alles,  ihn  zu
verdrängen.  Der  Kurfürst  selbst  empfand  seine  Weise  oft  als  die  des  unbequemen
  Lehrers,  der  nicht  lernen  konnte,  daß  aus  dem  Zögling  der  regierende
Herr  geworden.  Wie  hätten  nicht  die  Unzufriedenen  eilen  sollen,  die  Mißerfolge
der  äußeren  Politik,  die  Erschöpfung  der  Finanzen  dem  verhaßten  Oberpräsidenten
in  die  Schuhe  zu  schieben.  Danckelmann  selbst  fühlte,  daß  er  sich  nicht  aufrecht
halten  könne,  bat  wiederholt  um  seinen  Abschied,  aber  —  dank  der  gegen  ihn
vornehmlich  von  dem  Oberkammerherrn  Kolbe  von  Wartenberg  und  dessen  Gemahlin,
  einer  gewöhnlich  gesinnten  Schifferstochter  aus  Emmerich,  geleiteten  Intrigue
—  wurde  aus  der  anfänglich  in  vollen  Gnaden  gewährten  Entlassung  eine
schimpfliche  Gefangensetzung  erst  in  Spandau,  dann  in  Peitz.  Doch  so  wenig  die
Untersuchung  Beweise  für  eine  Schuld  herbeibrachte,  so  wenig  war  in  der  auswärtigen
  Politik  ein  guter  Eindruck  des  Geschehenen  zu  erkennen.  Namentlich
Wilhelm  von  England,  der  wohl  fühlte,  daß  er  Danckelmann  alles  zu  danken
und  doch  nichts  gethan  habe,  um  ihm  einen  Erfolg  zu  geben,  äußerte  sein  Befremden.
  Nur  am  Hofe  zu  Berlin  und  an  dem  zu  Hannover  war  die  Freude
vollkommen.  Friedrich  selbst  atmete  auf.  Wie  tief  er  davon  überzeugt  war,  daß
Danckelmann  ihn  in  den  Hintergrund  schieben,  selbst  der  Herr  habe  sein  wollen,
rergiebt  sich  aus  der  „Väterlichen  Ermahnung“,  die  er  damals  für  seinen  Sohn
aufsetzte.  Auf  das  eindringlichste  ermahnt  er  ihn,  niemals  einem  Mann  soviel
Macht  einzuräumen,  wie  er  sie  Danckelmann  gestattet  habe.  Die  endliche  Wiederherstellung
  des  Friedens  hatte  jedoch  den  vollen  Beifall  Friedrichs,  und  eben  in
der  Bäterlichen  Ermahnung  wie  in  einer  spätern  Instruktion  warnt  er  seinen
Sohn  auf  das  bestimmteste  vor  jedem  Kriege.  Denn  dieser  verzehre,  was  der
Friede  schaffe,  und  leicht  sei  es,  den  Degen  zu  ziehen,  aber  schwer,  ihn  mit
Ehren  wieder  einzustecken.  Eben  deshalb  solle  er  die  Wehrkraft  stärken  und
das  Heer  nicht  vermindern,  denn  dieses  sei  das  geeignetste  Mittel,  den  Frieden
zu  erhalten.

Und  jene  Zeit  gab  wohl  besonderen  Grund  zu  solcher  Ermahnung.  Keineswegs
  waren  die  Wirrnisse  der  Zeit  etwa  mit  dem  Frieden  beseitigt.  Im  Gegenteil,
  mit  dem  Tode  des  jungen  Kurprinzen  von  Bayern,  durch  dessen  Thronbesteigung
  in  Spanien  die  Frage  der  großen  Erbfolge  eine  befriedigende  Lösung
gewonnen  hätte,  war  diese  Angelegenheit  wieder  die  brennende  Tagesfrage  geworden.
  Von  ihrer  Entscheidung  hing  es  ab,  ob  Europa  unter  dem  französischen
oder  dem  österreichischen  Uebergewicht  erliegen  solle,  oder  ob  es  einen  Ausweg
#gab,  der  das  Gleichgewicht  der  Völker  ermöglichte.  Doch  noch  näher  wurde

*
        <pb n="328" />
        228  Die  doppelte  Gefahr.

Brandenburg  durch  eine  andere  Frage  berührt,  welche  seine  eigenen  östlichen
Länder  deren  Lösung  aber  umgekehrt  die  endliche  Erwerbung  Pommerns
mit  sich  führen  konnte.  Der  neue  König  von  Polen  nämlich  hatte  mit  dem  Zaren
und  dem  König  von  Dänemark  ein  Bündnis  geschlossen,  um  die  Gelegenheit,  da
„ein  junger  unreifer  Mensch“  —  es  war  Karl  XII.  —  den  schwedischen  Thron
bestiegen,  zu  benutzen,  einige  Provinzen  von  Schweden  loszureißen.  August  rechnete
auf  den  Beitritt  Brandenburgs,  und  man  war  überzeugt,  daß  der  große  Plan
nur  dann  gelingen  könne,  wenn  Brandenburg  sich  wenigstens  neutral  verhalte.

Im  Osten  und  Westen  zogen  zwei  gewaltige  Wetter  heran,  Brandenburg
war  von  beiden  bedroht,  und  doch  handelte  es  sich  nicht  nur  darun,  vor  ihnen
Schutz  zu  finden,  sondern  es  galt  zugleich,  neue  Ehren,  es  galt  eine  Königskrone
zu  gewinnen.

 

Kurfürstlich  brandenburgisches  Wappen.
Nach  einem  #ononymen  Kupferstich  aus  Ph.  J.  Spener  -Iosignium  theoriae.  Franksurt  a.,M.-1717.
        <pb n="329" />
        Nach  einem  Kupserstich  von  den  Gebr.  J.  F.  u  D.  Schleuen  (arbeiteten  in  der  weiten  älste  des
18.  Jahrhunderts)  5  Ch.  R.  Gütther  „Leben  9  *“  *  Friedrichs  des  Ersten  un  ze  eslau  1750
twas  verkleine

Die  königliche  Zeit  1701—1713.

angstreitigkeiten  aller  Art,  persönliche  Kränkungen  des
Kurfürsten  und  Zurücksetzungen  seiner  Gesandten  gegen
die  anderer  Fürsten  hatten  den  Mißerfolgen  in  der
auswärtigen  Politik  einen  besonders  für  den  Kurfürsten
  bitteren  Beigeschmack  gegeben.  Holländer
sollen  auf  dem  Kongreß  zu  Ryswick  den  Rat  gegeben
haben,  solchen  Mißhelligkeiten  durch  die  Annahme
der  königlichen  Würde  ein  für  allemal  ein  Ende  zu
machen,  und  sicherlich  entsprach  ein  solcher  Rat  ganz
der  Anschauung  des  Kurfürsten.  Ahnungsvoll  hatte

Aus  1.  Beger.Ihessurus.  III.  Bd.p  ge,  man  ihm  schon  bei  seiner  Geburt  eine  Königskrone
h  Etrer.  prophezeit,  und  bald  nach  seinem  Regierungsantritt
schwirrten  überall  die  Gerüchte  umher,  daß  sich

Friedrich  die  Königskrone  auf  das  Haupt  setzen  wolle.  Die  Machtstellung,  die
der  Große  Kurfürst  seinem  Staate  gegeben,  bot  in  der  That  die  Unterlage  zu
einer  solchen,  und  schon  in  den  —  über  das  österreichische  Bündnis
vom  Jahre  1686  war,  wie  auf  das  bestimmteste  versichert  wird,  die  Erhebung
zur  königlichen  Würde  zur  Sprache  gekommen.  Kurfürst  Friedrich  iebte  und  webte
in  diesem  Gedanken,  ja  die  Erwerbung  der  Königskrone  war  recht  eigentlich  sein
Regierungs-Programm.  Seit  etwa  1690  wurde  die  Angelegenheit  von  den  Räten
des  Kurfürsten  beraten,  an  anderen  Höfen  erwähnt  und,  wie  bemerkt,  1693
        <pb n="330" />
        230  Die  Königslrone.

namentlich  in  Wien  angeregt.  Freilich  fand  der  Plan  bei  den  Räten  des  Kurfürsten
  mannigfachen  Widerspruch,  namentlich  hatte  ihn  Danckelmann  nur  wider
Willen  gefördert,  und  Fuchs  hielt  ihn  noch  1698  für  eine  „pur  lautere  Unmäglichkeit".
  Aber  gerade  die  Mißerfolge  in  der  äußeren  Politik  bestimmten  Friedrich,
nunmehr  dem  Plan  wieder  näher  zu  treten  —  „denn  solange  ich  nichts  als
Kurfürst  bin",  schrieb  er,  „opponiert  man  mir  allemal“  —  und  Kolbe  von
Wartenberg  erkannte  in  der  Erfüllung  dieses  Wunsches  die  Sicherung  seiner
eigenen  Stellung.

Von  vornherein  war  klar,  daß  die  Hauptmächte,  daß  wenigstens  der  Kaiser
seine  Zustimmung  geben  müsse,  da  ohne  eine  Sicherheit  über  dic  nachfolgende
Anerkennung  die  bloße  Annahme  der  Krone  zu  den  bedenklichsten  Widerwärtigkeiten
  führen  mußte.  Ebenso  klar  war  man  sich  von  voruherein  darüber,  daß  die
Krone  allein  auf  das  Herzogtum  Preußen  gegründet  werden  könne,  da  der  König
eines  der  Reichsländer  doch  nur  „ein  Lehnkönig“  geblieben  wäre  und  weder  des.
Kaisers  noch  auch  der  Reichsfürsten  Anerkennung  gefunden  hätte.  Zu  viel
Weiterungen  hätten  daraus  entstehen,  zu  viel  unlösbare  Schwierigkeiten  daraus
erwachsen  müssen.  In  Preußen  aber  war  der  Kurfürst  völlig  unabhängiger

ouverän.

Zunächst  mußte  man  die  Zustimmung  des  Kaisers,  mit  dem  man  seit  der  Abreise
des  Nikolaus  von  Dauckelmann  völlig  zerfallen,  gewinnen.  Der  Oberkammerherr  von
Wartenberg  vrntaltete  es  zunächst,  daß  der  jugendliche  Christian  von  Bartholdi

cos8  unter  der  Form,  die  Belehnung  endlich  nachzusuchen,  als  Gesandter  nach  Wien  geschickt
wurde.  In  allen  Punkten  war  ihm  Nachgiebigkeit  gegen  die  kaiserlichen  Wünsche
vorgeschrieben,  und  mündlich  hatte  ihm  der  Kurfürst  den  Auftrag  erteilt,  „die
Sache  der  #Knigektrone  zu  encaminiren".  In  der  That  wurde  Bartholdi  in  Wien
empfangen,  und  es  gelang  ihm,  die  Beziehungen  mit  dem  Kaiserhofe  wiederherzustellen.
  Nun  forderte  der  Kurfürst  von  Bartholdi,  von  Ilgen  und  von  Fuchs
ausführliche  Gutachten.  Diese  hoben  zwar  die  großen  Bedenken  und  Gefahren
hervor,  welche  dem  Plane  gegenüberständen,  rieten  indessen  doch  keineswegs  ab.
Der  Kurfürst  hat  das  Gutachten  von  Fuchs  mit  eigenen  Bemerkungen  versehen,
um  jene  Bedenken  zu  entkräften.  Er  legt  namentlich  ein  großes  Gewicht  darauf,
daß  in  keinem  Falle  eine  kaiserliche  Ernennung  zum  König  stattfinden  dürfe,
sondern  der  Kaiser  die  eigene  Erhebung  des  Kurfürsten  nur  im  voraus  billige.
Er  betont  aber  weiter,  daß  diese  Billigung,  wenn  überhaupt,  so  jetzt  zu  erreichen
sei,  da  die  Verhältnisse  für  Brandenburg  so  ungewöhnlich  günstige  seien,  daß  man
die  Zeit  nicht  versäumen  dürfe.  Und  dies  war  vollkommen  zutreffend.  Denn
trotz  aller  Mißachtung  und  Undankbarkeit,  welche  die  Großmächte  Brandenburg
erwiesen  hatten,  war  die  Lage  Europas  eine  solche  geworden,  daß  auf  Brandenburgs
  Entscheidung  etwas  ankam.

König  August  III.  von  Polen,  mit  dem  Friedrich  mehrfach  zusammen  kam,
sowie  seine  Bundesgenossen  von  Dänemark  und  Rußland  brauchten  mindestens.
Brandenburgs  Neutralität  und  mußten  dafür  wohl  ihre  Zustimmung  zu  Friedrichs

unsch  geben.  Es  kam  sogar  damals  eine  Denkschrift  in  Friedrichs  Hände  aus

169%  der  Fase  des  Beichtvaters  des  Königs  August,  des  Jesuiten-Paters  Vota,  der
aufs  lebhafteste  für  Friedrichs  Plan  eintrat.  Indessen  legte  er  mit  dem  Vorschlag,
  aus  der  Hand  des  Papstes  die  Königskrone  entgegen  zu  nehmen,  seine
eigenen  Absichten  für  die  in  großem  Fortschritt  begriffene  katholische  Kirche  gar
        <pb n="331" />
        Die  Königskrone.  231

zu  offen  dar.  Ebenso  hatte  der  Kurfürst  gelegentlichen  Aeußerungen  nach  allen
Grund,  auf  die  Zustimmung  seines  Oheims,  des  Königs  von  England,  wie  auf
die  der  Generalstaaten  zu  rechnen.

Der  Kaiser  endlich  schien  in  einer  Lage  zu  sein,  die  ihm  jedes  Eingehen  auf
brandenburgische  Wünsche  zur  Pflicht  machen  mußte.  Lebhafter  noch  als  früher
war  in  Wien  nach  dem  Tode  des  jungen  Kurprinzen  von  Bayern  (Jannar  1699)
das  Verlangen,  die  ganze  spanische  Erbschaft  ungeteilt  dem  Hause  Habsburg  zu
sichern.  Nun  aber  wurde  zwischen  den  Seemächten  und  Frankreich  ein  neuer
Teilungsplan  verabredet,  nach  welchem  nur  Spanien,  die  Kolonicen  und  die  spanischen
  Niederlande  an  Oesterreich,  beide  Sicilien  und  Mailand  jedoch  an  Frankreich,
welches  Mailand  gegen  Lothringen  austauschen  werde,  fallen  sollten.  Um  keinen
Preis  wollte  der  Kaiser  dies  zugeben,  wollte  er  Frankreich  in  Italien  festen  Fuß
fassen  lassen.  Er  war  entschlossen,  den  verlangten  Beitritt  zu  diesem  Teilungsvertrage
  abzulehnen  und  für  die  ganze  Erbschaft  die  Waffen  zu  ergreifen.  Aber
wie  sollte  man  einen  Kampf  von  solcher  Größe  gegen  Frankreich  und  zugleich  gegen
die  Seemächte  unternehmen?  Woher  auch  nur  einen  Bundesgenossen  nehmen?
Die  nordischen  Staaten  waren  mit  sich  selbst  vollauf  beschäftigt,  im  Reich  waren
nicht  nur  die  protestantischen  Fürsten  durch  die  Annahme  der  Ryswicker  Klausel,
sondern  durch  Wiener  Eigenmächtigkeiten  aller  Art  auch  die  katholischen  Fürsten  schwer
verletzt.  Die  „in  Sachen  der  neunten  Kur  korrespondierenden  Fürsten“  begaben
sich  im  August  1700  sogar  in  den  Schutz  Frankreichs.  Und  weder  war  die  Hilfe
des  mächtigsten  Fürsten  in  Italien,  des  Herzogs  von  Savoyen,  mit  Sicherheit  zu
erwarten,  noch  schienen  die  Unruhen  in  Ungarn  für  einen  Kampf  im  Westen
Freiheit  zu  gewähren.

Gewiß  Verhällnisse  der  bedenklichsten  Art,  wie  sie  sich  das  stolze  Kaiserhaus
noch  vor  wenigen  Jahren  nicht  hatte  träumen  lassen,  Verhältnisse  aber,  wie  sie  sich
für  Friedrichs  „großes  Dessein“  nicht  günstiger  gestalten  konnten.  Brandenburg  mit
seiner  tüchtigen  und  zahlreichen  Armee  war  der  einzige  Staat,  auf  den  sich  Oesterreich
  stützen  konnte,  von  dem  es  Hilfe  erwarten  konnte.  Jetzt  mußte  man  dem
Kurfürsten  den  Wunsch  gewähren,  von  dem  er  seine  Hilfe  abhängig  machte.  Aber
wieviel  Schwierigkeiten  hatte  der  junge  Bartholdi  noch  zu  besiegen!  Mehr  als
einmal  waren  die  Verhandlungen  nahe  daran,  völlig  zu  scheitern.  Namentlich
suchte  man  auch  für  die  katholische  Kirche  Gewinn  zu  machen,  während  Friedrich
gerade  in  dieser  Beziehung  felsenfest  blieb.  Um  so  merkwürdiger  ist  es,  daß  die
entstehenden  Schwierigkeiten  häufig  gerade  durch  einen  Jesuiten,  den  beim  Kaiser
höchst  einflußreichen  Pater  Wolf,  der  durch  einen  Irrtum  bei  der  Dechiffrierung  einer
Depesche  vom  Kurfürsten  in  die  Verhandlungen  hineingezogen,  gelöst  wurden.  Hauptsächlich
  mußte  der  Kaiser  aber  doch  fürchten,  daß  die  ernsten  Vorstellungen  der  Seemächte,
  die  nach  dem  inzwischen  erfolgten  ruchlosen  Angriff  auf  Schweden  wenigstens
zwischen  Schwed  1en  und  Dänemark  den  Frieden  von  Travendahl  vermittelt  hatten,
in  Berlin  einen  Umschlag  und  den  Beitritt  zu  den  Teilungsmächten  hervorrufen
würden.  Und  schon  lag  der  König  von  Spanien  in  Todeskämpfen.  Da  endlich,
wahrscheinlich  unter  dem  Eindruck  der  Nachricht  vom  Tode  des  Königs  entschloß
man  sich  in  Wien,  den  Vertrag  zu  unterzeichnen,  in  welchem  der  Kaiser  gegen
Zusicherung  von  8000  Mann  für  den  Kampf  um  die  spanische  Erbfolge  und  eine
große  Anzahl  weiterer  Zugeständnisse  in  kleineren  strittigen  Angelegenheiten  versprach,
  die  preußische  Königswürde  anzuerkennen.  Ganz  zuletzt  noch  glaubte  man,

2

1700
        <pb n="332" />
        232  Die  Königskrone.

eine  Form  gefunden  zu  haben,  in  welcher  der  Kurfürst  das  Recht  des  Kaisers,
ihn  zum  König  zu  ernennen,  anerkannt  hätte  —  zum  Glück  gelang  es,  das  untergeschöbene
  Wort  zu  beseitigen.  Am  16.  November  1700  wurde  der  Vertrag  gezeichnet,
  am  4.  Dezember  vollzog  ihn  der  Kaiser.  Am  16.  Dezember  brach
V01  der  K  Kurfürst  mit  seinem  Hofe  nach  Königsberg  auf,  am  18.  Jannar  1701  —
er  sich  selbst  zum  König  in  Preußen,  stiftete  den  schwarzen  Adler-Orden.
in  Königsberg  wie  später  in  Berlin  folgte  eine  Reihe  von  Festlichkeiten  in  ghünf
Geschmack,  dessen  der  neue  König  Meister  war.

 

Desilier-Cour  nach  der  Krönung.
Ausschnitt  aus  dem  Kupserstich  von  Johann  Georg  Wolffgang  (1664—1744)  in  „Preußische  Erönungsgeschichte“
(von  dem  Oberzeremonienmeister  J.  von  Besser).  2.  Auflage  mit  Kupfern,  Cölln  a.  d.  Spree  bei  Ulrich  Llebpert  1712
Auf  eiwa  die  Hälfte  verkleinert.

war  ein  Großes  gewonnen.  Es  war  gewissermaßen  die  Taufe  des  vom
Ense  Karfürsten  geschaffenen  Staates.  Allerdings  waren  die  Länder,  welche
dem  Kurfürsten  von  Brandenburg  gehörten,  militärisch  und  finanziell  zu  einem
Staatswesen  geeinigt  und  erschienen  auch  nach  außen  hin  als  Staat,  aber  noch
fühlte  sich  der  Märker  als  Märker,  der  Pommer  als  Pommer,  der  Magdeburger
als  solcher,  der  Mindener  als  Mindener.  Nun  war  ein  einheitlicher  Name  für
den  Staat  gefunden,  und  bald  gab  es  nur  noch  eine  königlich  preußische  Armee,
königlich  preußische  Behörden  und  königlich  preußische  Unterthanen.  Der  einheitliche
  Name  wurde  ein  fester  Kitt  für  die  Einheit  des  Staates,  und  die
Königskrone  wurde  ein  Eckstein  für  die  Bildung  des  preußischen  Staates,
des  preußischen  Vaterlandes.  Der  gemeinsame  Name,  der  von  der  Krone  auf
        <pb n="333" />
        Beginn  des  spanischen  Erbfolgekrieges.  233

den  ganzen  Staat  überging,  hat  wesentlich
mitgewirkt,  in  den  Unterthanen  das  Gefühl
der  Zusammengehörigkeit,  das  Bewußtsein
eines  gemeinsamen  Vaterlandes  zu  bilden.
erdings  hatte  man,  um  die  Krone
zu  erlangen,  schon  den  ersten  Moment  im
nordischen  Kampf  versäumt.  Von  den
schlesischen  Fürstentümern  hatte  man  wohl
gar  nicht  gesprochen,  aber  für  die  Erlangung
der  oranischen  Erbschaft,  soweit  es  sich  um
die  deutschen  Grafschaften  und  um  die  Güter
handelte,  hatte  der  Kaiser  seine  Unterstützung
zugesagt.  Doch  im  Gegensatz  zu  beiden  Seemächten
  und  Frankreich  sollte  nun  Sushest
.  .  burg  für  Oesterreich  die  ganze  spanische  Erbwelche
  —  schaft  erkämpfen  helfen!  Indessen  die  Veretra
  pflichtung  —  lautete  nur  auf  dieselbe
dehnn  in-  ent  Zahl  Truppen,  die  schon  Friedrich  i
zugesagt,  und  somit  konnte  man  auch  für  die
nordischen  Verhältnisse  noch  genugsam  gerüstet  scheinen.  Außerordentlich  günstig
aber  war  es,  daß  mit  der  Testamentseröffnung  des  Königs  Karl  von  Spanien  der
Gegensatz  zwischen  dem  Kaiser  und  den  Seemächten  von  selbst  aufhörte,  und  die
Vereinigung  der  Seemächte  mit  Frankreich  zerriß.  Dies  Testament  sprach  nämlich
dem  Dauphin  von  Frankreich  die  ganze  Erbschaft  zu,  Ludwig  nahm  das  Testament
an  und  meldete  den  europäischen  Höfen  noch  im  November  1700  die  Thronbesteigung
  seines  Enkels.  Nimmermehr  konnten  dies  die  Seemächte  zulassen,  sie
mußten  sich  jetzt  ebenfalls  Oesterreich  zuwenden,  ins  90b  kam  zwischen  ihnen  und
dem  Kaiser  ein  Bündnis  zu  stande  (7.  September  1701).

Von  den  Reichsfürsten  trat  zunächst  zwar  nur  rPn.  Hannover  —  schon  schien
sich  die  englische  Königskrone  auf  das  Haupt  des  Kurfürsten  oder  seiner  Mutter,
der  geistreichen  und  tüchtigen  Sophie  aus  dem  Hause  Pfalz,  niederzulassen  —
auf  Leopolds  Seite.  Doch  schließlich  wurden,  wenn  auch  nicht  ohne  Kämpfe,
auch  die  übrigen  Reichsfürsten  ebenfalls  zum  Anschluß  an  den  K  Kaiser  genötigt.  Und
wirklich  mußte  das  Reich  wieder  für  das  habsburgische  Interesse  in  den  K  Kampf  mit
Ludwig  eintreten,  während  gleichzeitig  im  Osten  die  ärgsten  Dinge  vorgingen,  da
Karl  XII.  mit  der  Einnahme  von  Warschau  und  Krakau,  mit  dem  Siege  bei  Clissow
den  König  August  III.  von  Polen-Sachsen  vollständig  lahm  gelegt  hatte.  Nur  die
beiden  zbfürsichen  Brüder  von  Bayern  und  Köln  blieben  mit  Frankreich  verbündet.

  Ohne  Zweifel  war  indessen  für  Friedrich  die  Teilnahme  am  Kampf  gegen
die  französische  Universalmonarchie  durch  die  allgemeinen  Verhältnisse  wie  durch
die  Aufgabe  Preußens  geboten.  Der  Kampf  gegen  die  französische  Fremdherrschaft
  entsprach  ebenso  der  Natur  dieses  Staates  wie  der  gegen  die  schwedische.
Jene  war  aber  gerade  im  Begriff,  das  unerträglichste  Uebergewicht  in  Europa  zu
erlangen,  während  diese  zunächst  nur  in  weiterer  Ferne  zu  drohen  schien.  Und
insofern  man  die  in  Aussicht  stehende  oranische  Erbschaft  ins  Auge  faßte,  entsprach
  der  Kampf  auch  einem  besonderen  Interesse  Preußens.  Indem  aber  allmählich
  (statt  140000  standen  schließlich  über  30000  Mann  im  Felde)  weit  über
        <pb n="334" />
        234

Der  Berliner  Hof.

jede  Vertrags=  oder  Reichspflicht  hinaus  die  gesamten  Kräfte  des  Staates  für
diesen  Kampf  verwendet  wurden,  vermochte  man  dem  Kriege  im  Osten  weder  die

Nicouai  Peucdeers

Des  beruͤhmten

Köllnischen  Poeten“
Und  weyland  Churfl.Brand.
Cai##e-Gerichts=  Advocari,  wie
auch  Scadtrichters  und  Rahts-Cämerers

  in  Cöln#an  der  Spree
wolklingende)  lustige

Paucke

Von  100.  Sinnreichen

Schertz-Bedichtẽl
Theils  der  Hohen  Herrschaft
  in  tiefster  Unterthaͤnigkeit
  /  theils  vielen  Hoch-  Adelichen  /
und  andern  vornehmen  hiesigen  Far
milien  zu  besondern  Ehren  gerleben?

Nunmehr  aber  nach  des  sel.
Autoris  Tode  in  diese  Ordnung
verfasset  mit  Fleiß  bbersthen  und
0  un  Druck  vh  5  /
TTO  CHRISTIAN  ern
Buchhaͤndlern  in  Berlin.
druckts  Gotth,  Schlechtiger/  1  702.

Titelblatt  zu  m  Peuckers  „Wolklingende  lunzige
Paucke“.  Berlin  1702,  bei  Otlo  Sbrii  ion  Plessern
in  z  e  .  S.  S.

Wendung  zu  geben,  noch  konnte  man
auch  nur  die  eigenen  Grenzen  ausreichend
schützen.  Und  man  kann  nicht  leugnen,
daß  die  eigentümlichen  Verhältnisse  am
Hofe  zu  Berlin  ihren  Anteil  an  dieser
Politik  hatten.

Seit  der  Krönung  war  nämlich  der
Einfluß  des  Grafen  Wartenberg  auf  das
höchste  Maß  gestiegen.  Während  Ilgen
die  eigentliche  Arbeit  in  der  auswärtigen
Politik  versah,  bestimmte  der  Graf  doch
diese  ebenso,  wie  er  die  innere  Verwaltung
  vollkommen  beherrschte.  Namentlich
  war  dies  der  Fall,  seitdem  er  den
Versuch  einer  Opposition  der  die  Geschäfte
ausführenden  Räte  und  der  oberen  Hofbeamten
  in  geschicktester  Weise  niedergeschlagen
  hatte.  Fortan  duldete  der  Graf
nur  solche  Räte  und  Hofbeamte,  die  sich
ihm  unbedingt  unterordneten.  Vor  allem
besetzte  er  die  Würde  eines  Obermarschalls
mit  dem  Grafen  Wittgenstein,  übertrug
diesem  zugleich  die  oberste  Leitung  der
Domänen  und  das  Amt  des  Oberkriegskommissars
  dem  Grafen  Wartensleben.
Diese  Ernennung  machte  besonders
in  der  Armee  böses  Blut,  die  verdientesten
  Generale  nahmen  ihren  Abschied,
  und  es  bildete  sich  zwischen  dem
Heere  und  dem  Hofe  ein  entschiedener
Gegensatz.  Die  ganze  Zeit  stand  unter
dem  Einfluß  französischer  Sitten  und
Anschauungen.  So  sollte  auch  alles  am
Berliner  Hof  nach  dem  Muster  von
Versailles  eingerichtet  werden,  und  in
buntester  Mannigfaltigkeit  erfand  man
immer  neue  Festlichkeiten,  die  im  Schlosse
zu  Berlin  oder  auf  den  Lustschlössern  der
Umgegend  und  in  den  königlichen  Gärten
egeben  wurden.  Für  die  Lustfahrten  auf

dem  Wasser  hatte  sich  der  König  ein  prachtvolles  Schiff,  das  den  Namen  „Liburnica“

  führte,  bauen  lassen,  dessen  Schönheit  weit  gerühmt  wurde.

beliebt  waren  in  jener

Besonders

eit  Maskeraden,  die  sogenannten  „Wirtschaften“,  an  denen

sich  die  Mitglieder  des  königlichen  Hauses  zu  beteiligen  pflegten,  und  zu  denen
        <pb n="335" />
        Kunst  und  Wissenschaft.  235

der  Oberzeremonienmeister  von  Besser  nicht  gerade  geschmackvolle  Verse  dichtete.
Noch  mehr  bewunderte  man  die  allerdings  besseren  Gedichte  des  Freiherrn  von

Canitz,  aber  selbst  die  äußerst  platten
Reimereien  des  schon  verstorbenen  Nik.
Peucker  wurden  damals  herausgegeben
und  sogar  dem  jungen  Kronprinzen  zugeeignet.


Die  Kosten  für  die  Hoffestlichkeiten
mußten  immer  mehr  und  mehr  der
Staatskasse  auferlegt  werden,  zugleich
aber  wurde  die  Freigebigkeit  des  Königs
für  Genüsse  edlerer  Art  in  Anspruch
genommen.  Berlin,  durch  den  Bau  der
Friedrichsstadt  vergrößert  und  schon  von
solcher  Bedeutung,  daß  seit  1704  jährliche
  Adreßkalender  erscheinen  konnten,
  war  damals  in  manchem  Betracht
eine  litterarische  Metropole  geworden.
Leibniz,  der  Freund  der  Kurfürstin,
lebte  viel  in  Berlin,  seiner  Anregung
war  es  zu  danken,  daß  neben  der
Akademie  der  Künste  eine  solche  der
Wissenschaften  gegründet  wurde,
die  außer  den  wissenschaftlichen  auch
praktische  Ziele  verfolgen  und  auf  des

Sprache  und  vaterländische  Geschichte
ihr  Augenmerk  richten  sollte.  Die
Bibliothek  und  die  viel  bewunderte
Kunstkammer  wurden  außerordentlich
begünstigt,  vornehmlich  aber  die  großen
Bauten,  von  denen  schon  gesprochen,
fortgesetzt.  Friedrich  fühlte  sich  als
Beschützer  und  Förderer  aller  Kunst
und  Wissenschaft  ungemein  wohl  und
traf  hierin  mit  seiner  Gemahlin,  die
über  die  Feste  und  das  peinlich  beobachtete
  Zeremoniel  ihren  scharfen  Spott
nicht  zurückhielt,  ganz  zusammen.  Berühmt
  sind  noch  heute  die  Zusammenkünfte
  bei  der  Königin  in  dem  ihr  vom
Könige  erbauten  Schlosse  zu  Lietzen,
das  nach  ihrem  Namen  bald  Charlottenburg
  genannt  wurde.  Hier  tauschten  die
bedeutendsten  Männer  der  Zeit  ihre

 

Der  Kön.  Preuß.  Haupkund

  ts
Berlin

*“  daselbst  befindlichen

Woͤnigi.  Wofes  /

Auch  anderer  hohen  und
niederen  Collegien,  Instantien
  und  expeditionen

Auffbas  Jahr
WS#S  J  /

Mit  Approbation

Der  Köni  “v*n  Socictär
der  Wissenschafften

 

#lblant  des  ersten,  im  Jahre  1,  rr  im  Berlag  der  Verliner

Abademutr  erschlenenen  und  durch  den  Faktor  derfelden,  den

200  mndler  Joh.  Ebr.  Pap#  164  neg  vcrirtebenen  Verliner

weöbuches.  In  Gröhr  eines  Ortalnoldrucks  un  der  Wet.
I#ellotdek  zu  Berl#sn.

Ansichten  aus  über  die  tiefsten  Probleme  der  Welt  und  fanden  immer  neue  Veranlassung,
  den  philosophisch  angelegten  Geist  der  Königin  zu  bewundern.
        <pb n="336" />
        236  Justiz.  —  Finanzen.

Von  dauernder  Bedeutung  war,  daß  nach  dem.  dn  Zugeständnis  des
Privilegiums  de  non  appellando  auch  für  die  nicht  zur  Kur  gehörigen  Länder
ein  Oberappellationsgericht  neben  dem  Kammergericht  eingesetzt  und  so  für  die
spätere  Rechtseinheit  des  Staates  ein  Schritt  vorwärts  gethan  wurde.  Auch
eine  Kammergerichtsordnung  und  ein  allgemeines  Landrecht  wurden  geplant,  und
die  Männer,  die  viele  Jahre  mit  unermüdlichem  Eifer  daran  gearbeitet  —  vornehmlich
  Chr.  Rüdiger  von  Wedel  und  Paul  von  Fuchs  —  haben  sich  um  die
Reform  der  Justiz  ein  Verdienst  erworben,  das  gerade  in  jener  Zeit  hell  strahlt.

Mit  vollem  Verständnis  war  der  König  persönlich  auf  diese  weit  aussehenden

 

ihm  die  Kenntnis  von,  den  Finanzen
und  manchen  anderen  Zuständen  im
Lande  glücklich  zu  entziehen  wußte.
Denn  das  glänzende  Hofleben  entwickelte
  immer  mehr  seine  sehr  bedenkliche
  Kehrseite.  Die  hierfür  erforderlichen
Ausgaben  betrugen  bald  mehr  als  das
Doppelte  der  Einnahmen,  und  was  man
auch  für  Steuern  im  Kleinen,  für  Luxusgegenstände,
  für  die  Krönung,  den
Schloßbau  in  Berlin  einführte,  es
ließ  sich  das  Gleichgewicht  zwischen
Einnahmen  und  Ausgaben  nicht  herstellen.
  Vorübergehend  glaubte  man
wohl  an  die  Versprechungen  eines
Abenteurers  Dominico  Caetano  Conte
de  Ruggiero,  der  durch  alchimistische
Künste  Geld  zu  schaffen  versprach.
Doch  bald  entdeckte  man  die  Täuschung
und  ließ  den  Betrüger  an  den  Galgen
knüpfen.  Ernstlicher  war  die  Hilfe,
«  »  welche  das  von  Luben  von  Wulfen
vorgeschlagene,  und  nach  Entlassung
rcn  W  z4  32  nJ  nach  aller  widerstrebenden  Räte  durchge-—
  ine  Andreas  Scheus  (geb.  elwa  1008,  harb  führte  System,  die  königlichen  Donach
  1090),  aus  1/,  verleinert  mänen  zu  parzellieren  und  in  Erb-"
  pacht  zu  geben,  in  Aussicht  stellte.  Neben
der  Hebung  der  Finanzen  sollte  das  System  zugleich  auch  die  harten  Pflichten
der  Bauern  erleichtern  und  eine  Vermehrung  der  Bevölkerung  ermöglichen.  Aber
die  Wirkung  dieser  Maßregel  war  nur  insofern  eine  erwünschte,  als  die  Hofbedürfnisse
  für  den  Augenblick  einige  Mehreinnahmen  gewannen,  schließlich  führte
sie  jedoch  zu  einer  Verschleuderung  der  Domänen,  die  den  Grundstock  der  Einnahmen
  zu  vernichten  drohte.

Hinzukam,  daß  das  Land  fünf  Sechstel  der  Kriegskosten  zu  gurseen  hatte,
und  daß  das  ungünstige  Testament  König  Wilhelms  von  England  mit  den  Niederlanden
  große  Widerwärtigkeiten  wegen  der  oranischen  Erbschaft  —  —

Inzwischen  war  der  Kampf  gegen  Ludwig  nur  mit  wechselndem  Glück  geführt.
        <pb n="337" />
        *—.

i

S..

 

Salbung  des  Rurfllrsten  Friedrich  III.  zum  Rönig  in  Preußen.
(#e.  Januar  1701I.

Ausschnitt  aus  einem  Kuplerstich  in  Merian  -Theaurum  Europacums.  Bd.  Frankfurt  a.  M.  1717,  nach
einer  Zeichnung  von  J.  F.  Eosander  gen.  von  ete  (t  s  Vlih  etwa  ½  verkleinert.
        <pb n="338" />
        238  Feldzug  1704.

 

Die  Kunstkammer  im  Kgl.  Schloß  zu  Berlin  zur  Zeit  des  Königs  Friedrich  J.
Nach  einem  gei  von  Samuel  Blesendorf  (1660—1706)  in  L.  Beger  -Thesaurus  Brandenburgicus  selectus-Cölln
  a.  d.  Spree  1696  bei  Ulrich  giebpert,  aus  /  verkleinert.

In  Italien  hatte  Prinz  Eugen  dank  auch  der  Tüchtigkeit  der  preußischen  Truppen
zwar  mauchen  schönen  Erfolg  zuset-  in  den  Niederlanden  aber  hatte  der
Herzog  von  Marlborough  nur  mit  Mühe  seine  Stellung  behauptet,  und  in
Deutschland  waren  die  französischen  und  deee  Truppen  sogar  bis  nach

Oesterreich  selbst  vorgedrungen  und
schienen  im  Begriff,  dem  Fürsten
Rakocy  von  Siebenbürgen  die  Hand
u  reichen.  Für  Oesterreich  ein
Augenblick  der  schlimmsten  Not.
ndlich  machte  die  Vereinigung
Eugens  und  Marlboroughs  eine
Entscheidungsschlacht  möglich,  und
bei  Höchstädt  am  13.  August  1704
wurden  die  Franzosen  vollständig
geschlagen,  ganz  Süddeutschland  von
ihnen  befreit.  Wie  gewöhnlich  hatten
die  Feldherren  auch  hier  die  Tapferkeit
  der  preußischen  Truppen,  die
erheblich  zur  Entscheidung  beigetragen
  hatten,  rühmend  hervorzuheben.
  An  ihrer  Spitze  stand
Medaige  v.  I.  04al  den  Hou  des  S0l.  Schlasset  zu  Berlin.  Fürst  Leopold  von  Anhalt,  der
In  Gröbe  des  Originales  Prn  9*⅜r  ol  anzkabltt  zu  Berlin.  die  straffste  Disziplin,  den  echt
        <pb n="339" />
        Feldzüge  1704  bis  1708.  239

soldatischen  Geist  den  Truppen  eingeflößt,  der  damals  schon  durch  Einführung
des  eisernen  Ladestockes  ein  Schnellfeuer  ermöglicht  und  sein  eigenes  Feldherrn-=Talent,
  wie  die  Tüchtigkeit  seiner  Truppen,  am  Niederrhein  bewährt  hatte.  So
dringend  brauchte  man  die  preußischen  Truppen,  daß,  als  deren  anderweitige  Verwendung
  ins  Auge  gefaßt  werden  mußte,  beide  Feldherren,  Prinz  Eugen  wie
Marlborough,  mehrere  Male  nach  Berlin  kamen,  um  neue  Truppen  zu  erbitten.

Denn  allerdings  waren  die  Verwickelungen  im  Osten,  zumal  als  Karl  XII.
die  Wahl  Stanislaus  Leseinskys  zum  König  von  Polen  durchgesetzt  hatte,  so  arg
geworden,  daß  Preußen  sowohl  von  August  dem  Starken,  wie  vom  Zaren  Peter
und  endlich  selbst  von  Schweden  um  Hilfe  angegangen  wurde  und  ihm  nicht
geringe  Vorteile,  vornehmlich  die  Verbindung  der  Mark  mit  dem  königlichen
Preußen,  geboten  wurden.  Doch  über  Verhandlungen  kam  man  nicht  hinaus,
selbst  dann  nicht,  als  schon  der  Kaiser  —  nach  Leopolds  Tode  (5.  Mai  1705)  wo5
Josef  I.,  —  erschreckt  durch  Karls  XII.  Marsch  nach  Volhynien,  sich  Schweden
näherte,  Karl  aber  mit  dem  Siege  bei  Fraustadt  den  König  August  zur  Thronentsagung
  im  Frieden  von  Altranstädt  zwang  und  ganz  Sachsen  in  seine  Gewalt  wo8

hekam.  Immer  näher  fühlte  man  in  Berlin  die  Gefahr,  daß  Schweden  Preußen
wegnehmen,  von  Pommern  aus  den  Krieg  eröffnen  oder  gar  mit  den  Franzosen,
die  in  Franken  standen,  sich  verbinden  werde.  Aber  nun  lehnte  Karl  Xll.  jede
Verbindung  mit  Preußen  ab,  und  dem  wiederholten  Besuche  Marlboroughs  gelang
es,  den  König  Friedrich  zu  überzeugen,  daß  England  ihn  schützen  werde,  falls
er  angegriffen  werde.  Inzwischen  hatten  nämlich  Marlborough  bei  Ramillies  in
den  Niederlanden,  und  Prinz  Eugen  bei  Turin  die  glänzendsten  Siege  erfochten,  wos
die  ihuen  auf  beiden  Kriegstheatern  das  entschiedene  Uebergewicht  verschafften.

chlachttag  von  Turin  (7.  September  1706)  war  insbesondere  für
den  prenßischn  Waffenruhm  und  für  den  Fürsten  Leopold  von  Anhalt  ein
glänzender.  In  jener  Zeit  geschah  es  auch,  daß  im  Gebiete  des  Kirchenstaates
zum  erstenmale  evangelischer  Gottesdienst,  und  zwar  von  den  preußischen  Feldpredigern
  gehalten  wurde.  Aber  so  rühmenswert  die  Erfolge  der  preußischen
Armee  waren,  so  wenig  kamen  sie  Preußen  selbst  zu  gute,  vielmehr  mußte  man
froh  sein,  daß,  wie  es  scheint  durch  Marlborough,  König  Karl  von  dem  Anschluß
an  Frankreich  abgehalten  wurde  und  sich  dem  Kaiser,  wie  auch  Preußen  gegenüber
  zu  einem  Vertrage  herbeiließ,  der  doch  wieder  seine  beherrschende  Stellung
deutlich  bezeichnete  (August  1707).

Ja  obwohl  Friedrichs  Truppen  auch  in  der  gewaltigen  Schlacht  des  u#o#
nächsten  Jahres  in  den  Niederlanden  bei  Oudenarde  mitgewirkt  hatten,  steigerten
diese  Siege  nur  das  kaiserliche  Selbstgefühl,  und  in  den  kleinen  deutschen
Streitigkeiten,  in  der  Verpflegung  des  Heeres,  in  immer  anderen  Wendungen
und  Forderungen  fanden  die  Kaiserlichen  stets  neuen  Anlaß,  dies  Selbstgefühl
gerade  das  junge  Königreich  empfinden  zu  lassen.  Trotzdem  Preußen  weit  mehr
geleistet,  als  seine  Neichspflicht  oder  seine  Verträge  bestimmten,  und  trotzdem  die
verbündeten  Mächte  die  gegen  Friedrich  eingegangenen  Verpflichtungen  keineswegs
innehielten,  verlangte  man  immer  neue  Leistungen  und  that,  als  ob  Preußen  für
das  ganze  Reich  die  größte  Gefahr  sei.  Ebenso  zeigten  die  Generalstaaten  ihre
Abneigung  recht  geflissentlich,  als  aus  der  oranischen  Erbschaft  nicht  nur  Mörs
und  Lingen  durch  kaiserliche  Entscheidung  an  Friedrich  gekommen,  und  im  Oberquartier
  Geldern  die  preußischen  Truppen,  die  es  genommen,  stehen  blieben,
        <pb n="340" />
        240  Feldzug  von  1709.  —  Wartenbergs  Sturz.

nos  sondern  als  nun  auch  das  Tribunal  von  Neuchatel  dem  Uebergang  des  Fürstentums
an  Preußen,  das  König  Wilhelm  schon  1694  dem  Könige  abgetreten  hatte,  die
rechlihe  Wnerkemung  gab.
in  Siegen  des  nächsten  Jahres  schien  der  Friede  doch  endlich  kommen
zu  missen.  garl  XII.  wurde  bei  Pultawa  vom  Zaren  aufs  Haupt  geschlagen,
mos  und  bei  Malplaquet  vernichteten  die  Verbündeten  —  vornehmlich  mit  den  preußischen
  Truppen,  unter  denen  sich  der  Kronprinz  persönlich  befand  —  die  letzte
Armee  Ludwigs  XIV.  Aber  im  Osten  trat  nun  der  Zar  an  die  Stelle  Schwedens,
eroberte  Livland,  Esthland,  drang  bis  an  die  neumärkische  Grenze  vor.  Und  alle.
Anerbietungen  Preußens  blieben  auch  bei  ihm,  wie  früher  bei  Karl  XII.  wirkungslos,
da  die  preußische  Armee  weit  weg  im  Süden  und  Westen  kämpfte.  Sehr  ernstlich
faßte  daher  Friedrich  die  Absicht,  seine  Truppen  zum  Schutz  der  eigenen  Länder
zurückzurufen,  doch  zuletzt  begnügte  er  sich  mit  der  von  den  Seemächten  erklärten
Neutralität  der  schwedischen  Reichsländer,  und  Prinz  Eugen  bestürmte  den  König
wieder  persönlich,  die  Truppen  bei  dem  großen  Heere  zu  lassen,  da  jetzt  gegen.
Ludwig  der  letzte  Stoß  zu  führen  sei.  Aber  ein  Sieg  der  Spanier  und  vornehmlich
  der  Sturz  des  wbhigisschen  Ministeriums  in  England  besserten  Frankreichs
  Aussichten  erheblich,  und  auf  der  anderen  Seite  hatte  Karl  XII.  jene.
Neutralität  verworfen,  sich  mit  den  Türken  verbündet  und  rückte  nach  Polen  wieder
vor,  während  in  Vorpommern  schon  ein  schwedisches  Heer  stand.  Die  Entscheidung
wischen  ihm  und  dem  Zaren  mußte  jetzt  erfolgen.  .
Mitten  in  diese  Krise  hinein  viel  nun  eine  andere.  Immer  ärger  hatten
Wartenberg  und  Wittgenstein  das  Land  ausgesogen  und  dem  Könige  jede  Kenntnis
von  dessen  Zustand  zu  verbergen  gewußt.  Nun  sollte  das  Land  eintreten  für  den
Notstand,  welchen  Mißwachs  und  Pest  in  den  Provinzen  Preußen  und  Pommern,
welchen  in  der  Stadt  Crossen  eine  furchtbare  Feuersnot  hervorgerufen  hatte.
Da  zeigte  sich,  daß  die  hiefür  bestimmten  Gelder  anderweitig  verwendet,  und  die
Kassen  leer  waren.  Rücksichtslos  wies  der  Graf  Wittgeustein  überdies  die  berechtigten
  und  vom  Könige  bewilligten  Ansprüche  ab  und  rief  damit  allgemeine
Entrüstung  hervor.  Jetzt  trat  der  Kronprinz  hervor;  mit  allem  Respekt  gegen
den  Vater  und  Souverän  veranlaßte  er  den  König  zum  Einschreiten.  Es  zeigte
sich  die  furchtbarste  Unordnung  und  Unehrlichkeit  in  der  Verwaltung,  in  allen
Kassen  und  Akten,  es  janden  sich  Unterschleise  der  schlimmsten  Art,  die  empörendsten
Ungerechtigkeiten  gegen  die  Unterthanen.  Graf  Wittgenstein  wurde  nach  kurzer
nn  Haft  entlassen,  Graf  Wartenberg  erhielt  mit  seiner  Gemahlin  die  Weisung,  sich
aus  Preußen  zu  entfernen,  in  Frankfurt  a.  M.  zu  leben.  Es  war  für  den  König.
ein  herber  Schmerz,  aber  schwerer  war  noch,  in  die  völlig  zerrüttete  Verwaltung
wieder  einige  Ordnung  zu  bringen,  und  die  Kommissionen,  die  in  den  einzelnen
Provinzen  zur  Herstellung  der  Ordnung  eingesetzt  wurden,  waren  mehr  als  vollauf.
beschäftigt.  Die  Hof=  und  Kammerverwaltung  wurde  wieder  getrennt,  das  Generalkommissariat
  unter  Friedrich  Wilhelm  von  Grumbkow  in  eine  kollegiale  Behörde.
umgewandelt,  eine  einheitliche  Kammerverwaltung  begründet,  die  Reform  des
Kammergerichts  in  die  Hand  genommen  und  überhaupt  der  Uebergang  zu  einer
anderen  Richtung,  zu  einer  „zulänglicheren,  innerlichen  Verfassung“,  eingeleitet.
Aber  die  äußere  Lage  wieder  zu  einer  günstigen  zu  gestalten,  gelang  um  so
weniger,  als  sich  der  Zar  von  den  Türken  den  Frieden  zu  erkaufen  wußte.  Unter
seiner  schirmenden  Hand  hofften  nun  die  Könige  von  Dänemark  und  Polen  ihren
        <pb n="341" />
        Utrechter  Kongreß.  241

   

r
König  Friedrich  I.  auf  dem  Totenbette  und  Eidesleistung  für  den  neuen  König
am  25.  Februar  1713.
Radierung  von  Peter  Schenk  (1645—1715),  auf  etwa  die  Hälste  verkleinert.

ursprünglichen  Plau  zu  verwirklichen  und  gingen  daran,  die  deutschen  Provinzen
Schwedens  zu  nehmen.  Preußen,  von  Truppen  entblößt,  mußte  wie  mit  verschränkten
  Armen  zusehen,  wie  Russen,  Polen,  Sachsen  durch  das  Land  zogen,
in  gewohnter  Weise  hier  hausten,  wie  ihnen  und  den  Dänen  Pommern  zum  Lohn
fallen  sollte.  Man  dachte  Hilfe  vom  Kaiser  zu  erhalten.  Denn  eben  erst  hatte
man  sich  dem  Hause  Oesterreich  wieder  durch  die  mit  lebhaftester  Bereitwilligkeit
durchgesetzte  Kaiserwahl  Karls  VI.  aufs  äußerste  verbunden.  Die  schönsten  Dankes-  o
worte  erntete  Friedrich  vom  neuen  Kaiser,  aber  Hilfe  gewiß  nicht.  „Man  möge
die  Sache“  —  hieß  es,  als  die  nordischen  Verbündeten  schon  Stralsund  und
Wismar  belagerten  —  „erst  ausreifen  lassen".  Denn  das  ganze  Interesse  des
Kaisers  war  jetzt  auf  Utrecht  gerichtet,  wo  nach  unendlich  langen  Hin=  und  Herverhandlungen
  zwischen  den  einzelnen  Staaten,  an  denen  auch  Friedrich  teil  genommen
  hatte,  ein  Friedenskongreß  zusammengetreten  war.  Und  trotz  aller
Rüstungen  in  England  war  doch,  als  Marlborough  gestürzt,  außer  allem  Zweifel,  112
daß  England  auf  Grund  einer  Teilung  mit  Frankreich  Frieden  schließen  werde.
Prinz  Eugen  versuchte  noch  einmal  durch  persönliche  Besprechungen  in  London,
dann  mit  militärischen  Erfolgen  eine  Aenderung  zu  erzielen,  aber  nachdem  die
Engländer  einen  Waffenstillstand  geschlossen  hatten,  waren  auch  die  Kaiserlichen,
Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  16
        <pb n="342" />
        242  Der  Nordosten.  —  Friedrichs  Tod

wiewohl  sie  von  der  Fortsetzung  des  Krieges  sprachen,  zum  Abschluß  bereit,
und  die  Staaten  hatten  natürlich  das  größte  Interesse  an  ihm.  Für  Preußen
handelte  es  sich  wesentlich  darum,  von  der  oranischen  Erbschaft  zu  retten,  was
möglich  sei,  und  die  Verhandlungen  und  vorläufigen  Abschlüsse  zeigten  immer
deuklicher,  in  welchem  Verhältnis  die  Zugeständnisse  zu  den  Leistungen  Preußens
oder  zu  den  Verträgen  stehen  würden.

Währenddessen  hatten  aber  die  Dinge  im  Nordosten  eine  noch  viel  ernstere
Gestalt  angenommen.  Die  preußischen  Länder  waren  aufs  höchste  gefährdet,
und  selbst  den  Durchmarsch  russisch-polnischer  Truppen  durch  die  Mark,  ja  an
der  Hauptstadt  Berlin  vorüber,  mußte  man  dulden.  Waren  doch,  wie  der  Kronprinz
  voller  Bitterkeit  schrieb,  „keine  Regimenter  im  Lande,  kein  Pulver  als
1200  Zentner  und  kein  Geld!“  „Mit  der  Feder  wollen  sie  dem  Könige  Land
und  Leute  schaffen,  und  ich  sage  mit  dem  Degen  oder  er  kriegt  nichts.“  Ein
schwedischer  General  Steenbock  war  auf  Rügen  gelaudet,  hatte  Stralsund  entsetzt,  312
bei  Gadebusch  die  Dänen  geschlagen  (Dezember  1712).  Alle  Versuche  Fäiedrichs
einen  Frieden  herzustellen,  scheiterten,  aus  Bender  kamen  von  Karl  XII.  Nachrichten,
  die  seinen  entschiedenen  Willen  zeigten,  dem  Kriege,  der  schon  bis  zur
Wesermündung  sich  ausdehnte,  1  neuen  Aufschwung  zu  geben,  größere  Gefahren  für
Preußen  heraufzubeschwören.

waren  trübe  Tage  *!'*)“  König  Friedrich.  Denn  auch  im  engsten  Kreise
seiner  Familie  lastete  schwere  Sorge  auf  ihm,  da  seine  dritte  Gemahlin  Soyphie
Luise,  eine  geborene  Herzogin  von  Mecklenburg  in  geistige  Umnachtung  verfiel,
und  ihn  selbst  quälte  schon  die  Krankheit,  die  zum  Tode  führen  sollte.  Aber  in
rührender  Weise  umgab  die  Liebe  des  Volkes  den  König,  dessen  gütiges  Herz
doch  alle  kannten,  und  wie  anders  geartet  der  Kronprinz  als  der  König  auch  war
—  lag  nicht,  als  nun  am  25.  Februar  1713  der  Tod  Friedrichs  erfolgte,  gerade  1718
in  dleser  anderen  Art  des  Kronprinzen  die  Gewähr  dafür,  daß  das  Königtum
neue  Wurzeln  schlagen,  der  Staat  neues  Leben  erhalten  werde?

 

Sarkophag  des  Königs  Jrichrich  I.  im  Dom  zu  Berlin.
Getuschte  Zeichnung  (1713  enesanden,  jevt  im  Hohenzo#  ernmuseum  zu  Berlin  n  ausbewahr))  3  1  Suten
#664—I714)  Modell,  das  durch  Johann  Jakobl  (t  1726)  in  Guß  ausgeführt  wurde.—  Auf  ½  ve
Die  obere  der  das  Medaillon  mit  dem  Bie  ##  —  dlenden  welblichen  Flauren  siellt  die  ann
Charlott
        <pb n="343" />
        2

«
Drit

 

 

 

Das  umstehend  abgebildete  Titelblatt  bildet  die  Umrahmung  zu  dem  Kupferslich:
Schlacht  bel  Lerpl,  10.  Juli  270“.
nach  einer  Zelchnung  von  Paul  Decker  d.  1.  (1739—1742  Direktor  der  Malerakademie  zu  Nürnberg,  Geburtsund
  Todesjohr  unbekonnt)  gestochen  von  Karl  Misein  (arbeitete  in  der  ersten  Hälsle  des  18.  Jahrhunderts),
versegt  von  Jeremias  Wolff  in  Augsburg.  Auf  ½  verkleinert.
16
        <pb n="344" />
        Titelkartusche  der  Karte  „Vorussia“  in  J.  B.  Homanns  (1663—1724)  Atlas,  etwas  verkleinert.

Der  Staat  des  Großen  Bönigs.  1013—1807.

1
Die  Begründung  durch  Rönig  Friedrich  Wilhelm  I.  15—7740.

ARuswärtige  Holikik.

ein  Monarch  Preußens,  kein  Herrscher  der  Welt  vielleicht  ist
schlimmer  verkannt,  ist  ärger  verketzert  worden,  als  König
Friedrich  Wilhelm  I.  Indem  man  nur  die  scharfen  Kanten
und  die  Härten  seines  Regimentes  in  Betracht  zog,  und
indem  man  diese  Härten  fast  lediglich  nach  den  Berichten
und  Aufzeichnungen  von  Persönlichkeiten,  die  dem  Könige
und  seinem  Staate  mißgünstig  waren,  beurteilte,  vergaß
man,  daß  der  Strudel,  der  während  seiner  Regierung  alles
3  .  im  Staate  vom  höchstgestellten  bis  zum  niedersten  Beamten,
vom  vornehmsten  Mitgliede  der  Herrscherfamilie  bis  zum

gemeinsten  Bürger,  ergriff,  dem  Staate  zum  Heile  war,  ihn  nach  oben  riß.  Man  vergaß
aber  auch,  daß  die  Verderbnis  damals  eine  so  tief  gehende,  eine  fast  alle  Stände  und
Institute  des  Staates  umfassende  war,  daß  eine  andere  als  eine  gewaltsame  Hand  überhaupt
  eine  Aenderung  gar  nicht  hervorbringen  konnte.  Der  Schlendrian  und  die  Durchstechereien
  in  der  Verwaltung,  gesinnungslose  Schmeichelei  und  betrügerische  Vetternwirtschaft
  in  der  Gesellschaft  waren  so  mannigfach  im  Schwunge,  daß  selbst  die
Empfindung  für  ihre  Ruchlosigkeit  vielfach  geschwunden  war,  und  nur  mit  eisernem
        <pb n="345" />
        Zur  Beurteilung  Friedrich  Wilhelms.

Besen  der  Unrat  weggekehrt  werden  konnte.
so.  Es  gab  sowohl  in  der  Verwaltung  wie  im  Militär,  am

Hofe  wie  in
Bürgerschaft  eine  Anzahl  vortrefflicher  Kräfte.

9  9,9  AAC

 

Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  im  12.  Lebensjahre.
Nach  dem  Gemälde  von  Arnold  Voonen  (1669—1729)  gestochen  von  Pieter  von  Gunst  (1667—1721),
auf  ½  verkleinert.

liche,  zielbewußte  und  energische  Leitung,  die  ihnen  zum  Siege  über  das  Böse
verhalf.  Am  wenigsten  wird  man  sagen  können,  daß  es  etwa  in  Preußen  schlimmer
als  anderswo  gewesen  wäre.  Aber  in  Frankreich  und  England,  in  Holland  wie

245

Allerdings  nicht  durchweg  war  es

der

Aber  es  fehlte  ihnen  die  einheit-
        <pb n="346" />
        246  Zur  Beurteilung  Friedrich  Wilhelms.

im  Reich  wucherte  die  Fäulnis  und  Verderbnis  behaglich  weiter  und  weiter,  in
Preußen  indessen  deckte  Friedrich  Wilhelm  sie  rücksichtslos  auf,  stellte  sie  schonungslos
  an  den  Pranger.  Und  er  beseitigte  sie,  rottete  sie  gründlichst  aus.  Entrüstung
und  Spott  hat  sich  der  König  freilich  dadurch  in  hohem  Maße  zugezogen  —
denn  irgendwie  mußte  man  sich  rächen  für  die  Zerstörung  der  süßen  Gewohnheiten.
  Allein  durch  ihn  erhielt  der  Staat  ein  ganz  neues  Wesen,  „das  scharfe
und  harte  Gepräge,  das  ihm  eigentümlich  geblieben  ist".  Friedrich  Wilhelms
Reformen  auf  dem  ganzen  Gebiet  der  Verwaltung,  dem  Heer=  und  Finanzwesen,
dem  Justiz=  und  Schulwesen,  sind  die  Grundlagen,  auf  denen  wir  noch  heute
stehen,  sie  sind  aber  auch  vornehmlich  der  Grund,  auf  dem  sich  die  gewaltige
Schöpfung  zenn  Sohnes,  auf  dem  sich  der  Fridericianische  Staat  aufbauen  konnte.
In  demselben  Maß,  als  der  Genius  des  Großen  Königs  das  Talent  seines  Vaters
überragt,  und  in  demselben  Maß,  als  die  harte  Behandlung  des  Sohnes  durch
den  Vater  das  Urteil  des  Sohnes  über  den  Vater  trüben  zu  müssen  scheint,  gewinnt
  Friedrichs  Urteil  über  Friedrich  Wilhelm  I.  an  Bedeutung.  Nichts  ist  ergreifender,
  aber  auch  nichts  ötsorich  berechtigter,  als  wenn  Friedrich  die  volle
edeutung  seines  Vaters  für  den  Staat,  für  das  eigene  Wirken  immer  wieder
anerkennt.  „Wie  aller  Schatten  der  Eiche  von  der  Kraft  der  Eichel  herrührt",
so  schreibt  König  Friedrich,  „so  rührt  all  mein  späteres  Glück  von  dem  arbeitsamen
  Leben  und  weisen  Maßregeln  Friedrich  Wilhelms  her“,  und  ganz  in  demselben
  Sinne  erklärt  er  gleich  bei  Antritt  seiner  Regierung,  der  Grund  und  die
Mauern  sollen  ganz  dieselben  bleiben,  nur  in  der  Dekoration  wolle  er  ändern.
Vermochte  der  Nachfolger,  der  unter  der  Härte  des  Vaters  wohl  das  meiste  gelitten,
  die  grundlegende  Bedeutung  des  Königs  für  den  Staat  so  voll  anzuerkennen,
so  sollte  auch  die  Geschichte  nicht  mehr,  wie  es  immer  noch  geschieht,  das  System
Friedrich  Wilhelms  nur  nach  den  Härten,  mit  denen  es  oft  rücksichtslos  durchgesetzt
wurde,  beurteilen,  sondern  nach  seinem  Inhalt,  seinem  inneren  Werte,  seinen
Absichten,  seinen  Zielen  und  Erfolgen.  Der  Schwerpunkt  dieses  Systems  liegt
aber  wesentlich  oder  allein  in  dem  inneren  Ausbau  des  Staates,  während  die
auswärtige  Politik  in  jenen  Zeiten,  da  eine  allgemeine  Erschöpfung  einer  unersättlichen
  Begierde  nach  Vergrößerung,  höherer  Macht,  größerem  Ansehen  gegenüber
  stand,  nur  wenige  Momente  von  erheblicher  Wichtigkeit  bietet.  Denn  die
natürliche  Folge  dieses  Mißverhältnisses  zwischen  den  fast  abenteuerlichen  Plänen
der  einzelnen  Staaten  und  ihren  Machlverhältnissen  drückte  jener  Zeit  den  Stempel
kurzlebiger  und  frivoler  Verträge  auf,  führte  die  Diplomatie  zu  jenen  Schleichund
  Nebenwegen,  die  ihr  einen  gehäsfsigen  Anstrich  gaben,  und  denen  die  ehrliche
und  gerade  Natur  König  Friedrich  Wilhelms  nicht  zu  folgen  vermochte,  auch  zu
solgen  nicht  einmal  willens  war.  Doch  auch  die  Offenheit,  die  Friedrich  Wilhelm
in  der  auswärtigen  Politik  verfolgte,  sollte  ein  Erbteil  für  seinen  Staat  werden,
das  ihn  oft  genug  vor  anderen  Staaten  auszeichnete.  Fremden  Gesandten  fühlte
er  sich  nicht  recht  gewachsen  und  empfing  sie  daher  nur  ungerne,  es  kam  vor,  daß
er  vor  ihnen  entrann  in  die  Einsamkeit  des  Waldes,  und  sie  mußten  wohl  froh
sein,  wenn  sic  ihn  Sonntags  nach  dem  Goktesdienst  an  der  Thüre  ertappen
konnten.
Nun  darf  man  zwar  die  auswärtige  und  die  innere  Politik  eines  Staates
nicht  für  zwei  neben  einander  parallel  laufende  Linien  halten,  die  einander  nicht
schneiden,  sondern  immer  wird  die  Kraft  der  auswärtigen  Politik  von  den,  durch
        <pb n="347" />
        Rönig  Friedrich  Wilhelm  I.
„Nach  dem  Gemälde  von  Friedrich  Wilhelm  Weidemann  (1668—1750)  im  Kal.  Schlohe  zu  Berlin.
Das  Namenvfaksimile  nach  einem  Exemplar  lm  Kal.  Pr.  Geh.  Staatsarchlo  zu  Berlin.
        <pb n="348" />
        248  Zur  Beurteilung  Friedrich  Wilhelms.

die  innere  Politik  geschaffenen  Mitteln  abhängen,  und  immer  wird  die  Zusammenfassung
  der  inneren  Kraft  von  den  Erfolgen  der  auswärtigen  Politik  mit  bedingt
sein;  aber  man  wird  beide,  die  äußere  wie  die  innere  Politik,  wie  zwei  Wurzeln
desselben  Baumes,  des  Staates,  ansehen  und  deshalb  sie  auch  nacheinander  betrachten
  dürfen.

„Er  wird  sich  in  hohem  Maß  furchtbar  machen  und  seine  Nachbaren  werden
seine  Freundschaft  suchen  müssen  oder  seinen  Haß  fürchten,  seine  Staaten  aber
werden  sich  unter  ihm  wohl  fühlen“,  so  äußerte  sich  der  kluge  sächsische  Gesandte

 

Eidesleistung  dr  äiseß  vor  König  Friedrich  äilshn  I.  1713.
Ral  in  Peter  Schenk  (1645—1715),  auf  ½  ve  1.
Nechts  und  Unks  ae  +  Wilhelm  I.  stehen  die  Markgrasen  *  u  cheen  Ludwig.

von  Manteuffel  schon  in  den  ersten  Wochen  der  neuen  Regierung,  und  der  holländische
  Gesandte  meint,  von  diesem  Monarchen  sei  das  Schlimmste  zu  fürchten,
denn  ausdrücklich  habe  er  gesagt,  seine  ganze  Liebe  gehöre  den  Soldaten.  Wie
sehr  täuschte  man  sich!  „Friedrich  Wilhelm  war  mehr  noch  Regent  als  Soldat.“
Gerade  die  Liebe  zu  den  Soldaten  wurde,  weil  man  die  preußische  Heeresmacht
fürchtete,  ein  Mittel,  den  Krieg  vom  Lande  fern  zu  halten,  und  eben  dahin  ging
des  Königs  Bestreben;  ja  man  mag  wohl  meinen,  daß  er  die  Entscheidung  durch
die  Waffen  allzu  ängstlich  vermied.  Er  ist  „der  sorgsamste  Hüter  des  Friedens“
gewesen.
        <pb n="349" />
        Friede  von  Utrecht.  249

Die  auswärtige  Politik  Friedrich  Wilhelms  zerfällt  in  zwei  Abschnitte,  in
deren  erstem  die  Ordnung  der  nordischen  Verhältnisse,  in  deren  zweitem  die  jülichbergische
  Erbfolge  den  springenden  Punkt  bilden.

Zuvörderst  mußte  man  auf  dem  Friedenskongreß  in  Utrecht  auf  jeden  Fall
zu  einem  Abschluß  kommen,  der  freie  Hand  gab  gegen  die  nordischen  Gefahren.
Denn  eben  jetzt  erklärte  die  Pforte  dem  Zaren  den  Krieg,  und  war  die  Rückkehr
Karls  XII.  und  damit  eine  neue  Gestaltung  der  nordischen  Dinge  vorauszusehen.
Oder  wenn  diese  Rückkehr  nicht  erfolgte,  so  wurde  die  nordische  Frage  von  den
Dänen,  den  Polen  und  den  Russen,  die  in  Tönningen  die  Schweden  eingeschlossen
hielten,  gewiß  ohne  Rücksicht  auf  Preußen  gelöst.  Mit  allen  Mitteln  der  Intrigue
und  des  Hinterhaltes  suchten  Holland  und  der  Kaiser,  dieser  in  vollstem  Widerspruch
  mit  dem  Vertrage  von  1700,  den  Uebergang  oranischer  Erbschaftsstücke  an
Preußen  zu  verhindern,  aber  schließlich  mußten  sie,  nachdem  Friedrich  Wilhelm
den  englischen  Gesandten  durch  50000  Thaler  gewonnen,  das  sogenannte  Oberquartier
  von  Geldern,  ein  kleines,  unmittelbar  an  Cleve  und  Mörs  sich  anschließendes
  Ländchen,  an  Preußen  zugestehen.  Alles  lebte  in  froher  Hoffnung,
endlich  im  Westen  die  Ruhe  hergestellt  zu  sehen.  England,  Frankreich,  Holland,
Preußen,  auch  Savoyen  und  Portugal  unterzeichneten  am  11.  April  1713  zu  mis
Utrecht  den  Frieden,  aber  der  Kaiser  weigerte  sich,  ihm  zuzustimmen,  da  er  von
der  spanischen  Erbschaft  Norditalien  abtreten  sollte,  obgleich  er  damals  infolge  des
russisch-türkischen  Krieges  im  Osten  keine  Verwickelungen  zu  befürchten  hatte.  Wie
auch  hätte  man  sich  auf  der  Hofburg  darum  grämen  sollen,  daß  eben  in  Zusammenhang
  damit  die  nordische  Frage  für  Deutschland  neue  Gefahren  heraufführte,  daß
vor  allen  Dingen  Preußen  seine  Machtmittel  bereit  halten  mußte,  hier  deutsches
Recht  so  gut  wie  das  eigene  Dasein  zu  verteidigen!  Mit  Leidenschaft  vielmehr
und  durch  Winkelzüge  aller  Art  wurde  im  Reich  die  Fortsetzung  des  Krieges  betrieben,
  und  ohne  Rücksicht  auf  die  Reichsverfassung  glaubte  man,  über  die
Truppen  der  deutschen  Fürsten,  insbesondere  die  preußischen,  verfügen  zu  können.
Ueberall  pries  der  Kaiser  die  gewaltige  Rüstung,  in  welcher  er  Frankreich  entgegentreten
  werde.  Aber  von  den  vier  Millionen,  die  er  hierfür  verlangt  hatte,
waren  im  Juni  noch  nicht  5000  Gulden  eingegangen,  die  verfügbare  Truppenzahl
  war  unverhältnismäßig  gering,  und  namentlich  hatte  Friedrich  Wilhelm  die
Unmöglichkeit,  mehr  als  sein  Reichskontingent  zu  stellen,  hinlänglich  betont.

Denn  allerdings  war  es  ihm  anders  nicht  möglich.  Hatten  die  nordischen
Bundesgenossen  die  Abwesenheit  Karls  benutzt,  um  in  Pommern  einzufallen,  durch
die  Mark  zu  marschieren,  und  die  Schweden  in  Stettin  und  Tönningen  zu  belagern,
  selbst  die  Umschließung  Hamburgs  zu  beginnen,  so  hatten  sie  dies  nur
thun  können,  in  der  Gewißheit,  daß  Preußen  nichts  dagegen  unternehmen  werde.
Die  Abwesenheit  Karls  aber  hatte  zugleich  die  abenteuerlich  gesonnenen  Räte  des
Herzogs  von  Holstein-Gottorp,  Görtz  und  Bassewib,  die  Absicht  fassen  lassen,  im
Namen  ihres  Herrn  in  weitausgreifende  Verhandlungen  mit  allen  beteiligten
Mächten  zu  treten.  Sie  wollten  einen  Frieden  herstellen,  der  den  Herzog  zum
König  von  Schweden  machen  und  Holstein,  das  Dänemark  für  sich  in  Anspruch
nahm,  mit  Schweden  vereinigen  sollte.  Aber  alle  diese  Pläue,  alle  Pläne  der
Russen  auf  die  Küsten  der  Ostsee,  der  Sachsen  auf  Pommern,  der  Dänen  auf
Schleswig-Holstein,  Hamburg  und  die  Elbmündung  mußten  eine  andere  Gestalt
erhalten,  wenn  Preußen  eingriff.  Und  konnte  man  von  diesem  jungen  König,
        <pb n="350" />
        250  Vertrag  zu  Schwedt.

nachdem  er  durch  den  Frieden  von  Utrecht  freie  Verfügung  über  seine  Truppen
erhalten  hatte,  ebenfalls  ein  geruhiges  Stillsitzen  erwarten,  konnte  man  glauben,
er  werde  den  Dorn,  den  der  westfälische  Friede  seinem  Staate  eingedrückt,  stecken,
Pommern  in  die  Hand  schlimmerer  Feinde,  als  die  der  Schweden  übergehen
lassen?  Mußte  nicht  Schweden  alles  aufwenden,  um  die  kampfgeübten  Preußen
für  ihre  verlorene  Sache  zu  gewinnen?  Und  war  nicht  die  Stellung  der  Verbündeten,
  sobald  nur  ein  neues  schwedisches  Heer  in  Pommern  erschien,  eine
sehr  bedenkliche?  Von  der  Entscheidung  Preußens  hing  mithin  alles  ab,  und
von  allen  Seiten  schürten  und  trieben  in  Berlin  daher  die  Staatsmänner,  die
Görtz  und  Bassewitz,  Graf  Flemming  und  Fürst  Menschikoff.  Aber  ein  Jahr
lang  müsse  er  Zeit  haben,  war  Friedrich  Wilhelms  Meinung,  seine  Armee  und
Finanzen  in  stand  zu  setzen,  bevor  er  etwas  unternehmen  könne.  Und  so  suchte
er  alle  bindenden  Verträge  „als  ein  junger  Anfänger,  der  noch  nicht  im  stande,
die  geringste  Sache  mit  Macht  durchzusetzen“,  zu  vermeiden.  Erst  als  am
##129.  September  1713  die  Schweden  in  Stettin  kapitulieren  mußten,  trat  er  ein
und  nun  zugleich  in  einer  entscheidenden  Weise.  Bis  zum  Frieden  mußte  ihm  der
Zar  im  Schwedter  Vertrage  vom  6.  Oktober  gegen  Erstattung  der  Eroberungskosten
  Stettin  und  das  ganze  Land  bis  zur  Peene  zur  „Possession  und  Sequestration"
  übergeben,  dasselbe  für  Stralsund  und  Wismar,  sobald  sie  von  den
Schweden  befreit  seien,  versprechen.  Die  Verbündeten  verpflichteten  sich  weiter,
demnächst  Pommern  völlig  zu  verlassen,  und  Preußen  übernahm  es,  einen  Durchbruch
  der  Schweden  durch  Pommern  zu  verhindern.  Mit  diesem  Vertrage  hatte
Preußen  endlich  nicht  nur  einen  Fuß  in  Stettin,  sondern  es  war  zugleich  der
Grund  gelegt,  die  deutschen  Länder  den  unberechenbaren  Wandlungen  des  Krieges
allmählich  zu  entziehen.  Ebenso  bewirkte  ein  bei  Lenzen  schnell  zusammengezogenes
Lager  preußischer  Truppen,  daß  Dänemark  auf  den  Raub  Holsteins  verzichtete,
aber  nach  der  endlich  erfolgten  Einnahme  Tönningens  rüstete  es  sich,  in  Schweden
selbst  einzufallen,  und  fand  dabei  den  vollen  Beifall  des  Zaren,  der  doch  seinerseits
  jetzt  zusagte,  im  künftigen  Frieden  Stettin  und  die  pommerschen  Inseln  für
reußen  zu  fordern.

Gewiß  war  die  zunehmende  Ausdehnung  des  russischen  Macht-Bereiches
nicht  nach  den  Wünschen  Preußens,  aber  Frankreich,  das  den  König  für  Schweden
zu  gewinnen  suchte,  konnte  nur  leere  Versprechungen  machen,  ünd  der  Kaiser,
—  den  Friedrich  Wilhelm  „zum  Freund  zu  bekommen  alle  raisons  rühren  ließ“,
zeigte  die  ungünstigste  Haltung  —  „wenn  der  Kaiser,  will  ich  gern,  aber  der
Kaiser  will  nicht“  —  ja,  wenn  er  nach  den  größten  Mißerfolgen  nun  mit  Frankreich
  zu  Rastatt  Frieden  schloß,  so  geschah  dies  auf  Grund  des  Nymwegener
Friedens,  d.  h.  er  gestand  aufs  neue  Pommern  an  Schweden  zu.

Und  an  dieser  Fremdherrschaft  schien  nicht  zu  rütteln.  Denn  in  der  That  brach
Karl  Xll.  jetzt  von  Demotica  plötzlich  auf,  sein  glänzender  Name  allein  führte
den  schwedischen  Werbern  Truppen  in  Massen  herbei.  Frankreich,  der  Kaiser,

V#1/  selbst  England,  auf  dessen  Thron  seit  dem  August  1714  Kurfürst  Georg  von  Hannover
  saß,  unterstützten  Karls  Unternehmen  öffentlich  oder  heimlich.  Friedrich
Wilhelm  war  auf  alles  gerüstet,  in  drei  Wochen  konnte  er  mit  30  000  Mann
an  der  Grenze  sein.  Aber  er  wollte  nicht  der  Angreifer  sein.  Daher  erklärte
er  sich  gegen  Erstattung  der  gezahlten  400  000  Thaler  zur  Räumung  Stettins
bereit  und  übernahm  die  Sicherung  des  schwedischen  Pommerns  wider  sächsisch-
        <pb n="351" />
        Verhandlungen  mit  Karl  XII.  251

polnische  Angriffe  gegen  das  Zugeständnis,  von  dort  aus  nicht  nach  Sachsen
oder  Polen  durchbrechen  zu  wollen.  Auch  eine  Anleihe  von  800006  Thalern
bot  er  dem  Könige  gegen  Ueberlassung  des  Landes  bis  zur  Peene.  In  beleidigender
  Form  aber  lehnte  Karl  alles  ab,  ja  der  Lanthrof  von  Hessen  kam
nach  Berlin  und  forderte  die  Uebergabe  Stettins  an  hessische  Truppen.  Darauf
ging  Friedrich  Wilhelm  natürlich  nicht  ein.  Er  verharrte  bei  der  im  Schwedter
Vertrage  genommenen  Stellung,  in  welcher  er  sich  auf  Polen  und  Rußland  stützte,
nahm  sogar,  trotzdem  Karl  XII.  das  nur  mit  20  Mann  Preußen  besetzte  Wolgast

 

Die  Elnnahme  von  Rügen  durch  Friedrich  Wilhelm  I.  1715.
Radierung  von  Jan  Luiken  (arbeitete  zu  Ansang  des  18.  Jahrh.),  auf  etwa  verkleinert.

in  Besitz  nehmen  ließ,  die  von  Frankreich  gebotene  Vermittlung  an.  Denn  „mit
gütlicher  Handlung“  die  Sache  beizulegen,  „wäre  mir  lieb“,  schrieb  der  König.
Für  sich  wolle  er  nichts  gewinnen,  denn  er  habe  durch  Gottes  Gnade  genug.  Die  15
A  Vorschläge  auf  Teilung  der  schwedischen  Länder  in  Deutschland
wies  er  daher  zurück,  rüstete  sich  dagegen  mit  der  größten  Entschiedenheit  zum
Kampfe.  Denn  alle  Verhandlungen  führten  zu  keinem  Ergebnis,  ja  während
derselben  vollzog  Karl  den  zweiten  Gewaltstreich  gegen  Preußen,  ließ  auch
(22.  April  1715)  die  Insel  Usedom  besetzen.  Sofort  befahl  der  König  die  Ausweisung
  des  schwedischen  Gesandten,  den  Abschluß  der  lange  verhandelten  Verträge
  mit  Hannover  und  Dänemark  und  reiste  am  28.  April  zur  Armee  nach
Stettin  ab.  Der  Beginn  des  Feldzuges  wurde  durch  die  mangelnde  Rüstung
        <pb n="352" />
        252  Feldzug  gegen  die  Schweden.

der  Dänen  freilich  bis  in  den  Juli  verzögert,  aber  dann  konnte  man  Stralsund
einschließen.  In  glänzenden  Gefechten  (31.  Juli  bis  22.  August)  nahm  General
von  Arnim  Wolgast,  die  Peenemünder  Schanze,  die  ganze  Insel  Usedom,  und
im  September  endlich  konnte  die  dänische  Flotte  in  den  Bodden  einlaufen.  Damit,
  sowie  mit  der  nächtlichen  Ueberrumpelung  des  Frankenthores  durch  den
preußischen  Generaladjutanten  Köppen  war  endlich  die  Landung  auf  Rügen,
die  Vorbedingung  der  Einnahme  Stralsunds,  möglich  gemacht.  Unter  den
schwierigsten  Kämpfen,  auch  mit  Wind  und  Wetter,  ward  sie  durch  den  Fürsten
von  Anhalt  am  15.  November  erzwungen.  4000  Schweden  waren  dabei  umgekommen,
  aber  König  Karl,  so  unglaublich  er,  der  selbst  kommandiert,  diese
That  gehalten,  war  um  keinen  Preis  zu  bewegen,  Stralsund  freiwillig  zu
räumen.  Mit  allen  Mitteln  mußte  die  Belagerung  ins  Werk  gesetzt  werden,
endlich  sah  Friedrich  Wilhelm  seine  Bemühungen  mit  Erfolg  gekrönt.  Am
24.  Dezember  kapitulierte  die  Festung  und  ging,  wie  Rügen  und  das  Land
bis  zur  Peene,  nach  dem  preußisch-bänischen  Vertrage  in  den  Besitz  Dänemarks
  über.  Denn  nur  unter  dieser  Bedingung  hatte  sich  Dänemark  zur  Abtretung
  Bremens  und  Verdens  an  Hannover  bereit  finden  lassen,  und  davon  hatte
wieder  Hannover  seinen  Beitritt  abhängig  gemacht.  Indessen  diese  glänzenden
Waffenkhaten  des  Königs,  die  dem  militärischen  Genie  Karls  Xll.  und  seiner
Thatkraft  gegenüber  ganz  erstaunliche  Leistungen  waren,  riefen  nur  weitere  Forderungen
  Dänemarks,  Englands  und  Sachsen-Polens  an  Preußen  hervor,  sie
waren  vielen  Reichsfürsten  und  namentlich  dem  Kaiser  höchst  verdrießlich,  itpche
Betrübnis  und  Jalousie“,  In  Paris  bemühte  man  sich  —  nach  Ludwigs  XIV.
Tode  (September)  freilich  vergeblich  —  die  Franzosen  zu  einem  Einsal  8  Cleve
zu  bestimmen,  und  der  Kaiser  setzte  alle  Hebel  seines  kaiserlichen  Amtes  an,  um
gegen  Preußen,  das  eigenmächtig  gegen  einen  Reichsstand  Krieg  führe.  also  Landfriedensbrecher
  sei,  „Ernst  zu  zeigen“.  Er  meinte,  die  preußischen  Truppen  für
einen  Türkenkrieg  in  Anspruch  nehmen  zu  können,  während  Friedrich  Wilhelm
keinen  Baten,  keinen  Mann  entbehren  konnte.
Denn  inzwischen  war  der  Zar,  der  bisher  dem  Kampfe  zugeschaut,  in  Riga
ing  erschienen,  hatte  König  August  in  Danzig  tief  gedemütigt  und  war  in  vollem
Marsch  auf  Mecklenburg.  Er  schien  nur  gewartet  zu  haben,  bis  die  Gegner
hinreichend  ermattet  wären,  um  über  ihnen  als  Herr  zu  entscheiden.  Allerdings
16trat  er  damit  auch  dem  hannöverschen  Iuteresse  König  Georgs  entgegen,  weil  dieser
die  mecklenburgischen  und  vorpommerschen  Lande  für  sich  gewinnen  wollte.  Daher
geschah  es,  daß  sich  die  nordische  Frage  zu  einem  Kampfe  zwischen  Rußland  und
England  zuspitzte,  in  welchem  die  Stellung  Preußens  durch  das  Bündnis  Englands
  mit  dem  Kaiser  und  die  almähliche  Hinneigung  Rußlands  zu  Schweden
eine  immer  schwierigere  wurde.  Wie  vieler  Zumutungen,  wie  vieler  ungehöriger
Forderungen  hatte  sich  der  König  zu  erwehren!  Er  mußte  ein  gutes  Verhältnis
mit  dem  Zaren  aufrecht  erhalten,  ohne  sich  doch  von  ihm  schrecken  zu  lassen.
Mehrfach  ließ  er  sich  auffordern,  den  Zaren  zu  besuchen,  endlich  sprach  er  ihn  in
Stettin,  eine  weitere  Zusammenkunft  aber  lehnte  er  wieder  ab.  Den  Uebergang
Wismars  an  des  Zaren  Schwiegersohn,  den  Herzog  von  Mecklenburg,  gab  er  zu,
aber  er  bestand  darauf,  daß  vorher  die  Festungswerke  geschleist  würden  und  verweigerte
  die  Ueberlassung  preußischer  Truppen  für  den  Feldzug  in  Schoonen.  Auch
der  von  Frankreich  mit  der  Zusicherung,  das  Reich  nicht  anzugreifen,  angebotenen
        <pb n="353" />
        Europäjüsche  Lage.  253

Gewähr  für  Stettin  und  das  Land  bis  zur  Peene  mußte  Peter  in  einer  neuen
Zusammenkunft  zu  Havelberg  seine  Zustimmung  geben.  Viel  schwieriger  war,  das
Verhältnis  zu  England  aufrecht  zu  erhalten,  da  die  welfischen  Pläne  des  Königs
Georg  I.  den  Beifall  des  Kaisers  hatten,  und  sogar  ein  dem  Bündnis  beider
Staaten  entgegengesetzter  Vertrag  Englands  mit  Frankreich  in  Wien  deshalb  gutgeheißen
  wurde,  weil  er  das  beste  Mittel  sei,  Preußen  niederzuhalten.  Der  Kaiser
brauchte  dieenglische
Flotte  gegen  die
Spanier,  und  wenn
er  dafür  die  hannöverschen
  Absichten
gegen  Preußen
unterstüzen  mußte,
o  war  ihm  dies  um
aso  willkommener.
Ja  selbst  seinen
Anspruch  auf  die
spanische  Krone  gab
er  auf  und  trat  dem
Bunde  Englands
und  Frankreichs  bei
(April  1718).
Brüsk  und  rücksichtslos
  ging  König
Georg  daher  gegen
Preußen  vor.  Gegen
die  Rückgabe  Verdens
  an  Schweden
hoffte  er  für  Hannover
  Vorpommern
zu  gewinnen,  und
zur  Erwerbung
Mecklenburgs  bot
ihm  der  Kaiser  bereitwillig
  die  Hand,
indem  er  ihm  die  m  «
Exekution  gegen  den  Fürst  Leopold  von  Anhalt-Dessan.
Herzog,  der  im  Nach  dem  Original  von  Thomas  Huber  (1700—1779)  im  Stadtschloß  zu  Potsdam.
Kampf  mit  seinen
Ständen  die  ärgsten  Rücksichtslosigkeiten  übte,  übertrug.  In  Rostock  waltete  eine
kaiserliche  Kommission,  besetzt  aber  war  das  Land  von  den  Hannoveranern.  Doch
auch  unmittelbar  schritt  der  Kaiser  wider  König  Friedrich  Wilhelm  ein,  als  dessen
Stände  in  der  Altmark  und  im  Magdeburgischen  dem  Könige  sich  widersetzten.  Er
hob  kurzerhand  landesherrliche  Verordnungen  auf  und  entband  die  Stände  von
ihrem  Gehorsam  gegen  den  König.  Hatte  er  doch  die  Zustimmung  Hannover=Englands
  und  Sachsen-Polens,  dessen  Kurprinz  eben  damals  zum  Katholizismus
übertrat,  die  Hand  einer  Erzherzogin  zu  erlangen  suchte  —  wie  sollte  er  nicht  der
        <pb n="354" />
        254  Europäische  Lage.  —  Klement.

Habsucht  und  dem  Neide  gegen  Preußen,  der  täglich  größer,  täglich  sichtbarer
wurde,  d  ie  Zügel  schießen  lassen!  Und  schon  sammelten  sich  die  kaiserlichen  Truppen
in  Schlesien.

Georg  I.  und  der  Kaiser  meinten,  dem  Könige  Gesetze  vorschreiben  und  ihn
zugleich  als  Vollstrecker  ihrer  Politik  benutzen  zu  dürfen,  aber  lieber  wollte  der
König  alles,  den  letzten  Blutstropfen  wagen,  als  „sich  den  Fuß  auf  die  Gurgel
setzen  lassen"“.  Rußland  allein  bot  ihm  einen  Rückhalt.  Doch  wie  er  schon  bei
den  Besuchen  des  Zaren  im  November  1716  in  Havelberg,  im  September  1717
in  Berlin  nur  eine  Grundlage  für  den  Frieden  gesucht  hatte,  so  behauptete  er

u  auch  jetzt  in  der  „Punktation“,  die  er  mit  Rußland  am  28.  Mai  1718  schloß,  das
Recht,  selbständig  den  Zeitpunkt  eines  ekwaigen  Bruches  mit  dem  Kaiser  und  England
  bestimmen  zu  können.  Denn  alles  lag  ihm  am  Frieden,  und  trotz  aller
Kränkungen  suchte  er,  diesen  auch  in  London  immer  aufs  neue  zu  bewerkstelligen.
Er  begnügte  sich  daher  selbst  jetzt  mit  dem  Pfand-Besitz  Stettins.  Und  um  so
wichtiger  war  dies,  als  eine  Annäherung  zwischen  Schweden  und  Rußland  im  Werke
war,  die  England  nebst  dem  von  ihm  abhängigen  Dänemark  in  den  Staub  werfen
sollte.  Im  geringsten  nicht  dachte  der  König,  sich  für  solche  Absichten  brauchen
zu  lassen,  und  eben  deshalb  hatte  er  vom  Zaren  jene  Bedingung  gefordert,  die  ihm
freie  Hand  ließ,  und  an  welcher  der  Vertrag  selbst  dann  shäthere  Unabsehbar
mußte  der  Kampf  werden,  wenn  dies  das  Ziel  des  nordischen  Krieges  war,  und
dieser  mit  dem  von  Spanien  entzündeten  in  Verbindung  gebracht  wurde.  Denn
Spanien  blieb  auch  nach  einer  von  England  im  Mittelmeer  erlittenen  Niederlage,
und  trotzdem  der  Kaiser  mit  den  Türken  den  Frieden  zu  Passarowitz  geschlossen
hatte,  in  den  Waffen  gegen  Oesterreich,  plante  den  Sturz  des  Regenten  von
Frankreich,  des  Herzogs  von  Orleans,  um  den  eigenen  König  auf  den  französischen
  Thron  zu  setzen,  und  war  voller  Begierde,  den  stuartischen  Prätendenten
auf  den  englischen  zu  heben.  Eben  deshalb  schlossen  England,  Oesterreich  und
Frankreich  jenen  Bund,  dem  die  Niederlande,  wie  man  meinte,  von  selbst  beitreten

Natürlich  suchte  jede  Partei  das  waffengewaltige  Preußen  zu  gewinnen,  doch
geschah  eben  damals  ein  Ereignis,  das  den  König  wohl  vorsichtig  machen  mußte.
Auf  höchst  merkwürdige  Art  und  Weise  wurden  ihm  nämlich  durch  einen  Ungarn
von  Klement  im  tiefsten  Geheimnis  Pläne  des  Wiener  und  Dresdner  Hofes,  an
denen  aber  eine  große  Zahl  preußischer  Hof=  und  Staatsbeamten  beteiligt  seien,
vorgelegt,  die  auf  die  Gefangennahme  des  Königs,  den  Raub  des  preußischen

abes,  „Plünderung  Preußens  in  großartigem  Maßstabe“,  die  volle  Aufteilung
des  Staates  hinausliefen.  Der  Prinz  Eugen  von  Savoyen  habe,  sagte  Klement
aus,  ihn  selbst  seit  Jahren  für  die  Ausführung  dieses  Planes  benutzt,  auch  bis
ins  kleinste  alle  Maßregeln  getroffen,  sei  indessen  zu  einer  Lerstindigung  mit
Preußen  bereit.  Die  beispiellose  Sicherheit,  mit  der  Klement  sich  zu  jedem  Beweis
  bereit  erklärte,  mußte  in  jener  Zeit,  wo  solche  Dinge  wohl  im  Bereiche  der
Möglichkeit  lagen,  tiefen  Eindruck  machen.  Denn  in  der  That  kannte  er  selbst
ganz  geheime  diplomatische  Vorgänge  aufs  allergenaueste  und  hatte  Briefe  über
jene  Pläne  vorzulegen,  an  deren  Echtheit  man  nicht  zweifeln  konnte.  Entrüstet
war  der  König,  und  seine  verdächtigte  Umgebung  hatte  schwere  Tage.  Erst  nach
drei  Monaten  ergab  sich  die  Haltlosigkeit  der  Behauptungen  Klements.  Aber  daß
Friedrich  Wilhelm  ihnen  überhaupt  auf  den  Grund  zu  kommen  versucht  hatte,  gab
        <pb n="355" />
        Wiener  Allianz.  255

dem  Hasse  gegen  ihn  neue  Nahrung.  In  der  That  faßte  man  Pläne,  die  ungefähr
  das  enthielten,  was  Klement  angegeben  hatte.  Denn  nun  kam  die  Wiener
Allianz  (Januar  1719)  zum  Abschluß,  die  unter  dem  Schein  der  Verteidigung  die  u19
Macht  des  Kaisers,  England-Hannovers,  Sachsen-Polens,  Dänemarks  und  die
mancher  Reichs  fürsten  wider  den  preußischen  Staat  vereinte,  um  diesen  zu  zer- 



*  S  —  E  S
Nronpimz  Gredrich  als  Kind  und  seine  Schwester,  Prinzessin  Wilhelmine.
Nach  dem  Gemälde  von  Anton  Pesne  (1684—1757)  im  Kal.  Schloß  zu  Berlin.

*1.n  7-##
malmen.  Daß  dieses  die  Absicht  sei,  leugnete  man  natürlich,  aber  unter  sich  war
man  darüber  einig,  und  der  Wortlaut  des  Vertrages  läßt  einen  Zweifel  nicht  zu.
Auch  war  der  König  völlig  klar  darüber,  daß  man  nur  einen  Vorwand  suche,  ihn
anzugreifen.  Mit  größter  Wachsamkeit  hielt  er  daher  sein  Auge  auf  sein  Heer
gerichtet  und  war  trotz  aller  Klagen  über  „die  große  Armatur  Preußens“  bemüht,
„sich  in  solche  Position  zu  setzen,  denen,  die  uns  Böses  thun  wollen,  zu  widerstehen,
  und  allenfalls  Gewalt  mit  Gewalt  zu  vertreiben“.
        <pb n="356" />
        256  Friede  zu  Stockholm  und  Nystadt.  —  Charlottenburger  Vertrag.

Glückicherweise  .  die  Rettung  in  den  Verbündeten  selbst.  Sie  waren
durchaus  nicht  in  der  Lage,  ihrem  bösen  Willen  den  entsprechenden  kriegerischen
Nachdruck  zu  geben.  Die  Hauptsache  jedoch  war,  daß  die  Volksstimmung  in  England
  sich  entschieden  gegen  den  Krieg  erklärte,  und  daß  die  englischen  Minister,
empört  über  die  welfische  Politik,  die  ihre  hannsverschen  Kollegen  mit  der  Macht
Englands  trieben,  den  König  zwangen,  mit  Schweden  wie  mit  Preußen  Verständigung
  zu  suchen.  Schwere  Mühe  hatte  der  alte  Ilgen,  den  König  dahin  zu
bestimmen,  die  „Betrügereien  der  falschen  Freunde“  zu  vergessen,  aber  wie  tief  er
verletzt  war,  die  Möglichkeit  des  Friedens  wollte  er  nicht  zerstören,  selbst  zu  der
verlangten  Geldzahlung  verstand  er  sich,  wiewohl  im  höchsten  Unmut.  Am  20.  Fe-120

  bruar  1720  wurde  in  Stockholm  der  Friede  abgeschlossen  und  Preußen  gegen  zwei
Millionen  Thaler  der  Besitz  Stettins  und  des  Landes  südlich  der  Peene  zugestanden.
Endlich  waren  die  Oder-Mündungen  in  deutschen  Händen,  und  das  war  ein  Ereignis,
das,  wie  sehr  sich  der  König  nach  seinem  eigenen  Ausdruck  auch  des  Friedens  schämte,
in  der  Folge  für  die  wirtschaftliche  Entwickelung  Preußens,  ja  des  Reichs  von
der  allergrößten  Bedeutung  war.  Länger  als  anderthalb  Jahre  währte  es  noch,
bis  auch  zwischen  Rußland  und  Schweden  die  Waffen  zur  Ruhe  kamen.  Ja,  da  sich
Peter  dem  Kaiser  näherte,  glaubte  dieser  die  Gelegenheit,  die  sich  in  den  Pfälzer
Religionsstreitigkeiten  bot,  benutzen  zu  können,  um  Preußen  seinen  Zorn  fühlen
zu  lassen.  Peter  aber  sah  doch,  daß  allein  die  Haltung  Preußens  ihn  vor  seinen
Feinden  beschützte,  und  da  er  durch  einen  neuen  Angriff  Schweden  zur  Besinnung
brachte,  so  wurde  auch  zwischen  diesen  Mächten  zu  Nystadt  am  10.  September

nn  1721  der  Friede  geschlossen,  der  den  Russen  nicht  nur  die  Ostseeprovinzen  bis
zur  Düna  überlieferte,  sondern  ihnen  in  Europa  eine  Stellung  gab,  die  für  alle
Mächte  von  Bedeutung  wurde.  Für  Preußen  natürlich  vornehmlich,  und  so  sehr
Friedrich  Wilhelm  sich  mächtige  Freunde  —  nicht  aber  mächtige  Nachbarn  —
gewünscht  hatte,  jetzt  hatte  er  einen  der  mächtigsten  zum  Nachbarn.  Und  wenn
der  nordische  Krieg  Preußen  endlich  Stettin  und  die  Odermündungen  gebracht
hatte,  so  mußte  es  jetzt  mit  einer  Macht  rechnen  und  im  Frieden  zu  leben  suchen,
deren  ganzes  Dasein  auf  Krieg  und  Vergrößerung  gegründet  war,  und  die  über
unerschöpfliche  Mittel  gebot.

Fortan  suchte  Friedrich  Wilhelm  mit  allen  Mächten  freundschaftliche  Be-#n#

  ziehungen  anzuknüpfen,  wie  er  sie  denn  mit  England  im  Charlottenburger  Vertrage,
mit  Rußland  im  kurländischen  befestigte.  König  Georg  kam  im  Oktober  sogar,
um  den  Besuch  Friedrich  Wilhelms  zu  erwidern,  nach  Charlottenburg  und  Berlin,
und  konnte  sich  hier  an  dem  Heranwachsen  seiner  Enkelkinder,  deren  damals
sieben  lebten  —  während  die  Geburt  eines  achten,  der  späteren  Prinzessin
Amalie,  unmittelbar  bevorstand  —  erfreuen.  Besonders  soll  ihn  die  Gewandtheit,
  mit  welcher  der  junge  Kronprinz  Friedrich  seine  Kadetten  exerzierte,
in  Erstaunen  versetzt  haben.  —  Aber  auch  mit  dem  Kaiser  schien,  trotzdem  er
sortfuhr,  Preußen  „auf  solche  indigne  Art“  enkgegenzutreten,  daß  der  gesandtschaftliche
  Verkehr  aufgehoben  wurde,  ein  besseres  Verständnis  möglich  zu  werden.
Wiederum  erhob  sich  nämlich  eine  Erbschaftsangelegenheit,  und  diesmal  im  Hause
Oesterreich  selbst.  Karl  VI.  war  ohne  männliche  Erben,  und  auch  sein  verstorbener
  Bruder  Kaiser  Joseph  hatte  solche  nicht  hinterlassen.  Nach  den  Bestimmungen
  Kaiser  Leopolds  hatten  nun  Josephs  Töchter  beim  Aussterben  der
männlichen  Linie  das  nächste  Erbrecht  an  die  österreichischen  Staaten.  Dies
        <pb n="357" />
        Pragmatische  Sanktion.  —  Spanisch-österreichisches  Bündnis.  257

Erbrecht  hatte  aber  Karl  umgestoßen  und  in  einer  von  den  Ständen  seiner  Kronund
  Erblande  gutgeheißenen  „Pragmatischen  Sanktion“  seiner  Tochter  Maria
Theresia  das  nächste  Erbrecht  zugesprochen.  Indem  aber  der  Plan,  diese  Tochter
mit  dem  spanischen  Infanten  Don  Carlos  zu  vermählen,  ihm  die  Kaiserkrone
zuzuwenden,  und  auf  diese  Weise  die  spanische  wie  die  habsburgische  Erbfolge
zu  Gunsten  Oesterreichs  zu  lösen,  greifbare  Gestalt  erhielt,  schwanden  natürlich
die  Aussichten,  Preußen  oder  andere  Mächte  für  die  neue  Erbordnung  zu  ge-—

  I#
r  In  Mn#en

 

König  Friedrich  Wilhelm  1.  ce  seine  8  der  Geburt  der  Prinzessin  Anna
Amalia  am  9.  November  1723.
Radierung  von  Peter  —  d.  j.  (f  vor  auf  ctwa  ⅜  verkleinert.

winnen.  Gleichwohl  schloß  jetzt  der  Kaiser  mit  Spanien  (1725)  die  „De=  und  1725
Offensiv-Allianz  gegen  die  Türken  und  die  protestantischen  Mächte",  die  jene
spanisch-österreichische  Vermählung  verbürgte.  Leidenschaftlicher  noch  als  bisher
trat  er  insbesondere  Preußen  entgegen,  selbst  Ostfriesland  wollte  er  an  Holland
überlassen,  und  in  der  Sache  der  magdeburgischen  Ritterschaft  scheute  er  sich  nicht
—  wiewohl  von  Hunderten  von  Edelleuten  nur  noch  sechs  oder  acht  dem  Könige
widersprachen  —  Exekution  gegen  den  König  von  Preußen  zu  befehlen  und  deren
Ausführung  Schweden,  Polen,  dem  ober=  und  niedersächsischen,  dem  fränkischen
und  schwäbischen  Kreis  aufzutragen,  kurz  das  ganze  Reich  wider  Friedrich  Wilhelm
aufzubieten.  Unterstützt  aber  von  den  Jesuiten  und  der  römischen  Propaganda,
arbeitete  der  Pfalzgraf  von  Neuburg  dem  Kaiser  gegen  Preußen  in  -  Hände.
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="358" />
        258  Spanisch-österreichisches  Bündnis.  —  Hannöversche  Allianz.

Denn  bei  seinem  hohen  Alter  und  seiner  Kinderlosigkeit  mußten  in  einer  nicht
fernen  Zukunft  nach  den  alten  Verträgen  Jülich  und  Berg  ohne  weiteres  in  die
Hände  Preußens  übergehen,  während  er  die  Länder  seinem  Schwiegersohn  von
Pfalz-Sulzbach  zu  hinterlassen  wünschte.  Um  diese  Frage  drehte  sich  von  nun
an  die  Stellung  aller  Staaten  zu  Preußen.  Niemand  gönnte  ihm  den  Erwerb,
so  unstreitbar  der  Rechtstilel  war.  Namentlich  erhob  auch  August  von  Polen-Sachsen
  auf  beide  Länder,  ja  auch  auf  Cleve  und  Mark  wieder  Anspruch,  und
er  und  sein  Sohn  brauchten  die  Jesuiten,  um  ihre  sehr  weltlichen  Pläne  auf
diese  und  auf  die  Erblichkeit  der  polnischen  Krone  durchzusetzen.  Bis  zu  den
grausamsten  Hinrichlungen  der  Evangelischen  ließ  August  sich  hinreißen  (Dezember
  1724),  als  Jesuiten-Schüler  das  Volk  in  Thorn  durch  Mißhandlungen
zum  Aufstande  gereizt  hatten.

Am  meisten  bedroht  waren  durch  jene  spanisch-österreichische  Allianz  indessen
die  Engländer  und  Holländer,  und  nicht  nur  wegen  der  ins  Auge  gefaßten  Wiederherstellung
  des  Gottorper  Herzogs,  sondern  vornehmlich,  weil  Spanien  der
kaiserlichen  Handelskompagnie  in  Ostende  die  größten  Rechte  für  den  Handel  nach
Amerika  gewährte,  und  mit  dem  drohenden  Verlust  von  Gibraltar  und  Minorka
auch  der  Levante-Handel  leiden  mußte.  Das  allgemeine  Entsetzen,  der  Schrei  der
Entrüstung  in  der  englischen  Kaufmannswelt  wie  in  den  Kreisen  des  Protestantismus,
den  man  mit  der  türkischen  Religion  gleich  zu  behandeln  und  zu  vertilgen  ver-*t

  suchte,  zwang  König  Georg,  seine  hannöverschen  Wünsche  der  englischen  Politik
unterzuordnen  und  sich  Preußen  zu  nähern.  Er  ließ  selbst  keinen  Widerwillen
mehr  gegen  die  von  seiner  Tochter,  der  preußischen  Königin,  heiß  gewünschte
Vermählung  seiner  Enkelkinder,  des  Herzogs  von  Glocester  mit  der  Tochter
Friedrich  Wilhelms,  Wilhelmine,  und  des  preußischen  Kronprinzen  Friedrich  mit
der  englischen  Prinzessin  Amalie,  blicken.  Indem  nun  England  und  gleichzeitig
auch  Frankreich  den  Uebergang  von  Jülich  und  Berg  garautierten  und  nachgaben,
daß  sich  Preußen  in  nichts  gegen  Rußland  und  den  Herzog  von  Holstein-Gottorp.

us  berbslichtete,  gelang  es  ihnen,  den  König,  sehr  gegen  die  Meinung  Ilgens,  zum

Abschluß  der  hannöverschen  Allianz  zu  bestimmen.  Doch  die  Freude  der  Königin,

ihre  Hoffnung  auf  endlichen  Vollzug  der  Vermählungspläne  dauerten  nur  kurze

Zeit.  Sehr  bald  erkannte  Friedrich  Wilhelm,  betrogen  zu  sein,  erkannte,  daß  er

die  Pläne  Englands  und  Frankreichs  auf  die  österreichischen  Niederlande  mit
seinem  Heer  ausführen  nollte,  die  Verbündeten  aber  nicht  daran  dachten,  für  die

Entscheidung  der  jülichschen  Frage  thätig  zu  sein.  „Aber  wie  ein  Blinder  gehe

ich  nicht  hinein:  ich  muß  den  pot  aux  roses  wissen  und  nicht  ihr  gallopin  sein

Sie  wollen  Krieg  mit  der  Feder  führen,  damit  habe  ich  nichts  zu  thun;  ich  will

Frieden  haben  oder  rechten  Krieg;  soll  Krieg  sein,  so  müssen  sie  andere  Vorbereitungen

  machen,  als  bis  jetzt  zu  sehen“.

Auf  der  anderen  Seite  aber  schien  der  Kaiser,  gereizt  durch  das  englische
Vorgehen,  selbst  die  Offensive  ergreifen  und  die  Russen  und  Polen  gegen  Preußen
ins  Feuer  schicken  zu  wollen.  Und  dieser  Gefahr  gegenüber  empfing  Friedrich
Wilhelm  von  England  die  trostreiche  Zusage,  daß  man,  wenn  auch  nur  10000
Mann  auf  den  Beinen,  doch  100,000  in  der  Tasche  habe!  Zum  Glück  mußte
Rußland  mit  Preußen  in  guten  Beziehungen  bleiben.  Peter  der  Große  soll  sie
seiner  Nachfolgerin  ausdrücklich  zur  Pflicht  gemacht  haben.  Da  nun  die  Zarin
Katharina  versprach,  in  betreff  des  Herzogs  von  Holstein  genaue  Neutralität  zu

*2
        <pb n="359" />
        Bündnis  mit  dem  Kaiser.  259

halten  und  die  hannöverschen  Gebiete  nicht  anzugreifen,  so  kam  am  3.  Oktober
1726  ein  2  Bündnis  zum  Abschluß.  Und  dies  nötigte  zugleich  den
Kaiser,  auf  die  ohnedies  vorliegenden  Gründe  zu  einem  gemäßigteren  Vorgehen
gegen  Preußen  Gewicht  zu  legen,  denn  die  60000  Mann  und  der  preußische
Schatz  gaben  doch  zu  denken,  und  ohne  die  preußische  Zustimmung  war  die  pragmatische
  Sanktion  unausführbar.
  So  wurde  denn
Graf  Seckendorff,  den  der
König  als  einen  ehrlichen
Offizier  ansah,  und  von
dessen  „bekannter  Geschicklichkeit
  und  guter  Manier,
mit  dem  König  umzugehen",
  man  überzeugt
war,  nach  Berlin  gesandt.
Hocherfreut,  mitdem  Kaiser
endlich  in  Gemeinschaftsein
zu  können,  kam  ihm  Friedrich
  Wilhelm  weit  entgegen.
Ueberdies  verhandelte  sogar
  England  jetzt  mit  dem
Kaiser,  während  seine  und
Frankreichs  Pläne  auf  das
österreichische  Erbe  mit
größter  Deutlichkeit  hervortraten.
  Daher  gelang
es  Seckendorff  trotz  der
Bemühungen  der  Gesandten
  Frankreichs  und
Englands  und  zum  Schmerz
der  Königin,  die  ihr,
namentlich  durch  Seckendorff
  und  Friedrich  Wilhelm
  von  Grumbkow,

den  Vertrauten  des

Königs,  angefochtenes,  Generalfeldmarschall  Friedrich  Wilhelm  von  Grumbkow.
Heiratsprojekt  schwinden  In  Ortoinalgröße  des  Stichs  von  Martin  Vernigeroth  (1610—17390.
sah,  im  Oktober  1726  zu
Wusterhausen  eine  Verabredung  zu  treffen,  der  am  23.  Dezember  1728  das
sogenannte  ewige  Bündnis  folgte.  Natürlich  geschah  es  nur  unter  erheblichen
Opfern  Preußens.  Es  verzichtete  auf  die  Hälfte  seines  Erbes,  auf  Jülich,  und
übernahm  die  Gewähr  der  pragmatischen  Sanktion,  wogegen  der  Kaiser  nunmehr
in  aller  Form  n  Heimfall  von  Berg  und  Ravenstein  an  Preußen  aufs  bestimmteste
  zusichert

Allerdings  S  der  König  wenig  später,  daß  der  Kaiser  ihn  wieder  getäuscht
  und  diesem  Vertrage  genau  entgegen  eben  dasselbe  Berg  an  Pfalz-Sulzbach
  zugesagt  habe.  Doch  war  er  durch  den  Vertrag  in  leidliche  Beziehungen
#
        <pb n="360" />
        260  Englisch-preußische  Vermählungs-Pläne.

zu  „seinem  Compatron“  in  Dresden,  dem  König  August,  gekommen,  wovon

n#  gegenseitige,  vielbesprochene  Besuche  beider  Fürsten  im  Frühjahre  1728  Zeugnis
ablegten.  Das  Wichtigste  aber  war,  daß,  namentlich  seitdem  die  Freundschaft
zwischen  dem  Kaiser  und  Spanien  wieder  erkaltet  war,  Friedrich  Wilhelm  fest
überzeugt  sein  konnte,  daß  es  des  Kaisers  eigenstes  Interesse  sei,  „Preußen  für
sich  zu  haben“,  da  er  ohne  Preußen  gegen  England,  Frankreich  und  Spanien
die  Krofalge  seiner  Tochter  nicht  durchsetzen  konnte.  In  dieser  Notwendigkeit
mehr  noch  als  in  jenem  im  Dezember  1728  abgeschlossenen,  wenig  glücklichen
Vertrage  mit  dem  Kaiser,  glaubte  der  König  die  Sicherheit  für  den  Uebergang
von  Berg  und  zugleich  für  eine  erfolgreiche  Verteidigung  des  Reiches  sehen  zu
dürfen,  während  er  durch  den  Anschluß  an  den  Kaiser  Frankreich  sowohl  wie
namentlich  England  sich  entfremdet  hatte.

Alles  Herzeleid  that  Georg  II.  von  England,  der  im  Juni  1727  seinem
Vater  gefolgt  war,  dem  Könige  an,  und  die  Mißstimmung  zwischen  beiden  königlichen
  Schwägern  stieg  auf  den  höchsten  Grad.  Die  unbedeutendsten  Streitigkeiten
über  Ausschreitungen  preußischer  Werber  und  über  das  Eigentum  einer  Wiese
gaben  Georg  II.  zu  den  hochmütigsten  und  unerträglichsten  Schritten  Anlaß.  Im

n  Herbst  1729  mußten  preußische  Truppen  gegen  Hannover  mobil  gemacht  werden.
Aber  wie  sehr  das  unsitkliche  Treiben  am  Londoner  Hofe  von  der  einfachen  Zucht
am  Berliner  abstach,  und  wie  sehr  die  hannöverschen  Interessen  Georgs  namentlich
in  Bezug  auf  Ostfriesland  und  Mecklenburg,  wo  durchaus  „das  weiße  Roß  grasen
sollte“,  die  Herabdrückung  Preußens  voraussetzten:  die  großen  Pläne  der  Verbündeten
  auf  das  österreichische  Erbe  verlangten  ebenso  folgerichtig  wie  gebieterisch
die  Trennung  Preußens  von  Oesterreich.  Und  für  diese  glaubte  Georg  in  dem
erwähnten  Wunsche  seiner  Schwester,  der  Königin  Sophie  Dorothea,  eine
Vermählung  zwischen  den  Königskindern  von  Preußen  und  England  zu  schließen,
das  richtige  Mittel  in  der  Hand  zu  haben.  In  feierlicher  Audienz  bot  Sir  Charles

##  Hotham  diese  dem  Könige  an,  und  wie  der  Plan  schon  seither  viele  Kümmernisse
für  die  königliche  Familie  gebracht,  so  wurde  nun  durch  Zwischenträgereien  der
Hotham,  Seckendorf,  Manteuffel,  Grumbkow  und  anderer  in  der  königlichen  Familie
geschürt  und  gehetzt,  wurde  namentlich  das  schon  längst  getrübte  Verhältnis  zwischen
dem  waoprinzen  und  dem  Könige  noch  mehr  verbittert.

Doch  über  diese  Verhältnisse  hinweg  beurteilte  der  König  mit  richtiger  Einsicht
  die  politische  Lage.  Die  Vermählung  seiner  Tochter,  der  Prinzessin
Wilhelmi.  mit  dem  Prinzen  von  Wales  war  ihm  selbst  erwünscht,  sie  hatte
politisch  nichts  zu  sagen.  Mit  der  Vermählung  des  Kronprinzen  aber,  der  ihm
mit  seinen  achtzehn  Jahren  überhaupt  noch  nicht  reif  genug  erschien,  einen  Haushalt
  zu  führen  und  gewiß  nicht  mit  einer  an  die  üppigen  englischen  Verhältnisse
gewöhnten  Prinzessin,  wurde  Preußen  auf  die  Seite  der  Feinde  des  Kaisers  gezogen.
  Ja,  mit  dem  Vorschlage,  die  Prinzessin  zur  Statthalterin  in  Hannover
zu  machen  und  dort  den  Kronprinzen  residieren  zu  lassen,  suchte  man  diesen  als
Geisel  in  die  Hand  dafür  zu  bekommen,  daß  Preußen  nichts  gegen  die  Bundesgenossen
  unternähme,  während  übrigens  Frankreich  bereits  im  Begriff  stand,
Luxemburg  zu  nehmen  und  in  Deutschland  einzufallen.  So  stellte  der  König  als
Vorbedingung  die  Verpflichtung  Englands,  den  Kaiser  nicht  im  Reich  anzugreifen  und
die  schon  1725  übernommene  Gewähr  für  die  bergische  Erbfolge  anzuerkennen.  Nach
Verlauf  einiger  Jahre  wolle  er  dann  auch  des  Kronprinzen  Vermählung  zugeben.
        <pb n="361" />
        Sir  Hotham.  261

Unglaublich  scheint  es  bei  dieser,  wie  auch  England  wohl  begreifen  mußte,

von  der  politischen  Lage  Preußens  und  des  deutschen  Reiches  gebotenen  und  doch
weit  entgegenkommenden  Haltung  des  Königs,  daß  Sir  Hotham  mit  dreister

I.  —  –——
2  ..  7  ——  —  .—  *
—  2½

  
 
 

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Nach  dem  in  der  Kol.  Gemäldegalerie  zu  Dresden  besindlichen  Hlöllde  von  Louis
32)  und  unter

de  Silveslre  (16075—1750)  gez.  von  Ulrich  Ludwig  Wolf  (1772—18
Leitung  von  Ludwig  Buchhorn  (1770—1856)  gestochen  von  Wilhelm  Devrient.

Originolgröße.
Takklosigkeit  den  König  persönlich  beleidigte.  Er  mußte  voraussehen,  daß  dies
an  den  Kaiser  veranlassen  werde.  Auch

Preußen  nur  noch  zu  engerem  Anschluß
trat  Friedrich  Wilhelm  in  Wirklichkeit  gleich  darauf  (Juli  1730)  eine  Reise  an
        <pb n="362" />
        262  Sir  Hotham.

die  kleinen  Höfe  Südwestdeutschlands  an,  um  diesen  die  Unterstützung  des  Kaisers
und  der  pragmatischen  Sanktion  zu  empfehlen.  wie  auch,  wenn  irgend  möglich,  um
mit  dem  Hause  Pfalz  über  die  jülich-bergische  Erbfolge  sich  gütlich  zu  einigen.

 

«  Königin  Sophie  Dorothea  von  Preußen
Nach  dem  Gemälde  von  Anton  Pesne  (1684—1757)  im  Kgl.  Schloß  zu  Berlin.

Der  englische  Sir  glaubte  trozdem  seiner  Sache  sicher  zu  sein.  Längst  w

ja  bekannt,  wie  die  Neigungen  und  Verirrungen  des  Kronprinzen  die  halenhen
Hornausbrüche,  empörende  Mißhandlungen  durch  den  Vater  hervorgerufen  hatten,
wie  der  Vater,  ohne  Verständnis  für  die  geniale  Art  des  Sohnes,  nur  dessen
        <pb n="363" />
        Der  Kronprinz.  263

Fehler  sah  und  für  diese  keine  Entschuldigung  zu  finden  vermochte,  wie  der  Sohn
andererseits  damals  des  Vaters  treu  meinende  und  pflichtgetreue  Arbeit  noch  nicht
zu  würdigen  wußte  und  nur  die  Rücksichtslosigkeiten  und  Schroffheiten  des  Königs

 

Prinzessin  Wilhelmine  von  Preußen.
Nach  dem  Gemälde  von  Anton  Prsne  (1681—1757)  im  Kol.  Schloß  zu  Berlin.

fühlte.  Niemand  hatte  mehr  unter  ihm  zu  leiden  als  der  Kronprinz,  und  gegen
den  Sohn  glaubte  der  König  zu  Strafen  greifen  zu  dürfen,  die  er  selbst  des
Offiziers  für  unwürdig  erklärte.  Aber  in  der  heißen  Leidenschaftlichkeit  seines
        <pb n="364" />
        264  Der  Kronprinz.

jugendlichen  Empfindens  that  Friedrich  damals  einen  Schritt,  der  das  strengste
Verfahren  des  Souveräns  zur  Folge  hatte.  Nicht  ohne  Kenntnis  seiner  Mutter  und
seiner  Schwester,  der  Prinzessin  Wilhelmine,  trat  er  mit  Sir  Hotham  in  vertraute
Beziehungen  und  versprach  wiederholt  dem  Könige  von  England,  nur  die  Prinzessin
Amalie  zur  Ehe  zu  nehmen,  ja  er  meldete  ihm  seinen  Plan,  über  Frankreich  nach
England  zu  flüchten,  erbat  für  die  Ausführung  seine  Unterstützung.  Auf  jener
Reise  des  Königs  hatte  der  Kronprinz  ihn  zu  begleiten,  in  der  Nähe  der  französischen
viso  Grenze  sollte  die  Flucht  am  6.  August  1730  ins  Werl  gesetzt  werden,  die  Lieutnants
von  Katte  und  Keith  trafen  die  nötigen  Vorbereitungen.  Im  letzten  Augenblick  bekannte
  der  Page  von  Keith,  der  ebenfalls  ins  Geheimnis  gezogen  war,  alles  dem
Könige.  In  Wesel  ward  der  Kronprinz  verhaftet,  als  Arrestant  nach  Küstrin
gebracht,  ein  Verhör  nach  dem  anderen  gehalten,  ein  Kriegsgericht  eingesetzt.
Europa  weidete  sich  an  diesem  tief  tragischen  Schauspiel,  während  die  Verhöre
ergaben,  in  welchen  Beziehungen  England  und  auch  Frankreich  zu  dem  Fluchtplane
  gestanden.  Der  König  aber,  wie  heftig  er  seinem  Zorne  auch  Ausdruck
gab,  war  tief  im  Herzen  verwundet,  von  schweren  Zweifeln  und  Skrupeln  gepeinigt,
  daß  er  den  eigenen  Sohn  als  Deserteur,  als  Fahmenflichtigen  sehen  27
strafen  sollte.  Und  wenn  auch  der  Kronprinz,  die  Königin  und  die  Prinzessin
die  Absichten  der  fremden  Mächte  nicht  zu  durchschauen  vermochten,  so  war  doch
klar,  daß  der  Staat  nicht  bestehen  konnte,  wenn  die  Mitglieder  der  königlichen
Familie  in  politischen  Beziehungen  zu  seinen  Feinden  standen.  Wie  sehr  auch
der  König  und  seine  unglücklichen,  schroffen  Erziehungsversuche  Anlaß  und  Ursache
des  traurigen  Ereignisses  sein  mochten:  der  Staat  mußte  zu  Grunde  gehen,  wenn
seine  Grundbedingung,  wenn  der  Felsen,  auf  den  er  gestellt,  wenn  die  Pflichttreue
vom  Thronerben  selbst  so  schwer  verkannt  wurde.  Daß,  wie  behauptet  worden,
der  König  dem  Sohne  das  Leben  absprechen  wollte,  ist  nicht  der  Fall,  aber  die
Thronfolge  dachte  er  ihm  zu  entziehen,  und  es  blieb  dem  Kronprinzen  nicht  erspart,
  den  Tod  seines  Freundes  Katte  durch  das  Schwert  mit  anzusehen.  Leiden
gingen  über  seine  Seele  hin  von  erschütternder  Wucht.  Endlich  im  November
wurde  er  der  schwersten  Haft  entlassen,  aber  noch  blieb  er  Arrestant,  und  in
strenger  Arbeit  als  jüngster  Auskultator  auf  der  Kriegs=  und  Domänenkammer
in  Küstrin  täglich  von  7  bis  12,  von  3  bis  5  Uhr  sollte  er  Pflichttreue,  Arbeit,
sollte  er  das  Wesen  des  Staates  kennen  lernen,  sich  selbst  mit  ihm  durchdringen.
Wahrlich  eine  Strafe,  eine  Erziehungsweise,  ehrenvoll,  väterlich  und  staatsmännisch
von  dem  gedacht,  der  sie  verfügte,  erhebend  und  länternd  für  den,  der  sich  ihr
unterwarf,  der  sie  erfüllte.
Natürlich  wurden  durch  diese  Verhältnisse  die  Beziehungen  zu  England  noch
lälter  und  gespannter,  und  Friedrich  Wilhelm  schloß  sich  noch  inniger  an  den
aiser  an,  zu  dessen  Gunsten  er  seine  Armee  überall  hin,  mit  Ausnahme  von
Italien,  marschieren  lassen  wollte.  Allein  wieder  einmal  änderte  sich  die  ganze
L9  dadurch,  daß  England  durch  andere,  innere  Verhältnisse  veranlaßt  wurde,
dem  Kaiser  entgegenzukommen.  Es  brach  mit  dem  ganzen  bisherigen  System,
schloß  mit  dem  Kaiser  ein  Bündnis  (März  1730)  und  erkannte  die  pragmatische
Sanktion  an.  Damit  war  der  Wert  der  preußischen  Freundschaft  an  der  Donau
erheblich  gesunken,  wenn  man  auch  zunächst  noch  durch  Seckendorf  die  besten
Gesinnungen  für  den  König  aussprechen  ließ.  Denn  nun  spitzte  sich  die  Rivalität
der  Mächte  mehr  und  mehr  zu  einer  solchen  zwischen  Oesterreich  und  Frankreich
        <pb n="365" />
        Pragmatische  Sanktion.  —  Priort.  265

+–  ———.  ,  ,
Z—-e—  —  —  S#e
——......e

S.  —  —  —  –[  —2
“  –—9—

Erster  —  von  der  auf  das  Vorsahlett  eines  #auches  geschriebenen  Mikteilung  des
Lieutants  von  Katte  vom  5  —  fic  1730,  welche  berf  1  am  Tage  seiner  Hinri  1
n  seinen  brrel0  cichsiobe

In  eauui-  des  Origian  ais  Iim  Hohen,  #tädt  richt  %%  —

ersetzung.
Empfangen  Sie,  liebster  Freund,  dieses  Bu-  ein  er  Freundschalt,  die  ich  für  Sle  hege.  Ist
n  —  auch  1  r  rostbar  durch  uhnh  he  hornse  "  so  de  buch  6  uie  de  rnr
in  a

zu,  da  dessen  leitender  Minister,  Kardinal  Fleury,  keineswegs  geneigt  war,  der
pragmatischen  Sanktion  zuzustimmen,  und  das  auch  um  so  weniger  konnte,  als
der  Herzog  von  Lothringen  vom  Kaiser  als  Schwiegersohn  und  Nachfolger  ins
Auge  gefaßt  war,  und  dadurch  sich  auch  die  Abhängigkeit  Lothringens  von  Frankreich
  lockern  mußte.

Je  mehr  aber  Preußen  und  England  entfremdet  waren,  um  so  dreister
konnte  der  Kaiser  gegen  Preußen  vorgehen,  und  es  war  daher  dem  Wiener  Hofe
erwünscht,  wenn  der  Plan  der  preußisch-englischen  Doppelheirat  vollends  beseitigt
wurde.  Und  Friedrich  Wilhelm,  der  „stolz  darauf  war,  der  einzige  Reichsfürst
zu  sein,  der  dem  Kaiser  nicht  rampant  sei,  der  dies  sein  Tag  nicht  sein  wollte",
vermählte  im  November  1731  seine  älteste  Tochter  Wilhelmine  mit  dem  Erb=  u31
prinzen  von  Baireuth,  verlobte  im  Februar  1732  den  Kronprinzen  mit  der
Prinzessin  Elisabeth  von  Braunschweig-Bevern,  der  Nichte  der  Kaiserin.  Mit
aller  Wahrhaftigkeit  seines  Sinnes  arbeitete  er  daran,  die  Zustimmung  der  Reichsfürsten
  zur  pragmatischen  Sanktion  zu  gewinnen,  und  erreichte  sie  im  Januar
1732.  Nur  Sachsen,  Bayern  und  Pfalz  versagten  sich  ihr  und  sanden  für  ihren
Widerspruch  die  Unterstützung  Frankreichs.  Nunmehr  hatte  aber  Preußen  dem
Kaiser  geleistet,  was  dieser  brauchte.  Was  Wunder,  daß  er  es  nun  gänzlich
beiseite  schob!  Denn  auch  Sachsen  konnte  er  durch  die  Zustimmung  zur  Wahl
des  Kurprinzen  zum  König  von  Polen  und  die  Wittelsbacher  gerade  durch  die
Gewährung  des  preußischen  Rechts  auf  Jülich  und  Berg  gewinnen.  Eine  Besprechung
  mit  Seckendorf  in  Priort  öffnete  dem  König  die  Augen,  brachte  ihm,
wie  er  selbst  meinte,  den  Tod,  und  bei  einer  persönlichen  Zusammenkunft  mit  dem
Kaiser  in  Prag  (1732)  verlangte  dieser  vom  Könige  ohne  weiteres  mindestens
die  Abtretung  von  Düsseldorf  und  eines  Grenzbezirks  am  Rhein.  Unverhohlen
seigte  man,  wie  wenig  man  das  1728  für  die  Anerkennung  der  pragmatischen
        <pb n="366" />
        266  Frankreich  und  Oesterreich.

Sanktion  gegebene  Versprechen  zu  halten  gesonnen  war.  Längst  schon  hatte
Friedrich  Wilhelm  gewußt,  wie  der  Kaiser  ihn  unterdrücken  wolle,  aber  „zu  schwarz“
war  ihm  solch  schnöder  Undank  erschienen.  Jetzt  war  er  vollends  klar,  und  „die
Zusammenkunft  in  Prag  wurde  das  Grab  der  Freundschaft  mit  dem  Kaiser“.
Indessen  doch  eben  nur  der  Freundschaft.  Politisch  aber  hielt  der  König  fest
am  Kaiser.  Trotz  neuer  Hemmungen  wurde  die  Vermählung  des  Kron-##s8prinzen
  am  12.  Juni  1733  zu  Salzdahlum  vollzogen.  Und  als  in  Polen
eine  zwiespältige  Wahl  —  erst  die  des  alten  Stanislaus  Lescinsky,  dann  die  des
Kurfürsten  von  Sachsen  —  erfolgte,  und  infolgedessen  Frankreich  über  den  Kaiser
sowohl  von  Italien,  wie  vom  Ober=  und  Niederrhein  aus  herzufallen  im  Begriff
war,  erbot  sich  Friedrich  Wilhelm,  mit  50000  Mann,  ja  seiner  ganzen  Armee,
die  Franzosen  zurückzuschlagen.  Aber  wie  hätte  man  den  voraussichtlichen  Waffenerfolgen
  der  preußischen  Armee  gegenüber  noch  weiter  Preußens  Rechte  am  Rhein,
in  Ostfriesland,  in  Mecklenburg  mißachten  können!  Nur  10000  Mann  dürfe
er  stellen:  so  lautete  daher  die  kaiserliche  Antwort  auf  des  Königs  Anerbieten.
u  Und  so  leichtsinnig,  wie  die  Diplomatie  den  Kampf  herbeigeführt,  so  schlecht
wurden  die  beiden  Feldzüge  von  1734  und  1735  geführt.  Der  König  und  der
onprinz  nahmen  nur  an  dem  ersten  teil,  da  der  König  am  Ende  des  Jahres
1734  schwer  erkrankt  war,  sein  Ende  vor  Augen  sah,  auch  nicht  wollte,  daß  der
preußische  Thronerbe  aufs  neue  „Zeuge  der  kaiserlichen  Inaction“  sei.  Hochherzig
  gab  Friedrich  Wilhelm  dem  aus  Polen  verjagten  Stanislaus  ein  Asyl  in
seinem  Lande,  wodurch  er  die  Herzen  der  Völker  gewann,  aber  in  Wien  neuen
Widerwillen  erweckte,  zumal  alle  Bemühungen,  wiederum  Streitigkeiten  zwischen
ihm  und  dem  Kronprinzen  zu  erwecken,  an  der  herzlichen  Einigkeit  beider  völlig
scheiterten.  Da  wurde  Friedrich  Wilhelm,  der  eben  noch  die  lockendsten  Anerbielungen
  Frankreichs  abgelehnt,  und  mit  ihm  ganz  Europa  durch  ganz  uneswortst
geschlossene  Friedenspräliminarien  zwischen  dem  Kaiser  und  Frankreich  (3.  O
tober  1735)  völlig  überrascht.  Frankreich  erkannte  die  pragmatische  Sanktion  2.
ließ  zugleich  den  König  Stanislaus  fallen,  Oesterreich  hatte  also  seinen  Hauptwunsch
  erreicht  —  allerdings  gegen  die  Hingabe  des  deutschen  Herzogtums
Lothringen  an  Frankreich,  dessen  Herzog  durch  Toskana  entschädigt  wurde.  Aber
wie  hätte  das  in  Betracht  kommen  können  gegen  das  österreichische  Hausinteresse!
Und  wie  hätte  man  nun  —  die  übrigen  Höfe,  besonders  Spanien  mußten  sich
dem  österreichisch-französischen  Vertrage  bald  anschließen  —  nicht  den  alten
Grundsatz,  Preußen  herunterzuhalten,  mit  neuem  Eifer  befolgen  sollen!  Wie
hätte  man  nicht  diesem  ehrlichen,  so  ganz  und  gar  undiplomatischen  Könige  neue
Nackenschläge  geben,  wie  ihm  den  Vertrag  von  1728  halten  sollen!  „Der
Schrecken  unserer  Waffen  ist  dahin,  man  wagt  uns  zu  verachten“,  so  schrieb  der
Kronprinz.  Das  zeigte  sich  recht  deutlich,  als  nunmehr  die  jülich-bergische  Erbfolge
  der  Entscheidung  sich  zu  nähern  schien.

Alle  Mächte,  der  Kaiser,  Frankreich,  England  und  Holland  widerstrebten
energisch  einer  solchen  Vergrößerung  Preußens.  Der  Kaiser  hatte  überdies  die
Aussicht,  durch  die  Begünstigung  der  bayerischen  Ansprüche  auf  Jülich  und  Berg
zugleich  Frankreich  einen  Dienst  zu  erweisen,  wie  die  endliche  Zustimmung  des
bayerischen  Hauses  für  die  pragmatische  Sanktion  zu  gewinnen.  Holland  und
England  hofften  für  den  Handel,  namentlich  den  durch  die  spanische  Kontrolle
belästigten  Schmuggelhandel,  und  für  die  Kolonieen  durch  Nachgiebigkeit  gegen
        <pb n="367" />
        Jülich-Berg.  267

Frankreich  Vorteile  zu  erlangen.  So  wurden  —  die  Höhe  der  französischen  Macht
voll  bezeichnend  —  identische  Noten  der  vier  Mächte  aufgestellt,  die  sie  am
10.  Februar  1738  in  Berlin  feierlich  überreichten.  Preußen  sollte  ihnen  —  u38
dem  Kaiser,  Frankreich,  England  und  Holland  —  die  Entscheidung  über  sein
gutes  Recht  anheimstellen,  gleichzeitig  aber  für  den  Todesfall  des  Pfalzgrafen
von  Neuburg  die  vorläufige  Besitznahme  des  Landes  durch  Pfalz-Sulzbach  zugestehen.
  Mit  ruhiger  Würde  z  Friedrich  Wilhelm  dies  Ansinnen  ab.  Es
war  in  der  That  empörend,  daß  die  Großmächte  über  diese  reindeutsche  Angelegenheit,
  über  ein  gutes  preußches  Recht  kraft  ihrer  Ueberlehenheit  entscheiden

 

Vermählung  des  Kronprinzen  es  von  Preußen  mit  Eare  Christine  von  Braunschweig
zu  Salzdahlum  am  12.  Jun
Kuplerstich  von  Johann  Georg  Esdn-  (thätig  in  der  erflen  il  m  u.  Jahrh.),  auf  /  verkleinert.

wollten.  Empörender  aber  war,  daß  nächst  Frankreich  der  Kaiser  selbst  diesen
Schritt  hervorgerufen,  um  auf  preußische  Kosten  die  Zustimmung  der  Wittelsbacher
jur  die  Erhaltung  der  ganzen  österreichischen  Erbschaft  zu  erringen.  Der  König
zürnte  heftig,  daß  „die  puissancen  ihn  so  honteusement  behandeln  und  mit  der
Feder  solche  bassesse  thun  machen  wollten.  Er  sei  zu  alt,  um  sich  mit  seinen
fünfzig  Jahren  zum  Hundsfott  machen  zu  lassen.  Er  werde  also  nicht  nachgeben,
bis  er  unterliege,  und  davon  solle  ihn  nichts  bringen  als  die  lorce  vieler
puissancen."  Und  heftiger  noch  drängte  der  Kronprinz,  sofort  die  ganze  Armee
—  Rhein  zusammenzuziehen,  sofort  bei  eingetretenem  Fall  Berg  zu  besetzen  und

der  uns  hindern  will,  auf  den  Leib  zu  fallen.  „Ich  würde  ihnen  antworten,"
bao  der  Königssohn,  „der  König  von  Preußen  st  wie  der  edle  Palmbaum,
        <pb n="368" />
        268  Jülich-Berg.

du  willst  ihn  beugen,  aber  hoch  schnellt  er  seinen  stolzen  Wipfel.“  Unzweifelhaft
war  dies  richtig.  Denn  kam  es  darüber  zum  Kriege,  so  hätte  dieser  doch  wieder
die  Seemächte  vom  Kaiser  und  von  Frankreich  getrennt,  und  die  preußische  Rüstung
war  so  weit  gediehen,  daß  man  auch  den  Mächten  in  ihrer  Gesamtheit  widerstehen
zu  können  hoffen  durste.  Dennoch  wollte  Friedrich  Wilhelm  alles  thun,  um  den
Frieden  zu  erhalten.  Aber  ein  neuer  Versuch  bei  König  Georg  scheiterte,  trotzidem
  das  englische  Volk  begeistert  die  preußische  Allianz  als  „das  Evangelium  des
Tages“  pries  und  die  Freundschaft  mit  Rußland,  die  Voraussehung  eines  glücklichen
Erfolges  in  solchem  Kriege,  erkaltete  durch  die  Bemühungen  Frankreichs,  das  dort
sowohl  wie  in  Schweden  anzuknüpfen  verstand,  mehr  und  mehr.  Bei  aller  Vorbereitung
  zum  Kriege  schienen  dessen  Aussichten  mithin  schwankende,  und  für
Friedrich  Wilhelm  war  der  Friede  die  selbstverständliche  Grundlage  seines  Staates,
die  er  zu  seiner  Erhaltung,  zum  Besten  und  Aufnehmen  seiner  Unterthanen  in
seiner  Instruktion  auch  seinem  Nachfolger  empfohlen  hatte.  Da  bot  sich  eine
solche  Aussicht  von  der  Seite,  von  der  es  der  König  am  wenigsten  erwarten
konnte,  von  Frankreich.  Denn  in  dem  Ruf  des  allgemeinen  Friedensstifters  suchte
dessen  Lenker,  der  Kardinal  Fleury,  das  Uebergewicht  Frankreichs  in  Europa  zu
befestigen.  Freilich  „ehe  nicht  Zeichen  und  Wunder  geschehen“  mochte  der  König
„nicht  daran  glauben“;  aber  im  April  1739  kam  es  doch  zu  einem  vorläufigen  Abschlusse,
  in  dem  Frankreich  wenigstens  für  einen  Teil  von  Berg,  doch  namentlich  ohne
Düsseldorf,  Preußen  Gewähr  leistete.  Indessen  allen  Grundanschauungen  Friedrich
Wilhelms  widersprach  es,  von  Frankreich  sich  preußische  Rechte  garantieren  zu
lassen,  und  in  der  That  hatte  kurz  vorher  dasselbe  Frankreich  mit  dem  Kaiser
dasselbe  Recht  an  Pfalz-Sulzbach  garantiert!  Man  versteht  mithin,  daß  der
König,  so  ost  verraten  von  allen  Staaten,  die  gesamte  auswärtige  Politik  für
„Windschlägerei“  hielt,  die  sich  für  einen  honetten  Mann  nicht  zieme,  für
„Teufelswerk“",  das  ihn  von  nüclicherer  Beschäftigung  abhielt.  Er  hatte  in  der
That  Wichtigeres  gethan,  Wichtigeres,  das  unserem  Staat  unverkennbar  die
Spuren  seiner  Hand  eingedrückt  hat.

n
        <pb n="369" />
        269,

 

Abendgesellschaft  des  Königs  Friedrich  Wilhelm  I.,  das  sogenannte  „Tabakskollegium“.
Nach  dem  Gemälde  eines  unbekannten  Künstlers  im  Hohenzollernmuseum  zu  Berlin.

Verwallung  und  Gesehgebung.

   

 

Aus  38.  Beger  .  Thesaurus=  III.  Bd.,
ger.  bei  U.  glebpert.  Cölln  a.  d.  Spree#
o.  J.  (1701  oder  später).

angewidert  wurden  von  der

½harakteristisch  für  Friedrich  Wilhelm  war  sein  Auftreten

  bei  dem  Brande  Crossens  und  dem  Fall  des-Grafen
  von  Wartenberg  gewesen.  Freilich  hatte  er
schon  als  Knabe  durch  seine  Leidenschaftlichkeit,

seine  Herbheit,  ja  Wildheit  oft  erschreckt,  aber  seine

rasche  Auffassungsgabe,  seine  nüchterne  Sparsamkeit,
  die  Genauigkeit,  mit  welcher  er  über  seine-Dukaten
  noch  heute  ·  Rechnungen  führte,
der  außerordentliche  Eifer  und  das  Geschick,  mitdem
  er  seine  Kadetten  militärisch  ausbildete,  die

uunbedingte  Geradheit  und  Zuverlässigkeit,  die  strenge

Rechtlichkeit  seines  Charakters  mußten  doch  wieder
denen  verheißungsvoll  sein,  die  nicht  Geschmack
fanden  an  dem  Roulettespiel,  an  der  phantastischen
Projektenmacherei,  die  man  für  Politik  hielt,  die
verruchten  Maitressenwirtschaft,  die  von  Paris.

aus  viele  deutsche  Höse  —  allerdings  nicht,  wie  betont  werden  muß,  den  Berliner—
vergistet  hatte,  die  von  der  Unsauberkeit  und  Unlauterkeit,  Bestechlichkeit  und-Günstlingswirtschaft
  an  den  Höfen  und  in  der  Verwaltung,  wie  in  der  Gesellschaft

  zurückgeschreckt  wurden.

Und  wenn  König  Friedrich,  an  dessen  Perfönlichkeit

  nicht  der  leiseste  Hauch  jener  Gesinnung  hastet,  auch  nie  die  schmutzigem
        <pb n="370" />
        270  Erwartungen  beim  Negierungsantritt.

Wege  so  vieler  seiner  fürstlichen  Zeitgenossen  gewandelt  ist,  so  hat  er  von
jenen  Untugenden  weder  seinen  Hof,  noch  seine  Verwaltung,  weder  Adel  noch
Bürgerschaft  rein  erhalten  können.  Wir  sahen  Gcn,  wie  Friedrich  Wilhelm
als  Kronprinz,  dagegen  einschritt,  aber  nach  dem  Sturze  Wartenbergs  trat  er
wieder  in  die  ihm  gewiesene  Stellung  zurück,  und  wenn  auch  der  König  zur  Fortsehung
  der  Reformen  gedrängt  hatte,  so  war  man  doch  kaum  weiter  gekommen,
und  Hof=  wie  Staatsverwaltung  standen,  wie  Friedrich  Wilhelm  erkannte,  „auf
dem  Bankerott"“.  In  Berlin,  meinte  er,  würde  er  „in  Wahrheit  melancholisch,
sehr  sensible  sei  es  ihm,  alle  die  Schelmereien  mitanzusehen,  mit  denen  sie  unseren
guten  König  betrügen,  es  sei  die  tollste  Haushaltung  der  Welt,  und  alle  Tage
ginge  es  in  Berlin  abgeschmackter  zu“.  Mochte  immerhin  die  Art  des  ’  x
rauh,  eigenwillig,  heftig  und  bestimmt,  wie  sie  war,  verletzen;  mochten  selbst  G
sandte  ein  Recht  zu  haben  glauben,  über  die  Brutalität  des  Kronprinzen  Kage
zu  führen,  mochte  man  es  bedauern,  daß  weder  sein  Erzieher,  der  Graf  Alexander
zu  Dohna,  noch  seine  pedantisch-gelehrten  Lehrer  ihm  irgendwelchen  Geschmack
eingeslößt  hatten  für  das,  was  für  höfisch,  für  vornehme  Sitte,  für  geistvollen
Genuß  des  Lebens  nun  einmal  galt:  noch  waren  pflichtgetreue  Offiziere  und  Räte
im  Dienst,  an  ihrer  Spitze  „der  alte  brandenburgische  Vater",  wie  Ilgen  von
Friedrich  Wilhelm  genannt  wird,  und  diese  erkannten  im  Kronprinzen  den  wahren
und  rechtlichen  Charakter.  Die  Unterthanen  aber,  die  all  jene  mannigfachen
Steuern  aufbringen  mußten,  durften  seit  dem  Eintreten  des  Kronprinzen  für  die
abgebrannte  Stadt  Crossen  auf  Erleichterung  hoffen,  und  der  Soldat,  der  trotz
aller  Einnahmen  der  Staates  die  rechtzeitige  Auszahlung  seiner  Löhnung  nicht
erhalten  konnte,  die  Ofsiziere,  die  in  ihrem  Kriegsstaub  am  Hofe  nicht  gelitten
waren,  mochten  von  dem  neuen  König,  der  mit  ihnen  bei  Malplaquet  gekämpft
hatte,  mche  ganze  Liebe  den  Soldaten  gehörte“,  alles  erwarten.

d  schon  der  erste  Tas  seiner  Regierung  zeigte,  wic  völlig  der  Wind  umpesehe!
  houtl  und  wer  meinen  mochte,  so,  wie  der  König  begonnen,  könne  es  nicht
weiter  gehen,  und  „der  Sturm  werde,  je  heftiger  er  rase,  desto  eher  ausgetobt
haben“,  wer  meinen  mochte,  es  sei  kein  System,  kein  Plan  in  diesen  Neuerungen,
der  verrechnete  sich  von  Grund  aus.  „Der  König  von  Preußen  wird  sein  eigener
Feldmarschall  und  #  giheer.  Finanzminister  sein.“  Das  war  das  Programm
Friedrich  Wilhelms.  Mit  dem  Worte  des  Kyros  soll  er  schon  als  Kronprinz  als
„die  scherst  ze,  einem  Volke,  einem  Lande,  einem  Königreiche  sein  dauerndes
Glück  zu  sichern,  ein  Heer  auserwählter  Krieger  und  eine  gute  Haushaltung“
gepriesen  haben.  Oder,  wie  er  es  späterhin  ausdrückt,  „er  habe  sich,  als  er  das
Governo  bekommen,  einen  Plau  gemacht;  auf  lauter  Menage  und  guter  Oekonomie
beruhe  seine  ganze  Verfassung“.  Genaue  Etats,  keine,  auch  nicht  die  geringstc
Ueberschreitung  derselben,  unermüdliche  Thätigkeit,  Ehrlichkeit  der  Gesinnung,
Lauterkeit  des  Charakters,  Wahrhaftigkeit,  bstechlichteit  und  Verantwortlichkeit
des  Beamten  für  jeden  Rat,  jeden  Vorschlag,  jede  That,  das  war  es,  was  der
König  verlangte.  Zucht  und  Ordnung  überall,  im  Heere,  in  den  Finanzen,  in
der  Rechtspflege,  Zucht  und  Ordnung  im  bürgerlichen  Leben,  im  Handel  und
Gewerbe,  in  der  gutsherrlichen  wie  in  der  bäuerlichen  Wirtschaft,  Zucht  und
Ordnung  in  den  Familien,  von  der  königlichen  an  bis  zu  der  des  kleinsten  Taglöhners.
  Und  wenn  auch  der  rasche  Jähzorn  des  Königs  hier  geirrt,  dort  Unrecht
gethan,  hier  verletzt,  dort  schwer  gekränkt  haben  mag:  was  kann  diesem  gewaltigen
        <pb n="371" />
        Des  Königs  Art.  271

Charakter  gegenüber  wohlthuender  berühren,  als  das  eigene  Bekenntnis  der
Schwäche,  des  Irrtums,  des  Fehlers?  Und  doch  stehen  über  diesem  Bekenntnis
noch  zwei  Eigenschaften  des  Königs.  Was  er  auch  an  Arbeit,  an  Thätigkeit  verlangte,
  wie  selten  er  auch  mit  dem  größten  Eifer  zufrieden  war:  er  übertraf  den
thätigsten,  den  arbeitsamsten  seiner  Beamten  noch  immer.  Stets,  vom  Morgen
is  zum  Abend,  von  seiner  Thronbesteigung  bis  zum  Grabe  unermüdlich  fühlte  er
sich,  war  er  „im  Dienst“.  „Zum  Arbeiten“,  sagt  er  in  der  Instruktion,  die
er  1722  für  seinen  Sohn  aussetzte,  seien  „die  Könige  geboren“,  und  gearbeitet
hat  er  mit  nüchternem,  selbst  das  Kleinste  mit  richtigem  Blick  erfassendem  Geist,
alles  umändernd,  alles  belebend,  alles  selbst  prüfend,  durchdringend  bis  an  sein
Ende.  Und  doch,  nie  zufrieden  mit  dem  Geleisteten,  klagt  er,  der  unermüdlich
Thätige,  wohl  einmal,  daß  er  zu  tranquil  sei,  wäre  er  mehr  cholerisch,  so  würde
es  besser  sein,  aber  Gott  wolle  es  nicht  haben.  „Nie  hat  es“,  urteilt  sein  Sohn,
„einen  Geist  von  solcher  Meisterschaft  für  das  Einzelne  gegeben;  wenn  er  bis
zu  dem  Kleinsten  hinabstieg,  so  war  es,  weil  er  erkannte,  daß  ihre  Vielheit  das
Große  ergiebt;  indem  er  rastlos  war,  die  einzelnen  Teile  zu  vervollkommnen,
wußte  er,  daß  er  das  Ganze  vervollkommne.“

Des  Morgens  von  3  Uhr  früh  war  er  bei  der  Arbeit,  entwarf  Instruktionen,
las  die  Berichte,  erteilte  auf  alles  Bescheid.  Audienzen,  Konferenzen,  Inspektionen
und  Visitationen  folgten,  und  ihnen  wieder  militärische  Uebungen,  Exerzitien  und
Inspektionen.  „Alles  dirigirt  der  König  einzig  und  allein  und  arbeitet  anbei
in  publicis,  Privat-,  Haushaltungs=  und  Domänen-Affairen.  Wer  es  nicht  sieht,
kann  es  nicht  glauben,  daß  Ein  Mensch  in  der  Welt,  von  was  Verstand  er  auch
ist,  so  viel  differente  Sachen  in  einem  Tage  expedieren  und  selbst  thun  könnte,
wie  dieser  König  täglich  thut.“  Abends  erst  folgt  Erholung  in  einem  gemischten
Kreise,  dem  bekannten  Tabakskollegium,  und  wenn  in  der  Erinnerung  der
Menschen  mehr  die  platten  Späße,  die  hier  mit  albernen  Pedanten,  wie  Gundling,
Morgenstern  und  Faßmann  vorgekommen  sind,  leben,  als  die  Erörterungen  über
Staatswohl  und  Volkswirtschaft,  so  ist  dies  ein  Zeichen,  wie  sehr  im  Menschen
die  Spottlust  und  Schmähsucht  die  Dankbarkeit  und  Anerkennung  für  die  größten
Thaten,  die  aufopferndste  Arbeit  überwiegk.

Und  neben  der  Arbeit  das  andere:  Wie  schwer,  wie  streng  auch  immer  die
Verantwortung  war,  die  der  König  von  seinen  Räten,  von  seinen  Ministern  an
bis  zum  geringsten  Diener  verlangte,  wie  schrankenlos  dagegen  der  königliche

i0le  gebot:  eine  Schranke  kannte  sein  Wille,  ein  Ziel  seine  Willkür.  Es  war
sein  Gewissen,  das  Bewußtsein  der  Pflicht,  das  völlige  Durchdrungensein  davon,
daß  er  „mit  seinem  Amte  vor  Gott  verantwortlich  sei-  „  und  wahrlich,  gerade
unter  Friedrich  Wilhelm  ist  das  unbeschränkte  Königtum  in  Preußen,  man  möchte
weniger  noch  sagen,  der  aufgeklärte,  wohl  aber  der  pflichtbewußte  Despotismus.
Und  mag  man  immerhin  seinen  Eigenwillen,  seine  Härte  tadeln:  die  Aufgaben,
die  zu  erfüllen  waren,  erforderten  eine  harte,  eine  durchgreifende  Hand,  und  was
sie  geschaffen,  davon  zehren  und  davon  leben  wir  noch  heute.  Wenn  heut  jener
Despotismus  als  unerträgliche  Bevormundung  des  menschlichen  Willens  empfunden
würde,  so  liegt  dies  ganz  wesentlich  eben  an  jener  Gewöhnung  zum  staatlichen
Leben,  an  der  Erfüllung  aller  mit  dem  Pflichtgefühl,  dem  Bewußtsein  der  Verantworklichteit,
  der  strengen  und  hingebenden  Vaterlandsliebe,  die  Friedrich  Wilhelm
seinem  preußischen  Volke  anerzogen  hat.  „Hier  ist,“  sagt  der  ausländische  Reisende
        <pb n="372" />
        272  Der  Hof.

von  Losn,  „die  hohe  Schule  der  Ordnung  und  Haushaltungskunst,  wo  Große  und
Kleine  sich  nach  dem  Exempel  ihres  Oberhauptes  meistern  lernen  —  die  Zucht
macht  Leute,  und  die  preußische  ist  herrlich“.  Pflichtgetreu  bis  ins  Kleinste,  ja
in  diesem  vornehmlich,  hat  Friedrich  Wilhelm  Großes  geschaffen,  und  darf  man
wohl  hinzusetzen,  meistens  auf  Wegen,  die  in  jener  Zeit  die  einzig  möglichen,  die
richtigen  waren.  Aber  bedeutungsvoller  noch  dürfte  sein,  daß  er,  wie  man  es
nennt,  Schule  gemacht  hat,  daß  das  Pflichtbewußtsein,  die  Arbeitstreue,  die  Hingabe
  und  Liebe  zum  Vaterlande  von  ihm  auf  seine  Nachfolger,  von  ihm  auf  die
Offiziere  und  Beamten,  von  ihm  auf  die  Bürger  des  Staates  übergegangen  ist:  ganz
und  gar  ruht  unser  Staatswesen  auf  den  Schultern  Friedrich  Wilhelms,  und  wenn
wir  heut  einer  freiern  Staatsform  uns  erfreuen,  so  war  die  strengere  damals  nicht
allein  die  heilsamste,  sondern  die  heutige  wäre  ohne  jene  Erziehung  des  großen
ZBuchtmeisters  zur  Pflichterfüllung,  zur  Leistung  der  staatlichen  Arbeiten  und  Lasten
gar  nicht  denkbar.  „Friedrich  Wilhelm  brachte  durch  die  richtigen  Grundsätze  der
Kameral-,  Rechnungs=  und  Polizeiwissenschaft  die  ganze  innerer  Verwaltung  auf
einen  erstaunlich  hohen  Grad  menschlicher  Vollkommenheit"“.  „Er  ist  der  größte
innere  König  Preußens“.

Die  ersten  Maßregeln  trafen  den  Hof.  Sie  trafen  sehr  schwer,  aber  es
waren  „die  eines  Mannes,  der  weiß,  daß  die  Erbschaft,  die  auf  ihn  gekommen,
auf  dem  Bankerott  steht,  und  der  alles  daran  setzt,  ihm  zuvorzukommen“.  Ungeheure
  Gehalte,  Pensionen  waren  in  allen  möglichen  Formen  an  Hof=  und  Staatsdiener
  gezahlt  worden  —  Graf  Wartenberg  allein  hatte  es  seinerzeit  bis  auf
123000  Thaler  jährliche  Einnahme  gebracht  —  276000  Thaler  betrugen  sie
noch,  als  Friedrich  Wilhelm  am  ersten  Tage  sich  die  Etats  vorlegen  ließ,  und.
623  861  Thaler  waren  von  der  etwa  4  Millionen  betragenden  Gesamteinnahme
für  Hofzwecke  verwendet  worden.  Mit  einem  Federzug  setzte  der  König  jene  auf
55000,.  seine  persönlichen  Einnahmen  auf  52  000  Thaler  herab.  Die  kostbaren
Weine  und  Pferde  wurden  versteigert,  die  silbernen  Schmuckgeräte  der  Tafel  und
der  Zimmer  in  die  Münze  geschickt,  der  Hof  erhielt  ein  durchaus  anderes  Aeußere.
Mit  einem  Schlage  verschwanden  jene  zahllosen  hohen  und  niederen  Chargen,
die  Schweizergarde,  die  Grand-Mousquetaires,  die  Hofkapelle,  Emailleurs  und.
Tapezierer,  die  Maler  und  Architekten.  Ein  Rang-Reglement  nach  dem  anderen
hatte  die  Titelsucht  der  Zeit  nötig  gemacht.  Zu  142  Nummern  war  das  letzte
Reglement  angeschwollen,  Friedrich  Wilhelm  strich  sie  sofort  bis  auf  42  Nummern
zusammen.  Fünf  Oberhoschargen,  30  wirkliche  Kämmerer,  31  Oberschenken  und.
43  oder  44  Kammer=  und  Jagdjunker  blieben  von  dem  ganzen  glänzenden  Hofstaat
übrig.  Generale  wurden  zu  Kammerherren,  Hauptleute  zu  Hofjunkern  berufen,
Minister  versahen  den  Hofdienst.  Und  ihr  Gehalt  bezogen  sie  aus  ihrem  Hauptamt,
  das  Hofamt  hatten  sie  nebenher  zu  versehen.  Immerhin  blieb  das  verringerte.
Gehalt  der  Minister  ein  solches,  daß  sie  davon  nach  dem  Ausdruck  des  gewiß
nicht  anspruchslosen  sächsischen  Ministers  von  Manteuffel  sehr  anständig  leben
konnten,  aber  es  begreist  sich  auch,  daß  nun  „des  Lamentierens  und  Klagens
kein  Ende“  war  und  „ein  jeder  sehr  piano“  gehen  mußte.  Denn  aller  Prunk,
aller  Glanz  war  verbannt  von  diesem  Hof,  an  dem  nur  der  Soldatenrock,  den
der  König  gewöhnlich,  seit  1725  beständig  trug,  Achtung  erweckte.  Da  wollte
man  wohl  gar  glauben,  so  berichtet  dem  Kaiser  sein  Gesandter,  „daß  es  bisweilen
  mit  dem  Konig  nicht  richtig  sein  müßte",  und  hoffte  nur  noch,  „daß  er
        <pb n="373" />
        Erläuterungsblatt
zu  der

nachstehend  wiedergegebenen  letzten  Seite  des

eigenhändig  niedergeschriebenen  Testamentes  des  Rönigs
Friedrich  Wilhelm  I.

vom  Jahre  1722.

In  Größe  des  Originales  im  gl.  Hausarchiv  zu  Berlin.
        <pb n="374" />
        3  #b:  5

übertragung  der  nebenstehenden  letzten  Seite  des
Testamentes  des  Königo  Friedrich  wilbelm  I.  vom  Jatre  1722.

Iden  ein  Regemel  der  mit  honncur  in  die  weldt  Regirenn  will  mus  seine  aflehren  alles  selber
tuhn,  also  sein  die  Regenten  zur  arbeit  erkohren  und  nicht  zum  Lascken  saullen  weiberlehben,
und  wen  mein  lieber  Successor  erstlich  werdet  alles  in  ord#re  haben  als  den  wierdts  so  leicht
gehen  wie  ein  Pappies  de  Mühsicken  (=  Musikslück),  der  liebe  Gott  hat  euch  auf  den  trohn
gesetzet  nicht  zu  faullenpen  sondern  zu  arbeitten  und  seine  I:  (=  lieben?)  lender  wahl
(=  wohl)  zu  Kegiren,  leider  die  meisten  Grohßen  Herren  seins  nicht  sondern  Gott  lohs
(—  holtlos)  laßen  Ihren  Mlinisiris  den  willen  und  occupiren  sich  mit  Nleteressen  und  Sardanapalische
  Fleis  (—=  Fleisches)  luste,  aber  ich  habe  das  seste  vertrauen  zu  meinen  lieben
Successor  das  er  darinnen  mein  exempell  folgen  wirdt  und  ein  exemplaris  (—  exemplarisches)
lehben  führen  und  fleißnig  arbeiten  als  den  (=  alsdann)  Gott  Ihm  gewiß  sehgenen  wierdt.

uer  hen  müßet  Ihr  selber  und  allein  traktieren  und  das  Komando  der  Armee
selber  und  allein  bestellen  und  die  zwei  hauptsachen  allein  disponircn  da  durch  werdeit  Ihr
die  oll#ori#er  (—  Autorität)  in  der  Armeé  durchs  Komando  und  die  liebe  wehrgen  das  (=  deswegen
  weil)  Ihr  den  Knop  (=  Knopf)  auf  den  Beutell  allein  habet  von  eure  olfcir  und
cirvil1  bedinte  haben  und  von  der  ganten  weldt  Respectieret  und  admiriret  werden  das  Ihr
so  ein  Kluger  und  Vrahwer  Regent  seid:  Da  zu  ver  helse  euch  .  Gott  der  Almechtiche.

Amen.
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        —
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        <pb n="377" />
        Der  Geheime  Staatsrat.  273

den  Kopf  wacker  anstoßen  müßte,  alsdann  würde  er  sich  schon  finden  und  wiederkommen".
  Wie  sehr  täuschte  man  sich!  Wie  anders  lautete  das  Urteil,  das
nach  wenigen  Jahren  schon  der  oben  erwähnte  Reisende  fällte!  „Es  ist  also“
möglich“  —  so  schreibt  der  Freiherr  von  Losn  1718  —  „daß  man  ein  großer
König  sein  kann,  ohne  die  Majestät  in  dem  äußerlichen  Pomp  und  in  einem
langen  Schweif  buntfarbiger,  mit  Gold  und  Silber  beschlagener  Kreaturen  zu
uchen.  —  Wenn  man  von  dem  Berliner  Hof  redet,  so  versteht  man  darunter
sast  nur  die  Kriegsleute:  diese  allein  machen  den  königlichen  Hof  aus.  Die  Räte,
Kammerherren,  Hofjunker  und  dergl.,  wenn  sie  nicht  zugleich  Kriegsämter  haben,
werden  an  diesem  Hof  nicht  viel  geachtet  und  kommen  meistenteils  wenig  an  den
Hof;  die  Gelehrten  aber  haben  sich  bei  dem  König  am  meisten  verächtlich  gemacht.
Er  hatte  einige  dieser  Leute  um  sich,  weil  er  ihrer  nicht  entbehren  kann,  sie
sind  aber  bei  weitem  nicht  so  geschliffen,  wie  die  Soldaten

ie  oberste  Staatsbehörde,  der  Geheime  Staatsrat,  war  beim  Regierungsantritt
  zusammengesetzt  aus  den  einzelnen  Ressortchefs  —  Heinrich  Rüdiger  von
Ilgen  für  das  Auswärtige,  Marquard  von  Printzen  für  die  Hofsachen,  das  Lehnwesen,
  die  Kirchen=  und  Schulangelegenheiten,  von  Kameke  für  das  Kammerwesen,
von  Blaspil  für  das  Kriegswesen  und  Bartholdi  für  die  Justiz.  Friedrich  Wilhelm
  behielt  diese  Minister  bei,  setzte  jedoch  neben  Ilgen  noch  den  Grafen  Christof
zu  Dohna  und  Marquard  von  Printzen  und  neben  Blaspil  Friedrich  Wilhelm
von  Grumbkow,  den  zweiten  Präsidenten  des  Generalkriegskommissariats.  Dazu
traten  die  neu  ernannten  Feldmarschälle  von  Wylich-Lottum,  der  Herzog  von
Holstein-Beck  und  vor  allen  Fürst  Leopold  von  Dessau,  der  persönliche  Freund
und  Arbeitsgenosse  des  Königs,  eine  Natur  von  der  größten  Aehnlichkeit  mit  der
Friedrich  Wilhelms,  „ein  Mann  von  fürchterlichem  Ungestüm,  eine  wahre  Windsbraut
  von  einem  Menschen“.  Doch  kam  der  Geheime  Staatsrat  bei  der  Ueberlastung
  der  einzelnen  Minister  und  der  Selbständigkeit  des  Königs  bald  nicht  mehr
zu  rechter  Thätigkeit,  zuletzt  blieben  ihm  nur  die  Justizsachen.

Insbesondere  die  auswärtigen  Angelegenheiten  leitete  Ilgen  schon  seit  1715
wieder  ausschließlich  allein,  und  der  König  liebte  es,  in  vertraulichen  Erörterungen
mit  ihm  die  Rechte  und  Ansprüche  des  Staates  zu  besprechen,  unter  denen  namentlich
  Schlesien  keineswegs  vergessen  war.  Erst  als  Ilgen  hochbetagt  war,  wurde
ihm  sein  Schwiegersohn  Freiherr  von  Cnyphausen  und  der  Generallieutnant  von
Borcke,  obwohl  sich  dieser  heftig  sträubte,  ein  Amt  anzunehmen,  dem  er  nicht
gewachsen  zu  sein  glaubte,  zu  Gehilfen  bestellt.  Zugleich  war  das  hohe  Alter
Ilgens  —  er  war  über  50  Jahre  (seit  1679)  im  Dienst  —  für  den  König  Veranlassung,
  an  eine  prinzipielle  Ordnung  dieses  Departements  zu  denken.  Denn
es  gab,  wie  Borcke  schreibt,  „in  der  That  keinen  Beamten,  der  so  wie  Ilgen,
gleichsam  wie  ein  lebendiges  Archiv,  in  allen  Angelegenheiten  des  preußischen
Staates  Bescheid  weiß,  dem  Gott  eine  ungemeine  Vivacität  und  Penetration,  eine
Sache  voll  zu  imaginieren  und  einzusehen,  gegeben,  und  überdehm  einen  unermüdeten
  Geist  zu  solcher  Arbeit,  daß  er  von  Jugend  auf  bey  die  56  Jahre  lang
das  Handwerk  ohne  interruption  getrieben,  alle  große  revolutiones,  so  in  so
langer  Zeit  in  Europa  vorgefallen,  gesehen!  Und  weil  an  denen  meisten  das
Königl.  Haus  directement  oder  indirectement  theil  genommen,  Er  mit  dabey  die
Fedes  gebrauchet,  so  hat  solches  alles,  absonderlich  bei  einer  so  großen  application,
nichts  anders  als  eine  vollkommene  Fertigkeit,  sich  aus  den  schwersten  Sachen

Berner,  Gesch,  d.  Pr.  Staates.
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        274  Die  auswärtigen  Angelegenheiten.  —  Randverfügungen.

herauszuziehen,  zu  wege  bringen  können".  Diese  unerreichbare  Fähigkeit  des
einzelnen  Mannes  mußte  der  König  durch  ein  System  ersetzen.  Eingehende  Erörterungen
  pflog  er  mit  Ilgen  mündlich  auf  dessen  bei  Berlin  gelegenem  Gute
Britz  oder  durch  brieflichen  Verkehr.  Ilgen  hielt  nur  de  König  selbst  für  fähig,
die  auswärtigen  Angelegenheiten  zu  leiten.  „Ich  will  Eure  Königl.  Mt.  nicht
flattirn“  —  das  hätte  Friedrich  Wilhelm  nie  deltten  und  der  dem  Grabe  zusiechende
  alte  Ilgen  hatte  keinen  Grund  dazu  —  „aaber  dieses  mus  ich  Ihro  doch
sagen,  daß  mein  grössestes  Vertrauen  hiebey  auff  Dero  Theuerste  Persohn  gerichtet
ist,  Gott  hat  Eure  Königl.  Mt.  mit  einem  Dero  Alter  weit  übersteigenden  Verstand
und  großem  Gedächtnis  begabet.“  Unglaubliche  Mühe  und  Arbeit  habe  der  König
angewandt,  sich  in  den  auswärtigen  und  innerlichen  Affairen  zu  informieren,
allemal,  selbst  in  den  allerschwersten  Staatsaffairen  habe  er  die  beste  und  raisonnabelste
  Parkei  genommen,  und  ihm  sei  von  Gott  das  Talent  verliehen,  das  fort
und  das  faible  der  einzelnen  Beamten  schnell  zu  erkennen.

Doch  erst  einen  Monat  nach  Ilgens  Tod  wurde  die  neue  Instruktion  fertig,
wonach  zwei  Minister  —  Borcke  und  Cuyphausen  (an  dessen  Stelle  1730  Grumbklows
  Schwiegersohn  Heinrich  von  Podewils  trat)  mit  zwei  expedierenden  Sekretären,
  d.  h.  vortragenden  Räten,  Canngießer  und  Tulemeyer,  die  auswärtigen
Angelegenheiten  zu  bearbeiten  hatten.  Neben  ihnen  stand  jedoch  noch  Ludwig
Otto  Edler  von  Plotho  für  die  so  unendlich  verwickelten  Reichsangelegenheiten,
zwar  als  Minister,  aber  ohne  dem  Departement  selbst  anzugehören,  dessen  Wirkungskreis
  auch  demnächst  dem  Justizminister  überwiesen  wurde.  Besonderen  Wert
legte  der  König  auf  die  Ausbildung  jüngerer  Leute,  auf  die  Erziehung  frischer
Kräfte,  die  beim  Abgang  der  ausscheidenden  Räte  geeignet  wären,  deren  Stellung
zu  versehen.  Auch  Ilgen  führt  dies  als  notwendig  an,  doch  kam  es,  obwohl  der
König  schon  damals  die  Geldmittel  zu  bewilligen  bereit  war,  erst  1739  zu  einer
entsprechenden  Einrichtung,  indem  den  Gesandten  an  verschiedenen  Höfen  Legationssetret
  ziur  Einführung  und  Schulung  in  ihrem  Amt  zugewiesen  wurden.

Geschäftsvenl#r  zwischen  dem  König  und  den  Ministern  der  auswärtigen
  Angelegenheiten  sollte  wohl  ursprünglich  ein  mündlicher  sein,  wie  denn
der  Umstand,  daß  eine  Person  als  Mitglied  des  militärischen  Hofstaates  stets  in  der
Nähe  des  Königs  war,  auf  die  Ernennung  Borckes  bestimmend  eingewirkt  haben  soll.
Außerdem  hatte  Ilgen  dem  Könige  die  „Methode“  empfohlen,  „mit  wenigen  ad
marginem  gesetzten  Worten“  über  die  ihm  eingereichten  Gutachten  zu  entscheiden,
und  die  überaus  zahlreichen,  in  ihrer  oft  drastischen,  ja  sarkastischen  Kürze  berühmt
  gewordenen  eigenhändigen  Randverfügungen  des  Königs  beweisen,  wie
ihm  diese  Art  des  Geschäftsbeiriebes  gefiel.  Doch  lag  es  in  der  Natur  der  Sache,
daß  ein  weiterer  schristlicher  Verkehr  sich  nicht  völlig  vermeiden  ließ,  und  so  bediente
  sich  der  König  erst  des  Geheimen  Finanzrates  Boden,  später  Samuel  von
Marschalls  als  Kabinettssekretäre.  Beide  Männer  wurden  später  Minister,  ihr
Amt  aber  entwickelte  sich  weiter  zum  Kabinett  des  Königs.

Immer  haben  selbst  die  Tadler  des  Königs  seine  eigenste  Schöpfung,  das
preußische  Heer,  als  etwas  Außerordentliches  gepriesen.  Die  ungeheuere  Vermehrung
  des  Heeres,  das  etwa  80  000  Mann  beim  Tode  Friedrich  Wilhelms
zählte,  wie  seine  Schlagfertigkeit  waren  zu  deutliche  Zeichen  der  preußischen  Macht,
ihre  Schöpfung  zu  sichtbar  das  Werk  des  Königs,  als  daß  selbst  die  Neider  und
Gegner  über  sie  hätten  hinwegsehen  können.  Aber  auch  hier  sand  man  doch  noch
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        Randverfllgung  des  Hönigs  Friedrich  Wilhelm  I.  auf  einen  Bericht  des  Generaldirektoriums  vom  17.  Juli  1759.
In  Größe  des  Originals  im  Kgl.  Hausarchiv  zu  Berlin.  6

.—-—
IA.  WﬀSI

Tranditription:

Ausferligungsvorschrift:
Narren  Possen  Narren  Reser.  an  die  Kc.  Cammer,  daß
Possen  Narren  Possen  Sr.  K.  M.  bedenklich  das  Geld  dazu
Narren  Possen  geben  zu  lassen.  Den  6.  August  1(#750.
F.  w.  i  Herold.UGM.S
:  (=  Adolsf  Gebhard  Manitius.  Schöning.)

275
        <pb n="380" />
        276  Das  Heer.

reichlich  Stoff  zu  Spott  und  Tadel.  Die  „langen  Kerle“,  aus  denen  der  König
für  ungeheuere  Summen,  bis  über  1000  Thaler  für  den  einzelnen  Mann,
namentlich  seine  Potsdamer  Riesengarde  zusammensetzte,  verlachte  man  und
übersah,  daß  dies  keineswegs  eine  Leidenschaft  nur  Friedrich  Wilhelms  war,
sondern  daß  man  vielfach  in  jener  Zeit  die  großen
Menschen  in  besonderem  Sinn  geeignet  für  den
Soldatenstand  hielt,  und  z.  B.  das  gelbe  Regiment
Graf  Rutowsky  in  Dresden  ebenfalls  nur  aus
langen  Kerlen  Psammengesegt  war.  Man  schalt  über
die  harte,  brutale  Behandlung  der  Soldaten  und
ließ  es  doch  unbeachtet,  daß  überhaupt  das  Prügeln
und  Schlagen  der  Leute  auch  im  bürgerlichen  Verhältnis
  herrschende  Sitte  war,  und  daß  in  allen
Armeen  der  Zeit  der  Stock  und  das  Spießrutenlaufen
  eine  furchtbare  Rolle  spielten.  Noch  setzten
sich  ja  die  Heere  aus  dem  Auswurf  der  Menschheit
zusammen,  und  jeder  Thunichtgut,  der  sonst  sein
Fortkommen  nicht  finden,  jeder  Liederjahn,  der  in
er  Gesellschaft  nicht  geduldet  werden  konnte,  wurde
als  gemeiner  Soldat  untergesteckt,  —  was  Wunder,
daß  Strafen  häufig  nötig  wurden!  Friedrich  Wilhelm
  aber  liebte  „seine  blauen  Kinder",  und  wie
scharf  und  blutig  auch  die  Strafen  waren,  willkürlich
  oder  ungesetzlich  waren  sie  gewiß  nicht.  Schon
am  12.  Juli  1713  vielmehr  hatte  der  König  neue
Kriegsartikel  erlassen,  nach  denen  der  ordentliche
Richter,  der  Auditeur  —  und  jedes  Regiment  hatte
einen  solchen  —  zu  richten  hatte,  und  eher  no
(seit  1692)  als  von  den  Zivilrichtern  wurde  von
den  Militärauditeuren  die  Ablegung  einer  Prüfung
vor  ihrer  Anstellung  verlangt.  Freilich  Desertionen
waren  noch  an  der  Tagesordnung,  aber  das  lag
eben  jedem  Heere  sozusagen  im  Blute,  da  sie  aus
geworbenen  Mannschaften  bestanden,  die  mit  demselben
  Interesse  oder  mit  demselben  Widerwillen  in
-  diesem  oder  in  jenem  Heere  dienten,  je  nachdem  sie
n  7,  bessere  Löhnung  erhielten  oder  Strafe  zu  gewärtigen
edri  Wiiheim  atten.  In  Preußen  aber  wurden  die  Soldaten
s-  buiu“i'l  F—  “  besser  bezahlt,  besser  ernährt,  als  irgendwo,  sie
76  Zreh  zu  eigead  e  n  f"kolipengolten  hatten  sogar  größere  Freiheit  als  Männer  in  anderen
»  Berufen,  und  indem  der  König  zugleich  Schulen  einrichtete,
  in  denen  jeder  Soldat  schreiben  und  lesen,  rechnen  und  den  Katechismus
lernen  mußte,  hob  er  die  Bildung  der  Leute,  ihre  sittliche  Führung  außerordentlich.
  Und  für  ihre  hinterbliebenen  Waisen  sorgte  das  in  Potsdam  errichtete
große  Militärwaisenhaus,  für  welches  der  König  mit  der  denkbar  größten  Freigebigkeit
  immer  neue  Summen  aussetzte.  Wenige  Jahre  nach  Friedrich  Wilhelms
Tode  behauptete  ein  bedeutender  Schriftsteller,  daß  die  Soldaten  der  preußischen
        <pb n="381" />
        Das  Heer.  277

Armee  selbst  für  den  dreifachen  Lohn  nicht  in  ihre  frühere  Stellung  als  Knechte
zurückkehren  würden.  Die  Leute  fühlten  sich  als  Angehörige  des  preußischen
Heeres  und  gaben  elwas  darauf,  ihrem  Regimente  —  denn  ein  solches  bildete
mit  seiner  eigenen  Oekonomie,  eigenem  Prediger,  Auditeur,  Feldscheer,  Schulmeister,
  Zahl=  und  Proviantmeister  ein  in  sich  abgeschlossenes  Ganzes  —  anzugehören.


Selbst  das  Drillen,  die  Einübung  der  technischen  Kenntnisse,  der  militärischen
Fertigkeit  hat  man  zu  tadeln  gewußt,  und  ein  Prinz  Eugen  steht  an  der  Spitze
dieser  Tadler.  Denn  wie  die  Uniformierung  der  Armee,  schon  vom  Großen  Kurfürsten
  begonnen,  voll  durchgeführt  aber  erst  vom  König  wurde,  so  wurde  jetzt
auch  erst  das  einheitliche  Exerzitium  durch  die  ganze  Armee  mit  dem  Feuereifer
der  alles  überwindenden  Energie  der  großen  beiden  „Exerzitienmeister",  des  Königs
und  des  Fürsten  Leopold,  von  jenem  auf  dem  Paradeplatz  in  Potsdam,  von
diesem  auf  der  Wiese  zu  Halle,  durchgeführt.  Aber  eben  dies  einheitliche  Exerzitium
  hat  die  Ruhe  der  Truppen  im  Feuer,  die  Sicherheit,  mit  welcher  der
Feldherr  über  sie  in  Schlachten  verfügen  konnte,  hat  „jene  spartanische  Kraft  geschaffen,
  die  ihrer  Zeit  Schlesien  erobern  und  behaupten  sollte".

Auch  über  die  Bevorzugung  der  Militärs  vor  den  Zivilbeamten  hat  man
geklagt,  und  diese  haben  sie  ohne  Zweifel  oft  schwer  empfunden.  Denn  nicht  nur
wurden  jene  in  weitaus  höherem  Maße  des  persönlichen  Umganges  mit  dem
König  gewürdigt,  sondern  wie  an  der  Spitze  der  Verwaltung  oft  Generale  standen,
so  brauchte  der  König  fast  für  alle  Zweige  der  Verwaltung,  bald  zur  Ausführung
sachlicher  Aufträge,  bald  zur  Spionage  über  die  Beamten,  seine  Offiziere,  und  für
die  Ausübung  der  Subalternstellen  hielt  er  seine  Unteroffiziere  überhaupt  für
vorzüglich  geeignet.  Und  richtig  war  jedenfalls,  daß  die  Militärs  gerade  in  der
Richtung,  in  welche  der  König  die  Verwaltung  gebracht  sehen  wollte,  von  vorzüglicher
  Brauchbarkeit  waren,  während  es  an  genügend  vorgebildeten  Zivilisten
oft  noch  mangelte.  Andererseits  aber  that  der  König  alles,  um  die  Amtsbefugu
  e  zwischen  Zivil-  und  Mitlitärverwaltung  abzugrenzen,  und  gerade  auf  diesem

Gebiet  hat,  wie  auf  dem  der  Werbungen,  früher  der  „Anekdotenjäger  mehr
gesündigt,  als  der  vrgleichende.  Rechtshistoriker  erforscht".
ichts  aber  war  zutreffender,  nichts  sittlich  berechtigter,  als  wenn  der
König  dem  wohlfeilen  Spotte,  den  die  entsittlichten  und  verfaulten  Höfe  über  seine
„Soldatenspielerei“  erhoben,  den  Hinweis  entgegensetzte,  wie  jene  für  die  frivolsten
und  schmutzigsten  Dinge  die  lächerlichsten  Summen  hingäben,  seine  Ausgaben,
seine  Thätigkeit  für  das  Heer  aber  allein  zum  Heil  und  Segen  für  den  Staat
seien.  Ihm  war  es  bitterer  Ernst,  und  in  seiner  Lage  mußte  es  ihm  bitterster
Ernst  sein,  eine  feste  und  hinreichend  große  Truppenzahl  zu  haben,  um  sein  Land,
seinen  Staat  zu  verteidigen,  und  indem  er  sein  Heer  an  Zucht,  Gehorsam  und
Pflichttrene  gewöhnte,  indem  er  aus  den  losen  Werbetruppen  Friedrichs  I.  all
mählich  ein  vaterländisches,  d.  h.  großenteils  aus  Inländern  bestehendes  und  von
einheimischen  Offizieren  geführtes  Heer  schuf,  gab  er  seinem  Staat  die  innerliche
Kraft,  auch  den  heftigsten  Stürmen  zu  widerstehen.  Vor  allen  Dingen  schaffte
er  jede  Art  Miliz  ab,  denn  nur  ein  stehendes  Heer  konnte  dem  Zwecke  genügen.
Wie  überall  in  jener  Zeit,  mußte  auch  er  werben  lassen,  und  bis  zu  1000  Werbeoffiziere
  soll  er  teilweise  gehabt  haben.  Aber  schon  1714  verbot  er  die  gewaltsame
  Werbung,  und  zwar  aus  volkswirtschaftlichen  Rücksichten,  da  sie  auf  die
        <pb n="382" />
        278  Das  Heer.

Industrie,  die  Bewirtschaftung  und  Besiedelung  empfindlich  einwirkte.  Im  wesentlichen
  beschränkte  er  sich  bei  den  Werbungen  auf  das  Ausland,  die  unendlich
viele  Widerwärtigkeiten  mit  andern  Staaten  —  mit  und  ohne  Grund  —  einbrachten,
  und  gerade  die  Ausländer  neigten  naturgemäß  zur  Desertion.  Daher
ließ  der  König  es  zunächst  zu,  daß  adelige  Hauptleute  ihre  Gutseinsassen  in  ihre
Kompagnien  einreihten  und  sie  nach  vollendeter  Ausbildung  auf  die  Dauer  wieder
beurlaubten,  nur  im  Herbst  jährlich  auf  zwei  Monate  einberiefen.  Dies  war
immerhin  ein  Anfang  für  die  Bewaffnung  des  Volkes  selbst,  aber  wie  es  zu

   

Werbescene  am  Anfang  des  achtzehnten  Jahrhunderts.

Kupserstich  eines  unbekannten  Künstlers  in  Hans  Friedr.  von  Fleming  „Der  vollkommene  Teutsche  Soldat“,
Leipzig  1726.  Auf  etwa  ½  verkleinert.

manchen  Streitigkeiten  zwischen  den  einzelnen  Offizieren  führen  mußte,  so  war  es
vor  allem  ein  Notbehelf  ohne  gesetzliche  Grundlage.  Gerade  aber  der  Gedanke,
aus  dem  Heere  einen  Teil  des  Volkes  zu  machen,  denjenigen,  dem  die  Verteidigung
des  Vaterlandes  obliege,  lebte  in  Friedrich  Wilhelm.  Schon  in  einem  Edikt  von
1714  spricht  er  von  „dem  Souverän  und  Landesherrn“,  dem  die  jungen  Leute  1111
„nach  ihrer  natürlichen  Geburt  und  des  höchsten  Gottes  eigener  Ordnung  und
Befehl  mit  Gut  und  Blut  zu  dienen  schuldig  und  verpflichtet  seien“,  und  1733  uss
in  dem  Edikt  über  die  Kantonpflicht  ist  der  Satz,  daß  alle  Einwohner  des  Landes
        <pb n="383" />
        Das  Heer.  279

für  die  Waffen  geboren  seien,  mit  voller  Klarheit  ausgesprochen,  nur  ein  kleiner
Bruchteil  der  Gebildeten  davon  ausgeschlossen.  Das  Land  wurde  in  Kantone
geteilt,  und  etwa  je  5000  Feuerstellen  einem  Infanterie-Regiment,  je  1800  einem
Kavallerie-Regiment  zur  Rekrutierung  überwiesen.  an  „enrollierte“  in  den
Städten,  auf  den  gutsherrlichen  und  Amtsdörfern  die  jungen  Leute  des  Kantons,
hob  die  erforderliche  Anzahl  jährlich  aus  und  beurlaubte  die  Ausgebildeten  wieder
zu  ihrem  bürgerlichen  Erwerb.  Hierdurch  und  durch  die  Quartiergeber,  bei  denen
die  Soldaten  wohnten,  kam  das  Heer  und  Volk  in  die  nächste  Berührung  und
Interessengemeinschaft.  Die  rote  Binde  aber  und  der  Püschel  an  der  Mütze,  den
die  zum  Heeresdienst  Eingetragenen  trugen,  wurden  recht  ein  Zeichen,  wie  Armee
und  Volk  mit  einander  verwuchs,  der  echte  Stolz  des  Bauernsohnes.  Ja  es
kam  vor,  daß  ein  Schulmeister  einen  Obersten  bat,  ihn  in  die  Stammrollen  einzutragen
  und  als  Korporal  zu  beurlauben,  da  er  anders  mit  den  schon  eingetragenen
  Bauernlümmeln  nicht  fertig  werden  könne.

Dieses  allmähliche  Hineinwachsen  des  Volkes  in  das  Heer  ist  gegenüber  der
oft  gescholtenen  Strenge  in  demselben  überhaupt  von  dem  allergrößten  wirtschaftlichen
  Segen  gewesen.  Eine  völlig  neue  Lebensanschauung  brachte  der  gediente
Bauernsohn  nach  der  Erfüllung  der  Dienstpflicht  mit  in  die  Heimat,  er  hatte  etliche
Grundbegriffe  der  Bildung  in  sich  aufgenommen,  war  an  Sauberkeit,  Pünktlichkeit
gewöhnt  worden,  er  hatte  andere,  vielfach  bessere  Sitten  kennen  gelernt  und,  was
besonders  bedeutungsvoll  wurde,  er  war  dem  Gerichtsstand  der  Gutsherren  entzogen,
  denn  er  unterstand  dem  Gericht  des  landesherrlichen  Anditeurs,  und  nicht  der
Gutsherr,  sondern  das  königliche  Regiment  d.  h.  eine  staatliche  Behörde  erteilte
ihm  die  Erlaubnis  zum  Heiraten.  Damit  wurde  die  Hörigkeit  thatsächlich  zerrissen,
und  aus  dem  Bauer  konnte  so  allmählich  ein  freier  Mann  werden.

Noch  bedeutender  aber  war  der  Einfluß  der  Armee  auf  den  Adel.  Er  erhielt
  durch  die  Armee  eine  völlig  neue  Grundlage  und  wurde  von  dem  zu  einem
großen  Teil  dürftigen  und  elenden  Leben,  das  er  bisher  geführt,  befreit.  Ebenso
wurde  der  bisherige  Gegensatz  zwischen  dem  rittermäßigen  Teil  der  Stände  und
dem  Landesherrn  thatsächlich  aufgehoben.  Als  der  König  es  unternahm,  die
Stellung  des  Ritterpferdes,  zu  dem  der  Adel  in  den  Reichsländern  des  Königs
verpflichtet  war,  in  eine  jährliche  Abgabe  von  40  Thalern  zu  verwandeln,  erhob
sich  freilich,  wie  erwähnt,  ein  Sturm  der  Entrüstung  namentlich  in  dem  altmärkischen
  und  magdeburgischen  Adel;  selbst  vor  Konspirationen  und  Klagen  beim
Reichshofrat  in  Wien  schreckte  man  nicht  zurück,  und  im  benachbarten  Hannover
und  Mecklenburg  fand  man  die  Unterstützung  der  Gesinnungsgenossen,  in  Wien
die  ausgiebigste  Förderung.  Aber  der  König  drang  durch.  Freilich,  das  Einziehen
  der  jungen  Söhne  des  Adels  zum  Kadettencorps,  das  der  König  statt
der  zwei  kleinen  in  Colberg  und  Magdeburg  in  Berlin  errichtete,  kostete  anfangs
in  nicht  seltenen  Fällen  beinahe  Anwendung  von  Gewalt;  aber  schon  1722
zählte  man  300  Kadetten,  und  bald  ward  es  in  immer  höherem  Maße  Sitte
für  den  Adel,  im  Lerre.  des  Königs  zu  dienen.  Wenn  der  Offizier  des  dreißigjährigen
  Krieges,  von  der  Pike  auf  dienend  und  ohne  Rücksicht  auf  seine  Vergangenheit
  befördert,  immer  etwas  vom  „Räuberhauptmann“  an  sich  hatte,  und
auch  zur  Zeit  König  Friedrichs  I.  sich  wieder  unsaubere  Elemente  in  den  Offiziersstand
  beingenistet  hatten,  so  wurden  diese  ieht  völlig  ausgemerzt  und  nur  Leute
von  Ehre  und  untadeligen  Sitten,  adelige  wie  auch  bürgerliche,  aufgenommen.
        <pb n="384" />
        280  Das  Heer.  —  Die  Finanzen.

Und  indem  der  König  für  die  Offiziere  ein  besonderes  Dienstreglement  (1726)
erließ,  das  vom  Offizier  zwar  unbedingten  Gehorsam  verlangte,  aber  ausdrücklich
die  Ausnahme  hinzufügte:  „es  sei  denn,  daß  er  an  seiner  Ehre  angegriffen  wird“,
impfte  er  dem  Offizierkorps  jenen  besonderen  Geist  ein,  der  durch  die  völlige
Hingabe  an  den  Dienst  und  den  leidenschaftlichen  i27  der  Tlerlandsliehe
die  beste  Heimstätte  gab.  Und  die  Zucht  und  Ordnung,  die  gute  Wirtschaft  und
das  ehrbare  Leben,  das  der  König  von  seinen  Offizieren  verlangte,  die  neue
soziale  und  politische  Lebensauffassung  wonach  nicht  mehr  ständische  Vorrechte,
sondern  der  Dienst  des  Landesherrn,  der  Dienst  des  Staates  als  das  höchste
Ideal,  das  wahre  Interesse  erschien,  brachte  der  ausgediente  Offizier  auf  sein
Gut,  in  die  Kreise  seiner  Standesgenossen  zurück  und  rief  auch  hier  eine  neue
Auffassung  vom  Staate  hervor.

Dadurch  aber,  daß  der  König  allen  und  jeden  Bedarf  des  Heeres  allmählich
nur  im  Lande  zu  kaufen  befahl,  worauf  noch  zurückzukommen  ist,  sowie  dadurch,
daß  die  Soldaten  bei  den  Einwohnern  lebten,  und  endlich  dadurch,  daß  am
14.  Mai  1713  auch  die  Kavallerie  in  die  Städte  verlegt,  und  so  der  Bauer  von
der  schweren  Naturallieferung  entlastet  wurde,  wirkte  die  Armee  ebenfalls  ganz
außerordentlich  auf  die  Hebung  der  Volkswirtschaft  ein,  und  das  Geld  blieb,  was
der  König  „den  Stein  der  Weisen"  nannte,  im  Lan

Denn  „Mehrung  der  Revennen  und  K  ##servation“  der  Unterthanen“,  das  war
und  blieb  die  Parole  des  Königs  vom  Anfang  bis  zum  Ende.  Unendlich  viel  lag
ihm  an  der  Steigerung  der  Einnahmen,  der  Füllung  der  Kassen,  aber  wehe  dem
Beamten,  der  auf  Kosten  der  Unterthanen,  wie  man  es  nannte,  „Plus  zu  machen“
suchte!  Den  Unterthanen  leistungsfähig  machen  und  erhalten,  die  eingekommenen
Steuern  sachgemäß  dem  Lande  zum  Heile  verwenden,  das  war  es,  worauf  alles
ankam,  das  war  es,  was  der  König  seinen  Beamten  als  ihre  teure  Pflicht  gegen
Gott  und  ihn  selbst  immer  aufs  neue  einschärfte.  —

Die  Einnahmen  des  Staates  beruhten  im  wesentlichen  auf  den  Domänen  und
den  Kriegsgefällen.  Wie  fast  durchgehend  griff  der  König  auch  hier  während  der
ersten  zehn  Jahre  seiner  Regierung  nur  helfend  und  bessernd  ein,  ohne  auf  radikaler
  Aenderung  zu  bestehen.  Doch  vereinigte  er  schon  durch  das  Edikt  vom
27.  März  1713  die  für  die  sogenannte  Kammerverwaltung,  d.  h.  alle  Domänengefälle
  bestehenden  verschiedenen  Behörden,  die  Geheime  Hofkammer,  das  Oberjägermeisteramt,
  Generalpostamt,  die  Hofstaats=  und  Schatullkasse  im  Generalfinanzdireitoriun,
  von  dem  nunmehr  alle  Regalien,  namentlich  das  Postwesen,  die
Forsten,  Münze,  Zölle  u.  dergl.  abhängen.  An  die  Spitze  der  Behörde  wurde
der  bisherige  Präsident  der  Hofkammer,  von  Kameke  gestellt,  dem  zwar  als  dem
verantworllichen  Leiter  unbedingt  Gehorsam  zu  leisten  war,  dem  aber  für  das
Kassen=  und  Rechnungswesen  doch  der  bisherige  Anditeur  im  Regiment  des  Kronprinzen,
  Creutz  an  die  Seite  trat.  Ebenso  wurde  Ordnung  in  die  Amtskammern
der  einzelnen  Provinzen  gebracht,  ihnen  die  erforderliche  Anzahl  von  Räten  zuerteilt,
  diesen  der  Sitz  der  Behörde  als  ständiger  Wohnsitz  zugewiesen  und  in
den  Domänenkommissariaten  in  Preußen  und  den  mittleren  Provinzen  ein  neues
Amt  von  einschneidender  Bedeutung  geschaffen,  da  die  Kommissare  alle  Güter  in
ihrem  Bereich  zu  bereisen  und  bis  ins  einzelnste  hinein  über  die  Wirtschaft  zu
berichten  hatten.  Wir  bemerkten  schon,  welchen  Schaden  die  Vererbpachtung  der
Domänen  dem  Staate  gebracht  hatte,  und  gleich  beim  Regierungsantritt  ging  der
        <pb n="385" />
        Die  Finanzen.  281

König  auf  dem  1710  eingeschlagenen  Wege  mit  rüstigsten  Schritten  weiter.  Da
jene  nämlich  unzweifelhaft  eine  Art  von  Veräußerung  der  Domänen  darstellte,  die
durch  die  Hausgesetze  wie  die  den  Ständen  gegebenen  Reverse  verboten  war,  so
hob  Friedrich  Wilhelm  in  dem  berühmten  „Edikt  von  der  Inalienabilität  der  alten
und  neuen  Domänengüter"  alle  Vererbpachtungen  gegen  Rückgabe  der  gezahlten
Summen  und  so  billige  Bediungungen  völlig  auf,  daß  die  meisten  Erbpächter
sich  mit  der  Aenderung  einverstanden  erklärten.  Er  kehrte  zur  Zeitpacht  zurück,
die  sich  etwa  1727  in  die  Generalzeitpacht  umsetzte,  d.  h.  es  wurden  nicht  mehr

 

Kriegsschule  am  Anfang  des  achtzehnten  Jahrhunderts.
Kupferslich  eines  unbekannten  Künglers  in  Hons  Friedr.  von  Fleming  „Der  volllommene  Teutsche  Soldal-,
Leipzig  1720.  Auf  etwa  ½  verkleinert.

einzelne  Teile,  sondern  nur  ganz  abgerundete  Domänen  auf  sechs  Jahre  verpachtet,
und  namentlich  arbeitete  von  Görne  Regulative  aus,  die  eine  dem  wahren  Ertrag
entsprechende  Pachtsumme  erzielen  sollten.  In  demselben  Edikt  bestätigte  der  König
die  Unveräußerlichkeit  sowohl  der  vorhandenen,  wie  der  von  ihm  zu  erwerbenden
Domänen,  dehnte  aber  zugleich  in  lebendiger  Erfassung  des  staatlichen  Gedankens,
in  überaus  pflichtgetreuer  Anschauung  seines  königlichen  Berufes  die  Eigenschaft
der  Unveräußerlichkeit  auch  auf  das  private  Stammgut  der  königlichen  Familie  aus,
„hob  den  Unterschied  zwischen  Schatull-,  ordinären  Kammergütern  in  totum  auf
        <pb n="386" />
        282  Kammern  und  Kommissariate.

und  legte  auch  diesen  die  Natur  und  Eigenschaft  rechter  Domanial=  und  Tafelgüter
  samt  der  denselben  in  den  Rechten  anklebenden  Inalienabilität  bei“,  d.  h.
er  schenkte  dem  Staate  das  Privatgut  der  königlichen  Familie.  „Hier  und  hier
zuerst  erhob  sich  ein  Fürstenhaus  zu  der  ganzen  Höhe  seiner  öffentlichen  Pflicht“.

azu  kam  nun,  daß  der  König  auch  das  Forst=  und  Jagdwesen  den  Amtskammern
unterstellte,  daß  er  überall  wirtschaftliche  Verbesserungen  im  weitesten  Umfange
einführte  und  manches  andere,  so  daß  die  gesamten  Domanial-Einnahmen  in  der
Zeit  von  1713—1740  von  1,890,613  Thaler  auf  3,300,940  Thaler,  d.  h.  die
Hälfte  aller  Staatseinnahmen  stiegen.

Die  andere  Hälfte  waren  die  Kriegsgefälle,  d.  h.  die  Kontribution  vom
flachen  Lande  und  die  Akzise  in  den  Städten.  Diese  führte  Friedrich  Wilhelm  auch
in  Cleve  —  allerdings  unter  sehr  erheblichen  Schwierigkeiten  —  ein,  so  daß  sie  mit
Ausnahme  von  Geldern  im  ganzen  Staat  erhoben  wurde.  Und  ihre  wohlthätige
Wirkung,  die  gleichmäßige  Besteuerung  aller  Unterthanen  ohne  Ausnahme,  zeigte
sich  auch  hier.  Die  Erhebung  dieser  Kriegsgefälle  war  die  Aufgabe  der  Kommissariate
  in  den  einzelnen  Provinzen,  die  dem  Generalkommissariat,  an  dessen
Spitze  Grumbkow  gestellt  wurde,  unterstanden  und  neben  dem  Steuerwesen  zugleich
  die  Aufsicht  über  die  Städte,  die  neuen  Besiedelungen  und  das  gesamte
Militärverwaltungswesen  zu  üben  hatten.  Die  Kommissariate  und  unter  oder
neben  ihnen  der  commissarius  loci  oder  Steuerrat  wurden  für  die  gesamte  Staatsverwaltung,
  vornehmlich  die  Steuer=  und  Finanzreform  und  dadurch  wieder  für
die  endgültige  Beseitigung  jeder  ständischen  Mitregierung  das  wichtigste  Amt.
Alles  in  allem  brachten  die  Kriegsgefälle  zuletzt  ekwas  mehr  als  die  Domänen  ein,
und  von  der  Gesamteinnahme  des  Staates,  die  sich  1740  auf  6,917,192  Thaler
belief,  wurden  etwa  fünf  Millionen  für  das  Militär,  fast  eine  Million  für  die
Ansammlung  des  Staatsschatzes  und  ekwa  ebensoviel  für  Zivil=  und  Hofzwecke
verausgabt.

un  Für  die  Kontrolle  der  Rechnungen  beider  höchster  Behörden  war  schon  1714
die  Generalrechenkammer  errichtet,  die  unter  dem  Vorsitz  von  Creutz  direkt  unter
der  unmittelbaren  Leitung  des  Königs  jenen  herrlichen  Zustand  der  preußischen
Finanzen  begründet  hat,  der  es  bei  peinlichster  Innehaltung  der  pünktlichsten
Zahlung  jeglicher  Posten  ermöglichte,  jene  broßen  Ausgaben  für  das  Militär  zu
machen  und  einen  Schat  anzusammeln,  der  1740  —  ohne  die  baren  Bestände
in  den  Kassen  von  einer  Million  und  ohne  die,  einen  Wert  von  anderthalb
Millionen  darstellenden  Silbergeräte  in  den  königlichen  Schlössern  —  8,700,000
Thaler  betrug.

Bei  dem  weiten  Umfange  der  Geschäfte  des  Kommissariats  aber  kam  es,
zumal  als  die  Akzise  auf  das  platte  Land  ausgedehnt  wurde,  zu  fortwährenden
Kompetenzstreitigkeiten  zwischen  den  Kammern  und  den  Kommissariaten,  die  immer
ärger  und  ärger  wurden  und  selbst  in  den  Spitzen,  dem  Generalfinanzdirektorium
und  dem  Generalkommissariat  trotz  der  von  Grumbkow  aufgestellten  principia
regulativa  nicht  zu  beseitigen  waren.  Je  mehr  der  König  die  Erhöhung  der
Erträge  und  doch  zugleich  die  geringere,  relativ  gleichmäßige  Belastung  der  Unterthanen
  erstrebte,  um  so  mehr  mußte  sich  ihm  die  Ueberzeugung  von  den  Nachteilen
  einer  doppelten  Finanzuerwaltung  aufdrängen.  Und  zwischen  beiden  bestand
in  der  That  ein  sachlicher  Gegensatz,  indem  die  Kammern  mehr  die  alten  „privatrechtlichen
  und  privatwirtschaftlichen  Gesichtspunkte“,  die  Kommissariate,  denen  die
        <pb n="387" />
        Generaldirektorium.  283

ganze  Vorliebe  des  Königs  daher  gehörte,  „die  staatsrechtlichen  und  staatswirtschaftlichen
  Gesichtspunkte“  zur  Geltung  brachten  und  beide  so  den  Gegensatz
zwischen  der  alten  und  neuen  Zeit  vorstellten.  Natürlich  aber  bewirkte  jeder  Zwist
zwischen  beiden  Verwaltungen  nur  Nachteile  der  Unterthanen,  wie  der  staatlichen
assen.  Radikalen  Aenderungen  überhaupt  abgeneigt,  überlegte  der  König  die
Frage  ein  ganzes  Jahr  hin  und  her,  korrespondierte  auch  von  seinem  abgelegenen
Jagdschloß  Schönebeck  aus,  wohin  er  sich  zurückgezogen,  mit  dem  Fürsten  von
Anhalt  über  die  Frage,  wie  den  Schwierigkeiten  abzuhelfen  sei.  Möglich  ist,  daß
der  Fürst  dem  Könige  die  erste  Idee  von  einer  Vereinigung  beider  Aemter  gegeben
  hat,  wenigstens  schreibt  dieser  selbst,  daß  „#er  des  Fürsten  Raisonnement
wegen  der  combination  der  Kommissariate  und  Kammern  reiflich  überlegt  bbe
und  alle  Tage  mehr  empfinde,  daß  es  seinem  Interesse  convenabler  sei“.
fand  er,  daß  die  Kombination  „vors  erste  Confusion  mache  und  resolvirte  deshalb
Fuß  vor  Fuß  zu  gehen  und  erstlich  das  Generalkommissariat  und  Finanzdirektorium
zu  combiniren“.  Jedenfalls  rührt  der  Entwurf  zu  der  „neuen  Verfassung  seines
Staates"  ganz  vom  Könige  selbst  her,  im  Dezember  hat  er  ihn  —  „da  ich  denn
wirklich  an  dieser  Fassung  und  resolution  selber  schreibe,  es  so  zu  fassen,  wie  ich
hedenke,  daß  es  gut  sein  wird“  —  in  Schönebeck  selbst  ausgearbeitet  und  niedergeschrieben,
  und  im  Jannar  1723  ist  er  nach  seinem  Diktat  durch  Thulemeyer  in
die  endgültige  Form  gebracht.  Am  19.  Januar  1723  wurde  die  neue  Behörde
eingesetzt  und  jeder  einzelne  Beamte  dem  Könige  neu  vereidigt.  Ganz  abgesehen
von  den  Eigenschaften,  die  der  König  hier  von  seinen  Beamten  verlangt,  wie
Ehrlichkeit,  offenen  Kopf  und  vor  allem  Verantwortlichkeit  für  jede  That,  jedes
Schriftstück,  wird  die  gesamte  innere  Verwaltung  nun  nur  ciner  direkt  unter  dem
Könige  stehenden  Behörde,  dem  Generaloberkriegs-,  Finanz=  und  Domänendirektorium
oder  kurz  dem  Generaldirektorium  unterstellt  und  dieses  in  fünf  Departements
unter  je  einem  Minister  zerlegt.  Jedes  Schriftstück,  das  dem  Könige  unterbreitet
wurde,  mußte  die  Unterschrift  aller  fünf  Minister  tragen,  und  jeder  von  ihnen
war  dafür  verantwortlich,  „einer  für  alle  und  alle  für  einen".  Ein  regelmäßiger
  schneller  Geschäftsgang  wird  ihnen  zur  besonderen  Pflicht  gemacht,  bei
schwerer  Geldstrafe  müssen  sie  pünktlich  des  Morgens  um  7  bez.  8  Uhr  den  Dienst
beginnen  und  dürfen  „nicht  auseinandergehen,  bis  alle  und  jede  Sache
abgethan  worden,  damit  nicht  ein  Zettel  davon  übrig  bleibe“.  Waren  um  12  Uhr
mittags  die  Geschäfte  noch  nicht  erledigt,  so  hatte  die  Hofküche  ihnen  ein  gutes
Mittagsessen  zu  liefern.  So  kam  es,  daß  in  einer  Sitzung  22  bis  36  verschiedene
Sachen  abgehandelt  wurden,  und  das  Generaldirektorium  fast  unglaubliche  Leistungen
  aufweisen  konnte.  Das  Bezeichnende  aber  war  in  dem  Eide  ausgedrückt,
den  jedes  Mitglied  dem  König  neu  zu  leisten  hatte.  Jeder  Einzelne  mußte
schwören  „S.  M.  Nutzen  und  Bestes,  insonderheit  die  wahre  Verbesserung  und
Vermehrung  der  sämtlichen  Revenuen  und  Einkünfte,  ingleichen  die  Konservation
der  Unterthanen  in  Stadt  und  Land  nach  allen  Kräften  zu  fördern,  alles  was
dem  zuwider  und  S.  M.,  sowie  den  sämtlichen  Ländern  und  Unterthauen  nachteilig
  sein  möchte,  abzuwenden  und  zu  verhüten“.  Das  Präsidium  führte  der
König  selbst,  „um  demselben  desto  mehr  Lüstre,  Autorität  und  Nachdruck  beizulegen“.

Wie  die  Zentralbehörde,  wurden  auch  die  Provinzialkommissariate  und  Kammern
zu  einer  Provinzialkammer  vereinigt,  die  in  je  zwei  Abteilungen,  die  Domänen=1723
        <pb n="388" />
        284  Generalrechenkammer.  —  Landratsamt.  —  Instruktionen.

und  Kriegsabteilung,  zersiel.  Alle  Räte  aber  mußten  sich,  zumal  in  der  Zentralverwaltung,
  mit  den  sämtlichen  Zweigen  der  Verwaltung  vertraut  machen  und
konnten  dies  bei  den  speziellen  Vorschriften,  die  der  König  gab,  auch  bewerkstelligen.
Ebenso  sorgte  der  König  durch  Aufnahme  von  Auskultatoren  auch  für  die  Vorbildung
  und  Heranbildung  jüngerer  geeigneter  Kräfte  auf  den  Universitäten,  wie
im  praktischen  Dienst  und  gab  Vorschriften  für  den  Subalterndienst  von  solcher
Sachkunde,  daß  sie  großenteils  noch  heut  in  Geltung  sind.

Gleichzeitig  erfolgte  eine  entsprechende  Aenderung  der  Generalrechenkammer,
die  in  zwei  Abteilungen  zerlegt  und  dem  Generaldirektorium  angegliedert  wurde.
Jeder  Minister  hatte  der  Prüfung  der  Rechnungen  aus  seinem  Departement  zu
präsidieren  und  im  Generaldirektorium  darüber  vorzutragen,  dieses  aber  die  sämtlichen
  Rechnungen  abzunehmen.

Von  der  hervorragendsten  Bedeutung  aber  war,  daß  sich  seit  1717  das
Landratsamt  immer  stärker  entwickelte,  daß  es,  auf  einer  alten  ständischen  Einrichtung
  beruhend  und  versehen  durch  einen  adeligen  Gutsbesitzer,  doch  immer  mehr
und  mehr  die  dem  Provinzialkommissariat  untergeordnete  und  mit  landesherrlichen
  Aufträgen  aller  Art  beauftragte  Lokalinstanz  wurde.  Sichtbar  für  fast  alle
Landleute  vertrat  der  Landrat  die  Regierung  und  behielt  doch  das  volle  Vertrauen
der  Rittergutsbesitzer.  Er  vornehmlich  wurde  das  versöhnende  Bindeglied  zwischen
den  Ansprüchen  der  adeligen  Stände  und  der  monarchischen  Staatsgewalt.

Eine  außerordentliche  Thätigkeit  entwickelte  der  König  namentlich  in  den
vielfachen  Instruktionen,  die  er  meist  persönlich  für  alle  Beamten  von  dem  vornehmsten
  Minister  bis  zum  geringsten  Kanzleidiener  und  Handlanger  entwarf.
„Lehrbuchartig“  hat  man  diese  umfassenden  Instruktionen  zutreffend  genannt  und
sie  in  ihrer  gleichmäßigen  Ausbildung  des  formalen  Geschäftsganges,  wie  der
materiellen  Gesehgebung  als  „wahre  Muster  der  Zeit“  gepriesen.  Und  nicht  genug
glaubte  der  König  thun  zu  können  in  der  Kontrolle  über  ihre  Ausführung.  Diensteide,
  regelmäßige  und  außerordentliche  Berichte,  Inspizierungen  und  Visitationen
jeder  Art,  doppelte  Kassenbeamte,  Kautionen  und  Revisionen  dienten  derselben,
Beamte  wie  Offiziere  mußten  über  jeden  Mißstand  Meldung  thun,  und  die
Minister  sollten  alle  Uebelstände  kennen,  bevor  sie  ruchbar  wurden.  „Mit  nichts
sollte  hinter  dem  Berge  gehalten,  noch  mit  Unwahrheiten  dem  Könige  unter  die
Augen  gegangen  werden.“  Und  er  selbst  sorgte  dafür,  daß  dies  nicht  möglich  war.
Alles  untersuchte  er  persönlich,  alles  sah  er,  in  alles  griff  er  ein,  alles  prüfte,
ordnete,  besserte  er  selbst,  über  die  kleinsten  Dinge  entschied  er  direkt.  Eben
darum  bereiste  er  jährlich  das  Land,  um  die  Uebelstände  in  der  Verwaltung  wie
in  der  Gesellschaft  durch  eigene  Anschauung  kennen  zu  lernen,  für  ihre  Beseitigung
die  geeigneten  Mittel  zu  erforschen.

enn  alle  Behördenorganisationen  zielten  auf  nichts  anderes  als  auf  die
„Konservation  der  Unterthanen“",  die  Verbesserung  des  Landes.  Noch  immer  litt
man  aufs  heftigste  unter  den  Nachwirkungen  des  großen  Krieges,  noch  immer
waren  Land  und  Leute  entfernt  nicht  wieder  auf  der  Siufe  des  materiellen  Wohlstandes
  angelangt,  der  vor  dem  großen  Kriege  und  bis  1624  geherrscht  hatte.
Noch  immer  war  die  Zahl  der  wüsten  Stellen  in  den  Städten  sehr  groß,  am
größten  vielleicht  in  der  Altmark,  wo  ihrer  1721  z.  B.  in  Stendal  365,  in  Salzwedel
  191  gefunden  wurden.  Aber  auch  in  den  kurmärkischen  Städten  betrug
ihre  Zahl  3257,  und  auf  dem  platten  Lande  lagen  noch  immer  die  weitesten
        <pb n="389" />
        Kolonisalion.  285

Strecken  einst  wohlbebanten  Landes,  zahllose  Husen  und  Dorfmarken  wüst  und
unbebaut.  Von  Anfang  an  hatte  der  König  daher  sein  Augenmerk  auf  die  „Peuplierung“,
  d.  h.  auf  die  Vermehrung  der  Bevölkerung,  die  neue  Besiedelung  des
Landes  gerichtet  und  war  den  Versuchen  von  Gutsherren  und  Pächtern,  solcher
wüsten  Hufen  sich  zu  bemächtigen,  entgegengetreten,  weil  dadurch  die  Last  der
Gutsunterthauen  zugleich  auf  die  neu  angeeigneten  Landstrecken  ausgedehnt  und
die  Peuplierung  gehemmt  wurde.

„Menschen  halte  vor  den  größten  Reichtum“  und  „wenn  das  Land  gut
peupliert  ist,  das  ist  der  größte  Reichtum“,  schreibt  Friedrich  Wilhelm,  und
wenn  man  den  niedrigen  Stand  der  Kultur  beachtet,  auf  dem  dünn  bevölkerte
Länder  regelmäßig  stehen,  so  wird  man  die  Bedeutung  dieses  Satzes  zu  würdigen
wissen  und  in  dem  Eiser,  mit  welchem  der  König  sogar  seine  langen  Kerle  an
hochgewachsene  Mädchen  zu  verheiraten  suchte,  doch  auch  wieder  den  volkswirtschaftlichen
  Grundgedanken  des  Königs  finden.  Es  war  ja  geradezu  entsetzlich,
daß  in  Preußen  z.  B.,  wo  heute  2700  Menschen  auf  einer  Geviertmeile  wohnen,
damals  höchstens  600  ihr  Dasein  fristeten  und  natürlich  entfernt  nicht  im
stande  waren,  der  Natur  die  Erträge  abzugewinnen,  die  sic  zu  bieten  vermochte.
  Vielmehr  mußten  gerade  die  weiten  unbebauten  Ebenen  jede  Kultur  schon
im  Keime  ersticken.  Im  Laufe  des  dreißigjährigen  Krieges  war,  wie  erwähnt
wurde,  etwa  ein  Drittel  der  Bevölkerung  ums  Leben  gekommen,  und  dies  zu  erseben,
  war  daher  eine  naturgemäße  Aufgabe  der  Regierung.  Ungeheuer  aber  ist
ihr  Erfolg  zu  nennen.  Denn  es  gelang  ihr,  im  Laufe  eines  Jahrhunderts
(bis  1740)  durch  fremde  Zuzügler  die  Bevölkerungsziffer  um  den  vierten  Teil,
um  600  000  zu  erhöhen.  Im  ganzen  wird  damit  der  Verlust  an  Menschen,  den
der  Krieg  herbeigeführt,  durch  die  Arbeit  der  brandenburgisch-  preußischen  Herrscher
dem  Lande  wieder  ersetzt  sein.  Von  ungleich  größerer  Bedentung  war  jedoch,
daß  die  Bevölkerung  wieder  fähig  war,  ihre  natürlichen  Gaben  zu  brauchen,  um
den  Reichtum  des  Landes  zu  heben  oder  vielmehr,  um  ein  der  menschlichen
Würde  gemäßes  Leben  zu  führen.  Und  eben  hierfür  war  der  König  und  seine
Behörden  vorzugsweise  thätig,  und  während  sonst  in  Europa  die  schwindelhaftesten
Bankunternehmungen,  wie  die  Mississippi-Aktien  Laws  in  Frankreich,  die  Bubbles
und  die  Südseekompagnie  in  England  Staat  und  Unterthanen  an  den  Bankerott
führten,  erhob  sich  in  Preußen  Friedrich  Wilhelm  zu  einer  unter  den  damaligen
Verhältnissen  des  Landes  unzweifelhaft  richtigen,  die  Bedingungen  des  wirtschaftlichen
  Gedeihens  ihrem  ganzen  Zusammenhange  nach  voll  würdigenden  Auschauung.
Vor  allem  die  Wechselwirkung  zwischen  Landwirtschaft  und  Industrie,  die  Abhängigkeit,
  in  der  beide,  oft  als  natürliche  Feinde  angesehene  Zweige  menschlicher
Thätigkeit  von  einander  stehen,  wurde  mit  durchdringendem  Verständnis  für  alle
Wirkungen  im  großen  wie  im  kleinen  in  Obacht  gezogen,  und  die  Gesamtheit  der
Interessen,  der  Lebensbediugungen  aller  Unterthauen  bildete  das  Feld,  für  dessen
Bestellung  die  Behörden  thätig  sein  mußten.

ir  hörten,  in  welcher  Weise  der  König  die  Domänen  dem  Staate  und  dem
Gesamtinteresse  dienstbar  zu  machen  wußte.  Wichtiger  noch  war,  aus  dem  hörigen
einen  freien  Bauernstand  zu  schaffen  und  diesen  sowohl  durch  Belehrung  über
einen  rationellen  Wirtschaftsbetrieb,  wie  durch  möglichst  geringe  Belastung  leistungsfähig
  zu  machen.  Wenigstens  auf  den  Domänen,  in  den  königlichen  Amtsdörfern
wurde  die  Leibeigenschaft  völlig  aufgehoben.  Denn,  wie  es  in  einem  der  be-
        <pb n="390" />
        286  Die  Bauern.

züglichen  Edikte  heißt,  „der  König  habe  in  Erwägung  gezogen,  was  es  für  eine
edle  Sache  sei,  wenn  die  Unterkhanen  statt  der  Leibeigenschaft  sich  der  Freiheit
rühmen,  das  Ihrige  desto  besser  genießen,  ihr  Gewerbe  und  Wesen  mit  um  so
mehr  Begier  und  Eifer  als  ihr  eigenes  betreiben  und  ihres  Hauses  und  Herdes,
ihres  Ackers  und  Eigentums  sowohl  für  sich  als  die  ihrigen,  für  Gegenwart  und
Zukunft  desto  mehr  gesichert  seien“.  Trotz  der  notwendigen  Beschränkung  auf
die  Domänen  mußte  aber  eine  solche  Maßregel,  ebenso  wie  die  Einrichtungen  des
Heeres,  auch  für  die  Gutsunterthanen  des  Adels  und  der  Städte  mittelbar  von
Einfluß  werden.  Soweit  es  möglich  war,  ergriff  der  König  auch  für  diese  Maßregeln,
  die  unmittelbar  zur  Besserung  ihrer  Lage  führten,  wie  er  denn  vorzüglich
  das  bekannte  Mandat  gegen  das  Schlagen  der  Bauern  erließ  (9.  April
#Us8  1738)  und  die  Uebertreter  mit  der  Karre,  ja  mit  Todesstrafe  bedrohte.  Auch
gegen  die  Ungehörigkeiten,  die  sich  die  Soldaten  auf  dem  Marsch  wie  auf  Urlaub
leicht  gegen  die  Bauern  zu  Schulden  kommen  ließen,  schritt  der  König  mit  Entschiedenheit
  ein,  bedrohte  die  Unteroffiziere  und  Gemeinen,  wie  auch  die  Offiziere,
von  denen  er  doch  „die  Meinung  habe,  daß  sie  nicht  capable  seien,  ohne  extra
ordnair  gegebene  Ursach  die  armen  Bauern  und  Unterthanen  mit  Schlägen  und
Prügeln  übel  zu  traktiren“,  mit  empfindlichster  Strafe.  Ebenso  verbot  er  das
Auskaufen  der  Bauern  auf  den  nicht  königlichen  Aemtern,  wies  die  Kammern  an,
„dahin  zu  sehen,  daß  kein  Landesvassall  von  denen  Markgrafen  an  bis  zu  dem
geringsten,  er  sei  wer  er  wolle,  sich  eigenmächtig  unterstehen  dürfe,  einen  Bauern
ohne  gegründete  raison  und  ohne  den  Hof  gleich  wieder  zu  besetzen,  aus  dem
Hofe  zu  werfen“.  So  erhielt  auch  der  Gutsbauer  die  größtmögliche  Sicherheit
seines  Eigentums,  und  war  damit  die  Hoffnung  auf  guten  Anbau  und  ordentliche
Bewirtschaftung  gegeben.  Vornehmlich  aber  mußten  die  Kammern  auf  die  Eigenschaften
  der  Domänenpächter  achten,  in  deren  Hand  das  Wohlsein  der  Amtsbauern
  wesentklich  ruhte,  und  unter  der  Aufsicht  der  Kommissariate  haben  diese
„Beamten“  oder  Oberamtleute  Hervorragendes  geleistet.  Endlich  hatte  der  König
gleich  im  Anfange  die  Leistungen  der  Bauern  auszeichnen  lassen,  die  sie  der
Gutsherrschaft  schuldig  waren,  und  so  wenig  er  diese  rechtlich  begründeten  Verhältnisse
  völlig  lösen  konnte,  so  setzte  er  der  wirtschaftlichen  Ausbeutung  der
auern  doch  durch  die  Verordnung,  daß  sie  in  der  Regel  nur  einen  Tag  in  der
Woche  zu  „scharwerken“,  d.  h.  Spanndienste  zu  thun  verpflichtet  sein  sollten,
eine  Schranke.  Allerdings  nur  allmählich  und  als  Beispiel  vermochte  der  König
hier  zu  wirken,  aber  wenn  auf  den  königlichen  Domänen  die  wirtschaftlichen  Fesseln
des  Bauern  gelöst  wurden,  so  war  dies,  da  mehr  als  ein  Drittel  des  ganzen
Grundbesitzes  Staatseigentum  war,  doch  von  durchgreifender  Bedentung.

Die  Bebauung  des  Landes  selbst  war  wieder  einer  der  Zweige,  für  die  der
große  Wirt  in  Preußen  die  volle  Sachkunde  und  die  vollste  Hingabe  hatte.  Unermüdlich
  ist  er  für  die  Verbesserung,  die  „Meliorationen“  thätig,  er  weiß,  welche
Frucht  dem  jedesmaligen  Boden  entspricht  und  sorgt  dafür,  daß  sie  gepflanzt
wird.  Die  Pflege  der  Viehzucht,  hauptsächlich  der  Pferdezucht,  die  Wiesenkultur,
die  Anlage  von  Hopfen=  und  Obstgärten,  Pflanzung  von  Maulbeerbäumen  zur
Einbürgerung  des  Seidenbaues,  der  Schutz  gegen  ausländischen  Wettbetrieb,  die
Schaffung  von  Absatzwegen,  die  Anlage  königlicher  Getreidespeicher,  die  Einwirkung
auf  die  Getreidepreise,  und  was  irgend  sonst  zur  Pflege  des  Bodens  beiträgt,  für
alles  hat  der  König  ein  offenes  Auge.  Ueber  alles  müssen  ihm  die  Amtleute  und
        <pb n="391" />
        Anbau  des  Landes.  —  Havelbruch.  287

Kammern  regelmäßig  berichten,  für  alles  erläßt  er  die  geeigneten  Weisungen,  Ermahnungen,
  Antriebe,  für  alles  stellt  er  Vorbild  und  Beispiel  hin,  alles  durchdringt
  er  mit  dem  Feuereifer  seiner  Seele  und  überwacht  die  Ausführung.

Freilich  sollen  die  Einnahmen  vermehrt,  der  Bestand  der  Domänen  durch
geeignete  Ankäufe  vergrößert  werden,  aber  allemal  ist  die  Schonung  der  Unterthanen,
  ihre  Beförderung  und  ihre  Leistungsfähigkeit  vorangestellt  und  solle  „keine
Auflage  gemacht  werden,  bei  der  die  Unterthanen  nicht  bestehen  können“.  Damit
die  Lasten  mit  gleichen  Schultern  getragen  werden  könnten,  wurden  für  die  Erhebung
  der  Kontribution  fast  überall  neue  Matrikel  angelegt,  die  Kataster  in
Ordnung  gebracht  und  auf  gleichmäßige  Klassisikation  und  Quotifikation  gesehen,
die  Kontribution  nach  der  Aussaat  und  Fruchtbarkeit,  der  „Bonität“  der  Güter
erhoben.  Ausländische  Früchte,  vor  allem  das  polnische,  zeitweise  auch  das  sächsische
und  mecklenburgische  Korn,  werden  so  hoch  versteuert,  daß  der  Absatz  der  inländischen
  leicht  möglich  wird,  für  Zeiten  des  Mißwachses  werden  allmählich  in
allen  Teilen  des  Landes  Magazine  angeleg,  der  Ausgangshandel  des  Getreides
dagegen  nur  mit  einer  „leidlichen  Akzise  belegt

Vor  allem  wichtig  blieb  aber  die  usegen  des  Landes,  und  hier  hat
der  König  namentlich  in  der  Entwässerung  der  ausgedehnten  Havelbrüche,  des
sog.  Rhin=  und  Havelländischen  Luchs,  das  erstaunlichste  Beispiel  gegeben.
Dasselbe  bedeckt  eine  Fläche  von  22  Geviertmeilen,  die,  abgesehen  von  ganz
geringem  Weidewert  bei  trockener  Witterung  im  Sommer,  keinen  Ertrag  gab,
sondern  nur  zahlreichem  Wild  besonders  Wasser=  und  Sumpfvögeln,  zum  Aufenthalt
diente.  Der  König  unternahm  es,  dies  weite,  manch  deutschem  Fürstentum  an
Größe  gleichende  Gebiet,  für  die  Kultur  zu  gewinnen,  und  wie  viel  Schwierigkeiten
  auch  die  Interessenten  (52  Ortschaften  und  62  größere  und  kleinere  Besitzer)
in  Verkennung  des  zu  erwartenden  Nutzens  erhoben,  vollendete  er  es,  unterstützt
vornehmlich  durch  den  Oberjägermeister  von  Hertefeld,  Minister  Katsch,  Generalmajor
  von  Gersdorff  und  Kammerpräsidenten  von  Fuchs,  binnen  sieben  Jahren
und  mit  unverhältnismäßig  geringen  Kosten.  Durch  zwei  große  Gräben,  einen
nach  der  Havel,  einen  nach  dem  Rhin,  und  durch  unzählige  andere  Gräben,  deren
gesamte  Länge  67⅜¾  Meilen  ausmachte,  war  das  Luch  trocken  gelegt,  und  die
ganze  Fläche  für  eine  geordnete  und  gesicherte  Bodenbebauung  gewonnen.  Auf
dem  dem  Könige  gehörigen  und  durch  Ankauf  bis  auf  gegen  15,000  Morgen
vergrößerten  Besitz  wurde  hier  die  Musterwirtschaft  Königshorst  angelegt,  die  insbesondere
  für  die  Viehzucht  und  Butterbereitung  nach  holländischer  Art  vorbildlich
wirkte,  indem  hier  für  Bauerntöchter  eine  zweijährige  förmliche  Unterweisung  in
der  Meierei,  der  Milchwirtschaft,  der  Butter=  und  Käsebereitung  stattfand.  Weit
über  fünf  Prozent  wirtschaftete  der  König  aus  seinen  Gütern  heraus,  und  unschätzbar
  ist  der  Gewinn  des  Landes,  der  vorziglich  zeh  das  Muster  dieser
Domäne  auf  die  Bewirtschaftung  der  adeligen  Güter  ausg

Ueberhaupt  war  die  bessere  Bewirtschaftung  iPde  ##ch  herbeigeführte

Hebung  der  finanziellen  Lage  für  den  Adel  ein  ebenso  wesentlicher  Ersatz  für
den  Verlust  der  ständischen  Rechte,  wie  der  Dienst  im  Heere  des  Königs.  Gewiß
  hatte  die  Vorliebe  für  einfach  bürgerliches  Wesen,  die  man  vielfach  bei
Friedrich  Wilhelm  bemerkt  hat,  nicht  in  einer  Abneigung  gegen  den  Adel  ihren
Grund.  Gerade  die  Personen,  mit  denen  der  König  vertraulich  umging,  gehörten
ihm  an,  und  aus  seinen  Reihen  stammen  seine  Generale  und  nicht  wenige  seiner
        <pb n="392" />
        288  Der  Adel.  —  Die  Städie

Räte.  Wie  ging  es  dem  Könige  aus  Herz,  als  er  mit  einem  Getreideausfuhrverbot
  „seinen  getreuen  Adel“  einmal  auch  finanziell  schädigen  mußte!  Aber
alle  öffentlichen  Dienste  ließ  er  durch  seine  Beamten  versehen,  die  nur  wegen
ihrer  Tüchtigkeit  uud  Sachkunde  angestellt  wurden.  Je  weiter  aber  die  Einführung.
der  indirekten  Steuern  vorschritt,  um  so  mehr  wurden  auch  das  Steuerbewilligungsrecht
  und  damit  die  ständische  Steuerverwaltung,  der  Landkasten,  wie  die  Landtage
überhaupt  hinfällig.  Natürlich  erhob  sich  dagegen  Widerstand,  und  mehrfach
wurde  der  König  um  Anberaumung  neuer  Landtage  angegangen.  Friedri
Wilhelm  sah  in  ihnen  wesentlich  die  „Aufwendung  merklicher  Kosten“.  Gelegentlich
ließ  er  sie  daher  wohl  zusammentreten,  „ich  lasse  den  Junkers  den  Wind  der  Landtage“,
  aber  „in  dem  Allergn.  Vertrauen,  sie  werden  sich  zu  dero  Vergnügen  überall
wohl  aufführen  und  dero  Ordres  besser  parieren  als  bis  anhero  bei  einer  und
anderer  Gelegenheit  geschehen“.  Am  schärfsten  war  noch  der  Widerspruch  in  Ostpreußen
  und  im  Magdeburgischen.  Diesen  erwähnten  wir  schon,  von  jenem  wird
noch  die  Rede  sein.  Das  Wesentliche  ist,  daß  der  König  dem  Adel  für  inhaltlos
gewordene  oder  dem  Ganzen  schädliche  politische  Rechte  eine  neue  Grundlage
seines  Daseins,  ein  neues  Feld  seiner  Thätigkeit  gab,  den  Gegensatz  zwischen
Landesherrn  und  Adel  zerstörte.  Fortan  wetteiferte  der  Adel  mit  dem  Landesherrn
  im  Dienst  für  das  Ganze,  in  der  Hingabe  für  den  Staat.  Der  prenßische
Adel  hatte  die  seiner  würdige  Stellung  gefunden.  Mit  Opfern  an  Gut  und
Blut  hat  er  sie  allzeit  zu  behaupten  gewußt.

Allein  weit  einschneidender  noch  war  des  Königs  Regierung  auf  die  Städte.
Allerdings  hatte  schon  der  Große  Kurfürst  die  bessernde  Hand  an  deren  Zustand
gelegt,  und  auch  Friedrich  I.  hatte  das  Seinige  gethan,  um  die  sittliche  Fäulnis
und  Verderbtheit  in  der  städtischen  Verwaltung  zu  heben.  Aber  gerade  hier
war  man  nicht  über  gelegentliche  Reformen  bei  einzelnen  Städten  hinausgekommen,
waren  andere  Anläufe  im  Sande  verlaufen.  Erst  Friedrich  Wilhelm  hat  durch
seine  Kommissariate  und  Spezialkommissare  Wandel  geschaffen.  Man  muß  sich
freilich  weitaus  die  meisten  Städte  nur  klein  vorstellen,  aber  im  ganzen  doch
nicht  viel  kleiner  als  heute,  und  die  städtische  Bevölkerung  betrug  in  der  Kurmark
1740  schon  etwa  44%  der  gesamten  Einwohnerzahl  gegen  56  der  ländlichen.
Preußen  war  also  schon  damals  keineswegs  ein  nur  agrarischer  Flächenstaat  mit
dünn  gesäeten  Städten,  nur  daß  sich  auch  hier  ein  großer  Gegensatz  zwischen  den
einzelnen  Territorien  vorfand,  so  zwar,  daß  in  Cleve  auf  1,3  Geviertmeile  eine
Stadt,  in  Preußen  aber  erst  auf  12  Geviertmeilen  eine  solche  kam.  Indessen
soviel  ist  klar,  daß  das  Wohl  oder  Wehe  von  mehr  als  einem  Drittel  der  Unterthauen
  für  den  Staat  selbst  wesentliche  Bedeutung  hatte.  Verfassung  wie  Verwaltung
  der  Städte  war  aber.  fast  durchgehend  derart,  daß  ein  Gedeihen  nicht.
erfolgen  konnte.  Fast  überall  ruhten  die  Magistratsstellen  in  den  Händen  weniger
Familien,  die  stets  —  oft  genug  nur  durch  Bestechungen  und  Unterschleife  —
ihre  Söhne  in  das  Magistratskollegium  zu  bringen  wußten,  dessen  übergroße
Mitgliederzahl  —  in  Berlin  gab  es  z.  B.  1707  auf  55  000  Einwohner  75
Bürgermeister  und  Ratsherren  —  nur  Verwirrung  aber  keine  Erledigung  der
Arbeiten  herbeiführte.  „Das  wechselude  Ratsmittel“,  d.  h.  das  System,  den
Vorsitz  im  Rat  und  die  übrigen  Aemter  in  gewisser  Reihenfolge  unter  den  Mitgliedern
  wechseln  zu  lassen,  war  keine  Quelle  der  Kontrolle  mehr,  sondern  eine
Gelegenheit  zur  Verschleppung  der  Beschlüsse,  zur  Bereicherung  derer,  die  das
        <pb n="393" />
        Die  Städte.  289

Heft  in  Händen  hielten  —  wie  denn  der  abgehende  Kämmerer  dem  neu  antretenden
  wohl  auf  Treu  und  Glauben  ein  Handbuch  und  eine  Büchse  gab  oder
überhaupt  den  Bestand  behielt,  bis  er  wieder  ins  Amt  trat.  Die  Geschäftsordnung
  war  die  allerschlechteste  und  we  von  herrschsüchtigen  Bürgermeistern
völlig  gemißbraucht,  ließ  gewissenlosen  Thür  und  Thor  offen.  Dabei  hatten
die  älteren  Ratsglieder  oft  sehr  gute  Gehalte,  die  durch  besondere  Gelegenheitsgelder
  und  Sporteln  erheblich  vermehrt  wurden.  Vielfach  kam  es  vor,  daß
einzelne  „Senatoren“,  wenn  sie  Geld  brauchten,  sich  die  Pachtsumme  städtischer
Pächter  vor  dem  Fälligkeitstage  auszahlen  ließen,  und  ihre  Quittung  von  der
städtischen  Kasse  als  barer  Pachtschilling  angenommen  wurde.  Ganz  unabsehbar
war  die  Reihe  der  von  „den  Herren“  in  Anspruch  genommenen  Naturallieferungen:
Benutzung  der  städtischen  Gebäude  nebst  der  für  diese  bestehenden  Einquartierungsfreiheit,
  das  in  der  Stadtheide  geschossene  Wild,  die  in  den  städtischen  Seen  und
Flüssen  gefangenen  Fische,  der  Gewinn  aus  den  städtischen  Forsten,  die  sämtlichen
Naturallieferungen  der  städtischen  Dörfer,  die  Pferde  und  Wagen  der  Stadt  zu
Privatreisen,  Anspruch  auf  die  meist  kostbaren  Meisterstücke  der  Handwerker,  besondere
  Sporteln  bei  Vermietungen  städtischer  Gewölbe  und  dergleichen,  alles  das
meinten  sie  für  ihren  Beutel  in  Anspruch  nehmen,  der  städtischen  Kasse  entziehen
zu  dürfen.  Es  galt  allgemein  als  Recht  der  „Herren“.  Ja  das  Getreide,  das
den  Magistratsmitgliedern  von  städtischen  Gütern  zustand,  beliebte  es  ihnen  wohl,
am  Fälligkeitstermine  nicht  anzunehmen,  um  erst  in  Zeiten  des  Mißwachses  vom
städtischen  Speicher  die  ganze  Menge  des  fälligen  Getreides  zu  erheben  und  für
die  höchsten  Preise  zu  verkaufen.  Dazu  wurde  bei  allen  denkbaren  Gelegenheiten
auf  Kosten  der  Stadt,  die  eben  hierfür  das  kostbarste  Tafelgerät  hielt,  gegessen
und  getrunken.  Wie  wenig  dabei  erspart  wurde,  zeigen  z.  B.  Rechnungen  aus
Cleve,  wo  in  einem  Jahre  Hunderte  von  Thalern  allein  für  Mandeln,  Rosinen
und  Zuckerwerk  ausgegeben  wurden.  Auch  fanden  die  Herren  kein  Unrecht  darin,
wenn  sie  sich  bei  Hochzeiten  und  Kindtaufen  nicht  auf  ihre,  sondern  auf  sisdische
Kosten  beschenkten.

Dieser  Macht  der  herrschenden  Familien  gegenüber  war  die  Bürgerschaft  so
gut  wie  rechtlos,  und  wenn  auch  hier  und  da  sich  noch  eine  Art  Vertretung  derselben
erhalten  hatte,  so  waren  deren  Mitglieder  höchstens  Ja-Herren,  die  ohne  Kunde

eschäste  blieben  und  nur  „zu  mehrerem  Staat  und  Pracht  auf  den  Querbänken
  saßen“,  während  „die  Herren  an  der  table  d'honneur  oder  Ehrentafel“
die  Entscheidung  trafen.  In  der  Natur  der  Sache  lag  es  auch,  daß  eine  solche
Herrschaft  weniger  Familien  auf  jede  Weise  die  Aufnahme  Fremder  zum  Bürgerrecht,
  die  Zulassung  zur  Kaufmannschaft  oder  in  die  Zunft  aufs  äußerste  erschwerte.
  Die  Kleinbürger,  d.  h.  gewöhnlich  alle  Mieter,  durften  weder  ein
Handwerk  treiben,  noch  ward  ihnen  eine  Teilnahme  an  den  städtischen  Gerechtsamen
zugestanden.  Die  Rechtspflege  der  Städte,  die  entweder  der  Rat,  bezw.  der
Bürgermeister  allein,  oder  ein  besonderes  Stadtgericht  übte,  wurde  in  bodenlosester
Weise  gehandhabt.  Die  Unfähigkeit  der  Richter,  die  Unsicherheit  des  Rechts,  die
schwankenden,  dem  Belieben  anheimgegebenen  Formen  des  Prozesses,  die  willkürliche
  Höhe  der  Sporteln,  die  Pfiffigkeit  der  Advokaten,  die  oft  zum  Rat
gehörten,  machten  eine  irgendwie  genügende  oder  gerechte  Ausübung  der  Rechtspflege
  unmöglich,  und  selbst  wo  noch  Schöffen  herangezogen  wurden,  waren  sie  im
Grunde  nichts  als  gefügige  Werkzeuge.  Die  Polizei  lag  ebenfalls  in  Argen.

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="394" />
        290  Die  Städte.

Auch  hier  gegenseitige  Nachsicht  der  Ratsherren,  liederliche  oder  gar  keine  Aussicht
seitens  der  zahlreichen  Markt-,  Feuer=  und  Bauherren.  Ueber  falsches  Maß,  unrichtiges
  Gewicht,  zu  leichtes  Brot,  heimliches  Schlachten,  entsehzliche  Unsauberkeit,
Mangel  an  Löschwerkzeugen,  überhaupt  an  jeglicher  Feuerpolizei,  Ueberschreitung
der  Taxen  für  die  Lebensmittel,  Nichtbeachtung  der  Bauordnung  ertönen  überall
die  schlimmsten  Klagen,  ohne
daß  der  Rat  Abhülfe  zu  schaffen

weiß.  Ja  in  Königsberg,  wo

eine  Feuersozietät  existierte,

wurden  nur  die  beiden  vornehmen

  Zünfte  der  Kaufleute
—  und  Braner  zugelassen.  Wie

»  hätten  die  Herren  auch  den

Daß  diejenige  armen  Mann  in  ihrer  vornehmen

  Gesellschaft  dulden

ALDVOC  ATEN  können!  Mochte  er  sehen,  wie
2  er  sich  half,  wenn  ihm  sein

PROCUR  ALTOEES  Häuschen  abbrannte!

Eine  gewisse  Entschuldiund

  an  gung  hatten  die  Magistrate
CONCIPIENTEN  allerdings  darin,  daß  in  vielen

·  Städten  der  Gerichtsstand  vielwelche

  Hchunerrstehen  gelr  ufkuwiegeln  um  in  fach  durchbrochen  war  und
das  Militär,  die  Beamten,

Feiner  #ôntglichen  Wajestäic  *  Mitglieder  der  französischen

lonie  oder  die  Universitätsimmedlare
  Memorialicn;u  übergibewoder  uch  genossen  eine  besondere  Stellung

###z-und  Gnaden-Sachen  du
zirer  ——  Lote  wech  Sead  bun  #br  hatten,  wie  es  denn  in  Königs-Dunde
  ander  Seltrazausgehangen  werden  silen,  und  daß  berg,  wo  viele  dieser  Verdiests
  Edich  acht  Tagenach  beschehener  Pudlicario#  hältnisse  zusammentrafen,
selnen  ai  nehmen  sole.  zwanzig  verschiedene  Gerichtsbarkeiten

  gab.  Häufig  war  da-De
  Dato  Berlin,  den  6.  Novembr.  v.  her  der  Vezelthäterd  an  der
—  zornnv“  -  ben  dönnlgli

  u  u  1  amten  der  städtischen  Aufsi
un  gu  o  nb  ditedensc.  ntrückt.  Indessen  auch  wo  es
Titel  eines  Edikts  des  Königs  Frichrich  Wilhelm  I.  3  Amtes  war,  thaten  die
16.  N  1730.  Magistrate  in  der  Regel  nichts,
Auf  etwa  7/  verkleinert.  und  vollends  in  ihrer  Finanzverwaltung,
  wo  sie  ganz  freie
Hand  hatten,  stand  es  am  schlimmsten.  Im  Kassen=  und  Rechnungswesen  fehlte
jede  Ordnung,  Rechnungen  und  Belege  waren  selten  vorhanden,  oder  wenn  es
solche  gab,  waren  sie  oberflächlich,  in  heilloser  Unordnung.  Denn  nicht  nur  die
Nutzungen  aus  dem  Eigentum  der  Stadt  an  liegenden  Gründen  wurden  von  den
Ratsherren  in  Anspruch  genommen,  sondern  man  erklärle  sie  wohl  überhaupt  für
Eigentum  nicht  der  Stadt,  sondern  der  Kämmerei  und  des  Magistrats.  Ost,  wie
in  Berlin  selbst,  brachten  die  Mitglieder  des  Rates  auch  „gegen  Erlegung  eines
        <pb n="395" />
        Die  Städte.  291

geringen  Kauffpretü“  städtisches  Eigentum  an  sich.  Grundbücher  wurden  selten
geführt,  bei  den  Verpachtungen  städtischer  Ländereien  oder  selbst  der  Steuern,  wie
solches  auch  in  Berlin  geschehen,  fanden  ebenso  wie  bei  den  städtischen  Bauten
die  unsaubersten  Dinge  und  Bestechungen  statt,  und  gefälligen  Pächtern  sah  man
die  Zahlung  der  Pacht  überhaupt  nach.  Die  Bauern  auf  den  städtischen  Dörfern
waren  mit  Geld  und  Diensten  aufs  äußerste  überlastet,  und  in  keiner  Weise  entsprach
  der  Ertrag  dem  verhältnismäßig  reichen  Besitz.  Dagegen  erhob  man  neben
der  staatlichen  Akzise  noch  eine  bunte  Menge  indirekter  städtischer  Steuern,  bei
denen  die  Beamten  sich  keineswegs  an  die  Gebühren  hielten,  sondern  nach  Belieben,
nach  Gunst  und  Ansehen  verfuhren,  und  namentlich  die  mit  der  steigenden  Macht
der  bevorrechteten  Klasse  wiederholt  auferlegten  Kopfsteuern  belasteten  den  armen
Mann  unverhältnismäßig,  bedrückten  durch  unbarmherzige  Beitreibung  ihn  auf  das
härteste.  In  Cleve-Mark  z.  B.  zahlte,  als  die  staakliche  Akzise  noch  fehlte,  der
Weizen  das  Dreizehnfache,  der  Roggen  das  Vierfache  wie  in  Berlin.
schlimmsten  aber  wirkte  die  furchtbare  Schuldenlast  der  Städte,  so  namentlich  wieder
in  Cleve-Mark  und  ganz  vornehmlich  in  Halle.  An  Zinsenzahlung  war  teilweise
gar  nicht  zu  denken,  und  der  Kredit  mancher  Stadt  sank  z.  B.  in  den  Rheinlanden
so  tief,  daß  die  Bürger  außerhalb  der  Stadt  der  Pfändung  ausgesetzt  waren.
Und  häufig  wußte  man  weder  den  Grund  zur  Aufnahme  der  Kapitalien,  noch
waren  zuverlässige  Verzeichnisse  der  Gläubiger  vorhanden.  Kurz  in  der  ganzen
Stadtverwaltung  war  „ein  Pfuhl  von  Korruption  und  Betrügerei“  der  allerhäßlichsten
  Art,  ein  Augiasstall,  zu  dessen  Reinigung  größere  Kräfte  als  die  eines
Herkules  erforderlich  waren.  Aber  das  preußische  Königtum  hatte  wie  der  Briareus
hundert  Arme,  und  es  gehört  wahrlich  zu  den  größten  unter  den  großen  Schöpfungen
Friedrich  Wilhelms,  an  Stelle  dieser  unsaubern  und  unlautern  Wirtschaft  durch
seine  Kommissare  eine  reine  und  „integre“  Verwaltung  geschaffen  zu  haben.  Sie
erst  hat  die  freiere  Ausgestaltung  der  städtischen  Verfassung  in  späterer  Zeit  er-Möglicht,
  sie  erst  einen  ehrlichen  Bürgersinn  erzeugt.

Längst  schon  war  man  auf  diese  überall  herrschende  grenzenlose  Verderbtheit
aufmerksam  geworden,  und  die  Theorie  hatte  vornehmlich  den  Großen  Kurfürsten
gepriesen,  der  in  den  brandenburgischen  Städten  Ordnung  zu  schaffen  versucht  hatte.
Man  erinnerte  an  den  alten  Satz,  daß  die  öffentliche  Wohlfahrt  das  höchste  Gesetz
sei,  daß  Privilegien  gegen  das  öffentliche  Wohl  keinen  Bestand  haben  dürften,  daß
der  Staat  verpflichtet  sei,  die  so  durchaus  verrotteten  Städte  zu  beaussichtigen,
und  diese  solche  Aussicht  zu  dulden  hätten,  „um  die  Blutegel  zu  vertreiben,  die
den  Bürgern  das  Blut  aus  den  Adern  saugen“.

Auch  hier  griff  der  König  nicht  allgemein  mit  neuen  Systemen  ein,  sondern
ging  Schritt  für  Schritt  vor,  und  wo  das  Unkraut  am  wildesten  wucherte,  da  setzte
er  das  Messer  an.  Meist  ernannte  er  besondere  Kommissionen,  welche  die  Zustände
prüfen  mußten,  oder  er  übertrug  diese  Prüfung  auch  den  Provinzialkommissariaten.
Mit  dem  heftigsten  Widerstreben  der  Magistrate  haben  diese  in  der  Regel  zu
rechnen,  und  zuweilen  vergehen  Jahre,  ja  müssen  mehrere  Kommissionen  ernannt
werden,  ehe  das  ganze  Elend  aufgedeckt  ist,  und  nun  königliche  Befehle  und  Reglements
  neue  Ordnung  schaffen,  so  namentlich  in  Berlin,  Brandenburg,  Frankfurt  a.O.,
Magdeburg,  Stettin,  Königsberg.  Unüberwindlich  schienen  die  Schwierigkeiten  besonders
  in  Cleve-Mark  und  in  dem,  wie  gesagt,  weitaus  am  meisten  verschuldeten
Halle.  Dort  lag  die  Hauptschwierigkeit  darin,  daß  die  staatliche  Akzise  erst  jetzt  gleich-1
        <pb n="396" />
        292  Die  Städte.

zeitig  mit  der  Erneuerung  der  städtischen  Verwaltung  eingeführt  werden  mußte,
und  bewundernswert  ist  der  Mut  und  die  Schneidigkeit,  mit  der  hier  der  pommersche
Akzisedirektor  M.  Durham  allem  Hasse  und  allen  gegen  ihn  beim  König  vorgebrachten
Klagen  zum  Trot  die  Schuldenlast  aufdeckte,  ordnete,  regulierte.  Nach  Beendigung
der  Untersuchungen  traten  die  Städte  unter  die  Aufsicht  der  Provinzialkammer,
die  sie  nun  durch  den  strengen  und  gefürchteten,  aber  höchst  segensreich  wirkenden
Steuerrat  übte.  Dieser  mußte  die  neun  bis  zwölf  Süäbte-  seines  Bezirks
jährlich  zweimal  bereisen  und  ihre  Verwaltung  beaussichtigen.  Er  war  es  auch
vorzüglich,  der  wieder  Ordnung  und  Reinheit  in  die  städtischen  **  brachte,
unterstützt  aber  wurde  er  dabei  durch  die  militärische  Macht,  wie  denn  nicht  nur
an  der  Spitze  der  Spezialkommissionen  häufig  Generale  gestanden  hatten,  sondern
der  gesamte  niedere  Dienst  durch  ehemalige  oder  auch  noch  im  Dienst  befindliche
Unteroffiziere  geübt  werden  mußte.  Ohne  Zweifel  wurde  diese  Versorgung  ausgedienter
  Soldaten  im  bürgerlichen  Leben  leicht  die  Quelle  zu  Uebergriffen  und
brachte  soldatische  Rauheit  und  Schärfe  stellenweise  zu  verletzendem  Ausdruck.
Aber  wen  sonst  hätte  der  König  seinem  Steuerrat  zuwenden  können?  Der  Soldat
war  gewöhnt  an  Zucht  und  Gehorsam,  er  lebte  außer  Beziehung  zu  den  Vetterschaften
  der  Stadt,  er  brachte  die  Unterschleise  ans  Licht,  während  vom  Magistrat
die  Zuziehung  kleiner  städtischer  Beamten  entweder  abgeschlagen  wurde,  oder  auch
deren  Abhängigkeit  von  den  Herren  erfolglos  blieb.  Wenigstens  der  erste  Akzise-Inspektor
  in  den  Städten  mußte  daher,  wie  der  König  verlangte,  ein  Feldwebel
sein,  und  ebenso  war  der  Polizei-Ausreuter,  ein  ausführender  Beamter  von  besonderer
  Bedeutung  für  den  Steuerrat,  gedienter  Soldat.  Der  Steuerrat  aber
ist  es  wesentlich  oder  allein,  welcher  die  neuen  Kassenordnungen  und  Etats  für
die  Städte  aufstellte,  er  arbeitete  die  Vorschriften  für  die  städtischen  Gerichte,  für
die  einzelnen  Magistratsmitglieder  aus,  er  ordnete  das  gesamte  Polizeiwesen.  Ae
und  Gewicht,  Straßenreinigung,  Armen-  und  Bettlerwesen,  Kirchen-,  Schul-Hospitalverwaltung,
  Feuerlöschordnungen,  das  Schlachten,  Backen,  Branwesen,
Hebeammenwesen,  die  öffentlichen  Brücken,  das  Leichenwesen,  alles  lag  in  seiner
Hand,  ging  aus  ihr  neugeformt  hervor.  Die  ständische  Steuerverwaltung  wurde
gänzlich  beseitigt,  die  Städte  wieder  in  unmittelbare  Beziehung  zum  Staate  gesetzt,
und  gerade  die  Steuerverwaltung  hat  dem  gemeinen  Mann  in  den  Städten  wieder
Vertrauen  zur  Regierung  eingeflößt.  Das  „Ratsmittel“,  eben  diejenige  Einrichtung,
worauf  die  Zugehörigkeit  nur  einiger  weniger  Familien  zum  Rat  beruhte,  wurde
gänzlich  aufgehoben,  alle  Stellen  wurden  ständige,  der  bestehende  Rat  behielt  zwar
noch  das  Recht,  bei  dem  Tode  oder  dem  Austritt  eines  Mitgliedes  dem  Könige,
bezw.  dem  Kommissariat  Vorschläge  zu  machen,  aber  die  Ernennung  zum  Ratsmitgliede
  vollzog  der  König  oder  die  königliche  Behörde,  und  „dem  Könige  tren
und  gehorsam  zu  sein,  sich  so  aufzuführen,  wie  es  einem  guten  und  getreuen
Diener  gebühre“,  hatte  das  neue  Ratsmitglied  zu  schwören.

Ost  erfolgte  auch,  namentlich  in  den  größern  Städten  die  Ernennung  der
Bürgermeister  ohne  weiteres  durch  den  König,  meist  aus  der  Zahl  der  Steuerräte.
Die  übergroße  Zahl  der  Ratsmitglieder  wurde  mit  der  Beseitigung  des  Ratsmittels
  erheblich  herabgesetzt,  zwanzig  scheint  die  höchste  Zahl  gewesen  zu  sein,
welche  der  König  zuließ.  Wenigstens  die  Hälfte  von  ihnen  sollte  aus  dem  Stande
der  Kaufleute  und  Handwerker  genommen  werden.  Dagegen  sollten  die  Bürgermeister,
  der  Syndikus  und  Sekretär  juristisch  gebildet  sein,  vornehmlich  natürlich
        <pb n="397" />
        Die  Städte.  293

der  zweite  Bürgermeister,  der  das  Stadtgericht  zu  leiten  hatte.  Die  Verpachtung
des  städtischen  Grundeigentums,  ebenso  die  von  den  Städten  zu  erhebenden
Steuern  werden  unter  allgemeine  Vorschriften  gebracht.  Für  die  Beaufsichtigung
der  Finanzen,  die  der  Kämmerer  leitet,  werden  besondere  Vorsichtsmaßregeln
getroffen,  er  muß  eine  Kaution  stellen,  und  ihm  zur  Seite  wird  ein  besonderer
Kämmerei-Kontrolleur  gesetzt.  Neben  den  Rat  aber  tritt  jetzt  wieder  der  Bürger-Ausschuß,
  der  durch  Verordnete  ebenfalls  die  Finanzen  zu  überwachen  hat,
und  über  ihnen  geschieht  das  ferner  durch  den  Steuerrat,  die  Provinzialkammer,
das  Generaldirektorium,  ja  die  Etats  werden  erst  durch  die  Unterschrift  des  Königs
selbst  fertig.

Ir  besonderen  erhielt  auch  das  städtische  Bauwesen,  das  so  viel  Gelegenheit
zu  Durchstechereien  gegeben  hatte,  durch  die  Ernennung  städtischer  Bauinspektoren,
welche  die  Aussicht  über  alle  städtischen  und  Privatgrundstücke  in  Gemeinschaft
mit  dem  Steueramt  zu  üben  hatten,  eine  ganz  neue  sparsamere  und  bessere  Gestaltung.
  Jede  Bau-Ausgabe,  die  sechs  Thaler  überschritt,  mußte  vom  Könige
selbst  genehmigt  werden,  und  wenn  man  beachtet,  wie  unermeßlich  viel  in  allen
Städten  gebaut  wurde,  so  ist  die  Arbeitslast,  die  der  König  in  seinem  Pflichtgefühl
  übernahm,  geradezu  die  erstaunlichste  Leistung.  Alle  denkbaren  Vorteile
gewährte  er  den  neuen  Anbauern  in  den  Städten  durch  freies  Bauholz,  Erstattung
  von  Baukosten,  Gewährung  einer  längeren  Reihe  von  steuerfreien  Jahren.
Viele  zum  Teil  abgebrannte  Städte  baute  er  völlig  und  schöner  als  sie  gewesen,
wieder  auf,  so  verdanken  ihm  —  um  von  der  Provinz  Preußen  hier  abzusehen  —
Crossen,  Köslin,  Iserlohn,  Kalbe,  Croppenstedt,  Wegeleben,  Loburg,  Mansfeld,
Wittstock,  Oschersleben,  Seehausen,  Aschersleben,  Luckenwalde,  Unna  ihr  Dasein.
Man  kennt  die  scharfen  Befehle  des  Königs,  nach  denen  seine  Minister,  Generale
und  Räte  wie  die  wohlhabenderen  Bürger  gezwungen  wurden,  in  Berlin  neue
Häuser  zu  bauen.  Vorstellungen  über  den  Mangel  an  Vermögen  halfen  weder
beim  General  von  Derschau,  welcher  den  Ausbau  von  Berlin  leitete,  noch  beim
Könige.  Aber  auch  hier  baute  dieser  selbst,  gab  Baumaterialien  und  Unterstützungsgelder.
  So  entstand  vorzüglich  die  ganze  Friedrichsstadt,  die  1721  erst  697,
1737  aber  1682  Häuser  zählte,  und  die  Bevölkerungsziffer  Berlins  stieg  allein
in  den  vierzehn  Jahren  von  1726  bis  1740  von  73000  auf  90  000  Seelen.
Die  Stadt  Stettin  lag  vollständig  in  Trümmern,  als  sie  preußisch  wurde.  Friedrich
Wilhelm  wurde  ihr  Erretter,  der  sie  völlig  neu  gründete.  Nicht  nur,  daß  er
die  Wälle,  Festungswerke,  Forts  und  Thore  (wie  besonders  das  Brandenburger
oder  Berliner)  wiederherstellte,  sondern  ganze  Häuserreihen,  öffentliche  und  Privat-Gebäude
  erbaute  er  in  großer  Zahl.  Potsdam  ist  recht  eigentlich  die  eigenste
Schöpfung  des  Königs.  Diese  Stadt  war  sein  Lieblingssitz,  hier  lag  sein  Leibregiment
  in  Garnison,  und  in  höherem  Grade  noch  als  der  Berliner  Lustgarten,
den  der  König  zum  Eerzierhlah  umschuf,  ist  der  Paradeplatz  in  Potsdam  der
Geburtsort  der  preußischen  Armee.  Auch  wurde  gerade  das  Leibregiment  Veranlassung
  zu  den  mehrfachen  Erweiterungen  der  Stadt,  und  in  Potsdam  war
Friedrich  Wilhelm  besonders  freigebig  mit  Beihilfen  aller  Art  für  neue  Bauten,
war  besonders  geneigt,  auch  Privathäuser  selbst  zu  bauen.  Nikolai-,  Garnison-,
Heilige  Geist-,  eine  katholische  und  eine  griechische  Kirche,  Garnisonschule,
Exerzierhäuser,  Kommandantenhaus,  Gewehrfabrik  und  viele  andere  Gebäude
sind  vom  König  gebaut,  und  wieviel  heut  in  Staats=  oder  Privatbesitz  befindliche
        <pb n="398" />
        294  Handel  und  Gewerbe.

Häuser  überhaupt  auf  königliche  Kosten  errichtet  sind,  wird  gar  nicht  mehr  festzustellen
  sein

Der  ihennlche  Grund  zu  neuem  Aufblühen  der  Städte  lag  indessen  natürlich
in  der  Hebung  der  bürgerlichen  Gewerbe  und  Thätigkeit  überhaupt.  Denn  die
„integre  Verwaltung“  war  eben  doch  auch  nur  wieder  die  Voraussetzung  für
diese.  Fast  unabsehbar  ist  die  Reihe  der  Handwerker-Ordnungen,  durch  welche
in  die  sich  abschließenden  Zünfte  neues  Leben,  Ordnung  und  Zucht  gebracht
wurde.  Die  Manufaktur  aber  war,  wie  der  König  es  ausdrückte,  „ein  recht
Bergwerk,  ein  Land  ohne  Manufakturen  sei  ein  menschlicher  Körper  ohne  Leben,
ergo  ein  totes  Land,  das  beständig  pauvre  und  elendiglich  ist  und  nicht  zum
Flor  sein  Tagelang  gelangen  kann".  Leben  aber  war  6  dem  König  alles,  und
Flor  und  Leben  in  das  Land  zu  bringen  sein  Hauptz

Handel  und  Gewerbe  mußten  vorzüglich  vom  —  unabhängig  gemacht
werden,  es  mußten  Unternehmungslust,  kaufmännischer  Sinn,  kaufmämnisches
Verständnis  und  Kapitalien  erst  geschaffen  werden.  Denn  alle  Versuche  des
Großen  Kurfürsten  nach  dieser  Richtung  hin  hatten  dauernd  doch  weder  das  eine
noch  das  andere  schaffen  können.  Die  Luxusgegenstände  aber,  die  der  Hofhalt
Friedrichs  I.  gebraucht,  hatten  größtenteils  aus  dem  Auslande  bezogen  werden
müssen  und  diesem  den  Gewinn  gebracht.  Vorzüglich  waren  es  Kraut  und  später
Görne,  die  auf  diesem  Gebiet  mit  großer  Sachkunde  den  Willen  des  Königs  zur  Ausführung
  brachten.  Denn  wieviel  auch  diesen  Männern  zu  danken  ist,  das  meiste
beruht  doch  auch  hier  wieder  auf  den  Antrieben,  die  der  König  selbst  gab.  In  dem
Zeitraum  von  1713  bis  1723  wurden  unendlich  viele  Kommerz-,  Industrie=  und
Zollordnungen,  Akzise-Tarife,  Edikte  über  die  Wollmärkte  und  Wollausfuhr  erlassen,
  auf  denen  der  Handel  und  das  Gewerbe  Preußens  während  des  ganzen
Jahrhunderts  beruhte.  Manches  Gängelband  war  ja  in  jener  Zeit  dem  Handel,
der  noch  nicht  auf  eigenen  Füßen  stehen  konnte,  durchaus  nötig,  und  außerordentlich
  günstig  wirkten  daher  die  neu  ernannten  Fabrik-Inspektoren  und  unter
ihnen  die  Schaumeister,  die  über  die  Beobachtung  aller  Vorschriften  für  die
Industrie  zu  wachen  hatten.

Der  Eingang  ausländischer  Erzeugnisse  wurde  durch  die  Schutzzölle  erschwert,
die  Ausfuhr  von  Roherzeugnissen,  besonders  der  Wolle  schließlich  ganz  verboten.
Waren  aber  durch  die  Verkinsachung  des  Hofhaltes  eine  Reihe  von  Manufakturen

un  eingegangen,  so  eröffnete  ihnen  der  König  schon  1713  den  großartigsten  Absatz
durch  den  Befehl,  alle  und  jede  Bedürfnisse  des  Heeres  im  Lande  selbst  zu  kaufen,
wo  aber  das  Inland  den  Bedarf  nicht  befriedigen  könne,  an  ihn  zu  berichten,
und  bald  wurde  dieser  Befehl  auf  alle  Beamte  überhaupt  ausgedehnt.  Das  kam
nun  vorzüglich  der  hauptsächlichsten  Industrie  im  Lande,  der  Leinen-,  der  Wollund
  Tuchindustrie  zu  gut.  Das  folgenreichste  Unternehmen  in  dieser  Beziehung
war  wohl  die  Schaffung  eines  Lagerhauses  in  Berlin  durch  Kraut.  Allerdings
erfolgte  sie  auf  eigene  Kosten  Krauts,  aber  in  jeder  Weise  förderte  ihn  der  König
durch  Schenkung  der  ehemaligen  Ritterakademie,  durch  Geldsummen,  welche  die
Ritterschaft  hergeben  mußte,  durch  Ausfuhrverbote  und  Preisbestimmungen  der
Wolle,  durch  Heranziehung  geschickter  fremder  Arbeiter  und  vornehmlich  durch  den
Absatz,  den  er  im  Heer  und  im  Beamtentum  dem  Tuche  des  Lagerhauses  eröffnete.
Dennoch  hatte  Kraut  und  später  sein  Nachfolger  Schindler  mit  den  größten
Schwierigkeiten  zu  kämpfen.  „Haufen  Schelme  hatten  gehofft“,  schrieb  der  König,
        <pb n="399" />
        Handel  und  Gewerbe.  295

daß  das  Werk  mißlingen  werde,  weil  es  mein  Werk  ist  und  nicht  von  andern
herrührt“.  Schließlich  gelang  das  Werk  doch,  und,  worauf  dem  König  es  eben
ankam,  Tausende  kleiner  Leute  hatten  dadurch  Arbeit  und  Brot,  Nahrung  und
Verdienst  erhalten.  Hierauf  legte  der  König  alles  Gewicht.  Um  die  Stadt
„Berlin  zu  souteniren  und  in  specie  der  Armuth  Unterhalt  zu  schaffen“,  habe
er  sich  der  Manufaktur  angenommen  und  das  Lagerhaus  errichtet,  „daraus  sehr

 

 

 

 

Das  Kal.  Lustschloß  Monbljou.

Verkleinerte  Nachbildung  der  Radlerung  von  J.  B.  Broebes  (um  1670—1733)  aus  dessen  ues  des  Palois  ei
Alaisons  de  Plaisance  de  Sa  Dlajesté  le  Roy  de  Prusse..  Tugsburg  1733.  (S.  S.  300.)

viele  Leute  ihren  Verdienst  bekommen“".  Weil  das  Tuch  für  die  Armee  hier
gemacht  wurde,  „so  hat  die  Armuth  durch  Wollkämmen  und  Spinnen  und  dergleichen
  ihren  Unterhalt  dabey  gefunden“.  Er  verordnet,  „daß"  das  Lagerhaus
„sich  erkundigen  müsse,  wo  Leute  in  Berlin  sind,  die  nicht  Brod  haben,  denen
das  Lagerhaus  Arbeit  geben  solle,  daß  sie  sich  durch  Spinnen,  Wolle-Kämmen
und  dergleichen  ihr  Brod  erwerben;  wenn  aber  dergleichen  arme  Leuthe  demohnerachtet
  nicht  arbeiten,  sondern  betteln  wollen,  so  sollen  sie  sehr  scharf  gestrafet
  werden“.  Man  sieht,  wie  der  König  auch  für  den  kleinsten  Bürger  und
        <pb n="400" />
        296  Handel  und  Gewerbe.

Gewerbetreibenden  ein  landesväterliches  Wohlwollen,  eine  Sorgfalt  und  eine
Einsicht  übt  und  entfaltet,  die  wahrhaft  rühmenswert  sind,  und  die  ihre  rechte
Beleuchtung  erst  erhalten  durch  den  Blick  auf  die  gedrückte  Lage  derselben  Menschenklassen
  in  anderen  Staaten  der  Zeit.  Und  immer  zeigt  es  sich  dabei  als  Grundsatz
des  Königs,  dem  Arbeiter,  der  durch  fleißiges  und  tüchtiges  Schaffen  an  der
Steigerung  des  Umsahees  beteiligt  war,  auch  seinen  Teil  an  Gewinn  und  Verdienst
zukommen  zu  lassen.

Dies  beides:  Steigerung  des  Umsatzes  und  Hebung  des  Verdienstes  für  die
Tausende  von  kleinen  Arbeitern,  welche  die  Tuchmacherei  beschäftigte,  war  auch
eins  der  vornehmsten  Ziele  des  Königs  bei  der  Gründung  der  russischen
in  Berlin.  Sie  aber  bildete  zugleich  eine  außerordentliche  Schulung  für  den
Handel  und  seine  Vertreter.  Der  Handel  erweckte  ja  den  Manufakturen  die  Lebensbedingungen.
  Ueberall  suchte  Friedrich  Wilhelm  ihm  aufzuhelfen,  sogar  an  überseeischen
  Verkehr  hat  auch  er  gedacht,  und  seine  politischen  Gesandten  an  fremden
Höfen,  seine  Residenten  in  den  wichtigsten  Handelsstädten  erhielten  immer  wieder
den  Befehl,  „über  alle  Vorfälle,  die  für  die  Kommerzien-,  Manufakturen  Sachen
von  Belang  sind,  in  besonderen  Postscriptis  Bericht  zu  erstatten",  um  den  preußischen
Handel  neue  Absatzwege  zu  eröffnen.  Eine  solche  Anregung  gab  nun  1720  der
überaus  umsichtige  Gesandte  Axel  von  Mardefeld  in  Petersburg.  Die  Lieferungen
der  Tuche  für  die  russische  Armee  hatten  bis  dahin  die  Engländer,  aber  es  gelang
den  Bemühungen  Mardefelds  bei  den  verhältnismäßig  günstigen  politischen  Zuständen
  des  Jahres  1724,  die  Lieferung  durch  Preußen  zu  erlangen,  und  wiewohl
unter  mancherlei  Sorgen  und  Zagen  traten  in  Berlin  erst  zehn,  dann  weitere
neun  Kaufleute  zu  einer  Gesellschaft  zusammen,  die  den  Vertrieb  preußischer  Tuche
nach  Rußland  übernahm.  Die  bekanntesten  unter  ihnen  waren  Splittgerber  und
Daum,  die  mit  dem  höchsten  Anteil  von  72,500  Thalern  der  Gesellschaft  beitraten,
  doch  blieb  auch  anderen  Kaufleuten  der  Zutritt  offen.  Im  ganzen  wird
das  eingezahlte  Kapital  100,000  Thaler  nicht  überschritten  haben,  doch  schon  das
erste  Geschäftsjahr  brachte  einen  Gewinn  von  22,878  Thaler,  also  über  20  Prozent,
1731  erreichte  man  mit  230,000  Thalern  den  höchsten  Absatz,  und  daneben  wurden
noch  die  allerverschiedensten  preußischen  Manufakturen,  so  z.  B.  die  des  großen
Messingwerkes  von  Splittgerber  und  Daum  in  Rußland  abgesetzt.  Unter  der
Ungunst  der  politischen  Verhältnisse  ging  die  Kompagnie  später  (1738)  freilich  zu
Grunde,  aber  unschätzbar  war  der  Nutzen,  den  sie  dem  Handel  gebracht  hatte.
Ja,  der  Verdienst,  welchen  die  kleinen  Meister  besonders  in  der  Neumark,  aber
auch  sonst  im  Lande,  wie  in  Kottbus  und  Beeskow,  gewonnen  hatten,  war  unberechenbar,
  und  „die  Beseitigung  ihrer  Not  war  einer  der  leitenden  Gesichtspunkte
bei  allen  Entschlüssen  des  General-Direktoriums  und  allen  Handlungen  der  Steuerräte",
  die  auch  für  diese  Kompagnie  und  bei  allen  ihren  Schritten  ihre  segensreiche
  Thätigkeit  zu  entfalten  hatten.  Wie  außerordentlich  sich  die  Tuchindustrie
hob,  ersieht  man  beispielsweise  daraus,  daß  in  Berlin  1720  34,969,  1735  aber
81,955  kleine  Stein  Wolle  verarbeitet  wurden,  daß  man  1719  nur  1628,  1740
aber  2110  Tuchmachermeister  zählte,  und  wie  die  Verbesserung  der  Arbeit  selbst
stieg,  zeigen  die  noch  heute  zahlreich  vorhandenen  Tuchproben.

Die  Seidenindustrie  stand  dagegen  noch  zurück,  doch  schärst  ein  Edikt  von
1716  den  Amtleuten,  Magistraten  und  Geistlichen  die  Anpflanzung  von  Maulbeerbäumen
  ein,  1732  gab  er  deren  bei  Berlin  und  Potsdam  2300,  ihr  Seiden-
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        Verkehr.  —  Rechtspflege  297

ertrag  betrug  115  Pfund.  Die  Gold=  und  Silbermanufaktur  Schindlers  in  Berlin
beschäftigte  im  Jahre  1714  700  Arbeiter  und  zahlte  ihnen  40,000  Thaler
Lohn,  Charles  Vigne  stand  an  der  Spitze  der  Gobelinweberei,  Claude  Pitra  legte
in  Berlin  eine  Seidenfabrik  an,  in  Potsdam  entstand  die  Sammtfabrik  des  Schutzjuden
  David  Hirsch.  Auch  Halbseide,  seidene  Strümpfe  u.  dgl.  wurde  fabriziert,
umd  vor  allem  erblühte,  und  zwar  ganz  unabhängig  von  staatlicher  Hilse  damals
das  Geschäft  der  Brüder  von  Leyen  in  Crefeld;  Nähseide,  seidene  Tücher  und
Bänder  sowie  Sammt  fabrizierten  und  vertrieben  sie  mit  erheblichem  Umsatz.

Von  größtem  Nutzen  hierfür  war  natürlich  die  außerordentliche  Sorgsamkeit,
mit  der  Land=  und  Wasserstraßen  reguliert  wurden,  die  Aufmerksamkeit,  die  auf
regelmäßigen  und  vermehrten  Postenlauf  verwandt,  wde  ren  Reisende
rühmten  ihn  auch  damals  wieder.  Namentli  n  Pom  d  Preußen
wurden  zahlreiche  neue  Strecken  eingerichtet,  und  die  Sreinicch  wesistlisen  Lande
einem  besonderen  Post-Inspektorat  übergeben.

Gewiß  aber  konnten  Handel  und  Wandel  nur  gedeihen,  wenn  eine  prompte
und  ehrliche  Rechtspflege  hinter  ihnen  stand.  Auch  auf  diesem  Gebiete  sah  es
beim  Regierungsantritt  Friedrich  Wilhelms  traurig  aus.  Wie  in  den  Städten,
so  waren  auch  in  den  staatlichen  Gerichtshöfen  die  Menge  und  Unfähigkeit  der
Richter,  die  Mannigfaltigkeit  der  verschieden  organisierten  Gerichte,  die  Höhe  der
Sporteln,  die  Unsicherheit  des  materiellen  Rechtes  selbst,  die  Verschleppung  der
Prozesse,  die  Weitschweifigkeit  der  Prozeßordnungen,  besonders  des  Zivilprozesses
und  ganz  vorzüglich  die  Unlauterkeit  des  Advokaten=  und  Prokuratorenstandes
Ursachen  einer  durchaus  schlechten  Rechtspflege.  Für  eine  Natur  von  dem  Pflichtgefühl
  Friedrich  Wilhelms  konnte  dies  nur  der  Anlaß  zu  einem  äußerst  energischen
Eingreifen  sein.  Sein  Wille  sei,  so  erklärte  er  gleich  anfänglich,  „daß  die  Justiz
in  allen  seinen  Landen  schnell,  unparteiisch,  mit  reinen  Händen,  gleich  für  arm
und  reich,  hoch  und  niedrig  administriert  werde“.  Er  beklagt  selbst,  daß  er  so
streng  schreiben  müsse,  „aber  die  schlimme  Justiz  zum  Himmel  schreit,  und  wenn
ich  es  nicht  remedire,  ich  selbst  die  Verantwortung  auf  mich  lade“.  Allen  Vorschlägen,
  langwierige  Gutachten  Sachkundiger  einzuholen,  zu  denen  man  ihm  raten
zu  müssen  glaubte,  trat  er  bestimmt  entgegen  und  konnte  daher  schon  im  Juni
1713  eine  allgemeine  Ordnung  und  Verbesserung  des  Justizwesens  veröffentlichen,
welche  die  Behörde  bei  schwerer  Verantwortung  steif,  fest  und  unverbrüchlich  zu
halten  haben  und  welche  beständig  in  loco  jucicü  auf  dem  Tisch  liegen  soll.
Freilich  zu  einer  Kodifizierung  eines  allgemeinen  Landrechtes  kam  es  zu  Friedrich
Wilhelms  Zeiten  noch  nicht,  und  konnte  es,  wie  die  heutige  Zeit  leicht  begreift,
nicht  kommen,  aber  die  Arbeiten  an  einem  solchen  durften  während  seiner  Regierung
nicht  ruhen,  wurden  namentlich  schon  jetzt  durch  Samuel  von  Cocceji  wesentlich
gefördert.  Sie  bilden  auch  die  Grundlage,  auf  der  später  ein  solches  zu  stande
kam,  und  für  Ostpreußen  gelang  es  in  Wirklichkeit  schon  1721  durch  Cocceji  ein
Landrecht  zu  schaffen.  Die  Neuerungen  in  diesem  betrafen  im  wesentklichen  auch
nur  die  Prozeßordnungen,  dies  aber  war  auch  das  Notwendigste.  Zugleich  mußten
Plotho  und  namentlich  Katsch  und  Cocceji  an  der  Reform  des  Kammergerichtes  und
des  Magdeburger  Rechtes  arbeiten,  wurde  auch  hier  die  Prozeßordnung  vereinfacht,
wurde  die  schleunige  Beendigung  der  Prozesse,  die  wissenschaftliche  Tüchtigkeit
und  Vorbildung  der  Richter,  ihre  zweckentsprechende  Befreiung  von  anderen
Aemtern,  die  Reinigung  des  Richter=  wie  des  Advokatenstandes,  die  Herabsetzung
        <pb n="402" />
        298  Kirchenpolitik.

der  Sporteln,  die  möglichste  Herausziehung  des  Landesherrn  aus  allen  Prozessen,
endlich  die  Trennung  der  Justizverwaltung  von  der  Rechtsprechung  mit  der  Ernennung
  Coccejis  zum  Minister  chef  de  justice  wenigstens  angestrebt.  Von
besonderer  Beudeutung  war  endlich  die  Ausbildung  des  Fiskalats;  bei  jeder  Kammer
und  jedem  Gericht  wurden  Fiskale  angestellt,  um  die  Geschäftsführung  aller  Beamten
  und  vorzüglich  der  Advokaten  zu  beaussichtigen.  Doch  gerade  auf  diesem
Gebiet  gelang  es  dem  König  am  wenigsten,  seine  Pläne  voll  auszuführen,  und
nur  mit  tiefem  Kummer  sah  er,  wie  sie  scheiterten.

Aufrichtig  war  Friedrich  Wilhelm  wie  in  allem,  so  besonders  in  seiner  tiefen
Frömmigkeit,  er  lebte  mit  seinem  Gott  in  einem,  man  möchte  sagen,  persönlichen
Verkehr;  er  weiß  nicht  nur  genau,  daß  er  mit  ihm  gut  steht,  sondern  auch  das  Jahr
giebt  er  an,  seit  welchem  er  sein  Vertrauen  auf  ihn  gesetzt  hat.  Und  wie  er
selbst,  so  soll  seine  Familie,  sollen  seine  Beamten  und  Offiziere,  soll  sein  Staat,
sein  ganzes  Volk  in  wahrer  Frömmigkeit,  leben.

Zuweilen  freilich  ward  es  ihm,  wie  er  offen  bekennt,  schwer,  Gottes  Geboten
zu  folgen.  So  meinte  er  wohl  von  der  Jagd,  die  ihm  eine  unentbehrliche,  gern
und  oft  geübte  Erholung  war,  „wenn  man  recht  in  sein  Gewissen  gehe,  fühle
man's  wohl,  daß  es  nicht  recht  sei,  Gott  fordere  viel  von  uns“.  Mit  größter
Strenge  hielt  er  namenklich  auf  eigenen  sittlich  reinen  Lebenswandel,  schon  Komödien
hielt  er  für  Sünde,  nur  Kraft-Darstellungen,  wie  die  des  starken  Mannes  Eckenberg
  duldete  er,  ebenso  enthielt  er  sich  der  damaligen  Sitte  „des  Saufens“,  weil
es  wider  Gottes  Wort  sei,  „er  habe  aber“  —  setzt  er  treuherzig  hinzu  —  „doch
oft  Lust  dazu,  ob  er's  gleich  nicht  thue“.

Streng  hielt  er  auf  kirchliche  Ordnung.  Zahlreich  sind  die  Kirchen,  die  er  in
den  Städten  und  auf  dem  Lande  gebaut  hat,  und  in  allem  suchte  er  ein  rechter
evangelischer  Christ  zu  sein,  an  dem  kein  Falsch  sei.  Ueber  den  Gegensat  der  lutherischen
  und  reformierten  Kirche  ist  er  innerlich  hinaus,  er  sieht  darin  nur  „Prediger=Gezänke“
  und  ist  überzeugt,  daß  die  Lutheraner  so  gut  wie  die  Reformierten
selig  werden  könnten.  Unbefangen  erkannte  er  die  größere  Tüchtigkeit  der  lutherischen
Geistlichkeit  an,  und  schon  übt  es  keinen  Einfluß  auf  die  Anstellung  eines  Beamten
mehr  aus,  ob  der  Vorgeschlagene  sich  zur  reformierten  oder  lutherischen  Kirche
bekennt.  Doch  den  Streitigkeiten  zwischen  Lutheranern  und  Reformierten,  die  auf
der  Kanzel  ausgefochten  wurden,  tritt  er  mit  Strenge  entgegen,  und  in  der  Instruktion
  für  seinen  Nachfolger  sagt  er  diesem:  „Ihr  müsset  allen  Konsistorien
scharf  anbefehlen,  daß  auf  den  Kanzeln  keine  Kontroversen  traktiert  werden;
Ihr  müsset  immer  auf  Einigkeit  der  beiden  Religionen  hinarbeiten“.  Die  von

#achims  II.  Zeiten  üblichen,  an  den  Katholizismus  erinnernden  Formen  des
Gottesdienstes  suchte  er  zu  vereinfachen,  die  langatmigen  Predigten  zu  kürzen,  und
besonders  eingehend  sorgt  er  für  die  Vorbildung  der  Geistlichen.

Der  katholischen  Kirche  wurden  gewissenhaft  die  zugesicherten  Rechte  gewahrt
  und  im  Gegensatz  zu  anderen  protestantischen  Staaten,  wie  England  und
Holland,  volle  Freiheit  ihrer  Religionsgebräuche  gestattet.  Selbst  als  die  Unterdrückungen
  der  Evangelischen  in  Thorn  und  in  Salzburg  den  Gipfel  aller  Verfolgungswut
  erreichten,  und  der  König  in  Warschau  und  Wien  wie  an  den
bkrotsstantichen  Höfen  alle  Hebel  zu  ihrer  Beseitigung  ansetzte,  ist  er  doch  über

ie  Androhung  mit  Repressalien  nur  wenig  hinausgegangen.  Ungemein  segensreich
hürte  hier  die  namentlich  von  Cocceji  betriebene  Ernennung  eines  Generalvikars
        <pb n="403" />
        <pb n="404" />
        300  Kunst  und  Wissenschast.

für  alle  Katholiken  der  Monarchie,  für  die  Rom  schon  unter  gewissen  Formen
seine  Zustimmung  gegeben,  wirken  müssen,  doch  ist  es  schließlich  nicht  dahin  gekommen.
  Die  Zahl  der  katholischen  Unterthanen  nimmt  unter  ihm  —  schon
durch  die  Armee  —  erheblich  zu,  und  bereitwillig  baut  er  ihnen  Kirchen  und
sorgt  für  ihre  Seelsorge.  Nur  die  Jesuiten,  „Vögel,  die  dem  Satan  Raum  geben
und  sein  Reich  vermehren  wollen“,  „Teufel,  die  zu  vielem  Bösen  capabel“,
duldete  er  nicht  in  seinem  Staat.  Sie  solle  auch  sein  Sohn,  so  instruiert  er  ihn,
nicht  aufnehmen  und  ebensowenig  neu  einwandernden  Juden  Schuthbriefe  geben,
denn  die  Juden  ruinierten  die  Christen.

Hauptsächlich  hat  man  immer  die  Mißachtung  getadelt,  mit  der  Friedrich
Wilhelm  Künste  und  Wissenschaften  verspottet  habe.  Und  freilich,  für  den  Schmuck,
den  die  Künste  dem  Leben  geben,  hatte  jene  eiserne  Zeit,  die  erst  die  Grundbedingungen
  schuf,  um  ein  ehrliches,  sittenreines  Leben  zu  ermöglichen,  keine
Muße.  In  den  Briefen  des  Königs  an  seine  Gesandten  finden  sich  wohl  Aufträge,
ihm  von  einer  berühmten  Statue  einen  Abguß  zu  senden  und  das  Geld  dafür
nicht  zu  sparen,  aber  das  Erstaunen  über  solche  überreschenden  Aufträge  löst  sich,
sobald  man  hört,  das  jene  Statuen  nur  Umschreibungen  für  „lange  Kerle“  waren,
die  der  Gesandte  besorgen  sollte,  ohne  daß  die  fremde  Regierung  die  Art  des
Aufstrages  erkennen  konnte,  falls  sie  den  Brief,  wie  damals  oft  geschah,
öffnete.  Auch  zeugen  die  Malereien,  die  der  König  in  Stunden  körperlichen
Elends  zu  verfertigen  liebte  —  in  tormentis  pinzit  unterschrieb  er  sie  —  sicherlich
nicht  von  künstlerischer  Ausbildung,  aber  mit  Vorliebe  hörte  er  Händelsche  Kompositionen
  und  ließ  den  Kronprinzen  schon  im  fünften  Lebensjahr  im  Klavierspiel
unterrichten.  Daß  der  Baukunst  keineswegs  nur  das  Notdürftigste  zugemutet
wurde,  bezeugt  die  Fortsetzung  des  Berliner  Schloßbaues,  der  Ausbau  des
Schlosses  Monbijon,  bezeugen  die  Häuser  in  der  Wilhelmstraße  in  Berlin
und  andere  kirchliche  und  Profanbauten.  Auch  die  Kupferstecherkunst  fand  größere
Ermutigung,  und  die  Porträts  des  sogar  mit  einem  Gehalt  von  1500  Thalern
angestellten  Hofmalers  Antoine  Pesne  finden  noch  jetzt  und  mit  Recht  vollen
Beifall.  Die  angebliche  Vernachlässigung  der  Wissenschaft  beruht  ferner  auf  einer
Verwechslung  dieses  Begriffes  mit  dem  der  Gelehrsamkeit.  Diese  war  es,  die
der  König  für  unfruchtbar  hielt,  und  das  vielfach  aufgeblasene  und  gespreigie
Lebabren  ihrer  Vertreter  wußte  er  in  so  trastischer  Weise  an  Personen  wie
Gundling,  Faßmann,  Morgenstern,  wie  in  der  berühmt  gewordenen  Frankfurter
Disputation  an  den  Pranger  zu  stellen.  Für  einzelne  Zweige  der  Wissenschaft
aber,  so  namentlich  der  Medizin  und  Nationalökonomie  hatte  Friedrich  Wilhelm
sehr  wohl  ein  Verständnis.  Aus  der  Akademie,  die  mehr  ein  Prunk  für  den
Hof,  als  eine  Stätte  wahrer  Wissenschaft  geworden  war,  wurde  unter  ihm  ein  Institut
zur  Vorbereitung  für  die  Aerzte  der  Armee,  und  auch  in  anderer  Weise,  wie
durch  die  Förderung  des  Seidenbaues  wirkte  sie  für  die  Belehrung  des  Volkes.
In  hohem  Maße  sorgte  der  König  für  die  wissenschaftliche  Ausbildung  seiner
Beamten  auf  der  Universität,  immer  mehr  wird  der  Nachweis  einer  solchen  die
Vorbedingung  für  die  Anstellungen.  Ganz  neue  Professuren  wurden  an  den
Universitäten  Halle,  Frankfurt  a.  O.  und  Königsberg  gegründet,  namentlich  für
alle  Zweige  der  Verwaltung,  für  deutsche  Beredsamkeit,  für  Ingenieurwesen  und
Mechanik,  und  Halle  wurde  die  erste  und  besuchteste  Universität  Deutschlands  mit
mehr  als  2000  Studenten.  Und  ebenso  wie  der  König  seine  Generale  —  unter
        <pb n="405" />
        Vollsschule.  301

denen  der  genannte  Reisende  von  Loẽen  „verschiedene  gute  Köpfe“  kennt,  „welche
den  Wissenschaften  mehr  Ehre  als  diejenigen,  deren  Handwerk  eigentlich

es  ist,

Gelehrte  zu  sein“  —  wie  er  d

ie  Landwirte  und  Kaufleute  brauchte,  so

zog  er  auch  die  Universitätslehrer  w  für  praktische  Staatszwecke  heran

Kurz  wahre  Wissenschaft
liegt  überall  zu  Grunde,
wird  überall  vom  König
vorausgesetzt,  gefordert
und  gefördert.  Ja  in-Jahre
  1739  las  er  sogar
  täglich  mehrere
Stunden  die  philosophischen,
  entsetzlich  breit
geschriebenen  Werke  Chr.
Wolfs  und  bemühte  sich,
den  von  ihm  früher  selbst
aus  Halle  entfernten
Philosophen  für  Frankfurt
  zurückzugewinnen,
nahm  die  Widmung  des

zweiten  Teiles  seiner

Philosophie  entgegen.

8  Ruhnmreichste
und  Folgenschwerste  aber,
was  der  König  in  dieser
Beziehung  that  war  die

Schöpfung  der  preußischen
  Volksschule  “0  des
preußischen  Schulzwanges
  für  alle  königlichen
  Lande  durch  das
Edikt  vom  23.  Oktober
1717.  Um,  wie  es  später
noch  heißt,  „den  höchst
deplorablen  Zustand  des
Landvolks  in  Ansehung
alles  Wissens  und  Thuns
zu  beseitigen“,  befahl  er
bei  harter  Strafe  den

Eltern,  die  Kinder  vom

fünften  bis  zum  zwölften

Lebensjahre  im  Winter

 

alob  Paul  Freiherr  von  Gundling.  Pn
Auf  ½  verlleinertes  busussfe  s33  2  Meisters  in  „Der  Gereybur

Dlese  ocgen  Gundiülng  versaßie,

n  dem  Buchhändler
Een  esie  Fort.  rh  18.  gash2  iee
Epoulchnn  st  g  solgende  s  Stien  gelel  Narr  sien  In

Musco,  mit  elnem  b  in  und“  2  ruquẽ  aus  ·
jabend.  Guuche  Assen  und  •  greni  ss  und  e.  von
i
tam

2  "7  Hwe  .  mem
r

es  Baoohi  ten  G  ater  e  4  auf  sel
eßeln  balt  dem  Hcntteilch  -  ein  agrosses  Buch  vor,  außg  weschem  ein  unarilger
  Asse  ein  reisset.  .  .  Von  l7  SI
dleses  zu  mercken,

43  -  iz
9#  el  E  esiellet  I  werden
helt  wi  lI  kl  Stkäta  —
.  entirei  hiu  Gelehrien  Narrn  *  n  sel  W  9oN7  re
nhe  irn  s  Gelct  n  sieht  eine  ce  "  und  an
er  immer  durstl  W—  m  W'ent  gerne  zu  trincken

täglich,  im  Sommer  wenigstens  ein=  oder  zweimal  wöchentlich  in  die  Schule  zu
schicken.  Reichlich  gab  der  König  die  erforderlichen  Summen  zum  Bau  von  Schulhäusern,
  zur  Besoldung  der  Lehrer,  nötigte  die  Patrone,  auch  ihrerseits  zu  deren

Unterhalt  beizutragen.

enn  es  an  Lehrern  fehlte,  und  vielfach  Handwerker

  zum  Schuldienst  herangezogen  werden  mußten,  so  war  es  der  Stifter
        <pb n="406" />
        302  Volksschule.  —  Ostpreußen.

des  Waisenhauses  in  Halle,  war  es  Aug.  Herm.  Francke,  der  nicht  nur  bei
1000  Waisenkinder  erzog,  sondern  zugleich  junge  Theologen  zu  Lehrern  ausbildete,
welche  die  Schulen  leiteten  und  sie  später  als  Geistliche  beaufsichtigten.  Wie  in
Halle,  so  entstanden  auch  in  Stektin  und  Magdeburg  Lehrerseminarien,  und  der
König  gründete  einen  Nons  pietatis  als  Schulfonds,  erließ  wiederholt  Edikte,  den
Schulzwang  und  die  Schulreform  durchzuführen.  Ja,  er  selbst  ging  in  die  Schulen
und  machte  sich  so  vertraut  mit  dem  Lehrsystem,  daß  er  „mit  Lachen“  bei  Hofe
zeigen  konnte,  wie  es  die  Kinder  beim  Buchstabieren  machten.

Immer  höher  wuchs  die  Zahl  der  Schulen  an,  und  namentlich  in  Ostpreußen
wurden  im  Bezirk  der  Königsberger
Kammer  855,  in  Littauen  275  neue
Schulen  gegründet;  die  Armenschule
in  der  Stadt  Königsberg  zählte  allein
1300  Schulkinder,  die  von  65  Studenten
  der  Theologie  Unterricht  erhielten.
  Es  war  ein  ungeheures
Resultat,  das  wesentlich  zu  der  Umgestaltung
  Ostpreußens  beitrug,  die
recht  eigentlich  die  größte  Schöpfung
Friedrich  Wilhelms  ist  und  deshalb
wenigstens  mit  einigen  Strichen  im
Zusammenhange  zu  zeichnen  ist.

Entsetzlich  hatten  hier  die  während
des  Krieges  1656  von  den  Polen
herbeigerufenen  Tataren  gehaust,
bei  34000  Mann  hatten  sie  allein
in  die  Sklaverei  geführt,  eine  Seuche
hatte  außerdem  noch  etwa  80  000
.  Mann  hinweggerafft.  dieser

Seuche  waren  andere  gefolgt,  der

August  Hermann  Francke.
Ausschnitt  9en  66  än  Pn.  Vernhard  Bogel  Menschen  und  Vieh  erlagen.  Am
(1688—1737).  Auf  ctwa  ½/  verkleinert.  furchtbarsten  aber  wütete  1709  die  Pest,
in  Königsberg  allein  waren  ihr  18000,
in  Liktauen  155.000,  im  ganzen  235806  von  der  etwas  über  600000  Seelen
betragenden  Bevölkerung  zum  Opfer  gefallen.  Ein  entsetzlicher  Menschenmangel
war  eingetreten,  aber  entsetzlicher  noch  zeigte  sich  die  Roheit  und  Armut  der
Ueberlebenden.  Wie  aufgelöst  schienen  alle  Bande  menschlicher  Gesiktung,  alles
Gefühl  für  verwandtschaftlichen  Zusammenhang  wie  ausgetilgt,  und  wenn  ja  noch
etwas  von  Kultur  übrig  geblieben,  so  hatten  die  Leiden  des  nordischen  Krieges
es  vernichtet.  Der  dreißigjährige  Krieg  hatte  der  Provinz  Preußen  wohl  weniger
Elend  gebracht  als  den  andern  Provinzen,  jetzt  aber  war  es  durch  Natur  und
menschliche  Grausamkeit  auf  furchtbare  Weise  nachgeholt.  Kaum  wurde  noch  der
Acker  bestellt,  man  lebte  von  der  gräßlichsten  Nahrung,  baute  weder  Obst  noch
Gemüse,  das  Land  versumpfte,  der  deutsche  Pflug  war  so  gut  wie  unbekannt,
Wind=  oder  Wassermühlen  gab  es  fast  gar  nicht  im  Lande,  das  wenige  noch  vorhandene
  Vieh  lief  wild  und  ohne  Aufsicht  umher,  wurde  von  zahllosen  Wölfen
zerrissen.  Auch  der  Adel  war  mit  ganz  wenigen  Ausnahmen  unter  solchen  Um-
        <pb n="407" />
        Ostpreußen.  303

ständen  verarmt,  lebte  nahezu  unter  denselben  dürstigen  und  jammervollen  Lebensbedingungen
  wie  der  Bauer.  Der  Handel  lag  ebenfalls  ganz  darnieder,  und
1704  war  er  so  tief  gesunken,  daß  die  einst  so  reichen  Königsberger  Kaufleute
kein  Schiff  mehr  besaßen,  und  zu  alledem  seufzte  das  Land  unter  einem  Steuerdruck,
der  durch  die  ungleichmäßige  Verteilung  zu  den  größten  Härten  gegen  die  kleinen
Leute  geführt  hatte.

Mit  tiefstem  Kummer
hatte  Friedrich  Wilhelm  beim
Antritt  seiner  Regierung  solche  DECI.  Al  All  ON,
Schäden  gesehen,  und  mit  Daß  die

ganzen  Arbeitskraft.

seiner

seiner  einzig  dastehenden  Sachkunde,

  seinem  ausgebildeten  11-  1  er
Pflichtgefühl  unternahm  er

es,  sie  zu  beseitigen.  Welchen
Fortschritt  aber  bezeichnet  es

gegen  den  Widerwillen  der

Stände,  mit  dem  der  Große  1  *  1  w  1
Kurfürst  hatte  rechnen  müssen,  /
das  der  König  jetzt  in  einem

Eingeborenen  des  Landes,

dem  Grafen  Karl  Heinrich  Das  Echneider  Wt  Weister
Truchseß  von  Waldburg,  d

bereitwilligsten  Förderer  und

Ausführer  seiner  Pläne  fand!  Wehr  nicht  Sc  *  Gesellen
Aber  alle  Berichte  Waldburgs,

seines  „treuen  Trux“,  wie  an

ihn  der  König  nannte,  und  -

alle  Beratungen  einer  Spezial-  Mls  M#e
kommission  mußten  doch  noch  verferkigen  sollen.

vor  der  „preußischen  Regie-  De  Dno  Berlin,  den  a.  Maji  136.
rung  cachiret  werden,  bis
alles  ebauchiret  wird  sein,

 

alsdann  auf  einmahl  eclat-  BERe2egZN,
tiren  und  in  suhrie  einrichten,  Gedrudct  bey  dem  Konigl.  Preussischen  —
daß  die  Leute  keine  Zeit  haben  Daniel  Andrtas  Nidi

zur  Remonstration“.  ä  Titel  eines  Edikts  des  ws  rruarnc  Wilhelm  I.  vom
lich  mußten  die  Schoßein-  1736.
nehmer  Verzeichnisse  so  aut  vn  i  verlleinert.
Steuern  und  aller  Steuerausfälle
  an  den  König  senden,  denn  gerade  nach  dieser  Richtung  hatten  Waldburgs
  Berichte  die  schlimmsten  Fälschungen,  Betrügereien,  eine  namenlose  Ueberbürdung
  der  Armen  bei  fast  vollständiger  Steuerfreiheit  der  Angesehenen  in  Stadt
und  Land  gezeigt.

Hier  konnte  nur  eine  volle  Aenderung  helfen,  und  der  König  genehmigte
daher  den,  auch  von  Ilgen,  Creutz  und  Grumbkow  gebilligten  Plan  Waldburgs,
an  die  Stelle  aller  bisherigen  Steuern  eine  einheitliche  Generalhufensteuer  nich
        <pb n="408" />
        304  Ostpreußen.

der  Ertragsfähigkeit,  der  „Bonität“  der  Güter  einzuführen,  und  ernannte  den
Grafen  zum  Präsidenten  des  Königsberger  Kommissariats.  In  der  That  gelang
es  diesem,  durch  geschickte  Verhandlungen  den  größten  Teil  des  Adels  für  die
Neuerung  zu  gewinnen,  während  ein  anderer  ihn  allerdings  als  „die  Geisel  des
Landes“  schmähte  und  zu  einem  allmählich  immer  heftiger  werdenden  Widerspruch
sich  hinreißen  ließ.  Trotzdem  war  der  König  bereit,  gegen  eine  sichere  Gewähr
für  den  regelmäßigen  Eingang  einer  220000  Thaler  betragenden  Steuer  alles
nachzugeben.  Deun  wie  diese,  geringere  als  den  Soll-Etat  ausmachende,  Zahl
beweist,  war  es  dem  Könige  durchaus  nicht  um  eine  Erhöhung  der  Gesamtsumme,
sondern  lediglich  um  deren  sicheren  Eingang  zu  thun.  Erst  als  die  Deputierten
der  Stände  auch  dies  ablehnten,  gab  der  König  seiner  Auffassung  vom  Staate  in
jenen  berühmten  Worten  Ausdruck:  „Er  stabiliere  die  Souverainets
wie  ein  Rocher  de  Bronze;  der  Windt  könne  auf  dem  Landtage  immer
noch  gemacht  werden,  aber  die  Hubenkommission  habe  ihren  Fortgang“.  Unermüdlich
  arbeitete  die  Kommission  unter  Waldburgs  Leitung,  und  in  vier  Jahren
war  man  zum  Resultat  gekommen.  Es  zeigte  sich,  daß  34671  Hufen  bisher
verschwiegen  und  also  steuerfrei  geblieben  waren,  und  indem  diese  nun  zu  den
65  884  bisher  versteuerten  Hufen  ebenfalls  zur  Zahlung  herangezogen  wurden,
und  viele  adelige  Hufen  statt  zwei  Drittel  Thaler  jetzt  fünf  bis  sechs  Thaler
steuern  mußten,  ergab  sich  eine  ungemeine  Erleichterung  für  den  armen  Mann,
eine  Wohlthat  für  das  ganze  Land.  Freilich  war  schon  damit  dem  Grundbesitzer
ein  lange  behauptetes  Vorrecht  genommen,  aber  auch  alle  seine  Besitztitel  wurden
untersucht  und  Tausende  von  Morgen,  die  er  als  herrenloses  Gut  an  sich  gezogen,
dem  Staat  zurückgegeben.  Endlich  wurde  ihm  das  Recht,  nur  eingeborene  Beamten
und  Richter  zu  dulden  und  die  Ansiedelung  Fremder  von  seiner  Zustimmung  abhängen
  zu  lassen,  genommen.  Doch  der  weitaus  größte  und  gebildetste  Teil  des
Adels  stimmte  dem  Könige  zu,  erkannte  den  bisherigen  Zustand  als  krankhaft  an
und  fühlte  in  der  neuen  Stellung,  die  seine  ganze  wirtschaftliche  Lage  so  einschneidend
  veränderte,  doch  zugleich  die  höhere,  würdigere  Aufgabe.  Als  der
König  auch  hier  die  Allodifikation  der  Lehen  anordnete,  konnte  sie  ohne  Widerspruch
durchgeführt  werden.

In  einem  andern  Punkte  wirkte  der  König  für  den  Adel  vorbildlich,  für  die
Unterthanen  in  seinen  Amtsdörfern  unendlich  segensreich.  Auch  hier  erklärte  er
nämlich  durch  die  Edikte  von  1719  und  1723  die  Leibeigenschaft  auf  den  Domänen
für  aufgehoben,  die  Höfe  der  bäuerlichen  Domänen-Unterthanen  für  deren  freies,
vererbliches  und  verkäufliches  Eigentum,  dessen  Bewirtschaftung  auf  eigene  Kosten
zu  bewerkstelligen  sei.  Und  in  jeder  Weise  wurde  der  Bauer  durch  die  Kammern
und  Räte  des  Königs,  wie  durch  die  Muslerwirtschaft  des  Fürsten  von  Anhalt,
der  auf  Veranlassung  des  Königs  in  Preußen  das  große  Gut  Bubainen  angekauft
hatte,  über  sachgemäße  Wirtschaft  belehrt,  ihm  sogar  die  Ackergeräte,  namentlich
der  deutsche  Pflug  geliefert.  Aber  wie  frei  und  wie  gerecht  besteuert  der  Bauer
auch  sein  mochte,  er  mußte,  wenn  er  vorwärts  kommen  sollte,  seine  Erzeugnisse
absetzen  können.  Ganz  erstaunlich  ist  die  Thätigkeit,  die  in  dieser  Beziehung
namentlich  von  Waldenburgs  Nachfolger,  Lesgewang,  und  dem  Minister  von
Grumbkow  ausgeübt  wurde.  Flüsse  wurden  schiffbar  gemacht,  mit  Schleusen  versehen,
  die  beiden  Friedrichsgräben  vom  Könige  angekauft,  die  Wege  hergestellt  oder
verbessert,  die  Posten  vermehrt.  Neue  Absatzorte  im  Innern  wurden  angelegt,
        <pb n="409" />
        Ostpreußen.  305

und  durch  Verlegung  der  Behörden  —  Gumbinnen  erhielt  z.  B.  die  zweite  Kriegsund
  Domänenkammer  neben  der  Königsberger  —  durch  Häuserbau,  Heranziehen
von  Handwerkern,  besonders  Wollwebern,  durch  Beförderung  der  Industrie  eine
Reihe  von  Städten  wie  Tapiau,  Ragnit,  Biala,  Stallupönen,  Gumbinnen  sozusagen
  neu  erschaffen.  Große  Getreide-Magazine  legte  der  König  an,  die  dem
Landmann  das  Getreide  abzukaufen  hatten,  und  endlich  folgte  sogar  eine  völlige
Neuverteilung  des  Grund  und  Bodens  selbst.  Jeder  Bauer  erhielt  danach  mindestens
zwei  Hufen  mit  vollständigem  Viehbestand,  die  Höfe  und  Dörfer  wurden,  wo  es
erforderlich  war,  neu  gebaut,  die  Hofdienste  des  Bauern  auf  zwei  Tage  beschränkt
und  die  Naturallieferungen  in  Geldbeträge  umgewandelt.  Kurz,  vom  Könige
selbst  wurde  auch  hier  wieder  eine  sozialpolitische  Maßregel  durchgeführt,  die  es
verständlich  macht,  wenn  man  an  diesem  Königtum  etwas  der  tribunicia  potestas
der  Römer  Aehnliches  bemerkt  hat,  eine  Maßregel,  welche  das  preußische  Königtum
von  einer  Kraft  und  Einsicht  ohne  Gleichen  zeigt.

Von  vornherein  aber  war  der  König  darauf  bedacht  gewesen,  dem  Mangel
an  Menschen  abzuhelfen  und  erfahrene  Wirte  herbeizuziehen.  Durch  Erleichterungen
aller  Art  gefördert,  kamen  solche  auch  aus  den  verschiedensten  Teilen  Deutschlands
—  einwanderungslustige  Polen  wurden  bestimmt  abgewiesen  —  besonders  aus
Sachsen,  und  sie  haben  für  die  Förderung  der  Kultur  in  Preußen  unendlich  viel
gethan,  obwohl  sie  naturgemäß  mit  den  Eingebornen  vielerlei  Schwierigkeiten  und
Reibungen  zu  überwinden  hatten  und  auch  ihrerseits  trotz  der  alle  Verhältnisse
im  voraus  bestimmenden  Einladungs-Patente  des  Königs  Schwierigkeiten  machten.
Im  insterburgischen  und  ragnitschen  Departement  waren  allein  bis  1715  schon
9539  Personen  angesetzt,  und  standen  nur  noch  645  Hufen  wüst.

Die  größte  Förderung  der  Besiedelungs-Pläne  des  Königs  sollte  aber  der
Glaubenseifer  eines  katholischen  Kirchenfürsten,  des  Erzbischofs  Firmian  von
Salzburg,  gegen  seine  evangelischen  Unterthanen  gewähren.  Ungeachtet  der  wiederholten
  Austreibungen  der  Evangelischen  aus  dem  Erzbistum  hatte  sich  in  diesem
nämlich  die  Reformation  so  lebendig  erhalten,  daß  1730  bei  einer  erzbischöflichen
Kommission  noch  20,678  Personen  sich  selbst  zur  Aufzeichnung  als  Evangelische
meldeten.  Wie  Empörer  und  Verbrecher  behandelte  der  Erzbischof  diese  Leute,
und  der  Kaiser  scheute  sich  nicht,  ohne  alle  Rücksicht  auf  die  Vorstellungen  evangelischer
  Fürsten,  seine  Regimenter  gegen  sie  auszusenden,  sie  mit  Gewalt  in  den

der  Kirche  zurückzuführen.  Darüber  entstand  natürlich  eine  starke  Aufregung
unter  den  Evangelischen  in  Deutschland,  aber  „bei  Religionsbeschwerden  im  Reich
sieht  man  sich  überall  nach  dem  Könige  von  Preußen  um“.  Und  nicht  vergebens.
Schon  im  August  1731  beschäftigte  der  König  sich  mit  den  Vorbereitungen,  den
evangelischen  Glaubensbrüdern  in  seinem  Lande  ein  Asyl  zu  eröffnen,  und  noch
vor  Ende  des  Jahres  wies  der  Erzbischof  die  Unangesessenen  „mit  hintantragendem
Sack  und  Pack“  und  dem  Segenswunsch  „so  fahret  hin  zum  Teufel“  über  seine
Grenze.  Selbst  die  Drohungen  des  Königs,  an  der  katholischen  Kirche  in  seinem
Lande  Repressalien  auszuüuben,  wenn  die  Graufamkeit  des  Erzbischofs  nicht  aufhöre,
  ja  selbst  die  politischen  Verhältnisse,  die  den  Kaiser  zum  Einlenken  bestimmen
mußten,  fruchteten  nichts.  Da  erließ  der  König  am  2.  Februar  1732  das
Patent,  in  welchem  er  sich  bereit  erklärte,  die  Vertriebenen  aufzunehmen,  ihnen
Kommissare  zur  Führung  nach  Preußen  stellte  und  sogar  Zehrungsgelder  von  vier
Groschen  für  den  Mann,  drei  für  die  Frau,  zwei  für  jedes  Kind  an  den  Tag

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="410" />
        306  Ostpreußen.

bewilligte.  Am  30.  April  1732  schon  kamen  die  ersten  843  Salzburger  in
Berlin  an,  teilnehmend  und  gastlich  vom  König  und  den  Einwohnern  begrüßt.
„Die  Manufacturisten  nach  der  Neumark,  die  Ackerleute  nach  Preußen“,  so  hatte
ber  König  bestimmt.  Unendlich  rührend  ist  namentlich  die  Ankunft  des  zweiten
Zuges,  den  der  König  auf  der  Landstraße  in  der  Nähe  Berlins  traf.  Er  selbst
stimmte  ein  geistliches  Lied  an,  in  tiefer  Frömmigkeit  sangen  die  Vertriebenen
es  nach,  gewiß,  daß  sein  Abschiedsgruß  „Reiset  mit  Gott“  die  lauterste  Wahrheit
  seines  ergriffenen  Herzens  war.  Für  etwa  5—6000  Kolonisten  hatte  der
König  Fürsorge  getroffen,  aber  auf  die  Meldung,  daß  ihrer  viel  mehr  seien,  schrieb
er:  „Sehr  gut.  Gottlobö!  Was  thut  Gott  dem  brandenburgischen  Hause  für
Gnade!  Deun  dieses  gewiß  von  Gott  kommt!“

 

Ansicht  des  Schlosses  Abeinsberg,  vom  See  aus.
Kupferstich  in  Friedrich  Ekel  Plans  et  vus  du  du  jardin  ei  de  la  ville  de  Reinsberge  1773.
Auf  ½  hrdche

Im  ganzen  kamen  20694  Salzburger,  von  denen  15508  in  der  Provinz
Preußen  und  zwar  11989  auf  Staatskosten  angesiedelt  wurden.  Die  meisten
von  ihnen  waren  Bauern,  die  Ackerland,  Wohnhaus,  Wirtschaftsgebäude,  Abgabenfreiheit
  für  die  ersten  drei  Jahre,  das  nötige  Vieh,  die  Aussaat  und  Ackergeräte
erhielten.  Freilich  bewährten  sich  auch  hier  wie  sonst  nicht  alle  Zuzügler  als
gute  Wirte,  aber  doch  die  überwiegende  Mehrzahl.  Und  wenn  der  König  einmal,
da  eine  Sturmflut  wieder  furchtbare  Verwüstungen  angerichtet  hatte,  „seiner
preußischen  Haushaltung  müde  wurde  und  anfing  zu  glauben,  daß  er  nit  reußiren
werde“,  so  ließ  er  doch  die  Hoffnung  nicht  sinken,  „er  werde  nicht  müde  werden,
und  wieder  von  vorn  anfangen“.  Aufs  glänzendste  wurde  seine  Arbeit  belohnt.
Im  Jahre  1739  kam  der,  nun  auf  seinem  ihm  vom  König  geschenkten  Landsitz
        <pb n="411" />
        Tod  des  Königs.  307

Rheinsberg  residierende,  Kronprinz  auf  Befehl  des  schwer  kranken  Vaters  zur
Inspektion  nach  Preußen,  und  hier  vor  allem  wird  er  die  ganz  außerordentliche
Bedeutung  des  Vaters  erkannt  haben.  Völlig  hingenommen  von  dem  Riesenwerk
schreibt  er  an  Voltaire:  „Der  König  habe  im  Anfang  seiner  Regierung  dort
zwölf  oder  fünfzehn  entvölkerte  Stättes  4  oder  500  wüste  Dörfer,  ein  verkommenes
Land  gefunden;  nun  habe  Littauen  über  eine  halbe  Million  Einwohner,  mehr
Städte  als  früher,  größere  Heerden;  der  Handel  blühe  aufs  neue,  das  Land  sei
bestellt,  sei  reicher  und  fruchtbarer  als  irgend  eine  Gegend  Deutschlands,  und  alles
das  verdanke  man  allein  dem  Könige;  er  habe  es  nicht  nur  befohlen,  sondern
selbst  der  Ausführung  vorgestanden,  alle  Pläne  habe  er  selbst  —  und  allein
vollzogen,  keine  Mühe,  keine  Sorgfalt,  keine  noch  so  großen  Kosten,  keine  Versprechungen
  und  Belohnungen  habe  er  gespart,  um  einer  halben  Million  denkender
Wesen  ein  Glück  und  ein  Dasein  zu  schaffen,  das  sie  ihm  allein  verdanken.“

Und  so  überall  in  den  letzten  Jahren  die  volle  Erkenntnis,  das  begeisterte
Lob  des  Sohnes  für  die  Schöpfungen  des  Vaters,  und  in  ihr  auch  di  ie  Gewähr
für  das  beinahe  herzliche  und  vertrauliche  Verhältmis,  das  nun  hwrischen  Vater
und  Sohn  bestand.  Kaum  daß  eine  Nebelwolke  vorübergehend  Mißstimmung  erzeugt.
  In  kindlich  gerührter  Weise  ist  der  Kronprinz  besorgt,  dem  leidenden
Vater  Erleichterung  zu  verschaffen.  Und  auch  der  König  gewinnt  immer  mehr
Verständnis  für  die  Art,  für  das  Genie  des  Sohnes.  „Er  ist  nun  ein  guter  Wirt,
er  liebt  die  Armee,  wird  sie  erhalten,  er  ist  tapfer,  er  hat  alle  Talente,  um  gut
zu  regieren,  er  bat  Geist  und  alles  wird  gut  gehen“  —  so  spricht  sich  der  König
in  dieser  Zeit  über  den  Sohn  hoffnungsfroh  aus.  Wahrhaft  ergreifende  Momente
kommen  in  den  letzten  Begegnungen  beider  vor,  und  über  der  Unterredung,  in
welcher  der  König  kurz  vor  seinem  Ende  dem  Nachfolger,  dem,  „der  mich  rächen
wird“,  von  der  „unvariablen  Maxime  des  Hauses  Oesterreich,  Preußen  niederzuhalten“,
  von  der  zweideutigen  Haltung  König  Georgs  von  England,  der  unsicheren
Frankreichs,  der  unzuverlässigen  Rußlands  spricht,  ruht  nicht  nur  die  Weihe  des
Todes,  sondern  auch  das  innigste  Glück  des  Vaters  über  den  Sohn,  das  volle
Bewußtsein  des  Schöpfers,  daß,  was  er  gearbeitet,  was  er  geschaffen,  nicht  vergeblich
  gearbeitet,  daß  es  ihn  selbst  überleben,  daß  sein  Preußen  fortdauern  werde.
„Aber  thut  mir  Gott  nicht  viel  Gnade,  daß  er  mir  einen  so  braven  und  würdigen
Sohn  gegeben?"  so  ruft  er  seinen  Offizieren  zu,  und  wieder  erklingen  aus  seinem
Munde  die  Worte:  „Mein  Gott,  ich  sterbe  zufrieden,  da  ich  einen  so  würdigen  Sohn
und  Nachfolger  hinterlasse!“  Noch  sprach  der  König  die  Absicht  aus,  das  Szepter
niederzulegen,  Podewils  sollte  die  Abdankungs-Urkunde  ausfertigen.  Es  kam
nicht  dazu.  Am  31.  Mai  1740  um  3  Uhr  nachmittags  hatte  er  ausgelitten.
Friedrich  II.  war  König  von  Preußen.
        <pb n="412" />
        2
Rönig  Friedrich  der  Große.  1740  86.

Die  beiden  ersten  schlesischen  RKrirge.

    
 

slh  in  der  politischen  Welt  giebt  es  eine  Wahrheit  der  Dinge.
Sie  bewegt  die  Geschicke  der  Staaten  und  Bölker;  wahr  zu
sein,  das  ist  ihr  Gesetz,  darin  haben  sie  ihr  Gericht."  Wenn
anders  dies  Wort  eines  geistvollen  Geschichtslehrers  ein  zutreffendes
  ist  —  und  bange  Sorge  müßte  uns  Menschenkinder
beeschleichen,  träfe  es  nicht  zu  —  so  mußte  über  die  Staaten-Uus
  .dlémoites  ae  Men.  welt,  wie  sie  sich  bis  zum  Tode  Friedrich  Wilhelms  1.  herauskrei.
  **  gebildet  hatte,  ein  furchtbares  Verdikt  gesprochen  werden.  Deun
der  anmaßenden  Selbstgerechtigkeit  gegenüber,  mit  der  Europa
das  jugendstarke  Preußen  durch  eine  ränkevolle  Politik  niederzudrücken  und  zu
verhöhnen  beliebt  hatte,  standen  in  den  meisten  Staaten  verfaulte  und  unwahre
Zustände  gegenüber,  die  ihre  Politik  nur  um  so  verwerflicher  machten.
die  so  ganz  anders  war  es  in  Preußen!  Wir  hörten,  wie  mmermälich  der
König  thätig  gewesen  war,  einen  festen  Untergrund  zu  schaffen,  auf  dem  der  Staat
ruhen  konnte.  Und  wahrlich  fest  und  sicher,  wie  die  Welt  auf  den  Schultern  des
Atlas,  ruhte  der  Staat  auf  den  Schöpfungen  Friedrich  Wilhelms.  Mit  einer
Einsicht  ohnegleichen  waren  Verwaltungsformen  gefunden  und  durchgeführt,  die  auf
lange  hinaus  maßgebend  blieben,  die  ihre  Richtigkeit  selbst  dann  noch  bewährten,
als  eine  andere  Welt  anderer  Formen  bedurfte,  indem  sich  auch  diese  aus  ihnen
entwickelten.  Wichtiger  aber  noch  erscheint,  daß  der  König  die  sittlichen  Kräfte
des  Menschen  in  seinen  Unterthanen  entwickelt,  sie  angereizt,  gespornt,  in  Thätigkeit
  gesetzt  hatte.  In  Preußen  war  die  sittliche  Verderbtheit,  die  der  dreißigjährige
  Krieg  erzeugt  hatte,  durch  Friedrich  Wilhelm  beseitigt.  Es  war  in  der
That,  wie  man  es  ausgedrückt  hat,  die  Lösung  eines  großen  Staatsproblems,  „daß
der  König  ein  faules  Volk  arbeitsam,  ein  üppiges  sparsam“  gemacht  hatte,  daß  er
weinen  verschuldeten  Staat  reich  gemacht  hatte“.  Er  besaß  die  Mittel,  einen  Krieg
zu  führen,  er  hatte  auch  das  Heer  fix  und  fertig  in  allem,  was  zur  Tüchtigkeit.
eines  solchen  gehört.  Und  doch  war  er  dem  Kriege  aufs  sorgsamste  ausgewichen,
hatte  alles,  Lug  und  Trug,  Spott  und  Hohn  hingenommen,  es  mit  kuirschenden
Zähnen  ertragen,  daß  die  Staaten  und  Völker  sich  daran  gewöhnten,  zu  sagen:
aodie  Preußen  schießen  nicht,  der  König  von  Preußen  läßt  nicht  marschieren“.  Es
giebt  der  gewaltsamen  Natur  Friedrich  Wilhelms  gegenüber  nur  eine  Antwort  auf
die  Frage,  warum  er  nicht  mit  seinem  guten  Schwert  die  dreisten  Gegner  gezüchtigt.
  Sie  liegt  angedentet  in  dem  letztwilligen  Mahnwort  seines  Vaters,  keinen
Krieg  zu  beginnen,  denn  dieser  ruiniere  den  gemeinen  Mann,  der  Krieg  verzehre,
der  Friede  aber  ernähre.  Friedrich  Wilhelm,  mehr  noch  Soldat  als  Krieger,  und
wieder  mehr  noch  Regent  als  Soldat,  hielt  den  Krieg  für  einen  finanziellen  und  volkswirtschaftlichen
  Schaden,  und  die  Sorge  um  das  Wohl  des  gemeinen  Mannes,  für
das  er  alles  gethan,  hielt  ihn  davor  zurück,  das  höchste  Tribunal  der  Könige  anzurufen-
        <pb n="413" />
        Kronprinz  Friedrich  von  Hreussen.

Nachdem  vem  kronprinzen  emen  Dame  92inus  Rheimsberter  Holstaates  3eschenkten  Aqnarsie
eines  unbekarmten  Künstlers,  uniesbadener  Peiwatbesuz.
Orikinalsresse.

 

 

 

Berner,  Gesch.  S.  PFreusa  Stagies  v.  Jag  sl  Strau  ie  By.

Lnh-Ans##  c#eheld  4  Söhne.Drecden.
        <pb n="414" />
        <pb n="415" />
        Friedrich  in  Rheinsberg.  309

Indessen  man  wird  zweifeln  dürfen,  ob  der  Krieg  wirklich  und  unter  allen
Umständen  ein  wirtschaftliches  Uebel  ist.  Denn  ganz  abgesehen  davon,  daß  Schlachten
nicht  allein  durch  zahlenmäßiges,  sondern  oft  mehr  noch  durch  sittliches  Uebergewicht
gewonnen  werden,  und  daß  der  Krieg  gerade  auch  die  sittlichen  Kräfte  im  Menschenzu
  erwecken  und  zu  stählen  vermag,  ist  soviel  sicher,  daß  die  politisch  angesehenen
Völker  auch  im  Handel  und  Wandel  die  besten  Vorteile  erwerben,  während  ein
Volk,  dessen  politische  Macht  sich  nicht  drohend  und  kräftig  bemerklich  macht,  auch
handelspolitisch  von  anderen  Völkern  schließlich  überholt  wird  und  in  seiner  Wohlfahrt,
  seinen  Interessen  Schaden  erleidet.  Und  am  Ende  aller  Enden  konnten
nach  König  Friedrichs  Ausspruch  nur  Handel  und  Industrie  die  Mittel  für  die
Heere  schaffen,  und  nur  Staaten,  welche  aus  eigenen  Mitteln  solche  zu  halten  und
ins  Feld  zu  führen  vermochten,  zählten  noch  zu  den  wirklichen  Mächten.  Und
das  ist  nicht  zu  verkennen:  wie  oft  Friedrich  Wilhelm  den  Boden  umgeackert  und
umgepflügt,  wieviel  der  herrlichsten  Samenkörner  er  gepflanzt  und  gehegt  hatte,
das,  was  dem  Boden  Wärme  geben,  die  Samenkörner  hervorlocken  konnte,  daß
sie  tausendfältige  Frucht  brachten,  die  Sonne,  „der  prometheische  Funke“,  um  das
oft  ge  brauchte  Wort  Voltaires  zu  wiederholen,  fehlte  ihm  noch.  Vielleicht  darf  man
jene  Worte  Friedrich  Wilhelms  umdeuten  und  es  aussprechen:  Welche  Gnade  thut
Gott  dem  Hause  Brandenburg,  dem  Staate  Preußen,  daß  er  ihm  diese  Sonne,
dies  Morgenrot  ohnegleichen  aufgehen  ließ?  Denn  wer  wüßte  es  nicht,  welch
Sonnenlicht  nun  dem  jungen  Staate  leuchtete,  wer  stände  nicht  mit  immer  neuer
Ehrfurcht,  mit  immer  aufs  neue  lebhafter  schlagenden  Pulsen  vor  den  Thoren,  die
sich  beim  Regierungsantritt  Friedrichs  des  Einzigen  öffnen?  Aengstlich  soll  der
Geschichtsschreiber  sich  gerade  bei  den  großen  Heldengestalten  seines  Volkes  hüten
vor  der  leisesten  Uebertreibung,  und  einem  Friedrich  gegenüber,  der  ihn  so  eindringlich
  ermahnt,  nur  das  aufzuzeichnen,  was  der  Erinnerung  wert  ist,  wäre  sie
vollends  unwürdig;  aber  das  ist  doch  nun  erwiesen,  daß  Friedrich  nicht  nur  für
sein  preußisches,  ja  nicht  nur  für  das  deutsche  Volk  der  Genius  eines  neuen
Lebens  gewesen  ist,  sondern  daß  seine  Wirksamkeit  für  alle  Völker  fruchtbringende
Keime,  segensreiche  Anstöße  gegeben  hat,  die  ohne  Maß,  ohne  Schätzung  sind.

Und  wenigstens  das  Ungewöhnliche  erwartete  man  von  Friedrich  schon,  als  er
den  Thron  seiner  Väter  bestieg.  Hatte  die  Welt  ihn  bemitleidet,  als  die  Wolken
des  väterlichen  Zornes  über  ihm  sich  zusammengezogen,  so  dicht,  so  schwarz,  wie  nie

wohl  einem  deutschen  Thronerben  Se,  so  hatten  sich  aller  Blicke  mit  Staunes
mit  Begeisterung  oder  mit  Furcht  auf  ihn  gerichtet,  als  er  jenes  wunderbar  entzückende
  Leben  in  dem  abgelegenen,  schönen  Winkel  der  Erde  am  „Remusberge"
in  Rheinsberg  sich  schuf,  wo  er  mit  seinen  hochgebildeten  Freunden,  mit  Camas,
-zt  Kayserlingk,  mit  Fouquk,  mit  Jordan,  Chasot,  Stille,  mit  seiner  Gemahlin
Elisabeth  und  ihren  Damen  sich  ein  Dasein,  ein  Heim  von  wundervollem  Reiz
gegründet.  Hier  trachtete  der  Kronprinz  die  tiefsten  Fragen  nach  dem  merschlichen
Dasein,  nach  der  Ewigkeit  und  Unsterblichkeit,  nach  den  göttlichen  Grundbedingungen
und  Gesetzen  für  die  Menschheit,  nach  dem  Wesen  der  Gottheit  selbst  zu  ergründen
und  zu  erfassen,  hier  flossen  ihm  die  Verse  aus  der  Feder,  hier  musizierte  er  auf  der
geliebten  Flöte,  hier  veranstaltete  er  Festlichkeiten  und  feierte  sie  in  fröhlicher,
heiterer  Jugendlust.  Mit  Hingebung  trieb  er  Geschichte  und  Sprachwissenschaften,
arbeitete  an  jenen  großen  Schriften  über  die  Aufgaben  des  Staates,  über  die
Pflichten  und  den  Beruf  der  Fürsten,  von  denen  Voltaire  die  noch  heute  bekannteste,
        <pb n="416" />
        310  Friedrichs  Ansichten.

den  Antimacchiavell,  dem  staunenden  Europa  im  Druck  vorführte.  Daneben  stand
er  mit  Suhm,  mit  Manteuffel,  mit  Voltaire,  mit  vielen  anderen  in  lebhaftem  Briefwechsel,
  und  vor  allem  folgte  er  dem  Gange  der  großen  europäischen  Politik  mit
kritischem  Scharfblick  und  warmen  Empfinden  für  die  Stellung  Preußens.  Zugleich
betrieb  er  den  Dienst  als  Oberst  seines  Regimentes  im  nahe  gelegenen  Ruppin,
versah  ihn  genau  und  pünktklich  bis  ins  einzelnste  hinein  und  widmete  sich  endlich
dem  Studium  der  Aufgaben,  die  das  volkswirtschaftliche  Gedeihen  eines  Volkes  im
großen  wie  im  kleinen  an  den  Fürsten  stellt.  Es  war  zugleich  ein  Schaffen  wie
ein  Genießen  von  herrlicher  Wechselwirkung,  von  einer  Anziehungskraft  und  Schönheit,
  wie  es  wenigen  Sterblichen,  wie  es  auch  einem  Friedrich  nur  dies  eine  Mal
im  Leben  beschieden  war.  Und  trotz  des  überaus  großen  Eifers,  mit  dem  er  hier
arbeitete  —  ein  Versuch,  sich  des  Schlafes  überhaupt  zu  entwöhnen,  wurde  erst
nach  vier  Tagen  als  aussichtslos  aufgegeben  —  erkannte  er,  daß  „Ernst  und  Scherz
sich  paaren  müsse"“,  um  zur  vollen  Harmonie  zu  gelangen.  Nur  daß  „den  ernsten
Beschäftigungen  immer  die  Prärogative  bleibe“,  verlangte  er,  und  er  versichert,
a„daß  wir  für  die  Vergnügungen  nur  vernünftige  Anwendung  haben,  wir  ziehen
sie  nur  heran,  um  den  Kopf  nicht  zu  überanstrengen  und  als  Gleichgewicht  gegen
gelehrte  Verdrießlichkeit  und  gegen  das  Zuviel  der  philosophischen  Gravität,  die
sich  die  Denkerstirn  nicht  ganz  gutwillig  durch  die  Grazien  glätten  läßt.“

Und  wenn  nun  im  Gegensatz  zu  der  großen  Menge  in  den  höheren  Klassen
der  Menschheit  eine  Bildung  Platz  gegriffen  hatte,  die  mit  haarscharfem  kritischen
Messer  alle  bisherigen  Anschauungen  über  Gott  und  die  Welt,  über  Fürsten  und
Staaten  zerstörte  —  wie  hätten  diese  Kreise  nicht  mit  flammenden  Augen  hinaufschauen
  sollen  zu  einem  Königssohn,  der  so  tapfer,  so  offen  und  kühn  die  furchtbaren
  Lehren  Macchiavells  von  der  Tyrannen  Macht  bekämpfte,  so  unerschrocken
in  das  dunkle  Reich  der  Philosophic,  der  Metaphysik  vordrang?  Aber  dieser
Fürstensohn  war  doch  anders,  als  diejenigen  glaubten,  welche  nur  eine  Bildung
kannten,  die  wohl  klüger,  nicht  aber  besser  macht.  Wie  ablehnend  er  sich  auch
gegen  die  hergebrachten  Bekenntnisse  der  Religion  verhielt,  so  schreibt  er  doch  mit
einem  wahren  Triumph,  daß  er  „das  Morgenrot  eines  neuen  Tages  in  sich  wahrnehme,
  sehe,  daß  es  in  der  Möglichkeit  des  menschlichen  Wesens  liege,  daß  ich
eine  Seele  habe  und  daß  diese  unsterblich  ist"“.  Allerdings  sei  der  lebendige
Glaube  nicht  seine  Sache,  aber  die  christliche  Moral,  in  deren  Verachtung  man
oft  genug  das.  Behagen  des  Lebens  empfand,  darum  nicht  minder  die  Regel  seines
Lebens.  Und  ein  Ausfluß  dieser  Sittenlehre  war  es,  wenn  er  —  auch  wieder  in
scharfem  Gegensatz  zu  jenen  höher  gebildeten  Kreisen  —  in  den  politischen  Freiheiten
nicht  die  Ungebundenheit,  sondern  die  Gebundenheit  vornehmlich  für  die  Fürsten
erkannte.  Wie  auch  hätte  der  größte  Sohn  Hohenzollerns  das  Grundthema,  das
kostbarste  Vermächtnis  seines  Hauses,  die  Pflichttreue  anders  als  nach  seinem
vollsten  Gehalt,  seiner  innersten  Tiefe  erfassen  können!  Er  war  es,  der  ihr  den
treffenden  Ausdruck  gegeben,  wenn  er  den  Fürsten  „als  den  ersten  Diener  des
Staates“  bezeichnet,  und  ohne  Zweifel  ist  es  für  seine  Pflichttreue  in  hohem
Maße  charakteristisch,  daß  gerade  sein  Ausspruch  sich  vor  vielen  ähnlichen  seiner
Vorfahren  und  Nachfolger  im  Munde  des  Volkes  erhalten  hat.  „Der  erste
danke,  den  ein  Fürst  haben  muß,  das  einzige  Streben,  das  sich  für  ihn  schickt,
ist,  etwas  Nützliches  und  Großes  für  das  Wohl  seines  Staates  zu  thun;  dem
muß  er  seine  Eigenliebe  und  alle  seine  Neigungen  opfern,  dazu  muß  er  alle  Hilfe,
        <pb n="417" />
        Die  ersten  Schritte.  311

alle  bedeutenden  Männer,  die  er  gewinnen  kann,  verwenden,  mit  einem  Wort,  alles
thun  was  geeignet  ist,  sein  Streben  für  das  Wohl  seiner  Unterthanen  zur  Ausführung
  zu  bringen"“.  So  schrieb  Friedrich  als  Kronprinz,  die  Nachwelt  wird
immer  aufs  neue  staunen,  wie  er  das  Wort  zur  Wirklichkeit  gemacht,  aber,  wie
gesagt,  schon  bei  der  Thronbesteigung  erwartete  die  Mitwelt  von  ihm  das  Größte.

Die  ersten  Regierungshandlungen  bewirkten  beides:  sie  übertrafen  die  hochgespanntesten
  Hoffnungen,  sie  täuschten  manche  Erwartungen  und  Befürchtungen.
Schon  der  tiefe  Schmerz  über  den  Tod  des  Vaters,  dem  Friedrich  ungeheuchelten
und  natürlichen  Ausdruck  gab,  enttäuschte  die,  welche  glaubten,  der  König  betrachte
den  Tod  seines  Vaters  als  die  Lösung  von  drückenden  Fesseln.  Umgekehrt  wurden
die  Genossen  des  hellen,  jugendfrohen  und  doch  so  arbeitsamen  Lebens  in  Rheinsberg
  eines  ganz  anderen  belehrt,  wenn  sie  gedacht  hatten,  nun  auch  Einfluß  auf
die  Regierung  zu  erhalten.  In  freundlicher  oder  auch  in  strenger  Form  zeigte  ihnen
Friedrich,  daß  die  ernste  Arbeit  für  den  Staat  ein  anderes  sei,  als  ein  fröhlich-witziges
Wortgefecht  an  heiterer  Tafelrunde.  Phinosophischen  Betrachtungen  nachzusinnen,  blieb
zwar  Zeit  seines  Lebens  ihm  ebenso  sehr  Bedürfnis,  wie  Musik  und  Dichtkunst  ihm
Lichtblicke  in  den  Zeiten  der  schwersten  Not  gewährten:  aber  die  härtere  Aufgabe
war  die  seine,  und  ihr  widmete  er  sich  ganz.  Die  Philosophen  mochten  folgerichtig
denken,  er  mußte  als  Herrscher  handeln,  jene  mochten  durch  Lehren  die  Welt  aufklären,
er  mußte  es  durch  Beispiele,  jene  mochten  entdecken,  er  mußte  sich  entschließen.

Und  er  that  es;  in  allem  führte  er  zur  Ueberraschung  der  Welt  des  Vaters
Einrichtungen  weiter,  behielt  dessen  Ratgeber  bei,  aber  er  durchdrang  sie  zugleich  mit
dem  Feuer  seines  Geistes.  Selbst  das  Heer,  auf  dessen  Verminderung  man  mit
Sicherheit  gerechnet  hatte,  blieb  nicht  nur  in  seiner  ganzen  Stärke  erhalten,  sondern
es  wurden  zu  den  83  000  neue  10  000  Mamn  eingestellt,  die  Feldinfanterie  von
66  Bataillonen  auf  83  gebracht,  ein  Husaren-Regiment,  eine  Schwadron  Garde
du  Corps  und  einige  Dragoner-Schwadronen  neu  errichtet,  und  durch  Uebernahme
geschlossener  Truppenkörper  von  kleinen  Fürsten  deren  Kontingente  dem  preußischen
Heer  gewissermaßen  angegliedert.  Und  der  tägliche  Dienst,  das  regelmäßige  Exerzieren,
  die  fortdauernde  Beaufsichtigung  durch  den  König  blieb  wie  bisher,  ja  „noch
sorgfältiger  als  der  hochselige  König  bekümmert  er  sich",  wie  der  Minister  von  Borcke
sagte,  „um  die  Angelegenheiten  des  Heerwesens  und  verlangt  die  größte  Pünktlichkeit".
  Doch  schon  in  den  einfachen  Worten,  mit  denen  der  König  seine  Generale
am  Morgen  nach  dem  Tode  des  Vaters  anredete:  „Gegen  einige  von  Ihnen  liegen
Klagen  über  Habsucht,  Härte  und  Uebermut  vor;  stellen  Sie  die  Klage  ab"  —  war
der  neue  Zug  der  Milde  und  Merschlichkeit  angedeutet,  der  fortan  im  Heere  herrschen
sollte;  die  „Plackereien“  gegen  die  Pflichtigen,  die  Brutalitäten  bei  den  Werbungen
wurden  bestimmt  verboten,  und  immer  sollte  im  Auge  behalten  werden,  daß  der
„Soldat  ebensowohl  menschlich  und  vernünftig,  als  herzhaft  und  brav“  sein  müsse.

Die  allgemeine  Verwaltung  und  die  Finanzen  blieben  ganz  und  gar,  wie
Friedrich  Wilhelm  sie  geschaffen,  selbst  der  gehaßte  Minister  von  Boden  blieb  im
Amt,  ja  nur  „ihn  höre  der  König“,  heißt  es,  „er  predige  die  Sparsamkeit  und
finde  damit  noch  größeren  Eingang  als  unter  der  vorigen  Regierung“.

Auch  die  für  die  Justizreform  eingesetzte  Kommission  blieb  in  Wirksanreit,
und  auf  dem  Gebiet  des  Strafprozesses  ging  der  König  aus  eigener  Veranlassung
noch  einen  erheblichen  Schritt  weiter  als  sein  Vater,  indem  er  die  Tortur,  die
schon  jener  nur  auf  seinen  besondern  Befehl  anzuwenden  erlaubt  hatte  (1720),
        <pb n="418" />
        —.

312

Die  ersten  Schritte.

mit  Ausnahme  der  schwersten  Verbrechen  überhaupt  verbot.  In  Preußen  hatte
ein  Thomasius  mit  mächtigen  Worten  wider  die  Tortur  geeifert,  in  Preußen

 

838
Schmidt

.  Pr.

ig  Friedrich  II.  in  tte  euhe

bg  tre  1746  enistandenen

(1712—  1775)  aul  wn

27W7
Friei  inert.
—  nach  einem  Exemplar  vom  -  1743  im

Geh.  an  zu  Berlin.

46  von  e838

waren  sie  auf  fruchtbaren  Boden  gefallen;
  „sie  schände“,  so  meinte  Friedrich,
  „christliche  Völker  und  sei  ebenso
unnütz  wie  grausam“.  Und  demgemäß
wurden  auch  die  erst  noch  vorbehaltenen
Ausnahmen  später  ganz  aufgehoben.
Desgleichen  wurde  die  Uebung,  kirchenrechtlich
  verbotene  Eheschließungen  durch
Geldzahlungen  zu  ermöglichen,  beseitigt,
und  vorzüglich  wurde  der  altpreußische
Grundsat  der  wahren  religiösen  Duldung
in  maßgebender  Weise  erläutert.  Jede
Religionsgemeinschaft,  jede  Uebung  des
Gottesdienstes  solle  den  Unterthanen
gestattet  sein,  wenn  sie  nur  ehrliche
Menschen  seien.  „Selbst  Moscheen"“,
sagte  der  König  —  allerdings  wohl
mit  gelinder  Uebertreibung  —  wolle
er  solchen  bauen,  oder,  wie  sein  so  oft
mißverstandenes  berühmtes  Wort  von
der  Freiheit  der  Gewissen  vor  staatlicher
Bevormundung  lautet,  „die  Religionen
müssen  alle  toleriret  werden,  und  muß
der  Fiscal  nur  das  Auge  darauf  haben,
daß  keine  der  andern  Abbruch  thue;
denn  hier  muß  ein  jeder  nach  seiner
Faon  selig  werden.“  Und  bezeichnend
für  Friedrich  wie  für  Friedrich  Wilhelm
  I.  ist  es,  daß  dies
Wort  die  Antwort  auf  eine
Eingabe  ist,  welche  die  von
Friedrich  Wilhelm  I.  für
die  Kinder  seiner  katholischen
  Soldaten  geschaffene
katholische  Schule  abzuschaffen
  beantragt  hatte.
och  vor  allem:  In
jedem,  was  Friedrich  thut,
ist  er,  wie  sein  Vater,  ja
mehr  noch  als  dieser,  selbständig,
  unabhängig  von
jedem  Rat.  Wie  glänzend
er  den  Hofhalt  der  Königin-Mutter,
  der  Königin  Elisabeth,
  seiner  Gemahlin,  und
        <pb n="419" />
        Die  ersten  Schritte.  313

der  Prinzen  einrichtete,  wie  eilfertig  die  geliebteste  Schwester,  die  Markgräfin  von
Baireuth  herbeieilte:  sie  wurden  bald  gewahr,  daß  für  ihren  Einfluß  bei  Friedrich
keine  Stätte  war.  Auch

die  Minister  und  Räte,
Generale  und  Offiziere
waren  nur  die  ausführenden
  Beamten  der
vom  Könige  allein  aus
eigener  Erwägung  gegebenen
  Befehle,  und
die  Gesandten  der  fremden
Mächte  gerieten  wohl  wie
Manteuffel  in  Verzweiflung,
  „daß  der  König  die
Marotte  habe,  ein  Original
  zu  sein,  nur  das
Außergewöhnliche  thue,
überall  neu  und  sozusagen
sein  eigener  Schöpfer  sein
wolle“.

So  wenig  auch  dies
Wortdie  Absichten  Friedrichs
  traf,  so  war  es  in
der  That  doch  für  alle

ein  undurchdringliches
Geheimmis,  wieder  König
in  den  Fragen  der  euro-Ftet
  Politik  dachte.

r  alle  Staaten  aber
5  es  von  wesentlichr  ——  ——
Bedeutung,  wie  der  junge  Königin  Elisabeth  Christine  in  Preußen.
königliche  Herr  sich  ent=  nmoch  dem  Gemälde  von  Anton  Pesne  (#684—1755)  im  Johre  1748  gesiochen
scheiden  werde.  Schrosfer  von  Griedrich  Gottlieb  Berger  (geb.  1713,  gest.  nach  1797).  Auf  ¼  verkleinert.
und  schroffer  hatten  sich
nämlich  die  Beziehungen  Englands  zu  Spanien  und  Frankreich  wegen  des
Handels  nach  Amerika  gestaltet,  und  alles  lag  für  7  daran,  gegen  Frankreich
  einen  Landkrieg  in  Gang  zu  bringen.  Wie  aber  die  Verhältnisse  lagen,
hing  ein  solcher  vornehnlich  von  der  preußischen  Zustimmung  ab,  und  was
ihm  Friedrich  Wilhelm  nie  gewährt  haben  würde,  suchte  König  Georg  nun  von
König  Friedrich  zu  erlangen.  Schon  im  Jahre  1734  lag  in  Hannover  das  Beileidsschreiben
  für  den  Fall  des  Ablebens  des  verhaßten  Schwagers  in  Berlin
unterschrieben  bereit,  und  mit  unschicklichster  Eile  kam  Georg  bei  der  letzten  Erkrankung
  Friedrich  Wilhelms  nach  dem  Festlande  herüber,  um,  wie  dieser  es  noch
selbst  aussprach,  von  der  Thronbesteigung  „zu  profitieren“.  Ja  noch  ehe  die  amtliche
  Anzeige  vom  Tode  des  Königs  eingetroffen,  reiste  der  hannöversche  Minister  von
Münchhausen  zur  Beglückwünschung  nach  Berlin.  Er  hatte  sogar  den  Auftrag,
jetzt  noch  für  den  Fall,  daß  Friedrich  sich  von  seiner  Gemahlin  trennen  möchte,
        <pb n="420" />
        314  Stellung  zu  den  übrigen  Staaten.

Georgs  Tochter,  die  Prinzessin  Amalie,  dem  jungen  Könige  zur  Ehe  anzubieten.
Mit  den  höflichsten  Redewendungen  und  leichter  Plauderei  über  seine  angegriffene
Gesundheit  und  Verwaltungssorgen  wußte  Friedrich  dem  Gesandten  seinen  unzarten
Text  zu  verderben.  Auf  Verhandlungen  ließ  er  sich  mit  ihm  gar  nicht  ein,  denn
nicht  den  englischen,  sondern  den  preußischen  Interessen  zu  dienen  war  seine
Absi

t.

Nach  all  den  Nackenschlägen,  welche  die  fremden  Mächte  straflos  Friedrich  Wilhelm
  I.  gegeben  hatten,  mußte  ihnen  die  Ueberzeugung,  daß  die  Preußen  „den  Hahn
nur  spannen,  aber  nicht  losdrücken“,  genommen  werden.  Sollte  aber  die  Mißachtung,
die  man  sich  diesem  Staate  gegenüber  erlaubt  hatte,  beseitigt,  sollte  den  sich  weit
über  ihre  Kräfte  erhebenden  Mächte  klar  gemacht  werden,  daß  des  scheinbar  schlafenden
  Riesen  Waffen  und  Gewehr  blank  geputzt  und  haarscharf  geschliffen  seien,  so
mußte  Friedrich  zunächst  doch  warten,  welche  der  Mächte  ihm  diejenigen  Garantieen
bot,  die  das  preußische  Interesse  verlangte.  Denn  wenn  all  die  Jahre  daher  nur
von  den  Interessen  der  Mächte  die  Rede  gewesen  war,  und  Preußen  nur  diesen
hatte  dienen  sollen,  so  mußten  sie  endlich  inne  werden,  daß  nun  es  Zeit  sei,  auch
preußische  Interessen  zu  beachten.  Zu  bitter,  zu  schmerzlich  hatte  Friedrich  die
Mißachtung  empfunden,  er  war  entschlossen,  ihr  zu  trotzen,  seinem  Staate  die
Achtung  zu  erzwingen,  auf  die  seine  Mittel  und  Kräfte  ihm  Anspruch  gaben;  er
war  entschlossen,  hierfür  diese  Mittel  und  Kräfte  einzusetzen.  So  mochten  denn  die,
so  ihn  brauchten,  ihm  auch  gewähren,  was  er  brauchte.  Er  sandte  seine  Gesandten
zur  Anzeige  der  Thronbesteigung  und  zur  Erforschung  der  Stimmung  nach  Wien,
nach  Hannover,  nach  Paris,  und  es  wird  ihn  nicht  allzu  sehr  überrascht  haben,
daß  weder  der  Oberst  Camas  in  Paris,  noch  Graf  Truchseß  von  Waldburg
in  Hannover,  noch  Oberst  von  Münchow  in  Wien  andere  als  hinhaltende,  mißtrauische
  Antworten,  wenn  auch  in  den  verbindlichsten  Formen  der  Freundschaft
und  Hochachtung  für  ihn  selbst,  erhielten.  Zuletzt  muste  doch  das  eigene
Interesse  die  Mächte  zu  einer  Annäherung  an  Preußen  führen.  Und  wie  viel
mehr  nun,  da  Friedrich  mit  einer  Reise  durch  Süddeutschland,  von  da  bis
Straßburg  nach  Frankreich  hinein  die  Höfe  überraschte  und  gleich  darauf  von
Wesel  aus  durch  das  entschlossene  Vorgehen  gegen  die  Rebellen  in  der  ehemals
oranischen  Baronie  Herstall,  wie  gegen  den  Bischof  von  Lüttich,  der  sie  begünstigte,
die  ganze  Welt  in  eine  unglaubliche  Bestürzung  versetzte!  Seinen  stolzen  „steifleinenen"
  Oheim  von  England  strafte  Friedrich,  indem  er  auf  der  Heimreise  von
Wesel,  wo  er  die  Huldigung  eingenommen,  ihn  nicht  mit  dem  erwarteten  Besuche
beehrte.  Ebenso  wußte  er  den  salbungsvollen  Kardinal  Fleury  in  Paris,  der  ihm
in  väterlichem  Tone  Weisheit  gepredigt  und  in  überströmender  Weise  Weihrauch
gespendet  hatte,  durch  einen  die  nackte  Wahrheit  enthaltenden  Brief  empfindlich
zu  treffen.  Er  forderte  ihn  auf,  ihm  weniger  Lob  zu  spenden  und  dafür  seinen
König  ihm  zu  gewinnen

un  kam  ihm  England,  aufs  lebhafteste  i  in  Sorge  über  den  schon  entbrennenden
  Krieg  mit  Frankreich,  wenigstens  einen  Schritt  entgegen,  und  von  Frankreich
setzte  er  richtig  voraus,  daß  mindestens  dem  Kardinal  weniger  an  den  Handelsstreitigkeiten
  mit  England  lag,  als  daß  seine  ganze  Sorgfalt  auf  die  in  Aussicht
stehende  Erledigung  der  österreichischen  Erbschaft,  auf  den  Gewinn,  den  Frankreich
bei  dieser  Gelegenheit  auf  dem  Festlande  machen  könne,  gerichtet  war.  Für  Frankreich
  war  sogar  die  Vernichtung  der  österreichischen  Macht  in  gewissem  Sinne
        <pb n="421" />
        Tod  Karls  VI.  315

die  Voraussetzung  für  den  Kampf  gegen  England,  weil  nachdem  sie  erfolgt,  ein  Angriff
9  die  französische  Ostgrenze  weniger  zu  befürchten  war.  Nun  aber  besserten  sich
die  bisher  nur  trüben  Aussichten  Englands  in  Wien,  in  Dresden  und  selbst  in
Petersburg  zusehends,  und  um  so  lebhafter  mußte  Fleury  daher  suchen,  die  Hand
Friedrichs  zu  fassen.  In  der  That  kam  es  wenigstens  zu  nochmaliger  Ausstellung
der  1739  abgegebenen  Erklärungen.  Auch  Rußland,  durch  schwedische  Rüstungen
suab  Aabesnge  vn  Garantie  für  Berg  gegen  Sa  hsen
das  große  E  —
eignis  i  ein,  das  die
bergische  Frage  für  Preußen
ganz  in  den  Hintergrund
schieben,  das  die  Welt  aus
ihren  Angeln  heben  zu
sollen  schien.  Kaiser
Karl  VI.  starb  unerwartet
schon  am  20.  Oktober
1740.  Getreu  dem  lebenslang
  befolgten  Grundsatz,
Preußen  zu  unterdrücken,
war  sein  letzter  Akt  eine
allen  Reichsgesetzen  widersprechende,
  geharnischte  Anklageschrift,
  „dessen  Gleichen
  nie  erhört  worden",
gegen  Preußen  wegen  der
Angelegenheit  in  Herstall
gewesen.  Glaubte  man  in
Wien  denn  wirklich,  daß
jeder  Fußtritt,  den  man
dem  verhaßten  Preußen
gebe,  dieses  nur  um  so
gefügiger  machen,  Oesterreichs
  Macht  in  gleichem
Maße  erhöhen  werde?
Vergegenwärtigen  wir

 

uns  mit  wenigen  Worten  Kaiserin  Maria  Theresia.
die  Stellung  Preußens  zu  K  zem  m  von  *—  zbechet  ia.  .  —1750
der  nun  eröffneten  öster-  kin  –  —  oder  node,  des

7r  Erbfolge.

Die  gesamte  brandenburgische  und  preußische  Geschichte  seit  dem  dreißigjährigen
  Kriege  und  schon  vor  ihm  ist  durchtränkt  und  durchzogen  von  Unbilden,
  die  das  Haus  Habsburg  den  Hohenzollern  zugefügt.  Selbst  vor  List  und
Betrug  hatte  man  nicht  zurückgeschreckt,  wenn  es  galt,  Brandenburg-Preußen  so
recht  ins  Herz  zu  treffen.  Und  vornehmlich  hatte  man  die  Offenheit  und  Treue
König  Friedrich  Wilhelms  auf  das  gröblichste  ure  *  hintergangen.  In
aller  Form  Rechtens  hatte  man  ihm,  nachdem  er  auf  die  Hälfte  seines  Erbes
verzichtet,  den  Heimfall  des  ihm  auch  ohne  erneute  talci  Zusage  rechtlich
        <pb n="422" />
        316  Oesterreichische  Erbsolge.

zustehenden  Herzogtums  Berg  gewährleistet  und  dafür  dem  Könige  die  Zustimmung
zur  pragmatischen  Sanktion,  zum  Uebergang  der  gesamten  österreichischen  Erbschaft
auf  des  Kaisers  Tochter  Maria  Theresia  abgewonnen.  Man  hatte  die  unermüdlichen
  und  erfolgreichen  Bemühungen  des  Königs,  für  diese  Sanktion  auch
anderer  Fürsten  Zusage  zu  erhalten,  sich  gefallen  lassen.  Aber  eine  Einwirkung
auf  die  kaiserliche  Politik  hatte  dies  nicht  zur  Folge.  Sondern  unbekümmert  um
das  kaiserliche  Wort,  das  man  dem  Könige  gegeben,  hatte  man  die  Unterlage  der
königlichen  Zustimmung  zerstört,  hatte  zuvörderst  allein,  dann  noch  einmal  in  Gemeinschaft
  mit  Frankreich  das  Herzogtum  Berg  an  Pfalz  gewährleistet.  Es  war
kein  Zweifel,  daß  dieser  Wortbruch  des  Kaisers  den  preußischen  Staat  der  Frage
der  österreichischen  Erbfolge  gegenüber  vollständig  frei  und  ungebunden  hingestellt
hatte.  Und  Thatsache  war  ebenso,  daß  die  österreichischen  Staaten  beim  *
Kaiser  Karls  VI.  finanziell  zerrüttet  und  in  so  trostlosem  Zustande  waren,
die  österreichische  Regierung  für  die  Gewährung  einer  Auleihe  selbst  —1
Lande  als  Pfand  in  Berlin  zu  geben  bereit  war,  da  auch  der  letzte  Kredit  Oesterreichs
  mit  dem  Bankerott  der  besten  Bankhäuser  in  Wien  erschöpft  war.  Thatsache
  war  ferner,  daß  Kaiser  Leopold  eine  Erbordnung  gemacht,  nach  der  beim
Aussterben  seiner  männlichen  Linie  die  Töchter  seines  ältesten  Sohnes,  des  späteren
Kaisers  Joseph,  ihm  nachfolgen  sollten,  und  daß  Kaiser  Karl  diese  Erbordnung
ausdrücklich  anerkannt  hatte.  Gab  es  aber  noch  eine  Gewähr  für  die  Gültigkeit
von  Staatsakten,  wenn  der  Nachfolger  auf  dem  Throne  die  Regierungshandlungen
des  Vorgängers  einfach  umstieße  Oder  war  es  zu  rechtfertigen,  wenn  derselbe
Kaiser  Karl,  der  jener  Erbordnung  als  Erzherzog  feierlich  zugestimmt,  sie  als
Kaiser  verwarf,  den  Töchtern  seines  Bruders  den  Verzicht  auf  das  von  ihm  selbst
ihnen  garantierte  Erbrecht  zummtete?  Un  durfte  er  glauben,  daß  diese  Töchter  und
deren  Erben,  die  Kurfürsten  von  Sachsen  und  Bayern,  anders  denken  würden,  als  er
selbst  gehandelt  hatte?  Wie  konnte  er  hoffen,  daß  diese  jenen  Verzicht  für  bindend
erachten  würden,  wenn  er  selbst  die  von  ihm  gewährleistete  Erbordnung  umstieß?

Wir  sahen  schon,  daß  er  Kursachsen  durch  die  Beförderung  der  Königswahl
in  Polen,  die  Begünstigung  der  jülich-bergischen  Ansprüche  zu  gewinnen  suchte,
aber  der  Kurfürst  von  Bayern,  mit  dem  die  zweite  Tochter  Kaiser  Josephs  verheiratet
  war,  beharrte  auf  seinen  Ansprüchen,  die  er  überdem  noch  anderweitig
begründen  zu  können  glaubte,  und  vor  allem  war  es  mit  vollkommener  Gewißheit
voranszusehen,  daß  Frankreich  diese  Ansprüche  mit  allen  Mitteln  befördern,  sie
mit  Gewalt  zur  Geltung  bringen  werde.  Geschah  aber  das,  so  war  es  selbstverständlich,
  daß  auch  Kursachsen  wenigstens  auf  gewisse  Gebietsteile  —  vornehmlich
die,  welche  Sachsen  mit  Polen  verbanden  und  die  preußischen  Lande  gefährdeten  —
daß  auch  Spanien,  dem  man  ja  auch  den  Vertrag  von  1725  nicht  gehalten,  auf
Böhmen,  Ungarn,  unter  Umständen  auf  Toskana  und  Ober-Italien  Ansprüche  erheben
  würde.  Wie  hätten  ferner  nicht  die  österreichischen  Niederlande  die  Begier
Frankreichs,  der  Niederlande  reizen  sollen?  Und  England-Hannover  sah  solchem
Kampfe  gewiß  nicht  unthätig  zu.  Endlich  war  in  den  ssterreichischen  Erblanden
die  Stimmung  der  Bevölkerung  ganz  entschieden  gegen  die  Tochter  Kaiser  Karls
und  noch  mehr  gegen  ihren  Gemahl,  den  Herzog  von  Lothringen,  und  für  den
Kurfürsten  von  Bayern.

So  zeigte  sich  denn,  daß  nicht  einmal  in  den  Erblanden  die  Zustimmung
zur  pragmatischen  Sanktion  Sicherheit  gab,  und  wie  weit  ihre  Gewähr
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        Oesterreichische  Erbfolge.  317

durch  die  fremden  Mächte  praktische  Wahrheit  werden  würde,  hing  allein  von
deren  Interessen  ab.  Die  Zerstückelung  Oesterreichs  aber  entsprach  den  Interessen
aller  und  vornehmlich  den  französischen.  Mit  einem  Wort,  es  war  mit  vollster
Sicherheit  vorauszusehen,  daß  der  Uebergang  der  Erbschaft  an  Maria  Theresia
in  feichlicher  Weise  gewiß  nicht  erfolgen,  sondern  ein  Krieg  darüber  ausbrechen
werde.

Und  wie  stand  nun  Preußen  dem  gegenüber?  Wenn  es,  wie  wir  einleitend
andeuteten,  eine  Wahrheit  in  dem  Gange  der  Geschichte  giebt,  wenn  eine  Gerechtigkeit
  auch  in  der  Staatenwelt  herrscht  —  war  jetzt  der  Moment  des  Gerichtes.
gekommen  für  alles  Unrecht,  für  alle  Unbilden,  die  Habsburg  Preußen  seit  länger
als  einem  Jahrhundert  zugefügt  hatte,  zugefügt  hatte  insbesondere  auch  in  seinen
Rechten  auf  die  schlesischen  Fürstentümer?  Wir  erörterten  schon,  worauf  sich  diese
Rechte  gründeten  —  für  Jägerndorf  auf  die  Erbfolge  in  den  Besitz  des  Markgrafen
  Georg  von  Brandenburg,  für  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau  auf  die  Erbverträge
  mit  dem  Herzoge  Friedrich  von  Liegnitz.  Wir  erwähnten,  wie  der  Kaiser
diese  Rechte  zur  Zeit  des  Großen  Kurfürsten  wiederholt  anerkannt  und  sie  ihm
doch  vorenthalten,  wie  der  Kurfürst  endlich,  um  mit  dem  Kaiser  in  ein  gutes
Einvernehmen  zu  kommen,  seine  Rechte  gegen  Abtretung  des  Schwiebusser  Kreises
aiseben,  der  Kaiser  aber  den  Kurprinzen  durch  falsche  Vorspiegelungen  zu  dem

Versprechen  der  Rückgabe  dieses  Kreises  bewogen  hatte.  Allerdings  mußte  Friedrich
  III.  diese  Rückgabe  vollziehen,  aber  ausdrücklich  hatte  er  es  abgelehnt,  dies
auf  Grund  seines  Reverses  zu  thun;  der  Revers  war  von  den  kurfürstlichen  Bevollmächtigten
  für  unverbindlich  erklärt,  und  die  kaiserlichen  hatten  ihren  Widerspruch
  dagegen  fallen  gelassen.  Bei  der  Kaiserwahl  von  1711  hatte  Friedrich
eine  eingehende  Erörterung  der  Ansprüche  gefordert,  und  unter  Friedrich  Wilhelm  I.
sind  sie  mit  nichten  vergessen  worden.  In  einer  Deukschrift  von  etwa  1715
hatte  der  Minister  von  Ilgen  nachdrücklich  an  sie  erinnert,  er  wie  der  König
lebten  der  sicheren  Hoffnung,  durch  die  Unterstützung  der  pragmatischen  Sanktion
beim  Aussterben  des  österreichischen  Mannesstammes  endlich  die  brandenburgischen
Ansprüche  auf  Schlesien  erfüllt  zu  sehen.  Als  1728  der  Vertrag  mit  Oesterreich
geschlossen  werden  sollte,  verlangte  der  preußische  Minister  von  Borcke,  in  berechtigter
  Sorge,  ob  die  vom  Kaiser  übernommene  Gewähr  für  Berg  auch  wirklich
ausgeführt  werden  würde,  die  Aufnahme  eines  besonderen  Zusatzes,  daß,  wenn
dies  nicht  geschehe,  der  Kaiser  dem  Könige  ein  „wahres  Aequivalent  ex  propriis",
d.  h.  eben  aus  Schlesien  geben  werde.  Und  nur  den  Vorstellungen  des  Grafen
Seckendorf  über  die  ja  durchaus  den  Kaiser  bindende  K  Kraft  des  Artikels  über  Berg
war  es  gelungen,  den  König  dahin  zu  bestimmen,  von  jenem  Zusatz  abzusehen.
Ja,  als  man  die  dereinst  von  seinem  Großvater  aufgesetzte  Denkschrift  über  die
Erwerbung  Schlesiens  für  Brandenburg  aufgefunden  und  ihm  gebracht  hatte,  erklärte
  Friedrich  Wilhelm,  der  Fund  sei  ihm  lieber  als  100  000  Dukaten,  und
übergab  sie,  wie  es  scheint,  selbst  seinem  Sohne  zur  Einsicht.

Jedenfalls  hat  sie  Friedrich  wohl  gekannt.  Ein  alter  treuer  Diener  seines
Hauses,  von  Rochow,  erinnerte  ihn  beim  Tode  des  Kaisers  nachdrücklich  an  sie,
und  der  Rechtslehrer  von  Ludewig  in  Halle  reichte  dem  Könige  aus  freien  Stücken
ein  Gutachten  über  diese  Rechtsansprüche  seines  Hauses  ein,  zu  dem  er  im  Auftrage
des  Ministers  von  Ilgen  die  Materialien  seit  langer  Zeit  gesammelt  habe.  Wohl
nicht  ganz  mit  Recht  hat  man  daher  daraus,  daß  Friedrich  erklärte,  die  juristische
        <pb n="424" />
        318  Oesterreichische  Erbfolge.

Begründung  seiner  Ansprüche  sei  Sache  seiner  Minister,  gefolgert,  Friedrich  hätte
eine  solche  für  völlig  unwesentlich  erachtet.  Denn  nur  ihre  Ausarbeitung  überließ
er  den  Ministern.  Von  der  geschichtlichen  Entwickelung  aber,  von  den  habsburgischen
  Vergewaltigungen  und  von  dem  rechtlichen  Anspruch  seines  Hauses  auf  die
schlesischen  Länder  hatte  er  sich  sehr  genau  unterrichtet  und  selbst  sie  in  einem
Aussatz  besonders  dargestellt.  Er  war  durchdrungen  von  der  politischen  Notwendigkeit,
  den  Augenblick  zu  nutzen,  um  seinem  Vaterlande  diejenige  Achtung  und  diejenige
  Stellung  zu  erringen,  die  ihm  die  Großmächte  vorzuenkhalten  für  gut  fanden.
In  ihm  wurzelte  aber  auch  das  Bewußtsein  von  dem  moralischen  Rechte  des  Hauses
Hohenzollern  gegen  das  Haus  Habsburg  ebenso  felsenfest,  wie  von  dem  voll  begründeten
  Anspruch  auf  die  schlesischen  Fürstentümer.  „Es  ist  gerecht,  an  seinen
Rechten  festzuhalten  u  die  Gelegenheit  des  Ablebens  des  Kaisers  zu  ergreifen,
um  sich  in  den  Besitz  der  Rechte  zu  setzen“  —  das  war  Friedrichs  Ueberzeugung.
Und  dieses  sichere  Bewugiiein  des  Königs  darf  man  nicht  vergessen,  wenn  man
seine  geraden  und  offenen  Geständnisse  über  die  Ruhmbegierde,  die  Sehnsucht,  von
sich  reden  zu  inm—  die  ihn  zu  seiner  Unternehmung  auf  Schlesien  bestimmt  hätten,
richtig  beurteilen  will.  Ohne  Zweifel  hatten  Thatendurst  und  Ehrgeiz  ihren  Anteil
an  Friedrichs  Entschluß,  aber  sie  so  wenig  wie  die  Rechtsfrage  waren  für  Friedrich
das  Entscheidende.  Vielmehr  seine  Pflicht  gegen  den  Staat  hätte  er  gemeint,  zu
versäumen,  wenn  er  in  einer  Welt,  in  der  allein  das  Interesse  regierte,  nicht  endlich
einmal  auch  das  Interesse  seines  Staates  zur  Geltung  gebracht  hätte.  Wenn  der
Kampf  um  das  österreichische  Erbe  entbrannte,  so  wäre  es  ihm  eine  Thorheit  erschienen,
  in  unfruchtbarem  Gezänk  um  das  ihm  von  allen  Großmächten  mißgönnte
Berg  zu  ringen.  Größeres  stand  auf  dem  Spiel,  und  er  war  bereit,  in  dem  vorausgesehenen
  Kampf  auf  die  Seite  der  letzten  Tochter  Habsburgs  zu  treten,  für  sie  zu
fechten,  um  ihr  das  ganze  österreichische  Erbe  zu  erhalten,  sofern  sie  nur  endlich
die  altpreußischen  Rechte  in  Wirksamkeit  treten  ließ  und  nicht  Ansprüche  geltend
machte,  die  ihre  Vorfahren  gegen  alles  Recht  an  sich  gerissen  hätten.  Denn  was
ihren  Vorfahren  rechtlich  nicht  zugestanden,  könne  auch  Maria  Theresia  nicht  erben,
könne  es  um  so  weniger,  als  Schlesien  ein  Mannlehen  sei,  das  in  Weiberhände
nach  deutschem  Recht  überhaupt  nicht  fallen  dürfe.  Er  war  aber  auch  entschlossen,
um  den  Verhandlungen  wenigstens  die  Aussicht  auf  ein  Gelingen  zu  geben,  gleichzeitig
  die  Waffen  zu  ergreifen.  Denn  eben  dahin  war  es  ja  durch  die  hundertjährige
Nachgiebigkeit  gekommen,  daß  jede,  auch  die  gerechteste,  aber  nur  diplomatisch  gestellte
  Forderung  Preußens  an  den  Mauern  der  Hofburg  wirkungslos  abprallte.
So  traf  den  König  der  schnelle  Tod  des  Kaisers  keineswegs  unvorbereitet.
„Ich  gehe  nicht  nach  Berlin“,  schreibt  er  von  Rheinsberg  aus  am  28.  Oktober,
„eine  Bagatelle,  wie  der  Tod  des  Kaisers,  erfordert  nicht  große  Bewegungen.
Alles  war  vorhergesehen,  alles  vorbedacht.  Also  handelt  es  sich  nur  um  die  Ausführung
  von  Entwürfen,  die  ich  seit  lange  in  meinem  Kopfe  bewegt  habe."  Wie
auch  der  Minister  Podewils,  den  er  neben  Kurt  von  Schwerin  zur  Beratung  nach
Rheinsberg  berief,  in  ängstlicher  Erwägung  der  Folgen  den  jungen  König  zurückzuhalten
  suchte  —  er  war  entschlossen,  seinen  Staat  „nicht  der  Treulosigkeit  des
Wiener  Hofes  zu  opfern“,  er  war  entschlossen,  sich  nicht  durch  einfache  Unterhandlungen
  „zu  blamieren“,  sondern  seinen  Unterhandlungen  den  militärischen
Nachdruck  zu  geben.  Denn  von  allen  Seiten  kamen  die  Nachrichten  über  Rüstungen,
es  war  kein  Zweifel,  daß  die  Kriegsflamme  auflohen  werde.  Bayern  schien,  unter
        <pb n="425" />
        Beginn  des  ersten  schlesischen  Krieges.  319

französischem  Schilde  gedeckt,  zuerst  losschlagen  zu  wollen,  aber  schon  setzte  sich
auch  Sachsen  in  den  Stand,  von  Rußlands  Arm  gehalten,  Schlesien  zu  besetzen.

Unter  mannigfachen  Festlichkeiten  arbeitete  Friedrich  mit  einem  Eifer,  einer
Hingebung  ohmogleicher  an  seinem  Plan.  Die  Aufregung  der  fremden  Gesandten

n  Berlin,  die  nichts  Sicheres  erfuhren,  wuchs  von  Tag  zu  r*  und  der  Befehl

der  Mobilmachung  setzte  alles  in  tolle  Verwirrung.  Denn  keiner  der  Gesandten
erhielt  die  volle  Kunde  dessen,  was  Friedrich  plante,  und  Podewils  mußte  die
preußischen  Gesandten  anweisen,  an  jedem  Hof  anders  zu  sprechen.  Allein  dem
österreichischen  Gesandten  Marchese  Botta  dAdorno,  der  den  Thronwechsel  in  Wien
anzuzeigen  und  die  Bitte  um  Kurbrandenburgs  Stimme  zur  Kaiserwahl  des  Großherzogs
  von  Lothringen  vorzutragen  nach  Berlin  kam,  goß  Friedrich  ganz  klaren
Wein  ein.  Gegen  Abtretung  von  Schlesien  sei  er  bereit,  die  Sache  Maria  Theresias
zu  führen,  ihrem  Gemahl  zur  Kaiserkrone  zu  verhelfen  und  überdem  zwei  Millionen
Thaler  zu  zahlen.  Nur  mit  Komplimenten  und  schönen  Beteuerungen  wolle  er
sich  nicht  abfinden  lassen,  deshalb  würden  seine  Truppen  Schlesien  zunächst  besetzen.
  Eben  dasselbe  hatte  der  ständige  preußische  Gesandte  in  Wien,  von  Borcke,
hatte  namentlich  ein  außerordentlicher  dorthin  geschickter  Bevollmächtigter,  der  Oberhofmarschall
  von  Gotter,  in  der  nachdrücklichsten  Form  vorzustellen.

In  den  ersten  Tagen  des  Dezembers  verließen  die  Truppen  Berlin,  am  Zao
14.  Dezember  brach  der  König  selbst  von  seiner  Hauptstadt  auf  in  fröhlichster,  vF
hoffnungsreichster  Stimmmng,  und  am  16.  Dezember  ging  er  mit  etwa  15.000
Mann  Fußvolk  und  5000  Reitern  über  die  schlesische  Grenze.  „Ich  habe“,  so
schreibt  er  am  gleichen  Tage  jubelnd  seinem  Minister  von  Podewils  von
Schweinitz  aus,  „den  Rubicon  mit  wehenden  Fahnen  und  klingendem  Spiele  überschritten.
  Meine  Truppen  sind  beseelt  von  dem  besten  Willen,  meine  Offiziere
von  Ehrgeiz,  und  meine  Generale  brennen  von  Ruhmbegierde,  alles  wird  nach
unsern  Wünschen  gehen,  und  ich  habe  allen  Grund,  mir  das  Beste  von  meinem
Unternehmen  zu  versprechen.  Mein  Herz  weissagt  mir  alles  Gute,  und  ein  gewisser
  Instinkt,  dessen  Grund  wir  nicht  kennen,  sagt  mir  Glück  und  Erfolg  voraus.
Ich  kehre  nicht  nach  Berlin  zurück,  ohne  mich  meiner  Ahnen,  ohne  mich  der
tapferen  Truppen,  die  ich  zu  befehligen  die  Ehre  habe,  würdig  gezeigt  zu  haben.“
Mit  Freuden  ward  der  König  überall  von  den  hartbedrängten  Protestanten  begrüßt,
ihrer  viele  befreite  er  aus  den  Gefäugnissen,  in  denen  sie  ihres  Glaubens  halber
schmachteten,  und  nicht  lange  sollte  es  dauern,  bis  er  auch  viele  der  Katholiken
gewonnen  hatte.  Bei  Glogau  ließ  er  8000  Mann  zurück,  in  Eilmärschen  zog  er
nach  Breslau,  zog  nach  leicht  getroffenem  Vergleich  durch  das  Schweidnitzer  Thor
am  3.  Januar  in  die  Stadt  ein,  umjubelt  von  der  Bevölkerung.

Gleich  darauf  ging  es  weiter.  Ohne  nennenswerten  Widerstand  zu  finden
—  nur  bei  Ottmachau  kam  es  zwischen  Schwerin  und  Browne  zu  einem  leichten
Gefecht  —  hatte  er  Ende  Januar  Schlesien  besetzt.  Allein  Glogau,  Brieg  und
Neiße  hielten  sich,  mußten  aber,  wie  Friedrich  hoffte,  im  Frühjahr  sich  ergeben.

Fast  mühelos  war  so  das  kühne  militärische  Manöver  mitten  im  Winter  geglückt,
  aber  den  erwünschten  Erfolg,  die  Unterhandlungen  in  Wien  zu  glücklichem
Ende  zu  führen,  hatte  es  nicht  gehabt.  Das  überraschte  Friedrich  nicht,  denn  er
wußte,  daß  er  es  mit  dem  Hause  Oesterreich  zu  thun  habe,  welches  keinen  Richter
im  Reich  erkennen  wolle,  und  von  dem  er  keine  Justiz  zu  erwarten  habe.  Maria
Theresia,  die  ohne  Kenntnis  von  dem  historischen  Verlauf  des  an  Preußen  ver-
        <pb n="426" />
        320  Verhandlungen.  —  Glogau.  —  Parallelmarsch  Friedrichs  und  Neippergs.

übten  Betruges  war  und  von  dem  hartgesottenen  Preußenhasser  Bartenstein  beraten
  wurde,  beharrte  auf  der  Ablehnung  jeder  Forderung  Friedrichs  und  blieb
dabei,  daß  Preußen  bedingungslos  zur  Verteidigung  ihrer  Rechte  verpflichtet  sei.
Auch  daß  der  König  mit  einem  guten  Teile  Schlesiens  befriedigt  sein  zu  wollen
erklärte,  dafür  „Truppen,  Allianz,  die  glänzende  Aussicht  auf  die  Kaiserkrone",
die  ihn  doch  auf  die  Mensur  mit  Frankreich  führen  mußte,  anbot,  machte  wohl
auf  den  Großherzog  von  Lothringen,  nicht  aber  auf  die  Königin  Eindruc.  Sie
glaubte  auf  die  Mächte  der  pragmatischen  Sanktion  oder  doch  auf  den  Streit
zwischen  Frankreich  und  England  zählen  zu  können,  sie  rechnete,  daß  der  alte
Gedanke  der  Vorherrschaft  der  vier  Großmächte  Rettung  bringen  müsse.  In  der
That  hatte  man  an  allen  Höfen  die  lebhafteste  Begierde,  bei  dieser  Gelegenheit
Vorteile  zu  erlangen,  aber  zwischen  dem  Haß  auf  den  jungen  Emporkömmling,
dessen  kühnes  Vorgehen  man  nur  mit  Zittern  beobachtete,  und  dem  Wunsche,  von
dem  österreichischen  Geschick  Gewinn  zu  ziehen,  kam  man  zunächst  nicht  zu  einem
festen  Entschluß.  Nur  Frankreich  hatte  seine  Thätigkeit  für  die  Kaiserwahl  des
bayerischen  Kurfürsten  begonnen,  während  Sachsen  zu  Oesterreich  neigte.  Aber
im  März  schon  erfuhr  der  König,  daß  von  Dresden  aus  der  Plan,  „das  detestable
Projekt“,  durch  Oesterreich,  Eugland,  Holland,  Rußland  und  Sachsen  ihn  niederzuwerfen,
  gressbarere  Gestalt  erhalten.  Nun  mußte  er  beweisen,  daß  er  bereitersei
  als  seine  Gegner,  er  mußte  den  ersten  Schlag  austeilen,  und  mußte  es  thun,
solange  er  auf  dem  Kriegsfelde  nur  die  Oesterreicher  sich  gegenüber  sah.  Denn
schon  sammelten  sich  ihre  Truppen,  belästigten  die  in  Oberschlesien  über  ein  weites
Terrain  zerstreuten  Truppen  Schwerins  und  wurden  von  den  streng  katholischen
Bergbewohnern  darin  unterstützt.  Friedrich  selbst  gerict  einmal  bei  Baumgarten
in  Gefahr,  gefangen  genommen  zu  werden.  Um  so  ungeduldiger  war  er,  die
Festung  Glogau,  welche  die  Zufuhr  auf  der  Oder  versperrte,  endlich  genommen
zu  sehen,  und  in  der  That  nahm  der  Erbprinz  von  Dessau  sie  in  der  Nacht  zum
##  9.  März  durch  „die  schönste  Aktion,  die  in  diesem  Seculo  geschehen“  mit  stürmenand.
  General  von  Jcetze  vom  Schwerinschen  Korps  besetzte  den  Paß  von
Zuckmantel  (15.  März),  es  sollte  die  Einnahme  von  Neiße  erfolgen.  Gleichzeitig.
aber  hatie  Friedrich,  um  wenigstens  die  Sachsen  und  Hannoveraner  im  Schach  zu
halten,  den  Fürsten  Leopold  von  Dessau  mit  30  000  Mann  dicht  an  der  sächsischen
Grenze  bei  Göttin,  südlich  von  Brandenburg,  ein  Lager  beziehen  lassen,  das  in
der  That  in  Dresden  den  erforderlichen  Schrecken  erregte.  An  Hannover  machte
er  die  denkbar  größten  Zugeständnisse  und  fand  damit  auch  Anklang.  Denn  es
sei  billig,  meinten  gar  hochmütig  die  welfischen  Minister,  wenn  Preußen  gewinne,
„daß  man  sie  mitessen  lasse“.  Doch  schon  hatte  der  Feldmarschall  Neipperg  auf
den  Nebenwegen  des  hohen  Gebirges  über  Freudenthal  den  König,  der  von  Jägerndorf
  aus  die  große  Straße  nach  Neiße  benütte,  überholt,  erreichte  vor  ihm  Neiße
und  durfte  hoffen,  dem  König  den  Rückweg  über  Ohlau  nach  Breslau  zu  versperren.
Soviel  Truppen  wie  möglich  zog  der  König  nun  heran,  und  durch  außerordentlich
augestrengte  Märsche  im  häßlichsten  Schneewetter  kam  er  am  9.  April  bis  in  die
Gegend  von  Grottkau  und  Michelau,  aber  vor  ihm  auf  dem  Wege  nach  Ohlau,
wo  die  preußische  Artillerie  und  die  Lebensmittel  waren,  stand  Neipperg  mit  etwa
9—10000  Mann  Infanterie  und  6800  Mann  Kavallerie.  Am  folgenden  Tage
au  kam  es  bei  Mollwitz  zur  Schlacht.  Die  furchtbare  Heftigkeit  des  Geschützdonners
auf  dem  rechten  preußischen  Flügel  —  neunzig  Schüsse  zählten  die  Oesterreicher
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        Mollwitz.  321

   
 

A  —

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—

Plan  der  Schlacht  bei  Mollwitz.
Eigenhändiges  Croquis  bes  Königs  Friedrich  II.,  welches  die  Anlage  zu  einem  Briefe  vom  25.  April  1741  an
den  Fürsten  Leopold  von  Anbalte  bildete.
In  eiwa  halber  Größe  des  Origlmales  lin  Herzogl.  Lans-  und  Stootsarchiv  zu  Zerbst.

in  der  Zeit  eines  Vaterunsers  —  brachte  die  Ungeduld  der  feindlichen  Kavallerie
unter  Römer  zum  Aeußersten,  und,  ohne  die  Aufstellung  ihres  Heeres  abzuwarten,
stürzte  sie  auf  die  Kavallerie  des  rechten  Flügels  der  Preußen  und  zersprengte  sie.
Vergeblich  suchte  der  König,  die  Reiter,  die  ihn  mit  fortrissen,  wieder  zur  Ordnung
zu  bringen,  und  „exponierte  sich  selbst  dergestalt,  daß  jedermann  in  den  größten
Nengsten  Irethalben  gestanden".  Ebenso  aber  drang  die  österreichische  Kavallerie
auch  auf  dem  linken  Flügel  vor,  gelangte  selbst  hinter  die  preußische  Schlachtordnung.
Mitten  zwischen  den  feindlichen  Reitern  standen  zwar  unerschüttert  „wie  die  Mauern“
die  preußischen  Bataillone  „und  fochten  wie  die  Löwen“,  aber  nun  —  es  war
gegen  vier  Uhr  —  trat  auch  bei  ihnen,  als  sie  von  dem  Feuer  ihres  eigenen
zweiten  Treffens  zu  leiden  hatten,  ein  Moment  so  bedenklicher  Gefahr  ein,  daß
der  Feldmarschall  Schwerin  in  höchster  Sorge  für  die  Person  des  Königs  diesen
zum  Verlassen  des  Schlachtfelds  nötigte  und  „alte  Offiziere  keine  Rettung  mehr
sahen".  Jetzt  befahl  Schwerin  in  der  sicheren  Ueberzeugung,  daß  die  Kavallerie
allein  eine  Schlacht  nicht  entscheiden  könne,  den  Angriff  der  Infanterie  vom  rechten

ügel  aus.  „Unter  der  größten  Contenance,  so  nach  der  Schnur,  als  wäre  es
auf  dem  Paradeplatz",  drang  sie  gegen  die  feindliche  Infanterie,  die  noch  gar  nicht
auf  Schußweite  herangekommen,  an.  Vor  ihrem  Schnellfeuer  zerstob  diese  zunächst
auf  dem  linken  Flügel,  und  als  Schwerin  noch  seinem  linken  Flügel  die  Feinde
anzugreifen  befahl,  war  die  Schlacht  entschieden.  Neipperg  mußte  mit  seinen

Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  21
        <pb n="428" />
        322  Bündnis  mit  Frankreich  und  Bayern.

geschlagenen  Truppen  nach  Neiße  sich  zurückziehen,  während  Friedrich  auf  das
Schlachtfeld,  von  da  nach  Ohlau  eilte.  Zwei  Tage  hatte  er  weder  geschlafen  noch
gegessen,  und  wenn  auch  zum  Verlassen  des  Schlachtfeldes  genötigt,  hatte  er  doch,
wie  es  in  einem  Feldbrief  heißt,  zur  Schlacht  „das  meiste  selbst  disponiret“,  „und
unsere  vorher  gemachte  Disposition  war  gewiß  magrihßgue,  und  sagen  die  ältesten
Offiziers,  daß  sie  niemalen  nichts  Schöneres  gesehen“.  In  glänzender  Weise  hatte
Schwerin  den  Gedanken  Friedrichs,  in  schiefer  Schlachtordnung  vorzugehen,  verwirklicht.

Die  nächste  Folge  der  Schlacht  war,  daß  die  Truppe,  die  sich  als  unzulänglich
  gezeigt  hatte,  die  Kavallerie,  ganz  anders  und  nur  auf  den  Angriff  hin  ausgebildet
  wurde.  Es  ward  ihr  streng  untersagt,  sich  angreifen  zu  lassen,  täglich
mußte  sie  „reiten  und  exerzieren“".  Schon  im  Mai  fand  der  Oberstleutnant  von
Zieten  und  der  Major  von  Winterfeldt  n-“  die  neue  Schulung  ihrer  Husaren
und  Dragoner  in  dem  glänzenden  Gefecht  bei  Rothschloß  gegen  Baranyay,  von
dem  Zieten  in  den  Feldzügen  von  1734/35  selbst  gelernt,  zu  erweisen.  Schier  erstaunt
  sah  der  französische  Gesandte  im  Juli,  wie  völlig  anders  die  Truppe  im
Laufe  eines  Vierteljahres  geworden.

Seltsam  aber  war  es,  wie  wenig  der  Sieg  auf  die  Anschauungen  der  anderen
Mächte  einwirkte.  Freilich  ließen  alle  fort  und  fort  mit  Friedrich  unterhandeln,
spielten  die  ehrlichen  Makler  oder  die  treuen  Freunde,  die  nur  gewissermaßen
nebenbei  doch  auch  ihr  Interesse  zu  beachren  baten.  Der  sächsische  und  mehr  noch
der  englisch-hannöversche  Hof  waren  vornehmlich  bedacht  darauf,  Friedrich  in  dem
Glanben  an  ihren  guten  Willen  einzulullen,  während  nichts  einleuchtender  war,
als  daß  weder  Hannover  noch  Sachsen  Preußen  einen  Zuwachs  gönnen,  sondern
nur  unter  den  augenblicklichen  Jerhältuissen  ohne  sonderliche  Mühe  eigenen  Gewinn
zu  machen  suchen  würden.  In  der  That  ließ  man  alle  Minen  springen,  Europa
gegen  Friedrich  in  die  Waffen  zu  Fbeingen,  wußte  im  Haag  zu  hetzen,  in  Dresden
zu  schüren,  in  Petersburg  zu  drängen,  in  Wien  zu  ermntigen  und  brachte  nicht
nur  ein  Bündnis,  sondern  einen  Feldzugsplan  fertig,  der  mit  englischen  Subsidien
  das  österreichische  Heer  verdoppeln,  von  Rußland  42000  Mann,  von
Sachsen  24000  Mann,  von  Hannover,  Hessen,  Dänemark  32000  Mann  ins
Feld  stellen,  die  militärischen  Kräfte  von  England,  den  Niederlanden,  Rußland,
Sachsen,  Polen,  Oesterreich  gegen  Friedrich  vereinigen  sollte.  Längst  wußte  Friedrich,
was  man  gegen  ihn  im  Schilde  führte,  und  mit  den  Erfolgen  Englands  in
Amerika,  mit  dem  Zurückweichen  der  französisch-spanischen  Flotte  vor  der  englischen
legte  England  auch  die  Maske  aufrichtiger  Freundschaft  gegen  Preußen  ab.  König
Friedrich  konnte  nicht  mehr  den  geringsten  Zweifel  haben,  daß  ganz  Europa  ihm
entgegengetreten  und  allein  Frankreich,  allenfalls  auch  Spanien  ein  Interesse  habe,
sein  Unternehmen  zu  unterstützen.  Wie  sehr  er  ein  englisches  Bündnis  gewünscht
haben  mochte,  den  fortgesetzten  Finten,  mit  denen  König  Georg  ihn  zu  amüsieren
für  gut  fand,  der  Kunde  von  dem  unter  Georgs  Aegide  geplanten  allgemeinen  Angriff
  gegenüber,  kounte  der  König  sich  nicht  mehr  der  Einsicht  verschließen,  daß
odiese  Leute  uns  betrügen,  daß  König  Georg  uns  zu  Leibe  will“.  Es  gab,  und
wenn  auch  das  alte  Europa  darob  in  allen  Fugen  krachen  sollte,  kein  anderes
Mittel,  als  den  namentlich  von  Podewils  so  stark  bekämpften  Anschluß  an  Frankreich.
  Auch  Friedrich,  in  der  Meinung,  daß  Oesterreich  und  Preußen  sehr  wohl
in  dem  herkömmlichen  Reichssystem  neben  einander  leben  könnten,  hatte  lange  gezögert,
  diesen  Schritt  zu  thun  und  den  Hof  von  Paris  hinzuhalten  gewußt,  un-
        <pb n="429" />
        Breslau.  —  Huldigung.  323

ermüdlich  mit  dem  englischen  Gesandten  Lord  Hyndford  verhandelt,  wiederholt  alle
möglichen  Erbietungen  zur  Wahl  des  Lothringers  in  Wien  gemacht.  Aufs  lebhafteste
  hatte  sich  dagegen  der  französische  Gesandte  Valory  bemüht,  und  vor
allem  hatte  der  Marschall  Belleisle,  die  Seele  der  Kriegspartei  in  Versailles,
sowohl  den  langsamen  Kardinal  Fleury  zum  Entschluß  gedrängt  und  im  Lager  bei
Mollwitz  den  Lonig  für  das  französische  Bündnis  zu  gewinnen  gesucht.  Belleisle
wurde  auch  Zeuge  der  Belagerung  von  Brieg,  bei  der  leider  das  alte  Piastenschloß,
„das  Hauptwerk  der  Renaissance  in  Schlesien“,  in  Flammen  aufging.  Endlich  am
5.  Juni  ward  das  Bündnis  mit  Frankreich  geschloffen.  Friedrich  erklärte  sich  zu  der  ½
von  Frankreich  gewollten  Wahl  des  bayerischen  Kurfürsten  zum  Kaiser  bereit  und
gab  auch  Berg  auf.  Frankreich  dagegen  übernahm  es,  den  preußischen  Besitz  Niederschlesiens
  mit  Breslau  gegen  jedermann  zu  verteidigen,  übernahm  es,  Oesterreich  zu
förmlicher  Abtretung  zu  nötigen  und,  was  besondere  Mühe  gemacht,  Schweden  zum
Bruche  mit  Rußland  zu  veranlassen.  Endlich  verpflichlete  es  sich,  den  Kurfürsten  von
Bayern  nicht  nur  zu  schützen,  sondern  ihn  mit  Geld  und  Truppen,  wie  auch  durch  eine
Diversion  am  Niederrhein  in  den  Stand  zu  setzen,  Oesterreich  nachdrücklich  anzugreifen.
Bald  genug  fühlte  König  Georg  mit  furchtbarem  Schrecken,  daß  König  Friedrich
endlich  wohl  des  fortdauernden  Truges  müde  geworden  und  dasjenige  angenommen,
so  ihm  gleichsam  angetragen  war.  Aber  keineswegs  erwies  sich  nun  das  französischbayerische
  Bündnis  für  Friedrich  irgendwie  so  nützlich,  wie  es  sein  konnte.  Denn  so
sehr  das  französische  Interesse  Oesterreichs  Niederlage  forderte,  so  wenig  war  ihm  eine
Stärkung  Preußens  erwünscht.  Mit  Recht  war  Friedrich  daher  empört,  daß  das  sorgfältig
  bewahrte  Geheimnis  bekannt  geworden,  daß  Frankreich  seine  Versprechungen  nicht
hielt,  keinerlei  ernste  Schritte  zur  Aufnahme  der  Feindseligkeiten  that,  und  auch  der
ürst  Karl  Albert  von  Bayern  mit  seinen  20  000  Mann  nichts  unternahm.
mmer  noch  von  dem  Wunsche  beseelt,  mit  Oesterreich  sich  zu  einigen,  wäre
der  König  seinerseits  daher  selbst  mit  einem  Teile  nur  Niederschlesiens  zufrieden
gewesen,  aber  das  Anerbieten,  das  jetzt  Maria  Theresia  durch  den  englischen  Gesandten
  Robinson  in  Wien  ihm  in  seinem  Lager  bei  Strehlen  machen  ließ,  ihm
fünf  Geviertmeilen  des  österreichischen  Geldern  und  das  Ländchen  Limburg  abzutreten,
  war  mehr  als  „eine  Insulte“  zu  betrachten,  denn  als  Charakterfestigkeit
der  Königin  zu  loben.  Gleichzeitig  suchte  Neipperg  das  preußische  Heer  zu  umgehen
  und  trotz  des  Verlustes  von  Mollwitz  Breslau  zu  erreichen.  Doch  der  König
kam  ihm  zuvor.  Durch  einen  Handstreich  wurde  die  Stadt  am  7.  August  vom
Feldmarschall  Schwerin  beseyt  und  zur  Huldigung  genötigt,  während  die  Stände
von  Niederschlesien  und  des  „Distrikts  bis  über  die  Neiße“  erst  unter  anderen
Verhältnissen  am  7.  November  „unter  dem  Jubel  des  Volkes“  die  Erblandeshuldigung
  leisteten.  Monatelang  gingen  die  Verhandlungen  oft  zweideutigster
Art  zwischen  den  einzelnen  Höfen  hin  und  her,  voller  Ungeduld  ruft  während  derselben
  der  König  wohl  aus:  „wohlan,  wie  lange  sollen  wir  noch  warten,  um  uns
von  London  und  Wien  düpieren  zu  lassen!“  Denn  jetzt  noch  hoffte  Maria  Theresia,
Frankreich  und  Bayern  für  sich  zu  gewinnen,  und  an  diese  war  sie  zu  Abtretungen
in  den  Niederlanden,  in  Italien,  ja  in  den  österreichischen  Vorlanden,  in  Schwaben
und  am  Rhein  bereit.  Ende  Juli  hatten  endlich  die  bayerischen  Bewegungen  mit
der  Besetzung  Passaus  begonnen,  und  ebenso  sammelten  sich  nun  zwei  französische
eere,  das  eine  unter  Marschall  Maillebois  am  Niederrhein,  um  mit  den  kurpfälzischen
  und  kurkölnischen  Truppen  Hannover  zu  bedrohen,  das  andere  im  Elsaß
21°
        <pb n="430" />
        324  Fränzösisch-bayerische  Kriegführung.  —  Klein-Schnellendorf.

unter  Marschall  Belleisle.  Mitte  Angust  ging  dieses  über  den  Rhein  und  konnte
sich,  da  der  schwäbische  und  fränkische  Kreis  Neutralitätsverträge  abschlossen,  mit
den  bayerischen  Truppen  vereinigen,  mit  ihnen  unmittelbar  auf  Wien  marschieren.
Aber  seltsam  genug,  kaum  hatten  sie  die  österreichische  Grenze  überschritten,  freudig
bewillkommt  auch  hier  von  dem  Volk,  als  sie  wie  angewurzelt,  wie  gefesselt  stehen
blieben,  obwohl  nicht  die  geringste  Truppenmacht  ihnen  den  Weg  versperrte,  und
Wien  völlig  offen  vor  ihnen  lag.  Lebhaft  stellte  der  König  brieflich  und  durch
seinen  Crand-Maitre  d'Artillerie  von  Schmettau  dem  Kurfürsten  von  Bayern  vor,
daß  man  „die  Römer  nur  in  Rom  fassen  könne"  und  bei  so  günstigen  Umständen
dies  eiligst  thun  müsse.  Nur  ausweichende  Antwort  erhielt  er,  und  statt  Wien
wollte  der  Kurfürst  durchaus  im  nächsten  Frühjahr  Prag  einnehmen,  Böhmen  für
sich  gewinnen.  Hierhin  sollten  auch  die  Sachsen,  die  jetzt  ebenfalls  in  Paris  das
Kaiserdiadem  ihrem  Kurfürsten-Könige  zu  gewinnen  trachteten,  kommen,  und  sie
wollten  sich  nach  einem  unter  Vermittelung  des  Marschalls  Belleisle  abgeschlossenen
Vertrage  in  Böhmen,  Oesterreich,  Tirol,  Vorder-Oesterreich,  in  Mähren  und  Oberschlesien
  teilen.  Offenbar  standen  Bayern  sowohl  wie  das  freilich  auch  nach  Oesterreich
  und  England  schielende  Sachsen  unter  dem  Einfluß  Frankreichs,  und  weder
dieses  noch  jene  wollten  für  ihre  Pläue  irgend  etwas  leisten,  sondern  den  Kampf
sollte  Preußen  allein  weiter  führen.  Frankreichs  Plan  war,  Oesterreich  völlig  zu
zerschlagen  und  mit  den  Scherben  jene  Fürsten  zu  vergrößern.  So  dachte  es  drei
oder  vier  Mittelstaaten  zu  schaffen,  die  ihm  nicht  die  Stirn  bieten  konnten,  in
Deutschland  aber  so  sehr  sich  das  Gleichgewicht  hielten,  daß  Frankreich  über  das
Reich  die  Herrschaft  ausüben  konnte.  Und  wie  weit  es  diese  Herrschaft  schon
thatsächlich  in  Hönden  hatte,  bewies  die  unterwürfige  Demut,  mit  der  König  Georg
für  sein  Hannoverland  die  daun  gewährte  Neutralität  in  Paris  erflehte,  ja  ein  englischfranzösisches
  Bündnis  einleitete.  Danach  war  es  klar,  daß,  wenn  es  jegzt,  solange
die  Franzosen  und  Bayern  in  Oesterreich  einige  Meilen  von  Wien  standen,  in
Schlesien  zur  Schlacht  kam,  das  Haus  Habsburg  verloren  war;  zugleich  aber  wäre
auch  Deutschland  geknechtet  gewesen  und  festgeschmiedet  an  den  Wagen  französischer
Staatsweisheit.  Niemals  hat  Friedrich  das  erste  gewollt,  das  andere  hätte  ihn
selbst  vernichtet.  Aber  seine  Truppen  brauchten  Erholungsquartiere,  und  was  er
gewollt  hatte  —  Niederschlesien  mit  Breslau  bis  Neiße  —  jetzt  endlich  ließ  Maria
Theresia  es  hoffen.  Völlig  befriedigt  damit,  verstand  sich  Friedrich  mit  Neipperg
H#  und  Lord  Hyndford  zu  weiteren  Besprechungen  im  Schlosse  zu  Klein-Schnellendorf
und  ließ  das  einzige  Heer,  welches  Oesterreich  hatte,  zur  Rettung  Habsburgs  frei
abmarschieren,  während  er  es  vernichten  konnte.  Indessen  nur  eben  für  diesen
Zweck  der  eigenen  Rettung  hatte  Oesterreich  überhaupt  nachgegeben,  dachte  jedoch
weder  die  Bedingung,  unter  der  Friedrich  allein  ihm  entgegen  aer  nunennG  zu  halten,
noch  auch  die  schon  gewährte  Konsequenz  zu  ziehen.  Die  Königin  brach  die  Zusage,
die  Verabredung  völlig  geheim  zu  halten  und  setzte  den  König  damit  der  Rache
der  Franzosen,  die  schon  Prag  nahmen  und  Karl  Albert  die  böhmische  Krone  aufsetzten,
  aus.  Es  kam  der  Königin  um  so  weniger  in  den  Sinn,  den  Frieden,  wie
verabredet,  bis  zum  Schluß  des  Jahres  zu  zeichnen,  als  ihre  Heere,  nachdem  der
schlaffe,  pedantische  Broglie  an  Belleisles  Stelle  den  Oberbefehl  erhalten,  in
Bayern  das  entschiedene  Uebergewicht  gewannen.  Wohl  aber  unterhandelte  Maria
Theresia  in  Paris  und  allerorten,  Frankreich  wußte  in  Petersburg  Terrain  zu  gewinnen,
  und  es  drohte  ein  Friede  geschlossen  zu  werden,  der  nicht  nur  Preußen  aller
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        Wahl  Kaiser  Karl  VI.  325

Früchte  beraubt  hätte,  sondern  zugleich  das  alte  rivalisierende  Uebergewicht  Oesterreichs
  und  Frankreichs  über  Deutschland  wieder  hergestellt  hätte.  Daher  trat
Friedrich  dem  erwähnten  bayerisch-sächsischen  Teilungsvertrage  bei,  schloß  mit  Bayern
sogar  einen  unmittelbaren  Bund  und  war  vornehmlich  bestrebt,  wenigstens  diesen
Staat  dem  französischen  Einfluß  zu  entziehen  und  einen  Kaiser  zu  wählen,  der
möglichst  unabhängig  von  Oesterreich  wie  von  Frankreich  allein  im  Reich  und  an
Preußen  seinen  Rückhalt  hatte.  Mainz  und  Trier  erklärten,  sich  nach  Friedrichs
Weisungen  richten  zu  wollen.  Sachsen  und  Hannover  hatten  sich  unter  dem

 

Huldigung  der  niederschlesischen  Stände  im  Fürstensaal  zu  Breslau  am  7.  November  1741.
Nach  der  Radierung  von  Johann  David  Schleuen  (arbeitete  in  der  zwelten  Hölste  des  18.  Jahrh.)  in  -Les  actions
sloricuses  de  Frédéric  le  Grand,,  Verlin  o.  J.  (nach  1768),  etwas  verkleinert.

preußischen  Druck  für  die  Wahl  Karl  Alberts  bereit  finden  lassen.  Von  Friedrich
also  hing  die  Wahl  ab.  Jetzt  förderte  er  sie  energisch,  und  am  27.  Jannar  1742  142
bestieg  Karl  VII.,  einstimmig  von  allen  Kurfürsten  gewählt,  den  deutschen  Kaiserstuhl.
Wenige  Tage  zuvor  aber  hatte  Karl  schon  den  dringendsten  Hilferuf  an
Friedrich  gelangen  lassen,  da  sowohl  in  Böhmen  wie  in  Bayern  bei  der  Unthätigkeit
  der  Franzosen  und  der  Schwäche  der  Bayern  die  Gefahr,  von  den
überlegenen  österreichischen  Heeren  unter  Khevenhüller  überrannt  zu  werden,  jeden
Augenblick  bevorstand.  Dieser  Gefahr  gedachte  Friedrich  mit  einem  unmittelbaren
Stoß  auf  Wien  zu  begegnen,  der  ihm  die  Entscheidung  in  die  Hand  geben  und
sie  dem  selbstgefälligen  Greise  in  Paris  entwinden  mußte.  Deun  mit  der  Einnahme
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        326  Friedrich  in  Mähren.

von  Troppau  und  Olmütz  durch  Schwerin  (Dez.  1741)  und  mit  dem  eigenen
Vormarsch  nach  Mähren  hinein  hatte  er  auch  Sachsen  genötigt,  für  den  Augenblick
  mehr  auf  ihn  als  auf  den  Kardinal  zu  hören.  In  Wirklichkeit  blieb  man
freilich,  wovon  sich  der  König  zu  allem  Ueberfluß  noch  in  einer  persönlichen  Besprechung
  mit  dem  Könige  von  Polen  und  dem  Grafen  Brühl  überzeugen
mußte,  in  Dresden  dabei,  Frankreich  als  den  wahren  Verbündeten  anzusehen  und
zu  fürchten,  daß  Friedrich  die  Franzosen  aus  Böhmen  verjagen  werde.  Am
28.  Januar  war  der  König  persönlich  in  Olmütz.  In  drei  Heeren  sollten  die
Kaiserlichen  und  Franzosen,  Sachsen  und

Preußen  auf  Wien  vorstoßen,  im  Juli  hoffte
Friedrich,  den  Frieden  hergestellt  zu  sehen.
Bis  zur  Thaya  und  March  besetzte  er  das
Land,  während  Schwerin  bis  Nickolsburg
vorgedrungen  war,  die  Zietenschen  Husaren
bis  Stockerau,  vier  Stunden  vor  Wien,
streiften.  Doch  eine  über  die  Kriegskontributionen
  erbitterte,  von  Maria  Theresia  zu
den  Waffen  gerufene,  grausame  Bevölkerung
führte  sortdauernd  einen  kleinen  Krieg,  der
unendlich  aufreibend  war.  Die  Verpflegung
der  Truppen  litt,  da  die  Befehle  des  Königs
nicht  genau  hatten  befolgt  werden  können,
auch  sonst  manchen  Schaden,  die  Belagerung
Brünns  konnte  nicht  ins  Werk  gesetzt  werden,
und  vor  allem  zeigten  sich  die  Verbündeten
um  so  kleiner,  je  großartiger  der  Plan  angelegt
  war.  Sachsen  sowohl  wie  Kaiserliche
.  und  Franzosen  zauderten,  thaten  das  Gegenteil
ep  *  Erlhch  U.  dessen,  was  sie  thun  sollten.  In  Angst  und
aceen  d  Krsürsten  Sorge  vor  diesem  entschlossenen  König  waren

*  S  En  2r  et  en  Vi  Ar  enen  sie  sogar  alle  bestrebt,  hinter  seinem  Rücken
n,  am  15.  Januar  174  3  E  ihren  Frieden  in  Wien  zu  machen,  während

Red  ““i*  %  Friedrich  alle  Vorschläge  der  Königin,  so
günstig  sie  für  ihn  lauteten,  ablehnte,  da  sie

weder  für  Bayern  noch  für  Sachsen  die  von

ihnen  verlangten  Abtretungen  enthielten.  Zuletzt  stand  Friedrich,  da  die  Vebündeten
keine  Miene  machten,  sich,  wie  verabredet,  zu  vereinigen  und  gemeinsam  auf  Wien
zu  marschieren,  im  südlichen  Böhmen  wie  in  der  Luft,  unfähig,  in  dem  feindlichen
Lande  seinem  Heere  den  nötigsten  Unterhalt  zu  gewähren.  Mit  solchen  Verbündeten
  war  nicht  zu  rechnen,  ddn  verdarben  alles.  Ihren  Gewinn  wollten  wt
alle  machen,  aber  es  erschreckte,  daß  auch  Preußen  gewinnen  könne.  Am  8.  April
brach  der  König  auf,  und  in  bewundernswertester  Weise  führte  er  den  Rückmarsch
  aus.  Namentlich  die  Nachhut  unter  Prinz  Dietrich  von  Anhalt  hatte
scharfe  Angriffe  abzuwehren,  mußte  auch  Olmütz  dem  nachrückenden  Prinzen  von
Lothringen  räumen,  kam  aber  gleichfalls  glücklich  nach  Troppau.  Vorzüglich
hatten  sich  die  Truppen  gehalten,  hatten  den  König  überzeugt,  „daß,  wenn  es
zu  einer  decisiven  Affaire  mit  dem  Feinde  kommen  sollte,  ich  von  meinen  Leuten
        <pb n="433" />
        Tschaslau  und  Chotusitz.  —  Friede  zu  Berlin.  327
alles  haben  werde,  was  man  von  einem  ehrlichen  braven  Soldaten  gewärtigen
2  -

Auch  die  diplomatischen  Verhandlungen  hatten  inzwischen  nicht  geruht,
ballten  aber  die  Gewitterwolken  über  Preußen  nur  um  so  dichter  zusammen.
Eine  Schlacht  konnte  allein  den  Frieden  erzwingen.  Und  schon  schien  die  Armee
des  Prinzen  Karl  von  Lothringen,  auf  Prag  vorgehend,  #iie  Verbindung  mit  dem
französischen  Heere  abzuschneiden.  Endlich  am  17.  i  früh  standen  Fürst  ##2
Leopold  von  Anhalt  und  der  Prinz  von  Lothringen  bei  aul  einander  gegenüber.
  Von  dessen  30  000  Mann  hätten  Leopolds  18  000  erdrückt  werden  können,
doch  nun  kam  auch  der  König  heran,  leitete,  wiederum  die  schiefe  Schlachtordnung
wählend,  die  Aufstellung  des  Heeres  zum  Angriff  vom  rechten  Flügel  aus.  Alsbald
kamen  die  beiderseitigen  Reitermassen  in  Kampf,  bald  diese  bald  jene,  zumeist  aber
die  österreichischen  im  Vorteil,  dann  hatte  die  Infanterie  schwere  Mühe  in  dem  in
Brand  gesteckten  Dorfe  Chotusitz.  Um  ½11  Uhr  vormittags  aber  gelang  es  dem  König,
eine  Anhöhe  zu  besetzen,  und  unter  dem  Feuer  der  hier  aufgefahrenen  Artillerie
konnte  die  Infanterie  Chotusitz  behaupten,  den  Feind  in  die  Flucht  schlagen.  Jetzt
ward  Tschaslau  bedroht,  und  nun  wandte  sich  auch  der  Rest  zur  Flucht.  „Noch  nie
hätten  sie“,  sagten  österreichische  Deserteurs  in  Nürnberg  aus,  „eine  so  furchtbare
Schlacht  erlebt,  die  Preußen  spieen  lauter  Feuer  um  sich".  Das  Schnellfeuer,  die
Bajonettangriffe,  die  ruhige  Sicherheit  der  preußischen  Bataillone,  die  Keckheit,
mit  der  die  preußischen  Husaren  die  österreichischen  Carres  sprengten,  hatten  eine
heilsame  Furcht  unter  den  österreichischen  Soldaten  erzeugt.

Allerdings  versuchte  der  Wiener  Hof  noch,  die  Niederlage  als  Sieg  zu  feiern,
aber  der  Macht  der  Thatsache  gegenüber  mußte  er  sich  beugen,  der  englischen
Friedensvermittlung  sich  fügen.  Und  da  der  Kaiser  keine  Truppen  mit  irgend
welchem  Nachdruck  operieren  lassen  konnte,  da  die  Franzosen  nach  einem  knappen
Erfolg  bei  Sahay  nicht  nur  erst  recht  ihr  altes  System  des  Zauderns  und  Nichtsthuns
  befolgten,  sondern  mit  Begier  an  einem  Frieden  arbeiteten,  der  Schlesien
nicht  in  Friedrichs  Hand  lassen  sollte,  ja  über  gemeinsame  Operationen  mit
Rußland  und  Oesterreich  gegen  Preußen  verhandelten,  so  mußte  Friedrich,  wenn
anders  er  nach  seinem  Ausdruck  „kein  Don  Quixote  sein  wollte“,  eilen,  nicht
überholt  zu  werden.  Vor  solch  einem  Frieden  mußte  er  sich  wohl  oder  übel  zu
sichern  suchen.  Er  mußte,  zufrieden,  daß  Sachsen  wenigstens  einzuschließen  gelang,
  dem  Drängen  des  englischen  Gesandten  nachgeben.  Sollten  nicht  wieder,
wie  einst  in  den  Zeiten  des  Großen  Kurfürsten,  die  Feinde  wie  die  Verbündeten
unter  sich  einen  Frieden  schließen,  dessen  Kosten  der  brandenburgisch-preußische
Staat  zu  tragen  hatte,  so  durfte  Friedrich  „als  Souverän,  der  andere  Pflichten
hat  als  der  Privatmann,  der  für  das  Interesse  seines  Staates,  für  das  Wohl
seines  Volkes  verantwortlich  ist",  nicht  anders  handeln,  als  indem  er,  nachgebend
  in  einer  ganzen  Reihe  von  Punkten,  mit  Oesterreich  am  11.  Juli  zu  .#.#
Breslau  Präliminarien  und  am  28.  Juni  1742  zu  Berlin  den  Frieden  schloß,
überzeugt,  daß  „Politiker  und  Militärs  die  Gründe,  die  ihn  zum  Frieden  bestimmt,
gutheißen  werden“.

So  war  denn  Schlesien  mit  der  Grafschaft  Glatz  und  einem  Teile  Oberschlesiens,
  aber  ohne  das  alt-brandenburgische  Jägerndorf  preußisch  geworden,

um  640  Geviertmeilen,  beinahe  um  ein  Drittel  seines  Umfanges  war  der  Staat
gewachsen,  und,  was  mehr  war,  in  seinen  Unterthanen  war  mit  der  staunenden
        <pb n="434" />
        328  Friedrichs  Reichspolitik.  —  Ostfriesland.

Bewunderung  für  das,  was  der  König  mit  der  so  oft  verspotteten  Armee  seines
Vaters,  ohne  irgendwie  neue  Steuern  zu  erheben  oder  fremde  Subsidien  zu  erhalten,
geleistet  hatte,  die  Freude  an  diesem  Staate  gewachsen  und  vertieft.  Wenigstens
ein  Teil  der  Deutschen  hatte  nun  wieder  ein  Vaterland  und  hatte  auch  Ursache,  es
zu  lieben.  Nur  die  Kabinette  Europas  waren  keineswegs,  wie  Friedrich  hoffte,
gewillt,  den  neuen  Zustand  als  einen  endgültigen  zu  betrachten,  den  jugendfrischen
Staat  unter  ihrer  altehrwürdigen  Genossenschaft  zu  dulden.

ouun  Böhmen  wie  in  Bayern  schleppte  sich  nach  dem  preußischen  Friedensschluß
  der  Krieg  der  Königin  von  Ungarn  gegen  den  deutschen  Kaiser  und  Frankreich
  mit  wechselndem  Erfolge  hin.  Zuletzt  behaupteten  die  Oesterreicher  beide
Länder,  und  nun  führte  auch  König  Georg  seine  Völker  gegen  den  Kaiser  ins

Feld.  Ein  neues  französisches  Heer  verfiel,  nachdem  es  bei  Dettingen  ihm  vergeblich
  Widerstand  zu  leisten  versucht  hatte,  in  die  alte  Schlaffheit  und  Unthätigkeit,
ging  vier  Wochen  später  über  den  Rhein  zurück.  Der  deutsche  Kaiser  hatte  weder,
wo  er  sein  Haupt  hinlegen,  noch  wovon  er  düh,  sättigen  sollte,  aber  traumhafte
Pläne  umgankelten  ihn  noch  immer,  wie  er  allem  Mißgeschick  zum  Trotz  dort
nene  Mittel,  hier  Entschädigungen  nicht  nur  für  seine  Erblande,  sondern  auch  für
seine  Ausprüche  an  das  habsburgische  Erbe  erhalten  könne.

Die  Hauptsache  für  England  und  Oesterreich  war  natürlich,  den  König  von
Preußen  durchaus  fern  von  jeder  Mitwirkung  bei  der  schließlichen  Entscheidung
des  Kampfes  gegen  den  Kaiser  und  Frankreich  zu  halten,  und  Friedrichs  ganzes
Augenmerk  war  nur  darauf  gerichtet,  den  Kaiser  aufrecht  zu  erhalten  und  den
allgemeinen  Frieden  herzustellen.  Allen  Mächten  predigte  er,  wie  er  selbst  schreibt,
Mäßigung,  suchte  die  einen  zu  besäuftigen,  die  anderen  zurückzuhalten.  In  erstaunlichem
  Maße  bezwang  er  seinen  Stolz,  sein  lebhaftes  Temparement,  seinen  Unwillen
gegen  den  königlichen  Oheim  von  London  und  die  hoffärtige  Art  seiner  Minister
und  Gesandten.  Er  selbst  freute  sich  darüber,  daß  er  seine  natürliche  Lebhaftigkeit
besser  im  Zaume  hielt,  als  die  Welt  erwartete.  Er  begnügte  sich,  nachdem  ihm
der  Plan,  eine  Neutralitätsarmee  gegen  Oesterreich  und  England  aufzustellen,
mißglückt  war,  auch  jetzt  mit  dem  Versuche,  einen  Fürstenbund  zum  Schutze  des
Kaisers  ganz  nach  den  Formen  des  alten  Reiches  und  mit  der  Bereitwilligkeit,
die  Reichsarmee  so  gut  wie  ganz  aus  preußischen  Truppen  zu  bilden,  aufzurichten.
  Hatte  er  doch  seinen  Schatz  schon  wieder  auf  die  überraschende  Höhe  von
sechs  Millionen,  sein  Heer  bis  auf  140  000  Mann  gebracht  und  es  ganz  neu
geschult!  Aber  völlig  schlug  der  Versuch  fehl,  und  je  uneigennühiger  die  von
Friedrich  betriebene  Reichspolitik,  für  die  er  sogar  eine  eigene  Reise  an  die  kleinen
Fürstenhöfse  nicht  schente,  war,  um  so  nackter  zeigte  sich  ihm  die  bodenlose  Verschrobenheit
  aller  Reichsverhältnisse.

größten  Verwunderung  der  fremden  Mächte  und  der  eigenen  Minister
glückte  dem  Könige  nach  dem  Aussterben  der  Fürsten  von  Ostfriesland  aus  dem
Hause  Cirksena  damals  die  schon  dem  Großen  Kurfürsten  rechtlich  zugesicherte,
aber  während  des  ganzen  Abrhumderts  aufs  lebhafteste  angefochtene  Besitzuahme

von  Ostfriesland  (16.  Mai  1744).

Doch  ohne  Frage  *  am  fernen  Horizont  Blitze  auf,  die  das  nahende
Unwetter  prophezeiten.  Kaum  war  noch  daran  zu  zweifeln,  daß  die  Wahl  des
Großherzogs  Franz  zum  Kaiser  irgendwie  burchgesetzt  werden  würde,  und  wenn
das  Mißglücken  der  Reichspolitik  dem  Könige  eine  solche  auch  gründlichst  verleidet  haben
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        Ursachen  des  zweiten  schlesischen  Krieges.  329

mochte,  so  konnte  er  den  Kaiser  Karl  VII.,  für  dessen  Wahl  und  Erhaltung  er
das  meiste  gethan,  nicht  sinken  lassen.  Gerade  weil  er  das  aber  nicht  konnte,
bedrängte  die  Königin  von  Ungarn  den  Kaiser  immer  härter.  Denn  dadurch
zwang  sie  den  König,  für  den  Vergewaltigten  das  Schwert  zu  ziehen,  und  kounte
ihn  dann  der  ehrbaren  Welt  als  denjenigen  darstellen,  der  wieder  einmal  den
Frieden  breche.  Zwischen  Oesterreich  und  Sachsen  war  im  Dezember  1743  ein  171/8
Vertrag  geschlossen,  den  der  sächsische  Minister  als  ganz  unschuldig  darzustellen
liebte,  der  aber  im  letzten  Grunde  sich  mit  vollster  Bestimmtheit  gegen  Preußen
richtete,  ihm  jede  Hilse  für  den  Kaiser  unmöglich  machen  sollte.  Schlimmer  war
noch,  daß  der  von  den  Höfen  zu  Wien,  London  und  Turin  im  September  ein-  85
gegangene  Wormser  Vertrag,  der  jetzt  zur  Kenntnis  des  Königs  kam,  ausdrücklich
die  Gewähr  für  die  Lande,  welche  in  Gemäßheit  der  früheren  Verträge  die  drei
Mächte  „gegenwärtig  besitzen  oder  besitzen  sollten“,  aussprach,  d.  h.  für  Oesterreich
auch  Schlesien.  Kam  hierbei  die  Gewähr  des  Turiner  Hofes  für  Friedrich  zunächst
weniger  in  Betracht,  so  fielen  die  englischen  und  österreichischen  Intriguen  am
Petersburger  Hof,  sowic  ein  sächsisch-russischer  Vertrag  um  so  mehr  ins  Gewicht.
Ins  Ungemessene  gingen  die  österreichischen  Rüstungen,  alles  „bis  aufs  Hemde“
sollte  gewagt  werden,  Provinz  auf  Provinz  abgegeben,  um  nicht  nur  Schlesien  wieder

zu  gewinnen,  sondern  um  „das  Ungeheuer“  zu  vernichten.

Aus  den  mündlichen  Berichten  seines  nach  Neiße,  wo  er  zur  Inspektion
weilte,  gerufenen  Gesandten,  des  Grafen  Fr.  Lud.  zu  Dohna,  scheint  Friedrich
die  letzte  Sicherheit  seiner  Ueberzeugung  gewonnen  zu  haben,  daß  „der  böse  Wille
der  Königin  sich  mehr  und  mehr  enthülle"“,  daß  alle  ihre  Versicherungen,  den
Frieden  gewissenhaft  zu  halten,  ihn  nur  einschläfern  sollten,  daß  sie  und  ihre
Verbündeten,  sobald  nur  der  Friede  mit  Frankreich  geschlossen  sei,  plölich  über
ihn  herfallen  und  ihn  in  den  Abgrund  stürzen  würden.  Dagegen  müsse  er  seine
Maßregeln  ergreifen,  „müsse  sich  der  Flut  von  Unglück,  mit  der  die  Königin  und
ihre  Cligue  das  Reich  und  den  Kaiser  bedrohe“,  entgegen  werfen.  Denn  „es
wäre  Thorheit,  einem  Unglück  nicht  zuvorkommen  zu  wollen,  wenn  man  die
Mittel  in  Händen  hat,  sich  davor  zu  schützen"“.  Die  harte  Not  zwinge  ihn,  so
urteilte  er  selbst,  zu  handeln,  ob  er  wolle  oder  nicht  wolle.

Im  Mai  verpflichtete  er  sich  daher  aufs  neue,  den  Kaiser  und  die  Reichs--  1
verfassung  aufrecht  zu  erhalten,  wogegen  ihm  dieser  drei  Grenzkreise  von  Böhmen,
das  Friedrich  ihm  wieder  erobern  werde,  sowie  den  Rest  von  Oberschlesien  zusicherte.
  Von  den  Reichsfürsten  traten  diesem,  als  konföderierte  Union  geplanten
Bunde  allerdings  nur  Kurpfalz  und  Hessen  bei,  während  man  die  Hoffnung  auf
die  Zustimmung  auch  anderer  Reichsfürsten  im  Hinblick  auf  deren  durch  Hannover
und  Oesterreich  gefährdete  Lage  schließlich  hatte  aufgeben  missen.  Umsomehr  kam
auf  die  Haltung  Frankeichs  an.

Mit  Freuden  und  überraschendem  Entgegenkommen  war  Graf  Rothenburg,  den
Friedrich  ohne  jeden  bestimmten  Antrag,  nur  um  zu  hören,  nach  Paris  gesandt  hatte,
von  Ludwig  XV.  empfangen,  und  am  5.  Juni  wurde  das  Bündnis  von  Paris  ½4
zur  Rettung  des  Kaisers  und  Eroberung  Böhmens  für  diesen  ganz  nach  den
Wünschen  Friedrichs  fertig.  Endlich  schien  wirklich  sowohl  am  Hofe  wie  im
Heere  Frankreichs  Thatkraft,  Wille  und  Entschiedenheit  wieder  zu  herrschen.
Wenigstens  erklärte  Frankreich  nun  sowohl  an  England  wie  an  Oesterreich  den
Krieg,  und  die  bisher  aufrecht  erhaltene  trügerische  Vorstellung,  als  ob  England
        <pb n="436" />
        330  Beginn  des  zweiten  schlesischen  Krieges.

und  Frankreich,  deren  Truppen  im  Felde  einander  gegenüber  standen,  im  Frieden
lebten,  wurde  zerstört.  Ja,  wenn  Friedrich  immer  als  Vorbedingung  der  Vereinigung
  mit  Frankreich  verlangt  hatte,  daß  es  mit  Nachdruck  handle,  daß  alles

Nerv  sei,  kein  Augenblick  unausgefüllt,  thatenlos  bleiben  dürfe,  so  schien  Ludwig  XV.
auch  diese  Bedingung  zu  erfüllen  entschlossen.  Er  selbst  war  schon  anfangs  Mai
in  das  Lager  zu  seinen  Truppen  nach  Flandern  abgegangen,  und  in  reißend
schnellem  Fortschritte  hatten  die  Franzosen,  während  die  Holländer  noch  immer
um  Frieden  verhaudelten,  im  Juni  Festung  auf  Festung  genommen.  Aber  am
Oberrhein  erlitten  die  Kaiserlichen  schwere  Verluste,  und  die  Franzosen  zogen  sich
zurück,  zersplitterten  fich.  Prinz  Karl  von  Lothringen,  der  jede  Rücksicht  auf  die
Neutralität  der  Kreise  außer  Acht  gelassen,  ging  nach  einjährigem  Zaudern  mit
seinen  Oesterreichern  bei  Mainz  nun  über  den  Rhein,  war  in  der  Lage,  den
Kaiser  in  Frankfurt  gefangen  zu  nehmen.

Bisher  hatte  Friedrich  unter  anderem  auch  deshalb  gezögert,  die  Entscheidung
durch  das  Schwert  herbeizuführen,  weil  er  durch  ein  Bündnis  mit  Rußland  erst
seinen  Rücken  gedeckt  wissen  wollte.  Aber  trotz  des  Friedensschlusses  zwischen

*#t  Rußland  und  Schweden  und  troh  der  Vermählung  des  schwedischen  Thronfolgers
  mit  der  Prinzessin  Ulrike  von  Preußen,  der  Verlobung  des  russischen
mit  der  Prinzessin  von  Zerbst  gelang  es  der  von  Bestushew  geleiteten  Opposition
in  Petersburg,  die  Kaiserin  Elisabeth  in  fortwährendem  Schwanken  zu  halten,  ja
zur  Ausweisung  des  französischen  Gesandten  La  Chetardie  zu  vermögen.  Das
einzige,  was  Friedrichs  Gesandter  Mardefeld  erreichen  konnte,  war,  daß,  wenn  der
König  von  der  Kaiserin  auch  nichts  zu  hoffen,  so  doch  auf  sechs  Monate  auch  nichts
zu  fürchten  habe.  Das  genügte  zunächst,  und  Friedrich  sah  nun  den  Angenblick
gekommen,  das  Tribunal  der  Könige  anzurufen,  um  den  deutschen  Kaiser,  das
deutsche  Reich,  seine  deutschen  Bundesgenossen,  wie  die  neutralen  deutschen  Fürsten
vor  Oesterreich  zu  sichern.  Die  Ruhe  und  Wohlfahrt  seines  Vaterlandes  zu  retten,
war  —  so  gesteht  er  selbst  —  sein  einziges  Ziel.  Er  könne  es  nicht  dulden,
daß  die  Königin  von  Ungarn  die  Gesetze  des  Reiches  mit  Füßen  trete  und  den
Kaiser,  den  das  ganze  Reich  erwählt,  aus  Deutschland  vertreibe.

Am  11.  August  überschritten  die  ersten  preußischen  Truppen  die  Grenze,
marschierten  —  gerade  so,  wie  zur  Zeit  des  nordischen  Krieges  die  Sachsen  durch
die  Mark  und  Magdeburg,  nur  in  strengster  Manneszucht  —  durch  Sachsen  in
drei  Kolonnen  hindurch  nach  der  böhmischen  Grenze.  Am  2.  September  langte
Friedrich  selbst  vor  Prag  an,  am  6.  wurde  bei  Beraun  in  einem  heißen  Gefechte
5  gssteikten,  und  am  16.  früh  7  Uhr  mußte  der  General  Harsch  Stadt  und  Festung
74.  Prag  d  em  Könige  übergeben.  Alle  Vorräte,  140  Geschütze,  gegen  7000  Zentner
Pulver  fielen  in  die  Hand  des  Siegers,  und  11000  Mann  streckten  das  Gewehr.
Sofort  ging  es  weiter,  und  bis  zum  1.  Oktober  waren  Tabor,  Budweis  und
Frauenberg  in  Friedrichs  Händen.

Nur  zu  bald  zeigte  sich  indessen,  daß  Friedrichs  Voraussetzung  für  den  Feldzug,
wenigstens  einige  Energie  bei  den  Franzosen  und  Kaiserlichen  zu  finden,  auch  diesmal
eine  irrige  war.  Der  Herzog  von  Noailles  ließ  den  Prinzen  Karl  von  Lothringen
ungestört  über  den  Rhein  zurückgehen,  und,  unbelästigt  durch  die  Truppen  des
Kaisers,  konnte  Prinz  Karl  mit  seinem  Heere  Böhmen  erreichen,  sich  am  22.  Oktober
mit  den  Sachsen  vereinigen.  Und  so  geschickt  leiteten  er  und  Graf  Traun  die
Märsche,  daß  der  König  die  genommenen  kleinen  Festungen  opfern  und  jede  Hoff-
        <pb n="437" />
        Mißglücken  des  böhmischen  Feldzuges.  331

nung,  endlich  eine  Schlacht  schlagen  zu  Säimi  —3  mußte.  Immer  wich
ihr  der  Feind  aus,  und  um  sein  Heer  vor  den  des  Hungers,  dem  Jammer
einreißender  Krankheiten  zu  retten,  ging  Frichrich  am  7.  November  über  die  Elbe.
Noch  hoffte  er,  Prag  und  damit  Böhmen  behaupten  zu  können,  sandte  Graf
Rothenburg  mit  Verstärkungen  nach  Prag.  Als  aber  die  Oesterreicher  in  der
Nacht  des  19.  November  1744  bei  Selmitz  den  Uebergang  über  die  Elbe  ver--  ½4
suchten,  da  widerstand  ihnen  zwar  Georg  von  Wedell  mit  seinem  Bataillon  und
hielt  mit  einer  Handvoll
Leuten  unter  dem  furchtbarsten
Feuer,  wie  voller  Bewunderung
  der  Prinz  von  Lothringen
  rühmte,  fünf  Stunden
lang  die  österreichische  Armee
auf.  Aber  so  glänzend  diese
vom  Könige  mehrfach  gefeierte
und  mit  dem  Widerstande,  den
einst  Leonidas  bei  den  Thermopylen
  leistete,  verglichene
Heldenthat  war,  so  konnte  ein
einzelnes  Bataillon  nicht
hindern,  daß  die  Oesterreicher
die  Elbe  überschritten  und
damit  den  König,  der  wiederholt
  vergeblich  eine  Schlacht
zu  erzwingen  suchte,  nötigten,
mit  seinem  völlig  entkräfteten
Heer  nach  Schlesien  zurückzugehen.
  Nachdem  sich  der
Generallieutenant  Graf

Nassau  von  Kollin  aus  durch
einen  der  glänzendsten  Rück-  s.N  ÜNU*23  —
züge  mit  dem  Könige  ver-=  Wasserfeuerwerk  beim  Kgl.  Schlosse  zu  Charloltenburg
einigt  hatte,  erfolgte  der  Rück=  anläßlich  der  Vermöhlung  des  schwedischen

 

marsch  nach  Schlesien.  In  mit  der  Peinzessin  Lutfe  Ulrike  von  Peeußen  am
der  Mitte  Dezember  F  Vodlerung  50n  P  r  e  bj  Grti  Pererten  9te  27

die  Truppen  —  auch  die
satzung  von  Prag  unter  6G  Einsiedel  hatte  sich  i“vdM  durchgeschlagen  —  au  #
ölesschen  Boden,  bezogen  hier  die  Winterquartier

Der  so  glänzend  begonnene  Feldzug  war  fvolli  mißglückt;  massenhaft,  ohnegleichen
  in  der  Geschichte“,  waren  die  Desertionen  der  geworbenen  Mannschaften  im
preußischen  Heere,  und  selbst  über  das  Offizierkorps  werden  Stimmen  laut,  die  es
als  kleinmütig  schildern.  Namentlich  wurde  es  schon  jetzt  unter  den  Militärs  eine
leidige  Gewohnheit,  die  bis  auf  unsere  Tage  die  Geschichtschreibung  getrübt  hat,  über
des  Königs  militärische  Begabung  abfällig  zu  urteilen.  Mit  Sicherheit  sagte  man
einen  schlechten  Ausgang  unter  solcher  Leitung  voraus.  Und  wenn  nun  dem  militärischen
  Mißgeschick  diplomatische  Niederlagen  folgten,  so  schienen  die  Zaghaften  und
Kleinmütigen,  schienen  die  Alltagsmenschen,  wie  der  Minister  von  Podewils  und  der
        <pb n="438" />
        332  Bündnisse  der  Gegner.

 

Preußische  Militär-Kostüme  zur  Zeit  Fciedrics  I.
Lon  dem  Einzelblatt  eines  unbekannten  Künstlers  im  Hohensollernmuseum  zu  Verlin.  Originalgröße.

Kabinettsrat  Eichel  an  der  Spitze,  nur  allzu  recht  zu  haben.  In  der  That
begegneten  sich  die  Seemächte  und  die  Höse  von  Wien  und  Dresden  einmütig  in
dem  Wunsche,  Preußen  und  diesen  König,  „den  Gott  verblendet  zu  haben  scheine",
„#s  zu  verderben,  unterzeichneten  am  8.  Jannar  1745  eine  Quadrupelallianz.  Rußland
  rüstete  eine  gewaltige  Armee  aus,  um  in  Ostpreußen  einzufallen,  und  auch
am  Hofe  zu  Paris  schwand  die  Neigung  für  das  preußische  Bündnis  völlig  dahin.
Endlich  erwiesen  sich  alle  Friedensbemühungen  als  eitel,  selbst  der  plögliche  Tod
des  Kaisers  und  der  Friede,  den  nun  der  junge  Kurfürst  von  Bayern  mit  Maria
Theresia  zu  Füssen  schloß,  erhöhte  nur  den  Mut  der  Königin,  auch  Preußen
niederzuwerfen,  wofür  ein  neuer  Vertrag  mit  Sachsen  das  Nähere  schon  feststellte.
Friedrich  allein  war  voller  Zuversicht,  ließ  in  Berlin  die  Hoffestlichkeiten  beginnen,
obwohl  er  selbst  fühlte,  daß  man  erstaunen  müsse,  ihn  in  der  schwersten  Krisis
seines  Lebens  so  ruhig  zu  finden.  Aber  er  habe  viel  über  sich  gewinnen  müssen,
erklärt  er,  ehe  er  diese  Unempfindlichkeit  sich  verschafft  habe.  Wenn  man  sich  die
Freiheit  des  Geistes  erhalten  wolle,  die  unter  seinen  Umständen  so  nötig  sei,  so
gäbe  es  kein  anderes  Mittel,  als  sich  für  alle  Ereignisse  fertig  zu  machen.  Dem
Himmel  sei  Dank  sei  er  in  einer  Gemütsverfassung,  mit  kaltem  Blute  an  allen
den  großen  Vorbereitungen  zu  arbeiten,  die  er  zu  treffen  habe,  darum  aber  habe
er  innerlich  nicht  weniger  gelitten,  ja  Stockschläge  habe  er  seiner  Seele  gegeben,
auf  daß  sie  geduldig  und  still  werde.  An  den  Mut  der  Königin  Maria  Theresia
erinnert  er,  die,  den  Feind  vor  den  Thoren  ihrer  Hauptstadt  erblickend,  nicht  verzweifelte,
  an  den  Schiffskapitän  denkt  er,  der  hochherzig  zuletzt  selbst  die  Lunte
in  den  Pulverraum  wirft,  dem  Feinde  die  Hoffnung  auf  die  Eroberung  des
Schiffes  zu  nehmen.  Entweder,  so  gilt  es  ihm,  ist  die  Macht  Preußens  zu
behaupten,  oder  alles,  was  preußisch  ist,  solle  untergehen,  mit  ihm  begraben  werden.
fic  alte  Dessauer,  Graf  Nassau  und  General  von  Lehwald  hatten  den
Winter  hindurch  mit  glücklichem  Erfolg  die  Feinde  von  den  schlesischen  Grenzen
in#s  abgehalten,  auch  die  Franzosen  hatten  am  11.  Mai  bei  Fontenoy  siegreich
gesocht  Aber  weit  wichtiger  noch  war,  daß  Friedrich  durch  seinen  Geist,  durch
sette  mit  Takt  und  feinem  Sinn  gespendeten  Worte  des  Lobes  wie  des  Tadels
seine  Truppen  mit  frischem  Mut  und  fester  Zuversicht  zu  beleben  wußte,  so  daß
der  neue  Feldzug  sieges=  und  hoffnungsfroh  begonnen  werden  konnte.  Wundervoll
        <pb n="439" />
        Hohenfriedberg.

  

Preußische  Militär-Kostüme  zur  Zeit  Frinnc#e  II.
Von  dem  Einzelblatt  eines  unbekannten  Künßlers  im  Hohenzollernmuseum  zu  Berlin.  Originasorsbe.

war  das  kecke  Reiterstückcehen,  mit  dem  Zieten  im  Mai  sich  mit  500  Husaren
durch  6000  Feinde  hindurch  schlug,  dem  Markgrafen  Karl  bei  Jägerndorf  den
Befehl  zur  Vereinigung  mit  dem  Heere  des  Königs  zu  bringen.  Herrlich  war
der  Strauß  bei  Bratsch,  durch  den  ein  Schwerin  diese  Vereinigung  bei  Frankenstein
  ermöglichte,  heldenmütig  das  Gefecht,  mit  dem  Winterfeldt  bei  Landeshut
Nadasdy  zurückwies.  Endlich  schien  das  Glück  wieder  den  schwarz-weißen  Fahnen
zu  lächeln.  Aber  ein  großer  Schlag,  eine  Schlacht  war  unter  allen  möglichen
Dingen  das  Einzige,  was  dem  Könige  frommte,  „die  Arzuei,  die  über  das  Schicksal
des  Kranken  *  wenigen  Stunden  entscheiden  mußte“.

Am  1.  Juni  hatte  er  sein  Haupt  quartier  nach  Jauernick  verlegt,  alle  Gebirgspässe
  hatte  er  freigegeben,  um  den  Feind  in  die  freie  Ebene  bei  Hohenfriedberg
hinauszulocken.  Endlich  nach  langem  Warten  kamen  die  Oesterreicher  und  Sachsen
aus  dem  Gebirge  heraus,  und  der  Feind  „war  da,  wo  wir  ihn  haben  wollen“,
lebte  aber  in  voller  Sicherheit,  mit  seinen  etwa  70  000  Mann  die  nur  auf
40  000  Mann  geschätzten  Preußen  vollständig  zu  schlagen,  ja  sie  „mit  den  Hüten
aus  dem  Lande  zu  jagen“  und  selbst  nach  Berlin  zu  marschieren.  Aber  60  000
waren  ihrer,  und  unbemerkt  von  den  Oesterreichern  hatten  sie  abends  acht  Uhr
am  3.  Juni  ihr  Lager  verlassen,  waren,  während  alle  Wachtfener  im  Lager  unter-  #
halten  wurden  und  die  Feinde  täuschten,  bis  um  Mitternacht  nach  dem  Striegauer
Wasser  marschiert.  Um  vier  Uhr  morgens  ertönten  die  ersten  Kanonenschüsse.
Selbst  noch  im  Aufmarsch  begriffen,  befahl  der  König  den  Angriff,  um  sechs  Uhr
waren  die  Sachsen  vollständig  geschlagen,  um  sieben  wußte  der  König,  daß  die
Schlacht  gewonnen.  Und  nun  vernichtete  der  furchtbare,  ungestüme  Angriff  der
Bayreuther  Dragoner  unter  General  von  Geßler  ein  österreichisches  Bataillon
nach  dem  anderen.  66  Fahnen,  eine  unerhörte  Zahl,  und  2500  Gefangene
waren  der  Erfolg  allein  dieses  glänzenden  Angriffs.  Buddeubrock,  Stille,  Kyau,
Zieten  und  Geßler  waren  es,  die  in  der  Schlacht  das  meiste  gethan,  der  Plan
aber,  die  Anlage,  die  Leitung  und  der  Erfolg  waren  allein  das  Werk  des  Königs.
Gegen  10  000  tote  und  verwundete  Feinde  bedeckten  das  Schlachtfeld,  25  000  vermißte
  Prinz  Karl  von  Lothringen,  der  seines  Sieges  so  sicher  gewesen,  beim
nächsten  Appell,  66  Geschütze,  8  Paar  Pauken,  76  Fahnen,  7  Standarten  waren
in  die  Hände  der  Preußen  gefallen.
        <pb n="440" />
        1745
26.  Aug.

1745
80.  Spt.

334  Vertrag  von  Hannover.  —  Soor.

Mit  dem  Tode  des  Kaisers  war  der  Grund  zum  Krieg  für  Friedrich  fortgefallen;
  nun  nach  dieser  glorreichen  Schlacht  hoffte  er  nicht  nur  auf  Frieden,
sondern  auf  eine  lange  Ruhe.  Nur  bis  Königgräg  wollte  er  selbst  nach  Böhmen
rücken,  während  Graf  Nassau  den  letzten  Rest  der  Oesterreicher  aus  Schlesien  verjagte.
  Nichts  mehr  hoffte  und  wünschte  der  König,  als  ein  baldiges  Ende  des
Krieges  zu  sehen.  Aber  Monate  sollten  noch  vergehen,  ehe  daran  zu  denken  war.
Daß  die  französische  Armee  unter  Conti  trotz  erneuter  Zusagen  Ludwigs  XV.  über
den  Rhein  zurückging,  machte  die  Oesterreicher  zu  Herren  des  Südwestens  und
damit  die  Wahl  des  Großherzogs  Franz  immer  sicherer.  Indessen  die  bedeutenden
Erfolge  der  Franzosen  in  den  Niederlanden  und  die  Landung  des  stuartischen  Kronprätendenten
  nötigten  König  Georg  —  obwohl  er  als  Kurfürst  von  Hannover  noch  im
Juli  mit  Sachsen-Polen  einen  Vertrag  geschlossen  zur  vollen  Teilung  der  Länder
des  Preußen-Königs,  dem  nur  die  Marken  und  Pommern  verbleiben  sollten  —  den
Frieden  zu  suchen.  Und  da  Friedrich  auf  alle  Erwerbungen  verzichtete,  kam  wirklich
mit  England  am  26.  Angust  der  Vertrag  von  Hannover  zu  stande,  auf  Grund
dessen  der  Friede  mit  Oesterreich  in  sechs  Wochen  geschlossen  werden  sollte,  und
der  auch  nach  französischer  Auffassung  den  Frieden  Frankreichs  mit  den  Seemächten
herbeiführen  konnte.  Preußen  gab  seine  Zustimmung  zur  Kaiserwahl  des  Großherzogs
  und  begnügte  sich  mit  den  Bestimmungen  des  Breslauer  Friedens.
Aber  wie  weit  war  Maria  Theresia  entfernt  davon,  Schlesiens  Abtretung
wieder  zuzugestehen,  jetzt  wo  die  Franco-Bavaren  nicht  mehr  im  Lande  waren,
wo  sie  nur  mit  den  Preußen  zu  thun  hatte!  Wie  hätte  Sachsen-Polen  all  die
schönen  Hoffnungen  auf  preußische  Länder  dahinfahren  lassen  sollen,  ohne  die
Schärfe  von  Friedrichs  Degen  gefühlt  zu  haben!  In  vollkommen  verfassungswidriger
Form  und  unter  absichtlichem  Ausschluß  von  Brandenburg  und  Pfalz  wurde  unter
dem  Schutz  der  ausländischen  Waffen  der  Großherzog  Franz  im  September  zum
Kaiser  gewählt,  und  weder  das  Manifest  Friedrichs  gegen  die  Wahl,  noch  auch
sein  erneuter  Versuch,  sich  mit  der  Königin  zu  verständigen,  beachtet.  Mit  Leidenschaft
  vielmehr  drängte  Maria  Theresia  ihren  Schwager,  den  Prinzen  Karl,  mit
einem  entscheidenden  Schlage  den  König  zu  zerschmettern.  Und  wenn  diesen  der
Mangel  an  Lebensmitteln  schon  genötigt  hatte,  bis  in  die  Nähe  von  Trautenau
zurückzugehen,  so  schien  die  Sorglosigkeit,  mit  der  er  bei  Staudenz  sein  Lager
aufgeschlagen,  seine  Truppen  bis  auf  22  000  Mann  detaschiert  hatte,  den  um  die
Hälfte  stärkeren  Oesterreichern  den  Sieg  in  die  Hände  zu  geben.  Friedrich  war
überzeugt  davon,  daß  Prinz  Karl  mit  seiner  geschlagenen  Armee  nicht  wagen
werde,  sich  einer  neuen  Gefahr  auszusetzen,  beschloß  aber  doch  auf  beuuruhigende
Nachrichten,  die  am  29.  September  einliefen,  am  folgenden  Tage  sein  Lager  abzubrechen.
  Da  plötzlich  früh  um  fünf  Uhr  dieses  Tages  erfuhr  Friedrich  die
Ankunft  des  feindlichen  Heeres  und,  eingeklemmt  rechts  durch  die  von  den  Oesterreichern
  besehten  Höhen,  links  von  der  Aupa,  ohne  Hoffnung  auf  einen  Ausweg,
schien  er  nicht  nur  erliegen,  sondern  in  der  That  völlig  vernichtet  werden  zu
müssen.  Aber  je  gefahrvoller  die  Lage,  um  so  schneller,  um  so  genialer  der  Entschluß
  des  Königs.  Unter  den  Kanonen  des  Feindes  erfolgte  um  sieben  Uhr  der
Abmarsch  aus  dem  Lager.  Mit  verhängtem  Zügel  rasen  Buddenbrocks  Schwadronen
gegen  die  feindliche  Kavallerie  hoch  oben  auf  den  Granner  Höhen;  und  so  gewaltig
war  der  Angriff,  daß  das  Unmögliche  erreicht  wurde.  In  einer  Stunde  waren
53  österreichische  Schwadronen  von  der  Höhe  verjagt.  Gleichzeitig  gewann  der
        <pb n="441" />
        Soor.  —  Winterfeldzug.  335

Sturmangriff  der  preußischen  freilich  Sir  schweren  Opfern  —  unter
ihnen  der  Leonidas  von  Selmitz,  Georg  von  Wedell  —  Höhe  auf  Höhe.  Und
nachdem  der  rechte  Flügel  —8  der  “  bur  den  Sturm  des  Prinzen
Ferdinand  von  Braunschweig  die  Höhen  hinauf  gejagt  und  durch  die  Schwadronen
Rochows  aufgelöst  und  zersprengt.  Nach  fünf  fürchterlichen  Stunden,  in  denen
der  Tod  eine  schreckliche  Ernte  hielt,  war  der  Feind  in  voller  Flucht  nach  Soor.

Freilich  das  Lager  hatte  Friedrich  preisgeben  müssen,  und  Nadasdy  hatte
den  Kampf  benützt,  um  es  völlig  zu  plündern.  Die  Kriegskasse,  selbst  die  Bagage
des  Königs,  seine  Bücher,  seine  Flöte  waren  geraubt,  des  Königs  Kabinettsrat
Eichel  gefangen  von  dannen  geschleppt.  Der  König  „lebte  von  der  Gefälligkeit
der  Offiziere“".  Und  trotz  des  neuen  wunderbaren  Sieges,  und  obwohl  die  Zeit,

 

Dorfelln  —  —  .  —  —  —  n

1544.  v  Janttren

Gierrelche

2K2er  Jururrute

 

Schlacht  bei  Soor  am  30.  September  1745.
Radierung  von  Johann  Georg  Schmidt  (arbeitete  in  der  ersten  Hälfte  des  18.  Jahrh.),  auf  etwa  verkleinert.

welche  der  Vertrag  mit  Hannover  zum  Friedensschluß  mit  Oesterreich  festgesetz
hatte,  verstrich,  blieb  der  König  bei  seinem  Wunsche  nach  Frieden,  hoffte,  ihn  im
November  zu  haben,  und  begnügte  sich  auch  jetzt  mit  den  Bestimmungen  des
Breslauer  Friedens.

och  nicht  so  die  Feinde.  Vielmehr  sollte  jetzt  der  Hauptkampf  erst  angehen,
und  nicht  einmal  wollte  man  nach  der  Gewohnheit  jener  Zeit  während  des  Winters
die  Waffen  ruhen  lassen.  Im  November  erkannte  der  König,  daß  das  Schwerste
ihm  noch  bevorstehe.  Er  erfuhr,  daß  das  ganze  Reich  gegen  ihn  aufgeboten
werden  sollte,  daß  die  Oesterreicher  durch  die  Lausitz  nach  Schlesien  gehen,  die
Sachsen  aber,  durch  zwanzig  österreichische  Bataillone,  die  der  Feldmarschallleutnant
Grünne  vom  Rhein  heranführte,  verstärkt,  bei  Halle  operieren,  daß  die  Hannoveraner
  nach  dem  Eichsfeld  marschieren,  daß  an  der  Saale  und  Elbe  wie  in  der
        <pb n="442" />
        1745
23.  Nov.

“-1745


15.  Dez.

336  Katholisch-Hennersdorf.  —  Kesselsdorf.

Lausitz,  ja  auf  dem  rechten  Ufer  der  Oder  gekämpft  werden  sollte.  Auf  die  Zerstörung
  der  Verbindung  Schlesiens  und  Brandenburgs,  auf  die  Besetzung  der
Marken,  die  Fortnahme  Berlius,  die  vollkommene  Vernichtung  Preußens  war  der
Plan  zugeschnitten.

Der  König  hatte  seine  Truppen  aus  Oberschlesien  zurückgezogen,  jenseits  des
Bober,  wenige  Meilen  westlich  von  Liegnitz,  stand  er  mit  30  000  Mann,  erwartete
  den  Einmarsch  der  Feinde  in  die  Lausitz.  Am  21.  November  erfolgte  er,
und  „wie  eine  Rackete“  fuhr  der  prenßische  Angriff  unter  sie.  Bei  Katholisch=Hennersdorf

  kam  es  am  23.  zu  einem  so  glücklichen  Gefecht,  daß  Prinz  Karl,

statt  westlich  auf  Dresden  zu  marschieren,  in  voller  Flucht,  verfolgt  von  Winterfeldt,
  sich  nach  Böhmen  wandte,  erst  jenseits  der  Grenze  Halt  machte.  Alle
Magazine,  alle  Bagage,  an  5000  Mann  hatten  die  Oesterreicher  verloren,  während
Friedrich  höchstens  30  Tote  und  70  Verwundete  hatte.  „Gott  sei  gelobt,  die
Feinde  sind  geschlagen“,  so  schreibt  der  König  unendlich  befriedigt,  „und  ich  habe
alles,  was  ein  General  thun  kann,  mit  möglichst  wenig  Blutvergießen  und  mit
brüßter“  irten  gethau.“
das  Grünnesche  Corps  gab  nun  seinen  Marsch  nach  Lübben  auf,  ging
von  *  nach  Bautzen,  von  da  noch  näher  an  die  Elbe  nach  Königsbrück.
Neue  Friedensvorschläge,  die  Friedrich  großmütig  auch  jetzt  dem  in  die  Enge  getriebenen
  Dresdener  Hofe  auf  Grund  des  Vertrages  von  Hannover  machte,  beantwortete
  dieser  mit  seiner  Abreise  nach  Böhmen.  Und  alle  Kräfte  bot  Maria
Theresia  auf,  den  Kampf  fortzusetzen,  Zeit  zu  gewinnen,  um  den  Anmarsch  der
schon  bis  in  die  Nähe  von  Memel  vorgerückten  Russen  von  Osten,  der  Truppen
des  Feldmarschalls  Traun  vom  Rhein  her  zu  ermöglichen,  um  den  Frieden  mit
Frankreich,  die  Unterstützung  des  Reichs  herbeizuführen.  Schon  erfuhr  Friedrich,
daß  sich  König  Georg  von  der  Konvention  von  Hannover  losgesagt  habe,  und
längst  war  es  ihm  ja  klar,  daß  allein  der  Friede  mit  Sachsen  den  mit  Oesterreich
herbeiführen  werde,  und  daß  dieser  nur  durch  Gewalt  zu  erzwingen  sei.  Fortwährend
  versucht  ihn  Friedrich  noch  auf  gütlichem  Wege  herzustellen,  aber  er  fühlt,
verst  auf  dem  Glacis  von  Dresden  werden  die  Leute  einen  Frieden  schließen,  der
für  sie  un  so  schimpflicher  sein  wird,  da  sie  ihn  hätten  vermeiden  können.“
r  König  hatte  gegen  die  Sachsen  ein  besonderes  Korps  unter  dem  alten
Fursteui  von  Anhalt  bei  Halle  bestimmt,  aber  dieser  wurde  mit  seinen  Vorbereitungen
  nicht  fertig,  trotzdem  die  Marschbefehle  für  die  Regimenter  schon  am
12.  November  gegeben  waren.  Da  endlich  am  29.  November  überschritt  er,  vom
Könige  täglich  gedräungt  und  gemahnt  zu  thatkräftigem  Vorgehen,  die  sächsische
Grenze,  besetzte  am  30.  Leipzig.  Dann  wieder  zögernd,  ja  nach  Torgau  ausweichend,
  war  er,  nur  den  strengsten  Weisungen  des  Königs  folgend,  endlich  am
12.  Dezember  in  Meißen  eingetroffen,  während  der  König  auf  dem  rechten  Ufer  der
Elbe  mit  seinem  rechten  Flügel  wenige  Meilen  davon  bei  Großenhain  stand.  Am
15.  ging  er  auf  Dresden  vor,  auf  dem  linken  Ufer  bei  Kesselsdorf  traf  der  Fürst
den  Feind  in  der  festesten,  unangreifbaren  Stellung.  Aber  „Im  Namen  Jesu,
Marsch!“  kommandierte  er,  und  wieder  mußten  die  Bataillone  bergan  und  ungedeckt
gegen  den  wohlverwahrten  Feind  auf  eisbedecktem  glatten  Boden  anstürmen.  Furchtbar
war  das  Ringen,  aber  beim  Eintritt  der  Dämmerung  hatte  man  Kesselsdorf  genommen,
und  um  vier  Uhr  hatte  Prinz  Moritz,  durch  den  vom  Frost  eisglatten  Zschamer
Grund  vorgehend,  auch  den  linken  und  den  Rest  des  rechten  Flügels  geworfen.
        <pb n="443" />
        Friede  von  Dresden.  337

So  gewaltig  war  die  Wirkung  dieser  schönsten  aller  Waffenthaten  des  alten
Dessauers,  daß  auch  die  gar  nicht  ins  Feuer  gekommenen  Scharen  Grünnes  und
des  Prinzen  Karl  beim  großen  Garten  bei  Dresden,  etwa  noch  60  000  Mann
stark,  sich  der  Flucht  nach  Böhmen  anschlossen.

Unter  furchtbaren  Verlusten  war  der  Sieg  errungen,  aber  über  6800  Mam
waren  gefangen,  und  der  Kanonendonner  von  Kesselsdorf  brachte  den  Frieden.
Entblößten  Hauptes  begrüßte  der  König,  der  von  Meißen  herbeigeeilt  war,  den
Fürsten,  ritt  zwei  Stunden  mit  ihm  auf  dem  Schlachtfelde  umher,  dankte  ihm
auf  eine  so  ausgezeichnete  Art,  „daß  des  alten  Fürsten  verklärte  Physiognomie
hinreichend  zeigte,  wie  wohlthuend  seinem  Herzen  und  seinem  Ehrgeiz  diese  Auszeichnungen
  waren“.

Am  18.  zog  zriedrih  in  Dresden  ein,  blieb  hier  drei  Tage,  jeden,  der  ihm
nahe  trat,  von  der  königlichen  Familie  an  durch  seine  Rücksicht,  Aufmerksamkeit,
durch  seinen  Geist  fesselnd  und  entzückend.

Maria  Theresia  wollte  zwar  trotz  aller  Niederlagen  noch  nicht  mit  Friedrich,
  sondern  nur  mit  Frankreich  Frieden  schließen,  noch  am  21.  Dezember
erhielt  der  österreichische  Bevollmächtigte  in  Dresden,  Graf  Harrach,  eine  solche
Anweisung,  aber  die  Macht  der  Thatsachen,  der  Druck,  unter  dem  Sachsen  stand,
war  zu  groß.  Am  25.  vollzogen  sowohl  Sachsen  wie  Oesterreich  mit  Preußen
das  Friedensinstrument,  in  welchem  der  Berliner  Frieden  einfach  hergestellt  wurde
und  Preußen  den  Großherzog  von  Lothringen  als  Kaiser  anerkannte.  Freili
war  damit  wieder  die  deutsche  Kaiserkrone  in  die  Wiener  Hofburg  zurückgebracht,
aber  gegenüber  dem  vielgestalteten  Völkergemisch  in  Oesterreich,  dessen  Interessen
bisher  das  Reich  gar  fügsam  hatte  dienen  müssen,  hatte  sich  doch  jetzt  ein  vollkommen
  rein  deutscher  und  in  sich  straff  zusammengefaßter  Staat,  hatte  sich  Preußen
in  seiner  neuen  Machtstellung  behauptet,  und  war  damit  die  Möglichkeit  wenigstens
geboten,  auch  das  deutsche  Interesse  gewahrt  zu  sehen  in  dem  Kampf  der  europäischen
  W3  Glimpflich  genug  war  das  Schicksal  der  letzten  Tochter  aus
dem  Hause  Habsburg,  wenn  es  ihren  Nachkommen  die  ganze  österreichische  Erbschaft
  außer  Schlesien  belassen  sollte.  Aber  schwer  genug  war  doch  auch  das  Verdikt,
welches  in  dem  Kampf  um  die  wahre  Macht  gefällt  war,  nicht  nur  für  Oesterreich,
  sondern  für  alle

europäischen  Staaten,

wenn  nun  endlich  wieder
ein  deutsches  Schwert  ihnen
Achtung  abgenötigt.  Mit
unendlichem  Jubel  begrüßte
das  preußische  Volk,  das
Friedrich  und  sein  Heer
als  solches  sich  fühlen  gelehrt,
  den  König  als  „den
Großen“,  ihn,  der  sich  im
Frieden  mehr  noch  denn
im  Kriege  als  „der  Große"
erweisen  sollte.

 

Staslage  aus  dem  Kupferstich  „Die  Schlacht  del  Soor“  von  Johann  David
Schleuen  (arbeitete  in  i  zweiten  hrlt-  des  18.  Jahrh.).
Auf  verkleine
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  22

 

1745

25.  Dez.
        <pb n="444" />
        Das  Lusischloß  Sanssouci  von  der  Südseite.
Nodlerung  von  Andreas  Ludwig  Krüger  (1743—1805),  auf  etwa  ½  verkleinert.

Ein  Friedensjahrzehnk.

aßt  uns  leben  und  Leben  fördern"  —  also  faßte  Friedrich
seine  Aufgabe  nach  dem  endlich  wieder  hergestellten  Frieden,
und  man  beachte  wohl,  was  Friedrich  unter  „Leben“  versteht.
Wenn  König  Friedrich  Wilhelm  I.  in  seiner  ohne  viel  philosophische
  Ueberlegungen  gefaßten  praktischen  Ueberzeugung  das
»  Wesen  der  Monarchie  oder  doch  wenigstens  seines  Staates
ga  usau  e  ran  dahin  zusammengefaßt  hatte,  daß  er  die  Arbeit  für  den  kraft
eebourg,,  Berlin  1707.  ihrer  Geburt  überkommenen  Beruf  der  Könige  erklärte,  so  war  es
ganz  in  demselben  Sinne,  wenn  Friedrich  II.  sich  für  den  ersten

Diener  des  Staates,  le  premier  Commis,  le  premier  domestique,  erklärte.  „Um  zu
leben“,  schreibt  er  einem  seiner  liebsten  Freunde,  „arbeite  er  viel,  denn  nichts  sei
dem  Tode  ähnlicher  als  Müßiggang.  Was  sei  Leben,  wenn  man  nur  ein  Pflanzenleben
  führe,  was  sehen,  wenn  man  die  Ereignisse  nur  in  seinem  Gedächtnisse  aufhäufe,
  was  nütze  Erfahrung  ohne  Nachdenken?  Das  größte  Vergnügen  sei  es,
sich  zu  unterrichten.“  Dem  Vater  war  die  Einsicht  über  den  Beruf  des  Fürsten
aus  natürlichem,  praktischem  Einblicke  in  die  Verhältnisse,  aus  dem  Bewußtsein
der  ihm  diesen  gegenüber  obliegenden  Pflichten  erwachsen.  Der  Sohn  hatte  das
Pflichtgefühl  geerbt,  zugleich  aber  hatte  ihm  die  Natur  den  weiten  und  durchdringenden,
  klaren  Blick  des  philosophischen  Kopfes  gegeben,  und  aus  dem  Bedürfnis
  der  Zeit  wie  aus  dem  Nachdenken  über  das  Wesen  des  Staates  ergab
sich  ihm  seine  Aufgabe  als  Herrscher.  „Der  Fürst  und  das  Volk  bilden  Einen
Körper,  der  Fürst  ist  der  Gesellschaft,  die  er  regiert,  was  der  Kopf  dem  Körper;
er  muß  sehen,  denken,  haudeln  für  das  Gemeinwesen,  um  ihm  alles  Gute
u  schaffen,  das  es  aufzunehmen  fähig  ist;  er  muß  immer  wie  auf  Vorposten
        <pb n="445" />
        Friedrichs  Staatsauffassung.  339

sein,  auf  die  Feinde  des  Staates  achten;  er  muß  mit  Redlichkeit,  Weisheit  und  völliger
Selbstlosigkeit  regieren,  als  wenn  er  in  jedem  Augenblick  seinen  Mitbürgern  Rechenchaft
  von  seiner  Regierung  geben  müßte;  er  ist  verantwortlich  für  die  Geltung
der  Gesetze,  für  die  guten  Sitten  seines  Volkes,  für  die  nationale  Erziehung.“
Alles  umfassende  Arbeit  in  dem  Bewußtsein  der  eigenen  Verantwortlichkeit
und  in  völligster  Selbstlosigkeit,  das  ist  dem  Könige  „Leben  und  Leben  fördern“,
ist  ihm  die  Pflicht,  die  Aufgabe,  die  ihm  als  Monarchen  gewiesen  erscheint.
Denn  verloren  würde  sein  Staat  sein,  so  meint  er,  „wenn  nicht  alles  in  ihm
Kraft,  Nerv,  Leben  ist“,  und  darum  gilt  es  auch  ihm,  alle  Beamten,  alle  Unterthanen
  mit  der  eigenen  Arbeitstreue  und
dem  eigenen  Pflichteifer  zu  *s“
he  sollen  Diener  des  Staates,  des
Vaterlandes  sein,  aber  der  Fürst  der
thätigste,  der  arbeitsamste,  der  erste
Diener.  Denn  „es  giebt  kein  Wohl
als  das  allgemeine  des  Staates,  mit
dem  der  Fürst  unauflöslich  verbunden
ist".  Wie  alle  Zweige  des  Baumes
an  dem  einen  Stamme  wachsen,  so
müssen  alle  Zweige  der  Verwaltung,
untrenubar,  wie  sie  von  einander  sind,
von  dem  Fürsten  ausgehen.  Alle
müssen,  schreibt  er  in  seinem  politischen
Testament  von  1752,  gleich  gut  verwaltet
  werden,  „wie  die  Rosse  vor
dem  Wagen  der  olympischen  Spiele,
die  mit  gleichem  Feuer  die  vorgezeichnete
Bahn  durchliefen  und,  das  Ziel  erreichend,
  ihrem  Führer  den  Sieg  gewannen“.
  So  ist  der  Fürst  der  Führer
des  Staatswagens,  und  so  ergiebt  sich  «
ihm  der  Satz,  dessen  Durchführung  e  T  von  Knobelsdorf.
unsern  Staat  geschaffen  hat:  „Ein  Nach  dem  Oelbilde  von  Anton  Besne  (081  1,  Ha
KönigvouPreußcnmußselbstK«SchspswZUFZJJIMJIMWM
regieren“.  „So  wenig“,  führt  der
König  in  dem  genannten  Testament  aus,  „Newton  seine  Gravitationstheorie  hätte
erfinden  können,  wenn  er  mit  Leibniz  und  Descartes  zusammengearbeitet  hätte,  so
wenig  lasse  sich  ein  politisches  System  finden  und  durchführen,  wenn  es  nicht  aus
Einem  Kopfe  entspringe,  nämlich  aus  dem  des  Fürsten,  wic  die  bewaffnete  Minerva
aus  dem  Haupte  des  Jupiter“.  Wohl  ist  es  wahr,  daß  das  Arbeitsfeld,  welches
Fricdrich  in  dieser  Auffassung  vom  Staate  dem  Fürsten  zuweist,  schier  unabsehbar
groß  ist.  Aber  anders  kannte  er  es  nicht,  danach  hatte  sein  Vater  gehandelt,  danach
handelte  auch  er.  Und  wie  jener,  so  hatte  auch  er  den  Blick,  das  Verständnis  und
die  Sachkunde,  um  alles  selbst  zu  leiten,  überall  anzuregen,  zu  säen  und  zu  pflanzen.
Dadurch  aber  allein,  so  ist  sein  Ausdruck,  „trage  es  die  monarchische  Regierung  über
die  republikanische  davon“.  Deun  unter  allen  Regierungen  ist  seiner  Ueberzeugung
nach  „die  monarchische  die  beste  oder  die  schlechteste,  je  nachdem  sie  gehandhabt  wird"“.
        <pb n="446" />
        340  Friedrichs  Sezatsauffassung.

Doch  mitten  in  dem  heftigen  Getriebe  der  europäischen  Politik  stehend  und
den  größten  und  umfassendsten  Aufgaben  des  inneren  Ausbaues  seines  Staates

  
 
   
 
  

  
 

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¶
Erster  Plan  zu  den  Gartenterrassen  beim  Schloß  Sanssouci.
Eigenhöndiged  Croquis  des  Königs  Friedrich  II.  im  Hohenzollernmuseum  zu  Verlin.  Auf  3/8  verklelnert.
hingegeben,  sehnt  sich  der  König  nach  jener  Einsamkeit,  die  den  Gedanken
Sammlung,  dem  Geiste  Stetigkeit  zu  geben  vermag.  Einen  wüsten  Berg  bei
        <pb n="447" />
        Empfang  der  Prinzessin  Wilbelmine  von  Dessen-Gassel  am  Berliner  Dof,  24.  Juni  1752.
Darüber  die  Darstellung  ihrer  den  Tag  darauf  erfolgten  Dermählung  mit  dem  Hrinzen  Heinrich  von  Dreußen.
Anonyme  gleichzeitige  Radierung,  auf  etwa  ½  verkleinert.
        <pb n="448" />
        342  Friedrichs  Lebensweise.

Potsdam  ließ  er  terrassieren,  und  auf  der  Höhe  erbaute  ihm  sein  Freund  von
Knsbelsdorf  sein  Landhaus,  das  später  den  Namen  Saussonci  erhielt.  In
der  Stille  einer  heiteren  Natur  und  umgeben  von  Werken  der  Kunst,  die  Auge
und  Herz  befriedigen,  fand  Friedrich  hier  die  eiserne  Kraft  zu  schwerster  und  angestrengtester
  Arbeit.
Nicht  ohne  starken
Zwang  gegen  seine  des
Schlafesbedürftige  Natur
gönnte  sich  Friedrich  nur
eine  kurze  Nachtruhe,  und
schon  um  drei  Uhr  im
Sommer,  um  vier  Uhr
im  Winter,  stand  er  auf,
las  die  eingegangenen
Schreiben,  nahm  die
Armeeberichte  entgegen.
Nach  dem  einfachsten
Frühstücke  erteilte  er  den
Kabinettsräten  teils
mündlich,  teils  in  kurzen,
charakteristischen  Randverfügungen
  die  Weisungen,
  wie  die  Berichte
und  Schreiben  zu  beantworten
  seien.  Militärische
  Beschäftigungen,
der  ausgedehnte  Privatbriefwechsel,
  ein  kurzer
Spaziergang  oder  Spazierritt
  füllte  die  Zeit
bis  zur  Tafel,  die  um
"  kzwölf  Uhr  begann  und
unter  den  geistvollen  und
—  II.  und  Voltaire.  anregenden  Gesprächen

 

Nach  dem  Gemälde  von  Miolas  Audré  Monsion,  #iltchen  von  Pierre-Charles
"  B#nog.  Auf  eina  ½/2  verkleinert  "  „Könige  mit  seinen

en  wohl  drei,  auch
vier  Stunden  währte.  Demnächst  vollzog  der  Kö  König  die  Kahehenien  welche  die
Kabinettsräte  inzwischen  besorgt  hatten,  begleitete  sic  oft  mit  seinen  durch  Sinn  und
Witz  überraschenden  Zusätzen,  arbeitete  an  seinen  poctischen,  philosophischen  und
bistorischen  Schriften,  von  denen  hier  die  Geschichte  seines  Staates,  die  Msêmwoires
Pour  servir  à  Thistoire  de  Brandebourg,  wenigstens  genannt  werden  müssen.
Die  Abendstunden  von  sechs  bis  neun  Uhr  waren  regelmäßig  der  Musik  gewidmet,
  der  König  selbst  spielte  auf  der  Flöte,  die  ihm  auch  sonst  im  Laufe  des
Tages  Erholung  gewährte,  Konzerte  von  Quantz  oder  von  seiner  eigenen  Komposition,
  während  Männer  wie  K.  Ph.  Em.  Bach,  der  Sohn  des  auch  in  Potsdam
  gefeierten  Joh.  Sebastian  Bach,  Fasch  und  Beuda  ihn  begleiteten.  Vorzüglich
liebte  Friedrich,  auch  darin  seine  echt  dentsche  Natur  beweisend,  das  Adagio,  für  das
        <pb n="449" />
        Friedrichs  Lebensweise.  343

ver  eine  Leidenschaft"  hatte  und  das  er  mit  großer  Weichheit  des  Gefühls  spielte.
Damals  auch  hatte  er  noch  Freude  am  Theater,  besonders  der  Oper,  und  war  auch
bereit,  für  deren  Zwecke  ansehnliche  Summen  zu  opfern,  wie  er  denn  durch  Knobelsdorf
  in  Berlin  das  Opernhaus

errichten,  Sängern  und  Sänge-  —

rinnen,  auch  Tänzerinnen,  wie  M  E  M  O  1  R.  E  5
der  bekannten  Barbarina,  feste  '  s««'--.  .

Gehalte  zahlen  ließ.  Die  POUR  SERVIR

Opernmusik  war  damals  ganz
vom  italienischen  Geschmack  2
beherrscht,  ihm  entsprachen  A  L  H  1  8S  T  0  1  RE
auch  die  in  Berlin  während  der  DE
Faschingszeit  zweimal  wöchent-  ·
lich  aufgeführten  Opern,  doch  «
gelangten  nur  solche  zur  Auf-  BRANDEBOURC,
führung,  die  von  deutschen
Komponisten,  vornehmlich  von  +’  chzienzs  4hrizs  PIECES
2.  H.  Graun  herrührten.  Der  INTERESSANTES.
König  selbst  aber  komponierte  «
außer  Konzerten  Symphonieen,  PREMIERE  PARTIE.
Sonaten  und  Märsche.  Größer
aber  noch  war  sein  Eifer,
Verse  zu  machen,  und  Oden,
Episteln  und  Lehrgedichte  bilden
einen  großen  Teil  der  in
wenigen  Abzügen  damals  schon
gedruckten  „Werke  des  Philosophen
  von  Saus-Souci".
Nach  den  abendlichen  Konzerten
  folgten  gewöhnlich  noch
jene  fesselnden  Gespräche  des
Königs  über  litterarische  und
philosophische  Fragen,  die  jeden
bezauberten,  jeden  erhoben  und
anregten.  Nur  Voltaire,
„die  nichtswürdige  Seele  mit
dem  herrlichen  Genic“,  Maupertius,
  der  Präsident  der  aus
der  Asche  neu  entstehenden  172.
Akademie,  Algarotti,  der  Mar-  .
schall  Keith  9075  der  Marquis  .-ateneiteElat  u  1,  2  ke  sn  —
d'Argens  seien  hier  aus  dem
Kreise  derer  genaunt,  die  der  —  durch  den  Tod  seiner  Freunde  Jordan,  Keiserlingh
und  Rothenburg  schwer  gebeugte  —  König  seiner  Unterhaltung  und  seines  Umganges
  würdigte.
Unendlich  merkwürdig  bleibt  es  immer,  wie  dieser  wunderbare  Geist  in  Fragen
und  Beschäftigungen,  die  sonst  die  volle  Arbeitskraft  des  Mannes  ausfüllen,  seine
        <pb n="450" />
        344  Friedenspolitik.  —  Heerwesen.

Erholung  von  der  eigentlichen  Arbeit  fand,  wie  er  gerade  aus  ihnen  die  Spannkraft
  schöpfte,  alle  Hindernisse  zu  besiegen.

Die  siegreichen  Kriege  hatten  den  Staat  vergrößert,  hatten  das  Bewußtsein
der  Zusammengehörigkeit  der  einzelnen  Staatsglieder,  die  Empfindung,  „Preußen“
zu  sein,  in  hohem  Maße  geweckt  und  zur  Bildung  des  Staates  beigetragen.  Sie
hatten  die  Würde  und  das  Ansehen  des  Staates  nach  außen  unendlich  gehoben,
sie  mußten  folgeweise  auch  die  Kraft  des  Bürgers,  die  weder  durch  besondere
Steuern  in  Anspruch  genommen  war,  noch  durch  feindliche  Einfälle  Einbuße  erlitten
  hatte,  allmählich  steigern.

er  sie  hatten  zunächst  dem
Staate  doch  auch  schwere  Wunden
geschlagen,  die  ausgeheilt  werden
mußten,  um  den  Unterthanen
die  Kraft  zu  geben,  von  der
neuen  Stellung  des  Staates
vollen  Vorteil  zu  ziehen.  So
hängen  eben  auswärtige  und
innere  Politik  unauflöslich  in
fortwährender  Wechselwirkung
zusammen.  Beide  und  namentlich
  die  erste  leitete  der  König
durchaus  persönlich.  Das  Ziel
der  auswärtigen  Politik  war
jetzt  die  Erhaltung  des  so  teuer
erkauften  Friedens.  Ganz  im
Sinne  seiner  Vorfahren  hatte
er  König  immer  mit  Be-—
geisterung  die  Wohlthaten  des
Friedens  gepriesen.  „Der  Friede
ist  wie  der  Frühling  im  Jahr,
der  alles  hervorbringt,  der  Krieg
gleicht  dem  Herbste,  da  die
Saaten  geschnitten  und  die
Früchte  gebrochen  werden.“
Barbara  Conpunin,  genannt  La  Fecbanno.  ge  K  #n  6  e
areeurEe  urrnentds  geschagen."  Wber  frallich,  noc
bent  es,  mit  aufgezogener  Brücke
zu  sitzen  und  alles  für  den  Krieg  vorzubereiten,  denn  noch  gönnte  dem  König
niemand,  am  wenigsten  Maria  Theresia,  die  neue  Erwerbung.  So  behielt  denn
Friedrich  ein  Heer  von  etwa  135000  Mann  —  im  Verhältnis  fast  mehr  als  das
Doppelte  der  äußersten  Kriegsstärke  Frankreichs  —  auf  den  Beinen,  arbeitete  daran,
es  auf  180000  Mann  zu  bringen  und  wußte  es  durch  die  neu  eingeführten
Manöver,  durch  feste  Jilezeang  der  Zucht,  durch  weitere  Entwickelung  des
Kantonwesens,  durch  eine,  wie  er  selbst  zugesteht,  ausgezeichnete  Mischung  des
Kanton=  und  Werbesystems,  durch  freiere  und  menschlichere  Behandlung  der  Soldaten,
durch  einsichtige  Förderung  des  Offizierkorps,  durch  volle  Bereitschaft  und  Fürsorge
        <pb n="451" />
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  Auffahrt  des  Rönigs  Friedrich  II.  und  des  Prinzen  Deinrich  zur  Parade  in  Berlin.
Kupserstich  eines  unbekannten  Künstlers  wischen  1768  und  1700),  von  Johann  Michael  Probst  in  Augsburg  herausgegeben.  Aus  3/10  verkleinert.
(Die  im  Mittelpunkt  dargestellte  Truppe  ist  die  vom  InfanterieRegiment  Nr.  26  von  Meyerinck  bezw.  von  Wedell  gestellte  Wachparade.)
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        346  Die  Einheit  des  Staates.

 

Der  Platz  bei  dem  1741—1743  erbauten  Opernhause  zu  Berlin.
Radlerung  von  Johann  Georg  Finck  (1721  —  1751),  auf  eiwa  ½  verkleinert.

für  alle  im  Kriege  notwendigen  Dinge,  durch  Anlegen  von  Zeughänsern  und
Magazinen,  wie  durch  kostspieligen  Ausbau  der  Festungen,  „den  mächtigen  Riegeln,
welche  die  Provinzen  isneieh  ,  nicht  nur  zur  tüchtigsten  Europas  zu
machen,  sondern  zugleich  das  Bindemittel,  das  in  ihr  zur  weiteren  Bildung  des
Staates  lag,  zu  festigen.  Sie  bot  die  Sicherheit  nach  außen,  sie  war  zugleich
eine  Kraft,  die  innere  Einheit  des  Staates  zu  befestigen.

Ungemein  bezeichnend  hierfür  ist  die  Mitteilung  des  Königs  in  seinem  gedachten
Testament,  daß  er  sich  während  des  ersten  Krieges  alle  nur  mögliche  Mühe  gegeben  habe,
um  den  Namen  „Preußen“  einzubürgern,  um  die  Offiziere  zu  lehren,  daß  sie,  aus
welcher  Provinz  sie  auch  stammten,  doch  geborene  Preußen  seien.  Die  Macht  und
Einheit  des  Staates  habe  ihren  Ausdruck  in  der  Armec,  und  auch  darum  müsse  die
Armee  die  erste  Sorge  und  das  wichtigste  Studium  des  Königs,  er  selbst  ihr  Konnetable
sein,  und  in  den  Offizieren,  für  deren  Ausbildung  und  sittliche  Führung  Friedrich
ein  sehr  scharfes  Auge  hatte,  müsse  er  den  ersten  Stand,  die  Säulen  des  Staates  sehen.

Man  erkennt  in  jener  Mühe  des  Königs  deutlich,  wie  der  Staat  noch  in
der  Gährung,  im  Werden  ist,  man  sieht  den  Landesherrn  an  der  Arbeit,  die  einzelnen
  Interessen  der  Territorien  zusammenzufassen  in  dem  einen  staatlichen,
das  nachbarlichen  Hader,  Neid  und  Mißgunst  überwinden  und  in  der  Sorge  für
alle  dem  Bedürfnis  des  Einzeluen  um  so  gerechter  werden  soll.  Allerdings  mußten
in  der  Zivilverwaltung  die  Eigentümlichkeiten  und  Hauptinteressen  der  einzelnen
Provinzen  stark  geschont  werden.  Denn  „alle  diese  verschiedenen  Provinzen",
heißt  es  wieder  in  dem  Testament,  „nach  derselben  Art  regieren  zu  wollen,  hieße
sie  guten  Mutes  zu  Grunde  richten“.  Aber  der  Gesichtspunkt  der  zusammen-
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        Generaldirektorium.  —  Principia  regulativa.  347

fassenden  Einheit  mußte  natürlich  auch  für  die  gesamte  Verwaltung  des  Staates
vorschweben,  und  dem  sowohl  die  Auswahl  der  Beamten,  wie  die  Einrichtung  der
Behörden  entsprechen.  Im  Organismus  der  obersten  Behörde,  dem  Generaldirektorium,
  wurde  insofern  eine  tiefgreifende  Aenderung  vorgenommen,  als  den
bisherigen,  nach  den  einzelnen  Provinzen  geschiedenen,  Departements  zwei  neue
durch  Kabinettsordre  vom  27.  Juni  1740  hinzugefügt  wurden,  die  lediglich  nach
sachlichen  Gesichtspunkten  gebildet  waren.  So  das  für  Handel,  Gewerbe,  Verkehr,
das  gesamte  Kolonialwesen  unter  Samnel  von  Marschall.  Marschall  sollte  die
bestehenden  Manufakturen  vergrößern,  fehlende  einführen  und  vor  allen  Dingen
so  viel  „Fremde  von  Kondition“  wie  nur  irgend  möglich  ins  Land  ziehen.
Und  nach  Marschalls  Tode  (1750)  ernannte  der  König  nicht  einen  neuen  Minister,
sondern  bearbeitete  dies  Arbeitsfeld  allein  mit

dem  früheren  Schweizer  Kaufmann  Fäsch.
Zweitens  wurde  das  gesamte  Militär-,
Magazin-,  Proviant-,  Marsch-,  Einquartierungs=
  und  Serviswesen  1746  zu  einer
besonderen  Behörde  unter  dem  Minister  von
Katte  für  das  ganze  Land  vereinigt.

Da  aber  die  Kriege  und  die  veränderten
Zeitverhältnisse  auch  in  anderen  wesentlichen
Punkten  die  Bestimmungen  für  das  Generaldirektorium
  als  nicht  mehr  völlig  ausreichend
hatten  erkennen  lassen,  so  ließ  der  König  sich
eine  Abschrift  der  Instruktion  seines  Vaters
geben,  setzte  überall  an  den  Rand  die  erforderlichen
  Verbesserungen  und  Zusätze  hinzu
und  strich  diejenigen  Bestimmungen  durch,
welche  sich  nicht  bewährt  hatten.  Alle  seine
Bemerkungen  wurden  dann  in  die  alte  Instruktion
  hineingearbeitet,  und  diese  nun  als
Principia  regulativa  am  20.  Mai  1718  neu  —  —
aufgestellt.  Damit  war  die  alte  Instruktion  Gesandischast  *  thens  der  Krim  und
zeitgemäs  umgestaltet,  und  indem  die  ver=  der  budziakischen  Tartaren  an  Friedrich  1l.
besserte  auch  leitende  Grundsätze  ausstellte,
bildete  sie  zugleich  ein  Regierungs-Programm,  N  on  Daniel  Nikolaus  Choo  oren
dessen  einzelne  Züge  wir  noch  anführen.  Hier  E  l  2  e  *  sichin
erwähnen  wir  nur,  daß  sie  die  gesamte  Einrichtung
  aller  Behörden,  des  Generaldirektoriums  wie  der  Provinzialkammern  umfaßte,
daß  sie  deren  Zuständigkeit  zu  einander  wie  nach  oben  und  nach  unten  ordncte,  daß
sie  die  Geschäftsführung  regelte  und  die  genauesten  Vorschriften  gab  über  die  erforderlichen
  Eigenschaften  der  einzelnen  Beamten,  die  Prüfungen,  auf  Grund  deren  sie  anzustellen,
  und  die  Bedingungen,  unter  denen  sie  in  höhere  Stellungen  zu  befördern
seien.  Ueberall  ist  es  dieselbe  Unbestechlichkeit,  dieselbe  Verantwortlichkeit  des  einzelnen
Beamten  wie  der  Gesamtheit,  der  höheren  Behörde  für  die  niedere,  überall  dieselbe
  Pflichttreue,  dieselbe  Arbeit,  die  der  König  verlangt,  wie  sein  Vater.  Nur
noch  tüchtiger,  noch  erfindungsreicher,  möchte  man  sagen,  will  er  sie  haben,  um
stets  und  nur  das  Wohlbefinden  der  Unterthauen  zu  heben,  und  selbst  ist  er  wo-
        <pb n="454" />
        348  Finanzen.

möglich  noch  thätiger,  jedenfalls  erfolgreicher,  tutereictet  sich  über  alle  Verhältnisse
  auf  seinen  jährlichen  Revisionsreisen,  weiß  überall  Bescheid,  kontrolliert  alles
und  jedes  persönlich.  Mit  Furcht  und  Zittern  ward  den  oft  herbe  und  beißend  gesaßten
  tadelnden  Bescheiden  des  Königs  entgegengesehen,  und  alles  geschah,  um
solche  zu  vermeiden,  denn  nichts  entging  dem  großen  strahlenden  Ange.  Umgekehrt
  aber  wirkten  Zeichen  der  Zufriedenheit,  wie  nur  er  sie  zu  geben  wußte,
Wunder  erneuter  Anstrengung,  erneuten  Pflichteifers.

Daher  denn  auch  ein  ungeheurer  Aufschwung  im  Staate,  wie  in  allen  bürgerlichen
  Verhältnissen.  Die  wichtigste  Aufgabe  nach  dem  Kriege  war  nächst  der
Ausbildung  des  Heeres  selbst  die  Herstellung  der  Finanzen,  und  wieder  diese  sollte
durchaus  nicht  durch  nene  Auflagen  und  Zölle,  die  vielmehr  thunlichst  herabzusetzen
seien,  als  vielmehr  durch  Verbesserung  der  Landwirtschaft  auf  den  Domänen,  wie
den  Privatgütern  und  durch  Entwickelung  der  städtischen  Gewerbe=  und  Handelsthätigkeit
  herbeigeführt  werden.  Vorzüglich  fand  Friedrich  in  dem  Minister
von  Boden,  dem  Generalkontrolleur  der  Finanzen,  die  wirksamste  Hilfe  und  die
jährlichen  Uebersichten,  die  Boden  für  den  König  zusammenstellte,  gaben  ihm
mit  den  Etats  der  einzelnen  Zentral=  und  Provinzialkassen  zugleich  die  wünschenswerteste
  Kunde  von  den  Fortschritten  der  Bevölkerung  in  ländlichen,  wie  in  allen
städtischen  Berufen.  „Preußen  hat  weder  ein  Pern,  noch  reiche  Handelsgesellschaften,
  noch  Banken,  noch  sonstige  Hilfsqauellen,  wie  Frankreich,  England,  Spanien;
Preußen  hat  nur  seine  regelmäßigen  Einnahmen,  und  im  Falle  eines  dringenden
Bedürfnisses  kann  man  im  Lande  selbst  nicht  mehr  als  zwei  Millionen  Thaler
erhalten"  —  so  erläutert  Friedrich  selbst  in  seinem  erwähnten  Testament  von
1752  den  finanziellen  Zustand.  Gleichwohl  hatte  er  schon  damals  die  Einnahmen
aus  der  Akzise  allein  durch  die  Hebung  des  Verkehrs  um  140,000  Thaler  während
der  Jahre  1746—1752  gesteigert,  aus  den  Domänen  einen  Ueberschuß  von
jährlich  über  eine  Million  herausgewirtschaftet,  die  Gesamteinnahme  seit  1740  um
volle  sechs  Millionen  Thaler,  an  denen  Schlesien  nur  mit  der  Hälfte  von  drei
Millionen  beteiligt  war,  gehoben  und  in  den,  seit  1746  völlig  entleerten  Staatsschatz
  21  wieder  5  600  000  bis  1756  über  13  Millionen  Thaler  legen  können.

ien  großer  Wirksamkeit  hierfür  war  die  sparsame  Haushaltung,  die  der
abnig  sich  selbst  führte,  und  die  ihn  auch  hier  eine  Kontrolle  bis  ins  kleinste
führen  ließ,  vor  der  seine  Diener  in  heilsamen  Schrecken  zitterten.  Wie  bezeichnend
  ist  es  aber  für  die  hohe  erleuchtete  Auffassung  des  Königs  von  seinem
königlichen  Amt  und  Beruf,  daß  er  im  geraden  Gegensatz  zur  Auffassung  seiner
fürstlichen  Zeitgenossen,  die  in  den  Einnahmen  des  Staates  ihre  persönlichen  Bezüge
  sahen,  „vom  Staate  eine  Pension  zu  erhalten“  erklärt.  Und  wieder  diese
„geht  fast  ganz  für  militärische  Ausgaben  drauf",  so  daß  er  sich  „mit  anderen
kleinen  Summen,  die  nicht  in  der  Staatseinnahme  begriffen  sind,  geholfen  habe“.
Aber  selbst  diese  700  o00  Thaler,  so  hoch  berechnet  er  sie,  verwendet  er  nicht
für  sich,  sondern  nur  120  000  bestimmt  er  für  sich  „als  Pension“,  „den  Rest“,
—  d.  h.  beinahe  fünf  Sechstel  des  Ganzen  —  „habe  ich  zum  Besten  des  Staates
verwandt,  teils  für  die  Festungen,  für  die  Artillerie,  für  die  Pferdekasse,  teils  für
nühliche  Anlagen  im  Lande,  iniges  auch  für  den  Tresor,  um  Summen,  die  dahin

abzuführen  waren,  abzurunden“

In  der  Kassenverwaltung  blieben  Friedrich  Wilhelms  Grundsähe  völlig  erhalten.

  Das  Wesentliche  war  indessen  der  Fortschritt,  den  die  menschliche  Gesell-
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        Landbau.  349

schaft  in  der  Erzeugung  neuer  Werte  machte,  war  die  Hebung  des  Volkswohles,
die  bessere  Ausnutzung  der  Hilfsquellen,  die  das  Land  selbst  bot.  Den  Ackerbau
zu  heben,  ist  Friedrichs  unablässige  Sorge,  und  gerade  hier  legt  er  besonderen
Wert  darauf,  diejenigen  Verbesserungen  vorzunehmen,  die  dem  Lande  nützen,  nicht
aber  nur  die  staatlichen  Einkünfte  erhöhen.  Denn  das  war  nun  einmal  sein
principium  regulativum,  daß  bei  dem  Kontributionswesen  niemals  etwas  erhöht,
sondern,  wenn  es  die  Umstände  der  Leute  erfordern,  eher  abgesetzt  werden  soll.
Er  selbst  in  erster  Linie  bereist  die  Provinzen,  weiß,  wo  es  fehlt,  sieht,  wo  und
wie  es  gebessert  werden  kann.  Und  wie  er,  so  müssen  die  Kammerpräsidenten
und  deren  Departementsräte  die  Aemter  bereisen,  ihm  monakliche  Listen  und  Berichte
  einreichen,  und  derjenige  durfte  seiner  Gnade  gewiß  sein,  der  sie  bis
ins  einzelne  begründete.  Deun  der  Ackerbau  ist  ihm  „die  erste  der  Künste,
ohne  die  es  keine  Kaufleute,  Könige,  Poeten,  Philosophen  geben  würde,“  und
für  wahren  Reichthum,  hielt  er  das  „was  die  Erde  hervorbringe."“  Von  der
eingehenden  Thätigkeit,  welche  der  König  schon  in  dieser  Periode  dem  Ackerbau
widmete,  erwähnen  wir  hier  nur  die  umfassenden  und  eindringlichen  Maßregeln
zur  Einführung  und  Verbreitung  des  Kartoffelbaues,  der  1746  den  Domänen
geradezu  befohlen  wird,  aber  noch  lange  Widerstand  hervorrief.  Die  Höhe  des
Getreidepreises  ist  dem  Könige  Angelegenheit  ernster  Sorge,  denn  sie  wirkt  auf
alle  Verhältnisse,  alle  Stände  ein.  Friedrich  will,  daß  der  Preis  nur  einen
Spielraum  von  18  bis  24  Groschen  für  den  Scheffel  habe.  Eben  hierfür  ist
die  Anlage  von  Magazinen  ihm,  von  dem  Fall  der  Mobilmachung  abgesehen,  so
wichtig,  damit  „Bürger,  Bauer,  Beamter  und  Edelmann  miteinander  dabei  bestehen
  können“,  damit  sowohl  der  Landmann  das  Seinige  erhalten  könne,  wie  auch  der
arme  Mann  die  Möglichkeit  habe,  den  Preis  zu  zahlen.  „Ich  will“,  so  schreibt  er,
„bei  diesem  Ankauf  und  Verkauf  nicht  das  Geringste  für  mich  gewinnen,  sondern
nur  durch  diesen  Umschlag  die  Armut  und  den  gemeinen  Mann  in  hiesigen  Landen
durch  einen  leidlichen  Kornpreis  soulagiren".  Das  entsprach  ganz  dem  Wunsche,
den  er  schon  als  Kronprinz  geäußert,  daß  sein  Haus  „die  Stütze  der  Betrübten,
der  Schutz  der  Wittwen  und  Waisen,  der  Hort  der  Armen  und  die  Bedroherin
der  Ungerechten“  sein  möge!  Oder  wie  er  ein  anderes  Mal  schreibt:  „Meinen
Principiis  nach  ist  allemal  darauf  zu  denken,  auf  was  Art  die  Armuth  und  der
geringe  Handwerksmann  in  denjenigen  Stücken,  so  selbige  zur  Erhaltung  ihres
Lebens  nötig  haben,  soulagirt  werden  können,  und  müssen  daher  billig  auf  Bier,
Brod  und  Fleisch,  wovon  die  Armuth  leben  muß,  allemal  nur  sehr  geringe  Taxen
gelegt  werden“.  Noch  bezeichnender  aber  ist  für  die  Arbeit  der  Hohenzollernschen
Könige,  für  die  gesamte  sozialpolitische  Auffassung,  die  wirtschaftliche  Richtung
kes  Staates,  wenn  der  König  ihr  einmal  den  klassischen  Ausdruck  verleiht:
„Ich  bin  von  Amtswegen  der  Sachwalter  der  Armen“

Mit  einer  der  denkwürdigsten  Verbesserungen  des  Bodens,  der  vielen  armen
Leuten  die  Mittel  des  Daseins  gab,  bewegt  sich  Friedrich  wieder  ganz  in  den
Fußstapfen  seines  Vaters,  ja  dieser  hatte  sie  ihm,  da  er  die  erforderlichen  Geldsummen
  zur  Zeit  nicht  erschwingen  könne,  recht  eigentlich  aufgespart  und  mit  der
Bemerkung  auf  dem  ihm  vorgelegten  Plan  „Für  meinen  Sohn  Friedrich“  als
Erbteil  hinterlassen.  Es  galt  die  Urbarmachung  des  Oderbruches,  d.  h.  einer
Fläche  von  10—12  Geviertmeilen,  die  durch  die  Ueberschwemmungen  der  Oder.
und  ihrer  zahlreichen  Arme  völlig  versumpft  war.  Gleich  nach  dem  Dresdener
        <pb n="456" />
        350  Oderbruch.  —  Landbau.  —  Bauern.  —  Adel.

Frieden  griff  der  König  energisch  ein  und  hatte  es  seinem  unablässigen  rxund
  Mahnen,  seinen  persönlichen  Besuchen  und  Anweisungen  zu  danken,  daß
1753  trotz  aller  Widersprüche  der  Interessenten,  die  auch  hier  den  Wert  des  Wnu
nehmens  nicht  schätzen  konnten,  über  200  000  Morgen  der  Kultur  gewonnen  wurden.

an  begreift,  daß  der  König,  als  es  gelungen,  freudig  ausrufen  konnte:  „Hier
habe  ich  eine  Provinz  im  Frieden  erobert“,  und  1200  Familien,  die  neu  angesiedelt
  wurden,  verdankten  ihm  ihre  Nahrung.  Bei  der  neuen  Verpachtung  der
Domänen  war  die  Erhöhung  der  Erträge  wohl  in  Obacht  zu  nehmen,  aber  nur  falls
sie  ohne  die  geriugste  Erhöhung  der  Leistung  der  Unterthanen  sich  ermöglichen  lasse.
Stets  sollte  bei  neuen  Abschlüssen  der  alte  Pächter,  der  die  neuen  Anschläge  annehmen
wollte,  und  „guht  mit  die  Bauren  umbgegangen  ist",  den  Vorzug  haben,  ein  neuer
Bewerber  trotz  erhöhten  Angebots  nur  dann  berücksichtigt  werden,  wenn  er
es  ganz  sachlich  begründen,  „und  er  darthun  kann,  woher  er  die  Pacht  nehmen
will“.  Ein  Banuernplacker  dagegen  sollte,  selbst  wenn  er  sonst  so  gut  gewirtschaftet
habe,  aus  dem  Amt  weggeschafft  und  ein  anderer  billiger  und  ehrlicher  Mann  an
dessen  Stelle  aufgesucht  werden.  Man  erkennt,  daß  nicht  sowohl  das  fiskalische
als  vielmehr  das  volkswirtschaftliche  Interesse  das  maßgebende  ist.  Und  wie  liegt
es  dem  K  König  am  Herzen,  ja  wie  empfindet  er  den  Pulsschlag  der  Volksseele  gewissermaßen
  im  voraus!  „Unerträglich  und  vor  den  gemeinen  Mann  fast  nicht
auszustehen“,  scheinen  ihm  die  „grausamen  Hofdienste“  zu  sein,  welche  die  Bauer#n
der  Gutsherrschaft  zu  leisten  hatten,  und  die  schon  Friedrich  Wilhelm  zu  beseitigen
versucht  hatte.  Man  müsse  zusehen,  „ob  man  es  nicht  so  einrichten  könnte,  daß
der  Bauer  die  Woche  drei  Tage,  höchstens  vier  diente“.  Es  werde  freilich,  so
meinte  der  König,  etwas  Geschrei  geben,  aber  er  hoffte,  das  alle  vernünftigen
Gutsbesitzer  damit  einverstanden  wären,  diese  Dienste  wenigstens  auf  einige  Tage
in  der  Woche  zu  beschränken,  die  dann  unzweifelhaft  besser  geleistet  würden.  Doch
auch  seine  Absicht  scheiterte,  und  zwar  weniger  an  dem  Widerstande  der  Gutsbesitzer
  als  an  dem  der  Bauern,  die  lieber  die  gewohnten  Fronden  leisten,  als
kleine  Entschädigungssummen  zahlen  wollten,  und  Friedrich  selbst  erkannte  schließlich,
  daß  der  Bauer  noch  immer  nicht  so  weit  war,  die  volle  Freiheit  würdigen
und  richtig  benützen  zu  können,  erkannte,  daß  noch  nicht  der  Zeitpunkt  gekommen
war  für  die  gänzliche  Lösung  der  Bauern  „ohne  der  ganzen  Landwirtschaft  einen
tödlichen  Streich  zu  versetzen“.  Und  es  war  nicht  seine  Art,  den  zweiten  Schritt
vor  dem  ersten  zu  thun.

Rit  derselben  Energie  wie  sein  Vater  widersetzt  er  sich  dem  Auskaufen  der
Bauern,  aber  derselbe  volkswirtschaftliche  Grundgedanke,  welcher  den  Schutz  des
Banuern  gebietet,  erfordert  in  gleichem  Maße  Schuß  des  Adels,  der  als  Grundbesitzer
  von  derselben  Wichtigkeit  für  das  allgemeine  Wohl  wie  jener,  und  der  zugleich
  auch  für  die  Armee  von  der  allergrößten  Bedeutung  ist.  Weder  der  Bauer,
noch  der  Bürger,  der  sich  dem  Studium  widmen  oder  Domänen  pachten  sollte,  der
tausend  Gelegenheiten  fände,  in  Handel,  Industrie  und  Fabriken  sein  Geld  anzulegen,
  durfte  ein  Rittergut  kaufen.  Ja  selbst  dem  Staate  wird  es  untersagt,
solche  zu  erwerben,  „selbst  wenn  das  königliche  Amt  dadurch  um  die  Hälfte  zu
verbessern  war".  Denn  eine  Politik,  die  kleinen  Fürsten  zieme,  schicke  sich  nicht
für  den  König  von  Preußen,  der  Edelleute  behalten  müsse  und  für  sein  Heer  einen
zahlreichen  Adel  brauche.  So  viel  nur  irgend  möglich,  belehrte  Friedrich  ganz  im
Sinn  und  den  Bedürfnissen  seiner  Zeit  entsprechend,  müsse  man  jeden  in  seinen
        <pb n="457" />
        Adel.  —  Städte.  351

Grenzen  festhalten,  denn  dies  liefere  jedem  die  Mittel  seines  Daseins.  Und  bei
Strafe  des  Stranges  sollten  die  Fiskale  die  Edellente  nicht  mit  längst  verjährten
Prozessen  chikawiern,  vielmehr  sollte  jeder  Vassall  i  in  dem  bei  Friedrichs  Regierungsantritt
  innegehabten  Besitz  geschützt  werden,  ja  eher  mußte  das  Geuneraldirektorium
dem  Interesse  des  Königs  als  dem  des  Adels  zu  nahe  treten.  Denn  was  ihm
ein  kleiner  Vorteil,  sei  für  den  Edelmann  oft  ein  großer  Nachteil,  und  der  Adel,
dessen  Söhne  das  Vaterland  verteidigen  müßten,  sei  so  gut,  daß  er  auf  alle  Weise
erhalten  zu  werden  verdiene.  So  sorgsam  ist  der  König  bemüht,  die  wirtschaftliche
  Grundlage,  die  sein  Vater  dem  Adel  gegeben,  zu  befestigen.  Und  von  ausgezeichneter
  Bedeutung  wurde  hierfür  immer  mehr  der  Landrat,  der  die  Erhebung  der
Kontribution  und  das  ganze  Militärwesen,  soweit  es  sich  auf  Einquarticrung,  Aushebung
  der  Truppen  u.  s.  w.  erstreckt,  im  Kreise  4  verwalten  hat,  der  zugleich  königlicher
  Beamter,  wie  Mitglied  der  Stände,  Leiter  der  Kreistage  und  Rittergutsbesier,
oft  genng  auch  gewesener  Offizier  ist,  und  der  so  die  Vermittelung  und  Versöhnung
zwischen  dem  staatlichen  und  ständischen  Interesse,  zwischen  der  alten  und  der  neuen
Staatsauffassung  meist  mit  Takt  und  Umsicht  vertreten  konnte  und  vertrat.

Und  dieselbe  Fürsorge,  dieselbe  Sachkunde,  dasselbe  Ziel  der  allgemeinen  Wohlfahrt
  leitete  Friedrich  auch  bei  seinen  Bemühungen  für  die  Städte,  für  die  Entwickelung
  des  Handwerks,  der  Gewerbe  und  des  Handels.  In  die  Verfassung  der
Städte  hatte  der  König  nach  den  grundlegenden  Reformen  seines  Vaters  wenig
einzugreifen.  Er  ließ  ihnen  die  Wahl  ihrer  Magistrate,  aber  sobald  sie  diese
Freiheit  mißbrauchten,  und  die  Vetteruwirtschaft  zum  Nachteil  der  übrigen  Bürger
sich  wieder  zur  Geltung  zu  bringen  suchte,  griff  er,  wie  er  selbst  in  seinem  oft
genannten  Testament  sagt,  ein.  Erfolgreich  unterstützte  ihn  darin  der  Stenerrat,
obwohl  dessen  Stellung  eine  stetig  schwerere  wurde,  da  er  es  war,  der  vorzüglich
die  Bürger  zu  regerer  Beteiligung  am  Gewerbe  und  Handel  erziehen,  der  überall
die  Wege  finden  sollte,  auf  denen  hier  eine  Industrie,  dort  ein  Handelszweig  erblühen
  konnte.  Denn  „es  ist  nicht  genug,  die  Städte  zu  kennen,  sondern  es  muß
noch  vor  ihre  Aufnahme  gesorgt  werden".  Diese  Aufnahme  bewirken  aber  die
Manufakluren  und  der  Handel;  jene  verhindern,  daß  nicht  unnötig  Geld  aus  dem
Lande  gehe,  dieser  ziehe  fremdes  Geld  ins  Land.  Auch  bedurfte  der  Handel,  auf
dem  schon  seit  etwa  1735  eine  schwere  Geschäftsstockung  lastete,  zumal  nach
Kriegen  jeglicher  Förderung.  Alle  Jahre  sollen  dem  Könige  Verzeichnisse  sämtlicher

tädte  mit  den  Einwohnerzahlen  und  den  Nahrungsquellen  eingereicht  und  besonders
  bemerkt  werden,  welche  Erzengnisse  eingeführt  seien,  welche  Manufakturen
in  den  einzelnen  Städten  noch  fehlten  und  eingesetzt  werden  könnten.  Die  besten
seien  diejenigen,  für  die  das  Land  selbst  den  Rohstoff  erzeuge,  doch  müßte  man
diesen  auch  im  Auslande  kaufen,  um  wenigstens  den  durch  die  Verarbeitung  erzielten
  Gewinn  dem  Inlande  zu  retten,  „indem  sie  vielen  Leuten  Arbeit  und  Brot
verschaffen“.  Genaue  technische  Vorschriften,  Schau=  und  Stempel-Anstalten,  die
Aussicht  durch  die  Fabrikinspektoren  und  die  Kommissariate  geben  den  vielen  zerstreuten
  Unternehmern  einen  sicheren  Absatz,  da  eben  diese  dem  Käufer  die  Güte
der  Ware  verbürgen.  Namentlich  die  inländische  Wollen=  und  Leinwandindustrie
befiehlt  der  König  zu  begünstigen  und  deren  Debit  auf  jede  Weise  zu  befördern.

Die  Erhebung  der  Akzise  ist  thunlichst  zu  vereinfachen,  alles  Chicanieren
bei  ihr  aufs  strengste  zu  verbieten,  „vielmehr  der  Kaufmann  zum  Handel  zu
animieren“  und  „diejenigen  Kaufleute,  so  Großhandel  anfangen,  auf  alle  Art  zu
        <pb n="458" />
        352  Handel  und  Gewerbe.

protegieren“.  Noch  lag  mach  Friedrichs  Ausdruck  in  Preußen  die  Industrie  in
der  Wiege,  und  war  der  preußische  Handel  nichts  weiter  als  der  Handlanger  des
fremden.  Daher  mußten  die  bestehenden  Manufakturen  durch  Schutzzölle,  Einfuhrverbote,
  Monopole,  Prämien,  Vorschüsse  an  Geld  und  Materialien  konkurrenzfähig
mit  dem  Auslande  gemacht  werden,  mußten  neue  ins  Leben  gerufen,  und  die  ausländischen
  Fabrikate  sehr  hoch,  die  ausländischen  Rohstoffe  dagegen  möglichst  niedrig
besteuert  werden.  In  gleicher  Weise  wurde  auch  der  Durchgangshandel  nicht  zu
hoch  besteuert,  und  man  gelangte  so  zu  einem  maßvolleren  System  der  Schutzzölle,
die  durch  die  schnelle  Zunahme  des  Handels  sehr  bald  den  Ausfall  der  Einnahmen
nicht  nur  deckten,  sondern  diese  erheblich  vergrößerten.  Ganz  vornehmlich  war  es
hier  der  Leiter  des  neuen  Departements  für  Handel  und  Gewerbe,  Samuel  von
Marschall,  der  bis  zu  seinem  Tode  nach  Anregung  des  Königs  aus  allen  Gegenden
  der  Welt  fremde  Manufakturiers  und  Kapitalisten  durch  seine  überall  vorhandenen
  Agenten  heranzuziehen  und  des  Königs  Pläne  treu  auszuführen  verstand.
Nach  seinem  Tode  aber  ist  es  der  König  selbst,  der  mit  der  vollsten  Sachkunde  durch
fremde  Zuzügler  neue  Gewerbe  und  Industrien  dem  Lande  erschließt.  „Reiche
und  puissante  Kapitalisten  oder  auch  recht  geschickte  Manufacturiers“  herbeizuführen,
eine  große  gewerbliche  Kolonisation  der  Städte  ins  Werk  zu  setzen,  wurde  jede
Gelegenheit  benutzt,  und  von  1740  bis  1756  waren  500000  Menschen  zugewandert.
So  entstehen  neben  der  inländischen  Wollen=  und  Leinen-Industrie  die  Metall-,
Leder-,  Papier=  und  Pergament-,  Porzellan=  und  Fayence-,  Baumwollen=  und
vornehmlich  die  Sammt=  und  Seiden-Industrien,  die  damals  in  Europa
überhaupt  den  Mittelpunkt  der  Industrie  bildete.  Für  sie  ist  Friedrich  daher  unermüdlich
  thätig,  er  beruft  die  Unternehmer,  unterstützt  sie  mit  Vorschüssen  und
Prämien,  er  zieht  die  Arbeiter  herbei,  ordnet  ihr  Verhältnis  zu  den  Unternehmern,
läßt  zahlreiche  Lehrlinge  aus  dem  Potsdamer  Waisenhaus  ausbilden,  er  giebt  die
Anweisungen,  wie  und  wo  der  Landmann,  die  Landprediger  und  Schullehrer  die
Maulbeerbäume  zu  pflanzen,  wie  die  Raupen  zu  behandelu  seien,  er  weist  auf

  

Avers.  Nevers.

Medaillerr  vom  Eu  1755  auf  die  Begründung  der  Seidenindustrie  in  Preußen  durch  Friedrich  II.
n  Größe  des  Originales  (Silber)  im  Kal.  Münzkabinett  zu  BVerlin.
        <pb n="459" />
        Handel  und  Gewerbe.

das  Beispiel  des  Predigers
Hecker,  der  in  seiner  auf  der
Friedrichstadt  zu  Berlin  gegründeten
  Realschule  auch  die  Maulbeerbaumzucht
  und  den  Seidenbau
  den  künftigen  Schullehrern
erklärt.  Er  setzt  Geldbelohnungen
für  den  Gewinn  der  Seide  aus,
errichtet  1749,  um  den  Seiden-Fabrikanten
  den  Rohstoff  billiger
zu  liefern  und  den  Markt  von
Leipzig  und  Hamburg  zu  gewinnen,
  in  Berlin  ein  Seiden-Magazin,
  dann  eine  Seiden-Fabrik.
  Das  meiste  Verständnis
fand  Friedrich  bei  dem  genialen
Kaufmann  Gotzkowsky  in  Berlin,
mit  dem  er  gleich  nach  der  Thronbesteigung
  seine  Pläne  beraten,
und  der  nun  mit  Erfolg  mehrere
en-  und  Sammet-Fabriken
leitete.  Bald  wurde  in  den  östlichen
  Provinzen,  hauptsächlich
in  Berlin  und  Potsdam,  auf
über  1000  Stühlen  gearbeitet,
mehr  als  eine  halbe  Million
Bäume  waren  gepflanzt,  und  der
Seidenertrag  ergab  fast  3000
Pfund.  Ein  ungeheurer  Auf-H
  lohnte  die  Bemühungen
des  Königs.  Die  gleiche  Förderung
  fanden  die  Wollen-,  Baumwollen-und
  Leinenweberei,  welche
letztere  von  Schlesien  aus  auch
in  die  Mark  gezogen  wurde,
durch  freie  Einfuhr  des  Garus,
des  Flachses  und  der  Baumwolle,
durch  Anlegung  von  .
Einführung  der  Spindel,  durch
Arbeit  der  Gefangenen.  Auf
Friedrichs  Antrieb  errichten  1749
Splittgerber  und  Daum  in  Berlin
die  erste  Zuckersiederei,  1751
entsteht  die  zweite,  1754  die
dritte,  und  endlich  bringt  es  der
König  auch  zur  Gründung  von
Porzellanfabriken,  von  denen

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.

      

F.

des  Berliner  Bankhauses  von
1  am  1766.

N  Ii  Originale  im  712  5.  Geh.  Staatsarchiv  zu  Berlin.
Das  d  ist  eine  allegorische  rren.  des  Berliner  ——  bei  welcher
der  Küns  1  “ni#  uo  -  Eu  e  hat.  Das
halbrunde  Ge  Ist  da  8  das
7.  r  Liece  q%  2  □—  gueiat  63  r  l*6  Sst  4r  95nn

u  5  *  e  je)  in  Lul  ·  Mk-Eeal
  v  5  164  u#“  ll  Krahn.  len  dem  Adler  eln  st

23  —  4  DPOmbre  de  s###en  (Unter  seinem  Schutze).
23
        <pb n="460" />
        354  Handel  und  Gewerbe.

namentlich  die  durch  den  Fabrikanten  Wegelin  in  Berlin  errichtete,  durch  ein
Monopol  von  fünfzig  Jahren  und  andere  Freiheiten  vom  König  unterstützte,  einen
großen  Ruf  erlangen  sollte.  Für  Berlin  wurde  ferner  1753  die  Stiftung  einer
Giro=  und  Wechselbank  geplant,  die  Zahlungen  für  alle  Kaufmannswaren  sollten
in  preußischem  Bankogelde  —  seit  1750  betrug  der  preußische  Münzfuß  14  Thaler
auf  ein  Pfund  fein  —  erfolgen,  und  auch  den  Kurszetteln  für  den  Verkehr  mit
Hamburg  und  Amsterdam  sollte  das  preußische  Bankogeld  zu  Grunde  gelegt  werden.

Friedrich  Wilhelm  I.  hatte  dem  Staate  das  so  lange  umstrittene  Stettin,
den  Zugang  zum  Ostseehandel  gewonnen,  nun  war  durch  die  Erwerbung  Schlesiens
auch  der  ganze  Oderstrom  in  preußischen  Besitz  gekommen,  und  ganz  folgerichtig
urteilte  Friedrich  daher,  daß  „der  Handel  so  viel  wie  möglich  über  Stettin  zu
ziehen  sei“.  Für  Stettin  mußte  der  Handel  sowohl  Danzigs  wie  Hamburgs  und
Lübecks  erobert  werden.  Daher  genehmigt  der  König,  um  das  polnische  Hinterland
  zu  erschließen,  den  zollfreien  Eingang  der  aus  Polen  kommenden  wie  der
nach  Polen  fahrenden  Schiffe,  wodurch  die  Einfuhr  des  polnischen  Getreides,  der
Wolle,  Pottasche  und  Häute  nach  Stettin,  sowie  die  Ausfuhr  von  Kolonialwaren,
Fischen  und  Manufakturen  von  dort  nach  Polen  erheblich  gesteigert  wurde.  Noch
mehr  geschah  für  den  Handel  Stetlins  aber  dadurch,  daß  auch  der  Zolltarif  für
Kolonial=  und  viele  russische  Waren,  der  bisher  4  %  betragen  hatte,  auf  den
Hamburger  Satz  von  2  %  herabgesetzt,  und  ebenso  der  Einfuhrzoll  auf  französische
Weine,  Spezereien  und  Färbestoffe  so  weit  herabgemindert  wurde,  daß  Stettin
mit  Hamburg  und  Lübeck  zu  konkurrieren  vermochte.  Da  aber  der  Binnenhandel
vornehmlich  über  Magdeburg  ging,  so  war  Stettin  vor  jenen  Städten  insofern
außerordentlich  begünstigt,  als  der  Wasserweg  von  Magdeburg  nach  Stettin  über
Berlin  durch  den  1745  eröffneten  Plaue-Kanal  zwischen  der  Havel  und  Elbe  und
den  1751  dem  Verkehr  übergebenen  Finow-Kanal  zwischen  Havel  und  Oder  um
mehr  als  die  Hälfte  verkürzt  wurde.  Dazu  wurde  der  Stektiner  Hafen  durch  den
Ausbau  von  Swinemünde  zu  einem  wirklichen  Seehafen  gemacht,  der  von  Emden,
welcher  dem  preußischen  Handel  die  Nordsee  öffnete,  zu  einem  Freihafen  erklärt,
und  es  wurden  drei  asiatische  Handelskompagnien,  zwei  für  den  Handel  nach
China,  eine  für  den  nach  Ostindien  privilegiert.  Wohl  gingen  diese  in  den
Stürmen  der  nächsten  Kriegsjahre  wicder  zu  Grunde,  und  auf  den  Plan,  zum
Schutze  des  Großhandels  eine  Flotte  zu  banen,  war  der  König  überhaupt  nicht
eingegangen.  Aber  wenn  jene  seinen  weiten  Blick  für  den  anpereuropäischen
Handel  Preußens  bezeugten,  so  nahm  er  von  diesem  nur  deshalb  Abstand,  weil
adie  wahren  Feinde“  des  Staates,  die  Oesterreicher,  nur  eine  Landmacht  seien,
weil  alle  Hilfsmittel  gegen  sie,  und  folglich  für  das  Landheer  aufgewendet  werden
müßten.  Der  Bau  einer  Flotte  könnte,  so  meint  der  König,  erst  in  Frage  kommen,
wenn  Westpreußen  dem  Staate  etwa  dereinst  zufallen  sollte.

Man  erkennt  in  allem,  wie  der  Staat,  obwohl  er  nach  Friedrichs  Meinung
als  Unternehmer  gar  nicht  oder  nur  ausnahmsweise  austreten  soll,  zwar  no
Gewerbe  und  Handel  leiten,  beaussichtigen,  führen,  ja  hervorrufen  muß,  wie  aber
mit  der  Vergrößerung  des  Staates  —  er  zählte  damals  schon  mehr  als  vier
Millionen  Einwohner  —  auch  die  Anschauungen  über  die  Nutzbarmachung  des
Handels  wachsen,  wie  statt  des  früheren  lokal  und  territorial  sich  abschließenden
Systems  jetzt  ein  weites  großes  Gebiet  und  sein  Gesamtinteresse  ins  Auge  gefaßt
werden  kann,  und  wie  dieses  auf  den  Handel  und  den  Reichtum  jeder  Provinz,
        <pb n="461" />
        Rechtspflege.  355

jeder  Stadt  befruchtend  einwirkt.  In  welchem  Maße  dies  der  Fall  war,  ergiebt  sich
schon  aus  der  oben  angeführten  Steigerung  der  Akzise-Einnahmen,  ergiebt  sich
aber  namentlich  aus  der  Handelsbilanz,  die  nach  der  eigenen  Angabe  des  Königs
aus  der  22625  992  Thaler  betragenden  Ausfuhr  und  der  17015  955  Thaler  hohen
Einfuhr  einen  baren  Gewinn  für  das  Land  von  5613  650  Thaler  erzielte.

War  der  König  auf  diesem  Gebiet  vermöge  seiner  weiten  Einsicht  erheblich
weiter  gekommen  als  sein  Vater,  so  war  dies  noch  mehr  der  Fall  auf  dem
Gebiete  der  Rechtspflege.  „Ein  tragisches  Geschick“  hat  man  es  wohl  genannt,
daß  gerade  Friedrich  Wilhelm,  der  mit  leidenschaftlichem  Eifer  an  der  besseren
Pflege  des  Rechts  gearbeitet,  eine  solche  doch  nicht  hatte  erreichen  können.  Die
Mittel  und  Wege,  die  er  eingeschlagen,  fanden  aber  den  vollen  Beifall  Friedrichs,
auf  dem  betretenen  Wege  schritt  er  fort,  überzeugt,  daß  auch  hier  der  Vater  den
richtigen  Pfad  gefunden  hatte;  nur  darauf  kam  es  an,  ihn  mit  der  Sonne  des
friderizianischen  Geistes  zu  erleuchten.  Immer  ungehaltener  äußerte  sich  der
König,  daß  keiner  in  seinem  Lande  zu  seinem  Rechte  gelangen  könne,  und  verlangte
  von  Cocceji  Erklärung  des  schlimmen  Verfalles  wie  Verbesserungs-Vorschläge,
  „die  nicht  nur  die  Rinde  des  bösen  Baumes,  sondern  die  Wurzel  desselben
  anfassen“.

Und  Cocceji,  der  nach  Friedrichs  Worten  „für  die  Gesetzgebung  und  das
Glück  der  Menschen  geboren  war“,  drang  allem  Widerstreben  seiner  am  Alten
hängenden  Kollegen,  allen  finanziellen  Schwierigkeiten  zum  Trotz  durch.  Die
bessere  Qualifikation  der  Richter,  ihre  wissenschaftliche  Vorbildung  und  ehrliche
Gesinnung,  ihre  auskömmliche  Besoldung  aus  dem  einen  richterlichen  Amt,  die
Schöpfung  einer  allgemeinen  Prozeßordnung  und  eines  Landrechtes  bezeichnele  er
als  wesentliche  Mittel.  Ein  besonders  schlimmer  Betrugsfall  in  Stettin  gab  die
Veranlassung,  zunächst  in  Pommern  die  Reform  vorzunehmen.  Unterstützt  von

ännern  wie  Jariges  und  Fürst,  vermochte  Cocceji  im  Laufe  eines  Jahres  zum
gerechten  Staunen  der  Zeitgenossen  und  der  Nachwelt  allein  in  Stettin  1600,  in
Köslin  800  alte  und  gegen  900  neue  Prozesse  zu  beendigen,  demnächst  die  beim
Kammergericht  schwebenden  etwa  600  und  ähnliche  Mengen  in  allen  Provinzen  zu

de  zu  führen.  Hand  in  Hand  damit  ging  die  neue  Organisation  der  Gerichte.
Die  nur  zur  Verschleppung  der  Prozesse  dienende  Versendung  der  Akten  an  Universitäten
  und  Schöppenstühle  wurde  mit  gerinfügigen  Ausnahmen,  für  welche  ganz
kurze  Termine  gesetzt  wurden,  verboten,  das  endlich  durch  den  Dresdner  Frieden
erlangte  kaiserliche  Privilegium  de  non  appellando  schaffte  auch  für  die  nicht  kurfürstlichen
  Länder  die  Berufung  an  die  Reichsgerichte  ab,  und  es  trat  die  Gliederung
in  drei  Instanzen  ins  Leben.  Danach  sollte  es  in  Bagatell=  und  Wechselsachen
bei  der  Entscheidung  des  ersten  Richters  bewenden,  bei  schwierigen,  ein  schriftliches
  Verfahren  erheischenden  Sachen  war  die  Anrufung  des  Obergerichts  —
in  jeder  Provinz  gab  es  nunmehr  eines  —  freigegeben,  und  gegen  dessen  Entscheidung
  konnte  noch  die  des  Tribunals,  das  zunächst  mit  dem  Kammergericht  vereinigt
  wurde,  herbeigeführt  werden.  Daneben  wurde  allerdings  die  Möglichkeit,
den  König  persönlich  anzugehen,  die  Bitte  um  Ernennung  königlicher  Kommissionen
beibehalten,  aber  sie  wurde  in  durchaus  gesetzliche  Form  gebracht,  deren  Nichtbeachtung
  schwere  Strafen  nach  sich  zog,  und  für  rechtshängige  oder  rechtskräftig
entschiedene  Sachen  ward  sie  schlechthin  verboten.  Denn  „ich  habe  mich  entschlossen"“,
so  schreibt  der  König  selbst  in  seinem  Testament,  „nie  den  Lauf  der  Rechts-23°
        <pb n="462" />
        356  Rechtspflege.  —  Oslfriesland.  —  Schlesien.

pflege  zu  stören;  in  den  Gerichten  müssen  die  Gesetze  sprechen,  und  der  König
schweigen".  Für  die  geringen  Sachen  wird  die  Mündlichkeit  beim  Verfahren  vorgeschrieben,
  mur  bei  erheblicheren  die  Einreichung  von  Schriftsätzen  gestattet,  denn
in  jeder  Weise  mußte  den  Versuchen  der  geldgierigen  Advokaten,  durch  solche  die
Prozesse  in  die  Länge  zu  ziehen,  entgegengetreten  werden.  Mit  großem  Ernste
wird  sowohl  die  auskömmliche  Besoldung  der  Richter,  die  Ausbildung  der  Referendarien,
  wie  die  Stellung  der  Präsidenten  und  Räte,  und  namentlich  der  Advokaten
ins  Auge  gefaßt,  um  endlich  es  ehrliebenden  Männern  überhaupt  zu  ermöglichen,
in  diesen  Stand  einzutreten.  Aber  auch  für  das  Ansehen  der  Richter  wirkten
Coccejis  namentlich  im  Codex  Fridericianus  Pomeranicus  wie  Marchicus  von  uau
und  1748  zusammengestellte  Maßnahmen  außerordentlich  segensreich.  In  ihne
liegt  der  Grund  für  den  Ruf  der  Unparteilichkeit  und  Gewissenhaftigkeit  #
preußischen  Richters.

So  war  denn  in  der  That  etwas  geradezu  Wunderbares  in  kürzester  Zeit
erreicht,  und  allen  anderen  Staaten  Europas  stand  schon  jebt.  Preußen  mit  seiner
geordneten  Justiz  voran.  Es  war  ein  Werk  geschaffen,  das,  wie  Cocceji  selbst  sagt,
alle  Puissancen  in  Europa  nicht  haben  effektuieren  können“.  Und  doch  sind
Coccejis  Verdienste  damit  nicht  erschöpft,  sondern  seine  Lebensaufgabe  sah  er  recht
eigentlich  darin,  unter  Beseitigung  der  übergroßen  Zahl  von  Einzelgesetzen  und
Edikten  ein  auf  naturrechtlicher  Grundlage  beruhendes  und  „in  Vernunft  und  Landesverfassung
  begründetes“  allgemeines  Landrecht  für  den  ganzen  Staat  zu  schaffen.
Unermüdlich  hat  er  an  ihm  gearbeitet,  und  wenn  der  Entwurf  des  Corpus  juris
Fridericianum,  den  er  1749  und  1751  herausgab,  auch  nur  Entwurf  geblieben
ist,  so  bildet  er  doch  die  Grundlage  des  preußischen  allgemeinen  Landrechts.  Und
mindestens  eine  allgemeine  Prozeßordnung  ward  für  das  ganze  Land,  das  Ehewie
  Vormundschaftsrecht  für  alle  Provinzen  mit  Ausnahme  der  Mark  eingeführt.

Weiter  aber  erstreckt  sich  Coccejis  Wirksamkeit  noch  auf  die  Angliederung
der  neuen  Provinzen  Ostfriesland  und  Schlesien  an  die  alten,  und  wenigstens
auf  die  Schlesiens  ist  hier  noch  kurt  einzugehen.  Zunächst  war  es  nicht  möglich,
die  neue  Provinz  einfach  den  für  die  alten  Provinzen  bestehenden  Behörden  unterzuordnen,
  doch  gelang  es  schon  1747  die  Grenzzölle  aufzuheben,  1752  den  alten
Wettbewerb  Breslaus  mit  den  altpreußischen  Städten  wie  Stettin,  Frankfurt,
Magdeburg  auszugleichen  und  so  Schlesien  nicht  nur  politisch,  sondern  auch  volkswirtschaftlich
  mit  Brandenburg,  Pommern,  Magdeburg  und  Halberstadt  zu  einer

Einheit  zu  verbinden.  Vorerst  erhielt  Schlesien  in  der  Person  des  bisherigen
kurmärkischen  Kammerdirektors  Lud.  Wilh.  von  Münchow  einen  eigenen  Minister,
unter  dem  zwei  Kriegs=  und  Domänenkammern  in  Breslau  und  Glogau  die  gesamte
Finanz-,  Militär=  und  Polizei-Verwaltung  des  Landes  versahen  und  vornehmlich
für  die  Verschmelzung  der  Provinz  mit  den  alten  Ländern  zu  sorgen  hatten.
Gleich  anfänglich  arbeitete  Münchow  für  die  beiden  Kammern  Instruktionen  ganz
nach  dem  Muster  der  kurmärkischen  aus,  und  unter  ihnen  beaufsichtigten  sieben  Steuerräte
  die  Städte,  während  die  Kreisverwaltung  35  Landräten  unterstellt  wurde.

Natürlich  waren  überall  mannigfache  Schwierigkeiten  zu  überwinden,  und
eine  ungeheure  Arbeitslast  war  namentlich  von  dem  Minister  selbst  zu  überwinden,
  aber  im  ganzen  vollzog  sich  die  Umwandlung  doch  leichter,  als  zu  hoffen
gewesen  war.  Denn  nicht  nur,  daß  die  evangelischen  Einwohner  der  neuen
Regierung  mit  Vertrauen  entgegenkamen,  hatte  man  auch  von  katholischer  Seite
        <pb n="463" />
        Schlesien.  357

bald  hier  und  da  ein  solches  zu  rühmen.  Auch  machten  die  längst  stark  eingeschränkten
  Stände  kaum  ernstliche  Schwierigkeiten,  und  in  den  spottschlecht  verwalteten
  Städten  brachte  der  Steuerrat  unter  dem  Drängen  des  Königs  und
Münchows  in  kurzer  Zeit  die  Verhältnisse  auf  frischen  Fuß,  ohne  daß  man
von  einem  irgendwie  nennenswerten  Widerspruch  erfährt.

Etwas  mehr  Widerspruch  scheint  sich  bei  der  Senerverunlagung  des  platten
Landes  geregt  zu  haben,  und  die  Heranziehung  der  geistlichen  Güter  rief,  zumal
sie  anfangs  zu  hoch  gegriffen  war,  vielfach  Entsetzen  hervor.  Aber  woran  die
österreichische  Regierung  seit  dem  Anfang  des  Jahrhunderts,  besonders  seit  1723,
vergeblich  gearbeitet,  das  ward  unter  der  preußischen  Regierung  in  etwa  zwei
Jahren  vollendet  —  eine  vollständig  neue  Katastrierung  des  Landes,  das  noch
immer  nach  der  im  16.  Jahrhundert  getroffenen  Einrichtung  gesteuert  hatte.  Die
Folge  war,  daß  trotz  einzelner  Fehlgriffe  gerade  der  Bauer  weit  besser  als  in  den
übrigen  Großstaaten  Europas  gestellt  war.  In  den  geschlossenen  Städten  gelang
die  Einführung  der  Akzise  auf  Grund  eines  sehr  herabgesetzten  Tarifes,  abgesehen
von  einigen  technischen  Schwierigkeiten,  die  sich  aus  der  gedrückten  Lage  der  kleinen
Städte  ergaben,  leicht  und  glücklich.  Etwa  2⅛  Millionen  Thaler,  von  denen
die  Städte,  der  Adel  und  die  geistlichen  Güter  etwa  je  ein  Fünftel,  und  die
Bauern  zwei  Fünftel  aufbrachten,  war  der  Gesamtertrag  der  Steuer,  der  nicht
sowohl  sich  auf  der  aus  österreichischer  Zeit  gewohnten  Höhe  hielt,  als  vielmehr
im  Gegensatz  zur  bisherigen  Sitte  auf  einer  gerechten  und,  soweit  möglich,
gleichmäßigen  Verteilung  beruhte,  und  der  mit  voller  Sicherheit  eingetrieben
werden  konnte.

Von  großem  Segen  für  die  Provinz  war  es,  daß  Friedrich  großmütig  ihre
Schulden  an  englische  und  inländische  Gläubiger  aus  eigenen  Mitteln  zurückzahlte.
Die  Hauptsache  aber  war,  daß  die  Sorgfalt,  welche  der  König  zur  Hebung  der
ländlichen  wie  städtischen  Betriebe  verwandte,  schon  jetzt  eine  grüßr  Wohlhabenheit
und  Sicherung  der  Lebeusbedingungen  erzielte,  die  den  Steuersatz  ungleich
leichter  ertragen  ließen,  als  zur  österreichischen  Zeit.  Die  auf  dem  Gebiet  der
Landwirtschaft  nach  dem  Muster  der  alten  Provinzen  getroffenen  Einrichtungen
machten  den  Segen  der  preußischen  Herrschaft  auch  dem  einfachsten  Landmann,
der  an  solche  Fürsorge  der  Regierung  nicht  gewöhnt  war,  fühlbar.  Für  den
Handel,  „der  einzigen  Qnelle,  wodurch  Länder  und  Städte  belebt  und  glückselig
gemacht  werden“,  kam  hauptsächlich  in  Betracht,  daß  ihm  die  Trennung  von
Oesterreich  sein  eigentliches  Hinterland  entzogen  hatte.  Glücklicherweise  machte  die
österreichische  Regierung  zunächst  noch  verhältnismäßig  wenig  Schwierigkeiten,  und
es  galt  nun,  die  vorhandenen  Gewerbe  zu  heben,  andere  neu  einzubürgern.  Die
Behörden  wurden  angewiesen,  sich  mit  den  schlesischen  Kaufleuten  in  Verbindung
zu  setzen.  1742  wurde  in  Hirschberg  ein  Kornmagazin  angelegt,  „welches  einzig
und  allein  zur  Unterhaltung  der  Spinner  und  Leinweber  in  theuren  Zeiten
dienen“  sollte,  wie  denn  die  Fürsorge  des  Königs  sich  sehr  energisch  auf  die  armen
Spinner  und  Weber  richtete.  In  demselben  Jahre  wurde  ebenfalls  in  Hirschberg
eine  eigene  Handelskammer  mit  einem  Handelsgericht  begründet,  und  zwar  wurde
diese  Stadt  deshalb  gewählt,  weil  hier  das  wichtigste  Gewerbe  Schlesiens,  die
Leinenindustrie,  einen  ihrer  Hauptsitze  hatte.  Für  sie  wurden  auch  die  Zölle
herabgesetzt,  die  beteiligten  Kreise  nebst  Breslau  sogar  von  der  Kantonpflicht  befreit.
  Die  Tuchindustrie  wurde  durch  maßvolle  Ausfuhrzölle  auf  die  Wolle  gehoben,
        <pb n="464" />
        358  Schlesien.

die  Anlage  einer  großen  Zahl  neuer  Fabriken,  wie  Kattun-,  Gold=  und  Silberstoff-,
  Kannevas-,  Schmelztiegel=  und  Fayence-,  Tabakspfeifen-,  Ofenkachel-,
Eisenwaren-,  Papier-,  Wachslichter-,  Schnupftabak=  und  anderer  Fabriken,  teils
durch  Erteilung  barer  Zuschüsse,  teils  durch  Gewährung  von  Monopolien  er-Mmöglicht,
  die  Erbauung  weiterer  Fabriken  vom  Könige  auf  seinen  Reisen  ins
Auge  gefaßt.  Fremde  Manufakturiers  und  Kapitalisten  wurden  auch  in  dieses
Latt  hineingezogen,  ja  ein  groß  angelegter  Plau  vom  Könige  selbst  gemacht,  in
Breslau  eine  Messe  einzurichten  und  dieser  Stadt  den  Vorteil  zuzuwenden,  den
Leipzig  von  seinen  reich  besuchten  Messen  hatte,  ein  Plan  der  leider  scheiterte.
Außerordentlich  wirksam  wurde  dagegen  die  Beseitigung  der  österreichischen  Postverwaltung
  und  die  Verwaltung  des  Postwesens  ganz  auf  preußischem  Fuß.  Gerade
die  außerordentlich  steigenden  Einnahmen  der  Post  lieferten  den  Beweis,  in  wie
hohem  Maße  es  dem  Könige  gelang,  eine  günstige  Handelsbilanz  zu  erzielen.

Noch  ein  anderes  Gebiet  erheischte  Friedrichs  volle  Aufmerksamkeit,  die
Rechtspflege  und  im  Zusammenhang  mit  ihr  die  kirchlichen  Verhältnisse.  Coccej
wurde  zum  Justizminister  auch  Schlesiens  gleich  anfänglich  ernannt  und  zögerte
nicht  mit  der  Erklärung:  „Friedrich,  in  den  Waffen  siegreich,  hätte  seine  Aufmerksamkeit
  zunächst  der  Einrichtung  einer  guten  Justiz  und  geistlichen  Verfassung
zugewandt  in  dem  Bewußtsein,  daß  Gerechtigkeit  und  Religion  die  Grundsäulen
jeder  guten  Verfassung  seien“.  Schon  im  Jannar  1742  traten  daher  neben  die
beiden  Kammern  in  Breslau  und  Glogau  zwei  Oberamts-Regierungen,  d.  h.  Gerichtshöse
  zweiter  Instanz,  insofern  als  sic  unter  Fortfall  der  mannigfachen  Gerichtshöfe
  die  Aufsicht  über  die  belassenen  standesherrlichen  Gerichte,  wie  über  das
der  Stadt  Breslau  zu  üben  hatten,  und  denen  zwei  Oberkonsistorien  —  die
geistlichen  Angelegenheiten  waren  ja  vielfach,  wie  zumal  alle  Ehesachen,  Rechtsfragen
  —  augegliedert  wurden.  Die  Berufungen  gingen  an  das  Berliner  Tribunal,
und  unter  den  Oberamts-Regierungen  hatten  Justizkommissarien  die  Prozesse  in
Güte  beizulegen  oder  einzuleiten.  Nach  Coccejis  Ernennung  zum  Großkanzler
wurde  1748  die  allgemeine  Prozeßordnung  für  Schlesien  veröffentlicht,  und  vom
Corpus  juris  Fridericianum  erlangte  wenigstens  das  Vormundschaftsrecht  Gesetzeskraft.
  Das  Wichtigste  war  aber  auch  hier  die  Reinigung  des  Richter=  und  Advokatenstandes,
  die  Beschleunigung  der  Prozesse,  die  Ehrlichkeit  und  Zuverlässigkeit
der  Gerichtshöfe,  die  Rechtskunde  der  Richter,  die  einen  der  Provinz  völlig  neuen
Zustand  der  Sicherheit  und  Lauterkeit  in  der  Rechtspflege  schuf.

Viel  schwieriger  noch  lagen  die  kirchlichen  Verhältnisse,  sowohl  die  evangelischen
wie  die  katholischen.  Denn  weder  konnte  Friedrich  die  übermäßigen  Erwartungen
der  Evangelischen  erfüllen,  noch  konnte  er  allen  Forderungen  der  Katholischen
gerecht  werden.  Aber  getreu  dem  Pflichtgefühl  und  der  Duldsamkeit  seines  Hauses
ist  er  mit  einem  bewunderungswürdigen  Gerechtigkeitssinn  hier  vorgegangen,  allein
in  der  Beurteilung  der  Zuverlässigkeit  katholischer  Würdenträger  hat  er  sich
getäuscht.  Obwohl  die  Friedensverträge  nur  den  status  quo  der  katholischen
Religion,  nicht  der  katholischen  Kirche  festsetzten,  so  dachte  der  König  doch  gar  nicht
daran,  nach  seinem  im  westfälischen  Frieden  begründeten  und  von  katholischen
Fürsten  so  oft  angewandten  jus  relormandi  die  katholische  Kirche  etwa  zu  unterdrücken.
  Streng  hielt  er  vielmehr  ihren  status  qduo  inne,  so  daß  das
evangelische  Bekenntnis  durchaus  nicht  so  schnell  sich  ausdehnte,  wie  man  wohl
gehofft  hatte.  Immerhin  erfolgten  binnen  zwei  Jahren,  bezeichnend  genug,  6000
        <pb n="465" />
        Schlesien.  359

Uebertritte  zur  evangelischen  Kirche.  Denn  selbstverständlich  genoß  sie  volle
Freiheit  der  Religionsübung  und  durfte  sich  Gottes-  und  Schulhäuser  erbauen,
wie  Geistliche  anstellen.  Aber  auch  die  Evangelischen  mußten  dem  katholischen
Pfarrer  die  ihm  nun  einmal  rechtlich  zustehenden  Stolgebühren  und  Zehnten
zahlen,  und  die  Erwartung,  daß  den  Epvangelischen  wenigstens  die  leer  stehenden
oder  doch  die  ihnen  widerrechtlich  entrissenen  Kirchen  zurückgegeben  werden  würden,
erfüllte  sich  nicht.  Ja  die  Prozesse,  die  auf  Herausgabe  der  Kirchen  dieser  Art
eingeleitet  wurden,  schlug  der  König  zu  gunsten  der  katholischen  Kirche  nieder.

 

Friedrich  II.  als  Freimaurer  im.  Jahre  1
Nach  der  Zeichnung  von  G.  W.  Hoffmann  gestochen  von  Chrislian  Sihitt  eyler  (1742—1803).
Aus  die  Hölste  verkleinert.

Man  versteht  es  daher,  daß  der  Fürstbischof  von  Breslau,  Kardinal  Graf  Sinzendorf,
  „alle  Sicherheit  der  katholischen  Kirche  in  den  großmütigen  und  vorurteilsfreien
  Gesinnungen  des  Königs“  fand.

Wir  berührten  schon,  in  wie  hohem  Maße  der  König  vorurteilsfrei  war,
und  wir  dürfen  hier  vielleicht  noch  erwähnen,  daß  es  das  vorurteilsfreie  Streben,
nach  der  Wahrheit  war,  das  den  König  schon  1738  in  den  Freimaurerorden
geführt  hatte.  Noch  als  König  hielt  er  eine  feierliche  Loge  ab,  scheint  aber  in
dem  Orden  doch  nicht  das  gefunden  zu  haben,  was  er  suchte,  wenigstens  hörte
seine  Teilnahme  für  ihn  nach  kurzer  Zeit  völlig  auf.  Den  freien  Standpunkt
aber  den  religiösen  Bekenntnissen  gegenüber  beslen  er  stets  bei,  ohne  Rücksicht
auf  das  Bekenntnis  schloß  er  jeden  in  sein  Herz  ein,  wenn  er  nur  als  Staatsbürger
  gut  war,  und  es  ist  von  Interesse,  auch  hier  des  Königs  testamentarisch
        <pb n="466" />
        360  Schlesien.

niedergelegte  Willensmeinung  zu  kennen.  „Ich  bin  neutral“,  schreibt  er,  „zwischen

euf  und  Rom;  wi  om  Geuf  eingreifen,  so  zieht  es  den  kürzeren,  will
Genf  Rom  zu  nahe  treten,  so  wird  es  verurteilt;  auf  diese  Weise  kann  ich  den
Religionshaß  mindern,  indem  ich  allen  Teilen  Mögigung  predige  und  sie  zu  vereinigen
  versuche  in  dem  Gedanken,  daß  sie  eines  Staates  sind."  Lieben  könne
man  jeden  Menschen,  ob  sein  Gewand  ein  rotes  oder  ein  graues  sei.  Andererseits
verlangt  er:  „Wenn  die  römische  Kirche  in  Preußen  die  Rücksichten  genießt,  die
man  ihr  in  katholischen  Ländern  gewährt,  so  geschieht  es  unter  der  Bedingung,
daß  die  Kurie  auch  dem  Könige  von  Preußen  alle  die  Rücksichten  gewährk,  welche
sie  gegen  katholische  Fürsten  hat,  und  der  katholische  Klerus  ihm  ebenso  gehorsam
  ist;  die  Religion,  die  der  König  von  Preußen  bekennt,  darf  ihm  nicht
die  Rechte  schmälern,  die  anderwärts  den  Fürsten  zustehen.“  „Die  Politik  der
Fürsten  —  das  müßten  die  Katholiken  vornehmlich  lernen  —  ist  dieselbe,  mag
auch  die  Religion,  nach  der  sie  genannt  werden,  verschieden  sein.“

Also  die  Religion  ist  Sache  des  Einzelnen,  des  Staates  Sache  aber,  die
gegenseitige  Duldung  zu  erzwingen  und  von  den  Katholiken  denselben  Gehorsam
zu  heischen,  den  sie  einem  katholischen  Fürsten  zollen.  Alle  rein  geistlichen
Sachen  überließ  der  König  daher  den  bischöflichen  Konsistorien,  und  nur  die  Zivilund
  Kriminal-Fälle  wie  die  unmittelbar  in  das  staatliche  Gebiet  eingreifenden
Sachen  behielt  er  den  mit  den  Oberamtsregierungen  verbundenen  Konsistorien
vor,  von  denen  die  Bernfung  ebenfalls  an  das  Tribunal  in  Berlin  zu  richten
sei.  Eben  um  diese  abzuwenden,  ging  der  Kardinal  auf  den  1746  von  päpstlicher
  Seite  neu  angeregten  und  nun  von  Cocceji  wieder  ausgenommenen  Plan
eines  General-Vikariats  ein,  welches  mit  Ausnahme  der  Lehre  für  alle  geistlichen
Sachen  im  ganzen  Staate  (abgesehen  von  Ostpreußen  und  Cleve)  die  Aufsicht  und
höchste  Gerichtsbarkeit  üben  sollte.  Auch  der  Papst  Benedikt  XIV.  zeigte  sich  dem
Plane  eine  Zeit  lang  nicht  abgeneigt,  verlangte  aber  doch  für  sich  die  Anerkennung
als  oberster  Richter.  So  scheiterte  der  Plan  auch  diesmal,  und  man  hat  vielleicht
nicht  mit  Unrecht  einen  Grund  hierfür  darin  sehen  wollen,  daß  der  König  gleichzeitig
  und  gegen  die  Wünsche  der  Geistlichkeit  die  Wahl  des  ihm  sehr  willkommenen,
mit  einer  feinen,  weltmännischen  Bildung  ausgerüsteten  Grafen  von  Schaffgotsch  zum
Koadintor  des  Fürstbischofs  betrieben  hat.  Indessen  war  es  für  den  König  bei
dessen  hohem  Alter  und  der  entschiedenen  Abneigung  des  Breslauer  Domkapitels
gegen  Preußen  allerdings  äußerst  wichtig,  eine  zuverlässige  Persönlichkeit  auf  dem
Breslauer  Bischofsstuhl  zu  haben.  In  der  That  ist  dann  auch  diese  Wahl  durchgesetzt,
  und  der  Graf  Schaffgotsch  nach  dem  Tode  des  Kardinals  diesem  in  der
bischöflichen  Würde  gefolgt.  Der  Papst  präkonisierte  ihn,  die  Frage  der  Appellation
wurde  durch  Ueberweisung  an  den  Generalvikar  in  Dresden  zu  allseitiger  Zufriedenheit
  erledigt,  und  die  neue  Regelung  der  Erziehungs=  und  Eheangelegenheiten,  der
Verwaltung  des  Kirchenvermögens  und  der  anderen  Beziehungen  der  Katholiken  zu
den  Evangelischen  (1750)  fand  so  sehr  den  Beifall  des  Papstes,  daß  er  wiederholt
  das  Lob  des  Königs  in  öffenklicher  Allokution  proklamierte.  Aber  König
Friedrichs  Satz  von  der  Politik  der  Fürsten  ohne  Rücksicht  auf  die  Religion  war
nur  allzu  sehr  den  thatsächlichen  Verhältnissen  entsprechend;  das  Lob  des  Papstes
fand  nicht  den  Beifall  der  katholischen  Fürsten,  am  wenigsten  den  der  apostolischen
Königin.  Ganz  anderes  hatte  sie  geplant,  hatte  sie  beschlossen.
        <pb n="467" />
        Allegorie  auf  den  Beginn  des  siebenjährigen  Krieges.
Kupserstich  aus  dem  Verlage  von  Johann  Müht  Wille  atu  Bingoburg  (thätig  in  der  zweilen  Hälfte  des  18.  Jaörh.  )

Aus  ½
Friedrich  II.  mit  Maria  *  splelend,  imm  Hintergrunde  Mars;  darunter  solgende  Berse  An  der  Orihogt.  des  Orialnales).
Man  kan  mlt  gulem  G.  *  Spiel  dert  lelchen,  er  In  der  Höhe  wohnt  pfleg!  lachen,
Wo  offt  der  mus.  2—  Kt  3  kleld  Zi  offt  im  Bde  3  n  Ieh  6  2
5r  mancher  sehr  gewlbß  und  deht  se  c-  Glllaqukkolldetnau  hallJ
dpoqssasuastmalhvekithlttuad  P46  Und  s  iz  wie  seinem  us  **
4ht  a  ei  llh  bed  9  Spiel  Heben,  Wer  zu  d  enseln  neu
Do  weiner  Ablücht  ti  Den  s  8*  it  du  d  z  Ile-8
  n  4  2  *  de  ehrt,  Was  felne  Vorsicht  hat  im  #
das  Schwerd  derheert.  Das  wird  durch  seine  Mach'  #a#  is  P  g  hebrachi.
n  en  et  a  te  4  sehen,  WBir  wollen  in  der  slll  #cht  -  em  8  n
Und  wie  es  n-  I  ergehen.  Den  Ausgang  wlrd  davon  ein  welser
Well  eine  1  id  ven  Aunn  alsann  98  fährt,  3  Ende  zelgt  gew#ß  der  Welt  noch  deu
Und  alles  auf  der  Erd  sehr  weißlich  diet  Wer  was  gewonnen  hat,  und  wer  verlle  im-r  n

PDer  siebenjährige  Krieg.  1756—1763.

uu  unseren  Tagen  erst  sind  die  Ursachen,  die  den  Krieg  der
sieben  Jahre  heraufbeschworen,  durch  die  Veröffentlichung  des
politischen  Briefwechsels  des  Königs  klar  gelegt  worden.  Mit
voller  Gewißheit  ergiebt  sich  daraus  vornehmlich  das  Eine:
Der  leitende  Gesichtspunkt  des  Königs  ist  die  Aufrechthaltung
peve  Friedens.  Für  den  Frieden  ist  ihm  kein  Preis  zu  hoch,
Aue  .guemmobte:  de  Dran.  kein  Mittel  zu  gering.  Das  ist  das  Resultat,  zu  dem  die  Forschung
-*—  uckhent  preußische  und  österreichische  Geschichtsschreiber  geführt  hat,  und
erfolglos  ist  der  Versuch  geblieben,  der  neuerdiugs  gemacht  worden

ist,  nachzuweisen,  #  der  König  nur  bis  zum  Jah  hre  1752  eine  Politik  des  Friedens
befolgt,  dann  aber  ebenso  wie  Oesterreich  selbst  einen  neuen  Kampf  heraufbeschworen,
und  daß  er  dies  vor  allem  gethan  habe,  weil  er  Sachsen  und  Westpreußen  erobern
wollte.  Gewiß  hat  Friedrich  lebhaft  die  Notwendigkeit  empfunden,  seinen  Staat
abzurunden,  ihm  die  Gebiete  hinzuzugewinnen,  die  für  die  einheitliche  Zusammen-Ens.
  für  ein  gesichertes  wirtschaftliches  Gedeihen  des  Staates  erforderlich  waren.
Noch  lag  drückend  die  Hand  fremder  Völker  auf  Vorpommern  und  Westpreußen,
herrschte  dort  der  Schwede  und  hier  der  Pole,  noch  reichte  das  ihm  immer  feindselige
  Sachsen  bis  wenige  Meilen  vor  Berlin,  erschwerte  die  Verteidigung  Schlesiens
        <pb n="468" />
        362  Friedenspolitik.  —  Der  Aachener  Friede.

wesentlich.  Noch  hatte  der  Staat  kein  einheitliches  Staatsgebiet,  sondern  langgestreckte
  Grenzen,  an  denen  feindselige  Nachbaren  saßen.  Wohl  lag  da  zu  jener
Zeit,  in  der  noch  der  Begriff  von  fester  Uebereinstimmung  der  Grenzen  #6n  staatlichen
Gebiets  und  der  Nationalität  seiner  Bewohner  fehlte,  der  Gedanke  nahe,  diese
Länder  zu  erwerben,  und  Friedrich  wäre  nicht  der  sorgsame  Saatzmann  gewesen.

fi  war,  wenn  er  damals,  da  umgekehrt  vielmehr  der  Gewinn  von  Land  und
deeen  für  die  höchste  Staatskunt  galt,  die  man  gerade  auf  seine  Kosten  auszuüben
  gedachte,  die  Erwerbung  jener  Territorien  nicht  ins  Auge  gefaßt,  nicht  sie
seinen  Nachfolgern  empfohlen  hätte.  Aber  alle  Handlungen,  alle  Schriftstücke  des
Königs  zeigen  mit  unzweifelhafter  Gewißheit,  daß  in  diesem  Zeitraum  allein  die
Erhaltung  des  Friedens  sein  Ziel,  daß  er  alle  nur  denkbaren  Mittel  hierfür  angewendet
  und  daß  er  schließlich  nur  der  eigenen  Verteidigung  wegen  zum  Schwerte
gegriffen  dat

3  auch  immer  wir  am  Kriege  für  uns  erwarten  können“,  so  gesteht  er

in  iiwelemi  Worten  seinen  Nachfolgern  in  seinem  Testament  von  1752,
„mein  gegenwärtiges  System  ist  es,  den  Frieden  zu  erhalten,  so  lange  dies  möglich
sein  wird,  ohne  die  Majestät  des  Staates  zu  verletzen",  denn  „es  geziemt  sich
keineswegs  für  uns,  wiederum  einen  Krieg  anzufangen."  „Ohne  Rücksicht  auf
Vorurtheile  dürfe  allein  das  Interesse  des  Staates  im  Rathe  des  Regenten  entscheiden
  und  durch  verbindliche  Unterhandlungen  ohne  Stolz,  ohne  Drohung  müsse
man  den  Krieg  zu  vermeiden  suchen.“  Aber  freilich  auch  das  sagt  der  König  „in
derartigen  Lagen  wie  jetzt  giebt  es  nichts  sicheres  als  im  G*  bahinzulehen
und  in  guter  Haltung  neue  Ereignisse  abzuwarten",  und  „wenn  die  Ehre  d
Staates  euch  zwingt,  den  Degen  zu  ziehen“,  so  ruft  er  geinen  Nachfolgern  “
„daun  falle  der  Blitz  und  der  Donner  zugleich  auf  euren  Feind“

Ganz  dem  entsprechend  war  Friedrich  schon,  als  er  den  Dresdener  Frieden
unterzeichset-,  entschlossen  „fortan  keine  Katze  mehr  anzugreifen:  es  sei  denn  zu
meiner  Vertheidigung“;  er  war  selbst  von  den  Oesterreichern  überzeugt,  „daß  sie
mich  während  des  Dußend  von  Jahren,  die  mir  vielleicht  noch  vergönnt  sind  zu
leben,  unangefochten  lassen  werden",  er  hatte  endlich  die  Hoffnung,  mit  seinem
Frieden  auch  den  in  Europa  begründet  zu  haben.  Darin  zunächst  täuschte  er  sich.
Entgegen  dem  Willen  des  englischen  Volkes  und  trotz  des  erzwungenen  Wechsels
im  Ministerium  wurde  der  Krieg  fortgeführt,  und  König  Georg  that  alles,  um
ihn  fortsetzen  zu  können.  Erst  nach  drei  Jahren  zwangen  ihn,  der  österreichischen
Erfolge  in  Italien  ungeachtet,  die  entschiedenen  Siege  der  Franzosen  in  den  Niederlanden,
  den  Frieden  zu  suchen.  Ohne  dem  Wiener  Hofe  Kenntnis  zu  geben,
machte  das  Kabinett  von  St.  James  dem  zu  Versailles  Friedensangebote,  und
ihnen  mußte  schließlich  auch  Maria  Theresia  ihre  Zustimmung  geben,  mußte  ihre

Erfolge  in  Italien  gegen  die  Verluste  der  Engländer  in  den  Niederlanden  aufrechnen
  lassen  und  außer  dem  Verluste  Schlesiens  im  Aachener  Frieden  vom
27/%  November  1748  auch  noch  italienische  Länder  daran  geben.

Was  war  mithin  natürlicher,  als  daß  die  Kaiserin-Königin  einen  gründlichen
Widerwillen  gegen  die  englische  Bundesgenossenschaft  hatte?  Wie  haßerfüllt  auch
die  welfischen  Herren  zu  Hannover  gegen  Preußen  waren,  zuletzt  zeigte  sich  doch,
daß  die  Interessen  des  Volkes  von  Altengland  nicht  ganz  im  Kabinett  von
St.  James  mißachtet  werden  durften,  und  daß  die  Herren  im  Parlament  nicht
immer  die  welfischen  Wünsche  mit  englischen  Guineen  zu  bezahlen  gewillt  waren,
        <pb n="469" />
        Oesterreich  und  Rußland.  363

zumal  daun  nicht,  wenn  darüber  ihr  Handel  leiden  konnte.  Was  war  mithin
natürlicher,  als  daß  die  hartnäckige  Tochter  Habsburgs  nun  zur  Befriedigung  ihrer
Absichten  gegen  Friedrich  sich  ganz  dahin  wandte,  wo  sie  demselben  Wunsche  auf
Zerstückelung  seines  Staates  begegnete,  daß  sie  in  dem  halb  barbarischen  Reiche,
das  Peter  der  Große  begründet  hatte,  Stütze  und  Halt  suchte?  Denn  nicht  nur,
daß  der  Haß  der  Zarentochter  dem  ihrigen  gleichkam,  sah  der  Kanzler  Elisabeths,
Bestuschew,  in  dem  Dasein  der  preußischen  Monarchie  das  Bollwerk  gegen  die
gewünschte  Ausdehnung  des  russischen  Reiches  nach  Westen,  während  es  im  Osten
damals  noch  dieselbe  Interessengemeinschaft  mit  Oesterreich  gegen  die  Pforte  verband.
  Weil  Preußen  der  nächste  und  mächtigste  Nachbar  Rußlands  war,  deshalb
hielt  ihn  Bestushew  auch  für  seinen  gefährlichsten  Feind,  und  durch  die  territoriale
Lage  hätten,  so  erklärte  er,  die  Seemächte,  hätte  Sachsen  und  hätte  Oesterreich
das  gleiche  Interesse  mit  Rußland  gegen  Preußen.  Wohl  war  ein  solches  groß
klingende  politisches  Pronunciamento  nur  die  Verschleierung  der  eigennützigen
Absichten  des  Kanzlers,  aber  Habgier  und  Wollust,  Intrigue  und  Bestechung  waren
nun  einmal  die  Triebfedern  an  diesem  sardanapalischen  Hofe,  und  nur  mit  Unwillen
hatte  sich  die  Kaiserin  Elisabeth  darein  gefügt,  nach  dem  Dresdener  Friedensschluß
von  dem  beabsichtigten  Angriff  auf  Preußen  absehen  zu  müssen.  Ihrem  Herzen
mochte  es  dann  wenigstens  ein  Gefühl  der  Befriedigung  bereiten,  mit  Maria
Theresia  ein  Bünduis  einzugehen,  in  dem  sie  sich  zum  Kampfe  gegen  Friedrich,
zur  Rückgabe  Schlesiens  an  Oesterreich  verpflichtete,  wenn  Friedrich  nicht  etwa
nur  Oesterreich,  sondern  selbst  dann,  wenn  er  Polen  oder  Rußland  angreife
(2.  Mai  1746).  Und  um  nun  Friedrich  hierzu  zu  nötigen,  um  ihn  als  den
Friedensbrecher  hinstellen  zu  können,  wollte  Rußland  das  mit  Friedrich  verbündete
  Schweden  mit  Krieg  überziehen  und  ließ  seine  Truppen  volle  acht  Jahre
lang  an  den  preußischen  Grenzen  hin  und  her  „demonstrieren“".  Friedrich  dachte
nicht  daran,  sich  in  solchen  Kampf  verwickeln  zu  lassen,  und  meinte,  solange  er
mit  England  gut  stehe,  habe  er  von  Rußland  auch  trotz  der  guten  Beziehungen
beider  Staaten  zu  einander  nichts  zu  fürchten;  ja  die  bösen  Absichten  Rußlands
auf  Schweden  befestigten  sogar  die  Beziehungen  zu  Frankreich,  da  dieses  Schweden
nicht  sinken  lassen  und  dem  russischen  Einfluß  sowohl  in  Schweden  wie  auch  in
Polen  durch  Preußen  allein  die  Wage  halten  konnte.

Mit  größter  Geschicklichkeit  verstand  Friedrich  jahrelang  solche  Gegensätze  in
den  europäischen  Interessen  zu  benützen,  um  mit  klug  verständigem  Wort,  mit
weisem  Verhalten  die  Kriegsfurie  niederzuhalten.  Doch  das  gerade  gefiel  dem
bösen  Nachbarn  nicht.  Der  große  und  vielgewandte  Staatskanzler  Graf  Kaunitz,
der  jehzt  die  Geschicke  Oesterreichs  lenkte,  und  seine  Kaiserin  Maria  Theresia  hatten
kein  brennenderes  Verlangen,  kannten  keine  andere  Politik,  als  die,  welche  auf
den  Wiedererwerb  Schlesiens,  welche  auf  die  Zerstückelung  Preußens  bis  zu  dem
vor  der  Zeit  des  dreißigjährigen  Krieges  bestehenden  Umfang  abzielte.  Diesem
„ZLroßen  Dessein"  mußten  alle  nach  preußischem  Beispiel  unternommenen  Reformen
im  Innern  Oesterreichs  dienen,  nach  ihm  mußten  sich  die  europäischen  Beziehungen
richten  und  umformen  lassen.  Wohl  hatte  man,  wie  bemerkt,  hierfür  die  herzliche
Zustimmung  Rußlands,  das  Kurland  und  Semgallen  für  sich  zu  gewinnen.  Polen
mit  Ostpreußen  zu  entschädigen  hoffte,  aber  die  Schwerfälligkeit  der  russischen
Armee  und  der  Geldmangel  am  Petersburger  Hofe  ließen  deutlich  erkennen,  daß
das  russische  Bündnis  immerhin  ein  guter  Grund,  nimmermehr  aber  das  Gebäude
        <pb n="470" />
        364  Ursprung  des  siebenjährigen  Krieges.

selbst  sein  konnte,  in  dem  man  das  Wohnen  sich  so  behaglich  dachte,  und  in  dem
für  Preußen  eben  nur  der  letzte  Winkel  vorgesehen  war.  Man  bedurfte  eines
stärkeren,  vor  allem  eines  wohlhabenden  und  freigebigen  Bundesgenoffe,  mit
dessen  Hilfe  man  Friedrich  niederwerfen  konnte.  Die  Seemächte  aber,  deren
Interessen  Maria  Theresia  ohnehin  in  den  Niederlanden  durch  Mißachtung  ihrer
übernommenen  militärischen  Verpflichtungen,  wie  durch  Aenderung  des  Zolltarifes
schwer  verletzt,  hatten  durchaus  keinen  Grund,  den  Ruin  Preußens  zu  wünschen.
Sie  heischten  ganz  andere  Aufgaben  von  Oesterreich  und  wünschten  den  Krieg
gegen  Preußen  möglichst  zu  vermeiden.  So  war  für  Oesterreich  der  Anschluß  an
Frankreich  geboten.  Das  war  nun  zwar  schon  lange  in  Wien  erkannt,  und  sowohl
  ein  politischer  wie  ein  religiöser  Grund  hatten  das  französische  Bündnis  in
Wien  längst  schon  zum  Brennpunkt  aller  Politik  gemacht.  Ihm  lag  die  Gemeinsamkeit
  des  katholischen  Bekenntnisses  zu  grunde,  und  es  gewährte  die  Aussicht,
wieder  zu  der  alten  Machtstellung  zu  gelangen,  in  welcher  man  in  der  Herrschaft
über  das  Reich  nur  mit  Frankreich  nebenbuhlerte.  Es  bot  vor  allen  Dingen,
was  der  Bund  mit  Rußland  allein  nicht  gewähren  konnte,  die  Mittel  zu  einem
Kriege  gegen  Preußen,  und  Preußens  Niederwerfung  mußte  ja,  wie  Kaunit  erklärte,
  das  vornehmste  Ziel  der  österreichischen  Politik  bilden.  Doch  wie  viel
Mühe  er  sich  auch  in  Paris  gegeben,  wie  viel  Liebenswürdigkeiten  er  verschwendet,
noch  war  seiner  treuen  Minne  der  heiß  begehrte  Lohn  nicht  geworden.

Da  trat  fern  im  Westen  jenseit  des  großen  Wassers  ein  Ereignis  ein,  das
für  Deutschland,  für  Oesterreich  wie  für  Preußen,  zwar  nicht  das  geringste  Interesse
  hatte,  dessen  Folgen  aber  den  Vernichtungskampf  gegen  Friedrich  vorbereiteten.
Die  Forts,  welche  Frankreich  in  Nordamerika  zur  Verbindung  seiner  Besitzungen
in  Kanada  und  Louisiana  herstellte  und  welche  die  Engländer,  da  sie  ihnen  den
Weg  zur  weiteren  Ausbreitung  versperrten,  nicht  dulden  wollten,  sollten  die  Lawine
bilden,  die,  ins  Rollen  gebracht,  zerschmetternd  auf  Friedrichs  Haupt  niederfallen
mußte.  Das  englische  Volk,  durch  die  französischen  Erfolge  an  seiner  empfindlichsten
  Stelle  gepackt,  drängte  mit  Leidenschaft  zum  Kriege,  und  der  österreichische
Gesandte  in  London  blies  in  die  Flamme.  Natürlich  war  es,  daß  Frankreich  im
Kriegsfalle  England  in  Hannover  zu  treffen  suchen  mußte,  und  Friedrich  hoffte
zeitweise  sogar,  durch  einen  solchen  französischen  Angriff  auf  Hannover  die  Kriegsbegier
  in  England  zu  stillen.  Doch  erwies  lich  das  als  aussichtslos.  England

#nu//  schloß  vielmehr  mit  Rußland  im  August  1755  einen  Subsidienvertrag,  nach  dem
60  000  Russen  durch  das  Reich  marschieren  und  das  Welfenland  gegen  die  Franzosen
  verteidigen  sollten.  Gewiß  ein  furchtbares  Geschick!  Die  Regulierung  der
englisch-französischen  Grenzen  in  Amerika  sollten  nach  Englands  Begehr  Russen
und  Franzosen  auf  deutschen  Gefilden  erkämpfen!  Und  die  Russen  standen  fertig,
die  preußische  Grenze  zu  überschreiten,  die  Oesterreicher  warteten  nur  auf  den
Ausbruch  dieses  Krieges,  um  unter  seinem  Schutze  Preußen  zerschmettern  zu  können.
Aber  auch  dem  suchte  Friedrich  zu  begegnen.  Beide,  Oesterreich  wie  namentlich
Rußland,  bedurften  zum  Angriff  der  englischen  Geldunterstützung.  Da  entzog
sie  ihnen  Friedrich,  indem  er  dem  Oheim  von  England  die  Hände  bot.  Unter
voller  Wahrung  seines  Bündnisses  mit  Frankreich  schloß  er  mit  ihm  am  2.  Januar

uss  1756  den  Vertrag  von  Westminster,  durch  welchen  die  Neutralität  Deutschlands
in  dem  englisch-französischen  Kriege  festgestellt  wurde,  und  in  welchem  Friedrich
die  französischen,  Georg  aber  die  russischen  Truppen  von  den  Grenzen  des  Reiches
        <pb n="471" />
        Ursprung  des  siebenjährigen  Krieges.  365

fern  zu  halten  sich  verpflichtete.  Und  wenn  die  Kussen  nicht  zum  Schwerte
griffen,  so  ließen  es  auch  die  Oesterreicher  wohl  in  der  Shetee.  Gerade  durch
diesen  Vertrag  aber  hatten  die  Gegner  Friedrichs  im  Rat  der  Krone  Frankreichs
  ein  weit  höheres  Uebergewicht  erlangt,  als  Friedrich  vorausgeseht,  und
Kannitz  hatte  den  Hebel  gefunden,  den  er  brauchte,  um  den  Erbfeind  Oesterreichs
auf  die  Seite  seiner  Kaiserin  zu  ziehen.  Friedrich  aber  lebte  der  Hoffnung,
Oesterreich  vereinzelt,  den  Frieden  auf  dem  Festlande  erhalten  und  eine  „furchtbare
  Liga  zersprengt  zu  haben,  unter  welcher  früher  oder  später  unser  Staat  hätte
erliegen  müssen".  Doch  größer  fast  noch  als  an  der  Donau  war  die  Kriegslust
an  der  Newa,  und  heftiger  noch  als  in  der  Brust  der  Königin  von  Ungarn  gährte
und  lohte  der  Haß  gegen  Friedrich  in  dem  leidenschaftlichen  Herzen  der  Zarin.
Offen  gestand  Elisabeth  ein,  daß  sie  den  Krieg  mit  Preußen  wünsche,  daß  Preußen
auf  seinen  früheren  Stand  zurückzuführen  sei,  und  die  Niederwerfung  Preußens
blieb  ihre  dundamentalmarinen  die  sie  nunmehr  ins  Leben  zu  setzen  suchte.
Gerade  dies  war  aber  auch  der  alleinige  Zweck  der  österreichischen  Bemühungen
in  Versailles,  und  um  die  drei  großen  Mächte  des  Festlandes  gegen  Preußen  ins
Feld  zu  bringen,  bot  man  mit  Belgien  dort  eine  Lockspeise  an,  der  auch  die
Gegner  Oesterreichs  im  französischen  Ministerrat  nicht  widerstehen  konnten.  Friedrich
wußte  wohl,  welche  Geschicklichkeit  Maria  Theresia  und  Kaunitz,  wie  der  österreichische
  Gefandte  Starhemberg  in  Paris  anwandten,  wußte,  wie  groß  die  Neigung
Ludwigs  und  seiner  Geliebten,  der  Madame  de  Pompadour,  war,  gegen  ihn  zu
marschieren.  Er  wußte  sogar,  daß  man  einen  so  langjährigen  Bundesgenossen
wie  ihn  platt  fallen  gelassen,  daß  am  1.  Mai  wirklich  der  Vertrag  zu  Versailles
zwischen  Oesterreich  und  Frankreich  geschlossen  war.  Aber  weder  erkannte  er  das
ungemessene  Ziel,  das  mit  ihm  erstrebt  ward,  wußte  nicht,  daß  dieser  Vertrag
mr  scheinbar  zur  Verteidigung  geschlossen,  in  der  That  aber  der  „Krieg  auf
kurze  Sicht"  war,  noch  ahnte  er,  daß  der  Grundgedanke  der  Westminster-Konvention,
  England  vermöge  die  Russen  an  einem  Angriff  auf  Preußen  zu  hindern
und  halte  sie  in  voller  finanzieller  Abhängigkeit,  völlig  durchlöchert  sei.  Kaunitz
hatte  es  zuwege  gebracht,  französische  Hilfsgelder  für  Rußland  zu  gewinnen  und.
England  damit  in  Petersburg  völlig  aus  dem  Sattel  zu  heben.  König  Georg
hatte  dem  preußischen  Verbündeten,  der  keinen  Gesandten  am  Petersburger  Hofe
hatte,  dies  absichtlich  verschwiegen,  während  Friedrich  ihm,  der  wieder  in  Versailles
keinen  Gesandten  hatte,  jede  Mitteilung  über  die  dortigen  Vorgänge  machte.  Erst
im  Juni  erfährt  Friedrich  die  volle  Gewißheit  von  dem  unumstößlich  feststehenden
Willen  des  Petersburger  Kabinetts,  ihn  bei  der  ersten  besten  Gelegenheit  „ohne
weitere  Diskussion  zu  attaquiren"“.  Aber  um  den  Frieden  zu  ermöglichen,  und
ungeachtet  der  nun  von  verschiedenen  Seiten  her  einlaufenden  Nachrichten  über  die
umfassenden  russischen  wie  österreichischen  Rüstungen  gegen  Preußen,  stellt  er  die  u58.
in  Pommern  und  Preußen  allein  gegen  Rußland  betriebenen  Gegenmaßregeln  sofort
  ein,  als  die  russischen  Rüstungen  Halt  machen.  Denn  im  Rückzug  der  Russen
sieht  er  die  Gewähr  für  den  Frieden.  Die  absichtlich  falschen  Angaben  des
britischen  Gesandten  in  Berlin,  Sir  Andrew  Mitchell,  ließen  ihn  Englands  Einfluß
  in  Petersburg  überschätzen,  und  da  der  Wiener  Hof,  wie  er  meinte,  nicht
den  Wunsch  hegen  könne,  auf  eigene  Faust  sein  Vorhaben  auszuführen,  so  glaubte
er  trotz  aller  Sorge,  alles  Argwohns  an  die  Erhaltung  des  Friedens.  Aber  zu  nahe
lag  doch  die  Gefahr  des  Gegenteils,  und  Friedrich  versäumte  daher  um  so  weniger,
        <pb n="472" />
        366  Ursprung  des  siebenjährigen  Krieges.

für  diesen  Fall  sein  Heer  allmählich  marschfertig  zu  machen,  als  ihm  aus  Böhmen
und  Mähren  Meldungen  zugingen,  die  ihm  zeigten,  wie  der  Gegner  sich  rüstete,
zum  Stoße  sich  fertig  machte.  Alles  aber  kam  der  Kaiserin  darauf  an,  wie  der
preußische  Gesandte  in  Wien  meldete,  „Friedrich  als  Angreifer  erscheinen  zu
lassen“.  Mit  dieser  Fälschung  glaubte  man  die  Vorkehrungen  zu  decken,  die  man
selbst  traf,  „um  Rache  zu  nehmen  für  den  Verlust  unsers  theuren  Schlesiens“,
und  am  16.  Juli  erfuhr  der  König,  daß  auch  die  Regimenter  aus  Ungarn  auf
dem  Marsche  nach  Böhmen  seien.  Selbst  diese  Kunde,  die  er  vor  wenigen  Wochen
noch  mit  vollem  Rechte  als  die  Kriegserklärung  bezeichnet  hatte,  bewog  ihn  jetzt
nur  zu  einer  am  18.  beförderten  Anfrage  bei  der  Kaiserin  nach  dem  Zwecke  der
Truppenbewegungen.

Da  sandte  ihm  am  20.  und  21.  Juli  sein  Gesandter  im  Haag,  von  der
Hellen,  Berichte  des  holländischen  Gesandten  in  Petersburg,  van  Swart,  von  dem
man  wußte,  daß  er  im  tiefsten  Vertrauen  mit  den  russischen  Ministern  lebte.  Da
verbreitete  sich  mit  einem  Male  Klarheit  über  die  Vorgänge  der  letzten  Monate,
die  man  nur  mühsam  und  doch  richtig  hatte  zusammenreimen  können.  Aber  es
war  eine  Klarheit,  deren  Strahlen  jeden  anderen  als  König  Friedrich  blenden
mußten,  es  war  die  Gewißheit  über  den  festen  Entschluß  der  beiden  Kaiserinnen
und  Kursachsens,  unter  Zustimmung  von  Frankreich  ihn  mit  wenigstens  230  000
Mann  anzugreifen  und  mit  der  Uebermacht  der  vereinigten  Kräfte  Frankreichs,
Rußlands,  Oesterreichs,  Sachsens,  denen  das  Reich  sich  anschließen  sollte,  ihn  zu
zerschmettern.  Lediglich  und  durchaus  nur  wegen  der  militärischen  Unfertigkeit
habe  man  den  Angriff  bis  zum  nächsten  Frühjahr  verschoben.  Es  war  das
schlimmste  Konzert  der  Welt,  mit  vollster  Sicherheit  auf  Friedrichs  Untergang
berechnet,  und  wer  wollte  es  nicht  gerechtfertigt  finden,  wenn  er  solchem  Frevelmut
  zuvorkam?  Doch  zu  tief  war  er  sich  der  Folgen  bewußt,  die  ein  Kampf
von  dieser  Ausdehnung  haben  mußte.  Den  Gegnern  mochte  es  freilich  ein  Leichtes
erscheinen,  mit  ihrer  Phalanx  von  allen  Seiten  gegen  den  König  aurückend,  dies
kleine  Preußen  zu  zermalmen,  und  so  mochten  sie  mit  leichtem  Sinn  ein  Wetter
heraufbeschwören,  das  sich  doch  voraussichtlich  nur  über  deutsche  Fluren  entlud.
König  Friedrich  aber  war,  da  die  Hoffnung  auf  englische  Hilfe  ungewiß  blieb
und  sich  jedenfalls  nach  den  Erfolgen  des  bisher  von  England  unglücklich  geführten
  französisch-englischen  Krieges  bemaß,  so  gut  wie  ohne  Bundesgenossen.
Allein  sollte  er  sich  der  mächtigsten  Staaten  Europas  erwehren.  Und  doch  —  sollte
es  denn  zum  Kriege  kommen,  nun  so  denkt  er  kühn  schon  daran,  Westpreußen  zu  gewinnen,
  und  wohl  mag  ihm  der  Gedanke  durch  die  Seele  gezogen  sein,  vielleicht  fügen
sich  im  Verlaufe  des  Krieges  die  Dinge  so,  daß  auch  die  Erwerbung  von  Sachsen
möglich  sein  möchte.  Aber  wie  wäre  das  jetzt  zu  erwarten  gewesen!  Generationen,
so  hatte  er  in  seinem  Testament  gelehrt,  mißten  daran  arbeiten,  wenn  dieser  Plan
gelingen  solle,  Oesterreich  und  Rußland  müßten  im  Kriege  begriffen  sein  gegen  Frankreich,
  die  Pforte  und  Sardinien,  Bestuschew  müsse  gestürzt,  sein  Nachfolger  gewonnen
sein,  in  England  eine  Minorennitätsregierung  walten,  in  Frankreich  ein  ehrgeiziger
Ministerzam  Ruder  sein.  Nahezu  von  all  diesen  fabulierten  Umständen  war  jetzt
das  Gegenteil  der  Fall,  und,  wie  unfertig  die  Gegner  militärisch  und  finanziell
noch  waren,  wie  wenig  der  König  gesonnen  war,  sich  „Nasenstüber“  gefallen  zu
lassen,  so  begreift  es  sich,  daß  Friedrich  dem  gewaltigen  Uebergewicht  von  Rußland,
Frankreich  und  Oesterreich  gegenüber  zunächst  alles  aufbot,  was  dem  Frieden  frommte.
        <pb n="473" />
        Ursprung  des  siebenjährigen  Krieges.  367

Erst  wenn  die  angeknüpften  Verhandlungen  scheiterten,  wenn  die  Gegner  in  ihrem
Taumel  sich  taub  wider  die  Stimme  der  Vernunft  zeigen  sollten,  gedachte  er  das
auszuführen,  was  ein  jeder  an  seinem  Platz  ausführen  würde;  dann  aber  auch  mit
einem  Gewissen,  frei  von  jeglichem  Vorwurf  und  mit  einem  vollkommenen  Vertrauen
  auf  die  Gerechtigkeit  seiner  Sache.  Demgemäß  wartete  er  auf  die  Antwort
Maria  Theresias,  bis  er  auch  nur  irgendwie  den  inzwischen  getroffenen  militärischen
Zurüstungen  einen  größeren  Umfang  gab.  Zugleich  aber  setzte  er  alle  inländischen
und  ausländischen  Höfe  in  Bewegung,  um  den  Ruin,  dem  nicht  Preußen  allein,
sondern  England  und  alle  Staaten  Europas  durch  das  Triumvirat  der  drei  großen
Kontinentalmächte  ausgesetzt  seien,  zu  vermeiden.  Und  trotz  aller  weiteren  Nachrichten,
  die  über  den  bestimmten  Entschluß  Oesterreichs  und  Rußlands,  im  nächsten
Frühjahr  das  Vernichtungswerk  gegen  ihn  zu  beginnen,  einlaufen,  und  trotdem
die  Antwort  der  Kaiserin  völlig  der  Frage  ausweicht,  hofft  der  König  noch  immer,
den  Frieden  zu  erhalten.  Inmitten  der  getroffenen  Vorbereitungen  für  den  Krieg
lebte  man  in  Potsdam  unter  der  Gewitterschwüle  der  Unruhe  und  Ungewißheit.
Von  den  Russen  war  allerdings  eine  Mitwirkung  in  diesem  Jahre  bei  ihrer  Schwerfälligkeit
  nicht  zu  fürchten,  aber  unbedingt  nötig  erschien  es,  auch  die  Teiluahme
Frankreichs  zunächst  noch  auszuschließen.  Deshalb  suchte  Friedrich  den  Beginn
des  Krieges  möglichst  in  den  Herbst  zu  verschieben,  und  richtete  daher  eine  zweite
Aufrage  nach  Wien.  Noch  am  23.  August  schreibt  Eichel,  daß  der  König  den
Frieden  zu  erhalten  hoffe,  wenn  nur  Maria  Theresia  sich  dahin  erklären  wolle,
ihmn  weder  in  diesem  noch  im  nächsten  Jahre  anzugreifen.  Auch  diese  Hoffnung
täuschte,  Maria  Theresia  beantwortete  Friedrichs  Hauptfrage  gar  nicht,  sondern  wich
ihr  aus.  Und  damit  erklärte  sie  unzweideutig  den  Krieg,  sie  hatte  ihr  Ziel  erreicht,
und  völlig  offen,  in  unbedingtester  Sicherheit  lag  die  Absicht  der  Verbündeten  vor
Friedrichs  Augen.  Unzweifelhaft  aber  wird  ihm  zuzustimmen  sein,  wenn  er  urteilt:
„Wer  unterrichtet  ist  von  den  Angriffsplänen  seiner  Feinde  und  dennoch  ihrem
Belieben  sich  preisgiebt,  der  ist  ein  schmählicher  Feigling.  Doch  wer  in  solchem
Falle  seinem  Gegner  zuvorkommt,  der  begeht  allerdings  die  erste  Feindseligkeit,
aber  der  Angreifer,  das  ist  nicht  er.“  Sicherlich,  nie  war  eine  Schilderhebung
gerechter,  als  die  Friedrichs,
da  er  nun  am  29.  August  die
sächsische  Grenze  überschritt.
Aber  selbst  jetzt  noch  sollten
die  Waffen  schweigen,  sollten
neue  Verhandlungen  in  Wien
und  Dresden  wenn  möglich
das  Unwetter  beschwören.

Es  galt  in  diesem  Jahre,
wenigstens  noch  die  Sachsen
zu  entwaffnen  und  sich  der
Elbe  bis  Melnik  hin,  d.  h.
soweit  sie  schiftar  und  da-'her
  für  die  Zufuhr  d  »  6

Verpflegungsmittel  Feis

wendig,  zu  versichern.  Von  Rekrutendrillung.

 

der  Feindseli  gkeit  des  vom  Radierung  von  Senie  re  Satst  (1726—1801).
        <pb n="474" />
        12.  Syt.

1.  Oktb#.

368.  Beginn  des  Krieges.  —  Lobositz.

Grafen  Brühl  geleiteten  Dresdener  Kabinetts,  in  dem  alle  Fäden  der  Intrigue
gegen  Preußen  zusammengelaufen,  war  das  Schlimmste  zu  befürchten,  und  das  sächsische
  Heer,  vor  der  Stirnseite  des  preußischen  kein  Gegenstand  der  Besorgnis,  vermochte
  hinter  dessen  Rücken  ihm  die  Verbindung  mit  Berlin  abzuschneiden,  die
Mark  selbst  zu  bedrohen.  Es  mußte  unter  allen  Umständen  kampfunfähig  gemacht
  werden,  ehe  der  König  die  böhmische  Grenze  überschritt,  oder  der  sächsische
Hof  mußte  sich  mit  Preußen  unlöslich  verbinden.  So  gering  auch  die  Hoffnung
sein  mochte,  Sachsen  zu  Preußen  hinüberzuziehen,  und  so  sicher  man  auch  über
das  zweideutige  Benehmen  des  sächsischen  Kabinetts  und  dessen  Vertraulichkeiten  mit
den  Feinden  war,  so  ließ  Friedrich  die  Verhandlungen  mit  dem  Dresdener  Hofe
doch  nicht  ruhen.  Ia  im  Gegenteil  spann  er  sogar  neue  Fäden  mit  Wien,  suchte
immer  noch  Maria  Theresia  zu  der  Erklärung  zu  bestimmen,  ihn  in  diesem  und  dem
nächsten  Jahr  nicht  angreifen  zu  wollen.  Es  ist  das  äußerste  Maß  von  Besonnenheit
nicht  nur,  sondern,  wie  zutreffend  bemerkt  ist,  von  Gewissenhaftigkeit,  mit  welcher
der  König  dem  Kriege  aus  dem  Wege  zu  gehen  sucht.  Dreimal  hatte  er  seinen  Stolz
bezwungen,  dreimal  in  Wien  angefragt,  dreimal  wies  man  den  Bittenden  zurück
vom  stolzen  Kaiserstuhl.  Denn  ohne  die  geringste  Scheu  ließ  Maria  Theresia  auch

jetzt  noch  die  eigentliche  Frage  Friedrichs  einfach  unbeantwortet  und  überschüttete
in  statt  dessen  mit  Unwahrheiten  und  Beleidigungen.  Unwiderruflich  war  der
Krieg,  und  wahrlich  die  Hoffnung,  dem  Könige  das  Schicksal  Heinrichs  des  Löwen
zu  bereiten,  war  es,  mit  der  man  die  Thore  des  Janustempels  geöffnet.

Nun  ward  die  sächsische  Armee,  die  man  leichtsinnigerweise  nicht  nach  Böhmen
zu  dem  österreichischen  Heere  hatte  abmarschieren  lassen,  in  ihrem  Lager  bei
Pirna  eng  umschlossen.  Einen  Sturm  wollte  Friedrich,  in  der  Erwartung,  daß
der  Hunger  die  Kapitulation  erzwingen  werde,  vermeiden.  Wohl  aber  marschierte
der  österreichische  Feldmarschall  Browne  von  Böhmen  aus  zum  Entsatze  der
Sachsen  heran  und  war  am  30.  September  mit  33.000  Mann,  wenige  Stunden
bevor  die,  nach  dem  Flecken  Lobositz  an  der  Elbe  vorrückenden,  Preußen  die  Höhen
des  Lobosch=  und  Homolkaberges  besetzten,  zur  Stelle.  Am  Morgen  des  1.  Oktober
entwickelte  sich  der  Kampf,  der  mit  seltener  Harträckigkeit  sieben  Stunden  lang
durchgefochten  wurde.  Friedrich  selbst  erkannte  die  Tapferkeit  der  Feinde  an,
glaubte  nicht  mehr  die  alten  Oesterreicher  vor  sich  zu  haben,  aber  auch  seine  Truppen
hatten  „Wunder  der  Tapferkeit  gethan,  wie  er  sie  noch  nicht  gesehen  habe,
seit  er  sie  zu  befehligen  die  Ehre  habe.“"  Schließlich  blieb  ihnen  denn  auch
der  Sieg,  um  drei  Uhr  nachmittags  war  mit  der.  Vertreibung  der  Oesterreicher
aus  Lobositz  der  Kampf  beendet,  und  Browne  zog  sich  über  die  Eger  zurück.
Auch  einen  neuen  Versuch,  die  Sachsen  aufzunähln,  nußte  er,  da  diese  zu
spät,  erst  in  der  Nacht  zum  13.  Oktober,  über  die  Elbe  gehen  konnten,  aufgeben.
  König  August  und  Graf  Brühl,  die  sich  auf  den  Königstein  in  behagliche
  Sicherheit  begeben  hatten,  mußten  nunmehr  den  Vorstellungen  der  Generale
nachgeben  und  die  Erlaubnis  zur  Kapitulation  ihrer  von  Kälte  und  Hunger  eruoften,

  am  Fuße  des  Liliensteins  von  den  Preußen  völlig  umschlossenen  Truppen

schö
14.  orib.  erteilen.  Etwa  16—18  000  Mann  streckten  am  14.  Oktober  die  Waffen  und

wurden  von  Friedrich  in  seine  Armee  eingereiht.

König  August,  sein  Minister  Graf  Brühl  und  der  ganze  Hofstaat  gingen  am
20.  Oktober  nach  Warschau,  nur  die  Königin  blieb  mit  zwei  Prinzen  in  Dresden
zurück  und  unterhielt  von  hier  aus  trotz  der  gewinnenden  Artigkeit,  mit  welcher
        <pb n="475" />
        Manifest.  —  Bund  mit  England.  369

 

Belagerung  von  Prag  im  Mai  1757
Radierung  von  Johann  Adols  Stognionn  Gnnn  zu  Augdburs  gegen  Mitte  des  18.  Jahrh.),
verkleinert

ihr  Friedrich  8  einen  geheimen  Briefwechsel  mit  den  Feinden,  der  ihm
vielen  Schaden  brach

Friedrich  aber  hfenlichie  in  der  Mitte  des  Oktober  ein  Manifest  auf
Grund  der  ihm  zugegangenen,  wie  auch  der  in  Dresden  beschlagnahmten  Papiere,
das  den  Völkern  Europas  die  Pläne  und  Absichten  der  Feinde  enthüllte  und  ihnen
die  Notwehr  bewies,  in  der  er  sich  befand.  Mit  England  kam  nach  den  mühseligsten
  Anstrengungen,  die  teils  durch  Ministerkrisen,  teils  durch  die  hannöverschen
  Minister  und  das  Bestreben  des  Königs,  als  Kurfürst  von  Hannover  mit
Frankreich  und  Oesterreich  verbündct  zu  bleiben,  hervorgerufen  waren,  endlich  ein
Vertrag  zu  stande.  Danach  sollte  eine  aus  englisch-hannöverschen  Truppen  und
den  Kontingenten  einiger  protestantischen  Fürsten,  wie  Hessen,  Braunschweig,  Gotha
und  Schaumburg,  gebildete  Armee  unter  dem  Herzog  von  Cumberland  Westdeutschland
  gegen  die  Franzosen  schützen.  Das  ist  in  den  nächsten  Jahren  im  allgemeinen
auch  wohl  geschehen,  dagegen  kam  es  während  des  ganzen  Krieges  nie  dazu,  daß
England  auch  nur  eine  einzige  Fregatte  in  der  Ostsee  erscheinen  ließ,  und  doch
hätte  hier  die  geringste  Flotte  von  unendlichem  Vorteil  für  Friedrich  sein  müssen,
hätte  ihm  voraussichtlich  die  Russen  gänzlich  vom  Leibe  gehalten.

Alle  Kräfte  setzte  natürlich  Maria  Theresia  ein,  um  den  Vorsprung,  den  ihr
Friedrich  militärisch  abgewonnen,  wieder  einzuholen.  Vornehmlich  wurden  die
letzten  Abmachungen  mit  den  Genossen  getroffen,  und  in  der  That  erfolgte  am
31.  Dezember  1756  der  förmliche  Beitritt  Rußlands  zum  Vertrage  von  Versailles.
Zwischen  Rußland  und  Oesterreich  wurde  am  22.  Jannar  1757  das  Bündnis  1357

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  24
        <pb n="476" />
        370  Die  Bündnisse  der  Gegner.

von  1746  in  einer  Konvention  erneuert,  die  so  recht  dem  Hasse  beider  Kaiserinnen
gegen  Friedrich  entsprach,  die  volle  Vernichtung  des  gehaßten  Gegners  ins  Auge
faßte.  Beide  Teile  versprachen,  wenigstens  je  80  000  Mann  regulärer  Truppen
#ins  Feld  zu  stellen,  Rußland  überdies,  eine  Flotte  auszurüsten.  Im  Februar
wurde  endlich  auch  die,  durch  Frankreichs  Weigerung,  nur  als  österreichische  Hilfsmacht
  zu  erscheinen,  bisher  verzögerte,  militärische  Verabredung  mit  Frankreich
fertig,  nach  welcher  sich  diese  Macht  zur  Aufstellung  einer  Armec  von  105  000
Mann  anheischig  machte.  Den  drei
Mächten  schlossen  sich  dann  im  März
die  Höfe  von  Köln,  Pfalz,  von  Bayern
und  Württemberg  an,  und  am  Reichstage
  wurde  in  aller  Feierlichkeit  der
Reichskrieg  gegen  Preußen  erklärt.
Endlich  trat  auch  das  protestantische
Schweden  unter  dem  vereinigten  russischen
  und  französischen  Einfluß  dem
Bund  gegen  Preußen  bei,  und  auch
der  Herzog  von  Mecklenburg-Schwerin
glaubte  bei  einem  solchen  nicht  fehlen
zu  dürfen.  Den  Zweck  der  Vereinigung
  sprach  mit  unfehlbarer  Deutlichkeit
  noch  einmal  der  am  1.  Mai  1757
zu  Versailles  zwischen  Frankreich  und
Oesterreich  förmlich  abgeschlossene
Teilungsvertrag  über  Prcußen  aus.
Gegen  Abtretung  der  österreichischen
Niederlande  an  den  Schwiegersohn
Ludwigs  XV.  und  einiger  Plätze  an
Frankreich  selbst  erklärte  sich  auch  diese
Macht  zu  einer  so  völligen  Aufteilung
der  preußischen  Länder  bereit,  daß
—  allein  Hinterpommern  und  die  Mark,

ssie  selbst  diese  jedoch  nur  ohne  Crossen,

2  hben  beistoph  Graf  dem  Könige  in  Preußzen  oder  vielmehr
erstich  von  Phil  r  u—m),  dem  Markgrafen  von  Brandenburg

-  2  /  verklei  r  verbleiben  sollten.  Alle  anderen  Provinzen
  sollten  an  Oesterreich,  Frankreich,

  Rußland,  Schweden  und  Sachsen  nach  einem  schon  im  einzelnen  näher  bestimmten
  Plane  verteilt  werden.  Mit  solcher  Zertrümmerung  Preußens  durfte  man
hoffen,  das  ganze  Staatensystem  Europas  und  vornehmlich  Deutschlands  gründlichst
verändert,  Deutschlands  Wohl  und  freie  Selbstbestimmung  vernichtet  zu  haben.  In
Preußen  traf  man  ja  zugleich  den  einzigen  reindeutschen  Staat,  welcher  der  Fremdherrschaft
  Oesterreichs  und  Frankreichs  entgegentreten  konnte  und  entgegenzutreten  gewillt
war,  traf  man  zugleich  den  Staat,  welcher  der  kräftige  Schutz  und  Schirm  des
Protestantismus  war.  Ja  umsomehr  mußte  auch  dieser  rettungslos  zu  Grunde
gehen,  als  die  katholischen  Staaten  geeint,  die  protestantischen  aber  durch  den
Uebertritt  Württembergs,  Schwedens  und  Mecklenburgs  zu  Friedrichs  Feinden  ge-
        <pb n="477" />
        Der  Charalter  des  Krieges.  —  Prag.  371

teilt  waren.  Gewiß,  Friedrich  wehrte  sich,  weil  er  angegriffen  war,  weil  sein  Staat
zerschlagen  werden  sollte,  aber  so  wenig  Achtung  ihm  die  Formen  und  Verfassung  des
Reichs  abgewinnen  konnten,  jetzt  ist  er  sich  mit  vollster  Deutlichkeit  dessen  bewußt,
daß  er  in  der  eigenen  Verteidigung  zugleich  die  Freiheit  des  deutschen  Vaterlandes
zu  sichern  hat,  und  weiß,  daß  es  die  Aufgabe  des  preußischen  Staates  ist,  für  das
ganze  Vaterland  einzutreten.  „Wenn  die  Freiheit  Deutschlands  ins  Grab  sinkt,
dann  soll  im  gleichen  Grabe  Preußen  ruhen.  Ich  werde  die  Freiheit  der  deutschen
Fürsten  selbst  wider  ihren  eigenen  Willen  schützen;  so  lange  ein  Preuße  am  Leben
ist,  so  lange  soll  man  nimmer  sagen,  daß  Deutschland  seiner  Verteidiger  entbehrt.“

Und  wie  der  König  diesen  Bern
Preußens  und  diesen  Charakter  des  Krieges
klar  ausspricht,  so  ließen  sich  die  Beispiele
  häufen,  daß  auch  im  ganzen  deutschen

olk  diese  Empfindung  lebendig  war,  und
selbst  der  junge  Erzherzog  Joseph  hat  es,
voller  Schrecken  über  die  Abhängigkeit,  in
die  Oesterreich  von  Frankreich  geriet,  nicht
an  Vorstellungen  über  die  Gefahr  des
französischen  Bündnisses  fehlen  lassen.
Als  trotziger  Knabe  ward  er  dafür  gescholten;
  es  sollten  durchaus  die  Waffen
entscheiden,  und  wie  hätten  die  zahlreichen
Gegner  auch  daran  zweifeln  mögen,  daß,
wenn  einmal  die  Staaten  ernstlich  gewogen
würden,  ihr  erdrückendes  Uebergewicht  dies
kleine  Preußen  blitzschnell  in  die  Höhe
schleudern  werde?

Wie  immer  die  Mitwelt  in  ihrer
Auffassung  von  der  Methodik  des  Krieges
den  König  ob  der  Kühnheit  seiner  Pläne
getadelt  hat,  uns  Nachlebenden,  die  wir
an  eine  Kriegführung  im  großen  Stil  Scn  Tod  bei  Baag,  an,  Engewöhnt
  sind,  erscheint  es  wie  selbst-  adierung  von  Daniel  Rikolaus  Thodowieck
verständlich,  daß  der  König  zuerst  die  o  c  attgäftsn  adnre
Oesterreicher,  noch  ehe  die  Franzosen  und

ssen  heran  waren,  treffen  und  sie  zerschlagen  wollte.  Am  10.  Januar  verließ  uu57
er  Berlin  —  nach  vollen  sechs  Jahren  erst  sollte  er  es  wiedersehen.  Vom
18.  April  an  rückten  die  Preußen  in  mehreren  Abteilungen  zur  Ueberraschung
der  Oesterreicher  in  Böhmen  ein,  am  2.  Mai  langte  der  König  mit  44000  Mann
vor  Prag  an,  wohin  Prinz  Karl  von  Lothringen  alle  österreichischen  Truppen
zusammenzuziehen  suchte.  Am  6.  traf  endlich  der  Feldmarschall  Schwerin  mit  6.  Wal
weiteren  20000  Mann  ein,  um  10  Uhr  früh  begann  die  Schlacht.  Und  obgleich
ihr  eigentliches  Ziel,  den  rechten  Flügel  des  österreichischen  Heeres  zu  umgehen
und  es  völlig  zu  vernichten,  mißglückte,  wurde  doch  der  glänzendste  Sieg  errungen.
Freilich  des  Königs  Anordnungen  ward  vielfach  nicht  genügt,  folgenschwere  Thaten
geschahen  wider  seine  Befehle.  Und  zu  seinem  schmerzlichsten  Zorne  verblutete
daher  manch  braves  Soldatenherz  mehr,  als  nötig  gewesen  wäre.  Ihrer  12  bis

24
        <pb n="478" />
        372  Belagerung  von  Prag.  —  Kolin.

18000  Mann,  „die  Säulen  der  preußischen  Infanterie“,  bedeckten  die  Wahlstatt.
Winterfeldt,  Fouque,  des  Königs  jüngster  Bruder,  Prinz  August  Ferdinand,
waren  mehr  oder  weniger  schwer  verwundet,  und  der  Tod  Schwerins,  den
die  Sage,  in  ihrer  Weise  den  Helden  verherrlichend,  ausgeschmückt  hat,  „welkte
die  Lorbeeren  des  Sieges“.  Aber  auch  von  den  Oesterreichern  waren  gegen
24000  Mann  gefallen,  und  der  Rest  ihrer  Armee  mußte  sich  nach  Prag  zurückziehen,
  das  der  König  nun  einschloß,
  in  der  sicheren  Erwartung,
  daß,  nachdem  sich  Prag
ergeben,  weder  Russen  no
Franzosen  die  Grenzen  überschreiten,
  und  die  Oesterreicher
auf  jede  Bedingung  Frieden
schließen  würden.  Natürlich
gehörte  aber  dazu,  daß  er  die
Entsatzarmee,  welche  Daun
heranführte,  ebenfalls  vernichtete.
  Er  begab  sich  daher
selbst  zu  dem  Truppenteil,  den
er  ihm  unter  dem  Herzog  von
Bevern  entgegengeschickt  hatte,
und  dem  Daun  stets  ausgewichen
  war.  Da  wollte  es
das  Unglück,  daß  Friedrich  die
Schlacht,  zu  welcher  er  nun
Daun  in  der  Nähe  von  Kolin
am  18.  Juni  nötigte,  völlig
verlor.  Alles  war  auf  die
Vernichtung  Dauns  berechnet,
und  trotz  des  Mißverhältnisses
der  Truppenzahl  —  34000
gegen  53000  Mann  —  und
7  der  äußerst  günstig  gewählten
  Stellung  Danns  schien
Kupferstich  von  Johann  —*  —  auf  die  Hälste  7  mit  Sicherheit  erfolgen  zu
Das  Porträt  nach  einer  Zeichnung  von  Joachim  Martin  Falbe  müssen.  Herrlich  war  be
1721—173.  die  Infanterie,  die  erst,  #ndem
  die  Hälfte  ihrer  beute  auf
dem  Brachfelde  tot  oder  verwundet  lag,  müde  in  ihren  Angriffen  ward.  Aber
eine  Reihe  von  Mißverständnissen  seitens  der  Generale,  manch  übel  angebrachte
ühnheit,  wie  ein  ungestümer  Angriff  Mansteins  und  andere  unvorhergesehene  Ereignisse
  hatten,  wie  heute  unwiderruflich  bewiesen  ist,  die  Auordnungen  des  Königs
völlig  über  den  Haufen  geworfen  und  eine  Niederlage  gerade  in  dem  Augenblick
herbeigeführt,  als  der  Sieg  den  Frieden  diktieren  sollte.
Nun  geschah  das  Gegenteil,  die  erste  große  Niederlage  hatte  weitere  Verluste
zur  Folge,  ja  sie  hat  den  König  für  den  ganzen  Feldzug  auf  die  Verteidigungslinie
  zurückgeworfen.  Inzwischen  hatten  auch  die  übrigen  Gegner,  die  Russen,
        <pb n="479" />
        August  Wilhelms  Zug.  —  Hadik  in  Berlin.  —  Großjägerndorf.  —  Kloster  Zeven.  373

Schweden,  Franzosen,  ihre  Vorbereitungen  beendigt  und  ihrerseits  den  Kampf
begonnen.  Der  König  gab  die  Belagerung  Prags  auf,  rückte  mit  der  einen
Hälfte  seines  Heeres  nach  Sachsen,  um  dieses  zu  decken,  während  die  andere
Hälfte  unter  seinem  Bruder,  dem  Prinzen  August  Wilhelm  von  Preußen,  dem
Winterfeldt  als  Ratgeber  beigegeben  wurde,  Schlesien  mit  der  Lausitz  schützen
sollte.  Doch  dieser  Truppenteil,  belästigt  durch  fortwährende  kleine  Gefechte  und
nicht  von  einem  einheitlichen
festen  Willen  geführt,  erlitt  8
schwersten  Verluste  und  kam  in
der  Lausitz  in  trostlosestem  Zustande
  an.  Die  Verbindung
mit  Schlesien  war  verloren,  ja
der  Weg  nach  der  Mark  stand
den  Feinden  offen.  Und  nicht
lange  sollte  es  dauern,  bis  die
Oesterreicher  in  Schlesien  eindrangen.
  Nadasdy  überfiel  im
September  den  General  von
Winterfeldt  bei  Moys,  wo
dieser  Freund  des  Königs  sein
Leben  verlor,  und  General
Hadik  konnte  in  der  That
Friedrichs  Hauptstadt  Berlin
erreichen  und  brandschatzen.
Die  königliche  Familie  flüchtete
nach  Spandau,  doch  ging  die
schlimmste  Gefahr  vorüber,  als
die  Nachricht  kam,  der  Prinz
Moritz  von  Anhalt  nähere  sich
zum  Entsatze.  Inzwischen  waren
aber  auch  die  Russen  in  Bewegung
  gekommen,  hatten  Ostpreußen
  überschwemmt  und  den

 

betagten  General  Lehwald  bei  W  0  .
Großjägerndorf  südöstlich  von  —  tr
Königsberg  besiegt.  Doch  trotz  fiupserstich  .  Johann  Esajas  Nilson  (1721—1788),
des  Sieges  mußten  sie  sich  auf  elwa  dle  Hälfte  verkleinert.

wieder  zurückziehen.  Dagegen
waren  die  Franzosen  gegen  die  Weser  vorgedrungen,  hatten  dem  Herzoge  von
Cumberland  bei  Hastenbeck  am  26.  Juli  ein  Gefecht  geliefert,  und  alsbald
zeigte  sich  auch  in  ihm  die  Sorge  um  Hannover  stärker  als  die  Ehrliebe  des
Feldherrn.  Am  7.  September  schloß  er  mit  dem  französischen  Marschall  Richelien
die  Konvention  von  Kloster  Zeven,  durch  welche  ein  Waffenstillstand  und  zugleich
die  Auflösung  der  niedersächsischen,  d.  h.  der  einzigen  Armee  zugestanden  wurde,
welche  Friedrich  vor  den  Franzosen  retten  sollte.

ie  eine  Armee  derselben,  welche  der  Prinz  von  Sovubise  befehligte,  vereinigte
  sich  mit  der  Reichsarmee  unter  dem  Prinzen  von  Hildburghausen  im  August,
        <pb n="480" />
        «

374  Roßbach.

 

1757
5.  Nov.

Einnahme  von  Berlin  durch  die  Oesterreicher  unter  General  Hadik,  am  16.  Oltober  1757.
Radierung  von  Johann  Martin  Will  (arbeitete  etwa  1765—1805),  auf  ungesähr  ½  ve
Unter  dem  Originale  steht  solgende  in  der  ursprünglichen  —  wiedergegebene  *
Nachdeme  5*  8  General  Haddick  1  #—  gelr  scines  un  dle  Marck  destinirten  Co  n  in  der  schworden  Elster  und  .  stehen

lassen,  6  brach  er  den  11.  Ollob  wmilt  N.  uterschiedüichee  gssan  .  dates-Im  IsaIIIltsIseatISlaseana
set

Mll  sstllsqkdestoqessqntmOlellåthaksek
Ists-s  ssen  nlgl.  Waldes
e

—.

gelangit  st,  er  sonde  so  gleich  elnen  Ses  an  34  Eii  ö5P  *  h  8  iezten  ansorderung  von  888  Nelch

khaler  und  vor  ausgang  elner  Slu  8  eputlerie  drol  n  die  S#  u  Cononleren,  wen  obiges  beg-  7
ii  üh  i.  aber  der  Trompeser  aber  *5%  5  be  aorn  ick  und  *  —  T##e  boee  -*  r  tr
Ot.  tal  i  zur  Alla-  Greften  "  l“  bno.  abrne  |s  r  et  von  b  5  willige  Gradiscan##
ur  #  grenmeles  Compagnien  nebstt  2  Fel  u:  Saebntt  ,  made-s  det-  dklll  Sulkowst#
1.  mt  2.  Botalllons  Teussche  5.  Insanterie  und  2.  nei-  u  wide-  caskk  dem  s  vosilert,  dle  Husaren  stunden  unter
dem  H.  Gencral  Baboczaoy  a.  und  Boron  von  I  toI  lentsche  Cavallerle  Comandlerte  der  Hr.  Odrist  des  Löbl.
Savosschen  Reglments  Vral  B.  Goarey  in  elner  ülten  Edue  hinter  der  teutschen  Insanterle  um  wan  solche  v  ousier

werden  dleselbe  gesbesstider.  der  H.  Gengral  Haddsck  ließ  2.  Feld  Stucken  H.  an  das  Usser  der  Spree  seten,  Feind  die
Fen  an  der  r•  Bruden  emzwey  zu  schlessen,  welches  auch  Georg  10  Joseph  Thum  glöcklich  volllohrte  da  den  s  jewelter
O.  General  in  *  #t  adt  elndrang,  nachmals  ab#er  elnen  Altimelster  u  Hfahzer  an  den  Resldenten  saude  die  Mlide  Kayf.
Koniot.  Mayest.  zu  erkennen,  darouf  sich  dan  der  ne  ercitfüre  u:  durch  den  Burgermelster  u:  Deputlerte  in  8  Stunden
185000  Rühl.  zusammen  brachte  u:  solche  vor  #  guhen  5  r  arui  übersanden.  die  Königin  11  aber  rellrierte

uer  Guornss.  naund

  beide  drangen  nun  nach  Sachsen  vor,  um  die  Reichsexekution  an  Friedrich
zu  vollstrecken.  Denn  schon  hatte  der  Kaiser  es  gewagt,  den  König  von  Preußen,
der  sich  der  Angriffe  der  Königin  von  Ungarn  erwehrte,  vorzuladen,  um  über
ihn  die  Reichsacht  auszusprechen.  Wie  aber  der  preußische  Gesandte  in  Regensburg,
  von  Plotho,  den  kaiserlichen  Notar  April,  der  ihm  die  Vorladung  überbrachte,
  die  Treppe  hatte  hinunter  werfen  lassen,  wie  dieser  Vorgang  den  Spott
und  das  Gelächter  Alldeutschlands  hervorrief,  so  sollte  es  auch  dem  französischkaiserlichen
  Exekutionsheer  zum  Entzücken  aller  Deutschen  ergehen.  Zwischen
Halle  und  Naumburg  hatten  Soubise  und  Hildburghausen  auf  den  Höhen  von
Mücheln  eine  feste  Stellung  genommen  und  waren  voller  Zuversicht,  mit  den
64000  Mann,  die  sie  unter  ihren  Fahnen  hatten,  die  etwa  22000  Mann  starken
Kranbh.  mit  denen  Friedrich  ihnen  von  Leipzig  entgegengeeilt  war,  in  ihrem

ager  zwischen  Bedra  und  Roßbach  zu  umgehen  und  zu  vernichten.  Am
5.  nnbee  sollte  dieser  große  Schlag  geschehen,  um  ½23  Uhr  nachmittags
        <pb n="481" />
        Roßbach.  —  Schweidnitz.  —  Breslau.  375

**3  man  den  Aufmarsch.  Es  war  mehr,  als  Friedrich  ihnen  zugetraut  hatte.

So  sicher  waren  die  Feldherren  des  —  Sieges,  daß  sie  an  die  Möglichkeit,
  Friedrich  könne  ihrem  Plan,  in  den  Rücken  des  preußischen  Eir  h
gelangen,  Hindernisse  bereiten,  offenbar  gar  nicht  gedacht  haben.  Doch  k
hatte  er  ihre  Absicht  erkannt,  so  war  auch  sein  Plan  gefaßt,  der  Befehl  zum
Angriff  auf  die  noch  im  Marsch  befindlichen  Truppen  gegeben.  In  „weniger
als  zwei  Minuten“  war  das  preußische  Lager  abgebrochen  und  die  Armee  in
vollem  Marsche.  Seydlitz  begann  um  ⅛4  Uhr  den  Angriff,  warf  die  feindliche  157
Reiterei  in  einem  tollen  Wirbel
bis  über  Reichertswerben  zurück,
  und  vor  dem  Feuer  von
sieben  preußischen  Bataillonen
unter  dem  Prinzen  Heinrich
zerstob  alles.  Wenigstens
43000  Mann  waren  von
8500  Preußen  —  mehr
kamen  nicht  ins  Feuer  —
völlig  aufgerieben.  Der  König
hatte,  wie  herzlich  naiv
Soubise  schrieb,  ihm  gar  keine
Zeit  gelassen,  seine  „sehr  guten
Dispositionen“  auszuführen.
Ohne  die  geringste  Ordnung,
iim  wüstesten  Durcheinander

flüchteten  Franzosen  und
Reichstruppen  bis  nach  Hessen
und  Franken  hin.  Ihre  Armee
war  nicht  mehr.  Ja  so  geeg,

  daß

die  Franzosen  dem  König
überhaupt  nicht  mehr  entgegenzutreten
  wagten,  zu  ihrer
Abwehr  genügte  fortan  das  «  -
englisch-hannöverische  Heer.  General  Friedrich  Wilhelm  Freiherr  von  Seydlit.
Aber  unermeßlich  höher  war  Gemälde  eines  unbelaunten  Künstlers  im  Ständehause  zu  Ohlau.
der  moralische  Eindruck  im
ganzen  Reich.  Alles  in  Deutschland,  ob  Freund  ob  Feind,  jubelte,  die  Siegesthaten
  des  Königs  festigten  das  Vertrauen  seiner  Preußen  zu  ihm,  hielten  seinen
Staat  zusammen,  aber  an  diesem  deutschen  Waffengange  gegen  die  Welschen  glaubte
gurn  Deutsche  sein  Teil  zu  haben,  jeder  erquickte  und  erlabte  sein  Herz  daran,
und  das  Bewußtsein,  ein  Deutscher  zu  sein,  trieb  ungeahnt  neue  Triebe.

Inzwischen  wurde  aber  Schweidnitz  von  den  Oesterreichern  erobert
(12.  November)  und  der  Herzog  von  Bevern,  den  der  König  zum  Schutze  von
Schlesien  zurückgelassen,  am  22.  November  bei  Breslau  geschlagen,  selbst  gefangen
genommen.  Breslau  fiel  in  des  Feindes  Hand,  nur  Trümmer  des  Heeres  22.  Vov.
konnte  Zieten  noch  dem  König  entgegenführen;  doch  mit  dem  festen  Entschluß,
trotz  seiner  kleinen  Truppenschar  die  Oesterreicher  zu  besiegen,  ging  dieser  mit
        <pb n="482" />
        376  Leuthen.

 

Belagerung  von  Schweidnit  durch  die  #term  im  November  1757.

u  chern
und  —  2  von  dem  Einsalle  in  Sachsen  an  5l8  zu  dem  20.  des  Monatz  Thebeth  im  5518.  .%
nach  Erschaffung  der  Welt,  wle  solche  beschrieben  hat  K.  Simeon  Ben-Jochal  auf  eine  redliche  Weise“.

Auf  ½  verkleinert.

L  Die  Stadi  ½  „irane  Schweldnid.  2)  Das  in  die  Lust  gellogene  Pulveragazin.  #)  Die  Sternschanzen.  4)  Länetten-(
  Approchen.  6)  Lager  der  Koiserlichen  Armee  um  Schweldnid.  7)  Mögebrannte  Borsssbee.

ernstem  Heldenmut  ihnen  kühn  entgegen.  Die  Furcht  vor  dem  heranrückenden
König,  wie  andererseits  die  leichtfertigste  Sicherheit  „die  preußische  Wachparade“
aus  dem  Feldbe  zu  schlagen,  rief  ein  unentschlossenes  Zaudern  unter  den  Oberbefehlshabern
  hervor.  Vor  der  Weistritz,  nordwestlich  von  Breslau  mit  der
Mitte  bei  Leuthen,  hatten  sie  sich  in  ausgedehnter  Linie  aufgestellt,  und  als
—e  im  Morgengrauen  des  5.  Dezember  der  König  sein  Manöver  begann,  und  sowohl
Luchesi  vom  rechten  wie  Nadasdy  vom  linken  Flügel  vom  Prinzen  Karl  von
Lothringen  dringend  Unterstühung  erbaten,  war  man  völlig  in  Unklarheit,  was
der  König  wolle,  ja  Daun  meinte  sogar,  er  werde  überhaupt  nicht  angreifen.
Hier  zeigte  sich  das  Genie  des  koniguchen  Feldherrn  auf  seiner  Höhe.  Der  Angriff
  auf  den  rechten  Flügel  war  nur  Schein  gewesen,  und  so  wurde  der  linke
Flügel  vom  General  von  Wedell,  dem  Prinzen  Moritz  und  Zieten  geworfen,  ehe
er  von  der  Mitte  aus  unterstützt  werden  konnte.  In  heißem  Kampfe  wurden  die
Oesterreicher  dann  aus  dem  Dorfe  Leuthen  herausgedrängt,  und  der  zähe
Widerstand,  den  sie  hinter  ihm  noch  zu  leisten  versuchten,  durch  die  Reiterei#
unter  General  Driesen  und  die  Artillerie  niedergeschlagen.  Diesmal  waren  die
Anordnungen  des  Königs  namentlich  vom  Prinzen  Moritz  genau  befolgt,  und
der  wunderbarste  Sieg,  „das  Meisterstück  von  Bewegungen,  Mansvern  und  Entschlossenheit"
  nach  Napoleons  Ausdruck,  errungen.  Mit  einem  zwei=  bis  dreimal
geringeren  Heer  hatte  der  König  die  80—90000  Oesterreicher  aufgerieben,  zur
rcgellofen  Flucht  genötigt.  Nur  die  einbrechende  Nacht  hinderte  ihn,  wie  er
selbst  sagt,  aä  zur  entscheidendsten  des  Jahrhunderts  zu  machen.  Bis  an  das
Ende  seines  Lebens  dachte  Daun  an  diesen  Tag  des  Schreckens  nur  mit  dem
schaudernden  Gebet,  daß  Gott  vor  ähnlichem  Unglück  Oesterreich  bewahren  wolle.
war  der  König,  den  man  so  schnell  zu  vernichten  gedacht,  am  Schlusse

dieses  zumwollen  Jahres  nicht  nur  im  vollen  Besitz  seiner  Staaten  und  ebenso
        <pb n="483" />
        Leuthen.  —  Krefeld.  —  Schweidnitz.  377

*

 

Uebergabe  Breslaus  an  die  Oesterreicher  am  24.  November  1707.
ezeichnet  und  radiert  von  Georg  David  Ressenthaler  (deb.  um  1095),  auf  etwa  ½  verkleinert.

Sachsens,  sondern  er,  den  man  so  sicher  zu  erdrücken  gedacht,  war  der  Held
des  Jahrhunderts  geworden.  Ueber  den  Erdkreis  scholl  der  Ruhm  seiner  Thaten,
und  in  Deutschland  war  der  entschlummerte  Nationalgeist  erweckt.  Anspruchslos,
aber  mit  freudiger  Begeisterung  sang  Gleim  seine  preußischen  Grenadierlieder,
und  nicht  besser  glaubte  er  den  „alten  Frih“  zu  rühmen,  als  mit  dem  Aufruf
an  die  ganze  deutsche  Nation  —  uns  Deutsche  sein  und  bleiben!“

Im  folgenden  Jahre  übernahm  Friedrich  die  weitere  Bekämpfung  der  ½68
Oesterreicher  und  Russen,  während  die  hannöversche  Armee,  deren  Kapitulation
auf  die  Nachricht  von  Roßbach  der  König  von  England  nicht  bestätigt  hatte,
unter  einem  so  *  Je.  Feldherrn,  wie  der  Herzog  Ferdinand  von

raunschweig  war,  die  Franzosen  bekämpfen
  sollte.  Denn  Ludwig  XV.  hielt
ungeachtet  aller  Einreden  seiner  Staatsmänner
  fest  an  Oesterreich.  Seine  Truppen
waren  wieder  in  Hannover  vorgedrungen,
wurden  aber  von  Ferdinand  allmählich
zurückgedrängt  und  schließlich  jenseits  des
ö  bei  Krefeld  am  23.  Juni  ge-Suberner
  Scchögröscher,  ch  agen.  Siberner  Sechtaroͤs-  m
Lbran  aon  6  Währenddessen  hatte  König  Friedrich  PSwo#  en  5
m  *  nnbant  c  im  April  die  Festung  Schweidnitz  zurück-  F  ar
bachern  n  gus  r  in  Mähren  eingedrungen,  s  t
—-  g  auf  feindliches  Gebiet  —  h  gnn

nre  Kblseiben  zasgec  aiss  mußte  sich  jedoch  nach

  

“
        <pb n="484" />
        378

Zorndorf.

vergeblicher  Belagerung  von  Olmütz  wieder  zurückziehen  und  sich  gegen  die  Russen
wenden,  welche  seit  Anfang  des  Jahres  mit  größerer  Energie  als  bisher  ihre  Angriffe
unter  Fermor  aufgenommen  hatten.  Ostpreußen  behandelten  sie  völlig  als  eine  russische
Provinz,  zwangen  die  Einwohner,  der  Kaiserin  zu  huldigen,  stellten  russische  Beamte  an
die  Spitze  der  Verwaltung  und  übten  demgemäß  auch  die  Münzhoheit  aus.  Merkwürdig
  genug  sehen  die  Geldstücke  des  preußischen  Staates  mit  dem  Bildnis  der  Zarin

 

Preussische

Kriegslieder

in  den

Feldzügen  17/4  und  775/7

von
einem  Grenadser.

 

mit  mMelodien.

Berlin,
bey  Christian  Fredrich  Veß.

 

 

 

*
Titelblatt  zu  den  1758  erschienenen

Kriegsliedern
von  J.  W.  L.  Gleim,  in  Originalgröße.

aller  Neussen  aus!  Von  Preußen  waren
die  Russen  unter  Sengen  und  Brennen
durch  Polen  bis  an  die  Oder  vorgedrungen,
hausten  schrecklich  in  der  Neumark,  und
schon  belagerten  sie  Küstrin,  s  schofsen  die
Häuser  der  Stadt  in  Brand.  In  kunstreichster
  Weise  führte  der  König  von
Mähren  aus  durch  Böhmen  seinen  Rückmarsch
  nach  Schlesien  aus  und  wandte
sich,  während  sein  Bruder,  Prinz  Heinrich,
Sachsen  und  Markgraf  Karl  Schlesien
verteidigen  sollten,  gegen  die  Russen.  Mit
nur  14000  Mann  kam  er  im  August  nach
Küstrin,  vereinigte  sich  mit  den  Truppen,
die  unter  dem  General  Grafen  Christoph
zu  Dohna  bisher  gegen  die  Russen  und
Schweden  gefochten,  umging  mit  seinen
etwa  36  000  Mann  die  Stellung  der
40  000  Russen  beim  Dorfe  Quartschen,
und  am  25.  August  ordnete  er  seine
Scharen  südlich  von  Zorndorf  zum  Angriff.
  Es  wurde  ein  furchtbares  Ringen,
ein  schreckliches  Blutbad,  denn  hier  fochten
die  Preußen,  über  die  vielfachen  Scheußlichkeiten
  der  Russen  erbittert,  um  ihr
Heimatland,  um  Haus  und  Herd.  nd
die  Russen,  wie  wuchtig  sie  auch  getroffen
wurden,  wie  furchtbar  die  wiederholten
Reiterangriffe  unter  Seydlitz  ihre  Reihen
lichteten,  wandten  sich  nicht  zur  Flucht,
ließen  sich  lieber  einzeln  zu  Tode  schlagen.

Ungünstig  genug  verlief  der  Kampf  der  Infanterie  am  Vormittag.  Aber  zu
ungestüm  war  der  Auprall,  mit  dem  besonders  Seydlitzens  Reiter  immer
wieder  gegen  ihre  Scharen  losstürmten.  Zuletzt  blieb  den  Preußen  der
die  Russen  doch  nur  3000  Gefangene
zu  beklagen.  Sie  wurden  erst  in  die  Kasematten  Küstrins,  dann  über
Berlin  —  wo  die  Einwohner,
unter  ihnen,  die  verhungerten  Kerle  freundlich  und  weichherzig  bewirteten  —

Sieg.  Bei  18000  Toten  hatten

nach  Magdeburg  gebracht.  Die

uss

der  bekannte  Künstler  Chodowiecki

sen  gingen,  vom  Grafen  Dohna  verfolgt,

nach  Pommern,  belagerten  Kolberg  vergeblich,  mußten  schließlich  bis  über  die

Weichsel  zurück.
        <pb n="485" />
        Marsch  nach  Sachsen.  —  Hochlirch.  379

 

Schlacht  bei  gorndorf  am  25.  eid
Gleichzeitige  Radierung  eines  iisric  sns  aus  dem  Berla#  n  Sn  8
Sr.  Koulal.  von  Preuhen,  ans  elner  i  4  die  Laen  reld  N  ns  u  machen.  Das  ußlsche
2  bey  Der  den  21.  Aug.  als  den  Tag  —*  *  de  It  Flb  lqksnlhdk  ovq  etle
D.  **srsb5s  s  deß  Ruf  2n  issee  Sere  ur  Solt#ko  II  I  knlsqkn  Kavaliele  Comando
des  Gencrals  von  wenh  les  die  Flucht  Acrsster  ———  Shhr  1  m  7  6.  Jorndorff.  U.  Quarischen.

die  von  den  Aussen  während  der  Bataluuc  in  Brand  ongesteckoc  Dorser.

Friedrich  selbst  hatte  leider  an  eine  persönliche  —'—  und  —  des
russischen  Heeres  nicht  denken  dürfen.  .

Denn  unterdessen  war  Daun  in  die
Lausitz  eingedrungen  und  hoffte  dem
Prinzen  Heinrich,  der  bei  Gamig
seine  etwa  25000  Mann  in  einem
Lager  vereinigt  hatte,  in  den  Rücken
zu  fallen,  während  eine  neue  Reichsarmee
  ihn  von  der  Stirnseite  angreifen
sollte.  Gelang  dies,  so  war  Dresden
und  ganz  Sachsen  verloren.  In  Eilmärschen
  zog  Friedrich  heran,  legte
in  acht  Tagen  fast  dreißig  Meilen
urück.  Damit  war  Sachsen  gerettet,
und  Daun  beschränkte  sich  nun  darauf,
den  König  von  Niederschlesien  abzuhalten.
  Am  6.  Oktober  bezog  er  ein
unangreifbares  Lager  bei  Kittlitz,
während  der  König  durch  das  Versäumnis
  des  Generals  Retzow,  mit
dem  er  sich  vereinigen  wollte,  in  die
gefährdetste  Stellung  bei  Hochkirch
rücken  und  hier  sogar,  um  einen  vom
Feldmarschall  Keith  herangeführten  —  mälde  ohann  —5  e#sch  (1739—1812
Wagenzug  mit  Lebensmitteln  zu  er-  i  u  e  ih
        <pb n="486" />
        380  Hochkirch.  —  Dauns  Rückzug.

 

Die  ersten  russischen  Gesangenen  in  Berlin  *  der  Sö  bei  u  am  25.  Auaus  1758.
Radierung  von  Daniel  Nikolaus  Cbodowiecki  (1726—1801),  auf  etwa  %  verkleinert.
Rechts  am  Rande  des  Bildes  der  Künstler  mit  leiner  Fra

warten,  eine  Nacht  länger  stehen  zu  bleiben  genötigt  war,  als  er  beabsichtigte.  Allerdings
  hatte  Friedrich  auf  die  Unentschlossenheit  Dauns  wohl  gehofft,  aber  all  die
Erzählungen  von  dem  unbegreiflichen  Eigensinn  und  der  Halsstarrigkeit,  mit
welcher  er  den  weisen  Ratschlägen  seiner  klugen  Generale  gegenüber  in  einer  unhaltbaren
  Stellung  verharrt  habe,  sind  als  unsinnige  Verleumdungen  heute
nachgewiesen.  In  der  That  ermannte  sich  Daun,  den  König  in  der  Nacht  vom

#.  14.  zum  15.  Oktober  zu  überfallen,  und  mit  seinen  67000  Mann  gelang  es
ihm,  wie  bekannt,  trotz  Zietens  Wachsamkeit,  und  trotz  der  verwegenen,  fünfmal
wiederholten  und  mit  dem  eigenen  Leben  bezahlten  Angriffe  Keiths,  die  37000
Preußen  zu  besiegen.

Doch  wußte  Daun  nicht,  wie  er  den  Sieg  verwerten  sollte,  und  gab  ihm
nicht  die  geringste  Folge.  König  Friedrich  konnte  ungestört  durch  die  Niederlage
nach  Schlesien  rücken,  Neiße  entsetzen.  Aus  Schen  vor  einer  Schlacht  wich  Daun
dem  Könige  aus,  suchte  abermals  Dresden  zu  nehmen,  während  die  Reichsarmee
Leipzig  und  Torgau  besetzen  sollte.  Jenes  vereitelte  Fink  —  Prinz  Heinrich

hatte  die  Fortführung  des  Oberbefehls  verweigert  —  dieses  Graf  Dohna  und
General  von  Wedell,  und  als  der  König  —  denn  die  Belagerung  von  Dresden
wurde  bei  der  Nachricht  von  seiner  Annäherung  sofort  aufgehoben  —  nach

Sachsen  zurückmarschierte,  eilte  der  Sieger  Daun  über  die  Berge  nach  Böhmen
zurück.  So  endete  auch  der  dritte  Feldzug,  ohne  daß  irgendwie  die  Pläne
der  Verbündeten  erreicht  worden  wären.  König  Friedrich  behauptete  alle
seine  Länder.
        <pb n="487" />
        Zug  nach  Thüringen.  —  Bergen.  —  Minden.  —  Zug  nach  Franken.  381

Aber  nun  fehlten  ihm  doch  die  Mittel,  in  einem
kühnen  und  umfassenden  Angriff  den  Gegnern  zuvorzuommen.
  Die  Rekrutierungen  wurden  immer  schwieriger,
und  wenn  auch  das  Heer  noch  auf  120000  Mann  gebracht
  wurde,  so  fehlte  ihm  kdoch  bei  weitem  jene
eiserne  Zucht  und  soldatische  Fähigkeit,  welche  dem
Könige  in  den  ersten  Feldzügen  zu  gebote  gestanden.
Das  Beste  war  noch,  dem  Feinde  Magazine  zerstören
  und  überhaupt  alles  das  thun,  was  den  Beginn
der  Feindseligkeiten  möglichst  weit  hinausschob.  Wohl
blieb  Friedrich  in  Wahrheit  auf  die  Verteidigung  beschränkt,
  aber  stets  war  er  doch  darauf  bedacht,  möglichst
  offensiv  zu  handeln,  um  den  Feind  nicht  zu  ermutigen.
  Niemals  hätte  der  König  mutwillig  mehr  aufs
Spiel  gesetzt,  als  die  politische  und  militärische  Lage  verlangte.
  Aber  wenn  diese  es  forderte,  dann  war  er  immer
bereit,  selbst  das  Höchste  zu  wagen.  Vor  allem  blieb
er  bemüht,  das  DentenÖ0  moralisch  dem  Feinde  überlegen
  zu  sein,  in  seinen  Truppen  zu  erhalten.  Auch
die  jungen  Rekruten  sollten  zu  soldatischer  Tugend  wieder
erzogen  werden,  auch  sie  sollte  der  feste  Entschluß  erfüllen,
  der  den  König  unerschütterlich  beseelte,  zu  siegen
oder  zu  sterben.  Dann  mußte  sich  doch  noch  das  Geschi
  zwingen  lassen.  Allerdings  stritten  sich  Oesterreicher

  und  Franzosen  über  den  Kriegsplan,  indem  jene
je  ein  französisches  Heer  in  Sachsen  und  in  Schlesien
verwendet  wissen,  diese  aber  Hannover  wieder  erobern
wollten.  Ein  Zug,  den  Prinz  Heinrich  nach  Thüringen
zu  thun  nur  widerwillig  übernahm  und  nur  mit  halben
Kräften  ausführte,  hatte  auch  nur  die  halbe  Wirkung,
und  Herzog  Ferdinand  von  Brannschweig  erlitt
bei  Bergen  unweit  Frankfurt  am  13.  April  eine  Schlappe,
die  den  Franzofen  Frankfurt  überließ,  und  die  er  erst  am

1.  August  durch  seinen  Sieg  bei  Minden  wieder  ausgleichen
  kommte  Immerhin  hielt  er  die  Franzosen  fern,
und  ein  neuer  Zug,  den  Prinz  Heinrich  endlich  auf
vielfaches  Drängen  des  Königs  nach  Franken  unternahm,
führte  zwar  nicht  die  Vernichtung  der  Reichsarmee

Aus  der  Zeit  des  7  fährigen  Adeeges.  stammen  die  sogenannten  Bivatbünder;
sie  —  ee:  lange  Seidenbänder  von  beffchteenen  Farben,  welche  mit

 

Nortraus  t-  Dar  ülunen  und  i  en  bedrudt  un  ai  parritshen
1d  van  müllensesten.  äzwüih  le  heute  etwa  i  genun
und  Frauen  du  Achsel,  als  Gürtel,  oeen  —  u#en  ä
u  ie  getragen  w  17  Namen  haben  die  Bänder  von  dem  auf
vielen  doen  4  ost  wiederholten  Worte  „vivat.  Bo#  diesen  interessonten
Erinnerungszeichen  sind  ung  nur  noch  sehr  wenige  erhalten  geblieben  (etwa
27  .  ,  welches  w  en,  wurde  anlaͤßll

as  srũ  lälich  d
cgeden  treten  die  Bänder  nur  sehr  vereinzelt  auf.  —  Das  nebenstehende,
d#  auf  t  Bivatband  sind  nach  den  Orialnalen
des  Regierungalegor#,  G.  G.  Winkel  in  Magdeburg,  des  et  Lesters  der  #rgien
Sammlung  von  Bivatbändern,  reproduziert.

 

 

 

 

##
Srvatband  auf  6  Schlacht  bel
—  —
        <pb n="488" />
        382  Anrücken  der  Russen.  —  Kay.  —  Kunersdorf.

zit  *8  sie  indessen  für  mehrere  Wochen  von  dem  östlichen  Kriegssch
  haublar  atz
Um  her  esen  mußte  die  Vereinigung  der  Oesterreicher  und  Russen
werden,  die  immer  näher  zu  rücken  schien,  da  Graf  Dohna  auch  nach  einer  geringen
  Verstärkung  nicht  im  stande  war,  ihnen  den  Weg  nach  Schlesien  zu  verlegen.
Und  Friedrich  mußte  bei  Landeshut  wie  auf  der  Lauer  liegen,  abwarten,  ob
es  dem  ihm  um  mehr  als  die  doppelte  Truppenzahl  überlegenen  Daun  —  dem
inzwischen  der  Papst  für  den
——u#  Sieg  bei  Hochtirch  einen  geweihten
  Hut  und  Degen  gesendet
  hatte  —  nicht  gefallen
würde,  ihn  anzugreifen,  oder
ob  er  wirklich  dazu  die  Ankunft
  der  60  000  Russen  abwarten
  würde,  die  jetzt  Saltykow
  befehligte.  In  der  That
waren  diese  schon  bis  Züllichau
gekommen,  und  Friedrich,  selbst
mit  Dauns  im  Juli  endli
zögernd  unternommenen  Bewegungen
  beschäftigt,  sendete
ihnen  den  General  von  Wedell
mit  unumschränkter  Vollmacht
als  Diktator  entgegen.  Da
erlitt  dieser  am  23.  Juli  in
der  Nähe  von  Züllichau  bei
Kay  eine  schwere  Niederlage,
die  er  zwar  nach  Friedrichs
eigenem  Urteil  in  keiner  Weise
verschuldet  hatte,  die  nun  aber
doch  endlich  Daun  bestimmte,
die  Generale  Laudon  und  Hadik
mit  35.000  Mann  den  Russen
Generalfeldmarschall  Herzog  Ferdinand  von  Braunschweig.  entgegenzusenden.  Auf  dem

Nach  dem  Gemälde  von  Johann  Veorg  Zlesenis  (1716—1777)  gestochen  rechten  Ufer  der  Oder  vervon
  flemens  Kohl  (I/64—1607).  Auf  eiwa  /,  verlleinert.  einigten  sich  die  Oesterreicher

und  Russen,  trotzdem  der
König  durch  Gewaltmärsche  es  zu  verhindern  gesucht  hatte.

1760  Gleichwohl  mußte  er  sich  zur  Schlacht  entschließen,  um  sich  so  bald
nur  irgend  möglich  wieder  gegen  Daun  wenden  zu  können.  Das  war  ja  sein
Los,  seine  Heereskräfte  durch  rasche  Bewegungen  und  kühne  Schläge  bald  auf
diesen,  bald  auf  jenen  Gegner  gleichsam  zu  verdoppeln  und  so  die  zahlenmäßige
Ueberlegenheit  seiner  Gegner,  soweit  dies  thunlich,  auszugleichen.  So  mußte  er

12  aus.  hier  mit  übermüdeten  und  ausgehungerten  Truppen  den  Angriff  auf  die  bei
unersdorf  vereinigten  Russen  und  Oesterreicher  unternehmen  auf  einem
äußerst  ungünstigen  Terrain.  Wohl  wurde  das  russische  Fußvolk  bis  zur  Auflösung
  zurückgetrieben,  aber  an  den  mehrfachen  Terrainabschnitten  konnte  es  sich
        <pb n="489" />
        Dresden.  —  Friedrich  in  Schlesien.  383

 

Abzug  der  Preußen  aus  Dresden  am  8.  September  1759.
Gleichzeitige  Radierung  eines  unbekannten  Künstlers,  auf  elwa  3¾  verkleinert.

wieder  setzen,  und  im  Moment  der  größten  Ermattung  der  preußischen  Krieger
konnte  Laudon  seine  Reiterei  gegen  sie  losjagen  lassen.  Was  auch  Friedrich,
immer  in  der  höchsten  Gefahr  für  seine  Person,  versuchte,  die  Schlacht  war  nicht
nur  verloren,  sondern  das  ganze  preußische  Heer  in  voller  Auflösung.  Ungeheuer
war  der  Verlust  auf  beiden  Seiten,  und  neben  16  000  Feinden  lagen  über
18  000  Preußen  auf  der  Wahlstatt,  fast  die  gesamte  Artillerie  war  verloren.
Es  war  die  schwerste  Niederlage,  die  Friedrich  je  erlitten,  nun  mußten  die  Pläne
seiner  Gegner  Wahrheit  werden,  nun  mußte  der  Staat  zusammenbrechen.  Mit
vorahnendem  Geist  hatte  Friedrich  das  Unglück  gefühlt,  alle  Vorbereitungen  getroffen
  für  den  Fall,  daß  er  in  der  Schlacht  bliebe.  Nun  will  ihn  das  Unglück
  gwbse  und  er  denkt  8  daran,  selbst  Hand  an  sich  zu  legen.

un  s  ist  das  Große  —  in  dem  Augenblick  der  tiefsten  Niedergeschlagenheit
  sinnt  bein  Geist  schon  wieder  auf  Wege,  auf  denen  die  Rettung
möglich  sein  möchte,  und  eben  in  seiner  Spannkraft,  in  der  unerschütterlichen
Heldenkraft,  mit  welcher  er  sich  nicht  entmutigen  ließ,  in  der  Persönlichkeit  Friedrichs
  allein  beruhte  die  Rettung  des  Staates.  Schon  am  19.  hatte  er  bei
Fürstenwalde  wieder  30  000  Mann  zusammen,  zu  denen  er  noch  4—5000  Mann
gezogen,  die  General  von  Kleist  bisher  gegen  die  zeitweise  bis  in  die  Uckermark
vorgedrungenen  Schweden  geführt.  In  Schmotseifen,  später  bei  Sagan,  stand
Prinz  Heinrich  mit  35.000  frischen  Truppen,  die  Russen  waren  ermüdet,  zum
Teil  kampfunfähig  und  jedenfalls  kampfunlustig.  Die  zerstreuten  österreichischen
Truppen  unter  Daun  sollten  nur  die  Verbindung  zwischen  beiden  königlichen
Brüdern  hindern  und  in  Schlesien  Festungen  erobern.  Leider  ging  durch  eine
übereilte  K  tiü  jetzt  noch  Dresden  verloren,  Friedrich  aber  öffnete  sich
durch  den  Marsch  nach  Glogau  wieder  den  Zugang  zu  Schlesien  und  befahl  dem
Prinzen  Heinrich,  nach  der  Elbe  zu  marschieren,  damit  Dresden  wieder  genommen
        <pb n="490" />
        384  Friedrich  in  Sachsen.  —  Maxen.  —  Landeshut.  —  Glatz.

 

gu·  ener  entat

es
Den  24.  Jan  17359.

i  i

88  *  .
r*ixsis

DOun-  ss

 

 

 

 

Vivatband  auf  den  r  des

Saiss  Frichrch.  am  24.  Jan.  1759.

Na  2  em  s  ent  2/2  dericen.
—  Eo  uesden  Bloat--werden

  könne.  Anfangs  Oktober  konnte  sich  Prinz
Heinrich  mit  dem  General  Fink  in  der  Nähe  von
Meißen  vereinigen,  und  er  und  Daun  manörrierten
nun  kunstgerecht  vor  einander  hin  und  her.  Erst

als  der  König  selbst  in  Sachsen  erschien,  wurde  der

Versuch,  Daun  zum  Rückzuge  nach  Böhmen  zu
zwingen,  energisch  aufgenommen,  und  zu  diesem
Zweck  auch  Fink  mit  fast  15.000  Mann  in  den
Rücken  der  österreichischen  Armee  gesandt.  Leicht
aber  glückte  es  Daun,  diesen  inzwischen  schon  geschwächten
  Heeresteil  bei  Maxen  zu  umzingeln  und
völlig  gefangen  zu  nehmen.  Das  war  für  Friedrich
ein  neuer  furchtbarer  Schlag,  den  man  in  Wien  mit
Recht  als  ein  Wunder  pries.  Infolge  dessen  blieben
die  Oesterreicher  in  Sachsen,  aber  auch  der  König
nahn  hier  seine  Wiuteequtiere  und  ungebeugt  durch
den  neuen  Unfall  hielt  er  Daun  fest  in  einer  nichts
weniger  wie  behaglichen  Stellung.

Trübselig  genug  ließen  sich  die  Verhältnisse
auch  im  nächsten  Feldzuge  an.  Die  Truppenzahl
ließ  sich  nur  unter  den  schwierigsten  Verhältnissen
ergänzen,  ihre  Tüchtigkeit  wurde  trotz  aller  Bemühungen
  des  Königs  eine  geringere,  und  überall  war
namentlich  der  empfindlichste  Mangel  an  Offizieren
eingetreten.  Der  Geldmangel  wurde  immer  fühlbarer,
  die  Lebensmittel  immer  geringer.  Der  König
blieb  durch  Daun,  der  jedem  ernsten  Angriff  auszuweichen
  wußte,  in  Sachsen  beschäftigt,  Prinz  Heinrich,
der  Schlesien  ursprünglich  decken  Fe  mußte  den
Russen  entgegenziehen.  Durch  die  Grafschaft  Glatz
aber  zog  Laudon  gegen  Fouqué,  der  mit  1#  1000  Mann
bei  Landeshut  stand,  heran,  schlug  ihn  nach  der
heldenmütigsten  Verteidigung,  nahm  den  General,
den  drei  Säbelhiebe  getroffen,  gefangen.  Bald
darauf  siel  Glatz  in  die  Hände  der  Oesterreicher,
und  Breslau  entging  nur  durch  seinen  energischen
Kommandanten  Tanengien,  sowie  durch  den  herbeieilenden
  Prinzen  Heinrich,  demselben  Schicksal.  Der
König  hatte  inzwischen  fast  das  Unmögliche  geleistet,
um  durch  irgend  einen  Schlag  gegen  die  Hauptarmee
  oder  gegen  Dresden  sein  moralisches  Uebergewicht
  herzustellen,  jetzt  aber  mußte  er  eilends  nach
Schlesien  aufbrechen  und  zugleich  auch  durch  seinen
Abmarsch  Daun  zu  eben  solchem  bewegen.  In  der
That  geschah  dies,  aber  es  bescha  aach  baß  sich
Daun  mit  Laudon  vereinigte,  und  daß  ihm  auf
seine  Bitte  ein  russisches  Korps  unter  erhschen
        <pb n="491" />
        Liegnitz.  —  Torgau.  385

 

Belagerung  der  Festung  Glatz  durch  die  Oesterreicher  im  Juli  1760.
Gleichzeitige  Radierung  eines  unbekannten  —  646  —  r  von  Johann  Martin  Will  in  Augsburg,
k  etwa  ½  verf

entgegengesandt  wurde,  so  daß  Friedrich  die  Verbindung  mit  Breslau  verlor.
Bei  Liegnitz  bezog  er  ein  Lager  und  hier  hoffte  Laudon,  den  König  zu  überfallen,
  doch  eine  Husarenpatrouille  entdeckte  rechtzeitig  seinen  Anmarsch,  und  der
geplanten  Ueberraschung  gegenüber  bewährte  Friedrich  wieder  seine  ganze  Genialität.
In  drei  Stunden  war  Laudon  gründlich  besiegt,  reichlich  ein  Drittel  seiner  Krieger
hatte  den  Ueberfall  mit  dem  Leben  bezahlt,  und  Daun  hatte  nicht  einmal  eingreifen
  können.

och  selbst  dieser  Sieg  war  nur  ein  Teilsieg,  der  zwar  den  Mut  der
preußischen  Truppen  belebte,  aber  den  Feldzug  nicht  entschied.  Sehr  schmerzlich
war  es  namentlich,  daß  die  Russen  unter  Tottleben  gegen  Berlin  vorgingen  und,
nachdem  sie  zurückgewiesen  waren,  im  Verein  mit  Oesterreichern  unter  Locy
Berlin  zur  Kapitulation  nötigten.  Besonders  Lacys  Truppen  hausten  fürchterlich,
verwüsteten  auch  die  Schlösser  in  Charlottenburg  und  Schönhausen.  Und  der
König,  dem  Daun  beobachtend  und  wieder  ausweichend  folgte,  mußte  jetzt  zum
Schutze  Berlins  eilen.  Allerdings  räumten  die  Feinde  die  Hauptstadt  schon  auf
die  Nachricht  von  seinem  Anmarsch,  das  Wichtigste  blieb  aber  doch,  der  österreichischen
  Hauptarmee  unter  Daun  beizukommen,  um  einen  Umschwung  der  Verhältnisse
  noch  vor  Einbruch  des  Winters  zu  ermöglichen.  Endlich  gelang  es  am
3.  November,  Daun  zwischen  Torgau  und  den  Süptitzer  Höhen  festzuhalten.  In
weitem  Bogen  mußten  die  Truppen  des  Königs  Dauns  Stellung  umgehen,  um
gleichzeitig  mit  dem  General  von  Zieten,  der  von  vorn  angreifen  sollte,  Daun
in  den  Rücken  zu  fallen.  In  wahrhaft  großartiger  Weise  sollte  Daun  zwischen
zwei  Feuer  genommen  werden.  Ein  Irrtum  über  die  Stellung  des  Feindes,
sowie  der  weitere  Irrtum,  daß  Zieten  schon  im  Kampse  stehe,  bewirkte  dann,
daß  der  Angriff  nicht  gleichzeitig  begann.  Daun  ließ  all  seine  Truppen  kehrt
machen,  und  indem  nun  lediglich  der  Angriff  auf  die  Stirnseite  und  alliin  durch  3.  Nov.

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="492" />
        386  Torgau.  —  Bunzelwitz.  —  Kolberg.  —  Schweidnitz.  —  Strehlen.  —  Rußland.

den  König  ins  Werk  gesetzt  wurde,  fiel  diesem  eine  furchtbar  schwere  Arbeit  zu.
Schon  schickte  Daun  die  Siegesbotschaft  nach  Wien,  während  der  König  —  nur
sein  Pelz  und  ein  goldenes  Etui,  das  er  in  der  Brusttasche  trug,  hatte  ihn  vom
Tode  durch  die  feindliche  Gewehrtugel  gercttet  —  keineswegs  das  Feld  aufgegeben
hatte.  Da  endlich  erschien  Zieten  auf  den  Süptitzer  Höhen,  und  so  erschüttert
waren  schon  die  feindlichen  Bataillone  von  Friedrichs  Angriff,  daß  sie  diesen
neuen  Stoß  nicht  mehr  auszuhalten
  vermochten;  sie  wandten
sich  zur  Flucht,  und  den  Preußen
blieb  endlich  wieder  ein  voller
Sieg.

Bei  der  furchtbaren  Erschöpfung
  beider  Teile,  bei  dem
Friedensbegehren  Frankreichs,
das  in  Nordamerika  schwere
Einbußen  erlitten  hatte,  und
bei  der  Unzuverlässigkeit  der
Russen  konnte  es  im  folgenden
Jahre  zu  keiner  größeren  Entcheidung
  kommen,  Friedrichs
Lage  wurde  mithin  auch  nicht
günstiger.  Zwar  vereinigten
sich  die  Oesterreicher  und  Russen
unter  Butturlin  zur  Wiedereroberung
  Schlesiens,  aber  die
Uneinigkeit  der  Feldherren  ließ
1es  zu  keinem  entscheidenden
Angriff  auf  Friedrichs  Lager
bei  Bunzelwitz  kommen.  Dagegen
  eroberten  die  Russen
»  Kolberg,  das  Oberst  von  Heyde

General  Hans  in  von  Zieten.  iud  Erttcltes  in  vergangguen

Nach  dem  Gemälde  Si  aue  u22—  #/82  S  Jahre  erfolgreich  verteidigt
gestochen  von  Daniel  Berger  (1744—1824).  Auf  eha  ½  verkltinert.  hatten  und  Laudon  nahm  wieder
Schweidnit.  Im  Lager  von

Strehlen  hoffte  man  sogar,  durch  einen  Verräter  den  König  selbst  aufheben  zu
können.  Nur  wenig  Fei  und  der  Schurkenstreich  wäre  gelungen.  Entsehlicher
war  noch,  daß  nach  dem  Tode  Georgs  II.  von  England  auch  Pitt  gestürzt  wurde,
und  nnn  die  englischen  Subsidien  aufhörten,  ja  der  neue  Minister  Bute,  der  nur
Englands  Interesse  im  Auge  hatte,  seine  Abneigung  gegen  Preußen  unverhohlen  zeigte.
1762  Mit  großer  Sorge,  aber  doch  voll  Zuversicht  auf  ein  endliches  Gelingen,
sah  Friedrich  dem  neuen  Feldzuge  entgegen,  denn  schließlich  mußte  der  Wille  der
Feinde  unter  der  Last  erlahmen,  welche  die  jahrelange  Erfolglosigkeit  aller  Anstrengungen
  ihnen  auferlegte.  Nun  traf  es  sich  sogar,  daß  mit  dem  Tode  der
Kaiserin  Elisabeth  die  russische  Politikt  sich  völlig  umänderte,  und  der  für  Friedrich
  begeisterte  Kaiser  Peter  III.  im  Januar  Frieden  und  Bündnis  mit  Preußen
schloß.  Es  war  freilich  nur  von  kurzer  Dauer,  da  Peter  alsbald  durch  seine
        <pb n="493" />
        Einzug  des  Rönigs  Friedrich  II.  in  Berlin  am  50.  März  1765,  nach  dem  BPubertusburger  Frieden.
Gleichzeitige  Radierung  von  Johann  Lorenz  Rugendas,  auf  die  Hälfte  verklelnert.
Die  untere  Bildnisreihe  steht  aus  dem  Original  in  gleicher  Höhe  wie  die  obere,  deren  Fortsetzung  nach  rechts  sie  bildet.
        <pb n="494" />
        388  Reichenbach.  —  Schweidnitz.  —  Freiburg.  —  Friede  von  Fonlainebleau.

Gemahlin  Katharina  des  Thrones  entsetzt  wurde.  Doch  hatte  auch  diese  keine
Neigung,  einen  Krieg  fortzusetzen,  der  ihrem  Interesse  widersprach.  Sie  wollte
ganz  von  ihm  befreit  sein  und  berief  ihr  Heer  von  Friedrichs  Seite  wieder
ab.  Wieder  war  Friedrich  der  Tawpenuge  nach  bei  weitem  der  Schwächere.
Doch  noch  ehe  General  Czernyschew  den  ihm  befohlenen  Abmarsch  ausführte,
griff  Friedrich,  während
die  Russen  zwar  unthätig,
  aber  doch  noch
innerhalb  der  preußischen
Schlachtlinie  standen,
Daun  bei  Burkersdorf
an,  besiegte  ihn.  Ebenso
schlug  er  ihn  am  16.
August  bei  Reichenbach
und  konnte  nun  auch
Schweidnitz  wieder  einnehmen.
  Endlich  entschloß
  sich  Prinz  Heinrich,
  dem  auch  in  diesem
Jahre  die  Verteidigung
Sachsens  zugefallen  war,
zu  einer  Schlacht  gegen
die  Reichstruppen  und
Oesterreicher,  die  ihm
unter  dem  Prinzen  von
Stolberg  bei  Freiburg
gegenüber  standen,  und
schlug  sie  leicht  und  glücklich
  am  29.  Oktober.
Ohne  Frage  war
nunmehr  das  Bedürfnis
nach  Frieden  ein  allgemeines,
  nicht  am  wenig-#
  sten  natürlich  bei  den
—n—insns  Staaten  des  Reiches,  die

 

w  guaes  Heurc  l.—  ——  .  ein  z  —
madeus  Philipp  Vanloc  von  Kleist  nach  Franken

.
ri-zse  t  “  Feleche  Lerro  Veiedeß  vollends  bereit  machte,

den  ihnen  von  Friedrich
gebotenen  Frieden  anzunehmen.  Wie  aber  der  Anfang  des  Jahres  den  Oesterreichern
  die  russischen  Verbündeten  entzogen,  so  entzog  ihnen  der  Schluß  des  Jahres
auch  die  französischen.  Mit  Erfolg  hatte  ihnen  inzwischen  der  Herzog  Ferdinand
von  Braunschweig  widerstanden.  Lord  Bute  aber  hatte,  in  rücksichtslosester  Treulosigkeit
  oder  doch  mindestens  engherzig  die  englischen  Interessen  auffassend,  den  Abfall  von
Preußen  vorbereitet.  Nun  am  3.  November  schlossen  England  und  Frankreich  einen
Präliminarfrieden  zu  Fontainebleau,  und  Oesterreich  und  Preußen  standen  allein
einander  gegenüber.  Das  war  selbst  für  Maria  Theresias  Haß,  für  Kaunitzens
        <pb n="495" />
        Hubertusburger  Friede.  389

Wider  willen  gegen  Preußen  zu  viel,  zumal  seitens  der  Türken  ein  Einfall  in
Oesterr  eich  wohl  zu  besorgen  war.  Endlich  nach  sieben  furchtbar  schweren  Jahren
waren  die  Gegner  gebeugt.  Am  27.  November  schlossen  sie  für  den  Winter
Waffenruhe,  in  geschicktester  Weise  wußte  Kaunitz  den  sächsischen  Hof  zur  Vermittelung
  zu  bewegen,  und  nach  mancherlei  Schachzügen  konnten  am  30.  Dezember  1762
auf  dem  Jagdschlosse  Hubertusburg  bei  Wurzen  die  Verhandlungen  eröffnet
werden,  zu  denen  Friedrich,  da  er  seinen  Minister  Grafen  Finckenstein  nicht  entbehren
  konnte,  den  Geheimen  Legationsrat  von  Hertzberg  bevollmächtigte.  Mehrere
Wochen  zogen  sie  sich  noch  hin,  endlich  am  15.  Februar  wurde  sowohl  zwischen
Preußen  und  Oesterreich,  wie  zwischen  Preußen  und  Sachsen  der  Friede  gezeichnet.

Der  ganze  Krieg,  in  frevelhafter  Weise  zur  Vernichtung  Preußens  heraufbeschworen,
  war  vergeblich  gewesen.  Friedrich  versprach  dem  Erzherzog  Joseph
seine  Stimme  zur  Kaiserwahl  und  blieb  im  Besitze  aller  seiner  Länder.  Die
Stellung  als  gleichberechtigte  Macht  im  Rate  Europas  war  behauptet,  aber  unter
welchen  Opfern,  welchen  Entbehrungen!  Ungestört  asdd  den  Krieg  schweiste  nun
der  Blick  des  Königs  mit  vollster  Schärfe  über  sein  Land,  wie  über  die  übrigen
Staaten,  und  er  sah,  daß  neue  Aufgaben,  neue  Arbeiten  und  neue  Schwierigkeiten
seiner  harrten.  Was  aber  war  natürlicher,  als  daß  seine  Feinde  nun,  da  sie  ihn
nicht  hatten  Lusshen,  an  seinem  Besitz  sich  nicht  hatten  bereichern  können,  versuchen
  würden,  auf  andere  Weise  an  Macht  und  Umfang  zu  gewinnen,  also  daß
sie  ihm  dennochüberlegen  sein  möchten,  ihn  dennoch  unterdrücken  könnten!

 

Bigneite  aus  „J.  G.  Tielke,  Beyträge  zur  Kriegs-Kunfl  und  Geschichte
des  Krieges  von  1756  bis  1  6h  Freiberg  1781,  radiert  von  Daniel  Nikolaus  Chodowieck
1726—1801).  Auf  verkleinert.

1763
15.  Feb.
        <pb n="496" />
        —d.d..s..G.G.[.  .[  J(J—VGJGJGJsssßsß  —.......KtK-m———

4

—

—.—————

.

 

Einzug  des  türkischen  Gesandten  Achmed  Effendi  in  Berlin  im  Jahre  1763
Nach  der  Radierung  von  Johann  David  Shenen  in  .  Le  aciion,  Floricuses  de  Fridi#wic  le  Crand-,  Varun  o.
Emach  1768),  eiwas  verkleinert.

Russische  und  österreichische  Pergrößerungspläne.

*

ie  umfassendsten  Pläne  Europas  gegen  den  preußischen  Staat,
welche  den  furchtbaren  Krieg  heraufbeschworen  hatten,  waren
völlig  mißglückt,  ja  ihr  gerades  Gegenteil  war  zu  unumstößlicher
  Wahrheit  geworden.  Arm  in  Arm,  so  waren  die  Staaten
zuus  &amp;amp;.  Schd,  Neryn  Europas  gegen  Friedrich  in  die  Schranken  getreten,  und  auch
rus.  I##-,  Lelpzig  1769.  der  einzige  ihm  gewissermaßen  verbündete  Herrscher,  der  König
lde  asste  veetteiner.  voll  Ellgland,  hatte  noch  während  des  Krieges  sich  ihnen  beigesellt.
  Mit  blutigen  Köpfen  waren  sie  heimgeschickt.  Friedrich

behielt  nicht  nur,  was  er  hatte,  sondern  er  hatte  Ungeheures  gewonnen.
Denn  mit  Ehrfurcht,  mit  staunender  Bewunderung  blickten  alle  Völker  hinauf  zu
**  winig  gearteten  Monarchen,  dem  nichts,  kein  Drängen,  kein  Dräuen,  kein
keine  Niederlage  den  ehernen  Mut  hatte  beugen  können,  den  ein
Lost  Pflichtgefühl  ihm  in  die  Brust  gepflanzt.  Wahrlich  nicht  aus  Ehrgeiz,
nicht  aus  Ruhmgier  noch  Eroberungssucht  hatte  er  diesen  Krieg  begonnen,  alle
Mittel  vielmehr  hatte  er  benutzt,  ihn  zu  vermeiden,  selbst  zu  Bitten  sich  herabgelassen.
  Im  Bewußtsein  der  ihm  obliegenden  Pflicht  gegen  den  Staat,  in  heiliger
        <pb n="497" />
        Der  Dualismus  zwischen  Preußen  und  Oesterreich.  391

Notwehr  hatte  er  den  bingeworsenen  Handschuh  aufgenommen,  die  Pflicht  hatte
ihm  die  Kraft  gegeben,  den  Kampf  auszuhalten  und  den  Staat  zu  retten.  Einsam
  wie  der  Fels  im  Meer,  so  hatte  er  gestanden,  und  wild  aufgepeitscht  waren  um
ihn  die  Wellen  in  heftiger  Brandung  zusammengeschlagen.  Aber  ohnmächtig  waren
sie,  statt  unter  ihm  den  Boden  zu  unterhöhlen,  an  ihm  abgeprallt.  Ja  der
Kampf,  der  ihn  vernichten  sollte,  hatte  seinen  Staat  unendlich  gehoben.  Mehr
ist  es  als  eine  landläufige  Redewendung,  wenn  gesagt  ist,  Preußen  war  mit  dem
Hubertusburger  Frieden  endgültig  in  die  Reihe  der  Großmächte  getreten.  Friedensschlüsse
  bezeichnen  ja  nicht  nur  das  Ende  eines  Zeitraumes,  sondern  zugleich  den
Anfang  eines  neuen.  Riesengroß  war  der  Staat  gewachsen;  einst  hatte  man  ihn
verachten  zu  dürfen,  über  ihn  verfügen  zu  können  geglaubt.  Nun  hatte  er  den
Mächten,  die  seine  Erhebung  nicht  hatten  ertragen  wollen,  seinen  Willen  aufgezwungen,
er  war  als  gleichberechtigte,  als  mitbestimmende  Macht  nicht  nur  unter  sie  getreten,
  er  hatte  sie  auch  genötigt,  als  solche  ihn  gelten  zu  lassen.  Das  ganze
Staatensystem  Europas  war  ein  anderes  geworden,  und  das  heilige  römische
Reich  zeigte  wenn  nicht  ein  ganz  anderes  Gesicht,  so  doch  unverkennbar  andere  Züge.
Freilich  der  Kaiserpurpur  war  in  der  Hofburg  zurückgeblieben,  aber  schon  war  er,  wie
die  bayerische  Kunstpause  *  hatte,  nicht  nur  zerschlissen,  sondern  wirklich  zerfetzt,
und  nie  haben  die  blind  und  farblos  gewordenen  Steine  des  kaiserlichen  Diadems
für  Friedrichs  Augen  einen  Reiz  gehabt.  Man  hat  wohl  gesagt,  die  schlesischen
Kriege  haben  den  Dualismus  in  Deutschland,  den  Gegensatz  zwischen  Oesterreich
und  Preußen  geschaffen,  zutreffender  aber  möchte  die  Behauptung  sein,  daß  sie  ihn
mr  dokumentiert,  ihn  äußerlich  klar  gelegt  haben.  Wenn  nun  einmal  eine  einheitliche
Reichsgewalt  zu  schaffen  unmöglich  gewesen  war  und  die  Kaiserkrone  bei  einer
Territorialmacht  ruhen  mußte,  die  aus  einem  bunten  Gemenge  fremder  Nationalitäten
ic,  zusammensetzte,  die  lediglich  zu  ihren  Gunsten  die  kaiserliche  Gewalt  mißbrauchte
und  die  kleineren,  die  kleinen  und  kleinsten  Stände  des  Reiches  durch  Prozesse  über
ein  armseliges  Mein  und  Dein,  durch  Einmischung  in  ihre  fast  durchgängig  jammervollen
  Finanzen,  durch  den  Unkenruf  der  angeblich  gefährdeten,  allein  seligmachenden
römischen  Kirche  oder  wodurch  sonst  knechtete,  tyrannisierte,  an  sich  fesselte  —  dann
war  für  die  deutschen  Fürsten  die  volle  Darlegung  des  österreichisch-preußischen  Gegensatzes
  ohne  Zweifel  von  großer  Bedeutung.  Jetzt  war  einer  ihrer  Mitstände  so
mächtig,  daß  sie,  wenn  ihnen  von  Wien  aus  Gewalt  angethan  werden  sollte,  eine
Zuflucht  hatten,  die  sie  ohne  Furcht  vor  dem  Grollen,  vor  dem  strafenden  Angesicht
des  höchsten  Richters  in  Wien  aufsuchen  konnten.  Nicht  lange,  und  die  Zeit  sollte
erscheinen,  wo  sie  mit  einem  herzlichen  Gott  sei  Dank!  es  begrüßten,  sich  unter  die
preußischen  Fahnen  rekten  zu  können.  Und  welch  ein  Segen  des  Dualismus,  d.  h.  der
Ebenbürtigkeit  Preußens  mit  Oesterreich  war  es,  daß  nun  auch  im  Rate  Europas
eine  rein  deutsche  Stimme  nicht  allein  gehört  werden  konnte,  sondern  auch  gehört
werden  mußte.  Die  Lüge,  als  sei  der  von  Oesterreich  in  diesem  Areopag  vertretene
Wille  —  weil  ja  der  Herrscher  dieses  vielgestaltigen  Ländergemischs  auch  Oberhaupt
des  Reiches  —  zugleich  der  Wille  der  deutschen  Fürsten,  war  nun  aufgedeckt.
Immerhin  aber  war  unter  den  großen  Mächten  —  Holland  war  durch  England
  inzwischen  verdrängt  —  Preußen  mit  seinen  vier  bis  fünf  Millionen  Einwohnern
  noch  bei  weitem  der  kleinste  Staat,  und  weniger  auf  dem  Umfang  als
auf  dem  persönlichen  Ansehen  des  Königs  beruhte  das  Gewicht  seiner  Stellung.
Denn  ohne  Zweifel,  nur  die  Person  des  Königs,  seine  Kraft,  seine  Arbeit,  seine
        <pb n="498" />
        392  Preußens  Stellung  zu  den  Mächten.

von  allen  Schicksalsschlägen  ungebeugte  Willenskraft,  sein  Mut,  seine  Erfindungsgabe,
  sein  Geitt  allein  hatten  den  Staat  gerettet,  und  folgerichtig  ruhte  daher  auf
seiner  Person  die  Achtung,  welche  der  Staat  genoß.  Dem  Könige  aber  am
wenigsten  entging  es,  daß  in  der  allein  durch  das  materiel1-  Interesse  zusammengehaltenen
  oder  zerrissenen  Völkergemeinschaft  das  sittliche  Uebergewicht,  das  seine
überragende  Persönlichkeit  in  die  Wagschule  warf,  ein  entscheidendes  doch  nicht
immer  sein  konnte.  Allzu  schroff  war  und  wird  immer  das  Wesen  des  Staates
Macht  und  wieder  Macht  sein,  und  von  seiner  Macht  das  geistige  wie  materielle,
das  sittliche  wie  das  sinnliche  Emporkommen  eines  Volkes  zum  großen  Teile  abhängen.
  Und  wieder  um  Macht  zu  haben,  um  Macht  zu  sein,  bedurfte  der  Staat
sowohl  einer  Wiederbelebung  seiner  inneren  Kräfte  und  Gestaltungen,  die  —  wir
kommen  darauf  zurück  —  teils  verzehrt,  teils  wenigstens  verkümmert  waren,  wie
auch  der  guten  Beziehungen  wenigstens  zu  einer  der  Großmächte.  Der  König
mußte  eilen,  von  den  Wunden,  die  der  Krieg  geschlagen,  eher  zu  genesen,  als  die
Feinde.  Er  mußte  aber  auch  in  dem  Interesse,  das  die  Großmächte  wenigstens
in  dem  Neid  und  der  Mißgunst  gegen  Preußen  gemeinsam  hatten,  denjenigen
Punkt  zu  finden  suchen,  in  welchem  er  einer  von  ihnen  nütNlich  sein  konnte.  Er
mußte  sehen,  ob  das  ufice  Interesse  die  Füörderung.  eines  fremden  Interesses
gestattete,  ob  er  sich  auf  solcher  Grundlage  mit  einer  der  Großmächte  verbinden
und  so  ihre  durch  die  wero  gegen  Preußen  gegründete  Interessengemeinschaft
  zersprengen  kön

Oesterreich  und  Frntreich  fielen  bei  solcher  Erwägung  nach  dem,  was  geschehen
  war,  ohne  weiteres  aus,  denn  blutige  Köpfe  erzielen  nur  selten  eine
Herzensgemeinschaft;  England  aber  hatte,  nachdem  ihm  Friedrichs  Kriege,  wie
treffend  gesagt  wurde,  Kanada  in  Deutschland  erobert  hatten,  mit  schnödem  Verrat
gedankt,  und  Bute,  der  Minister  Georgs  III.,  leitete  die  englische  Politik  auch  fernerhin
  ganz  in  den  auserfahrenen  Geleisen  der  Eifersucht  des  Velfenhaufes  und  der
Selbstsucht  des  englischen  Volkes.  Allein  Rußland  blieb  übrig  und  schien  um  so
eher  zu  gewinnen,  als  mit  der  zunehmenden  Schwäche  des  Türkenreiches  der  Kampf
gegen  den  Halbmond  nicht  mehr  in  dem  Grade  wie  früher  ein  Zusammenhalten
mit  Oesterreich  notwendig  machte.  Vielmehr  setzten  die  russischen  Begierden  auf
türkische  Länder,  die  Hoffnung,  am  Bosporus  und  am  Schwa  arzen  Meer  mit
gleicher  Willkür  wie  am  finnischen  Meerbusen  zu  gebieten,  gerade  eine  Schmälerung
  der  österreichischen  Gewalt  voraus.  Eben  dasselbe  verlangten  aber  auch  Rußlands
  Pläne.  auf  Polen.  In  der  bodenlosen  Zersplitterung,  in  dem  fanatischen
Religionseifer,  in  der  ungebundenen,  mit  zügelloser  Leidenschaft  gemißbrauchten
Verfassung,  in  der  nichtswürdigen  Knechtung  der  Unteren  durch  die  Oberen,  der
würdelosen  Kriecherei  der  Unteren  vor  den  Oberen  hatten  die  Polen  längst  so
schwer  an  sich  gesündigt,  daß  ihr  Urteil  reif  war.  Ob  schon  jetzt  Katharina  dem
Gedanken,  der  wenigstens  in  der  Luft  lag,  und  den  Panin  offen  aussprach,  näher
getreten  war  und  die  Verteilung  der  polnischen  Länder  beabsichtigte,  mag  dahingestellt
  bleiben.  Am  Tage  lag,  daß  sie  einen  möglichst  umfassenden  Einfluß  in
Warschau  zu  üben  wünschte.  Und  wieder  diesen  zu  mäßigen,  erforderte  das
Interesse  Preußens.  Nicht  anders  aber  war  dies  bei  der  Eigenartigkeit  des
Geistes  Katharinas  und  bei  den  Bocksprüngen,  der,  wie  sie  selbst  zwischen  Wollust
und  Schlauheit  hin  und  her  schwankenden,  Minister  als  durch  ein  Bündnis  zu
erre  ichen.  Und  soweit  Katharinas  Bestrebungen  darauf  ausgingen,  beim  Tode
        <pb n="499" />
        Preußisch-russisches  Bündnis.  393

König  Augusts  nicht  einen  Prinzen  aus  einem  regierenden  Hause,  sondern  einen
Piasten  zum  König  erheben  zu  sehen,  entsprachen  sie  dem  preußischen  Interesse,
dem  namentlich  die  Wahl  eines  sächsischen  Prinzen  durchaus  zuwider  war.  Unter
der  Bedingung  der  Befestigung  seiner  eigenen  Macht  und  der  Erhaltung  des
deutschen  Bezirks  in  Polen  konnte  Preußen  daher  Rußland  zunächst  seinen  Weg
gehen  lassen.  Rußland  andererseits,  ohnehin  müde,  wie  bisher  „am  Seile  Oesterreichs
  den  Hund  gespielt  zu  haben“,  konnte  nur  im  Verein  mit  diesem  Staate
auf  einen  Erfolg  seiner  polnischen  Absichten  rechnen,  denn  Oesterreich  war  gewiß
nicht  gewillt,  ihre  Verwirklichung  zuzulassen,  mußte  ihnen  vielmehr  aller  Erwartung
  nach  selbst  mit  Gewalt  entgegenwirken.

So  wurde  schon  1764  ein  preußisch-russischer  Bund  geschlossen,  der,  nachdem
Katharinas  einstiger  Liebhaber,  Stanislaus  Poniatowsky,  zum  König  gewählt,  aber
trotz  der  hinter  ihm  stehenden  russischen  Waffen  nicht  im  stande  gewesen  war,  die
polnischen  Zustände  irgendwie  zu  befestigen,  am  4.  Mai  1767  erneuert  wurde.  u7
Friedrich  verpflichtete  sich,  einen  Angriff  Oesterreichs  auf  die  russischen  Truppen
in  Polen  mit  einem  Kriege  gegen  Oesterreich  zu  erwidern,  Rußland  aber  versprach
ihm  seinen  vollen  Beistand.  Ein  doppeltes  Ziel  war  erreicht.  Dem  Einfluß
Katharinas  in  Warschau  war  eine  gewisse  Schranke  gezogen  und  einer  etwaigen
kriegerischen  Neigung  Oesterreichs  ein  Riegel  vorgeschoben,  ja  dieses  zu  einer  Annäherung
  an  Preußen  veranlaßt.  Denn  als  nun  in  Polen  der  Parteienstreit  der
Dissidenten  und  Konföderierten  zum  Bürgerkriege  ausschlug,  als  russische  Gewaltthätigkeiten
  auf  türkischem  Gebiet,  wohin  Truppen  der  Konföderierten  vor  den
Russen  geflohen  waren,  einen  furchtbaren  Kampf  zwischen  Rußland  und  der  Pforte
entzündet  hatten,  da  schien  ein  neuer  allgemeiner  Krieg  vor  der  Thür  zu  stehen.
Unter  solchen  Umständen  glaubte  doch  selbst  der  österreichische  Reichskanzler
Kaunitz,  Preußen  entgegenkommen  zu  sollen.  Er  glaubte  sogar  wirklich,  jetzt
im  Frieden  die  österreichischen  Mißerfolge  des  siebenjährigen  Krieges  auswetzen
  zu  können.  Er  meinte  in  der  That  dem  polnischen  Reich  die  Abtretung
hroßer  Gebiete  an  Preußen  zumuten  zu  dürfen,  wofür  dieses  dann  die  Gefälligkeit
haben  werde,  Schlesien  an  Oesterreich  zurückzugeben.  Zwei  Voraussetzungen  lagen
den  Plänen  Kaunitzens  zu  Grunde.  Die  eine,  daß  Preußen,  in  dessen  Interesse  die
Ausdehnung  der  russischen  Macht  nicht  liegen  könne,  bereit  sei,  das  Bündnis  mit
Rußland  zu  brechen,  die  zweite,  daß  eben  darum  Friedrich  jede  Erneuerung  der
guten  Beziehungen  mit  Oesterreich  willkommen  heißen  werde.  Nur  die  zweite  traf
zu.  Die  Wiederherstellung  des  Friedens  war  Friedrichs  Ziel,  aber  gewiß  nicht
unter  der  Bedingung  des  Bruches  seiner  Verpflichtungen  gegen  Rußland.  Diese
voll  zu  erfüllen,  war  vielmehr  durch  die  Versuche  Englands,  ihm  in  Petersburg
den  Rang  abzulaufen,  für  Friedrich  ein  Gebot  der  Notwendigkeit.  Die  eigene
Erschöpfung  Oesterreichs  aber,  sowie  die  Aussichtslosigkeit,  von  Frankreich  wirkliche
Hilfe  zu  erlangen,  machten  eine  friedliche  Lösung  auch  für  Oesterreich  notwendig.

Mit  dem  russisch-türkischen  Kriege  war  die  orientalische  Frage  aufgetaucht,
die  Frage,  ob  Rußland  oder  ob  Oesterreich  am  Bosporus  die  herrschende  Stellung
haben  werde.  Und  unter  der  Wucht  der  russischen  Siege,  in  der  Furcht  einer
Vereinigung  der  russischen  und  englischen  Segel  im  Schwarzen  Meere,  wie  in  der
Gewißheit,  von  Frankreich  nichts  hoffen  zu  dürfen,  sah  das  Haus  Habsburg  sich
wieder  einmal  allein  auf  Preußen  angewiesen.  So  kam  es  jetzt  zu  einer  perfönlichen
  Zusammenkunft  des  jungen,  im  Jahre  1765  gewählten  Kaiser  Joseph  mit
        <pb n="500" />
        394  Orientalische  Frage.  —  Oesterreichs  Annäherung  an  Preußen.  —  Polen.

#69  König  Friedrich  in  Neiße  und  zu  einer  Erwiderung  des  kaiserlichen  Besuches  durch
70  König  Friedrich  in  Mährisch-Neustadt,  wo  sich  auch  der  Kanzler  Graf
Kaunitz  eingefunden  hatte.  Es  gab  mancherlei  Besprechungen,  und  Friedrich
würdigte  den  ungestümen,  „von  Ehrgeiz  verzehrten"  kaiserlichen  Herrn  eingehender
Belehrungen,  deren  Summa  wohl  die  gewesen  sein  möchte,  welche  Friedrich  kurz
vorher  dem  österreichischen  Gesandten  General  Nugent  gegeben.  „Wir  sind  Deutsche,
was  geht  es  uns  an,  wenn  Engländer  und  Franzosen  sich  um  Kanada  schlagen,
oder  Russen  und  Polen  zugleich  mit  den
Türken  sich  herumbalgen?“  So  lebhaft  im
deutschen  Interesse  wünschte  Friedrich  wieder
ein  Zusammengehen  mit  Oesterrreich  zu  ermöglichen,
  und  das  Resultat,  eine  gemeinsame
  Vermittelung  bei  Rußland  zu  versuchen,
  entsprach  auch  etwa  der  Absicht  des
Königs.  Doch  es  begreift  sich,  daß  der
Entschluß,  Friedrich  entgegenzukommen  und
preußische  Interessen  zu  berücksichtigen,  in
Wien  nur  mit  schwerem  Herzen  gefaßt  war,
und  der  junge  Kaiser  glaubte  gewiß,  sehr
weise  den  König  zu  beurteilen,  wenn  er
ihn  zwar  ein  Genie  nennt  —  er  hätte  sich
blamiert,  wenn  er  das  nicht  vorausgeschickt
—  aber  hinzusetzt,  „aus  allem,  was  er,
wie  wunderbar  immer,  gesagt,  habe  er  doch
den  Schelm  herausgefühlt".  Natürlich,
wenn  Oesterreich  nach  seinem  Interesse
handelte,  so  war  das  recht  und  gut,  wagte
aber  Preußen  von  deutschen  oder  gar  von
preußischen  chüf  zu  sprechen,  so  be-Fuenn
  „legte  man  seinen  König  mit  einem  Schimpf-3oee
  ula  Matnh  Ee  Srr  «  wort  und  erntete  kasi  s0  den  Ruhm

n  des  geistreichen  Mann
Friedrich  dürfte  Seen  die  Erfolglosigkeit
  der  Vermittelung  bei  Katharina  vorausgesehen  haben.  Mit  vollen
Segeln  daherfahrend  gegen  die  entuervte  Macht  des  Halbmondes,  wie  hätte
sie  der  Wünsche  die  Nachbarn  achten  sollen!  Hatte  Oesterreich  doch  dank  des
von  ihm  selbst  so  leichtfertig  angezettelten  und  so  mühselig  beendeten  Krieges
in  Wahrheit  nicht  mehr  die  Kraft,  das  Schwert  zu  ziehen!  Diese  Ohnmacht
Oesterreichs  beim  Auftauchen  der  orientalischen  Frage  war  vielleicht  die  schlimmste
Strafe  für  seine  Begierde,  den  preußischen  Staat  aufzuteilen;  nun  vermochte
es  nicht  mehr,  nach  eigenem  Ermessen  eine  Frage  von  so  tiefgehender  Bedeutung
  für  sein  eigenes  Dasein  zu  entscheiden.  Und  doch  die  Lebensader  hätte
man  sich  durchschnitten,  wenn  man  Rußland  nicht  wenigstens  in  den  Arm  ge-U6/9
  fallen  wäre.  So  besetzte  Oesterreich  das  Zipser  Komitat,  d.  h.  es  nahm  polnische
  Landesteile  einfach  in  Besitz  und  gab  damit  ein  ansteckendes  Beispiel.
Der  Gedanke,  mit  dem  man  bisher  wie  gespielt  hatte,  war  Wirklichkeit  geworden,
und  nichts  hat  nach  Friedrichs  Urteil  die  Teilung  Polens  mehr  beschleunigt  als
        <pb n="501" />
        Erste  Teilung  Polens.  895

diese  Maßregel.  Sie  war  das  Signal  zur  Beseitigung  dieses  dahinsterbenden  Staates,
der  ins  Rollen  gekommene  Stein,  der  alle  Hindernisse  überspringt  und  nicht  mehr  aufzuhalten
  ist.  Katharina  war  außer  sich;  mit  demselben  Rechte  könnten,  so  sagte  sie,
andere  Nachbaren  Polens  verjährte  Ansprüche  geltend  machen  —  und  wie  nun,  wenn
Rußland  solche  geltend  machte,  wenn  es  sich  mit  Ossterreich  verständigte,  und  beide,
die  orientalische  Frage  vorläufig  lösend,  über  Polen  das  Los  warfen?  Mußte
nicht  Preußens  Lage  schlimmer,  entsetzlicher  werden,  als  sie  selbst  in  dem  großen
Kriege  gewesen?  Durch  den  unerwarteten  Zuwachs  an  polnischem  Gebiet  machtvoller
  als  je,  wären  Rußland  und  Oesterreich  in  langer  Linie  an  die  preußische
Grenze  vorgeschoben,  hätten  Preußen  umklammert  und  bei  erster  Gelegenheit  über
den  Haufen  zu  rennen  versucht.

Begreiflicherweise  setzte  Friedrich  alles  daran,  einen  solchen  für  Preußen
unerträglichen  Zustand  zu  hintertreiben.  In  der  That  trug  das  verbindliche  und
sanftmütige  Entgegenkommen,  das  sich  Friedrich  immer  zur  Pflicht  gegen  die  Kaiserin
Katharina  gemacht,  jetzt  seine  Früchte,  und  die  Nachgiebigkeit,  die  er  den  russischen
Wünschen  in  den  letzten  Jahren  oft  mit  schwerem  Herzen  gezeigt,  empfing  ihren
Lohn.  Er  hatte  seinen  Bruder,  den  Prinzen  Heinrich,  angewiesen,  eine  Fahrt
nach  Stockholm  über  Petersburg  zu  machen.  Glänzend  empfing  ihn  Katharina,
und  ihr  Anerbieten,  Preußen  für  die  ihr  gezahlten  Subsidien  durch  Gebiete,  welche
Ostpreußen  mit  dem  Kern  der  Monarchie  verbanden,  zu  entschädigen,  zeigte,
welchen  Wert  sie  auf  das  Urteil  des  Hauptes  der  europäischen  Fürstengemeinschaft
legte.  Je  erfreulicher  dieser  Beweis  dafür,  daß  Oesterreich  ihn  in  Petersburg
nicht  überholt  hatte,  für  Friedrich  war,  umso  weniger  konnte  er  Neigung  haben,
sich  für  den  nun  doch  geplanten  Angriff  der  österreichisch-türkischen  Heere  gegen
Rußland  durch  die  von  Oesterreich  geforderte  Neutralität  binden  zu  lassen.  Für
diesen  Fall  erklärte  er  vielmehr,  den  Russen  helfen  zu  wollen,  und  besetzte  daher
nach  dem  Abzug  der  Russen  aus  dem  Posenschen  eben  diesen  Teil  des  unseligen
Königreiches.  Ein  Mordversuch  auf  den  polnischen  König  und  eine  Neuwahl
veranschaulichten  die  Vorherrschaft  Rußlands  und  die  Unfähigkeit  der  Polen,  sich
zu  erhalten,  noch  lebendiger,  und  Friedrich  glich  in  Wahrheit  dem  Manne,  dessen
Nachbar  sein  Haus  nicht  ausbessern  wollte,  obwohl  es  dem  Einsturz  drohte.  Entweder
  er  wurde  mit  ihm  verschüttet,  oder  er  mußte  mit  den  anderen  schließlich
mitmachen“.  Er  mußte  vor  allen  Dingen  die  unklaren  und  ungeregelten  Besitzverhältnisse
  in  Polen  zu  irgend  einem  Abschluß  bringen,  welcher  Rußland  wie
Oesterreich  befriedigte  und  die  Ruhe  zwischen  ihnen  erhielt.  Er  mußte  den  thatsächlichen
  Besitz  der  Mächte  vertragsmäßig  regeln,  und  aus  den  Willkürlichkeiten,
aus  deren  Schoß  nur  eine  Hydra  mit  ungezählten  Köpfen  entspringen  konnte,  in
die  Bahnen  des  völkerrechtlich  anerkannten  Besitzes  überleiten,  der  allein  den
Frieden  gewährte.  So  kam  es  im  Frühjahr  1772  zu  geheimen  Verabredungen,
am  5.  August  1772  zu  dem  offenen  Petersburger  Vertrage  zwischen  den  drei  ½72
Mächten,  der  von  dem  polnischen  Reiche  Littauen  mit  2500  Geviertmeilen  und
824  000  polnischen  Gulden  Einkommen  an  Rußland,  Galizien  mit  1500  Geviertmeilen
  und  2  700  000  Gulden  Einkommen  an  Oesterreich  und  Westpreußen  mit
etwa  650  Geviertmeilen  (auf  Oesterreichs  Verlangen  jedoch  ohne  Danzig,  ohne
Thorn)  und  512  000  Gulden  Einkommen  an  Preußen  gab.

Polen  war  verzweifelt,  aber  keine  der  Mächte  Europas  rührte  sein  Schicksal,
die  Geschichte  hatte  ihr  unerbittliches  Schicksal  über  die  Lüge,  die  es  einen  Staat
        <pb n="502" />
        396  Kaiser  Josephs  Eroberungspläne.

nannte,  gesprochen.  Rußland  und  Oesterreich  nahmen  einfach  unter  Bezugnahme
auf  ihre  Verabredungen  Besitz  von  dem  Lande,  Preußen  that  es  in  dem  Bewußtsein,
  ein  deutsches  Land  dem  Reiche  wiedergewonnen  zu  haben.  Friedrich  wußte
sehr  wohl,  daß  er  seine  Grenzfetzen  im  Osten  zusammengenäht,  seinen  Staat  abgerundet,
  daß  er  eine  große  Sache,  die  ihn  seit  Jahrzehnten  beschäftigt,  güückich
beendet  hatte.  Er  war  „Gott  sei  Dank  im  Zusammenhange  mit  Preußen“.

er  wußte  auch,  daß  er  uralte  deutsche  Länder,  die  nur  durch  siegreiche  ##uet
der  Polen  dem  Reiche  entfremdet  waren,  dem  deutschen  Wesen  zurückgewonnen  hatte.
Mit  voller  Klarheit  sprach  er  es  bei  der  Vesihergreifung  aus.  Was  einst  die
Markgrafen  von  Brandenburg  nicht  hatten  hindern  können,  war  nun  gesühnt,  was
der  Große  Kurfürst  begonnen  hatte,  war  fortgeführt,  beinahe  vollendet.  Die  alten
deutschen  Ordensländer  waren  wieder  deutsch,  und  indem  sie  zugleich  preußisch
wurden,  hatten  sie  die  Gewähr  für  die  vollen  Segnungen  dessen,  was  deutsche
Arbeit,  deutscher  Fleiß  und  deutsche  Pflichttreue  dem  Menschen  zu  geben  vermögen.
Europa  aber  war  vor  einem  allgemeinen  Kriege  bewahrt.

Unendlich  wichtig  für  die  augenblickliche  Lage  Preußens  war  es  ferner,  daß
die  Befürchtungen  Friedrichs,  Joseph  könne  sich  der  Zarin  nähern  und  in  innigem
Einverständnis  mit  Rußland  Preußen  verdrängen,  noch  nicht  Wirklichkeit  geworden
waren.  Noch  war  der  Gegensatz  Oesterreichs  und  Rußlands  hierfür  zu  stark.
Um  so  leidenschaftlicher  aber  tobte  eine  unersättliche  Eroberungsgier  im  Herzen

U#  des  Kaisers.  Schon  gab  er  von  ihr  ein  weiteres  Zeugnis,  als  er  der  von
Rußland  zum  Frieden  von  Kudschuck-Kainardsche  und  zur  Anerkennung  des
russischen  Einflusses  genötigten  Pforte  auch  die  Bukowina  nahm.  Aber  nicht
dort,  sondern  in  Deutschland  selbst  lagen  seine  Hauptwünsche.  Ein  altes  deusschen
Fürstenhaus  wollte  er  aus  Deutschland  hinauswerfen,  und  einen  deutschen  Volksstamm,
  der  seit  Jahrhunderten  mit  seinem  Fürstenhause  in  Treue  verwachsen
war,  dem  habsburgischen  Szepter  unterwerfen.  Bayern  zu  einer  österreichischen
Provinz  zu  machen,  die  Wittelsbacher  vom  deutschen  Boden  zu  verjagen,  das
schien  ihm  eine  Aufgabe,  würdig  des  habsburgischen  Blutes,  würdig  der  deutschen
Kaiserkrone,  die  er  trug.  Und  wenn  dem  Anwachsen  der  österreichischen  und
russischen  Macht  gegenüber  die  innere  Fäulnis  in  Frankreich,  wie  —  nach  dem
Abfall  Nordamerikas  —  auch  die  Ohnmacht  Englands  auf  dem  europäischen  Festlande
  täglich  sichtbarer  wurde,  so  hatten  Josephs  Absichten  die  volle  Aussicht  des
Gelingens,  und  das  Uebergewicht  des  russischen  und  österreichischen  Kaiserhofes
mußte  ein  unbedingtes  werden.  Beide  fuhren  fort,  ihre  revolutionäre  Politik
zu  treiben,  und  hätten  sie  durchgesetzt,  wenn  nicht  ein  Staat,  wenn  nicht  Friedrich
ihnen  entgegengetreten  wäre.  Und  welche  weitgreifenden,  welche  umfassenden
Pläne  hatte  Joseph  schon  für  das  Reich  gefaßt,  wie  viel  Aenderungen  glaubte
er  zunächst  hier  —  denn  in  Oesterreich  war  er  nur  Mitregent  seiner  Mutter  —
ausführen  zu  sollen!  Aber  wie  er  „wohl  Neigung  hatte,  zu  lernen,  doch  keine
Geduld,  sich  zu  unterrichten",  so  waren  auch  seine  Pläne  für  das  Reich  im
hünstigsten  Falle  unausführbar.  Neuen  Most  wollte  er  in  den  alten  Schlauch

gießen  und  sah  nicht,  daß  dieser,  zerfressen  überall,  von  der  frischen,  gährenden
Füfigret  schließlich  nur  gesprengt  werden  mußte.  Wie  unbequem  war  es,  daß
Friedrich  allen  Versuchen,  das  Reich  und  seine  Glieder  zu  unterwerfen,  sich  widersetzte,
  daß  er  sich  der  Rechte  und  des  Besitzstandes  der  gefährdeten  deutschen  Fürsten
kräftig  annahm!  Wie  hoffte  Joseph  auf  den  Tod  dieses  Störenfriedes  seiner
        <pb n="503" />
        Kaiser  Josephs  Eroberungspläne.  397

ehrgeizigen  Pläne,  als  er  im  Jahre  1775  erkrankte!  Auch  Schlesien  mußte
ja  dann  sofort  an  Oesterreich  zurückfallen!  Doch  die  Vorsehung  verlängerte  das
Leben  des  Königs,  und  Joseph  mußte  auf  eine  andere  Gelegenheit  warten.

Nun  aber  fügte  es  sich,  daß  der  Kurfürst  Max  Joseph  von  Bayern  gerade
zu  einer  Zeit  (Ende  1777)  starb,  wo  die  nordamerikanische  Union  begründet,
Friedrich  sie  auerkannt,  ihre  Gesandten  empfangen  hatte,  und  sowohl  der  Seekrieg
gegen  England  wie  der  aufs  neue  auflohende  Kampf  zwischen  der  Pforte  und
Rußland  die  europäische  Staatenwelt  vollauf  in  Atem  hielt.  Jeht  glaubte  Joseph
die  Zeit  zur  Ausführung  seines  alten  Strebens  gekommen,  und  günstig  genug  war
in  der  That  der  Augenblick,  um  mit  der  Erwerbung  Bayerns  zugleich  das  österreichische
  Uebergewicht  im  Süden  und  am  Rhein  sicher  zu  stellen.  Ohne  Rücksicht
  auf  das  Erbrecht  des  Pfalzgrafen  Karl  Theodor  von  Zweibrücken,  ohne
Rücksicht  auf  den  allgemeinen  Krieg,  den  er  entzünden  konnte,  besetzte  Joseph
Niederbayern,  und  die  deutschen  Fürsten  erzitterten.  Wer  war  seines  Besitzes
noch  sicher,  wenn  Oesterreich  kraft  des  Rechts  der  Gewalt  ein  deutsches  Fürstenhaus
  so  beiseite  schieben  konnte?  Und  wer  anders  hätte  helfen  können,  als
Friedrich,  den  die  Fürsten  allerdings  durch  den  gegen  ihn  geführten  Reichskrieg
nicht  gerade  sich  verbunden  hatten!  Auf  die  Gefahr  hin,  einem  neuen  siebenoder
  nach  dem  Ausdruck  des  Kanzlers  Kaunitz  einem  zwanzigjährigen  Vernichtungskriege
  entgegen  zu  gehen,  sprang  Friedrich  in  die  Bresche.  „Der  Ehrgeiz  des
Kaisers  muß  sicherlich",  schrieb  er,  „in  Schranken  gehalten  werden;  wenn  er
unter  den  gegenwärtigen  Umständen  seinen  Willen  durchsetzte,  so  würde  sein
Ehrgeiz,  darauf  kann  man  sich  verlassen,  so  ausschweifend  werden,  daß  es  keinen
Damm  mehr  gäbe,  ihn  zurückzuhalten.  Nicht  wegen  der  Uebel,  die  jetzt  entstehen
  könnten,  bin  ich  in  den  Krieg  gezogen,  sondern  um  denjenigen  zuvorzukommen,
  mit  welchen  die  Zukunft  bedroht  ist".  Das  allgemeine  Erbeben,  das
nicht  lange  nachher  aufs  neue  durch  die  deutsche  Fürstengemeinschaft  über  Josephs
ausschweifende  Pläne  ging,  sollte  den  Scharfblick  Fichrichs  nur  zu  sehr  als  den
richtigen  darstellen.  Für  jetzt  zuckte  der  Kurfürst  Karl  Theodor  in  ängstlicher
Schen  zusammen  und  beeilte  sich,  in  einer  Verabredung  Josephs  Forderungen  zu.
entsprechen.  Ja  lediglich  dem  Sporn,  den  Friedrich  dem  Thronfolger  Karl
Theodors,  dem  Herzog  von  Zweibrücken,  eindrückte,  nur  den  wiederholten  Ermahnungen
  Friedrichs,  die  Würde  und  den  Ruhm  seines  Hauses,  die  Selbständigkeit
  seines  Landes  aufrecht  zu  halten,  war  es  zu  danken,  daß  nicht  auch
dieser  der  Verabredung  beitrat.  Noch  versuchte  Friedrich  den  Frieden  zu  retten,
und  in  Petersburg  wie  in  Paris  und  auch  in  Dresden  —  deun  Sachsen  hatte
Ansprüche  auf  den  überaus  reichen  Allodialnachlaß  des  vesterteren  Kurfürsten
—  mußten  seine  Gesandten  arbeiten,  um  das  gute  Recht  der  deutschen  Fürsten
gegen  österreichische  Habgier  zu  vertreten.  Ja  auch  diese  sen  suchte  Friedrich
zu  einer  einmütigen  Erhebung,  zu  einem  Fürstenbunde  zu  bewegen.  Doch  wieder
mußte  er  es  erfahren,  daß  alle  Mühe,  die  seine  Minister  Finckenstein  und  Hertzberg,
  wie  der  frühere  preußische  Gesandte  in  Wien,  Freiherr  von  Edelsheim,
aufwandten,  vergeblich  war.  Entrüstet  schrieb  er:  „Diese  Reichsfürsten  sind
lauter  Furcht  und  ohne  Thakkraft;  das  ist  eine  Schande  für  unser  Jahrhundert,
und  r  erröte  darüber  für  Deutschland“

o  schien  es  zur  Entscheidung  zarh  die  Waffen  kommen  zu  müssen.
Juli  rückten  die  preußischen  Truppen  ins  Feld,  und  die  sächsischen  machten
        <pb n="504" />
        398  Bayerischer  Erbsolgelrieg.

marschfertig.  Wohl  hat  man  gesagt,  Joseph  habe  mit  der  Besetzung  Bayerns
Friedrichs  Verfahren  vor  dem  ersten  schlesischen  Kriege  „kopiert".  Man  hätte
aber  auch  hinzufügen  müssen,  daß  dem  Verfahren  Friedrichs,  bei  aller  Kühnheit,
und  wie  aggressiv  es  sein  mochte,  ein  sittlich  wie  rechtlich  gut  begründeter  Anspruch
zu  Grunde  lag;  Josephs  Verfahren  aber  die  schnödeste  Verletzung  jedes  Erbrechtes,
  jedes  moralischen  Gefühls  war.  Mit  größerer  Berechtigung  wird  man
sagen  dürfen,  diesmal  habe  Friedrich  erreicht,  was  er  früher  vergeblich  versucht
  hatte.  Denn  nicht  sobald  hatte  er  die  Waffen  ergriffen,  als  seine  Verhandlungen
  auch  Erfolge  aufzuweisen  hatten.  Wie  stürmisch,  wie  ungestüm  der  Kaiser
zu  kriegerischer  Entscheidung  drängte,  so  entsprach  diese  keineswegs  den  Absichten
seiner  Mutter.  Allerdings  klagte  sie  schon  damals,  daß  der  Sohn  ihr  das  Heft
aus  den  Händen  winde,  aber  die  Nachrichten  aus  Paris  stimmten  die  Hoffnung
auf  französischen  Beistand  tiefer  und  tiefer  —  wie  auch  hätte  Frankreich  ein
solches  Uebergewicht  Oesterreichs,  wie  Joseph  es  plante,  in  Deutschland  dulden
mögen!  —  und  aus  Petersburg  lauteten  die  Meldungen  schlimmer  und  schlimmer.
Man  mußte  die  bewaffnete  Vermittelung  Katharinas  fürchten.  So  kam  es,  nachdem
  Joseph  den  Waffenstillstaud  zu  brechen  und  das  schlesische  Neustadt  niederzubrennen
  den  traurigen  Mut  gehabt,  in  Teschen  zu  Friedensverhandlungen,
u#  die  am  13.  Mai  zum  Abschluß  führten.  Danach  blieb  die  Selbständigkeit
Bayerns,  wenn  es  auch  das  Innviertel  an  Oesterreich  abtreten  mußte,  erhalten,
und  auch  Sachsen  ward  durch  Bayern  für  seine  Ansprüche  mit  einer  Geldsumme
entschädigt.  So  war  das  für  Preußen  wie  für  alle  deutschen  Stämme  gleichmäßig
bedrohliche  Uebergewicht  Oesterreichs  glücklich  abgelehnt,  das  Recht  und  der  Besitz
der  deutschen  Fürsten  war  gewahrt,  und  es  war  sogar  gelungen,  einem  guten
preußischen  Recht  die  bisher  vermiedene  Anerkennung  Oesterreichs  zu  gewinnen.
Wir  erzählten  früher,  wie  die  fränkischen  Stammlande  Ansbach  und  Bayrenth
vom  Kurfürsten  Joachim  Friedrich  1603  seinen  jüngern  Brüdern  abgetreten
wurden.  Nun  waren  deren  Häuser  dem  Erlöschen  nahe,  und  ihre  Länder  mußten
mithin  an  das  Stammhaus  zurückfallen.  Natürlich  war  den  Oesterreichern  die
Aussicht,  die  schwarz-weißen  Pfähle  im  Süden  des  Main  aufgerichtet  zu  sehen,
höchst  unwillkommen.  In  diesem  Frieden  aber  mußten  sie  dem  Könige  selbst
die  Brücken  über  den  Fluß  schlagen  und  das  preußische  Erbrecht  anerkennen.
Wohl  war  nun  Friede,  und  Friedrichs  Ansehen  stieg  von  Tag  zu  Tag;  nun
endlich  war  auch  der  Gegner  überzeugt,  daß  Friedrich  der  starke  Hort  des  deutschen
Reiches,  der  Schutz  und  Schirm  des  bedrängten  Rechtes  sei.  Aber  je  wuchtiger
Kaiser  Joseph  durch  die  Vereitelung  seiner  Absichten  getroffen  war,  um  so  kühner
schmiedete  er  an  neuen  Plänen,  doch  noch  die  österreichische  Herrschaft  auszudehnen
  und  das  Reich  zu  zerschlagen.  Einen  Damm  hatte  ihm  Friedrich  freilich
vorgebaut,  nun  dachte  Joseph,  den  Strom  so  anschwellen  zu  lassen,  daß  er  den
Damm  durchbrach.  Frankreich  hatte  ihm  nichts  genutzt,  Rußland  war  ihm  an
Friedrichs  Seite  entgegengetreten.  Was  konnte  ihm  angezeigter  erscheinen,  als
einen  vollen  Systemwechsel  vorzunehmen,  eng  sich  an  Rußland  anzulehnen  und
Friedrich  in  Petersburg  aus  dem  Sattel  zu  heben?  Und  in  der  That  besaß  er
ja  den  Balsam,  der  ihm  Katharinas  Herz  öffnen  mußte.  5  er  den  orientalischen
  Vergrößerungsplänen  Rußlands  freien  Lauf,  so  gab  ihm  Katharina  gut
und  gern  Deutschland  preis,  that  dies  um  so  lieber,  als  die  preußischen  Beziehungen
in  Konstantinopel  die  besten,  und  Friedrichs  Absichten  gegen  die  Pforte  die  wohl-
        <pb n="505" />
        Oesterreich-russische  Freundschaft.  399

 

Allegorie  auf  den  Frieden  zu  Teschen,  13.  Mai  1779.
Nach  dem  Basrelief  von  Alexander  Trippel  (1744—1793)  gez.  von  Johann  Konrad  Krüger  (1733—1791)  und
gestochen  von  Johann  Ludwig  Stahl  (geb.  1759,  starb  nach  1808).  Auf  elwa  ½  verkleinert.

wollendsten  waren.  Während  des  siebenjährigen  Krieges  hatte  der  König  wohl
auf  eine  Unterstützung  durch  die  Türken  gehofft,  nach  dem  Frieden  hatte  der
Sultan  eine  feierliche  Gesandtschaft  nach  Berlin  geschickt,  und  auch  jeht
wünschte  er  mit  Preußen  und  zugleich  mit  Rußland  in  ein  Bündnis  zu  treten.
Aber  gerade  daß  Friedrich  ein  solches  in  Petersburg  empfahl,  verstimmte  die
Kaiserin  gegen  ihn  und  führte  sie  Oesterreich  näher.  Nun  entschloß  sich  Joseph
sogar,  die  Kaiserin  Katharina  zu  besuchen,  und  die  schmeichelhafte  Art,  mit
welcher  er  ihr  in  Mohilew,  wie  in  Smolensk  und  Petersburg  begegnete,
gewann  ihm  die  Neigung  der  Kaiserin,  und  die  freigebigen  Spenden  aus  seiner
Börse  eroberten  ihm  die  Herzen  ihrer  Großen.  Noch  hoffte  Friedrich,  daß
Rußland  nicht  über  einen  allgemeinen  Freundschaftsbund  mit  Oesterreich  hinausgehen
  werde,  aber  er  mußte  es  erleben,  daß  Katharina  planvoller  als  er  vielleicht
gedacht,  das  Steuer  ihres  Reiches  zu  führen  wußte.  Er  mußte  es  aber  auch
erleben,  daß  Joseph  ganz  gegen  seine  Erwartung  das  österreichische  Interesse  im
Orient  der  russischen  Habgier  wirklich  opferte.  Joseph  ließ  nicht  nur  die  Besitznahme
  der  Krim  und  anderer  Länder  durch  Rußland  geschehen,  sondern  er
begünstigte  sie.  Da  trat  der  Tod  Maria  Theresias  ein  (November  1780),  und  1780
er  war  dem  Kaiser  wie  die  Lösung  der  Anker.  Von  diesem  Augenblick  an  hatte
sein  Schiff  die  Freiheit  zu  segeln,  wohin  er  es  zu  lenken  gedachte.  Deun  Preußen
hatte  er  insofern  jetzt  weniger  zu  fürchten,  als  mit  seiner  Annäherung  an  Rußland
  die  russische  Förderung  der  preußischen  Wünsche  nicht  nur  mehr  und  mehr
hinfällig  wurde,  sondern,  nachdem  Rußland  durch  den  Vertrag  von  Ainali-Kawak
seine  Absicht  erreicht,  eine  direkte  Unterstützung  der  kaiserlichen  Pläne  von  Petersburg
  aus  wohl  zu  gewärtigen  war.  Und  weder  von  Frankreich  noch  von  England
hatte  Preußen,  obwohl  es  sich  jenem  näherte  und  dieses,  nachdem  Fox  Minister
geworden,  Anknüpfung  suchte,  Unterstützung  zu  erwarten.  Denn  auch  England
hatte  Joseph  durch  den  Versuch,  die  Sperrung  der  Schelde  für  den  österreichischen
Handel  aufzuheben,  zwar  stark  beleidigt,  aber  bei  dem  Fortbestehen  des  englischfranzösischen
  Krieges  war  an  ein  bewaffnetes  Einschreiten  Englands  nicht  zu  denken.
Schon  hatte  er  im  Reich  mit  einer  großen  Kammergerichts-  Visitation,  sogar
mit  der  völligen  Aufhebung  des  Reichstages,  wozu  er  eine  höchst  untergeordnete
        <pb n="506" />
        400  Ursachen  des  Fürstenbundes.

Frage  benutzie,  Reformen  versucht.  Aber  diese  beruhten  keineswegs  auf  nationaler,
sondern  lediglich  auf  österreichischer  Unterlage.  Sie  hatten  die  Beseitigung  Preußens
zur  Voraussetzung  und  nicht  das  Wohl  des  Reiches,  sondern  die  Unterjochung  der
deutschen  Fürsten  zum  Zweck.  Als  aber  Joseph  nun  auch  den  Hauptstützen  der
kaiserlichen  Politik,  den  geistlichen  Fürsten,  entgegentrat,  als  er  von  Passau  und
Salzburg  gewaltsam  Stücke  Landes  zur  Abrundung  seiner  Herrschaft  nahm,  als
er  den  Versuch  machte,  die  kirchlichen  Diözesen  nach  der  politischen  Lage  der
Länder  abzugrenzen  und  so  den  Besitz  einer  großen  Anzahl  der  geistlichen  Fürsten
gefährdete,  da  bäumten  auch  diese  sich  hoch  auf,  und  ein  Schrei  der  Entrüstung,
der  Angst  ging  durch  das  ganze  Reich  über  diesen  Kaiser,  der  nichts,  kein  Recht,
keinen  Besitz,  kein  durch  die  Jahrhunderte  geheiligtes  Herkommen  achtete.  Seinen
jüngsten  Bruder,  den  Erzherzog  Maximilian,  zwang  er,  die  Tonsur  zu  nehmen,
verschaffte  ihm  trotz  allen  Widerstrebens  die  Koadjutoreien  von  Köln  und  Münster,
suchte  ihm,  wie  es  wenigstens  schien,  auch  den  Bischofstab  von  Paderborn  und
den  von  Hildesheim  in  die  sich  sträubende  Hand  zu  drücken.  Wer  sollte  nicht
sehen,  daß  Joseph  auf  diese  Weise  auch  Norddeutschland  in  seine  Kreise  zog  und
es  mit  österreichischer  Macht  zu  umklammern  suchte!  Die  Aufregung  wuchs  höher
und  höher.  Endlich  sollten  Josephs  alte  Pläne  doch  noch  verwirklicht,  und  nicht
nur  Bayern,  sondern  auch  Württemberg  österreichisch  werden.  Karl  Theodor  sollte
für  den  Verlust  von  Bayern  nach  dem  alten  Gedanken  Josephs  mit  den  österreichischen
  Niederlanden  und  dem  Titel  eines  Königs  von  Burgund,  der  Herzog
von  Württemberg  mit  dem  Herzogtum  Modena  entschädigt  werden,  und  weder  in
München  noch  in  Stuttgart  wagte  man,  ein  entschiedenes  Nein  dem  Kaiser  entgegen
  zu  rufen.

Wir  wissen,  mehrfach  hatte  der  König  den  Gedanken  eines  Bundes  der
deutschen  Fürsten  gegen  Oesterreich  angeregt,  doch  stets  hatte  man  sich  entschuldigt
und  es  dahin  gebracht,  daß  Friedrich  keine  Hoffnungen  mehr  auf  den  Gedanken
setzte.  Selbst  die  mit  Sachsen  und  Hannover  nun  wieder  begonnenen  Beratungen
hatten  nicht  zum  Ziele  geführt.  Jetzt  aber  lag  die  Revolution,  die  Joseph  wollte,
so  sonnenklar  vor  aller  Augen,  daß  einige  der  Fürsten  auf  den  friderizianischen
Gedanken  selbst  zurückkamen.  Baden,  Anhalt-Dessau  und  Sachsen-Weimar  handelten
hin  und  her,  wechselten  mit  dem  Prinzen  von  Preußen  Briefe  um  Briefe,
der  österreichischen  Tyrannei  und  dem  kaiserlichen  Despotismus  gemeinsam  entgegen
  zu  treten.  Und  Friedrich,  obgleich  er  bisher  so  schlechte  Erfahrungen  mit
den  beutschen  Fürsten  gemacht,  nahm  seinerseits  den  Plau  schließlich  doch  wieder
auf,  und  „Feuer,  meine  Herren,  Feuer!“  so  tönte  es  schreckenerregend  aus  seinem
Kabinett  seinen  Ministern  entgegen,  als  er  die  Haltung  der  Höfe  von  München
und  Stuttgart  erfuhr.  Denn  die  inzwischen  aufs  neue  mit  den  Großmächten  geführten
  Verhandlungen  waren  völlig  gescheitert.  Keine  hatte  den  Mut  oder  die
Neigung  für  Deutschland  oder  für  Preußen  etwas  zu  thun.  Auch  nicht  „der
Schatten  einer  Allianz"“  war  zu  sehen.

Jetzt  kam  Fluß  in  die  Unterhandlungen  mit  den  deutschen  Fürsten,  und
Friedrich  baute  nunmehr  seine  ganze  Hoffnung  auf  das  Reich,  auf  den  Bund  der
deutschen  Fürsten.  Der  feierliche  Hilferuf  des  Herzogs  von  Zweibrücken,  den
Rußland  vergeblich  zur  Nachgiebigkeit  gegen  Josephs  Wünsche  zu  bestimmen  suchte,
gab  Friedrich  die  Gelegenheit  zum  Eingreifen.  Die  Befürchtungen  der  hohen
Geistlichkeit  vor  Josephs  zugreifender  Hand  befestigten  den  Gegensatz  der  deutschen
        <pb n="507" />
        Fürstenbund.  401

Fürsten  gegen  Oesterreich,  und  wenn  Friedrich  gemeint  hatte,  Zeit  sei  es,  einen
Bund,  ähnlich  dem  smalkaldishen  zu  schließen,  so  unterschied  sich  der  Fürstenbund,
den  er  am  23.  Juli  1785  zu  stande  brachte,  dadurch  doch  wesentlich  von  dem
schmalkaldischen,  daß  ihm  auch  geistliche  Fürsten,  selbst  die  Erzbischöfe  von  Mainz
und  Trier  beitraten.  Zu  tief  fühlte  man  im  Reich,  daß  Oesterreich  mit  seinem
geringen  Prozentsatz  deutscher  Unterthanen
nicht  das  deutsche,  sondern  lediglich  das
österreichische  Interesse  vertrat.  Wie  auch
Friedrich  versucht  und  gehofft  hatte,  mit
Oesterreich  zusammenzugehen  in  dem  Bewußtsein
  des  trotz  aller  Gegensätze  doch
gemeinsamen  Interesses  gegen  Osten  wie
gegen  Westen,  auch  er  hatte  dem  preußischen
Staat  wie  den  deutschen  Bedürfnissen  nur
durch  die  Abwehr  Oesterreichs  genügen
können.  Mit  thränenden  Augen  und  im
Bewußtsein  des  gleichen  Strebens  hatte  der
König  im  Jahre  1750,  als  er  die  Särge
seiner  Vorfahren  in  den  neuen  Dom  am
Lustgarten  überführen  ließ,  vor  der  sterblichen
  Hülle  seines  Ahnen,  des  Großen
Kurfürsten,  gestanden,  nun  mußte  auch  er
wie  jener  am  Ende  seines  Lebens  erkennen,
daß  Oesterreich  die  Versöhnung  nicht  wolle.
Aber  überall  erkannte  man,  daß  das  deutsche
Interesse  allein  in  Preußen  gewahrt  war,
und  selbst  die  Schweiz,  selbst  Sardinien

näherten  sich  dem  Bunde  der  deutschen  Ses  "*J—  44  eedbrsen:
Fürsten,  der  ein  Bollwerk  auch  nach  außen.  uus  —#s#
der  ein  Schutz  der  europäischen  Freiheit

werden  konnte.  Friedrich  hatte  die  Macht  Preußens  ungeheuer  gesteigert,  in  ihr
hatte  er  auch  dem  deutschen  Reich  ein  Rückgrat  gegeben,  daß  es  wieder  steif
und  aufrecht  stehen  konnte,  wenn  es  nur  wollte.  Nun  hatte  er  dem  seit
Jahrhunderten  gespaltenen  und  zerrissenen  Deutschland  auch  den  Weg  gezeigt,  wie
es  nicht  nur  Schutz  vor  Oesterreich  finden,  sondern  auch  wie  es  seine  Einheit
wiedergewinnen  könne.  Seine  lediglich  auf  die  Erhaltung  des  Friedens  und  des
rechtlichen  Bestandes  gerichtete  Politik  hatte  ihn  zum  Haupt  der  Fürsten  gemacht,
und  vor  den  Krallen  des  aus  der  Luft  herunter  schießenden  kaiserlichen  Aars  rettete
man  sich  unter  die  Fittige  des  preußischen.  Unzweifelhaft  war  dies  die  Folge
der  josephinischen  Eroberungsgier,  aber  das  Bewußtsein  der  Sicherheit,  das  Vertrauen,
  welches  die  Fürsten  in  Preußen  setzten,  hatte  ihnen  Friedrichs  rechtliche
Politik  gegeben.  Und  das  war  Friedrichs  schönes  Erbschaft:  das  Vertrauen  zu
Preußen  war  die  beginnende  Einheit  Deutschlands.  —

Unverkennbar  jedoch  kann  im  staatlichen  Leben  von  Vertrauen  nur  dann  die
Rede  sein,  wenn  neben  der  Rechtlichkeit  die  Macht  und  Kraft  vorhanden  ist,  dem
als  Recht  Erkannten  auch  Geltung  zu  verschaffen.  Jene  furchtbaren  sieben  Jahre
hatten  aber  die  Mittel  des  Staates  schier  bis  auf  die  Neige  verzehrt.  a  einem

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="508" />
        402  Gesetzgebung  und  Verwaltung.

eigentümlichen  Reiz  ist  daher  die  Frage  umwoben,  wie  Friedrich  gleichwohl  dies
außerordentliche  Ansehen  erhalten,  wie  es  ihm  gelungen,  die  Kräfte  seines
giarkes  so  zu  stählen,  so  hoch  sie  zu  spannen,  daß  er  der  Rufer  im  Streite
-ein  konnte.

 

Preußische  Militär-Kostüme.
Von  dem  Einzelbleit  eines  unbekannten  Künstlers  im  Hobenzollernmuseum  zu  Berlin.  Originalgröße.
S.  S.  332  u.  383.

Gesehgebung  und  Berwaltung  nach  dem  seebenjährigen
riege.

    
 

5  as  hat  die  Leiden,  welche  der  Krieg  über  das  Land  ge-*
  bracht,  bitterer  empfunden  als  der  König,  niemand  hat  kraft-*i*-
  r  voller,  man  darf  sagen  leidenschaftlicher  daran  gearbeitet,  sie

-

   

r  zu  überwinden,  als  der  König  selbst.  Ueber  all  seinem  Thun
liegt  die  Weihe  des  sittlichen  Ernstes,  der  Ehrfurcht  heischende
—  Ve-  En  gewissenhafter  Pflichterfüll  ung.  Wie  den  Anzt  be-1.K.

  trachtete  er  sich,  der  einem  von  Wunden  zerrissenen,  von
##/5/  verkleinert.  Blutverlust  erschöpften,  mit  dem  Tode  ringenden  Menschen
Heilkräuter,  Kräfte,  stärkende  Mittel,  Erholung  und  Balsam

geben  mußte.  Denn  in  der  That  zu  gewaltig  war  der  Aderlaß  gewesen,  den
Maria  Theresia  und  Kaunitz  dem  Staate  beizufügen  für  gut  befunden  hatten.
Eine  halbe  Million  Menschen,  das  will  sagen  fast  den  achten  Teil  seiner  Einwohner,
hatte  der  Krieg  verschlungen,  fürchterlich  waren  die  Verwüstungen,  die  Russen  wie
Oesterreicher  und  Sachsen  angerichtet  hatten.  Ueber  13  000  Häuser  rechnete
Friedrich,  die  verschwunden  waren,  ganze  Städte  waren  abgebrannt,  der  Baner
war  von  seiner  Scholle  vertrieben,  der  Adel  verarmt,  die  kleinen  Leute  ruiniert,
ein  Drittel  der  Bevölkerung  Berlins  lebte  von  Memunterstuhung.  und  das  Vieh
war  in  der  Neumark  wie  ausgestorben.  Die  Ordnungen  der  Polizei  und  Regierung
  waren  umgeworfen,  die  Finanzen  in  Unordnung.  Wer  hätte  noch  an
Handel  und  Wandel  denken  können,  wer  Reigung  gehabt,  das  Land  zu  bebauen!
Unter  den  Wunden  und  dem  Blutverlust,  den  man  erlitten,  war  man  nahe  daran,
        <pb n="509" />
        Staat  und  Volk.  40

den  Leiden  zu  erliegen,  und  was  der  Feind  im  Schlachtengetümmel  nicht  vermocht
hatte,  das  schien  die  Geißel  der  Verwüstung,  die  brennende  Vernichtungsfackel
seiner  losgelassenen  barbarischen  Horden  erreicht  zu  haben.  Wahrlich,  ein  anderer
wohl  hätte  die  Hände  sinken  lassen;  für  Friedrich  aber  war  die  Notwendigkeit,
von  vorn  wieder  anzufangen  und  die  zertretene  Pflanzung  seines  Vaters,  seiner
Vorfahren  wieder  aufzurichten,  nur  der  Sporn  zur  wunderbarsten  Thätigkeit.
Er  füllte  das  Skelett,  zu  dem  der  Staat  abgemagert,  wieder  aus,  er  führte  dem
vom  Blute  entleerten  Körper  wieder  neues  Leben  zu  und  setzte  es  in  frischen  Umlauf.

Man  galt  als  Großmacht,  man  mußte  es  aber  auch  sein.  Und  das  nicht
nur  um  des  Ehrgeizes  willen  an  sich,  sondern  weil  diese  Stellung  den  Unterthanen
  ganz  andere  Mittel  und  Wege  angab,  ihr  Leben  auszugestalten,  als  es
in  kleinen  und  beschränkteren  Verhältnissen  möglich  war,  weil  das  Zusammenarbeiten
  aller  Glieder  des  ganzen  Staates  das  Wohlsein  des  einzelnen  begründete.
Jedes  Herabsteigen  von  der  erreichten  Höhe  mußte  allmählich  zum  staatlichen  wie
wirtschaftlichen  Verfall  führen,  während  die  Behauptung  der  gewonnenen  Höhe
zur  Entdeckung  weiterer  Quellen  führen  mußte,  so  daß  das  wirtschaftliche  Leben
in  immer  breiterem  Strome  dahinfließen  konnte.  Doch  selbst  jetzt  noch  war  die
Bevölkerung  nicht  so  weit,  dies  zu  erkennen,  und  unsagbar  hatte  der  König  mit
der  Beschränktheit  zu  kämpfen,  die  über  den  gewohnten  Ideenkreis  nicht  hinausblicken
  wollte.  Der  philisterhafte  Sinn,  der  vom  Himmel  nicht  mehr  sehen
mochte,  als  sein  Fensterausguck  ihm  zeigte,  mußte  gebrochen,  ihm  die  Vorteile
der  Grund,  warum  Preußen  ein  Großstaat  sein  wollte,  klar  gemacht  werden.
Denn,  wie  Friedrich  in  einem  neuen  politischen  Testament  1768  für  seine  Nachkommen
  von  den  Preußen  schreibt,  „diese  Nation  ist  schwerfällig  und  faul.  Gegen
zwei  Fehler  muß  man  beständig  ankämpfen.  Die  Menschen  bewegen  sich,  wenn
man  sie  antreibt  und  halten  still,  wenn  man  einen  Augenblick  aufhört,  sie  zu
stoßen,  jedermann  erachtet  nur  die  Gebräuche  der  Väter  für  gut.  Man  liest
wenig;  man  hat  keine  Lust,  sich  zu  unterrichten,  wie  man  ekwas  anders  machen
kann,  so  daß  alle  Neuerungen  sie  erschrecken  und  von  mir,  der  ich  ihnen  immer
nur  gutes  gethan,  denken  sie,  daß  ich  ihnen  das  Messer  an  die  Kehle  setzen  will,
sobald  es  sich  darum  handelt,  eine  nützliche  Verbesserung  oder  irgend  eine  Aenderung
  einzuführen.  Ich  habe  mich  in  solchen  Fällen  auf  meine  redlichen  Absichten
  und  mein  gutes  Gewissen  verlassen,  sowie  auf  die  Kenntnisse,  die  ich  mir
verschafft  habe  und  bin  ruhig  meines  Weges  gegangen“.  Man  erkennt,  wie  der
König  das  Volk,  für  welches  der  Staat  da  ist,  noch  immer  erziehen,  gleichsam
erst  schaffen  mußte,  um  den  Segen,  den  der  Staat  ihm  gewährte,  zu  erkennen.

Zunächst  galt  es,  der  dringendsten  Not  des  Augenblickes  zu  genügen,  und
mit  baren  Zuschüssen,  mit  unentgeltlicher  Lieferung  von  Saatkorn,  mit  Schenkung
von  Pferden  zum  Ackerbau,  Darreichung  von  Baukosten,  mit  Steuererlassen,  ist  der
König  sofort  eingetreten.  Aus  dem  Heer  entließ  er  sogar  30  000  Inländer,  um  den
Acker  zu  bestellen.  Im  ganzen  verteilte  er,  wie  er  selbst  berechnet,  25  000  Wispel
Mehl,  Korn  und  Gerste,  17  000  Wispel  Hafer  und  35.000  Militärpferde.  Er
schenkte  der  Provinz  Schlesien  drei  Millionen,  der  Neumark  und  Pommern  je
1  400  000,  Brandenburg  700  000,  Cleve  100  000,  Ostpreußen  800  000  Thaler,
und  zur  Rückzahlung  der  für  die  Kriegskontributionen  ausgenommenen  Darlehen  und
zur  Unterstützung  gab  er  im  ganzen  zwanzig  Millionen  Thaler  hin.  Allerdings
mag  von  dieser  Summe  ein  Teil  erst  etwas  später  bezahlt  worden  sein,  den  bei

26°
        <pb n="510" />
        404  Erste  Hilse  nach  dem  Kriege.

weitem  größten  Teil  gab  der  König  sofort,  und  das  Staunen  über  die  Möglichkei#t
solch  großer  Ausgaben  wächst,  wenn  man  hört,  daß  auch  die  Münzverschlechterung,
die  er  sich  während  des  Krieges  hatte  gefallen  lassen  müssen,  aufgehoben,  daß  die
Kassenscheine,  welche  die  Beamten  an  Stelle  ihres  Gehaltes  erhalten  hatten,  eingelöst,
  und  daß  überhaupt  bis  zum  Juni  1765  alle  Schulden  abgezahlt  sein  mußten.
Aber  freilich,  so  unlieb  es  ihm  war,  Friedrich  prüfte  und  revidierte  alle  Rechnungen
selbst,  und  er  war  nach  seiner  Erklärung  nur  deshalb  der  einzige,  der  immer  bares
Geld  hatte,  weil  er  die  Klugheit  hatte,  stets  die  Einnahmen  eines  Jahres  im
voraus  einzuziehen.  So  hatte  die  Zentralkriegskasse  —  abgesehen  von  den  in  den
feindlichen  Ländern  erhobenen  Kontributionen  —  78  Millionen  Thaler  während
des  Krieges  zahlen  können,  und  doch  hatte  der  König  beim  Friedensschluß  noch
dreißig  Millionen  Thaler  zur  Verfügung.  Es  war  die  glänzendste  finanzielle
Leistung,  die  gedacht  werden  konnte,  und  wie  ein  Hohn  fast  klingt  es  auf  die  Pläne
der  Feinde  Preußens,  daß  sie  alle  aufs  tiefste  verschuldet  waren,  Preußen  aber
mit  einem  baren  Bestande  von  solcher  Höhe  abschloß.

Seine  ganze  Zeit  benutzte  Friedrich,  um  Einrichtungen  für  den  Staat  zu  treffen,
und  so  konnte  er  schon  am  24.  Februar,  wenige  Tage  nach  dem  Friedensschluß,  dem
Prinzen  Heinrich  mit  Zuversicht  schreiben,  „es  leidet  keinen  Zweifel  mehr,  daß  der
“*  Teil  der  Provinzen  noch  in  diesem  Jahre  wieder  hergestellt  sein  wird,  nächstes

fza  dürfen  keine  Spuren  von  dem  Kriege  mehr  übrig  sein.  Es  ist  meine
s  lieber  Bruder,  bei  dieser  Gelegenheit  mich  anzustreugen;  wenn  ich  dem
Staat  in  meinem  Leben  einen  Dienst  erweisen  kann,  so  ist  es  der,  ihm  aus  seiner
Zerrüttung  wieder  emporzuhelfen,  die  Mißbräuche  womöglich  abzustellen  und  Verbesserungen
  dort  anzubringen,  wo  es  notwendig  ist.  Dieses  Vorhaben  ist  unendlich
  groß  und  umfaßt  viele  Zweige;  schenkt  mir  aber  der  Himmel  noch  einige
Lebenstage,  dann  werde  ich  es  zu  Ende  führen.  Im  entgegengesetzten  Falle
lasse  ich  Spuren  meiner  Thätigkeit  zurück,  denen  alsdann  die  anderen  folgen
können,  wenn  sie  es  für  angemessen  erachten“.

Es  ist  dieselbe  Größe,  die  eben  darum  so  groß,  weil  sie  mit  so  rührender  Bescheidenheit
  auftritt,  wie  der  König  sie  in  seinem  Testament  von  1768  bekundet.
Die  Pflicht  eines  jeden  guten  Bürgers  nennt  er  es  hier,  seinem  Vaterlande  zu  dienen
und  nicht  zu  denken,  daß  er  für  sich  allein  da  sei,  sondern  für  das  Wohl  der  Gesellschaft
  zu  arbeiten  habe,  in  die  ihn  die  Natur  gestellt.  Nach  seiner  schwachen
Einsicht  und  seinen  Kräften  sei  er  bemüht  gewesen,  dieser  Pflicht  zu  genügen,  seitdem
er  durch  den  Tod  seines  Vaters  zu  dem  obersten  Amte  im  Staate  gelangt  sei  —
und  man  beachte,  wie  der  König  trotz  aller  Bewunderung,  die  ihm  die  Welt  zollte,
bei  dieser  herkömmlichen  Auffassung  seines  Hauses  von  der  königlichen  Würde  als
einem  Amte  beharrt.  Er  habe  nicht  die  dumme  Anmaßung,  zu  glauben,  daß  sein
Verfahren  seinen  Nachfolgern  zur  Richtschnur  dienen  müsse,  zu  sehr  nur  bemerke  er,
daß  er  ein  Mensch  sei,  d.  h.  ein  Geschöpf,  gemischt  aus  gut  und  böse,  dem  Irrtum
unterworfen,  dessen  Einsichten  ebenso  unsicher,  wie  seine  Talente  beschränkt  seien.

Wie  gewaltig  erscheint  dieser  Bescheidenheit  gegenüber  die  Thätigkeit  Friedrichs!
„Eure  Weisheit  sei  ohne  Hochmut,  und  Eure  Demut  sei  nicht  ohne  Weisheit“,
so  hatte  einst  der  tiefsinnige  Kirchenvater  gelehrt  —  und  wer  in  der  Welt  hätte
diese  Lehre  so  zur  Wahrhei.  so  zum  wirklichen  Leben  gemacht,  wie  Friedrich  II.
von  Preußen?  Und  Thätigkeit  und  Arbeit  empfiehlt  er  auch  seinen  Nachfolgern,
giebt  ihnen  wiederholt  den  Rat,  alle  Zweige  der  Regierung  in  ihrer  Hand  zu
        <pb n="511" />
        Rönig  Friedrich  II.  von  Preußen.
Kupserslich  von  Bennet  Salomon  (gest.  um  1810),  auf  etwa  verkleinert.
Das  Namensfalslmile  nach  einem  Eremplar  im  Kal.  Vr.  Gey.  Staatsarchlo  in  Berlin.
        <pb n="512" />
        406  Friedrichs  Demut.

 

Unter  den  Linden  zu  Berlin  im  Jahre  1780.
Radierung  von  Johann  Georg  Rosenberg  (1739—1808),  auf  etwa  ½  berkleinert.

vereinigen.  Ein  verständiger  Fürst  komme  ohne  eine  große  Körperschaft  von  Ratgebern
  allein  weiter,  und  wenigstens  Politik,  Heer  und  Finanzen  müßten  in  der
Hand  eines  Königs  von  Preußen  vereinigt  sein.  Wenn  dieser  Grundsatz  von  den
Nachfolgern  immer  befolgt  werde,  würde  das  Glück  des  preußischen  Staates  unveränderlich
  sein  und  er  länger  fortbestehen,  als  die  ältesten  Monarchien.
Vorziglich  müsse  ein  König  von  Preußen  sich  des  Heerwesens  annehmen,
denn  immer  habe  er,  umgeben  von  mächtigen,  eifersüchtigen  und  neidischen  Nachbaren,
  an  einen  nahen  Bruch  zu  denken,  und  jeden  Tag  könne  er  mit  ihnen  in
Streit  geraten.  Und  wenn  man  jemals,  schreibt  er  gelegentlich  seinem  Bruder,
dem  Prinzen  Heinrich,  das  Heer  vernachlässigte,  wäre  es  um  Preußen  geschehen.
Nun  hatte  aber  der  Krieg,  wie  er  auch  bei  dieser  Gelegenheit  bemerkt,  das  Heer
zu  grunde  gerichtet  und  die  Disziplin  aufgehoben.  Die  Anzahl  der  Truppen
mußte  zunächst  auf  150  000  beschränkt  werden,  doch  wurde  sie  1768  schon  erhöht,
und  die  Friedensstärke  mag  zuletzt  200  000  Mann  betragen  haben.  Für  die
Hebung  der  Disziplin  sorgten  neue  Reglements,  die  dem  Charakter  der  im  Felde
angeworbenen  Truppen  gemäß  scharf  genug  waren,  und,  indem  sie  darauf  hinausliefen,
  den  Soldaten  mehr  Furcht  vor  den  Offizieren,  als  vor  dem  Feinde  beizubringen,
  wieder  die  alte  Zucht  und  Ordnung  einführten  und  es  dahin  brachten,
daß  der  König  bis  zum  Jahre  1770  hoffte,  die  Armee  so  tüchtig  zu  sehen  wie
ehedem.  Natürlich  wirkten  gurinh  ..  fleißige  Exerzitien  und  Manöver
mit,  und  mit  Vergnügen  sah  d  önig  bei  seinen  Inspektionen  und  Paraden,
wie  das  Heer  sich  neu  bildete  i-  wie  ein  Phönix  aus  der  Asche  hervorging.
Festungsbauten,  Esierun  der  Artillerie,  vor  allem  aber  die  Ausbildung  der
Osffiziere  waren  des  Königs  stete  Sorge.  Sowohl  Vorschulen  für  sie  —  die
Kadettenhäuser  in  Stolpe  und  Kulm  und  eine  Ritterakademie  in  Berlin  —  wurden
        <pb n="513" />
        <pb n="514" />
        König  Friedrich  II.  und  seine  Generale  bänst

Nach  dem  Gemälde  von  Edmund  Francis  Cunningham  #  (beb.  um  1742,  gehl.  17

Verner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates.  2.  Auffl.
        <pb n="515" />
        von  einem  Manöver  nach  Sanssouci  zurück.
gestochen  von  Johann  Friedrich  Clemens  (1718—1831).  Auf  etwa  ½  verkleinert.

Verlag  von  Emil  Strauß  in  Vonn.
        <pb n="516" />
        <pb n="517" />
        Heerwesen.  407

 

Auig  Pi  II.  Wachtparade  in  Potsdam  1777.
Rechts  ie  dem  König  Friedrich  Wilhelm  (II.),  Prinz  von  Preußen.
Radierung  von  gi  Prllin  Chodowiecki  (1726—1801),  auf  etwa  :/8  verkleinert.

neu  begründet,  als  auch  für  die  weitere  Fortbildung  der  fizien  in  ——
Sprachen  und  Geographie  besondere  Einrichtungen  getro  cho  r  de
Kriege  hatte  Friedrich  eigenhändig  sowohl  General-  piin  vom  Grinp-  wie
Vorschriften  für  die  einzelnen  Waffengattungen  aufgesetzt,  welche  seine  Generale
und  Offiziere  studieren,  vor  jedem  Fremden  aber  geheim  halten  sollten.  Für  seine
Nachfolger  arbeitete  er  1768  in  dem  militärischen  Testament  Regeln  und  Anordnungen
  aus  über  die  großen  Prinzipien,  die  sowohl  im  Kriege  wie  bei  den  Heereseinrichtungen
  im  Frieden  zu  beobachten  seien,  und  ein  umfassender  Aufsatz  belehrte
die  Generale  über  Lager-Kunst  und  Taktik.  Das  Kantonsystem  seines  Vaters
erweist  sich  noch  jetzt  als  eine  mit  großer  Weisheit  ersonnene  nützliche  Maßregel,
die  Kommissariate  haben  nach  wie  vor  die  Aufgabe  für  die  Lebensmittel  des  Heeres
zu  sorgen,  und  die  Anlage  und  rechtzeitige  Füllung  der  Magazine  erscheint  als
eine  der  vornehmsten  Aufgaben.  70  000  Inländer  zählt  die  Armee,  jede  Kompagnie
  60  Mann,  die  auf  zehn  Monate  beurlaubt  werden,  und  deren  ersparter
Sold  für  die  Werbungen  ausgegeben  wird.  Die  Armee-Inspektionen  wurden  eingerichtet,
  das  Generalquartier  erweitert,  die  Manöver,  die  von  Jahr  zu  Jahr
erühmter  wurden,  mehr  Fremde  herbeizogen,  wurden  vorzüglich  für  den  Unterricht
der  Offiziere  von  Wichtigkeit,  und  wie  immer  wurde  auch  jetzt  bei  ihnen  auf  ein
gesundes  Ehrgefühl  und  gute  Sitte  das  größte  Gewicht  gelegt.  Denn,  „die  Ehre,
        <pb n="518" />
        408  Heerwesen.

 

Flöte,  Krückstock  und  T,hrlstofe  Friedrichs  II.
Rach  den  im  Hohenzollernmuscum  zu  Berlin  befindlichen  Originalen  geh.  von  C.  L.  Becker  in  Berlin.

die  Ruhmbegierde  und  das  Wohl  des  Vaterlandes  müssen  die  begeistern,  die  sich
dem  Waffendienst  widmen,  ohne  daß  häßliche  Leidenschaften  solch  edle  Gefmmmgen
beschmutzen;  mit  solchen  Eigenschaften  werden  Soldaten  achtbar,  und  ich  sehe
ihnen  nur  Stützen  des  Reiches  und  Bollwerke  des  Staates.“  Ausichltehleh  den
WAdel  hielt  der  König  bekanntlich  für  fähig,  das  Ehrgefühl,  das  er  von  seinen
Offizieren  verlangte,  in  sich  auszubilden.  Wir  kommen  auf  die  oft  gescholtene  Vorliebe
Friedrichs  für  den  Adel  zurück  und  bemerken  hier  nur  soviel,  daß  eine  große  Strenge
jeder  Ueberhebung  das  Gleichgewicht  hielt,  daß  die  Anforderungen,  welche  der  König,
trotz  der  äußerst  geringen  Besoldung,  des  langsamen  Avancements  und  den  wenig  verlockenden
  Aussichten  im  Fall  der  Invalidität  für  die  gewährte  Gunst  stellte,  ungemein
hoch  waren,  und  daß  jedenfalls  das  Offizierkorps  ein  salches  pur  wie  der  König  es
zu  haben  wünschte.  Das  Wichtigste  aber  war  und  blieb,  daß  Friedrich  alles
selbst  leitete  und  beaufsichtigte.  Er  bekümmerte  sich  bei  seinen  Inspektionen  um
das  Kleinste,  was  den  Dienst  und  die  Verpflegung  des  gemeinen  Soldaten,  wie
des  Offiziers  betraf,  er  sah  jeden  Fehler,  jede  Ungenauigkeit  und  prüfte  und
ordnete  alles  allein.  Denn  von  seinen  ersten  Anfängen  an,  schreibt  er  seinem
Neffen,  dem  Herzog  von  Braunschweig,  müsse  dieser  Dienst  studiert  sein,  oder
man  verrichte  ihn  verkehrt,  und  wenn  der  Fürst  nicht  selbst  Soldat  sei,  heißt  es
wieder  in  seinem  Testament,  wenn  er  sich  nicht  selbst  damit  beschäftige,  müsse  er
sich  darauf  vorbereiten,  zu  sehen,  wie  eines  Tages  das  von  den  Vorfahren  mit
so  viel  Mühen,  Sorgen  und  Ausdauer  errichtete  Gebäude  zusammenstürzen  werde.
Begreiflich  ist  es,  daß  das  Heer  ungeheure  Summen,  fast  zwei  Drittel  der
gesonttend  Einnahme,  kostete  und  begreiflich  ist  es,  daß  die  Arbeiten  des  Friedens
ebenfalls  die  Bereitschaft  neuer  Mittel  zur  Voraussetzung  hatten.  Das  brachte
die  neue  Machtstellung  mit  sich,  das  erforderte  ihre  Ausnützung  im  Sinne  des
Volksinteresses,  daß  höhere  Summen  als  bisher  dem  Staate  zur  Verfügung
standen.  Allerdings  konnte  der  König  gleich  nach  dem  Frieden  den  Bau  eines
neuen  Schlosses,  des  Neuen  Palais  bei  Sanssouci,  beginnen,  und  man  hat  gemeint,
  daß  es  geschehen,  sowohl  um  den  armen  arbeitslosen  Menschen  Brot  und
Verdienst  zu  verschaffen,  als  auch  um  dem  Auslande  zu  zeigen,  daß  Preußen  noch
nicht  verarmt  sei.  Immerhin  zog  sich  der  Bau  mehrere  Jahre  hin  (bis  1770),
und  die  Forderung  nach  erheblich  größeren  Einnahmen  machte  sich  gebieterisch
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        Finanzen.  —  Regie.  409

fühlbar.  Wie  glänzend  nun  auch  die  finanzielle  Leistung  des  in  seinen  Einnahmen
so  schwer  geschädigten  Beamtentums  während  des  Krieges  gewesen  war,  so  war
damit  gewissermaßen  seine  schöpferische  Kraft  auf  diesem  Gebiete  erlahmt.  Jedenfalls
  erklärte  das  Generaldirektorium  auf  Friedrichs  Anfrage,  wie  die  notwendige
Erhöhung  der  Einnahmen  zu  bewerkstelligen  wäre,  daß  eine  Erhöhung  der  Abgaben
  bei  dem  tief  erschöpften  Zustande  des  Landes  unausführbar  sei.  Friedrich
aber,  der  mißtrauisch  schon  vor  dem  Kriege  die  zu  langsam  steigende  Einnahme
aus  der  Akzise  verfolgt  hatte,  vertrat  dem  gegenüber  thatsächlich  die  Anschauung,
daß  die  Ausgaben  sich  nicht  nach  den  Einnahmen  richten  dürften,  sondern  daß  die
Befriedigung  der  staatlichen  und  sozialen  Bedürfnisse  die  Hauptsache,  und  demgemäß
ie  Höhe  der  Einnahmen  nach  der  Höhe  der  nun  einmal  notwendigen  Ausgaben
sich  richten  müsse.  Denn  der  Not  des  Volkes  konnte  nicht  durch  die  Ermäßigung
der  staatlichen  Einnahmen,  sondern  nur  dann  geholfen  werden,  wenn  ihr  der  Staat
mit  möglichst  großen  Beihilfen  beisprang.  Auch  sah  Friedrich  richtig  voraus,  daß
weder  die  bessere  Bewirtschaftung  der  Domänen,  noch  die  nach  wissenschaftlichen
und  technischen  Grundsätzen  neu  geordnete  Verwaltung  des  Forstwesens,  oder  die
des  Berg=  und  Hüttenbaues  die  verlangten  zwei  Millionen  Thaler  liefern  würde.

Unbefangen  pflegte  Friedrich  das  Gute  zu  nehmen,  wo  er  es  fand,  und  da
ihm  der  Generalleutnant  von  Krockow,  sowie  der  frühere  Generalpächter  der
französischen  Steuern  Helvetius  die  Vorzüge  des  französischen  Pachtsystems  einleuchtend
  darstellten  —  allein  das  französische  Tabaksmonopol  brachte  dem  Staate
14  bis  15  Millionen  Francs  —  so  beschloß  er,  mit  dem  französischen  System
einen  Versuch  zu  machen  und  auch  die  für  unfähig  gehaltenen  preußischen  Beamten
durch  Franzosen  zu  ersetzen.  Noch  vor  der  Unterzeichnung  des  Friedens  hatte  er
nach  französischem  Muster  die  Einrichtung  einer  Lotterie  angeordnet,  die  dann
freilich  nicht  recht  glückte.  1765  wurde  der  Handel  mit  Tabak  einer  Gesellschaft
Berliner  Fabrikanten  als  Monopol  übergeben  und  1766,  da  jene  ihr  Vermögen
verloren,  einer  staatlichen  Behörde,  der  General  Tabar  Administration.  3
Durch  die  Förderung  des  inländischen  Tabakbaues  hat  diese  auch  dem  Lande  nachhaltigen
  Nutzen  gebracht,  und  der  Staat  gewann  eine  jährliche  Einnahme  von
über  einer  Million  Thaler.

Erheblich  weniger  brachte  die  später  getroffene  Einrichtung,  den  Kaffeebedarf,
für  den  viel  bares  Geld  aus  dem  Lande  ging,  durch  staatliche  Verwaltung  zu
decken,  und  diese  Maßregel  hinderte  doch  nicht  vollständig  den  überhand  nehmenden
Schmuggel,  wurde  aber  durch  die  als  Kaffeeriecher  verspotteten  französischen  Kontrolleurs
  zu  einer  außerordentlich  lästigen  und  verhaßten.  Und  beides  war  nun
auch  der  Fall  mit  der  bekanntesten  Einrichtung  Friedrichs,  der  Regie  oder,  wie
sie  amtlich  hieß,  der  Administration  générale  des  Accises  et  Péeages.  Friedrich
trennte  die  Verwaltung  der  Akzise  und  der  Zölle  völlig  vom  Generaldirektorium
und  übertrug  sie  der  genannten  Behörde,  an  deren  Spitze  der  oft  zu  hart  beurteilte
Franzose  Launay  de  la  Haye  stand.  Der  König  ging  von  dem  Gedanken  aus,
die  notwendigen  Lebensmittel  des  armen  Mannes  möglichst  steuerfrei  zu  lassen,
wie  denn  schon  1766  alle  Auflagen  auf  das  Getreide,  Malz  und  Branntwein-Schrot
  abgeschafft  wurden,  dagegen  die  als  Luxusmittel  erkannten,  zu  denen  aber
auch,  ganz  gegen  Friedrichs  Meinung,  das  Bier  gezählt  wurde,  scharf  heranzuziehen.
  „Nehmen  Sie  nur  von  denen,  die  bezahlen  können,  ich  gebe  sie  Ihnen
preis“,  hatte  er  gleich  anfänglich  zu  Launay  gesagt.  Ebenso  sollte  das  inländische
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        410  Regie.

 

Einwanderung  der  zur  Errichtung  der  Regie  nach  Berlin  berufenen  Franzosen  im  Jahre  1771.
Radierung  von  Daniel  Nikolaus  Chodowiecki  (1726—1801).  Originalgröße.

Gewerbe  und  der  Handel  durch  hohe  Grenz=  und  Durchgangszölle  geschützt  werden,
um  frisches  Leben  in  sie  zu  bringen.  Indessen  ist  das  finanzielle  Ergebnis  doch
nur  ein  mäßiges  geblieben,  die  Plackereien  wurden  als  unerträglich  empfunden,
und  die,  freilich  übertrieben  hoch  gedachte  Zahl  der  französischen  Beamten  machte
die  Einrichtung  immer  verhaßter.  Spöttisch  spra  der  Bauer  von  den  großen
und  kleinen  Franzosen,  je  nachdem  sie  uurkesune  auf  sechs  oder  weniger  Pferde
hatten,  und  offen  belegte  man  sie  mit  dem  Schimpfwort  als  französische  Blutigel.
Friedrichs  eigenes  Urteil  ging  schon  in  den  siebziger  Jahren  —  in  der  Geschichte
seiner  Zeit  schrieb  er  es  nieder  —  dahin,  daß  der  größte  Nutzen,  den  die  Regie
gewährt  habe,  die  Abnahme  der  mit  großer  Schärfe  bekämpften  Kontrebande,  des
allen  Ländern,  welche  eine  Industrie  haben,  so  schädlichen  Schmuggels  sei.  Aber
gerade  daß  der  Schmuggel  thatsächlich  doch  nicht  ganz  aufhörte,  entfremdete  den
König  der  Regie  immer  mehr.  Seit  dem  Jahre  1781  empfand  er  auch  den
geringen  finanziellen  Ertrag,  den  sie  brachte,  sehr  unangenehm,  und  der  Minister
Freiherr  von  Heinitz  wies  aus  einer  Vergleichung  der  Akzisenrechnungen  des
laufenden  Jahres  mit  denen  von  1765/66  den  Rückgang  der  Einnahmen  nach.  Viel
zu  hoch  erschienen  dem  Könige  namentlich  die  Verwaltungskosten,  und  die  Unbescholtenheit
  der  französischen  Beamten  erschien  ihm  immer  verdächtiger,  die  ihnen  von
den  Ueberschüssen  bewilligten  Tantiemen  immer  weniger  berechtigt.  Er  zweifelte
an  der  Brauchbarkeit  des  Systems  und  suchte  ihm  durch  Herabsetzung  der  Verwaltungskosten,
  durch  Umänderung  der  Tantiemen  in  Prämien  und  durch  Beseitigung
der  Franzosen  überhaupt  zu  helfen.  Die  Unlauterkeit  und  Bestechlichkeit  vieler
von  ihnen,  sowie  die  Tüchtigkeit  der  preußischen  Beamten,  die  sich  auch  in  diesem
Geschäftskreis  zur  Geltung  brachte,  führte  wieder  zu  größerer  Beachtung  der
heimischen  Kräfte  und  zu  dem  Bestreben,  die  Franzosen,  die  „lauter  Schurkenzeug“
seien,  sich  gänzlich  vom  Halse  zu  schaffen.

Indessen  war  doch  nicht  nur  die  Steuertechnik  wesentlich  verbessert,  sondern
dadurch,  daß  alle  indirekten  Steuern  jetzt  von  einer  besonderen  Behörde  verwaltet
wurden,  und  daß  die  steuerpflichtigen  Waren  nicht  mehr  nur  beim  Eintritt  in  die
einzelne  Stadt,  sondern  an  der  Grenze  des  Staates  selbst  kontrolliert  wurden,  hat
die  ganze  Maßregel  zur  Ausbildung  des  staatlichen  Gedankens,  zur  einheitlichen
Zusammenfassung  seiner  Teile  und  Glieder  außerordentlich  viel  beigetragen.

Es  versteht  sich,  daß  auch  sonst  in  jeder  Weise  die  einzelnen  Zweige  der
staatlichen  Einnahmen  zu  erhöhen,  alle  Kräfte  angestrengt  wurden.  Durch  die
Not  des  Krieges  und  auf  den  Rat  des  Juweliers  Veitel  Ephraim  hatte  sich  der
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        Finanzen.  411

König  bekanntlich  mit  Widerstreben  zur  Ausprägung  von  Münzen,  die  erheblich
hinter  dem  Nennwerte  zurückblieben,  den  sog.  Ephraimiten,  entschließen  müssen.
Die  Hoffnung,  sie  dadurch,  daß  man  sie  mit  fremdem  Stempel  versah,  vom
eigenen  Lande  fern  zu  halten,  war  bald  zu  Schanden  geworden.  Nun  nach  dem
Frieden  kostete  es  ungeheure  Mühe  und  dem  Volke  ohne  Zweifel  noch  viele  Opfer,
ehe  man  zu  dem  soliden  altgewohnten  Münzfuß  von  14  Thalern  auf  eine  Mark
zurückkehren  und  die  Aufregung  über  die  Unsicherheit  des  Geldes  beruhigen  konnte.
Der  Gewinn  an  Schlagschatz,  den  die  Münzen  zu  Berlin,  Königsberg  und  Breslau
brachten,  betrug  durchschnittlich  etwa  100  000  Thaler  jährlich.  Etwas  mehr
brachte  das  Bergwerk=  und  Hüttenwesen,  das  damals  einer  eigenen  Behörde  unterstellt
  wurde.  Für  die  Rekrutenkasse,  die  jetzt  wieder  Chargenkasse  hieß,  wurde
1765  ein  neues  Reglement  erlassen,  und  die  Stempelabgaben  brachten  zuletzt  eine
Einnahme  von  176  000  Thalern.  In  dem  Charakter  der  Monarchie  lag  es  begründet,
  daß  der  König  möglichst  freie  Hand  über  die  Einnahmen  des  Staates  behielt,
  und  der  Notwendigkeit,  für  alle  möglichen  Bedürfnisse  schnell  Geldmittel
zur  Hand  zu  haben,  entsprach  es,
daß  der  König  alle  Ueberschüsse  der
Staatskassen  und  einige  bestimmte
Gefälle  zu  seiner  besonderen  Dispositionskasse
  einziehen  ließ.  Sie
hatte  im  Todesjahr  des  Königs
eine  ansehnliche  Höhe  der  Einnahmen
2.  indem  sie  über  drei  Millionen
  Thaler  jährlich  erhielt.  Ein

bSetertntt  ued  M  3eurt  .  Uebelstand  war  freilich  der,  daß,  m#
belet  adsen  Bahl-  Mönzkobinent  geheimnisvoll  wie  damals  alle  gus  Fs  Möoztablnent

ber  Finanzangelegenheiten  behandelt  goah
wurden,  nur  der  König,  jedoch  keine

Behörde  eine  volle  Uebersicht  über  die  wirkliche  Höhe  des  ganzen  Etats  hatte,
aber  Friedrich  gewann  so  die  Möglichkeit,  ee.  und  durchgreifend  da  zu  geben,
wo  es  nötig  war.  Für  Militärzwecke,  für  die  Errichtung  neuer  Regimenter,  die
Verstärkung  der  Artillerie,  den  Bau  der  Festungen,  die  Abhaltung  von  Manövern
diente  die  Kasse.  Noch  höher  aber  beliefen  sich  die  Posten,  die  sie  für  die  sämtlichen
  Zwecke  der  Hebung  des  Landes,  der  Beförderung  des  Handels,  der  Anlage
von  Fabriken  zu  leisten  hatte.  Endlich  aber  bildete  sh  Friedrich  aus  ihnen
wiederum  einen  Staatsschatz,  den  er  bei  seinem  Tode  bis  auf  fünfundzwanzig
Millionen  Thaler  gebracht  hat.  Die  2  des  Staates  schloß  1786
mit  fast  zwanzig  Millionen  Thalern  ab.

Ein  wesentlicher  Teil  der  Finanzen  wurde,  wie  wir  wissen,  durch  die  Kontribution
  des  platten  Landes  aufgebracht,  und  das  Wohl  der  Bauern  lag  Friedrich
warm  am  Herzen.  Mit  allen  Mitteln  nahm  er  sich  daher  des  Landbaues  an.
Ein  Haupthindernis  für  ihn  lag  damals  in  den  sog.  Gemeinheiten  und  in  den
Hutungen.  Die  Aecker  lagen  oft  ohne  besonderen  Zugang  in  buntem  Gemenge
neben  einander,  und  es  mußten  daher  alle  Besitzer  zu  gleicher  Zeit  und  in  derselben
  Art  das  Feld  bebauen  und  abernten.  Die  Trägheit  und  Unlust  des  faulen
Besitzers  hinderte  mithin  den  einsichtigen  und  thätigen,  eine  bessere  Bewirtschaftung
einzuführen.  Ebenso  führte  bei  den  gemeinsamen  Hutungen  der  Unverstand,  das
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        412  Landbau.  —  Bauern.

Vieh  zu  frühzeitig  auf  die  Weide  zu  schicken,  dahin,  daß  der  Gewinn  von  den
Wiesen  weit  hinter  ihrer  Ertragsfähigkeit  zurückblieb.  Beide  Uebelstände  wollte
der  König  aufgehoben  wissen.  Die  Bauern,  unfähig,  ihren  eigenen  Vorteil  und
Nutzen  zu  sehen,  tobten  zwar  dagegen  und  prophezeiten  den  Untergang  der  Herrschaften
  wie  der  Unterthanen,  die  Umwandlung  der  Dörfer  in  Wüsten.  Aber  der
König  gab  nicht  nach,  und  das  für  Schlesien  darüber  aufgesetzte  Reglement  wurde
später  in  das  allgemeine  Landrecht  aufgenommen.  Einen  Privatkornhandel  gab
es  damals  noch  kaum,  und  der  Fürst  vermochte  daher  nach  Friedrichs  testamentarischer
  Bemerkung  noch  für  die  Festsetzung  eines  Preises  zu  sorgen,  bei  dem
Adel,  Pächter  und  Bauer  bestehen  konnten.  Auch  errichtete  er  wieder  große
Magazine  an  Getreide,  die  sowohl  für  den  Landwirt,  wie  die  Armee  und  in  Zeiten
von  Mißwachs  und  Teuerung  für  das  ganze  Volk  vom  größten  Segen  waren.

Eingehend  kümmert  der  König  sich  um  die  Früchte,  welche  gepflanzt  werden
sollen,  die  Lupinen,  den  roten  Klee,  die  Kartoffeln,  den  Hopfen.  Er  betreibt  die
Einführung  der  englischen  Wirtschaft,  und  im  Zusammenhange  mit  seiner  ganzen
Staatsauffassung  verbietet  er  die  Einfuhr  der  im  Lande  selbst  erzeugten  Nahrungsmittel.
  Die  Wälder,  welche  durch  ein  planloses  Abholzen  in  manchen  Gegenden
fast  verschwunden  waren,  wurden  durch  eine  geregelte  Schlagwirtschaft  wieder  zu
einer  Einnahmequelle  gemacht  und  für  die  Kultur  gewonnen.  Eine  eigene  dem
General-Direktorium  angegliederte  Behörde  hatte  für  die  gesamte  Forstwirtschaft
Sorge  zu  tragen.  Die  weiten  öden  Sandflächen  wurden  mit  Kiefern  besetzt,  die
Obstbaumzucht  sowohl  in  den  Gärten  wie  auf  den  Landstraßen  durch  Anstellung
besonderer  Kreisgärtner  wesentlich  gefördert,  die  Viehzucht  durch  Vorschriften  über
die  Zucht,  über  die  Stallfütterung,  die  Abwehr  von  Seuchen,  wie  durch  Einführung
fremder  Vieharten  außerordentlich  gehoben.  Noch  im  Jahre  1775  hatte  die  Kurmark
  allein  257  000  Thaler  für  Butter  an  das  Ausland  bezahlt,  und  1780  schon
bleiben  fast  zwei  Fünftel  davon  im  Lande.  Selbst  die  Pflege  des  Geflügels  und
die  Bienenzucht  entging  nicht  dem  Auge  des  Königs,  diese  allein,  meinte  er,
könne  die  Kontribution  einbringen,  doch  war  es  natürlich  unendlich  schwer,  dem
hartnäckigen  Bauer  die  Vorteile  einer  Sache  klar  zu  machen,  die  nicht  schon  sein
Urahn  gekannt.

Mit  großer  Energie  ging  der  König  namentlich  jeder  gewissenlosen  inländischen
Gerribefpelulaiin  zu  Leibe,  und  seine  Magazine  erwiesen  sich,  wie  oben  erwähnt,
immer  aufs  neue  von  unendlichem  Segen.  Denn  indem  der  König  in  guten  Jahren
zu  ansehnlichen  Preisen  einkaufte,  also  daß  er  stets  100  bis  130  000  Wispel  Getreide
  vorrätig  hatte,  und  sie  in  schlimmen  Jahren  in  den  von  Mißwachs  betroffenen
Gegenden  billig  auf  den  Markt  brachte,  erzielte  er  die  von  ihm  gewünschte  Stetigkeit
  des  Getreidepreises,  das  Gleichgewicht  zwischen  Stadt  und  Land,  die  Sicherheit
  des  Lebensunterhaltes  für  die  Fabrikarbeiter  und  Bauern,  für  die  Bürger  wie
den  Adel.  Namentlich  in  dem  furchtbaren  Hungerjahr  1771,  das  ganze  Länder
entvölkerte,  blieb  in  Preußen  der  Preis  ein  verhältnismäßig  nichriger,  und  als  nach
1774  eine  reiche  Ernte  der  anderen  folgte,  und  kein  Kaufmann  mehr  dem  Landmann
  sein  Korn  abkaufen  wollte,  da  retteten  ihn  die  Ankäufe  der  königlichen
Magazine  geradezu  vom  Bankerott.  Unermüdlich  sorgt  Friedrich  für  die  Bauern,
sucht  sie  ihrer  gedrückten  Lage  zu  entziehen.  Sie  sind  ihm  eine  „achtbare  Körperschaft
  der  Bevölkerung“,  die  „Pflegeväter  der  Gesellschaft“,  welche  die  Lasten  des
Staates  tragen  und  die  Arbeit  verrichten.  Wie  den  Augapfel  müsse  man  sie  hüten,
        <pb n="523" />
        Adel.  413

da  ohne  ihre  Thätigkeit  Gesellschaft  wie  Regierung  zu  Grunde  gehen  müßten.

Aufs  neue  macht  er  Versuche  und  Anstalten,  die  Frondienste  zu  beschräneen,  aber
bei  dem  Widerstande,  der  ihm  auch  in  dieser  Zeit  nicht  sowohl  von  den  Herrschaften,
  wie  von  den  Bauern  entgegentritt,  muß  er  sich  bescheiden,  sie  da,  wo  es
noch  nicht  gelungen,  wie  in  Schlesien  und  Pommern,  aus  willkürlichen  in  gesetzliche
  umzuwandeln.  Er  beschränkte  sie  auf  ein  bestimmtes  Maß  und  trat  jeder
Bedrückung  mit  einer  Schärfe  der  Bestrafung  entgegen,  der  selbst  die  Gemahlin
eines  Generals  nur  durch  die  Flucht  ins  Ausland  entging.  Pflichtgetreu  wollte
der  König  wenigstens  in  einem  Bezirk  den  Versuch  machen,  den  Bauern  die  volle
Freiheit  zu  geben.  Doch  mußte  er  sich  hier  überzeugen,  daß  die  Erziehungsarbeit
noch  nicht  vollendet,  und  in  Preußen  war  es  nicht  Sitte,  in  Hast  und  Eile
Reformen  einzuführen,  für  welche  der  Boden  nicht  bereitet  war.

Damals  aber  hatten  die  Gutsherrschaften  dem  Unterthanen  für  seine  Arbeit
auch  Hof  und  Haus,  Saat  und  Vieh,  ja  das  Hausgerät  zu  liefern  und  für  ihn
einzutreten,  wenn  Mißwachs  und  Schaden,  Krieg  und  feindlicher  Einfall  ihn  in
Not  brachten.  Wohl  ist  es  wahr,  daß  dabei  mancher  Uebergriff  vorgekommen  ist,
diese  Leistungen  aber  zeigen  die  wirtschaftliche  Bedeutung  des  Adels  für  den
Staat  und  die  Gesellschaft.  Und  wenn  Friedrich  auch  den  Mißbräuchen  schroff
entgegentrat,  so  hätte  er  doch  die  wirtschaftlichen  Grundlagen  seines  Staates  zerstört,
  wenn  er  nicht  seinem  Adel  aufgeholfen  hätte,  der  so  getreulich  und  in  des
Wortes  voller  Bedeutung  Blut  und  Gut  für  ihn  eingesetzt  hatte.  Die  Grundlage,
  die  Friedrich  Wilhelm  dem  Adel  gegeben,  hatte  ihre  volle  Kraft  gezeigt,  hatte
den  Edelleuten  den  Spielraum  gegeben,  ihre  Mittel  dem  Ganzen  dienstbar  zu
machen,  dem  Könige  die  Treue  mit  der  That  zu  erweisen.  Nicht  nur,  daß  sie
auf  dem  Schlachtfelde  in  Scharen  ihre  Söhne  —  wie  die  Familie  von  Kleist
allein  59  —  geopfert,  hatten  sie  zum  großen  Teil  ihr  Vermögen  dahingegeben.
Sehr  reichlich  gab  Friedrich  nun,  wo  er  nur  irgend  konnte,  den  Edelleuten
Geldgeschenke  und  Darlehen,  ließ  auch  wohl  in  Konkurs  geratene  Güter  durch
ein  Mitglied  seiner  Kammer  verwalten,  damit  ihr  Wert  durch  die  Konkurszeit  nicht
verschlechtert  würde.

Unangetastet  ließ  der  König  sogar  die  Steuerfreiheit  des  Adels,  da  wo  er
sie  vorfand,  bestehen,  und  peinlicher  noch  als  bisher  achtete  er  darauf,  daß  die
Güter  nur  im  Besitz  des  Adels  blieben,  verbot  den  Bürgerlichen,  solche  zu  erwerben,
  beschnitt,  wo  er  solche  einmal  zuließ,  ihnen  die  gutsherrlichen  Rechte
wesentlich.  Der  Offizierstand  wie  der  Stand  der  Gutsbesitzer  sollte  lediglich  aus
den  Reihen  der  Adeligen  sich  ergänzen.  Gewiß  hatte  dies  System  seine  Schwächen
und  Schattenseiten,  aber  so  lange  Friedrich  lebte,  wußte  er  sie  zu  bannen.
Gewiß  hatte  auch  die  sehr  abfällige  Meinung  Friedrichs  von  den  Bürgerlichen
ihren  Teil  daran.  Niedrig  sei  ihre  Gesinnung,  sie  geben  schlechte  Offiziere  ab,
und  nirgends  könne  man  sie  hinschicken.  Sehr  drastisch  spottet  der  König  über
die  heiße  Sehnsucht  des  reichgewordenen  Bürgers,  den  Adel  zu  gewinnen.  Die
Thür  müsse  man  vor  ihnen  zumachen,  weil  man  die  Tugend  herabsetze,  wenn
man  verdienstlosem  Reichtum  Auszeichnungen  gewähre.  Aber  wer  könnte  Friedrich
eine  blinde  Vorliebe  zuschreiben?  Sein  Grund,  warum  er  die  Bürgerlichen
nicht  in  den  Reihen  der  Gutsbesitzer  sehen  wollte,  war  wesentlich  ein  wirtschaftlicher,
  und  nicht  nur  in  den  Vorzügen  des  Adels,  sondern  ebenso  in  dem
natürlichen  Beruf  des  Bürgerstandes  lag  er  begründet.  Wir  hörten,  wie  er  die
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        414  Handel.  —  Bank.

Menschen  anstoßen  und  antreiben  müsse,  wir  werden  sehen,  wie  dies  gerade  im
Bürgerstande  nötig  war,  und  wir  erinnern  uns  bei  Friedrichs  Worten  an  die
Gesinnung  der  vornehmen  Bürger,  deren  Aeußerungen  in  der  städtischen  Verwaltung
  Friedrich  Wilhelm  I.  nur  mühsam  unterdrückt  hatte.  Eine  höhere
Bildung  war  unter  den  Bürgerlichen  in  der  That  noch  verhältnismäßig  wenig
verbreitet,  selbst  fünfzig  Jahre  später  noch  konnten  viele  Fabrikanten  kaum  notdürftig
  ihre  Namen  schreiben,  und  dem  wirklichen  Talenk  riet  Friedrich  in  jeder  Weise
die  Wege  zu  bahnen.  Dem  reich  gewordenen  Bürger  aber  schien  die  gesellschaftlich
vornehmere  Stellung  als  Gutsbesitzer  begehrenswerter,  als  die  immerhin  gewagte
Anlage  seines  Vermögens  in  Fabriken.  Die  Folge  war  natürlich,  daß  diesen
das  Kapital  entzogen  wurde,  und  die  Industrie  nicht  vorwärts  kam.  „Statt
daß  die  Bürger  ihre  Gelder  in  solchen  Unternehmungen  anlegen  sollten,  wollen
sie  Güter  kaufen  —  und  ich  muß  Manufacturen  anlegen"“.  Ohne  Frage  war
es  mithin  wenigstens  zu  einem  guten  Teil  die  Notwendigkeit,  den  Handel  emporzubringen,
  welche  den  König  bestimmte,  die  Güter  dem  Adel,  das  Geld  des
Bürgerstandes  aber  den  gewerblichen  Unternehmungen  zuw  venden  und  die  gleichmäßige
  Hebung  aller  wirtschaftlichen  Kräfte  machte  ihm  die  Auseinanderhaltung
der  Stände  zur  Notwendigkeit.  Ueberdem  wurden,  wie  er  sagte,  die  Söhne  des
reich  gewordenen,  adelsüchtigen  Bürgers  gar  zu  leicht  Verschwender  und  Liederjahne,
die  das  Gut  doch  nicht  der  Familie  erhielten,  während  gerade  die  Gewißheit  des
Besitzes  in  einer  Familie,  welche  der  Adel  bot,  die  Aussicht  auf  eine  gute  Bewirtschaftung
  wesentlich  erhöhte.  Von  unermeßlichem  Wert  für  die  Sicherheit
des  Gutsbesihes  in  derselben  Familie  und  für  die  Erhaltung  des  Grundbesitzes
überhaupt  war  nun  die  Gründung  von  landwirtcchafklichen  Hreditinstüen,  den
sog.  Landschaften,  mit  denen  sich  der  König  auf  den  Vorschlag  des  schlesischen
Ministers  von  Carmer  seit  1767  beschäftigte,  um  der  durch  den  rrich  verursachten
  Schuldenlast  des  Adels  durchgreifend  abzuhelfen.  Mit  vielen  Mühen,
allmählich  aber  doch  unter  thätiger  Beihilfe  der  Einsichtigeren  wurden  so  die
schlesische,  die  kur=  und  neumärkische  und  die  wnmersche  Landschaft  gegrünee,
(1769—1781),  und  indem  sie  dem  Adel  gegen  billige  Zinsen  Darlehen  bis  zur
Hälfte  des  amtlich  abgeschätzten  Gutswertes  gaben,  wurde  seine  wirtschaftliche
Lage  unendlich  gehoben.  Da  aber  die  von  den  Landschaften  ausgestellten  Pfandbriefe
  öffentlichen  Glauben  und  unbedingtes  Zutrauen  genossen,  hatte  man  zugleich
auch  ein  äußerst  bequemes  Zahlmittel  und  einen  wesentlichen  Fortschritt  in  der
Kreditwirtschaft  gewonnen.

Der  leichte  Umlauf  des  Geldes  sollte  aber  ebenso  dem  Handel  zu  gute
kommen,  und  hierfür  nahm  der  König  den  früher  gehegten  Gedanken  der  Gründung
einer  Hantbant  in  Berlin  und  von  Zweigbanken  in  den  Provinzen  wieder  auf.

„Denn  das  Geld  ist  wie  der  Stab  der  Zauberer,  durch  den  sie  Wunder  thaten.
Große  politische  Pläne,  die  Erhaltung  des  Soldatenstandes,  die  beste  Absicht,
dem  Volke  Erleichterung  zu  verschaffen,  alles  erstarrt,  wenn  es  nicht  vom  Gelde
belebt  wird.“  Das  Geld  und  die  Stärke  seines  Umlaufes  ist  nicht  nur  der
Gradmesser  für  den  Handel,  sondern  übt  auf  diesen  befruchtende  Wirkung  aus.
Die  Hauptbank  sollte  eine  Aktiengesellschaft  mit  einem  Grundkapitale  von
25  Millionen  Thalern  in  100  000  Stücken  zu  je  250  Thalern  werden.  Sie
sollte  nicht  nur  eine  Kredit-,  Wechsel=  und  Diskontobank  sein,  sondern  zugleich
überseeischen  Handel  nach  allen  Häfen,  Land=  und  Seegegenden  treiben,  die  Aus-
        <pb n="525" />
        Handel.  —  Bank.  415

prägung  der  Gold=  und  Silbermünzen  übernehmen,  Pfand=  und  Leihhäuser  unterhalten,
  die  Versicherung  der  Handelsware  zu  Wasser  und  zu  Lande  allein  besorgen
und  für  einige  andere  Handelszweige,  wie  die  schlesische  Leinwand  und  den  Handel
nach  Rußland  und  Polen  besondere  Vorteile  genießen.  An  der  Vorsichtigkeit  der
Kaufleute,  die  bei  jedem

ritt  aus  dem  gewohnten
  Geleise  noch
ins  Wasser  zu  sinken
meinten  und  die  Leitung
durch  Fremde,  besonders
den  französisch  gebildeten
Italiener  Calzabigi,  verabscheuten,

  scheiterte

dieser  überschwängliche
Plan.  Ebenso  führte  ein
neuer  Versuch,  den  Friedrich
  nach  Gründung  einer
besonderen  levantinischen
Handelsgesellschaft,  einer
besonderen  Versicherungs.
bank  und  einer  Gesellschaft
  für  den  Holzhandel
1765  machte,  nicht  zum
Ziel.  Das  Bankgeld  in
den  Kauf  zu  nehmen,
schien  den  Kaufleuten
immer  noch  zu  gewagt.
Endlich  am  29.  Oktober
1766,  nachdem  die  Minister
  von  Blumenthal
und  von  Hagen  eingehend
berichtet  haben,  erscheint
das  erweiterte  Reglement
der  königlichen  Giround
  Lehnbanken  zu  Berlin
  und  Breslau.  Beide
sollten  Banknoten  ausgeben,
  die  ohne  Unterschied
  mit  dem  baren  Berkleinerte  Wiedergabe  nach  einer  Originalradierung  von  Rosenberg.
53  umlaufen,  und

durch  die  Vermehrung  des  Geldes,  wie  die  Verringerung  der  it  0e  Handel
einen  kräftigen  Aufschwung  geben  sollten.  In  der  That  leistete  die,  auf  solcher
richtigeren  Grundlage  beruhende,  Bank  schon  in  den  ersten  Jahren  ihres  Bestehens
unter  der  von  Friedrich  hoch  gerühmten  Leitung  des  Ministers  von  Hagen  Ausgezeichnetes.
  1768  wurden  in  Minden,  Magdeburg,  Stettin,  Frankfurt,  Königsberg,
  1769  in  Emden,  Cleve,  Kolberg,  Memel  und  Elbing  Diskonto=  und
Lombard-Komptoirs  errichtet,  die  alle  der  Hauptbank  in  Berlin  unterstanden.
        <pb n="526" />
        416  Handel.  —  Bank.

Auch  die  Mündelgelder,  die  bisher  bei  Gericht  gegen  ein  Prozent  niedergelegt
waren,  sowie  alle  Stiftungsgelder  gewannen  großen  Nutzen,  indem  auch  sie  auf
der  Bank  und  zwar  gegen  drei  Prozent  niedergelegt  werden  mußten,  bis  sich
eine  sichere  Anlage  zu  fünf  Prozent  ermöglichen  ließ.

Andere  Handelsgesellschaften,  die  der  König  privilegierte,  bewährten  sich
ebenfalls  als  für  den  Handel  sehr  nützliche  Einrichtungen,  so  namentlich  die
Heringsfischerei-Gesellschaft  in  Emden,  die  von  Jahr  zu  Jahr  bessere  Geschäfte
machte  und  die  holländischen  Gegenbemühungen  zurückschlug.  Größer  aber  noch
sollte  die  Bedeutung  der  nach  der  Erwerbung  Westpreußens  am  14.  Oktober  1772
gegründeten  Seehandlung  werden,  die  nun  jenen,  erst  der  Bank  zugedachten  überseeischen
  Handel,  den  Handel  nach  Polen,  nach  Holland,  Frankreich  und  Spanien
übernahm.  Ihr  Stiftungskapital  betrug  1200000  Thaler,  von  denen  der  König
selbst  1050000  Thaler  hergab.  Nach  dem  Jahre  1782  erhielt  sie  infolge
mancher  Unordnungen  eine  neue  Gestalt.

Schon  aus  dem  anfänglichen  Widerspruche  der  Kaufleute  gegen  die  Bank
ersieht  man,  wie  der  Handel  vom  Könige  selbst  noch  geleitet  wurde,  und  mancherlei
Beschränkungen  Schutzzölle  und  Einfuhrverbote  waren  für  die  Hebung  der  Gewerbe
  noch  immer  erforderlich.  Auch  hier  muß  der  Staat  noch  eintreten  und
selbst  die  Fabriken  anlegen  oder  durch  Darreichung  von  Mitteln  Inländer  dazu
anregen  und  namentlich  sachkundige  Ausländer  herbeirufen,  die  dem  Volke  die
Fabrikation  zu  zeigen  und  es  über  den  Vorteil  der  neugeschaffenen  Werte  aufzuklären
  vermochten.  Noch  immer  gab  es  sehr  viele  Sachen,  die  sehr  gut  von
den  Einwohnern  verfertigt  werden  konnten,  und  wofür  gleichwohl  das  Geld  aus
dem  Lande  ging.  „Das  Silber=  und  Goldloch,  dadurch"“,  wie  Martin  Luther
einst  gesagt,  „aus  deutschem  Lande  fleußt,  was  nur  quillet  und  wächst,  gemünzt
und  geschlagen  wird  bei  uns“,  sollte  noch  immer  zugestopft  werden.  Durch  des
Königs  und  seiner  Minister  —  hier  besonders  von  Görnes  —  Arbeit  und  durch
königliche  Mittel  wurden  denn  auch  überall  im  Lande,  wo  sich  nur  schickliche  Gelegenheit
  bot,  neue  Fabriken,  Papiermühlen,  Leder-Taffet-Fabriken  angelegt,  die
Woll=  und  Baumwollfabriken  und  Magazine  vermehrt,  der  Tuchfabrikation  und
dem  Leinengewerbe,  vornehmlich  aber  der  Seidenindustrie  und  Damastweberei  eine
bis  ins  kleinste  gehende  Sorgfalt  zugewandt.
  Ja  als  eine  große,  1763
mit  dem  Fall  eines  Antwerpener
Hauses  beginnende  europäische  Handelskrisis,
  der  allein  in  Hamburg
95  Firmen  zum  Opfer  fielen,  im  Jahre
1766  auch  Preußen  ergriff,  da  hat
der  König  durch  überaus  geschickte
Bewegungen  ihr  ein  Halt  gesetzt.
Durch  die  nach  dem  Rat  von  Moses
Mendelssohn  ins  Werk  gesetzte  neue
Organisation  des  Seidenmagazins.
durch  teilweise  Abnahme  der  aufgespeicherten

  Stoffe  und  die  dadurch
##s  ermöglichte  Preisreduktion,  durch

Blazhoch  (heb.  Losg  hardz  Stglang  des  19.  Jahrh),  richtigere  Prämiierung  der  wirklich
        <pb n="527" />
        Handel  und  Gewerbe.  417

tadellosen,  im  neuen  Vereinigungsamt  geprüften  Ware,  durch  Bestimmungen  über
die  den  inländischen  Kaufleuten  abzunehmende  Seide,  durch  Aufhebung  der  inländischen
  Zölle  und  weitere,  den  Absatz  der  Frankfurter  Messe  sichernde,  und  die
scharfen  Prohibitiv-Maßregeln  Oesterreichs  und  Sachsens  abwehrende  Regulierung
der  Transitzölle  hat  der  König  damals  die  Seidenindustrie  im  vollen  Sinne  neu
begründet.  Bei  seinem  Tode  waren  in  den  Seidenfabriken  allein  mehr  als  5000
Menschen  beschäftigt,  und  der  Wert  der  verarbeiteten  Seide  belief  sich  auf  zwei
Millionen  Thaler,  von  denen  etwa  die  Hälfte  reiner  Gewinn  war.  Und  so  überall
bedeutende  Fortschritte.  Die  Siedereien  gaben  1785  über  1000  Arbeitern  und  ihren
Familien  den  Lebensunterhalt,  und  erzeugten  einen  Wert  von  zwei  Millionen  Thalern.
Eine  Uebersicht,  die  für  das  Jahr  1783  für  vierundvierzig  Fabriken  mit  fast

 

Weihnachtsmarkt  in  Verlin  im  Jahre  1776.
Oleichzeitige  Radierung  eines  unbekannten  Künstlers,  auf  ½  verklelnert.

tausend  Arbeitern  aufgestellt  ist,  ergiebt  einen  Reingewinn  von  zwei  und  einer
halben  Million  Thalern,  und  der  Gesamtwert  der  Fabrikation  wird  für  1785  auf
30250  000  Thaler  berechnet.  Mit  großer  Freude  verfolgte  der  König  namentlich
die  Fortschritte  der  früher  erwähnten  im  Kriege  wieder  eingegangenen,  von  dem
bekannten  patriotischen  Kaufmann  Gotskowski  neu  errichteten  und  —  als  dieser
in  jener  großen  Krisis  fallierte  —  vom  Könige  selbst  übernommenen  Porzellanfabrik.
  Schon  1764  beschäftigte  sie  507  Menschen,  hatte  Aufträge  selbst  aus
Rußland  und  Holland  und  lieferte  Arbeiten  schöner,  als  sie  der  König  in  Meißen
gesehen.  Aeußerst  scharf  sind  die  Verfügungen,  mit  denen  die  Behörden  angewiesen
wurden,  den  Ursachen  eines  zeitweisen  Verfalles  dieser  oder  jener  Fabrik  nachzuspüren,
  an  die  Begründung  neuer  Gewerbzweige  zu  denken.  Sie  müssen  die  dazu
geeigneten  Ortschaften  aufsuchen,  und  besonders  die  Steuerräte  waren  Wmaufhörlich
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="528" />
        418  Handel  und  Gewerbe.

beschäftigt,  des  Königs  Befehlen  zu  entsprechen,  neue  Hilfsquellen  dem  Lande  zu
erschließen,  neue  Ansiedler,  Fabrikanten  wie  Handwerker,  herbeizuziehen,  die
Reste  der  noch  vorhandenen  wüsten  Stellen  zu  besetzen  und  neue  Wohnstätten  zu
gründen.  Denn  planmäßiger  noch  als  sein  Vater  betreibt  Friedrich  die  Besiedelung
  des  Landes,  ihr  widmet  er  seine  ganze  Aufmerksamkeit.  Es  handelt
sich  nicht  mehr  um  die  Aufnahme  verfolgter  Glaubensgenossen,  sondern  lediglich
um  die  Vermehrung  der  Bevölkerung,  um  die  Zuführung  fremder  Gewerbe,
fremden  Fleißes  und  fremder  Kenntnisse.  Die  Zahl  der  zuziehenden  Nichtdeutschen
ist  verhältnismäßig  gering,  aber  die  deutschen  Stämme  sind  wohl  sämtlich  unter
en  neuen  Unterthanen  vertreten.
Fünfundzwanzig  Millionen  Thaler
hat  der  König  im  ganzen  dafür  ausgegeben,
  300  000  Kolonisten  sind  auf
dem  Lande  wie  in  den  Städten,  ein
Dritteil  davon  allein  in  der  Kurmark,
angesetzt  worden,  und  etwa  eine
Million  der  Einwohner  bestand  nun
aus  fremden  Zuzüglern  und  deren
Nachkommen.  Wie  gewaltig  sich  die
Städte  hoben,  sieht  man  z.  B.  daraus,
daß  die  Einwohnerzahl  Berlins  trotz
des  starken  Rückganges  während  des
Krieges  sich  auf  150,000  vermehrte,
und  daß  der  Kataster  der  Feuersozietät
  in  Berlin  seit  1730  bis  1774
von  580  000  auf  14  Millionen
Thaler  gestiegen  war.
Die  Wohlhabenheit  nahm  sichtlich
  zu,  und  der  steigende  Luxus  in
s—N  #§  q  6  .  den  besseren  Ständen  lieferte  den  Be-Erste
  Auffahrt  eines  Luftballons  in  Berlin,  weis  für  die  Fortschritte  des  Handels
unternommen  von  dem  französlschen  Llschsste  ien  nad  wie  des  Gewerbes.  Hand  in  Han
*  n  Aoln  oen  elwa  sop#  ent  mit  der  Fürsorge  für  beide  ging
aber  eine  außerordentlich  starke  Berücksichtigung
  der  kleinen  Leute,  die  von  jenen  lebten.  In  Menge  sind  ja  noch
heute  die  Erzählungen  in  unserem  Volke  lebendig,  wie  der  König  den  Beschwerden
der  Armen  und  Gedrückten  abhalf,  wie  er  gerade  dadurch  ihr  Vertrauen  gewann,
wie  er  sich  die  Bitte  um  Nachsicht  dafür,  daß  man  ihn  behellige,  mit  den  wahrhaft
  königlichen  Worten  verbat:  „Dazu  bin  ich  da“.  Mit  Recht  meinte  eine  edle
Prinzessin  von  Mecklenburg,  dah  der  König  durch  seine  gütige  Herablassung  zur
niedrigsten  Klasse  noch  größer  als  durch  seine  Siege  werde.  „Ich  freie  die
Armut“,  so  sagte  der  König,  „wenn  sie  mir  zur  Morgengabe  Ehre  bringt  und
Redlichkeit".  Für  die  Seidenindustrie  war  schon  1755  eine  Art  Gewerbegericht
eingesetzt,  das  Reglement  von  1766  aber  sowie  die  im  Zusammenhang  mit  einer
Arbeitseinstellung  1775  erlassenen  Verfügungen  und  Vermittelungen  sicherten  die
Gesellen  gegen  willkürliche  Entlassung  und  Herabsetzung  der  Löhne,  gaben  ihnen
einen  starken  Schutz  gegen  etwaige  Willkür  und  Frivolität  der  Arbeitgeber.  Ohne
        <pb n="529" />
        Handel  und  Gewerbe.  —  Rechtspflege.  419

Zweifel  sollte  und  gab  in  der  That  die  große  Entwickelung  von  Handel  und
Industrie  dem  armen  Manne  viel  bessere  Bedingungen  des  Lebens  und  Daseins,
als  er  bisher  gehabt.  Eine  große  Menge  von  ihnen  fand  jetzt  in  höherem  Maße
Beschäftigung,  Brot  und  Einkommen,  fand  auch  die  Mittel,  das  Leben  sich  freundlicher
  zu  gestalten.  Eifrig  besuchte  Volksfeste,  zu  denen  man  wohl  auch  den
Berliner  Weihnachtsmarkt  rechnen  darf,  legten  Zeugnis  davon  ab.  Auf  der
anderen  Seite  aber  gewann  man  auch  Neigung  für  die  Kunst,  und  schon  konnte
in  der  Hauptstadt  die  erste  Kunstausstellung  eröffnet  werden.  Bald  nach  dem
Tode  des  Königs  sah  Berlin  auch,  wie  erwähnt  sein  mag,  zum  erstenmale  das
Schauspiel  eines  aufsteigenden  Luftballons.

Ein  sehr  beachtenswerter  Fingerzeig  für  den  Erfolg,  den  die  Hebung  des
Handels  gehabt  hatte,  liegt  aber  sicherlich  darin,  daß  in  den  sechziger  Jahren  einsichtige
  Beamte  die  Zeit  der  Beschränkung  und  staatlichen  Leitung  für  überwunden
  erachteten,  daß  in  den  siebziger  Jahren  sogar  die  Minister  sich  gegen
das  bisher  befolgte  Prohibitivsystem  aussprachen,  und  der  König  selbst  am  Schluß
seiner  Regierung  das  Monopolsystem  als  ein  unzweckmäßiges  bezeichnete.  Es
scheint  hierin  doch  weniger  eine  Verurteilung  des  bisherigen  Systems  als  der
Nachweis  dafür  zu  liegen,  daß  es  dem  Könige  gelungen,  Handel  und  Gewerbe
von  der  Stufe,  auf  welcher  der  Staat  sie  bevormunden,  leiten,  erziehen  mußte,
heraufzuheben  auf  die  Stufe  der  Selbständigkeit.  Jedenfalls  begann  die  Zeit,
in  welcher  der  Handel  auf  freien  Füßen  stehen  konnte.  Wahrlich,  ein  glänzendes
Zeugnis  für  die  Arbeit  der  preußischen  Könige!

Unersetzlich  aber  für  den  Handel  und  das  ganze  Leben  war  diejenige  staatliche
  Thätigkeit,  welche  sich  auf  den  Rechtsschutz  bezog.  Doch  nur  langsam  ging
die  Verbesserung  der  Rechtspflege  vor  sich,  und  die  Arbeit  am  allgemeinen  Landrecht
  ruhte  nach  dem  Kriege  zunächst  fast  ganz.  So  ehrenwert  und  tüchtig  beide
Nachfolger  Coccejis  im  Großkanzleramte,  Jariges  sowohl  wie  vorzüglich  Fürst
waren,  so  vermochten  sie  den  immer  dringender  gestellten  Forderungen  des  Königs
doch  nicht  zu  genügen.  Die  Verbesserungen  blieben  im  wesentlichen  formaler  Natur,
und  erst  1775  nahm  Fürst  den  Plan  eines  allgemeinen  vollständigen  deutschen
Gesetzbuches  wieder  auf.  Namentlich  wurmte  den  König  die  drakonische  Strenge,
mit  der  leichte  Vergehen  bestraft  wurden,  denn  in  Strafsachen  sollte  durchaus  eher
zu  gelinde  als  zu  scharf  erkannt  werden.  Es  wurmte  ihn  die  Langwierigkeit  der
sich  hinziehenden  Prozesse,  und  endlich  glaubte  der  König,  mißtrauisch,  wie  er
gleich  seinem  Vater  die  Beamten  überwachte,  nicht  recht  an  die  Ehrlichkeit  und
Unparteilichkeit  der  Richter,  fürchtete,  daß  sie  dem  kleinen  Manne  zu  Gunsten  des
reichen  das  Recht  beugen  könnten.  Er  leugnete  nicht,  daß  der  Bauer  zum  Prozeß
leicht  aufgewiegelt  werden  könne,  aber  wenn  zehn  Bauern,  sagte  er,  gegen  zehn
Edelleute  Prozesse  führen,  und  jene  verlieren  alle  zehn,  dann  traue  er  der  Sache

nicht.  Denn  der  Bauer  sei  arm  und  könne  nicht  viel  geben,  wohl  aber  könne
dies  der  Edelmann,  er  bringe  Richter  und  Advokaten  auf  seine  Seite,  und  solchergestalt
  geschehe  es,  daß  die  Bauern,  wenn  ihre  Sachen  noch  so  juste  seien,
dennoch  mehrenteils  Unrecht  kriegen.  Es  ist  bekannt,  wie  der  König  zwar  stets
und  mit  einer  damals  sonst  unbekannten  Großartigkeit  sich  selbst  von  jedem  Einfluß
  auf  die  materielle  Rechtsprechung  ausschloß  und  hier  jeden  Machtspruch  verabscheute,
  aber  die  Empfindung,  daß  trotz  aller  Vorsicht  in  der  Ausbildung  und
Auswahl  der  Richter  unrichtige  Urteile  gefällt  würden,  und  die  lebhafte  Sorge,  das
27*
        <pb n="530" />
        420  Prozeß  des  Müllers  Arnold.

Recht  des  kleinen  Mannes  zu  schützen,  führte  ihn  in  dem  berühmt  gewordenen  Prozeß
des  Müllers  Arnold  nicht  etwa  zur  Bestrafung  ungerecht  urteilender  Richter,
sondern  zu  einer  materiellen  Aenderung  des  Urteils  und  zu  schwerer  Bestrafung
der  unparteiisch  urteilenden  ja  gar  nicht  beteiligter  Richter.

Arnold  war  wegen  rückständiger  Abgaben  an  den  Grundherrn  Grafen  von
Schmettau  verklagt,  seine  Einrede,  der  Landrat  und  Ritterschaftsdirektor  von  Gersdorff
  habe  ihm  durch  Anlegung  dreier  Karpfenteiche  das  Wasser  entzogen,  wurde
als  der  Wahrheit  nicht  entsprechend  auf  Grund  der  Zeugenaussagen  und  des  Augenscheines
  abgewiesen,  und  die  Mühle  zwangsweise  verkauft.  Arnold  reichte  dem  Könige
unmittelbar  eine  Biltschrift  ein,  und  Friedrich  befahl  einem  Obersten,  die  Sache
zu  untersuchen.  Der  Oberst  sandte  einen  für  Arnold  günstigen  Bericht  ein.
Wiederum  aber  eutschied  die  neumärkische  Regierung  wie  das  Kammergericht  in  der
Hauptsache  gegen  Arnold.  Gewissenhaft  hatte  man  nach  dem  Buchstaben  des  Gesetzes
  und  uch  formalem  Recht  geurteilt,  doch,  wie  der  König  lebendig  empfand,
nicht  nur  wider  alle  natürliche  Billigkeit,  sondern  gegen  alle  gesunde  Vernunft.
Denn  sonnenklar  schien  es  doch,  daß  der  Müller  nicht  zahlen  konnte,  wenn  ihm
das  Wasser  entzogen  würde.  Heftig  war  der  König,  dem  auch  sonst  damals  Klagen
über  Bedrückung  von  Unterthauen  zugingen,  empört,  „seinen  Namen  habe  man  cruel
gemißbraucht“  und  aufs  schärfste  schritt  er  ein;  der  Müller  erhielt  seine  Mühle
wieder,  die  Richter  mußten  ihm  den  entstandenen  Schaden  ersetzen,  sie  selbst  wurden
ihres  Amtes  enthoben  und  zu  einjähriger  Festungshaft  verurteilt.  Fürst  ward
ganz  kurz,  aber  in  Uebereinstimmung  mit  der  ihm  oft  schon  wegen  seiner  angeblichen
  oder  wirklichen  Saumseligkeit  angedrohten  königlichen  Ungnade  seines.
Dienstes  entlassen.

Dem  Könige  war  es  Pflicht,  für  das  Wohl  des  kleinen  Mannes  so  zu  handeln,
und  wie  tief  das  Schicksal  der  unschuldigen  Richter  auch  beklagt  wurde,  dieser
Sinn  des  Königs  und  sein  Streben  nach  unparteiischer  Rechtspflege,  die  seinem
Thun  unzweifelhaft  zu  Grunde  läg,  erweckte  ihm  doch  wieder  gerade  neues  Vertrauen.
  Vornehmlich  wurde  nun  der  bisherige  schlesische  Justizminister  von  Carmer,
der  durch  seine  Thätigkeit  in  Schlesien  sowohl  für  allgemeine  Dinge,  wie  namentlich
für  die  Rechtspflege  längst  schon  des  Königs  Aufmerksamkeit  auf  sich  gezogen  hatte,
zum  Großkanzler  ernaunt,  und  ihm  folgte  sein  noch  größerer  Gehilfe  Svarez  aus
Schlesien  nach  Berlin.  Ungemein  umfassend  und  eindringlich  ist  die  Anweisung,
die  ihm  der  König  gab,  und  die  Svarcz  alsdann  fast  wörtlich  in  die  „allgemeine
Instruktion  für  die  Justizkollegien“  aufnahm.  Nun  wurde  die  Schaffung  eines
allgemeinen  Landrechts  wieder  mit  vollster  Lebendigkeit  und  großer  Sachkunde
aufgenommen.  Carmer  schalt  zwar  auf  Cocceji,  im  wesentlichen  aber  stand  er
auf  dessen  Standpunkt.  Das  Gesetz  allein  sollte  die  Rechtsquelle  sein,  auch  er
hielt  die  Schöpfung  eines  allgemeinen  Landrechts,  das  unter  Beseitigung  des
römischen  Rechts  und  seiner  unzähligen  Streitigkeiten  nur  dessen  vernunftgemäße
Sätze  gelten  lassen  sollte,  für  das  dringendste  Erfordernis.  Aber  indem  er  davon
Abstand  nahm,  alles  allein  machen  zu  wollen,  kam  er  unendlich  weiter  als  Cocecji,
kam  er  zum  Resultat.  Eine  Kommission  aus  Praktikern,  nicht  aus  Professoren,
„die  immer  zu  weitläufig  seien“,  wurde  berufen,  und  deren  vornehmstes  Mitglied
war  Svarez.  Noch  1781  wurde  als  Fortsetzung  der  früheren  Arbeiten  Coccejis.
eine  neue  Prozeßordnung  veröffentlicht,  Justizvisitationen  in  den  einzelnen  Provinzen
  folgten,  die  unter  anderem  eine  neue  Organisation  des  Kammergerichtes,
        <pb n="531" />
        Rechtspflege.  —  Schulwesen.  421

 

Balancc  de  Fredéric.

Gleichzeitige  allegorische  Darstellung  der  Entscheidung  Friedrichs  II.  im  Müller  Arnoldschen  Prozeß
i.  J.  12750,  in  Paris  1780  gezeichnet  und  radiert  ke  asie  Vangelisti  Gd-—2.  Auf  etwa  die  Hälste

seine  Teilung  in  zwei  Senate,  zur  Folge  hatten.  Im  Frühjahr  1786  waren  die
Arbeiten  der  Gesetzeskommission  so  weit  gediehen,  daß  dem  König  der  letzte  n
des  ersten  Teiles  des  Allgemeinen  Landrechts,  d.  h.  desjenigen  Gesetzbu

gereicht  werden  konnte,  welches  man  damals  selbst  im  nichtpreußischen
als  „den  Vorboten  des  Gesetzbuches  für  ganz  Deutschland“  ansah.

Wenn  der  König  seine  strafrechtliche  Anschauung  einmal  dahin  aussprach,  es
sei  besser,  Verbrechen  zu  verhindern  und  ihnen  zuvorzukommen,  als  sie  zu  bestrafen,
und  sich  damit  himmelhoch  über  die  Ansichten  der  nächsten  Vergangenheit  erhob,
so  hoffte  er  wesentlich  durch  eine  verbesserte  Schuleinrichtung  und  namentlich  durch
die  Hebung  des  Religionsunterrichtes  eine  Abnahme  der  Verbrechen  zu  erreichen.
Aber  er  erkennt  überhaupt  in  einer  „vernünftigen  sowohl  wie  christlichen  Unterweisung
  der  Jugend  zur  wahren  Gottesfurcht  und  anderen  nützlichen  Dingen“
den  Grund  „für  das  wahre  Wohlsein  seiner  Länder  in  allen  Ständen“.  Und
dieses  war  ja  sein  alleiniges  Streben.  „Die  Erziehung  der  Jugend  muß“,  chreibt
er  ein  anderes  Mal,  „als  Hauptsache  gelten.  Auf  alles  übt  sie  einen  8
aus;  sie  schafft  nicht,  aber  sie  kann  Fehler  verbessern.“  Natürlich  konnte  bei  den
uͤberaus  großen  Anforderungen,  die  an  die  Mittel  des  Königs  gestellt  wurden,
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        422  Schulwesen.

noch  nicht  ein  idealer  Zustand  geschaffen  werden,  und  in  manchen  Beziehungen
mußte  der  damals  außerordentlich  lebhaften  und  weit  verbreiteten  Neigung  von
Privatleuten,  sich  um  die  Erziehung  zu  kümmern,  Raum  gelassen  werden.  Und
Männer  wie  der  Oberkonsistorialrat  Hecker  in  Berlin,  der  Abt  Felbiger  in  Sagan,
und  vorzüglich  der  märkische  Edelmann,  Domherr  Fr.  Eberh.  von  Rochow,  haben
sich  die  höchsten  Verdienste  um  das  Schulwesen  erworben.  Doch  in  Preußen  hatteman
  schon  unter  Friedrich  Wilhelm  I.  begriffen,  daß  dieses  die  Aufgabe  des  Staates.
sei,  und  für  Friedrich  war  die  Hebung  der  Bildung  eine  selbstverständliche  Pflicht,
bei  der  ihn  namentlich  der  Minister  von  Zedlitz,  sowie  der  schlesische  Minister
von  Schlabrendorf  mit  großer  Sachkenntnis  unterstützten.  Am  23.  September
1763  erging  das  von  Hecker  verfaßte  General-Landschul-Reglement,
  in  dem  die  allgemeine  Schulpflicht,  die  Ablegung
  einer  Prüfung  der  Schullehrer  und  die  doppelte
Aufsicht  der  Schulen  durch  die  Ortsgeistlichen  wie  die
Superintendenten  und  Inspektoren  angeordnet  wurde.
Mehrere  Schullehrerseminarien  wurden  in  den  verschiedenen
Provinzen  gegründet,  der  Bau  von  Schulhäusern,  die
wenigstens  auskömmliche  Besoldung  der  Schulmeister
angeordnet,  ihre  Nebenbeschäftigung  als  Handwerker
oder  Schankwirte  thunlichst  beseitigt.  Doch  mußte  nach
dem  bayerischen  Erbfolgekrieg  ein  Teil  der  Invaliden  seine
bürgerliche  Versorgung  noch  in  der  Thätigkeit  als  Schulmeister
  finden,  und  das  von  ihrem  Feldprediger  über
ihren  sittlichen  Wandel  erforderte  Zeugnis  bot  doch  nicht
die  Gewähr  für  ihre  Befähigung  zu  dem  erzwungenen
Beruf.  Es  war  aber  ein  wesentlicher  Erfolg,  wenn  in
Schlesien  bis  zum  Jahre  1769  238  evangelische  und
240  katholische  Schulen  nen  errichtet  waren,  wenn  die
Zahl  der  Schulmeister  in  der  Kurmark  bis  auf  1760
S  UAREZ½  hestiegen,  für  Westpreußen  wenige  Jahre  nach  der  Besit- 



Silbouette  in  C.  Oeßier.  ergreifung  nach  Friedrichs  Angabe  180  neue  Schulmeisterdsche,
  Sellen  .l  1  stellen  geschaffen  waren.  Noch  größere  Aufmerksankeit
kt  wure  den  Gymnasien  gewidmet,  einzelne,  wie  das  Joachimstalsche,

  wurden  einer  vollen  Umbildung  unterzogen,  und
so  eingehend  interessierte  sich  der  König  persönlich  dafür,  daß  er  sich  rühmte,  das.
Studium  der  ericchischen  Sprache  würde  gänzlich  verschwinden,  wenn  er  sich  nicht
darum  bekümmerte.  Die  Kenntnis  der  lateinischen  Sprache  verlangt  er,  dem  sie  fehlte,
von  allen  jungen  Leuten;  aus  der  Vertiefung  in  die  Geschichte,  namentlich  die
neuere  seit  Karl  V.,  sieht  er  die  Vaterlandsliebe  und  mit  ihr  überhaupt  alle
Tugenden  hervorsprießen.  Der  Unterricht  in  der  Geschichte  und  in  der  Muttersprache
  sind  ihm  die  Wurzeln  aller  geistigen  Selbstthätigkeit,  d.  h.  des  Zieles  der
ganzen  Erziehungsarbeit.

Man  kennt  die  geringschäzige  Meinung  Friedrichs  von  der  deutschen  Litteratur,
aber  man  weiß  auch,  wie  er  aufatmete,  als  er  in  den  Gellertschen  Fabeln  die
Fähigkeit  der  deutschen  Sprache  entdeckte,  einen  Gedanken  schlicht  und  klar  auszudrücken.
  Man  beklagt,  daß  Friedrich  die  frischen  Knospen  unserer  Litteratur
nicht  mehr  kennen  lernen  mochte,  aber  man  bewundert  die  Sicherheit  des  Urteils,
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        Schulwesen.  —  Katholische  Kirche.  423

daß  er  gleichwohl  wie  ein  zweiter  Moses  die  kommende  Herrlichkeit  des  deutschen
Geistes  schaut.  Allerdings  wie  Moses  den  Kindern  Israels  den  Weg  zum  gelobten
Lande  gezeigt  und  sie  ihn  geführt  hatte,  so  war  es  auch  nicht  das  Geringste,
was  Friedrich  selbst  für  die  deutsche  Litteratur  gethan.  Seine  Thaten  hatten  —
kein  geringerer  als  Goethe  sagt  es  —  der  deutschen  Dichtung  wieder  Lebenskraft,
unserer  Bildung  Gehalt  und  unserem  Empfinden  Worte  gegeben.  Den  tief  verborgenen
  Born  unserer  Sprache,  die  Fülle  ihres  Reichtums  wieder  aufzudecken,
war  gerade  in  den  späteren  Jahren  des  Königs  Sinnen  und  Trachten,  und  aus
ihm  floß  auch  das  starke  Gewicht,  das  er  auf  den  Unterricht  in  der  deutschen
Sprache  in  allen  Schulen  legte.  Mit  den  Gymnasien  wurden  zuweilen  Realschulen
  verbunden,  teils  wurden  solche  neu  errichtet.  Für  die  Vorbildung  der
Gymnasiallehrer  leistete  ein  für  sie  an  der  Universität  Halle  von  Semler  geleitetes
Seminar  zeitweise  Ausgezeichnetes,  und  die  Berufung  der  fähigsten  Kräfte  an  die
Universitäten,  von  denen  hier  nur  die  des  Philologen  Fr.  Aug.  Wolf  nach
Halle  erwähnt  sein  mag,  während  Kant  trotz  aller  Vorstellungen  eine  solche
ablehnte,  war  eine  der  Hauptbestrebungen  des  Ministers  von  Zedlitz.  Der  König
selbst  aber  beschäftigte  sich  so  ernsthaft  mit  dem  Universitätswesen,  daß  er  seine
Gedanken  darüber  in  dem  bekannten  Aussatz  über  die  deutsche  Litteratur  sergeine
niederschrieb  und  sogar  über  die  von  den  Universitätslehrern  einzuschlagende
Methode  Vorschläge  machte.

Eine  gewisse  Verwunderung  hat  es  allezeit  erregt,  daß  der  König,  als  die
Bulle  vom  21.  Juli  1773  den  Jesuitenorden,  den  Friedrich  selbst  als  Ungeziefer
früher  bezeichnet  hatte,  aufhob,  den  Verfolgten  in  seinen  Staaten  eine  Freistätte
geboten  hat.  Selbst  d'Alembert  meinte  am  Schluß  eines  längeren  Briefwechsels
über  diese  Angelegenheit  mit  dem  König:  „Wenn  alle  Fürsten  Friedriche  wären,
so  könnte  meinekwegen  Europa  mit  Jesniten  gepflastert  sein.  Aber  die  Friedriche
gehen  vorüber,  und  die  Jesuiten  bleiben.“  Jedenfalls  war  der  Orden  in  seinen
Ansprüchen  durch  die  von  den  katholischen  Fürsten  durchgesetzte,  päpstliche  Aufhebung
  tief  gebengt,  Friedrich  hatte  keinen  Ersatz  für  den  Unterricht,  den  seine
Jünger  namentlich  an  den  Gymnasien  Westpreußens  und  an  der  Universität
Breslau  leiteten,  und  um  den  Forderungen  des  Papstes  zu  genügen,  bildeten  sie
auch  in  Preußen  nicht  mehr  einen  festgeschlossenen  Orden,  sondern  wirkten  einzeln
und  unterstanden  der  Aussicht  des  Breslauer  Weihbischofs  von  Strachwih.

Der  Bischof  von  Breslau  selbst  nämlich,  Graf  Schaffgotsch,  war  damals  von
seinem  Amte  entfernt.  Mit  schmählichem  Verrat  hatte  er  die,  wie  berichtet,  sehr
große  Gnade  des  Königs  belohnt  und  war  1757  zu  den  Oesterreichern  übergegangen,
war  1766,  troyddem  ihn  Friedrich,  großmütig  geung,  nach  dem  Frieden  in  die
allgemeine  Amnestie  aufgenommen,  aus  dem  ihm  angewiesenen  Oppeln  entflohen,
und  der  Papst  hatte  den  Weihbischof  von  Strachwitz  mit  der  Vollmacht,  als  Bischof
zu  handeln,  versehen.  Ueberhaupt  hatte  sich  während  des  Krieges  die  katholische
Geistlichkeit  keineswegs  immer  königstreu  gezeigt  und  sich  mehrfach  offen  oder
heimlich  auf  die  Seite  des  Landesfeindes  gestellt.  Schon  1757  hatte  daher  der
König  die  Befugnis  der  katholischen  Pfarrer,  von  den  Evangelischen  Stolgebühren
und  Zehnten  zu  fordern,  aufgehoben  und  den  Evangelischen  die  Kirchen  in  Dörfern,
die  keine  katholischen  Einwohner  mehr  hatten,  überwiesen.  Sehr  ernst  wurde
nach  dem  Frieden  auf  den  Eid  der  Treue  und  des  Gehorsams  bei  der  katholischen
Geistlichkeit  gehalten,  die  Unzahl  der  Feiertage  vermindert,  bei  der  Bestätigung
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        424  Katholische  Kirche.

der  Prälaten  mit  großer  Vorsicht  verfahren,  die  Schenkungen  und  Legate  an  die
Kirche  beschränkt,  die  Hälfte  der  geistlichen  Güter  der  Verwaltung  durch  die
Kammern  unterstellt,  und  die  Klöster  dadurch  für  den  Staat  nütlich  gemacht,
daß  man  sie  nötigte,  Kolonisten  anzusetzen  und  Fabrikanlagen  aller  Art  vorzunehmen.
  Eine  große  Anzahl  von  Menschen  erlangte  so  durch  den  Reichtum  der
geistlichen  Güter  ihren  Lebensunterhalt,  und  trotzdem  natürlich  die  ginzelnen.
betroffenen  Kleriker  saure  Gesichter  zeigten,  war  die  katholische  Kirche  als  solche,
war  namentlich  der  Papst  voll  befriedigt.  Als  1773  in  Berlin  der  Bau  der
katholischen  Hedwigskirche  vollendet  war,  übermittelte  der  Heilige  Vater  dem
Könige,  „welcher  das  Wohlwollen  seiner  Familie  gegen  die  katholische  Kirche
geerbt  habe",  seinen  Dank.  Der  neue  Weihbischof  von  Breslau,  von  Rothkirch,
fand  bei  den  Beweisen  der  väterlichen  Gesinnungen  Friedrichs  gegen  die  katholischen
Unterthanen  sein  bischöfliches  Amt  „süß  und  leicht“,  und  ein  spanisches  Kapuzinerlein,
  voller  Begeisterung  für  den  Schutz,  den  dieser  zuwereichliche  König  der
katholischen  Kirche  angedeihen  ließ,  glaubte,  seine  Liebe  für  den  König  nicht
anders  bethätigen  zu  können,  als  indem  er  in  nührender  Einfalt  ihn  bat,  um
seine  Verdienste  zu  vervollkommnen,  nun  auch  noch  in  den  Schoß  der  allein
seligmachenden  katholischen  Kirche  zurückzukehren.

und  diese  Zustimmung  der  katholischen  Kirche  zu  Friedrichs  Maßnahmen
war  um  so  wichtiger,  als  nach  der  Eroberung  Westpreußens  der  Staat  wieder
eine  sehr  große  Zahl  von  katholischen  Unterthanen  erhalten  hatte,  die  zudem  in
der  polnischen  Zeit  vollkommen  verwildert  und  zu  Barbaren  geworden  waren.
Nur  763  Menschen  wohnten  hier  1772  auf  der  Geviertmeile,  und  drei  Fünftel
von  ihnen.  schmachteten  in  der  drückendsten  Leibeigenschaft.  Als  ihren  Solon
und  Lykurg  betrachtete  sich  Friedrich,  und  langer  Zeit,  meinte  er,  würde  es
bedürfen,  ehe  man  vermittelst  einer  besseren  Erziehung  dahin  gelangen  werde,
diese  Irokesen  zu  zivilisieren.  Von  der  Verwahrlosung,  der  Dummheit,  der
Rechtlosigkeit,  dem  elenden  Zustande,  der  in  den  Städten  wie  auf  dem  platten
Lande  herrschte,  läßt  sich  kaum  eine  Vorstellung  bilden,  die  nicht  hinter  der
Wahrheit  noch  zurückbliebe.  Der  größte  Teil  der  Einwohner  war  daher  mit  der
Unterstellung  unter  preußische  Hoheit  „nicht  eben  sehr  unzufrieden“.  Friedrich
aber  führte  sie  zu  einem  menschenwürdigen  Dasein,  zu  einem  Glück,  von  dessen
Möglichkeit  sie  nichts  geahnt.

Er  besiegte  alle  Schwierigkeiten,  und  der  Kammerpräsident  Domhardt,  den
er  zum  Oberpräsidenten  ernannte,  hat  bei  diesem  Siege  das  nächst  größte  Verdienst.
  Schon  1771  hatte  der  König  Grundsätze  entworfen,  „wonach  die  neue
Einrichtung  im  Königreich  Preußen  soll  gemacht  werden“,  und  als  das  sicherste
Mittel,  diesen  sklavischen  Leuten  bessere  Begriffe  und  Sitten  beizubringen,
bezeichnete  er,  solche  mit  der  Zeit  mit  Deutschen  zu  vermischen,  auch  wenn  es
anfänglich  nur  mit  zwei  oder  drei  in  jedem  Dorfe  geschehen  könne.  Domhardt
erhielt  die  auserlesensten  und  besten  Kriegsräte  und  hatte  zuvörderst  eine  neue
Katastrierung  des  platten  Landes  mit  größter  Eilfertigkeit  vornehmen  zu  lassen,
während  in  den  Städten,  wie  Elbing,  Marienburg,  Graudenz  und  Bromberg
die  Akzise  eingeführt  werden  sollte.  In  Marienwerder  wurde  eine  Kriegs=  und
Domänenkammer  für  Westpreußen  —  diesen  Namen  gah  der  König  dem  neuen

ande  —  errichtet,  während  Ermland  zum  Königsberger  Departement  und  einige
östliche  Striche  zur  Neumark  gezogen  werden  sollten;  später  mußte  in  Bromberg
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        Westpreußen.  425

noch  ein  Deputationskollegium  hinzugefügt  werden.  Wesentliche  Förderung  erfuhr,
wie  erwähnt,  auch  hier  das  Schulwesen,  die  Rechtspflege  wurde,  da  der  König
den  Urteilen  der  ständischen  Patrimonialgerichte  „das  Leben  und  die  persönliche
Sicherheit  seiner  Unterthanen  nicht  aussetzen  zu  können“  erklärte,  in  zweiter
Instanz  einem  Ober-Hof=  und  Landgerichte  in  Marienwerder  unterstellt,  während
Landvogteigerichte  und  auf  den  Domänen  die  königlichen  Justiziarien  die  erste
übten.  Für  den  Neubau  der  wüsten  Stellen  in  den  Städten  und  auf  dem  Lande,
vorzüglich  für  das  Wohl  des  armen  Mannes,  wurde  die  umffassendste  Fürsorge
getroffen.  Entfernt  nicht  entsprachen
  die  Einnahmen  aus  dem
Lande,  obwohl  der  Gewinn  aus
den  Domänen  allein  bis  zu
Friedrichs  Tode  um  dreißig
Prozent  stieg,  den  großen  Kosten,
welche  der  König  aufwandte,
aber  er  wollte  das  Geld  gerne
geben,  wenn  seinen  Unterthanen
dadurch  geholfen  würde.  Die
Einnahmen  aus  der  Provinz
wurden  vielmehr  durch  den  Unterhalt
  der  25000  Mann  Soldaten,
welche  Westpreußen  stellte,  und
durch  den  Bau  des  Netzekanals,
der  die  Weichsel  mit  der  Oder
verband,  völlig  verschlungen.
Dieser  Kanal  aber  wurde  für
die  Provinz  und  ihren  Handel
um  so  mehr  von  Bedeutung,
als  Danzig  noch  nicht  zu  ihr
gehörte.  Es  galt  daher,  den
Handel  wenn  möglich  von  Danzig
nach  Elbing  zu  ziehen,  schon  2
wurde  1775  auch  der  Versuch  Meinister  *  vwo  Graf  von  Herhberg.
gemacht,  die  August-Messe  Dan-  mirtc  en  Hndt-—ebesteon  gieoter  et  küo  gest  rrintem
zigs  und  ihre  Vorteile  der  Pro-  nach  dem  emũde  de  por  ei353  *d
vinz  zuzuweisen  und  in  der  an
Preußen  gekommenen  Danziger  Vorstadt  Schottland  eine  Messe  einzurichten.
Mit  vollster  Klarheit  zeugt  der  bis  zum  Jahre  1786  von  173769  auf  540  612
Thaler  gestiegene  Wert  der  Fabrikate,  der  von  77594  auf  194534  Thaler
erhöhte  Absatz  für  die  ganz  außerordentliche  Aufnahme,  die  Handel  und  Gewerbe
in  den  sechzehn  Jahren  genommen  hatten.

rbeit  aber  hatte  die  Wiederherstellung  deutscher  Zustände  in  dem  so
lange  in  polnischer  Knechtschaft  schmachtenden  Lande  zum  Zweck,  und  Deutschland
hatte  gewiß  hier  gewonnen,  was  Preußen  erwarb.  Wir  sahen  oben,  wie  Friedrich
sogar  von  der  Sonne  der  deutschen  Einheit  das  erste  Morgenrot  heraufzuzaubern
wußte,  wie  aber  die  von  ihm  geschaffene  preußische  Macht  diejenige  war,  die
allein  die  finstern  Wolken,  welche  sich  vor  sie  legen  wollten,  zurückscheuchen
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Die  untere  Vildulsrrihe  sleht  auf  dem  Ori6inal  in  öleicher  Höhe  wie  die  obere,  deren  Sortsehung  nach  rechts  sie  büldet.
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        Sieten  sitzend  vor  seinem  Rönig.
Gcheichnet  und  gestochen  von  Daniel  Nilolaus  Chodowlecki  (1726—1801),  auf  °/T  verlleine.
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        428  Friedrich  am  Schluß  seines  Lebens.

konnte.  Er  hatte  dem  von  seinem  Vater  gegründeten  Staat  eine  unvergleichliche
Stellung  gegeben,  von  den  fernsten  Ländern  kamen  die  Gesandten,  ihm  den  Zoll
der  Bewunderung  darzubringen.  Immerhin  mochte  er  am  Schluß  seines  Lebens
keine  auswärtigen  Bundesgenossen  haben,  aber  das  Vertrauen  der  deutschen
Fürsten  zu  Preußen  war  gewonnen,  und  die  auswärtigen  Fürsten  erzitterten,
wenn  er  die  Hand  erhob.  Er  hatte  aber  auch  das  Volk  seines  Staates  ganz
umgestaltet,  er  hat  eigentlich  das  prensiische  Volk  als  solches  erst  geschaffen.  Doch
schon  damals  zeigte  das  Geschöpf  seine  häßlichste  Seite.  Ein  beißender  Witz  war
Friedrich  in  seinen  jungen  Tagen  eigen  gewesen,  und  im  Alter  äußerte  sich  sein
Tadel  oft  bitter  und  schroff.  Die  warme  Liebe  zum  Menschengeschlecht,  die  innige
Zuneigung  zu  seinem  Volke  und  Staate,  die  ihn  beseelte,  zeigte  er  wohl  in  seinen
Handlungen,  aber  immer  seltener  gab  er  ihr  mündlichen  oder  schriftlichen  Ausdruck.
Suchte  sein  Volk  ihm  darin  nachzuahmen,  oder  glaubte  das  Geschöpf  den  Meister
meistern  zu  sollen?  Eine  unbezähmbare  Tadelsucht  ergriff  das  Volk,  und  zu
gern  nur  schmähte  es  die  Einrichtungen,  die  Friedrich  zu  seinem  Heile  gegeben.
Aber  allem  Schelten  und  auch  allen  Angriffen  zum  Trotz,  die  damals  und  später
gegen  den  König  erhoben  wurden,  entsprach  der  Liebe  Friedrichs  doch  eine  tiefe,
innerliche  Dankbarkeit  und  grenzenlose  Bewunderung  des  Volkes  für  diesen  einzigen
König.  Und  man  durfte  wohl  klagen,  daß  der  alte  Fricz  in  seinem  Saussonci  immer
einsamer  wurde,  so  wenig  Gelegenheit  bot,  die  ihm  geschenkte  Liebe  entgegenzunehmen.
In  der  That  war  es  um  ihn  her  seit  lange  gar  still  geworden,  die  einst
geknüpften  Bande  der  Freundschaft  mit  den  Genossen  seiner  Iugendtage  hielt  sein
Herz  viel  zu  fest,  als  daß  es  andere  hätte  gewinnen  mögen.  Mit  den  fürstlichen
Verwandten  fand  kaum  ein  Verkehr  statt,  auch  sie  fürchteten  wohl  das  große,
durchdringende  Auge,  das  im  Bilde  noch  heut  uns  Herz  und  Nieren  zu  prüfen
scheint.  In  neidloser  Anerkennung  hatte  Friedrich  in  Berlin  seinen  Generalen  Denkmäler
  gesetzt,  mit  ausgesuchter  Sorgfalt  begeguete  er  den  wenigen,  die  mit  ihm  alt
geworden.  Wer  wüßte  nicht,  wie  er  den  greisen  Zieten  ermahnt,  sich  des  Rechtes
der  Invaliden  Roms  zu  bedienen,  wie  er  den  alten  Helden  nötigt,  in  seiner
Gegenwart  sich  niederzusetzen?  Rührender  ist  wohl  noch,  wie  der  einsame  Monarch
in  seinem  Testamente  vom  8.  Jannar  1769  aller  seiner  Verwandten  gedenkt,
ihnen  Geschenke  und  Legate  zuweist,  wie  er  namentlich  seiner  Gemahlin,  die  nic  an
ihrem  großen  König  irre  geworden,  seine  dankbare  Hochachtung  zu  bezeugen  weiß.
Seit  dem  August  1785  an  der  Wassersucht  schwer  leidend,  wollte  er  niemanden
  mehr  sehen,  und  nur  mit  Mühe,  ja  nur  mit  List  vermochte  ein  Fremder
ihn  auf  der  Terrasse  in  Saussouci  zu  beobachten.  „Er  näherte  sich“,  schreibt
ein  solcher,  ein  französischer  General,  „von  den  beiden  Kammerhusaren  unterstützt,
und  setzte  sich  auf  den  Lehnstuhl.  Ich  erblickte  den  alten  Helden,  welcher  seine
Feinde  so  oft  erzittern  machte,  abgemattet,  von  Krankheit  überwältigt,  mit  bleichem,
von  Leiden  entstelltem  Gesichte,  von  einem  Husten  befallen,  den  ich  im  Innersten
mitfühlte.  Er  trug  einen  Ueberwurf  von  karmoisinrotem  Sammet,  einen  alten
ut  mit  Federbesatz  auf  dem  Haupte,  das  eine,  offene  Bein  mit  weißen
Linnen  umwickelt,  das  andere,  kaum  wird  man  es  glauben,  war  gestiefelt.  Ich
wurde  bei  diesem  Anblick  von  heiliger  Ehrfurcht  ergriffen  und  fühlte,  während
meine  Augen  auf  ihn  gerichtet  waren,  auf  das  heftigste  meine  Pulse  schlagen.
Nach  fünf  Minuten  ließ  er  sich  wieder  zurückführen,  und  ich  glaubte,  den  Geist  eines
Helden,  der  mir  aus  einer  anderen  Welt  erschienen  wäre,  gesehen  zu  haben“.
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        Friedrich  am  Schluß  seines  Lebens.  429

 

Der  Tod  Friedrichs  II.  am  17.  August  1786.
Radierung  von  J.  F.  Bock  (thätig  im  18.  Jahrh.),  auf  ekwa  ?/8  verkleinert.

Es  sind  dieselben  Empfindungen,  die  uns  noch  heute  beseelen,  wenn  wir
dies  wunderbar  reiche  Leben  übersehen.  Es  ist  nichts  anderes  als  die  Verwirklichung
  der  Lehren,  welche  der  König  selbst  über  die  Pflichten  des  Fürsten  gegeben.
  Immer  solle  er  sich  erinnern,  so  verlangte  Friedrich  von  diesem,  daß  er
nichts  sei  als  ein  Mensch,  gerade  wie  der  geringste  seiner  Unterthanen.  Und
wenn  er  der  höchste  Richter,  der  oberste  Kriegsherr,  der  vorderste  Verwalter  der
Staatseinkünfte,  der  erste  Minister  des  Staates  sei,  so  sei  er  es  nur,  um  deren
Pflichten  auszuüben.  Nichts  ist  der  Fürst,  als  der  erste  Diener  des  Staates,
verpflichtet,  ehrlich,  weise  und  vollkommen  uneigennützig  zu  handeln,  jeden  Augenblick
  bereit,  seinen  Mitbürgern  Rechenschaft  von  seinem  Thun  zu  legen.  Und
wie  lauten  die  Worte,  mit  denen  der  König  den  Aussatz  über  diese  Pflichten
schließt?  „Zuletzt",  so  schreibt  er,  „ist  der  König  recht  eigentlich  das  Haupt  einer
Familie  von  Bürgern,  der  Vater  seiner  Völker,  bei  allen  Gelegenheiten  muß  er
die  letzte  Zuflucht  der  Hw  den  Waisen  ein  Vater,  den  Witwen  ein
Helfer  sein.  Ein  Herz  soll  der  Fürst  haben  wie  für  den  ersten  Hofmann,  so
auch  für  den  lehten  E#o  und  volle  Freigebigkeit  soll  er  walten  lassen  gegen
        <pb n="542" />
        430  Friedrich  am  Schluß  seines  Lebend.

 

Totenmaske  Friedrichs  II.
Nach  dem  im  Hohenzollernmuscum  zu  Berlin  besindlichen  Original.

die,  welche  aller  Hilfsmittel  beraubt,  nur  in  seinen  Wohlthaten  noch  Beistand
  finden

Und  wie  der  König  den  Aufang  seines  Testamentes  den  Worten  des  Pfalmisten
  nachgebildet  hat:  „Nichts  ist  unser  Leben,  vom  Augenblicke  der  Geburt  an,
bis  zu  dem  des  Todes,  als  ein  pfeilschnelles  Dahineilen“,  so  war  sein  Leben
nach  den  Worten  des  selben  Sängers  köstlich  auch  nur,  weil  es  Mühe  und  Arbeit
gewesen.  Sagt  Friedrich  es  doch  selbst,  daß  die  Bestimmung  des  Menschen
während  der  kurzen  Spanne  Zeit,  die  ihm  gegönnt,  die  Arbeit  für  die  Gesellschaft
  ist,  welcher  er  angehört.  „Seitdem  ich  zu  den  Geschäften  gelangt,  habe
ich  mich“,  so  fährt  er  in  seiner  wundervollen  Bescheidenheit  fort,  „mit  allen
meinen  Kräften  und  nach  meiner  schwachen  Einsicht  bemüht,  den  Staat,  den  zu
regieren  ich  die  Ehre  habe,  glücklich  und  blühend  zu  machen.  Gesetz  und  Recht
habe  ich  walten  lassen,  Ordnung  und  Klarheit  in  die  Finanzen  gebracht,  das  Heer
in  der  Zucht  erhalten,  die  es  allen  Heeren  Europas  überlegen  macht“.  Er  durfte  von
sich  ohne  Ueberhebung  bekennen,  daß  er  alle  Pflichten  gegen  den  Staat  erfüllt  habe.

Seit  dem  9.  Juli  mußte  der  Minister  von  Hertzberg  in  Saussonci  weilen,
dem  Könige  bei  den  Geschäften  zur  Hand  zu  sein.  „Obwohl  man  sah“,  so
berichtet  er,  „daß  der  König  furchtbar  litt,  hat  er  es  uns  doch  nie  merken  lassen,
        <pb n="543" />
        Erläuterungsblatt

zu  dem

eigenhändig  niedergeschriebenen  Testament  des  Rönigs
Friedrich  II.

vom  8.  Jannar  1769.

In  Größe  des  Originales  im  #gl.  Hausarchiv  zu  Berlin.
        <pb n="544" />
        Anfang  und  Schluß  des  nebenstehenden  eigenhändig  niedergeschriebenen
  Testaments  Mönig  Friedrichs  II.

Abertragung.
Eteripelmarte  Stempelmarte
O  Noire  Vie  cut  un  pamage  rapide  du  moment  de  Noi#e  Naissance  a  cchoi  Ode  noire  mom,  pendant
ee  Con  es  espasse  L’'bomme  est  destins  .  U#a.  pour  Le  bieno  de  La  sossielé  dont-il  sait  Corps.  Depuis
e  je  parvins  AManiment  des  assaires,  je  me  auis  apliqué  avec  toute  les  turer  due  le  nature  m’'avoit
4½  er  Selon  mes  faibles  Lumicres  à  rendre  heureux  et  floriaani  cet  eta  u  L'honneur  de
Gouvemer,  j'ai  en  ¾  les  Loix  ei  la  Jusuicc,  j’ai  mis  5%  Tordre  et  de  ia  E  finances,  ei
jai  entretenu  L'at  ans  ceite  Disasipline  a  l  s  rendue  Superieure  Tro  je  L  Eu  urope.
apres  avoir  rempli  ces  Devoirs  envers  L'Etat,  reproche  etemel  a  me  flaires  si  je  ceshe  ce  qui
consserne  Mla  famille,  c'est  denc  pour  Evitér  1#n  #naeils,  aus  Ea  S  elever  entre  mes  proches  a  l'egard
de  mon  ur  due  je  Declar#e  par#  Cer  Ger.  a  n  volon  demiere
Je  et  Sans  regret  ee  Sousle  de  Vie  qui  m  anime  a  La  Nature  bienfalsante  dust
a  naigas  -  le  preir,  2  mon  *“2“  —  uon  il  à  eis  Compost.  j'#asi  vecoh  en  Hlosole  et  je  veuk
eire  enters  Comme  Tel,  r  sans  lIaste,  Sans  Pompe,  je  ne  veur  cne  ni  Di  ni  enm  .
on  m’ientei9  2  au  z  terasses  dans  une  Sepuliure  due  je  me  suis  f#it  preporé##.  Le  prince
le  Nassau  eis  inhunn  E  meme  dans  un  boids  proche  de  Cleves,  ai  je  moeurs  en  tems  de
—  —  en  P  onee  ney  a„  ½#  a  4  mon  Cosps  dans  le  premier  Licu  ed  m#a#nspomér  en  hiverd
sanssouei  au  Lieu  due  J  ai  designé  3  dese

a.  Je  recomande  a  blon  Sueeeroeur  a.  —ll  Son  vent  dans  in  perssone  de  Ses  Oocles  de

Viwe  en  bonne  Inseligunce  t  a  Savoir  qunnt  1l  Le  faut  Sacrilier  Leun  lntereis  —  au  E
patrie  et  aux  de  LEtat.

dles  Derniers  Voeux  au  moment  ou  j’esspireroi  Seront  pour  Le  bonheur  de  Cer  Empire  puisse  (#.#1
——  C#keree  avec  Justice,  Sagese  ei  force,  puisse  1nt  etre  Le  plus  heureug  des  par  la
Douseur  des  Loix,  Le  plus  E——*  Adminiswe  por  voport  aux  finances,  ei  le  plus  Vaillanmant  Delsodu
par  *—  von  ne  respire  due  L’honneur  en  La  belle  Fee  ei  puitsse  1.i#  duror  en  Horissant  jusat
n  des  Sieckes.

33.  Je  e  pour  mon  exsecuteur  Teatamantaire  Le  Duc  Reguant  Charles  de  Bronawic,  de  l'amiti

de  la  pio.  E  .  La  prodité  du  ean  ie  me  promais  quil  Se  churgera  de  faire  ckscculär  ma  Derniere
Volontc.

 

Fait  a  berlin  Le  8.  de  Janvicr  1769.  Federle.
Ubersetzung.
Unser  Leben  ist  eine  schnelle  Reise  vom  Augenblick  unfrer  Geburt  bis  zu  dem  unfces  Todes.  Während
bieses  kurzen  Zettraums  in  der  Mensch  betimmt,  für  das  Wohl  der  Gesellschaft,  deren  Mitglied  er  ist,  zu  arbeiten.
Seitdem  ich  zur  Leitung  der  Geschäfte  gelangte.  habe  ich  mich  mit  allen  Kräften,  welche  die  Natur  mir  gegeben
d  na  einen  gab  ien  bemüht,  diesen  Stoat,  den  ich  zu  regieren  die  Ehre  gehabt  habe,
glücklich  und  blühend  zu  machen;  ich  habe  die  Gesetze  und  die  Gerechtigkeit  herrschen  #e  fch  hade
r  Klarheit  in  die  Finonzen  gebracht,  und  ich  habe  das  Heer  in  solcher  Zucht  erhalten,  die  es  den  andern  Trup-#
!#  ch  Rach  Erfüll  leler  dlidnn  gegen  den  Staat  müßte  ich  mir  einen
Soer  b  zrn  ich  dasjenigc.  was  tu  Familie  betrifft,  vernochlässtgte.  Um  den-  Zerwürsnissen  wo
meinen  Verwandten  in  Vetreff  meiner  Erbschaft  erheben  könnten,  erkläre  ich  deshalb

—  uhs  o  Alt  meinen  letzten  uen:

wihig  und  oyne  Bedauern  diesen  Ledenshauch,  der  mich  beseelt,  der  wohlthällgen  Mer
zurück,  die  ihn  ½  —.  bat,  und  meinen  Leib  den  Elementen,  aus  denen  er  zusammengeseht  ###.  Ich
als  Siaer  chen  und  will  als  solcher  beerdigt  werden,  ohne  Gepränge,  oyne  Prnt.  nn  Pomp:  ich  ent

weder  seziert  noch  einbalsa  werden;  man  soll  mich  in  Sanssouchk  oben  auf  den  n  in  einem  Grabe,
welches  r0  h  *  —  lassen,  *  „F  ————l  e  ebene  nahe  beia
Kleve  begraben  worden.  Wenn  ich  zur  Zeit  eines  Krieges  oder  auf  riner  Reise  Perde,  so  soll  m

im  nöchsten  Orte  deseen  und  ihn  im  l  —  Sanssouci  an  den  Ort  bringen,  den  ich  oben  Aee#  habe.

.  2  r—  znenen  Nachsolger,  sein  Blut  zu  achten  in  der  Person  seiner  Obeime,  seiner  Tanten
—  ufall,  W  das  Geschick  der  Menschen  bestimmt,  regelt  6  birhrhent  herges
*•3  man  aber  rn  2  i  cht  mehr  wert  als  die  andren.  Ich  empfehle  allen  meinen  Verwandten,  in  guter  Einhwack
  zu  leben  und  u  —  wann  sie  ihrr  persönlichen  Interessen  dem  Wohl  des  ee  und  dem  ertu

9  ue
zun  im  —  des  Todes  werden  emn  Glück  dieses  Ache,  gelten.  E  es  immer
mit  uesschihen  t  und  Kraft  regiert  werden,  möge  es  elücklichste  der  Staaten  sein  durch  die  Milde
der  Gesete,  der  am  gerechtesten  verwaltete  in  Oinsicht  der  Enene  und  der  am  toplersten  verlheidigte  durch
einen  boee  der  nur  Ehre  und  schonen  Ruhm  atmet,  und  möge  es  blühen  und  vaucru  bis  zum  Ende  der

Jahrhum
n  ernenne  zu  meinem  Testamentsvollstrecker  den  regierenden  Herzog  Karl  von  Vraunichweig,  von
—  Sgele  und  Redlichkelt  ich  mir  verspreche,  daß  er  die  Vohstreckung  meines  lezten  Willens
¾l!
Gegeben  zu  Vaaln  am  8.  Januar  1769.  Arledrich.
        <pb n="545" />
        EIII—

..

—  –  7  2  *–  *

–  —  5·1

––—————  x  !
—  ——.  —  —  ½„0
*—  .—  –2

—  —  —  .  [Ü  –—  —.
——————  —
–—.——————————
——–  ·  *  *i  —  –  —  .
.  –—.–...—
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        <pb n="547" />
        Friedrichs  Tod.  431

sondern  mit  heiterer  Miene,  zufrieden  und  ruhig,  und  ohne  je  von  seinem  Zustande,
  noch  vom  Tode  zu  sprechen,  hat  er  uns  immer  auf  das  angenehmste
unterhalten,  indem  er  über  die  Angelegenheiten  des  Tages,  über  Litteratur,  über

alte  und  neue  Geschichte  und  besonders  über  Ackerbau  und  Gartenkunst  redete“.

Am  16.  August  verließen  ihn  die  Kräfte,  am  17.  befreite  ein  schmerzloser  Tod  #266
die  Seele  von  den  irdischen  Fesseln.  König  Friedrich  II.  von  Preußen  war  17.  us.
dahin  gegangen.  —

Wer  wird  nun  die  Welt  regieren?  —  so  faßte  ein  schlichter  schwäbischer
Bauersmann  die  Empfindungen  der  Ueberlebenden  treffend  zusammen,  und  Mirabeau
fragte  sich,  wie  der  preußische  Staat  ohne  das  Genie  Friedrichs  fortbestehen
könne.  Der  König  aber  hat  in  feinen  Testament  geschrieben:  „Meine  letzten
Wünsche  in  dem  Augenblicke,  wo  ich  den  letzten  Hauch  von  mir  geben  werde,
werden  für  die  Glückseligkeit  meines  Reiches  sein.  Möchte  es  doch  stets  mit
Gerechtigkeit,  Weisheit  und  Nachdruck  regiert  werden,  möchte  es  durch  die  Milde
seiner  besetze.  der  glücklichste,  möchte  es  durch  seine  Finanzen  der  am  besten  verwaltete,
  möchte  es  durch  ein  Heer,  das  nur  nach  Ehre  und  edlem  Ruhm  strebt,
der  am  tapfersten  verteidigte  Staat  sein,  o  möchte  es  doch  in  höchster  Blüte  bis
an  das  Ende  der  Zeit  dauern!“  —  Und  in  Wahrheit  —  mochten  doch  Stürme
kommen  und  trocken  gewordene  Aeste  abbrechen,  knorrig  geung  war  der  Stamm,
auch  schlimmen  Wettern  zu  trohen.  Mochten  doch  wilde  Schößlinge  sich  an  ihm
emporranken,  noch  konnte  sie  die  Hand  des  einsichtsvollen  Gärtners  beschneiden.
Mochten  doch  selbst  die  Wurzeln  zu  faulen  beginnen,  noch  hatte  der  Baum  Saft
genug,  um  neue  Wurzeln  zu  schlagen,  und  jung  und  kräftig  war  das  Erdreich,
auch  neue  Blüten  und  frische  Frucht  zu  treiben.

 

Apotheose  König  Friedrichs  II.
Kuplerstich  von  Dansel  Nirolaus  Chodowierkl  (7726—160),  auf  etwa  ½  verklelnert.
        <pb n="548" />
        Allegorie  un  9  abrig  riedrih  Vileln  i  II.  in  engsberg  —  dulbigung.
Kupserstich  von  Daniel  Nikolaus  Chodowieckt  (1726—1801),  auf  elwa  verkleinert.

3
Die  Auflösung  des  Staates.

HRönig  FKriedrich  Wilhelm  II.  1786—1797.

des  Prinzen  re  Loütrt  4o  den  Thron.  zaeeken,  lebhaft
  und  voller  Verständnis  für  den  neuen  deutschen  Gedanken,
der  im  Fürstenbunde  zum  Ausdruck  gekommen,  war  Friedrich
—  Wilhelm  II.  entschlossen,  diesen,  an  dessen  Geburt  er  einen
|  wesentlichen  Anteil  genommen,  nach  Möglichkeit  auszubilden.
er  Hermenenrg  Je  mehr  die  Herbigkeit  Friedrichs  in  den  letzten  Jahren  ver-Ooninaisrsbe.
  letzt  hatte,  um  so  mehr  war  es  seinem  Neffen  Herzensbedürfnis,
  mit  gewinnender  Güte  und  menschlicher  Freundlichkeit

  jedermann  zu  begegnen.  Je  seltener  Friedrich  in  den  letzten  Jahren  Hoffestlichkeiten
  veranstaltet  hatte,  um  so  zahlreicher  strömte  man  zu  den  Festen,  die
nach  der  Ablegung  der  Trauer  eiwa  mit  der  großen  Neujahrsgratulation
im  Jahre  1787  ihren  Anfang  nahmen.  Aber  hinter  der  Güte  des  Königs,  die
ihm  den  Beinamen  des  Vielgeliebten  eintrug,  trat  der  Gedanke,  daß  der  Staat.
hart  sein  muß,  wenn  anders  er  sich  und  die  Seinen  behaupten  foll  in  dieser  Welt
        <pb n="549" />
        Das  neue  Regiment.  433

der  sich  reibenden  Kräfte,  nur  allzu  sehr  in  den  Hintergrund.  Die  Minister  Friedrichs,
den  Grafen  Finkenstein  und  den  in  den  Grafenstand  erhobenen  Ewald  von  Hertberg,
  behielt  der  König  zwar  bei,  aber  die  scharfe  königliche  Leitung  fiel  fort,
Differenzen  machten  sich  bemerklich,  und  der  Hof  redete  in  die  Staatsgeschäfte
hinein.

Vornehmlich  gewann  der  Oberst  von  Bischoffwerder  und  der  einstige
Lehrer  des  Königs,  Wöllner,  durch  die  Betonung  der  religiösen  und  mystischen
Dinge  Einfluß  auf  die  weiche  und  zu  allem  Uebersinnlichen  geneigte  Seele  des
Königs.  Wöllner,  an  Stelle  des  hochbedeutenden  von  Zedlitz  zum  Justizminister
und  als  solcher  zum  Leiter  des  geistlichen  Departements  ernannt,  glaubte  sich

 

Die  Neujahrsgratulation  bei  Hofe  Verlin  an  1.  Januar  1787,  mit  Ansicht  des

Radierung  von  Joh.  Georg  *  —e  aus  /1  verkleinert.

berufen,  die  gottlos  und  unsittlich  gewordene  Menge,  wie  namentlich  die  Geistlichkeit,
  die  sich  vielfach  ohne  sittlichen  und  wissenschaftlichen  Ernst  in  der  nackten
Verleugnung  ihrer  Kirchenlehre  gefiel,  durch  ein  Religions=  und  Zensuredikt  zur
wahren  Religion  zurückzuführen.  Man  darf  selbst  an  der  Ehrlichkeit  der  Absicht
zweifeln,  und  sicher  entsprachen  die  Thaten  den  Worten  nur  wenig.  Denn  nicht
um  eine  Aenderung  der  Herzen,  sondern  um  die  Beobachtung  äußerer  Formen,
um  das  Bekenntnis  mit  dem  Munde  handelte  es  sich.  Die  Aufklärung,  deren
man  sich  rühmte,  bestand  nach  Lessings  Ausdruck  nur  in  der  Freiheit,  gegen  die
Religion  so  viel  Sottisen  auf  den  Markt  zu  bringen,  wie  man  wollte.  Aber
durch  Edikte,  durch  Examinationskommissionen  und  Katechismus-Ausgaben.  war  sie
so  wenig  wie  durch  polizeiliches  Nachspüren  zu  beseitigen.  Unklar,  wie  sie  gefaßt
waren,  öffneten  die  Edikte  vielmehr  der  Heuchelei  die  Thore  und  ließen  sich  nur
Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="550" />
        434.  Das  neue  Regiment.

zu  leicht  gegen  jeden,  der  sich  unliebsam  machte,  gebrauchen.  Die  Thatsache,  daß
der  König  die  zur  Gräsin  Lichtenau  erhobene  Wilhelmine  Enke  als  seine  Geliebte
behandelte,  daß  er  späterhin  mit  der  Gräfin  Ingenheim  und  nach  deren  Tode  mit
der  Gräfin  Dönhoff  zu  Lebzeiten  seiner  Gemahlin,  der  Königin  Friederike,
Ehen  abschloß,  wirkte  auf  den  Hof  wie  die
bürgerliche  Gesellschaft  als  ansteckendes  Beispiel
und  erwünschte  Entschuldigung  verderblich  ein.
Ueberdies  aber  hatte  das  Werk  Friedrichs,  so
gewaltig  es  auch  war,  doch  auch  seine  Schwächen,
die  gerade  in  der  Größe  Friedrichs  beruhten,
und  die  sich  nun  schnell  fühlbar  machten.  Von
vornherein  eine  Natur  von  unübertroffener  Selbständigkeit
  und  Arbeitskraft  hatte  Friedrich,  wie
wir  sahen,  selbst  alles  und  jedes  allein  geleitet,
ja,  je  älter  er  wurde,  je  mehr  gewöhnte  er  sich,
nur  sich  selbst  zu  vertrauen.  Die  Gabe,  welche
der  Vater  bei  aller  Selbständigkeit  und  Eigenmächtigkeit
  gehabt  hatte,  Schüler  zu  erziehen,
die  sein  Werk  fortsetzen  konnten,  war  Friedrich
versagt  worden.  Die  harte  Schule,  in  welcher
Friedrich  Wilhelm  I.  den  Geist  seines  Kronprinzen
  zur  Arbeit  und  Pflichterfüllung  erzogen
hatte,  ist  dem  jungen  Prinzen  von  Preußen  nicht
geworden,  wiewohl  auch  Friedrich  es  an  hartem
Tadel  nicht  hatte  fehlen  lassen.  Anfänglich  trat
der  König  energisch  genug  auf,  erklärte,  sich
selbst  der  Regierung  sgeschäfte  zu  unterziehen,
verbat  sich  „ein  independentes  Verfahren“  der
Minister  und  verlangte  von  seinen  Beamten
„neben  der  Ehrlichkeit  und  Thätigkeit  auch  Gehorsam,
  dieselbe  Folgsamkeit  bei  dem  Zivildienst
wie  von  seinen  Offizieren“.  Allein  die  Beamten
waren  nicht  mehr,  wie  zur  Zeit  von  Friedrichs
Thronbesteigung  an  Selbstthätigkeit  gewöhnt,
nicht  mehr  gezwungen,  selbst  zu  denken,  selbst
zu  erfinden,  sondern  vielfach  wenigstens  hatten
sie  sich  gewöhnt,  als  gefügige  Werkzeuge  zu
dienen.  An  die  Stelle  des  Bewußtseins,  einem
reubischer  Gomedler  vom  Lrenedier.  Friedrich  zu  dienen,  trat  mehr  und  mehr
Fssspchech  ner  eeine  geschäftsmäßige  Routine,  die  es  vergaß,
g  2  daß  die  Form  der  Geschäfte  nach  den  Bedürf-WWtW
  oe  nissen  und  Ideen  der  Zeit,  nicht  aber  diese  nach
jenen  zu  bilden  seien.  Man  gewöhnte  sich,  in
den  hergebrachten  Formen  den  Grund  der  Größe  des  Staates  zu  sehen  und
bedachte  nicht,  daß  jene  für  die  Bedürfnisse  ihrer  Zeit  getroffen  seien,  und  daß
das  Leben  stets  neue  Forderungen  stellt,  die  ungestraft  nicht  vernachlässigt  werden
dürfen.
        <pb n="551" />
        Rönig  Friedrich  Wilhelm  II.  von  Preußen.
Nach  dem  Gemälde  von  Edmund  en  teh  (cdeb.  um  1742,  Het.  1795)  gestochen  von
Domenico  Cunego  (1  Auf  eltwa  ¼  verkleinert.
Das  Namenssaksimile  nach  einem  —  *t  Kgl.  Pr.  Geh.  Staatzarchiv  zu  Verlin.
        <pb n="552" />
        436  Die  ersten  Maßregeln.

Dennoch  geschah  mancherlei,  was  wohlthätig  wirken  konnte,  wenn  es  nur  mit
Kraft  durchgeführt  wurde.  Die  Freiheit  des  Handels  und  des  Verkehrs  wurde
durch  Verminderung  der  Durchgangszölle  und  namentlich  durch  die  Abschaffung.
der  Regie,  des  Kaffee=  und  Tabakmonopols  begünstigt,  und  für  die  Industrie  und
Straßenanlagen  wurden  im  ersten  Jahre  allein  über  drei  Millionen  Thaler  ausgegeben.
  Die  Salz-Produktion
wurde  derartig  gehoben,  daß  sie
ohne  Erhöhung  des  Preises  der
Staatskasse  nicht  unerhebliche
Zuschüsse  liefern  konnte.  Dem
Schulwesen  wurde  eine  gewisse
  Einheit  durch  das  aus
praktischen  Schulmännern  zusammengesetzteOberschulkollegium

gegeben.  Für  das  Heerwesen
wurde  das  Oberkriegskollegium
errichtet,  die  Zahl  der  Grenadierbataillone
  verdoppelt,  die
Anwendung  sanfterer  und  menschnamentlich

  bei  den  Regimentern
in  Berlin  und  Potsdam  entsprochen.
  Im  Generaldirektorium,
dem  noch  im  Jahre  1786  eine
neue  Instruktion  gegeben  wurde,
und  im  Finanzwesen  suchte  man
Einrichtungen  zu  treffen,  welche
die  bisherige  alleinige  Leitung
der  Geschäfte  durch  den  König
ersetzen  sollten.  Die  infolge  des
Arnoldschen  Prozesses  entlassenen
Richter  wurden  für  unschuldig
erklärt.  Mit  der  Aufstellung  des
Grundsatzes,  daß  kein  Beamter
ohne  Urteil  und  Recht  vom  Amt
entfernt  werden  dürfe,  begann
sich  ein  Staatsdienerrecht  auszubilden,
  und  auch  die  erhöhte
a  ae  genn  Zrala  n  Stneiuler  Ker  Besoldung  der  Weamten  komte
Francis  Cunningam  (geb.  um  1742,  gest.  1795).  Auf  /8  verkleiner  zu  ihrer  Unabhängigkeit,  konnte#
zu  erhöhter  Pflichterfüllung
führen.  Die  Stadt  Ruppin,  die  im  August  1786  durch  eine  Feuersbrunst  zerstört
worden,  wurde  auf  königliche  Kosten  für  anderthalb-Millionen  Thaler  wieder  aufgebaut.
  Auch  für  die  Kunst  wurden  Geldmittel  flüssig  gemacht.  Der  König  selbst
war  gleich  seinem  Oheim  ausübender  Musiker,  spielte  mit  Beifall  Cello,  und  von
seinem  Verständnis  für  die  Baukunst  giebt  das  1789—1793  in  Berlin  nach  dem
        <pb n="553" />
        Die  auswärtige  Politik.  437

Muster  der  Vorhalle  der  Akropolis  in  Athen  von  Langhans  errichtete  Brandenburger
  Thor  ein  glänzendes  Zeugnis.  Endlich  gelang  es  sogar,  wiewohl  nicht
ohne  große  Schwierigkeiten,  das  Allgemeine  Landrecht  1794  zu  veröffentlichen  und
zur  Geltung  zu  bringen.  Doch  wie  wohl  solche  und  andere  Aenderungen  gemeint
waren,  viele  von  ihnen  flossen  mehr  aus  einer  allgemeinen,  bald  sentimental
werdenden  Menschenliebe,  als
aus  der  Erkenntnis  der  Wurzel
alles  Uebels.

In  der  auswärtigen  Politik
trat  zunächst  eine  gewisse  Unsicherheit
  ein,  indem  man  aus
der  politischen  Vereinsamung
zwar  durchaus  herauszukommen,
Finckenstein  aber  den  Anschluß
an  Frankreich,  Hertzberg  einen
solchen  an  England  wünschte.
Indessen  hatte  Hertzberg  bald
freies  Spiel.  Der  Fehler  des
Fürstenbundes,  der  unter  einem

riedrich  zurückgetreten  wäre,
und  der  darin  bestand,  daß
Preußen  nicht  eine  führende,
sondern  nur  eine  beeinflußende,
sonst  aber  den  kleineren  Fürsten
ganz  gleiche  Stellung  hatte,  bewog
  ihn  von  diesem  als  „dem
Kreuz  der  großen  Politik“  mehr
und  mehr  abzusehen.  Hertberg
strebte  vielmehr  dahin,  einen
nordischen  Bund  zwischen  Rußland,
  England,  Schweden  und
Preußen  herzustellen,  in  dem
Preußen  die  beherrschende  Rolle
spielen  und  dadurch  zugleich  für
Europa  der  bestimmende  und
führende  Vermittler  sein  sollte.
Anders  als  Friedrich,  glaubte
er  in  der  unbedingten  Feindschaft
  gegen  Oesterreich  das  ¾l  scheag  %
Heil  Preußens  u  se  en,  wollte  ach  dem  made  der  Henrlielle  Felicitas  Tassaert  eitete  am
Oesterreich  erst  7n  EN—x  mit  Endẽ  deo  16.  *  r  [*n  EW  .  —m  gchen  von  Daniel
Rußland,  dann,  als  sich  das
österreichisch-  russische  Bündnis  stärker  zeigte,  als  er  gehofft,  auch  ohne  russische
Hilfe  möglichst  in  den  Osten  hinausschieben.  Die  Voraussetzung  blieb  aber
das  englische  Bündnis,  und  dieses  hoffte  Hertzberg  durch  die  Unterstützung  der
dem  englischen  Interesse  dienstbaren  Oranier  zu  erlan  In  Holland  nämlich
war  es,  abgesehen  von  der  grenzenlosen  Aufregung  hte  #  josephinischen  Pläne,
        <pb n="554" />
        1787

Sept.

1788
65  a

438  Die  holländische  Expedition.

 

Das  neue  Brandenburger  Thor  in  Verlin  nach  seiner  Vollendung  1793.
Kupserstich  von  Daniel  Verger  (1744—1824),  auf  elwa  ½  verkleinert.

noch  zu  den  heftigsten  Streitigkeiten  zwischen  der  monarchischen  und  der  demokratischen
  Partei  gekommen.  England  wie  Frankreich  benutzten  die  Gelegenheit,
um  das  in  Auflösung  begriffene  Land  in  ihre  Gewalt  zu  bekommen.  Thatsächlich
  hatte  aber  Frankreich  England  weit  überholt,  und  England  mußte  die
Hilfe,  zu  welcher  Preußen  —  kraft  seiner  alten  und  gerade  jetzt  durch  die  1767
vollzogene  Vermählung  der  Schwester  Friedrich  Wilhelms  mit  dem  Erbstatthalter
Wilhelm  V.  befestigten  oranischen  Beziehungen  —  berufen  schien,  daher  dankbar
annehmen.  Längere  Zeit  hielt  sich  Friedrich  Wilhelm  indessen  ganz  auf  der  von
Friedrich  selbst  noch  vorgezeichneten  Vermittlungslinie.  Erst  als  seine  Schwester
im  Juli  auf  einer  Reise  von  den  Patrioten,  d.  h.  der  Frankreich  anhängenden
Partei  beleidigt,  auf  einige  Stunden  gefangen  gehalten  wurde,  als  die  Generalstaaten
  jede  Genugthuung  weigerten,  und  Frankreich  die  Vermittlung  ablehnte,
erst  da  rückten  24000  Mann  Preußen  über  die  holländische  Grenze  und  besetzten
nach  Ueberwindung  geringer  Schwierigkeit,  wie  solche  beispielsweise  die  kleine
Festung  Weesp,  unfern  der  Zuider  See  bereitete,  das  Land.  Einen  Augenblick
cchien  es  —  Karl  August  von  Weimar  war  besonders  thätig  dafür  —  als  ob
Holland  dem  Fürstenbunde  beitreten  könne.  Es  schien,  als  ob  Holland  der
englischen  wie  der  französischen  Vorherrschaft  entzogen,  und  die  Mündungen  des
Rheins  für  Deutschland  zurückgewonnen  werden  könnten.  Aber  Friedrich  Wilhelm
begnügte  sich  mit  der  Befestigung  der  Rechte  des  Statthalters,  und  Hertzberg
erkng=  das  englische  Bündnis,  dem  auch  Holland  beitrat.  Von  jedem  Gewinn
        <pb n="555" />
        Hertbergs  Pläne.  439

 

Angriff  auf  die  Stadt  Weesp  in  Holland  durch  die  Preußen,  September  1787.
Nach  der  Zeichnung  des  Maas  van  Altena  radlert  von  C.  Brouwer  Herbeitetei  in  der  zweiten  Hälste  des  18.  Jahrh.).
Auf  etwa  ¼  verkleinert.

für  Preußen,  von  jedem  Vorteil  für  den  preußischen  Handel,  selbst  von  dem
Ersatz  der  Kriegskosten  hatte  man  abgesehen,  e  in  der  Stärkung  des  englischen
Einflusses  auf  dem  Festlande  eine  Waffe  gegen  Oesterreich  und  Rußland  zu
erhalten.  Freilich  war  die  gewählte  ziemiche  #unyt  und  erfüllte  in  der  Folge
nicht  die  auf  sie  gesetzten  Erwartungen.  Wenn  Hertzberg  ferner  gehofft  hatte,
durch  die  Kämpfe,  die  sich  im  Osten  abspielten,  entweder  Rußland  auf  die  preußische
Seite  zu  ziehen,  oder  doch  Frankreich  von  Oesterreich  zu  trennen,  so  sah  er  sich
getäuscht.  Besonders  aber  täuschte  er  sich  in  seiner  Hauptabsicht,  für  Preußen
Thorn  und  Danzig,  wie  auch  die  Palatinate  Posen  und  Kalisch  zu  erhalten.  Er
meinte,  Oesterreich  solle  Galizien  an  Polen  zurückgeben,  und  die  Pforte  dafür  die
Moldau  und  Walachei  an  Oesterreich  abtreten.  Für  den  Wiedergewinn  von
Galizien  dagegen  werde  Polen  bereitwillig  jene  Gebiete  an  Preußen  überlassen.
Natürlich  ließ  sich  kein  Staat  durch  die  klugen  Darlegungen  des  Ministers  zu
solchen  Gebietsveränderungen  in  Güte  bestimmen.  Aber  wenn  nun  die  russischösterreichischen
  Erfolge  gegen  die  Pforte  zu  dem  von  Hertzberg  betriebenen  Bunde
der  Türkei  mit  Preußen  führten,  wenn  Hertzberg  in  den  aufs  tiefste  aufgewühlten
österreichischen  Niederlanden  den  Plänen  Josephs  scharf  entgegentrat,  wenn  er  dem
von  Rußland  arg  bedrohten  Polen  den  preußischen  Beistand,  dem  von  Dänemark  —
dem  Bundesgenossen  Rußlands  —  gefährdeten  Schweden  einen  Einfall  in  das
dänische  Schleswig  in  Aussicht  stellte,  so  stand  man  wohl  einem  Kriege  mit
Oesterreich,  ja  auch  mit  Rußland  gegenüber.  Doch  man  war  auf  dem  Gipfel  des  100
Glanzes,  und  die  preußische  Monarchie  hatte  in  Europa,  so  schien  es,  die  ent-
        <pb n="556" />
        440  Die  Konvention  von  Reichenbach.

scheidende  Stimme.  Man  hielt  trotz  aller  Irrtümer  an  hochfliegenden  Plänen
für  sich  selbst  fest  und  schien  der  Hort  zu  sein,  an  den  sich  die  Schwächeren  anlehnen
  konnten.  Schon  hatte  Preußen  die  umfassendsten  Rüstungen  ins  Werk
gesetzt,  da  slarb  Kaiser  Joseph,  und  sein  Bruder  und  Nachfolger  Kaiser  Leopold
verfolgte  ganz  andere  Pläne  als  der  Verblichene.  Er  suchte  die  Verständigung
mit  Preußen,  und  da  nahm  Friedrich  Wilhelm  ohne  Rücksicht  auf  Hertzbergs
Sträuben  die  gebotene  Hand  an.  Am  27.  Juli  1790  kam  es  zur  Konvention
von  Reichenbach,  in  der  Oesterreich  seine  türkischen  Eroberungen  aufgab,  aber
Belgien  wie  seine  weiteren  Ansprüche  behauptete,
  Preußen  dagegen  auf  jeden  Erwerb,
  selbst  den  von  Thorn  und  Danzig,
verzichtete.  Mit  diesem  Vertrage  hatte  man
einen  vollen  Frontwechsel  vorgenommen.
Nicht  nur,  daß  man  bereits  für  Rüstungen
an  vierzig  Millionen  Thaler  ausgegeben,
hatte  man  vielmehr  sich  neue  Feinde  erweckt
und  Oesterreich  doch  keineswegs  gewonnen.
Wohl  aber  hatte  man  eine  Nachgiebigkeit
gezeigt,  die  Leopold  in  der  Folge  nur  zu
gut  auszunutzen  verstand.  Denn  da  nur
die  österreichischen  Interessen  und  diese  in
vollem  Maße  berücksichtigt,  die  preußischen
und  die  der  ihm  anhangenden  Staaten  aber
gänzlich  vernachlässigt  waren,  trug  diese  Annäherung
  den  Keim  der  Zwietracht  in  ihrem
Schoß.  Zugleich  aber  war  der  Fürstenbund  matt
gesetzt,  Leopolds  Wahl  zum  Kaiser  wurde
anstandslos  vollzogen,  osKerreich  hatte  seine
alte  Stellung  im
Leopold  zurückerobert,  und  selbst  in  Polen,
dessen  Kräftigung  allein  für  Oesterreich
wünschenswert  war,  trat  Friedrich  Wilhelm
—  —  ihm  nicht  entgegen.  Auf  dem  ganzen  Felde
Nadierung  von  Daniel  Alkolaus  Chodowleckk  der  europäischen  Politik  im  Reich,  in  Polen,
(1726—1801)  im  Lhthaechn,  Säer  1790.  in  Schweden,  in  der  Türkei,  in  England
in  den  Niederlanden,  war  Preußen  zurückgeschlagen,
  und  —  was  am  bedenklichsten  —  das  Vertrauen  der  deutschen  Fürsten
schlug  in  das  volle  Gegenteil  um.

Doch  näher  und  näher  schlugen  die  Wellen  der  furchtbaren  französischen
Revolution  an  die  Throne  Europas,  und  als  die  Franzosen  ihren  König  auf  der
Flucht  ergriffen,  ihn  gewaltsam  nach  Paris  zurückgeschleppt  hatten,  da  erglühte
Friedrich  Wilhelms  ritterliches  Herz  von  Begeisterung,  den  unglücklichen  König
4n  retten.  Langsam  nur  war  der  Kaiser  für  die  Rettung  seiner  Schwester,  der

önigin  Maria  Antoinette,  und  für  die  Forderung  um  Genugthuung  wegen  der

1791  hr  dem  Reich  an  seiner  Westgrenze  zugefügten  Schäden  zu  gewinnen.
Allerdings  kam  es  im  Juli  zwischen  Preußen  und  Oesterreich  zu  einem  Vertrage,

in  dem  sich  beide  Staaten  ihren  Besitz  gewährleisteten,  bei  einer  persönlichen  Zu-   



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Schluß  des  eigenhändigen  Schreibens  des  Hönigs  Friedrich  Wilhelm  II.  an  den  Minister  Grafen  von  Hertzberg,  d.  d.  l#.  Juli  1790.
In  Größe  des  Originales  im  Kal.  Preuß.  Geh.  Staatsarchiv  zu  Berlin.
übertragung.
Kurz  meln  Gedanke,  fär  den  Augendlick  auf  Danzia  und  Thorn  zu  verzlchten,  wird  sicherlich  den  Wiener  Hof  nötigen,  deutlich  zu  reden,  und  ihm  die  Möglichkelt  rauben,  tausend
ß  Sbhü.pr..  zu  gebrauchen  ldie  er  gebrauchen  würde  wenn  man  ihm  nicht,  wic  ich  Ihnen  ausdriücklich  befohlen,  den  genauen  Stalus  qno  anböte.
es  Fr  w

Berner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates
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        <pb n="559" />
        Zusammenkunft  von  Pillnitz.  —  Frankreichs  Kriegscrklärung.  441

sammenkunft  des  Kaisers  und  des  Königs,  die  Bischoffwerder  am  25.  August
in  Pillnitz  bewerkstelligt  hatte,  verzichtete  Preußen  sogar  auf  den  geplanten  Austausch
  der  Lausitz  gegen  die  fränkischen  Markgrafschaften,  deren  Heimfall  an  Preußen
in  Aussicht  stand.  Aber  gegen  die  französische  Revolution  kam  es  nur  zu  der  harmlosen
  und  vorsichtigen  Erklärung  vom  27.  August,  und  als  Ludwig  XVI.  die  neue
Verfassung  beschworen  hatte,  sah  man  von  unmittelbarem  Eingreifen  ab.  Unter
ausdrücklicher  Verwahrung  gegen  die  Unterstellung,  als  wolle  man  jener  irgendwie
in  den  Weg  treten,  wurde  zu  Wien  ein  reines  Verteidigungsbündnis  zwischen  beiden
Staaten  am  20.  Februar  1792  geschlossen.
Und  diese  Vorsicht  war  in  Wirklichkeit  um
so  gerechtfertigter,  als  die  Kaiserin  von  Rußand
  darauf  brannnte,  die  Verwickelung  der
Preußen  und  Oesterreicher  im  Westen  zu
benutzen,  um  ihr  Spiel  in  Polen  zu  machen.
Da  erklärte  Frankreich  selbst  am  20.
April  1792  den  Krieg,  und  französische
Heere  überschritten,  während  Preußen  und
Oesterreich  noch  über  die  militärischen  Operationen
  berieten,  am  29.  die  Grenze.
Wenige  Wochen  darauf  waren  aber  auch
russische  Heere  in  Polen  eingerückt,  und
während  hier  unmittelbar  preußische  Bedürfnisse
  in  Frage  kamen,  stellte  Preußen,
wie  einst  in  den  Zeiten  König  Friedrichs  I.,
im  Westen  seine  Truppen  in  den  Dienst
des  von  Frankreich  angegriffenen  Reiches.
Sicher  standen  auch  am  Rhein  ebenso  wie  an  der
Weichsel  staatliche  Interessen  in  Frage,  aber
indem  man  noch  dachte,  beiden  zu  genügen,  —  —
verlor  man  hier  wie  dort  die  Entscheidung  *  7“"
aus  der  Hand.  Kein  Zweifel,  der  fran-  “  —  .  —
zösische  Einfall  mußte  Preußen,  Oesterreich,
das  ganze  Reich  einmütig  und  gewappnet
vorfinden,  aber  dadurch,  daß  man  der  Hofburg  vh  den  P  Agelayse  hn  aneen
alles  nachgegeben,  hatte  man  die  deutschen  ôlltorischer  h  eso
Fürsten  kopfscheu  gemacht,  sich  selbst  in  das
Kielwasser  des  Erzhauses  begeben.  Schon  der  Beginn  des  Krieges  verzögerte  sich,  da
W  inzwischen  verstorben,  und  die  Krönung  des  neuen  Kaisers  Franz  in  Frankwie
  wenn  man  ahnte,  daß  es  die  letzte  sei  —  mit  besonderem  Glanze
vtn  —  Feierlichkeit  begangen  werden  mußte.  Auch  Friedrich  Wilhelm  traf
hier  mit  dem  Kaiser  zusammen,  nachdem  er  die  fränkischen  Markgrafschaften,
welche  ihm  schon  1791  durch  Abtretung  seitens  des  kinderlosen  Markgrafen
Christian  Friedrich  Karl  Alexander  anheimgefallen  waren,  persönlich  in  Augenschein
genommen  hatte.  Unumwunden  sprach  man  in  Preußen  es  aus,  daß  der  Krieg
für  fremde  Interessen  geführt  werde,  den  Truppen  wie  den  Generalen  fehlte  die
Freudigkeit  zu  einem  Kampfe  an  der  Seite  des  langjährigen  Gegners,  und  es
gehörte  in  der  That  die  ganze  Empfindung,  die  Friedrich  Wilhelm  von  der
        <pb n="560" />
        142  .  Feldzug  in  der  Champagne.  —  Zweile  Teilung  Polens.

Pflicht  zum  Kampfe  für  den  gefährdeten  König  von  Frankreich  hatte,  dazu,  um
mit  einem  Bundesgenossen  in  den  Streit  zu  ziehen,  der  nicht  nur  Bayern,  sondern
auch  Ansbach-Bayreuth  für  sich  in  Anspruch  nahm!  Wie  aber  hätte  ein  Feldzug
  glücken  können,  in  dem  jede  Einigkeit  der  Verbündeten  fehlte,  in  dem  es
selbst  au  der  Einheit  der  Leitung  völlig  gebrach.  Mit  Recht  drang  der  König
auf  ein  energisches,  schnelles  Vorgehen,  aber  der  zum  Oberbefehlshaber  ernannte
Herzog  von  Braunschweig  sah  den  zuchtlosen  französischen  Truppen  gegenüber
alles  Heil  in  einer  vorsichtigen,  meerie  Kriegsführung,  und  das  Resultat
r,  daß  keiner  von  beiden  Grundsätzen  zur
*3  Geltung  kam.  Die  durchaus  mangelhafte
  Erfüllung  der  übernommenen  Verpflichtungen
  von  Seiten  Oesterreichs,  die  gewaltige
Enttäuschung  über  die  Verheißungen  der
Emigranten,  die  ein  freudiges  Entgegenkommen
der  französischen  Bevölkerung  in  Aussicht
gestellt,  die  Ungunst  der  Witterung,  der
Mangel  an  Lebensmitteln,  der  Ausbruch  gefährlicher
  Krankheiten  verursachten  schon  im
ersten  Jahre  moralisch  eine  volle  Niederlage.
Wohl  drangen  die  Preußen  nach  der  Eroberung
  von  Longwy  und  Verdun  mit  den
Oesterreichern  vereinigt  in  die  Champagne
ein,  aber  nach  der  Kanonade  von  Valmy
mußte  man  sich,  trotzdem  der  französische
general  Dumouriez  seine  Stellung  räumte,
zum  Abzuge  entschließen.  Die  Franzosen
gingen  über  den  Rhein,  Mainz  öffnete  ihnen
ohne  Schwierigkeit  die  Thore,  Frankfurt
wurde  gebrandschatzt  und  in  Mainz  die
Republik  erklärt.  Am  Schluß  des  Jahres
1  1792  wurden  die  Oesterreicher  sogar  noch

,  bei  Jemappes  geschlagen,  auch  Savoyen  und
nhI  4  W/  Nizza  mit  Frankreich  vereinigt,  und  am
Noch  dem  e  eines  unbelannten  Küntlers  6  i  *  d.
h  glücklichen  Königs  Ludwig  .  dem  Wahne
  —  nia  ea  sinn  seines  Volkes  auf  dem  Schaffot  zum

 

pfer.

Trotz  dieser  entmutigenden  Niederlagen  wußte  Preußen  im  Osten  doch  sein
Interesse  soweit  zur  Geltung  zu  bringen,  daß  bei  der  zweiten  Teilung  Polens,
die  Katharina  vornahm,  durch  den  Vertrag  vom  25.  September  1793  das  sog.

98  Großpolen  und  endlich  auch  die  alten  deutschen  Städte  Danzig  und  Thorn,  im
ganzen  1100  Geviertmeilen,  ihm  abgetreten  wurden.  Allerdings  gewann  Rußland
das  Vierfache,  aber  gleichzeitig  mit  dem  französischen  Kriege  einen  solchen  gegen
Rußland  für  das  unglückliche  Polen  zu  führen,  lag  außerhalb  jeder  Möglichkeit.
Schlimmer  noch  war,  daß  Oesterreich,  obwohl  es  vorher  seine  Zustimmung  gegeben,
  doch  stark  mißgestimmt  blieb.  Das  Bündnis  zwischen  beiden  Staaten,  dem
nach  der  Hinrichtung  des  Königs  Ludwig  auch  der  ideale  Grund  fehlte,  der  es
        <pb n="561" />
        Feldzüge  von  1793  und  1794.  443

allein  erhalten,  mußte  sich  mehr
und  mehr  lockern,  und  der  neue
österreichische  Shs  Thugut  lebte
in  dem  Geiste  des  Hasses  und  der
Eifersucht  auf  Preußen.  Die  Oesterreicher
  trieben  zwar  nach  der  Einnahme
  von  Mastricht  die  Franzosen
hinter  die  Maas  zurück,  vereinigten
sich  mit  den  Engländern,  die  Preußen
nahmen  Frankfurt  —  woselbst  das
erste  Zusammentreffen  des  preußischen
  Kronprinzen  mit  der  Prinzessin
Luise  von  Mecklenburg  stattfand  —
eroberten  im  Juli  1793  Mainz,

 

schlugen  am  14.  September  den  König  Friedrich  Wilhelm  II.  mit  Gefolge.
General  Moreau  bei  Pirmasens  und  fher  n  el  chem  Ahedomtern.

am  28.  November  den  General
Hoche  trotz  seiner  großen  Ueberlegenheit  glänzend  bei  Kaiserslautern.  Aber  die
Gelegenheit  eines  vereinten  Vordringens  unter  dem  Schutz  des  in  der  Vendee  wie
im  Süden  Frankreichs  ausgebrochenen  Bürgerkrieges  hatte  man  versäumt,  die  Belagerung
  Landaus  mußte  abgebrochen  werden,  in  Belgien  wurden  die  Oesterreicher
von  Jourdan  bei  Wattignies  geschlagen,  und  der  politische  Zwiespalt  machte  sich
auf  militärischem  Gebiet  immer  fühlbarer.  Trotzdem  und  obwohl  die  polnischen
Angelegenheiten  die  ganze  Aufmerksamkeit  verlangten,  und  namentlich  Luchhesini
auf  deren  Wichtigkeit
  hinwies,  hielt  *
der  König  an  dem  6

6.
Kampf  gegen  die  0:  U
Repubmums  -  Lo«  zojezieszcge
tms

ter,  als  England  «
tiefer  Häuser  ivres  à  échanger  contre

9.  »-VZFZFFJZTLck«,I-4Wm2».z

Hilfsgeldern  bereit
6K.  3  Livres.  2#

 

 
  

erklärte,  un

  
        
   

XIEMEA
dem  Geldmangel,  s
unter  dem  man  —
schwer  genug  litt,  NKAT  Z7V93
zunächst  abgeholfen  ——  RP

wurde.  Aber  auch
die  neuen  glänzenden
  Siege,  welche

FAZEN·’

S
—
3
S
###
S
—
S
S.
#.

 

 

 

Kaiserslautern  am
Mai  unter  Notgeld  aus  der  Pt,  der  Belagerung  6  W  durch  #dle
Möllendorff  und  hen  im  Frühjahre

vom  18.  bis  20.S  ep-  In  Größe  des  go  int:  o  W.  von  Schimmel.
        <pb n="562" />
        444  Dritte  Teilung  Polens.

tember  unter  Hohenlohe  erfochten,  änderten  die  Sachlage  nicht.  Der  Nachsommer
des  preußischen  Waffenruhmes,  wie  man  diese  Siege  genannt,  reifte  keine  Frucht
mehr.  Denn  am  politischen  Himmel  schwand  die  Sonne  schnell  dahin,  und  dem
österreichischen  Minister  Thugut  glückte  es,  da  die  Preußen  die  Scharte,  welche
die  Oesterreicher  und  Engländer  bei  Fleureus  (26.  Juni)  erlitten,  nicht  auswetzen
konnten,  auch  die  Zahlung  der  englischen  Hilfsgelder  zu  verhindern,  und  das
siegreiche  preußische  Heer  mußte  im  Oktober  den  Rückzug  antreten.

Gleichzeitig  hatte  indessen  ein  anderer  Teil  des  preußischen  Heeres,  zu  dem
sich  der  König  persönlich  vom  westlichen  Kriegsschauplatze  begeben,  in  Polen  den
Aufstand  Kosciuskos  gedämpft,  und
nachdem  die  Preußen  ihn  geschlagen
und  Krakau  eingenommen,  gelang
den  Russen  unter  Suworow  die
Einnahme  Warschaus  und  die
Niederwerfung  des  Aufstandes.  Alle
Mühe  gaben  sich  Rußland  und  Oesterreich,
  um  Preußen,  gegen  welches
sie  sich  sogar  verbündeten,  von  der
letzten  Teilung  Polens  auszuschließen,
oder  doch  möglichst  gering  abzufinden.
Rußland  nahm  natürlich  die  weiteste
Landstrecke  für  sich  in  Anspruch,
aber  auch  Oesterreich  erhielt  mit
Westgalizien  1000  Geviertmeilen,
und  Rußland  sicherte  ihm  nicht  nur
Bosnien  mit  Serbien,  sondern  auch
Venedig  und  Bayern  zu,  deren
Erwerbung  schon  in  den  Verhandlungen
  der  letzten  Jahre  der  Angelpunkt
  der  österreichischen  Politik
gewesen  war.  Da  schien  es  immer-.
  in  schon  ein  Erfolg,  daß  man  au
Brin  3  Friedrich  Wilhelm  (III.)  als  achtjähriger  Knabe.  pu  ein  *  900  Sn
iast  Shemerren  tii  —½e  viertmeilen  mit  Warschau  überließ.

och  verstrickt  in  die  österreichische
und  russische  Ländergier,  hatte  man  Gebiete  errungen,  die  dem  Staat  keinen  Segen
bringen  konnten

Vornehmiih  aber  war  eins  klar  geworden.  Der  Kampf  im  Westen,  unlustig
und  widerwillig,  träge  und  erfolglos,  wie  er  geführt  worden,  sollte  nur  der  österreichischen
  Absicht  auf  die  Erwerbung  Bayerns  und  Venetiens  dienen.  Hierzu
mitzuwirken,  lag  fern  ab  von  jedem  preußischen  Interesse.  Die  äußerst  mangelhafte
  Erfüllung  der  vertragsmäßigen  Verpflichtungen  für  den  Krieg  und  das  feind-*
  Verhalten  Oesterreichs  sowohl  in  London  wie  in  Petersburg  entbanden  in,

i  That  das  Berliner  Kabinett  von  jeder  Rücksicht  auf  die  Hofburg  zu  Wien.
F  heftigster  Weise  störte  in  Berlin  der  empfindlichste  Geldmangel,  und  Generale
wie  Staatsmänner,  Finckenstein  und  Alvensleben,  Lucchesini  und  Möllendorff  drangen
gleichmäßig  zum  Frieden  mit  Frankreich.  Mit  besonderer  Lebhaftigkeit  aber  trat
        <pb n="563" />
        Friede  von  Basel.  445

Graf  Haugwitz,  der  nach  Hertzbergs  Rücktritt  die  auswärtige  Politik  leitete  und
in  der  Neutralität  Preußens  das  Heil  des  Staates  wie  Norddeutschlands  überhaupt
sah,  für  den  Frieden  ein.  Diesen  aber  fordere  auch  das  Interesse  der  deutschen
Fürsten,  sie  hätten,  so  stellte  Haugwitz  dem  Könige  vor,  im  Vertrauen  auf  seine
Person  Preußens  Schutz  und  Vermittelung  angerufen  und  ihren  Bitten  dürfe  er
nicht  mehr  widerstehen.  Indessen  nur  mit  Widerstreben  und  nach  vielfachem
Schwanken  entschloß  sich  der,  aus  dem  polnischen  Feldzug  krank  zurückgekehrte,
König  zu  Verhandlungen,  und  am  15.  April  1795  wurde  wirklich  der  Friede  zu  1%5
Basel  zwischen  Frankreich  und  Preußen  geschlossen,  den  Reichsfürsten,  worauf  es

   

einz  Ludwos  Kronprinz  Adn  e#e  rinz  Wilhelm.
*1  Ersahsns  4  .0  1#%  5½  #l  46.  *
Könialn

A#ncgt  her
M

Die  Königliche  Fs  am  S  des  Ea  1796.
Shwishnet  und  radlert  von  Daniel  Nlkolaus  Chodowiecki  (1726—1801).  dem  Lalchenkalender  fü#  1798“
(Verlin,  Bieweg),  welcher  den  ersten  Druck  von  Goethes  „Hermann  und  s  enthlelt.  Originalgröße.

dem  König  besonders  ankam,  der  Zutritt  zu  ihm  offen  gelassen,  ja  durch  eine
Demarkationslinie  die  se  wie  ein  Teil  der  süddeutschen  Fürsten  in  den
Frieden  hineingezogen.  Aber  welche  Bedingungen  hatte  Preußen  zugestanden!
Das  ganze  linke  Abiuuser  einschließlich  der  preußischen  Landschaften  von  Cleve,
Geldern  und  Mörs  war  an  Frankreich,  wenn  auch  nicht  abgetreten,  so  doch  in
Aussicht  gestellt,  und  nimmermehr  ersetzte  die  Entschädigung,  die  Preußen  im  Innern
Deutschlands  bei  dem  dereinstigen  Friedensschluß  des  Reiches  zugesagt  wurde,  eine
Nachgiebigkeit,  die  man  zunächst  nur  als  eine  vorläufige  betrachtete.  Denn  wenn
auch  eine  energische  Sprache  der  preußischen  Diplomaten  damals  wohl  noch  die
Franzosen  von  der  Ausführung  ihrer  Forderung  zurückschrecken  konnte,  so  gab  gerade
umgekehrt  ein  neuer  Vertrag  vom  5.  August  1796  der  als  vorläufig  gedachten  ½98
Abtretung  die  endgültige  Form,  und  die  Entschädigungen  war  man  gewillt  in  dem
        <pb n="564" />
        446  Friede  von  Basel  und  seine  Folgen.

 

Die  Promenade  am  Gesundbrunnen  bei  Freienwalde  a.  d.  O
Kolorierte  Radierung  eines  unbekannten  Künstlers,  auf  etwa  ¼  verkleinert.

Besitz  der  geistlichen  Fürsten,  die  ihre  Unfähigkeit  als  politische  Herrscher  ja  längst
in  unzweideutiges  Licht  gestellt  hatten,  zu  suchen.

War  es  noch  das  Preußen  des  Großen  Königs,  das  den  Rhein  dahin  gab
an  Frankreich?  Dahin  gab  an  das  revolutionäre  Frankreich,  dessen  Monarchie
einst  die  Bundesgenossenschaft  Preußens  hatte  annehmen  müssen,  dessen  prahlerische
Heere  so  vernichtend  bei  Roßbach  geschlagen  waren?.  Wohl  boten  diese  Verträge
die  Möglichkeit  eines  friedlichen  Verkehrs  zwischen  beiden  Staaten,  und  die  Demarkationslinie
  gab  wenigstens  der  Hoffnung  Raum,  daß  Norddeutschland  eine
unverletzbare  Neutralität  genießen,  daß  auch  das  Reich  Frieden  gewinnen  werde.
Doch  daß  ein  solcher  Frieden  hatte  geschlossen  werden  müssen,  bewies  nur  zu
deutlich,  wie  tief  man  gesunken.  Denn  in  Wahrheit  befand  man  sich  in
traurigsten  Geldnot,  und  eine  Kommission,  die  der  König  schon  1794  zu  ihrer
Abhilfe  aus  den  Ministern  Struensee,  von  Goldbeck,  von  Alvensleben  und  Werder,
sowie  dem  General  Geusau  zusammengesetzt  hatte,  war  zu  einem  geradezu  „niederschlagenden“
  Ergebnis  gekommen.  Die  Hoffnung  auf  eine  Anleihe  im  Auslande
mußte  als  aussichtslos  bald  aufgegeben  werden,  den  Gedanken  an  eine  Erhöhung
der  Akzise  oder  gar  an  eine  besondere  Kriegssteuer  hatte  man,  zumal  bei  dem
Widerwillen  der  Bevölkerung  gegen  den  Krieg  mit  Frankreich  und  der  schlechten
Ernte,  in  der  Kommission  selbst  aufs  beftigge  bekämpft.  Allein  die  Bitte  um
Wiederherstellung  des  Friedens  war  das  Resultat  der  Beratungen  gewesen.
Schlimmer  konnte  freilich  die  eigene  Ohnmacht  und  der  Gegensatz  zu  Friedrichs
        <pb n="565" />
        Rönigin  Luise  und  ihre  Schwester,  die  Prinzessin  Ludwig  von  Preußen.
Nach  dem  nach  1795  entslandenen  Gemälde  von  Joh.  Friedr.  August  Tischbein  (1750—1812)  gestochen  von  Ludwig
Schiavonctti  (1765—1810).  Auf  ½  verkleinert
        <pb n="566" />
        1797
17.  Olt.

448  Friede  von  Basel  und  seine  Folgen.

 

Allegorie  auf  Friedrich  Wilhelm  II.

Nach  einer  Zeichnung  von  s  r3  Ssbed  ben  Icna#  Sebastian  Klauber

Zeiten  nicht  gezeigt  werden.  Wohl  hatte  man  den  König  selbst  nur  durch  den
Hinweis  auf  den  Wunsch,  der  auch  im  Reiche  nach  Frieden  sich  rege,  sowie  durch
die  Behauptung  r  daß  Preußens  Friedensschluß  unzweifelhaft  auch  den
des  Reiches  zur  Folge  haben  werde.  Aber  die  Erbitterung,  welche  diese  Verträge
  allenthalben  erzeugten,  bewies  den  Verlust  der  bisherigen  Stellung,  und
die  fortgesetzten  Versuche,  Preußen  von  der  Rheingrenze  hinweg  zu  drängen,
legten  die  französischen  Hoffnungen  völlig  klar.  Ein  schwacher  Trost  nur
war  es,  daß  das  ungetreue  Oesterreich,  obwohl  der  Erzherzog  Karl  die  beiden
in  Deutschland  unter  Jourdan  und  Moreau  eingedrungenen  französischen  Heere
zurückschlug,  durch  die  wuchtigen  Schläge  des  Generals  Napoleon  Bonaparte  in
Italien  zum  Frieden  von  Campo  Formio  genötigt  wurde.  Ja  jedes  Trostreiche
Nachricht  —  wenn  anders  in  ihr  ein  solches  mit  Rücksicht  auf  den  Reichsieden

  lag  —  wurde  ihr  genommen,  als  man  erfahren,  daß  Oesterreich  sich  mit
Frankreich  darüber  verständigt  habe,  auch  die  verheißenen  Entschädigungen  Preußen
nicht  zu  gute  kommen  zu  lassen.  Wo  blieben  die  Vorteile  der  Erwerbungen  südlich
des  Mains,  wenn  Oesterreich  sich  mit  Frankreich  zur  Demütigung  Preußens  vereinte?
  Was  nützten  die  Erwerbungen  der  weiten  Steppen  im  Osten,  die,  undeutsch
und  verkommen  wie  sie  waren,  nur  aussichtslose  Mühe,  die  Verquickung  des  bisher
rein  deutschen  Staates  mit  sarmatischen  Juteressen  und  die  vergrößerte  Eifersucht
so  Oesterreichs  wie  Rußlands  hervorriefen?  Wo  blieben  die  Hoffnungen,  im
        <pb n="567" />
        Tod  des  Königs.  449

Norden  die  führende  Rolle  zu  behaupten,  wenn  das  Vertrauen  der  deutschen
Fürsten  mehr  und  mehr  dahinschwand?

Noch  ahnte  man  in  Berlin  nicht,  daß  es  zu  Reichenbach  gewesen,  wo  man
die  schiese  Ebene  beschritten,  noch  sah  man  nicht,  daß  in  Basel  schon  ihre  Mitte
erreicht  war.  Aber  den  Verlust  der  bestimmenden  Machtstellung  in  Europa  fühlte
man  sehr  wohl,  und  tief  war  Friedrich  Wilhelm  gebeugt  über  die  herptrng
aller  seiner  wohlwollenden  Absichten,  denen  einst  eine  so  glänzende  Erfüllung  lächelte.
Selbst  des  Familienglückes,  das  um  ihn  herum  blühte,  wurde  er  nur  selten  froh.
Wie  hatte  er  mit  stolzer  Freude  die  Prinzessinnen  Luise  und  Friederike
von  Mecklenburg  am  Weihnachtstage  1793  als  Gemahlinnen  seiner  Söhne,  des
Kronprinzen  und  des  Prinzen  Ludwig,  begrüßt!  Mit  ritterlicher  Hochachtung  und
wahrem  Gefühl  war  er  namentlich  der  Kronprinzessin,  „der  Fürstin  der  Fürstinnen“,
wie  er  sie  nannte,  gegenüber  getreten.  Aber  immer  scheuer  zog  sich  der  Kronprinz
vom  Hofleben  zurück  in  sein  stilles  Paretz.  Die  Königin  wohnte  getrennt  von
ihrem  Gemahl,  meist  in  Monbijou,  seit  1790  im  Sommer  regelmäßig  in  Freienwalde
  a.  d.  O.,  dessen  Gesundbrunnen  damals  viel  besucht  wurde.  Am  15.  November
  1797  auf  die  Nachricht  von  der  schweren  Erkrankung  des  Königs  eilten  1½97
die  Königin  und  der  Kronprinz  noch  einmal  zu  ihm  nach  dem  Marmor-Palais
bei  Potsdam.  Schon  am  folgenden  Tage,  am  16.  November,  machte  ein  schwerer
Tod  den  Leiden  des  Königs  ein  Ende.  Unendlich  schwierig  war  die  Aufgabe,  die
er  seinem  Nachfolger  hinterließ,  doch  noch  vermochte  die  Gesundung  des  Staatskörpers
  wohl  auch  sein  äußeres  Ansehen  zu  erhöhen,  wenn  nur,  so  schien  es,  der
äußere  Friede  der  innern  Genesung  die  notwendige  Zeit  ließ.  Aber  war  denn
zu  erwarten,  daß  jene  dämonischen  Mächte,  die  jenseits  des  Rheins  entfesselt
waren,  Ruhe  und  Frieden  halten  würden?  —

 

Das  Brandenburger  Thor  in  Berlin  im  Jahre  176
Radlerung  von  Daniel  Nikolaus  Chodowiecki  (1726—1801),  ouf  ½  nss
Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="568" />
        König  Friedrich  Wilhelm  III.  im  Kreise  seiner  Familie.
Kuplerstich  von  Eberhard  Sicfried  Henne  (1759—1828).  Originalgröße.

—  Die  Knfänge  Rönig  Friedrich  Milhelms  III.
E  1797  -  1807.

 
  

*  Wi  sahen,  in  wie  schwieriger  Lage  der  Staat  sich  beim  Thronwechsel
.-—.  efand.  Der  wichtigste  Faktor  in  einem  Staate,  der  wie
Pereußen  lediglich  auf  die  geregeltste  und  genaueste  Finanz=,
  ,«  verwaltung  begründet  war,  hatte  einen  schweren  Stoß  erlitten.

·  BRAme  Nicht  zwar,  als  ob  man,  wie  vielfach  behauptet  ist,  unmittelbar

n  der  Churmort  vor  dem  Vankerott  stand,  aber  die  abschüssige  Bahn,  die  zu
ron  e  1750.  ihm  führte,  hatte  man  beschritten.  Der  Staatsschatz  war
nicht  nur  geleert,  sondern  beinahe  ebenso  viel  Schulden  hatte  der

Staat  zu  tragen,  wie  in  jenem  beim  Tode  König  Friedrichs  bare  Mittel  gelegen
hatten.  Immerhin  aber  hielt  sich  eine  Schuldenlast  von  48  Millionen  Thalern  noch

auf  einer  Höhe,  der  man  sich  wohl  gewachsen  sühlen  konnte,  und  die  entfernt  nicht  derjenigen

  der  anderen  Länder  gleich  kam.  Um  mehr  als  2000  Geviertmeilen  war  der
Staat  vergrößert,  und  doch  brachte  dieser  ungeheuere  Zuwachs  nicht  mehr  als  eine
Million  Thaler  Einnahme!  Handel  und  Gewerbe  hatten  auf  der  ihnen  von  Friedrich
Wilhelm  I.  und  Friedrich  II.  gegebenen  Grundlage  weiter  gebaut,  ja  waren  im
Begriff,  die  gewährten  Stützen  zurückstoßen  zu  -  und  machten  *M  Lehrmeistern
alle  Ehre.  Gerade  damals  waren  sie  in  vollem  Steigen  begriffen,  der  schlesische
Leinwandhandel  namentlich  nach  Spanien  und  seinen  Kolonien  hatte  sich  bedeutend
        <pb n="569" />
        Köniein  Luige  von  Preussen

Kolorierter  Kupte

 

horn  (4770—1856)

 

h  von  Ludwis

Orismalésrösse

emit  Strauss  in  Bonn

    

Berner,  Gesch.  d.  Preuse  Staates

 

Luhranste  0  Memhold  &amp;amp;  Söhne  Drenden.
        <pb n="570" />
        <pb n="571" />
        Staat  und  Gesellschaft.  451

gehoben,  der  Verkehr  mit  dem  an  Holz  und  Getreide  reichen  Polen  war  geöffnet,
und  die  Getreideausfuhr  von  Danzig  nach  England  hob  sich  von  1790  bis  1801
auf  das  Vierfache.  Die  preußisch-danzigsche  Ausfuhr  nach  England  hatte  sich  von
100  000  Pfund  im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  im  Jahre  1780  auf  318272,
1790  auf  688  348  gehoben,  hob  sich  1800  auf  1733946  und  1805  gar  auf
2220  031  Pfund.  Die  Zahl  der  preußischen  Schiffe,  die  durch  den  Sund  fuhren,
hatte  im  Anfang  der  siebziger  Jahre  200  bis  300  betragen  und  war  1798  auf
1621  gestiegen,  stieg  1804  auf  2012,  ja  1799,  da  im  Handel  eine  Stockung  ein-FLetreten
  war,  hätte  der  Hafen  von  Bordeaux,  so  wird  uns  berichtet,  einen  toten  Eindruck
  gemacht,  wenn  in  ihm  nicht  120  Schiffe  unter  preußischer  Flagge  gelegen
hätten.  Ebenso  hatte  sich  der  Viehstand  außerordentlich  vermehrt,  und  die
Bevölkerungszunahme  war  eine  überraschende.  Kein  Zweifel  scheint  es  demnach,
daß  eine  Erhöhung  der  Steuern  sehr  wohl  getragen  werden  konnte,  und  daß  der
Kredit  des  Staates  durchaus  nicht  erschöpft  war.  Nur  war  freilich  ein  voller  Umschwung
  in  den  finanzpolitischen  Anschauungen  und  doch  auch  wieder  die  Rückkehr  zu  der
altpreußischen  Sparsamkeit  dringend  erforderlich.  und  in  der  t  That  gelang  es  schon

Notwemdiger  noch  war  eine  solche  Rakehr.  bei  dem  Heerwesen,  das  infoige

der  unklaren  und  unentschlossenen  Kriegführung  tief  erschüttert  war,  dessen  O
zierskorps  erhebliche  Lücken  aufwies  und  der  ihm  zukommenden  Bildung  veelsach
entbehrte.  Es  hatte  zum  großen  Teil  seine  Aufgabe  völlig  vergessen  und  sah  die
ihm  zugewiesene  erste  Stellung  im  Staate  nicht  mehr  als  den  Lohn  für  die  wichtigste
eistung,  sondern  als  deren  Voraussetzung  und  eine  Veranlassung  an  zur
Ueberhebung  und  zu  breitspurigem  Stolz.  Wenn  man  nur  die  äußere  Form  rettete,
glaubte  man  noch  die  Armee  Friedrichs  vor  sich  zu  haben.  Doch  auch  diese  Unarten
und  Ungezogenheiten  waren  zu  besiegen,  der  eingeschlafene  Geist  des  preußischen
Heeres  konnte  wieder  erweckt  werden.  Die  spartanische  Tapferkeit,  die  sittliche  Hoheit
vieler  Offiziere  sollte  alsbald  es  glänzend  erweisen.  Man  liebte  wohl  die  alten
Formen  auch  im  Beamtentum,  ja  sah  in  ihnen,  wie  bemerkt,  das  wahre  Heil
Preußens,  aber  es  gab  doch  Männer,  die  erkannten,  wie  morsch  das  Alte  geworden,
und  die  bereit  waren,  dem  Edelstein  die  neue  Fassung  zu  geben,  welcher  er  bedurfte,
um  sein  Feuer  leuchten  zu  lassen.  Aber,  und  das  war  der  eigentliche  Sitz  des  Uebels,
in  weiten  Kreisen  des  Beamtentums  wie  der  Gesellschaft  war  mit  der  Bildung
zugleich  ein  Besserwissen,  ein  Dünkel  und  Hochmut,  eine  sittenlose  Anschauung,  eine
Frivolität  ohnegleichen  an  die  Stelle  der  alten  Zucht  und  Ehrbarkeit  getreten.
en  Glauben  an  den  lebendigen  Gott  zu  leugnen,  hielt  man  für  das  Vorrecht  der
vornehmen  Kreise,  und  zeichnete  sich  dabei  häufig  doch  nicht  sowohl  durch  Bildung
als  vielmehr  durch  eine  oberflächliche  Halbbildung  aus,  die  sich  noch  immer  verderblicher
  als  die  nackte  Unwissenheit  gezeigt  hat.  Und  die  von  Wölluer  gezüchtete
und  großgezogene  Heuchelei  und  Frömmelei,  der  Schein  der  Religiosität  oder
Kirchlichkeit,  den  man  sich  vielfach  gab,  weit  entfernt,  die  Ausübung  der  überaus
regen  Sinnenlust  und  gemeinen  Genußsucht  zu  hindern,  beförderte  eher,  weil  unwahr
durch  und  durch,  die  maßlose  Verderbtheit  der  menschlichen  Gemeinschaft.  Ein
häßlicher  Rost  hatte,  das  ist  gewiß,  sowohl  das  Heer  wie  das  Beamtentum,  sowohl
die  Gesellschaft  in  ihren  höheren,  wie  das  Volk  in  seinen  niederen  Schichten  ergriffen.
Ein  arges  Gift  war,  das  ist  sicher,  in  alle  Poren  des  Staates  eingedrungen,  aber
tüchtige  Kräfte  gab  es  noch  überall,  der  Rost  konnte  weggetilgt,  das  Gift  durch  ein

29.
        <pb n="572" />
        452.  Königin  Luise.

Gegenmittel  unschädlich  gemacht  werden.  Indessen  auch  das  ist  gewiß,  nur  „eine
tiefe  religiöse  Erweckung,  eine  energische  und  rechte  Gläubigkeit  konnte  allein  diesen
bösen  Geist  des  platten  Sinnengenusses  und  der  sittenlosen  Gemeinheit  überwinden.“

Und  wenn  in  dem  preußischen  Staat,  der  so  offenkundig  lediglich  durch  seiner
Herrscher  Werk  und  Arbeit  besland,  es  hierfür  in  erster  Linie  auf  die  Persönlichkeit
  des  Herrschers  ankam,  so  erfüllte  der  tief  sittliche  Ernst  des  jungen  Königs
zwar  jene  Forderung,  aber  die  Natur  hatte  ihm  doch  die  harte  und  kurze  Entschlußfähigkeit
  versagt,  welche  der  Privatmann  entbehren  kann,  der  Fürst  aber
besitzen  soll.  Friedrich  Wilhelm  III.  fühlte  tief,  daß  außer  auf  die  Persönlichkeit
  des  Herrschers  für  die  Besserung  des  Staatswesens  es  ebenso  darauf  ankäme,
einer  langen  Zeit  der  Ruhe  und  des  Friedens  zu  genießen.  Sie  zu  erhalten,
stellte  er  in  seinen  Entschlüssen  daher  allem  voran.

Indessen  —  wer  wüßte  es  nicht!  —  ohne  Schätzung  ist  der  Einfluß,  den
mehr  und  mehr  die  auf  dem  Thron  jetzt  herrschende  Ehrbarkeit,  Züchtigkeit  und
wahre  Frömmigkeit  in  allen  Kreisen  des  staatlichen  und  gesellschaftlichen  Lebens.
gewinnen  sollte.  Man  hat  nur  den  Namen  der  Königin  Luise  zu  nennen,
um  die  reine  Himmelst  zu  bezeichnen,  die  um  das  preußische  Königshaus  jetzt
wehte.  Nur  an  die  Eine,  Unvergeßliche  braucht  erinnert  zu  werden,  um  einen
wesentklichen  Grund  der  allmählich  eintretenden  vollen  Sinnesänderung  anzugeben.
Es  widerstrebt  fast  der  Feder,  und  die  Zunge  will  sich  bäumen,  zu  gleicher  Zeit
und  wie  in  einem  Atem  die  Weichlichkeit,  die  zügellose  Genußsucht,  den  nackten
Erwerbssinn,  die  Frivolität  und  die  sittliche  Ungebundenheit,  die  so  viele  entnervte,
zu  bezeichnen,  und  daneben  von  dem  anmutigen,  dem  holden  Zauber,  der  züchtigen
Reinheit,  der  innerlichen  Wahrheit,  von  der  aufrichtigen  Frömmigkeit  und  der
schönen  Gemütstiese  zu  sprechen,  die  das  Wesen  unserer  Königin  bildete.  Unberührt
  und  unentweiht,  so  war  sie  in  echt  deutscher  Weiblichkeit  an  all  dem
Schmutz  vorbeigegangen,  selbst  nicht  am  Saume  des  Gewandes  war  der  kleinste
Flecken  haften  geblieben.  Unerschöpflich  sind  die  Urteile  der  Zeitgenossen  in
ihrem  Lobe  über  „die  engelschöne  Königin“.  Selbst  Goethe,  der  tiefe  Kenner
des  deutschen  Frauenherzens,  konnte  sich  der  Anmut  der  herrlichen  Erscheinung
nicht  entziehen,  der  Franzose  fühlte  sich  völlig  betroffen  von  der  harmonischen
Sanftheit,  der  Liebenswürdigkeit  und  dem  rührend  Hinreißenden,  dem  Reiz  und
der  Majestät  der  Königin.  Er  glaubte  sich  einer  jener  Erscheinungen  gegenüber,
deren  berückende  und  bezaubernde  Bilder  uns  die  fabelhaften  Erzählungen  der
alten  Zeit  geschildert  haben.  Der  Engländer  wagt  es  nicht,  seine  Schilderung
von  der  Holdseligkeit  der  Königin,  von  dem  sonnigen  Glanze  ihrer  hell  leuchtenden
Augen  zu  Ende  zu  führen,  weil  er  fürchtet,  bei  ihrem  Ueberschwang  könne  man
uben,  auch  sein  Kopf  sei  verwirrt  geworden,  wie  es  schon  so  viele  seien.

Selbst  die  Polen,  so  widerwillig  sie  waren,  beteten  die  Königin  zuletzt  förmlich
an.  Wie  ein  Wunder  stand  sie  da  vor  dem  preußischen  Volke,  und  wie
ein  Wunder  wirkte  sie  sieghaft  auf  alle  Herzen  und  Gemüter.  Doch  das
ist  die  Eigenart  wie  der  duftige  Reiz  der  deutschen  Frau  —  und  die  Königin
ist  ja  ihre  Vollendung  —  daß  sie  im  stillen  wirkt,  und  allgemach  erst,  nach  und.
nach  ihr  Einfluß  sich  durchbricht.  Denn  nicht  mit  großen  Thaten,  mit  welterschütternden
  Plänen,  sondern  mit  dem  eigenen  Leben,  mit  ihrem  Herzen  und
Sinn,  mit  ihrem  Dasein  wirkt  die  deutsche  Frau.  Nicht  im  prahlerischen  Hinaustreten
  in  den  wilden  Streit,  in  den  Sturm  und  Drang  der  eigensüchtigen  Welt,
        <pb n="573" />
        Königin  Luise.  —  Reform  Versuche.  453

nicht  mit  den  Waffen  des  Mannes,  die  sie  von  ihrer  Hoheit  nur  herabziehen,
sondern  mit  der  Innigkeit  des  frommen  Herzens,  mit  der  Wahrhaftigkeit  des
Gemütslebens,  mit  der  Demut,  die  nicht  weiß,  wie  hoch  und  herrlich  sie  ist,  so
kämpft  die  deutsche  Frau,  so  wird  sie  die  Gehilfin  des  Mannes,  so  übt  sie  maßgebenden,
  bestimmenden  Enfluß  auf  die  Geschicke  der  Menschheit.  So  zwingt  sie
Herz  und  Gedanken  des  deutschen  Mannes,  und  je  demütiger  das  Weib,  um  so
mehr  beugt  sich  vor  ihr  der  Mann.  Je  u  stiller  und  anspruchsloser  ihr  Walten,
um  so  mehr  Macht  gewinnt  sie,  um  so  williger  folgt  selbst  der  harte  Mann
ihrem  Wort,  um  so  mehr  erkennt  und  erfährt  er,  daß  in  den  Fällen  der  Not
und  schweren  Geschickes,  wo  sein  Verstand  nicht  Rat  noch  Rettung  mehr  finden
kann,  das  weibliche  Auge  der  Liebe  noch  Auskunft  sieht,  daß  in  der  Fülle  des
weiblichen  Herzens  noch  Mittel  liegen,  die  an  den  scharfen  Ecken  des  harten
Daseins  vorbei  zum  Ziele  führen.  Wie  dunkel  auch  immer  die  Schlucht,  in
welche  die  Wirren  und  Kämpfe  des  Lebens  den  Menschen  schleudern,  die  Allmacht
der  deutschen  Frau  weiß  über  sie  das  Morgenrot  der  Rettung,  die  Klarheit  des
Himmels  heraufzuzaubern.
o  war  unsere  Königin,  so  wurde  die  Königin  Luise  der  Segen  ihres  Gemahls,
  ber  Segen  des  preußischen  wie  deutschen  Volkes,  so  wurde  sie  selbst  ein
„Bestandteil  der  preußischen  Geschichte“".  So  lebt  und  wirkt  sie  in  den  Herzen  der
Nachlebenden,  so  eroberte  sie  die  Herzen  der  Mitwelt,  so  zwang  sie  diese  zur  Umkehr,
  und  ihrer  eigenen  Macht  sich  nicht  bewußt,  war  sie  es  vornehmlich,  die  eine
Reformation  an  Haupt  und  Gliedern  herbeiführte.  In  zartester,  innigster  Herzensgemeinschaft
  lebte  sie  mit  dem  König,  und  im  Verkehr  mit  seiner  Gemahlin,  in
der  Freude  an  den  ihm  bisher  geborenen  beiden  Söhnen  lebte  die
ursprünglich  in  ihm  liegende,  nur  durch  eine  pedantische  Erziehung  zurückgehaltene
Fröhlichkeit  und  Heiterkeit  des  edlen  Herzens  wieder  auf.  Nichts  war  dem  König
unangenehmer  als  öffentliches  Auftreten,  im  Kreise  seiner  Verwandten  und  der
wenigen  selbstgewählten  Freunde,  zu  denen  vornehnlich  der  Oberst  von  Köckeritz
gehörte,  fühlte  er  sich  am  wohlsten,  und  hier  im  trauten  Familienkreise  wußte  er
wohl  so  lebensfroh  zu  4heen=  daß  secht.  bie  strenge  Hüterin  der  Etikette,  die  treue
Oberhofmeisterin  Gräfin  Sophie  von  Voß,  ihrer  eigenen  Reaie  vergaß
und  ihrer  Natur  entsprechend  fröhlich  *  ben  Fröhlichen  sich  freuen  konnte.  —
Ganz  im  Sinn  und  Geist  der  Königin  begann  Friedrich  Wilhelm  die  Erneuerung
  des  Staates.  Nicht  als  ob  er  mit  einem  das  Ganze  umfassenden  Plane
dem  drohenden  Verderben  entgegengetreten  wäre,  denn  noch  fühlte  er  sich  selbst
nicht  stark  genug  dazu,  und  die  verunglückte  Erziehung  hatte  eine  Schüchternheit
und  Zaghaftigkeit  in  ihm  hervorgerufen,  die  es  nicht  wagte,  in  dem  Rate  der
Angesehenen  das  klar  erkannte  Bessere  mit  rücksichtsloser  Energie  durchzusetzen.
Die  feste  Sicherheit,  mit  der  einst  Friedrich  Wilhelm  I.  der  Schlange  des  Uebels
den  Kopf  zertreten  hatte,  war  der  ungesuchten  Schlichtheit  und  der  einfachen
Geradheit  des  Königs  nicht  eigen,  und  Formen,  welche  Friedrich  begründet,  wagte
der  Zweifel  Friedrich  Wilhelms  an  der  eigenen  Fähigkeit  nicht  über  den  Haufen
zu  werfen.  Noch  fehlte  auch  den  fähigsten  Köpfen  die  Einsicht,  die  wir  heut
haben,  daß  die  alte  Zeit  vorbei,  und  eine  neue  angebrochen,  die  neuer  Einrichtungen,
  neuer  Gestaltungen  bedürfe.  Doch,  wenn  auch  die  Wurzel  noch  nicht
ausgegraben  ward,  so  wurden  dem  Unkraut  doch  wenigstens  die  wildesten  Halme
beschnitten.
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        1797

454  Reform-Versuche.

Die  Gräfin  Lichtenau  wurde  verhastet,  ihr  der  Prozeß  gemacht.  Er  blieb
freilich  ohne  Ergebnis,  aber  die  Gräfin  verschwand  aus  dem  öffentlichen  Leben.
Am  22.  November  erschien  eine  eigenhändige  Kabinettsordre,  welche  die  Staatsbehörden
  in  energischer  Weise  zu  ernstester  Pflichterfüllung  anwies,  sittlichen
Ernst  und  Charakterfestigkeit  von  den  Beamten,  Reinheit  und  Urbescholtenheit  in
der  Verwaltung  verlangte.  Die  Prüsungskommission,  die  polizeilichen  Untersuchungen
  über  die  kirchlichen  Lehren  und  Meinungen  der  Geistlichen  wurden  beseitigt,
  das  Religionsedikt  wurde  einer  schonungslosen  Kritik  unterzogen,  der  wohlverdienten
  Vergessenheit  übergeben.  Wöllner  selbst,  der  mit  eherner  Stirn  dies.
und  die  schärfsten  Worte  des  Königs
entgegennahm,  wurde  mit  den
schlimmsten  seiner  Kreaturen  im
Jahre  1798  entlassen.  Die  Zensur
wurde  zunächst  wenigstens  erleichtert.
Zur  strafferen  Leitung  der  auswärtigen
  Politik  durch  ein  einheitlich
  geordnetes  Fachministerium,
zur  Hebung  des  Militärwesens,
zur  Festigung  der  Finanzen,  zur
Wiederherstellung  einer  gesetzlichen
Rechtspflege,  zur  Regelung  der
Steuerumlagen,  zur  Erleichterung.
des  armen  Mannes,  zur  endlichen
Aufhebung  der  Leibeigenschaft,  zur
Besserung  des  Schulwesens,  kurz
zu  Aenderungen  auf  dem  ganzen
Gebiete  des  staatlichen  Lebens  wurden
die  ersten  Schrikte  gethau.  Aber  all
das  gewann  dem  jungen  Monarchen
zwar  die  Herzen  seines  Volkes,  war

6%  indessen  noch  bei  weitem  nicht  die
Oberhofmeisterin  Eiie  Marie  Gräfin  m  Voß.  Aenderung  des  staatlichen  und  ge- 



Nach  dem  im  Besie  des  Grasen  von  Voh  auf  Groß.  iewib  sellschaftlichen  Gefüges  von  Grund
i.  M.  besindlichen  norsir  al  ee  aus,  die  nun  einmal  unumgänglich

  notwendig  war.  Zudem  geriet
  die  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten  in  ein  falsches  Fahrwasser.
Es  entwickelte  sich  eine  Kabinettsregierung  in  dem  Sinne,  daß  nicht  mehr
die  Minister  dem  Könige  die  Lage  der  Sache  vortrugen,  und  dieser  daraufhin
die  Entscheidung  traf,  sondern  daß  die  Kabinettsräte,  welche  den  unmittelbaren
Vortrag  hatten,  vielfach  entscheidenden  Einfluß  übten,  während  die  Verantwortung
Sache  der  Minister  blieb.  Indessen  darf  man  die  Bedeutung  der  Beamten  des
Kabinetts  —  von  denen  Mencken  und  Beyme  ihrer  Aufgabe  im  ganzen  doch  gewachsen
  waren,  und  Lombard,  litterarisch  und  ästhetisch  umfassend  gebildet,  gewiß
nicht  alle  die  Schmähungen  verdient,  die  auf  sein  Haupt  gefallen  sind  —  doch
nicht  überschätzen.  Die  Minister  selbst,  der  Graf  von  Haugwitz  sowohl  wie  der
Freiherr  von  Hardenberg,  waren  oft  genug  unsicher  und  schwankend  bei  Entschlüssen
  von  solcher  Folgenschwere,  wie  sie  damals  zu  fassen  waren,  und  in  weit
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        Berner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates.  2.  Aufl.

Erins“  Kronprint  Prinzessn  Prinz  Kan  König
Withelu  1.  Grledrl  Wilhelm  -en  Alegzandrine  wilhen
Gu#n  Charlolte
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Verlag  von  Emil  Strauß  in  Bonn.

 

Vrinz  Helurich  T#raz  Wilhelm
Komia#n  Lmis-  Anna  Maria
Gemahlin  des  Prinzen  Wilnelm
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        Reform  -Versuche.  —  Rastatt.  455

höherem  Maße,  als  bisher  angenommen,  traf  der  König  selbständig  seine  Entscheidung.
  Doch  auch  ihn  mußte  das  Gewicht  der  Verantwortung  in  jenen  Tagen
der  Gährung  und  Ummwälzung  aller  staatlichen  Bildungen  um  so  ursicherer
machen,  als  er,  von  den  Staatsgeschäften  bisher  fern  gehalten,  vor  energischen
Entschlüssen  zurückscheute,  und  die  Friedensliebe  seines  Herzens,  die  Scheu  vor
Blutvergießen,  die  ihn,  seitdem  er  die  Schlacht  gesehen,  beseelte,  mit  den  augenblicklichen
  inneren  Bedürfnissen  des  Staates  im  Einklang  stand.

 

Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  und  Prinz  Wilhelm  im  Jahre  1802.
Gleichzeitige  Zeichnung  eines  unbekannten  Künstlers  aus  dem  Nachlaß  des  Erziehers  der  Prinzen,  Friedrich
Delbrück,  in  Thorner  Privatbesi.  Auf  ½  verkleinert.

Mit  dem  Frieden  von  Basel  hatte  Preußen  so  wenig  gedacht,  sich  von
Deutschland  zu  trennen,  daß  es  vielmehr  den  Reichsfrieden  dadurch  zu  bewerkstelligen
  geglaubt  hatte.  Nun  aber  trennte  sich  das  Reich  von  Preußen,  und  auf
dem  Friedenskongresse  zu  Rastatt  schlossen  die  kleinen  deutschen  Fürsten  in  würdeloser
  Haltung  sich  der  Revolutionsmacht  an.  Wohl  war  es  noch  möglich,  den
Frieden  zwischen  Preußen  und  Frankreich  aufrecht  zu  erhalten,  aber  die  staatenvernichtenden
  Tendenzen  der  Pariser  Gewalthaber  mußten  zuletzt  doch  zum  Bruche
führen.  Und  in  Italien,  in  Holland,  in  der  Schweiz,  am  Rhein,  überall  schon
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        z

456  Zweite  Koalition.  —  Reichsdeputationshauptschluß.

drängten  sie  in  unerbittlicher  Folgerichtigkeit  vor.  Eine  geplante  Landung  französischer
  Truppen  in  England  mußte  zwar  aufgegeben  werden,  aber  nun  kam
zwischen  England,  Oesterreich  und  Rußland  eine  neue  Koalition  zu  stande.  Preußen
ging  auf  die  von  Frankreich  eifrig  gemachten  Allianzanträge  nicht  ein,  gab  die  Besitznahme
  des  rechten  Rheinufers  sogar  zu  und  bewahrte  trotz  mancher  Schwankungen  in
den  großen  Streitigkeiten  eine  Zurückhaltung,  von  der  man  einen  um  so  größeren
Gewinn  für  die  einzelnen  deutschen  Staaten  und  vornehmlich  die  Erhaltung  der
Neutralität  und  des  Friedens  für  Norddeutschland  hoffte.  Denn  sorgsam  unterschied
  man  in  Berlin  zwischen  dem  wüsten  Regiment,  das  augenblicklich  in  Frankreich
  herrschte,  und  dem  französischen  Staate;  in  diesem  sah  man  sowohl  am
Regierungstische  wie  im  Volle  den  natürlichen  Verbündeten  Preußens.  Aber
immer  weiter  schweiften  die  Pläne  der  französischen  Republik,  und  nicht  in  letzter
Linie  war  das  deutsche  Reich  ihr  Ziel  und  Endzweck,  ja  sie  gingen  weit  hinaus
über  die  der  einstigen  Monarchie,  wenn  sie  auch  an  diese  anknüpften.  Oesterreich
aus  Deutschland  hinauszuweisen,  Preußen  bis  über  die  Elbe  zurückzudrängen,  es
im  Osten  in  einen  unversöhnlichen  Gegensatz  zu  Rußland  zu  bringen,  England  an
der  empfindlichsten  Stelle  zu  treffen,  ihm  den  Handel  nach  dem  Festlande  zu
entziehen  und  die  deutschen  Kleinfürsten,  in  eine  nord=  und  eine  süddeutsche
Gruppe  geteilt,  unkrennbar  an  das  Leitseil  zu  knüpfen  —  das  war  der  Plan
der  französischen  Gewalthaber.  Und  es  begreift  sich,  daß  damit,  wenn  anders
der  preußische  Staat  sein  Dasein  retten  wollte,  der  Kampf  an  Preußen  auf  Sein
oder  Nichtsein,  auf  das  Messer  erklärt  war.

zwischen  war  die  zweite  Koalition  von  Bonaparte,  der  seit  dem  Staatsstreich
  vom  18.  Brumaire  erster  Konsul  der  Republik  geworden,  zerschlagen,  und
Oesterreich  zum  Frieden  von  Lüneville  gezwungen,  in  welchem  es  unter  anderm
sich  mit  der  Entschädigung  der  vom  linken  Rheinufer  verjagten  deutschen  Fürsten
durch  geistliche  Länder  einverstanden  erklärte.  Preußen  lenkte  nun  mit  dem  Gedanken,
  durch  die  Entschädigungen  für  den  Verlust  sowohl  den  eigenen  Staat  geographisch
  abzurunden  und  zu  vergrößern,  als  auch  ihn  zur  führenden  Rolle  in  Norddeutschland,
  wie  zum  Hort  Süddeutschlands,  trbeson  Bayerns  gegen  Oesterreich
zu  befähigen,  in  ein  Fahrwasser  ein,  welches  das  Reich  zum  Heile  führen  sollte.
Und  mit  Recht  glaubte  man  mit  den  Säkularisationen  dem  Reiche  überhaupt  eine
höhere  militärische  Leistungsfähigkeit  namentlich  gegen  den  Westen  zu  geben.  Indessen
schon  wurde  Preußen  von  Frankreich  und  Rußland  genötigt,  seine  Entschädigungen
in  einer  unerwünschten  Richtung  zu  suchen,  und  Ende  März  1802  mußte  der  König
„mit  Thränen  in  den  Augen“  den  Befehl  geben,  Hannover,  damit  es  nicht  in
russische  oder  französische  Hände  falle,  zu  besetzen.  Nach  der  Ermordung  des  Kaisers
Paul  von  Rußland  und  der  Thronbesteigung  Aleander  siel  die  Hoffnung  auf  das
Einverständnis,  welches  man  von  Rußland  für  die  auf  Erstarkung  Preußens  gerichteten
  Pläne  erwartet  hatte,  zunächst  zusammen.  Eine  Annäherung  an  Oesterreich
  führte  zwar  zu  einer  vorläusigen  Verständigung  über  die  Entschädigungsfrage,
  konnte  aber  den  Gegensatz  um  so  weniger  übertünchen,  als  Oesterreich
wenigstens  der  Sakularisation  der  geistlichen  Kurfürsten  entschieden  widerstrebte.
Napoleon  endlich,  der  Zustimmung  Rußlands  sicher  und  nach  dem  Frieden  von
Amiens  auch  von  England  zunächst  unbehelligt,  nötigte  Preußen  zu  dem  Vertrage
vom  23.  Mai  1802,  auf  Grund  dessen  zwischen  dem  Marquis  von  Lrcchesini
und  Beurnonville  die  preußischen  Entschädigungen  festgestellt  wurden,  die  dann
        <pb n="581" />
        Empfang  des  Raisers  Alexander  von  Rußland  durch  die  Königin  Luise  von  Preußen  in  Memel,
am  10.  Juni  1802.
Nach  dem  Gemälde  von  Heinrich  Dähling  (1778—1850)  geslochen  von  Johann  Friedrich  Volt  (1760—1836).  Auf  ½  verkleinerk.
(Gräftn  Boß  schreibt  von  dem  Eindruck,  den  die  Königin  Luile  an  diesem  Tage  machte,  in  ihrem  Tagebuch:  Sie  war  h.  u#r  schöner  wie  je.)
        <pb n="582" />
        458  Reichsdeputationshauptschluß  —  Neutralitätspolitik.

1608  wenig  später  im  Reichsdeputationshauptschluß  vom  25.  Februar  1803  Aufnahme
sanden.  Allerdings  erhielt  Preußen  mit  den  Bistümern  Paderborn  und  Hildesheim,
  dem  größten  Teil  von  Münster,  den  Städten  Erfurt,  Mühlhausen,  Nordhausen,
  Goslar  und  einigen  thüringischen  Gebieten  im  Innern  Deutschlands  eine
reiche  Entschädigung  (173  Geviertmeilen  mit  etwa  500  000  Einwohnern),  und
in  Menen  und  Königsberg,  wo  eine  Zusammenkunft  zwischen  dem  Königeund
  dem  Kaiser  von  Rußland  stattfand  (Sommer  1802)  freute  man  sich  des.
schließlichen  Ergebnisses.  Allein  von  denienigen  Gebieten,  die  man  gewünscht,
hatte  Napoleon  Preußen  ausgeschlossen.  Die  geplante  Stellung  im  südlichen
Deutschland  war  dahin,  vom  Rhein  war  mit  Preußen  der  letzte  starke  Gegner
Frankreichs  verdrängt,  und  die  Hegemonie  über  etddeutschland,  wie  man  damals
die  führende  Rolle  bezeichnete,  zersiel  in  sich  selb

Denn  als  nun  der  neue  Bru  zwischen  srankreich  und  England,  dem
Napoleons  leidenschaftliche  Feindseligkeit  galt,  in  die  drohendste  Nähe  rückte,  und
Kaiser  Alexander  mit  wachsender  Entschiedenheit  sich  dem  Inselreich  zuneigte,  da
sammelte  Napoleon  nicht  nur  am  Niederrhein  eine  Armee,  sondern  besetzte
Hannover,  das  ihm  allerdings  das  einzige  Faustpfand  bot,  gegen  die  ekwaigen.
französischen  Verluste  in  den  Kolonien,  und  traf  alle  Vorbereitungen,  den  englischen
Handel  auf  der  Elbe  und  Weser  zu  unterdrücken,  die  Hansestädte  zu  vergewaltigen.
Es  lag  am  Tage,  wie  diese  napoleonischen  Uebergriffe  die  preußischen  Interessen
selbst  berührten,  den  preußischen  Handel  und  Wohlstand  vernichteten  und  die
Neutralität  Norddeutschlands  thatsächlich  verletzten.  Ganz  und  gar  mußte  das
Ansehen  des  Staates  dahinschwinden,  wenn  er  ihnen  nicht  mit  Entschiedenheit
sich  widersetzte.  Wiederholt  trat  der  Graf  von  Haugwitz  dafür  ein,  aber  er  erreichte
  vom  Könige  bei  dessen  feststehender  Ueberzeugung,  daß  selbst  ein  glücklicher
Krieg  für  Norddeutschland  verderblicher  als  kleine  Uebergriffe  der  Franzosen
seien,  nur  die  Erlaubnis  zur  Anwendung  diplomatischer  Vorstellungen.  Allerdings
  wurden  solche  in  ausgedehntem  Maße  angewandt,  man  entschloß  sich  sogar,
wieder  ein  Bündnis  zugleich  mit  Rußland  und  mit  Frankreich  in  Paris  vorzuschlagen.
  Man  wollte  sich  verpflichten,  Oesterreich  von  einem  Angriff  auf  Napoleon
zurückzuhalten,  wenn  dieser  nur  jede  fernere  Belästigung  des  neutralen  Norddeutschlands
  unterlasse.  Indessen  selbst  Rußland  lehnte  ein  Bündnis,  dessen
Spitze  sich  nicht  entschieden  gegen  Frankreich  richtete,  ab,  und  Napoleon  stellte
unerhörte  Forderungen,  verweigerte  auch  die  geringste  Bürgschaft  für  die  Er.
haltung  der  Ruhe  in  Deutschland  und  verfolgte  offenbar  die  Absicht,  Preußen
durch  allgemein  gehaltene  Versicherungen  der  Freundschaft  einzuschläfern.  Der
preußische  Gesandte  in  Paris  betonte  wiederholt,  wie  der  Krieg  auf  dem  Festlande
unvermeidlich  sei,  doch  glaubte  der  Freiherr  von  Hardenberg,  der  seit  dem  April

uo#  1804  den  Grafen  von  Haugwitz  abgelöst  hatte,  weder  von  Napoleon  noch  von
Alexander  diejenigen  kriegerischen  Absichten  voraussetzen  zu  sollen,  welche  sie
wirklich  hegten.  Ja  von  Napoleon  hoffte  man,  nachdem  er  sich  am  18.  Mai
1804  zum  Kaiser  hatte  ausrufen  lassen,  die  Rückkehr  zu  friedlichen  Gesinnungen,
und  in  jedem  Falle  war  man  entschlossen,  die  Neutralität  aufrecht  zu  erhalten.
Aber  alle  Aufforderungen  der  Mächte,  besonders  Rußlands  zum  Kampf  gegen  Napoleon
lehnte  man  ab,  und  Rußland  dachte  nun  über  Preußen  herzufallen,  seine  östlichen
Provinzen  ihm  zu  entreißen,  und  England  wie  Oesterreich  sollen  ihre  Zustimmung
zum  Kampfe  gegeben  haben.  Im  Spätherbst  zogen  sich  die  russischen  Truppen
        <pb n="583" />
        Neuktralitätspolilik.  459

im  Osten  zusammen,  die  Koalition  zwischen  England,  Rußland,  Oesterreich  und
Schweden  schien  ihrem  Abschluß  nahe,  und  unfehlbar  mußte  die  norddeutsche
Neutralität  nun  in  die  Brüche  gehen,  wenn  nicht  die  Franzosen  aus  Hannover
entfernt  wurden.  Nicht  zu  bezweifeln  war  es,  daß  Hannover  bei  dem  endlichen
Friedenvon  England
  getrennt
werden  sollte,  und
unbestreitbar
war  für  diesen
Fall,  daß  es
alsdann  eine
Lebensfrage  für
Preußen  bilde,
in  den  Besitz  des
Landes,  in  welchem
  die  Elbeund
  Wesermündungen
  lagen,  zu

der  militärischen
Stellung  sicherte
man  zugleich  den
norddeutschen
Handel.  Ja  die
Erwerbung  Hannovers
  schien  gerade
  der  Mittelpunkt
  der  preuhischen
  Politik
sein  zu  müssen,
wenn  die  Aufrechterhaltung

der  Neutralität
die  Absicht  war.
fu  wte  uun  Koiser  Alexander  I.,  König  Friedrich  Wilhelm  III.  und  Henahlin  en
Sarge  Friedrichs  bes  Großen,  in  der  Nacht  vom  3.  zum  4.  N
Hannovers  we-  snach  vem  wenät,  von  Freng  Laur  An-  Maöh  gchechen  ven  vrer  —*“
sentlich  erleich-  det  (geb.  um  1770).  Auf  eiwa  ½  vrrlleiner.
tert  werden,

während  ohne  sie  Preußen  in  den  Kampf  der  Mächte  hineingezogen  wurde.

Da  führte  der  Kampf  der  Verbündeten  gegen  Frankreich,  der  inzwischen  in
Süddeutschland  begonnen,  die  preußische  Politik  zu  den  scheinbar  widersprechendsten
Wandlungen,  wiewohl  auch  ihnen  die  Erhaltung  des  Friedens  und  der  Neutralität
für  den  Norden  zu  Grunde  lag  und  zunächst  auch  noch  erreicht  wurde.  Die
Nachricht  von  dem  unmittelbar  bevorstehenden  Durchmarsch  der  Russen  durch
preußisches  Gebiet  nach  Süddeutschland  veranlaßte  militärische  Maßregeln  im
        <pb n="584" />
        460  Neutralitätspolitik.

Osten,  als  plötzlich  Napoleon  im  festen  Vertrauen  auf  die  feichliche,  Gesinnung
des  Königs  die  Neutralität  Preußens  mit  dem  Durchmarsch  durch  Ansbach  in  der
rücksichtslosesten  Weise  verletzte.  Unwilliger  und  unwilliger  zürnte  das  preußische
Volk  ob  der  dreisten  Willkür,  verlangte  den  Kampf  für  die  Ehre  und  Existenz
des  gesamten  deutschen  Vaterlandes.  Einen  Augenblick  schien  selbst  den  w#ng
die  Empörung  hinzureißen,  er  schien  gewillt,  dem  allgemeinen  Zorne  folgend,

Schwert  gegen  den  Usurpator  zu  ziehen.  Er  gestattete  nunmehr  den  e
der  Russen  und  ließ  —  doch  wieder  in  der  Hoffnung,  seine  Neutralität  zu  wahren
—  die  Besetzung  Hannovers  vollziehen.  Jetzt  kam  Kaiser  Alexander,  um  den

#1805  König  für  den  Kampf  zu  bestimmen,  persönlich  nach  Berlin,  und  am  3.  November

15.  Dez.

1306
15.Febr.

805
26.  Dez.

wurde  zu  Potsdam  —  man  kennt  die  ergreifende  Szene  am  Sarge  König
Friedrichs,  in  der  sich  beide  Herrscher  ewige  Freundschaft  gelobten  —  ein
Vertrag  geschlossen,  in  welchem  Preußen  sich  zur  bewaffneten  Neutralität,  zur
Forderung  einer  Reihe  von  Aenderungen  in  Europa  und  vornehmlich  zur  Räumung
Deutschlands  von  den  französischen  Truppen  entschloß.  Seit  langer  Zeit  schon  war
in  Berlin,  ja  in  ganz  Preußen  eine  Partei  thätig,  welche  mit  Ungestüm  den  Krieg  mit
Frankreich  verlangte,  und  an  ihrer  Spitze  stand  ein  Fürst  von  so  ungewöhnlich
glänzender  Begabung,  wie  der  Prinz  Louis  Ferdinand  von  Preußen.  Schon
schleuderte  Ernst  Moritz  Arndt  im  „Geist  der  Zeit“  seinen  ganzen  wilden  pommerschen
  Zorn  gegen  den  frechen  Emporkömmling,  und  seine  flammenden  Worte  fanden
lauten  Widerhall  bei  der  Kriegspartei.  Durchaus  nicht  entsprachen  jene  Beschlüsse
den  Wünschen  dieser  kampflustigen  Patrioten,  sie  gerieten  aber  wie  aus  der  Fassung,
als  der  Graf  Haugwih,  der,  jene  Forderungen  an  Napoleon  zu  stellen  und  ihn
hinzuhalten,  in  dessen  Feldlager  gesandt  war,  mit  einem  ganz  entgegengesetzten
Ergebnis  zurückkehrte.  Napoleon  hatte  mit  der  Schlacht  von  Austerlitz  nicht  nur
Oesterreich,  sondern  die  ganze  Koalition  ins  Herz  getroffen,  und  weder  gewillt,
noch  im  stande,  Preußen  allein  der  Wut  des  allmächtigen  Imperators  auszusetzen,
  hatte  Graf  Haugwitz  am  15.  Dezember  in  Schönbrunn  ein  Abkommen  mit
Napoleon  getroffen,  in  welchem  Preußen  gegen  Anerkennung  des  französischen  Besitstandes
  und  gegen  Abtretung  von  Cleve,  Nürnberg  und  Ansbach  das
Hannover  erhielt.  Ja  als  man  in  Berlin  den  hierfür  geforderten  Bund  von
dem  Abschluß  des  allgemeinen  Friedens  abhängig  zu  machen  suchte,  vernichtete
Napoleon  den  eben  geschlossenen  Vertrag  und  zwang  (Paris,  15.  Februar  1800)
Preußen,  das  inzwischen  abgerüstet  hatte  und  wehrlos  vor  der  französischen
Uebermacht,  die  mit  Leichtigkeit  von  Süddeutschland  heranrücken  konnte,  dalag,
zu  einem  Bündnis,  in  welchem  es  die  Schließung  der  Nordseehäfen  und  Lübecks
gegen  England  zusagte.  Unfehlbar  mußte,  so  war  zu  erwarten,  einer  solchen
Zusage  der  Krieg  mit  England  folgen.

Allein  selbst  der  Gewinn  von  Hannover  blieb  noch  unsicher,  die  französischen
Truppen  entfernten  sich  trotz  des  zu  Preßburg  abgeschlossenen  Friedens  zwischen
Oesterreich  und  Frankreich  nicht  aus  Süddeutschland,  und  dem  Schwergewicht,
mit  welchem  die  französische  Besatzung  auf  der  preußischen  Süd=  und  Westgrenze
lastete,  fügte  Napoleon  eine  weitere  Rechtsverletzung  hinzu,  indem  er  Wesel  mit
Frankreich  und  die  Abteien  Essen,  Werden  und  Elten  mit  dem  neuen  Großherzogtum
  Berg  vereinigen  ließ.  Natürlich,  daß  in  Preußen  das  tiefe  Sinken  des
Ansehens  mit  großer  Bitterkeit  empfunden  wurde,  daß  der  König,  längst  tief
verletzt,  im  Innersten  seiner  Seele  erzitterte  über  die  Unbill,  die  Gewaltmaßregeln
        <pb n="585" />
        Der  Tod  des  Peinzen  Louis  Ferdinand  von  Preußen  in  dem  Gefecht  bei  Saalfeld
am  J0.  Okftober  1806.

Kolorlerte  Radlerung  von  Johann  Lorenz  Rugendas  (1775.—1826,  auf  3/10  verkleinerl).

*
        <pb n="586" />
        462  Neutralitätspolitik.

des  übermütigen  Korsen.  Aber  besser  als
andere  kannte  er  die  Schwächen  des  Staates,
und  Unheil  und  tiefe  Not  sah  er  da  voraus,
wo  vielfach  eine  leichtherzige  Begeisterung
von  nahem  Sieg  und  blühendem  Lorbeer
träumte.  Am  wenigsten  wollte  er  sich  in
den  Krieg  gegen  Schweden,  das  gewaltsom
aus  Lauenburg  verdrängt  werden  mußte,
von  Napoleon  hineintreiben  lassen,  pflegte
im  Gegentheil  nach  wie  vor  die  freundschaftlichen
  Verhältnisse  zu  dem  mit  jenem
in  naher  Beziehung  stehenden  Rußland.
Selbst  die  Bildung  eines  norddeutschen
Bundes  beförderte  Napoleon  nur  scheinbar,
bereitete  ihr  in  der  That  nur  Hindernisse.
Ein  Gaukelspiel  war's  auch  nur,  daß  er
dem  Könige  von  Preußen  den  Namen  eines
ach  d  Zriedrich  ent.  u  Kaisers  von  Norddeutschland  angeboten
5  ech  dem  1834  een  Vemoldkeden,  hatte.  Unter  seiner  Aegide  vielmehr  und  in
nackter  Mißachtung  jedes  historischen  Rechtes
ketteten  sich  am  17.  Juli  zunächst  sechzehn  Fürsten  i  im  Rheinbunde  an  die  napoleonische
Willkür,  und  ihre  deutschen  Truppen  traten  in  den  Dienst  des  Imperators.  Es  gab
kein  Deutschland  mehr,  und  kaltsinnig  legte  Kaiser  Franz  am  6.  August  die  deutsche
Kaiserkrone  nieder.  In  kühnen  Worten  rief  der  große  Publizist  Deutschlands,
Friedrich  von  Geng,  der  damals  freilich  schon  die  preußischen  Dienste  verlassen,
die  Nation  auf  zum  Kampfe  gegen  Napoleon.  Um  der  Ehre  und  des  eigenen  Daseins
willen  mahnt  Gerhard  Johann  David  Scharnhorst,  nunmehr  mit  Rußland  zusammen
das  Schwert  aus  der  Scheide  zu  ziehen.  Das  kommende  Elend  wie  voraussehend,
beschwört  der  Finanzminister  Freiherr  vom  und  zum  Stein  den  König,  die  Gebrechen
1806  der  Staatsregierung,  hauptsächlich  das  Kabinett,  abzuschaffen,  und  im
flehten  die  Königin,  die  Prinzen  des  königlichen  Hauses,  Stein,  Blücher  u
andere  Generale  feierlich  den  König  an,  seine  Ratgeber  zu  wechseln.  ä
zweifelte  mehr,  daß  die  umfassenden,  in  der  That  Oesterreich  geltenden,  Truppenbewegungen,
  welche  der  General  von  Blücher  aus  Westfalen,  der  Gesandte  Graf
Görtz  aus  Regensburg  meldete,  gegen  Preußen  gerichtet  seien.  Nicht  genug,  daß,
wie  man  erfuhr,  Hannover  Preußen  wieder  abgenommen  werden  sollte,  nicht
genug,  daß  die  Anwesenheit  und  das  Vorrücken  französischer  Truppen  jede  Selbstständigkeit
  des  Staates  aufhob,  mußte  vielmehr  das  täglich  wahrscheinlicher
werdende  Einverständnis  Napoleons  mit  England  und  Rußland  Preußen  immer
mehr  vereinzeln,  ja  man  war  von  Süden  und  Westen  einem  unmittelbaren  Einfall
Frankreichs  ausgesetzt.

Aber  immer  noch  auf  Frieden  hoffend,  rüstete  man  sich  gegen  einen  solchen
Ueberfall  nur  nokdürftig,  hatte  aber  schon  Anordnungen  getroffen,  um  den  Forderungen
  an  die  Staatskasse  genügen  zu  können.  Auf  Steins  Betreiben  hatte  man
sich  im  Januar  1806  zur  Anfertigung  des  ersten  preußischen  Papiergeldes
entschlossen  und  gab  im  Laufe  des  Jahres  bis  zu  vier  und  einer  halben  Million
Thaler  Tresorscheine  aus,  deren  geringster  auf  fünf  Thaler  lautete.  Von  Napoleon
        <pb n="587" />
        Ausbruch  des  Krieges.  463

aber  verlangte  man  jetzt  mit  Entschiedenheit  die  endliche  Zurückziehung  seiner
Truppen.  Dieser  aber  versagte  sich,  als  Kaiser  Alexander  den  von  seinem  Bevollmächtigten
  schon  gezeichneten  Vertrag  zu  vollziehen  sich  weigerte,  bestimmt
einer  solchen  Forderung,  verlangte  vielmehr  die  sofortige  Abrüstung  Preußens  und
versicherte  dem  Welfenhause  aufs  neue  den  Heimfall  seines  Stammlandes.  Damit
war  zur  Freude  vieler  Patrioten  der  Krieg  entschieden,  dessen  Ausbruch  Napoleon  *
noch  hatte  verschieben  wollen,  und  den  vermeiden  zu  können  Friedrich  Wilhelm
selbst  jetzt  noch  hoffte.  Nun  aber  gewannen  die  berechtigten  Zweifel  des  Königs
an  der  Kriegstüchtigkeit  und  Zuverlässigkeit  des  Heeres  doch  hier  und  da  Anhänger,
und  die  leise  sich  erhebende  Sorge  war  um  so  natürlicher,  als  Preußen  allein  den
Kampf  gegen  die  ganze  französische  Uebermacht,  der  sich  der  Rheinbund  gut  und
gern  anschloß,  bestehen  sollte.  Denn  die  russischen  Truppen  standen  noch  weit  ab  in
ihren  Steppen,  und  das  verbündete  Sachsen  suchte  heimlich  Napoleons  Hand.  Schon
bei  Beginn  des  Feldzuges  wurden  Fehler  gemacht,  die  Pläne  Scharnhorsts  verworfen
oodder  unvollkommen  ausgeführt.  Das  Heer,  nur  zum  Teil  zum  Kampfe  berufen,
sollte  durch  Thüringen  marschieren,  die,  wie  man  meinte,  noch  nicht  zahlreiche
feindliche  Armee  in  Franken  erwarten.  In  seiner  übergroßen  Bescheidenheit  hatte
der  König  den  Oberbefehl  nicht  selbst  übernommen,  sondern  ihn  dem  Herzog  von
Braunschweig  übertragen,  und  dieser,  hochbetagt,  wie  fast  alle  Generale  und
Stabsoffiziere,  hatte  nur  zögernd  sich  zur  Uebernahme  entschlossen,  suchte  die  Versantwortung
  auf  den  König,  der  anfangs  Oktober  im  Feldlager  eingetroffen  war,
ooder  auf  einen  Kriegsrat,  der  immer  häufiger  zusammenberufen  wurde,  abzuwälzen.
Es  kennzeichnet  die  unsichere  Haltung  im  Hauptquartier,  wenn  Scharnhorst  schreibt:
„Was  man  thun  müßte,  das  weiß  ich  wohl,  was  man  thun  wird,  das  wissen  die
Götter."  Und  doch  stand  der  unmittelbare  Angriff  der  Franzosen  bevor.

Um  den  Uebergang  über  die  Saale  zu  ermöglichen,  sandte  der  Fürst  von
Hohenlohe  seine
Vorhut  unter
dem  Prinzen
Louis  Ferdivoraus,

  und
als  die  Franzosen
  Koburg  8
besetzten,  bbe.  —  ——  2

schloß  der  2  1  *“

*

der  Uebergang
inzwischen  wieder
  aufgegeben
war,  einen  Vorstoß
  gegen  den
Feind.  Der
aber  machte  von  Preuhisce  Fünf-Thalerschein  vom  Kä  iseiner
  über-  s  Probe  des  ersien  preußischen  Paplergel

..  icus
1  egenen  Tirail=  Nach  einem  im  nn  von  L.  **5  cu  m  Sätaqhkbakq  bilmdltchess  Exemplare.
        <pb n="588" />
        464  Saalfeld.  —  Jena.

leur-Taktik  Gebrauch,  umging  die  preußischen  Truppen,  besiegte  sie  vollständig
101606  (10.  Oktober).  Schon  dieser  Schlag  wirkte  auf  die  Armee  betäubend  ein,  wirkte

um  so  betäubender,  als  der  geniale  Prinz,  die  Hoffnung  aller  Patrioten,  „der

Kriegsgott“,  „der  Liebling  des  Heeres“,  auf  den  sich  alle  Augen  richteten,  auf
der  Wahlstatt  sein  junges  Leben
lassen  mußte.  Er  hatte  das
„feierlich  männliche  Wort“  eingelöst,
  das  er  und  die  Generale
von  Blücher  und  von  Rüchel
einander  im  vergangenen  Dezember
  zu  Erfurt  gegeben,  „bestimmt
  das  Leben  daran  zu  setzen
oder  diesen  Kampf,  wo  Ruhm
und  hohe  Ehre  uns  erwartet,
oder  politische  Freiheit  und  liberale
  Ideen  auf  lange  erstickt  und
zernichtet  werden,  wenn  er  unms
  wäre,  nicht  zu  überleben



Doch  schwerer  noch  sollte
das  Geschick  einen  General  treffen,
der  in  den  letzten  Feldzügen  so
manche  Lorbeeren  gepflückt,  einen
Fürsten,  der,  die  goldene  Kette
des  Rheinbundes  verachtend,  sein
Fürstentum  daran  gegeben  und
auf  seinen  Posten  im  preußischen
Heere  geeilt  war.  hne,  wie
ihm  befohlen,  das  rechte  Ufer
der  Saale  zu  besetzen,  ging.
Fürst  Hohenlohe  auf  das  linke
zurück.  Und  während  im  preußischen
  Hauptquartier  jede  Kunde
vom  Feinde  fehlte,  marschierte
Napoleon  unaufhaltsam  vorwärts.
  Am  12.  Oktober  stand.
er  im  Rücken  der  preußischen
Armece,  besetzte  Naumburg,  Mar-Prinz

  Louis  Ferdinand  von  Preußen.  schall  Davout  ——  sich

Kupserstich  von  Eberhard  Siegfried  Henne  (1759—1828),  auf  etwa.  des  Saale-Passes  bei  Kösen.

die  Lalste  verkleinert.  Die  Preußen  kehrten  ihrer

Hauptstadt  das  Gesicht  zu.  Am

u.  On.  14.  kam  es  zur  Doppelschlacht  bei  Jena  und  Auerstädt.  Dort  wurde  Hohenlohe
  von  der  erdrückenden  Uebermacht  trotz  aller  Tapferkeit  seiner  Truppen  völlig
geschlagen  und  zu  einem  Rückzug  genötigt,  der  in  eine  entsetzliche  Flucht  ausartete.

„Lieber  tausendmal  sterben",  sagte  Gneisenau  noch  in  der  Erinnerung,  „als  das

noch  einmal  erleben".  Um  so  glücklicher  schienen  auf  dem  anderen  Schlachtfelde

 

—
        <pb n="589" />
        —  4½24

 

 

 

 

 

 

 

 

—  —  uner  erien  .

 

 

1  AIbererunçen-  pver.  Fedt.

—  —

 

 

 

 

 

*

 

#

2  5  Feuchntel  Valensin
v  o  dwoß
S

   

 

prn.  o
PKeUSS/su  STAAT’

rriccrickühenn  lu.
bis  1806.

 

—.——  Hcr-  Irr.

 

 

 

 

 

 

—  ons
        <pb n="590" />
        <pb n="591" />
        Jena  und  Auerstädt.  465

 

Napoleon  besucht  das  Grab  Friedrichs  des  Großen,  am.  25.  Oltober  1806.
Nach  der  Beichnuns  Särrich  Dähling  (1773—1850)  in  Aquatinta  cochochen  von  Jügel  (arbeitele
#ue  des  18.  und  am  Ansang  des  19.  Jahrh.).  Aus  ½  verkleinert,

die  preußischen  Waffen  zu  sein,  wo  5  seine  ganze  Kraft  einsetzte.  Tapfer  1800
und  ihres  alten  Ruhmes  würdig  fochten  die  Preußen,  gewannen  Terrain  auf
Terrain,  sie  waren  im  Begriff,  die  französische  Armee  zu  umklammern,  und  schon
konnte  Scharnhorst  seinen  Bataillonen  zurufen,  sie  hätten  die  preußische  Monarchie
gerettet.  Dann  aber  waren  die  Verstärkungen  im  rechten  Augenblick  nicht  zur
Stelle.  Nach  der  schweren  Verwundung  des  Herzogs  von  Braunschweig  fehlte
ein  Oberkommando  vollständig,  jeder  General  handelte  nach  seinem  Ermessen  auf
eigene  Faust.  Der  General  von  Kalckreuth  blieb  mit  seinen  aus  drei  vollen
Brigaden  bestehenden  Reserven  völlig  unthätig  auf  der  Höhe  von  Eckartsberga
5s  und  andere  21  Bataillone  nebst  44  Geschützen,  welche  die  Saale-Uebergänge
bei  Naumburg  und  Dornburg  bewachen  sollten,  kamen  ebensowenig  ins  Gefecht.
Nun  konnte  Davout  die  Preußen  im  Norden  und  Süden  umzingeln,  und  die
Schlacht  war  trotz  des  starken  Verlustes  und  der  völligen  Erschöpfung  der  Franzosen
für  die  Preußen  verloren.

Noch  ahnte  man  es  nicht,  und  doch  war  es  die  Wahrheit,  nicht  nur  die
Schlacht,  sondern  Preußen  selbst  war  verloren.  Der  Uebermut  des  frechen  Eroberers,
  der  sofort  nach  der  Schlacht  den  preußischen  Provinzen  eine  Kontribution
von  159  Millionen  Francs  auferlegte,  gleich  als  seien  sie  schon  erobert,  lielle  nur

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="592" />
        466  Jena.  —  Napoleon  in  Berlin.

806  allzu  bittere  Früchte  zeitigen.  Die  preußische  Armee  löste  sich  auf  dem  Rückzuge
vollständig  auf,  bei  Halle  erlitten  die  Reserven  eine  neue  Niederlage.  Höchst  ungenügend
  freilich  waren  die  Festungen  zum  Widerstande  gerüstet,  ihre  Kommandanten
  alte  und  unfähig  gewordene  Soldaten.  Aber  solch  eine  Flucht  und  Felonie,
wie  sie  nun  einriß,  war  ohnegleichen  in  der  Weltgeschichte.  Erfurt,  Magdeburg,
Stettin,  Küstrin,  die  meisten  schlesischen  Festungen  öffneten  in  empörendster  Feigheit
  ihre  Thore,  und  jede  böse  That  gebar  fortzeugend  Böses,  Niederträchtiges.
Fürst  Hohenlohe,  der  sich  bis  in  die  Uckermark  mühsam  durchgeschlagen,  wurde
durch  eine  gemeine  Unwahrheit  geblendet,  die  Joachim  Murat,  als  er  ihn  bei
Prenzlau  erreichte,  über  die  Stärke  seiner  Truppen  ihm  aufzubinden  sich  nicht
entblödete.  Trotz  des  verwegenen  Angriffs  des  Prinzen  August  von  Preußen
kapitulierte  der  Fürst  im  offenen  Felde.  Nichts  half  es,  daß  Blücher  unter  furchtbaren
  Mühen  —  slundenlang  sicherte  ihm  Oberst  Vort  mit  seinen  Jägern  den
Uebergang  über  die  Elbe  —  ihn  zu  entsetzen  versuchte,  daß  Scharnhorst  mit  unglaublicher
  Kühnheit  den  Feind  im  Rücken  und  in  der  Flanke  faßte  und,  sich  nach
Mecklenburg  werfend,  mehrere  französische  Korps  nach  sich  zog.  Nichts  half  es,
daß  Blücher  vor  Lübeck,  ja  in  den  Straßen  der  Stadt  mit  Verzweiflung  sich
wehrte,  zuletzt  mußte  auch  er,  ohne  Munition,  ohne  Proviant,  der  feindlichen
Uebermacht  sich  ergeben.  Wohl  waren  herzerquickende  Heldenthaten  geschehen,  aber
unbekümmert  um  sie  war  das  Unglück  schnell  voran  geschritten.  Schon  am  24.  Oktober
waren  die  Franzosen  in  Berlin,  Napoleon  selbst  hatte  sich  zunächst  nach  Potsdam
begeben,  besuchte  das  Grab  des  Großen  Königs,  und  nicht  würdiger  glaubte
er  Friedrich  zu  ehren,  als  indem  er  seinen  Degen,  seine  Schärpe,  seine  Orden
raubte.  Am  27.  Oktober  hielt  er  seinen  feierlichen  Einzug  in  Berlin.  Wohl
trat  ihm  hier  manche  Gesinnungsniederträchtigkeit  entgegen,  und  die  preußische
Verwaltung  folgte  sast  ohne  Widerspruch  den  nopoleonischen  Befehlen.  Aber  alsbald
  begann  auch  hier  nicht  nur  die  schlimmste  Kontribution  das  Volk  zu  bedrücken,
sondern  gegen  alles  Völkerrecht  wurden  die  königlichen  Schlösser  und  Kunstsammlungen
  bestohlen.  Selbst  die  Viktoria,  die  Friedrich  Wilhelm  II.  auf  dem  von  ihm
erbauten  Brandenburger  Thor  als  einfach  schönen  Schmuck  hatte  setzen  lassen,  wurde
geraubt  und  wie  alle  Kunstschätze  nach  Paris  gesandt.  Mit  der  Ruchlosigkeit  des
Barbaren  zerstörte  Napoleon  alle  wirklichen  oder  vermeintlichen  Andenken  der
preußischen  Größe.  Ehrlos  wagte  er  es,  die  Königin  Luise,  die  er  schon  vorher
  als  Anfslisterin  des  Krieges  geschmäht,  aufs  neue  zu  verleumden.  Er
ahnte  nicht,  daß  weit  höher  noch,  als  all  die  furchtbaren  Erpressungen,  die
er  dem  Lande  auferlegte,  weit  höher  noch  als  die  Brachlegung  des  Handels,
die  er  mit  der  entsetzlichen  Kontinentalsperre  gegen  England  befahl,  gerade  diese
Rohheiten  die  Herzen  des  Volkes  gegen  ihn  entflammten  und  jetzt  schon  den  alten
preußischen  Vaterlandssinn  auferweckten,  der  wohl  einschlummern,  aber  nicht
sterben  konnte.

Am  Tage  der  furchtbaren  Schlacht  selbst  hatte  König  Friedrich  Wilhelm,  der
inzwischen  mit  seiner  Familie  nach  Ostpreußen  geflüchtet,  Waffenstillstand  erbeten,
hatte  wiederholt  dieselbe  Bilte  ausgesprochen.  Schon  war  er  bereit,  selbst  bis
zur  Elbe  alle  Länder  aufzugeben  und  die  Kriegskosten  zu  bezahlen,  da  zerschlugen
sich  alle  Verhandlungen  dadurch,  daß  der  Kaiser  den  Bruch  Preußens  mit  Rußland
  verlangte.  Nimmermehr  hätte  Friedrich  Wilhelm,  wie  es  freilich  Sitte
damals  war,  seine  Bundesgenossen  verlassen,  nimmermehr  Preußen  zur  Grund-
        <pb n="593" />
        Einzug  Kapoleons  in  Berlin  am  27.  Oktober  806.

Nach  der  Zeichnung  von  Ulrich  Ludwig  Wolf  (1772—1832)  gestochen  von  Johann  Friedrich  Jügel  (arbeitele  am  Ende  des
6  Suss  r5  und  8  EWs  109.  Fse  Auf  iräs  ½  oe  z
        <pb n="594" />
        1807  geschah,  wurde  durch

468  Eylau.  —  Waffenstillstand.  —  Graudenz.  —  Kolberg.  —  Danzig.

lage  der  französischen  Angriffe  auf  Rußland  gemacht.  Er  beschloß  die  Fortsetzung
des  Kampfes  (21.  November).  Doch  erst,  als  in  Polen  der  Aufstand  losbrach,
als  die  polnischen  Slachtizen  aufsaßen  und  nicht  nur  die  preußische,  sondern
auch  die  russische  Herrschaft  gelah  den  fand  Kaiser  Alexander  sich  bewogen,  die
vertragsmäßige  Hilfe  zu  leisten.  Auch  sie  blieb  erfolglos,  #und  was  noch  Tüchtiges
die  Preußen  vollführt.  Als  es  am  7.  und  8.  Februar  1807
zwischen  den  Russen  und  Franzosen  zur  Schlacht  bei  Prenßisch-  Eylau  kam,  da
war  es  das  preußische  Korps  unter  L'Estocq,  das,  Scharnhorsts  Weisungen  folgend,
die  Schlacht  entschied,  zum  ersteumale  dem  Imperator  den  Sieg  entriß.  Diesmal
hatte  der  Generalstabschef  alle  seine  Anordnungen  selbst  ausführen  können,  und
alle  waren  geglückt.  Endlich  einmal  hatte  Napoleon  fühlen  gelernt,  daß  der  Geist
Friedrichs  in  der  preußischen  Armee  noch  nicht  erloschen.  Er  räumte  das  Schlachtfeld
  und  zog  sich  über  die  Passarge  zurück.  Scharnhorst  drang  auf  schleunigste
Verfolgung,  auf  Zurückwerfung  der  Franzosen  bis  über  die  Weichsel.  Aber  all
seine  Ermahnungen  vermochten  nichts  über  den  russischen  Oberbefehlshaber  von  Bennigsen,
  der  das  Schicksal  seiner  soeben  erst  durch  die  Preußen  geretteten  Armee
nicht  einer  „allgemeinen  Affaire“  aussetzen  wollte.  Was  auch  galt  ihm  die  Befreiung
  Danzigs,  oder  was  war  ihm  die  Gefahr  Pommerns!  Kein  glänzenderer
Beweis  aber  für  die  Bedeutung  des  Sieges,  als  daß  Napoleon,  der  bisher  die
preußischen  Bitten  um  Waffenstillstand  nur  mit  Hohn  und  Spott  beantwortet
hatte,  jetzt  seinerseits  dem  Könige  den  günstigsten  Sonderfrieden  anbott  Auch
waren  ihm  die  preußischen  Verhandlungen  mit  England  und  Oesterreich  nicht
unbekannt  geblieben,  und  er  empfand  mit  bittrem  Unwillen,  was  den  gerade  jehzt
nach  Preußen  fbersiedelnden  Parthold  Niebuhr  mit  so  viel  Freude  erfüllte,  daß
nirgend  mehr  so  viel  Krast,  Treue  und  Gutmütigkeit  vereinigt  sei,  wie  in  diesem
preußischen  Volke.  Denn  auch  anderwärts  mußte  Bonaparte  erfahren,  daß  männischer
  Mut,  soldatische  Tugend  in  Preußen  noch  nicht  verschwunden.  Wie  störte
es  ihn,  daß  hier  die  Freikorps  entstanden,  daß  Ferdinand  von  Schill,  der  tapfere
Husaren-Major,  in  Pommern  seinen  Truppen  manch  empfindlichen  Schaden  beibrachte,
daß  der  alte  General  de  l  Homme  de  Courbière  Graudenz  hielt.  Wie  empörte  es
ihn,  daß  Major  von  Gneisenau,  aufs  kräftigste  von  dem  tapfern  Nettelbeck

unterstützt,  Kolberg  seinem  Könige
——
6  i  mnG-Gnt

 

rettete!  ühe  nur  konnte  er
das  von  den  Preußen  mit  größter
Tapferkeitverteidigte  Danzig  nehmen.
Endlich  am  26.  Mai  fiel  die  Stadt,
und  klagend  schrieb  die  Königin,

Mit  Müh
[x1
JGee

Sst

 

 

%

Notgeld  aus  der  Zeit  der  Belagerung  von  Kolberg
i  1807.

 

In  Größe  des  Originales  im  Kgl.  Münzkabinekt  zu  Verlin.

die  Bedeutung  des  Ereignisses  voll
würdigend:  „Es  giebt  Momente,
wo  der  Mut  sinkt  und  Trauer  die
Seele  bemeistert,  und  so  ist  der
jetzige:  Danzig,  Danzig  ist  dahin,
seit  gestern  in  französischen  Händen,
in  diesen  verhaßten,  über  alles  gräßlichen
  Händen“.  Jetzt  waren  in  der
That  alle  Hoffnungen,  welche  Scharnhorst
  auf  den  Ausbruch  des  Volks-
        <pb n="595" />
        Erläuterungsblatt

zu  dem

eigenhändigen  Schreiben  der  Rönigin  Luise  an  ihren  Later,
den  HPerzog  Rarl  von  Meklenburg-Strelitz,

d.  d.  Königsberg,  15.  Mai  isor.

In  Größe  des  Originales.
        <pb n="596" />
        Übertragung  des  nebenstehenden  Schreibens.

Könlgsborg,  b.  15.  May  1
r  Vater.  Die  Abreise  de#  Gene  18  v.  Bllcher  mir  Hotilob  einmahl  eine  sichere  legeubelt,
yr  Inn  Ihnen  zu  reden.  Golt  wie  lange  Sbebernh  dieses  Glück  und  wic  vlel  haob'  ich  Ihnen  zu  sagen.
3.  Wochen  meines  Krankenlagers  war  jeder  Tag##  8  —  neuen  Ungt#  egleltei,  davon  iletalls  nicht
2  #  weil  goittlob  mein  Gedächiniß  nicht  ar#  um  sie  ausu#zeichnen,  *Pp  es  ein  wahres  Ungliict  wãre
webn  blese  grchu  unrungen  anhaliem  sortwirken  könten.  Die  gewonnene  Schlacht  bei  Sutt#s  nultust  war
6  erste  glückliche  Erreichniß  nach  3  Monath  schrecklicher  Leiden;  die  viel  —.  mtee  bey  Preussisch
Cylau  v6  r  eite  Glück,  und  die  Ankunst  oirsns  wahren  Freundes  des  Kaysers  von  Aten  die  dritie  —
Epoquc.  Nun  hab'  ich  wicder  Muih,  mit  der  zunahme  melmer  Phistschen  Krafte  nehmen  at
und  Hossnungen  zu.  Die  Schlacht  beie  2  war  sehr  wichtig  in  ihren  Eutes:  Neaih  hat  man  nicht  uie
ortheil  davon  gezogen  den  man  häite  giehen  können,  allein  dle  Franzosen  siod  auf  wiier,  aueren  Weise  geru
  u6  verlobren  wenigstens  30  Tausend  !nz'  mu,  und  die  Unbeweglichtelt  di  die  bey  ihnen  ist  selt  Monath,
ist  wohl  der  sichersie  eweis,  daß  sie  so  geschwächt  sind,  daß  sie  z  an  neue  Erobe  2*  deute-I  tönnen.  Einer
ihrer  ——  die  noch  von  mehreren  begleiket  waren,  sagten  6  Calle  von  Exlau  ihnen  70  tausend
Todte  und  bleßtrie  vekostet  hätten,  und  daß  fle  schlechterdings  aans  zu  leben  hätten,  und  mit  dem  größten  Elend
i

9  Königsberg  fürchteriich  ist,  wegen  die  lwidente  Menschen  die  Überall  nicht  gehen  sondern
triechen.  te  Jahrozeit,  der  Patriolismuß  der  sich  mit  der  erwachenden  Natur  in  *8  Preußen  Brust
wieder  ar  a  netivlict  die  man  bey  und  wahr  nimt,  die  Sen  unn  des  vortreflichen  rs  nach  Vommern
te  die  reservo  krtilen  die  erft  seit  o%  onalhe  ofganlsirt  find  und  ient,  #welle,  vorgehen,  theils  schon  gut  geblen

  haben,  alles  dieset  belebt  mit  neuen  Hofnungen.  Mehr  als  alles  dieß,  die  berrliche  3.  wirklich  o5iulche
hrebenspan#  Koyler#s  un0  Aae,  der  3“  Dang  in  n  Polltlarc,  bie  wiedereinlegung  des  guten  Hardenberg#
wird  uns  *zi  Herirau  #  fohe  Achtung  verschat

er  Vater  un  üuber  Essn%  *  wird  S  alues  gut  gehen,  und  wir  werden  uns  noch  einmahl
wleder  s  T%n  Die  Belagerung  von  #  gehet  die  Einwohner  benehmen  sich  unbehreiflich
die  Soldaten  hoben  unbegreisliche  Lasten  zu  äsween  her  die  Einwohner  geben  *n  —  und  Il  isch  um  ste  zu

rten.  le  wollen  von  keiner  übergabe  re  15T  —  unter  Schutt  beg  7gerden,  als  Untren  an
ihrem  König  handeln.  Ebenso  benimmt  r  sn  und  Coltberg.  Go  zlcs  a  einmahl  m——  aui
ehrliche  ihrer  Pflicht  getrene  Menschen  stöht.  Got!  waß  haben  wir  vor  entsetqziche  Erkahrungen  gemacht  waß
für  Menschen  hoben  wic  kennen  lernen.  So  tange  wir  an  der  Folge  einer  unglücklichen  Schlacht  litten,  8  war
ich  gesaßt,  man  hat  schon  mehr  ähnlicher  Fülle  m—  ben,  und  mit  der  Zelt  konte  man  possen  es  wieder  gut  zu
machen,  als  aber  die  Iinfuml  der  Menschen  mit  ins  Spiel  kam,  da  war  ich,  ich  gesteh'  es  trostlog!  Denn  von
mun  an  hörie  alle  Verechmmug  auf  die  sesie  Pläue  gingen  burch  Feichheit  und  Berath  Wert  die  und  Schuy  unmd
dem  Unglück  gre  en  genen  sollten.  Der  Coman#nnt  hatie  dem  König  in  die  Hand  versprochen  Gustein  60t“  %
Acher.  Mam  un  und  Soldat  zu  dessendiren  und  Tage  drauf  r  sie  durch  Verrath  dleses.
Feindes.  —  Doch  gen#  B  von  den  vergangenen  urre  uenen  wir  unseren  Blick  zu  Gott,  8  2  ir  Foahst
m  lenkt,  der  ung  nie  verläßt  wenn  wir  ihm  nicht  verlassen.

d.  17.

Ich  wonle  viel  recht  viel  6½  bester  Voter,  allein  es  ist  nicht  m  lich.  Ich  bekam  gehn  die  Nachricht,
  daß  4  die  Masern  bekämc,  heute  schreibt  mir  Hufland  daß  die  Masern  wieder  hereingrgangen
*#  ind,  und  daß  das  Gist  der  Krankheit  i  die  Lungen  gefallen  ist.  Belle  *  seiten  Siiche  #  rienir  *
ein  auhaltender.  —  Ktarker  Husten,  baben  dt  aud  lehr  besorgt.  m—W#  erhielt  den  Vrief  in  dem  Augenblick
als  ich  zur  Tauffe,  "%  leinen  Alcranderoa')  von  deri##  in  einer  Gesellschaft  ur  0%  —  ——
sollie.  Das  übermaß  der  Krüste  die  ich  onwandte  ret  contenance  5  “  die  tieffe  *  und  angst  melnes
Herhenß  haben  mich  so  bangenrifen,  daß  ich  nicht  mehr  im  Stkande  bin  u  schrelben.  G.  Blleher  çetel  Vorgen  früh

ku

“
"
5

F
gehet  in  ein  paar  Tage  auf  einige  Wochen  (14  Tage)  nach  M.  zmrück  zur  Ame  und  bleibt  der
Armuo  so  lange  mit  dem  K.  Alexander  ald  dieser  bleibt.  —  .  Ainchern,  auf  umerschstterliche  Standhalitgten.
  405  alsü  gegründet,  gieb#  die  Kateite,  r-  zur  usdauer.  Nur  durch  brharrlichkeit  kann  man
Siegen,  un  a  berzeugt.  Uardenbe  tte  des  al#nircs,  Zastrow,  biest  plus  des  allulres
DParechue  *“  rvanns  erolt  blesse  d’ette  lo  snxn“  T.  4%%  a#won  lo  chonsem,  ear  II  yn  10  ialson  pour
une  pour  lo  *

Ich  küßelt)  Großmama  die  Hände  zärthlich  küß'  ich  meine  Vrüder  und  Onele  Erust.  Carls  Wünsche  hab'
ich  dem  ##  ans  Wosbhern  gelegl.  Ich  war  recht  glücklich  bey  und  mit  Frlderiken.  (7)  Wie  ich  hieher  kam  wird
sie  Ihnen  cchreil  Ich  kann  nicht  mehr,  George  und  Cart  müßen  mir  es  nicht  abel  nehmen  daß  ich  nicht
schreibe  aber  Wen  ursoche  die  Ursache  —  —  2  tief  hat  mich  Ihr  Andenten  an  d.  10.  Mürz  gerührt  ich  füsse
Ihnen  die  kr  Ihre  Gnade  und  ich  kiüsfje  Gromama  und  die  Brilder  für  lhre  Gilte.

ugen  mein  Kopf  reichen  mehr  zu.  Auf  Ewig  Ihr  *  au  und  ich  darf  sagen  Ihre
Freundin
Luise.
Gottes  Seegen  ilber  den  *  Valer.
*)  Sohn  Schwester  der  Königin,  aus  ##rer  zweiten  Eße  mit  dem  Prinzen  von  Solms--Braunsels.

dDarde  IEIEITIII  aei,  nlcht  u  well  seine  —  vericht  r,  der  z
c,  man  wird  ihn  eutsernen,  denu  es  sind  zehn  Gründe  für  einen  vorhanden,  um  e  zu  wohnschen.
        <pb n="597" />
        Bernet,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates
        <pb n="598" />
        <pb n="599" />
        <pb n="600" />
        <pb n="601" />
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7  *—
        <pb n="603" />
        Scheitern  aller  Hoffnung.  —  Heilsberg.  —  Friedland.  —  Friede  von  Tilsit.  469

krieges  gesetzt,  alle  Pläne,  welche  er
und  der  Mojor  von  Gneisenau  auf
die  Landung  einer  Armee  in  Hannover
im  Rücken  der  Franzosen,  auf  die  Beteiligung
  der  Schweden  an  Blüchers
Kampf  in  Pommern  gegründet  hatte,
als  unausführbar  zu  betrachten.  Zudem
  wurde  der  bedeutendste  Minister
des  Staates,  Freiherr  vom  Stein,  in
Ungnade  entlassen.  Doch  noch  war
weder  Scharnhorsts  Zuversicht,  noch
die  Ausdauer  des  Königs  gebrochen.
Obwohl  die  höchst  mangelhafte  Kriegführung
  Bennigsens  und  seine  Ueberschätzung
  der  Bedeutung  von  Königsberg
  die  Schuld  an  dem  Falle  Danzigs
trug,  so  scheiterten  doch  alle  Versuche
Napoleons,  so  verlockend  er  sie  auch
gestaltete,  Erche  von  der  russischen
Freundschaft  zu  lösen,  an  der  un-  «
erschütterlichen  Bundestreue  König

Friedrich  Wilhelms.  Im  tiessten  Joachim  Christian  Nettelbeck.

 

Elend  lebte  die  königliche  Familie  in  Nach  der  Natur  Sketchhen  auh  esographhert  von  Ludwig
Memel,  aber  so  wenig  dachte  der  Im  i  3  *rl  6!  “  ss

König  daran,  sich  vom  Kaiser,  der

in  seiner  schwärmerischen  Art  bei  einem  Besuche  des  Königs  von  Treue  und
ewiger  Freundschaft  überfloß,  zu  trennen,  daß  er  sich  noch  näher  in  Bartenstein
  mit  ihm  verbunden  hatte.  Doch  wieder  zeigte  Bennigsen  am  Tage  von
Heilsberg  (10.  Juni)  seine  Unfähigkeit;  er  wagte  es  nicht,  die  von  den  Preußen
schon  geschlagenen  Franzosen  zu  vernichten.  Und  als  am  14.  Juni  bei  Friedland  14.  Jum
sein  Heer  den  Scharen  Napoleons  erlag,  da  vermochte  der  russische  Ehrgeiz  sich
nicht  auf  der  Höhe  der  preußischen  Treue  zu  halten.  Alexander  schloß  mit  Frankreich
  Frieden  und  Bündnis  und  verriet  Preußen.  Noch  ehe  Napoleon  sich  geäußert,
  hatte  er  für  Preußen  die  Elbgrenze  vorgeschlagen  und  selbst  die  Vertilgung
des  preußischen  Staates  hätte  er  hingenommen,  nur  unmittelbar  mochte  er  nicht
mit  den  napoleonischen  Dienststaaten  zusammengrenzen.  Napoleon  aber  brauchte
den  Frieden,  um  seine  Absicht  gegen  Spanien  und  durch  sie  wieder  die  gegen
England  ausführen  zu  können.  Schon  aber  rührte  sich  Oesterreich,  und  noch  war
der  Allgewaltige  nicht  gerüstet,  ins  Innere  Oesterreichs  vorzudringen.  So  wurden
wenigstens  einige  Länder  noch  dem  Könige  von  Preußen  erhalten.  Friedrich
Wilhelm,  den  beide  Kaiser  doch  endlich  noch  herbeiriefen  —  auf  einem  Floß  im
Niemen  fand  die  Zusammenkunft  statt  —  wurde  von  Napoleon  schnöde  behandelt,
  und  seinen  gänzlichen  Mangel  an  Edelsiun  und  ritterlichem  Taktgefühl
zeigte  der  herzlose  Emporkömmling  der  Königin  Luise,  als  sie  nach  schwerer  Uebeswindung
  vor  ihrem  Beleidiger  erschien,  für  bun  Staat  mit  Bitten  den  anging,
der  so  schmachvoll  sie  gekränkt.  Am  7.  und  Juli  wurde  der  Friede  zu
Tilsit  geschlossen.  Er  trennte  alle  Länder  und  der  Elbe,  wie  auch  die
        <pb n="604" />
        470  Friede  von  Tilsit.

polnischen  Länder  von  Preußen,  brachte  den  Staat  von  fast  zehn  Millionen  Einwohner
  auf  vier  und  eine  halbe,  von  5700  auf  2800  Geviertmeilen  herab  und
überließ  auch  diese  ihm,  wie  es  ausdrücklich  hieß,  nur  aus  Achtung  für  den  Zaren.
Die  westlichen  Länder  wurden  dem  neuen  Königreich  Westfalen  zugewiesen,  die

ist  Preuß  ßens,

dem  Könige  von  Sachsen,  gegeben,  und  zur  Verbindung  zwischen  Sachsen  und

 

Zusammenkunst  Napoleons  I.,  Aleranden  W55  Wilhelms  III.  auf  dem  Niemen

Nach  dem  Gemälde  von  Karl  we  Schumann  ½  gestochen  von  H.  Clar,
auf  etwa  ¼  verkleiner

dem  Großherzogtum  eine  Militärstraße  durch  die  preußischen  Länder  ausbedungen,  die
ein  Schreiben  des  Marschalls  Berthier  an  den  preußischen  Bevollmächtigten,
Grafen  von  Kalckreuth,  sofort  mit  dürren  Worten  in  eine  Handelsstraße  umwandelte.
  Auch  der  russische  Eigennutz  wurde,  um  die  Freundschaft  mit  Preußen
auf  die  Dauer  zu  spalten,  durch  die  Hingabe  von  Bialhstock  befriedigt,  und
Danzig  zu  einem  Freistaat  erklärt.
Kein  Zweifel  war,  so  schien  es,  mehr  übrig,  der  Staat  Friedrichs  des  Großen
war  vernichte,  und  der  herzliche  Beifall  der  deutschen  Fürsten,  die  er  so  oft  gerettet,
  sang  ihm  sein  Grablied.  Recht  methodisch  wurde  er  sogar  nach  E.  M.  Arndts
Worten  „bis  zu  seiner  Gruft  hingedeutet  und  hingerichtet".  Und  doch  —  schon
        <pb n="605" />
        Friede  von  Tilsit.  471

hatten  die  Thaten  einzelner  Führer,  einzelner  Truppen,  schon  hatte  der  Widerstand
  des  Königs  bis  aufs  äußerste  gezeigt,  daß  hier  eine  heldenmütige  Gesinnung
lebte,  der  nichts  zu  schwer  war.  Schon  zeigten  die  Antworten,  welche  losgerissene
Provinzen  dem  Könige  auf  seinen  Abschied  einreichten,  schon  zeigte  eine  mannigfach

   

———  22  œ.  –4  ––4  ½#rnddie  –  ——

sr  —“  ——...———  —  -
———  *—6  —————  ——  Sche  —
...“  ——“  MapoLæoM  am  .  —

Nach  der  Zeichnung  von  Johann  M.  Haas  gestochen  von  Gottscied  Arnold  Lehmann  (geb.  um  1770).
Auf  /  verkleinert.

hervortretende  Gesinnung  im  Volke  wie  im  Heere  und  bei  den  Staatsdienern,  daß
die  Arbeiten  der  Herrscher  Preußens  nicht  vergeblich  gewesen,  daß  Volk  und  Staat  zusammengewachsen
  waren,  daß  man  nicht  den  Staat  vernichten  könne,  ohne  den
heiligen  Zorn  des  Volkes,  ohne  die  tlesste  und  ernsteste  Widerstandsfähigkeit  heraufzubeschwören.
  Welche  Ursachen  es  auch  waren,  die  alle  sittlichen  Kräfte  verdeckt
hatten,  noch  waren  solche  vorhanden,  ja  gerade  damals  erkannte  ein  Gneisenau
schon  den  großen  Genius,  der,  trotzdem  die  trostlosen  Verhältnisse  seine  Flügel  lähmten,
        <pb n="606" />
        472  Friede  von  Tilsit.

in  der  Brust  von  tausend  und  tausend  Menschen  lebte,  erkannte  die  unendlichen
Kräfte,  die  nur  unentwickelt  und  unbenutzt  im  Schoße  der  Nation  schliefen.  Jetzt
galt  es,  diese  geistigen  und  sittlichen  Mächte  im  Herzen  der  Menschen  neu  anzufachen,
  und  das  Feuer  zu  schüren,  bis  es  in  heller  Flamme  auflohen  würde.  Und  die
Treue  des  Königs,  welche  nicht  davor  zurückschreckte,  einen  ihm  unbequemen  Mann,
den  Freiherrn  vom  Stein,  zurückzurufen,  die  Einsicht  und  Weisheit  von  Staatsmännern
  und  Feldherren,  ihr  alles  überwindender,  alles  besiegender  sittlicher  Mut,
das  wieder  emporquellende  Bewußtsein  von  der  Notwendigkeit  des  staatlichen
Lebens,  von  der  Wahrheit  und  Heiligkeit  religiöser  Empfindungen,  der  Zorn  des
Volkes  über  den  Tyrannen,  dem  nichts  heilig  war,  die  Vaterlandsliebe,  die
Preußens  Herrscher  geschaffen,  und  die  in  der  geschmähten  und  gerade  darum  noch
mehr  gefeierten  Königin  ihren  schönsten  Ausdruck  fand  —  sie  sollten  ein  Morgenrot
bringen,  vor  dem  die  Gluten  des  Gewaltherrschers  dahinschwanden.  Zur  Ruine
hatte  Napoleon  den  Staat  Friedrichs  wohl  zusammenschlagen  können,  aber  die
Macht  war  ihm  denn  doch  nicht  gegeben,  das  Leben  des  Staates  zu  töten.  Und
wahrlich,  ein  neues  Leben  sollte  aus  den  Ruinen  emporblühen!

 

Allegorie  auf  bdie  „#önigi  Luise  von  Preußen.
Im  GSintergrunde  das  Brandenburger  Thor  in  Berlin.  Kupferstich  eines
unbekannten  a  auf  die  Hälfte  verkleinert.
        <pb n="607" />
        Piertes  Buch.

Der  Staar

unter  den

n-!t  e  ui

 

Das  obenstehende  Titelblatt  siellt  eine
(legorie  auf  König  Friedrich  Wilhelm  II.
dar,  in  deren  Mitte  sich  desien  Medaillonporträt  (hier  gurcheherstthee  und  durch  die  Sitsoü  ersezt)  besindet.
Das  Blalt  wurde  nach  der  Zeichnung  von  Johann  Michael  Morcau  d.  j.  (1711—  1814)  v  ion  Johann  Durlos
(Geb.  1742,  gest.  zu  Anfang  des  19.  Johrh.)  gestochen.  Die  Neproduknon  ist  auf  7  s
        <pb n="608" />
        Ansicht  der  Linden  in  Berlin  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts.
solorierte  Radierung  eines  unbelannten  Kũnstlers,  auf  i/  verkleinert.

Viertes  Buch.

Der  Staat  unter  König  Friedrich  Wilhelin  III.  und  König
Triedrich  Wilhelm  IV.  1800—1861.

Die  Wiedergeburt  des  Staates.

Seit  jenen  schweren  Tagen,  da  die  Heldengröße  des  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm

mitten  in  der  Wüste,  die  der  unselige  Glaubenskrieg  geschaffen,  seinen  Staat
aufgerichtet,  war  das  kleine  Brandenburg-Preußen  den  Fürsten  Europas  ein  Dorn
im  Auge,  ein  Stein  im  Wege  gewesen.  In  staunenswerten  Kämpfen  hatten  die
Häuser  Bourbon  und  Habsburg  um  die  Vorherrschaft  in  Europa  gerungen,  unbekümmert
  um  das  Elend,  in  welches  sie  die  Völker  hineinrissen.  Die  Unterwerfung
  Deutschlands  aber,  so  hatten  sie  richtig  erkannt,  war  die  Voraussetzung
für  die  Herrschaft  über  Europa,  und  die  Vernichtung  der  Selbständigkeit  des
Reiches  blieb  daher  allzeit  das  Hauptziel  der  beiden  kämpfenden  Dynastien.  Was
den  Hohenstaufen  einst  Italien  gewesen,  das  war  den  Habsburgern  wie  den  Bour-
        <pb n="609" />
        □—  *“  8  DER
"  2  Ke  REUSSISCHE  STAAT
ass  au  «  r*5  *  unter

—.  2  —  #  s  #ncumm#m.
nach  i  Friedenv  Tilsit  1907

8  —
I  "  r*%

26  A
Lar#or#fen  v.chnet  W  recher  Gg######gurbeL###s
        <pb n="610" />
        <pb n="611" />
        Preußen  zwischen  Habsburg  und  Bourbon.  475

bonen  das  deutsche  Reich,  die  Grundlage  der  Weltherrschaft,  und  je  nach  den  sich
darbietenden  Umständen  hatten  sie  diese  oder  jene  der  Schwestermächte  in  ihre
Kreise,  in  ihre  Dienste  gezogen.  Da  hatte  sich  zu  allseitiger  Ueberraschung  in
Brandenburg  jener  machtvolle  Fürst  erhoben  und  war  in  den  völkerbewegenden
Wettstreit  mit  bewunderungswürdiger  Kühnheit  dem  einen  wie  dem  anderen  Hause
entgegengetreten.  Er  hat  sich  freilich  winden  und  wenden,  hat  kämpfen  und  streiten
müssen,  aber  zum  Trotz  der  Großmächte  behauptete  er  seinen  Staat  und  pflanzte
ihm  die  Grundzüge  seines  Wesens,  den  Kampf  für  die  Freiheit  der  Staaten,  vor
allem  für  die  Freiheit  des  Reiches  und  zugleich  die  sittliche  Hoheit,  den
charaktervollen  Ernst  gewissenhafter  Pflichterfüllung  ein.  Was  Wunder,  daß
Oesterreich  wie  Frankreich  dem  jungen  heldenhaften  Staat,  der  es  wagte,  ihre
Zirkel  zu  stören,  in  der  Seele  feindlich  gesinnt  waren,  daß  sie  alle  Kräfte  einsetzten,
  ihn  zu  vernichten!  Und  doch  hatte  sich  Preußen,  wir  sahen  es,  anderthalb
Jahrhunderte  hindurch  mit  größtem  Ruhm  behauptet,  ja  hatte  nicht  nur  sich  selbst
aufrecht  erhalten,  sondern  war  anderen  Staaten,  war  vorzüglich  den  deutschen.
Reichsländern  der  Schild  gewesen,  unter  dem  sie  vor  den  Waffen  des  gallischen
Nachbarn,  wie  vor  der  List  der  kaiserlichen  Oberherren  oft  genng  Schut  gefunden.
Kaum  darf  man  freilich  zweifeln,  daß,  wenn  nur  eine  der  beiden  Mächte  auf  dem  #
gewesen,  auch  der  preußische  Staat  geknechtet  worden  wäre,  und  ein  Glück  wird
man  es  nennen  dürfen,  daß  gerade  der  Widerstreit  beider  ihm  den  Platz  und  die
Möglichkeit  gewonnen  hat,  das  eigene  Dasein  zu  fristen.  Und  nicht  würde  der
Wahrheit  es  entsprechen,  wenn  wir  diesem  Staate  die  Kräfte  des  Eigennutzes  und
der  Selbstsucht  absprechen  wollten.  Deun  ohne  einen  gesunden  Eigennutz  besteht
kaum  der  einzelne  Mensch,  geschweige  denn  ein  Staat,  und  es  liegt  in  der  menschlichen
  Natur  des  Staates  begründet,  daß  ein  lebendiger  Egoismus  in  ihm  ch
regen  muß.  Oder  er  wird  in  Trägheit  versumpfen,  ja  nicht  nur  er  wird  vo
schwinden,  sondern  allgemach  würde  der  Verfall  des  Mgschengeschlechtes  intreten
müssen.

Der  treue  Sinn  aber  für  die  Wohlfahrt  der  Unterthanen,  die  pflichtgemäße
Durchführung  der  Interessen  des  Volkes  und  die  geistige  Läuterung  des  Menschengeschlechtes
  ist  es,  welche  die  woiwendige  Selbstsucht  des  Staates  adelt  und  ihr
die  sittliche  Berechtigung  giebt.  Eben  darin  aber  übertraf  der  preußische  alle
anderen  Staaten  weitaus,  ja  lediglich  durch  die  meisterhafte  Ausübung  der  Pflicht
für  das  eigene  Volk,  durch  das  bis  zum  äußersten  gespannte  Pflichtgefühl  seiner
Herrscher  war  er  entstanden.  Und  dieses  vornehmlich  hatte  die  Hohenzollern
befähigt,  Thaten  von  solcher  Riesengröße  zu  vollführen,  hatte  es  ihnen  möglich
gemacht,  mitten  zwischen  die  beiden  ringenden  Mächte  zu  springen  und  ihnen  den
Kampfpreis,  die  Freiheit  der  Völker,  zu  entreißen.

Und  nun  —  was  die  Bourbonen  nicht  erreicht,  weshalb  die  Habsburger
vergeblich  gekämpft  —  nun  sollte  es  dem  fessellosen  Uebermut  des  großen  Emporkömmlings
  gelungen  sein?  Lag  er  doch  da  der  Staat,  auf  den  alle  gebaut,  gefesselt
  und  geknebelt,  ohnmächtig  und  völlig  entkräftet.  Ja  nackt  und  bloß  schien
er  nur  noch  auf  den  Knieen  das  Milleid  der  anderen  Völker  erflehen  zu  müssen.
Aber  sollte  wirklich  dies  Reich  fallen,  sollte  wirklich  dies  Land  des  Ruhmes  die
Fesseln  eines  fremden  Volkes  tragen?  Und  dieses  fremde  Volk,  hatte  es  nicht
bis  vor  kurzem  noch  in  schlimmster  Knechtschaft  geseufzt?  War  ihm  nicht  jüngst
erst  die  Erkenntnis  der  eigenen  Schmach  gekommen?  Mit  kühnem  Wort  und  bald
        <pb n="612" />
        476  Die  Lage  nach  dem  Kriege.

mit  frecher  That  hatte  es  sich  die  eigene  Freiheit  erstritten,  aber  ohne  die  ernste
Schulung  zur  Pflichterfüllung  war  es  alsbald  in  zügelloser  Wildheit,  wie  das
freigewordene  Roß,  alles  vernichtend  dahingestürmt,  bis  ihm  der  korsische  General
in  die  Zügel  gefallen.  Und  dies  Volk,  das  nun  wier  knechtisch  zitternd  und
mit  angstvollen  Augen  vor  seinem  Bändiger  lag,  sollte  dem  Volke  das  Joch  der
Knechtschaft  anflegen,  das  so  oft  für  die  Freiheit  der  Staaten  gestritten?  Der
Verächter  jeder  Sittlichkeit,  der  Spötter  über  jede  sittliche  Gebundenheit  sollte
herrschen  über  ein  Fürstenhaus,  dessen  Krone  aus  strengster  Pflichterfüllung  zusammengefügt?


Zu  hart  fürwahr  erschien  doch  solche  Strafe  dafür,  daß  eine  kurze  Spanne
Zeit  über  dem  Ruhm  die  enge  Gewissenhaftigkeit  vergessen,  daß  der  harten  Arbeit
eine  kurze  Zeit  des  Genusses  gefolgt.  Schon  waren  ja  einzelne  Schritte  zur
Besserung  geschehen,  und  wer  der  Weltgeschichte  ins  ernste  Antlitz  gesehen,  dem
mußte  im  innersten  Herzen  die  Ueberzeugung  wurzeln,  daß  die  Rohheit  die  Völker
zwar  niederbeugen,  nicht  aber  auf  ewig  in  Bande  schlagen  könne.  Nicht  Ueberhebung,
  sondern  tiefes  Gefühl  für  die  Gerechtigkeit,  welche  die  Welt  zusammenhält,
war  es,  wenn  ein  Preuße,  Graf  Ludwig  Dohna,  es  aussprach:  „In  dem  großen
Plane  der  Vorsehung  kann  die  Vernichtung  des  preußischen  Staates  nicht  liegen.
Dieser  Staat  ist  der  Welt  und  der  wahren  Aufklärung  nötig.“

ie  aber  der  Verlust  eines  Familiengliedes  die  zurückgebliebenen  Glieder  zu
innigerem  Anschluß  an  einander  führt,  so  mußte  die  Lostrennung  der  Länder  westlich
  der  Elbe  gerade  die  dem  geschlagenen  Staate  noch  gebliebenen  Provinzen  fester
vereinen.  Und  wie  einst  die  römische  Knechtung  der  Gewissen  zur  größten  That
des  deutschen  Geistes,  zur  Reformation,  zur  Befreiung  der  Gewissen  geführt  hatte,
so  sollte  nun  die  napoleonische  Knechtung  Preußens  zur  Befreiung  des  Vaterlandes
führen,  ja  —  wer  wollte  es  verkennen!  —  gerade  diese  barg  den  Samen  der
werdenden  Einigung  Deutschlands  in  sich.  War  doch  Preußen  die  letzte  Hoffnung
für  alle,  die  noch  dentsch  empfanden,  welche  die  Schmach  fühlten,  an  der  Kette
des  Welteroberers  zu  liegen!  Und  welcher  Beweis  für  die  Lebenskraft,  die  man
diesem  Staate  zutraute,  daß  weitaus  die  bedeutendsten  Männer  des  ganzen  Deutschlands
  sich  troy  seiner  Zertrümmerung  jetzt  in  ihm  zusammenfanden,  gemeinsam  an  seiner
Wiedererstehung  zu  arbeiten!  Dem  hier  und  hier  allein  schlummerten  die  Keime
zur  Wiederbelebung  des  ganzen  Vaterlandes,  hier  war  das  Volk  zum  Dienst  für
den  Staat,  zur  Hingabe  an  das  Vaterland  mit  Gut  und  Blut  erzogen,  hier  wußte
man  noch  aus  früheren  Tagen,  daß  der  Staat  das  Höchste  vom  Bürger  zu  fordern
berechtigt,  ja  daß  die  höchste  Leistung  sowohl  die  Pflicht  jedes  Unterthanen,  wie
die  Grundlage  der  Wohlfahrt  aller  ist.  Hier  und  hier  allein  durfte  man  das
Vorhandensein  der  sittlichen  Kräfte  voraussetzen,  ohne  die  ein  Staatswesen  nicht
zu  denken  ist.

Reformen  waren  freilich  vom  Grund  aus  auch  hier  notwendig,  aber  hier  war
durch  die  Erinnerung  an  die  früheren  Zustände,  war  durch  manche  neue  Versuche
der  Boden  angebaut.  Vielfach  hatte  man  nur  zurückzugreisen  auf  altdeutsche  Einrichtungen,
  hatte  man  den  Wegweisern  nur  zu  folgen,  die  Friedrich  Wilhelm  I.
und  Friedrich  II.  gesetzt.  Mit  ehernen  Buchstaben  hatten  sie  auf  ihnen  das
ernste  Wort  „Pflichterfüllung“  eingegraben,  und  die  Pflicht  selbst  als  die  Forderung
des  Tages  erläutert.  Ihr  vornehmlich  hatte  Friedrich  Wilhelm  I.  gedient,  und  am
wenigsten  Friedrich  II.  hatte,  wie  er  es  ausdrückt,  die  Anmaßung  zu  glauben,  daß
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        ——

BRönig  Friedrich  Pn  III.  von  Frißis,
ach  dem  von  Franz  Krüger  (1707.
Das  Namenssaksimile  nach  einem  —  im  Kal.  Pr.  Geh.  zu  Verlin.
        <pb n="614" />
        478  Die  Lage  nach  dem  Kriege.

seine  Gesetze  auch  für  die  Nachwelt  geeignet  sein  möchten.  Anders  atmete  jetzt
die  Seele  des  Volkes,  anderer  Form  bedurfte  man,  und  die  Zeiten  der  Teilnahmlosigkeit
  der  Unterthanen  an  ihrer  Regierung  schwanden  dahin.  Andere  Forderungen
stellte  nuun  der  Tag,  und  Ziele  schwebten  den  Besten  der  Nation  vor,  die  den
Blicken  des  pflichtbewußten  Absolutismus  noch  verhüllt  gewesen  waren.  Wohl  war
die  alte  Zeit  tot,  aber  sie  war  nur  gestorben,  indem  sie  selbst  dem  Phönix  gleich
einer  neuen  das  Leben  ga
Man  hatte  eine  Zeit  lang  als  stummer  Zuschauer  neben  den  großen  Ereignissen
  des  Völkerlebens,  neben  dem  mächtigen  Vorwärtsdrängen  des  Volksgeistes
gestanden.  Nun  mußte  man  die  erwachenden  Kräfte  der  Nation  dem  Dienste  des
Vaterlandes  nutzbar  machen,  die  noch  schlummernden  aufwecken  zum  Leben,  zur
Arbeit  für  den  Staat.  In  neuen  Formen  mußte  der  altpreußische  Gedanke,  daß
die  Arbeit  für  den  Staat  Pflicht  und  Schuldigkeit  jedes  Einzelnen  sei,  wieder  erstehen.
  Nicht  mit  fremden  Gedanken,  nicht  mit  ausländischen  Idealen,  sondern
mit  dem  eigenen  Geist  des  Staates  und  der  Nation  hatte  man  die  Neubelebung
zu  unternehmen,  und  nicht  auf  dem  Sandhaufen,  sondern  auf  dem  felsensicheren
Grund  des  alten  preußischen  Staates  hatte  man  den  neuen  Staat,  hatte  man  das
neue  Gebänude  zu  errichten.  Lange  schon  keimten  solche  Gedanken,  und  Versuche
zu  Reformen  hatte  man  immer  wieder  gemacht.  Run  war  es  das  Unglück,  das
überraschend  schnell  solche  Gedanken  gereift  hatte,  das  vor  allem  Herzen  und  Gemüter
  vom  nackten  Lebensgenuß  wieder  zu  ernster  Sittlichkeit,  zu  wahrer  Frömmigkeit
  zurückgeführt  hatte.  Und  niemals  in  der  Weltgeschichte  ist  eine  alte  Zeit
anders  als  unter  Aengsten  gestorben,  eine  neue  anders  als  unter  Schmerzen  geboren.
Und  doch  auch  ohne  fremde  Zuchtrute  hatte  der  preußische  Staat  schon  mehrmals
die  Welt  durch  die  Kraft  seiner  sittlichen  Erhebung  in  Erstaunen  gesetzt,  hatte
Einkehr  in  sich  gehalten  und  demzufolge  eine  erstaunliche  Machtentfaltung  gezeitigt.
Völlig  neu  und  über  alle  Maßen  bewunderungswürdig  aber  war,  daß  er  diesmal  eine
so  vollständige,  so  gründliche  Kur  an  sich  selbst  vornahm  unter  den  eifersüchtigen
Augen,  den  rohen  Mißhandlungen  eines  so  gewaltthätigen,  so  rücksichtslos  eigennützigen
und  dabei  so  klug  und  sicher  berechnenden  Mannes,  wie  dieser  Napoleon  es  war.
Denn  freilich  ganz  von  der  Karte  Europas  war  ja  Preußen  noch  nicht  gestrichen,
  und  noch  trug  das  Haus  Hohenzollern  die  königliche  Krone  Preußens.
Aber  der  Tückische  hatte  dafür  gesorgt  und  fuhr  mit  scheußlicher  Bosheit  fort,
dafür  zu  sorgen,  daß  in  dem  Bestehen  des  Staates  selbst  dessen  Ruin  begründet
schien.  Ein  „Zwischenreich“,  eine  „Barriere“"  sollte  es  nach  seinem  eigenen  Ausdrucke
  sein,  und,  um  Rußland  in  der  Hand  zu  behalten,  Preußen  von  Frankreich
besetzt  bleiben.  Daher  betrachteten  auch  nicht  nur  Napoleon  selbst,  sondern  auch
seine  Vassallen,  im  Westen  der  König  von  Westfalen,  Jerême  —  der  in  schamund
  sittenlosem  Regiment  die  Kräfte  und  Geldmittel  des  Volkes  vergeudete  —
und  der  König-Großherzog  von  Sachsen-Polen  im  Osten  mißtrauisch  jede  Regung
des  wieder  erwachenden  Lebens  in  dem  unterjochten  Lande.  Entsehzlicher  aber  noch
war,  daß  die  französischen  Truppen  im  Lande  stehen  blieben,  bis  die  im  Friedens-Quß
  festgesetie  n  Kontribution  bezahlt  sei.  Von  seinen  Lebensadern  war  dem
e  Elbe  und  auch  die  Weichsel  so  gut  wie  vollständig  heraubt,  aber  auch
#  setrs  die  Oder,  wurde  ihm  durch  die  französische  Besatzung  in  Stettin,  Küstrin
und  Glogau  unterbunden,  jeder  Verkehr,  jegliche  Schiffahrt  ward  bis  zum  Frieden
Frankreichs  mit  England  gehemmt.  Ueberall  im  Lande  streiften  zahllose  Haufen
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        Rönigin  Luise  von  Preußen.
Schabkunstblatt  von  William  Dickinson  (1710—1823)  nach  dem  Gemälde  von  Nikolaus  Lauer  (von  1793—1802
in  inert.

Berlin  thötig),  auf  eiwa  ½  verkleiner
Das  Namenssaksimile  nach  einem  Exemplar  im  K9gl.  Pr.  Geh.  Staatsarchiv  zu  Berlin.
        <pb n="616" />
        480  Die  Franzosen  im  Lande.  —  Kriegsschuld.

französischer.  Truppen  und
saugten  wie  Vampyre  dem
Lande  das  Herzblut  aus.  Oft
genug  wurde  das  Quartierbillet,
  welches  der  französis
sche  Soldat  dem  erschreckten  s
i  Einwohner  vorzeigte,  der
Schein,  welcher  ihm  den  Ver-Mmögensverfall
  im  voraus  ankündigte.
  Und  um  alles  hätte  »
.  Napoleon  nicht  zugelassen,
Thaler  *8  s  HBitun  daß  irgendwie  Handel  und  5  ar  rr  r  enlalen
Nach  F72.  P  —  Wandel  aufatmen  konnten.  Nach  r-—gu0r
«  Um  England  zum  Frieden  zu  Revern.
zwingen,  wurde  mit  einer

Grausamkeit,  die  nie  wohl  ihresgleichen  gehabt,  durch  die  Sperrung  des  Handels
und  der  Schiffahrt,  durch  Konfiskationen,  durch  Zollauflagen  und  Plackereien
unzählige  Privatvermögen  vernichtet,  die  wirtschaftliche  Stellung  zahlloser  Bürger
zerstört.  Handel,  Industrie,  Ackerbau  wurden  ebensowohl  wie  der  Kredit  des

Staates  mit  kalter  Ueberlegung  zu  Boden  geschlagen.

Wie  sollte  da  der  Staat  die  Kriegsschuld  von  154½  Millionen  Franken
bar  aufbringen!  Aber  entfernt  nicht  mit  dieser  Summe  begnigte  sich  Napoleon.
Immer  aufs  neue  wußte  er  und  sein  Generalintendant  Daru  andere  und  andere
Berechnungen  aufzustellen,  und  nie  und  nimmer  schien  die  vom  Könige  eingesetzte

mmmediat  ssion  dem  Unersättlichen  Genüge  thun  zu
üönnen.  Denn  der  „Friede  war  ja  nicht  aufrichtig,  war  nur  der  Name  des  Friedens“,
imd  die  Vernichtung  des  Staates  blieb  das  Ziel.  Dawider  half  keine  Nachgiebigkeit,
und  alle  Steuerreformen  blieben  Projekte  oder  brachten  bei  weitem  nicht  den
erwarteten  Betrag.  Man  entschloß  sich  zum  folgenschwersten  Schritt.  Nachdem
Stein  die  rechtlichen  Zweifel  gelöst,  und  Notable  zugestimmt  hatten,  gab  der  König
den  Grundstock  der  Einnahmen  seines  Hauses  dahin,  gestattete  die  Veräußerung
der  Domänen.  Aber  wer  hätte  in  dem  verarmten  Lande  solche  zu  kaufen  begehrt?
Wie  hätte  man  sich  in  der  Not  der  Zeit  nicht  mit  den  schlechtesten  Preisen  begnügen
  müssen?  Aus  demselben  Grunde  blieben  auch  die  r  Brsses
ohne  Erfolg,  und  schließlich  war  es  sogar  völlig  vergeblich,  daß  der  Bruder  des
Königs,  Prinz  Wilhelm,  in  hohem  Edelmnt  sich  selbst  zur  Geisel  für  die  Abzahlung
erbot.  Das  Land  blieb  besetzt.  Denn  160  000  Franzosen  in  Preußen  nötigten
ja  zugleich  Oesterreich,  stille  zu  sitzen,  hielten  den  Zaren  im  Zaum  und  sicherten
dem  Franzosen-Kaiser  als  Gegengewicht  gegen  den  Seekrieg  die  Herrschaft  auf  dem
Kontinent  derart,  daß  vor  allem  England  zur  Demütigung  gezwungen,  daß  „das  Meer
auf  dem  Festlande  Frobert  werden  konnte.  5  England  die  spanischen,  holländischen
  und  h  Napoleons
eigenem  Ausspruch  in  Preußen  bleiben,  das  wet  t5  poshee  Mit  einem  Bestande
von  24  oder  höchstens  80  000  Franken  in  der  Feldkasse  war  Napoleon  in  den
Krieg  gezogen,  und  von  diesem  unseligen  kleinen  Preußen  erpreßte  der  Ruchlose
mehr  als  die  volle  Staatseinnahme  von  dreizehn  Jahren,  eine  Milliarde  und
120  000  Franken,  und  wie  tief  außerdem  das  Nationalvermögen  geschädigt  wurde,
        <pb n="617" />
        Die  Kriegsschuld.  481

2AA
Cont.  w  4%  Serv.  NVu.

L##gjetaire  de  ##  Friedrichsstade

Nro.  4—  -*  —.  —
¾.  “El#  *.  ..

—
logera  par  *  du  magistrat  —

6(——

Les  Veßaires,  Kmplevés  er  —  Milleair,  die  Employss  und
tre)  &amp;amp;  la  snite  de  Pannés  20  rsonen  der  Rrmee,  weldroit
  au  logement  et  au  u  n  und  Raheungomterel
staences,  deivem  jeo  wSeaererlserschthe=  find,  solleu

 

dens  les  magszius  en  Hon#h#g  aucben  Magazinen  osen
ment  envers  lent  hate  *  vrdre  rr  lbren  Wirth)  nach
du  jonr  du  20.  Nevem  *  O2  167  em  20.  Nr  richten.

Berlin  le  „T.

Berliner  Luariterzette.  vom  12.  Mal  1808,  ausgestellt  auf  einen  französischen  Soldaten.
Nach  einem  Exemplar  im  Kal.  Kupfertichkabinett  zu  Berlin.  Originalgröbe.

     

 

spottet  überhaupt  jeder  Berechnung.  Konfiszierte  doch  auch  der  König  von  Sachsen
wider  den  Wortlaut  des  Friedens  das  in  den  bisher  preußischen  Ländern  seines
Großherzogtums  Warschau  angelegte  Privatvermögen  der  preußischen  Unterthanen
und  schädigte  auf  diese  Weise  das  preußische  Eigentum  um  mindestens  fünfzehn
Millionen  Thaler!

Und  zu  alledem  der  unverhohlene  Hohn,  die  offene  Schadenfreude,  mit  welcher
Napoleon  den  König  und  seine  Ratgeber  behandelteö!  „Die  Preußen  sind  keine
Nation,  haben  keinen  nationalen  Stolz,  sie  sind  die  Gascogner  von  Deutschland.“
Er  wußte  es  ja  freilich  zu  genau,  daß  „ihn  alle  Preußen  haßten“,  und  unheimliche
  Sorge  mochte  ihn  überfallen,  wenn  er  sah,  daß  alle  seine  Keulenschläge  nicht  nur  den
Haß  verschärften,  sondern  den  sittlichen  Ernst,  das  Pflichtgefühl  erhöhten.  Ueberall
hatte  er  ja,  sei  es  unter  den  Soldaten,  sei  es  unter  den  Konsuln  und  ihrem
Personal,  die  er  zur  dreistesten  Kontrolle  der  englischen  Handelswaren  in  alle
Städte  schickte,  seine  Aufpasser  und  Angeber.  „Ich  weiß  alles,  ich  kenne  die
Denkungsart  eurer  Minister;  es  ist  unmöglich,  mich  zu  täuschen“  —  *1  rief  er

Verner,  Gesch.  d.  Br.  Staales.
        <pb n="618" />
        482  Berufung  des  Freiherrn  vom  Stein.

in  drohendem  Tone  einst  dem  preußischen  Gesandten  in  Paris  zu,  und  schauriger
noch  lüang  sein  furchtbares  „Ich  werde  schnell  sein  wie  der  Blitz“

Und  siehe  da!  Unter  den  Späheraugen  des  schrecklichen  Mannes  gelang  es,
eine  wunderbar  köstliche  Umänderung  des  edlen  Volkes  hervorzurufen!  Denn  nur
auf  edle  Naturen  wirkt  das  Unglück  läuternd  und  reinigend,  und  höher  noch  als
im  Glück  steckt  sich  der  starke  Mann  im  Unglück  das  Ziel.  So  auch  in  Preußen.
Nicht  nur  die  eigene  Befreiung,  sondern  die  Freiheit  des  ganzen  Deutschlands,  die
Herrlichkeit  der  alten  Kaiserzeit  sollte  erstritten  werden.  Wie  unklar  man  sich
auch  über  die  Wege  war,  die  man  gehen  mußte,  wie  verschwommen  selbst  das
Ziel  insofern  noch  war,  als  man  die  Verfassungszustände  im  alten  Reich  wenig  kannte,
und  eine  politisch  greifbare  Gestalt  von  der  notwendigen  Verfassung  der  Sehnsucht
der  Zeit  überhaupt  noch  wenig  bedeutete,  so  galt  die  Wiedererstehung  des  ganzen
großen  Vaterlandes  in  all  seiner  Fülle  und  Schönheit  den  Besten  doch  als  der
natürliche  Preis,  der  ohne  weiteres  dem  Kampf  gegen  die  Fremdherrschaft  folgen,
der  dem  einmal  befreiten  Volke  gleichsam  von  selbst  in  den  Schoß  fallen  müsse.

rößer  aber  und  zugleich  unerbittlicher  gegen  die  deutschen  Fürsten  von
Napoleons  Gnaden  dachte  keiner  als  der  Freiherr  vom  und  zum  Stein.  Er
war  von  der  Notwendigkeit  einer  Einigung  Deutschlands  aufs  tiefste  durchdrungen,
  und  der  reichsfreie  Ritter.  der  sich  jeglichem  deutschen  Fürsten  ebenbürtig
erachtete,  behauptete  kühn,  „ich  habe  nur  ein  Vaterland,  das  heißt  Deutschland,
und  da  ich  nach  alter  Verfassung  nur  ihm  und  keinem  besonderen  Teile  desselben
angehöre,  so  bin  ich  auch  nur  ihm  und  nicht  einem  besonderen  Teile  desselben
von  ganzem  Herzen  ergeben“".  Wie  der  Sturmwind  die  nicht  lebenskräftigen
Pflanzen  und  Bäume  tötet,  so  fuhr  sein  Wort  vernichtend  und  verdammend  daher
über  die  kranken  und  verkommenen  Verhältnisse  im  Reich  und  im  Staate.  Und
keiner  war,  der  sich  nicht  vor  der  überragenden  Größe  dieses  mächtigen  Geistes,
vor  dem  gewaltigen  Charakter  dieses  Titanen  gebeugt  hätte.  Man  begreift,  wie
wenig  diese  durchbrechende  Natur  der,  die  Regelmäßigkeit  und  Ordnung  fast
überschätzenden  Persönlichkeit  des  Königs  zusagen  konnte.  Aber  dem  Pflichtbewußtsein
  ordnete  er  die  Neigung  unter.  Auf  Hardenbergs  Rat  hatte  er  im  Juli
1807  seinen  früheren  Minister  zurückberufen.  Ihm  war  es  „ein  Wort  des
Trostes",  als  er  gehört,  daß  Stein  annehme  und  kommen  werde.  Und  wie  mag
es  der  Königin  den  Mut  und  die  Zuversicht  gehoben  haben,  als  der  Sichere  und
Zuversichtliche  am  30.  September  1807  in  Memel  erschien!  Selbst  wandte  sie
sich  brieflich  an  ihn,  als  bald  darauf  ein  Moment  eintrat,  da  er  glaubte,  sein
Amt  wieder  niederlegen  zu  müssen,  beschwor  ihn  auszuharren,  damit  nicht  das  Gute  über
den  Hanfen  falle.  Deun  ihre  gequälte  Seele  lechzte  nach  dem  Umgange  mit  bewährten
  Patrioten,  und  mit  dem  Takt  der  deutschen  Frau  hatte  sie  in  dem  barschen
Freiherrn  den  Retter  erkannt.  Mit  beruhigterem  Herzen  mochte  sie  sich  nun,  da
Stein  wieder  das  Ruder  des  Staates  in  seiner  Hand  hatte;  den  harmlosen  Freuden
hingeben,  die  in  den  Sommern  von  1809  und  1810  der  Aufenthalt  in  dem
schlichten  Landhaus  bei  Königsberg,  das  nach  ihr  den  Namen  Luisen  wahl  trägt,
den  aapnchslofen  doniglchen  Gatten  und  Kindern  gewähren  konnte.

In  der  Denkschrift  vom  Juni  1807  „Ueber  die  zweckmäßige  Bildung
der  Obersten  und  der  Provinzial-,  Finanz=  und  Polizei-Behörden  in  der  preußischen
Monarchie“  hatte  Stein  ein  umfassendes  Programm  entwickelt,  welches  im  wesentlichen
  in  der  Forderung  gipfelte,  die  religiöse  und  moralische,  die  geistige  und
        <pb n="619" />
        Nassauer  Denklschrist.  483

körperliche  Entwickelung  des  Volkes  zu  wecken,  die  entschlummerten  oder  falsch
geleiteten  Kräfte  des  Gemeingeistes  und  Bürgersinns  zu  beleben  und  allen  Eigentümern
  eine  Teilnahme  an  der  Provinzial-Verwaltung  zu  geben.  Namentlich
die  letzte  Forderung  und  die  aus  ihr  sich  ergebende  Folgerung,  welche  den  in  die
Beamtenschar  eingedrungenen  Mietlingsgeist  bändigen  und  unnützen  Formenkram
beseitigen  sollte,  lag  Stein  am  Herzen.  Noch  zwanzig  Jahre  später  giebt  er
ihr  den  bekannten
Ausdruck:  „Was
Erziehungsanstalten
  für  die
Jugend,  das  ist
Teilnahme  an
den  staatlichen
Angelegenheiten
für  den  Aelteren;
er  wird  genötigt,
seine  Aufmerksamkeit
  und  Thätigkeit
  von  dem
persönlichen  auf
das  Gemeinnützige
  zu  wenden,
  er  handelt
unter  der  Aufsicht
  der  Oeffentlichkeit;
  eigennützige
  Absichtlichkeit
  und  bare
Eitelkeit  würden
von  den  Umstehenden
  bald  entdeckt
  und  gewürdigt."“
  Ja  noch
weiter  ging
Stein,  indem  er
die  Teilnahme  Heinrich  Friedrich  Karl  Freiherr  vom  Siei.
des  Volkes  nicht  Zeichnung  von  Johann  Beit  Schnorr  von  Karoltseld  (764—1840.9
nur  an  der  Verwaltung,
  sondern  auch  an  der  Gesetzgebung  fordert.  Das  sogenannte  politische
Testament  Steins,  welches  namentlich  diese  Gedanken  ausspricht,  rührt  allerdings
nicht  vom  Freiherrn  selbst  her,  indessen  hat  er  es  durch  seine  Unterzeichnung
nicht  nur  zum  Ausdruck  seines  Willens  gemacht,  sondern  er  hat  auch  sonst  sich
mit  voller  Entschiedenheit  geäußert.  Freilich  über  die  Art  einer  Repräsentation,
über  Provinzial=  und  Reichsstände,  über  Oberhaus  und  Unterhaus,  über  Berufsund
  Interessen-Vertretung,  über  das  Wahlrecht  und  über  die  Zuständigkeit  der
gewünschten  Vertretung  ist  man  noch  völlig  im  unklaren,  und  die  Meinungen  der
Männer,  die  lebhaft  für  sie  eintraten,  wie  Vincke,  Rhediger,  Schön,  Scharn-.
  alt
        <pb n="620" />
        484  Steins  Pläne.

——.  —  44

Eigenhändiger  Brief  der  Könlgin  Luise  an  den  Minister  Freiherrn  vom  Stein,
om  Herbst  1807.

In  Größe  des  Origlmales
Uebertrogung.]

Ock  beschwöre  Sie  haben  Sie  nur  geduldt  milt  den  ersten  Monathen  Der  Könts  häu  gewiß  seyn  Wont  bop#ne  W#
weg  aber  erft  In  Verlin.  So  %  aeben  Sle  nach.  38  um  golteswilllen  das  Gute  ulcht  om  #  Monathe  Gedullt  und  Beit  aber
*  Larilen  Nelle.  Ic  beschwmöre  Sie  au  Könle  Baterland  melner  Kinber  meinler)  selest  wliücn  darum

Loulle.

borst,  Gneisenau,  Grolmann,  Boyen,  H.  von  Wedell,  der  ehemalige  Halberstädter
Kammerpräsident,  gehen  noch  weit  auseinander.

Stein  dachte  damals  an  neu  eingerichtete  Provinzialstände,  an  einen  Reichstag,
  der  „aus  freien  Wahlen  der  Eigentümer"  hervorgehen  sollte,  an  ein  Oberhaus
als  eine  gesonderte  Repräsentation  „des  reichen  Adels“,  oder,  wie  er  sich
ausdrückt,  „des  verbesserten  und  veredelten  Adels“,  als  eine  Stütze  der  erblichen
  Monarchie".  Die  Vertretung  der  Interessen  betont  er  so  bestimmt,  daß
der  Handelsstand  nur  Kaufleute,  der  Bauer  aber  weder  Adelige  noch  Rechtsgelehrte
wählen  solle.  Ueberhaupt  denkt  sich  Stein  im  Gegensatze  zu  Vincke,  der  das
Vermögen  als  Vorbedingung  ganz  ausschließen  will,  unter  den  Repräsentanten
wie  unter  den  Repräsentierten  wesentlich  die  Eigentümer,  in  erster  Linie  die
Grundeigentümer.  Und  aus  seiner  Absicht,  die  Beziehungen  zwischen  diesen  und
der  Regierung  herzustellen,  solgte  ohne  weiteres,  daß  er  in  Uebereinstimmung
besonders  mit  H.  von  Wedell  die  „Advokaten,  Pampyhletisten  und  Schreyer“  aus
der  Versammlung  möglichst  ausschließen  will.  Denn  unbekannt  mit  den  Interessen
des  Standes,  der  sie  gewählt,  opfern  sie  ihrer  Eitelkeit  und  Nahrungssucht  alles
auf.  Das  Recht  der  Regierung,  sowohl  die  Zahl  der  Wähler  zum  Oberhaus
durch  Ernennung  neuer  Standesherren  zu  vermehren,  wie  den  Reichstag  aufzulösen,
  spricht  Stein  ebenso  aus  wie  ihre  Pflicht,  den  Reichstag  in  diesem  Fall
sechs  Monate  nach  Ausschreibung  der  Neuwahlen  wieder  einzuberufen.  Und  der
        <pb n="621" />
        Erläuterungsblatt
zu  dem
Schlusse  des  eigenhändigen  Schreibens  Rönig  Friedrich
HMilhelms  III.  an  den  Minister  Freiherrn  vom  Stein,

d.  d.  Königsberg,  24.  Movember  1808.

In  Größe  des  Originales.
        <pb n="622" />
        Übertragung  des  eigenhändigen  Schreibens  König  Friedrich  Wilhelms  III.  vom  24.  November  1808.

Der  in  Klammern  gesetzte  Anfang  des  Brieses  ist  nachstehend  nicht  wiedergegeben.

(Königsberg  den  24flen  November  1808.

In  dem  sesten  Verkrauen  auf  die  Solidität  des  von  Ihnen  bearbelteten,  mir  schon  früher  mitgetheillen,  und  mir  jetzt  zur  Vollziehung  vorhelegten
  Organisationsplanes  der  Obersten  Staatsbehörden,  trage  ich  kein  Bedenken  Ihnen  solchen  vollzogen,  zu  übermachen.  Die  Ausführung  selbst
wtd  allerdings  ausgeseht  bleiben  müssen,  bis  die  Rüchkehr  nach  Berlin  erfolgt  seyn  wird.  Gegen  die  von  Ihnen  vorgeschlagenen  Personen  wüßte  ich
nichts  wesenkliches  einzuwenden,  es  wäre  denn,  daß  es  vielleicht  nicht  unpassend  wäre,  wenn  hierüber  zuvor  mit  den  neuen  Departementschefs  Rücksprache
  genommen  werden  könnte,  da  diese  doch  in  Zukuuft  die  Responsabilität  zu  Übernehmen  haben,  und  von  diesen  der  Graf  Dohna  abwesend  ist.
Auf  alle  Fälle  werde  ich  ganz  besonders  darauf  Bedacht  nehmen,  jene  in  Vorschlag  gebrachten  Indlvidnen  auf  diese  oder  eine  ähnliche  Art,  vorzugsweise
  anzustellen.  Hätten  es  die  Umstände  gestalten  wollen,  daß  Sie  die  oberste  Leilung  der  Staalsgeschäste  ferner  behalten  hälten,  so  würde  ich  nicht
das  geringste  Bedenken  tragen,  es  sogleich  zu  genehmigen,  so  aber,  wird  es  nöthig  auf  die  zulünftigen  Führer  derselben  mit  Rücksicht  zu  nehmen.)

Es  ist  gewiß  ein  höchst  schmerzliches  Gefühl  für  mich,  einem  Manne  Ihrer  Art  entsagen  zu  müßen,  der  die  gerechtesten  Ansprüche  auf
mein  Vertrauen  hatte,  und  der  zugleich  das  Vertrauen  der  Tation  so  lebhaft  für  sich  hatte.  Auf  jeden  Fall  müßen  Ihnen  diese  Betrachtungen,
so  wie  das  Bewußtseyn,  den  ersten  Grund,  die  ersten  Impulse  zu  einer  ernenerten,  beßern  und  kräftigern  Organisation  des  in  Crümmern  liegenden
Staatsgebäudes  gelegt  zu  haben,  die  größte  und  zugleich  edelste  Genugthnung  und  Beruhigung  gewähren.

Triedrich  Wilhelm.
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        A
—  —

—  —  –  —

—  ——
—  —
—  —  —
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        Stein.  —  Hardenberg.  485

König  war,  wie  Stein  selbst  mitteilt,  „schon  damals  zur  Bildung  von  Reichsständen
  geneigt“,  ließ  einen  von  Stein  geschriebenen  Aufsatz  veröffentlichen,  in
welchem  die  Ueberzeugung  ausgesprochen  wurde,  daß  die  neue  Geschäftsordnung
wauf  ein  repräsentatives  System  aufgebaut  werden  könne,  welches  der  Nation  eine
wirksame  Teilnahme  an  der  Gesetzgebung  zusichere,  um  daburch  den  Gemeinsinn
und  die  Liebe  zum  Vaterlande  dauerhaft  zu  begründen".  In  der  That  wurden
in  jenen  Jahren  zweimal  Versuche  gemacht,  der  Nation  eine  Vertretung  zu  geben,
damals  scheiterten  sie  noch,  und  man  weiß,  wie  viele  Jahre  noch  kommen  und
dahingehen  sollten,  ehe  solche  Pläne  Wirklichkeit  wurden.

Um  so  glänzender  gelang  die  Reform  der  Verwaltung  und  der  gesellschaftlichen
Zustände.  Steins  Natur  war  freilich  zu  übermächtig,  um  von  dem  Detail
Notiz  zu  nehmen,  er  übersah,  wie  Vincke  schreibt,  Schwierigkeiten,  hgurltst
wenn  sie  unüberwindlich  waren,  er  verlangte  die  Ausführung,  ohne  sich  darum
zu  kümmern  wie.  Es  erfreute  ihn,  wie  Fr.  von  Raumer  sagte,  das  Kühne
am  Tage  einer  administrativen  Schlacht  siegreich  durchzufechten,  aber  jahrelang
täglich  entstehende  Schwierigkeiten  hinwegzuräumen,  sagte  seinem  vorwärts
drängenden  kräftigen  Geiste  nicht  zu.

Und  ohne  Zweifel  hat  er  mit  seinem  ungestümen  Wollen,  seinem  schnellen,
geschwinden  Ausführen  manches  verfehlt,  und  zum  Diplomaten  war  seine  feurige,
heftige  Natur  vollends  verdorben.  Eben  dies  verschuldete  es  auch,  daß  seines
Bleibens  als  Minister  selbst  jetzt  nur  wenige  Monate  war,  und  daß  er  die  Ausführung
  seiner  Pläne  anderen  überlassen  mußte.  In  einem  Brief  vom  15.  August
1808  forderte  er  den  Fürsten  von  Wittgenstein  auf,  die  Aufre.  gung  in  Hessen
und  Westfalen  zu  schüren,  und  dieser  Brief  fiel  Napoleon  zu  einer  Zeit  in  die

ände,  als  er  Preußen  neue  Denltigungen  aufzuerlegen  im  Begriff  war.  Mit
dem  höhnenden  Bedauern,  daß  der  König  von  Preußen  Minister  habe,  die  „eben  so
ungeschickt  als  verderbt“  seien,  ließ  er  den  Brief  im  „Moniteur“  und  in  dem  zu
Berlin  erscheinenden,  elenden  Franzosenblatte,  dem  „Telegraphen“,  abdrucken.
Natürlich  forderte  er  Steins  Entlassung,  und  dieser  bestimmte  zuletzt  selbst  in
der  Erkenntnis,  daß  sein  Verharren  dem  Staate  nur  Nachteile  bringen  müsse,
den  König,  ihn  von  seinem  Posten  am  24.  November  zu  entheben.  Trotzdem
bleibt  Stein  „der  Alles  belebende  anregende  Geist  von  angeborener  Autorität",
den  Vincke  später  vermißt,  und  trotzdem  ruht  vornehmlich  auf  seinen  Schultern
die  gesamte  Reform  der  Staatsverwaltung,  er  hat  ferner  den  Gedanken,  daß
Staat  und  Nation  eins,  daß  der  nationale  Staat  die  Forderung  sein  müsse,  daß
Teilnahme  des  Volkes  an  der  Verwaltung  und,  auf  ihr  aufgebaut,  an  der  Gesetzgebung
  zu  den  Grundbegriffen  des  staatlichen  Lebens  gehören,  er  hat  alle
Ideale  der  folgenden  Zeit  in  sich  getragen,  und  an  edlem  Freimut,  an  heldenhafter
Gesinnung,  an  thatkräftigem  Handeln,  an  reinster  Vaterlandsliebe  und  hingebendster
Opferfreudigkeit  ist  er  niemals  übertroffen.

Ganz  anders  geartet  und  doch  damals  in  innigem  Einvernehmen  mit  Stein
war  sein  Vorgänger  und  spöterer  Nachfolger  der  Freiherr  von  Hardenberg,
der  ebenfalls  nach  seiner  durch  Napoleon  erzwungenen  Entlassung  von  Riga  aus
am  12.  September  1807  seine  Gedanken  über  die  Reorganisation  des  preußischen
Volkes  niedergeschrieben.  Der  rücksichtslosen,  derben,  ja  wohl  groben  Offenheit
Steins  gegenüber  hat  Hardenberg  die  geschmeidige,  glatte  Natur  —  nicht  die  des
Höflings,  wohl  aber  die  des  Diplomaten,  der  klug  und  gewandt  Pläne  und
        <pb n="626" />
        486  Stein.  —  Hardenberg.

Ausführung  dem  Gegner  zu  verheimlichen  weiß.  Stein  deutsch  durch  und  durch,
Hardenberg  weltmännisch  und  doch  weit  mehr  preußisch  als  deutsch  gesonnen,
Stein  der  innerlich  wahre  und  demütige  Christ,  Hardenberg  nichts  weniger  als
etwa  ein  Gottesleugner,  aber  doch  den  Freuden  dieser  Welt  und  ciner  leichteren
freieren  Auffassung  von  Religion  und  Liebe  zugethan.  Stein  denkt  nur  an  das
allgemeine  Wohl,  dem  sich  die  Persönlichkeit  unbedingt  unterzuordnen,  dem  mit
allen  Kräften  zu  dienen  dem  Einzelnen  höchste  Pflicht  und  Ehre  ist.  Hardenberg
stellt  das  Wohl  und  das  Heil  des  Einzelnen  als  die  höchste  Aufgabe  des  Staates
unbedingt  an  die  Spitze  seiner  Bestrebungen.
  Stein  fordert  in  erster
Linie  die  Erweckung  der  sittlichen
Mächte,  Hardenberg  verlangt  die
Freiheit  der  wirtschaftlichen  Kräfte.
Stein,  wiewohl  von  dem  englischen
Selsgovernment  beeinflußt,  geht  mit
Vorliebe  auf  die  alten  deutschen
Einrichtungen  zurück  und  lebt  als
Reichsritter  in  den  Träumen  von
der  Reichsherrlichkeit,  Hardenberg
liebt  die  Vorzüge  des  französischen
Präfektensystems.  Stein  ist  der  Reformator
  der  staatlichen  Verwaltung
und  Verfassung,  Hardenberg  der  Begründer
  der  sozialen  Ordnung.  Stein
verteidigt  das  alte  Merkantilsystem
und  die  Zünfte  mit  ihrer  sittlich
reinigenden  Macht,  Hardenberg  kämpft
für  Handels=  und  Gewerbefreiheit.
Stein  knüpft  sein  Verlangen  auf
—  -  Teilnahme  der  Nation  an  die  Bef
  dingung  des  Eigentums  und  will  ein
Karl  August  Fürst  von  Hardenberg.  besonderes  Oberhaus.  Hardenberg  will
zwuserlch  von  Johgun  Peteorich  Bolt  (mso?—60)  damals  —  er  verändert  freilich  seine
Meinung  mehrfach  —  nur  von  der
*  ernannte  Notablen  und,  hält  die  Bildung  eines  Oberhauses  für  unthunlich.
Stein  will  den  fideikommissarischen  Besitz  erhalten,  Hardenberg  das  Grundeigentum
mobilisieren.  Stein  voller  Verständnis  für  die  historische  Entwickelung  der  deutschen
Stände  und  eben  daher  der  Freund  der  Selbstverwaltung,  Hardenberg  voll  Eifer  für  die
besoldeten,  vom  Staate  angestellten  und  geschulten  Beamten.  Steins  Anschauungen
ruhten  im  letzten  Grunde  doch  wesentlich  auf  historischem  und  konservativem
Boden,  und  die  Bildung  der  neuen  Verfassung  ist  ihm  „die  Entwickelung  der
Gegenwart  aus  der  Vergangenheit“.  Hardenberg  stand  mit  beiden  Füßen  auf  dem
Boden  der  freisinnigen  Ansichten  der  Zeit,  scheute  in  wirtschaftlicher  Beziehung  auch
vor  den  letzten  Forderungen  der  Aufklärung  nicht  zurück,  und  nicht  historisch,
sondern  theoretisch  „nach  der  höchsten  Idee  des  Staates"  dachte  er  sich  die  Reform.
So  grundverschieden  waren  beide  Männer,  auch  haben  sie  seit  dem  unglücklichen
  Jahre  gleichzeitig  nicht  wieder  im  Rate  der  Krone  gesessen.  Und
        <pb n="627" />
        Steins  Pläne.  —  Generalkonferenz.  —  Staatsrat.  487

dennoch,  indem  beiden  der  Haß  gegen  die  Fremdherrschaft,  die  Hoffnung  auf
Befreiung  des  Vaterlandes  durch  den  preußischen  Staat  gemeinsam  war,  indem
beide  an  der  Erweckung  des  Gemeingeistes,  an  der  Wiedergeburt  des  Staates,  an
einer,  durch  das  Königtum  selbst  zu  vollziehenden  Revolution,  an  einer  „Verfassung
  auf  Einheit,  Kraft,  Nationalität  gegründet",  an  dem  großen  Zwecke  der
Veredelung  der  Menschheit,  gleichmäßig  arbeiteten,  konnte  es  kommen,  daß  die  neue
Gesetzgebung  nach  beider  Namen  einheitlich  bezeichnet  wurde.  Wollte  der  eine  die
alt-preußischen,  volksfreundlichen  Grundsätze  erhalten,  so  wollte  auch  der  andere
die  Einführung  demokratischer  Anschauungen  in  die  Monarchie,  und  beide  wollten
durch  neue  Gesetze  die  Unterthanen  begeistern  für  die  Arbeit  des  Staates  und
die  dazu  Erzogenen  an  ihr  teilnehmen  lassen.
Bei  der  Zerrissenheit  des  Staates  und
der  thatsächlichen  Beherrschung  auch  der  ihm
noch  gebliebenen  Teile  durch  die  Franzosen,
konnte  es  nicht  fehlen,  daß  man  sich  zunächst
mit  vorläufigen  Aeunderungen  bescheiden
mußte.  Doch  schon  die  einstweilige  Einrichtung
  der  Ministerialbehörden  gab  den
Geschäften  durch  die  Generalkonferenz  einen
gewissen  Zusammenhang,  und  nach  dem
Rücktritt  Beymes,  der  zum  Kammergerichtspräsidenten
  ernannt  wurde,  übernahm  Stein
zugleich  die  Leitung  des  Kabinetts,  wenn
auch  mit  seiner  bisherigen  Organisation.
Ebenso  mußte  man  sich  zunächst  vielfach  auf
das  ostpreußische  Departement  beschränken.
Aber  großartig  ist  doch  geradezu  die  Anzahl
ausgezeichneter  Köpfe  zu  nennen,  die  hier  sich  «--«
vereint,und-vondenenwirandieserStclleKakththelm  Freiherr  von

 

nur  an  den  freisinnigen  und  geschäftskundigen  gach  dem  Gemälde  von  rre  (thär.
Freiherrn  von  Schrötter  und  seinen  Endedes  vor  Febr  W  n  25  N’  un
überaus  arbeitsfrendigen  und  fähigen  vor-  u  eiwa  ½  *i

tragenden  Rat  Friese  erinnern  können.

Außerordentlich  denkwürdig  nun,  wie  man  bei  der  Erneuerung  der  eigentlichen
  Staats  verwaltung  auf  die  Einrichtungen  König  8  Wilhems  I.
zurückging.  Indem  man  sie  neu  zu  bilden  zeigte  sich,  daß  man  sie
nur  von  Mißbräuchen  zu  reinigen  hatte,  und  selbst  der  Oberpräsident  von  Schön,
obwohl  bei  weitem  doch  mehr  theoretisch  als  historisch  geschult,  konnte  sich  nicht
genug  thun,  den  viel  Gescholtenen  als  den  größten  inneren  König  Preußens  zu
rühmen.  Schon  1806  hatte  Stein  die  WMiedelherstellung  des  alten  Staatsrats  „in
der  Form,  wie  durch  ihn  alle  Grundeinrichtungen  emanierten,  wodurch  der  preußische
Staat  seine  bewunderte,  von  Größern  oft  beneidete,  von  Schwächern  oft  gefürchtete
Größe  gewann“,  verlangt  und  hatte  „die  Bildung  eines  Staatsrats  oder  einer
unmittelbar  unter  dem  König  arbeitenden,  mit  anerkannter  und  nicht  erschlichener
Verantworklichkeit  versehenen  obersten  Behörde“  gefordert,  „die  der  endliche  Vereinigungspunkt
  der  verschiedenen  Zweige  der  Staatsverwaltung  ist“.  Drei  Hauptgrundsätze
  Friedrich  Wilhelms  I.  —  die  unmittelbare  Arbeit  der  Minister  unter
        <pb n="628" />
        488  Oberste  Zentralbehörden.

dem  Könige,  ihre  Verantwortlichkeit  vor  ihm  und  der  Zusammenfluß  aller  Geschäfte
in  einer  Behörde,  die  Einheit  der  obersten  Leitung  —  waren  somit  wiedergewonn

2  versteht  sich,  daß  nicht  alles  auf  den  ersten  Wurf  hin  glückte,  ja  man  kann
sagen,  je  mehr  Fähigkeiten  in  diesem  reichen  Kranz  von  Männern  der  tüchtigsten
Art  sich  zeigten,  um  so  zahlreicher  waren  die  Pläne  und  Aufsätze,  die  da  gefaßt,
geschrieben,  begutachtet,  beurteilt,  dem  Könige  zur  Entscheidung  unterbreitet  und  wieder
verworfen  oder  doch  nicht  ausgeführt  wurden.  Für  die  Verfassung  der  obersten  Zentralbehörde
  fand  die  Bewegung  einen  gewissen  Abschluß  in  dem  nach  Steins  Ideen  von
Altenstein  ausgearbeiteten  Bericht  vom  23.  November  1807  und  dem  von  Stein  am
28.  Oktober  eingereichten  Plan.  Auf  dieser  Grundlage  erfolgte  die  Verordnung  vom
24.  November  1808.  Die  Einheit  des  Staates,  das  lebendige  Zusammenwirken  aller
Kräfte  des  Staatslebens  zur  Erweckung  des  Nationalgeistes  sollte  ihren  Mittelpunkt
  im  Staatsrat  finden.  Und  dieser  sollte  bestehen  aus  den  volljährigen
Prinzen,  den  fünf  aktiven  sowie  den  passiven  Ministern,  einigen  Räten  der
Ministerien,  den  Geheimen  Staatsräten  —  sowohl  denen,  welche  kraft  ihres  Amtes
als  Chefs  der  Hauptzweige  der  Finanzen  und  des  Innern,  wie  denen,  die  ohne
ein  bestimmtes  Amt  das  königliche  Vertrauen  dazu  berief  —  ferner  aus  dem
Geheimen  Kabinetts-Sekretär  als  Schriftführer  und  etlichen  Referendarien  ohne
Stimmrecht  als  lernenden  Zuhörern.  Den  Vorsitz  im  Staatsrate  führte  der  König
persönlich,  und  gearbeitet  wurde  teils  im  Plenum,  teils  in  Abteilungen.  Diese
aber  waren  streng  nach  sachlichen  Gesichtspunkten  geordnet,  und  ebenso  waren  die
Minister  jetzt  lediglich  Fachminister.  Jede  Mischung  aus  sachlicher  und  lokaler
eziehung  war  durchaus  vermieden,  fortan  gab  es  nur  einen  Minister  der  ausmistenn
  Angelegenheiten,  einen  des  Imem,  der  Finanzen,  des  Krieges  und  der
ustiz
Schon  hatte  dieser  Plan  die  Zustimmung  des  Königs  gefunden,  als  die  Verabschiedung
  Steins  auf  Napoleons  Verlangen  erfolgen  mußte,  und  nun  unter  seinen  Nachfolgern,
  den  Ministern  von  Altenstein  und  Graf  von  Dohna,  nur  das  Publikandum
vom  16.  Dezember  1808  erschien,  welches  den  Staatsrat  fallen  ließ  und  die  Einheit
des  Staates  wie  zugleich  das  Kabinett  lediglich  in  den  fünf  Fachministern  darstellte
  und  diesen  damit  die  höchste  Gewalt  im  Lande  übertrug..  Zugleich  aber  schuf
dies  Publikandum  die  Stellung  der  Oberpräsidenten.  Indessen  griffen  schon  die
Arbeiten  des  Grafen  Dohna  auf  die  Verordnung  von  1808  zurück,  und  die  hauptsächlich
  durch  Hardenbergs  Eifer  zu  stande  gekommene  Verordnung  vom  27.  Oktober
  1810  nahm  sowohl  den  Staatsrat  wieder  auf,  wie  sie  sich  auch  wieder  auf
alle  Staatsbehörden  erstreckte.  Ein  Hauptunterschied  bestand  jedoch  in  der  Einsebung
  des  Staatskanzleramtes,  zu  dem  Hardenberg  schon  einige  Monate  früher
berusen  worden.  Der  Staatskanzler  sollte  den  Vorsitz  im  Staatsrat  haben,  er  sollte
die  Oberaufsicht  über  sämtliche  Ministerien  führen,  besonders  die  der  Finanzen
und  des  Innern,  an  deren  Spitze  zunächst  ein  Minister  überhaupt  nicht  gestellt
wurde,  er  sollte  auch  die  auswärtigen  Angelegenheiten  wesentlich  beeinflussen  und
die  des  königlichen  Hauses,  der  Oberrechenkammer  und  des  Archivs  allein  verwalten.
Kurz,  der  Staatskanzler  trat  an  die  Spitze  der  sämtlichen  Geschäfte,  während  die
Einrichtung  des  Staatsrats  erst  sieben  Jahre  später  gelang.
Von  großer  Bedeutung  für  den  Zusammenhang  zwischen  den  Zentral=  und
den  Provinzialbehörden  und  damit  für  die  Staatseinheit  wurden  die  vier  Ober--
        <pb n="629" />
        Provinzialverwaltung.  —  Städte.  489

präsidenten,  welche  das  genannte  Publikandum  von  1808  einsetzte,  während  die
Denkschrift  von  1810  ihrer  nicht  gedachte.  Ausgezeichnete  Bemerkungen  über  ihr
Amt  hatten  neben  Stein  namentlich  Altenstein  und  Schrötter  gemacht.  Sie
waren  die  ständigen  Kommissarien  des  Ministeriums  und  zugleich  die  Vertrauenspersonen
  der  in  der  Provinz  Eingesessenen.  Ohne  durch  die  Detailverwaltung  in
ihrer  Thätigkeit  beengt  zu  sein,  hatten  sie  doch  zugleich  die  Aufsicht  über  die
ganze  Verwaltung  und  diejenigen  Geschäfte,  insbesondere  die  Militär-,  ständischen
und  sicherheitspolizeilichen  Sachen  zu  leiten,  welche  über  den  Bezirk  einer  Kammer
hinausgingen.
ehr  glücklich  suchte  man  für  die  Provinzial-Verwaltungen  nach  einem  Gutachten
  von  Vincke  die  Vorzüge  der  Kollegialverfassung  mit  einer  möglichst  umfassenden
  Selbständigkeit,  aber  auch  Verantwortlichkeit  der  einzelnen  Räte  zu  verbinden.
  Nur  die  wichtigsten,  über  mehrere  Dehernate  sich  erstreckenden,  oder  als
besonders  geeignet  erachteten  Sachen  wurden  im  vollen  Plenum  oder  von  der
zugehörigen  Abteilung  entschieden,  während  der  einzelne  Rat  namentlich  alle  zur
Vorbereitung  und  Einleitung  der  Sachen  erforderlichen  Schritte  selbst  anzuordnen,
die  meisten  minder  erheblichen  Angelegenheiten  selbständig  zu  entscheiden  hatte.
Durch  eine  sehr  strenge  Absonderung  jeglicher  Gerichtsbarkeit  wurden  die  Kammern
mun  die  wirklichen  Regierungen,  und  sie  zerfielen  ebenfalls  streng  nach  sachlichen
Gesichtspunkten  in  die  fünf  Abteilungen  für  Polizei,  für  Kultus  und  Unterricht,
für  die  Finanzen,  für  die  Militärangelegenheiten  und  für  Akzise-,  Zoll  und  Salzsachen.
  Die  Polizeigewalt  sollte  nicht  nur  Schaden  und  Nachteile  abwenden,
sondern  vorzüglich  sich  auf  die  Mehrung  und  Hebung  der  allgemeinen  Wohlfahrt
erstrecken.  Diese  aber  erkannte  man  jetzt  in  dem  vollständigsten  Bruch  mit  dem
alten  Merkantilsystem,  und  eine  Handels=  und  Gewerbefreiheit  wurde  sowohl  im
Inlande  als  mit  dem  Auslande  werkündigt,  wie  sie  umfassender  kaum  gedacht
werden  konnte  und  dem  Hardenbergschen  Grundsatze  des  laissez  faire,  laissez  aller
voll  entsprach.  Vornehmlich  aber  hatte  Stein,  um  die  Schäden  einer  lediglich
durch  Staatsdiener  geübten  Verwaltung  einzudämmen  und  um  „die  Nation  in
nähere  Verbindung  mit  der  öffentlichen  Administration"  zu  bringen,  es  durchgesetzt,
daß  jeder  Regierung  neun  Repräsentanten  der  Stände  beigegeben  wurden,  welche
der  König  aus  den  von  der  General-Versammlung  der  Provinz  Vorgeschlagenen
ernannte,  und  die  mit  vollem  Stimmrecht  als  Korreferenten  an  den  Plenarsitzungen
über  die  wichtigeren  Verwaltungszweige  teilnehmen  sollten.  Bei  dem  Widerspruch
der  Stände  scheint  diese  verwunderliche,  aber  die  Idee  der  Einheit  zwischen  Staat
und  Unterthau  voll  wiedergebende  Einrichtung  jedoch  nur  in  Ostpreußen  durchgeführt
  worden  zu  sein,  und  auch  hier  ohne  Erfolg.

Kein  Gebiet  war  für  Steins  Pläne,  die  Nation  zur  öffentlichen  Thätigkeit
heranzuziehen,  geeigneter  als  die  Verwaltung  der  Städte.  Die  energisch  durchgeführte
  Reinigung  der  städtischen  Verwaltung,  die  unaufhörlich  fortgesezten  Antreibungen
  der  Bürgerschaft  zur  Ausdehnung  des  Handels  und  Gewerbes,  die
ganz  außerordentliche  Blüte,  in  welcher  sich  diese  vor  dem  Kriege  befunden,  hatten
einen  Zustand  in  den  preußischen  Städten  erzeugt,  der  von  der  Vetternwirtschaft,
wie  sie  uns  in  den  anderen  Städten  der  Zeit  geschildert  wird,  auf  das  vorteilhafteste
  abstach,  und  den  man  nur  zu  benutzen  verstehen  mußte.  Die  Reformen
Friedrich  Wilhelms  I.,  die  Beförderungen  der  bürgerlichen  Berufsarten  durch
Friedrich  II.  hatten  hier  in  der  That  einen  Boden  für  städtische  Freiheit  geschaffen,
        <pb n="630" />
        490  Städteordnung  von  1808.

wie  er  damals  in  Europa  überhaupt  nicht  vorhanden  war.  Und  ohne  Zweifel
ist  Stein  mit  seinem  unablässigen  Drängen  auf  politische  Thätigkeit  des  Bürgers
auch  der  geistige  Vater  der  preußischen  Städteordnung  vom  19.  November  1808,
obwohl  sein  Anteil  an  den  Entwürfen,  aus  denen  sie  hervorging,  unverhältnismäßig
  gering  ist.  Außerordentlich  bezeichnend  aber  ist  es,  daß  die
Grundlage  der  Städteordnung  in  zwei  Aufsätzen  besteht,  welche  auf  Steins  Anregung
  einer  der  Steuer-Kommissare,  der  Eebeine  Kicpsrat  Frey,  entworfen  hat,
und  daß,  wie  alle  Reformen,  so  auch  diese  von  der  Krone  dem  Volke  aus  freien
Stücken  gegeben  ist,  daß  wie  all  der  Glanz  und  all  die  Entwickelung,  welche  die
Städte  bisher  genommen,  so  auch  diese  dem  vom  Friedrich  Wilhelm  I.  geschaffenen
Amt  verdankt  wird.  Ja,  manche  Stadt  übernahm  noch  widerwillig  genug  das  ihr
hochherzig  gemachte  Geschenk.  Vor  allem  handelte  es  sich  nunmehr  darum,  die
staatliche  Bevormundung  soweit  als  möglich  einzuschränken,  „um  dadurch  Interesse
für  Gemeinwohl  und  den  Reiz  der  öffentlichen  Thätigkeit  hervorzurufen,  welche
ien  Geist  der  Nation  erhebt,  zur  Erwerbung  gemeinnähiger  Kenntnisse,  ja  selbst
eines  üunbescholtenen  Rufes  anfeuert  und  dadurch  den  Egoismus  und  selbst  die
Frivolität  zügelt".  Das  heißt:  die  Wurzel  alles  Uebels,  das  man  erlitten,  wird
auf  das  gründlichste  ausgerottet,  und  um  die  Heilung  zu  ermöglichen,  giebt  der
Staat  freiwillig  eine  Summe  seiner  Rechte  an  die  Bürgerschaft  gbahin.  Als  selbstverständlich
  für  die  reifere  Anschauung  vom  Staate  ergab  sich,  daß  die  Sicherheits-,
Polizei=  und  Justizgewalt  als  Zweige  der  Landeshoheit  dem  Staate  zuzuweisen
seien,  dagegen  konnte  die  gesamte  innere  Verwaltung,  namentlich  der  Stadthaushalt,
  die  Armen-,  Unterrichts=  und  Bau-Verwaltung  den  Städten  überlassen  bleiben,
wenn  nur  die  Besetzung  der  wichtigsten  Aemter  der  staatlichen  Bestätigung  unterlag,
und  dem  Staate  jederzeit  insoweit  eine  Kontrolle  durch  seine  Behörden  gewahrt
wurde,  daß  nicht  gegen  seine  Zwecke  und  Gesetze  verstoßen  werden  konnte.  In  der
That  aber  trat  der  Staat  auch  seine  polizeilichen  Funktionen  vielfach  den  Städten  ab.
Die  bisher  nach  Klassen  und  Zünften  geteilte  Bürgerschaft  zerfiel  jetzt  nur
noch  in  Bürger  und  Schutzverwandte,  die  Erwerbung  des  Bürgerrechts  war  erheblich
  erleichtert.  Die  Bürgerschaft  überträgt  aber  ihre  Befugnisse  den  von  ihr
gewählten  Stadtverordneten,  und  wieder  diese  übertragen  die  Ausführung  ihrer
Beschlüsse  dem  von  ihnen  gewählten  Magistrat.  Der  Magistrat  setzt  sich  aus
unbesoldeten  wie  besoldeten  Stadträten  —  den  volltönenden  Namen  der  Senatoren
hatte  man  glücklich  vermieden  —  zusammen.  Nur  die  gelehrten  Stadträte,  die
Bürgermeister,  Syndici  und  Bauräte  erhalten  eine  Besoldung,  werden  aber  ebenfalls
  nur  auf  eine  bestimmte  Zeit  gewählt.  In  dem  Eifer  für  die  Selbständigkeit
  der  Städte  ist  man  sogar  damals  weiter  gegangen,  als  sich  hernachmals  gerechtfertigt
  zeigte,  indem  die  gar  zu  gering  bemessene  Aufsicht  des  Staates  wie
die  ganz  freie  Verfügung  der  Stadtverordneten  über  das  Vermögen  der  Städte,
die  städtischen  Steuern  und  das  jährliche  Budget  sowie  die  thatsächliche  Unterordzung
  des  Magistrats  unter  die  Stadtverordneten,  weder  den  Zwecken  des  Staates
denen  der  Stadt  entsprach,  aber  gerade  daß  man  hier  zu  weit  griff,  bezeugt

der  Entschlossenheit,  mit  welcher  man  öffentliches  Leben  und  Selbstverwaltung  zu
fördern  gedachte,  verwirklichte  die  Absicht,  der  Bürgerschaft  „eine  thätige  Einwirkung
auf  die  Verwaltung  des  Gemeinwesens  beizulegen  und  durch  diese  Teilnahme
Gemeinsinn  zu  erregen  und  zu  erhalten.“  In  der  allgemeinen  Geltung  der  neuen
Ordnung  der  Städte  hatte  man  aber  zugleich  ein  Band  gefunden,  das  namentlich
        <pb n="631" />
        Städteordnung.  —  Landgemeinde.  —  Aufhebung  der  Erbunterthänigleit.  491

nach  der  Herstellung  Preußens  und  nach  der  Vornahme  der  sich  als  nötig  ergebenden
  Aenderungen  eine  in  hohem  Maße  einigende  Kraft  für  das  Staatsleben
erweisen  sollte.  In  ebenso  freiem  Sinne  wurden  nun  auch,  wie  schon  angedeutet,
den  städtischen  Gewerben  die  Fesseln  gelöst.  Schon  im  August  1807  hatte  der
König  die  Aufhebung  des  Fabrikenzwanges  und  der  Einfuhrverbote  für  unbedenklich
  erklärt,  im  Jahre  1808  fielen  die  Beschränkungen  beim  Handel  und  der
Fabrikation  der  Mühlensteine,  der  Mühlenzwang,  der  Brau=  und  Brennereizwang,
der  Zunftzwang  und  das  Verkaufsmonopol  der  Bäcker-,  Schlächter=  und
Hökergewerbe,  und  endlich  wurde  die  tiefste  Kluft  zwischen  dem  Lande  und
den  Städten  ausgefüllt,  indem  der  Handel  zwischen  beiden  völlig  freigegeben
wurde.  Das  Edikt  aber  vom  27.  Oktober  1810  führte  ein  neues  Steuersystem
  9  das  trotz  der  neuen  Lasten  doch  den  Lebensbedingungen  Luft  und
Raum  li

Der  Städteordnung  dachte  Stein  eine  Landgemeindeordnung  mit  freier  Gemeindeverfassung,
  mit  Schulzen  sowie  den  altbewährten  preußischen  Landräten  an
der  Spitze  einer  Kreisordnung  zur  Seite  zu  stellen,  und  insbesondere  Vincke
hat  nach  englischem  Muster  mit  großem  Eifer  an  diesem  Plan  gearbeitet.  Nach
dem  Abgange  Steins  ist  er  jedoch  gescheitert,  und  zwar  nicht  nur  an  dem
Widerstand  des  Adels  wie  der  Bauern  als  vielmehr  an  dem  Uebermaß  von  Entwürfen
  und  Plänen,  welches  das  Ministerium  Altenstein-Dohna  in  so  unglücklicher
Weise  belastete,  daß  es  trotz  der  überaus  modern  und  liberal  gerichteten  Gesinnungsart
  beider  Minister  nicht  zu  abschließenden  Ergebnissen  kam.  Und  doch  wäre
eine  Landgemeinde=  und  Kreisordnung  um  so  notwendiger  gewesen,  als  der
hergebrachten  politischen  Verfassung  die  wirtschaftliche  Grundlage  durch  die  größten
und  umfassendsten  Reformgesetze  entzogen  wurde.

Wir  sahen,  daß  die  Erwerbung  der  persönlichen  Freiheit  des  Bauern  ein  zum  Teil
mit  Leidenschaft  verfolgtes  Streben  der  preußischen  Herrscher  gewesen,  bisher
jedoch  auf  unüberwindlichen  Widerstand  gestoßen  war.  Wie  hätte  nicht  der  pflichttreue
  Sinn  des  Königs  ein  Erbteil  seiner  Ahnen  mit  Vorliebe  ergreifen  sollen,
das  zugleich  die  Forderung  der  Zeit  war!  Die  Aufhebung  der  Erbunterthänigkeit
war,  wie  er  selbst  sagt,  seit  seinem  aegierungsantrit  das  Ziel,  wonach  er  unverrückt
  gestrebt  habe.  Er  habe  es  allmählich  erreichen  wollen,  indessen  die  unglückliche
  Lage  nötige  und  rechtfertige  zugleich  einen  schnelleren  Schritt,  nur  die  so
leicht  mißbrauchten  Begriffe  von  der  Freiheit  oder  Knechtschaft  müsse  man  vermeiden
  und  die  Sache  dem  Wesen  nach  ausdrücken.  Demgemäß  erfolgte,  um
alles  zu  entfernen,  was  den  Einzelnen  bisher  hinderte,  den  Wohlstand  zu  erlangen,
  den  er  nach  dem  Maaß  seiner  Kräfte  zu  erlangen  fähig  war“,  das  Edikt
vom  9.  Oktober  1807,  welches  rücksichtlich  der  Erwerbung  von  Grundstücken  jeden
Standesunterschied  aufhob  und  ebenso  jedem  Edelmann  ohne  Nachteil  seines
Standes  bürgerliche  Thätigkeit,  wie  dem  Bürger  und  Bauern  den  Uebergang  in
den  anderen  Stand  gestattete.  Endlich  aber  verbot  dieses  Edikt  jedes  Unterthänigkeitsverhältnis
  zwischen  Gutsherrn  und  Einsassen  in  den  Gütern  und  hob
:den  Rest  von  Sklaverei",  wie  Stein  schrieb,  mit  dem  Martinitage  des  Jahres
1810  vollkommen  auf.  Hinsichtlich  der  Domänen  erfolgte  die  Ausdehnung  der
Bestimmungen  Friedrich  Wilhelms  I.  auf  alle  inzwischen  erworbenen  Domänen
schon  durch  das  Edikt  vom  28.  Oktober  1808,  und  1811  wurden  durch  zwei
weitere  Edikte  die  gutsherrlichen  und  bäuerlichen  Verhältnisse  näher  geregelt,  die
        <pb n="632" />
        492  Heerwesen.

Verwandlung  aller  bisher  noch  gebundenen  Bauernhöfe  in  freies  Eigentum  und
die  Ablösung  der  auf  ihnen  ruhenden  Dienste  verfüg

Damit  hatte  der  König  eine  vollständig  neue  Gejenschaftsordnung  aus  higener
Machtvollkommenheit  geschaffen,  die  mit  so  kühner  Hand  und  so  tief  in  das  bestehende
  Gefüge  eingriff,  daß  der  Widerstand  gegen  sie  wohl  erklärlich  ist.  Do
unbekümmert  darum,  wie  es  nur  ein  König  von  Preußen  konnte,  bcharr  e  Friedrich
Wilhelm  auf  der  Umwälzung,  deren  Durchführung  eine  Einsicht  in  die  Forderungen
des  Tages,  eine  Kraft  dieses  Königtums,  auch  der  schwierigsten  sozialen  Fragen
Herr  zu  werden,  zeigte,  die  vornehmlich  in  jener  Zeit  des  politischen  Elends  im
höchsten  Maße  bewundernswert  ist.

Aus  unserer  Darstellung  selbst  ergiebt  sich,  daß  den  Männern,  die  der  König
an  die  Spitze  des  Staates  berufen,  der  vollste  Anteil  an  dem  großen  Werk  dieser
gewaltigen  Reformen  an  Haupt  und  Gliedern  zuzurechnen  ist.  Aber  mit  freiem
Sinn  und  klarem  Verständnis  hatte  Friedrich  Wilhelm  nicht  nur  seine  Ratgeber
gewählt,  sondern  ebenso  trotz  vieler  Bedenken  ihre  Bestrebungen  gefördert  und  zur
That  erhoben.  Um  Stein  zu  gewinnen,  hatte  Hardenberg  ihm  einst  geschrieben,
ü„der  König  hat  durch  das  Unglück  viel  gewonnen,  und  seine  Ausdauer  macht  ihm
große  Ehre.  Treffen  Sie  die  rechte  Weise,  die  Geschäfte  mit  ihm  zu  verhandeln,
so  werden  Sie  ihn  zu  allem  bestimmen,  was  gut  und  nützlich  ist,  wie  mir  dieses
vollkommen  gelungen  war“.  Und  wieder  Stein  selbst  ist  es,  der  seine  Nachfolger
über  die  Schwierigkeit  der  Arbeit  mit  dem  Hinweise  tröstet,  daß  der  entschiedene,
auch  durch  die  neue  Militär=  und  Zivileinrichtung  bewährte  Wille  und  bewährte
Sinn  des  Königs  ihnen  den  Mut  stärken  und  das  Gelingen  sichern  werde.  Ja,
die  Neuerer  bezeichnete  Friedrich  Wilhelm,  wie  Boyen  und  Clausewitz  uns  mitteilten,
  kurzweg  wohl  auch  selbst  als  „die  gute  Partei"“.

ber  woher  anders  konnte  in  diesem  Jammer  der  politischen  Knechtung  die
Kraft  zur  sozialen  Befreiung  kommen,  als  aus  der  Hoffnung,  auch  zur  politischen,
zur  nationalen  Freiheit  wieder  vorzudringen?  Eins  aber  war  doch  ganz  ohne
Zweifel  die  dringendste  Forderung  hierfür,  und  das  war  die  Reform  des  Heeres.
Und  glücklich  fügte  es  sich,  daß  auch  für  diese  Reform  sich  um  den  Monarchen
ein  seltener  Verein  der  auserlesensten  Kräfte  scharte.  Der  König  selbst  war  von
der  Notwendigkeit  der  vollständigen  Neuordnung  schon  vor  dem  Unglück  voll  überzeugt;
  nur  seine  Scheu  vor  der  Erfahrung  der  „Federbüsche“,  die  sich  nachher  so
wenig  bewährt,  hatte  ihn  gehindert,  sie  mit  Energie  zu  erzwingen.  Galt  es
doch,  wie  Boyen  schreibt,  geradezu  für  unanständig,  das  sieggekrönte  Kriegsgebäude
Friedrichs  einer  zeitgemäßen  Revision  zu  unterwerfen!  Aber  noch  während  des
Krieges  hatte  Friedrich  Wilhelm  umfassende  Aenderungen  in  der  Taktik  und  Kriegführung
  selbständig  getroffen.  Jetzt  gab  er,  wiewohl  auch  hier  noch  oft  zaghaft,
zu  den  wichtigsten  Vorschlägen  Scharnhorsts  seine  Zustimmung,  „er  hat  uns“,
erklärte  der  Schöpfer  des  neuen  Heeres,  „sehr  viele  den  neuen  Verständnissen
angemessene  Ideen  selbst  gegeben“.  Er  berief,  nachdem  schon  im  Dezember  1806
eine  Verordnung  behufs  strenger  Bestrafung  der  pflichtvergessenen  I#hungsLommandanten
  ergangen  war,  noch  im  Monat  des  Friedensschlusses  eine  Militär-Reorganisations-Kommission,
  und  an  ihre  Spitze  stellte  er  Scharnhorst.  Auch
Widersacher  der  neuen  Reform  hatte  der  König  in  die  Kommission  berufen,  die
auch  wirklich  so  viel  Schwierigkeiten  machten,  daß  Stein  schon  am  Schluß  des
Jahres  1807  schreibt,  „der  Geist  der  Kabale  erscheint  wieder  im  Militär,  und
        <pb n="633" />
        Heerwesen.  493

ich  fürchte  sehr,  daß  er  die  Oberhand  gewinnt,  um  dann  alle  die  alten  Mißbräuche
wieder  herzuftellen,  welche  die  Monarchie  zu  Grunde  gerichtet  haben“.  Ja,  nach
Steins  Entfernung  hoffte  General  von  York,  daß,  nachdem  ein  unsinniger  Kopf
zertreten  sei,  das  andere  Natterngeschmeiß  sich  in  seinem  eigenen  Gift  auflösen
werde.  Aber  den  Vertretern  der  Oppositionspartei  gegenüber  saßen  in  der  Kommission
  keine  geringeren  als  Gneisenau  und  Grolmann,  und  alsbald  gesellten  sich
ihnen  an  Stelle  der  ausgeschiedenen
  Gegner  der
Graf  Götzen,  der  energische
  General-Gouverneur
Schlesiens,  und  Boyen,
Scharnhorsts  großer
Erbe  und  Nachfolger  bei.
Ebenso  erhielt  auch  Stein
noch  Sitz  und  Stimme
in  der  Kommission,  am
31.  Mai  1808  wurde
Scharnhorst  Generaladjutant
  des  Königs,  und
damit  war  die  Oppositionspartei
  von  der  Person
  des  Monarchen  entfernt.
  Und  wie  die  Gedanken
  der  Reform  schon
Eigentum  der  besten
Köpfe  geworden  —
Blücher  forderte  ein
nationales  Heer,  Prinz
August  die  allgemeine
Wehrpflicht  —  so  wurde
sie  später  von  Clausewitz,
  „dem  liebsten  und

77  E  General  Gerhard  Johann  David  von  Scharnhorst.
7  “  ½l  –
schaftlich  erläutert  und  Rohh  E“““eme  enher  e

dargestellt.  Aber  manche

Kämpfe  hatte  Scharnhorst  auch  mit  den  Gutgesinnten  zu  kämpfen  und  ihren  Eifer,
der  bis  zur  Wählbarkeit  der  Offiziere  durch  die  Untergebenen,  d.  h.  zur  vollsten
Schwächung  des  landesherrlichen  Oberbefehls  vorgehen  wollte,  zu  zügeln.  Gefahrvoller
  noch  mußte  der  geplanten  Reform  die  entsetzliche  Finanzlage  des  Staates
werden,  und  aller  Gefahren  schlimmste  war  und  blieb  doch  die  Aufsicht  und
Spionage  Napoleons,  der  mit  dem  Instinkt  des  Bösen  jeden  Aufschwung  zum
Besseren,  jedes  neue  Keimen  in  diesem  gehaßten,  dem  Untergange  geweihten
Staate  verfolgte.  Im  Sommer  1808  verlangte  er  auch  die  Entlassung  Scharnhorsts,
  welcher  man  unter  scheinbarer  Nachgiebigkeit  doch  aus  dem  Wege  zu  gehen
wußte.  Aber  der  Idealismus  dieser  herrlichen  Männer  war  größer  als  Napoleons
nüchterne  Berechnung,  ihre  Vaterlandsliebe  strahlte  glänzender  als  der  Nimbus
        <pb n="634" />
        494  Heerwesen.

um  den  Condottiere,  ihre  sittliche  Kraft  war  fester  begründet,  als  die  unsittliche
Gewalt  des  Imperators.

Ein  Gedanke  war  es  vornehnmlich,  in  dessen  Durchführung  man  die  Hauptarbeit
  erblickte.  Es  galt  ein  auf  sittlicher  Grundlage  beruhendes,  durch  sittliche
Ideale  und  wahre  Bildung  zusammen  gehaltenes  und  nach  sittlichen  Zielen  strebendes,
ein  nationales  Heer  „als  die  Vereinigung  aller  moralischen  und  physischen  Kräfte
aller  Staatsbürger“  zu  schaffen.  Denn  der  Kampf  fürs  Vaterland,  für  die  Unabhängigkeit
  und  Ehre  der  Nation,  der  allgemeine  Kriegerstand  ist  der  Triumph
der  Sittlichkeit.  Und  aus  diesem  Gedanken  heraus  ergaben  sich  weitere  vier
Forderungen.  Erstlich  das  Heer  besteht  fortan  nur  aus  Juländern,  zweitens  aber
—  und  fast  wörtlich  nahm  man  in  diesem  Kardinalpunkt  die  Ansicht  Friedrich
Wilhelms  I.,  nun  aber  mit  vollster  Konsequenz  auf  —  jeder  Unterthan  des
Staates  ohne  Unterschied  der  Geburt  ist  kriegspflichtig.  Alle  Bewohner  des
Staates  sind  seine  gebornen  Verteidiger.  Drittens  die  Beförderung  zum  Offizier,
welche  der  König  während  der  Dauer  des  Krieges  jedem,  der  nicht  ein  Verbrechen
  begangen,  schon  in  Aussicht  gestellt,  findet  ebenfalls  ohne  Rücksicht  auf
die  Geburt  nur  nach  dem  Maß  der  Befähigung  und  guten  Führung  statt,  namentlich
bei  der  Beförderung  zum  General  hat  jede  Rücksicht  auf  das  Dienstalter  zu  schweigen.
Niemand  wird  zum  Offizier  ernannt,  der  nicht  vorher  Gemeiner,  Unteroffizier  und
Portepeefähnrich  gewesen,  und  die  Beförderung  zum  Portepeefähnrich  ist  abhängig
von  einem  wissenschaftlichen  Examen,  das  Aufsteigen  zum  Offizier  von  einem  zweiten
Examen  und  von  dem  Vorschlag  des  Offizierskorps.  Denn  die  alleinige  Zulassung
des  Adels  zum  Offizierstande  habe  die  Armee  sowohl  der  Talente  und  Kenntnisse
des  übrigen  Teiles  der  Nation  beraubt,  als  auch  den  Adel  überhaupt  der  Verpflichtung

  enthoben,  sich  militärische  Kenntnisse  zu  erwerben.  Daher  sind  die
Offiziere  in  ihrer  Bildung  gegen  alle  anderen  Stände  weit  zurückgeblieben,  und
ist  die  Armee  zum  Gegenstand  des  Hasses,  ja  der  Verachtung  geworden.  Viertens
alle  entehrenden  Strafen  und  Mißhandlungen,  vornehmlich  die  Stockprügel  sind
aus  dem  Stande  vollständig  verbannt,  dem  fortan  die  ganze  Nation  angehört.
Denn  „jede  Strafe,  die  in  einem  anderen  Stande  entehren  würde,  muß  im
Soldatenstande  doppelt  entehrend  sein"“.  Endlich  aber  mit  dem  immer  reineren
und  volleren  Wiedergewinn  des  uralten  deutschen  Grundsatzes  der  allgemeinen
Wehrpflicht,  mit  der  Zusammensetzung  des  stehenden  Heeres  aus  allen  Einwohnern,
soweit  sie  nicht  durch  körperliche  Leiden,  Blödsinn  oder  Verbrechen  ausgeschlossen
waren,  hatte  man  zugleich  die  Beschränkung  der  Dienstpflicht  auf  eine  gewisse  Zeit
—  zehn  Jahre  schlug  Stein,  sechs  Jahre  Scharnhorst  vor  —  als  notwendig  erkannt.

m  wenigsten  aber  Scharnhorst  und  Gneisenau  hätten  in  einer  bewaffneten
Volksmenge  allein  schon  ein  Heer  gesehen,  und  die  stete  Einübung  des  militärischen
Dienstes  auf  dem  Exerzierplatz  wie  vorzüglich  im  Felddienst,  im..  Scheibenschießen
und  Tiraillieren,  blieb  daher  unter  Fortlassung  aller  überflüssig  erscheinenden
Nebendinge  nach  wie  vor  notwendig.  Ebenso  wurden  die  Militär-Verwaltung,
das  Militärbildungswesen,  der  Generalstab,  das  Festungswesen  und  namentlich  die
Artillerie  einer  durchgreifenden  Neuerung  unterworfen.  Allein  aber  durch  Zusammensein
  und  Zusammenschluß  gewöhne  sich,  so  erkannte  man,  die  waffenfähige
Mannschaft  des  Landes  als  ein  militärischer  Körper.  Uebung  setze  Lehrmeister,
Kriegersitte  Krieger  voraus,  und  „um  ein  ganzes  Volk  zu  Soldaten  zu  machen,  muß  ihm
mitten  im  Frieden  militärischer  Geist  eingeflößt  werden“.  Gerade  hier  lag  die  größte
        <pb n="635" />
        Heerwesen.  495

Schwierigkeit.  Denn  wie  hätte  Napoleon  ein  solches  Zusammensein  der  Waffenfähigen
der  Nation  geduldet!  Wenn  man  sich  anfänglich,  da  der  größte  Teil  des  Staatstorso
  noch  vom  Feinde  besetzt  gehalten  wurde,  und  unter  dem  finanziellen  Druck
aus  freien  Stücken  entschlossen  hatte,  mit  einem  Heere  von  40  000  Mann  sich
zu  begnügen,  so  mußte  es  doch  zum  verhängnisvollen  Ende  führen,  als  Napoleon
durch  den  Pariser  Vertrag  vom  8.  September  1808  dem  Staate  verbot,  eine
größere  Kriegsmacht  als  42000  Mann  zu  halten.  Welch  drückende  neue  Fessel
war  damit  allen  denen  angelegt,  di
nie  und  nimmer  die  Hoffnung  aufgeben
  mochten,  daß  das  Vaterland
in  all  seiner  Herrlichkeit  wieder  auferstehen
  werde!  Wohl  oder  übel:
er  die  Befreiung  von  der  französischen
  Knechtschaft  noch  wollte,  mußte
zur  Verstellung,  zur  Heimlichkeit
greifen,  und  wer  ermißt  die  Ueberwindung,
  die  es  diesem  Geschlecht
des  männlich  festen  und  freimütigen
Wortes,  der  frischen  That  gekostet
haben  mag,  zu  diesem  Mittel  „der
List  der  Idee“  zu  greifen!  Wie  sollte
man  die  allgemeine  Wehrpflicht  bei
so  geringer  Präsenzziffer  verwirklichen?
  Da  war  es  in  der  That
nicht  nur  ein  überaus  glücklicher  Ge
danke  Scharnhorsts  für  die  Bedürfnisse
  der  Zeit,  sondern  ein  Gedanke,
der  die  allgemeine  Wehrpflicht  im
vollen  Sinne  des  Wortes  volks-  —  —  —
machtee  Ft  s—.  den  Ss  Graf  Neidhardt  von  Gneisenau.
25  Mann,  welche  die  Kompagnie  von  Fran  r.  d797—1857
damals  nur  noch  zählte,  noch  weitere  “  i  lch  din·
drei,  fünf,  ja  mehr  Mann  zu  beurlauben
  vorschlug.  An  deren  Stelle  wurden  nämlich  junge  Rekruten  eingezogen,
während  eines  Monats  ausgebildet,  und  für  sie,  die  man  nunmehr  beurlaubt,
wurden  wieder  neue  Mannschaften  eingezogen  und  ausgebildet.  Und  um  die
notdürftige  militärische  Erziehung  zu  vervollkommnen,  wurden  umgekehrt  auch
Offiziere  in  die  Kantons  gesendet,  welche  die  Beurlaubten  in  ihrer  Heimat
weiter  schulen-  und  zugleich  den  kriegerischen  Geist  in  der  Ingend  erwecken
sollten.  Auf  diese  Weise  wurden,  ohne  daß  Napoleon  über  Vertragsverletzung
klagen  konnte,  über  100  000  „Krümper",  wie  man  sie  nannte,  im  Manöverieren
und  Exerzieren  ausgebildet,  die  alsbald  der  Schrecken  der  napoleonischen  Aier
werden  sollten.  Dahin  zielte  ja  die  Thätigkeit  der  Patrioten,  den  Eroberer  völlig
zu  verderben,  und  furchtbar  gährte  der  Haß  gegen  ihn,  der  das  Vaterland  so
schändlich  mißhandelte.  „Für  den  Redlichen“,  so  urteilte  kein  Geringerer  als
Stein,  „ist  kein  Heil  als  in  der  Ueberzeugung,  daß  der  Ruchlose  zu  allem  Bösen
fähig  ist;  Zutrauen  auf  den  Mann  zu  haben,  von  dem  man  mit  so  vieler  Wahr-
        <pb n="636" />
        496  Heerwesen.

heit  sagte,  er  habe  die  Hölle  im  Herzen,  das  Chaos  im  Kopfe,  ist  mehr  wie
Verblendung“.  Und  wenn  Heinrich  von  Kleist  in  seinem  „Katechismus  der  Deutschen“
Napoleon  „den  Anfang  alles  Bösen,  das  Ende  aller  Guten,  den  Sünder“  nennt,
„den  anzuklagen  die  Sprache  der  Menschheit  nicht  hinreiche  und  den  Engeln  einst
am  jüngsten  Tage  der  Odem  vergehen  werde“,  so  redete  er  allen  getreuen  Preußen,
ja  der  ganzen  Menschheit  aus  der  Seele.

Nunmehr  glaubte  Scharnhorst  die  Zeit  gekommen,  die  Pläne,  die  er  1803
und  wieder  1806  und  1807  für  die  Bewaffnung  des  ganzen  Volkes  gehegt,  ausführen
  zu  können.  Zivil  und  Militär  sollten  sich  ja  gegenseitig,  wie  Boyens  Ausdruck
  lautet,  die  Hände  bieten,  um  als  Diener  nur  eines  Staates  auch  nur  zu  einem
Zweck  hinzuarbeiten.  Da  aber  der  Widerwille  jedes  gebildeten  und  feiner  fühlenden
Mannes  gegen  die  schlechten  Gesellen  und  Vagabunden  aus  denen  sich  die  stehenden
Heere  ja  noch  zusammensetzten,  noch  immer  im  höchsten  Maße  lebendig  war,  auch  eine
unkriegerische  Gesinnung  bei  den  Gewerbetreibenden  wie  Studierenden  vorausgesetzt
werden  mußte,  so  dachte  Scharnhorst  eine  besondere  Miliz  neben  dem  stehenden  Heere
zu  errichten.  „Denn“,  so  heißt  es,  die  Zeit  vortrefflich  charakterisierend,  in  dem  Bericht
der  Reorganisations-Kommission,  „bei  der  jetzigen  Lage  der  Dinge  scheint  es  darauf
anzukommen,  daß  die  Nation  mit  der  Regierung  aufs  innigste  vereinigt  werde,  daß  die
Regierung  gleichsam  mit  der  Nation  ein  Bündnis  schließt,  welches  Zutrauen  und  Liebe
zur  Verfassung  erzeugt  und  ihr  eine  unabhängige  Lage  wert  macht.  Dieser  Geist
kann  nicht  ohne  einige  Freiheit  in  der  Herbeischaffung  und  Zubereitung  der  Mittel
zur  Erhaltung  der  Selbständigkeit  stattfinden.  Wer  diese  Gefühle  nicht  genießt,
kann  auf  sie  keinen  Wert  legen  und  sich  nicht  für  sie  aufopfern.  Eine  Nationalmiliz
  kann,  wenn  sie  sich  selbst  erhält,  bewaffnet,  kleidet  und  übt,  in  jenem  Geiste
auftreten;  sie  wird  ihn  aber  nie  bekommen,  wenn  sie  vorher  durch  die  stehende  Armee
gehen  muß,  wenn  ihre  Selbständigkeit  durch  einen  eingebildeten  Druck  gelähmt  wird"“.

Daher  glaubte  Scharnhorst  Miliz  ud  stehendes  Heer  vollständig  trennen  zu

müssen.  In  jeder  Kommune  sollten  die  Wehrpflichtigen  vom  19.  bis  zum
31.  Lebensjahre  in  zwei  Klassen  geteilt  werden,  von  denen  die  Freiwilligen  und
diejenigen,  die  sich  nicht  selbst  bekleiden,  bewaffnen  und  beköstigen  können,  dem
stehenden  Heer  eingereiht,  die  übrigen  der  Miliz  zugewiesen  werden  sollten.  Die
Wahl  der  Offiziere  sei  den  Wehrmännern  zu  überlassen  und  nur  die  erforderliche
Bildung  vorzubehalten.  Auch  die  Ausübungszeit  dieser  Miliz  war  ungemein  kurz
gedacht,  in  jährlich  acht,  später  sogar  nur  in  vier  Wochen  sollte  sie  beendigt  sein.
Allerdings  setzte  man  dabei  voraus,  daß  nach  Steins  Ausdruck  „in  allen  Stadtschulen
  Anstalt  getroffen  werden,  um  Kenntnis  des  Gebrauchs  der  Waffen  und
der  Bewegung  größerer  Menschenmassen  zu  bewirken“".  Weiter  aber  verlangte
Scharnhorst  den  Landsturm.  Alle  Männer,  die  irgendwie  eine  Waffe  führen
können,  sind  ihm  schlechthin  zur  Verteidigung  des  Vaterlandes  verpflichtet,  und  er
zweifelt  nicht,  daß,  was  in  Spanien  gelungen,  sich  auch  in  Preußen  zu  glücklichem
Ende  führen  lassen  werde.

Nicht  lange  und  auch  diese  Pläne  sollten  Wirklichkeit  werden,  und  während
der  König  und  seine  Regierung  nicht  nur  lieb  und  heilig  gehaltene  Einrichtungen
des  alten  Staates,  sondern  auch  positive  Rechte  daran  gaben,  um  den  Gemeingeist

des  Volkes,  das  Bewußtsein  der  thatsächlichen  Einheit  zwischen  Staat,  Heer  und
Unterthauen  zu  erwecken,  zeigte  sich,  daß  die  Besten  des  Volkes  aus  allen  Ständen
mit  stets  höher  schwellender  Begeisterung  für  das  Vaterland,  immer  zornigerer
        <pb n="637" />
        Gesinnung  der  Bevölkerung.  497

Wut  gegen  die  fremden  Unterdrücker  der  Regierung  entgegenkamen.  Wohl  hatten  die
Reformer  schwere  Kämpfe  gegen  die  Widersacher,  „die  Maulwürfe",  wie  man  sie
nannte,  zu  bestehen.  Wohl  tauchten  Schmäh=  und  Spottschriften  auf  gegen  den  preußischen
  Staat,  und  hier  und  da  wagte  eine  verkommene  Seele  ihre  ehrlose  Gesinnung
über  Gerechte  und  Ungerechte  auszusprechen,  aber  immer  inniger  schloß  sich  das
preußische  Volk  an  seinen  König  an,  immer  heiliger  durchzitterte  die  Volksseele  die
Sehnsucht  nach  Freiheit,  nach  Niederwerfung  des  Tyrannen.  Wie  hätte  es  auch
anders  sein  können  in  dem  Staate  des  Großen  Kurfürsten,  des  Großen  Königs!  Wohl
fühlte  man  die  Sünden  der  Vergangenheit,  man  erkannte  auch  die  Fehler,  die  selbst  ein
Friedrich  begangen,  aber  gerade  der  Ruhm,  den  er  dem  preußischen  Volke  erworben,
die  strenge  Pflichterfüllung,  mit  welcher  er  dem  Staate  gedient  hatte,  waren  die
Sterne,  denen  man  zustrebte,  waren  die  Anker,  an  denen  man  festhielt.  Wohl
kuirschte  auch  das  nichtpreußische  deutsche  Volk  in  die  Zügel  und  lechzte  nach  Befreiung,
aber  während  man  sich  im  übrigen  Deutschland  mit  jenen  unklaren,  nur  halbwahren
  Vorstellungen  von  der  einstigen  Herrlichkeit  der  deutschen  Kaiserzeit  begnügte,
  hatte  man  in  Preußen  die  Augen  wenig  rückwärts  zu  wenden,  um  zu
erkennen,  daß  ein  wahres  nationales  Leben,  eine  staatliche  Selbständigkeit  nur  in
eiserner  Pflichterfüllung  begründet  sein  könne.  Nur  auf  den  König  und  seine
Ratgeber  hatte  man  zu  schauen,  um  in  gewissenhafter  Sittenstrenge  und  treuer
Arbeit  die  Vorbedingung  der  nationalen  Freiheit  zu  erblicken.  Wo  auch  hätten
die  übrigen  Deutschen  den  Gedanken  hernehmen  sollen,  daß  der  Staat  eine  sittliche
  Persönlichkeit  und  sein  Wesen  ein  Spiegel  der  moralischen  Gesinnung  seiner
Bürger  sei?  Aber  nun,  da  jede  politische  Einheit  so  gründlich  zerrissen  war,  fühlte
man  gerade  die  einende  Kraft  der  gemeinsamen  Schätze  des  inneren  nationalen  Lebens.
Mit  warmer  Inbrunst  wandte  das  deutsche  Volk  sich  zurück  und  freute  sich  des  deutschen
Mittelalters,  der  deutschen  Kunst  und  Sage.  Dichtkunst  und  Wissenschaft  griffen  zurück
in  das  Leben  der  Altvorderen,  zeigten  ihren  Reichtum  an  allen  idealen  Gütern.

Mit  vollstem  Recht,  mit  gerechtfertigter  Bchessterung  nahm  man  auf,  was
Achim  von  Arnim  und  Brentano  in  des  „Knaben  Wunderhorn“,  die  Gebrüder
Grimm  in  den  alten  Volksmärchen  den  Herzen  wiedergewannen,  was  Eichhorn
vom  deutschen  Recht  und  Savigny  von  der  Recht  schaffenden  Kraft  des  Volksgeistes
  ermittelte.  Luden,  der  es  trotz  der  Schergen  Napoleons  wagte,  gegen  das
undeutsche  Wesen  des  Rheinbundes  zu  schreiben,  erzählte  damals  zuerst  dem  deutschen
Volk  seine  herrliche  Geschichte,  und  mit  Jubel  fühlte  man  sich  als  die  Söhne
solcher  Väter.  Mit  tiefem  Ernst  empfand  man,  daß  man  dies  schöne  Erbteil  der
Ahnen  nur  besitzen  könne,  wenn  man  es  neu  erwarb.  Jetzt  erst  verstand  die
Nation  voll  und  ganz,  was  ihr  Schiller  so  eindringlich  von  der  Pflicht  fürs
Vaterland  gepredigt.  ja  selbst  der  Fürst  des  deutschen  Geistes,  der  alterude  Goethe,
wirkte,  wie  unbeabsichtigt  auch  immer,  auf  die  nationale  Erhebung  erfolgreich  ein.
Und  wie  oft  seine  Zurückhaltung  seit  den  Tagen  der  Königin  Luise  beklagt  ist,
die  Begeisterung  für  Goethe  wie  für  Schiller  mußte  ein  Band  werden,  welches
das  Bewußtsein  der  deutschen  Einheit  enger  schlang.

Indessen  wie  einst  der  kategorische  Imperativ  von  Kant  nur  in  Preußen,
in  dem  Staate,  der  seine  Verkörperung  darstellte,  gesunden  werden  konnte,  so
bezeichnet  es  das  Wiedererwachen  des  preußischen,  auf  das  Wirkliche  gerichteten
Staatsgeistes,  daß  eine  römische  Geschichte,  eine  Darstellung  von  den  staatsschaffenden
  und  staatserhaltenden  Mächten,  wie  sie  jetzt  Niebuhr  herausgab,  in

Verner,  Gesch,  des  Pr.  Staates.
        <pb n="638" />
        498

 

Johann  Gottlieb  Fichte.
Nach  dem  1808  entstandenen  Gemälde  von  Heinrich  Dähling
(1773—1850)  I.  J.  s  Joh.  Friedr.  Jügel.
§-ner

und  alles,  Hab  und  Gut,  Leib  und  Leben
Wohl  kam  es  dahin,  daß  sich  wahrlich
  nicht  die  Schlechtesten  des  Volkes
in  geheimen  Bünden,  deren  bekanntester
der  Tugendbund  war,  zusammenthaten,
  und  wohl  konnte  man  an
ihnen  den  Pulsschlag  der  Nation
fühlen,  wohl  knüpften  nicht  wenig
Offiziere  heimlich  Verbindungen  an,
sammelten  Waffen  und  suchten  alle
Mittel  und  Kräfte  für  die  Stunde
der  Befreiung  bereit  zu  machen,  aber
nichts  bezeichnet  mehr  die  monarchische
n:  Oirrdee  F.  »  s-  Volkes

 

als  daß  kaum  jemand  daran  dachte,  loszuschlagen,
  bevor  der  Ruf  des  Königs
zu  den  Waffen  rief.  Lebendig  empfand
man  damals  wie  heute  den  heroischen
und  vaterländischen  Geist,  ja  vor  der
aufflammenden  Begier  nach  Kampf
und  Freiheit  verschwand  die  Uebertretung
  der  militärischen  Disziplin,

welche  in  dem  eigenmächtigen  Zuge

 

em  von
von  Ungelo  Genki#n  (thöllg  in  der  .  Hälste  des  10.

Schleiermacher.  —  Fichte.

dem  Staate  geschrieben  wurde,  in
dessen  Wiege  nichts  von  ästhetischer
Schönheit,  aber  jede  Bedingung  zur
vollsten  und  reinsten  Ausgestaltung
der  ernsten  Wirklichkeit  gelegen  hatte.
Nur  hier  und  hier  allein  konnte
Arndt  mit  seinen  Schriften  und  Dichtungen,
  konnte  Schleiermacher
mit  seinen  Predigten,  konnte  Fichte
mit  seinen  Reden  an  die  deutsche
Nation,  mit  dem  Aufruf  zur  Pflichterfüllung,
  zur  unbedingtesten  Hingabe
an  das  Ganze  so  mächtig,  so  zündend
auf  die  Gewissen  wirken.  Mochten
draußen  auf  der  Straße  französische
Kommandos  den  Soldaten  zugerufen
werden,  in  der  Dreifaltigkeitskirche.
und  in  den  Sälen  der  Akademie
unter  den  Linden  zu  Berlin
tönten  mit  gewaltigem  Ernste  deutsche.
Worte,  und  eine  von  heiliger  Begeisterung
  ergriffene  Menge  deutscher
Männer  faßte  in  ihrem  Gewissen
den  Entschluß:  Los  vom  Feinde,
für  den  König  und  das  Vaterland!

riedrich  Daniel  Ei  Schleiermacher.

Gemalde  v  EEI—

henn  det  ahrh.).
        <pb n="639" />
        Schill.  —  Preußische  Dichter.  499

des  Majors  Ferdinand  von  Schill  zu  Tage  trat,  völlig.  Mit  warmer
Teilnahme,  vielmehr  mit  drohendem  Zürnen  begleitete  man  das  tragische  Ende
des  tapferen  Majors  und  seiner  Helden.  Wohl  war  es  die  allgemeine  Empfindung,
welche  der  Dichter  aussprach,  daß  kein  Kaiser,  kein  König,  sondern  die  Freiheit,
das  Vaterland  ihn  ausgesendet  habe.  Aber  weder  Schill  noch  die  wenigen
anderen  Offiziere,  die  ähnliches  versuchten,  vermochten  die  Kampfeslust  des  Volkes
auf  ihre  Abwege  zu  leiten.

Dagegen  wies  dies  Preußenvolk,  das,  wie  man  nicht  ohne  hämischen  Seitenblick
  bemerkt  hatte,  nur  Krieger  un
Staatsmänner,  streng  logisch  geschulte
Denker  und  Kritiker  erzeugen  konnte,
an  dem  gestirnten  Himmel  der  Poesie
jetzt  hellstrahlende  Sterne  auf.  Die
schwere  Natur  des  Volkes  brauchte
solch  gründlichen  Eingriff  in  sein
Leben,  um  seiner  poetischen  Begabung
sich  bewußt  zu  werden.  Heinrich
von  Kleist,  Achim  von  Arnim,
Schenkendorf  und  de  la  Motte  Fouqus
waren  Preußen,  und  ihre  flammenden
Worte  zündeten  dem  Blitze  gleich.
Und  welch'  Segen  bringender,  welch'
erhebender  Gedanke  war  es,  mitten
noch  in  der  Knechtschaft  dem  Geiste
und  der  Wissenschaft  eine  Freistatt
zu  eröffnen  und  zu  zeigen,  daß,
„was  man  an  physischen  Kräften
verloren,  an  geistigen  doch  noch  besitze!““
  Solches  erklärte  der  König

 

gleich  nach  dem  Tilsiter  Friedens-  Ferdinand  von  Schill.
schluß,  und  Wilhelm  von  Humboldt  Lezeichnet  und  gestochen  von  Ludwig  Zuchorn  ¶770  -  1856),
war  es  zu  danken,  wenn  diese  Ab-  auf  etwa  ,  verkleinert.

sicht  so  bald  verwirklicht  wurde.

1810  wurde  die  neue  Hochschule  in  Berlin  eröffnet,  und  wurden  Männer  zu
Lehrern  berufen,  die  wie  Schleiermacher,  wie  Savigny  und  Eichhorn,  wie  Niebuhr
und  Boeckh,  wie  Hufeland  und  Thaer  noch  heut  gefeierte  Größen  sind,  und  #die
in  der  Erkenntnis  des  wahren  Wertes  der  Wissenschaft  die  Beziehung  zum  Leben
und  Staat  betonten  und  auf  diese  befruchtend  einwirkten.

Denn  in  der  harmonischen  Vereinigung  von  geistiger  Bildung  und  staatlicher
Zucht,  von  kriegerischer  Gesinnung  und  sittlichem  Pfüchtgefühl,  von  unbedingter
Erfüllung  der  staatlichen  Aufgaben  des  Einzelnen  und  hingebender  Liebe  zum

Valctlande,  in  der  gleichmäßigen  –+  2  Ausbildung  der  Kräfte  des  Verstandes
  und  aller  Gaben  des  Gemüts  und  Herzens  erkannte  man  richtig  die
Grundlage  jedes  Erfolges.  Auf  dem  realen  Boden  der  bestehenden  Verhällnisse
mußte  die  vorschwebende  Idee  mit  allen  gegebenen  Mitteln,  vor  allen  den  in  der
Idee  selbst  liegenden  Mächten  durchgeführt  werden.  Der  ideale  Glaube  an  das  Vaterland
  mußte  ersetzen,  mußte  vervollkommnen,  was  an  physischer  Kraft  fehlte.  Die

a2·
        <pb n="640" />
        500  Staatliche  und  religiöse  Gesinnung.

sichere  Zuversicht,  daß  das  Vaterland  nicht  untergehen  könne,  mußte  alle  beerrschen,
  und  sie  wieder,  wenn  sie  eine  unumstößlich  sicher  die  Herzen  beherrschende
sein  sollte,  konnte  allein  nur  in  dem  Glauben  an  die  ewig  waltende  Gottheit  begründet
  sein.  Und  in  der  That,  wie  verschieden  auch  immer  die  religiöse  Ueberzeugung
der  Führer  gerichtet  sein  mochte,  jede  Reform  im  Staat  und  im  Volke  war  getragen
von  einer  frommen  religiösen  Gesinnung.  Vom  Throne  bis  zur  niedersten  Hütte,
überall  herrschte  wieder  der  wahre,  innerlich  empfundene  Glaube  an  den  alten  Gott,
denn  untrennbar  war  der  Glaube  an  Gott  von  dem  an  das  Vaterland.  Und  wo
anders  sollte  man  dem  „Allmächtigen  des  Verstandes“  gegenüber  die  Rettung
überhaupt  noch  suchen,  als  in  dem,  der  allmächtig  alle  Herzen  und  Gemüter  umfaßt.
  Wieder  ward  der  Gottesglaube  der  innerste  Lebensquell,  und  wieder  ward
es,  nach  Steins  Worten,  die  Aufgabe  des  Staates,  darüber  zu  wachen,  daß  er
nie  versiege,  und  daß  die  Heiligkeit  des  Gottesdienstes  wie  die  Reinigkeit  und
Unsträflichkeit  des  geistlichen  Standes,  der  durch  Vorbild  und  Lehre  Vorgänger
und  Erzieher  der  Erwachsenen  sein  solle,  aufrecht  erhalten  werde.

So  bildete  sich  Staat  und  Gesellschaft  in  Preußen  vollständig  neu,  und  wie
der  alte  Blücher  wollte  keiner  mehr  Fesseln  tragen.  Doch  noch  beschwichtigte  der
König  die  ausgeregte  Stimmung  immer  wieder,  und  in  heißer  Ungeduld  fragte
man  sich  unaufhörlich,  wann  denn,  ja  ob  denn  überhaupt  jemals  die  Beziehungen
zu  den  auswärtigen  Mächten  den  rechten  Zeitpunkt  zur  Abwerfung  des  unerträglichen
  Joches  würden  erscheinen  lassen.

 

 

Luisenwahl  bei  Königsberg  in  Preußen.
In  den  Jahren  1808  und  1809  Sommerausenthalt  der  Königlichen  Familie.
Im  Muttelbau  zu  ebener  Erde  besand  4  das  Eßzlmmer,  und  2  Qetranten  Dachgeschoß

bewohnte  #  Könlgepoar  zwei  Manfardenz!
Nach  einem  Ilchtbilde.
        <pb n="641" />
        Empfang  der  Königlichen  danin  ret  .  bei  ihrer  Rückkehr  nach  Berlin,

Nach  der  Zeichnung  von  Heinrich  Dähling  2  im  Jahre  5  geslochen  von  Daniel  Berger  (1744—1824).
Auf  3¾°1  verkleinert.

Die  Befreiungskriege.

Mit  dem  Frieden  von  Tilsit  hatte  Napoleon
die  militärisch  stärkste  Landmacht  Europas
vollständig  zerschlagen,  nun  gingen  all  seine  Gedanken
  dahin,  die  nicht  minder  gehaßte  Seemacht
Englands  zu  vernichten.  Unfähig,  auf  der
See  ihr  beizukommen,  meinte  er,  sie  in
Spanien  zu  treffen.  Da  aber  hier  die
Eiserner  Trauring  vom  Jahre  1813.  französischen  Waffen  nicht  das  gewohnte

In  Grsbe  deß  Kss  6.  —  Proolnzlalmuseum  Glück  hatten,  so  war  Napoleon  genötigt,
die  große  Armee,  welche  noch  auf  Preußens

Gefilden  lag,  nach  Spanien  zu  führen.  Und  da  dadurch  sowohl  Rußland  wie  Oesterriich
  freie  Hand  bekommen  hätten,  und  eine  preußische,  ja  allgemeine  deutsche  Erhebung
  hervorgerufen  werden  konnte,  so  mußte  er  zunächst  den  Zaren  völlig  gewinnen.
Dies  aber  konnte  er,  indem  er  ihm  nicht  nur  seine  finnischen,  sondern  namentlich  seine
orientalischen,  auf  den  Erwerb  der  Moldau  und  Walachei  gerichteten  Absichten  auszuführen
  erlaubte.  Und  indem  nun  Alexander  durch  dieses  scheinbare  Eingehen  auf
russische  Interessen  sich  täuschen  ließ  und  die  Beziehungen  mit  Frankreich  enger  und
        <pb n="642" />
        502  Krieg  gegen  Oesterreich.

herzlicher  knüpfte,  geschah  es  nicht  nur,  daß  Oesterreich  seine  kriegerischen  Absichten
und  Rüstungen  vertagen,  sondern  daß  Preußen  in  jenem  unseligen  Pariser  Vertrage
vom  8.  September  1808  dem  Kaiser  Hilfeleistung  in  einem  Krieg  gegen  Oesterreich
zusagen  und  mit  der  Zulassung  der  Besetzung  der  Oderfestungen  durch  französische
Truppen  sein  „Todesurteil“  hinnehmen  mußte.  Mühsam  genug  hatte  Prinz  Wilhelm,
der  mit  großer  Selbstverleugnung  den  Bertrag  verhandelt,  die  geforderte  Aufnahme
der  Entlassung  Steins  in  den  Vertrag  selbst  abgewehrt.  Im  September  und
Oktober  1808  folgte  dann  zu  Erfurt  an  jenem  großen  Huldigungstage  der  zu
Knechten  Napoleons  hekabgenburdigten  deutschen  Fürsten  die  berühmte  Zusammenkunft
  des  Zaren  mit  dem  Kaiser  der  Franzosen.  Noch  konnte  Alexander  Europa
retten,  konnte  wenigstens  für  Preußen,  wie  er  auf  der  Hinreise  sogar  persönlich
dem  Könige  versprochen,  mildere  Bedingungen  für  die  Kontributionszahlungen  und
für  die  Räumung  des  Landes  verlangen,  denn  Napoleon  bedurfte  seines  guten
Willens.  Aber  wiederum  ließ  Alexander  den  Freund  im  Stich,  erklärte  mit  kalter
Verachtung  der  im  Friedensschluß  übernommenen  Verpflichtungen  dem  „Herrn
Bruder“,  an  der  Ausführung  des  zu  Preußens  Gunsten  in  Tilsit  „Verabredeten
gar  kein  Interesse  zu  haben“,  und  hinter  den  orientalischen  Vergrößerungsplänen
Rußlands  stand  die  Freiheit  der  Staaten  Europas  zurück.

Napoleon  konnte  ungehindert  durch  die  Befürchtung  einer  deutschen  Erhebung
aufs  neue  gegen  Spanien  ziehen  und  konnte,  da  er  wiederum  hier  seine  Wünsche
nicht  voll  erfüllt  sah,  den  folgenschweren  Entschluß  fassen,  das  österreichische  Kaiserreich
  für  seine  Rüstungen  zu  züchtigen.  Denn  Rußlands  war  er  in  der  That
sicher.  Wie  süß  auch  die  Worte  der  Freundschaft  von  Alexanders  Lippen  flossen,
als  das  preußische  Königspaar  seiner  Einladung  nach  Petersburg  zu

uos  Neujahr  1809  folgte,  so  hielt  der  Zar  an  dem  Bündnis  mit  Frankreich  doch  fest,
obwohl  er  durch  wenigstens  zeitweiliges  Nachgeben  in  dem  orientalischen  Vergrößerungsplane
  den  Kampf  verhindern  konnte.  Er  war  vielmehr  gesonnen,  Seite
an  Seite  mit  dem  Kaiser  gegen  Ocsterreich  zu  kämpfen.  Wie  hätte  Preußen  —
Franzosen  im  Lande,  Franzosen  in  der  westlichen,  Rußland  und  die  sächsischpolnischen
  Franzosenfreunde  in  der  östlichen  Flanke  —  geknebelt  und  argwöhnisch
beobachtet  von  Napolcon,  es  wagen  dürfen,  dem  österreichischen  Staate  zu  Hilfe
zu  kommen!  Von  England  war  trotz  aller  Bemühungen  eine  Unterstütung  nicht  zu
gewärtigen,  und  die  Wiener  Hofburg  lehnte  sogar  jeden  Abschluß  eines  Vertrages  ab.
Dennoch  hofften  nicht  nur  die  Männer  der  Kriegspartei,  daß  nun  die  Erhebung
erfolgen  werde,  sondern  der  König  selbst  glaubte  zeitweise,  wiewohl  er  im  Grunde
seines  Herzens  an  jedem  Erfolg  über  Napoleon  fast  verzweifeln  wollte,  daß  er
mit  dem  Zaren  den  Oesterreichern  zu  Hilfe  kommen  könne.  Aber  nicht  nur  mit
Worten,  sondern  mit  der  That,  mit  dem  Vormarsch  gegen  den  Erzherzog  Ferdinand
bewies  Alexander  seine  napoleonische  Politik,  und  recht  geflissentlich  übte  Oesterreich
  Verrat.  Um  Preußen  bloßzustellen,  sandte  Kaiser  Franz,  während  das  tiefste
Geheimnis  unbedingte  Voraussetzung  war,  offenkundig  den  Obersten  Steigentesch
nach  Königsberg,  ja  mehr,  der  Oberst  mußte  die  vertraulichen  Mitteilungen  des
Königs  und  der  Königin  dem  Gesandten  Jerömes  verraten.  Schon  stellte  das
preußische  Ministerium  die  Zahlungen  an  Frankreich  ein,  und  die  zusammengezogenen
  Lager  suchte  man  mit  dem  Vorgeben  zu  verschleiern,  daß  es  die  nach
dem  Pariser  Vertrage  schuldigen  Hilfstruppen  für  Napoleon  seien,  die  man  hier
zusammengezogen.  Ja  trotzdem  der  französische  Sieg  bei  Wagram  und  der  Waffen-
        <pb n="643" />
        EXXIL
(si  AL21)  aꝛbumog  iujatjias  laa#s#  noa  uotpoiled  r  i  Eest  daei)  hoe  biaiqng  aim  uaa  Bbunuipu  aꝛq  s6

 

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([9  —

——
        <pb n="644" />
        504  Krieg  von  1809.

 

Empfang  des  Königs  Friedrich  B#en,  III.  hch  Aiie  Alexander  I.  vor  St.  Petersburg,
am  7.

Nach  der  Zeichnung  von  Ulrich  Ludwig  Wolf  urt  von  Gottfried  Arnold  Lehmann  (geb.  1770).
eri

stillstand  von  Znaim  Friedrich  Wilhelms  geringe  Hoffnungen  völlig  niederschlugen,
zeigte  der  König  noch  einmal  sich  willig,  schickte  Knesebeck  zu  weiteren  Verabredungen
  an  Ehn  Franz,  mahnte  den  Zaren  aufs  dringendste.

Was  Wunder,  daß  nun,  als  Oesterreich  troh  seines  herrlichen  Sieges  beie
Aspern  durch  die  Vermittlung  des  Fürsten  Metternich,  der  jetzt  an  Stadions
Stelle  getreten,  mit  Frankreich  den  Frieden  von  Wien  (14.  Oktober  1809)  geschlossen,
  die  volle  Schale  des  giftigen  Zornes  Napolcons  über  Preußen  ausgegossen
  wurde!  Ihn  zu  besänftigen,  kehrte  auf  sein  Verlangen  die  königliche
Familie  am  Schluß  des  Jahres  nach  Berlin  zurück.  Mit  hellem  Jubel
und  lauterster  Freude  ward  sie  vom  Volke  empfangen,  die  ganze  Allgewalt  der
Liebe  des  Volkes  brach  in  erschütternder  Kraft  sich  Bahn  bei  diesem  wehmütigen
Einzuge.  Aber  hier  unter  den  Bajonetten  der  Franzosen  war  dem  König  die
Freiheit  des  Entschlusses  völlig  beschnitten.  Die  allerhärtesten  Worte  mußte  der
zur  Beglückwünschung  des  Friedens  nach  Paris  gesandte  Oberst  von  Krusemarck
hören,  mit  dürren  Worten  sagte  ihm  Napoleon,  daß  Preußen  den  Krieg  geplant,
den  Vertrag  gebrochen  und  dafür  büßen  müsse.  Neue  Geldforderungen  waren
noch  die  geringste  Strafe,  und  bald  zeigte  es  sich,  daß  der  Uebermütige  die  völlige
Entwaffnung  Preußens  —  la  partie  militaire  est  hors  de  saison  en  Prusse  —
und  die  Abtretung  Schlesiens  verlangte.  In  der  That  war  die  Lage  des  Staates
eine  so  über  alle  Maßen  bedenkliche,  war  die  Zahlungsunfähigkeit  eine  so  feststehende,
  daß  die  Minister  es  nicht  wagten,  dem  Könige  die  runde  Ablehnung
        <pb n="645" />
        Hardenbergs  Berufung.  —  Tod  der  Königin  Luise.  505

 

König  r  Wilhelm  III.,  der  Kronprinz  und  Prinz  Wilhelm  am  .  der
Luise,  zu  Hohenziertt  in  Mecklenburg-Strelitz,  am  19.  Juli  1
Nach  *t  sen  von  Heinrich  Hsst  Lellachen  von  Daniel  Berger

solch  schimpflicher  —  *(P  anzuempfehlen.  Doch  keineswegs  fügte  sich  dem
der  König.  Jetzt,  im  Juni  1810  berief  er  vielmehr  Hardenberg  an  die  Spitze  1310
des  Staates  mit  —  Vollmacht,  und  Napoleon  hatte  in  der  Erwartung,
daß  Hardenberg  Geld  schaffen  werde,  die  Gnade,  den  einst  mit  seinem  Hasse  beehrten
  Minister  dem  Könige  zu  gönnen.  Seine  Berufung  war  fast  die  letzte
Freude  der  Königin.  Wenige  Wochen  darauf  trat  die  Herrliche  eine  Reise  zu  ihrem
Vater  an,  von  der  sie  i  trc  sollte.  Am  19.  Juli  1810  brach  ihr
das  verwundete  Herz,  und  weinend,  aber  mit  dem  ernsten  Gelübde,  daß
wenigstens  die  Asche  der  Verlatien  m  freier  Erde  ruhen  solle,  umstand  das  ganze
Volk  die  Bahre.

Hardenberg  hatte  die  lebhafte  Absicht,  die  nötigsten  Mittel  für  die  französischen
  Zahlungen  zu  2  Doch  hatte  er  bei  der  Erschöpfung  des  Staates
nicht  den  gewünschten  Erfolg.  Vor  allen  Dingen  aber  entschloß  er  sich,  überhaupt
  allen  Forderungen,  Miche  die  Franzosen  mit  wie  geringem  Recht  auch
immer  aus  den  Verträgen  ableiteten,  voll  zu  genügen.  Furchtbarer  und  furchtbarer
  lasteten  auf  dem  Staate  namentlich  die  abscheulichen  Bestimmungen  der
Kontinentalsperre,  welche  durch  die  Dekrete  des  Jahres  1810,  besonders  den  Tarif
von  Trianon,  ihre  Vollendung  erhielten  und  den  englischen  Handel  zu  Gunsten  des
        <pb n="646" />
        1811

506  Napoleons  Gewalthaten  im  Frieden.

französischen  vernichten  sollten.  Aber  ohne  zu  zucken,  folgte  Preußen  jetzt  den
herrischen  Geboten  von  der  Seine  her.  Diese  Nachgiebigkeit  gewährte  wenigstens
die  Möglichkeit,  dem  Meister  der  Lüge  und  des  Betruges  die  fortschreitende  innere
Entwickelung  Preußens  einigermaßen  zu  verbergen,  oder  sie  doch  fortzusetzen.
iti  dem  Frieden  von  Wien  war  nun  aber  das  wichtigste  W  Frankreichs
  auf  dem  Festlande,  das  zu  Rußland,  vollständig  verschoben.  Die  Freundschaft
  Frankreichs  mit  Oesterreich  war  jetzt  angebahnt,  ja  durch  die  Vermählung
des  Emporkömmlings  mit  der  Tochter  des  einstigen  deutschen  Kaisers  wurde  ihr
die  Krone  aufgesetzt.  Das  Einverständnis  mit  dem  garen  hatte  seitdem  für
Napoleon  sehr  au  Wert  verloren.  Mit  den  Abtretungen,  die  Oesterreich  am
adriatischen  Meere  und  in  Galizien  hatte  machen  müssen,  war  Napoleon  sogar
dermaßen  Rußland  auf  den  Leib  gerückt,  daß  der  französische  Angriff  auf  Rußland
  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit  schien.  Und  doch  noch  nicht  genug.  Unaufhaltsam
  schritt  der  Gewaltige  fort  und  häufte  mit  seinen  Unthaten  gleichsam  den
Ossa  auf  den  Pelion.  Mitten  im  Frieden  am  9.  Juli  1810  annektierte  er
Holland,  und  am  10.  Dezember  erklärte  er  gar  die  Mündungen  der  Ems,  Weser,
Elbe  und  Trave  mit  Bremen,  Hamburg  und  Lübeck  für  französisches  Staatsgebiet.
Es  war  eine  neue  ruchlose  Verhöhnung  des  deutschen  Vaterlandes,  es  war  eine
engere  Umschnürung  Preußens,  aber  es  war  zugleich  auch  eine  weitere  Vorschiebung
  Frankreichs  in  die  von  Rußland  beanspruchte  baleisce  Interessensphäre.
Es  war  weiter  ein  Vertragsbruch  und  eine  schroffe  Beleidigung  des  Zaren  persönlich.
Denn  in  diese  Annexion  war  auch  der  Herzog  von  Oldenburg,  Alexanders  Verwandter,
  dem  früher  ausdrücklich  Land  und  Leute  zugesichert  worden  waren,  eingeschlossen.
  Wie  eine  Ohrfeige,  vor  den  Augen  Europas  ihm  gegeben,  empfand
Alexander  diesen  Schlag,  und  seit  dem  Sommer  1810  rüsteten  er  und  Napoleon
gleichmäßig  zum  letzten  Ringen  um  die  Vorherrschaft  in  Europa.  Es  begreift
lich,  daß  nun  auch  Preußen  Waffen  anlegen  mußte,  so  gut  es  sie  hatte.  Denn
wie  auch  der  Kampf  enden  mochte,  sicherlich  wurde  Preußen  der  Kriegsschauplatz,
oder  doch  mindestens  die  Angriffsstraße.  Man  mußte  wählen  zwischen  Rußland
und  Frankreich,  an  Neutralität  durfte  man  am  wenigsten  denken.  Denn  das
neutrale  Preußen  hätte  der  Sieger  Napoleon  gewiß  in  seine  Lorbeeren  gewunden.
Schon  erfuhr  man  aus  zwar  gefälschten,  aber  die  Absicht  Napoleons  richtig  wiedergebenden
  Briefen,  daß  die  Vernichtung  unseres  Staates,  die  längst  schon  der
Moniteur  als  unausbleiblich  bezeichnet,  den  Kampf  gegen  Rußland  als  ein  gutes
Vorzeichen  eröffnen  solle.  Auch  Champagny,  der  ranzösische  Minister  des  Auswärtigen,
  stimmte  jetzt  für  den  Untergang  Preußens
So  schien  selbst  ein  den  Russen  günstiger  Ausgang  des  Krieges  für  Preußen
ohne  Bedeutung  bleiben  zu  müssen,  und  so  lange  Rußland  noch  mit  der  Türkei
Krieg  führte,  blieb  der  Sieg  Rußlands  überhaupt  undenkbar.  Die  Hoffnungen
Scharnhorsts  und  seiner  Freunde  auf  die  Kraft  der  vorbereiteten  Erhebung  des
preußischen  Volkes  teilten  weder  der  König,  noch  Hardenberg.  Beide  beklagten
vielmehr  den  Mangel  an  tüchtigen  Feldherren  wie  im  russischen,  so  auch  im
preußischen  Heere,  und  dem  oft  erprobten  Schlachtenglück  und  dem  Genie  eines
Napoleon  gegenüber  wollte  Friedrich  Wilhelm  wohl  überhaupt  nicht  mehr  an  die
Möglichkeit  des  Sieges  glauben.  Andererseits  hielten  beide  auch  zur  Ausheilung  der
Wunden  des  Krieges  und  der  Okkupationszeit,  zur  Ausgestaltung  der  inneren
Verhältnisse  und  zur  Befestigung  der  begonnenen  Reformen  noch  einige  Jahre
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        Frankreichs  Krieg  gegen  Rußland  in  Sicht.  507

der  Ruhe  für  dringend  erforderlich.  Daher  bildete  die  Erhaltung  des  Friedens  1½
das  ganze  angstvolle  Jahr  1811  hindurch  die  Aufgabe,  die  sowohl  in  Paris  wie
in  Petersburg,  dort  von  dem  General  von  Krusemarck,  hier  von  dem  Obersten
von  Schöler  gelöst  werden  sollte.  Dem  Frieden  sollte  auch  die  Sendung  des
Fürsten  von  Hatzfeld  im  April  zur  Beglückwünschung  Napoleons  bei  der  Geburt
seines  Sohnes  dienen,  zu  welcher  Hardenberg  allerdings  nur  mit  Mühe  den  König
bestimmte.  Aber  die  beschwichtigenden  Aeußerungen,  die  damals  von  Paris  kamen,
als  seien  es  nur  vorübergehende  Wolken,  welche  zwischen  Frankreich  und  Rußland
  schwebten,  konnten  auf  die  Dauer  um  so  weniger  beruhigen,  als  Napoleon
nicht  nur  die  nach  der  erfolgten  Bezahlung  des  fälligen  Teiles  der  Kontribution
vertragsmäßig  zu  vollziehende  Rückgabe  von  Glogau  nicht  gewährte,  sondern  auch
die  Abrüstung  forderte.  Im  April  hatte  der  König  dem  Zaren  mehrfach  die
Lage  geschildert,  in  welche  er  durch  den  Ausbruch  der  Feindseligkeiten  zwischen
Frankreich  und  Rußland  gerate,  ihm  geschildert,  mit  welcher  Vorsicht  er  handeln
müsse,  um  den  Staat  nicht  einer  ebenso  schnellen  als  unfehlbaren  Vernichtung
auszusetzen.  Unter  dem  Eindruck  neuer  Forderungen  und  Vergewaltigungen
Napoleons  schreibt  er  am  12.  April  dem  Zaren:  „In  absoluter  Ungewißheit  über
die  Absichten  Napoleons  gegen  Preußen  muß  ich  fürchten,  daß  er  sich  erst  im
Augenblick  des  Krieges  gegen  Rußland  erklären  und  inzwischen  alle  Maßregeln
nehmen  wird,  um  die  Streitkräfte  zu  paralysieren,  welche  mir  bleiben,  und  sich
Preußens  und  aller  seiner  Hilfsmittel  zu  bemächtigen.  Diese  Betrachtungen  erscheinen
  mir  ebenso  wichtig  für  Eure  Majestät.  Kann  ich  mit  Sicherheit  auf
Ihre  Unterstützung  zählen?  Werden  Ihre  Armeen  mir  zu  Hilfe  kommen,  wenn
ich  angegriffen  werde  oder  meine  Provinzen  durch  Napoleon  oder  seine  Verbündeten
auf  vertragswidrige  Weise  betreten  werden?  Ich  habe  das  dringendste  Bedürfnis,
Ihre  Entschließungen  zu  kennen,  Sire,  um  danach  die  meinigen  in  den  schwierigen
Fällen,  welche  eintreten  können,  zu  nehmen.“

Ohne  Zweifel  geht  die  Neigung  des  Königs  damals  dahin,  mit  Rußland  sich
zu  verständigen.  Nun  aber  war  Oesterreich  des  Türkenkrieges  und  Galiziens
wegen  mit  Rußland  bitter  verfeindet  und  unterstützte  es  im  Kampfe  gegen  Napoleon
gewiß  nicht.  Andererseits  fürchtete  Hardenberg  die  polnischen  Gelüste  Alexanders,
und  schließlich  stand  der  wirkliche  Ausbruch  des  Krieges  noch  keineswegs  fest.
Wohl  aber  war  klar,  daß  Preußen  durch  einen  Abschluß  mit  uufsend,  ohne  daß
der  Krieg  ausbrach,  in  schwerster  Weise  blosgestellt  werde.  Daher  begann  Hardenberg
  im  Mai  neue  Verhandlungen  sowohl  mit  St.  Marsau,  dem  französischen
Gesandten  in  Berlin,  wie  durch  Krusemarck  in  Paris.  Gleichzeitig  richtete  Friedrich
Wilhelm  wiederum  an  Alexander  die  dringendsten  Mahnungen.  Keinen  Augenblick
würde  er  schwanken,  so  schreibt  er,  an  Rußlands  Seite  zu  kämpfen,  wenn  der
Zar  sich  mit  Oesterreich  verbände,  die  Unabhängigkeit  Polens  zugestäude,  und  seine
Armee  in  der  Nähe  der  preußischen  Staaten  wäre,  so  daß  sie  ihn  unterstützen
könne.  Solange  aber  keine  dieser  Voraussetzungen  zutreffe,  wie  vermöge  er  den
Bestand  seines  Staates  zu  bewahren,  ohne  sich  mit  Frankreich  zu  verbinden?  Er
köme  daher  nur  dringend  wünschen,  daß  der  Krieg  vermieden  werde.

Mit  zornigem  Unwillen  aber  verfolgten  die  Generale,  verfolgten  Scharnhorst
und  Gueisenau  die  neuen  Verhandlungen  in  Paris.  Scharnhorst  besonders  war  mit
Feuer  und  Geist  für  den  Anschluß  an  Rußland  eingetreten  und  hatte  die  Bedenken
des  Königs  und  Hardenbergs  mit  der  Gewißheit  seines  Glaubens  an  den  endlichen
        <pb n="648" />
        2
S

508  Friedrich  Wilhelms  Schwanken.

Sieg  zu  bensessten.  gesucht.  „Wir  sollen  kämpfen“,  rief  er  zuversichtlich,  „und

Gott  wird  den  Sieg  ver  leihen!“  „Man  liest  den  Adam  Smith“  —  so  urteilte
Gneisenau  mit  Rücksicht  auf  Hardenbergs  Bestrebungen,  senn  wirtschaftlichen
Reformen  durchzuführen  —  „und  vergißt  darüber  die  Weltgeschichte.  Schafft
Eisen  an,  eiserne  Brust,  eisernen  Willen  und  Waffen!  Habt  Ihr  dies,  so  wird
es  auch  am  Gelde  nicht  fehlen.“  Da  führte  Napoleon  selbst  sowohl  den  König
wie  den  Kanzler  zur  Entscheidung  für  die  russische  Sache.  Der  Hohn,  mit  dem
er  stillschweigend  Hardenbergs  Bedingungen  eines  Bündnisses  ablehnte,  Glogan
zurückbehielt  und  seine  eignen  Rüstungen  energisch  fortsetzte,  bestimmte  den  König
am  16.  Juli  zu  einem  neuen  Schreiben  und  gleichzeitig  zur  Absendung  Scharnhorsts
  an  den  Zaren,  um  die  militärischen  Vorbereitungen  für  den  Feldzug  zu
treffen.  Offen  erklärte  der  König  in  seinem  Schreiben,  den  Schein  des  Einverständnisses
  mit  Frankreich  müsse  er  trotz  allen  Widerwillens  bewahren,  aber  im

Falle  der  Krieg  wirklich  ausbreche,  werde  er  keine  andere  Partei  als  die  russische

ergreifen.  Jedoch  auch  jetzt  noch  gab  er  diese  Erklärung  nur  ab,  indem  er  darauf
abestand“,  die  wirksame  Hilfe  Rußlands  als  Notwendigkeit  zu  bezeichnen,  indem
er  „vertraute“,  daß  Alexander  den  besten  Entschluß  fassen  und  —  der  Friede  mit
der  Türkei  war  inzwischen  geschlossen  —  Oesterreich  gewinnen  werde,  indem-##e#
ferner  darauf  „zählte",  daß  Alexander  keinen  Frieden  schließen  werde,  ber  uicht
das  Dasein  und  das  Interesse  von  Preußen  sichere,  indem  er  endlich  an  die  früher
gegebene  Zusage  des  Kaisers  erinnerte,  im  Falle  des  Sieges  Preußen  mindestens
in  die  Besitzungen  wieder  einzuseen,  welche  ihm  der  letzte  Krieg  geraubt  habe.

etzt  wurde  Gneisenau  wieder  berufen  und  mit  brennendem,  heißem  Eifer
nahm  er  die  unterbrochenen  Kriegsrüstungen  wieder  auf,  die  Scharnhorst  so  herrlich
entwickelt.  Schon  im  Februar  hatte  Scharnhorst  die  Einziehung  und  viermonatliche
  Einübung  von  weiteren  11000  Krümpern  durchgesetzt  und  den  König  für
diese  Maßregel  völlig  gewonnen.  Unter  dem  Vorwande  der  iainesetsehr
englischen  Landung,  ja  auf  das  ausdrückliche  Gebot  des  dadurch  beunruhigten
Napoleon  war  im  April  der  Befehl  an  sämtliche  Truppenteile  ergangen,  ihre
Beurlaubten  einzuberufen.  Immer  neue  Krümper  waren  ausgebildet,  unter  dem
Schein  der  Heranziehung  von  Arbeitskräften  sogenannte  Arbeiter-Brigaden  gebildet,
und  bei  Schwedt  war  eine  Schiffbrücke  über  die  Oder  geschlagen.  Die  Festungen
Graudenz  und  Spandau,  vornehmlich  Pillau  und  Kolberg,  „die  Lebenspunkte  der
preußischen  Macht“,  wurden  mit  stärkeren  Besatzungen  belegt,  mit  Lebensmitteln
und  Pulver  reichlich  versorgt.  Schon  verfügte  man  über  124  000  Mann  eingeübter
  Truppen,  von  denen  74  537  unter  den  Waffen  standen.  Nun  kam  Gneisenau
wieder  auf  den  von  Scharnhorst  so  oft  verfochtenen  „Plan  zur  Vorbereitung  eines
Volksaufstandes“  zurück,  durch  den  die  Verteidigung  erst  volle  Wirksamkeit  erlangen
  werde.  Damals  fand  dieser  vorher  und  nachher  so  mißtrauisch  betrachtete
Gedanke  den  Beifall  des  Königs,  und  Sendboten  zogen  mit  seiner  Erlaubnis  aus,
die  Gemüter  auf  den  Ausbruch  der  allgemeinen  Erhebung  gegen  den  Uebermächtigen
vorzubereiten.

Doch  diese  Tage  der  Freude  auf  die  endliche  Erhebung  gegen  den  Gewaltherrscher
  rauschten  nur  zu  schnell  dahin.  Napoleon  hielt  dem  russischen  Gesondten
in  Paris  eine  entsetzliche  Rede,  die,  indem  sie  den  Frieden  forderte,  den  Krieg  in
brutalster  Form  ankündigte.  Aber  auch  den  Schein  von  Hoffnung,  der  darin  für
die  Erhaltung  des  Friedens  lag,  griff  der  König  auf.  Mochten,  so  meinte  er,
        <pb n="649" />
        Friedrich  Wilhelms  Schwanken  509

die  exaltierten  Köpfe  nur  Heil  im  Kriege  sehen,  er  glaube  in  der  gegenwärtigen
Lage  der  Dinge  könne  ein  solcher  nur  unter  schlechten  Auspizien  geführt  werden.
Hardenberg  aber  neigte  wieder  ganz  dem  Bündnis  mit  Frankreich  zu.  Er  überredete
  den  König,  als  Napoleon  in  bestimmter  Form  die  Abrüstung  verlangte,  in
einem  Brief  vom  12.  September  sich  zu  fügen  und  erreichte  damit  doch  nur,  nns„
man  sie  nur  teilweise  vornahm,  daß  Napoleon  binnen  dreien  Tage  über  die  Gren  ·
zu  rücken  erklärte,  falls  nicht  die  volle  Abrüstung  erfolge.  Ja,  soweit  mußte  zni
sich  demütigen,  die  Reise  eines  französischen  Bevollmächtigten  in  dem  eignen  Lande
zur  Kontrolle  darüber  zu  gestatten,  ob  die  Abrüstungen  wirklich  voll  geschehen  seien.
Und  zu  all  den  Demütigungen  die  Ungewißheit,  wessen  man  sich  von  Rußland  zu
versehen  hatte!  Noch  immer  hatte  es  dem  Zaren  nicht  gefallen,  jenen  Brief  des
Königs  vom  16.  Juli  zu  beantworten,  und  den  zum  Abschluß  der  militärischen  Verabredung
  endlich  am  24.  September  in  Petersburg  eingetroffenen  preußischen  Bevollmächtigten,
  den  General  Scharhhorst,  ließ  er  zehn  Tage  warten,  bis  er  ihm  auch
nur  Audienz  erteilte.  Ja,  als  endlich  im  Laufe  des  Oktober  Nachrichten  aus
Petersburg  einliefen,  da  gaben  sie  noch  immer  der  Friedenshoffnung  Alexanders
Ausdruck  und  baten  den  König,  nicht  Partei  zu  nehmen,  nichts  zu  übereilen  und
mit  beiden  Kaisern  Freundschaft  zu  halten.  Was  war  da  zu  erwarten?  Was  war
zu  hoffen?  Und  in  schroffster  Form  lehnte  eben  damals  Napoleon  die  preußischen
Bedingungen  ab.  Wieder  machte  Hardenberg  eine  Schwankung  und  bat  in  einer
herrlichen  Denkschrift  vom  2.  November  den  König,  Berlin  zu  verlassen,  mit  Ruß=  2.  ##o#b“
land  obzuschli-ßen,  und  mit  Oesterreich  wie  mit  England  zu  verhandeln.  Da  kam
an  eben  jenem  Tage  Scharnhorst  aus  Petersburg  zurück  und  brachte  die  mit
Rußland  am  17.  Oktober  geschlossene  Militär-Konvention.  Sie  war  in  der  That
nicht  allzu  ungünstig,  aber  sie  machte  den  Vormarsch  der  russischen  Armee  doch
von  dem  erfolgten  französischen  Angriff  auf  Preußen  oder  von  starken  französischen
Truppensammlungen  an  der  Weichsel  (nicht  an  der  Elbel)  abhängig.  So  gelungen
  auch  dem  preußischen  Gesandten  von  Schöler  in  Petersburg  die  Arbeit  des
Generals  erschien,  Scharnhorst  selbst  war  unruhig,  wie  sie  der  König  und  Hardenberg
  aufnehmen  würden,  und  deutete  gleich  anfänglich  darauf  hin,  daß  nicht  mehr
zu  erreichen  gewesen  sei.  Auch  Metternich  bezeichnete  sie  Scharnhorst  gegenüber
später  als  schlecht  und  ungenügend  in  einem  Augenblick,  da  Liesem  alles  daran
liegen  mußte,  sie  als  glänzend  darzustellen,  ohne  daß  der  General,  soviel  wir
wissen,  Widerspruch  dagegen  erhob.  Doch  wie  sie  auch  militärisch  zu  beurteilen
sein  mag,  der  König  hatte  den  Eindruck,  daß  ein  hoher  Grad  von  Thätigkeit,  wie
ihn  der  Kampf  gegen  einen  Napoleon  voraussetze,  von  der  russischen  Armee  jetzt
kaum  zu  erwarten  sei;  sie  werde  sich  offenbar  möglichst  bald  damit  begnügen,  auf  die
Defensive,  auf  ihren  ersten  Kriegsplan  zurückzukommen,  den  man  nur  mit  Widerstreben
  und  allein  darum  verlassen  habe,  um  sich  Preußens  zu  versichern.

Der  König  verzweifelt  also  sowohl  an  der  Aufrichtigkeit  der  Freundschaft,
wie  an  der  Thatkraft  Alexanders.  Ebenso  war  Friedrich  Wilhelm  vollkommen
davon  überzeugt,  daß  Oesterreich  nicht  das  Mindeste  für  Rußland  oder  Preußen
thun  werde.  So  ließ  er  die  Verhandlungen  mit  Frankreich  trotz  der  Ablehnung
der  preußischen  Vorschläge  wieder  aufnehmen.  Gleichzeitig  aber  wollte  er  doch
noch  einen  letzten  Versuch  machen  und  durch  offene  Mitteilung  seiner  Verhandlungen
mit  Rußland  den  Wiener  Hof  zum  Kampf  gegen  Napoleon  aufrufen.  Er  gab
sogar  seine  Zustimmung  dazu,  daß  Scharnhorst  diese  Sendung  übernehme,  obgleich
        <pb n="650" />
        510  Bündnis  mit  Frankreich.

er  sehr  richtig  voraussah,  daß  der  General  „in  seiner  allzu  markierten  Stellung“
in  der  Hofburg  besonderes  Mißfallen  erregen  werde.  Scharnhorst  aber  übernahm
sie  nur,  um  nichts  zu  versäumen,  denn  an  dem  Entschluß  Friedrich  Wilhelms  zweifelte
er  schon  nicht  mehr.  Und  wie  der  König  vorausgesehen,  geschah  es.  Oesterreich  dachte
so  wenig  daran,  von  seinem  eingeleiteten  Bündnis  mit  Frankreich  zurückzutreten,
daß  es  der  ganzen  Lügenkunst  Metternichs  bedurfte,  um  das  Gegenteil,  um  seinen
Plan,  die  Verlegenheit  Preußens  zur  Erwerbung  Schlesiens  zu  benutzen,  zu  verbergen.
  Selbst  Scharnhorst  war,  wie  gesagt,  überzeugt  davon,  daß  alle  Hoffnungen,
die  er  einige  Zeit  gehegt,  verloren  seien.  Die  Sendung  nach  Wien  scheiterte  denn
auch  vollständig,  die  nach  Petersburg  hatte  nicht  den  Erfolg,  den  Friedrich  Wilhelm
für  unerläßlich  ansah;  es  blieb  für  Preußen  kein  anderer  Ausweg  übrig,  als  die
französische  Partei  zu  ergreifen.  Nicht  mehr  war  es  die  Frage,  wie  Napoleon
besiegt  werden  könne,  sondern  für  den  König  wenigstens  stand  es  fest,  daß  unter
diesen  Umständen  an  einen  Sieg  über  Napoleon  überhaupt  nicht  mehr  gedacht
werden  könne.

112  Doch  während  die  Verhandlungen  mit  Napoleon  die  Gewißheit  ergaben,  daß
von  ihm  nur  das  Vae  victis  des  Brennus  zu  erwarten,  wurde  durch  die  Sendung
des  Generaladjutanten  von  dem  Knesebeck  nach  Petersburg  noch  ein  Versuch  gemacht,
  den  Frieden  zu  erhalten.  Auch  er  blieb  vergeblich.  Längst  wußte  man,
wie  weit  die  Nüstungen,  Napoleons  gediehen  scirn.  jeden  Tag  konnte  der  Einmarsch
erfolgen.  Wirklich  rückten  am  26.  Februar  die  Franzosen  in  Pommern,  wenige
Tage  darauf  ins  Magdeburgische  ein,  waren  auf  dem  Wege  nach  Brandenburg.
Es  war  die  offene  Kriegserklärung.  Jetzt  traten  alle  Sorgen  für  einen  Augenblick
  zurück.  Eilfertig  traf  man  Gegenmaßregeln,  ja  man  erklärte  dem  franz  sischen
Gesandten,  der  Krieg  sei  eröffnet.  Die  letzten  Befehle  zum  Vormarsch  gegen
Franzosen  sollten  gegeben  werden,  am  2.  März  um  6  Uhr  nachmittags  sollten  bie
Truppen  aufbrechen,  Scharnhorst,  Gneisenau  und  Boyen,  die,  um  Napoleons
Argwohn  zu  zerstreuen,  soeben  den  Abschied  von  ihren  wichtigsten  Aemtern  erbeten
hatten,  sollten  die  weiteren  Vorbereitungen  treffen.  a  traf  der  Kurier  aus
Paris  mit  dem  am  24.  Februar  gezeichneten  Vertrage  ein.  Nicht  200  000,  wie
selbst  Gneisenau  Napoleons  Heer  geschätzt,  sondern,  wie  man  am  folgenden  Tage
aus  sicherster  Quelle  erfuhr,  550  000  Franzosen  standen  bereit,  seine  Ratifizierung

S.  März  zu  erzwingen.  Am  5.  März  erfolgte  sie.

Preußen  war  unterworfen.  Für  alle  Kriege  Napoleons  außer  in  Spanien,
Italien  und  der  Türkei  hatte  Preußen  ihm  Heeresfolge  zu  leisten,  in  dem  gegen
Rußland  mit  20  000  Mann  und  60  Geschützen.  Thatsächlich  aber,  so  gestand
Napoleon  selbst,  galt  ihm  der  Anschluß  Preußens  soviel  wie  ein  Heer  von
120  Ooo  Mann.  Denn  jede  Aushebung  war  von  seiner  Erlaubnis  abhängig,  die
Kommandanten  von  Kolberg  und  Graudenz  waren  den  französischen  Befehlen
unterworfen,  die  geforderte  Neutralität  Schlesiens  war  auf  Breslau,  Oels  und
Brieg  beschränkt,  das  ganze  übrige  Land  mit  Ausnahme  von  Potsdam  und  alle
seine  Hilfsquellen  dem  Schrecklichen  geöffnet.  Gegen  Bezahlung  oder  Anrechnung
auf  die  Kontribution  hatte  Preußen  die  französische  Armee  zu  erhalten,  ihr  Wagen,
Pferde  und  Munition  zu  liefern,  den  Requisitionen  ihrer  Generale  unweigerlich
  zu  genügen

Wieder  also  war  die  Hoffnung  der  Patrioten  zertrümmert,  wieder  die  brennende
Sehnsucht  nach  Kampf  und  Schlacht  um  Freiheit,  Ehre  und  Selbständigkeit  nieder-
        <pb n="651" />
        Bündnis  mit  Frankreich.  511

geschlagen.  Ja  nunmehr  schien  jede  Rettung,  jede  Befreiung  von  dem  furchtbaren  1812
Joch  auf  immer  geschwunden  zu  sein.  Laut  auf  schrieen  die  gequälten  Herzen,
und  in  heiligem  Zorn  entbrannten  die  Männer,  die  alles  so  sorgsam  für  den
Kampf  um  die  Freiheit  vorbereitet,  das  Volk  in  den  Waffen  geübt  und  gestählt,
Herz  und  Gemüter  entflammt  und  begeistert  und  alles  gethan,  den  Aufstand  des
ganzen  Volkes  hervorzurufen,  ihm  diejenige  Leitung  zu  geben,  die  zum  Siege
führen  mußte.  In  der  That  ist  kaum  ein  Zweifel,  daß  Preußen  bis  300000  Mann
in  den  Kampf  schicken  konnte,  daß  die  von  Hardenberg  verzögerten  Verhandlungen
mit  England  doch  zur  ausreichenden  Lieferung  von  Munition  und  Gewehren  hätten
führen  können,  daß  es  für  Napoleon  ein  unermeßlicher  Vorkeil  war,  an  der
Weichsel  und  am  Niemen  den  Krieg  auf  der  breiten  Grundlage  der  preußischen
Kräfte  zu  eröffnen,  daß  das  Bündnis  mit  Napoleon  auch  Gut  und  Blut  kostete,
welche  später  dem  Kampfe  gegen  ihn  fehlten.  Noch  heut  empfinden  wir  den
heftigen  Schmerz,  der  jenen  treuen  Preußen  auf  der  Seele  brannte,  aber  wir
verstehen  es  doch,  daß  der  König  einen  Kampf  von  solcher  Folgenschwere  zu
führen  verzagte.  Denn  der  Rat,  den  Feldherren  und  Staatsmänner  geben,  der
hingebende  Opfermut  und  die  znbegrankte  Freudigkeit  für  das  Vaterland  zu  sterben,
ist  in  der  That  etwas  anderes  als  die  Verantwortung  des  Monarchen,  der  mit
einem  Federzuge  das  Dasein  des  Staates,  die  Wohlfahrt  und  das  Leben  all
seiner  Unterthanen  aufs  Spiel  setzen  soll.  Schwierig  und  gefahrvoll,  fürwahr  wie
wenige,  vielleicht  vohne  Beispiel",  war  die  Stellung  des  Königs.  Unaufhörlich
rang  er  nach  seinen  eigenen  Worten  zwischen  den  Pflichten  des  Souveräns  und
der  Neigung  des  Herzens,  und  man  fühlt  es  diesen  Worten  ab,  wie  es  ihn
schmerzt,  dieser  nicht  blindlings  folgen  zu  dürfen.  Wie  in  heißem  Fieber  befand
er  sich  und  sah  auf  jeder  Seite  den  Abgrund.  Endlich  nach  den  Kämpfen  eines
Jahres  und  unter  dem  unmittelbaren  Druck  des  Feindes  entschloß  er  sich  für  die
Sache,  die  ihm  widerstrebte.  In  grausamer  Nötigung  ging  er  den  Weg,  der
seinen  Neigungen  und  Wünschen  am  meisten  entgegengesetzt  war.  Die  günstigen
Veränderungen,  deren  Eintritt  er  einst  gehofft,  waren  nach  seiner  Meinung
nicht  eingetreten.  Nur  wenn  Oesterreich  und  Rußland  gemeinsam  mit  Preußen
alle  Kräfte  aufböten,  hatte  er  einen  günstigen  Ausgang  des  Krieges  gegen
das  Genie  und  die  Uebermacht  Napoleons  erwartet,  während  Preußen  allein
an  der  Seite  Rußlands,  wo  nicht  mathematisch  gewiß,  doch  höchst  wahrscheinlich
untergehen  werde.  An  die  furchtbare  Gewalt  der  ergrimmten  Volksseele,  auf
welche  Scharnhorst  und  Gneisenau  Fachreten,  glaubte  er  nicht,  er  fürchtete  sie  vielmehr.
  Das  darf  man  beklagen,  aber  Leiden,  wie  Friedrich  Wilhelm  sie  durchgemacht,
  ersticken  den  fröhlichsten  Wagemut.  Nur  schwer  wird  man  den  Mangel
dessen  als  Fehler  bezeichnen  können,  was  die  prophetische  Seele  der  größten
Heldennaturen  auszeichnet,  und  am  wenigsten  in  seiner  verantworkungsvollen
Stellung  konnte  der  König  ein  nahendes  Gottesgericht  in  seine  Betrachtung  ziehen.
Sprach  doch  selbst  ein  Scharnhorst  von  dem  Wunder,  welches  die  Vorsehung
thun  müßte,  wenn  Preußen  in  diesen  Kämpfen  erhalten  bleiben  solle!  Oesterreich
aber  hatte  sich  völlig  versagt,  und  von  der  russischen  Militärkonvention  erwartete
Friedrich  Wilhelm  nichts.  Er  war  überzeugt,  daß  Rußland  nur  defensiv  verfahren
  werde.  Und  sollte  der  König  sich  in  der  That  über  die  1805,  1807,
1808,  1809  nun  viermal  schon  bethätigte  Unzuverlässigkeit  Rußlands  hinwegsetzen?
  Sollte  es  jetzt  thun,  da  Alexander  weder  über  die  Kriegsfrage  noch  über
        <pb n="652" />
        512  Bündnis  mit  Frankreich.  —  Krieg  gegen  Rußland.

die  militärische  Hilfe  mit  derjenigen  Bestimmtheit  sich  äußerte,  welche  der  König
verlangte,  und  welche  das  furchtbare  Kriegsspiel  mit  einem  Napoleon  erforderte?
Ein  einziger  gelungener  Schlag  Napoleons  gegen  Rußland  —  und  wer  stand  dafür,
daß  Alexander  nicht  abermals  seinen  Frieden  schloß,  der  das  mit  ihm  verbündete
Preußen  nun  für  immer  von  der  Karte  Europas  strich?  Wie  Napoleon  nach
seinem  Siege  diese  „schlechte  Nation,  die  er  nicht  liebte,  weil  stets  ein  starkes
Widerstreben  in  den  Geistern",  behandeln  würde,  auch  wenn  sie  mit  ihm  verbündet,
das  stand  freilich  dahin;  menschlichem  Ermessen  nach  immerhin  nicht  so  schmachvoll,
  wie  wenn  sie  ihm  gegenüber  getreten  wäre.  Der  gefaßte  Entschluß  bot
wenigstens  —  das  wird  man  nicht  bezweifeln  —  die  Hoffnung,  „die  Existenz
zu  bewahren,  welcher  Zeit  und  Ereignisse  den  alten  Glanz  wiedergeben  könnten“.
Heldenhafter  haben  Männer  wie  Scharnhorst  und  Gneisenau  gedacht,  politischer
doch  der  König.  Wohl  meinte  selbst  mancher  Offizier,  den  Kampf  fürs  Vaterland
  über  *  Gehorsam  gegen  den  König  stellen  zu  sollen,  und  verließ  den
vaterlündischen  Dienst.  Er  aber,  der  weitaus  das  Meiste  und  Beste  gethan  für  die
Vorbereitung  zum  Kampfe,  er,  der  am  tiefsten  in  seinem  Herzen  über  den  Entschluß
  des  Monarchen  getroffen  war,  Scharnhorst  blieb  trotz  lockendster  Anerbietungen
  des  Auslandes  seinem  Kriegsherrn  treu,  und  seine  hohe  Seele  verzweifelte
  nicht  an  seinem  Könige.  Und  dieser  Soldatentreue  und  dieser  Zuversicht
des  besten  Unterthanen,  des  Schöpfers  der  neuen  Heeresmacht,  ja  der  am  herrlichsten
  zum  Kampf  gerüsteten  Seele  gegenüber  verlieren,  wie  uns  scheint,  die
Vorwürfe,  die  man  über  das  Zagen  und  Zaudern,  über  den  Kleinmut  und  die
Zaghaftigkeit  des  Königs  glaubt  aussprechen  zu  müssen,  an  Schärfe.  Das  Entzücken,
  mit  dem  E.  M.  Arndt  über  den  Verkehr  mit  Scharnhorst,  Blücher,  Boyen,
Prinz  August  ausrief:  „Es  ist  kein  freieres  Leben  möglich  als  mit  tüchtigen
Soldaten“,  traf  eben  die  Offiziere,  die  bei  der  heißesten  Sehnsucht  zum  Kampf
gegen  den  Tyrannen  auch  ihrem  zurückhaltenden  König  die  Treue  bewahrten,  und
die  sich  wie  Scharnhorst  ausdrücklich  gegen  die  Ansicht  verwahrten,  als  ob  nunmehr
  in  Preußen  alles  so  übel  sei,  daß  es  nicht  schlechter  werden  könne.

812  Bekannt  genug  sind  die  Ereignisse,  die  nun  folgten.  Mit  450  000  Mann,
darunter  auch  das  vom  General  Vork  befehligte  preußische  Korps,  überschritt  der
Gewaltige  die  Grenzen  des  russischen  Reiches,  schlug,  während  Vork  mit  seinen
überaus  trefflich  sich  beweisenden  Truppen  unter  Macdonald  in  den  Ostseeprovinzen
kleinere  Gefechte  bestand,  die  russische  Armee  bei  Smolensk,  eilte  in  Geschwindmärschen
  durch  die  wüste  Steppe  hin  bis  zum  heiligen  Moskau,  schlug  sic  vor

in  Thoren  der  Stadt  noch  einmal.  Schon  im  August  hatte  Scharnhorst  die
baldige  Niederlage  der  Russen  prophezeit,  weil  sie  sich  ihrer  eigentümlichen  Hilfsmittel,
  der  großen  Dimensionen  ihres  Reichs  nicht  bedienten,  und  war  denn  nun
nicht  alles  so  geschehen,  wie  die  schlimmsten  Befürchtungen  vorausgesagt  hatten?
Da  übergab  der  Heldensinn  des  Generals  Rostopschin  die  Stadt,  die  den  Russen
wie  ein  Symbol  ihrer  Religion  und  Nationalität  war,  einem  Meere  von  Flammen
und,  was  der  Mensch  nicht  vermocht  hatte,  bewirkte  das  entfesselte  Element.  Allem
Zögern  zum  Trotz  mußte  Napolcon  die  Trümmerhaufen  verlassen,  und  da  Alexander
seine  Vorschläge  für  einen  Waffenstillstand  auf  Steins  Rat  zurückwies,  den  Rückzug
  antreten.  Und  nun  zeigte  sich  die  Kraft,  auf  welche  Scharnhorst  immer  den
Zaren  als  seine  wirksamste  Waffe  verwiesen  hatte,  nun  zeigten  sich  die  unendlichen
  Raumverhältnisse  Rußlands  in  ihrer  ganzen  Bedeutung.  Eine  für  die
        <pb n="653" />
        Die  Konvention  von  Tauroggen.  513

Russen  glückliche  Schlacht  nötigte  Napoleon  auf  demselben  Wege  zurückzumarschieren,  1812
auf  dem  er  gekommen,  und  abermals  halfen  die  Elemente  den  Russen.  Mit  ungewöhnlicher,
  mit  schneidender  Kälte  trat  der  Winter  ein  und  räumte  mitleidlos
unter  dem  Heere  der  Franzosen  auf.  Aber  schlimmer,  entsetzlicher  noch  als  die
Flucht  durch  die  Schneefelder  war  der  bekannte  Uebergang  über  die  Beresina.
Die  große  Armee,  für  deren  Verpflegung  Napoleon  überhaupt  nur  ungenügend
gesorgt  hatte,  ward  bis  auf  den  letzten  Mann  vernichtet.  Nur  jammernde
pel,  erbarmungswürdige  Gestalten  kamen  einzeln  oder  in  kleinen  Scharen
über  die  Grenze,  und  vielfältig  noch  untergruben  sie  das  Erbarmen,  das  über
ihr  Elend  in  dem  gefühlsmächtigen  Deutschland  sich  regte,  durch  den  alten  Uebermut
  und  empörende  Frechheiten.  „Reichlicher  war  selten  die  Ernte,  wie  sie  hier
der  Würgeengel  hielt,  das  wunderbarste  Karneval  des  Glücksspiels,  das  je  gesehen
  worden,  in  den  nanigfaktigsten  und  possenhaftesten  Verlarvungen  und  Verkleidungen
  ging“,  wie  E.  M.  Arndt  schrieb,  „durch  alle  preußischen  Städte  von
Gumbinnen  bis  Königsberg  und  von  Danzig  bis  Berlin,  und  so  weiter  gegen
Westen.  Nie  hat  das  bitterste  Elend  der  närrischsten  Posse  ähnlicher  gesehen,
als  hier  das  französische,  und  doch  stieg  sein  Jammer  über  Thränen  hinaus.“
Ihn  aber,  der  den  französischen  Purpur  trug,  hatte  am  wenigsten  dies  Gottesgericht
  gebeugt.  Schamlos  ließ  er  es  seinen  getreuen  Unterthauen  mit  dem  Zusatz

  verkünden,  daß  seine  Gesundheit  niemals  besse-  gewesen  sei.
etzt  kamen  von  allen  Seiten  Bitten  und  Vorstellungen  an  den  König,  von
dem  widernatürlichen  Bündnis  abzustehen,  selbst  die  alten  Gegner  der  Neuerer,  so
vorzüglich  Fr.  Aug.  Ludwig  von  der  Marwitz  wiesen  hin  auf  Friedrichs  Thaten
und  forderten  schleunigstes  Losschlagen.  Nunmehr  müsse  doch  endlich  der  rechte
Augenblick  gekommen  sein,  alles  freudig  einzusetzen,  um  Freiheit,  Ehre  und
Selbständigkeit  zu  erringen.  Aber  auch  jetzt  noch  hielt  der  König  nicht  die
Zeit  für  erfüllt,  auf  Leben  und  Tod  gegen  den  zu  fechten,  der,  wie  General
von  Bülow  nur  allzu  wahr  sagte,  „uns  betrogen  und  unter  die  Füße  getreten
  und  Gewalt  und  Schändlichkeiten  aller  Art  in  unserm  Lande  ausgeübt“.
Gemeinsam  mit  Oesterreich  dachte  man  durch  eine  bewaffnete  Neutralität  noch
immer  den  Frieden  zu  erzwingen.  Indessen  nur  langsam  ging  jetzt  das  Werk
der  Rüstung  vor  sich,  während  doch  nicht  daran  zu  denken  war,  daß  Napoleon
anders  als  völlig  bezwungen  die  Waffen  niederlegen  werde.  Gab  er  doch  schon
die  Befehle,  bei  Magdeburg  große  Heere  zusammenzuziehen,  hob  neue  gewaltige
Truppenmassen  aus.  Und  selbst  die  Nachricht  von  der  großen  That  des  Generals
York  führte  noch  nicht  zum  Bruch  mit  Napoleon.  In  der  Mühle  zu  Poscherun
bei  Tauroggen  am  30.  Dezember  hatte  der  General  eigenmächtig,  aber  in  voller
Erkenntnis  der  Bedeutung  seines  Schrittes  und  felsenfest  überzeugt,  daß  der  Zar
sich  mit  seinem  Könige  verbinden  und  nicht  eher  die  Waffen  niederlegen  werde,
als  bis  Preußen  die  alte  Grenze  wieder  erlangt  haben  und  befreit  sein  werde,
die  hoch  berühmte  Konvention  mit  dem  russischen  General  von  Diebitsch  geschlossen.
  Immerhin  mochte  sie,  wie  er  in  seinem  herben,  entsagungsvollen  Sinn
dem  Könige  schrieb,  zu  seinem  Tode  auf  dem  Sandhaufen  führen,  sie  war  es  doch,
welche  der  russischen  Armee  die  Freiheit  zum  Handeln  gab,  welche  Ostpreußen
rettete,  welche  den  Kampf  Preußens  um  seine  Freiheit,  welche  die  Freiheit  Europas
einleitete  und  begründete.  „Jetzt  ist",  so  schrieb  der  finstere,  entschlossene  Degen,  „der
Zeitpunkt,  uns  ehrenvoll  neben  unsere  Ahnen  zu  stellen  oder,  was  Gott  nicht  wolle,
Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  88
        <pb n="654" />
        514  Preußens  Erhebung.

1813  schmählich  von  ihnen  verachtet  und  verleugnet  zu  werden.  Erkämpfen,  erwerben  wir

8.  Febr.

unsere  nationale  Freiheit  und  Selbständigkeit;  diese  Freiheit  und  Selbständigkeit  als
ein  Geschenk  erhalten  und  annehmen,  heißt  die  Nation  an  den  Schandpfahl  der
Erbärmlichkeit  stellen  und  sie  der  Verachtung  der  Mit=  und  Nachwelt  preisgeben!"
Und  nun  kamen  neue  Briefe  des  Zaren,  die  seinen  ehrlichen  Willen  und
seine  Vertragstreue  versicherten,  Napoleon  aber  zeigte  in  der  Sicherheit,  mit  der
er  noch  größere  Rüstungen  betrieb,  nicht  die  Neigung,  seinen  Jertean,  mit  Preußen
zu  halten.  Mit  allgemeinen  Redensarten  begnügte  er  sich,  auf  die  preußische
Bitte  um  die  vertragsmäßigen  Zahlungen  zu  antworten,  und  seinen  Befehlshabern
in  den  preußischen  Festungen  befahl  er
vertragswidrig  Requisitionen  auszuschreiben.
uch  formell  war  er  nun  im  Unrecht,  und
die  zarteste  Gewissenhaftigkeit  hatte  nicht
mehr  davor  zurückzuschrecken,  gegen  den  die
Waffen  zu  kehren,  der  „im  Glück  wie  im
Unglück  Preußen  mit  Mißtrauen  und  Verachtung
  behandelte".  So  begann  sich  denn
endlich  der  Kampf  in  der  Seele  Friedrich
Wilhelms  für  die  Neigung  seines  Herzens,
für  das  gute  Recht  des  Unterdrückten  gegen
den  ruchlosen  Unterjocher  zu  entscheiden.
Auch  ohne  Oesterreichs  Genossenschaft  5
denn  der  Krieg  entbrennen!  Wie  mochte
es  dem  durch  den  Heimgang  der  unvergeßlichen
  Gemahlin,  wie  den  furchtbaren
Sturz  gleichmäßig  vom  Schmerze  gefolterten
un  die  geängstete  Brust  heben  und
,  weiten,  als  er  am  21.  Januar,  am  Tage
General  Hans  David  Ludwig  Graf  Vork  der  Einsegnung  seines  Thronerben  dessen
von  Wartenburg.  Bekenntnis  hörte,  daß  er  glaube  an  den,

Ausschnstt  aus  dem  Kupserstich  von  Johann  Friedrich  der  zum  Uebermute  spricht:  „Hier  sollen
t  re,  s  sich  legen  Deine  stolzen  Wellen!  Das
Morgenrot  eines  besseren  Tages  bricht  an“.

Am  23.  ging  der  König  nach  Breslau,  wo  er,  der  französischen  Feldmacht
entrückt,  frei  seinen  Willen  bekunden  konnte,  am  28.  berief  er  eine  Kommission,
aus  Hardenberg,  dem  General  von  Hake  und  Scharnhorst  bestehend,  zur  eso
*  höchstmöglichen  Vermehrung  der  Streitkräfte  des  Staates.  Am  3.  Februar
folgte  der  Aufruf  an  die  Eximierten  zwischen  17  und  24  Jahren  zur  Bildung
der  freiwilligen  Jäger,  zum  Wetteifer  in  der  schönen  Erfüllung  der  ersten
aller  uns  obliegenden  Pflichten.  Am  9.  wurden  für  den  bevorstehenden  Krieg
überhaupt  alle  Befreiungen  vom  Heeresdienst  gesetzlich  aufgehoben,  am  12.  sämtliche
  Feldtruppen  mobil  gemacht.  Aber  immer  noch  nicht  waren  alle  Brücken
abgebrochen,  die  Schiffe  noch  nicht  verbrannt.  Noch  einmal  bot  man  am  13.  Februar
Napoleon  Bedingungen,  obwohl  er  am  10.  jede  Unterhandlung  mit  Rußland  untersagt,
  bot  ihm  Bedingungen,  die,  da  sie  nur  die  Zahlung  der  preußischen  Vorschüsse
und  den  Rückzug  der  Franzosen  bis  über  die  Elbe  forderten,  so  leicht  waren,  daß
Napoleon  sie  annehmen  konnte.  Hardenberg  freilich  glaubte  auch  für  diesen  Fall
        <pb n="655" />
        Preußens  Erhebung  515

gewiß  zu  sein,  daß  es  an  guten  Gründen  zum  Bruch  nicht  fehlen  werde,  und  wer  112
hätte  noch  einen  Zweifel  hegen  dürfen,  daß  Napoleon,  wie  Alexander  schrieb,
jeden  Artikel  des  Tilsiter  Vertrages  in  jedem  Punkt  auf  die  unerhörteste  Art  gebrochen?
  Wer  hätte  nicht  das  moralische  und  formelle  Recht  zugestanden,  da  die
heilige  Notwendigkeit  *—  sich  der  schimpflichen  Allianz  zu  entziehen  und  für
die  Freiheit  und  Ehre  des  Vaterlandes  zu  fechten!  Wie  jubelte  das  Volk  auf,
als  endlich,  endlich  der  heilige  Krieg  um  Vaterland  und  Ehre,  um  Freiheit  und
Dasein  in  Sicht  kam!  In  unbeschreiblicher  Gährung  und  leidenschaftlicher  Er-*m
  brannte  man  in  Berlin,  in  allen  Provinzen  darauf,  die  Waffen  zu  erheben.

Die  durch  Vork  erretteten  Ostpreußen  beriefen  selbständig  den  Landtag,  und  als
Stein  hier  erschien,  da  trugen  die  Stände  die  unermeßliche  Dankesschuld  ihrem
preußischen  Königshause  ab,  vergalten  Treue  mit  Treue.  Selbst  beschlossen  sie,
gestärkt  durch  das  mutige,  entschlossene  Auftreten  des  Freiherrn,  ein  Landwehrgesetz
und  setzten  sofort  es  in  Vollzug.  Stein  war  es  auch,  der  den  Zaren  bestimmte,
die  Verhandlungen  mit  Preußen,  die  in  Kalisch  nicht  zum  Ziele  führen  wollten,
durch  die  Absendung  eines  Bevollmächtigten  unmittelbar  an  den  König  zum  er=  7.  Nebr.
sehnten  Ende  zu  bringen.  Am  27.  und  28.  Februar  war  der  Vertrag  endlich
zu  Breslau  und  zu  Kalisch  unterzeichnet.  Wie  weit  auch  immer  die  polnischen
Pläne  des  Zaren  gingen  und  die  preußische  Grenze  dereinst  belästigen  mochten,
noch  schwieg  er  über  sie,  und  vor  den  Forderungen  der  Gegenwart  mußten  solche
Befürchtungen  Hardenbergs  vollends  verstummen.  Denn  die  Macht  der  Elemente
hatte  den  Russen  schon  gegeben,  was  sie  wollten,  während  Preußen  erst  erkämpfen
mußte,  was  es  zu  seinem  Dasein  brauchte.  Genug,  wenn  es  den  polnischen
Ballast  los  wurde,  eine  Verbindung  zwischen  Preußen  und  Schlesien  erhielt.
Welcher  Gewinn  aber,  wenn  Preußen,  wie  der  Vertrag  bestimmte,  für  die  abzutretenden
  polnischen  Lande  in  Deutschland  entschädigt  wurde!  Um  so  inniger
mußte  sich  der  Staat  allen  nationalen  Forderungen  anschließen,  und  schon  schien
diesen  freudige  Erfüllung  zu  winken,  als  am  25.  März  von  Kalisch  aus  eine
Proklamation  erschien,  die  in  bestimmten  Worten  den  Anschluß  der  deutschen  Fürsten
sorderte  und  dem  Volke  die  Wiedergeburt  aus  seinem  v  ureigenen  Geiste“  zusagte.
An  dem  unklaren  Ausdruck  nahm  eine  Zeit,  die  in  politischen  Dingen  mehr  in
Träumen  schwelgte,  als  wirkliche  Zusagen  verlangte,  noch  keinen  Anstoß.  Wichtiger
aber  war,  daß  zugleich  ein  Zentralverwaltungsrat  eingesetzt  wurde,  welcher  die
besetzten  deutschen  Länder  nach  Grundsäten  verwalten  sollte,  die  sie  der  allgemeinen
Sache  dienstbar  machten.

Am  11.  März  zogen  russische  Truppen  in  Berlin  ein,  wenige  Tage  darauf
war  Vork  wieder  in  der  Hauptstadt  seines  Königs.  Wie  mag  dem  ernsten,  strengen
Mann  zu  Mut  gewesen  sein,  als  er  in  dem  von  heiliger  Begeisterung  getragenen
Jubel  der  Bevölkerung  die  Uebereinstimmung  der  Volksseele  mit  seinem  Handeln
las!  An  Luisens  Geburtstage  erfolgte  die  Stiftung  des  Eisernen  Kreuzes,
die  Bestimmung,  daß  die  Namen  der  in  dem  heiligen  Kriege  Fallenden  in  den
Kirchen  des  Landes  verewigt  werden  sollten.  Am  15.  zog  der  Zar  in  Breslau
ein,  am  16.  erging  die  Kriegserklärung  an  Napoleon,  am  17.  wurde  das  jeden
Waffenfähigen  bis  zum  40.  Jahre  zu  den  Waffen  rufende  Landwehgese?  erassen,
  und  an  demselben  Tage  erging  Friedrich  Wilhelms,  von  Hippel
Gneisenaus  Angabe  verfaßter  Aufruf  „An  mein  Volk“.  Endlich  am  21.  apr#  17.  Marz
vollzog  der  König  auch  das  Gesetz  über  den  Landsturm,  das  jeden  Staatsbürger

as  ·
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        516  Preußens  Erhebung.

1818  verpflichtet,  mit  Heugabel  und  Beil,  mit  List  und  Betrug,  mit  Vernichtung  aller
Lebensmittel,  Zerstörung  der  Häuser,  mit  heldenmütigster  Verteidigung  jedes  Ortes,
jeder  Stadt  wirksam  am  Kampfe  sich  zu  beteiligen.  Denn  es  galt  ja  die  heiligsten
Güter  des  Lebens,  die  Unabhängigkeit  der  Nation,  die  Befreiung  vom  scheußlichsten
Joch.  Und  —  so  hatte  Fichte  die  Gläubigen  gelehrt  —  wie  das  Leben  nichts
anderes  ist,  als  das  Streben,  dem  Bilde  Gottes  ähnlich  zu  werden,  so  ist  die
Freiheit  und  Selbständigkeit  die  Vorbedingung,  das  höchste  Gut  des  Lebens.  Ist
die  Freiheit,  die  allgemeine  und  die  jedes  Einzelnen  bedroht,  so  ist  daher  jedem

persönlich  und  ohne  Stellvertretung

der  Kampf  auf  Leben  und  Tod  aufgegeben.
  Anstrengung  aller  Kräfte,
kein  Friede  ohne  vollständigen  Sieg,
keine  Schonung  weder  des  Lebens
noch  des  Eigentums,  das  sei  der
wahrhafte  Krieg,  und  eben  dieser
erhabenen  Anschauung  entsprach  die
Landsturm-Ordnung.  Auch  säumte
der  gewaltige  Wecker  der  Gewissen
keinen  Augenblick,  für  seine  Person
die  thatsächliche  Folgerung  aus
seinen  Lehren  zu  ziehen.  Frendig
trat  er  in  den  Landsturm
ein,  mit  Schleiermacher,  mit  Savigny
  und  Niebuhr,  mit  Schadow

und  Iffland  übte  auch  er  sich  im

Gebrauch  der  Waffen.  Denn  gleich

einem  Erdbeben  ging  es  durch  die

Massen.  Alte  und  Junge,  Veteranen

und  Knaben,  Hohe  und  Niedere,

Gebildete  und  Ungebildete,  Arme

und  Reiche,  vom  Katheder  und  der

Schulbank,  von  der  Beamtenstube
Staatsrat  Theodor  Gottlieb  von  Hippel.  und  den  Kontors,  von  der  Werk-Nach

  dem  Gemälde  von  Saint  (orbeitete  ln  der  ersten  Lälte  statt  und  vom  Pfluge,  alles,  alles

bes  Beriiner  Privaibesih  eilte  hinweg  von  der  heimischen
Arbeit  zu  den  Waffen,  zu  den

Waffen!  Nichts  mehr  von  Ergebung,  nichts  mehr  von  Uebergabe,  ja  nichts

mehr  von  Siegen  oder  Sterben,  sondern  nur  noch  von  Siegen,  das  war's,  was

alle  preußischen  Herzen  durchglühte.  Eine  Pflicht,  eine  Schuldigkeit  allein
durchdrang  das  ganze  preußische  Volk.  Los  vom  Feinde,  nieder  mit  dem  Eroberer!

Also  geschah's  im  Volke  der  Hohenzollern,  und  die  Erinnerung  an  Friedrich,  das

Bewußtsein,  diesem  Staate  anzugehören,  der  durch  so  viel  Arbeit  geschaffen,  zeigte

seine  alles  überwältigende  Macht,  während  die  übrigen  deutschen  Stämme  —  die

freilich  Napoleon  entfernt  nicht  so  grausam  behandelt  hatte  —  durchaus  noch  nicht
die  Empfindung  hatten,  daß  hier  sich  die  herrlichste  That  des  deutschen  Volkes
vorbereitete.  Doch  denjenigen  von  ihnen,  die  entschlossen  waren,  für  Deutschlands

Sache  zu  fechten,  hatte  man  ebenfalls  Gelegenheit  dazu  geboten,  indem  ihnen
        <pb n="657" />
        —  —

¾

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Spters  ochkpr#  N  #ssd

No.  34.  Sonnabends  den  ac.  März  1813.

 

 

Se.  Majestät  der  König  haben  mit  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  aller
Reußen  ein  Off=  und  Defensio-Bündniß  abgeschlossen,

 

An  Mein  Volk.

So  wenig  für  Mein  kreues  Volk  als  für  Deuesche,  bedarf  es  einer  Rechenschafe,
über  die  Ursachen  des  Kriegs  welcher  jece  beginne.  Klar  liegen  sie  dem  unverblendeten
Europa  vor  Angen

Wir  erlagen  unter  der  Uebermacht  Frankreichs.  Der  Frieden,  der  die  Hälste  Meiner
  Untertchanen  Mir  eneriß,  gab  uns  seine  Segnungen  nicht;  denn  er  schlug  uns  tiesere
Wunden,  als  selbst  der  Krieg.  Das  Mark  des  Landes  ward  ausgesogen,  die  Haupefestungen
  blieben  vom  Feinde  besetze,  der  Ackerbau  ward  gelähme  so  wie  der  sonst  so  hoch
gebrachee  Kunstsleiß  unserer  Städte.  Die  Freiheit  des  Handels  warb  gebemme,  und
dadurch  die  Quelle  des  Erwerbs  und  des  Wohlstands  verskopst.  Das  Land  ward  ein
Naub  der  Verarmung.

Durch  die  strengste  Erfüllung  elngegangener  Verbindlichkeicen  hoffte  Jch  Meinem
Volke  Erleichrerung  zu  bereiten  und  den  französischen  Kaiser  endlich  zu  überzeugen,  daß
es  sein  eigener  Vortheil  sey,  Preußen  seine  Unabhängigkeie  zu  lossen.  Aber  Meine  reinsten
  Absichten  wurden  durch  Uebermueh  und  Treulosigkeic  vereirelt,  und  nur  zu  deurlich
saben  wir,  daß  des  Kaisers  Vercräge  mehr  noch  wie  seine  Kriege  uns  langsam  verderben
zasbe  Je  ist  der  Augenblick  gekommen,  wo  alle  Täuschung  über  unsern  Zustand
aufhoͤrt.

Brandenburger,  Preußen,  Schlesier,  Pommern,  Litthauer!  Ihr  wißt  was
Ihr  seit  fast  sieben  Jahren  erduldet  habt,  Ihr  wißt  was  euer  trauriges  Loos  ist,  wenn
wir  den  beginnenden  Kamof  nicht  ehrenvoll  enden.  Erinnert  Euch  an  die  Vorzeit,  an
den  großen  Kursuͤrsten,  den  großen  Friedrich.  Bleibt  eingedenk  der  Guͤter,  die  unter

Schlesische  privilegirte  Seitung  vom  20.  März  1815,
Druck  der  Aufruse  „An  Mein  Volk“  und  „An  Mein  Kriegsheer“  sowie  der  „Urkunde  über  die  Stistung  des
elsernen  Kreuzes“.
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        594

ihnen  unsere  Vorfahren  blutig  erkämpften:  Gemwissensfreiheit,  Ehre,  Unabhängigkeit,
Handel,  Kunstfleit  und  Wissenschaft.  Gedenke  des  großen  Beispiels  unserer  mächtigen
Verbündeten  der  Russen,  gedenkt  der  Spanier,  der  Poreugiesen.  Selbst  kleinere  Velker
  sind  für  glelche  Güter  gegen  mächtigere  Feinde  in  den  Kampf  gezogen  und  haben  den
Sieg  errungen.  Erinnert  Euch  an  die  heldenmüthigen  Schweitzer  und  Niederländer.

Große  Opser  werden  von  allen  Ständen  gefordert  werden:  denn,  unser  Beginnen
K  groß,  und  nicht  geringe  die  Zabl  und  die  Mittel  unserer  Feinde.  Ihr  werder  jene
lieber  bringen,  für  dos  Vaterland,  für  Euren  angebornen  König,  als  für  einen
fremden  Herrscher,  der  wie  so  viele  Beispiele  lehren,  Eure  Söhne  und  Eure  letzten
Kräfte  Zwecken  widmen  würde,  die  Euch  ganz  fremd  sind.  Vertrauen  auf  Gott,  Ausdauer,
  Mutb,  und  der  mächtige  Beistand  unserer  Bundesgenossen,  werden  unseren
nedlichen  Anstrengungen  siegreichen  Lohn  gewähren.

Aber,  welche  Opfer  auch  von  Einzelnen  gesorderr  werden  mögen,  sie  wiegen  die
beillgen  Güter  nicht  auf,  für  die  wir  sie  Hingeben,  für  die  wir  streiten  und  siegen  müssen,
wenn  wir  nicht  aushören  wollen,  Preußen  und  Deutsche  zu  seyn.

Ee  ist  der  letzte  entscheidende  Kampf  den  wir  bestehen  für  unsere  Existenz,  unsere
Unabhängigkeit  unsern  Wohlstand;  keinen  andern  Ausweg  giebe  es,  als  einen  ehrenvollen
  Frieden  oder  einen  ruhmvollen  Unrergang.  Auch  diesem  würdet  Ihr  getrost  entgegen
geben  um  der  Ehre  willen,  weil  ehrlos  ber  Preuße  und  der  Deutsche  nichr  zu  leben  vermag.
  Allein  wir  dürfen  mit  Zuversicht  vertrauen:  Gott  und  unser  fester  Willen
werden  unserer  gerechren  Sache  den  Sieg  verleihen,  mie  ihm  einen  sicheren  glorreichen
Frieden  und  die  Wiederkehr  einer  glücklichen  Zeit.

Breslau  den  17.  März  1817.  Friedrich  Wilheim.

 

An  Mein  Kriegesheer.

Vielsäleig  habe  Ihr  das  Verlangen  geäußere,  die  Freiheie  und  Selbstständigkeit
des  Vaterlandes  zu  erkämpfen.  —  Der  Augenblick  dazu  ist  gekommen!  —  Es  ist  kein
Glied  des  Volkes,  von  dem  es  niche  gefühlt  würde.  Freiwillig  eilen  von  allen  Seiten
Jünglinge  und  Männer  zu  den  Waffen.  Was  bed  diesen  sreier  Wille,  das  ist  Beruf  für
Cuch,  die  Ihr  zum  stehenden  Heere  gehört  Von  Euch  —  geweihr  das  Vaterland
zu  vertheidigen  —  ist  es  berechtige  zu  sordern,  wozu  Jene  sich  erbieren.

Sehe!  wie  so  Viele  Alles  verlassen,  was  ihnen  das  Theuerste  ist,  um  ihr  Leben
mie  Euch  für  des  Vaterlandes  Sache  zu  geben.  —  Fühle  also  doppelt  Eure  beilige
Plicht:  Senyd  Alle  ihrer  eingedenk  am  Tage  der  Schlacht,  wie  bei  Entbehrung,
Mähseligkeit  und  innerer  Zucht!  Des  Einzelnen  Ehrgeiz  —  er  sey  der  Höchste  oder
der  Geringste  im  Heere  —  verschwinde  in  dem  Ganzen:  Wer  für  das  Vaterland  fühlt,  denke
nicht  an  sich.  Den  Selbstsüchnigen  treffe  Verachtung,  wo  nur  dem  allgemeinen  2#h#
es  gilt.  Diesem  weiche  jebt  Alles.  Der  Sieg  gehe  aus  von  Gott!  Zeige  Euch  seines
  hoben  Schuhes  würdig  durch  Gehorsam  und  Pflichterfüllung.  Muth,  Ausdauer,
Treue  und  strenge  Ordnung  sey  Euer  Ruhm.  Folgt  dem  Beispiel  Eurer  Vorfahren;
seyd  ihrer  würdig  und  Eurer  Nachkommen  eingedenk!
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        595

Gewisser  Lohn  wird  ereffen  den,  der  sich  auszeichner;  tiese  Schande  und  strenge
Scrafe  den,  der  seiner  Pflicht  vergißr!

Euer  König  bleibt  stets  mit  Euch;  mie  Ihm  der  Kronprinz  und  die  Prinden
  Seines  Hauses.  Sie  werden  mir  Euch  kämpfen  —  Sie  und  das  ganze  Volk
werden  kämpfen  mit  Euch,  und  an  Unserer  Seite  ein  zu  Unserer  und  zu  Teueschlands
Hulfe  gekommenes,  tapseres  Volk,  das  durch  hohe  Tharen  seine  Unabhöngigkeir  errang.
  Es  vertraure  seinem  Herrscher,  seinen  Führern,  seiner  Sache,  seiner  Krase  —
und  Gott  war  mit  ihm!  So  auch  Ihr!  —  denn  auch  Wir  kämpfen  den  großen  Kampf
um  des  Vaterlandes  Unabhängigkeir.

Vererauen  auf  Gor  Murh  und  Ausdauer  sey  Unfere  Loosimg!“

Breslau,  den  776en  März  1813.  Friedrich  Wilheilm.

 

Uurkunde
über  die  Stiftung  des  eisernen  Kreuzes.

Wir  Friedrich  Wilbelm,  von  Gottes  Gnaden  König  von  Preußen  rc.  2c

der  jebigen  großen  Katastropbe,  von  welcher  für  das  Varerland  Alles  abhänge,
verdient  der  krästige  Sinn,  der  die  Nation  so  hoch  erhebe,  durch  ganz  eigenthümliche
Monumente  geehrt  und  verewigt  zu  werden.  Daf  die  Standhastigkeit,  mie  welcher  das
Volk  die  unwiderstehlichen  Uebel  einer  eisernern  Zeit  ertrug,  nicht  zur  Kleinmüthigkeie
berabsank,  bewährt  der  hohe  Muth,  welcher  jee  jede  Brust  belebe  und  welcher,  nur  auf
Religion  und  auf  treue  Anhänglichkett  an  König  und  Varerland  sich  stützend,  ausharren
konmee.

Wir  haben  daher  beschlossen,  das  Derdienst  welches  in  dem  jeßt  ausbrechenden
Kriege,  entweder  im  wirklichen  Kampf  mie  dem  Frinde  ober  auherdem  im  Felde  oder  dabeim
  jeboch  in  Beziehung  auf  diesen  großen  Kampf  um  Freiheit  und  Selbstständigkeit,
erworben  wird,  befonders  auszuzeichnen  und  diese  eigenthümliche  Auszeichnung  nach
diesem  Kriege  nicht  weiter  zu  verleihen.

Dem  gemäß  verordnen  Wir  wie  folgee:

1.  Die  nur  für  diesen  Krieg  bestehende  Auszeichnung  des  Verbienstes  Unserer  Unterthanen

  um  das  Vaterland  ist
dag  eilser  ne  Kreuz
von  zwei  Klassen  und  einem  Groß  Kreuz.

2.  Beibe  Klassen  haben  ein  ganz  gleiches  in  Silber  gesahtes  schwarzes  Kreuz  von
Gußeisen,  die  Vorderseire  ohne  Inschrift,  die  Kebrseite  zu  oberst  Unsern  Namenszug
F.  W.  mu  der  Krone,  in  der  Milte  drei  Eichenblätter  und  unten  die  Jahreszahl  1813.
und  beide  Klassen  werden  on  einem  schwarzen  Bande  mit  weisser  Einfassung  wenn  das
Verdienst  im  Kampf  mit  dem  Feinde  erworben  ist,  und  an  einem  weissen  Bande  mie
schwarzer  Einfassung  wenn  dies  nichr  der  Fal  ist,  im  Knopfloch  getragen;  die  erste  Klasse
har  neben  dieser  Dekoratson  noch  ein  Kreuz  von  schwarzem  Bande  mit  weisser  Einsassung
auf  der  linken  Brust;  und  das  Grohkreuz,  noch  einmal  so  groß  als  das  der  beiden  Klossen,
wird  on  dem  schwarzen  Bande  mit  weisser  Einfassung  um  den  Hals  gerragen.
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        536

3.  Die  Milit  air,  Ehrenzeichen  erster  und  zweiter  Klasse  werden  waͤhrend  der  Dauer
pieses  Krieges  nicht  ausgegeben;  auch  wird  die  Ertheilung  des  rothen  Adler-  Ordens  zweiter
  und  dritter  Klasse  so  wie  des  Ordens  pour  le  mérite,  bis  auf  einige  einzelne  Fälle,
in  der  Regel  fuependirr.  Das  eiserne  Kreuz  ersetzt  diesen  Orden  und  Ebrenzeichen  und
wird  durchgängig  von  Höheren  und  Geringeren  auf  gleiche  Weise  in  den  angeordneten  zwei
Klossen  getragen.  Der  Orden  Hour  le  mérite  wird  in  außerordentlichen  Fällen  mie  drei
goldenen  Eichenblättern  am  Ringe  ertbeilt.

4.  Die  zweite  Klasse  des  eisernen  Kreuzes  soll  durchgängig  zuerst  verllehen  werden;
dle  erste  kann  nicht  anders  ersolgen,  als  wenn  die  zweite  schon  erworben  wor.

*.  Daraus  kolgt,  daß  auch  diejenigen,  welche  Orden  oder  Ehrenzeichen  schon  besizzen
  und  scch  in  diesem  Kriege  auszeichnen,  zunachst  nur  das  eiserne  Kreuz  zweiter  Klasse
erhalten  können.

6.  Das  Großkreuz  kann  ausschließlich  nur  für  eine  gewonnene  entscheidende  Schlacht,
nach  welcher  der  Feind  seine  Position  verlassen  muß,  desgleichen  für  die  Wegnahme  einer
bedeucenden  Festung,  oder  für  die  anhalrende  Vertheidigung  einer  Festung  die  niche  in
seindliche  Hände  sällt,  der  Kommandirende  erhalren.

7.  Die  jehr  schon  vorbandenen  Orden  und  Ehrenzeichen  werden  mit  dem  eisernen
Kreuz  zusammen  getragen.

8.  Alle  Vorzüge,  die  bisher  mit  dem  Besiß  des  Ehrenzeichens  erster  und  zweiter
Klasse  verbunden  waren,  geben  auf  das  eiserne  Kreuz  über.  Der  Soldac,  der  jetze  schon
das  Ehrenzeichen  zweiter  Klasse  besite,  kann  bei  anderweitiger  Auszeichnung  nur  zuerst
das  eiserne  Kreuz  der  zweiten  Klasse  erhalten;  jedoch  erhäle  er  mit  demselben  zugleich  die
mit  dem  Besih  des  Ebrenzeichens  erster  Klasse  verbundene  monatliche  Zulage,  die  aber
fernerhin  nicht  weiter  vermehrt  werden  kann.

9.  In  Räcksiche  der  Art  des  verwirkten  Verlusts  dieser  Auszeichnung  hat  es  bek  den
in  Ansehung  Unserer  übrigen  Orden  und  Ehrenzeichen  gegebenen  Vorschristen  sein  Bewenden.
  ·
urkundiichunterunsenrullekhöchsteigsnhändigenUnterschriftundbeigedtucktem
KönigsickzensaßegeLGegebeaBkeslaudenIotenMärz1813.

Friedrich  Wilhelm.

 

Was  Ich  heute  wegen  Bestrafung  von  Verbrechen  gegen  die  Sicherheit  der  Armeen  an
die  commandirenden  Generale  erlassen  habe,  gebe  Ich  Ihnen  aus  der  Anlage  zu  ersehen,  und
beaustrage  Sie  zugleich,  solche  als  gesetliche  Vorschrift  zur  allgemetnen  Kennkniß  zu  bringen.
Es  verstfeht  sich  dabei  von  selbst,  daß  die  den  commandkrenden  Generalen  übertragene  Gewalt
auch  den  Gouverneurs  der  Provinzen  und  den  Festungs-Commandanten  zustehen  muß.

Breslan,  den  r#ten  März  1813.  Friedrich  Wilheim.

An
den  Seaats-Kanzler  Freiherrn
von  Hardenberg.

Nicht  weil  Ich  glaube,  daß  es  Verräther  an  der  Sache  des  Vaterlandes  unker  Meinem
Volke  oder  in  Teucschland  geben  könne,  sondern  um  die  Schwachen,  besonders  unter  den  Seaats=
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        Preußens  Erhebung.  517

vornehmlich  der  Eintritt  in  das  vom  Major  von  Lütow  gebildete  Freikorps  offen  1818
gehalten  wurde.  Was  sollen  wir  noch  sprechen  von  dem  Opfermute  derjenigen,
die  daheim  bleiben  mußten,  der  Frauen  und  Kinder,  der  Greise  und  Krüppel  —
galt  es  doch  ghse  noch  nr  dem  Kriege  selbst  in  vornehmen  Kreisen  Preußens,
vornehmlich  in  der  Mark,  die  alle  Provinzen  an  Opfermut  übertraf,  für  eine
Schande,  auch  nur  ein  Stück  Silber  zu  besitzen!  Jedes  und  jedes,  Zierrat  und  Notwendiges,
  das  Zeichen  selbst  des  dem  Deutschen  heiligsten  Bundes,  die  Trauringe,

ja  auch  den  Schmuck  des  Leibes,  den  Gott  dem  Weibe  in  seinem  Haar  gegeben,
alles  gab  dies  Preußenvolk  willig
und  freudig  dahin  für  den  Kampf  um
das  höchste  Gut,  um  die  Freiheit  des
Vaterlandes.  Wundervoll,  unvergleichlich
  fürwahr,  daß  dies  systematisch
ausgesogene  Volk  mehr  als  zehn
Millionen  Thaler  an  freiwilligen
Gaben  aufbrachte,  daß  dies  zusammengeschmolzene
  Volk  271000,  jeden  siebzehnten
  Mann  ins  Feld  stellte,  daß
dies  zertretene  und  zerschlagene  Volk
die  Freiheit  Europas  zu  erkämpfen
entschlossen  war  und  erkämpfte.
Größeres  und  Herrlicheres  hat  die
Weltgeschichte  nicht  zu  verzeichnen.
Und  schlagender  ist  nie  der  Beweis
geführt  worden,  welche  Kraft  die
sittlichen  Mächte  der  Freiheit,  Ehre,
Selbständigkeit,  des  Idealismus,  der
Vaterlandsliebe  und  des  innigsten
Gottvertrauens  im  Leben  der  Völker  —
zsn  “—  hervorgehoben,  „Fichte  in  #:.  Liee  Stz  s  Berliner  Landdies
  Volk,  das  man  im  Reiche  so  fei  9  Sn  e  —  o),  im
gern  als  ein  nichtdeutsches  schmähte,  Küörne  resden.  Auf  die  Hätfte  verkleineri.
dieser  Staat,  der  so  oft  seit  den  W,  W7  irrnt  *  z.  E  Aeite
Tagen  des  Großen  Kurfürsten  die  n  -  rr  ½  auehe  a-hnde
deutschen  Länder  errettet,  Preußen  ekrh  als  au  sen  *
bielt  es  für  selbstverständlich,  milten  i  5  Ahhee  wrenen  nh  r
im  eigenen  Elend-  zugleich  die  Frei-  Slet  5#  wuose,  Suhesh  und  in  ollen  ua
heit  des  gemeinsamen  deutschen  Vaterlandes,

  die  Herrlichkeit  des  Vaterlandes  zu  erringen.  Ja  die  Aufrichtung  des
Reiches,  für  welche  die  Dichter  begeisterte  und  begeisternde  Töne  fanden,  war  der
gewisse  Glaube  an  den  Sieg,  der  alle  Opfer  mit  Freudigkeit  bringen  ließ,  der
auch  dadurch  nicht  eingeschüchtert  wurde,  daß  man  den  schwersten  Teil  des  Kampfes
allein  tragen,  ja  mit  den  Waffen  selbst  den  deutschen  Brüdern,  die  Napoleons
Adlern  noch  folgten,  entgegen  treten  mußte.  Allein  von  allen  deutschen  Ländern
hatte  sich  das  preußische  Volk  unter  den  jämmerlichen  Zuständen  des  deutschen
Reiches  und  seiner  Kleinstaaten  an  den  Ruhmesthaten  seiner  Könige  im  Krieg  und
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        518.  Begiun  des  Kampfes.  —  Das  schlesische  Heer-15

  1#8  Frieden  zu  einer  besonderen  Nation  zusammengeschlossen,  aber  nun  zeigte  die
Kolonisation  der  Askanier  und  der  deutschen  Ritter,  nun  zeigte  die  Kolonisations-Thätigkeit
  der  Hohenzollern  ihre  auf  das  Reich  zurückwirkende  Kraft.  Gemischt  aus
allen  deutschen  Volksstämmen,  vermochte  dies  Volk  es  sich  überhaupt  nicht  anders
zu  denken,  als  daß  seine  Erhebung  der  Befreiung  des  großen  Vaterlandes  gelte.
Schärfer  konnte  sich  der  rein  deutsche  Charakter  des  preußischen  Staates  nicht  wohl
erweisen.  Jeden  Zoll  fühlte  sich  der  Landwehrmann  als  Preuße,  aber  nicht  lange,
und  jeder  Funke  der  Begeisterung  gehörte  alsbald  auch  dem  deutschen  Vaterlande  und
seiner  Befreiung.  Alle  Hebel  setzten  die  Staatsmänner  an,  die  einzelnen  deutschen
Regierungen  zu  gewinnen.  Aber  Oesterreich,  dem  Hardenberg  die  denkbar  größte
Rolle  im  künftigen  Reich  zudachte,  dem  Stein  die  deutsche  Kaiserkrone  wieder  zuwenden
  wollte,  gab  nichtssagende,  ausweichende  Antworten  und  verharrte  zudem
in  heillosester  Angst  vor  den  preußischen  „Jakobinern“,  vor  Männern  wie  Stein
und  Scharnhorst.  Bayern,  halb  schon  gewonnen  und  getragen  von  einer  der
guten  Sache  anhängenden  Partei  am  Hofe  und  im  Lande,  zog  ängstlich  sich  vor
den  neuen  Rüstungen  Napoleons  zurück.  Hannover  glaubte  die  Gelegenheit  benützen
  zu  sollen,  altpreußische  Lande  für  sich  zu  fordern,  und  über  diesen  unwürdigen
  Handel  verzögerte  auch  England  das  Bündnis  mit  Preußen  und  feilschte
um  die  geringen  Hilfsgelder,  die  es  dem  verarmten  Staate  zahlen  sollte.  Der
König  von  Sachsen  beschloß  überhaupt,  an  Napoleon  festzuhalten  und  meinte,
seiner  bedrängten  Lage  und  der  Entscheidung  am  besten  durch  die  Flucht  nach
Regensburg  zu  entgehen.

Denn  nun  allerdings  rückten  die  Heere  vor.  Freilich  die  große  russische
Armee,  deren  Feldherren  —  erst  Kutusow,  dann  Wittgenstein,  —  den  Oberbefehl
  dank  der  preußischen  Bescheidenheit  erhalten,  kam  erst  am  24.  April  nach
Dresden.  Unterdessen  aber  hatten  die  Generale  von  York  und  von  Bülow,  obwohl
  die  Festungen  an  der  Weichsel  und  Oder  noch  in  den  Händen  der  Franzosen
blieben,  Mecklenburg,  Lauenburg,  Lübeck  und  Hamburg  befreit,  verfolgten  die

ö.  April.  Franzosen  nach  Magdeburg  und  hatten  am  5.  April  dem  Vizekönig  Veauharnais

i  Möckern  ein  erstes  glänzendes  Gefecht  geliefert.  Der  südliche  Flügel  der
—“  war  zur  Freude  aller  Patrioten  dem  alten  Husarengeneral  Gebhard
Leberecht  von  Blücher  anvertraut,  ihm,  den  längst  schon  die  Stimme  des  Volkes
wie  des  Heeres,  den  vornehmlich  Scharnhorst  als  den  Führer  des  Heeres  verlangt
  hatte.

uf  dem  Rückzuge  nach  Auerstädt,  als  Scharnhort  die  preußische  Artillerie

ie  Harz  herumführte,  hatte  jeder  den  Wert  des  andern  kennen  gelernt,  und
i  25  Freundschaft  waren  sie  stets  nach  Scharnhorsts  Geständnis  „eine
Seele,  ein  Gedanke,  ein  Entschluß".  Und  während  Blücher  bekannte,  daß  er
ohne  Scharnborst  nichts  vermöge,  rief  dieser  ihm  zu:  „Sie  sind  unser  Anführer
und  Held  und  müßten  Sie  uns  in  der  Sänfte  vor=  und  nachgetragen  werden.
Nur  mit  Ihnen  ist  Entschlossenheit  und  Glück.“

In  Schlesien  sammelten  sich  die  Märker,  Pommern  und  Schlesier,  welche
Blüchers  Heer  bildeten,  und  nach  diesem  Sammelort  ist  es  noch  heute  als  das
schlesische  bekannt.  Einige  Wochen  hindurch  hielt  das  Zaudern  der  Russen  die
Preußen  auf,  aber  am  27.  März  war  Blücher  in  Dresden.  Und  um  ihn,  den
feurigen  Jüngling  mit  den  silbernen  Locken  des  siebzigjährigen  Greises,  dem  in
all  den  schrecklichen  sechs  Jahren  nichts  hatte  den  Mut,  nichts  hatte  die  Ueber-
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        Groß-Görschen.  519

 

l
Linsenfasser-ums

Aufbruch  der  Landwehr  1813.
Anfang  des  Frieses  am  Blücher.  Denkmalein  bee  ne  1826),  nach  dem  Modell  von  Chrisllan  Rauch
777.—

zeugung  rauben  können,  daß  dieser  Napoleon  werde  gestürzt  werden,  daß  das  1812
Erwachen  des  deutschen  Mutes  fürchterlich  sein  werde,  um  ihn  sammelten  sich
alle  die  kampfesfrohen  und  hoffnungsreichen  Männer  und  die  tüchtigsten  Offiziere,
wie  Scharnhorst  und  Gneisenau,  Grolmann  und  Clausewitz  und  viele  andere.
In  seinem  Hauptquartier  fühlte  man  die  Vorfreude  des  endlich  nahenden  Sieges.
Schon  waren  allerdings  mehrere  Pläne  Scharnhorsts  zu  frischer  Offensive  an  den
Bedenklichkeiten  des  großen  Hauptquartiers  gescheitert,  und  der  Oberbefehl  ruhte
ja  unseliger  Weise  in  russischen  Händen.  Aber  die  Sicherheit,  die  Scharnhorst
aussprach,  daß  dies  Mal  die  Freiheit  und  Selbständigkeit  Preußens  und  Deutschlands
  siege,  lebte  im  Blücherschen  Hauptquartier  in  jeder  Brust.  Mochte  der
Feind  noch  so  überlegen  sein,  mochte  er  noch  so  große  Siege  erfechten,  die  ganze
Anlage  des  Krieges  war  so,  daß  ihnen  sowohl  die  Ueberlegenheit  als  der  Sieg
nicht  entgehen  konnte  in  einem  Feldzuge,  wie  ihn  Deutschland  seit  den  Tagen
Hermanns,  des  Cheruskerfürsten,  nicht  gesehen.

Unterdessen  war  Napoleon  mit  einem  gewaltigen  Heere  in  Erfurt  eingetroffen,
  vom  Norden  her  rückte  Eugen  Beauharnais  auf  Merseburg  vor,  und
am  29.  April  vereinigten  sich  beide  Heere,  180000  Mann  stark  bei  Naumburg.
Am  2.  Mai  kam  es  auf  den  Feldern  von  Lützen  zwischen  Leipzig  und  Weißen=  2.  Wal
fels  bei  Großgörschen  zur  Schlacht.  Schon  die  Wahl  des  Schlachtfeldes  entsprach
  nicht  der  Ansicht  der  preußischen  Führer,  aber  es  ward  ihnen  nach  Clausewit'
  Worten  auch  nicht  vergönnt,  auf  die  Führung  des  Gefechts  einen  bestimmenden
  Einfluß  zu  üben.  Alles  hing  von  den  Russen  ab,  und  nichts  blieb
den  Preußen  übrig,  als  mit  dem  Säbel  in  der  Faust  zu  wirken.  Aber  wie
auch  wirkte  der!  Alle  Erbitterung  gegen  den  Tyrannen,  alles  stürmische  Sehnen
nach  Freiheit,  nach  Abwerfung  des  fremden  Joches  lag  in  den  vernichtenden  Angriffen,
  in  dem  immer  neuen  Anstürmen  der  Preußen  gegen  die  vom  Marschall
Ney  verteidigten  Dörfer  Groß=  und  Klein-Görschen,  Kaja  und  Rhena.  Lange
wogte  der  Kampf  hin  und  her,  und  bald  bedeckte  ein  volles  Dritteil  der  Truppen
        <pb n="664" />
        520  BauWzen.  —  Luckau.  —  Hamburg.

i#8  Neys  das  Schlachtfeld.  Wahrlich  man  fühlte  sich  unbesiegt,  doch  die  Uebermacht,
die  Napoleon  selbst  herbeiführte,  spottete  aller  Anstrengungen.  In  der  Nacht
noch  versuchte  Blücher  einen  Ueberfall,  am  nächsten  Morgen  aber  befahl  der  Zar
den  Rückzug.  Indessen  gerade  der  Rückzug  erweckte  dieser  Armee  in  Wahrheit,
wie  Barthold  Niebuhr  schrieb,  Ehrfurcht,  und  einen  Ruhm  ernteten  die  Preußen,
vor  dem  Friedrichs  militärische  Größe  verdunkelte.  Damals  dichtete  E.  M.  Arndt
seine  Lieder  für  Teutsche,  seinen  Gesang  von  dem  hohen  Namen  der  tapferen
Preußen,  der  besten  Teutschen,  die  der  Schande  Zentnerschwere  von  Teutschlands

acken  lösten.  Aber  welch  Verhängnis!  Er,  der
die  Feilen  geschmiedet,  die  Ketten  zu  lösen,  „Germaniens
  bester  Mann“,  Scharnhorst  war  am  Fuße
schwer  verwundet  worden,  und  als  er  treu  bis  in
sut  den  Tod  dennoch  nach  Wien  sich  aufmachte,  um
endlich  die  Oesterreicher  zu  dem  lange  verhandelten
Bündnis  zu  bewegen,  brach  auf  der  Rückreise  in
Teut  s  ch  Prag  am  28.  Juni  sein  Herz.  Die  Früchte  seiner
Arbeit,  das  befreite  Vaterland,  hat  er  nicht  mehr
sehen  sollen,  aber  den  Ahnen  durfte  er  die  frohe
„½  Botschaft  gen  Himmel  tragen,  daß  ihre  Söhne  auf-M.
  arlon.  gestanden  und  alles,  Gut  und  Blut,  einsetzten,  die

«  Freiheit  männlich  zu  erstreiten.
Napoleon  folgte,  während  er  Ney  gegen  Berlin
—  vorsandte,  selbst  den  Verbündeten  in  die  Oberlausitz.
Auf  Befehl  des  Zaren  nahmen  sie,  nachdem  York
in  blutiger  Schlacht  bei  Königswartha  den  mit  weit
überlegenen  Kräften  zur  Vereinigung  mit  Napoleon
—  zurückeilenden  Ney  zu  verdrängen  hatte  versuchen
d%  3%%  er  eathel  201.  masien,  in  ungünstigster  Stellung  am  20.  und
.  .  21.  Mai  bei  Bautzen  eine  Schlacht  an.  Sie  war
itbe  —E  da  von  vornherein  aussichtslos,  aber  durch  die  Tapfer-In
  halber  Orlginolgröße.  keit  der  von  Blücher  geführten  Preußen  und  ihre
heldenmütige  Verteidigung  der  Kreckwitzer  Höhen
kostete  sie  25000  Franzosen  das  Leben  und  brachte  ihnen  nichts  als  den  Besitz
  des  blutgetränkten  Schlachtfeldes.  Keine  einzige  Trophäe  hatte  Napoleon
bisher  gewonnen,  die  Preußen  ihm  aber  fünfzig  Kanonen  genommen  und  viele
Kriegsgefangene  gemacht.  Wie  hätte  da  der  heilige  Mut  in  ihren  Herzen  erstickt
sein  können!  War  es  doch  die  Sache  des  Vaterlandes,  ja  wie  E.  M.  Arndt
dem  Volke  aus  der  Seele  sprach,  die  Sache  Gottes,  für  die  man  focht!
Freilich  nahm  Davout,  dank  der  verräterischen  Unthötigkeit  Bernadottes,
s0.  Mal  Hamburg  wieder  ein,  und  schwer  genug  wurde  der  Abfall  der  Stadt  vom
französischen  Vaterlande  bestraft.  Berlin  wurde  vor  einem  neuen  Angriff  des

4.  Juni  Marschalls  Oudinot  durch  Bülows  Gefecht  bei  Luckau  glücklich  gerettet,  aber  unbestreitbar

  war  Napoleon  noch  Herr  im  ganzen  Deutschland  bis  zur  Elbe  hin,  und
über  sie  hinaus  hielt  er  die  Festungen  ebenfalls  noch  in  seiner  Hand.  Gleich
nach  der  Schlacht  von  Großgörschen  war  zudem  auf  sein  Gebot  der  König  von
Sachsen  zu  ihm  nach  Dresden  geeilt.  Kaiser  Franz  war  zwar  nach  derselben
Schlacht  nach  Gitschin  ins  Feldlager  gezogen,  aber  noch  war  er  militärisch  nicht

Lieder
        <pb n="665" />
        Waffenstillstand.  —  Kihen.  —  Bund  miit  England  und  Oeslerreich.  521

gerüstet,  und  die  Pläne  der  preußischen  Patrioten  dünkten  ihm  chimärisch,  ihre
feurige  Begeisterung  unheimlich  und  so  waren  die  Verhandlungen  mit  ihm  noch
immer  nicht  zu  glücklichem  Ende  geführt.  Ihretwegen  bestimmte  Hardenberg  die
Herrscher,  sich  nicht  zu  weit  von  der  österreichischen  Grenze  zu  entfernen.  Wieder
aber,  wie  einst  in  den  Tagen  nach  Preußisch-Eylau,  da  Napoleon  die  zornige
Kraft  der  Preußen  geschmeckt,  hoffte  er  auch  jetzt  durch  Länderschenkung  den  Zaren
zum  Verrat  an  Preußen  zu  bestimmen.  So  bot  er  zunächst  einen  Waffenstillstand,
und  darauf  gingen  die  Verbündeten  ein.  Am  4.  Juni  ward  er  zu  Peischwitz
bis  zum  20.  Juli  abgeschlossen.
Wohl  wurden,  als  die  Nachricht
hiervon  am  zweiten  Pfingstfeiertage
nach  Berlin  kam,  „alle  Gesichter
blaß,  alle  Herzen  wie  vom  Donner
getroffen,  bange  Todesstille  war
in  der  eben  noch  so  fröhlichen
Menge  der  wandelnden  Menschen,
die  Sonne  des  schönen  Frühlingstages
  schien  nur  auf  Verzweifelude:

ei  dem  Gedanken  der  Möglichkeit
  des  Friedens  waren  alle  wie
versteint  und  verdonnert“.  Und
wahre  Wut  ergriff  die  Deutschen,
als  die  Nachricht  kam,  daß  Napoleon
  die  Zeit  des  Waffenstillstandes
  benutzt  habe,  um  bei  Kitzen
das  Lützowsche  Freikorps  hinterlistig
  bis  auf  hundert  Mann  abzuschlachten
  (17.  Juni).  Dennoch
mußte  der  Stillstand  den  Rüstungen
der  Verbündeten  mehr  als  denen  —.
Napolcons  zugute  kommen,  und  Ernst  Morih  Amndt.
währenddessen  kam  sowohl  mit  ,  W  v  -·
England  am  14.  Juni,  wie  endlich  Auplerliq  don  tt  —t
am  27.  Juni  auch  mit  Oesterreich
zu  Reichenbach  das  Bündnis  zustande.  Und-da  nun  Oesterreich  auf  dem  Prager
Friedenskongreß  die  volle  Aussichtslosigkeit  seiner  Pläne  auf  friedliche  Vergrößerung
erkannte,  und  Napoleon  mit  höhnender  Verachtung  auf  die  letzten  Friedensbedingungen
  absichtlich  zu  spät  antwortete,  so  kam  es  in  der  Nacht  vom  10.  zum
11.  August  auch  zur  Kriegserklärung  Oesterreichs  an  Napoleon.  Die  Waffen
wurden  wieder  ausgenommen.  Ein  seelenfrohes  Hurrah!  ging  durch  die  Reihen
der  preußischen  Krieger,  als  man  wußte,  am  17.  dürfe  man  wieder  gegen  die
Franzosen  ziehen!  Die  drei  verbündeten  Herrscher  von  Preußen,  Rußland  und
Oesterreich  aber  kamen  nunmehr  persönlich  mit  ihren  Feldherren  und  Generalen
in  Prag  zusammen.  Die  dreiste  Forderung  des  nun  doch  besorgten  Napolcon,
den  Kongreß  zu  erneuern,  lehnten  sie  als  unzulässig  ab.

Geteilt  in  drei  große  Heere  von  zusammen  480  000  Mann  wollte  man

gegen  den  Gewaltigen  vorgehen  —  der  Hauptarmee  unter  dem  Fürsten  von  Schwarzen= 



 

1813

4.  Juni

27.Juni
        <pb n="666" />
        522  Kriegsplan.  —  Kabbach.

 

Zusammenkunft  Kaiser  Franz  I  Kaiser  Alexander  I.  n  1  Friedrich  Wilhelm  III.
rag,  im  August  1
Nach  der  Beichn  8  Ulrich  Ludwig  Soef  (1772—1832)  Lutär  P3.  ¶  Zebaun  Friedrich  Jũgel  (arbeitete  zu
des  18.  und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts.  Auf  eiwa  ½  verkleinert.

1813  berg,  dem  leider  der  Oberbefehl  über  das  Ganze  anvertraut  war,  der  Nordarmee
unter  dem  zum  Kronprinzen  von  Schweden  gewählten  einstigen  französischen
Marschall  Bernadotte  und  der  schlesiswen  unter  Blücher,  dem  Gneisenau  als
Generalstabschef  zugeordnet  war.  Doch  auch  Napoleon  vermochte  außer  den
Truppen  in  den  Festungen  im  Osten,  in  Stettin,  Küstrin  und  Danzig,  fast  die
gleiche  Anzahl  Soldaten  —  nur  etwa  40000  Mann  weniger  —  ihnen  entgegen  zu
stellen.  Die  schlesische  Armee  war  bie  kleinste  und  sollte  deshalb  Napoleon  nur
seschie  Aber  hier,  wo  Blücher  Einbee  und  —  die  Leitung  hatte,
lebte  auch  der  ganze  Haß  und  die  willensstarke  Begier,  den  Mörder  des  Vaterlandes

26.  Aus  zu  vernichten.  Als  Macdonald,  den  Napoleon  in  Schlesien  zurückgelassen,  am  26.  August
ohne  Arg  seine  Truppen  die  Katbach  und  Neiße  hatte  überschreiten  lassen,  da  ließ
Blücher  den  General  VYork  gegen  die  Feinde  vorgehen,  und  im  "  Anprall
warfen  die  Preußen  die  Franzosen  die  Anhöhen  hinunter.  Wer  ihren  Kolben  —
denn  bei  dem  unaufhörlich  strömenden  Regen  versagten  die  Gewehre  —  entging,
        <pb n="667" />
        Großbeeren.  523

 

 

Sieg  der  preußischen  Armee  an  der  Kapbach,  am  26.  August  1813.
Nach  der  Zeichnung  von  Johann  Adam  Klein  geslochen  von  Adam  von  Bartsch  (1757—1821).
:  verkleinert.

fand  in  den  Fluten  der  Katzbach  und  Neiße  einen  noch  grauenvolleren  Untergang
oder  wurde  vollends  den  29.  am  Bober  vernichtet.  Napoleon  war  um  eine  ganze
Armee  ärmer,  und  eine  preußische  Provinz,  Schlesien  war  von  seinen  Truppen
gesäubert.  Jetzt  ahnte  man,  was  Scharnhorsts  Schöpfung  gcle¾  jetzt  fühlte
man,  daß  Blücher  und  Gneisenau  die  Helden  des  Kampfes  sein  würden.
Mittlerweile  aber  hatten  auch  die  preußischen  Generale,  die  ven  schwedischen
Kronprinzen  in  der  Nordarmee  zugeteilt  waren,  Gelegenheit  gefunden,  ihrerseits
den  preußischen  Namen  wieder  mit  dem  hellstrahlenden  alten  Ruhmeskranze  zu
umflechten.  Von  Süden  her  sollte  Oudinot  mit  einem  gewaltigen  Heere  auf
Berlin  vorrücken,  Davout  sollte  von  Hamburg  und  General  Girard  von  Magdeburg
  aus  ihn  unterstützen.  Denn  die  Hauptstadt  Friedrich  Wilhelms,  die  gerade
jetzt  die  alten  Sünden  gesühnt  und  durch  besonders  hohe  Opferfreudigkeit  bewiesen,
daß  „sie  es  verdient,  der  Sitz  ihrer  Herrscher  zu  sein“,  Berlin  sollte  verbrannt
werden,  und  der  Brand  der  preußischen  Hauptstadt  die  Fackel  der  Zwietracht  unter
den  Verbündeten  entzünden.  Unentschlossen  und  gehemmt  durch  seine  eigenen  Pläne
sah  Bernadotte  das  Geschick  herankommen.  Da  griff  Bülow  das  von  General  Reynier
geführte  Korps  am  23.  August  an,  und  wieder  hieben  die  Preußen,  Landwehr
und  Linie,  mit  leidenschaftlichem  Zorn  auf  die  Feinde  im  strömenden  Regen  los,
und  nachdem  die  Geschütze  ihre  Arbeit  gethan,  entrissen  Bülows  und  Borstells
Bataillone  den  Franzosen  das  Dorf  Großbeeren.  Berlin  war  gerettet,  denn  ohne
Besinnen  machte  Oudinot  kehrt,  ging  auch  Davout  zurück.  Die  Gefechte,  zu  denen
        <pb n="668" />
        1813

30.  Aug.

6.  Sept.

 

Karl  Theodor  Körner.
Nach  der  Kreidezeichnung  von  Emma  Körner,
Schwester  Karl  Theodor  Körners.

zu  verlegen  im  Begriff  war.

Gadebusch.  —  Dresden.  —  Kulm.  —  Dennewit.

es  mit  seinen  Truppen  kam,  waren  unbedeutend,
  doch  ist  das,  welches  bei  Gadebusch
am  26.  August  stattfand,  durch  den  Tod
Theodor  Körners  —  dessen  heiße
Vaterlandslieder  sein  Vater  im  folgenden
Jahr  unter  dem  Titel  „Leyer  und
Schwerdt“  herausgab  —  bekannt  geblieben.
  Endlich  wurde  auch  das  von
Magdeburg  aufgebrochene  Korps  von  7000
Mann  auf  dem  Rückzuge  durch  die  Landwehren
  des  Generals  Hirschfeld  bei  Hagelberg
  festgehalten  und  bis  auf  1700  Mann
in  die  Pfanne  gehauen.

Während  so  die  Preußen  in  der
schlesischen  und  in  der  Nordarmee  herrliche
Erfolge  erfochten,  erlitt  die  Hauptarmee
durch  das  Ungeschick  der  österreichischen
Kriegführung  am  26.  August  bei  Dresden
durch  Napoleon  selbst  eine  furchtbare  Niederlage
  und  wurde  zu  einem  Rückzuge  genötigt,
der  trotz  der  Entfernung  Napoleons  in
zügellose  Flucht  auszuarten  schien,  als  Vandamme
  den  geschlagenen  Truppen  den  Weg

Doch  Prinz  Eugen  von  Württemberg  zersprengte

mit  den  Russen  glücklich  seine  Vorhut,  und  auf  Friedrich  Wilhelms  Drängen  hielten

die  russischen  Heere  bei  Kulm  am  nächsten  Tage

einem  doppelten  Angriff  stand.

Am  Morgen  des  30.  August  aber  griff  General
von  Kleist  mit  seinen  Preußen  nach  einem
schrecklichen  Nachtmarsch  von  den  Nollendorfer
Höhen  herunter  Vandamme  im  Rücken  an  und
vernichtete  sein  Heer  vollkommen.  100000  Franzosen,
  unter  ihnen  Vandamme  selbst  wurden
kriegsgefangen,  und  über  80  Geschütze  erbeutet.

Schlimmer  noch  erging  es  dem  Marschall

Ney,  den  abermals  Napoleon  mit  etwa  60  000.

Mann  ausgesandt,  die  preußische  Hauptstadt  vom
Erdboden  zu  vertilgen.  Bei  Jüterbog  ward  sein
Vortrupp  am  6.  September  von  Tauentzien
durch  ein  stundenlanges  Gefecht  aufgehalten,  und
indem  Bülow  dem  Marschall  in  die  linke  Flanke
fiel,  sodann  die  Sachsen  durch  Borstell  aus  Göhlsdorf
  herauswerfen  ließ  und  bis  Dennewitz  vordrang,
  zwang  er  die  französische  Armee  zum  Rückzuge,
  ja  zu  regelloser  Flucht.  Uebrigens  erschien
am  Schlusse  der  Schlacht  noch  der  gerühmte  Oberfeldherr
  Bernadotte  und  fand  dann  auch  nichts
weiter  zu  thun,  als  sich  den  Sieg  zuzuschreiben.

Leyer  und  Schwerdt

Theodor  Körner

ny

 

Gu##i#n  eschtaksze,  2in  kon  Vloter  des  Dee#e  ves.
Hallett  Juesbe.

Se#  Nlelldes  Gehesbteng.

Titelblatt  der  ersten  Ausgabe  von
Körners  „Leyer  und  Schwerdt".
Auf  lie  Hälfte  verkleinert.
        <pb n="669" />
        Verträge  von  Teplih  und  Ried.  525.

Wie  entsetzlich,  daß  neben  diesen  übermächtigen
  Erfolgen  des  preußischen  Schwertes
die  preußische  Diplomatie  nichts  als  Verluste
  und  Enttäuschungen  zu  verzeichnen  hatte!
Wohl  unterbreitete  Stein  noch  einmal  seine
Pläne  für  die  Neugestaltung  eines  einigen
Deutschlands  in  einer  Denkschrift  den  Herrschern,
  aber  selbst  Hardenbergs  dualistische,
für  Oesterreich  so  überaus  günstigen  Entwürfe
  fanden  nicht  den  Beifall  des  Fürsten
Metternich.  Im  Gegenteil  wurde  die  geradezu
  unglaubliche  Sorglosigkeit  und  Gutmütigkeit
  des  preußischen  Staatsmannes  von
der  Gewandtheit  seines  österreichischen  Kollegen
völlig  überholt.  Gerade  ohne  den  ihm  von
Männern  wie  Stein  so  bereitwillig  gebotenen
Prunk  der  deutschen  Kaiserkrone  gedachte
3  vielmehr,  durch  die  stärkste  Be-General  Emil  ul-!—iieim  von  Kleist
rücksichtigung  der  Wünsche  der  Mittelstaaten  vo
diese  an  das  Haus  Oesterreich  zu  fesseln  und  MMMMIHZFHEXEN-»HmSchel«
dadurch  einen  Einfluß  zu  üben,  der  zule

Oesterreich  eine  höhere  Macht  sichern  kadte,  als  es  zur  Zeit  der  alten  Reichs=  1813
herrlichkeit  gehabt.  Denn  „auf  solche  Weise“,  gestand  er  späterhin  selbst,  „gehört
  uns  Deutschland  noch  mehr  als  früher".  Der  Teplitzer  Vertrag  vom
9.  September  1813  zwischen  Rußland,  Oesterreich  und  Preußen  bestimmte  zwar  v.  Sep.
als  Ziel  des  Kampfes  die  Herstellung  des  Besitzstandes  von  1805,  behielt  aber
den  Einzelstaaten  die  volle  Souveränität  vor,  und  arglos  überließ  Hardenberg  dem
Oesterreicher  die  Verhandlungen  mit  den  süddeutschen  Staaten.  So  geschah  es,
daß  gleich  der  von  Metternich  zu  Ried  am  8.  Oktober  mit  Bayern  roresclossn  Olt.
Vertrag  diesem  Staate  nicht  nur  jede  Unterordnung  unter  eine  Zentralgewalt
sparte,  sondern  ihm  auch  die  von  Napoleon  entrissenen  Stammlande  des  hohenzollernschen
  Hauses  Ansbach-Bayreuth  beließ.  Weder  für  Metternich,  noch  für
den  bayerischen  Minister  Montgelas  hatte  der  tiefe  Unwille  Friedrich  Wilhelms
über  diese  eigenmächtige  Beraubung  seines  Hauses,  hatte  die  heftige  Erbitterung
der  Franken,  die  wieder  und  wieder  baten,  unter  den  Schutz  des  roten  Adlers
zurückgeführt  zu  werden,  eine  ausschlaggebende  Bedeutung.  Hatte  Metternich  doch
für  Oesterreich  Tirol,  hatte  Salzburg  und  das  Junviertel  wieder  gewonnen,  so
mochte  Preußen  denn  den,  einst  von  Friedrich  II.  für  Bayerns  Befreiung  erworbenen
  Preis  zahlen,  den  Bayern  hierfür  gefordert!  Hatte  Metternich  doch  den
Magnet  gefunden,  die  Mittelstaaten,  wie  das  Beispiel  Bayerns  vorbildlich  zeigte,
in  das  Kielwasser  Oesterreichs  zu  ziehen,  so  He  denn  Preußen  sehen,  wic  es
r-  eine  Einigung  des  Reiches  zu  stande  bringe!

Und  wie  der  österreichische  Staatsmann  an  der  Arbeit  war,  die  politischen
Erfolge  des  Kampfes  im  Keime  zu  ersticken,  so  schien  der  österreichische  Feldherr
die  Streitaxt  begraben  zu  haben.  Gegen  seinen  *  /*J*"  erhob  sie  Blücher  aufs
neue,  am  3.  Oktober  überschritt  er  bei  Wartenburg,  zwischen  Torgau  und  Wittenberg
  die  Elbe,  und  nachdem  Vorks  Krieger  mit  fast  unvergleichlichem  Heldenmut
        <pb n="670" />
        526  Leipzig.

 

 

——  =

Die  Gefangennahme  des  a  N  in  der  Schlacht  bei  Kulm,

Nach  der  Zelchnung  von  Johann  Adam  —  E  gestochen  von  Karl  Heinrich  Rahl  (1779—1843).
Auf  verkleinert.

le#8  die  Gegner  von  den  hohen  Dämmen  der  Elbe  blutig  zurückgeschlagen,  konnte  auch

S.  Okt.

die  Nordarmee  den  Uebergang  bewerkstelligen.  Nun  rückte  auch  die  böhmische
Armee  endlich  heran,  und  während  Napoleon  zunächst  Blücher  zur  Schlacht  zwingen
und  die  Nordarmee  durch  einen  Vorstoß  auf  Berlin  zum  Abzuge  nötigen  wollte,
entwich  ihm  Blücher  zu  seiner  Ueberraschung  über  die  Saale  und  ging  der  Schlacht
aus  dem  Wege.  Der  bedrohte  Besitz  Dresdens  nötigte  Napoleon  nunmehr,  sich
gegen  die  böhmische  Armee  zu  wenden.  Das  entsprach  auch  noch  immer  seinen
Plänen,  durch  Niederwerfung  der  einen  Armee  der  Verbündeten  zugleich  auch
die  beiden  anderen  zu  schwächen.  Vor  den  Thoren  Leipzigs  hoffte  er  —
denn  Blücher  glaubte  er  noch  bei  Merseburg  und  von  Bernadotte  fürchtete  er

nichts  —  sie  schnell  und  vollständig  zu  schlagen.  Bei  Wachau  griff  er  am
16.  Oktober  mit  seinen  121  000  Mann  die  hier  113000  Mann  starken  Verbündeten
  an.  Tod  und  Verderben  spieen  namentlich  seine  300  Geschütze  und
räumten  unter  dem  Kleistschen  und  Prinz  Eugenschen  Korps  entsetzlich  auf.  Schon
kam  ein  Augenblick,  da  Napoleon  in  Leipzig  Viktoria  läuten  ließ,  da  kamen  endlich
die  von  Schwarzenberg  in  die  Irre  geführten  österreichischen  Reserven  heran  und
stellten  die  Schlacht  wenigstens  wieder  her.  Nun  aber  konnte  der  Marschall
Marmont  auch  nicht,  wie  Napoleon  befohlen,  von  Möckern  her  entscheidend  eingreisen.
  Denn  zu  seiner  höchsten  Ueberraschung  erschien  plötzlich  Blücher,  hielt
ihn  fest,  ja  wagte  es  sogar,  die  sturmgewohnten  Scharen  Vorks  das  stark  befestigte
        <pb n="671" />
        Leipzig.  527

Möckern  angreifen  zu  lassen.  Wie  tapfer  sich  Marmont  auch  wehren  und  unter  1813
dem  Schutze  von  mehr  als  fünfzig  Kanonen  selbst  zum  Angriff  übergehen  mochte,  dem
Heldenzorne  dieser  Männer  gegenüber  vermochte  er  nichts.  Batterie  auf  Batterie
ward  genommen,  Möckern  erstürmt,  Marmont  bis  auf  eine  Stunde  vor  Leipzig
zurückgedrängt,  53  Geschütze  erobert,  2000  Gefangene  gemacht.  Furchtbar  griff  der
Ernst  des  Todes  die  Männer  an,  die  zu  Tausenden  ihre  Kameraden  als  Leichen
dahinsinken  sahen,  und  mahnte  an  die  ernste  Heiligkeit  des  Krieges.  Mit  Gebet
hatte  York  das  schier  Unmögliche  unternommen,  und  mit  Lobgesang  dankte  das
Heer,  wie  einst  nach  Leuthen,  dem  Herrn  der  Heerscharen,  der  ihm  den  Sieg
gegeben.

So  schrecklich  war  das  Ringen  gewesen,
  daß  am  folgenden  Tage,  am  17.,
allein  Blücher  zum  Kampfe  ausziehen  konnte
und  die  Franzosen  aus  Gohlis  und  Eutritzsch
im  Norden  der  Stadt  vertrieb.  Der
Imperator  versuchte  jetzt  sogar  Unterhandlungen
  anzuknüpfen  und  gab  abends  die  ersten
Befehle  zum  Rückzug.  Denn  gerade  die  Muße
des  Tages  ermöglichte  es  den  Verbündeten,
alle  ihre  Truppen  bis  255000  Mann
heranzuziehen,  denen  er  nur  160  000  Mann
entgegenzustellen  hatte.  Selbst  der  Kronprinz
  von  Schweden  kam  jetzt,  nachdem
Blücher  seine  Vorbedingung  erfüllt,  ihm
30  000  Mann  von  seinem  Heere  überlassen,
am  Nachmittage  des  18.  mit  der  Nordarmee
heran  und  stellte  die  immer  noch  fehlende
Verbindung  zwischen  den  beiden  anderen
Heeren  her.  Und  dies  war  von  der  aller-  ##.  r.  Wilhelm  Freiherr  von
größten  Bedeutung.  Denn  sechsmal  schon  W  Bülot  8  Graf  8  Denn  un  n
waren  wieder  die  Preußen  Kleists  und  die  Heb-  —
Russen  des  8  Eugen  Haupt-  i  W.  -*  3
stellung  Napoleons,  gegen  die  hohen  Mauern
von  Probsthaida,  das  in  eine  Festung  verwandelt  worden,  losgestürmt,  aber  vergeblich.
  Nun  trieben  Bülows  Preußen,  die  Bernadottes  Vorhut  bildeten,  die
Franzosen  aus  Paunsdorf,  aus  Sellerhausen,  Mölkau  und  Stüntz  hinaus,  drangen
bis  an  die  Thore  der  Stadt  vor,  und  die  Russen  unter  Langeron  verjagten  ebenso
die  Franzosen  aus  Schönefeld,  so  daß  nun  nicht  nur  der  linke  Flügel  Napoleons
durchbrochen,  sondern  zugleich  sein  Zentrum  in  Probsthaida  unhaltbar  geworden  war.

Während  wieder  die  Dankeslieder  der  verbündeten  Völker  gen  Himmel  stiegen,
mußte  Napoleon  noch  abends  den  Befehl  zum  Rückzuge  geben  und  konnte  in  der
That,  da  Schwarzenberg  ihm  nach  der  Politik  seines  Kaisers  goldene  Brücken  bante,
90000,  oder  noch  weit  mehr,  Franzosen  hinwegführen,  während  seine  deutschen,
polnischen  und  italienischen  Truppen  am  nächsten  Tage,  den  19.  die  Stadt  selbst  ver=  1..0#
teidigen  mußten.  Mit  estürmender  Hand  nahmen  sie  Bülows  und  Blüchers  Truppen.  Das

unter  dem  aus  einem  Beamten  zum  Major  gewordenen
Friccius  war,  das  Grimmais  che  Thor  durchbrechend,  das  erste  in  der  Stadt.  Nach-
        <pb n="672" />
        528  Leipzig.

 

Die  Schlacht  bei  Leipzig.
Nach  dem  Gemälde  von  Johann  Peler  **  1856)  gestochen  von  John  Scott  (1774—1828).
erkleineri.

*%

4  6ä  *  5b

Sir  Nodert  Willon,  Kön.  Großbrt.  Gen.-Leut.,  2.  Fürst  Wenzeslous  zu  Olchtensteln,  t  K.  eeft  Oberst-  Lent.,  3.  Frclherr

 

 

5  von  Langenau,  K.  K.  Orsterr.  Gen.-Masor,  4.  Werner  von  Trapp,  K.  K.  Oesierr.  -kosor,  53.  Graf  Karl  von  Shussure.
K.  K.  Oesterr.  ener  9n  0  Seer  Karl  von  Schorsaastte  stein-Psell,  K.  K.  Oesserr.  N/  zersster.  7.  de  Wernhardt,  K.  K.  Oesterr.
Oberli  keun  6  l  as  K.  Oesic#.  Oberleut.,  v.  Graf  Joseph  von  Sep  l  etwas-malt  ,
to  Gral  1  Joy  8  #n  .  K.  n  r  Oberst-Leut.,  in.  sinrst  Karl  von  Schwarze-  ekterr.  Feldmarscho
Graf  Karl  von  Snn  nib.  .  K.  Oesterr.  er  12.  Alexander  1.  Kaller  e  —n  11.  Frank  1.  Kalser  s
*2□,  elch,  15.  GBricdrich  .  —  III.  in  von  10.  Chorles  Wllliom  Stewart,  K.  V.  Kön.  Grohorlt.  Gen.-Lut.,
sireihert  don  ese  8  8  asor,  is  ntll  von  3  Kals.  Nu  Allon  Oen.-Leut.,  10.  Graf  Erust  von
67  lsieln  #  —  Oberkt-Lent.,  20.  Freiherr  von  Kuefebeck,  Kön.  Prcuß.  Gen.,  Masor,  21.  Gras  von  Oworot,

-  Oen.  der  Unmut-le  "Nlugohsastoea  Kutsche-s  Illkckflekk  bheldmarscholl.  -Lent.

mittags  zogen  die  verbündeten  Monarchen  in  Leipzig  ein,  entblößten  Hauptes  von
dem  unseligen  König  Friedrich  August  begrüßt,  der  bis  zuletzt  an  dem  Schergen
der  deutschen  Freiheit  festgehalten  und  nun  als  Kriegsgefangener  abgeführt  wurde.

Wohl  hatte  diese  Riesenschlacht  Opfer  hüben  und  drüben  ohnegleichen  gekostet,
  an  80000  Mann  lagen  tot  oder  —  in  diesem  Falle  noch  schlimmer  —
verwundet  auf  der  Wahlstätte.  Denn  alle  ärztliche  Kunst,  alle  Liebesthätigkeit
scheiterte  an  den  Grenzen  der  menschlichen  K  Kraft.  Und  als  die  Elsterbrücke  wahrscheinlich
  durch  einen  Franzosen  selbst  gesprengt  war,  ertranken  noch  Tausende,  die
        <pb n="673" />
        Leipzig.  529

 

Einzug  der  Verbündeten  durch  das  Grimmaische  Thor  in  Leipzig.
Nach  der  Zeichnung  des  Augenzeugen  Christion  Gottfried  Geißlec  (geb.  1770)  gestochen  von  #ss  Gottlieb
Böttger  (1793  —1825).
Links  vom  Grimmatschen  Thor  die  Paullnerkirche.

dem  Schwerte  zu  entkommen  Si  unter  ihnen  der  Fürst  Poniatowsky.  Aber
aus  dem  Blute,  mit  dem  die  Tapferen  die  Fesst  Leipzigs  —  ging  die
Freiheit  des  ganzen  deutschen  Volkes  auf,  und  die  Edlen,  deren  Gebeine  dort
bleichten,  haben,  indem  sie  ihre  Augen  schlossen,  den  ersten  Versuch  gemacht,  die
Thore  der  deutschen  Macht  und  Einigkeit  zu  öffnen.

as  waren  das  für  zwei  Monate,  die  jetzt  dahingegangen!  Selbst  die
preußische  Kriegsgeschichte  hatte  eine  solche  Fülle  von  Heldensinn  und  Heldenkraft,
von  Schlachten  und  Siegen  noch  nicht  aufzuweisen.  Wie  ist  es  so  wahr  und  zutreffend,
  wenn  E.  M.  Arndt  die  richtige  Anerkennung  für  die  tapfern  Preußen
nur  in  den  Denkmälern  sehen  will,  die  in  ihren  Herzen  alle  Deutschen  ihnen
erbauen  müßten,  Denkmäler,  die  keine  Zeit  zerstören  könne.  Als  rechte  Krieger
Gottes  hätten  sie  sich  bewährt  und  dem  ganzen  deutschen  Volke  seien  sie  nicht  allein
die  Anführer  der  Freiheit,  sondern  auch  ein  Muster  der  Tapferkeit,  Zucht,  Bescheidenheit
  und  Menschlichkeit  geworden.  In  Wirklichkeit  war  ja,  da  Napoleon  das  ihm
von  dem  bayerischen  General  Wrede  bei  Hanau  bereitete  Hindernis  leicht  aus  dem
Wege  räumte,  und  obwohl  das  große  Hauptquartier,  ohne  irgend  dazu  genötigt
zu  sein,  ihn  über  den  Rhein  entkommen  ließ,  das  ganze  Deutschland  frei  bis  zum
Rhein.  Und  schon  mochte  manch  Kleinmütiger  glauben,  damit  sei  der  Zweck  des
hganzen  Krieges  erreicht,  während  alle  Errungenschaften  doch  noch  gänglic  unge-Verner,

  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="674" />
        1813

1814

530  Rheinbundstaaten.  —  Fall  der  Festungen.  —  Biüllows  Zug.  —  Rheinübergang.

sichert  waren.  Ja  während  über  die  Flucht  des  endlich  besiegten  Schlachtenfürsten
mancher  im  Grunde  sehr  harmlose  Spott  in  Deutschland  laut  wurde,  wagte  es
der  französische  Kommandant  von  Glogaun  im  Rücken  der  verbündeten  Heere,
wie  er  schon  nach  der  Schlacht  von  Großgörschen  gethan,  seinen  Soldaten  einen
großen  Sieg  Napoleons  bei  Leipzig  vorzulügen.  Dagegen  schlossen  sich  jetzt  wohl
oder  übel  auch  die  Rheinbundstaaten  den  Verbündeten  an.  Wenn  auch  manche
ihrer  Fürsten  nur  unter  dem  Druck  der  preußischen  Siege  also  handelten  und
entrüstet  von  Frankfurt,  wo  die  Monarchen  weilten,  zurückkehrten,  weil  ihnen  kein
neuer  Ländergewinn  zugefallen,  wenn  ferner  auch  die  gehoffte  Erhebung  der  befreiten
  Völker  gar  nicht  oder  nur  in  sehr  bescheidenem  Maße  in  Erfüllung  ging,
wenn  endlich  auch  Metternich  Napolecon  einen  Frieden  bot,  der  ihm  nicht  nur  die
Pyrenäen  und  Alpen,  sondern  auch  den  Rhein  als  Grenze  zusicherte  —  so  herrschte
unter  den  preußischen  Patrioten  darüber  doch  kein  Zweifel  mehr,  daß  eher  nicht  der
blutige  Streit  beendet  werden  dürfe,  als  bis  nach  Arndts  Worten  „die  uralten  Grenzen
unfres  Volkes  bis  zu  der  Schelde  und  den  Ardennen  von  Dünkirchen  bis  Basel  hinauf
wieder  gewonnen  würden".  Mehr  und  mehr  brach  sich  der  Gedanke  rc,  „daß
alle  Teutschen  von  Natur  Brüder  sind  und  Kinder  eines  Volkes,  die  einander
lieben  und  ehren  und  gegen  fremde  Tyrannei  einmütiglich  und  trotziglich  alle  für
Einen  Mann  stehen  sollen".  Die  unselige  Zwietracht  müsse,  so  fährt  Arndt  fort,

vertilgt,  aller  Groll  und  Hader  vergessen  und  mit  Liebe  zugedeckt  werden.

Wie  ein  Abscheu  und  ein  Gräuel  müsse  angesehen  werden,  wer  die  einen  Teutschen
gegen  die  anderen  entzweien  und  jene  Zwiespalte  wieder  herbeiführen  wolle,  wodurch
  wir  in  diesen  jüngsten  Tagen  so  elend  geworden.

Wenigstens  eine  Hoffnung  erfüllte  sich.  Der  Krieg  wurde  fortgesetzt,  und
von  den  Festungen  im  Osten  fielen  Danzig,  Thorn,  Torgau,  Dresden  und  Wittenberg
  in  die  Hände  der  Verbündeten.  Noch  war  man  zwar  weit  davon  entfernt,
etwa  gerades  Weges  nach  Paris  zu  marschieren,  im  Gegenteil  konnte  es  nun  nicht
fehlen,  daß  die  verschiedenen  Interessen  der  Verbündeten  zur  Geltung  zu  kommen
suchten.  Zuletzt  entschloß  man  sich  doch  den  Rhein  zu  überschreiten.  Wegen  der
österreichischen  Absichten  auf  die  italienischen  Länder  und  mit  Bezug  auf  die
Schweiz  sollte  die  große  Armee  allerdings  —  man  begreift  es  kaum  —  in  der
Schweiz  den  Uebergang  bewerkstelligen.  Nur  mit  Mühe  erreichte  Blücher  für  sich
die  Erlaubnis,  am  Mittelrhein  sein  Heer  hinüberzuführen,  während  Bülow  —
der  nach  dem  Abzug  Bernadottes  gegen  Dänemark  freie  Hand  hatte  und  im  nordwestlichen
  Deutschland  mit  Jubel  empfangen  war  —  über  den  Niederrhein  gehen
sollte.  Erstaunlich  schnell  eroberte  er,  bis  auf  Antwerpen,  das  Carnot  hielt,  die
holländischen  Festungen,  und  wieder  einmal  befreite  Preußen  die  Niederlande  vom
französischen  Joche.  Wieder  einmal  aber  sollte  dies  nur  geschehen  sein,  um  den
englischen  Einfluß  auf  die  Mündungsländer  des  Rheins  festzulegen.

Im  Dezember  hatten  die  Verbündeten  den  Franzosen  ihren  Einmarsch  in
das  Land  verkündet,  ihnen  zugleich  aber  in  fast  unbegreiflicher  Verblendung  jegliche
  Schonung,  zarteste  Behandlung,  selbst  den  vollen  Gebietsumfang  zugesagt.
In  der  Neujahrsnacht  von  1814  überschritt  Blücher  bei  Kaub  den  Rhein,  und
das  donnernde  Hurrah  seiner  Truppen  trug  auch  den  Deutschen  jenseits  die  frohe
Botschaft  zu,  die  E.  M.  Arndt  in  zündender  Schrift  verkündete,  daß  „der  Rhein
Deutschlands  Strom,  nicht  Deutschlands  Grenze“  sei.  Unangefochten  zog  Blücher
durch  Lothringen  über  Saar,  Mosel,  Maas  und  Marne  bis  nach  Brienne  an  der
        <pb n="675" />
        Oesterreichs  Pläne.  —  Chatillon:  —  La  Rothiere.  —  Blüchers  Niederlage.  531

Aube.  Nimmermehr  hätte  Napoleon  mit  seinen  soeben  aufgelesenen  Truppen  den  1814
Marsch  nach  Paris  hindern  können,  denn  auch  Schwarzenberg  war  mittlerweile

mit  der  großen  Armee  auf  dem  Plateau  von  Langres  angelangt.  Aber  nun
brachen  sich  die  feindlichen  Strömungen  im  österreichischen  Hauptquartier  mit
größerer  Gewalt  Bahn.  Metternich  war,  wie  er  dies  nach  der  Schlacht  von
Leipzig  offen  aussprach,  weder  gesonnen,  an  Preußen  das  eroberte  Sachsen  zu
überlassen,  noch  fühlte  er  Neigung,  ihm  das  linke  Rheinufer  zu  sichern.  Unmiöglich
  aber  schien  es  doch,  den  Preußen,  wenn  sie  fortfuhren,  so  ausgiebig  zu
siegen,  diesen  Preis  vorzuenthalten.  Bisher  hatte  er  gar  klüglich  das  Vertrauen

des  arglosen  Hardenberg  hingehalten,  so  daß  diesem  an  dem  guten  Willen  Oesterreichs
  noch  immer  kein  Zweifel  aufsteigen  wollte.  Am  wenigsten  aber  dachte
Metternich  die,  wenn  auch  sorgsam  verschwiegenen,  so  doch  mit  Sicherheit  erwarteten,
  polnischen  Pläne  des  Zaren  zur  Ausführung  kommen  oder  gar  dem
Zaren  bestimmenden  Einfluß  in  Frankreich  gewinnen  zu  lassen.  Das  aber  stand

#nit  Sicherheit  in  Aussicht,  wenn  der  Krieg  bis  zur  Absetzung  Napoleons  getrieben,

und  in  Frankreich  eine  neue,  gleichviel  welche,  Regierung  eingesetzt  wurde.  Eben
deshalb  setzte  Oesterreich  dem  von  den  Preußen  so  heiß  begehrten  Marsch  nach
Paris  einen  ebenso  zähen  wie  nachhaltigen  Widerstand  entgegen.  Der  Fortsetzung

des  Kampfes  konnte  es  sich  nun  freilich  nicht  wohl  entziehen,  aber  es  bewog  doch

auch  Preußen  und  Rußland  ihre  Vertreter  nach  Chatillon  zur  Friedensverhandlung

mit  Napoleon  auf  Grundlage  des  Besitzstandes  von  1792  zu  senden.  Als  nun
aber  Blücher  nach  einem  Gefecht  bei  Brienne  dem  Imperator  am  1.  Februar  bei  1.  Febr.
La  Rothiere  auf  französischem  Boden,  obwohl  Schwarzenberg  nach  allem  Drängen

nur  eine  mäßige  Zahl  seiner  Truppen  ihm  unterstellt  hatte,  eine  volle  Niederlage

  beigebracht  hatte,  da  schien  dem
Kaiser  Franz  der  Sieg  der  Preußen
doch  gar  zu  umfassend  zu  werden.
So  übte  man  denn  einen  kleinen
Verrat,  indem  man  Blüchers  linke
Flanke  entblößen,  das  Hauptheer
nicht  weiter  marschieren  ließ.  Nunmehr
  vermochte  Napoleon  den  preußischen
  Helden  vom  10.  bis  14.  Februar
  eine  Reihe  von  glücklichen  Gefechten
  zu  liefern,  die  in  ihrer  Gesamtheit
  um  so  mehr  eine  schlimme
Niederlage  bildeten,  als  Schwarzenberg
  in  seinen  Friedenswünschen  die
für  ihn  San  Gelegenheit  nicht
benutzte.  Bei  Etoges  entgingen  die
preußischen  Heerführer  sogar  nur  mit
Not  der  Gefangenschaft  oder  dem
Tode.  Aber  Kaiser  Franz  und  Metternich
  hatten  ihr  Ziel  erreicht.  —  —
Napoleons  Thron  stand  wieder  so  fest  „Der  Nheinisch  Sblid  auf  den
wie  zuvor,  und  die  Preußen  mußten  Napole

auf  dem  Friedenskongreß  etwas  klein  -  ¶  Aolorierte  *3*3  Pin  i##n

 

34
        <pb n="676" />
        532  Vereinigung  Blüchers  mit  Bülow.  —  Laon.  —  Arcis  fur  Aube.  —  Paris.

IS#  lauter  auftreten.  Natürlich  aber  forderte  Schwarzenberg,  als  er  selbst  bei
Montereau  von  Napoleon  besiegt  war,  unbedenklich  die  preußische  Hilfe,  und
schon  am  21.  war  Blüchers  Armee  soweit  wieder  hergestellt,  daß  er  sich  mit  der
Hanptarmer  vereinigen  konnte.  Doch  führte  weder  der  nun  wieder  auflohende  Uebermut
  Napoleons  auf  dem  Friedenskongreß  zum  Ziele,  noch  konnte  sich  Schwarzen-.
berg  zu  der  von  seiner  großen  Uebermacht  erwarteten  Schlacht  entschließen.

Da  bat  Blücher  auf  Grolmanns  Rat  um  die  Erlaubnis,  sich  wieder  von  der
Hauptarmee  trennen  und  endlich,  nachdem  er  sich  mit  dem  von  Belgien  —
rückenden  Bülow  vereinigt  habe,  nach  Paris  marschieren  zu  dürfen.  Auch  Bülow
erließ  bei  seinem  Einmarsch  in  Frankreich  eine  Bekanntmachung,  welche  den
Franzosen  das  freundschaftlichste  Entgegenkommen,  die  volle  Wahrung  ihrer  Grenzen
zusagte,  denn  nur  der  Herrschaft  des  Tyrannen  gelte  der  Krieg.  Und  während
Blücher,  noch  ehe  Friedrich  Wilhelm  die  Erlaubnis  ihm  erwirkt,  sich  in  Bewegung
setzte  und  Napoleon  selbst  nach  sich  zog,  zwang  der  König  den  österreichischen  Ober-27.

  Febr.  feldhderrn  am  27.  Februar,  ein  von  Napoleon  zurückgelassenes  kleines  Korps  unter
Ondinot  anzugreifen  und  zu  besiegen.  Es  war  jenes  Gefecht  bei  Bar  sur  Aube,  das
seitdem  durch  den  mutigen  Adiutantenritt  des  jungen  Prinzen  Wilhelm  von  Preußen

 

und  Boyen  hielten  jetzt  aus  strategischen  wie  politschen  Gründen  eine  defensive  Haltung.

für  angemessen  —  vor  dem  nachrückenden  Napoleon  zunächst  wieder  ausgewichen,

#.  Pärz  hatte  sich  bei  Soissons  mit  Bülow  vereinigt,  am  9.  März  bei  Laon  mit  Napoleon

auf  Tod  und  Leben  gerungen  und  ihn  durch  das  schauerliche  von  York  und  Kleist

geleitete  Nachtgefecht  im  Dorfe  Athis  so  völlig  geschlagen,  daß  ihn  nur  die  Erkrankung

  des  Feldmarschalls  und  der  Widerwille  der  preußischen  Generale  gegen

den  jüngeren  Gneisenau  und  seine  Anordnungen  vor  der  Vernichtung  erretteten.

Nun  aber  hatte  der  Starrsinn  des  Imperators  doch  selbst  die  Politik  seines

kaiserlichen  Schwiegervaters  umgestimmt,  und  am  2.  März  war  es  zu  Chaumont

zu  einer  Erneuerung  des  großen  Bundes  auf  zwanzig  Jahre  gekommen,  der  neben

der  Unabhängigkeit  Spaniens,  Italiens  und  der  Niederlande  doch  auch  „eine

föderative  Einigung“  Deutschlands  in  Aussicht  stellte.  Als  nun  gar  Napoleon

mit  der  Forderung  des  italienischen  Königsthrones  für  seinen  Stiefsohn  dem  Kaiser

Franz  geradezu  ins  Gesicht  schlug,  da  verstand  sich  auch  Oesterreich  endlich  dazu,

vom  Diplomatentisch  sich  wieder  auf  das  Schlachtseld  zu  begeben.  Ja,  nach  einem  mit

20.  Mär3.  breifacher  Uebermacht  über  Napoleon  glücklich  errungenen  Sieg  bei  Arcis  fur  Aube

(20.  März)  wurde  wirklich  der  Marsch  nach  Paris  beschlossen.  Und,  wunderbar

genug,  hielt  man  an  diesem  Entschluß  auch  fest,  als  Napoleon  durch  einen  Zug

in  den  Rücken  der  Verbündeten  diese  zur  Umkehr  an  den  Rhein  veranlassen  wollte.

Ein  kleines  Korps  vielmehr  nur  ließ  man  zurück,  um  ihn  selbst  über  den  Marsch

der  Verbündeten  nach  dem  Seine-Babel  zu  täuschen.  Ungehindert  kam  man,  nachdem

25.  marz  bei  La  Fere  Champenoise  am  25.  März  eine  französische  Division  niedergemacht

war,  bis  in  die  Nähe  der  Stadt.  Der  Widerstand,  den  hier  in  Pantin,  auf  dem

Pere  la  Chaise  und  auf  dem  Montmartre  zwei  französische  Marschälle  leisteten,

führte  am  30.  März  zu  einem  blutigen,  aber  völlig  nuhlosen  Kampfe.  Am  späten

Nachmittag  kapitulierte  die  Stadt  Paris;  am  folgendem  Tage,  den

31.  März,  hielten  Friedrich  Wilhelm,  der  Zar  und  Schwarzenberg  ihren  feier-Sl.

  Mar  lichen  Einzug  in  die  Stadt,  in  deren  Mitte  seit  Jahrhunderten  dem  deutschen.
Vaterlande  beinahe  nur  Schande  und  Fluch,  Tod  und  Verderben  geplant  war.
        <pb n="677" />
        Einzug  der  verbündeten  in  Daris  am  51.  März

1814.
Nach  der  Zeichuung  von  Ultich  Wolf  (1772  -  1832)  gestochen  von  Johann  eitteish  Jugel  (arbeitete  am  Ende  des
und  am  Anfang  des  19.  Jahrh.).  Ausf  3/s0  verkleinert.
        <pb n="678" />
        Napoleons  Abdankung.

 

Uebergabe  der  Stadt  Paris  an  die  verbündeten  Monarchen,  am  31.  Nä  1814.
orierte  Radierung  eines  unbekannten  Künstlers,  auf  /8  verlleinert.

Jetzt  zeigte  sich,  wie  zutreffend  es  war,  daß  die  preußischen  Heerführer  schon
frühzeitig  zum  Marsch  nach  Paris  gedrängt  hatten.

in  der  That  zu  Ende.

Denn  nun  war  der  Kampf

Die  französische  Nation  sagte  sich  los  von  ihrem  Kaiser,
feierte  die  verbindeten  Monarchen  als  Friedensengel.

Am  2.  April  sprach

auf  Talleyrands  Betreiben  der  Senat  die  Absetzung  Napoleons  aus,  und  selbst
die  Marschälle  weigerten  ihrem  Kriegsherrn,  als  er  einen  Versuch  zum  Entsatze

von  Paris  machen  wollte,  die  Heeresfolge.
un

 

Fünfs.  Frank.  Stück,  geprägt  im  April
1814  2  bet  btue  Fnw6
Friedrich  W  -aris.
In  Eoite  ö66  3.  es  Kel.  W##zkable
  ao  4  8  n.

Am  10.
ein  Geschlecht  auf
den  französischen  Thron
und  wurde  trotz  des  preußischen

  Widerspruches  mit
einer  Jahresrente  und  dein.

Recht  der  Souveränität
nach  Elba  verwiesen.  Indem
  man  aber  nach  einem

übe

niemand  sonst  als  die
Bourbonen  vorhanden  war.
Inder  That  bestieg,  obwohl

April  verzichtete  er  für  sich

 

Füns-  Frank.  Stück,  “.  im  April

1814  Sengtöit  v6  eudes  8

ien  Größe  des  Euhesen  38  2  A  ·
I  ta  54  zu  7  l
        <pb n="679" />
        Friede  von  Paris.  535

allein  England  für  sie  eine  Neigung  äußerte,  Ludwig  XVIII.  den  Thron  seiner  114
Väter,  und  mit  ihm  schlossen  die  Verbündeten  am  30.  Mai  zu  Paris  den  #0o.  Wei
Frieden,  der  die  Grenze  von  1792  für  Frankreich  festsetzte.  Das  zärtliche  Entgegenkommen,
  welches  Rußland,  Oesterreich  und  England  dem  französischen  Staate
wie  bei  dem  Einmarsch  in  Frankreich  so  auch  jetzt  erwicsen,  und  welches  wohl
der  Gefühlseligkeit  schwärmender  Gemüter,  aber  nicht  einer  staatsmännischen  Gesinnung
  entsprach,  beließ  Elsaß  und  Lothringen  einschließlich  der  erst  1798  eroberten
  Teile  dem  Staate  der  Bourbonen  —  gegen  welche  man  ja  den  Krieg
gar  nicht  geführt  habe  —  und  erließ  ihm  sogar  die  Bezahlung  nicht  nur  der
Kriegskosten,  sondern  auch  der  an  Preußen  aus  dem  Kriege  von  1812  ganz
unbestreitbar  schuldigen  169  Millionen  Thaler.
war  nun  Friede,  aber  ein  Friede,  der  durchaus  nicht  den  Erwartungen
der  Nation  entsprach.  Im  Gegenteil,  Frankreich  war  machtvoller  als  selbst  zu
den  Zeiten  Ludwigs  XIV.  Ueber  der  Freude  an  der  Befreiung  achtete  man  auch
im  Volke  freilich  nicht  allzuviel  der  ungenügenden  Bestimmungen.  Man  war  ja  zu
seelensfroh,  daß  das  große  Werk  geglückt  war,  der  heilige  Krieg  zum  Siege  !i
hatte.  „Was  Patrioten  träumten  und  Egeisten  belächelten,  ist  geschehen",  rief
frohlockend  Gneisenau,  und  selbst  ein  Franzose,  Benjamin  Constant,  gestand  später
in  voller  Würdigung  des  Fluches,  den  Napoleon  durch  seine  Landsleute  über  die
Welt  geschleudert,  „die  Preußen  haben  das  menschliche  Antlitz  wieder  zu  Ehren
ebracht!“  Wie  jubelte  man  in  Berlin,  daß  man  den  Degen  Friedrichs  wieder
hart,  und  die  Sdrig  wieder  das  Brandenburger  Thor  schmückte!  —
Noch  aber  wartete  eine  große  Aufgabe,  die  Neuordnung  Europas,  der  Erledigung.
  In  zwei  Monaten  sollte  deshalb  ein  Kongreß  in  Wien  zusammentreten
—  ein  Termin,  der  dann  bis  in  den  November  verschoben  werden  mußte.  Indessen
  das  war  jetzt  schon  so  gut  wie  ausgemacht,  daß  keine  der  Mächte  dem
Staate  den  Preis  des  Sieges  gönnen  werde,  welcher  nicht  nur  lange  Zeit  die
ganze  Last  des  Krieges  allein  getragen,  sondern  der  auch  weitaus  das  meiste  zu
seiner  herrlichen  Vollendung  gethan.  Wieder  einmal  bestimmte  der  alte  Neid
Europas  gegen  diesen  Staat  der  Arbeit,  der  Kraft  und  der  Idee  das  Schicksal
Preußens.  Hardenberg  unterließ  es,  sich  eng  an  den  Kaiser  Alexander,  der  für
seine  polnischen  Pläne  die  Entschädigung  Preußens  betreiben  muße,  anzuschließen,
blieb  der  getreue  Freund  Metternichs  und  des  englischen  Ministers  Castlereagh,
die  doch  alles  aufboten,  sowohl  die  deutschen  Pläne  der  preußischen  Patrioten  zu
Falle  zu  bringen,  als  auch  die  eigenen  Interessen  Preußens  zu  verletzen.  Schon
war  zu  Gunsten  des  neuen  Hollands  die  preußische  Westgrenze  erheblich  beschnitten,
waren  die  deutschen  Landschaften  Limburg,  Luxemburg,  Lüttich  mit  der  Maas
dahingegeben,  schon  war  alich  der  Verlust  von  Mainz  für  Preußen  vorauszusehen,
und  damit  eine  wirksame  Verteidigung  des  Westens  unmöglich  gemacht.  Und
das,  obwohl  Gneisenau  doch  eher  zu  neuem  Kriege,  als  zur  Aufgabe  von  Jülich
und  Mainz  geraten  hatte!  Gewiß  aber  wurde  der  Anspruch  auf  Sachsen  aufs
heftigste  bestritten,  war  ohne  russische  Förderung  undurchführbar.
So  verharrte  die  auswärtige  Politik  Preußens  lange  in  unbehaglicher  Schwebe.
Um  so  angestrengter  war  die  Arbeit  für  die  innere  Politik,  die  jetzt  von  Bülow
(Finanzen),  von  Schuckmann  (Inneres),  Fürsten  von  Wittgenstein  (Polizei),  von
Boyen  (Militärsachen)  unter  Hardenberg  im  Ganzen  doch  vortrefflich  geleitet  wurde.
Nach  dem  Friedensschluß  war  Friedrich  Wilhelm  mit  dem  Zaren  der  Einladung  des
        <pb n="680" />
        1.  Kalser  Franz  I.  2.  Kaller  Alexander  1.  3.  König  Friedrich  Wilhelm  III.  4.  Wenten  5.  Prinz  Wilhelm

von  Württemberg.  6.  Karl  LeO  7.  Großfürst  Konstantin.  8.  Tauenpien.  v.  Balow.  10.  Schwarzenberg

Uu.  Wlligenkeln.  ½  #  ücher.  13.  Prinz  Withelm  von  Preußen.  14.  FaéZ  16.  Prinz  Mus  von  Preuhen.

6.  Blatow.  17.  Ftei  Sell  Tschernischew.  109.  Wrede.  20.  Barrloy  de  Tolly.  21.  Aleist.  22.  Vork.
23.  Winzingerobe.  24.  .  In  den  Wolten  die  i.  S.  1818  verslorbentn  Mortau  und  2
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        —

OCBOBOABMTE  UI  EBPOoIIb  Di  BEran  Ecnons

1
–.———  s3  —  44
        <pb n="682" />
        1814

3.  Sepr.

2.  Nov.

538  Gesetz  über  die  allgemeine  Wehrpflicht.  —  Wiener  Kongreß.

Prinzregenten  von  England  gefolgt  und  hatte  in  London  jenen  Besuch  abgestattet,  von
dem  man  weiß,  daß  die  Begeisterung  John  Bulls  für  Gneisenau  und  Blücher  den
Marschall  „Vorwärts“  fast  wie  einen  Messias  feierte,  gerade  so,  wie  in  den  Zeiten
Friedrich  Wilhelms  I.  einmal  das  preußische  Bündnis  als  das  Evangelium  des  Tages,
und  in  der  Roßbacher  Zeit  König  Friedrich  als  der  Retter  der  Staaten  und  Gewissen
gepriesen  wurde.  Am  6.  Angust  war  der  König  nach  Berlin  zurückgekehrt  und
alsbald  that  er  für  die  innere  Entwickelung  Preußens  den  bedeutsamsten  Schritt.
Aus  wirtschaftlichen  Gründen  hatten  die  am  9.  Februar  1813  für  die  Dauer
des  Krieges  aufgehobenen  Ausnahmen  von  der  Dienstpflicht  am  27.  Mai  1814
wieder  zugelassen  werden  müssen.  Jetzt  berief  der  König  Gneisenau,  den  neuen
Kriegsminister  von  Boyen,  den  Reorganisator  des  Generalstabes  von  Grolmann
und  Hardenberg  zu  einer  Kommission,  und  diese  arbeitete  nuun  das  Gesetz  vom
3.  September  1814  „über  die  Verpflichtung  zum  Kriegsdienste“  aus.  Man  sieht
nicht  nur  das  Spiegelbild  der  letzten  Jahre,  sondern  man  meint  die  Grundzüge
des  preußischen  Staates  zu  erkennen,  wenn  man  den  Aufang  des  Gesetzes  liest:
„Die  allgemeine  Anstrengung  Unseres  treuen  Volkes  ohne  Ausnahme  und  Unterschied
  hat  in  dem  so  eben  glücklich  beendeten  Kriege  die  Befreiung  des  Vaterlandes
bewirkt;  nur  auf  solchem  Wege  ist  die  Behauptung  dieser  Freiheit  zu  sichern.
Die  Einrichtungen,  die  diesen  glücklichen  Erfolg  hervorgebracht,  sollen  die  Grundgesete
  der  Kriegsverfassung  des  Staates  bilden  und  als  Grundlage  für  alle
Kriegseinrichtungen  dienen.  Denn  in  einer  gesetzmäßig  geordneten  Bewaffnung
der  Nation  liegt  die  sicherste  Bürgschaft  für  einen  daueruden  Frieden“.  -
horsts  Werk,  die  Arbeiten  Gneisenaus,  Boyens  und  Grolmanns  waren  dadurch  fü
immer  der  Nation  gesichert,  und  die  allgemeine  und  ausnahmslose  Diensuolcht
war  als  der  wahre  rocher  de  bronze  unseres  Staates  für  alle  Zeiten  stabiliert.
Wohl  hat  man  neuerdings  in  hohem  Gedankensluge  diese  gewaltige  Schöpfung,
in  welcher  der  historische  Sinn  Scharnhorsts  die  gereinigte  Fortentwichlung  der
Pläne  Friedrich  Wilhelms  I.  erkannte,  mit  jener  That  des  sechzehnten  Jahrhunderts
  auf  eine  Stufe  gestellt,  die  das  Verhältnis  des  Erdenbürgers  zum
himmlischen  Vaterlande  bestimmt.  Und  ohne  Zweifel  ist  die  allgemeine  Wehrpflicht,
  die  Beseitigung  eines  zum  guten  Teil  aus  Vagabunden  bestehenden  Heeres
und  die  Schaffung  eines  aus  sittlichen  und  gebildeten,  aus  allen  Staatsbürgern
bestehenden  Heeres  von  der  durchgreifendsten  Bedeutung  für  die  Entwickelung  nicht
nur  Preußens,  sondern  aller  Staaten  Europas  gewesen.  Schlechterdings  hat  keine
Reform  der  letzten  Jahrhunderte  so  einschneidend  und  so  bestimmend  auf  die
Geschicke  aller  Völker  gewirkt,  wie  dieser  rein  sittliche,  rein  ideale  Gedanke,  und
in  dem  beluchteten  Preußen  ist  er  geboren!

In  der  Mitte  September  fanden  auch  die  ersten  vorbereitenden  Beratungen
der  Minister  der  vier  Großmächte  in  Wien  statt,  aber  erst  am  2.  November
wurde  der  Kongreß  in  Wien  thatsächlich  eröffnet,  der  nun  sowohl  die  neue
Gestaltung  der  Staaten  Europas  als  die  Verfassung  desjenigen  Gebietes  regeln

sollte,  welches  man  das  deutsche  Vaterland  noch  immer  nur  nannte.  Man  weiß

zur  Genüge,  wie  auf  diesem  Kongreß  ein  buntes  Völkergewimmel  von  Berufenen
und  Unberufenen  sich  einfand,  man  weiß,  daß  die  Erledigung  der  Geschäfte  nicht
selten  mehr  bei  Festlichkeiten  in  den  Prunkgemächern  der  vornehmen  Gesellschaft  durch
Intriguen,  als  durch  die  ernste  Arbeit  der  Staatsmänner  am  grünen  Tische  stattfand.
Wochen  und  Wochen  vergingen,  ohne  daß  man  zu  Resultaten  kommen  konnte.
        <pb n="683" />
        ——

/0

22
Erläuterungsblatt  zu  dem  na

22
chstehenden  Bilde:
„Der  Wiener  Nongreß“.
1.  Wellington  (Englanb):  2.  Lobo  (Vortugol);  3.  Saldana  (Vortugal);,  4.  Cöwenhielm  (Schweden);  56.  Noailles  (Frankreich);  6.
7.  Dupin  (Frankreich);  8.  Nesselrode  (Rußland);  9.  Palmella  (Vortugal);  10.  Castelreag  (England);  11.  Dalberg  (Frankre
13.  Rasumowsty.  (Rußland),  14.  Stewart  (England),  15.  Labrador  (Spanken);  16.  Clancorty  (Englant
20.  Catheart  (England);  21.  Hardenberg  (Preußen)

 

Mekternch  (Oherreich);
eich);  12.  Weslenberg  (Osterreich);

d);  17.  Wacken;  18.  Gend;  19.  Humboldt  (Preußen)
22.  Tallenrand  (Frankreich),  23.  Stackelberg  (Rußland).
        <pb n="684" />
        <pb n="685" />
        <pb n="686" />
        Der  Wiene!
Noch  der  Zeichnung  von  Johann  Bapiist  Ilabey  (1757—1855)  I.  J.  13195

Derner,  Gesch,  d.  Prcuß.  Staates.  2.  Aufl.
        <pb n="687" />
        Kongreß.
hestochen  von  Johonn  Godefroy  (1771—1839).

½  verkleinert.

Auf  eiwa

Verlag  von  Emil  Strauß  in  Bonn
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        <pb n="689" />
        Preußens  Aufgabe.  —  Die  sachsisch-polnische  Frage.  539

Durch  die  Weihrauchswolke,  in  welche  sich  wie  in  Paris,  so  auch  in  Wien  191
der  vornehme  Zar  so  gerne  einhüllen  und  als  den  Befreier  Europas  preisen  ließ,
vermochte  die  Bescheidenheit  Friedrich  Wilhelms  die  Sonne  der  preußischen  Heldenthaten
  nicht  hindurch  dringen  öu  lassen,  und  fast  durch  alle  Verhandlungen  geht
die  Eifersucht  und  der  Neid  auf  Preußen  wie  der  rote  Faden  hindurch,  der  in
dem  Labyrinth  der  unendlich  verschlungenen  Wege  doch  einen  deutlichen  Wegweiser
giebt.  Wie  immer  aber  —  mit  Ausnahme  der  friederizianischen  Zeiten  —  konnte
und  konnte  das  preußische  Kabinett  es  nicht  glauben,  daß  dies  Oesterreich,  für
das  man  so  viel  gethan,  für  das  man,  wie  so  oft  ausgesprochen,  noch  unendlich
viel  mehr  thun  wollte,  daß  dies  Oesterreich  Preußen  verlassen  könne.  Hardenberg
—  sein  Tagebuch  bezengt  es  —  glaubte  an  die  Treuherzigkeit  und  Ehrlichkeit  des
scheinbar  so  menschenfreundlichen  Kaisers  und  seines  vielgewandten  und  verschlagenen
Metternich  noch,  als  sie  ihm  längst  in  die  Ferse  gesto-Die

  wichtigsten  Fragen  für  Preußen  waren  die  Kohss  ch-polnische  und  die
der  deutschen  Verfassung.  In  jener  sollte  Preußen  zuletzt  nur  einen  halben  Erfolg
erlangen,  Sieser  vollständig  geschlagen  werden.  Indem  Alexander  schon  stets
die  etwas  phantastisch  gedachte  Wiederherstellung,  das  hieß  in  Wahrheit  die  Einverleibung
  des  ganzen  Polen  in  Rußland  erstrebt  und  doch  im  Kalischer  Vertrag
die  Wiederherstellung  Preußens  in  dem  alten  Umfange  und  für  „den  getreuesten
Verbündeten  eine  solche  Verbindung  und  Abrundung,  wie  sie  notwendig  ist,  um
einen  unabhängigen  Staatskörper  zu  bilden“,  zugesagt  hatte,  war  —  zumal
Hannover  aus  Rücksicht  für  England  eher  vergrößert  als  verkleinert  werden
sollte  —  das  Augenmerk  von  vornherein  auf  die  Lande  der  napoleonischen  Königskrone
  von  Sachsen  gerichtet  gewesen.  Das  Schwert  der  Verbündeten  hatte  das
Land  erobert,  es  war  nach  Kriegsrecht  herrenlos,  sein  bisheriger  Souverän  hatte
an  dem  Unterjocher  Deutschlands  bis  zur  Gefangennahme  nach  der  Schlacht  von
Leipzig  wie  angeklammert  festgehalten.  Er  hatte  dem  gedient,  von  dem  er  Wohlthaten
  erwartete,  und  dessen  Sieg  dem  Reiche  sicherlich  nur  Verluste  eingetragen
hätte.  Es  schien  sehwerstnlich  daß  er  nun  auch  Napoleons  Schicksal  teilte,
und  ein  Anspruch  auf  Billigkeit  stand  dem  nicht  zur  Seite,  der  im  entgegengesetzten
  Falle  auf  Kosten  seiner  Nachbarn  gewonnen  hätte.  Schon  Friedrichs  des
Großen  Kämpfe  hatten  den  Wert  des  gegen  Oesterreich  militärisch  so  vortrefflich
abgegrenzten  Landes  aufs  schlagendste  erwiesen,  er  hatte  seine  Erwerbung  ausdrücklich
  empfohlen,  und  die  alten,  mindestens  bis  in  das  Zeitalter  der  Reformation
hinein  reichenden  Unbilden  des  Dresdener  Hofes  gegen  den  zu  Berlin  wären  durch
die  Einverleibung  in  Preußen  ein  für  allemal  gesühnt  worden.  Endlich  wurde
die  Ansicht  vielfach  laut,  daß  wenigstens  an  einem  der  Rheinbundfürsten  die  Strafe
vollzogen  werden  müsse,  welche  das  Verlassen  der  Nation  verdiene.

Inzwischen  waren  aber  all  diese  Rechtstitel  für  Oesterreich  nur  ebensoviel
Gründe,  dem  Plane  entschieden  entgegenzutreten.  Schon  flankierte  Preußen  mit
Schlesien  ja  im  Osten  die  österreichische  Monarchie.  Das  Erzgebirge  aber  im
preußischen  Besitz  schien  den  Staatsmännern  an  der  Donau  wie  das  geöffnete
Ausfallthor  gegen  ihr  Land.  Gab  man  überdem  nicht  mit  Sachsen  Preußen  selbst
die  Mittel  in  die  Hand,  seine  deutschen  Pläne  zu  verwirklichen?  Sicherte  dessen
Besitz  dem  norddeutschen  Staat  nicht  eben  den  Einfluß  auf  die  Mittelstaaten,
dessen  Wohlthaten  man  dem  Reiche  so  gründlich  mißgönnte?  Und  stieß  man  mit
der  Bestrafung  eines  der  Vassallen  Napoleons  nicht  gerade  die  übrigen  zurück,  die
        <pb n="690" />
        540  Sächsisch-polnische  Frage.  —  Vorpommern.

zu  gewinnen  doch  das  weitgesteckte  Ziel  habsburgischer  Staatsweisheit  war?  Endlich
aber,  wenn  Rußland  die  Hrenßischen  Ansprüche  auf  Sachsen  lebhaft  beförderte,  so
geschah  dies,  weil  das  Königreich  den  Ersatz  für  die  von  Rußland  geforderten
ehemals  preußischen  Teile  des  Polenreiches  bildete.  Des  Zaren  Wacht  an  der
Weichsel  aber  erschreckte  in  Wien  ebenso  wie  der  russische  Adler  an  der  unteren
Donanu.  Aus  demselben  Grunde,  aus  welchem  Metternich  den  Divan  mit  seiner
Gunst  beehrte,  trat  er  auch  den  preußischen  Ansprüchen  auf  Sachsen  entgegen.
Denn  dadurch  schwächte  er  die  Macht  Rußlands,  und  dies  Ziel  verfolgte  er  mit
der  ausdauerndsten  Beharrlichkeit.  Auch  glaubte  er  hoffen  zu  dürfen,  daß,  wenn
er  Friedrich  Wilhelm  die  Entschädigung  für  Polen  entziehe,  dieser  auch  die  Arbeit
für  Alexanders  Wünsche  ruhen  lassen  werde.  Meinte  er  doch  auf  diese  Weise
die  preußisch-russische  Freundschaft  trennen  zu  können,  meinte  es  umsomehr,  als
diese  hauptsächlich  auf  der  Gesinnung  beider  Monarchen  beruhte,  während  sowohl
die  preußischen  wie  auch  die  russischen  Staatsmänner  Alexanders  polnischen  Plänen
—  natürlich  aus  verschiedenen  Gründen  —  entgegentraten.

Und  welcher  Gewinn  wäre  es  gewesen,  Preußen  unter  angenehmen  Bedingungen
an  das  österreichische  Staatsschifflein  anzuketten!  Rußland  wäre  völlig  vereinzelt,
Deutschland  verloren  gewesen.  Denn  längst  schon  kämpfte  Metternich  Schulter  an
Schulter  mit  den  englischen  Ministern,  vornehmlich  Lord  Castlereagh,  der  eine
russische  Vergrößerung  nicht  zugeben  konnte,  wohl  aber  aus  welfischen  Interessen
eine  möglichste  Schwächung  Preußens  durchsetzen  wollte.  Er  hat  es  denn  auch
unter  den  eigentümlichsten  Umständen  erlangt,  daß  Preußen  Ostfriesland  und  den
erhofften  „Isthmus“  nach  den  westlichen  Ländern  Hildesheim,  Minden,  Lingen
an  Hannover  abtreten  mußte.  Denn  unter  allen  Umständen  mußte  nun  wenigstens
eine  Sünde  des  westfälischen  Friedens  gesühnt  werden,  mußte  endlich  die  pommersche
Frage  gelöst,  die  reich  entwickelte  Küste  Vorpommerns  und  Rügens  für  Deutschland
  zurückgewonnen  werden.  Die  Entziehung  des  in  jüngster  Zeit  dänisch  gewordenen
  Landes  aus  nichtdeutscher  Hand,  die  unbeschränkte  Beherrschung  der
Odermündungen  und  der  endliche  Abschluß  des  zweihundertjährigen  Kampfes  um
Pommern  schienen  schließlich  für  Preußen  noch  notwendiger,  als  die  Behauptung
des  treuen  ostfriesischen  Landes  mit  der  Emsmündung.  Kam  es  doch  wenigstens
in  deutsche  Hände,  und  unter  geringeren  Opfern  gab  das  Welfenhaus  nicht  das
kleine  Herzogtum  Lauenburg  heraus,  durch  dessen  Hingabe  an  Dänemark  Vorpommern
  allein  in  Kopenhagen  zu  erlangen  war.  Mit  schwerem  Herzen  hat
Friedrich  Wilhelm  seine  Ostfriesen  dahingegeben,  und  diese  haben  es  lange  nicht
glauben  mögen,  daß  sic  an  den  Schwanz  des  gehaßten  weißen  Rosses  gebunden
werden  sollten.  Schwer  genug  war  der  Kampf,  ehe  die  Welfen  sich  zur  Aufgabe
auch  nur  Lauenburgs  entschlossen.  Schlimmer  aber  war  noch,  daß  infolge  der
engen  Verbindung  zwischen  England  und  Holland  nun  vom  Haag  bis  nach  Lüneburg,
  vom  Kanal  bis  zur  Elbe  der  eine  welfische  Wille  gebot,  der  nie  und  nimmer
den  Hohenzollern  gewogen  war.  Gleich  jetzt  zeigten  die  Welfen  ihr  Antlitz  ohne
Maske.  Denn  nachdem  sie  ihre  Lande  so  glücklich  auf  preußische  Kosten  vermehrt
und  den  schwarzen  Adler  vom  Ufer  der  Nordsee  abgedrängt  hatten,  wie  hätten  sie
den  unbequemen  Nachbarn  etwa  durch  Sachsen  vergrößert  sehen  mögen!  Durch
Sachsen,  das  unter  preußischem  Regiment  entfernt  nicht  dem  englischen  Handel
biejenigen  Vorteile  sicherte,  die  das  bequeme  System  der  Durchstechereien  in  Leipzig,
dem  Hauptstapelplatz  des  englischen  Handels  in  Deutschland,  bisher  gewährt  hatte!
        <pb n="691" />
        Frankreichs  Zulassung  zum  Kongreß.  541

Doch  dem  preußisch-russischen  Zusammenhalten  gegenüber  wäre  das  österreichisch-englische
  Bündnis  immer  nur  im  gleichen  Verhältnis  geblieben.  Da  bot
ich  für  Metternich  eine  geradezu  unschätzbare  Hilfe  in  der  glatten  Gewandtheit
und  unerschütterlichen  Sicherheit  des  Meisters  aller  diplomatischen  Schlauheit,  des
französischen  Gesandten  Talleyrand.  Allerdings  hatte  der  Pariser  Vertrag  Frankreich
  von  den  Beratungen  über  die  Gebietsverteilungen  ausgeschlossen.  Allein
Ludwig  XVIII.  hatte
die  Hand  der  englischen
Minister,  die  ihn  auf
den  Thron  gehoben,
festzuhalten  gewußt,
und  unter  geschicktester
enutzung  der  widersprechenden
  Interessen
hatte  Talleyrand  Zutritt,
  ja  Einfluß  und
Geltung  auf  dem  Kongreß
  zu  gewinnen  gewußt.
  Mit  der  Vorliebe
  für  Polen  hatten
die  Bourbonen  immer

nicht  in  gih  Sinn,
die  möglichste
Schwächung  Preußens
aber  schien  wie  das
Zuckerbrot,  das  man
reichs  dafür  geben
müsse,  daß  dessen  Heere
gewagt,  nicht  etwa  sie
zu  züchtigen  für  ihren
Frevel,  wohl  aber  sie

 

zu  besiegen.  Wilhelm  von  Humboldt.
So  vereinigte  sich  Zeichnung  von  Frans  Krüger  (1797—1857).
denn  alles,  um  Preußen

die  Früchte  seiner  Siege  zu  entreißen.  An  der  Vergrößerung  Preußens  hatte
kein  Staat  ein  Interesse,  •  Rußland  schien  die  preußischen  Pläne  unterstützen
zu  müssen,  wenn  anders  der  Zar  seine  polnischen  verwirklichen  wollte.  Allein
diese  wieder  waren  für  Preußen  so  gefahrdrohend,  daß  weder  Hardenberg  noch
der  zweite  preußische  Bevollmächtigte  in  Wien,  Wilhelm  von  Humboldt,  auch
nur  eine  Verständigung  mit  ihm  suchten,  vielmehr  hofften,  daß  die  Furcht  vor
Alexanders  Absichten  in  Polen  auch  in  der  Hofburg  stark  genug  wirken  werde,
um,  so  schmerzlich  es  sein  mochte,  dem  preußischen  Nachbar  gefällig  zu  sein.  Im
Bunde  mit  Oesterreich  und  England  hofften  sie,  gestützt  überdies  auf  Erklärungen
Metternichs,  Sachsen  für  Preußen  zu  retten.  Nun  aber  teilte  Alexander  dem  Könige
        <pb n="692" />
        542  Kriegsbündnis  gegen  Preußen  und  Rußland.  —  Entscheidung  der  Gebietsfrage.

iu  mit,  daß  Metternich  über  Hardenberg  hinweg  ihm  die  Hand  gereicht  und  Nachgiebigkeit
in  der  polnischen  Frage  verheißen  habe.  Da  befahl  der  König  persönlich  den  Anschluß
an  Rußland.  Ob  Alexander  die  Wahrheit  gesagt,  wissen  wir  freilich  nicht.  Hardenberg
aber  schrieb  trauernd  in  sein  Tagebuch  „Metternich  hat  sein  Wort  nicht  gehalten“.
Rußland  gab  nun  zwar  die  bisher  von  ihm  vertragsmäßig  geleitete  Verwaltung
  Sachsens  an  Preußen  ab,  aber  zunächst  verschärfte  sich  dadurch  der
Gegensatz  derart,  daß  man  sich  in  Berlin  am  Ende  des  Jahres  sogar  ernsthaft
auf  einen  neuen  Kampf  gefaßt  machen  mußte.  Gentz,  nunmehr  die  Feder  des
österreichischen  Ministers,  führte  in  einer  Denkschrift  aus,  daß  Oesterreich  sich  zur
Erhaltung  des  europäischen  Gleichgewichts  mit  Süddeutschland  und  Frankreich
gegen  Preußen  und  Rußland  verbünden  müsse.  In  der  That  trat  das  Unglaub-=1818
  liche  ein.  Am  3.  Jannar  wurde  —  wahrscheinlich  auf  Talleyrands  Betreiben  —
wirklich  zwischen  Oesterreich,  England  und  Frankreich  ein  Kriegsbündnis  gegen
Preußen  und  Rußland  abgeschlossen,  dem  Sardinien,  Hannover,  Darmstadt  und
namentlich  Bayern,  das  Mainz  für  sich  beanspruchte,  beitraten.  Das  war  die
Antwort  Europas  auf  die  Thaten  Preußens  und  Rußlands!  Indessen  lag  es  in
der  Natur  der  Dinge,  daß  dieser  Dank  sich  noch  nicht  verwirklichen  ließ.  Erschöpft,
wie  man  allseitig  war,  konnte  man  Sachsens  wegen  nicht  Europa  in  einen  neuen
Krieg  stürzen.  Welches  Glück  aber,  daß  wiederum  die  preußischen  Staatsmänner
nachgaben  und  sich  ungefähr  mit  der  Hälfte  des  Anspruches  auf  Sachsen  begnügten!
Kräftig  unterstützte  der  Zar  die  preußischen  Ansprüche,  bequemte  sich,  dem  Freunde
ein  „Opfer“  zu  bringen,  verzichtete  großmütig  auf  Thorn  und  Danzig  und  gestand
eine  Verbindung  zwischen  den  Provinzen  Schlesien  und  Preußen  zu.  Er  erklärte  sich
bereit  zur  Errichtung  der  Republik  Krakau  und  zur  Abtretung  von  Wiliczka  mit
seinen  Salzwerken  und  des  Tarnopoler  Kreises  an  Oesterreich.  Preußen  verlor
nun  zwar  deutsche  Gebicte  und  mußte  wieder  ein  gut  Stück  des  polnischen  Landes
übernehmen,  für  das  Friedrich  Wilhelm  einst  schön  gedankt  hatte,  auch  war  Frankreich
  wieder  unter  die  Mächte  als  gleichberechtigt  eingeführt,  aber  man  war  doch
und  zwar  unter  englischer  Vermittelung  überhaupt  zu  einem  Abschluß  gekommen.
Und  wenn  nun  Oesterreich  sich  etwas  willfähriger  für  die  Naelung  der  preußischen
Westgrenze  zeigte,  so  geschah  dies  zwar  auch  nur,  um  Preußen  die  Wacht  gegen
Frankreich  aufzuladen,  aber  eben  darin  lag  doch  ein  wesentlicher  Gewinn  für  das
Reich  selbst.  „Der  Markgraf  am  Rhein“,  den  E.  M.  Arndt  forderte,  mußte  in
der  That  ein  anderer  Vorkämpfer  Deutschlands  gegen  Frankreich  werden,  als  die
vielen  Kleinstaaten,  die  das  Metternichsche  Ibeal  der  Abwehr  gegen  die  Franzosen
bildeten.  Aber  die  Ränke  der  Gegner  behielten  die  Oberhand,  die  versprochene
Entschädigung  und  Abrundung  erhielt  Preußen  nicht,  und  um  jedes  Gebiet  mußte
man  streiten  und  kämpfen.  Zuletzt  bekam  Preußen  für  all  seine  Opfer  einen
Teil  von  Großpolen  nebst  Danzig  und  Thorn,  Westfalen  nebst  den  Rheinlanden,
das  halbe  Sachsen  und  Vorpommern.  Es  waren  700  Geviertmeilen  weniger,
als  es  1806  besessen,  und  zugleich  war  die  geographische  Lage  des  Staates  nunmehr
  wieder  eine  so  zerrissene,  daß  eine  Erstarkung  glücklich  unterbunden  zu  sein
schien  —  wenn  nicht  etwa  wider  Erwarten  gerade  die  unglückliche  Zerstückelung
ein  neuer  Anlaß  zum  Vorwärtsstreben  wurde.
Noch  weniger  konnte  in  Wien  die  Lösung  der  deutschen  Verfassungsfrage
glücken,  da  nicht  nur  der  Widerspruch  Oesterreichs  und  der  Mittelstaaten  den
preußischen  Forderungen  entgegenstand,  sondern  die  Angelegenheit  überhaupt  noch
        <pb n="693" />
        Die  deutsche  Frage.  543

in  einem  gewissen  rohen  Zustande  war,  und  eine  allgemeine  Ansicht  über  die  Art
ihrer  Lösung  keineswegs  feststand.  Am  wenigsten  erkannte  man,  daß  ein  gemeinsames
  Tagen  von  Oesterreich  und  Preußen  undurchführbar  sei,  daß  Preußen,
deutsch  von  Grund  aus  durch  sich  selbst,  auf  die  Ausbildung  der  deutschen  Einheit
und  zur  Erfüllung  der  Sehnsucht  aller  edlen  Deutschen  hingedrängt  wurde;  Oesterreich
  aber,  zumal  ihm  in  Italien  die  Herrschaft  zugestanden,  oder  doch  burch  die
Regierung  seiner  Familienglieder  der  volle  Einfluß  gewahrt  war,  in  der  Erstarkung
des  deutschen  Reiches  nur  einen  Hemmschuh  der  eigenen  Oberhoheit  sah.  Fest
stand  nur,  daß  Oesterreich  nicht  gewillt  war,  mit  der  Kaiserkrone  seine  übrigen
Kronen  zu  belasten,  und  daß  es  durch  die  planmäßig  befolgte  und  in  den  Verträgen
  mit  Bayern  und  Württemberg  festgelegte  Politik  der  Liebkosung  der  Mittelstaaten
  eine  kräftige  Zusammenfassung  des  Reiches  von  vornherein  unmöglich  gemacht
  hatte.  Daraus  ergab  sich  von  selbst,  daß  an  den  Verzicht  auf  einen  Teil
der  Souveränität  seitens  der  Einzelstaaten  nicht  zu  denken  war,  und  in  schroffster
Form  brachten  Bayern  und  Württemberg  ihren  Abscheu  gegen  solche  Zumutung,
überhaupt  gegen  eine  Bundesverfassung,  zum  Ausdruck.  Es  ergab  sich  aber  weiter,
daß  auch  die  Entscheidung  nicht,  wie  anfangs  versucht,  allein  durch  Preußen,
Oesterreich,  Bayern,  Württemberg,  Hannover  erfolgen  könne,  sondern  alle  Souveräne
des  Reiches  herangezogen  werden  müßten.  Württembergs  Absage  an  die  fünf
Staaten  brachte  dies  an  sich  gewiß  nicht  unberechtigte  Ergebnis  zu  stande.

Der  Freiherr  vom  Stein,  der  damals  zwar  ohne  Amt  in  Wien  weilte,  aber
kraft  seiner  überragenden  Persönlichkeit  einen  aus  Achtung  und  Furcht  gemischten
Einfluß  besaß,  plante  zwar  keineswegs  wie  jener  General  von  Steinmetz,  Deutschland
  unter  preußische  Führung  stellen  zu  wollen,  oder  gar  Oesterreich  auszuscheiden
und  alle  deutschen  Fürsten  zu  entthronen,  aber  mit  Energie  forderte  er  ein  „einziges
selbständiges  Deutschland“,  ein  „mächtiger  Staat“  —  solle  es  sein  —  „der  alle  Elemente
  der  Kraft,  der  Kenntnisse  und  einer  gemäßigten  und  gesehlichen  Freiheit  in  sich
faßt“,  „eine  Verfassung,  gegründet  auf  Einheit,  Kraft  und  Nalionalität“,  „ein  Reich,
welches  alle  sittlichen  und  physischen  Bestandteile  der  Kraft,  Freiheit  und  Aufklärung
  enthält  —  wobei  er  freilich  den  historischen  Irrtum  beging,  zu  glauben,
daß  dieses  Ideal  im  10.  bis  13.  Jahrhundert  verwirklicht  gewesen  sei.  Wenn
er  aber  nur  fünfzehn  bis  sechzehn  regierende  Fürsten  in  Deutschland  belassen
wollte,  so  waren  Hardenberg  und  Humboldt  von  jeder  Gewaltthätigkeit  gegen
die  kleinen  Staaten  sehr  weit  entfernt,  sie  setzten  vielmehr  alles  daran,  daß
Preußen  ihnen  „mehr  ein  Schutz  als  eine  Gefahr"  erschien.  Aber  darauf  kam
es  beiden  Staatsmännern  allerdings  an,  daß  die  Deutschen  wieder  eine  Nation
bilden  sollten,  und  daß  eine  den  nationalen  Bedürfnissen  wie  den  patriotischen
Forderungen  der  Zeit  entsprechende  Einheit  in  die  wichtigsten  Interessen  des
Volkes  gebracht  würde.  So  verlangte  der  erste  preußische  Entwurf  Errichtung
eines  Bundesgerichts,  gleichartige  Verfassungen  mit  ständischen  Rechten  in  den
einzelnen  Ländern,  ein  deutsches  Gesetzbuch,  Gleichheit  der  Münze,  des  Zollund
  Postwesens.  Die  Einheit  im  Heerwesen  gedachte  man  durch  eine  Kreisverfassung
  sicher  zu  stellen.  Indessen  so  wenig  wie  dieser  maßvolle  Entwurf
fanden  die,  namentlich  von  Humboldt  mit  rastlosem  Fleiß  immer  neu  ausgearbeiteten,
  weiteren  Entwürfe  den  Beifall  Metternichs  oder  die  Gnade  der
kleinstaatlichen  Minister.  Das  ganze  Verfassungswerk  drohte  mehrmals  völlig  zu
stocken,  selbst  Mahnungen  des  fremden  Herrschers,  des  Kaisers  von  Rußland,
        <pb n="694" />
        1##

zund

541  Die  Bundesakte.

riesen  nicht  die  Reuc  hervor,  die  eine  bessere  That  erzeugt.  Zuletzt  blieb  den
Preußen,  als  alle  ihre  Forderungen,  selbst  Kriegsgewalt,  Bundesgericht  und  Landstände
  gesallen  waren,  nichts  übrig,  als  den  Bund,  gleichviel  auf  welche  Bedingungen,
  abzuschließen.  Man  mußte  sich  mit  „Grundzügen“  begnügen  und  von
dem  Laufe  der  Zeit  hoffen,  daß  „sie  die  Bundesversassung  zu  etwas  Befriedigendem
  ausgestalten  werde“.  Genug,  wenn  zunächst  nur  die  Bildung  eines  neuen
Rheinbundes  möglichst  erschwert  wurde.  Denn  mittlerweile  war  der  Zweck  des
Bundes,  „die  Erhaltung  der  äußeren  Sicherheit  und  Unabhängigkeit  Deutschlands“,
ein  unmittelbar  praktischer  geworden.  So  wurde  denn  auf  Grund  eines  gänzlich
ungenügenden  österreichischen  Entwurfs  ernstlich  verhandelt.  Am  8.  Juni  wurde
die  Bundesakte  gezeichnet  und  in  die  allgemeine  Kongreßakte  vom  9.  ausgenommen.
Damit  aber  stellte  man,  als  ob  die  im  westfälischen  Frieden  festgesetzte  Garantie
der  fremden  Mächte  ihre  Schäden  für  das  deutsche  Volk  nicht  zwei  Jahrhunderte
hindurch  dargethan  hätte,  wieder  Europa  zum  Wächter  über  die  deutsche  Verfassung,
  und  Metternich  rühmte  dessen  sich  noch  in  späteren  Jahren  als  eines
besonderen  Erfolges!  Die  Grundlage  des  Bundes  war  die  volle  Gleichheit  aller
neunnndreißig  deutschen  Staaten  und  freien  Städte,  die  sich  verpflichteten,  sowohl
ganz  Deutschland  als  die  einzelnen  Bundesstaaten  gegen  jeden  Angriff  in  Schutz
zu  nehmen,  einander  gegenseitig  ihre  sämtlichen  unter  dem  Bunde  begriffenen
Besitzungen  zu  garantieren,  einander  nicht  zu  bekriegen,  keine  Bündnisse  mit  dem
Auslande  gegen  die  Sicherheit  des  Bundes  oder  einzelner  Bundesstaaten  einzugehen
  und  bei  erklärtem  Bundeskrieg  nicht  einseitig  mit  dem  Feinde  zu  verhandeln.
Das  war  aber  auch  alles.  Selbst  das  Bundesgericht  war  gefallen,  und  nur  ein
Gesandten-Kongreß  verband  die  einzelnen  Staaten.  Der  alte  Regensburger
Reichstag  wurde  ausgegraben  und  erlebte  als  Frankfurter  Bundestag  eine  trübselige
  Auferstehung.  In  dessen  engerem  Nat  sollten  freilich  nur  die  zwölf  größten
„Mächte“  je  eine  Virilstimme  führen,  die  übrigen  nur  Kuriatstimmen,  d.  h.
mehrere  sollten  sich  in  eine  Stimme  teilen,  aber  von  den  neunundsechzig  Stimmen
des  Plenums,  in  welchem  alle  wichtigen  Sachen  zum  Anstrag  gebracht  werden
mußten,  war  den  sieben  größten  Staaten  mit  fünf  Sechsteln  des  ganzen  Reiches
knapp  die  Hälfte  der  Stimmenzahl  gegeben.  Doch  als  wäre  jeder  Hoffnung  zum
Besseren  dadurch  noch  nicht  ein  genügend  fester  Riegel  vorgeschoben,  war  auf
Sachsens  Antrag  noch  jeder  Beschluß  über  Grundgesetze,  über  organische  Aenderungen,
  über  die  Rechte  der  Einzelnen  und  über  Religionsangelegenheiten  an
Einhelligkeit  der  Beschlußfassung  gefesselt,  und  somit  schon  das  Grab  für  den
Leichnam  gegraben.  Auf  Veranlassung  der  süddeutschen  Staaten  waren  ferner
die  Hoffnungen  auf  Beteiligung  der  Nation  an  der  Gesetzgebung  in  die  Einzelstaaten
  verwiesen  und  auch  hier  in  die  nichtssagende  Formel  gebracht  „In  jedem
Bundesstaate  wird  eine  landständische  Verfassung  stattfinden“.  Doch  wurde  dies
von  dem  entrüsteten  Volk  zunächst  weniger  schwer  empfunden.  Deun  schon  hatten,
allerdiugs  nur  um  jede  Einmischung  in  ihre  fonveräne  Regierung  zu  verhindern.
die  süddeutschen  Regierungen  Verfassungskommissionen  eingesetzt.  König  Friedrich
Wilhelm  aber  hatte  auf  Hardenbergs  allzu  leichtherzig  gegebenen  Rat  seine  früher
vorsichtig  ansgesprochene  Ueberzeugung,  daß  die  Bildung  von  Reichsständen  erfolgen
  könne,  am  22.  Mai  in  eine  feierliche  Zusage  umgewandelt  und  die
Wiederherstellung  der  Provinzialstände,  aus  deren  Wahlen  ein  allgemeiner  Landtag
hervorgehen  solle,  sowie  eine  Verfassungsurkunde  seinem  Volke  verheißen.
        <pb n="695" />
        Bonapartes  Rückkehr.  545

Während  man  aber  kaum  noch  den  Gedanken  der  deutschen  Verfassung  recht  ½1½
ernstlich  erwog,  zeigte  sich,  daß  der  Hammer  schon  erhoben,  der  dies  künstlich
zusammengeschmiedete  Gebilde  erh  ischer  Staatsweisheit,  der  das  ganze  deutsche
Volk  zusammenschlagen  konnte.  Am  7.  März  erfuhr  man  in  Wien,  daß  „der  7.  Mä#rv
Souverän  von  Elba"  am  1.  März  in  der  Nähe  von  Cannes  gelandet  war.  Es
begreift  sich,  daß  diesmal  die  Herrscher  Europas  ohne  weiteres  darüber  einig
waren,  dem  korsischen  Eroberer  in  den  Arm  zu  fallen.  Am  183.  März  erklärten
die  Großmächte  ihn  gleichsam  in  die  Acht,  und  am  25.  schlossen  sie  einen  neuen
Vertrag,  nach  welchem  jede  der  vier  Mächte  150000  Mann  stellen  sollte,  um

„Bonaparte“"  —  so  sagte  man  jetzt  —  außer  stand  zu  setzen,  den  europälschen
Frieden  von  neuem  zu  stören.  Der  aber  hatte  inzwischen  die  französischen
Truppen,  die  ja  von  seinem  Ruhme  zehrten,  für  sich  gewonnen  und  war  in  Paris,
von  wo  der  bourbonische  König  bei  nächtlicher  Weile  eilfertig  entflohen,  am
20.  März  eingezogen.  Freilich  verhieß  er  der  französischen  Nation  freie  Gesetze  20.  arz
und  stellte  sich  dem  Auslande  wie  der  Fuchs  in  der  Fabel  als  reuigen  Sünder
und  Friedensengel  vor,  bereit,  den  Pariser  Frieden  anzuerkennen.  Doch  selbst
der  ruhige  Bürger  in  Frankreich  verstand,  daß  allein  der  Name  des  Gewaltigen
schon  Krieg  bedeute,  und  zwei  seiner  vornehmsten  Marschälle,  Oudinot  und  Macdonald,
  versagten  sich  ihm.  Allein  die  französische  Nation  gab  durch  allgemeine  Abstimmung
  der  erneuten  Thronbesteigung  Napoleons  doch  ausdrücklich  ihre  Zustimmung,
erklärte  damit  ihre  Verantwortlichkeit  für  die  Handlungen  ihres  Herrschers  und
hatte  mithin  auch  die  Folgen  des  neuen  Kampfes  zu  tragen.  Indessen  bezeichnet
es  die  Stimmung  der  Großmächte,  daß  Talleyrand  die  Aufnahme  eines  Zusatzes
in  den  neuen  Vertrag  überhaupt  hatte  beantragen  können,  nach  welchem  der
Krieg  lediglich  gegen  Napoleon  selbst  geführt  werde.  Erklärte  doch  sogar  der
engihcze  Feldherr  „Frankreich  hat  keine  Feinde,  dieser  Krieg  ist  ein  Krieg

ropas,  Frankreich  mit  eingeschlossen,  gegen  Bonaparte  und  sein  Heer“.  In
der  That  gewährten  die  Verhandlungen  in  Wien,  das  Zaudern  der  Kabinette,
ihre  wirkliche  oder  vorgegebene  militärische  Unfertigkeit  dem  Imperator  die  Zeit
zu  neuer  Rüstung,  zur  Schaffung  einer  neuen  Armee.  Im  Juni  hatte  er  nahe
an  200000  Manmn  bei  einander,  und  zwar  lauter  Kerntruppen,  denn  ihren  Stamm
bildeten  die  alten  Soldaten,  die  als  Kriegsgefangene  in  den  deutschen  Festungen
dem  Tode  auf  dem  Schlachtfeld  entronnen  waren.

Der  deutschen  Nation  war  die  Aufnahme  des  Kampfes  selbstverständlich,
von  neuem  durchwehte  die  norddeutsche  Jugend  jene  Flamme,  die  am  heiligen
Feuer  der  Vaterlandsliebe  entzündet  war.  In  hellen  Haufen  eilten  die  Landwehren
  wieder  zur  Fahne,  und  mit  wahrer  Begeisterung  empfand  man  die  Notwendigkeit
  „  den  Mann"  nicht  auf  Frankreichs  Thron  zu  dulden,  der,  wie  der
König  in  seinem  Aufrufe  sagte,  „die  Weltherrschaft  r½  den  Zweck  seiner  stets
erneuten  Kriege"  laut  verkündigte.  Viel  schärfer  und  bestimmter  als  früher
forderten  die  Preußen  nun  auch  den  Preis  für  alle  Opfer.  „Wir  müssen  bessere
Grenzen  für  Deutschland  erhalten",  wie  Friedrich  Wilhelm  kurz  und  einfach  sich
ausdrückt.  Allgemein  ward  in  Preußen  der  Ruf  laut,  diesmal  müsse  Frankreich
seinen  alten  Raub,  müsse  Elsaß  und  Lothringen  herausgeben,  ja  man  freute  sich
—  Blücher,  Gneisenau  und  ihre  Freunde  voran  —  der  Gelegenheit,  den  unglücklichen
  Pariser  Frieden  durch  einen  anderen  zu  ersetzen,  der  den  frivolen  Angriffen
von  jenseits  einen  festen  Damm  entgegenbauen  sollte.

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staaies.  35
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        :  M—ê  —

"  e#c.————.  —

*’*  .  ———  —  1½
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Erläuterungsblatt  zu  dem  Bilde:
mie  Schlacht  del  Ta  Belle  Alliante,  am  18.  Juni  818.

Nach  dem  Gemälde  ve  r  Aui  ½5  56  1829.  rird  Arth  Willtam  Devis  (1768—1822)  —
*#  t  dun  Dehenn  ugee  g  e  Le  dee  esih  Witem  Veris  c
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        548  Quatrebas.  —  Ligny.

Eine  ungeheure  Menschenmenge  gedachten  die  Verbündeten  in  Belgien,  am
1#15  Mittelrhein,  am  Oberrhein  und  in  der  Schweiz  aufzustellen,  800  000  Mann
sollten  ihnen  den  Sieg  im  voraus  sichern  und  den  „Menschen“  erdrücken.  Indessen
  die  Thaten  der  in  Belgien  unter  Blücher,  Gneisenau  und  Wellington  vereinigten
  preußischen  und  englischen  (aber  auch  zu  einem  Dritteil  aus  Deutschen
bestehenden)  Armee  haben  in  der  That  den  Kampf  allein  ausgefochten,  wenn
auch  unter  den  furchtbarsten  Verlusten,  den  schrecklichsten  Nöten.  Zunächst  waren
auch  diese  beiden  Heere  noch  nicht  völlig  zusammengezogen  und  namentlich  die
englische  über  einen  weiten  Flächenraum  von  Gent  bis  Quatrebras  zerstreut.
Auch  lebte  der  englische  Feldherr  des  verkehrten  Glaubens,  daß  Napoleon  seine
Kräste  zersplittern  und  ihn  in  der  rechten  Flanke  angreifen  oder  umgehen  werde,
während  dieser  sich  zwischen  beide  Armeen  schieben  und  jede  vereinzelt  schlagen
wollte.  Erst  spät  erkannte  man  die  Absicht  des  Feindes,  und  eilig  zog
Gneisenau  bei  Sombreffe  am  15.  und  16.  Juni  drei  preußische  Korps  zusammen.
Da  indes  die  Heranziehung  des  bei  Lüttich  stehenden  Bülowschen  Korps  nicht
gelang,  so  wurde  am  16.  die  Frage  sehr  ernstlich  erwogen,  ob  es  nicht  rätlicher
sei,  der  angebotenen  Schlacht  auszuweichen.  Doch  lauteten  die  schristlich  und
16.  Junl  mündlich  am  15.  und  16.  von  Wellington  gegebenen  Zusagen,  mit  seinen  Truppen
nachmittags  unfehlbar  zur  Stelle  zu  sein,  so  bestimmt,  daß  Blücher  und  Gneisenau
die  von  Napoleon  bcgehrte  Schlacht  trog  ihrer  nicht  günstigen  Stellung  annahmen.
Indessen  der  Engländer  kam  nicht,  sondern  wurde  seinerseits  bei  Quatrebras  in
ein  Gefecht  verwickelt,  das  er  nun,  da  er  die  Vereinigung  mit  Blücher  nicht
rechtzeitig  betrieben,  allein  nur  mühsam  aufrecht  halten  konnte.
Immerhin  hatte  nicht  er,  sondern  hatten  Blücher  und  Gneisenau  die  Folgen
16.  Juni  des  Bruches  seiner  übereilten  Zusage  zu  tragen.  Hier  bei  Ligny  kämpfte  zwar
nicht  nur  die  auserlesenste  Tapferkeit,  sondern  die  zornige  und  ungestüme  Erbitterung
  des  Volkes,  dessen  Nacken  am  rohesten  von  dem  Fuß  Bonapartes  zertreten
  war,  und  der  ingrimmige  Haß  der  Veteranen  Napoleons  gegen  die  Preußen,
die  den  Stern  ihres  Abgottes  erbleichen  gemacht,  gab  der  preußischen  Erbitterung
nichts  nach.  Ohne  Gnade  zu  geben  oder  zu  fordern,  zerfleischten  sich  an  25.000
Krieger,  aber  alle  Anspannung  der  Preußen  war  vergebens.  Bis  tief  in  die
Nacht  hinein  kobte  die  Schlacht,  noch  in  der  achten  Stunde  war  man  ja  nach  der
Aussage  des  englischen  Obersten  der  Ankunft  Wellingtons  gewiß.  Aber  er  kam
nicht.  Und  so  behauptete  Napoleon  das  Schlachtfeld,  ja  nur  einer  gelungenen
Reiter-Attacke  war  die  Rettung  des  Feldmarschalls  zu  danken.  Denn  diesem  war
gleich  anfangs  an  der  Spitze  seiner  Reiter  das  Pferd  erschossen,  und  achtlos
jagte  Freund  und  Feind  bei  dem  greisen  Helden  vorbei,  der  unter  seinem  Pferde
lag.  Mit  gespannter  Pistole  verharrte  sein  Adjutant  Graf  Nostitz  bei  ihm,  bis  Hilfe
wurde.  Napoleon  frohlockte.  Er  meinte,  die  Preußen  ostwärts  zum  Rhein  getrieben
zu  haben,  aber  das  Korps,  das  er  endlich  zur  Verfolgung  aussandte,  suchte  die  Feinde
vergeblich.  Denn  allen  Berechnungen  Bonapartes  entgegen  führte  Geisenau-  —  ohne
Rücksicht  auf  den  Bruch  der  englischen  Zusage,  allein  von  dem.  Gedanken  der  Besiegung
  des  „Ungeheuers“  und  der  Befürchtung  geleitet,  daß  ein  preußischer  Rückzug
von  den  verderblichsten  politischen  Folgen  begleitet  sein  werde  —  das  Heer  gegen
Norden  nach  Wavre,  von  wo  sich  die  Vereinigung  mit  Wellington  ermöglichen  ließ.
Nun  aber  mußte  selbst  der  Widerwilligste  erkennen,  „was  sittliche  Kräftevermögen".
  Denn  trot  des  furchtbaren  Tages  und  trotz,  des  aufreibenden  Marsches-
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        La  Belle  Alliance.  549

bei  strömendem  Regen  stand  das  preußische  Heer  am  Abend  des  17.  bei  Wavre,  1616
wenige  Meilen  von  Mont  St.  Jean,  südlich  von  Brüssel,  wo  sich  die  englische  Armee
befand,  und  war  freudig  bereit  zu  einer  neuen  Schlacht.  Auch  Wellington  erklärte
seine  Zustimmung  zu  einer  solchen,  falls  ihm  Blücher  mit  25.000  Mann  zu  Hilfe
kommen  könne.  Mit  allem,  was  er  habe,  hoffentlich  seiner  ganzen  Armee  werde

er  kommen,  ließ  Blücher  antworten,  und  der  Preuße  hielt  sein  Wort.

Während  nun  Napoleon  in  voller  Sicherheit  —  denn  die  geschlagenen  Preußen
wähnte  er  ja  auf  der  Flucht  nach  dem  Rhein  —  den  Engländern  nachzog,  ihnen
den  Garaus  zu  machen,  ja  die  Muße  gewann,  eine  Parade  über  seine  Heerscharen
abzuhalten,  faßte  Gneisenau  den  Plan,  Napoleon  in  den  Rücken  und  in  die  rechte
Flanke  zugleich  zu  fallen.  Im  Norden  von  der  englischen  Armee,  im  Osten  und
Süden  von  den  Preußen  gefaßt,  sollte  das  französische,  auf  den  Höhen  von  La
Belle  Alliance  zur  Schlacht  gegen  die  Engländer  aufgestellte  Heer  vernichtet
werden.  Infolge  seiner  unglücklichen  Idee,  der  Imperator  könne  seinen  rechten
Flügel  umgehen,  hatte  sich  Wellington  durch  die  Absendung  von  17  000  Mann
allerdings  geschwächt,  aber  in  immerhin  günstiger,  rechts  bis  Hougomont,  links  bis
Frischermont  reichenden  Stellung  erwartete  er  in  seinem,  bei  dem  Hofe  La  Haye
Sainte  gelegenen  Zentrum  den  Angriff  Napoleons.  Um  die  Mittagszeit  erfolgte  18.  Junter.
  Doch  erst  als  der  Kaiser  die  ihm  inzwischen  zugegangenen  Nachrichten
über  den  Anmarsch  der  Preußen  nicht  mehr  von  der  Hand  weisen,  auch  seine
Soldaten  durch  die  Behauptung,  die  anziehenden  Truppen  seien  das  von  der  Verfolgung
  zurückkehrende  französische  Korps,  nicht  mehr  täuschen  konnte  —  erst  da
erfolgte  mit  dem  ganzen  Mute  der  Verzweiflung  der  stürmischste  ungestümste  Angriff
  der  Franzosen.  Denn  Napoleon  mußte  die  englische  Armee  vernichtet  haben,
bevor  Blücher  ankam.  Stundenlang  hielt  Wellington  aus,  auch  seine  Soldaten
erfüllte  das  Bewußtsein,  daß  von  ihrer  Ausdauer  Sein  oder  Nichtsein,  das  Schicksal
einer  Welt  abhänge.  Auf  die  Dauer  konnten  sie  doch  dem  rasenden  Ungestüm
der  Angreifer  nicht  standhalten.  Schon  war  die  englische  Schlachtlinie  durchbrochen,
und  nur  zur  Not  konnte  Wellington  noch  die  Lücke  ausfüllen.  Schon  murmelte
er  als  seine  letzte  Hoffnung  „Die  Preußen  oder  die  Nacht!“  Da  erschienen  um
½5  Uhr  aus  dem  Gehölz  bei  Frischermont  die  ersten  preußischen  Truppen  unter
Bülow,  beschossen  das  Gehöft  bei  La  Belle  Alliance,  griffen  das  Dorf  Plancenois
an,  und  Zietens  Korps  ging,  den  stark  erschütterten  linken  Flügel  der  Engländer
zu  stützen,  auf  La  Haye  und  Papelotte  vor.  In  zwei  und  einer  halben  Stunde
war  die  Schlacht  entschieden.  Am  blutigsten  wurde  der  Kampf  um  Plancenois,
über  6000  Mann  vom  Bülowschen  Korps  zahlten  mit  ihrem  Blute  für  den  Besitz
des  Dorfes.  Denn  noch  einmal  sendete  der  Imperator  seine  Gardebataillone  gegen
Plancenois,  andere  gegen  das  englische  Zentrum  vor.  Ney  leistete  geradezu  Unglaubliches.
  Vergeblich,  Bülow  behauptete  Plancenois,  Zieten  vertrieb  die  Feinde
aus  La  Haye,  der  linke  wie  der  rechte  Flügel  war  vernichtet,  und  Napoleon  erkannte
  „Es  ist  alles  zu  Ende,  retten  wir  uns“.  Aber  auch  das  war  nur  wenigen
möglich,  denn  alles  setzte  Gneisenau  daran,  den  geschlagenen  Feind  zu  vernichten.
Die  englischen  Truppen  erhielten  zwar  Ruhe,  aber  mit  seinen  Preußen  führte
Gneisenau  trotz  der  tötlichen  Uebermüdung  der  Truppen,  die  vor  der  heißen
Schlacht  auf  nassen,  schlechten  Wegen  einen  Marsch  von  acht  Stunden  und  mehr
gemacht,  die  großartigste  Verfolgung  durch  und  bot  die  letzten  Kräste  auf,  um
den  Feind  zu  zermalmen.  Kaum  daß  Napoleon  selbst  auf  einem  Pferde  entkam,
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        4—..  ,
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—  2—  Ac
.

Eigenhändiges  Schreiben  Blüchers  an  den  General  von  dem  Knesebeck,  d.  d.  La  Belle  Alliance,  den  19.  Juni  1815.
Ueberiragung.

meln  Freund
die  Schänste  Schlagt  ist  arschlagen.  der  herligste  Sleg  ist  er  fochten  das  Deunle  wird  er  vollgen,  ich  denke  die  Bonahar#sche  gescht

gle  ist  nun  wohl  Slulig  wider
zu  ende  I.  Nellallecee  ben  1.  frahe  ich  kon  nicht  mehr  Schreiden.  den  ich  zlire  an  alle  olider,  die  anstrengung  wadr  zu  groß.

Blacher.
        <pb n="701" />
        La  Belle  Alliance.  551

seinen  Wagen,  den  er  mit  Gold  und  Edelsteinen  voll  gefüllt  hatte,  mußte  er  den  1815
Siegern  überlassen.  Nur  10  000  Mann  retteten  sich  nach  Paris,  und  auch  jenes
zur  Verfolgung  der  Preußen  entsandte  französische  Korps  konnte  entkommen.  Einen
schöneren  Namen  als  den  von  La  Belle  Alliance,  meinte  Blücher  in  seinem

 

Generalfeldmarschall  Gebhard  Leberecht  von  Blücher,  Fürst  von  ad.
Gemalt  (1916)  und  lithographlert  (1825)  von  Fr.  C.  Groeger  (1766—

amtlichen  Bericht,  könne  man  der  Schlacht  nicht  geben,  Wellington  aber  glaubte
seinen  Ruhm  zu  erhöhen,  wenn  er  sie  nach  seiner  Gewohnheit  nach  seinem  letzten
Hauptquartier  die  von  Waterloo  nannte.

In  raschen  Zügen  führten  Blücher  und  Gneisenau,  während  Prinz  August
durch  die  Bezwingung  der  Festungen  einen  hohen  militärischen  Ruhm  gewann,
ihr  Heer  nach  Paris  und  nötigten  am  3.  Juli  die  Stadt  zur  zweiten  Kapitulation.  *r*t
        <pb n="702" />
        1815

10.  Juli

552  Napoleons  Sturz.  —  Einzug  in  Paris.

Zum  zweiten  Male  ließ  die  französische  Nation  den  Mann  fallen,  der  Europa
zum  Fluche  geworden,  die  Franzosen  aber  auf  eine  schwindelnde  Höhe  des  Ruhmes
geführt  hatte.  Er  begab  sich  von  dem  Seehafen  Rochefort  aus  an  Bord  des
englischen  Kriegsschiffes  Bellerophon  und  ward  nun  auf  Beschluß  der  Mächte  nach
St.  Helena  geführt.  Natürlich  aber  oder  seltsam  —  je  nach  den  Anschauungen  —
erweckten  diese  gewaltigen  Schläge  weder  in  Wien  noch  in  Petersburg  große
Freude.  Denn  wenn  Preußens  Söhne  auf  dem  Schlachtfelde  Thaten  verrichteten,
deren,  wie  Blücher  sagte,  nicht  nur  die  Geschichte  ewig  gedenken  muß,  sondern  die
ähnliche  Thaten  auch  von  ihren  Nachkommen  voraussehen  ließen  —  wie  sollten
die  an  der  Donau  auf  Unterdrückung  dieses  Staates  gehegten  Hoffnungen  sich  verwirklichen?
  Wie  sollte  Preußen  so  klein  bleiben,  daß  es  den  von  der  Newa  her
schallenden  Geboten  folgte?  Und  wenn  der  getreue  Waffengefährte  Wellington
mit  Blücher  den  Marsch  nach  der  Seine  ausführte,  so  that  er  es  nur,  um  den
Bourbonen  auf  den  so  unrühmlich  geräumten  Thron  zurückzuführen.  Indem  er
diesen  Herzenswunsch  des  englischen  Kabinetts  mit  großer  Gewandtheit  zu  erfüllen
wußte,  nötigte  er  auch  den  Zaren,  obwohl  dieser  „die  Unfähigkeit  der  Bourbonen,
ein  so  ausgeregtes  Volk  wie  die  Franzosen  zu  regieren  und  in  Ordnung  zu  halten“
längst  erkannt  und  daher  gern  dem  Herzog  von  Orleans  die  französische  Krone
aufs  Haupt  gesetzt  hätte,  Ludwig  XVIII.  zu  unterstützen.  Denn  andernfalls  hätte
Rußland  jeden  Einfluß  an  der  Seine,  jede  Aussicht  auf  französische  Unterstützung
seiner  orientalischen  Politik  verloren.  Damit  aber  war  die  Neuordnung  der  deutschen
Westgrenze,  die  Forderung  von  Elsaß  und  Lothringen  in  Wirklichkeit  aufgegeben.
Wohl  mahnte  Stein,  wohl  forderte  Gneisenau  den  Kanzler  Hardenberg  in  einem
ergreifenden  Schreiben  auf,  die  französische  Festungslinie  gegen  Belgien,  forderte
Luxemburg,  Elsaß  und  Lothringen  zu  verlangen,  denn  „so  hoch  hat  noch  nie  Preußen
gestanden".  Wohl  bat  Blücher  seinen  König,  die  Diplomaten  dahin  anzuweisen,
daß  sie  nicht  wieder  das  verlören,  was  der  Soldat  mit  seinem  Blute  errungen
habe.  Dieser  Augepblick  sei  der  erste  und  letzte,  um  Deutschland  gegen  Frankreich
zu  sichern.  Als  Gründer  der  deutschen  Sicherheit  werde  der  König  daher  verehrt
werden  und  Preußen  die  Früchte  seiner  Anstrengungen  genießen,  wenn  es  nicht
mehr  nötig  hätte,  immer  mit  gezücktem  Schwerte  dazustehen.  Aber  wie  hätten  die
verbündeten  Monarchen,  als  sie  am  10.  Juli  in  Paris  einzogen,  von  ihrem  Wirt,
der  „an  dem  Zwischenfalle  der  napoleonischen  Diklatur  und  des  Krieges  völlig
unschuldig,  ja  selbst  darunter  gelitten“,  eine  Buße  fordern  mögen?  Es  war  demnach
  von  vornherein  aussichtslos,  wenn  die  preußischen  Minister  und  andere  einsichtige
  Staatsmänner  sich  nun  noch  um  einen  besseren  Frieden  heiße  Mühe  gaben.
Umsonst  war  es,  wenn  sie  den  unwiderleglichen  Beweis  führten,  daß,  nachdem
Ludwig  XVIII.  nicht,  wie  man  erwartet,  an  dem  Streite  gegen  Bonaparte  teil
genommen,  wohl  aber  die  französische  Nation  mit  ihren  Machtmitteln  den  Krieg
ihres  anerkannten  Kaisers  geführt  und  ermöglicht  habe,  völkerrechtlich  die  im  Vertrage
  vom  25.  März  festgestellte  Beibehaltung  des  ersten  Pariser  Friedens  ein
Unding  sei.  Die  Schuld  des  französischen  Volkes  an  all  den  schweren  Opfern,
welche  der  Krieg  gekostet,  die  leichte  Wiederkehr  eines  neuen  Einbruchs  Frankreichs
in  Deutschland,  die  dadurch  hervorgerufene  Zwangslage  der  süddeutschen  Kronen
wurden  (celanelos  dem  Interesse  Englands  und  Rußlands  gegenüber.

Geschichte  zweier  Jahrhunderte  hatte  gelehrt,  daß  die  ungesicherte  Grenze
nicht  2½%  die  deutschen  Geßilde  schutzlos  dem  Schwerte  des  gallischen  Nachbarn
        <pb n="703" />
        Der  zweite  Friede  von  Paris.  —  Heilige  Allianz.  553

preisgab,  sondern  eindringlicher  noch,  daß  wesentlich  dadurch  die  süddeutschen,  wie  1ns
die  früheren  geistlichen  Staaten  am  Rhein  gehindert  worden  waren,  eine  nationale,
eine  deutsche  Politik  zu  treiben.  Sie  hatte  die  französische  Partei  im  Reich  geschaffen,
  und  mit  Recht  hatte  Gneisenau  den  Kaiser  Alexander  gewarnt,  ihr  nicht
neue  Gründe  zu  dem  Glauben  zu  geben,  daß  man  durch  den  Anschluß  an  die
Eroberungspläne  Frankreichs  mehr  gewinne  als  #urd  Erfüllung  seiner  Pflichten
gegen  das  Vaterland  und  die  gemeinsame  Sache  Europas.  Aber  auch  das  blieb
vergeblich,  daß  offen  und  ehrlich  der  Kronprinz  von  Württemberg  wie  ein  Menetekel
  es  aussprach,  „ein  neuer  Rheinbund  werde  immer  möglich  sein,  so  lange  die
sübdeutschen  Staaten,  schutzlos  unter  den  Kanonen  Straßburgs  gelegen,  fortwährend
in  ihrer  Existenz  durch  Frankreich  bedroht  seien“.  Denn  auch  Metternich  vertrat
ohne  Rücksicht  auf  Deutschlands  Sicherheit  den  Standpunkt,  daß  man  keinen  Eroberungskrieg
  geführt  und  Frankreich  daher  in  den  Grenzen  von  1790  erhalten
müsse.  So  kam  am  2.  Oktober  vorläufig,  am  20.  November  entgültig  der  zweite  20.N0.
Pariser  Friede  zustande,  der  bis  auf  die  Auslieferung  einiger  Festungen  an  Holland,
  bis  auf  die  Rückgabe  von  Savoyen  an  das  Königreich  Sardinien  und  von
Landau  und  Saarlouis  an  Deutschland  Frankreich  seine  gefährlichen  Grenzen  beließ.
  Außerdem  mußte  es  die  unglaublich  geringe  Summe  von  700  Millionen
Francs  Kriegsentschädigung  zahlen  und  eine  fünfjährige  Besatzung  zur  Befestigung
des  bourbonischen  Thrones  ertragen.  Einen  wesentlichen  Anteil  an  diesem  für
Deutschland  so  ungünstigen  Ergebnis  hatte  der  Umstand,  daß  Kaiser  Alexander
von  dem  Weihrauch,  der  ihm  gespendet  wurde,  ganz  umnebelt  war.  Man  feierte
ihn  als  den  Heiland  des  neuen  Europa,  und  er  gefiel  sich  in  der  Rolle  eines
solchen  ganz  ausnehmend.  Daher  erklärte  er  sich  auch  willig,  den  schwärmerischen
Worten  der  verzückten  Frau  von  Krüdener  und  anderer  Frauen  zu  folgen  und  die
christliche  Pflicht  der  Vergebung  selbst  gegen  Frankreich  zu  üben.  Sie  mußte  ja
auf  seine  weiteren  Pläne  befruchtend  einwirken!  Dieser  zur  Schau  getragenen
Gesinnung,  welche  jenem  Zeitalter  nicht  übel  gesiel,  und  welche  so  geschickt  die
russischen  Interessen  mit  dem  Mantel  der  christlichen  Liebe  zu  verhüllen  wußte,
entsprang  auch  die  „Heilige  Allianz“,  die  Oesterreich,  Rußland  und  Preußen  als
drei  Zweige  einer  Familie  betrachtete,  deren  höchster  Souverän  „Gott,  unser  göttlicher
  Erlöser  Jesus  Christus,  das  Wort  des  Höchsten,  das  Wort  des  Lebens“  sei.
Völlig  unklar,  wie  dieser  Versuch  einer  theokratischen  Gemeinschaft  der  europäischen
Staaten  gefaßt  war,  ist  er  in  Wahrheit  zu  einer  wahrhoft  politischen  Bedeutung
nicht  geworden,  die  Beziehungen  der  Mächte  zu  einander  hatten  andere  Ursachen,
andere  Mittel,  andere  Ziele.  Dies  zeigte  sich  schon,  als  Alexander  seine  schwülstige
Urkunde  den  Verbündeten  vorlegte.  Denn  Friedrich  Wilhelm  unterzeichnete  sie  nur,
um  den  Freund  nicht  zu  kränken,  Kaiser  Franz  nur  auf  Metternichs  ausdrückliche
Versicherung,  daß  sie  lediglich  leeres  Geschwätz  enthalte,  der  Prinz-Regent  von
England  aber  verweigerte  seine  Unterschrift  überhaupt.  Vorerst  hielten  jedoch  die
Gesandten  der  vier  Großmächte,  die  in  Paris  in  einer  besonderen  Konferenz
gleichsam  zur  Ueberwachung  der  unruhigen  Franzosen  und  zur  Unterstützung  der
bourbonischen  Regierung  zusammentraten,  die  Einigkeit  aufrecht.  Die  „föderative
Einigung“  der  deutschen  Fürsten  dagegen  verleugnete  die  heftigen  Wehen  ihrer
Geburt  nicht,  führte  am  wenigsten  zur  wirklichen  Einheit  Deutschlands.  Die
Eifersucht  der  souveränen  Fürsten  Deutschlands  unter  sich,  so  erkannte  alsbald  der
hervorragendste  preußische  Minister  des  folgenden  Zeitraumes,  von  Motz,  der  Drang
        <pb n="704" />
        564  Einigung  deutscher  Fürsten.

der  äußeren  Umstände,  die  seit  Jahrhunderten  immer  gleiche  Politik  Frankreichs,
vielleicht  auch  Rußlands  hatte  sie  zur  Geburt  befördert.  Geschehen  sei  es,  nicht
um  die  zerstreuten  Kräfte  Deutschlands  wirklich  in  ein  großes  Ganze  zu  versammeln
(wodurch  einzig  und  allein  Deutschland  von  jedem  fremden  Einflusse  befreit  und
Europas  Gleichgewicht  in  der  That  begründet  werden  würde),  sondern  um  es  in
immerwährender  Kraftzersplitterung  zu  erhalten.  Die  Zusammenfassung  der  Kräfte
aber  und  die  Einheit  seiner  Glieder  fehlte  auch  dem  preußischen  Staat  vollkommen,
und  wieder  einmal  ward  ihm  die  Aufgabe  gestellt,  die  widerstrebendsten  deutschen
Stämme  in  der  Hoheit  des  Staates  zu  einem  Ganzen  zusammenzufassen.  Die
Lösung  dieser  Aufgabe  war  die  Vorbedingung  der  größeren,  und  die  Einheit  des
deutschen  Reiches  blieb,  was  damals  freilich  nur  sehr  wenige  dunkel  ahnen  mochten,
von  der  des  preußischen  Staates  abhängig.  Es  mußte  sich  zeigen,  ob  sie  gelingen
  werde.

 

Allegorite  auf  die  Zurückbringung  der  durch  zuteisen  vom
Brandenburger  Thore  geraubten  Vikt

lel  741  1829  ahre  1814
Bon  Daniel  Fee  8  3  e  200  bre  18.  P
        <pb n="705" />
        c  kurn  t

 

 

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2.  —  4

 

 

 

 

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PREwSSEN
18|6,
nachdJemfiener  Cong#sse

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Er###orfen  u.Sezelchnetv  A.  Urecher.

 

*##  15  4

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        <pb n="706" />
        <pb n="707" />
        von  W#1  Gemahn  des  Uerzte  und  Haus-.
Kudorf  Wlebel  ru—  1n  at#  elGaketenn  —
von  Gras  rinz  Karl!  Dr.  Hles#
Stranh  Nosiib  *êv1iZb  #er##
Gr.  Blat
von  Alltor
von  Helnen

König  Friedrich  Wilhelm  III,  am  Krankenbette  Blüchers  in  Krieblowitz,  am  6.  September  1819.

Gezeichnet  und  gestochen  von  den  Gebrildern  Henschel  (arbeiteten  in  der  zweiten  Hälfte  des  19.-Jahrh.).
Auf  elwa  ½  verkleinert.

Die  Keubegründung  der  preußischen  Staats-Einheit.

er  Titane,  der  die  Welt  umgekehrt,  war  gestürzt,  die  Staaten  Europas  waren,
wenn  auch  mit  mannigfachen  Aenderungen,  doch  in  dem  alten  Geist  wieder
hergestellt.  Begreiflich,  daß  sich  alsbald  die  Reibungen  der  verschiedenen,  einander
ausschließenden  Interessen  der  einzelnen  Staaten  wieder  geltend  machten,  begreiflich
  auch,  daß  der  Neid  über  den  schon  tot  geglaubten,  aber  wieder  erstandenen
preußischen  Nachbarn  noch  zwar  im  Stillen  aber  um  so  nachhaltiger  sich  regte,
da  hier  der  neue  Geist  seine  Heimat  hatte,  unter  dessen  Flügeln  man  die  Freiheit
erstritten,  und  dessen  Rauschen  noch  immer  nicht  verstummen  wollte.  Indessen  zu
tief  und  zu  allseitig  war  das  Bedürfnis  der  Ruhe,  als  daß  unter  dem  Schutz
8  is  nicht  die  friedfertige  Behandlung  der  Gegensätze  geboten  gewesen
and  man  wußte,  daß  Friedrich  Wilhelms  Gesinnung  die  Erhaltung  des
Friert  allem  voranstellte.
        <pb n="708" />
        556  Die  deutschen  Angelegenheiten.

Dringender  aber  war  die  Ordnung  der  deutschen  Angelegenheiten,  und  ehrlich
  war  die  preußische  Regierung  gesonnen,  die  auf  dem  Wiener  Kongreß  vertagte
  Verfassung  und  ein  Bundes-Kriegsheer  zu  schaffen.  Metternich  war  indessen
entschlossen,  an  den  losen  Verhältnissen  des  Bundes  selbst  dem  Namen  nach  nichts
zu  ändern,  da  die  lockere  Form  des  Staatenbundes  nicht  nur  die  beste,  sondern
zugleich  die  einzig  mögliche  für  ein  Zusammenhalten  des  deutschen  Volkes  wäre.
Sie  entsprach  allerdings  der  Ansicht  eines  Staatsmannes,  für  den  die  deutschen
Völker  nur  insofern  Wert  hatten,  als  sie  Soldaten  zum  Schutze  der  österreichischen
Staaten  stellten,  dem  deutscher  Sinn  —  insbesondere  in  der  Bedeutung,  wie  er
sich  seit  der  Katastrophe  Preußens  in  den  nördlichen  Gebieten  Deutschlands
offenbart  —  lediglich  den  Wert  einer  Mythe  hatte.  Unter  keinen  Umständen  aber
wollte  sich  das,  durch  die  Rheinbundszeit  in  höchstem  Maße  ausgebildete,
Souveränitätsbewaßtsein  der  „Mächte“,  wie  die  Mittelstaaten  sich  gerne  bezeichneten,
  zur  Aufgabe  irgend  eines  Titelchens  der  unbeschränkten  Hoheit  verstehen,
und  die  gehässige  Sprache,  die  Bayern  wie  Würktemberg  auf  dem  Kongreß  geführt,
setzte  sich  demnächst  in  Frankfurt  sort.  Löwe  und  Adler  sollten  ja,  wie  der  Bayer
Aretin  in  seiner  Zeitschrift  „Allemannia“  ausführte,  eher  mit  einander  Hochzeit
halten,  als  Süd=  und  Nordländer  sich  vereinigen.  Und  da  nun  einmal  für  jeden
wichtigen  Beschluß  nach  dem  sächsischen  Antrage  Stimmeneinheit  notwendig  war,
so  begreist  man,  daß  Wilhelm  von  Humboldt  schon  während  der  vorbereitenden
Verhandlungen  für  die  am  5.  November  1816  eröffnete  Versammlung  kurzweg
behauptete,  „daß  in  Frankfurt  nur  die  Phrase  der  deutschen  Politik  gedeihen
könne".  Daher  werde  Preußen  hier  nur  eine  „allgemeine  Sprache  führen  können,
alle  Geschäfte  der  nationalen  Staatskunst  dagegen  müsse  es  nur  durch  Verhandlungen
  mit  den  Einzelstaaten  betreiben“.  Mit  der  Einsicht  des  geborenen  Staatsmannes
  hatte  Humboldt  damit,  wie  die  ganze  Geschichte  der  Bundeszeit  erhärten
sollte,  allen  Bestrebungen  Preußens  zur  Herbeiführung  der  deutschen  Einheit  den
Weg  vorgezeichnet,  der  allein  zum  Ziele  führen  konnte.  Denn  was  anderes  war
der  Bund  als  der  Alp,  als  die  Schlinge  um  unseren  Hals,  deren  Enden,  wie
der  spätere  Schöpfer  des  Reiches  sagte,  in  feindlichen  Händen  ruhten,  die  nur
auf  die  Gelegenheit  zum  Zuschnüren  warteten.  Doch  da  Preußen  immer  wieder
in  der  verfassungsmäßigen  Form  das  Heil  Deutschlands  beim  Bunde  selbst  suchte,
so  übersah  man  nur  zu  oft  die  Bedingungen  des  staatlichen  Verkehrs,  und  es
geschah,  daß  der  preußische  Staat  mit  Vorliebe  für  Fehler  und  Sünden  des
Bundestages  verantwortlich  gemacht  wurde.  Diese  aber  wuchsen  von  Tag  zu
Tag,  und  die  Erwartungen  des  deutschen  Volkes  auf  eine  kräftige  Zusammenfassung
  seiner  Glieder  wurden  bitter  getäuscht.  Gewiß  war  die  ungeheuere  Erhebung
  des  Volkes  nicht  erfolgt,  der  unübertroffene  Opfermut  nicht  geübt,  um
irgend  eine  Verfassung  zu  erkämpfen,  sondern  um  die  Befreiung  des  Vaterlandes
vom  fremden  Joch,  um  die  Ehre  und  Selbständigkeit  des  Staates  zu  erzwingen,  aber
daß  die  Erneuerung  des  Reiches  nachfolgen  und  die  „Deutschheit"  wiedergewonnen
werde,  war  doch  die  selbstverständliche  allgemeine  Ueberzeugung  gewesen.  Und
diese  Bundesakte  war  denn  doch  ein  gar  zu  klägliches  Ergebnis  für  alle  Wünsche
und  Träume,  für  alle  Kämpfe  und  Opfer.  Geschäftig  wie  die  Legende  im  Leben
der  Völker  zu  walten  weiß,  drehte  sie  nun  aber  die  Thatsachen  einfach  um,  und
nicht  lange,  so  glaubte  man  auch  in  Preußen  allgemein,  nur  deshalb  habe  man
zu  den  Waffen  gegriffen,  weil  der  König  eine  Verfassung  feierlich  dem  Volke  zu-
        <pb n="709" />
        Die  öffentliche  Meinung.  557

gesagt  habe,  während  diese  Zusage  doch  erst  am  22.  Mai  1815  erfolgt  war.
Wenn  aber  —  wie  man  jenseits  der  schwarz-weißen  Pfähle  zwar  nicht  zugeben
mochte,  aber  doch  fühlte  —  der  preußische  Staat  so  Großes  für  die  Befreiung
des  Volkes  vollbracht  hatte,  wie  hätte  man  ihn  nicht  schmähen  sollen,  daß  er  nun
nicht  auch  das  Größere,  die  Einheit  Deutschlands,  die  liberale  Verfassung  des
Reiches  wie  der  Einzelstaaten  durchgesetzt  hatte!  Die  unüberwindlichen  Hindernisse,
  welche  die  darauf  gerichteten  preußischen  Bestrebungen  in  Paris  wie  in
Wien  gefunden,  blieben  ja  das  Geheimnis  der  Staatsmänner,  und  so  rechnete  man
das  Fehlschlagen  der  teutonischen  Hoffnungen  ohne  weitere  Nachfrage  der  Bosheit
und  Schlechtigkeit  der  preußischen  Staatsmänner  und  Diplomaten  zu.  Vor  allem
lärmte  der  Liberalismus  in  den  Mittelstaaten,  wo  man  an  die  harte  Arbeit  des
Staates  nicht  gewöhnt,  in  der  Erkenntnis  der  Bedingungen,  welche  die  Wirklichkeit
jedem  Ideal  setzt,  nicht  geschult  war.  Die  theoretische  Weisheit  des  Professors.
Rotteck  in  Freiburg,  das  Hetzen  des  Bayern  von  Aretin  und  ihrer  Genossen  brachte
es  bald  dahin,  daß  der  preußische  Staat,  welcher  von  Metternich  und  seinen
Freunden  wegen  der  jakobinischen  Gesinnung  seiner  Minister  und  Feldherren  argwöhnisch
  beobachtet  wurde,  im  Reich  als  die  große  Wachtstube,  die  Heimat  des
Korporalstockes,  der  Sitz  aller  Lüge  und  Bosheit  verhöhnt  und  verspottet  wurde,  und
dem  echten  Schwaben  die  Preußen  noch  Jahrzehnte  hindurch  nur  Wenden  und  Slaven
waren.  Was  galt  es  auch  den  Schwärmern  und  Politikern  im  Reich,  daß  Preußen
die  Selbstverwaltung  erobert,  die  Erbunterthänigkeit  aufgehoben,  die  wirtschaftliche
Freiheit  der  Unterthanen  begründet  hatte!  Wie  hätte  man  im  Reich  beachtet,
bis  vor  kurzem  der  Freiherr  vom  Stein  an  der  Spitze  dieses  Staates  gestanden
und  nur  auf  Napoleons  Befehl  entfernt  war,  daß  jetzt  noch  Hardenberg,  der
Eiferer  für  unbedingte  Freiheit  von  Handel  und  Gewerbe,  der  vielleicht  leichtgläubige,
aber  ehrliche  Kämpfer  für  die  deutschen  Einheitsbestrebungen  die  Geschäfte  des
Staates  leitete!  Verfassungen  verlangte  man  und  kümmerte  sich  nicht  um  ihre
realen  Vorbedingungen.  Und  Schpwierigkeiten,  die  selbst  einem  durchgreifenden
Staatsmann  unüberwindlich  gewesen  wären,  sahen  die  deutschen  Schwärmer  am
wenigsten,  die  niemals  noch  die  harte  Arbeit  des  Staates  selbst  geübt,  selbst  kennen
gelernt  hatten.  Kühn  und  mächtig  war  der  deutsche  Geist  vorwärts  geschritten,
hatte  andere  Nationen  überflügelt,  aber  die  politische  Bildung  war  noch  völlig
unentwickelt.  Die  Zugehörigkeit  Oesterreichs  zum  deutschen  Bunde  erschien  jedermann
  als  selbstverständlich,  die  Vorherrschaft  des  Wiener  Hofes  den  meisten  als.
notwendig.  Welches  Entsetzen  erregte  es,  als  Justus  von  Gruner,  den  Metternich  einst
wohl  zu  seiner  eigenen  Rettung,  weil  seine  deutschen  Bestrebungen  den  Zorn
Napoleons  erregt  hatten,  auf  die  Festung  geschickt,  der  als  Gouverneur  von  Berg
in  Worten  heißer  Vaterlandsliebe  die  Oesterreicher  und  Rheinbündner  zum  Kampf
fürs  Vaterland  aufgerufen,  die  „deutsche  Einheit  unter  preußischer  Hoheit“  forderte.
Es  blieb  die  Stimme  des  Predigers  in  der  Wüste,  die  nur  selten  einen  Wiederhall
fand,  wie  in  den  Worten  seines  Freundes,  des  Generals  von  Steinmetz,  „Oesterreich
  ist  kein  deutsches  Haus  mehr,  die  Oberherrschaft  in  Deutschland  gebührt
Preußen“.

Soweit  die  Sonne  von  der  Erde  entfernt  ist,  soweit  war  man  von  solcher
Erkenntnis  damals  noch  entfernt.  Im  Gegenteil  kam  es  ungeachtet  aller  Ermahnungen
  und  Befehle  des  Königs  auf  dem  Bundestage  dahin,  daß  Preußen,
um  nur  ja  nicht  zu  mächtig  in  Deutschland  zu  werden,  nicht  mit  der  Gesamtheit
        <pb n="710" />
        558  Gegensätze  in  Preußen.

seiner  Länder  eintreten  durste.  Denn  um  alles  sollte  Preußen  nicht  im  Bunde
die  Führung  gewinnen,  und  der  geographischen  Zerrissenheit  seiner  Lande  fügte
man  deshalb  eine  völlig  unwahre  gleichsam  nationale  Scheidung  hinzu.  Die
Hofburg  verhinderte  wie  einst,  da  der  Große  Kurfürst  die  Kolonisationsländer  der
deutschen  Lrbensriter  für  Deutschland  zurückroherte  so  auch  jetzt  wieder  deren
Einschluß  in  das  Reich.  Denn  wenn  man  durch  die  auf  dem  Wiener  Kongreß
glücklich  rasonnene.  Teilung  Preußens  in  zwei  große  Bestandteile  die  Erstarkung
des  Staates  zu  erschweren  gewußt  hatte,  so  hoffte  man  jeder  einheitlichen  Zusammenfassung
  der  Länder  nun  auch  dadurch,  daß  die  einen  den  Bundesgesetzen
unterworfen,  die  anderen  des  deutschen  Namens  für  unwürdig  erklärt  wurden,
einen  neuen  Hemmschuh  angelegt  zu  haben.  Wohl  dachten  preußische  Patrioten
noch,  die  geographische  Zerrissenheit  zu  ändern,  und  der  Präsident  der  Erfurter
Regierung,  von  Mog,  legte  Fardenbers  uer  höchst  sorgsam  ausgearbeiteten  Plan
vor,  wie  durch  Ländertausch  mit  den  beiden  Hessen  und  Sachsen-Weimar  eine,
von  Wittenberg  bis  Lasphe  reichende  und  auf  Wetzlar  hauptsächlich  sich  stützende,
Verbindung  zwischen  der  Ost=  und  Westhälfte  der  Monarchie  hergestellt  werden
könnte,  die  zugleich  die  norddeutschen  Staaten  sowohl  dem  österreichisch-bayerischen,
wie  auch  dem  französischen  Druck  entziehen  und  vornehmlich  die  Freiheit  des
Handels  innerhalb  der  preußischen  Staaten  begründen  sollte.  Aber  mit  Dank
mußte  Hardenberg  die  Absicht  doch  für  unausführbar  und  zugleich  die  Aussichtslosigkeit
  erklären,  die  scharfen  wirtschaftlichen  Gegensätze  zwischen  so  verschieden
kultivierten,  auf  so  entgegengesetzte  Art  den  Lebensunterhalt  erwerbenden  und  genießenden
  Länder  durch  geographische  Zusammenfassung  zu  einer  Einheit  zu  vereinigen.
  Fremd  und  getrennt  von  einander,  konnten  die  Bewohner  der  beiden
Staatshälften  an  eine  wirtschaftliche  Verbindung  zunächst  nicht  denken.

Die  Völker  des  Rheins  und  der  Weichsel,  der  Ostseegestade  und  des  Thüringerwaldes,
  die  agrarischen  Interessen  des  noch  immer  volksarmen  Ostens  und  die
Bedürfiisse  der  handeltreibenden  Welt  im  Westen,  die  Beziehungen  der  Binnenländer
  und  der  Seefahrer  zu  vereinen  und  zu  versöhnen,  war  in  der  That  eine
unermeßlich  schwierige  Aufgabe,  war  um  so  schwieriger,  als  in  den  neuen  Ländern,
namentlich  in  Sachsen,  am  Rhein  und  in  Polen  der  Widerspruch  nicht  von  sachlichen
  Erwägungen,  sondern  auch  von  Haß  und  Widerwillen,  von  nationalen  und
kirchlichen  Grundsätzen  abhängig  w

Denn  zu  dieser  gevgrohsscher  und  wirtschaftlichen  Trennung  des  Volkes
traten  noch  andere  auseinanderstrebende  Kräfte  hinzu,  welche  die  so  notwendige
innere  Vereinigung  der  preußischen  Völker  fast  unmöglich  machten.  So  zeigte
sich  alsbald  ein  außerordentlich  starker  ständischer  Gegensatz,  und  als  sich  im  Laufe
der  Jahre  die  Ausführung  des  Verfassungsversprechens  unthunlich  erwies,  da
geschah  es  zuletzt,  daß  die  freudige  Hingabe,  das  innige  Vertrauen  des  preußischen
Volkes  mehr  und  mehr  in  jene  unreife  Gesinnung  sich  umwandelte,  nach  welcher
die  Regierung  allemal  der  Totfeind  der  Regierten  ist.  Nur  vermochte  dies  monarchische
  Volk  nimmermehr  seinem  Könige  persönlich  zu  mißtrauen,  und  aller
Groll  warf  sich  daher  auf  die  hohen  Beamten.  Der  Glaube  an  die  Redlichkeit
der  Häupter  und  Führer  schwand  dahin.  Sie  waren  ja  zum  großen  Teil  Edelleute,
  und  diese  wurden  dem  Bürger  in  überaus  starker  Weise  verhaßt.  Nur  zu
bald  wurde  die  Kluft  zwischen  den  Ständen,  die  der  Kampf  fürs  Vaterland  so
glücklich  überbrückt  hatte,  wieder  aufgethan,  und  während  der  Adel  sogar  nach
        <pb n="711" />
        Gegensätze  in  Preußen.  559

Niebuhrs  Urteil  niemals  seit  vierzig  Jahren  die  Bürgerlichen  so  abgünstig  behandelt
  hatte,  wie  damals,  galt  der  Haß  gegen  den  Adel  bald  als  Beweis  für
die  Rechtschaffenheit  und  den  guten  Sinn  eines  ehrenhaften  Bürgers.  Während
der  Adel  die  treibenden  Kräfte  des  Staatslebens  und  die  Bedürfnisse  der  Nation
vielfach  verkannte  und  dem  Verlangen  nach  Volksvertretungen  die  Neigung,  zur
altständischen  Verfassung  zurückzukehren,  entgegensetzte,  blieb  dem  Bürgertum  der
sittliche  und  staatserhaltende  Wert  eines  vaterländischen,  lebensfähigen  Adels  verborgen.
  Das  Vertrauen  schwand  um  so  mehr  dahin,  als  Besitz  und  Bildung
auch  damals  keineswegs  zusammenfielen,  und  der  Ober-Präsident  von  Auerswald
sprach  es  offen  aus,  der  große  Grundbesitz  habe  nicht  das  Vertrauen  der  Nation,
er  sei  ärmer  an  Bildung  als  der  Mittelstand.  Mit  Stolz  fühlte  dieser,  daß  das
frühere  Verhältnis  der  Bildung  sich  umgekehrt,  und  wenn  der  Adel  auf  die  aufhetzenden,
  ohne  Zweifel  oft  recht  unreifen  politischen  Schriften  der  tbürgerlichen
Wortführer  mit  kalter  Verachtung  herunterbl  ickte,  so  übersah  er,  daß  die  hier  ausgesprochenen
  Ansichten  mehr  und  mehr  in  das  Bürgertum  rangen  und  eine
Macht  wurden,  die  ihm  das  Vertrauen  noch  mehr  entzogen.  Das  Bürgertum
aber  vergaß  völlig,  daß  der  Adel  nicht  nur  mindestens  denselben  Opfermut,  dieselbe
  Hingabe  an  das  Vaterland  gezeigt  hatte,  wie  nur  irgend  ein  anderer  Stand,
vergaß  völlig,  daß  seine  Feldherren,  denen  es  eben  begeistert  den  Dank  für  den
Sieg  entgegengebracht,  daß  seine  Staatsmänner,  die  ihm  die  bürgerliche  und  wirtschaftliche
  Freiheit  erstritten,  dem  Stande  des  Adels  entsprossen  waren.  Auf  der
Hand  scheint  die  Wahrheit  zu  liegen,  daß  politische  und  namentlich  finanzielle
Rechte  nicht  aufgegeben  werden,  ohne  Widerstand  und  Kampf  hervorzurufen,  aber
immer  mehr  entschwand  es  dem  Gedächtnis,  daß  die  großen  Reformgesetze  zwar
dem  Bürger  und  Bauern  wesentliche  Rechte  gegeben,  dem  Adel  aber  solche  genommen
  hatten.  Es  war  begreiflich,  daß  nun,  da  der  Staat  von  neuem  geordnet
werden  mußte,  der,  durch  die  Energie  eines  Stein  wie  die  Lage  der  gesamten
Zeitverhältnisse  zurückgedrängte  Widerstand  von  neuem  ausbrach,  und  eine  tiefe
Abneigung  gegen  das  so  viel  begünstigtere  und  doch  weitere  Forderungen  stellende
Bürgertum  in  den  Reihen  des  Adels  Platz  griff.  Es  war  aber  auch  erklärlich,
daß  gegen  den  Adel,  dessen  Mitglieder  oft  mehr  die  sozial  bevorrechtete  Stellung
betonten,  als  an  den  Kulturzwecken  der  Nation  mitarbeiteten  und  teilweise,  wie
Alexander  von  der  Marwitz,  mit  Leidenschaft  beflissen  waren,  frühere  Zustände
wieder  herzustellen,  sich  in  der  Bürgerschaft  ein  starker  Widerwille  festsetzte.

Die  Verachtung  auf  der  einen,  der  Haß  und  die  Erbitterung  auf  der  anderen
Seite  errichtete  die  Scheidewand  von  neuem.  Indem  aber  gleichzeitig  der  politische
L#beralismus  gegen  die  Kirchenlehre  Sturm  lief  und  einem  unfruchtbaren  Rationalismus
  verfiel,  der  zwar  die  täglich  in  die  Erscheinung  tretenden  Wunder  der
Natur  oder  die  unbegreiflichen  Künste  der  Magier,  niemals  aber  die  biblischen
Wunder  gelten  lassen  wollte,  geschah  es,  daß  wie  früher  die  Aufklärung,  so  jetzt
die  Frömmigkeit  für  ein  Zeichen  wahrer  Aristokratie  genommen  wurde,  oder  doch
nichts  für  weniger  aristokratisch  galt  als  der  Unglaube.  Daher  schloß  sich  der,
auch  sonst  vielfach  vom  Adel  abhängige,  geistliche  Stand  diesem  eng  an,  entfremdete
sich  dadurch  aber,  zumal  seine  Haltung  nicht  immer  würdevoll  blieb,  dem  Volke,
dem  er  Erzieher  und  Lehrer  sein  sollte.  So  konnte  es  zur  widerlichsten  Gleichstellung
  der  religiösen  und  politischen  Ueberzeugung  kommen,  und  wer  sich  dem
politischen  Liberalismus  anschloß,  spottete  selbstverständlich  auch  über  das  kirchliche
        <pb n="712" />
        560  Gegensätze  in  Preußen.

Bekenntnis;  wer  aber  den  politischen  Forderungen  der  Gegenwart  entgegentrat,
that  auch  der  kirchlichen  Form  Genüge.  Das  lebendige  Gottesbewußtsein,  das
alle  Schichten  und  Stände,  die  in  der  Welt  sich  bilden  und  trennen,  einen  soll
und  eint,  wurde  damals  allmählich  zu  einem  politischen  Parteiprogramm.  Die
fromme  Innigkeit  des  Gefühls  aber,  die  sich  aus  dem  Kriege  gerettet  hatte,  fühlte
sich  unter  dem  Einfluß  der  Romantik  wieder  von  der  Farbenpracht  des  katholischen
Gottesdienstes  lebhaft  angezogen,  und  in  großer  Zahl  erfolgten  Uebertritte  gerade
religiös  gerichteter  Protestanten  zur  alten  Kirche.  Und  wenn  man  an  den  maßlosen
  Angriff,  den  Joh.  Heinr.  Voß  gegen  den  Grafen  Friedrich  Leopold  zu
Stolberg  1819  in  der  Zeitschrift  „Sophronizon"  richtete,  erinnert,  so  weiß  man,
wie  sehr  auch  diese  Verirrungen  dem  landläusigen  Adelshaß  Nahrung  gaben.  Eine
andere  Verirrung  des  religiösen  Gefühls  führte  zu  mannigfachen  Sonderstellungen
innerhalb  der  protestantischen  Kirche  selbst  und  trug  auch  ihrerseits  zur  Verschärfung
  der  Gegensätze  bei.  Die  trennenden  Lehren  der  katholischen  und  evangelischen
  Kirche  hatte  ebenfalls  der  Kampf  für  das  Vaterland  völlig  verwischt,  ja
auf  dem  Wiener  Kongreß  und  die  nächsten  Jahre  hernach  hatten  edel  gerichtete
Prälaten  mehr  die  gleichen  als  die  verschiedenen  Grundsätze  der  „Schwesterkirchen"
betont  und  einen  friedfertigen  Verkehr  zwischen  beiden  angebahnt.  Auch  dies
änderte  sich  späterhin,  und  wieder  gähnte,  allem  Wohlwollen  der  preußischen  Regierung,
die  z.  B.  in  den  Rheinlanden  die  kirchlichen  Prozessionen  wieder  einführte,  zum  Trotz,
das  deutsche  Volk  von  einander  reißend,  der  Abgrund  zwischen  beiden  Bekennrnissen.
So  war  die  Bevölkerung  des  neuen  Preußens  bald  nach  dem  Kriege,  in
welchem  sich  das  Volk  so  einmütig  unter  die  Fahnen  seines  Königs  geschart,  so
einträchtig  die  Freiheit  des  Vaterlandes  erstritten  hatte,  geographisch,  wirtschaftlich,
politisch,  religiös  und  selbst  national  gespalten  und  zerrissen.  Der  Staat  war
nicht  viel  anderes  als  eine  Chimäre,  fast  allein  die  Person  des  Landesherrn  stellte
die  Einheit  dar.  Es  war  die  Aufgabe  des  Staates,  in  der  Einheit  seiner  Ziele,
in  der  schaffenden  Gemeinsamkeit  alles  Strebens,  der  Förderung  der  großen  Kulturzwecke,
  der  Veredelung  des  Menschengeschlechts  die  getreunten  Unterthanen  zusammen
zu  bringen,  sie  wieder  sich  als  dienende  Glieder  eines  lebendigen  Gemeinwesens
fühlen  zu  lehren.  Die  Aufgabe  war  aber  um  so  schwieriger,  als  die  neuen
Unterthanen  und  Landesteile  bisher  Bestandteile  von  mehr  als  hundert  Territorien
gebildet  hatten  und  durch  die  verschiedenartigsten  Gesetze  und  Verwaltungen  regiert
worden  waren.  Denn  auch  in  den  ehemals  preußischen  Ländern  hatte  die  napoleonische
  Gesetzgebung  die  heimischen  Grundsätze  völlig  über  den  Haufen  geworfen.
Die  Verschiedenheit  der  deutschen  Stämme,  die  früher  der  Staat,  indem  er  ihre
Anstkun  im  ganzen  Lande  leitete,  leicht  überwunden  hatte,  machte  sich  jetzt  weit
mpfindlicher  bemerkbar,  und  die  landschaftlichen  Gegensätze  zeigten  sich  um  so
weihbare,  als  sie  nicht  nur  zusammen  leben,  sondern  auch  unter  eine  gleichmäßige
Verwaltung  treten  sollten.  Gelang  es  aber  dem  Siaat,  alle  seine  Unterthanen  in
dem  Staatsgedanken  zu  vereinen,  so  war  damit  die  Einheit  in  dem  größten  Teil
des  Reiches  erreicht  und  zugleich  die  bisher  geleugnete  Möglichkeit  der  Einheit
des  Reiches  selbst  erwiesen.  Es  war  recht  eigentlich  eine  Aufgabe  nach  der  Natur
des  preußischen  Staates,  in  der  Verschmelzung  aller  dieser  so  verschiedenen  Elemente.
die  versöhnende  Kraft  seiner  treuen  Pflichterfüllung  zu  zeigen.
Doch  diese,  wie  wir  später  sehen  werden,  überaus  ersprießliche  Thätigkeit  im
Innern  des  Staates  blieb  bis  auf  unsere  Tage  herab  fast  unbeachtet,  und  lediglich.
        <pb n="713" />
        Die  preußische  Verfassungsfrage.  561

diejenigen  Dinge,  die  sich  auf  die  Verfassung  gueee  und  Deutschlands  bezogen,
haben  das  Interesse  der  Nation  wachgerufen.  Da  aber  die  Erfüllung  des  Verfassungsversprechens
  eine  immer  reifere  Erwägung  nötig  machte,  und  der  Zeitpunkt
  weiter  und  weiter  hinausgeschoben  wurde,  während  doch  in  den  übrigen
Staaten  Konstitutionen  ins  Leben  gerufen  wurden,  so  blieb  die  Beurteilung  dieser
Epoche  lange  Zeit  allein  von  dem  Haß  und  Zorn  abhängig,  welcher  sich  allmählich

 

Kriegsminister  General  Hermann  von  Boyen.
Lithographie  von  Friedrich  Jenden  (geb.  1801).  Mit  Bewilligung  des  Verlegers  E.  H.  Schröder  in  Berlin.

mehr  und  mehr  in  den  Gemütern  festsetzte.  Und  doch  waren  weder  der  König
noch  auch  Hardenberg  etwa  der  Meinung,  das  gegebene  Versprechen  nicht  zu  erfüllen,
  im  Gegenteil,  was  geschehen  konnte,  geschah  auch,  und  Hardenberg  sah  in
der  Begründung  des  preußischen  Verfassungswerkes  geradezu  sein  Ideal,  die  Krönung
seiner  Lebensaufgabe.  Nur  lag  in  der  eben  geschilderten  Zerrissenheit  der  Interessen,
die  Notwendigkeit,  erst  den  Begriff  des  preußischen  Vaterlandes  in  den  neuen  Unterthanen
  zu  erzeugen  und  in  einer  einheitlichen  Verwaltung  alle  trennenden  Unterschiede
zu  verwischen,  nur  ergab  vorzüglich  die  Neuordnung  der  Finanzen,  sowie  endlich  die
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates
        <pb n="714" />
        1817

562  Die  preußische  Verfassungsfrage.

deutschen  und  selbst  die  europäischen  Verhältnisse  in  ihrer  Wirkung  auf  das  Volksleben
  und  den  staatlichen  Organismus  Schwierigkeiten,  welche  weder  König  Friedrich
Wilhelm  noch  auch  Hardenberg  hatten  ahnen  können.

Wir  haben  früher  gesehen,  wie  der  Große  Kurfürst  und  Friedrich  Wilhelm  I.
in  fortwährenden  Kämpfen  gegen  die  Stände  ihren  Staat  aufgerichtet  hatten.
Friedrich  der  Große  hatte  ihnen  kaum  noch  Beachtung  geschenkt,  und  bis  auf  verhältnismäßig
  geringe  Rechte,  die  in  den  einzelnen  Provinzen  und  Landschaften
verschieden  gestaltet  waren,  lagen  sie  so  gut  wie  lahm.  Ein  etwas  reicheres
Leben  hatten  die  Stände  in  den  neuerworbenen  Provinzen  geführt,  aber  entweder
hatte  die  berrschat  Napoleons  und  seiner  Vassallen  beziehentlich  die  der  Schweden
sie  zerschlagen,  oder  sie  waren,  wie  in  Sachsen,  äußerst  vielgestaltig  und  ausschließlich
  zu  einer  Vertretung  des  Adels  geworden.  Nunmehr  aber  erhoben  sie
überall  wieder  ihr  Haupt,  und,  gestützt  auf  die  in  der  königlichen  Zusage  vom
22.  Mai  1815  gebrauchten  Worte  von  der  Wiederherstellung  der  Provinzialstände,
verlangten  sie  die  Wiedereinsetzung  in  ihre  Rechte  und  erhoben  weitergehende  Ansprüche.
  Mit  schlagender  Deutlichkeit  trat  in  den  Gesuchen,  die  sie  an  die  Krone
richteten,  die  landschaftliche  Absonderung,  die  Betonung  der  Interessen  sowohl  der
einzelnen  Stände,  wie  der  einzelnen  kleinen  Gebiete,  des  „besonderen  Vaterlandes“
hervor.  Der  durch  den  alten  Staat  längst  überwundene  Sondergeist,  die  privatrechtliche
  Anschauung  vom  Staat  trat  der  monarchischen  Zusammenfassung,  dem
öffentlich-rechtlichen  Begriff  von  der  Einheit  und  Hoheit  des  Staates  gegenüber.

Wie  wäre  es  möglich  gewesen,  auf  solche  Wünsche,  die  überdies  im  einzelnen
unendlich  von  einander  abwichen,  einzugehen!  Der  Staat  hätte  sich  selbst  ausgegeben,
  und  vollständig  aussichtslos  mußte  es  von  vornherein  erscheinen,  mit  mehr
als  zwanzig  Körperschaften  —  denn  so  viel  etwa  wurden  gewünscht,  und  ihrer
Natur  nach  konnte  ihnen  die  festgeschlossene  Macht  des  Staates  nicht  die  wichtigste
Frage  sein  —  über  die  neue  Verfassung  auch  nur  zu  verhandeln.  Anzuknüpfen
an  die  ständische  Gliederung  war  immer  die  Absicht  gewesen,  denn  sie  war  die
gegebene  historische  Grundlage,  aber  gleichzeitig  mit  der  Wiederherstellung  der
Provinzialstände  sollte  auch  ein  Reichstag  ins  Leben  treten,  und  dieser  sollte  die
Interessen  der  Gesamtheit,  das  Wohl  des  ganzen  Staates  beraten  und  nicht  die
auseinanderstrebenden  Sonderwünsche,  sondern  die  einende  Kraft  des  ganzen
Staates  befördern.

Es  begreist  sich,  daß  bei  dem  bunten  Gewirr  der  Anschauungen  und  beie
der  noch  völlig  ungeordneten  Verwaltung  ein  derartig  großes  Werk  allein  durch
die  Krone  ausgeführt  werden  konnte,  und  es  begreist  sich  nach  dem  Gesagten,
daß  diese  zunächst  ihre  eigene  Macht  sicher  befestigen  und  die  Verwaltung  in
geordnete  Bahnen  bringen  mußte,  ehe  sie  Rechte  dahingab,  deren  Bestreitung  durch
ein  Parlament  den  Staat  in  seine  einzelnen  Teile  auflösen  oder  ihn  völlig  matt
setzen  mußte.  Dennoch  berief  der  König  zum  7.  Juli  1817  eine  Verfassungskommission
  nach  Berlin,  welche  Hardenberg  mit  einer  Ansprache  eröffnete.  Er
wies  darauf  hin,  wie  die  alten  Landstände  wahre  Hemmräder  in  der  Staatsmaschine
  gewesen,  der  Staat  seinen  Flor  allein  dem  Genie  seiner  Herrscher  verdanke.
  Da  aber  die  Nation  reif  und  würdig  sei,  eine  dauernde  Verfassung  zu
erhalten  und  so  eben  ein  seltenes  Beispiel  staatsbürgerlicher  Tugend  und  Treue
gegeben  habe,  so  sei  der  König  zu  dem  freiwilligen  Entschluß  gekommen,  eine
repräsentative  Verfassung  mit  beratender  Stimme  und  ohne  Einfluß  auf  die  Ver-
        <pb n="715" />
        Die  preußische  Verfassungsfrage.  563

waltung  zu  geben.  Indessen  erschien  es  dem  König  noch  erforderlich,  über  ein
so  wichtiges  Werk  auch  das  Urteil  der  angesehensten  Männer  seines  Volkes  zu
hören,  und  daher  hielt  5  Kommission  weitere  Sitzungen  nicht  ab,  sondern  der
König  sandte  auf  den  Rat  des  Ministers  von  Klewiz  die  drei  Minister  von
Altenstein,  von  Boyen  1s0  von  Klewiz  selbst  in  die  Provinzen,  um  die  Wünsche
der  Unterthanen  genauer
zu  erforschen.  Nun  aber
ergaben  diese  Reisen  kein
anderes  Ergebnis,  als  die
Feststellung  einer  unentwirrbaren
  Mannigfaltigkeit
  der  Vorstellungen  und
die  Thatsache,  daß  damals
ein  allgemeines  stürmisches
Verlangen  nach  Repräsentation
  im  Volke  noch  gar
nicht  vorhanden  war.
Meistens  wurde  die  geordnete
  Verwaltung  für
ausreichend  erklärt,  und
viel  zu  sehr  war  man  noch
mit  der  neuen  Ordnung
der  eigenen  wirtschaftlichen
Verhältnisse  beschäftigt,  um
weiter  gehende  politische
Interessen  zu  haben.  Nur
die  Rückkehr  zur  altständischen
  Verfassung  wurde
vielfach  verlangt,  die  Hardenberg
  geradezu  haßte,
und  fast  waren  es  nur  die
hohen  Beamten  der  Krone,
die,  wie  die  Ober-Präsidenten
  Schön,  Motz  und
andere  um  der  Staatsein-  Heinrich  Theodor  von  Schön.

heit  willen  den  Reichstag  Nach  der  Zeichnung  von  Johann  Eduard  Wolff  (1798—7).
sorderten,  die  wie  der

Ober-Präsident  Zerboni  ihm  beschließende  Befugnisse  beilegen,  oder  wie  der
rheinische  Jurist  Sethe  ihn  aus  freier  Wahl  aller  Staatsbürger  hervorgehen
lassen  wollten.

Da  traten  indessen  Ereignisse  ein,  welche  den  in  der  Sache  liegenden
Schwierigkeiten  von  außen  her  Hindernisse  bereiteten;  und  indem  sie  den  in  die
Seele  des  Königs  schon  gestreuten  Argwohn  zur  Flamme  entfachten,  das  Verfassungswerk
  auf  lange  scheitern  machten.  Wir  wissen,  wie  wenig  die  Friedensschlüsse
  der  Sehnsucht  des  Volkes  genügt  hatten,  wie  jede  des  großen
Vaterlandes  auf  dem  Wiener  Kongreß  zu  nichte  geworden  war.  Der  Bundestag
war  zwar  inzwischen  zusammengetreten,  aber  schon  jetzt  war  trotz  des  schleppenden
        <pb n="716" />
        1817

564  Turner.  —  Studenten.

und  überaus  schwerfälligen  Geschäftsganges  zu  erkennen,  daß  hier  selbst  die  Absicht
fehlte,  das  Band  zwischen  den  deutschen  Staaten  sester  zu  ziehen.  Schon  sprach
man  nur  mit  Hohn  und  Spott  von  der  Behörde,  welche  doch  der  Ausdruck  der
Einheit  war,  nach  der  alle  Patrioten  so  mächtig  verlangten.  Denn  in  aller
Herzen  hatte  E.  M.  Arndts  Forderung  „Das  ganze  Deutschland  soll  es  sein“
gezündet  und  vornehmlich  die  Jugend  gepackt  und  ergriffen.  Nun  geschah  es,
daß  diese  die  Herrlichkeit  des  Vaterlandes  in  ihrer  Weise  zu  begründen  sich
berufen  fühlte,  und  durch  die  Heftigkeit  der  ehrlich  empfundenen  Begeisterung
ließ  sie  sich  zur  Selbstüberschätzung  und  zu  Thaten  hinreißen,  die  dadurch,  daß
die  Regierungen  sie  für  sehr  ernst  nahmen,  von  einer  Bedeutung  für  das  politische
Leben  wurden,  die  sie  ohnedies  schwerlich  gewonnen  hätten.

Schon  vor  dem  Befreiungskriege  hatte  der  Turnvater  Jahn  in  Berlin  in
berserkerhaster  Wut  gegen  alles  Wälsche  geeifert  und  die  eigentliche  Aeußerung
des  teutonischen  Geistes  in  dem  von  ihm,  man  kann  wohl  sagen,  erfundenen
Turnen  zu  erkennen  gemeint.  Treu  und  ehrlich  von  Gemüt  und  überzeugt,  daß
alles  Heil  für  Deutschland  nur  von  Preußen  ausgehen  könne,  aber  derb  und  ungehobelt
  in  der  Form,  hatte  er  durch  Schriften  und  Reden  dereinst  zum  Aufstand  gegen
den  „Mordleuen“  d.  h.  Napoleon  getrieben,  mun  erzog  er  in  seinen  Schülern  doch
ein  Maß  von  Selbstüberhebung  und  eine  Sicherheit  des  eigenen  Urteils,  die  mit
souveräner  Verachtung  die  bestehenden  Zustände  geißelte.  Das  dreiste  und  kecke
Auftreten  der  Turner  begann  daher  schon  die  Besorgnis  der  Regierungen  zu
erregen,  während  Hardenberg,  Schuckmann  und  Altenstein  ihrem  Meister  doch
wohl  wollten  und  sein  und  seiner  Schüler  groteske  Manieren  zwar  für  Ungezogenheiten,
  aber  doch  nicht  für  unheilbare,  am  wenigsten  für  eine  Staatsgefahr  hielten,
wenn  nur  der  gute  Kern,  das  Turnen  selbst,  sich  in  den  regelmäßigen  Schulunterricht
  einfügen  ließ.  Auch  der  König  lernte  an  eine,  von  den  Umtrieben  der
Jugend  herrührende,  Gefahr  erst  glauben,  als  von  dem  Wiener  und  anderen
deutschen  Kabinetten  vernehmliche  Einflüsterungen  bei  ihm  erfolgten,  und  als  die
Turner  mit  den  studentischen  Burschenschaften  in  Beziehung  traten.

Angewidert  durch  den  früher  auf  den  Universitäten  herrschenden  Pennalismus
und  getragen  von  reiner  Vaterlandsliebe  und  starkem  Gottvertrauen  hatten  nämlich
aus  den  Feldzügen  zurückkehrende  Studenten  in  Jena  eine  sogenannte  Burschenschaft
gegründet,  die  bald  auf  den  anderen  Universitäten  Nachfolge  fand.  Ohne  ein  eigentlich
politisches  Programm  zu  haben  schwärmten  die  Burschenschaften  doch  für  die  Einheit
des  ganzen  Vaterlandes  und  meinten,  durch  Beseitigung  der  bisher  bestehenden,
nach  den  einzelnen  kleinen  Vaterländern  getrennten  Landsmannschaften  innerhalb
der  Studentenschaft  doch  ein  ideales  Bild  von  dem  noch  fehlenden  einigen  Deutschland
  darstellen  zu  sollen.  Patriotische  und  religiöse  Begeisterung,  sowie  der
Wunsch  einer  Vereinigung  der  Burschenschaften  an  den  verschiedenen  Universitäten
legte  dann  den  Gedanken  nahe,  die  dreihundertjährige  Wiederkehr  des  Reformationsfestes
  und  die  zweite  Wiederkehr  des  Jahrestages  der  Leipziger  Schlacht  durch
eine  gemeinsame  Feier  auf  der  Wartburg,  wo  Luther  einst  die  Bibel  übersetzt
hatte,  zu  begehen.

Bereitwillig  öffnete  der  Großherzog  Karl  August  von  Weimar  der  beinahe
500  Köpfe  zählenden  Versammlung  die  Säle  seiner  sagenumwobenen  Burg,
herzlich  empfingen  die  Eisenacher  Bürger  die  Musensöhne,  und  unter  vaterländischen
  Reden  und  gottesdienstlicher  Feier  schien  das  Fest  freundlich  und.
        <pb n="717" />
        Wartburgsest.  —  Kongreß  zu  Aachen.  565

ohne  weitere  Bedeutung  verlaufen  zu  sollen.  Da  fühlte  sich  der  Berliner  Turner
und  Student  Maßmann  veranlaßt,  als  ein  anderer  Luther  die  Titel  all  der
Bücher,  welche  durch  Bekämpfung  der  Verfassungspläne,  oder  des  Turnens  und
des  Teutonentums  den  Zorn  Jahns  erregt  hatten,  in  einem  förmlichen  Autodasé,
hoch  oben  auf  dem  Berge  zu  verbrennen.  Meist  ohne  Kenntnis  des  Inhalts  der
Bücher  hatten  die  Burschen  in  ihrem  Dünkel  das  Gericht  gehalten,  das  ihnen
ihr  Vater  Jahn  geraten.  Und  der  Professor  Oken  in  Jena,  der  eine  durch
plumpe  Grobheit  und  schmähliches  Schimpfen  auf  Preußen  und  sein  Heer  ausgezeichnete
  Zeitschrift  „Die  Isis“  herausgab,  verherrlichte  den  Blödsinn  noch
litterarisch  und  gab  den  Regierungen  den  Rat,  sich  die  Versammlung  auf  der
Warkburg  zum  Muster  zu  nehmen.

Begreiflich,  daß  solch  Uebermut  in  seine  Schranken  zurückgewiesen  werden
mußte,  aber  zugleich  erweckte  dieser  Vorgang  an  vielen  Höfen  Deutschlands  eine
übertriebene  Sorge  vor  revolutionären  Gelüsten,  und  namentlich  in  Wien  glaubte  man
in  den  Studenten  die  schlimmsten  Revolutionshelden  sehen  zu  müssen.  Doch  auch
in  Berlin  empfing  der  Geist  des  Argwohns  gegen  das  Streben  nach  Deutschheit
dadurch  schlimme  Nahrung.  Geweckt  hatte  hier  einen  solchen  schon  1815  vorzüglich
  die  Schrift  eines  verdienten  Professors  Namens  Schmalz,  der  in  gehässigster
Weise  die  Patrioten,  selbst  E.  M.  Arndt,  als  Umstürzler  schmähte  und  ihnen  die
Predigt  von  „Mord,  Plünderung,  Notzucht“,  sowie  die  Absicht  zuschrieb,  die
deutschen  Fürsten  entihronen  zu  wollen,  „um  den  tollen  Gedanken  Einer  deutschen
Regierung  zu  verwirklichen“".  Nun  aber  befand  sich  unter  den  auf  der  Wartburg
verbrannten  Buchtiteln  auch  eine  sehr  nützliche  vom  Geheimen  Rat  von  Kamptz  zu
praktischem  Gebrauch  zusammengestellte  Gesetzsammlung,  der  Gendarmerie-Kodex,  und
schwer  gekränkt  durch  die  seinem  Werke  zugefügte  Beleidigung  betrieb  Kamptz  nun  den
Kampf  gegen  „den  Vandalismus  demagogischer  Intoleranz“  mit  besonderer  Energie.
Die  Mächte  nötigten  den  Grohherzog  von  Weimar  zu  einem  Einschreiten  gegen  die
Jenenser  Universität,  und  in  Preußen  wurde  jede  Teilnahme  an  studentischen  Verbindungen
  bei  Relegation  verboten,  das  Turnen  unter  schärfere  Aufsicht  gestellt,  ja
der  König  wollte  bis  zur  Aufhebung  derjenigen  Universität,  auf  welcher  der  Geist  der
Zügellosigkeit  nicht  zu  bändigen  sei,  vorgehen.  Auch  auf  dem  Kongreß  der  Monarchen

er  im  Oltober  1818  zu  Aachen  tagte  und  durch  hochherzige  Herabsetzung  der
französishen  Kriegsschuld  wie  durch  die  Zurückziehung  der  Truppen  von  französischem
Boden  und  Aufnahme  Frankreichs  in  den  Vierbund  die  Stellung  der  Bourbonen  in
ihrem  Heimatlande  befestigen  sollte  —  kam  es  nicht  nur  zu  einer  Erneuerung  des
alten  Bündnisses  für  den  Fall  einer  neuen  Friedensstörung,  sondern  schon  fand  eine
Denkschrist  Ancillons  den  Beifall  des,  durch  Verhältnisse  im  eignen  Lande  ganz
umgewandelten,  Zaren,  in  welcher  der  große  Bund  nicht  mehr  als  der  Bewahrer
des  Friedens,  sondern  als  der  Beschützer  der  Throne  gegen  ihre  Völker  erschien.
Verkrauliche  Besprechungen  über  die  Zuchtlosigkeit  der  Presse,  die  Unbotmäßigkeit
der  Beamten,  die  Ausschweifungen  der  Studenten  und  Turner  fanden  statt.  Es
kam  dahin,  daß  ein  französischer  Minister  erklärte,  die  Deutschen  thäten  ihm  leid,
da  sie  Krieg  gegen  Studenten  führten.

Die  Umwandlung  der  politischen  Gesinnung  des  Zaren  und  seine  nunmehrige
Zuneigung  zu  dem  Metternichschen  System  brachte  es  aber  naturgemäß  mit  sich,
daß  der  beherrschende  Einfluß  in  dem  Bunde  der  vier  Großmächte  fortan  der
Hofburg  in  Wien  zufiel.  In  den  deutschen  Dingen  ergriff  Metternich  nun

1818
lt.
        <pb n="718" />
        566  Die  preußische  Verfassungsfrage.

vollends  die  Zügel,  und  da  Oesterreich  weder  eine  Verfassung  haben,  noch  Deutschland
oder  gar  Preußen  erstarken  durfte,  so  arbeitete  der  österreichische  Staatsmann
sortan  an  der  Verhinderung  jeglicher  Verfassung  und  führte  die  Bekämpfung  aller
auf  konstitutionelle  Formen  gerichteten  Wünsche  mit  unheimlicher  Freude.  Sein
getreuer  Gentz  betrieb  diese  Arbeit  zugleich  in  den  „Wiener  Jahrbüchern“  litterarisch,
und  auch  in  Berlin  wurden  die  Stimmen  immer  lauter,  welche  vor  der  Einführung
  einer  Verfassung  als  des  Vorboten  der  Revolution  dringend  warnten.
Auf  König  Friedrich  Wilhelm,  dessen  Gesinnung  man  doch  noch  keineswegs  sicher
war,  sollte  eine  Denkschrift  Metternichs  vorteilhaft  einwirken,  die  zwar  von  Unwissenheit
  der  preußischen  Verhältnisse  strotzte,  aber  gewandt  den  Haß  der  Liberalen
gegen  das  stehende  Heer  in  den  Vordergrund  stellte  und  jegliche  Verfassung  als
die  Revolution  selbst  in  schwarzen  Farben  schilderte.

Indessen  hielten  der  König  wie  sein  Kanzler  den  Beschluß,  an  die  Stelle
der  verlebten  alten  Provinziallandtage  eine  neue  ständische  Institution  einzuführen,
fest.  Denn  „heute  kann  nicht  gestern  werden“,  sagte  Hardenberg,  wohl  aber
fühlte  er,  daß  solche  Vorgänge  und  Einflüsterungen  die  Besorgnis  des  Königs
erregen  mußten,  und  er  hatte  daher,  sowohl  um  sein  Amt  zu  behaupten,  als
auch  um  den  Argwohn  des  Königs  nicht  gegen  seine  Verfassungspläne  sich  wenden
zu  sehen,  nicht  für  nötig  gefunden,  seinem  Herrscher  die  geringfügige  Bedeutung
der  studentischen  Bewegung  klar  zu  legen,  sondern  war  für  ihre  energische  Versolgung
  eingetreten.  Und  selbst  eine  Adresse  des  rheinischen  Adels,  selbst  eine
von  Görres  geführte  Deputation  und  Mahnungen  des  Berliner  Magistrats  beantwortete
  der  König  zwar  nur  kurz  dahin,  daß  er  sich  den  Zeitpunkt  für  die  Ausführung
  seiner  Zusage  vorbehalten  müsse,  aber  die  Absicht,  eine  Verfassung  einzuführen,
  litt  darunter  nicht.  Und  als  nun  Vincke  mahnte,  was  unser  Volk
empfinden  müsse,  wenn  andere  Regenten,  „die  nichts  verheißen  haben",  uns  voraneilen,
  da  entschloß  sich  Hardenberg,  der  bisher  trotz  seines  Eifers  sich  begnügt
hatte,  andere  zu  befragen,  endlich  selbst  einen  Entwurf  auszuarbeiten.  Zu  dem.
Zweck  gab  er  im  Mai  1818  auf  den  Rat  des  Fürsten  Wittgenstein  die  General-Kontrolle
  an  den  Grafen  Lottum  und  die  auswärtigen  Angelegenheiten  an  den
Grafen  Bernstorff  ab.  Doch  hielten  ihn  wieder  Verwaltungssorgen  von  der
Verfassungsarbeit  ab,  und  es  bezeichnet  die  Gegenströmung,  welche  am  Hofe  zu
Berlin  sich  gegen  Hardenbergs  Pläne  richtete,  wenn  der  Kriegsminister  von  Boyen
schreibt,  „diese  auf  Thatsachen  ruhende  Liebe  des  Volkes  zu  seinem  Könige,  alles
das,  was  seit  Jahrhunderten  ehrwürdige  Denker  für  den  Zweck  der  Menschheit
erklärten,  das  will  jetzt  ein  schwächliches  Geschlecht  oder  alte  Weiber,  die  unglücklicherweise
  Hosen  tragen,  für  unwahr  erklären,  um  sich  ein  mystisches  Gewand
aus  alten  verjährten  Formen  so  recht  bequem  für  ihre  eigene  Person  und  die
liebwerte  Familie  zu  machen“.  Doch  wie  besorgt  der  König  auch  wurde,  die
Erfüllung  seines  Versprechens  blieb  ihm  selbstverständlich.  In  einer  ausführlichen

1819  Kabinettsordre  vom  11.  Januar  1819  erklärte  er  zwar  die  Ergreisung.  kräftiger
Maßregeln  und  strenger  Aufsicht  der  Universitäten  gegen  den  Geist  der  Unruhe
für  notwendig,  er  beklagt,  daß,  was  sonst  nur  Unfug  junger  Leute  war  ’  das
Gepräge  der  Sucht,  in  die  Welthändel  einzugreifen,  an  sich  trage,  betont  auch
die  Notwendigkeit  eines  preußischen  Preßgesetzes,  aber  höchst  nachteilig  neunt  es
der  König,  den  Eifer,  die  Verbesserung  des  Innern  zu  befördern,  mit  dem  Namen
der  Neuerungssucht  zu  belegen  und  ihm  eine  revolutionäre  Tendenz  unterzulegen,
        <pb n="719" />
        Die  preußische  Verfassungsfrage.  567

und  abermals  spricht  er  es  als  seine  Absicht  aus,  dem  Lande  „eine  angemessene
ständische  Verfassung  zu  geben“.  Zu  diesem  Zwecke  ward  auch  das  Ministerium
des  Innern  unter  Schuckmann  geteilt,  und  für  die  Bearbeitung  der  ständischen
und  Kommunal-Angelegenheiten  Wilhelm  von  Humboldt  berufen,  von  dem  man  wußte,
daß  er  der  Verfassungsfrage  mit  warmer  Vorliebe  gegenüber  stand,  und  den
schon  die  Zeitungen  als  „Vater  der  preußischen  Verfassung“  priesen.  Indessen
ein  Resultat  führte  auch

Humboldt  nicht  herbei.
Wohl  erklärten  die  Minister
in  den  lange  verzögerten
Gutachten,  welche  der  König
in  der  erwähnten  Ordre
befohlen  hatte,  die  Einführung
  einer  Verfassung
selbst  für  unbedenklich  und
ungefährlich,  aber  einen
*  Plan  “W**
sie  bei  der  großen  Verschiedenheit
  ihrer  Ansichten
der  Krone  nicht  vorzulegen.
Wohl  stimmten  die  Gedanken
  Hardenbergs  und
Humboldts  im  wesentlichen
überein,  nur  daß  dieser,
weniger  radikal  als  jener,
die  Rechte  der  alten  Landstände
  schonender  behandelt
und  in  wohl  überlegter
Weise  die  liberalen  Theorien
  mit  den  historisch-konservativen
  Wünschen  versöhnt
  wissen  wollte.  Unter
krästiger  Wahrung  des
Grundgedankens  der  Einheit
  des  Staates  wollte  Ludwig  Freiherr  von  Vincke.

Humboldt  völlig  sachgemäß  Noch  dem  Gemälde  von  Frledrich  Voser  (geb.  1810.
Reichsstände  mit  dem  Recht

der  Gesetzgebung  und  Provinzialstände  mit  dem  Recht  der  Selbstverwaltung,  und
für  beide  verlangte  er  unmittelbare  Wahlen.

Doch  leider  vernichtete  die  ues  Feindschaft  zwischen  beiden  Männern
auch  die  letzte  Harmonie  und  Einheit  im  Ministerium,  und  außerpreußische  Ereignisse
  machten  dem  König  die  ganze  Angelegenheit  immer  bedenklicher.  Denn
nun  traf  es  sich,  daß  die  inzwischen  ins  Leben  getretenen  Landtage  von  Bayern,
Württemberg  und  Baden  sich  keineswegs  als  reife  und  besonnene  Versammlungen
zeigten,  vielmehr  in  den  bittersten  Streit  mit  ihren  Regierungen  gerieten,  welcher
der  bayerischen  wie  der  badischen  Krone  den  Gedanken  eines  Staatsstreiches  nahe
legte.  Begreiflich,  daß  Friedrich  Wilhelm  durch  solche  Dinge,  wie  sie  immerhin
        <pb n="720" />
        568  Sand.  —  Demagogen-Verfolgung.

parlamentarische  Kinderjahre  mit  sich  bringen  mochten,  schwer  getroffen  wurde.
Als  aber  nun  der  Dichter  Kotzebue,  welcher  wegen  seiner  Berichte  nach  Petersburg
längst  den  bittersten  Haß  der  Burschenschaft  auf  sich  gezogen  hatte,  von  dem
unseligen  Studenten  der  Theologie  Sand  ermordet  wurde,  da  erkannte  man  mit
vollem  Recht  hierin  nicht  nur  die  That  eines  einzelnen  Verbrechers,  sondern  das
Erzeugnis  der  von  den  Gießener  Studenten,  besonders  den  Gebrüdern  Follen  gepredigten
  Gesinnung,  welche  für  den  Sieg  ihrer  politischen  Ueberzeugung  rücksichtslos
auch  den  Mord  empfahl.  Wir  wissen  heute,  daß  die  Zahl  der  „Unbedingten"“,  d.  h.
derjenigen  Studenten,  welche  den  Umsturz  aller  sittlichen  und  politischen  Ordnungen
anstrebten,  nur  eine  geringe  war,  aber  wenn  selbst  ein  Professor  der  Theologie,
de  Wette  in  Halle,  das  Verbrechen  einen  Irrtum  nannte,  der  durch  die  Festigkeit
und  Lauterkeit  der  Ueberzeugung  entschuldigt  und  gewissermaßen  aufgehoben  werde,
und  die  Leidenschaft  durch  die  Quelle,  aus  der  sie  fließe,  sogar  für  geheiligt
erklärte  —  oder  wenn  ein  Professor  der  Jurisprudenz  die  That  Sands  nur  die
Uebertreibung  eines  an  sich  moralischen,  ja  religiösen  Gefühls  nennt  —  dann
wird  man  die  vom  Könige  befohlene  Ergreifung  ernster  Maßregeln  und  die  Einsetzung
  einer  Untersuchungs-Kommission  vollauf  gerechtfertigt  finden.  Sie  aber
hat  sich  dann  durch  die  gehässigste  Spionage,  durch  die  Verfolgung  der  unbescholtensten
  Männer  bis  in  die  höchsten  Beamtenkreise,  durch  Maßregelungen  der
verdientesten  Patrioten,  auch  des  treuen  E.  M.  Arndt  den  schlechtesten  Ruhm
erworben,  und  die  Demagogen-Verfolgung  riß  einen  weiten  Abgrund  zwischen  der
preußischen  Regierung  und  dem  deutschen  Volke.  „Welches  Leben“,  so  klagte
Niebuhr,  „ohne  Liebe,  ohne  Patriotismus,  ohne  Freude,  voll  Groll  und  Mißmut
entsteht  aus  solchen  Färhellise  zwischen  Unterthanen  und  Regierungen!“  Dennoch
  ertrugen  Männer  wie  E.  M.  Arndt  die  Prüfung,  ohne  auch  nur  einen
Augenblick  ihrer  n“)1  und  preußischen  Gesinnung  untreu  zu  werden.  Und
ebenso  blieb  in  der  Masse  des  preußischen  Volkes  das  Vertrauen  zum  Könige
unerschüttert,  man  sühlte  die  Gesinnung  Friedrich  Wilhelms,  auch  wenn  man
nicht  wußte,  daß  er  seinem  Garnisonprediger,  der  freimütig  vor  dem  Könige  über
den  Text  „Vater,  vergieb  ihnen,  denn  sie  wissen  nicht  was  sie  thun“  gepredigt,
die  Antwort  gegeben  „Kann  nicht  immer,  wie  ich  will“.

Denn  von  der  Größe  der  Gefahr  war  der  König,  wie  auch  Hardenberg  selbst
wohl  vollauf  berzeuge,  und  sicherlich  waren  solche  Vorgänge  durchaus  geeignet,
im  Schlosse  zu  Berlin  den  Boden  zu  bereiten,  den  Metternich  brauchte,  um  in
der  Erstickung  jeder  konstitutionellen  Regung  in  den  deutschen  Staaten  dafür  zu
sorgen,  daß  die  österreichischen  Erbländer  nicht  etwa  aus  dem  Schlummer,  in  den
sie  so  glücklich  eingelullt  waren,  durch  die  Neugestaltungen  im  Reiche  aufgeweckt
würden.  Eben  deshalb  hielt  er  ein  gemeinsames  Vorgehen  mit  Preußen  für
nötig.  In  Teplitz  meldete  er  sich  am  29.  Juli  1819  bei  dem  König,  der  dort
der  Kur  oblag,  und  schon  am  1.  August  unterzeichneten  er  und  Hardenberg  eine

Punktakion.  Der.  Augenblick,  so  hieß  es  hier,  in  welchem  das  systematische
Treiben  einer  revolutionären  Partei  die  Existenz  aller  deutschen  Regierungen
bedrohe,  müsse  zu  einer  näheren  Vereinigung  zwischen  beiden  Staaten  benutzt
werden,  und  den  Grundsätzen,  die  man  über  die  Notwendigkeit  eines  Bundespreßgesetzes,
  über  die  Disziplin  der  Studenten,  wie  namentlich  der  Lehrer  an  den
Universitäten  und  Schulen  aufgestellt,  müsse  die  möglichste  Ausbildung  auch  in
den  übrigen  deutschen  Staaten  gegeben  werden.  Keinem  der  berüchtigten  Zeitungs-
        <pb n="721" />
        Teplitzer  Punktation.  —  Karlsbader  Beschlüsse.  5690

redakteure  solle  journalistische  Thäligkeit  weiter  gestattet  werden,  die  Zeitungen
sollen  verringert  werden,  kein  von  einem  Bundesstaat  gemaßregelter,  kein  notorisch
schlecht  gesinnter  Lehrer  dürfe  in  einem  anderen  eine  Anstellung  finden,  und  endlich
erklärte  Preußen  allerdings  nicht  in  geradem  Gegensatz  zu  den  bisherigen  Verfassungsplänen,
  aber  doch  in  einer  die  Selbständigkeit  des  Staates  ausgebenden
Form  seinen  Entschluß,  üzur  Repräsentation  der  Nation  keine  allgemeine,  mit  der
geographischen  und  inneren  Gestaltung  seines  Reiches  unverträgliche  Volksvertretung
einzuführen,  sondern  seinen  Provinzen  landständische  Verfassungen  zu  erteilen  und
aus  diesen  einen  Zentral-Ausschuß  von  Landesrepräsentanten  zu  bilden"“.  In
schlauer  Berechnung  hatte  Metternich  den  Ernst  der  Zeitumstände  ausgenutzt  und
zweifelte  nicht,  daß  er  gegen  die  Einführung  einer  modernen  Volksvertretung  in
Preußen  durch  dies  einseitige  Versprechen  vollkommen  gedeckt  sei,  und  daß  die
strengen  Polizei-Vorschriften  den  Deutschen  die  Lust  „sich  in  ein  Deutschland  zu
vereinigen“  gründlich  vertreiben  würden.

Auf  Grund  dieser  Punktation  traten  nun  im  August  unter  dem  Vorwande,
die  Kur  zu  gebrauchen,  die  Minister  von  Oesterreich,  Preußen,  Bayern,  Württemberg,
  Hannover,  Baden  und  anderer  Bundesstaaten  in  Karlsbad  zu  einer  Konferenz
zusammen.  In  dieser  schwächte  man  zwar  wegen  der  Furcht  des  Königs  von
Württemberg  vor  der  Macht  seiner  widerspenstigen  alten  Landstände  die  Frage,
ob  der  Art.  13  der  Bundesakte  wirkliche  Volksvertretungen  der  Zahl  nach  oder
alte  landständische  Versammlungen  in  Aussicht  gestellt  habe,  in  die  Formel  ab,
daß  jede  Regierung  ihr  eine  der  Aufrechterhaltung  des  monarchischen  Prinzips
und  des  Bundesvereins  vollkommen  angemessene  Auslegung  geben  werde.  Aber
im  übrigen  einigte  man  sich  sowohl  über  eine  provisorische  Bundesexekution,
welche  dem  Bundestag  die  Ueberwachung  der  Bundesgesetze  selbst  durch  Zwangsmaßregeln
  überwies,  als  über  die  Einsetzung  einer  Zentral-Kommission  zur  Ueberwachung
  der  Universitäten,  der  Presse  und  der  Demagogen.

Mit  diplomatischer  Gewandtheit  und  übergroßer  Eile  wurde  der  Bundestag
am  20.  September  zur  Annahme  dieser  Beschlüsse  gezwungen,  und  Metternich
durste  in  der  That  sein  Werk  als  gelungen  betrachten.  Alle  nationalen  und
liberalen  Ideen  durfste  er  hoffen,  für  immer  abgethan  zu  haben,  und  das  auf
die  einfachste  Art  von  der  Welt,  lediglich  durch  kräftige  Polizeimaßregeln.  Während
die  preußischen  Staatsmänner  noch  nicht  ahnten,  wie  fast  unlöslich  sie  an  das
österreichische  Staatsschiff  gekettet  waren,  und  an  die  Gefahren  noch  gar  nicht
dachten,  welche  jede  Verstärkung  der  Bundesgewalt,  so  lange  Oesterreich  den  vorwiegenden
  Einfluß  am  Bundestage  hatte,  für  Preußen  bringen  mußte,  durfte
Metternich  frohlockend  ausrufen  „Preußen  hat  uns  den  Plahz  überlassen,  welchen
ein  Teil  der  Deutschen  dem  preußischen  Staat  zugedacht".  Er,  „der  sich  zwanzigmal
  täglich  sagte,  guter  Gott,  wie  sehr  habe  ich  Recht  und  die  anderen  Unrecht“,
hatte  in  der  That  bewiesen,  daß  seine  Ablehnung  der  deutschen  Kaiserkrone  richtig
gewesen.  „Wenn  der  Kaiser  verzweifelt“,  so  durfte  er  jetzt  sagen,  „daß  er  Kaiser
von  Auschlan  ist,  7—  irrt  er  sich  sehr.“

m  18.  Oltober  ließ  der  König  die  Karlsbader  Beschlüsse  und  nach  ihren
——  gleichzeitig  ein  Zensuredikt  veröffentlichen,  das  auf  fünf  Jahre  alle
Druckschristen  ohne  Ausnahme  und  ohne  Unterschied  des  Inhalts  der  Zensur
unterwarf.  So  widerspruchsvoll  es  aber  auch  klingt,  selbst  während  der  Tage
in  Karlsbad  ruhte  die  Arbeit  an  dem  Verfassungswerk  nicht,  und  in  dem  „Zentral-1319


August
        <pb n="722" />
        570  Preußische  Verfassung.  —  Wiener  Schlußakt.

Ausschuß  der  Landesrepräsentanten“  glaubte  Hardenberg  die  gewünschten  Reichsstände
  über  den  Provinziallandtagen,  glaubte  die  Einheit  des  Staates  gerettet  zu
haben.  Am  11.  August  setzte  der  König  aus  Hardenberg,  Humboldt,  Schuckmann,
Ancillon,  Daniels  und  Eichhorn  eine  besondere  Verfassungskommission  ein,  der
Hardenberg  am  12.  Oktober  seine  „Ideen  zu  einer  landständischen  Verfassung“
in  Preußen  übergab.  Inzwischen  war  aber  endlich  auch  das  von  Humboldt  verfaßte
  Gesamtgutachten  des  Ministeriums  an  den  König  abgegangen.  Allein  den
Kern  der  Frage  umging  es  und  fpitzte  sich  im  wesentlichen  zu  einem  Angriff
auf  Hardenberg  zu.  So  durchdachte  Grundsätze  nun  die  Hardenbergsche  Denkschrift
  aufstellte,  über  einander  Kommunal-,  Kreis-,  Provinzial-Landtage  und
Reichstag  aufbaute,  und  bei  dem  allerdings  umständlichen  Wahlsystem  dem  Reichstage
  die  Beratung  der  Gesetzgebung  für  die  ganze  Dynastie  zuwies,  so  gering
auch  die  Meinungsverschiedenheiten  der  Minister  über  die  Versassuegfrage  selhg
waren:  der  Gegensatz  zwischen  Hardenberg  und  Humboldt  ließ  nicht  nur  diese
scheitern,  sondern  führte  nach  den  unerquicklichsten  Verhandlungen  innerhalb  des
Ministeriums  am  31.  Dezember  zur  Entlassung  nicht  nur  Humboldts,  sondern
auch  Beymes,  ja  infolge  sich  gleichzeitig  abspielender  Meinungsverschiedenheiten
zwischen  dem  König  und  dem  Kriegsminister  nahm  auch  Boyen  den  Abschied,  und
ihm  schloß  sich  auch  Grolmann,  der  Generalstabschef,  an.

Zu  Karlsbad  waren  außerdem  zu  weiterer  Befestigung  der  Vereinbarungen
vertrauliche  Minister-Konferenzen  sämtlicher  Staaten  verabredet,  die  zu  Wien

1620  vom  November  1819  bis  zum  Mai  1820  abgehalten  wurden.  Einige  Zugeständnisse
  mußte  Metternich  hier  doch  den  Mittelstaaten  machen,  das  übte  aber  auf
den  Gesamterfolg  nur  geringen  Einfluß.  Die  Beschlüsse  über  den  Wirkungskreis,
die  Gewalt  des  Bundestages,  das  Heerwesen,  die  Verfassung  in  den  Einzelstaaten,
die  Beschränkung  der  Veröffentlichung  der  Landtagsverhandlungen  und  die  Bundesexekutionsordnung
  standen  im  ganzen  in  Uebereinstimmung  mit  den  Wünschen
Metternichs  und  wurden  auch,  da  alle  Minister  sie  unterzeichnet  hatten,  am  Frank-8.

  Juni  furter  Bundestage  als  Wiener  Schlußakte  am  8.  Juni  1820  ohne  weiteres  angenommen.
  Der  Grundgedanke  der  Metternichschen  Anschauung,  die  Stabilität
in  seinem  unbeweglichen  Oesterreich  zu  erhalten,  war  dadurch  auf  Deutschland
übertragen  und  Oesterreich  vor  der  hereinbrechenden  Flut  der  nationalen
Ideen  gerettet.  Indem  aber  ausdrücklich  bestimmt  war,  daß  kein  Bundesfürst
durch  eine  landständische  Verfassung  in  der  Ausübung  seiner  Bundespflichten  gehindert
  werden  dürfe,  war  auch  die  Entwickelung  der  Einzelverfassungen  unterbunden.
  Preußen,  das  endlich  durch  das  gewinnende  Verhalten  des  Grafen  von
Bernstorff  ein  etwas  freundlicheres  Verhältnis  zu  den  Einzelstaaten,  besonders
zu  Bayern,  angebahnt  hatte,  war  mit  den  Beschlüssen  einverstanden.  Ancillon
schrieb  seiner  ganzen  Stellung  gemäß  sogar,  „die  Schlußakte  hat  das  Problem,
die  Souveränität  eines  jeden  Staates  mit  der  Kraft  des  Ganzen  zu  vereinbaren,
so  glücklich  gelöst,  wie  es  unter  den  gegebenen  Umständen  nur  immer  möglich
war“.  Und  mit  Ancillon  frohlockten  alle  Gegner  Hardenbergs  und  seiner  Verfassungspläne.


Trotzdem  verzweifelte  Hardenberg  an  dem  endlichen  Gelingen  seines  Lieblingsplanes
  um  so  weniger,  als  er  bald  darauf  die  Finanzen  des  Staates  in  eine
gute  Ordnung  gebracht  hatte.  Denn  damit  war  ein  Haupthindernis  beseitigt,
weil  es  den  Staat  an  den  Bankerott  geführt  hätte,  wenn  seine  überaus  bedenkliche
        <pb n="723" />
        Gesetz  vom  17  Januar  1891.  —  Kreis=  und  Gemeinde-Ordnung.  571

Geldlage  durch  öffentliche  Besprechung  bekannt  geworden  wäre.  Im  Zusammenhange
  mit  der  Ordnung  der  Staatsschulden  wurden  nun  durch  das  Gesetz  vom
17.  Januar  1820  die  Reichsstände  in  Aussicht  gestellt,  indem  die  Krone  sich  1t  n#.  #..
dadurch  verbindlich  machte,  keine  Anleihe  ohne  Zuziehung  von  Reichsständen  aufzunehmen.
  Unzweideutig  sprach  damit  der  König  aus,  wie  er  trotz  aller  Einflüsterungen
  und  trotz  aller  Ereignisse  fortdauernd  gewillt  wäre,  die  Zusage  vom
22.  Mai  1815  zu  erfüllen.  Dem  entsprechend  berief  er  im  Februar  1820  eine  1820
neue  Kommission,  um  aufs  schleunigste  binnen  vier  Wochen  eine  Gemeinde=  und
Kreis-Ordnung  auszuarbeiten,  welche  die  Grundlage  der  Reichsstände  bilden  sollte.
Aber  auch  jetzt  sollte  dieser  alte  Plan  Steins  mißglücken.

Schon  war  die  Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten  auch  für  die  neu  erworbenen
Länder  zwischen  Elbe  und  Rhein  durch  das  Edikt  vom  25.  September  1820  in
durchgreifender  Form  befohlen,  und  im  Juni  1821  erfolgte,  wie  wir  hier  vorweg
anführen,  die  letzte  große  Reform  Hardenbergs,  das  Edikt  über  die  Gemeinheitsteilungen
  und  die  Beseitigung  des  Flurzwanges.  Seit  den  Zeiten  Friedrichs  des
Großen  waren  nicht  ganz  drei  Millionen  Morgen  aufgeteilt,  jetzt  wurde  die  Arbeit
von  der  Generalkommission  so  energisch  aufgenommen,  daß  nach  einem  Vierteljahrhundert
  über  vierzig  Millionen  Morgen  aufgeteilt  waren.  Nunmehr  konnten
die  Bauern  eine  intensive  Wirtschaft  führen,  und  es  war  dem  Zusammenschluß
des  Dorfes  zu  einer  politischen  Gemeinde  der  Weg  geöffnet.  Dennoch  erhoben
sich  gegen  die  endliche  Einführung  einer  Landgemeinde-Ordnung  unüberwindliche
Schwierigkeiten.  Zu  verschieden  waren  die  Verhältnisse  im  Osten  und  im  Westen.
Hier  gab  es  nur  wenige  Großgrundbesitzer,  und  auch  die  Gemeinden  waren  der
Zahl  nach  klein,  nicht  volle  fünftausend,  aber  sie  waren  ungemein  groß  und  wohlhabend.
  Seit  den  Zeiten  Napoleons  waren  sie  überdem  in  noch  größere,  etwa
tausend  Verbände  geteilt,  deren  Verwaltung  von  Bürgermeistern  als  Regierungsbeamten
  geleitet  wurde.  Im  Osten  dagegen  gab  es  sehr  kleine  und  arme,  aber
ungemein  viel  Gemeinden,  über  25000  und  einen  ausgedehnten  Grundbesitz,  etwa
15000  Rittergutsbezirke.  Nach  den  schweren  Kriegsjahren  und  nach  der  1816/17
ausgebrochenen  Hungersnot  hatte  aber  gerade  hier  der  Grundbesitzer  mehr  als
jemals  zu  thun,  die  freiwillig  dem  Vaterlande  gebrachten  Opfer  und  die  furchtbaren
  Verluste  wieder  einzuholen,  ja  auch  nur  das  Gut  selbst  zu  halten.  Allerdings
  suchte  die  Regierung  der  größten  Not  durch  bare  Summen,  durch  Straßenban
und  Magazine,  welche  den  Roggenpreis  auf  der  Höhe  von  einem  Thaler  für
den  Scheffel  halten  sollten,  zu  helfen;  trotzdem  verloren  sehr  viele  der  angesehensten
Familien  ihren  alten  Besih,  und  diele  hundert  Landgüter  mußten  versteigert  werden.

Dieser  häufige  Besitzwechsel  aber,  sowie  das  Anwachsen  des  Verkehrs,  die
Freizügigkeit  und  die  Anlage  von  Fabriken  und  Brennereien  auf  dem  Lande
nötigten  den  Grundbesitzer  zu  einer  anderen,  intensiveren  Wirtschaft,  so  daß  er,
wie  späterhin  (1833)  sogar  von  der  Marwitz  selbst  zugestand,  gar  nicht  mehr
im  stande  war,  die  Ortsobrigkeit  zu  übersehen.  Marwitz  glaubte  zwar  in  der
Unterdrückung  des  Grundbesitzes  den  eigentlichen  Zweck  der  ganzen  Agrargesetzebung

  zu  erkennen,  und  immer  hat  der  kernige  Edelmann  ihr  mannhaften  Widerstand
  geleistet.  Aber  soviel  war  doch  zumal  nach  all  den  schweren  Opfern  des
Adels  klar,  daß  die  Regierung  nur  mit  schonender  Hand  die  alterworbenen  und
geschichtlich  begründeten  Rechte  der  Grundbesitzer  antasten  und  die  Landbevölkerung
aus  dem  privatrechtlichen  Zustand  in  den  des  öffentlichen  Rechtes  überleiten  konnte.
        <pb n="724" />
        572  Die  Verfassungsfrage.  —  Der  Kronprinz.

Alle  diese  Schwierigkeiten  wurden  indessen  zunächst  außer  acht  gelassen.  Denn
1821  als  nun  Friese,  der  sich  in  Steins  Zeiten  so  trefflich  bewährt  hatte,  nach  übergroßer
  Arbeit  der  neuen  Kommission  seinen  Entwurf  einer  Kreisverfassung  vorlegte,
  zeigte  sich,  daß  er  wohl  die  Einheit  des  Staates  scharf  ins  Auge  gefaßt,
aber  von  dem  bestehenden  Zustand  gänzlich  abgesehen  hatte.  Indem  er  den
Grundbesitz  schlechthin  seiner  Rechte  berauben  wollte,  machte  er  thatsächlich
eine  Selbstoerwaltung  auf  dem  Lande  unmöglich.  Damit  aber  war  nicht
nur  die  Gemeinde=  und  Kreis-Ordnung,  sondern  die  Verfassung  selbst  gefallen.
Friedrich  Wilhelm  war  tief  verstimmt,  forderte  aber  doch  noch,  ehe  er  nach
Troppau  zu  einem  neuen  europäischen  Kongreß  über  die  Erledigung  der  italienischen
Revolution  abreiste,  einen  Bericht  von  seinem  Kanzler.  Umständlich  entwickelte
dieser  noch  einmal  seinen  Plan:  eine  erste  Kammer  aus  den  Standesherren,  dem
Adel,  der  hohen  Geistlichkeit  und  den  durch  königliches  Vertrauen  Berufenen,  und
eine  zweite  Kammer  aus  den  Vertretern  der  drei  Stände  bestehend.  Nur  beratende
Stimmen  verlangte  er  für  sie,  die  auswärtigen  Angelegenheiten  wie  die  Militärsachen
  entzog  er  ihnen  ganz,  das  Ernennungsrecht  des  Vorsihenden  behielt  er  der
Krone  vor,  und  die  Oeffentlichkeit  der  Verhandlungen  beschränkte  er  auf  den
Druck  der  Beschlüsse.

Hierauf  hat  Hardenberg  eine  Antwort  überhaupt  nicht  mehr  erhalten,  die
Gegner  der  Verfassung  hatten  den  König  vollkommen  gewonnen.  Denn  nunmehr
befand  sich  unter  ihnen  kein  Geringerer  als  der  Kronprinz  selbst.  Dieser  aber,
urch  Ancillon  und  den  geistvollen  Schweizer  Haller  beeinflußt,  sah  in  den  Volksvertretungen
  überhaupt  den  Ausfluß  der  Revolution  schlechthin.  Ueberaus  fein
war  sein  Sinn  für  alle  Künste,  namentlich  die  Baukunst  entwickelt  —  zahllos
sind  seite  mit  schneller  Hand  leicht  und  doch  geistvoll  entworfenen  Zeichnungen
—  für  die  Wissenschaften  und  ihre  Bedeutung  bewies  er  ein  in  hohem  Moaße
eindringendes  Verständnis,  wahr  und  innig  schlug  sein  Herz  in  tiefer  Gottesfurcht
und  reinster  Menschenliebe.  Sein  Charakter  wie  sein  Gemüt  war  lauter  und
klar,  aufrichtig  und  ehrlich  wie  wenige,  sein  Geist,  seine  Beredtsamkeit,  sein

it  riß  seine  Umgebung  geradezu  hin,  bezauberte  die  bedeutendsten  Männer  der
Zeit.  Bereitwillig  erkannten  seine  Geschwister,  der  Vater  selbst  den  Kronprinzen
als  überlegenen  und  von  der  Natur  verschwenderisch  mit  den  schönsten  Gaben
versehenen  Geist  an.  Zeiklebens  ist  ihm  als  einer  der  liebenswertesten  und  zugleich
bedeutendsten  Naturen  im  weitesten  Umfange  sowohl  heiße  Liebe  wie  aufrichtige
Bewunderung  gezollt  worden.  Aber  bei  all  seiner  reichen  Begabung  waren  die
Kräste  des  Gefühls  und  Gemüts  doch  die  bei  weitem  stärkeren,  und  die  Freude
an  der  4Histrischen  Thatsache,  oder  vielmehr  ihrer  künstlerischen  Ausgestaltung
durch  die  Kraft  der  Phantasie  überwog  bei  ihm  die  nüchterne  Erkenntnis  des
ms  von  der  lebendigen  Macht  der  politischen  und  sozialen  Ideen.
Nicht  in  der  Fortbildung  der  gegebenen  Zustände  nach  Maßgabe  der  völlig  veränderten
  Gegenwart,  sondern  in  der  Wiederaufrichtung  der  vergangenen  Einrichtungen
  erkannte  er  das  zu  erstrebende  Ideal.  Nicht  die  Einheit  des  Staates,
sondern  die  landschaftlich  abgesonderten  Teile  des  Staates  rangen  seinem  Herzen
die  vollste  Teilnahme  und  Wärme  ab.  Die  Wirklichkeit  des  staatlichen  Lebens
mußte,  so  darf  man  vielleicht  sagen,  schon  in  ihrer  Nacktheit  seinen  keuschen  Sinn
verletzen,  und  begeistert  malte  seine  schwungvolle  Phantasie  sich  eine  Farbenpracht,
einen  Glanz  und  eine  Herrlichkeit  um  die  Menschen  und  Einrichtungen  des
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        Kongreß  zu  Troppau.  —  Provinzialstände.  573

deutschen  Mittelalters,  die  sie  in  Wahrheit  doch  nicht  gehabt  haben.  In  dem
Kampf  seiner  Ahnen  gegen  die  Stände  sah  er  daher  nur  die  Zerstörung,  er  sah
nicht  den  gewaltigen  Aufbau,  den  sie  dafür  errichtet,  sah  nicht,  daß  eben  nur
unter  dessen  Schutz  und  Schirm  Adel,  Bürger  und  Bauern  neue  Lebenskraft  gewonnen
  hatten,  und  eben  dadurch  der  Stact  selbst  geschaffen  worden  war.  Mit
ganzer  Seele  schloß  er  sich  daher  der  altständischen  Bewegung  an  und  wollte
nach  Gneisenaus  Urteil  „die  Gewässer  lieber  gegen  ihre  Quellen  zurückleiten,  als
ihren  La-  in  der  Ebene  regeln“.

In  Troppau  bezauberte  der  Kronprinz  wieder  alle  Henüter  aber  zugleich
stellte  er  sch  selbst  ganz  unter  den  Einfluß  Metternichs.  Auch  der  König  war,
in  lebhafter  Unruhe  und  Sorge  über  die  spanische  wie  stelsonise  Revolution
und  über  ihre  befürchtete  Ausdehnung  nach  Deutschland,  für  Metternichs  Pläne
voll  eingenommen.  Er  gab  seine  Zustimmung  zu  dem  neuen  Grundsatz,  welcher
den  Mächten  das  Recht  der  Einmischung  in  Staaten,  die  durch  Aufruhr  eine
Regierungsveränderung  erlitten,  zusprach.  Zugleich  sezte  er,  ohne  seinem  Kanzler
auch  nur  Mitteilung  davon  zu  machen,  wieder  eine  neue  Kommission  zur  Beratung
der  Kommunalordnung  ein,  ernannte  den  Kronprinzen  zu  ihrem  Vorsitzenden  und
zu  Mitgliedern  nur  Gegner  Hardenbergs.  Wie  zu  erwarten,  lehnte  diese  Kommission
alle  hardenbergischen  Vorschläge  ab,  ersuchte  den  König  von  einer  Gesamtstaatsverfassung
  abzusehen  und  die  Kreis=  und  Landgemeinde-Ordnung  mit  den  Provinzialständen
  zu  beraten.  Noch  einmal  mahnte  Hardenberg,  die  Verheißung  vom
22.  Mai  1815  jetzt  zu  erfüllen,  da  kein  Zeitpunkt  günstiger  sei,  „um  eine  Verfassung
  aus  freiem  Willen  zu  geben“.  Der  König  aber  entschied  sich  für  den
Kommissionsbericht,  befahl  einer  neuen  Kommission,  zunächst  nur  die  Einrichtung
der  Provinzialstände  zu  beraten  und  „stellte  das  Weitere  wegen  Zusammenberufung
  der  allgemeinen  Landstände  der  Zeit,  der  Erfahrung,  der  Entwickelung
der  Sache  und  seiner  landesväterlichen  Fürsorge  anheim".  Am  5.  Juni  1823
erschien  das  Gesetz  wegen  Anordnung  der  Provinzialstände,  welches  nur  kurz  das
Grundeigentum  als  Bedingung  der  Standschaft,  sowie  die  Beratung  gewisser
Gesetze  und  die  Verwaltung  der  Kommunalangelegenheiten  unter  der  Aussicht  des
Staates  als  das  Feld  der  Thätigkeit  der  neuen  Stände  bezeichnete,  im  übrigen
aber  für  jede  Provinz  ein  besonderes  Gesetz  in  Aussicht  stellte,  und  die  Zusammenberufung
  der  allgemeinen  Landstände  vorbehielt.

Freiwillig  führte  der  Staat,  der  bisher  allen  ständischen  Sonderbildungen
scharf  entgegengetreten  war,  die  Provinzialstände  wieder  ein.  Und  weder  stellten
sie  die  Einheit  des  Staates  dar,  noch  waren  sie  auf  historischer  Grundlage  erbaut.
Es  sehlte  ihnen  die  sichere  Unterlage  der  Kreis=  und  Gemeinde-Verfassung,  durch
die  allein  das  Interesse  der  Provinz  einen  zutreffenden  Ausdruck  erhält,  sie  waren
nicht  nach  den  alten  historischen  Landschaften,  sondern  nach  der  neuen  Provinzialeinteilung
  gebildet.  Sie  beruhten  auch  nicht  auf  der  historischen  Sonderung  der
Stände,  denn  die  alten  ständischen  Korporationen  gab  es  nicht  mehr,  und  der
bürgerliche  Rittergutsbesitzer  mußte  neben  dem  adeligen  zum  ersten  Stande  gerechnet
werden.  Die  Kirche,  die  sicherlich  ein  historisches  Recht  auf  Vertretung  hatte,
war  gänzlich  übergangen,  und  bei  der  geringen  Kopfzahl  war  die  Bildung  von
Kurien  ohnehin  ausgeschlossen.  Nicht,  wie  es  historische  Sitte  war,  nach  Ständen
wurde  abgestimmt,  sondern  nach  seiner  Ueberzeugung  gab  jeder  für  sich  seine
Stimme  ab.  Ebensowenig  genügte  das  neue  Gesetz  der  modernen  Rechtsanschauung,

8

19.  Dez.

1823
5.  Juni
        <pb n="726" />
        574  Provinzialstände.

wenn  es  dem  ersten  Stande  die  Hälfte  aller  Stimmen  zuwies  und  von  der  zweiten
Hälfte  den  Städten  zwei  Drittel,  dem  Bauernstand  ein  Drittel  zuerkannte.  Thatsächlich
  aber  waren  die  Stände  in  politischer  Beziehung  fast  zur  Ohnmacht  verurteilt,
  da  sie  abgesehen  von  den  Kommunalangelegenheiten  nur  beratende  Stimmen
und  ohne  Verantwortlichkeit  führten.  Andererseits  mußten  sie  aber,  da  jede
Provinz  ihre  besondere  „Charte“  erhielt,  und  der  Staat  namentlich  Steuerfragen
acht  verschiedenen  Provinzialständen  zur  Beratung  vorlegen  sollte,  das  partikularistische
  Sonderleben  weiter  ausbilden  und  die  kraftvolle  Entwickelung  des  Staatsganzen
  unterbinden.  Sprach  man  doch  wieder  nicht  mehr  von  „dem  preußischen
Staat“  sondern  „von  den  preußischen  Staaten“  oder  vom  „Königreich  Preußen
und  Sr.  Mäijestät  übrigen  Staaten“.  Ja,  wenn  der  Kronprinz  selbst  späterhin
die  Stände  „vor  allem  und  wesenklich  als  Wahrer  der  eigenen  Rechte,  der  Rechte
der  Stände“  bezeichnete,  und  wenn  der  Staat  seine  notwendige  Befugnis,  das
Kreis=  und  Gemeinde-Leben  selbständig  zu  ordnen,  den  acht  verschiedenen  Provinzialtagen
  dahingab,  so  war  damit  ebenso  wie  durch  die  ungleiche  Verteilung  der
Stimmenzahl  zu  dem  trennenden  lokalen  Moment  in  der  ständischen  Sonderung
noch  eine  weitere  zentrifugale  Kraft  geschaffen.  Statt  der  Aussöhnung  zwischen
den  Ständen  war  der  Same  zu  neuer  Zwietracht  gelegt,  und  diese  erhielt  neue
Nahrung,  als  in  den  Jahren  1825—28  die  Provinzialstände  im  wesentlichen
gleichartige  Kreisverfassungen  für  die  einzelnen  Provinzen  zu  stande  brachten,
nach  deuen  die  städtische  wie  bänerliche  Bevölkerung  im  Verhältnis  zu  den  Rittergutsbesitzern
  nur  wie  eins  zu  zehn  auf  den  Kreistagen  vertreten  war.  Da  ferner
die  Oeffenklichkeit  der  Verhandlungen  ausgeschlossen  war,  erkaltete  das  Interesse
für  sie  schnell,  und  da  vor  allen  Dingen  die  Regierung  auf  den  Provinzialtagen
sich  nicht  vertreten  lassen  konnte,  sondern  sich  mit  Vorlagen  und  meist  spät  eintreffenden
  Abschieden  begnügen  mußte,  so  fehlte  auch  jeder  Ausgleich  der  grundverschiedenen
  Gesinnungen  zwischen  den  Ständen  und  der  Regierung,  und  allmählich
mußte  eine  Opposition  der  Stände  erwachsen,  welcher  die  Regierung  wie  mit  verschränkten
  Armen  nur  zusehen  konnte.  Da  serner  nur  das  Grundeigentum  vertreten
  war,  und  die  weiten  Kreise  des  gebildeten  Bürgertums  ausgeschlossen
blieben,  so  bildete  sich  auch  außerhalb  der  Landtage  eine  mehr  und  mehr  anwachsende
  Oppositionspartei,  die  gerade  deshalb  gefährlich  wurde,  weil  ihr  ein
gesetzliches  Organ,  sich  zu  äußern,  ..  Der  neuen  Berfassung  fehlte  aber  nicht
nur  der  Unterbau,  sondern  auch  die  Krönung  durch  den  Reichstag,  und  da  von
diesem  nach  dem  Gesetze  von  1820  die  Erhöhung  der  Staatsschuld  abhängig  sein
sollte,  so  konnten  allerdings  im  Augenblicke  der  Gefahr  die  Mittel  zur  Rektung  versagen.
  Die  Erfüllung  der  Zusage  vom  22.  Mai  1815  war  nicht  an  einen  Zeitpunkt
geknüpft  worden,  und  rechtlich  hatte  der  König  unzweifelhaft  sogar  die  Befugnis,
diesen  Erlaß  durch  eine  andere  Verordnung  wieder  aufzuheben.  Aber  da  die  neue
Verfassung  weder  die  in  der  Verheißung  vom  22.  Mai  1815  angekündigte  Repräsentation
  war,  noch  auch  die  Aufhebung  des  Erlasses  erfolgte,  so  blieb  eine  Waffe  in
der  Hand  der  Opposition,  die  ihre  Schärfe  späterhin  noch  zeigen  sollte.
Immerhin  waren  dies  Mängel,  die  zum  Teil  erst  im  Laufe  der  Zeit  sich
fühlbar  machen  konnten  und  nur  den  Blicken  weniger  weitsichtiger  Staatsmänner
erkennbar  waren.  Denn  zunächst  dachten  noch  viele,  wie  auch  der  Kronprinz
selbst,  an  die  endliche  Einsetzung  eines  Reichstages,  und  Männer  wie  Stein
nahmen  das  von  der  Krone  Gebotene  dankbar  auf,  erkannten  in  dieser  Verfassung
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        Provinzialstände.  —  Kongreß  zu  Verona.  —  Konferenz  zu  Wien.  575

trotz  ihrer  Bedenken  die  Vorstufe  des  Repräsentativsystems.  Jedenfalls  zeichneten
sich  diese  Provinzialstände  trotz  der  Gegensätze  durch  sachgemäße  Behandlung  der
Vorlagen  vor  dem  wüsten  Lärm  der  süddeutschen  Kammern  aus,  und  jeden  Versuch
  der  Stände,  die  Grundsätze  der  sozialen  Gesetzgebung  von  1810  rückgängig
zu  machen,  wies  der  König  seinerseits  scharf  zurück.  Doch  Reibungen  mit  der
Regierung  entstanden  natürlich  auch  sonst,  und  die  mit  jeder  Vertretung  verknüpfte
Verlangsamung  der  Geschäfte  gab  doch  nicht  die  Gewähr  für  die  Uebereinstimmung
zwischen  Regierung  und  Unterthan.  Vielmehr  trat  der  Zwiespalt  um  so  mehr
zu  Tage,  als  sich  wie  auf  den  Provinzialtagen,  so  selbst  im  Schoße  des  Staatsrats
  eine  Partei  bildete,  die  zu  den  Gegnern  des  Ministeriums  gehörte,  und  die
so  stark  wurde,  daß  seit  1827  dem  Staatsrat  nicht  mehr  sämkliche,  sondern  nur
noch  die  vom  Könige  ausdrücklich  dafür  bestimmten  Gesetesvorlagen  zur  Beratung
vorgelegt  wurden.  Der  Parteigeist  übertrug  sich  von  den  Ständen  auf  die
Gesinnungsgenossen  in  der  obersten  Behörde  und  zerstörte  deren  Ansehen.  Die
Verfassungsfrage  aber  war  mit  dieser  Gesetzgebung  zunächst  zum  Stillstand  gekommen
  und  war,  insoweit  man  durch  sie  die  Vereinigung  der  verschiedenen  Landesteile
  zu  erreichen  gehofft,  doch  nicht  zu  dem  gewünschten  Resultat  geführt.

Diesen  Abschluß  der  Bewegung  hat  Hardenberg  nicht  mehr  erlebt.  Er
hatte  den  König,  wiewohl  dessen  Vertrauen  ihm  schon  fehlte,  noch  nach  Verona
begleitet,  wo  der  dritte  Kongreß  der  verbündeten  Monarchen  im  September  1822
sowohl  wegen  des  griechischen  Aufstandes  und  seiner  Folgen  für  die  russischen
und  österreichischen  Beziehungen  zur  Türkei,  als  auch  wegen  der  in  Spanien
ausgebrochenen  Revolution  zusammengetreten  war.  In  Genua  war  Hardenberg
am  27.  November  gestorben,  und  nachdem  seine  beiden  Nachfolger  die  Grafen
Voß-Buch  und  Kleist  von  Nollendorf  einem  schnellen  Tode  zum  Opfer  gefallen
waren,  wurde  die  Stelle  des  Kanzlers  nicht  wieder  besetzt.  Der  König  leitete
die  gesamte  Verwaltung  wieder  allein  lediglich  durch  die  Fachminister.  Graf
Lottum  erhielt  den  Vortrag  beim  König.

f  dem  Kongreß  zu  Verona  sollen  nach  Metternichs  Absicht  auch  die  deutschen
Verhältnisse  ausgetragen  werden.  Der  vielgewandte  Staatsmann  wünschte  weitere
Repressivmaßregeln  durchzusetzen,  die  Oeffentlichkeit  der  Landtagsverhandlungen  und
des  Bundestages  ganz  auszuschließen  und  dem  Bunde  das  Recht  zu  geben,  auf  Antrag
der  einzelnen  Regierungen  deren  Verfassungen  zu  ändern.  Doch  erreichte  er  sein
Ziel  selbst  dann  noch  nicht  vollständig,  als  er  im  Januar  1823  die  Staatsmänner  1823
einzelner  Staaten  wieder  um  sich  in  Wien  versammelte;  Graf  Bernstorff  trat  ihm
namentlich,  als  er  den  Zwiespalt  zwischen  der  Regierung  zu  Karlsruhe  und  ihrer
Kammer  zu  einer  Verletzung  des  Bundesrechtes  beuutzen  wollte,  scharf  entgegen.
Ebenso  wahrte  Graf  Bernstorff,  als  Metternich  nun  die  Verlängerung  der  Karlsbader
  Beschlüsse  in  Auregung  brachte,  wenigstens  die  Form,  verlangte  ihre  wirklich
einmütige  Annahme  zu  ihrer  Giltigkeit.  In  der  Sache  aber  stimmte  er  vollkommen
mit  Metternich  überein,  und  dieser  gewann  bei  einem  Besuch  in  Tegernsee  sogar  auch
den  liberalen  bayerischen  Minister  FHerteer,  „den  ersten  Vorkämpfer  in  Deutschland
für  das  Repräsentativsystem“".  Dessen  Denkschrift  wurde  von  allen  Staatsmännern
gebilligt,  die  auf  der  Johannisburg  dem  österreichischen  Staatskanzler  ihre  Huldigung
darbrachten,  und  am  12.  August  wurde  einstimmig  in  Frankfurt  die  Verlängerung
des  Preßgesetzes  und  des  Gesetzes  über  die  Universitäten  beschlossen,  die  Bundesstaaten
  sogar  zur  Beseitigung  der  Mißbräuche  in  ihren  Kammern  verpflichtet.
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        E1
—
□

Die  orientalische  Frage.

        
 

2  So  folgte  Preußen,
in  Sorge  vor  der  einbrechenden
  Revolution
in  den  Fragen  der
deutschen  Politik  und
der  deutschen  Verfassungen
  im  ganzen,  jedoch
  immer  unter  ehrenhafter
  Festhaltung  der
gesetzlichen  Vorschriften,
den  Wegen  Metternichs.
Nicht  so  dagegen  auf
dem  Felde  der  europäischen
  Politik,  wo
Metternich,  teils  infolge
der  eigenen  immer  höher
schwellenden  Bewunderung
  seiner  Talente,
teils  infolge  der  noch
immer  nicht  geordneten
finanziellen  und  anderen
inneren  Verhältnisse
Oesterreichs,  zuletzt  eine
volle  Niederlage  erlitt.
Ganz  gegen  seine  Erwartung
  hatte  nämlich
der  Aufstand  der
Griechen  gegen  die
Türkei  nach  der  Thronbesteigung
  des  Zaren
Nikolaus  (1825)  zu
einer  Verständigung
zwischen  England  und
Rußland  am  4.  April
1826geführt,  unddieser
folgte  sogar  am  6.  Juli
1827  ein  Vertrag
zwischen  den  beiden
Fingter  S  külen
Frühjahr  brach  na
az  Wilhelm  von  Preußen  als  „„  nder  “  -
aussähng  des  FestsP  z  Ahe  dereS  Gaisher  der  Vernichtung  der

—.
2

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-  -  «-»  :  2  9
8  #  7  2
«  »  «-  —  .-2788211mBetlmercchlosse

  türkischen  Flotte  bei
krres  von  in  bensel  (1794—186).  Navarin  der  Krieg
zwischen  der  Türkei  und

Rußland  aus,  und  Frankreich  sandte  seine  Truppen  nach  Morea.  Nach  dem  Tode
des  englischen  Ministers  Canning  aber  gelang  es  Metternich,  das  englische  Kabinett
dem  Bündnis  mehr  und  mehr  zu  entfremden,  und  im  Anfang  des  Jahres  1829
        <pb n="729" />
        Preußisch-russische  Beziehungen.  577

war  es  soweit,  daß  der  gieg  zwischen  Oesterreich  und  England  gegen  Rußland
und  Frankreich  erwartet  wurd
Wie  wir  wissen,  hatte  '  König  mit  dem  Zaren  Alexander  in  der  vertrautesten
  persönlichen  Freundschaft  gestanden.  Mit  dem  neuen  Zaren  Nikolaus
verband  ihn  sogar  ein  nahes  verwandtschaftliches  Verhältnis.  Im  Jahre  1817
hatte  er  ihm  seine
älteste  Tochter,
die  Prinzessin
Charlotte,  zur
Ehe  gegeben,
und  seitdem  entwickelte
  sich  ein
noch  lebhafterer
Verkehr  als  bisher
  zwischen  dem
russischen  und
dem  preußischen
errien
Mit  einem,  für
den  sparsamen
Sinn  des  Königs
großen  Aufwand
wurdendiekaiserlichen
  Kinder  bei
ihren  Besuchen
in  Berlin  ausgenommen,
  und
ihnen  zu  Ehren
Festlichkeiten  gegeben.
  Lange
noch  sprach  man
am  Hof  und  in
der  Berliner
Bürgerschaft  von
dem  orientalischen
  Märchen

 

.

„Lalla  Rackh“,  ,

welches  von  den  R
Mitgliedern  der  Prinzessin  Elise  Radziwill.
königlichen  Fa-  Nach  der  von  ihr  selbst  gefertigten  Zeichnung.

milie  und  den

Herren  und  Damen  des  Hofes,  unter  denen  die  Prinzessin  Elise  Radziwill

besonders  genannt  wird,  im  Jahre  1821  bei  einem  Besuch  des  damaligen  Großfürsten

  Nikolaus  und  seiner  Gemahlin  im  Schlosse  zu  Berlin  dargestellt  wurde.
Im  Vertrauen  nun  auf  diese  engen  Beziehungen  wandte  sich  der  Zar,  dessen

Erfolge  gegen  die  Türkei  in  einem  ersten  Fel  ldzuge  nur  bescheidene  geblieben

waren,  an  den  König,  und  gerade  in  jenen  Tagen,  da  die  Vermählung  des

Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
        <pb n="730" />
        578  Friede  von  Adrianopel.  —  Unabhängigkeit  Griechenlands.

Prinzen  Wilhelm  mit  der  Prinzessin  Augusta  von  Weimar  stattgefunden,  waren
auch  die  Familienbeziehungen  zu  dem  russischen  Kaiserpaare  besonders  innige.
Die  Kaiserin  weilte  damals  längere  Zeit  in  Berlin,  und  ihr  Geburtstag  bot
wieder  die  Veranlassung  zu  einem  weithin  berühmt  gewordenen  Fest.  Seit  den
Tagen  ihrer  Kindheit  hatte  sie  die  weiße  Rose  zur  Lieblingsblume  erwählt,  und
mit  Beziehung  hierauf  wurde  in  Potsdam  vor  dem  Neuen  Palais  und  den  sogenannten
  Kommuns  ein  farbenprächtiges  Reiterfest  im  mittelalterlichen  Geschmack
a·das  Fest  der  weißen  Roses“  gefeiert,  welches  in  einer  ritterlichen  Huldigung
der  Prinzen  und  des  Hofes  für  die  Kaiserin  gipfelte.
Natürlich,  daß  unter  solchen  Umständen  96  russische  Politik  keine  geringere

 

Ansicht  der  uubch  in  Potsdam,
dem  Festzuge  gelegentlich  des  Fest  weißen  Rose-,  veranstaltet  am  18.  Juli  1829  zur]

der  Kaiserin  Ale  epen  asen  7  E  geb.  Prinzessin  güiztee  gee  Hreußen.
-ezeichnet  und  lithograp.  en  von  Eduard  Gärtner  (1801—1877),  aus  etwa  ½  verl

Förderung  durch  Preußen  fand,  als  ihr  ohnehin  schon  seit  langer  Zeit  zu  teil
geworden,  und  in  der  That  bestimmte  Nikolaus  seinen  königlichen  Schwiegervater,
den  General  von  Müffling  nach  Konstantinopel  zu  senden.  Unter  dessen  Vermittelung
  wurde  dann,  da  der  Diwan  seinen  Untergang  schon  vor  Augen  zu
sehen  meinte,  und  andererseits  das  russische  Heer  trotz  seiner  Siege  nicht  mehr
1820  —2  war,  der  Friede  von  Adrianopel  am  14.  September  182)9  geschlossen,
der  allen  ir-  die  freie  Fahrt  durch  den  Bosporus  und  das  Schwarze  Meer
öffnete,  wie  auch  die  am  3.  Februar  1830  im  Londoner  Protokoll  ausgesprochene
Unabhängigkeit  Griechenlands  vorbereitete.
Oesterreich  war  durch  Rußland  im  Orient  vollkommen  überholt,  mußte  es
rtragen,  daß  von  Berlin  aus  in  einer  für  seine  Entwickelung  so  wichtigen  An-Flegenhen
  auf  Rußlands  Wunsch  entscheidend  eingegriffen  war,  und  der  Friede
in  Europa  aufrecht  erhalten  blieb.  Die  glänzende  Rolle,  die  Metternich  in  dem
        <pb n="731" />
        Die  Juli-Revolution.  579

Bunde  der  vier  Großmächte  bisher  gespielt,  schien  dahin.  Das  war  indessen
keineswegs  das  Ziel,  sondern  nur  eine  Nebenfolge  der  preußischen  Politik  gewesen,
die  lediglich  die  Herstellung  des  Friedens  im  Orient  und  damit  die  Verhütung
eines  Krieges  im  übrigen  Europa  ins  Auge  gefaßt  hatte.  Friedrich  Wilhelm  sah
den  Bestand  des  Weltfriedens  allein  in  dem  Bündnis  der  Ostmächte  i
und  da  auch  Metternich  Oesterreich  aus  der  Vereinsamung  herausführen  mußte,
so  war  die  582  der  Beziehungen  zwischen  Rußland  und  Hetraic
doch  höchst  wahrscheinlich.

Der  Friede  schien  indessen  wieder  vollständig  gestört  werden  zu  müssen,  als

 

Szene  aus  dem  Feste  „Der  Ber  T  WE  aufgeführt  am  13.  Juli  1829  im
alais  zu
Nach  Angabe  von  H.  G.  .N.  —  g  und  lithographiert  von  Julius  Schoppe  (1795—1868),
auf  ekwa  ½  verkleinert.

im  Sommer  1830  ein  allgemeiner  Staatsbankerott  erfolgte.  Im  Juli  brach  in  1680
Paris  eine  Revolution  aus,  die  Bourbonen  wurden  vertrieben,  und  Louis  Philippe
aus  dem  Hause  Orleans  ergriff  das  Lilienbanner.  Im  August  erhob  sich  Belgien,
sagte  sich  von  der  unnatürlichen  Verbindung  mit  Holland  los  und  erklärte  am
24.  November  seine  Unabhängigkeit.  Unruhen  entstanden  in  Parma,  Modena,
Ferrara  und  Bologna,  welche  die  Herrschaft  Oesterreichs  in  Italien  ernstlich
gefährdeten,  und  endlich  erhoben  sich  die  Polen  gegen  die  russische  Herrschaft  in
wilder  Begeisterung,  erklärten  das  Haus  Romanow  am  25.  Januar  1831  für  abgesetzt.
  In  diesem  wilden  Streit  der  nationalen  und  politischen  Gegensätze  und
Interessen  und  inmitten  dieser  stürmisch  erregten  Zeit  behielt  Friedrich  Wilhelm
37
        <pb n="732" />
        580  Juli-Revolution.  —  Belgien.  —  Polen.

eine  gleichmäßig  abwägende  Haltung,  welche  den  Kriegsfunken  nicht  über  den
Herd  springen  ließ  und  die  Gefahr  für  Europa  beseitigte.  Friedrich  Wilhelm  erkannte
  ungeachtet  der  heftigen  Drohungen  seines  russischen  wi  begen
den  illegitimen  König  Louis  Philippe  den  neuen  Herrscher  Frankreichs  an.
verstärkte  zwar,  da  die  französische  Regierung  die  Losreißung  Belgiens  enerh
unterstüztte,  und  die  Franzosen  mit  lautem  Ruf  nach  der  Rheingrenze  verlangten,
seine  Truppen  am  Rhein,  verweigerte  aber  die  von  dem  König  der  Niederlande
geforderte  militärische  Hilfe.  Denn  ohne  Zweifel  mußte  sie,  da  Frankreich  in
diesem  Fall  ebenfalls  ein  Heer  in  Belgien  einrücken  zu  lassen  erklärte,  zum  allgemeinen
  Kampfe  führen.  Frankreich  pries  zwar  im  Gegensatz  zu  dem  in  Troppau
aufgestellten  Recht  der  Intervention  feierlich  den  Grundsatz  der  Nichtintervention
in  die  Verhältnisse  anderer  Staaten  als  das  rettende  Evangelium,  erläunterte  diesen
Grundsatz  Belgien  gegenüber  jedoch  gleich  dahin,  daß  jede  Einmischung  fremder
Staaten  in  die  belgischen  Verhältnisse  ihm  das  Recht  gäbe,  zum  Schwert  zu
greifen.  Rußland  brannte  darauf,  für  die  Legitimität  und  gegen  Louis  Philivpe
ins  Feld  zu  ziehen.  Beide  Staaten  rüsteten  mit  Energie,  während  für  Preußen
es  im  wesentlichen  nur  darauf  ankommen  konnte,  den  französischen  Einfluß  in
Belgien  nicht  übermächtig  werden  zu  lassen.  Als  daher  —  inzwischen  tagte  in
London  auf  preußische  und  englische  Veranlassung  ein  Kongreß  —  die  französische
Leidenschaft  immer  heftiger  die  Einverleibung  Belgiens  verlangte,  wurden  die
preußischen  Truppen  in  der  Rheinprovinz  zwar  auf  den  Kriegsfuß  gesetzt,  doch
aber  die  Unabhängigkeit  Belgiens  unter  dem  neu  gewählten  König  Leopold  aus
dem  Koburger  Hause  anerkannt.  Hieran  hielt  der  König  auch  fest,  als  England
sowohl  wie  Frankreich  gegen  den  König  der  Niederlande,  der,  auf  Rußlands  Hilfe
hoffend,  wieder  zu  den  Waffen  griff,  Zwangsmaßregeln  nahmen.  Erst  1833  trat
eine  Waffenruhe  ein,  und  erst  sechs  Jahre  später  bequemten  sich  die  Holländer  zur
Nachgiebigkeit.  Damit  war  der  eine  künstliche  Staatskörper,  welchen  der  Wiener
Kongreß  auf  Englands  Verlangen  geschaffen,  der  niederländische,  wieder  in  seine  natürlichen
  Hälften  zerlegt,  und  dies  war  vorzüglich  auch  dank  der  weisen  Beschränkung
des  Königs  geschehen,  ohne  daß  Europa  in  einen  weitaussehenden  Krieg  gestürzt  war.
Nicht  geringer  aber  war  die  Gefahr  für  Rußland,  den  Erwerb,  den  Kaiser
Alexander  auf  dem  Wiener  Kongreß  gemacht,  zu  verlieren.  Die  Polen  in  Rußland
erhoben  sich,  um  von  dem  Zarenreich  sich  ebenso  loszureißen,  wie  sich  die  Belgier
von  Holland  getreunt,  und  waren  in  ihrem  Kampfe  auch  gar  nicht  unglücklich.
Ihr  Aufstand  jedoch  berührte  unmittelbar  auch  Preußen,  da  die  Gefahr  vorlag,
daß  er  nach  Westpreußen  und  Posen  überschlug.  Als  daher  die  russische  Armee
nach  anfänglichem  Siege  vor  den  Thoren  Warschaus  kehrt  machte  und  vor  den
polnischen  Scharen  zurückwich,  sandte  der  König  Gneisenau,  um  mit  vier  Armeekorps
  die  130  Meilen  lange  Grenze  zu  besetzen.  Gneisenau  hat  hier  im  Dienste
des  Vaterlandes  seinen  Tod  gefunden.  Am  24.  August  1831  fiel  er  der  Cholera,
die  damals  ihren  ersten  Beutezug  durch  Europa  hielt,  zum  Opfer.  Die  preußische
Regierung  ging  aber  in  der  Unterstützung  Rußlands  noch  weiter.  Sie  ermöglichte
der  russischen  Armee  durch  die  Anlehnung  an  die  preußische  Grenze,  durch  Herbeischaffung
  der  Lebensmittel,  sowie  durch  Besorgung  der  Kähne  und  anderer  Gerätschaften
  den  Uebergang  über  die  Weichsel  und  damit  die  Eroberung  Warschaus
und  den  Sieg.  Polen  wurde  nun  einfach  zu  einer  russischen  Provinz  gemacht
und  fortan  mit  eiserner  Strenge  behandelt,  während  Friedrich  Wilhelm  seine
        <pb n="733" />
        Militär-Konferenz  in  Berlin.  —  Süddeutschland.  —  Hambacher  Fest.  581

polnischen  Unterthanen,  die  sich  an  dem  Aufstande  beteiligt,  mit  überaus  großer
Milde  behandelte  und  von  1400  Verurteilten  nur  einige  zwanzig  mit  geringer
Geldstrafe  büßen  ließ.  Nichtsdestoweniger  berauschte  sich  namentlich  der  süddeutsche
Liberalismus  für  die  flüchtenden  „edlen  Polen",  die  doch  in  ihrer  Heimat  gegen
das  deutsche  Wesen  einen  erbitterten  Kampf  führte

Eine  günstige  Folge  hatte  indessen  die  Jal  Revolution  für  Deutschland.
Die  süddeutschen  Fürsten,  die  Louis  Philippe  vorsichtig  über  die  Bildung  eines
neuen  Rheinbundes  ausforschen  ließ,  verwahrten  sich  sehr  energisch  und  in  patriotischem
  Eifer  gegen  eine  solche  Zumutung,  und  die  Verhandlungen  Preußens  mit
den  einzelnen  Staaten  führten  zu  einer  Militär-Konferenz  in  Berlin.  Nachdem
der  Bundestag  fünfzehn  Jahre  lang  die  Sicherstellung  des  Bundes  vernachlässigt
hatte,  einigte  man  sich  nun  in  Berlin  zu  dem  Beschluß,  für  den  Fall  eines  Krieges
neben  einem,  auf  172  000  Mann  veranschlagten  und  am  Oberrhein  aufzustellenden,
österreichischen  Heere  zwei  aus  Preußen  und  Bundestruppen  gemischte  Armeen  am
Nieder=  und  Mittelrhein  zu  bilden,  für  welche  Preußen  2310000  und  die  kleinen
Staaten  116  000  Mann  stellen  sollten.

Anders  aber  als  die  Regicrungen  neigten  jetzt  die  demokratischen  Wortführer
vielfach  zu  Frankreich  hin.  Unter  dem  Einfluß  der  Juli-Revolution,  aber,  wie
Graf  Bernstorff  dem  Könige  Friedrich  Wilhelm  schrieb,  nicht  allein  durch  sie,
sondern  durch  schwere  Fehler  der  Regierungen  und  vornehmlich  durch  den  Unwillen
der  Deutschen  über  ihre  Zerrissenheit,  war  die  Unzufriedenheit  in  den  deutschen
Mittelstaaten  ungeheuer  gestiegen.  In  Braunschweig,  in  Hessen-Kassel,  in  Sachsen
und  in  Hannover  führte  sie  zu  stürmischen  Aufständen  des  Volkes  gegen  die
Regierungen,  die  nun  zur  Einführung  einer  Konstitution  sich  verstehen  mußten.
In  Bayern  und  Württemberg  entstanden  Unruhen,  in  Nassau  und  namentlich  in
Baden  tobten  die  liberalen  Kammer-Mehrheiten  gegen  alle  Fürsten  mit  selbstgefälliger
  Ueberhebung.  Man  donnerte  und  eiferte  gegen  jede  Machtzusammenfassung,
  schwärmte  für  republikanische  Verfassungen,  und  ungescheut  sprach  man
seine  Vorliebe  für  Frankreich  aus.  Eine  Reihe  von  Zeitungen  entstanden  und
lärmten  noch  heftiger  gegen  die  Knechte  der  Tyrannei,  predigten  in  schwülstigen
Dithyramben  den  Haß  gegen  Preußen,  priesen  die  Herrlichkeit  der  französischen  Freiheit.
Rotteck  und  Welcker  waren  die  heftigsten  Redner  in  der  badischen  Kammer,  in  der
Rheinpfalz  aber  ein  Doktor  Siebenpfeiffer  und  der  Jurist  Wirth.  „Die  Organisation
  eines  deutschen  Reiches  im  demokratischen  Sinn“  war  ihr  Ziel,  jede  Versöhnung
  mit  dem  Grundsatz  der  Legitimität  erklärten  sie  für  unmöglich  und  die
Reform  Deutschlands  nur  auf  dem  Boden  der  unbedingten  Volkssouveränität  für
burchführbar.  Nach  Hambach  bei  Neustadt  a.  d.  Hardt  hatten  sie  für  den  Mai  1582
1832  ein  großes  Fest  ausgeschrieben,  und  an  25  000  Menschen,  Männer  und
Weiber,  riefen  hier  den  tollen  Scheltreden  über  die  Despoten  Beifall,  bejubelten
die  Lobgesänge  auf  republikanische  Verfassungen.  Bis  zu  dem  Wahnsinn,  daß
der  beste  Fürst  von  Gottes  Gnaden  ein  geborner  Hochverräter  an  der  menschlichen
  Gesellschaft  sei,  verstieg  man  sich,  und  lange  Zeit  nachher  noch  empfand
man  nicht  die  politische  Nichtigkeit  des  Satzes,  den  Rotteck  begeistert  aussprach,
daß  er  lieber  die  Freiheit  ohne  Einheit,  als  die  Einheit  ohne  Freiheit  wolle.
Im  Gegenteil,  das  Hambacher  Fest  fand  zahlreiche  kleine  Nachfeiern.

Gegen  derartige  Aufwiegelungen  des  Volkes  mußte  unleugbar  eingeschritten
werden,  und  man  versteht,  daß  auch  die  preußische  Regierung,  nachdem  des  Grafen
        <pb n="734" />
        582  Sechs  Artikel.  —  Vertrag  der  Ostmächte.  —  Besprechungen  in  Wien.

Bernstorff  Versuche,  ein  verständiges  Preßgesetz  zu  schaffen,  sowie  die  Verhandlungen
  des  Bundestages  in  einem  Jahrbuch  zu  veröffentlichen,  gescheitert  waren,
und  nachdem  Ancillon  an  des  schwer  erkrankten  Ministers  Stelle  getreten  war,
den  Metternichschen  Vorschlägen  zur  Bändigung  der  Revolution  Beifall  zollte.
Aber  das  war  nun  einmal  die  Folge  der  Teplitzer  Punktation  und  der  Karlsbader
  Beschlüsse,  daß  man  auch  jetzt  die  Selbständigkeit  des  Staates,  sein  Recht,
die  inneren  Verhältnisse  nach  eigenem  Ermessen  zu  entscheiden,  wieder  daran  gab.
Fernab  lag  damals  auch  den  Berliner  Staatsmännern  der  Gedanke,  die  weitaus
überwiegende  Zahl  der  deutschen  Patrioten  durch  Beförderung  der  Einigung  des
Vaterlandes  und  durch  Gewährung  der  so  oft  in  Aussicht  gestellten  Reichsstände  zu
gewinnen  und  dadurch  der  befürchteten  Revolution  eine  der  ergiebigsten  Quellen,  aus
der  sie  schöpfte,  zu  verstopfen.  Alle  Pläne  gingen  vielmehr  darauf  aus,  hemmende
Gegenmittel  zu  ersinnen,  und  darüber  verlor  man  erheblich  an  Ansehen,  ja  unterstellte
der  Gewalt  des  Bundes,  d.  h.  Oesterreichs.  Dem  Verlangen  Metternichs
bal  radikale  Beseitigung  aller  Verfassungen  fügte  sich  Preußen  zwar  nicht,  aber
man  einigte  sich  doch  mit  allen  Regierungen  über  sechs  Artikel,  welche  der  Bundes-1882
  tag  am  28.  Juni  1832  annahm.  Danach  sollten  die  Regierungen  jedem  Verlangen
  ihrer  Stände  nach  einer  Schwächung  der  obersten  Staatsgewalt  entgegentreten,
die  Landstände  aber  sollten  die  zur  Führung  einer  verfassungsmäßigen  Regierung
erforderlichen  Mittel  nicht  verweigern  dürfen,  die  Laudesgesetzgebung  sollte  der
Bundesgesetzgebung  keinen  Eintrag  thun,  jeder  Angriff  der  Landtage  auf  den  Bund
verhütet  werden,  eine  Bundeskommission  sollte  die  Landtage  überwachen,  und  die
Auslegung  der  Bundesgesetze  allein  der  Bundesversammlung  zustehen.  Die  Beschlüsse
  über  die  Presse,  Universitäten,  die  Burschenschaften  wurden  verschärft,
Vereine  und  Volksversammlungen  verboten.

Den  Revolutionen  und  dem  Verhalten  der  Westmächte  gegenüber  hielt  Friedrich
Wilhelm  natürlich  auch  die  Befestigung  des  Bundes  der  Ostmächte  für  notwendig.
In  noch  höherem  Grade  aber  teilten  diese  Ansicht  sowohl  der  Zar  wie  Metternich.
Beide  wollten  den  Grundsatz  der  Einmischung  gegenüber  dem  französischen  System
festhalten,  Nikolaus  den  Krieg  gegen  Frankreich,  als  den  Herd  der  revolutionären
Propaganda,  beginnen.  Dem  versagte  sich  Friedrich  Wilhelm,  als  ihn  der
Schwiegersohn  in  Schwedt  besuchte,  mit  aller  Bestimmtheit,  aber  als  der  Zar
sich  mit  Oesterreich  in  Münchengrätz  sowohl  hinsichtlich  der  Türkei  wie  über  den
Grundsatz  geeinigt  hatte,  jederzeit  ihre  vereinte  Macht  aufzubieten,  um  die  rechtmäßige
  Intervention  zu  schützen,  da  fügte  sich  dem  auch  mit  geringer  Abschwächung

u  *  Preußen,  und  am  15.  Oktober  1833  ward  der  neue  Vertrag  zwischen  den  drei
Ostmächten  gezeichnet.
Hieran  schlossen  sich  wieder  zur  Bändigung  der  Revolution  Mmister-188/
  Besprechungen  in  Wien,  die  sich  vom  Januar  bis  zum  Juni  1834  hinzogen  und
mit  dem  tiefsten  Geheimmis  umhüllt  wurden.  Inzwischen  hatten  wohl  die  Gemäßigten
  unter  den  Liberalen  erkannt,  daß  durch  das  ungestüme  Hetzen  und  hochverräterische,
  oder  mindestens  ungesetzliche  Verfahren  keine  der  liberalen  Forderungen
  erreicht  werden  könne.  Aber  die  Radikalen  dachten  in  Verbindung  mit
ihren  Genossen  in  Frankreich,  Italien,  der  Schweiz  und  den  Polen  ernstlich  daran,
zur  Revolution  zu  schreiten  und  die  giftigen  Königsblumen  abzumähen.  Die
Burschenschaften  sprachen  auf  einer  Stuttgarter  Versammlung  schon  offen  von  der
Revolution,  die  im  Frühjahr  bevorstehe,  und  in  der  That  überfielen  am  3.  April  1833
        <pb n="735" />
        Demagogen-Verfolgung.  583.

etwa  fünfzig  Verschworene  die  Hauptwache  in  Frankfurt  a.  M.  Ihre  Absicht,
den  Bundestag  aufzuheben,  vermochten  sie  natürlich  nicht  durchzuführen,  da  die
von  ihnen  gehoffte,  allgemeine  Erhebung  nicht  erfolgte.  So  unüberlegt  der  ganze
„Putsch"  ins  Werk  gesetzt  war,  so  war  es  doch  unzweifelhaft  der  Beginn  der
Revolution,  und  ebenso  ergab  sich  der  Zusammenhang  mit  den  Aufständischen  im
Auslande.  Strenge  Untersuchung
und  Bestrafung  war  daher  umsomehr
  berechtigt,  als  eine  gewissenlose
Demagogenpresse  sogar  den  freiesten
Kommunismus  predigte.  Aber  man
weiß,  wie  leider  auch  in  Berlin
die  Demagogen-Verfolgung  in  der
gehässigsten  Weise  wieder  aufgenommen--wurde,
  und  die  Untersuchungs-Kommission,
  da  sie  hier
keine  Staatsverräter  fand,  lediglich
Studenten  dem  Kammergericht  zur
Aburteilung  überweisen  konnte,
welche  Mitglieder  der  verfehmten
Burschenschaften  gewesen  waren.
Die  Leiden,  welche  die  jungen
Leute  zu  ertragen  hatten,  sind  aus  der
Schrift  unseres  mecklenburgischen
Dichters  Fritz  Reuter  „Ut  mine
Festungstid“  noch  heut  weithin  bekannt;
  wichtiger  für  das  öffentliche
Leben  ist  aber,  daß  der  Staat  in
seinen  Unterthanen  eine  so  staatsbürgerliche
  Gesinnung  erzogen  hatte,
wie  sie  einer  der  Verurteilten,  der
charaktervolle  Historiker  Max  Duncker
aussprach:  „Mit  Recht  mußte  ich  E—i  —  —
büßen,  weil  ich  mich  1  das  Gesetz  -  ««-«-««»
des  Staates  verfehlt  halte.“  Und  –
niemand  wird  es  bestreiten,  wenn  er  “  *"  9f
hinzusetzt:  „Wer  aber  nicht  einmal  Zeichnung  des  Kronprinzen  Friedrich  Bilbeln  ¶M.
in  seiner  Jugend  die  Welt  nach  Im  Seiuer  —  Fwasiert  Wubem  #n
seinen  Idealen  hat  reformieren  5  rls-  W—  W  re  “
wollen,  der  wird  im  Mannesalter  beeher  e.  l  —
einen  gar  zu  faulen  und  trägen
Knecht  im  Weinberge  des  Herrn  abgeben.“

s  Ergebnis  der  Wiener  Konferenz  entsprach  nun  zwar  immer  noch  den
weitergehenden  Absichten  Metternichs  nicht  ganz,  indessen  waren  in  den  genannten
sechs  Artikeln,  die  als  erneute  Auslegung  der  Bundesakte  und  Schlußakte  gelten
sollten,  doch  Bestimmungen  von  solcher  Schärfe  niedergelegt,  daß  man  sie  nur
teilweise  zu  veröffentlichen  wagte,  und  welch'  ein  Triumph  für  Metternichs
Politik  war  es,  daß  auch  Preußen  das  Bundesschiedsgericht,  welches  über  Streitig-
        <pb n="736" />
        584  Erneuerung  des  Vierbundes.

keiten  der  Landesverfassungen  und  die  ständischen  Rechte  entscheiden  sollte,  anerkannt
  hatte!

Friedrich  Wilhelm,  voll  damit  einverstanden,  daß  dem  revolutionären  Beginnen
  mit  festem  Ernst  entgegengearbeitet  wurde,  sprach  dem  Fürsten  Metternich
seine  besondere  Anerkennung  für  die  unschätzbaren  Verdienste  aus,  die  er  sich  um  das
politische  Erhaltungsprinzip  erworben  habe.  Aber  das  durfte  er  doch,  als  er  jene  Beschlüsse
  veröffentlichte,  der  Wahrheit  gemäß  hinzusetzen,  „in  Preußen  sei  die  Ruhe  nie
gestört  worden;  in  dem  Vertrauen  und  in  der  erprobten  Zuneigung  seines  Volkes
besitze  er  die  zuverlässigste  Bürgschaft  für  die  Erhaltung  des  inneren  Friedens"“.

Dasselbe  Prinzip  der  Erhaltung,  das  Friedrich  Wilhelm  hier  lobte,  bewahrte
er  auch  in  den  europêischen  Terhallissen  Namentlich  den  Zaren,  der  sich  bei
aller  Beteuerung  der  Ehrfurcht  vor  dem  Schwiegervater  doch  nicht  in  seinen
Plänen  stören  lassen  wollte,  mußte  er  wiederholt  vom  Kriege  zurückhalten  und
für  die  Befestigung  des  nun  einmal  auerkannten  Bürgerkönigtums  in  Frankreich

wirken.  Die  gemeinschaftlichen  Manöver  der  wwenhischen  und  russischen  Heerscharen
  zu  Kalisch  sollten  die  Einigkeit  beider  Reiche  der  Welt  verkünden,  und
in  der  That  wurde  der  Dreibund  zwischen  Preußen,  Rußland  und  Oesterreich  im
Herbst  1835  feierlich  erneuert.  Selbst  als  Rußland  sich  in  der  orientalischen
Frage  England  näherte,  führte  dies  doch  nicht  zu  einer  Spaltung  des  Dreibundes,
vielmehr  stand  beim  Tode  des  Königs  die  Erneuerung  des  alten  Vierbundes  bevor,
und  Preußen  genoß  in  der  europäüschen  Staatengemeinschaft  ein  Ansehen,  welches
durch  die  ehrwürdige  Persönlichkeit  des  allmählich  zum  Nestor  unter  den  Fürsten
herangereisten  Königs  noch  erhöht  wurde.  Die  Hoffnungen,  welche  man  dereinst
auf  eine  feste  Vereinigung  des  ganzen  Deutschlands  gesetzt,  waren  freilich  nicht  in
Erfüllung  gegangen,  ja  Preußen  hatte  dem  Bunde  Gerechtsame  zuerkannt,  die  den
eigenen  freien  Willen  beschränkten,  und  auch  als  in  Hannover  der  König  Ernst
August  einen  Verfassungsbruch  beging,  der  einen  Sturm  des  Unwillens  hervorrief,
  wie  ihn  Deutschland  noch  nicht  gekannt,  änderte  der  König  eine  Politik
nicht,  deren  Gewinn  doch  vornehmlich  Oesterreich  und  den  aus  einander  strebenden
Kräften  im  Reiche  zufiel.  Aber  die  Beeinträchtigung  der  freien  Selbstbestimmung
empfand  man  damals  als  eine  solche  nicht  in  vollem  Maße.  Denn  die  Zusammenfassung
  aller  Mittel  und  die  gemeinsame  Bekämpfung  der  Revolution  durch  alle
Staaten  war  der  Zielpunkt  der  damaligen  Politik  des  gesamten  Europa.  Andererseits
  aber  hatte  Preußen  inzwischen  zwei  mächtige  Fundamente  zur  deutschen
Einheit  gelegt.  In  musterhaftester  und  gerechtester  Verwaltung  waren  die  verschiedenen
  Gebiets=  und  Landesteile,  welche  der  Wiener  Kongreß  in  so  unseligen
Spaltungen  dem  neuen  Preußen  zugewiesen,  zu  einer  Einheit,  zu  einem  Staat
zusammengefaßt  worden,  und  zugleich  war  als  Ersatz  für  die  fehlende  politische
eine  wirtschaftliche  Einigung  Deutschlands  gelungen,  die  mächtig  auf  jene  zurückwirken
  mußte.  Wie  einst  Friedrich  Wilhelm  I.  durch  seine  straffe  Zentral-Verwaltung
  und  sein  pflichttreues  Beamtentum  seinem  großen  Sohne  die  Wege
gebahnt,  so  sollte  auch  jetzt  für  eine,  wie  späte  Zukunft  auch  immer  des  Königs
strenge  und  gerechte  Verwaltung  dem  größten  seiner  Söhne  die  Bahn  bereiten,
mit  Fug  und  Grund  durste  man  lagen:  „In  Preußen  macht  der  Staatsdienst

n  selber  die  Verfassung  au

Denn  —  wenn  wir  che  auf  die  innere  Politik  eingehen  —  so  war
man  mit  dem  schon  bei  der  Erwerbung  Preußens,  Schlesiens  und  anderer  Länder
        <pb n="737" />
        Provinzial-Einteilung.  585

 

Die  gemeinschastlichen  russischen  und  preußischen  Manöver  in  Kalisch  i.  J.  1835.
Luhographie  von  W.  Herz  nach  der  meliseins  in  Geelbaar.  auf  /  Serbtert  —  Nach  einem  Exemplar  im
Markischen  Vo#ingealmasenan  zu  Berl

bewährten  historischen  Takt  und  doch  mit  dem  festen  Entschluß,  keiner  Provinz
unter  dem  Vorwand  besonderer  Gerechtsame  eine  Ausnahme  von  der  allgemeinen
Verwaltungsordnung  des  Staates  zu  gestatten,  alsbald  nach  dem  Frieden  zunächst
  an  die  neue  Provinzialeinteilung  der  verschiedenen  Ländermassen  herangetreten.
  Und  trotz  des  Widerspruches,  der  sich  hier  gegen  eine  Trennung  bisher
zusammenhängender,  dort  gegen  eine  Zusammenlegung  bisher  getrennter  Bezirke
erhob,  war  das  Werk  so  glücklich  gelungen,  daß  von  den  Provinzen,  die  damals
gebildet  wurden,  noch  heute  Brandenburg,  Pommern,  Schlesien,  Posen,  Sachsen,
Westfalen,  Ost=  und  Westpreußen  bestehen,  und  sich  bis  jetzt,  nach  längerer,  aber
nun  wieder  aufgelöster  Vereinigung  beider  Preußen,  nur  die  Zusammenziehung
der  in  zwei  Provinzen  damals  getrennten  Rheinlande  als  dauernd  notwendige
Aenderung  ergeben  hat.  Auf  des  Königs  Verlangen  traten  die  von  Hardenberg
nicht  gewollten  Oberpräsidenten  an  die  Spitze  jeder  Provinz  als  Mittelspersonen
zwischen  dem  Ministerium  und  den  Unterthanen.  Verwaltungsbeamte  wie  Richter
haben  leicht  das  Unglück,  daß  ihre  Namen,  wie  ihre  Mühen  und  Arbeiten  dem
Gedächtnis  der  Nachwelt  verschwinden,  wie  auch  die  Mitwelt  gewöhnlich  nur  von
der  Tüchtigkeit  der  ersten  und  obersten  Beamten  der  Krone  erfährt.  Aber  so
außerordentlich  war  die  Bedeutung  der  damaligen  Oberpräsidenten,  daß  die  Namen
Vincke,  Schön,  Merkel,  Sack  und  Zerboni  noch  heute  im  Munde  der  Westfalen,
der  Preußen,  Schlesier,  Pommern  und  Posener  einen  guten  Klang  haben.  Doch

—
        <pb n="738" />
        586  Posen.  —  Sachsen.

wie  die  neue  Saat,  angepflanzt  auf  heimischem  Boden,  im  kommenden  Jahr  erst
Blüten  trägt,  auch  taube  Früchte  wohl  zeitigt,  bis  sie  nach  Jahren  erst  ihre  volle
Kraft  und  Schönheit  entwickelt,  so  verstand  es  sich  auch  von  selbst,  daß  nur
langsam  und  unter  dem  stillen  Einfluß  der  Zeit  die  neuen  Glieder  die  Pflichttreue
  des  Staates  schätzen  lernen,  sich  selber  mit  ihr  durchdringen  und  mit  dem
alten  Staatskörper  zu  einem  organischen  Ganzen  verwachsen  konnten.  Heilt  doch
auch  eine  Wunde  nicht  von  gestern  auf  heute,  und  durfte  man  doch  zufrieden  sein,
den  Verband  richtig  und  geschickt  angelegt  zu  haben!

n  Posen  beherrschten  —  wenn  wir  uns  den  einzelnen  Provinzen  zuwenden
—  dr  franzosenfreundliche  polnische  Edelmann  und  der  remische  Geistliche
das  Volk  noch  vollständig,  der  Handel  war  lahm  gelegt,  die  Städte  verödet,  der
Landbau  vernachlässigt.  Der  Haß  der  Sarmaten  wollte  nicht  an  die  dauernde
Vereinigung  mit  Preußen  glauben,  erklärte  offen  genug  das  Land  für  einen  besonderen
  Staat  im  Staate,  und  die  Abneigung  der  Bauern  gegen  den  adeligen
Grundherrn,  „den  Pan“,  wurde  durch  das  wilde  Hetzen  der  Priester  so  unglücklich
überbrückt,  daß  die  drei  wichtigsten  Stände  sich  im  Haß  gegen  Preußen  zusammenfanden.
  Dem  vereinigten  nationalen  und  religiösen  Widerstande,  der  Abneigung
der  Polen  gegen  deutsche  Ordnung,  Bildung  und  Sauberkeit  gegenüber  genügte
das  Wohlwollen,  welches  die  preußische  Regierung  bis  zur  Schwäche  übte,  nicht.
Fürst  Radziwill,  den  der  König,  das  Polentum  zu  ehren,  als  Statthalter  neben
dem  Oberpräsidenten  Zerboni  di  Sposetti  eingesetzt,  war  tief  unglücklich,  als  an
die  Stelle  der  von  ihm  in  Aussicht  gestellten  Verschmelzung  nur  allzu  deutliche
Anzeichen  von  Aufstandsversuchen  sichtbar  wurden,  die  dann  in  der  großen  Polenrevolution
  gegen  Rußland  offen  hervortraten.  Trotdem  schritt  das  deutsche  Wesen
zwar  langsam,  aber  namentlich  durch  vielfach  gegründete  Unterrichtsanstalten
stetig  vor,  und  seine  Segnungen  machten  sich  in  dem  Verschwinden  der  Karbatsche,
in  der  strengen  Ordnung  der  bäuerlichen  Verhältnisse,  der  Einführung  der
preußischen  Agrargesetze  von  1811  für  den  Bauern,  in  der  Umbildung  der  Naturalin
  die  Geldwirktschaft,  der  Befestigung  des  Gutsbesitzes  durch  die  Gründung  der
landwirtschaftlichen  Kreditanstalt  für  den  Adel,  und  in  der  Neubelebung  von
Handel  und  Wandel,  der  Herstellung  der  bürgerlichen  Ordnung  für  die  Städte
allmählich  bemerkbar.  —

Wie  eigentümlich  die  Schwierigkeiten  in  Sachsen  waren,  erkennt  man  daraus,
daß  diese  Provinz  aus  zweiunddreißig  verschiedenen  Territorien  zusammengesetzt
war,  und  ihr  auch  der  Grundstock  der  Mark,  die  Altmark,  zugefügt  wurde.  Und
wie  verschieden  die  wirtschaftlichen  Interessen  der  Obersachsen  in  Thüringen,  der
Niedersachsen  in  der  Altmark  waren,  wie  wenig  die  Elbe  für  einen  großen  Teil
des  Landes  in  Betracht  kam,  ersieht  man  daraus,  daß  die  Frage  erörtert  werden
mußte,  ob  Merseburg  oder  Magdeburg  die  Hauptstadt  der  Provinz  werden  sollte.
Adel  und  Bürgerschaft  vertauschten  nur  mit  Widerstreben  die  Rautenkrone  mit
dem  schwarzen  Adler  und  hegten  eine  entschiedene  Abneigung,  aus  der  weichen
sächsischen  Herrschaft  unter  das  straffe  preußische  Regiment  mit  seinem  Steuerdruck
und  seinen  Militärlasten  zu  treten.  Aber  den  scharfen  Ausdrücken  einer  solchen
Gesinnung  steht  doch  schon  ein  maßvoller,  besonnener  Ton  in  mannigfachen
Predigten  bei  der  Huldigung  für  den  neuen  Landesherrn  gegenüber,  die  bei  offenem
Ausdruck  der  Trauer  um  das  Ausscheiden  aus  dem  sächsischen  Verbande  doch  das
volle  Vertrauen  zu  dem  pflichtgetreuen  und  gerechten  Sinn  der  Hohenzollern  aus-
        <pb n="739" />
        Pommern.  —  Rheinlande.  587

sprechen.  Und  man  wird  nicht  zweifeln,  daß  sie  so  nicht  gehalten  werden  konnten,
wenn  sie  nicht  eine  verwandte  Saite  in  den  Herzen  der  Zuhörer  angeschlagen
hätten.  Mit  glücklichem  Griff  hatte  Hardenberg  für  diese  Provinz  Friedrich  von
Bülow  zum  Oberpräsidenten  ausgewählt,  der  die  Ueberlegenheit  der  monarchischen
preußischen  Formen  mit  taktvoller  Schonung  der  Wünsche  des  bisher  allmächtigen
Adels  zu  verbinden  wußte.  Vornehmlich  aber  leistete  der  Vizepräsident  des  am
schlimmsten  verwahrlosten  Erfurter  Regierungsbezirks,  von  Motz,  Ausgezeichnetes,
und  das  überraschend  schnelle  Wachsen  und  Gedeihen  der  Provinz  in  wirtschaftlicher
  Beziehung,  die  Sorgfalt,  die  ihren  Schulen  und  anderen  Einrichtungen  jetzt
zugewendet  wurde,  führte  alsbald  einen  Umschwung  in  der  Gesinnung  herbei,  der
das  Trostwort  des  Königs  bei  der  Uebernahme  dieser  Lande:  „Wir  sind  ja  doch
alle  Deutsche",  in  das  gesunde,  preußische  Ehrgefühl  verwandelte.

Ebenso  gelang  der  umsichtigen  Verwaltung  des  Oberpräsidenten  von  Sack  die
Vereinigung  der  Neuvorpommern  mit  ihren  pommerschen  Stammesgenossen,  die
man  als  Verschmelzung  zweier  Nationen,  nämlich  der  deutschen  und  der  schwedischen,
für  unendlich  schwierig  gehalten,  in  kurzer  Zeit,  und  bald  söhnten  sich  auch  hier
die  großen  Grundbesitzer,  d.  h.  der  Adel,  die  Stadt  Stralsund  und  die  Universität
Greifswald,  mit  dem  strengen  monarchischen  Regiment  aus.

Ungeheuerlich  waren  dagegen  nahezu  die  Schwierigkeiten  zu  nennen,  die  in
den  beiden  rheinischen  Provinzen  von  den  Oberpräsidenten  von  Ingersleben  und
Grafen  von  Solms-Laubach  zu  überwinden  waren.  Der  Leichtlebigkeit  des  Rheinländers
  war  die  herbe  preußische  Art  von  vornherein  unwillkommen,  der  schnelle
Wechsel  der  geistlichen  Fürsten  hatte  das  Band  der  Treue,  das  sonst  in  monarchischen
Staaten  Fürst  und  Unterthanen  verkettet,  nicht  schmieden  können,  ihr  meist  verwahrlostes
  Regiment  batt  die  Rheinländer  mit  so  tiefer  Abneigung  gegen  jede  monarchische
Form  erfüllt,  daß  die  Gedanken  der  Revolution  gerade  hier  bekanntlich  auf  ganz
besonders  empfänglichen  Boden  gefallen  waren.  So  laut  tobte  in  den  Rheinlanden
  der  Haß  des  Bürgers  gegen  den  Adel,  daß  man  schlechthin  die  Edelleute
von  der  Verwaltung  ausschließen,  nur  bürgerliche  und  nur  einheimische  Beamte
dulden  wollte,  und  die  soziale  Gleichheit  als  Palladium  der  Menschenwürde  galt.
Die  staatserhaltende  Kraft  eines  grundbesitzenden  und  mit  dem  Lande  verwachsenen
Adels  war  hier  durch  dessen  Verluste  in  den  Stürmen  der  Zeit  fast  niedergebrochen,
  und  französische  Gesinnung,  die  Begeisterung  für  die  Ideale  des  Jahres
1789  belebte  Köpfe  und  Gemüter,  französische  Sprache  galt  als  die  Umgangssprache
  der  vornehmen  Leute.  Und  trotz  der  republikanischen  Schwärmerei  wurzelte
der  katholische  Glaube  so  fest  in  den  Herzen,  daß  der  Haß  gegen  den  evangelischen
Staat  der  Bevölkerung  wie  ein  Gebot  der  religiösen  Ueberzeugung  erscheinen
mochte.  Aber  gerade  die  Gerechtigkeit  der  preußischen  Regierung,  die  einsichtige
Förderung  der  wirtschaftlichen  Bedürfnisse,  namentlich  der  Bau  der  Rheinbrücken,
die  entschiedene  Abwehr  gegen  die  Versuche  Hollands,  das  Land  in  wirtschaftliche
Abhängigkeit  zu  ziehen,  die  liebevolle  Pflege  der  Kunstschätze,  des  arg  vernachlässigten
  Schulwesens,  der  Einfluß  der  neuen  Universität  zu  Bonn,  die  Verknüpfung
  mit  dem  innern  Deutschland  hat  im  Laufe  der  Zeit  das  Bewußtsein
der  deutschen  Zugehörigkeit  in  diesem  Stamm  wieder  zu  wecken  gewußt,  und  aus
dem  Volk,  von  dem  man  Aufstände  gefürchtet,  wurde  allmählich  wieder  der  Wächter
gegen  alle  französischen  Uebergriffe.  Schon  war  das  Land  im  Begriff  gewesen,
seines  Deutschtums  sich  zu  entäußern  und  die  gallische  Nationalität  anzuziehen,
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        588  Alte  Provinzen.

da  hat  es,  man  darf  sagen  im  letzten  Augenblick,  die  preußische  Verwaltung
  für  Deutschland  wiedergewonnen  und  die  entartete  Tochter  zum  mütterlichen
  Herzen  zurückgeführt.  Doch  erst  die  Folgezeit  lehrte,  welch  unermeßlicher
Segen  es  für  die  ganze  deutsche  Nation  war,  daß  der  Rhein  von  Bingen
bis  Emmerich  in  preußischen  Händen  deutschem  Handel  und  Verkehr  wieder
dienstbar  wurde.

Noch  heute  aber  kennt  man  die  Wirksamkeit  des  wanderlustigen  Vincke  in
seinem  geliebten  Westfalen!  Namentlich  das  alte  kurkölnische  Herzogtum  Westfalen
und  das  ehemalige  Bistum  Paderborn  wurden  von  Vincke  vollkommen  umgestaltet.
Kaum  auszusagen  ist  es,  wie  verkommen  und  verwahrlost  hier  alle  Zustände
waren.  Schon  die  Trägheit  des  Krummstabes  hatte  für  die  Entwickelung  des
Landes  verhältnismäßig  wenig  gethan,  aber,  was  auch  einzelne  Bischöfe  Tüchtiges
geleistet  hatten,  jetzt  hatte  die  Geißel  König  Jeromes  auch  die  letzte  Blüte  zu  vertilgen
  gewußt.  Unermüdlich  pilgerte  Vincke  von  einem  Bauernhof  zum  anderen,  unermüdlich
  war  er,  den  vielen  und  großen  Bedürfnissen  abzuhelfen,  und  durch  ein
weitverzweigtes  Straßensystem  zu  Lande  und  zu  Wasser,  durch  Begründung  von
Schulen,  die  längst  begonnene  Schiffbarmachung  der  Ruhr,  später  der  Lippe  wurden
emlich  den  ganz  verarmten  Bewohnern  die  Reichtümer  ihrer  roten  Erde  erschlossen.

Auch  die  alten  Provinzen  bedurften  einer  vollen  Wiederherstellung,  da
namentlich  Ostpreußen  und  Brandenburg  durch  die  Bosheit  und  ingrimmige  Wut
Napoleons  schamlos  verwüstet  waren,  und  der  Zorn  des  Imperators  über  die
Erhebung  des  gnadenreichen  Jahres  bis  zur  Leipziger  Schlacht  mit  genauester
Gründlichkeit  vernichtet  hatte,  was  etwa  noch  an  Wohlstand  übrig  geblieben.  Doch
auch  hier  gelang  der  seltenen  Tüchtigkeit  des  Oberpräsidenten  von  Auerswald  in
Ostpreußen,  Schöns  in  Westpreußen,  Merkels  in  Schlesien  und  des  Präsidenten
von  Bassewitz  in  Brandenburg  ein  Werk,  das  fast  so  groß  war,  wie  einst  die
Riesenarbeit  des  Großen  Kurfürsten.

Nur  sehr  langsam  und  sehr  allmählich  konnten  die  weit  und  tief  klaffenden
Wunden  heilen,  und  die  entsetzliche  Schuldenlast,  unter  welcher  der  Staat  seufzte,
die  schwere  Bedrängnis,  unter  welcher  der  einzelne  Unterthau,  wes  Standes  er
auch  war,  fast  erlag,  dauerte  noch  viele  Jahre  und  hielt  weite  Schichten  der
Bevölkerung  noch  lange  von  jeder  Teilnahme  am  öffentlichen  Leben  zurück.  Sogar
die  Durchführung  der  Städteordnung  mußte  mehrfach  und  namentlich  in  den  neuen
Provinzen  zurückstehen.  Denn  auch  die  politische  Litteratur  des  Tages.  verlangte
wohl  Verfassung  und  Teilnahme  der  Nation  an  der  Gesetzgebung  so  im  Staate
wie  im  Reich,  daß  aber  die  Selbstverwaltung  ihr  Grund,  ihre  Voraussetzung  und
Schule  sei,  ward  oft  noch  völlig  übersehen.  Aber  wenn  man  hinblickt  auf  dieses  Gewirr
von  Landschaften  und  Interessen,  dieses  Durcheinander  von  Liebe  und  Haß,  Vertrauen
  und  Abneigung,  dieses  Gemengsel  der  an  die  verschiedensten  Verwaltungen,
Gesetze,  Gebräuche  und  Sitten  gewöhnten  Völker,  wenn  man  auf  der  einen  Seite
ein  heftiges  Vordrängen,  auf  der  anderen  eine  ängstliche  Zurückhaltung  bemerkt
und  hier  leidenschaftliche  Bestrebungen  nach  Neuerungen  wahrnimmt,  welche  eine
noch  unabgeklärte  staatsrechtliche  Theorie  predigte,  und  wenn  man  dort  ein  rücksichtsloses
  Zurückdrängen  nach  Zuständen  findet,  welche  einer  toten  Welt  angehörten,
so  begreift  man,  welch  gewaltiges  Werk  staatsmännischer  Weisheit  es  war,  trot
dieser  Verschiedenheiten  die  Einheit  des  Staates  zu  schaffen  und  in  allen  Unterthaunen
  die  gemeinsame  Liebe  zu  einem  Vaterlande  zu  erwecken.
        <pb n="741" />
        Staatsrat.  —  Fachminister.  589

Je  nachgiebiger  man  aber  in  diesem  Bestreben  den  Wünschen  und  Neigungen
der  einzelnen  Provinzen  entgegenkam,  umsomehr  mußte  die  Zusammenfassung  aller
Zweige  dieses  vielgestaltigen  Völkerlebens  das  erste  Geset  in  der  obersten  Ver—-waltung
  sein.  Die  Natur  der  Sache  zwang  Hardenberg  hier  auf  die  Ideen
Steins,  auf  die  Herstellung  des  Staatsrats,  der  er  einst  durch  seine  eigene
Kanzlerwürde  aus  dem  Wege  gegangen,  zurückzugreifen.  Ja  die  möglichste  Einheit
und  Kraft  in  die  oberste  Staatsverwaltung  zu  setzen,  war  um  so  notwendiger,
als  das  wankende  Vertrauen  des  Monarchen  zu  seinem  Kanzler  den  persönlichen
Verkehr  und  den  unmittelbaren  Vortrag,  in  welchem  Stein  die  erste  Grundbedingung
  einer  gedeihlichen  Entwickelung  gesehen,  zu  einem  stets  selteneren  werden
ließ.  In  dieser  Beziehung  hat  sich  der  Chef  des  Militär-Kabinetts,  der  einsichtige,
überaus  sorgsame  und  arbeitsfreudige  General  von  Wihleben,  der  die  Verfassungspläne
  Hardenbergs  stets  mit  vollem  Beifall  verfolgte  und  doch  die  Gunst  des
Monarchen  behielt,  durch  seine  beschwichtigende  Vermittelung  oft  hohe  Verdiensteerworben.
  Ueberdem  war  Hardenberg  seit  der  Ernennung  von  selbständigen  Fachministern
  im  wesentlichen  auf  die  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten.
beschränkt,  und  seine  Machtstellung  als  Kanzler  hatte  daher  im  Laufe  der  Jahre  ihren
Grund  und  ihre  Bedeutung  eigentlich  verloren.  Ferner  aber  standen  auch  viele  hohe-Beamte
  in  scharfem  sachlichen  und  persönlichen  Gegensatz  zum  Kanzler,  und  unverkennbar
  lag  darin  eine  Gefahr  für  die  einheitliche  Zusammenfassung  der  Staatsgeschäfte,
  die  um  so  größer  wurde,  wenn  er  sich  in  gehässigem  Tadel  äußerte.  Schön
sprach  solchen  in  seiner  Selbstgefälligkeit  oft  und  laut  genug  aus  und  redete  z.  B.
von  den  Menschen,  die  das  Volk  in  den  Maschinendienst  vor  1806  zurückbringen
wollten.  Man  mußte  daher  irgend  eine  Form  finden,  in  welcher  die  Ueberfülle  von
Kraft  und  Tüchtigkeit  der  damaligen  hohen  Beamten  zu  einem  gemeinsamen  Wirken
vereint  und  in  ersprießlicher  Harmonie  zusammengefaßt  werden  konnte.

So  ergab  sich  denn  die  Wiederbelebung  des  Staatsrates  aus  der  Natur  der
Sache,  und  am  20.  März  1817  trat  er  nach  einer  hundertjährigen  Verzauberung
und  zwar  im  wesenklichen  nach  Steinschen  Grundsätzen  ins  Leben.  Aus  den
königlichen  Prinzen,  den  Ministern,  den  Chefs  der  Zentralbehörden  und  vierunddreißig
  durch  königliche  Ernennung  Berufenen  bestehend,  sollte  er,  wie  Stein  es
gewollt,  die  Gesetzgebung,  die  allgemeinen  Verwaltungsvorschriften,  die  Kompetenzstreitigkeiten
  und  die  mit  Absetzung  bedrohten  Amtsvergehen  behandeln.  Die
eigentliche  Leitung  und  Kontrolle  aber  der  sämklichen  Ministerien,  wie  Stein  sie
dem  Staatsrate  hatte  zuweisen  wollen,  wurde  in  eine  Prüfung  derjenigen  unmittelbar
  dem  Könige  eingereichten  Beschwerden  abgeschwächt,  welche  dieser  ihm
zuschrieb.

Doch  schwand,  wie  wir  sahen,  die  Bedeutung  des  Staatrates  infolge  der
großen  Meinungsverschiedenheiten  seiner  Mitglieder  seit  dem  Jahre  1827  mehr
und  mehr  dahin,  und  da  mit  Hardenbergs  Tode  auch  die  Kanzlerwürde  fortfiel,
so  vereinigten  sich  die  sämtlichen  Staatsgeschäfte  wieder  allein  in  der  Person  des
Königs,  und  dieser  verkehrte  unmittelbar  mit  den  linzelnen  Fachministern.  Mehrfache
  Versuche,  zurückzukehren  zu  den  Provinzialministerien,  wie  sie  Schön,  aber
auch  Motz  vorschlugen,  oder  gar  das  Präfektursystem  einzuführen,  scheiterten  an
der  Einsicht  des  Königs,  und  nach  der  Einführung  der  Provinzialstände  mußte
man  bei  den  Fachministerien  umsomehr  bleiben,  als  sie  die  Einheit  in  der  Verwaltung
  aufrecht  erhielten.  Nur  bekamen  die  Oberpräsidenten  1824  erweiterte
        <pb n="742" />
        590  Heerwesen.

Befugnisse  und  den  Vorsitz  im  Regierungskollegium  der  Provinzialhauptstadt.
„Denn  die  politische  Einheit  des  Staates  ist“,  wie  Eichhorn  treffend  ausführte,
„ganz  etwas  anderes  als  der  Komplexus  seiner  Teile.“  „Daraus  folgt  aber“,
so  fährt  er  fort,  „was  ich  für  den  ersten  aller  Verwaltungsgrundsätze  ansehe,  daß
die  Verwaltung  von  ihrem  höchsten  Punkt  bis  zum  untersten  eine  ununterbrochene
Reihe  bilden  und  die  oberste  Hand  noch  in  dem  untersten  Druck  fühlbar  sein
muß.  Wo  das  nicht  ist,  kann  man  weder  für  die  Güte  der  Normen  noch  für
die  Ausführung  stehen.  Der  politische  Ausdruck  der  Einheit  aber  ist  —  man
fühlt  sich  an  Friedrich  Wilhelm  I.  gemahnt  —  die  Subordination;  wo  in  einer
Reihe  Koordination  eintritt,  da  sind  zwei  und  nicht  mehr  eins.“

o  aber  wäre  die  Subordination  kräftiger  ausgebildet  gewesen,  als  im
Heerwesen?  Und  diese  glorreichste  Darstellung  der  preußischen  Staatseinheit,  die
wunderbare  Verwirklichung  des  Einssein  von  Staat  und  Volk,  die  allgemeine
Wehrpflicht  durfte  selbstverständlich  nicht  geschmälert  werden.  In  der  That  aber
erhoben  sich  schon  bald  nach  dem  Kriege  von  entgegengesetzten  Seiten  Stimmen
des  Widerspruchs,  indem  die  einen  für  die  gebildete  Jugend  eine  möglichst  kurze,
wo  möglich  nur  dreitägige  Uebung  im  Jahr  für  völlig  ausreichend  zur  militärischen
Ausbildung  erklärten,  die  anderen  aber  die  Rückkehr  zum  altpreußischen  System
empfahlen.  Jene  handelten  in  blinder  Ueberschätzung  der  Leistungen  der  Landwehr,
  die  immer  mehr  in  die  Herzen  der  Bevölkerung  hineinwuchs,  diese  in  ebenso
blinder  Besorgnis  vor  den  Gefahren  eines  bewaffneten  Volkes.  Aber  zu  herrlich
war  der  Same,  den  Scharnhorst  in  dies  fruchtbare  Erdreich  gelegt,  aufgegangen,
zeigte  seine  zeugende  Kraft  zu  deutlich  und  verzweigte  und  verästete  sich  im
preußischen  Volke  immer  weiter  und  weiter.  Friedrich  Wilhelm  hielt  unentwegt
fest  an  ihm  und  befand  sich  darin  in  vollster  Uebereinstimmung  mit  seinem  Kriegsminister
  von  Boyen,  von  dem  er  dagegen  über  die  Frage  des  Zusammenhanges
zwischen  der  Landwehr  und  der  Linie  insoweit  abwich,  als  der  König  die  Vereinigung
  beider,  Boyen  aber  die  Trennung  der  beiderseitigen  Offizierkorps  wollte.
Zuletzt  siegte,  als  Boyen  seinen  Abschied  nahm,  der  König.  Sehr  schlimm  wirkte
gerade  hier  die  traurige  Finanzlage,  da  sie  nicht  sowohl  eine  nur  mangelhafte
Bewaffnung  und  Ausrüstung  der  Armee  zuließ,  als  auch  die  Präsenzziffer  bis
auf  weniger  als  ein  Prozent  der  Bevölkerung,  nur  auf  115000  Mann  festzusetzen
verlangte.  Von  dem  Gedanken,  der  lediglich  dem  finanziellen  Elend  entsprossen,
daß  ein  möglichst  kleines,  nur  notdürftig  versorgtes  Heer  der  Nation  die  geringsten
Kosten  verursache,  kam  man  damals  so  wenig  los,  wie  ihn  noch  spätere  Geschlechter
  verfochten.  Und  nichts  ist  doch  wahrer,  als  daß  bei  geringer  Truppenzahl
  des  stehenden  Heeres  im  Falle  eines  Krieges  um  so  mehr  alt  gediente  Leute
zur  Fahne  einberufen  werden  müssen,  und  mithin  unter  allen  Umständen  das
wirtschaftliche  Dasein  einer  viel  größeren  Zahl  von  Familien  in  Frage  gestellt

wird,  und  die  vorzeitige  Entziehung  vieler  Kräfte  den  nationalen  Reichtum  un-Filh
  schädigt.  Kaum  die  Hälfte  der  Dienstfähigen  konnte  in  das  Heer  eingereiht
  werden,  und  schon  empfahlen  Generale,  um  nur  etwas  mehr  Mannschaften
auszubilden,  den  Uebergang  von  der  drei=  zur  zweijährigen  Dienstzeit.  Die  Zahl
der  Offiziere  war  so  gering  wie  möglich  bemessen,  und  auch  deren  Avancement
blieb,  da  man  Pensionierungen  scheuen  mußte,  unendlich  langsam.  Selbst  der
Generalstab  hatte  noch  nicht  die  Hälfte  der  für  den  Kriegsfall  notwendigen  Offiiere.
Doch  übten  Grolmann  sowohl  wie  auch  sein  Nachfolger  Müffling  im  Generalstab
        <pb n="743" />
        Unterrichtswesen.  591

eine  ausgedehnte  Thätigkeit,  und  Müffling,  der  alte  Gegner  Scharnhorsts,  verteidigte
  jetzt  sogar  dessen  Ideen.  Von  ungeahnter  Folge  wurde  die  1821  vollzogene
  Trennung  des  Generalstabes  vom  Kriegsministerium  namentlich  für  die
spätere  Zeit,  als  dieses  in  die  Kämpfe  eines  Parlaments  verwickelt  wurde.
Immerhin  erhielt  sich  das  Heer  trotz  der  durch  die  Geldnot  hervorgerufenen  Uebelstände
  in  seinem  Kern  vollkommen  gesund  und  auf  der  Höhe.  Ja  es  ward  allmählich
  und  in  dem  Maße,  als  die  sittliche  Idee  der  allgemeinen  Wehrpflicht
Gemeingut  des  Volkes  wurde,  die  wichtigste  Erziehungsanstalt  zu  einer  staatlichen
Gesinnung  und  bewährte  sich  als  der  wesentlichste  Faktor  für  die  Einheit.
Ebenso  tief  wie  das  Heerwesen  berührte  auch  die  Schule  den  Gesamtumfang
der  staatlichen  Interessen.  Es  ist  begreiflich,  daß  in  den  Jahren  der  Unterdrückung
  für  das  Unterrichtswesen  die  Mittel  nur  knapp  bemessen  gewesen  waren,
und  in  den  neuen  Provinzen,  namentlich  soweit  sie  unter  Napoleons  Herrschaft
gestanden,  war  es,  wie  bemerkt,  fast  durchgängig  im  elendesten  Zustande.  Minister
von  Altenstein,  der  1817  an  seine  Spitze  trat,  urteilte  wohl  nicht  zu  ungünstig,
wenn  er  sein  Departement  „beinahe  verholzt  und  eingeschrumpft“  nennt,  „es
müsse  erst  wieder  belebt  und  in  Bewegung  gesetzt  werden".  Doch  ihm  und
seinen  Mitarbeitern,  vorzüglich  dem  hochgesinnten  Süvern,  der  Stein  als  den
„Eckstein,  Grundstein  und  Edelstein  der  Nation“  schwärmerisch  verehrte,  und  dem
frommen  Nicolovius  gelang  es,  Ausgezeichnetes  zu  leisten.  Unerschütterlich  hielten
sie  den  von  Friedrich  Wilhelm  I.  gewonnenen  Gedanken  der  allgemeinen  Schulpflicht
  fest,  ja,  auf  ihm  weiter  bauend,  meinten  sie  gerade  ein  allgemeines
Schulgesetz  entwerfen  zu  sollen,  das  dem  ganzen  Deutschland  zum  Muster  dienen
könne.  Denn  Preußen  müsse,  so  faßte  Altenstein  in  treuer  Fortarbeitung
der  Reformgedanken  der  großen  Zeit  die  Aufgabe,  „durch  einen  eigentümlichen
Charakter  von  Ernst  und  Reife  mit  den  gebildetsten  Völkern  Europas  um  den
Vorrang  buhlen“.

Das  Gesetz  blieb  zwar  Entwurf,  denn  brennendere  Aufgaben  hatte  die  Zeit
zu  erfüllen,  und  der  Beruf  zur  Gesetzgebung  blieb  ihr,  nachdem  so  schwere  Umwälzungen
  gelungen,  eine  so  einschneidende  Gesetzgebung  erfolgt,  versagt.  Um  so
erfolgreicher  war  die  Praxis.  Bald  wurden  die  Elementarschulen  von  mehr
Kindern  als  in  anderen  Großstaaten  besucht  und  von  Lehrern  unterrichtet,  die  in
zahlreichen  neuen  Seminarien  vortrefflich  vorgebildet  wurden,  und  denen  Männer
wie  namentlich  Diesterweg  voran  leuchteten.  Die  Pflicht,  den  Religionsunterricht
nach  dem  Bekenntnis  der  Mehrheit  der  Schulgemeinde  als  Hauptgegenstand  des
Unterrichts  zu  pflegen,  wurde  nachdrücklich  betont,  Simultanschulen  nur  im  Falle
der  Armut  der  Gemeinden  zugelassen.

Mit  Begeisterung  lebten  und  webten  die  gebildeten  Stände  in  der  Antike,
und  wie  man  an  der  Energie  des  römischen  Staatsgedankens  den  eigenen
geschärft  hatte,  so  vertiefte  man  sich  auch  mit  Inbrunst  in  die  griechische  Welt
des  Schönen.  Nachdem  Voß  durch  seine  Uebersetzung  der  homerischen  Gesänge
die  Bahn  gebrochen,  erfüllte  sich  der  Wunsch  Friedrichs  des  Großen  mehr
und  mehr,  die  Schriften  der  Alten  wurden,  wie  vorzugsweise  die  platonischen
durch  Schleiermacher,  dem  deutschen  Volk  in  seiner  Sprache  vorgelegt.  Mit  vollem
Sinn  gingen  die  Leiter  des  Unterrichts  auf  die  Pflege  des  klassischen  Altertums
ein,  das  ihnen  selbst  die  Freude  des  Herzens  war.  So  ist  es  begreiflich,  daß
die  Gymnasien  und  Universitäten  eine  vorzügliche  Berücksichtigung  fanden.  Im
        <pb n="744" />
        592  Kunst.

Jahre  1825  bestanden  schon  133  Gymnasien,
  und  wie  ein  Vater  sorgte  Altenstein,
  sorgten  Süvern  und  ganz  vorzüglich
Johannes  Schulze  für  sie.

Selbst  die  Kunst  erlebte  damals  in
Berlin  trotz  der  kümmerlichen  Lage  des
Staates  frohe  Tage  und  bewährte  ihre  erziehende
  Wirkung.  Noch  wirkte  Joh.
Gottfr.  Schadow,  den  schon  Friedrich
Wilhelm  II.  nach  Berlin  berufen,  daselbst,
der  Schöpfer  der  Quadriga  auf  dem  Brandenburger
  Thor,  und  verewigte  mit  seiner
kunstgeübten  Hand  die  Großthaten  der  Befreiungskriege
  durch  die  Werke  seines  Meißels
zu  dauerndem  Gedächtnis.  Der  Sinnesart
seines  Hauses  getren  ehrte  Friedrich  Wilhelm
  die  Helden  des  Krieges  durch  tiefe
königliche  Dankbarkeit.  Den  sterbenden.
.  .  Blücher  auf  seinem  Krankenlager  in  Krieb-Johann

  Gottfried  Schadow.  5  bei  Breslau  noch  einmal  zu  besuchen,
atach  dem  1882  entstandenen  Gemalde  von  Jutius  ließ  er  sich  nicht  nehmen,  und  dem  Meister
vubner  895.—1882  än  der  Nalionalgalere#  Christian  Rauch,  der  das  ergreifende
enkmal  seiner  Gemahlin,  der  Königin
Luise,  draußen  im  Mausoleum  in  der  Einsamkeit  des  Charlottenburger  Parksgeschaffen,
  übertrug  er  die  Aufgabe,  den
Generalen  Blücher,  Scharuhorst,  Bülow
Denkmäler  zu  errichten,  denen  später  die  von
VYork  und  Gneisenau  folgten.  Der  ganzen
Nation  zu  Ehren  und  zum  Gedenken  ließ
er  durch  Rauch  und  Schinkel  das  Denkmal
auf  dem  Kreuzberg  errichten.  inkel
aber  wurde  für  die  Architektur  der  aufblühenden
  Hauptstadt  der  Begründer  einer
neuen  Epoche.  Auf  dem  Kreuzberg  hatte
er  den  gotischen  Stil  angewandt,  in  der
neuen  Wache,  dem  Denkmal  Blüchers  gegenüber,
  zeigte  er  die  überwältigende  Kraft
der  dorischen  Säulen.  In  freier  Verbindung
  eigener  Gedanken  mit  dem  Geist  der
Antike  schuf  er  das  Schauspielhaus,  das
Museum  mit  der  Säulenhalle,  die  prächtige,
Schloßbrücke.  Damals  erst  fing  Berlin  an,
eine  schöne  Stadt  zu  werden.  Schauspiel
und  Oper  aber,  die  kein  guci  als  8
reizbare  Spontini  leitete,  überhaupt  das  ——
#bter  erfüllte  damals  die  weitesten  Kreise  Karl  Friedrich  Schinkel.

der  Hauptstadt  mit  dem  lebhaftesten  Interesse.  .  d  e  Bg.  Heh.  1900,
        <pb n="745" />
        Berlin.  —  Hochschulen.  593

Der  ehrsame  Bürger  wußte  zwar  nichts
von  den  Größen  der  Universität  und
Akademie,  selbst  die  alle  Gebildeten
in  ihre  Kreise  ziehende  Philosophie
Hegels  berührte  ihn  nicht,  sondern
nach  alter  Weise  pflegte  er  am  Biertische
  zu  zechen,  über  die  außerdaansfe
  Verhältnisse  —  denn  über
die  heimischen  durften  die  beiden  Zeitungen,
  die  Vossische  und  die  Spenersche
  noch  kaum  berichten  —  zu  kannegießern,
  und  nimmer  hätte  er  es  sich
verziehen,  auf  den  Wiesen  des  benachbarten
  Fischerdorfes  Stralau  zu  fehlen,
wenn  dort  alljährlich  im  August  das
Fest  des  Fischfanges  gefeiert  wurde.
Denn  gar  zu  ergötzlich  erschienen  ihm
die  plumpen  Späße,  welche  dies  Volksfest
  würzten.  Doch  —  merkwürdig
—  auch  ein  Gelehrter  wurde  in  Berlin

damals  wirklich  volkstümlich,  der  Arzt  Christian  Daniel  Rau

E.  L.  Heim.  Durch  die  Sicherheit  uä  0s  von  r  Eduard

j  i  Eichens  —  1877
seiner  Diagnose  genoß  er  den  Ruf  als  ·  Hsllsmsad  )qu  Kam  ½  n

 

beinahe  unfehlbarer  „Arzt  von  Gottes

Gnaden“  und  durch  seine  charaktervolle

  Persönlichkeit  gewann  er  die

ausgedehnteste  Liebe  bei  Hoch  und
iedrig.

F-  die  Hochschule  zu  Berlin
aber  wurden  überraschend  viel  Mittel
aufgewandt.  Wesentlich  zu  ihren
Gunsten  erhielt  die  königliche  Bibliothek
  damals  eine  erhebliche  Ausdehnung
  und  feste  Einnahme,  die
hervorragendsten  Männer  waren  als
Lehrer  für  sie  gewonnen,  und  nicht
zum  letzten  durch  Hegel  wurde  Berlin
mehr  und  mehr  ein  geistiger  Mittelpunkt.
  Das  Meiste  aber  geschah  hierfür
  doch,  als  Alexander  von
Humboldt  1827  nach  Berlin  zurückkehrte
  und  hier  nun  auf  Jahrzehnte
  hinaus  einen  Einfluß  erlangte,
.  ,  wie  ihn  seitdem  ein  einzelner  Ge-Dr.
  Ernst  dsizete  Heim  in  seinem  Sprechzimmer.  u*
Erbh  wwicel  eet  sich  von  selöst,  daß  das  geistige  Leben

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Sta  a8
        <pb n="746" />
        594  Hochschulen.

nicht  nur  zentralisiert,  sondern  in  einzelnen  Kanälen  durch  das  ganze  Land  geleitet
werden  müsse.  Daher  sollte  neben  die  Berliner  Hochschule  nun  ebenfalls  in  jeder
Provinz  eine  Universität  treten.  Es  ist  in  der  That  ein  außerordentlich  bemerkenswertes
  Zeichen  für  den  geistigen  Inhalt  dieses  Staates,  für  seine  kulturfördernde
Macht,  wie  für  die  hohe  ethische  Auffassung,  die  seine  Lenker  von  ihrer  Aufgabe
hatten,  daß  trotz  der  Fremdherrschaft  die  Universität  Berlin  und  jetzt  wieder  trotz
der  drückenden  Beschränktheit  der  Mittel  die  Universität  Bonn  neu  gegründet,
zwei  andere  Hochschulen,  Halle  und  Breslau  vollständig  umgestaltet  wurden.
Wohl  erweckte  die  Verlegung  der
Frankfurter  Universität  nach  Breslau,
mehr  noch  die  Zusammenfassung  der
eingegangenen  und  zerstörten  Universitäten
  von  Erfurt  und  Wittenberg
in  die  eine  zu  Halle,  und  am  meisten
die  Wahl  der  Stadt  Bonn  für  die
rheinische  Universität  partikularistische
Schmerzen,  ja  wohl  auch  den  klerikalen
Zorn.  Aber  eben  die  landschaftlichen
Absonderungen  zur  staatlichen  Einheit
abzuklären,  war  ja  die  große  Aufgabe,
  und  die  Versöhnung  der  strengen
kirchlichen  Partei  mit  dem  Wesen
des  Staates,  die  Vermeidung  kirchlicher
  Streitigkeiten  durch  die  Erziehung
  des  Klerus  in  der  freien  Luft
einer  deutschen  Hochschule  die  Absicht.
Ohne  Frage  mußte  es  von  unberechenbaren
  Folgen  werden,  daß  der
Staat  neben  der  katholischen  Akademie
zu  Münster  nunmehr  zwei  paritätische
  Universitäten,  die  zu  Breslau

und  die  zu  Bonn  besaß.  Denn  „der
Alexander  von  Humboldt.  Jugend  den  Grundton  für  die  Ge- 



#sn  —l*  .  sinnung  des  Lebens  zu  geben“,  das
uu18  0  -*  v  2  war,  wie  Hardenberg  dem  nach  Bonn

berufenen  E.  M.  Arndt  schrieb,  das
nicht  allein  wissenschaftliche,  sondern  auch  sittliche  Ziel,  dem  die  Universitäten
dienten.  Und  wenn,  wie  wir  es  gesehen  haben,  Zeiten  kamen,  in  denen  die
preußische  Regierung  in  beklagenswerter  Ueberschätzung  einzelner  Ausschreitungen
und  in  der  Annahme  staatsgefährlicher  Pläne  der  studierenden  Jugend  und  ihrer
Lehrer  zu  strengeren  Maßregeln  gegen  die  Universitäten  griff,  so  hielt  sie
doch  auch  damals  an  dieser  Ueberzeugung  fest;  nur  daß  die  Befürchtung,
als  ob  die  Lehrer  der  Jugend  eine  revolutionöre  Gesinnung  einflößten,  in
dem  angenommenen  Maße  gewiß  nicht  zutraf.  Die  Freiheit  der  wissenschaftlichen
  Forschung  oder  Lehre  aber  hat  sie  doch  nie  beschränkt,  und  von  der
Unterrichtsverwaltung  geschah  alles,  um  die  Universitäten  durch  den  Sturm  unversehrt
  hindurchzuführen.
        <pb n="747" />
        Union  der  evangelischen  Kirchen.  595

 

Der  Siralauer  Fischzug.
Kupferstich  eines  unbekannten  Künstlers,  auf  elwa  die  Hölfte  verkleinert.

Wenn  aber  durch  die  Gründung  der  paritätischen  Hochschulen  ein  Grundgesetz
  des  Staates,  das  der  gleichmäßigen  Schätzung  der  Eeperererenshnh,  einen
schönen  und  fruchtbringenden  Ausdruck  gefunden  hatte,  so  erfaßte  der  König  seine
Stellung  zur  evangelischen  Kirche  mit  dem  tiefsten  Ernste  seiner  wahrhaftigen,
schlichten  Gottesfurcht.  Wir  wissen,  daß  schon  seit  den  Tagen  des  Uebertritts
des  Kurfürsten  Johann  Sigismund  zum  reformierten  Bekenntnis  die  Vereinigung
der  beiden  evangelischen  Kirchen  das  Streben  unserer  Herrscher  gewesen  und  unter
heftigen  Angriffen  festgehalten  worden  ist,  ja  die  Vereinigung  selbst  mit  der  katholischen
  Kirche  war  zeitweise  sehr  ernstlich  ins  Auge  gefaßt  worden.  Der  Endpunkt
aber  aller  religiösen  Ueberzeugungen  kann  seinem  Begriff  nach  nichts  anderes  sein,
als  die  Anbetung  Gottes  durch  die  gesamte  Menschheit  im  Geist  und  in  der  Wahrheit,
  sie  muß  also  zur  Gleichmäßigkeit,  zur  allgemeinen  Kirche  führen.  Und  wenn
Friedrich  Wilhelm  I.  in  den  zwischen  dem  lutherischen  und  dem  reformierten  Bekenntnis
  streitigen  Punkten  nur  Pfaffengezänk  gesehen  hatte,  so  traf  er  damit  zwar
die  Aeußerungen,  in  welcher  sie  sich  kundgaben,  völlig  richtig,  aber  er  unterschähte
dabei  den  sachlichen  Unterschied,  der,  man  darf  vielleicht  sagen,  mehr  in  der
Gründlichkeit  des  deutschen  Denkens  und  in  der  religiösen  Innigkeit  und  Selbständigkeit
  des  deutschen  Gemütslebens,  als  in  der  biblischen  Lehre  begründet  ist.
Sein  schlichter  Sinn  faßte  nicht  sowohl  die  trennende  Kraft  der  Unterschiede,  als
vielmehr  die  vereinende  Macht,  die  in  der  wirklichen  Bethätigung  der  Lehre  im
Leben  sich  kundgiebt.  Wohl  hatte  am  Ende  des  Jahrhunderts  eine  kirchliche
Gleichgiltigkeit,  eine  verstandesmäßige  Ueberhebung  über  die  biblischen  Wahrheiten
Platz  gegriffen,  aber  auf  die  Dauer  kann  sich  kein  Volk,  am  bsehwi  das
        <pb n="748" />
        596  Union  der  evangelischen  Kirchen.

deutsche,  mit  einer  nur  kritischen  Betrachtung  der  religiösen  Urkunden  begnügen.
Denn  das  Bewußtsein,  eine  theologische  Streitfrage  entschieden  zu  haben,  bietet
dem  sehnsuchtsvoll  ahnenden  Herzen  des  Deutschen  weder  den  Frieden  des  Gemüts
noch  die  Festigkeit  des  Charakters.  Und  tiefer  noch  als  der  Trieb  zur  Erforschung
und  kritischen  Sichtung  der  kirchlichen  Lehre  ist  gerade  dem  Deutschen  die  Sehnsucht
  in  die  Seele  gepflanzt,  das  hohe  Lied  von  der  christlichen  Liebe  in  seinem
Leben  zur  Wahrheit  zu  machen  und  die  Gemeinschaft  in  der  Kirche  zu  pflegen,  wie
verschieden  man  auch  über  die  einzelnen  Heilslehren  denken  mag.  Damit  aber  ist
zugleich  das  sicherste  Gegengewicht  gegeben  gegen  die  in  der  evangelischen  Selbständigkeit
  und  der  eigenen  Verantwortung  des  Einzelnen  allerdings  liegende  Gefahr  der
die  Kirche  bedrohenden  Sektenbildung.  Und  wenn  wir  jetzt  nur  wie  in  einen  Spiegel
schauen,  wissen  wir  nicht,  daß  es  doch  das  eine  und  gleiche  Spiegelbild  sein  muß,
das  wir,  wenn  auch  unter  der  Dechung  des  Glases  oder  je  nach  unserm  Augenwinkel
  verschieden  sehen?  Nur  die  Heftigkeit  eines  zweihundertjährigen  Kampfes
hatte  die  immer  wieder  angefochtene  und  doch  gewisse  Wahrheit  verdunkeln  können,
daß  alle  Bestrebungen  nach  religiöser  Wahrheit  im  Frieden  mit  einander  bestehen
können,  wenn  sie  nur  die  Selbständigkeit  der  Gewissen  unangetastet  lassen  und  in
Lehre  und  Kultus  der  andersgläubigen  Kirche  die  Wa  hrheit  des  religiösen  Gemüts
achten  gelernt  haben.  Allmählich  hatte  nun  aber  in  Preußen  die  bürgerliche
Gleichstellung  beider  Bekenntnisse,  wie  sie  durch  seine  Herrscher  begründet  war,
im  Leben  des  Volkes  fortgewirkt,  und  ihr  war  durch  gemischte  Ehen,  wie  sie  nach
dem  Beispiel  des  Fürstenhauses  immer  häufiger  wurden,  der  Familienzusammenschluß
  gefolgt.  Reformierte  wie  lutherische  Geistliche,  Sack  und  Borowsky,  vornehmlich
  aber  Schleiermacher  waren  seit  Beginn  des  Jahrhunderts  auch  für  die
kirchliche  Gemeinschaft  beider  evangelischer  Bekenntnisse  eingetreten.  Und  war
denn  nicht  gerade  das  so  köstlich  an  der  Erhebung  gegen  die  Unterdrückung
Napoleons  gewesen,  daß  sie  die  Herzen  wieder  zurückgewandt  hatte  zu  Gott?
Daß  man  einträchtig  und  einmütig,  wie  nie  zuvor  schlechthin  die  göttliche  Führung
anerkannt  und  ohne  Unterschied  der  menschlichen  Auslegungen  über  den  Erlöser
des  Menschengeschlechts  und  sein  Werk  gedankt  hatte  für  die  Erlösung  aus  der
Knechtschaft?  —  So  war  denn  in  Preußen  der  Boden  wohl  bereitet,  daß  wenigstens
die  beiden  Schwesterkirchen,  die  aus  der  zngelischen  Lehre  entsprossen,  sich  wieder
zu  der  ursprünglichen  Einheit  zusammenfinden  konnten.

eich  nach  dem  Frieden  hatte  der  König  die  für  beide  Bekenntnisse  gemeinsamen
  Komfistren  wieder  hergestellt,  zum  Januar  1817  die  lutherischen  und
reformierten  Geistlichen  zu  gemeinsamen  Synoden  berufen,  eine  Kommission  zur
Ausarbeitung  einer  gleichmäßigen  Liturgie  eingesetzt  und  endlich  am  27.  September
  1817  eine  vom  Bischof  Eylert  abgefaßte,  von  den  ersten  Theologen
Berlins  begutachtete  Ansprache  an  die  Konsistorien  veröffentlicht.  Ausgehend  von
dem  Grundsatze,  daß  das  Wesentliche  die  Spendung  des  Abendmahles  nach  den
biblischen  Worten  selbst  sei,  deren  Auslegung  aber  Sache  der  gewissenhaften  Selbstprüfung
  des  Einzelnen,  verkündigte  der  König  seinen  Entschluß,  am  Reformationsfeste
  mit  den  Lutheranern  gemeinsam  das  Abendmahl  zu  feiern.  Nach  langem  Streit
und  Hader  war  die  dritte  Wiederkehr  des  Reformationsfestes,  der  30.  Oktober  1817
der  Tag,  an  welchem  lich  in  Preußen  Lutheraner  und  Reformierte  im  gemeinsamen
  Abendmahl  wieder  in  rein  evangelischem  Geiste  zu  einer  kirchlichen  Gemeinschaft,
  der  Union,  zusammenthaten,  innerhalb  welcher  jeder  seiner  besonderen
        <pb n="749" />
        Union.  —  Kirchenversassung.  —  Agende.  597

Ueberzeugung  von  der  Abendmahlslehre  frei  leben  konnte.  Woran  Jahrhunderte
vergeblich  gearbeitet,  das  war  jeht  zu  einem  Abschluß  gekommen,  über  den  der
Streit  zwar  noch  mannigfach  entbrennen  mochte,  und  den  der  strenge  Sinn  der
Lutheraner,  namentlich  in  den  Gebieten,  wo  sie,  wie  in  Holstein,  Sachsen  und
Hannover  ungemischt  saßen,  anfechten  mochte,  der  aber  durch  seine  eigene  Wahrheit
  unverrückkbar  geworden  war.  Nicht  auf  Grund  einer  kunstvoll  erdachten
Formel,  die  niemals  die  allgemeine  Zustimmung  gefunden  hätte,  sondern  in  der
Ueberzeugung,  daß  „der  schlichte  Bibelglaube  des  ursprünglichen  Christentums“
mehr  wert  sei,  als  die  kritische  Auslegung  der  Bibellehre,  und  daß  die  Freiheit
der  Gewissen  wie  die  wissenschaftliche  Forschung  in  der  höheren  Gemeinschaft  voll
gewahrt  bleibe,  hatte  der  König  die  Möglichkeit  der  Wiedervereinigung  gefunden.
Und  wenn  die  allgemeine  Kirche  das  Glaubensbekenntnis  des  Christentums  an
sich  ist,  so  war  dies  seit  den  Tagen  der  Reformation  ohne  Zweifel  die  größte
That  des  evangelischen  Geistes.  Wie  aber  die  Einführung  der  iermtie  nur
durch  den  Landesherrn  geglückt  war,  so  ist  auch  diese  That,  die  Union,  allein
dem  landesherrlichen  Kirchenregiment,  dem  König  persönlich  zu  danken,  und  mit
heißer  Liebe  hat  dieser  sein  eigenes  Werk  bis  an  sein  Ende  egt.

Wenn  aber  einst  das  strenge  Luthertum  mit  dem  landschaftlichen  Sondergeist
zusammengetroffen,  und  wechselseitig  sich  beide  in  der  Bekämpfung  der  monarchischen
Verfassung  unterstützt  hatten,  so  geschah  es  nun  allerdings  umgekehrt,  daß  die  Einheit
  der  evangelischen  Kirche,  die  gleiche  kirchliche  Geneischaft  der  weitaus  meisten
Unterthanen  auch  der  Einheit  des  Staates  nützlich  wurde

Denn  bald  ging  der  König  einen  Schritt  weiter,  dessen  Folgen  deutlich
bewiesen,  daß  der  Bestand  der  Union  doch  nur  durch  eine  neue  gemeinsame
Kirchenverfassung  gesichert  werden  könne.  Aber  wenn,  wie  Schleiermacher  gestand,
Kirche  und  Staatsverfassung  einander  bedingen,  wer  hätte  in  jenen  Tagen  an  die
Ausbildung  des  leise  wieder  erwachenden  synodalen  Lebens  denken  können?  Wohl
ließ  der  König  1815  sogar  schon  Provinzialsynoden  zusammentreten  und  dachte
ihnen  eine  Generalsynode  folgen  zu  lassen,  aber  bald  nach  den  frohen  Tagen
von  1817  fristeten  nur  noch  Kreissynoden  ein  kümmerliches  Dasein.  Unzweifelhaft
mußte  aber  gerade  damals,  als  die  Welt  unter  dem  Zenith  der  Romantik  stand,  die
unschöne  Dürftigkeit  des  durch  den  Rationalismus  verknöcherten  evangelischen  Gottesdienstes
  besonders  schmerzlich  berühren.  Denn  wie  hätte  dieser  die  von  dem  herrlichen
Kampfe  gottbegeisterte  und  gefühlsinnige  Menge  mit  einer  Predigt  über  moralische
Gemeinplätze  erheben  können?  Niemand  fühlte  lebhafter,  daß  eine  geordnete  Kirchengemeinschaft
  auch  eines  einheitlichen  Kultus  bedarf,  als  der  König  selbst,  und  er,
der  wie  wenige  von  tiefer  Frömmigkeit  erfüllt  war,  glaubte  nur  die  Pflichten
seines  oberbischöflichen  Amtes  zu  erfüllen,  wenn  er  selbst  die  alten  lutherischen
Agenden  durcharbeitete,  um  die  lturgischen  Fragen  auf  das  gründlichste  kennen
zu  lernen.  Aus  diesen  eigenen  Arbeiten  des  Königs  und  aus  seinen  vielsachen
Unterredungen  mit  Geistlichen  ging  1821  eine  neue  Agende  hervor,  welche  der
König  den  Gemeinden  zur  Annahme  empfahl.  Von  allen  Seiten  erhoben  sich
Widersprüche,  und  Schleiermacher  wendete  sich  sowohl  amtlich  wie  litterarisch  als
„Pacificus  Sincerus“  gegen  ein  vom  Könige  selbst  herausgegebenes  Büchlein:
„Luther  in  Beziehung  auf  die  preußtsche  Kirchenagende“.  Aber  auch  die  kleinen
Kreise  erweckter  Leute,  die  sich  im  Lande  unter  der  Führung  einzelner  Edelleute,
wie  des  Herrn  von  Senfft-Pilsach  oder  des  frommen  Baron  von  Kottwitz  ge-
        <pb n="750" />
        598  Katholische  Kirche.

bildet  hatten,  und  vornehmlich  der  Prediger  der  Altlutheraner  in  Breslau,  Scheibel,
erklärten  ihren  sehr  bestimmten  Widerspruch.  Erst  als  der  König  Nachträge  ausarbeiten
  ließ,  welche  neben  der  gemeinsamen  Ordnung  doch  auch  dem  örtlichen
Herkommen  sein  Recht  ließen,  erfolgte  bis  1830  die  Annahme  der  Agende  in  der
überwiegenden  Mehrzahl  der  Gemeinden.

Der  katholischen  Kirche  gegenüber  erwies  man,  wie  erwähnt,  nach  der  in
Preußen  üblichen  Art  ein  bereitwilliges  Entgegenkommen,  und  dank  des  großen
Verständnisses,  welches  der  preußische  Gesandte  in  Rom,  Niebuhr,  für  das  Wesen
der  katholischen  Kirche  besaß,  dank  seiner  offen  bekundeten  Hochachtung  vor  dem
Katholizismus  als  christlichen  Religion  und  dank  endlich  der  überaus  großen  Bereitwilligkeit,
  mit  welcher  die  preußische  Regierung  sich  zu  reichster  Ausstattung
der  neu  wieder  zu  gründenden  Bistümer  erbot,  führten  die  Unterhandlungen  mit
dem  Kardinal  Consalvi  am  16.  Juli  1821  zu  der  Bulle  de  salute  animarum.
Unter  wiederholter  Anerkennung  für  das  wunderbare  Entgegenkommen  des  Königs,
in  dem  er  nicht  sowohl  einen  protestantischen  Fürsten  als  einen  Erben  Theodosius
des  Großen  gefunden  habe,  überließ  der  Papst  dem  Staate  die  ihm  zukommenden
Befugnisse  der  Kirchenhoheit  bei  den  Bischofswahlen,  der  Aufsicht  über  die  Unterrichtsanstalten,
  Prüfung  der  Kandidaten,  das  Recht,  den  Verkehr  zwischen  den
Bischösen  und  dem  Papst  allein  zu  vermitteln  und  über  die  Zulässigkeit  der  geistlichen
  Orden  zu  bestimmen.

Indessen  eine  so  weit  getriebene  Nachgiebigkeit  widersprach  doch  wohl  dem
Wesen  der  katholischen  Kirche,  und  deren  Grundsätze  läßt  Rom  wohl  eine  Zeit  lang
schweigen,  aber  niemals  giebt  es  sie  auf.  Noch  bei  Lebzeiten  des  Papstes  Leo  Xll.
machten  sich  die  Gegensätze  schroffer  bemerklich,  und  daß  die  Bischöfe  zwar  die
zugesagten  überaus  reichen  Gehälter  vom  Staat  regelmäßig  erhielten,  aber  nicht
den  als  Grundlage  derselben  verheißenen  Grundbesitz  wurde  als  Kirchenberaubung
an  den  Pranger  gestellt,  obwohl  jedermann  wissen  mußte,  daß  der  Staat  gar
nicht  im  stande  war,  diese  leichtherzig  gegebene  Zusage  Hardenbergs  zu  erfüllen.
Viel  bedenklicher  wurde  der  Gegensatz,  als  namentlich  i  in  den  Rheinlanden  häufig
Mischehen  zwischen  Katholiken  und  Protestanten  eingegangen  wurden,  und  die
katholische  Kirche  ihrem  folgenschweren  Dogma  nach  in  solchen  nur  Konkubinate
sah.  Eine  Kabinettsordre  vom  Jahre  1825  führte  nun  auch  für  den  Westen  das
preußische  Gesetz  von  1803  ein,  welches  die  konfessionelle  Erziehung  der  Kinder
aus  gemischten  Ehen  der  Bestimmung  des  Vaters  anheimstellte.  Bunsen,  der
neue  Vertreter  Preußens  in  Rom,  trat  hierüber  in  Verbindung  mit  dem  Heiligen
Stuhl  und  erzielte  den  Erlaß  eines  Breve  vom  25.  März  1850  an  die  Bischöfe
des  Rheinlandes,  in  dem  er  zwar  einen  großen  Erfolg  erkannte,  in  dem  aber  die
Einsegnung  gemischter  Ehen  von  dem  Versprechen,  die  Kinder  im  katholischen  Glauben
zu  erziehen,  abhängig  gemacht,  und  die  katholische  Braut  vor  einer  solchen  Ehe
als  einer  Todsünde  ausdrücklich  zu  verwarnen,  vorgeschrieben  war.  Versuche,  diese
für  die  evangelische  Kirche  schroffe  Beleidigung  zurückzunehmen,  führten  zu  keinem
Resultat,  und  als  der  ehrwürdige  Erzbischof  Graf  Spiegel  von  Köln  starb,  war
auch  die  milde  Auslegung  des  Breves,  über  welche  man  sich  durch  einen  Vergleich
  vom  11.  Juni  1824  mit  ihm,  wie  den  Bischösen  von  Trier,  Münster  und
Paderborn  verständigt  hatte,  ausgeschlossen.  Denn  durch  die  Empfehlung  des
Kronprinzen  selbst  und  auf  Veranlassung  der  Regierung  war  ein  entschieden  asketisch
strenger  und  ganz  im  Geist  der  Unduldsamkeit  gegen  die  evangelische  Kirche  leben-
        <pb n="751" />
        Die  Königliche  Residenz  zu  Berlin  um  das  Jahr  1830.

Nach  der  Zeichnung  eines  unbelannten  Künstlers.
        <pb n="752" />
        600  Katholische  Kirche.

der  Priester,  der  Freiherr  Clemens  August  von  Droste-Vischering,  zum  Erzbischof
(Mai  1836)  gewählt  worden.  Erschreckt  über  diesen  Mißgriff,  fragte  selbst  ein
Kardinal  den  preußischen  Gesandten  Bunsen:  „Ist  Ihre  Regierung  denn  toll?“
Trotz  einer  vorher  abgegebenen  förmlichen  Anerkennung  der  Staatsgesetze  löste  der
neue  Erzbischof  thatsächlich  das  Bonner  Konvikt  auf,  verfolgte  die  Anhänger  des
milden  Theologen  Hermes  und  verbot  endlich  den  Geistlichen  die  Einsegnung  der
gemischten  Ehen.  Zugleich  erklärte  er  dem  Minister  kurz  und  bündig,  die  Kirche  sei
dem  Staate  gleichgeordnet,  jedes  Aufsichtsrecht  des  Staates  unnütz  und  unzulässig,
Bildung  und  Anstellung  der  Geistlichkeit  hänge  allein  vom  Bischof  ab.  Einfacher
konnte  man  in  der  That  dic  staatliche  Gesetgebung  nicht  hinwegleugnen.  Alle
Versuche,  welche  Bunsen,  der  Graf  zu  Stolberg  und  selbst  ein  Kardinal  machten,
den  „steinharten  Mann“  zur  Nachgiebigkeit  zu  stimmen,  scheiterten  umsomehr,  als
auch  der  Papst  den  Vertrag  von  1834  entschieden  mißbilligte  und  die  gewaltigsten
Flüche  in  einer  Allokution  vom  10.  Dezember  gegen  Preußen  schleuderte,  ja  diese
sogar  dem  Stellvertreter  des  preußischen  Gesandten  in  Rom  zusandte.  Was  hatte
alles  Entgegenkommen  gegen  die  katholische  Kirche  genützt!  In  Preußen  sah  Rom
seinen  Todseind.  Deun  allzu  scharf  trat  wieder  der  Gegensatz  hervor  zwischen  der
Macht,  welche  auf  die  Unterordnung  der  Gewissen  unter  die  kirchliche  Oberhoheit
begründet  ist,  und  dem  Staat,  welchem  die  Freiheit  und  Selbstverantwortlicheit  der
Gewissen  das  innere  Lebensbedürfnis  ist.  Und  der  Beschinpse  aurd,  den  Papst
gingen  aufhetzende  Hirtenbriefe  des  Erzbischofs  zur  Seite.  Schon  am  31.  Oktober
erklärte  Droste,  an  die  Instruktion  nicht  mehr  gebunden  zu  sein,  und  so  war  es  dahin
gekommen,  „daß  sich",  wie  Graf  Anton  Stolberg  sagte,  „einfach  die  Frage  stellte,
ob  der  König  oder  der  Erzbischof  das  Ruder  führen  sollte“.  Am  20.  November
.  wurde  der  Prälat  zu  leichter  Haft  nach  Minden  abgeführt  und  nach  den  langwierigsten
  Verhandlungen  im  Schoße  der  Regierung  in  seine  Heimat  verwiesen.
Indessen  bei  aller  Starrheit  hatte  Droste  immer  einen  geraden,  festen  und
gleichmäßigen  Willen  bekundet.  Der  Erzbischof  Dunin  von  Posen  dagegen,  der
nun  ebenfalls  die  Einsegnung  der  gemischten  Ehen  verbot,  gab  der  preußischen
„Regierung  bald  eine  Zusage,  bald  zog  er  sie  wieder  zurück,  so  daß  er  es  mit
anhören  mußte,  wie  der  Oberpräsident  Flottwell  ihm  zurief:  „Sie  haben  mich
betrogen,  ich  verachte  Sie“.  Abgesetzt  und  zur  Festungshaft  verurteilt  durch  das
Kammergericht,  begnadigt  durch  den  König  zur  Suspension,  unter  der  Bedingung,
sich  fern  von  seiner  Diözese  zu  halten,  kehrte  er  im  Oktober  1839  doch  nach
Posen  Frück  und  wurde  nun  nach  Kolberg  auf  die  Festung  gebracht.
der  Sache  dagegen  gab  der  Staat  vollkommen  nach,  gestaltete  durch
Kobinsttsordre.  vom  28.  Jannar  1838  den  katholischen  Pfarrern,  Erkundigungen
wegen  der  Kindererziehung  anzustellen,  und  überwies  die  Entscheidung  den  Bischsfen.
Ebenso  wurde  nun  von  einer  Kommission  eine  neue  einheitliche  kirchenpolitische
Gesetzgebung  beraten,  und  der  König  war  bereit,  eine  besondere  Abteilung  für
die  katholischen  Dinge  im  Kultusministerium  zu  bilden  unter  dem  katholischen
Unterstaatssekretär  von  Duesberg.  Doch  erneute  Allokutionen  des  Papstes  hielten
die  hoch  gehende  Aufregung  des  katholischen  Volkes  in  Atem,  und  die  Spalkung
zwischen  den  Katholiken  und  dem  Staate  blieb  bestehen.  —
Die  Rheinlande  waren  es  nun  auch,  welche  den  Trieb  zu  einer  Revision
des  Landrechts  zwar  erweckten,  aber  durch  ihre  eigentümlichen  Rechtsverhältnisse
ungemein  hindernd  auf  sie  einwirkten.  Schon  während  des  Wiener  Kongresses
        <pb n="753" />
        Rechtspflege.  601

war  der  Ruf  nach  einem  einheitlichen  Recht  für  das  ganze  Deutschland  laut
geworden,  man  hielt  die  Schöpfung  eines  auf  rechtsphilosophischen  Doktrinen  aufgebauten
  allgemeinen  bürgerlichen  Rechts  für  ganz  Deutschland  für  leicht  möglich,
und  namentlich  der  Heidelberger  Professor  Thibant  hatte  in  einer  mit  großem
Beifall  aufgenommenen  Schrift  „die  Notwendigkeit  eines  allgemeinen  bürgerlichen
Gesetzbuches  für  Deutschland“  behauptet.  Dem  war  Savigny  im  Oktober  1814
entgegengetreten  mit  der  Behauptung,  daß  das  Recht  nicht  durch  die  Phiosopoisshe
Spekulation  des  Gesetzgebers,  sondern  durch  den  Geist  des  Volkes,  dur

gesamten  Zustand  der  Bildung  und  Kultur  bedingt  sei,  und  daß  aus  der  "7
forschung  des  bestehenden  Rechts  in  seinem  Ursprung  und  in  seiner  Entwickelung
sich  auch  die  dem  Bedürfnisse  der  Zeit  entsprechenden  Gesetze  ergäben.  Mochte
immerhin  in  solchen  Behauptungen  die  Macht  des  menschlichen  Willens  unterschätzt
  sein,  so  ergab  sich  doch,  daß  in  den  Gebieten  und  Länderfetzen,  welche  dem
preußischen  Staate  zugeteilt  waren,  die  Verschiedenheit  des  Rechts  eine  noch  nicht
zu  überwindende  Schranke  war,  indem  außer  den  drei  großen  Rechtssphären  des
allgemeinen  Landrechts,  des  gemeinen  Rechts  und  des  Code  Napolcon  noch  ungezählte
  Partikularrechte  sich  behaupteten.  Wohl  haßte  man  sowohl  das  römische
wie  das  französische  Recht  als  einen  Tropfen  fremden  Blutes  im  Körper  und
übersah  die  Durchbildung  des  ersten  durch  deutsche  Gedankenarbeit,  die  vielen
deutschen  Einrichtungen,  die  das  andere  nur  aufgenommen.  Aber  eine  allgemeine
Rechtsüberzeugung,  ein  fester  Wille  auf  gleiches  Recht,  bestand  in  diesen  verschiedenen
  Ländermassen  nicht.  Und  gewiß  mußten  die  Kulturverhältnisse  und
wirtschaftlichen  Bedingungen  in  den  einzelnen  Provinzen  erst  annähernd  einander
gleiche  werden,  ehe  ein  gemeinsamer  Rechtsboden  sich  bilden  konnte.  So  wird
es  erklärlich,  daß  die  vom  Könige  angeordnete  Revision  des  allgemeinen  Landrechts,
  zumal  seine  ständische  Voraussetzung  durch  die  große  Resormgesetzgebung
hinfällig  geworden  war,  durchaus  keine  Fortschritte  machte.  Man  mußte  zuletzt
auf  dem  Gebiete  des  Rechts  davon  absehen,  auch  nur  in  Preußen  die  einigende
Kraft  für  die  staatliche  Entwickelung  zur  Geltung  zu  bringen  und  sich  begnügen,
wenigstens  in  dem  wichergewonnenen  altpreußischen  Gebiete  das  allgemeine  Landrecht
von  neuem  einzuführen,  sonst  aber  das  gemeine  Recht,  ja  für  die  Rheinprovinz
sogar  den  Code  Napolcon  bestehen  zu  lassen.  Erst  die  gewordene  Einheit  des
Staates  konnte  den  unnatürlichen  Zustand  beseitigen,  und  die  Erforschung  der
deutschen  Rechtsbildungen,  vornehmlich  aber  die  Macht  der  wirtschafklichen  Verhältnisse,
  der  Zusammenschluß  des  Staatsgebiets  in  eine  wirtschaftliche  Einheit,
waren  die  Voraussetzung  für  den  Grundsatz,  „daß  in  der  Monarchie  nur  ein
inneres  Staatsrecht  gelten  könne“.  Auch  in  den  späteren  Jahren  des  Königs
gelang  die  Revision  des  Landrechts,  welche  seiner  Einführung  in  die  Rheinprovinz
vorangehen  sollte,  noch  nicht,  und  über  den  Entwurf  des  Strafgesehbuches  von  1827,
welches  der  Minister  von  Kamptz  „zurückrevidiert"“  hatte,  wurden  die  Beratungen
nicht  zu  Ende  geführt;  allein  der  summarische  Prozeß  wurde  einer  durchgreifenden
Verbesserung  durch  die  Kabinettsordre  vom  1.  Juni  1833  unterworfen.  Aber
indem  man  die  Unmöglichkeit  erkannte,  „die  umfängliche  Revision  der  allgemeinen
Gesetzgebung  binnen  der  durch  das  Bedürfnis  gebotenen  Zeit  zu  beendigen“,
begnügte  man  sich  doch  nicht  nur  mit  der  Entscheidung  zweifelhaft  gewordener
Rechtsfragen  durch  eine  große  Zahl  von  einzelnen  Erlassen,  sondern  mit  dem
denkbar  größten  Eifer  suchten  die  Justizminister  Kircheisen,  Danckelmann,  Kamptz
        <pb n="754" />
        602  Finanzen.

und  Mühler  die  allgemeine  wie  die  provinzialrechtliche  Gesetzgebung  ihrer  definitiven
  Neuordnung  entgegenzuführen.  Beim  Tode  des  Königs  waren  die  Arbeiten
doch  so  weit  gefördert,  daß  ein  „bürgerliches  Gesetzbuch  für  die  preußischen
Staaten“  bis  auf  das  Kirchen=  und  Schulrecht,  das  Personenrecht,  Erbrecht  und
einen  Teil  des  Vertragsrechts  im  Entwurf  fertig  vorlag,  und  eben  so  die  Entwürfe
  für  ein
Gerichtsverfassungsgeset,

Zivil=  und
Strafprozeßordnung
  sowie
  für  fünfundzwanzig

Provinzialgesetzbücher

vollendet  wadem

  endlich
der  Friede
und  die  freie
Selbstbestimmung
  des
Staates  wie- 



man  an  dies

--  --s--  durch  Napo-Prinz
  Wilhelm  von  Preußen  1835.  leon  so  gänz-Lithographie
  eines  unbekannten  Künlers.  lich  zerrüttete

Gebiet  nur
herantrat,  zeigte  sich  die  maßlose  Zerfahrenheit.  Weder  ein  Staatshaushalt
ließ  sich  feststellen,  noch  auch  nur  die  Höhe  der  Schulden  übersehen.  Und  doch
mußten  so  schnell  wie  möglich  Mittel  flüssig  gemacht  werden,  sowohl  dem  verarmten
  Grundbesitz  aufzuhelfen,  als  den  neuen  Anforderungen,  die  mit  bis
dahin  unerhörter  Großartigkeit  an  den  Staat  gestellt  wurden,  zu  genügen.  Es
war  dies  um  so  schwieriger,  als  die  Lösung  aller  wirtschaftlichen  Fesseln,  die  freie
Entwickelung  des  Handels  und  die  ganze  Gesehgebung  aus  den  Zeiten  Steins
und  Hardenbergs  eine  völlig  neue  Behandlung  der  Finanz=  und  Steuerfragen  erforderlich
  machte.  Sie  hatte  zugleich  das  weitgesteckte  Ziel  zu  verfolgen,  die
        <pb n="755" />
        Steuern.  —  Zollgesetz.  603

wirtschaftliche  Einigung  des  Staatsgebietes  und  seiner  Unterthanen  zu  begründen.
Natürlich  blieben  die  ersten  Debatten,  welche  im  Staatsrat  über  den  Staatshaushalt
  und  die  Umänderung  der  Steuern  gepflogen  wurden,  ohne  Abschluß,  aber  sie
wirkten  bei  aller  Unklarheit  doch  ungemein  ersprießlich.  Der  Plan  des  Finanzministers
  von  Bülow  war,  den  unseligen  Verhältnissen  an  der  Berliner  Börse,
welche  die  Staatsschuldscheine  bis  auf  65  fallen  ließen  und  den  Grundbesitz  bis
auf  die  Hälfte,  ja  den
vierten  Teil  seines  Wertes
herunter  brachten,  durch
Beseitigung  der  Akzise  und
durch  Einführung  einer
Schlacht=  und  Mahlsteuer,
sowie  einer  Abgabe  von
Tabak,  Bier  und  Branntwein
  aufzuhelfen.

Nicht  mit  Unrecht  stieß
dieser  Plan  auf  heftigen
Widerspruch.  Die  indirekten
  Steuern  erschienen  dem
Staatsrat  und  den  in  den

Provinzen  einberufenen
Notabeln-Versammlungen
als  schwarze  Sünde,  die
von  Bülow  außer  Acht
gelassene  Beseitigung  der
ungleichen  Grundsteuer
(Ostpreußen  zahlte  639,
die  Rheinlande  4969  Thaler
  von  der  Geviertmeile)
erschien  viel  notwendiger,
und  die  Ausbildung  der
direkten  Steuer  allein
menschenwürdig.  Besonders
  Wilhelm  von  Hum-  Prinzessin  Augusta  von  Preußen  1829.

boldt  wies  auf  die  Not-  Nach  dem  Gemälde  von  Franz  Krüger  (1797  -  1857).
wendigkeit  einer  einheitlichen,

  systematischen  und  mit  der  Verfass  ungsangelegenheit  in  Verbindung  zu
setzenden  Reform  hin,  und  schließlich  kam  es  dazu,  daß  Bülow  an  Klewiz  das
Finanzministerium  abtrat  und  nur  das  Handelsministerium  behielt.  Von  seinen
Plänen  ging  daher  9  nur  das  Zollgesetz  durch.  Aber  schon  am  11.  Juni  1816
waren  die  Wasser-,  Binnen=  und  Provinzialzölle  *  am  1.  August  1816
hatte  der  König  das  Prinzip  der  freien  Einfuhr  für  alle  Zukunft  anerkannt,  und
vom  25.  Mai  1818  datiert  das  vom  Generalsteuerdirektor  Maaßen  verfaßte  Zollgesetz
  für  alle  preußischen  Länder.  Während  alle  anderen  Länder  —  England
eingeschlossen  —  an  strengen  Prohibitivzöllen  festhielten,  ging  der  preußische
Staat  von  den  Grundsätzen  des  alten  Staatslebens  als  erster  ab  und  begnügte
sich  mit  sehr  maßvollen  Zöllen  für  Manufakturwaren;  nur  für  Kolonialwaren
        <pb n="756" />
        604  Steuer-  und  Zollgesetze.  —  Verlehr.

wurden  zwanzig  Prozente  erhoben,  da  man  auf  irgend  eine  Weise  dem  verarmten
Staate  eine  Geldquelle  eröffnen  mußte.  Aus  diesem  Grunde  und  weil,  wie  man
berechnete,  die  Hälfte  aller  eingehenden  Waren  wieder  ausgeführt  wurde,  zugleich
aber,  um  auf  die  benachbarten  Kleinstaaten  einen  wohlthätigen  Druck  zum  Anschluß
an  die  wirtschaftliche  Einheit  Preußens  zu  üben,  erhob  man  auch  verhältnismäßig
sehr  hohe  Durchgangszölle.  Nur  wenige  Schutzzölle  waren  als  Notbehelf  gegen
den  englischen  Handelsdespotismus  beibchalten  und  in  der  vereinfachten.  Zollrolle
von  1821  fiel  jeder  Unterschied  zwischen  den  Provinzen  fort.

Ungemein  einfach  waren  die  Steuergesetze  von  1819  und  1820.  Die  Grundsteuer
  mußte  in  jeder  Provinz  zunächst  nach  altem  Herkommen  erhoben  werden,
da  die  neue  Katastrierung  sich  nicht  schnell  genug  beendigen  ließ.  Daneben  wurde
die  Erwerbs=  und  Klassensteuer  eingeführt,  und  an  indirekten  Steuern  nur  in  den
großen  Städten  eine  Schlacht=  und  Mahlsteuer  erhoben,  sowie  allgemein  Bier,
Wein,  Branntwein  und  Tabaksblätter  einer  Abgabe  unterworfen,  die  den  Konfumenten
  nict  belästigte

dieser  Zoul  und  Steuergesetzgebung  war  die  wirtschaftliche  Einheit  r—
Siosspchioieh  und  seiner  Unterthanen  begründet,  und  diese  durch  einen  Kitt  a
einander  gebunden,  der  fest  wic  kaum  ein  anderer  hält.  Zu  der  sittlichen  Vaeinigung,
  die  in  der  gemeinsamen  Wehrverfassung  lag,  war  die,  auch  die  Widerstrebenden
  bändigende  Macht  des  gleichen  materiellen  Bedürfnisses  und  Interesses
gefügt.  Zugleich  aber  lag  hierin,  wie  wir  sehen  werden,  der  Keim  der  Einheit
des  Reiches  selbst,  und  es  war  der  Beginn  der  Freihandelsbewegung,  die  bald
darauf  ganz  Europa  durchziehen  sollte.

Geradezu  erstaunlich  aber  ist  es,  wie  schnell  unter  dem  Einfluß  dieser  Gesetzgebung
  sich  nach  all  dem  Jammer,  den  man  erlitten,  all  den  furchtbaren  Lasten,
die  man  getragen,  der  Verkehr  hob,  der  Volkswohlstand  anwuchs.  Eine  weitere
wesentliche  Hilfe  gewährte  ihm  der  Staat  durch  die  in  hohem  Maß  ausgezeichnete
Postverwaltung,  die  unter  dem  Generalpostmeister  von  Nagler  die  Thurn  und
Taxis'sche  Verwaltung  tief  in  den  Schatten  stellte,  und  durch  den  energisch  aufgenommenen
  Chansseebau.  Binnen  elf  Jahren,  von  1817—28  wurde  die  Meilenzahl
  der  Chausseen  um  das  Doppelte,  von  523  auf  1065  mit  einem  Kostenaufwand
von  mehr  als  21  Millionen  Thalern  erhöht.  In  fünfzehn  Jahren  (bis  1831)
stieg  die  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  um  mehr  als  500,  bis  auf  2521  Köpfe  in
der  Geviertmeile.  Berlin  wies  bald  mehr  rauchende  Schornsteine  auf,  als  das
gesamte  industrielle  Baden,  und  wie  Berlin  nahmen  besonders  die  rheinischen
Mittelpunkte  der  Industrie  einen  überraschenden  Aufschwung.  Die  Gewerbesteuer
brachte  nach  zehn  Jahren  mehr  als  den  doppelten  Betrag,  ebenso  verdoppelte  sich
die  Einfuhr  der  zur  Verarbeitung  bestimmten  Baumwollengarne,  wie  überhaupt
der  umgesetzten  ausländischen  Waren  im  Laufe  der  zwanziger  Jahre,  und  der  Gesamtwert
  der  Ein-,  Aus=  und  Durchfuhr  betrug  1828  schon  fast  das  Dreifache
der  1796  erreichten  Höhe.  Die  Einnahmen  der  Post  stiegen  allein  zwischen  1823
und  1830  von  2,9  auf  über  vier  Millionen  Thaler.

Die  Hauptsache  blieb  aber  doch,  die  durch  das  Elend  der  napoleonischen  Zeit
und  durch  die  Freiheitskriege,  wie  auch  durch  die  Uebernahme  der  Schulden  der
neuen  Länder  angewachsene  Schuldenlast  des  Staates  kennen  zu  lernen,  ihr  abzuhelfen
  und  einen  festen  Staatshaushalt  aufzustellen.  Aber  so  verwickelt  lagen  die
Verhältnisse,  daß  erst  am  17.  Jannar  1820  die  Verordnung  wegen  der  Behand-
        <pb n="757" />
        Staatsschuld.  —  Bank.  605

lung  des  Staatsschuldenwesens  ergehen  konnte.  Statt  der  1806  vorhandenen
Staatsschuld  von  54½  Millionen  ergab  sich  jetzt  eine  solche  von  insgesamt  mehr
als  200  Millionen  Thalern,  von  denen  nur  etwas  über  elf  Millionen  in  unverzinslichem
  Papiergeld  bestanden.  Für  diese  leistete  der  Staat  nun  mit  seinem
gesamten  Vermögen,  insbesondere  den  Domänen  und  Forsten  Gewähr  und  machte
sich  zugleich  anheischig,  sie  nur  „unter  Zuziehung  und  unter  Mitwirkung  der
künftigen  Reichsstände  zu  erhöhen"“.  Es  war  ein  Gesetz  von  außerordentlich  einschneidender
  Wirkung.  Denn  wenn  die  preußischen  Herrscher  in  ihrem  ausgebildeten
  Pflichtgefühl  von  den  öffentlichen  Einnahmen  für  sich  und  ihr  königliches
Hus  thatsächlich  bisher  nur  äußerst  geringe  Mittel  bebraocht  hatten,  so  waren
doch  sowohl  nach  der  staatsrechtlichen  Theorie  wie  nach  den  Bestimmungen  des
Landrechts  die  Erträge  der  Domänen  zunächst  für  den  königlichen  Haushalt  bestimmt,
  und  nur  die  hierfür  nicht  gebrauchten  Ueberschüsse  für  Staatszwecke  verwendbar.
  Nun  verzichtete  der  König  gesetzlich  auf  die  freie  Verfügung  über  die
Domänen-Revenuen  und  überwies  die  finanzielle  Grundlage  seines  Hauses  freiwillig
  dem  Staate.  Nur  die  geringe  Summe  von  zwei  und  einer  halben  Million
behielt  er  sich  vor  und  gestaltete  so  aus  eigener  Machtvollkommenheit  den  Haushalt
des  regierenden  Hauses  in  der  Weise,  wie  wir  ihn  in  konstitutionellen  Staaten  finden,
nur  daß  die  Einnahmen  gesehlich  festgestellt  und  unantastbar  waren.  Noch  größer
aber  waren,  wie  oben  erwähnt,  die  Hoffnungen  der  Verfassungsfreunde,  vorzüglich
Hardenbergs  selbst,  weil  das  Gesetz  die  Ausschreibung  jeder  Anleihe  von  der  Zustimmung
  der  Reichsstände  abhängig  machte,  und  in  der  That  sollte  die  ins  Stocken
gekommene  Angelegenheit  durch  diese  Vorschrift  dereinst  wieder  in  Fluß  geraten.
Eine  besondere  Staatsschuldenkommission  wurde  für  die  Verwaltung  eingesetzt,  und
so  energisch  leitete  der  Präsident  Rother  die  Geschäfte  sowohl  dieser  Behörde,  wie
der  für  den  Kredit  des  Staates  arbeitenden  Seehandlung,  daß  die  preußischen  Staatsschuldscheine
  seit  1820  in  Leipzig  und  seit  1824  auch  in  Hamburg  und  Frankfurt
wieder  regelmäßig  gehandelt  wurden,  ja  daß  sie  endlich  nach  erheblichen  Schwankungen
Ende  1829  wieder  den  Pari-Kurs  erreichten.  Schon  1835  hatte  der  neu  angelegte
  Staatsschatz  sogar  einen  Bestand  von  mehr  als  vierzig  Millionen  Thalern.
Dagegen  hat  die  preußische  Bank  ihre  Schuldenmasse  bis  1840  nicht  voll
abtragen  können.  Denn  auch  jetzt  noch  erhielt  sie  kein  eigenes  Kapital  vom  Staat
überwiesen,  und  durch  die  erwähnte  Beraubung  ihrer  hypothekarisch  auf  die  polnischen
  Güter  eingetragenen  Forderungen  durch  Napoleon  und  den  König  von
Sachsen  hatte  sie  fast  die  Hälfte  ihrer  Aktivmasse  eingebüßt.  Ueber  acht
Millionen  von  ihren  auf  27  Millionen  Thaler  sich  belaufenden  Forderungen  erwiesen
  sich  außerdem  als  völlig  wertlos,  über  fünfzehn  Millionen  brachten  gar
keine  Zinsen,  und  ein  Defizit  von  gut  sieben  Millionen  stellte  sich  heraus.  Und
diese  entsetzliche  Lage  muste  mit  tiefem  Geheimnis  bedeckt  werden,  da  andernfalls
der  volle  Untergang  mit  Sicherheit  vorauszusehen  war,  und  schon  Rothschild  mit
klugem  Sinn  sich  erbot,  ein  Aktienunternehmen  an  die  Stelle  des  staatlichen  Instituts
  einzurichten.  Unter  so  außerordentlich  schwierigen  Verhältnissen  wird  man
es  nicht  überraschend  finden,  daß  Friese,  welcher  sich  in  der  Zeit  der  großen  Gesetzgebung
  so  vortrefflich  bewährt  und  nun  nach  der  am  3.  November  1817  vollbogenen
  vollständigen  Trennung  der  Bank  vom  Finanzministerium  zu  ihrem  Leiter
ernannt  wurde,  bei  seinem  Tode  1837  noch  ein  Defizit  von  2½⅛  Millionen  hinterließ,
  da  aller  Gewinn  zur  Deckung  der  Schulden  verwendet  werden  mußte.  Man
        <pb n="758" />
        606  Staatshaushalt.  —  Steuergesetze.

wird  es  im  Gegenteil  als  eine  der  glänzendsten  Leistungen  bezeichnen  dürfen,  daß
ein  so  beträchtlicher  Teil  der  Schulden  abgetragen  worden,  daß  der  Geschäftsumsatz#
binnen  elf  Jahren  von  1818  bis  1829  ebenso  wie  der  Barvorrat  mehr  als  verfünffacht
  wurde,  indem  jener  von  44  auf  232  Millionen,  dieser  von  knapp  einer
auf  über  fünf  Millionen  stieg,  und  die  Gesamtsumme  der  leicht  realisierbaren
Aktiva  sogar  von  ekwas  über  einer  auf  dreizehn  Millionen  gehoben  wurde.

Welche  unerwarteten  Schwierigkeiten  machte  aber  die  Feststellung  des  Staatshaushalts
  selbst!  In  allen  Verwaltungen  suchte  man  bis  zur  letzten  Grenze  zu
sparen,  und  namentlich  die  Militärverwaltung  wurde,  wie  wir  hörten,  nach  Boyens
Rücktritt  auf  einen  äußerst  niedrigen  Ausgabe-Etat  gesetzt.  Immerhin  verblieb
nach  allen  Abstrichen,  die  Hardenberg  und  die  Finanzmänner,  die  vornehmlich  der
König  selbst  gemacht,  in  dem  auf  50  Millionen  herabgesetzten  Etat  noch  ein
Defizit  von  etwa  zehn  Millionen  Thalern.  Hardenberg  dachte  dieses  durch  die
Klassensteuer  zu  decken,  aber  gerade  gegen  eine  solche  erhob  sich  im  Staatsrat
lebhafter  Widerspruch.  Namentlich  die  königlichen  Prinzen  erhoben  laut  ihre
Stimme  gegen  die  übermäßige  Belastung  des  kleinen  Mannes,  die  in  der  geringen
Zahl  von  Klassen  lag,  und  nimmermehr  wollte  der  König  seinem  treuen  Volke
eine  so  große  Last  auferlegen.  Und  doch  war  schon  der  Geheime  Rat  Hoffmann
bei  der  Ansarbeitung  des  Entwurfes  von  dem  Grundsatz  ausgegangen,  „daß  der
Zweck  der  Volkswirtschaft  nicht  in  der  höchstmöglichen  Gütermasse,  sondern  in
der  Wohlfahrt  der  Menschen  zu  suchen  sei  und  mithin  der  Staat  den  Arbeiter
gegen  die  Uebermacht  des  Unternehmers  schützen  müsse“.  Darin  traf  indessen
Hardenberg  seinen  Gegnern  gegenüber  doch  unzweifelhaft  das  Richtige,  wenn  er
den  für  den  Privatmann  zutreffenden  Satz,  wonach  die  Ausgaben  sich  nach  den
Einnahmen  richten  müssen,  als  schlechthin  zum  Verfall  des  Staates  führend
bezeichnete,  wenn  er  die  bunte  Mannigfaltigkeit  der  Steuern  beseitigt  wissen  wollte
und  die  vollkommene  Unmöglichkeit  weiterer  Ersparnisse  energisch  behauptete.  So
entschloß  sich  denn  endlich  der  König  zu  einer  Erhöhung  der  Staatseinnahmen
um  fünf  Millionen.  Außer  den  1818  festgestellten  Zöllen  und  in  weiterer  Ausbildung
  der  1819  eingeführten  Abgaben,  sollten  nun  die  Grundsteuer,  eine  nach
wölf,  beziehentlich  achtzehn  Stufen  abgeteilte  Klassensteuer,  die  Schlacht=  und
Mahlsteuer,  die  Salzsteuer  und  eine  unbedeutende  Gewerbesteuer  die  notwendigsten
Einnahmen  aufbringen.  Die  Klassensteuer  übrigens  wurde  nur  von  sechs  Siebenteln
der  Bevölkerung  aufgebracht,  da  in  132  Städten  die  Schlacht=  und  Mahlsteuer
ihre  Stelle  ersetzte.  Später  folgten  noch  einige  Stempelabgaben,  darunter  ein
Zeitungsstempel,  und  damit  war  die  Steuerreform  abgeschlossen.

Aber  mit  alledem  war  das  Defizit  nicht  beseitigt,  und  der  Finanzminister
von  Klewiz,  belästigt  überdies  durch  das  Schatzministerium,  die  Staatsschuldenkommission
  und  die  Generalkontrolle,  die  von  Ladenberg  mit  musterhaftem  Fleiß
leitete,  bat  schließlich  um  seinen  Abschied.  Der  Mangel  an  Erfolg  lag  aber  in
der  fehlerhaften  Organisation  selbst.  Denn  in  der  That  hatte  der  Finanzminister
  nur  für  die  Einnahmen  des  Staates  zu  sorgen,  und  während  ihn  die
allgemeine  Entrüstung  über  den  zerfahrenen  Staatshaushalt  verfolgte,  vermochte
er,  da  die  Ausgaben  nicht  von  ihm  abhingen,  in  Wirklichreit  selbst  nicht,  einen
eberblick  über  den  Etat  zu  erlangen,  noch  weniger  aber  einen  solchen,  wie  ein
königlicher  Befehl  verlangte,  alle  drei  Jahre  zu  veröffentlichen.  Nunmehr  sandte
der  König  den  Etat  zur  Begutachtung  an  Schön,  Vincke,  den  Präsidenten  Schön-
        <pb n="759" />
        Von  Moh.  607

berg  in  Merseburg  und  an  den  Oberpräsidenten  von  Motz  in  Magdeburg.  Moh
forderte  Sitz  und  Stimme  für  den  Finanzminister  in  der  Generalkontrolle,  Zentralisation
  des  zersplitterten  Kassenwesens  und  feste  unüberschreitbare  Etats.  Mit
richtigem  Blick  wählte  der  König  den  kühnen  Mann,  und  bald  zeigte  sich,  wie
richtig  dieser  die  Finanzlage  beurteilt  hatte,  daß  das  Defizit  nur  durch  die  Zersplitterung
  der  Finanzverwaltung  entstanden,  in  Wirklichkeit  gar  nicht  vorhanden
war.  Am  1.  Juli  1825  trat  er  sein  Amt  an,  1828  wurde  das  ganze  Kassenwesen
  einheitlich  organisiert,  die  Abführung  der  Ueberschüsse  der  einzelnen  Verwaltungszweige
  an  die  Hauptkasse  angeordnet  und  damit  eine  klare  Einsicht  über  die
vorhandenen  Mittel  gewonnen,  am  29.  Mai  1826  wurde  die  Generalkontrolle  endlich
ganz  aufgehoben  und  die  Leitung  des  gesamten
Staatshaushalts  dem  Finanzminister  unterstellt.
  Trotz  der  Entwertung  der  Domänen,
besonders  in  Ostpreußen  und  trotz  einer
furchtbaren  Handelskrisis,  der  siebzig  Banken
und  3600  Geschäftshäuser  zum  Opfer  fielen,
konnte  Motz  am  30.  Mai  1828  dem  Könige
einen  Verwaltungsbericht  einreichen,  der
statt  des  bisherigen  Defizits  einen  Ueberschuß
  aufwies,  welcher  nach  Abzug  von
über  vier  Millionen  für  den  Staatsschatz
und  für  außerordentliche  Ausgaben  doch
noch  mehr  als  vier  Millionen  betrug  und
sich  nach  Eingang  der  Rückstände  auf  über
sieben  Millionen  heben  mußte.
Die  geographische  Zerrissenheit  des
Staates  mit  seiner  1073  Meilen  langen
Grenze  und  den  innerhalb  seines  Gebietes
liegenden  fremdstaatlichen  Enklaven  nötigte  —  «""
aber  Preußen  zu  dem  Versuch,  mit  den  Finanzminister  Friedrich  von  M

 

deutschen  Nachbarländern  in  freundlichen  uersiich  einen  unbekannten  8nhslergnach?
Handels-Verkehr  zu  treten  und  sie  in  sein  Fe  etn  ’  V4  l*

Zollsystem  hineinzuziehen,  wenn  es  sie  nicht

etwa  mit  Schlagbäumen  umgeben  und  dadurch  wirtschaftlich  tot  machen  wollte.
Das  Zollgesetz  von  1818  selbst  gab  unter  der  Voraussetzung  der  Gegenseitigkeit
zu  erkennen,  daß  die  Handelsfreiheit  den  Verhandlungen  mit  den  anderen  Staaten
zur  Grundlage  dienen  solle,  und  wiederholt  sprachen  die  Minister,  wie  vorzüglich
J.  A.  F.  Eichhorn,  der  Referent  für  die  deutschen  Angelegenheiten  im  auswärtigen
Ministerium,  die  Bereitwilligkeit  der  Regierung  aus,  mit  den  einzelnen  Staaten  zu
verhandeln  „um  ihrerseits  mitzuwirken,  daß  dem  ganzen  Deutschland  die  Wohlthat
eines  freien,  auf  Gerechtigkeit  gegründeten  Handels  zuteil  werde“.  Das  Einkommen,
welches  der  Staatskasse  aus  den  Enklaven  zufließen  würde,  wollte  man  unbedenklich
den  einzelnen  Landesherren  überlassen  und  ihren  Staaten  das  ganze  preußische  Marktgebiet
  öffnen,  wodurch  zugleich  der  in  den  Kleinstaaten  blühende  Schmuggel  und
seine  entsittlichenden  Folgen  vernichtet  werden  würden.  Denn  an  eine  Regelung
der  Angelegenheit  durch  den  Bund  (in  Gemäßheit  des  Art.  19  der  Bundesakte)
war  bei  dem  entgegengesetzten  Interesse  Oesterreichs  und  der  Teilnahme  der
        <pb n="760" />
        608  Anfänge  des  Zollvereins.

fremden  Mächte  am  Bunde  entfernt  nicht  zu  denken.  Indessen  nur  ein  einzelner
hervorragender  Kopf,  Fr.  List,  und  auch  dieser  nur  für  einen  Augenblick,  erkannte,
daß  Preußen  auch  die  übrigen  Staaten  zu  einer  völligen  Handelsfreiheit  durch
den  Abschluß  besonderer  Handelsverträge  führen  wolle.  Die  allgemeine  Stimmung
verlangte  im  Gegenteil  mit  stürmischer  Heftigkeit  die  Beseitigung  der  preußischen
Zollgesetzgebung,  und  auch  die  geistvolle  Denkschrift  des  badischen  Gelehrten
Nebenius  über  Verkehrsfreiheit  in  Deutschland  schloß  sich  diesem  Verlangen  an  und
hoffte  wie  List  auf  eine  Ordnung  durch  den  Bund  mit  Einschluß  von  Oesterreich.
Demgemäß  kam  auch,  und  zwar  unter  Mitwirkung  von  Motz,  nur  mit  einem
einzigen  Bundesstaat,  mit  Schwarzburg-Sondershausen,  am  25.  Oktober  1819  ein
Zollvertrag  zu  stande,  wonach  die  Unterherrschaft  des  Fürsten,  unbeschadet  seiner
landesherrlichen  Hoheitsrechte,  der  preußischen  Zollgesetzgebung  unterstellt  wurde,  und
der  Fürst  eine  nach  der  Kopfzahl  berechnete  Einnahme  von  15.000  Thalern  erhielt.

Für  lange  Jahre  blieb  dies  der  einzige  Zollanschluß,  und  die  Beseitigung
der  preußischen  Gesehhe  wurde  namentlich  von  den  Konferenzen,  die  zur  Wiener
Schlußakte  führten,  mit  großer  Gehässigkeit  gefordert.  Nassau,  Kurhessen  und
Anhalt-Köthen  führten  in  der  Furcht,  an  ihrer  Souveränität  Einbuße  zu  erleiden,
die  heftigste  Sprache  gegen  den  Grafen  Bernstorff  und  wiesen  jeden  Versuch  einer
Verständigung  weit  von  sich.  Selbst  die  Beseitigung  der  Elbzölle  und  die  Freiheit  der
Schiffahrt  gelang  wegen  des  in  Köthen  ausgebildeten  umfangreichen  Schleichhaudels
nur  mangelhaft.  Dagegen  wurde  der  gehässige  Zollkrieg,  den  Kurhessen  gegen  Preußen
führte,  durch  den  Bau  der  Straße  Berlin-Köln  und  die  Verlegung  der  bisher  über
Hanau  nach  dem  Süden  führenden  Straße  nach  Würzburg  verhältnismäßig  leicht  beseitigt,
  und  Preußen  erklärte  hin  Zustimmung  zu  einem  in  der  Bildung  begriffenen
süddeutschen  Zollverein  zwischen  Bayern,  Württemberg,  Baden,  Nassau,  Darmstadt
und  den  thüringischen  Staaten.  Dagegen  stand  es  von  ferneren  Einladungen,
seinem  Zollsystem  beizutreten,  ab  und  beschloß,  die  Anträge  abzuwarten.  Sehr
allmählich  erfolgten  solche,  zunächst  wenigstens  für  die  Enklaven.  Erst  nach  drei
Jahren  trat  der  Fürst  von  Rudolstadt,  aber  ebenfalls  nur  für  seine  Unterherrschaft
dem  preußischen  Zollsystem  bei  (1822),  und  1826  und  1828  folgten  die  anhaltinischen
  Herzöge.

Indessen  so  lange  Preußen  seine  Finanzen  nicht  soweit  geordnet  hatte,  daß
es  auch  zeitweise  Verluste  ertragen  konnte,  solange  man  in  Berlin  an  der  Absicht
festhielt,  „von  Grenze  zu  Grenze“  mit  dem  Zollauschluß  vorzuschreiten,  kam  man
nicht  zu  einem  Resultat.  Erst  als  nun  der  Finanzminister  von  Moßtz  jene  geordnet,
  und  zugleich  den  rettenden  Plan  gefaßt  hatte,  sich  über  die  Köpfe  der
nächsten  Nachbarn  hinweg  mit  den  beiden  südlichen  Königreichen  —  die  inzwischen
zum  Entsetzen  von  Baden,  Hessen-Darmstadt  und  Nassau  am  12.  April  1829
vorläufig  ein  gemeinsames  Zollsystem  angenommen  hatten  —  zu  einigen,  sollte
ein  heilsamer  Umschwung  in  die  immer  unerguicklicher  werdende  wirtschaftliche
Zerrissenheit  Deutschlands  kommen.  Denn  als  jetzt  der  darmstädtische  Minister
du  Thil,  um  die  finanzielle  Not  seines  Landes  zu  mildern,  im  tiefsten  Geheimnis
in  Berlin  wieder  anklopfte,  war  Motz  sofort  bereit,  auch  den  finanziell  unvorteilhaftesten
  Vertrag  abzuschließen,  in  der  Hoffnung,  daß  diesem  Beispiele  die  anderen
Staaten  folgen  würden,  und  Eichhorn  berichtete  an  den  König,  daß  der  Vertrag
finanzielle  und  volkswirtschaftliche  Vorteile  allein  für  Hessen,  für  Preußen  aber  den
großen  politischen  Gewinn  gewähren  werde,  die  kleinen  Fürsten  an  sich  zu  fesseln.
        <pb n="761" />
        Zollverein.  609

Am  14.  Februar  1828  wurde  der  Vertrag  geschlossen,  der  die  wirtschaftliche
  Einheit  des  ganzen  Deutschlands  begründete.  Darmstadt  nahm  die  preußischen
Zölle  an  und  versprach  die  preußische  Loonsuntttonsteuer  einzuführen.  Die  Kontrolle
  der  Hauptsteuerämter  aber  erfolgt,  so  bestimmte  der  Vertrag  vorbildlich  für
alle  weiteren,  durch  beide  Staaten,  beide  verteilen  die  gemeinschaftlichen  Einnahmen
  nach  der  Kopfzahl,  und  Aenderungen  der  Zollgesetze  erfolgen  nur  in
gegenseitigem  Einvernehmen,  die  Verwaltung  aber  bleibt  vollständig  getrennt.  Hocherfreut
  schrieb  Eichhorn:  „Die  Möglichkeit  eines  gemeinschaftlichen  Zollsystems  für
Staaten,  die  geographisch  unabhängig  sind,  ist  erwiesen",  und  du  Thil  richtete  ein
begeistertes  Schreiben  an  Motz,  worin  er  diesen  als  den  Bahworecher  der  neuen
wirkschaftlichen  Einigung  feierte.

Nun  aber  war  am  18.  Januar  eben  dieses  Jahres  auch  zwischen  Bayern  und
Württemberg  der  geplante  Zollverein  fertig  geworden,  der,  wie  es  die  Natur  der
Dinge  mit  sich  brachte,  im  wesentlichen  dieselben  Grundzüge  zeigte.  Indessen
erwies  er  sich,  wie  man  in  Berlin  sowohl  als  auch  in  Stuttgart  vorausgesehen,
nicht  lebensfähig,  da  der  Gebietsumfang  zu  klein,  die  Zolleinnahmen  zu  niedrig,
und  die  Länder  selbst  vom  Meere  abgesperrt  waren.  Denn  wenn  die  mitteldeutschen
  Staaten  in  hellen  Zorn  über  den  preußisch-darmstädtischen  Vertrag  geraten
  waren,  und  namentlich  Kurhessen  die  angelegentlichen  Bemühungen  Preußens
zurückwies,  so  dachten  sie  ebensowenig  daran,  sich  dem  Münchener  Hofe  und  dem
bayerischen  Zollsystem  zu  unterwerfen.  Im  Gegenteil  schlossen  Sachsen,  Kurhessen,
Hannover,  Nassan  und  Frankfurt  am  24.  September  den  mitteldeutschen  Handelsverein,
  „versuchsweise  zum  Schutze  gegen  das  preußische  Zollsystem",  wie  Metternich
sagte.  Oesterreich  nämlich  war  besonders  entrüstet  über  den  Fortschrikt  des
preußischen  Zollvereins,  der  ihm  schließlich,  wie  man  recht  wohl  erkannte,  den
beherrschenden  Einfluß  über  die  Einzelstaaten  nahm,  und  eben  deshalb  war  auch
er  Bund  der  süddeutschen  Kronen,  die  längst  wegen  ihrer  konstitutionellen  Form
verdächtig  waren,  in  Wien  keineswegs  willkommen.

Unter  Metternichs  Beistand,  im  Anschluß  an  die  englische  Handelspolitik  —
der  sächsische  Gesandte  bat  z.  B.  in  London  um  durchgreifende  Maßregeln  gegen
das  preußische  Zollsystem  —  und  aus  der  Furcht  der  Kleinstaaten,  ihre  Souveränität
angetastet  zu  sehen,  war  der  mitteldeutsche  Verein,  der  „Afterbund“,  wie  Stein
sagte,  entstanden,  und  Deutschland  in  drei  wirtschaftliche  Gruppen  gespalten.  „Es
ist  den  erbärmlichen,  neidischen,  antinationalen  Absichten  unserer  kleinen  Kabinette
angemessen“,  so  schrieb  der  alte  Freiherr,  „sich  an  das  Ausland  zu  schließen,  sich
lieber  von  Fremden  peitschen  zu  lassen,  als  dem  allgemeinen  Nationalinteresse  die
Befriedigung  kleinlichen  Reides  aufzuopfern“.

altbar  war  der  Verein  auf  die  Dauer  doch  nicht,  weil  ihm  das  Geld  zum
Straßenbau  fehlte,  weil  die  eigene,  namentlich  die  erzgebirgische  Industrie  den
Schaden  nicht  ertragen  konnte,  und  überhaupt  sein  Gebiet  durch  tausendfache  Fäden
mit  Preußen  verknüpft  war.  Aber  wenn  Preußen  auch  jetzt  noch  thatenlos  den  Zeitpunkt
  abwartete,  wo  eine  ruhigere  Erwägung  in  den  Kabinetten  der  deutschen  Nachbaren
  eintrat,  so  gab  es  selbst  den  Verbündeten  die  Möglichkeit,  ihre  Absicht,  den
preußischen  Derchfuhrhandel  zu  zerstören,  ins  Werk  zu  setzen.  Wie  Motz  später
rieb,  zwang  gerade  der  unter  Oesterreichs  Führung  oacchlosten  neutrale  Verein  mit
seiner  Tendenz,  das  Unerträgliche  aufrecht  zu  halten,  Preußen  sogleich  weiter  zu  gehen
und  das  große  Handelssystem  zu  begründen.  Denn  der  Handelskrieg  zwischen  den  drei
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staotes.
        <pb n="762" />
        610  Zollverein.

Zollsystemen  mußte  dem  ganzen  Reich  zum  schweren  Nachteil  gereichen.  Da  entschloß
  sich  nun,  wie  angedentet,  der  Finanzminister  von  Motz  die  mitteldeutschen
Feinde  als  solche  zu  behandeln  und  über  sie  hinweg  und  entgegen  dem  bisher
beobachteten  Grundsatz,  nur  von  Grenze  zu  Grenze  vorzurücken,  unmittelbar  mit
dem  süddeutschen  Verein  zu  verhandeln.  Auch  hier  war  er  um  des  politischen
Gewinnes  willen  bereit,  selbst  finanzielle  W  für  Preußen  in  den  Kauf  zu
nehmen.  Aehnliche  Gedanken  regten  sich  aber  auch  in  München  und  Stuttgart,
denn  zu  angenfällig  konnten  die  Verkehrsverhältnisse  allein  durch  den  Anschluß  an
den  großen  preußischen  Markt  gesunden.  Besonders  empfand  dies  ein  so  weitblickender,
  umsichtiger  Geschäftsmann  wie  der  Buchhändler  Freiherr  von  Cotta  in
Stuttgart.  Der  besprach  sich  mit  dem  bayerischen  Minister  Grafen  Armannsperg,
reiste  nach  Berlin  und  wurde  hier  von  Motz  mit  offenen  Armen  empfangen.  Schon
im  Dezember  konnte  er,  nach  Süddeutschland  zurückgekehrt,  dem  Minister  berichten,
daß  König  Ludwig  und  Graf  Armannsperg  „von  den  großartigen  Ideen  ergriffen
seien,  die  einer  Verbindung  Preußens  mit  Bayern  und  Württemberg  nach  den
von  Motz  entwickelten  Grundsätzen  als  Leitstern  vorgehen  und  zur  Richtschnur
dienen“.  Und  drei  Wochen  später  meldete  er,  daß  auch  der  Stuttgarter  Hof  die
Hauptgrundsätze  der  preußischen  Punktation  gebilligt  habe.  Bald  darauf  wurde
durch  Verhandlungen  mit  Gotha  und  Meiningen  eine  unmittelbare  Handelsstraße
zwischen  dem  Süden  und  Norden  gewonnen,  und  damit  ein  erster  Keil  in  den
mitteldeutschen  Verein  selbst  getrieben.  Nach  mannigfachen,  im  einzelnen  oft
peinlichen  Verhandlungen  ward  im  Mai  in  der  That  der  Haudelsvertrag  unterzeichnet,
  und  mit  Stolz  durfte  Motz  auf  ein  Werk  sehen,  das,  wie  Armannsperg
schrieb,  nur  der  Großartigkeit  seiner  Ideen  und  seiner  Sorgfalt  die  Entstehung
verdankte.  „In  dieser  auf  gleichem  Interesse  und  natürlicher  Grundlage  ruhenden
und  sich  notwendig  in  der  Mitte  von  Deutschland  erweiternden  Verbindung“  —
so  schrieb  Moß  selbst  —  „wird  erst  wieder  ein  in  Wahrheit  verbündetes,  von
innen  und  von  außen  festes  und  freies  Deutschland  unter  dem  Schutz  und  Schirm
von  Preußen  bestehen.  Möge  nur  das  Fehlende  weiter  ergänzt  und  das  schon
Erworbene  mit  umsichtiger  Sorgfalt  noch  weiter  ausgebildet  und  festgehalten  werden.“  “
chwerkraft  des  Grundgedankens  trieb  von  selbst  weiter,  und  auch  d

Nochwehen  der  Juli-Revolution  wirkten  befruchtend  ein.  Maaßen  aber,  der  “
Finanzminister,  trat  nach  Motz'  Tode  ganz  in  die  Fußstapfen  seines  Vorgängers.
Am  29.  August  1831  schloß  sich  Kurhessen  dem  preußischen  Zollsystem  an,  und
damit  war  der  Mittelverein  an  einer  zweiten  Stelle  durchlöchert.  Am  31.  Oktober

1833  wurde  zwischen  Preußen,  Sachsen,  den  thüringischen  Ländern,  den  von
Preußen  umschlossenen  anhaltischen  Gebieten,  beiden  Hessen,  Bayern  und  Württemberg
  der  „Zollverein“  abgeschlossen,  1835  trat  Baden,  1836  Nassau  und  Frankfurt
  a.  M.,  demnächst  Braunschweig,  die  übrigen  anhaltischen  Länder,  beide  Lippe,
Waldeck  und  einige  andere  kleine  Länder  bei.  Abgesehen  von  Oesterreich  fehlten
im  wesentlichen  nur  Hannover  und  die  beiden  Mecklenburg,  ein  Gebiet  von  8245
Geviertmeilen  mit  28/  Millionen  Einwohnern  war  vereinigt,  und  der  politischen
Zerrissenheit  Deutschlands  die  wirtschaftliche  Einheit  entgegengesetzt.  Wohl  mochte
Oesterreich  scheel  sehen,  da  nicht  nur  sein  Handel  die  Folgen  seiner  Abschließung
zu  tragen  hatte,  sondern  auch  der  Staat  politisch  sich  geschädigt  fühlte.  „Preußen
übernimmt“,  so  äußerte  ein  dem  Kaiserstaate  ergebener  Staatsmann  seinen  Zorn
über  den  Zollverein,  „jetzt  die  Führung  der  positiven  Politik  Deutschlands,  Oester-
        <pb n="763" />
        Zollvcrein.  —  Eisenbahn.  611

 

Der  Bahnhof  der  Berlin-Potsdamer  Eisenbahn  in  Lonn-  i.

Kolorierte  Radicrung  eines  unbekannten  Künstlers,  auf  etwa  die  Hälste  *

reich  behält  nur  die  formelle  Leitung“.  Ein  französischer  Volkswirt  aber  bezeichnete
  zutreffend  den  Zollverein  schlechtweg  als  „die  Wiederherstellung  der  Einheit
  Deutschlands“.  „Welch  prächtiges  Gemälde",  90  sagte  er,  „das  eines  großen
Volkes,  dessen  Trümmer  sich  nähern,  das  zur  Nationalität,  d.  h.  zum  Leben
zurückkehrt!  Das  ist  eine  Thatsache  von  solcher  Bedeutung,  daß.  wenn  sie  vollständiger
  wäre,  sogleich  ein  neuer  Schwerpunkt  des  europäischen  Gleichgewichts
daraus  erfolgen  würde.“

Mit  der  Geburt  des  Zollvereins  aber  trat  ein  Ereignis  ein,  das  zugleich
ihm  selbst  und  der  wirtschaftlichen  Einigung  neues  Leben  einhauchen,  wie  seine
Wirkung  auf  die  politische  Einigung  unermeßlich  vertiefen  sollte,  der  Bau  der
Eisenbahnen.  Im  Jahre  1826  hatte  in  England  der  Bau  größerer  Eisenbahnstrecken
  begonnen,  und  schon  1828  dachte  der  preußische  Finanzminister  von  Mog,
durch  eine  Eisenbahn  den  Rhein  mit  der  Weser  zu  verbinden.  In  Bayern  wurde
zwischen  Nürnberg  und  Fürth  die  erste  kleine  Strecke  eröffnet.  Fr.  List,  der
Litterarische  Vorkämpfer  der  neuen  Volkswirkschaftslehre,  entwarf  den  umfassendsten
Planu  eines  weitverzweigten  Eisenbahnnetzes  für  ganz  Deutschland,  fest  überzeugt,
daß  seit  der  glücklichen  Einigung  im  Zollverein  Deutschland  nur  noch  des  schnellen
Transportmittels  bedürfe,  „um  sich  auf  die  Stufe  der  gewerbfleißigsten  Nation
der  Erde  emporzuschwingen“.  Im  Jahre  1838  wurde  in  Preußen  die  erste  Bahn
eröffnet  von  Düsseldorf  nach  Erkrath,  dann  von  Berlin  nach  Potsdam.  Groß
war  schon  das  Erstaunen  der  Berliner  gewesen,  als  1815  die  ersten  32  Droschken

.
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        612  Eisenbahn.

 

—  des  Königs  Friedrich  n  und  der  Königin  Luse  im  im  ———
oltenburg.

Nach  den  Modellen  von  Christlon  Rauch  E6.  erstere  im  Jahre  1848,  die  zweite  im  Jahre  1814  vollendet.
Nach  einem  Lichtbilde.

55  den  öffentlichen  Straßen  aufgestellt  wurden,  und  lebhaft  hatte  man  damals
die  Frage  erörtert,  ob  denn  Menschen  genug  für  eine  so  gewagte  Einrichtung
vorhanden  seien.  Wie  groß  aber  war  nun  nach  knapp  fünfundzwanzig  Jahren
das  Erstaunen  der  Berliner,  als  der  erste  Bahnzug  abgelassen  wurde!  Und  weit
größer  noch  war  das  Erstaunen,  als  sich  die  gewaltige  Wirkung  des  neuen  Verkehrsmittels
  zeigte,  das  alle  Lebensverhältnisse  so  durchaus  umgestalten,  dem
Handel  und  dem  Gewerbefleiß  einen  nie  geahnten  Aufschwung  geben  und  die
Nation  aus  dem  Stillleben  der  Heimatstadt  auf  den  geräuschvollen  Weltmarkt
führen  sollte.  Denn  welche  Befürchtungen  man  auch  für  die  Rentabilität,  der
Eisenbahnen,  für  die  Zerstörung  der  Posten  und  der  mit  so  kostbaren  Mitteln
erbauten  Chausseen  hegen  mochte,  so  zeigte  sich  doch,  daß  mit  jeder  Erleichterung.
des  Verkehres  dieser  selbst  und  damit  das  Nationalvermögen  wachsen  muß.  Wie
roß  auch  die  Bedenken  der  preußischen  Staatsmänner  gewesen  waren,  so  konnte
sich  die  Tüchtigkeit  dieser  Beamten  nicht  wohl  besser  bewähren,  als  daß  sie  am
3.  November  1838  ein  Eisenbahn-Gesetz  zu  stande  brachten,  das  mehr  denn  ein
halbes  Jahrhundert  seine  volle  Brauchbarkeit  bewährte.  Namentlich  der  Kronprinz
  war  im  höchsten  Maße  eingenommen  für  den  Bau  der  Eisenbahnen,  aberauch
  der  König  erkannte  trotz  der  Abneigung  seines  hohen  Alters  gegen  alles
Neue  ihre  Bedeutung  mit  seinem  klaren  Blick  vollkommen,  bestimmte  testamentarisch
noch  die  Summe  von  einer  Million  für  den  Bau  einer  den  Osten  mit  dem
Westen  verbindenden  Eisenbahnlinie.  Die  deutschen  Stämme  aber  rückten  einander
viel  näher,  verloren  durch  gegenseitiges  Kennenlernen  allmählich  ihre  heimatlichen.
        <pb n="765" />
        Die  letzten  Augenblicke  König  Friedrich  Wilhelms  III.

Nach  dem  Gemälde  von  Julius  Schoppe  (17957—1868)  gestochen  von  Alexander  Sixdenier)  (1795—18146).  Aes  ctwa  ¼  oerrkleinert.
        <pb n="766" />
        614  Tod  des  Königs.

Abneigungen  gegen  die  Nachbaren,  9  der  erleichterte  Verkehr  trug  auch  seinerseits
zur  *  Einheit  des  Reiches  b

So  erwachte,  als  sich  die  re  Friedrich  Wilhelms  ihrem  Ende  zuneigten,
überall  m  neues  reiches  Leben.  Noch  konnte  der  König  den  Grundstein  zum
Denkmal  Friedrichs  des  Großen  legen.  Bald  darauf,  am  7.  Juni  1840
ward  er  zu  seinen  Vätern  versammelt.  Das  hatte  er  freilich  geahnt,  daß  Verfassungs-Aenderungen
  auch  in  seinem  Volk  erstrebt  werden  würden,  und  seine
Nachfolger  hatte  er  daher  verpflichtet,  solche,  namentlich  insofern  sie  die  Unbeschränktheit
  der  königlichen  Macht  antasten  möchten,  nur  mit  Zuziehung  der  sämtlichen
  Agnaten  des  königlichen  Hauses  vorzunehmien.  Aber  die  Ueberzeugung.
durfte  er  doch  ins  Grab  nehmen,  die  am  Tage  vor  der  Feier  seines  letzten  Geburtstages
  bei  der  Eröffnung  der  neuen  Eisenbahn  von  Köln  nach  Belgien  in
die  Worte  gekleidet  wurde  „Die  deutsche  Treue  beruht  auf  festem  Grunde,  auf  der
angestammten  Liebe  für  König  und  Vaterland,  auf  der  klaren  Erkenntnis  unserer
nationalen  Vorzüge,  unserer  sittlichen  Volkswürde".

 

Denkmal  Friedrich  Wilhelms  III.  im  Lustgarten  zu  Berlin.

Nach  dem  Modelle  von  Albert  Wolff  (geb  18141)  in  Bronze  ansgefübrt.
und  im  Jahre  1871  auigestelt.  Nach  einem  Lichtbilde.
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        KNommierzlen-  Dleffenbach  Meherbetc  Scheulng  Die  Soriit
ratun  Karl  Nauch  Grlae  1
Frau  von  Acter  von  Schönleln  A.  v.  Lumboldt
Raaltzow  Gorneliut  L.  Tleck
Szene  bei  der  Huldigung  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  zu  Verlin,  am  15.  Oktober  1840.
Gruppe  aus  dem  Gemälde  von  Franz  Krüger  (1797—1857)  im  Kgl.  Schloß  zu  Berlin.

Rönig  Friedrich  Wilhelm  IV.  840—66.
Hie  Einführung  der  Verfassung.

Jce  Staatswesen  muß  von  der  Ueberzeugung  und  dem  Vertrauen  der  sittlich  und
geistig  Tüchtigsten  seiner  Bürger  getragen  sein.  Deun  es  ist  die  Darstellung
der  sittlichen  und  geistigen  Ideen  und  Anschauungen,  welche  in  seinen  Bürgern
leben  und  ihre  Entwickelung  bedingen.  Gewiß  nicht  die  wilden  Wünsche  und
wechselnden  Meinungen  der  Parteien  des  Tages  zu  befriedigen,  wohl  aber  den
erwachenden  Kräften  Maß  und  Richtung  zu  geben  und  die  Summe  der  leitenden
Vorstellungen  der  Nation  zu  verarbeiten,  ist  Zweck  wie  Aufgabe  des  Staates.
Unaufhörlich  aber  ändern  sich  diese  und  schreiten  fort  zu  gereifteren,  zu  höheren
Stufen  der  geistigen  wie  sittlichen  Erkenntnis.  Denn  so  schwer  oder  auch  so  unmöglich
  es  sein  mag,  die  Gesetze  der  menschlichen  Entwickelung  aus  dem  Gange
der  Geschichte  zu  folgern,  so  hieße  es  doch  an  dem  Menschengeschlecht,  ja  es  hieße
au  dem  Ewigen  verzagen,  wollte  man  die  Thatsache  leugnen,  daß  die  Menschheit,
        <pb n="768" />
        616  Das  Wesen  des  Staates.

erschaffen  nach  dem  Bilde  Gottes,  im  tiefsten  Grunde  doch  dem  Gottähnlichwerden
rastlos  zustrebt.  Wir  erinnern  nur  an  den  Uebergang  vom  Heidentum,  selbst  dem
geläuterten  der  Griechen  und  Römer  zum  Christentum.  Wohl  mögen  auch  in
sittlich  reinen  Zeitaltern  verruchte  Thaten  geschehen,  mögen  zügellose  Bestrebungen
ihr  Bild  zu  entstellen,  ihre  Wirksamkeit  zu  trüben  versuchen,  wohl  bedingt  auch
jeder  Fortschritt  in  der  Kultur  einen  Verlust,  und  von  zwei  Schritten,  welche  das
Menschengeschlecht  nach  vorwärts  thut,  wird  nur  zu  oft  der  eine  wieder  zurückgenommen.
  Dennoch  aber  ist  das  nicht  hinwegzuleugnen,  daß  nicht  nur  die  geistige
Erkenntnis  der  Menschheit  reicher  und  gereifter,  sondern  auch  das  sittliche  Bewußtsein
  zarter  und  gereinigter  wird.  Nicht,  daß  wir  uns  brüsten  dürften,  besser  zu
sein,  klüger  zu  urteilen,  als  unsere  Vorfahren,  aber  mit  Dank  empfinden  wir,
daß  wir  von  ihren  Erfahrungen  gelernt,  auf  ihren  Schultern  stehen  und  das
Werk  der  Jahrhunderte  fortsetzen.  Mit  der  Fortbildung  aber,  welche  Geist  und
Charakter  des  Menschengeschlechts  durchkämpfen,  erleiden  auch  die  Anschauungen
vom  Staat  Abwandlungen  und  Aenderungen,  und  der  Staat,  der  sich  nicht  mit
ihnen  durchdringt,  ja,  der  nicht  die  führende  und  leitende  Rolle  dieser  menschlichen
Entwickelung  übernimmt,  verkennt  seinen  Zweck.  seine  Daseinsbedingungen,  vernichtet
  sich  selbst.  Denn  künstlich  erbaut  er  einen  Gegensatz  zwischen  Regierung
und  Unterthan,  der  seinem  reinen  Begriff  völlig  fremd  ist,  schafft  eine  Zweiteilung,
während  er  der  Ausdruck  der  Einheit  sein  soll.

Und  wenn  das  menschliche  Leben  in  immer  breiterem  Strom  dahin  fließt,
gespeist  aus  tausend  und  immer  neuen  tausend  Ouellen  der  geistigen  Erkenntnis
wie  der  sittlichen  Läuterung,  so  will  doch  ohne  Zweifel  hier  ein  reißender  Bach
die  Ufer  unterhöhlen,  dort  eine  sprudelnde  Flut  das  Gelände  überspringen.  Aber
darin  eben,  so  scheint  uns,  haben  die  Großen  der  Hohenzollern  Pflicht  und  Ziel
ihrer  Arbeit  erkannt,  daß  sie  nicht  nur  dem  Strom  haltbare  Dämme  erbauten,
sondern  daß  sie  ihm  das  Bette  gruben  und  ebneten.  Nicht  seitwärts  haben  sie
gestanden  neben  der  Nation,  sondern  ihre  vordersten  Führer  sind  sie  gewesen,  ja
ehe  sich  noch  das  Volk  seiner  eigenen  Gedanken  und  Bedürfnisse  recht  bewußt
geworden,  haben  sie  sie  ergriffen  und,  soweit  möglich,  befreit  von  ihren  Schlacken,
zur  Verwirklichung  geführt.

Eben  dies  war  nun  auch  die  Meinung  des  neuen  Königs.  „Es  ist",  so  schrieb
er  in  seiner  geistvollen  Weise,  „der  Weisheit  der  Regierung  entsprechend,  den  Notbedürfnissen,
  welche  der  sittliche  Standpunkt  der  Meinung  der  Mehrzahl  hervorruft,
zuvorzukommen.  Warum?  Damit  das,  was  jetzt  noch  zuvorzukommen  ist,  aict
als  Konzession  abgedrängt  werde.  Weiß  man,  daß  eine  Flut  kommt,  so  grabe
man  bei  Zeiten  Kanäle,  damit  die  Flut  in  dieselben  ablaufe.  Wartet.  man  mit
dem  Ausgraben,  bis  sie  hereinbricht,  so  werden  die  Kanalränder  durchbrochen
und  die  Verwüstung  ist  größer  denn  zuvor;  auch  leite  man  die  Wasser  womöglich
dem  Sande  zu,  damit  der  Sand  sie  schlucke."

So  war  denn  bei  der  Thronbesteigung  des  Königs  Friedrich  Wilhelm  IV.
die  Hoffnung  allgemein  verbeitet,  daß  er  die  dringenden  Wnsche  und  Bedürfnisse  der
Zeit  verstehen  und  sie  zu  erfüllen  bereit  sein  werde.  Mit  frechen  Worten  forderte
freilich  eine  radikale  Partei  die  Beseitigung  der  Monarchieen,  die  Verjagung  der
Fürsten,  den  Sturz  der  Kirche,  Verteilung  aller  Güter.  Namentlich  in  Baden
wurde  eine  Republik  mit  sozialdemokratischen  Grundsätzen  in  immer  dreisteren
Schriften  und  Zeitungen,  immer  aufgeregteren  Versammlungen  gefordert,  und  der
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        von  Preußen.

lhelm  IV.

önig  Friedrich  Wi
N  n  de  vo

R

rügcr  (1707—1252).

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a  Fra

räl,

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d

—
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        618  Kriegsgesahr.  —  Hossnungen.  —  Erste  Schritte.

Zusammenhang  mit  den  aufständischen  Parteien  in  Frankreich,  Italien,  der  Schweiz,
vornehmlich  der  Polen  ward  kaum  noch  geleugnet.  Es  durfte  keine  Frage  sein,
daß  diesem  hochverräterischen  Beginnen  mit  aller  Schärfe  des  Gesetzes  entgegengetreten
  werden  mußte.  Aber  neben  dieser  Partei  oder  vielmehr  ihr  gegenüber
stand  die  große  Zahl  der  gebildetsten  und  von  reiner  Vaterlandsliebe  beseelten
atrioten,  die  nun  auch  in  Preußen  eine  Vertretung  der  Nation  nach  ihrer
und  ebenso,  nur  vielleicht  mit  noch  größerer  Entschiedenheit,  eine  einheitliche,  feste
Reichsgewalt  erstrebten.  Beides  erwarteten  sie  mit  Sicherheit  von  dem  neuen
Herrscher,  dessen  lebhafter,  fein  gebildeter  Sinn,  dessen  warmes  Herz  der  Nation
die  Teilnahme  am  Staatswesen,  wie  die  Mitwirkung  an  einer  deutschen  Reichsgewalt
  gewähren  werde.  Gleich  anfänglich  gewann  er  durch  die  Hochhaltung  der
beusches  Ehre  die  Herzen  der  Nation,  als  Thiers  in  Frankreich  Minister  geworden,
den  Vertrag  der  drei  Ostmächte  mit  England  zum
Schutze  der  Türkei  gegen  den  Vizekönig  von  Aegypten
vom  15.  Juli  für  eine  Beleidigung  der  französischen
Nation  erklärte,  und  nun  in  dem  „verrückten  Frankreich"
  ein  Kriegslärm  entstand,  der  mit  tobenden
Worten  den  Rhein  verlangte.  Mit  Macht  erhob  sich
die  Stimme  der  ganzen  Nation,  freudig  war  man  zum
Kampfe  für  die  abermals  von  Paris  her  bedrohte
Grenze  bereit,  „sie  sollen  ihn  nicht  haben,  den  freien
deutschen  Rhein.“  Friedrich  Wilhelm  teilte  die  Meinung
der  Patrioten  vollständig,  und  um  den  Bund  mit
Oesterreich  recht  fest  zu  knüpfen,  erklärte  er  sich  sogar
zur  Ueberraschung  Metternichs  gewillt,  selbst  die  italie-Chr.
  J.  von  Bunsen.  nischen  Besitzungen  des  Erzhauses  zu  verteidigen,  und
Kmlerich  don  d  dt  3.  Mo.  ließ  durch  den  General  von  Grolmann  und  den  Obersten
asen  Ln  h  e  7  von  Radowitz  in  Wien  über  den  Feldzugsplan  schon  die
Auf  elwa  verkleinert.  näheren  Verabredungen  treffen.  Indessen  verschwand  die
Kriegsgefahr,  als  Guizot  an  Thiers  Stelle  trat  und  die
monarchischen  Formen  in  Frankreich  wieder  befestigte.  Mittlerweile  aber  hatte  der
König  auch  im  Innern  Schritte  gethaun,  welche  zu  den  kühnsten  Hoffnungen  ermutigten.
Die  Kommission  zur  Untersuchung  der  demagogischen  Unruhen  wurde  aufgehoben.  eine
allgemeine  Amnestie  für  politische  Verbrecher  erlassen,  E.  M.  Arndt  in  sein  Amt
eingesetzt,  Jahn  erhielt  die  Freiheit  des  Aufenthalts  wieder.  Boyen  ward  zurückgerufen,
  in  den  Staatsrat  wieder  eingeführt,  der  Presse  wurden  die  Bande  soweit
gelöst,  wie  dies  mit  den  Bundesgesetzen  irgend  vereinbar  war.  Und  wenn  die
Freilassung  der  beiden  unbotmäßigen  Erzbischöfe  von  Posen  und  Kölu,  die  Einsetzung
  einer  besonderen  katholischen  Abteilung  im  Kultusministerium  ernste  Bedenken
  erweckte,  so  erfüllte  sie  doch  die  Katholiken  mit  neuem  Vertrauen  zur  Regierung,
  und  die  Wiederanknüpfung  der  Verhandlungen  mit  Rom,  hauptsächlich
über  die  Frage  der  gemischten  Ehen  durch  Bunsen  ließ  zunächst  der  Vermutung
Raum,  daß  das  Staatskirchenrecht  in  eine  feste  Ordnung  gebracht  werden  könne.
Die  höchsten  Erwartungen  aber  erweckten  die  feierlichen  Ansprachen,  welche
der  König  bei  der  Huldigung  in  Königsberg  und  in  Berlin  hielt.  Ueber  die
schwungvollen  Worte  des  Königs,  welche  seine  brennende  Liebe  zum  deutschen  wie
zum  preußischen  Vaterlande,  sein  Vertrauen  zum  Volke,  seine  ehrliche,  bedingungs-
        <pb n="771" />
        Die  Huldigungen.  619

lose  Hingabe  an  die  Sache  des  Staates  bekundeten,  übersah  man,  daß  eine  eigentliche
  politische  Zusage  in  den  Reden  doch  nicht  gegeben  war.  „Gott  segne  unser
teures  Vaterland!“  —  so  rief  der  König  unter  freiem  Hümnmel  in  Königsberg,  —
„Sein  Zustand  ist  von  altersher  oft  beneidet,  oft  vergebens  erstrebt.  Bei  uns

ist  Einheit  an  Haupt  und  Gliedern,  an  Fürst  und  Volk,  im  Großen  und  Ganzen,
herrliche  Einheit  des  Strebens  aller  Stände  gach  Einem  Ziel,  nach  dem  allgemeinen
  Wohl,  in  heiliger  Treue  und  wahrer  Ehre.  Aus  diesem  Geiste  auen
unsere  Wahrhaftigkeit,  die  ohnegleichen  ist.  So  wolle  Gott  unser  preußisches  Volk
sich  selbst,  Deutschland  und  der  Welt  erhalten,  mannigfach  und  doch  Eins,  wie
das  edle  Erz,  das,  aus  vielen  Metallen  zusammengeschmolzen,  nur  ein  einziges
edles  ist,  keinem  andern  Roste  unterworfen,  als  dem  verschönernden  der  Jahrhunderte".
  Und  wieder  in  Berlin,  wo  sich  die  Stände  aller  zum  deutschen  Bunde
gehörigen  Provinzen  zur  Huldigung  einfanden,  sprach  der  König  unter  freiem
Himmel  bei  regnerisch  trübem  Wetter:  „Ich  will  vor  allem  dahin  trachten,  dem
Vaterland  die  Stelle  zu  sichern,  auf  welche  es  die  götkliche  Vorsehung  durch  eine
Geschichte  ohne  Beispiel  erhoben  hat,  auf  welcher  Preußen  zum  Schild  geworden
ist  für  die  Sicherheit  und  Ruhe  Deutschlands.  In  allen  Stücken  will  ich  so
regieren,  daß  man  in  mir  den  echten  Sohn  des  unvergeßlichen  Vaters,  der  unvergeßlichen
  Mutter  erkennen  soll.  Aber  die  Wege  der  Könige  sind  thränenreich,
wenn  Herz  und  Geist  ihrer  Völker  ihnen  nicht  hilfreich  zur  Hand  gehen“.  Darum
richte  er,  in  der  Begeisterung  seiner  Liebe  zu  seinem  herrlichen  Vaterlande,  zu
seinem  in  Waffen,  in  Freiheit  und  Gehorsam  geborenen  Volke  die  ernste  Frage
an  Ritter,  Bürger,  Landleute,  an  alle,  die  seine  Stimme  vernehmen  könnten,  ob
sie  mit  Herz  und  Geist,  mit  Wort  und  That  und  ganzem  Streben,  in  der  heiligen
Treue  der  Deutschen,  in  der  heiligeren  Liebe  der  Christen  ihm  helfen  und  beistehen
  wollten,  Preußen  zu  erhalten,  wie  es  sei  und  bleiben  müsse,  wenn  es  nicht
untergehen  solle?  Ob  sie  ihm  helfen  wollten,  die  Eigenschaften,  durch  welche
Preußen  den  Großmächten  der  Erde  beigesellt  sei,  Ehre,  Treue,  Streben  nach
Licht  und  Wahrheit,  Vorwärtsschreiten  in  Altersweisheit  zugleich  und  heldenmütiger
Jugendkraft  immer  herrlicher  zu  entfalten?  Ein  vielstimmiges  „Ja“  ertönte  auf
des  Königs  Frage,  und  dies  Ja  nahm  der  König  in  gehobener  Rede  als  sein
eigen  an,  das  ihn  mit  dem  Volke  in  gegenseitiger  Liebe  und  Treue  verbinde,  das
Mut,  Kraft  und  Trost  gebe,  das  er  in  seiner  Sterbestunde  nicht  vergessen  werde.
ge  Töne  des  Herzens  waren  angeschlagen,  trafen  die  verwandten  Saiten

in  den  Seelen  der  Hörer,  und  lauten  Widerhall  hatten  namentlich  die  Vorgänge
in  Königsberg  gefunden.  Nur  wenige  bedachtsame  Köpfe  blickten  tiefer  und  mußten
bei  dem  allen,  wie  jener  alte  General  immer  wieder  an  den  Zauberlehrling  denken.
Auch  flaute  die  Begeisterung  schon  bei  den  Berliner  Vorgängen  etwas  ab.  Denn
inzwischen  hatte  der  König  auf  die  fast  einmütig  gestellte  Bitte  der  preußischen
Stände  um  die  Ausarbeitung  einer  schrifklichen  Verfassungsurkunde  eine  Antwort
gegeben,  in  welcher  man  die  Verheißung  auf  eine  solche  hatte  erkennen  wollen.
Dies  war  aber  keineswegs  der  Wille  des  Königs,  und  er  hatte  daher  am  4.  Oktober
eine  Kabinettsordre  an  den  Minister  von  Rochow  ausdrücklich  in  der  Absicht
veröffentlichen  lassen,  „um  jeder  irrigen  Ansicht  entgegenzutreten,  als  ob  der
König  durch  den  Landtagsabschied  seine  Zustimmung  zu  dem  in  der  ständischen
Denkschrift  enthaltenen  Antrage  auf  Entwickelung  der  Landesverfassung  im  Sinn
der  Verordnung  vom  22.  Mai  1815  ausgesprochen  hätte“.  Ebenso  ablehnend
        <pb n="772" />
        620  Provinzialstände.  —  Vereinigte  Ausschüsse.

verhielt  sich  der  König  gegen  die  Schrift  des  Ober-Präsidenten  Schön  „Woher
und  Wohin?",  welche  die  Bitte  der  Stände  wacfertine,  und  die  Schrift  des
Arztes  Jacoby  „Vier  Fragen  eines  Ostpreußen“,  welche  die  Berufung  der  Reichsstände
  als  erwiesenes  Recht"“  in  Anspruch  nahm,  wurde  dem  Staatsanwalt
übergeben.

Energisch  wies  der  König  den  Breslauer  Magistrat  in  seine  Schranken,  und
damit  war  auch  den  ständischen  Petitionen  aus  den  Rheinlanden  und  Posen  um
Reichsstände  und  Preßfreiheit  die  Aussicht  auf  Gewährung  abgeschnitten.  Wenn
aber  umgekehrt  die  brandenburgischen  und  pommerschen  Stände  vor  den  zerstörenden
  Absichten  der  Zeit  waruten,  sich  also  ein  tief  greifender  Unterschied  in
den  Grundanschauungen  über  den  Staat  in  den  Ständen  der  verschiedenen  Provinzen
  zeigte,  so  begreist  man  die  Zweifel  mancher  Minister  und  Generale,  ob
die  Verwaltung  nunmehr  die  innere  Einheit  des  Staates  ohne  die  Unterstützung
kräftiger  Reichsstände  noch  werde  behaupten  können.  Der  innere  Gegensatz  der
Provinzen  schien  nur  durch  die  Einberufung  einer  Reichsversammlung  überwunden
werden  zu  können,  und  die  augenblicklichen  Bedürfnisse  des  Staates  forderten  mit
Entschiedenheit  einen  solchen  Schritt.  Denn  wie  anders  sollte  man  die  Anleihe
aufbringen,  die  zum  Bau  der  Ostbahn  durch  den  Staat  zur  Verbindung  des
Ostens  mit  dem  Westen  durchaus  notwendig  war,  und  die  doch  nach  dem
Gesetz  vom  17.  Januar  1820  nur  unter  Zustimmung  der  Reichsstände  beschlossen
werden  konnte?

Doch  nimmer  konnte  Friedrich  Wilhelm,  aufgewachsen  in  der  Zuneigung  für
Rußland  und  Oesterreich  ein  Prinzip  gutheißen,  das  diese  schroff  verdammten,  ein
Prinzip,  dessen  Ursprung  nach  seiner  Auffassung  in  der  Revolution  lag,  dessen  Annahme
  zur  Revolution  führen  zu  müssen  schien.  Und  wie  hätte  er  das  feste  Gesüge
seines  Staates  einem  Geist  und  Sinn  aussetzen  können,  der  in  Frankreich,  in  Belgien,
in  England,  in  den  süddeutschen  Staaten  so  gefahrvolle  Zustände  geschaffen!  Friedrich
Wilhelms  Sinn  ist  nie  dahin  gegangen,  er  war  vielmehr  durchdrungen  von  dem
Gedanken,  daß  er  das  Beste  seines  Staates  erstrebe,  ja,  daß  er  allen  Wünschen
Genüge  thue,  wenn  er  die  provinzialständische  Verfassung,  an  der  er  selbst  ja,
wie  erwähnt,  den  hervorragendsten  Anteil  hatte,  weiter  ausbilde.  Schon  im

13  11  Februar  1841  legte  er  die  Hand  daran,  und  in  der  Meinung,  nun  „auch  für
die  ständischen  Verhältnisse  eine  lebendigere  Zeit  zu  beginnen“,  gewährte  er  den
Provinzialständen  eine  alle  zwei  Jahre  eintretende  Berufung,  wie  auch  eine  gewisse,
doch  mannigfach  beschränkte  Oeffentlichkeit.  Weiter  plante  der  König  eine  Zusammenberufung
  der  sämtlichen  Provinzialversammlungen  zu  einem  Vereinigten
Landtage,  den  er  je  nach  Bedürfnis  und  nach  seinem  Ermessen  einberufen  wolle,
und  außerdem  wünschte  er  die  Bildung  von  Ausschüssen,  welche  die  Geschäfte  bei
der  Staatsschuldenkommission  versehen  und  der  so  dringend  notwendigen  Eisenbahn-Anleihe
  ihre  Zustimmung  geben  sollten.  Vor  einer  Zentralversammlung  warnte
Metternich  den  König  entschieden,  denn  als  Abgeordnete  der  Provinzen  würden
die  Männer  berufen  werden,  als  Reichsstände  aber  aus  einander  gehen.  Auch  traten

ien  zunächst,  am  18.  Oktober  1842  nur  die  Vereinigten  Ausschüsse  der  Stände  zusammen,
  die  in  ihrer  bescheidenen  Rolle  doch  weder  den  Wünschen  des  Landes,
noch  auch  dem  Bedürfnis  der  Regierung  entsprachen.  Denn  die  Bewilligung  der
Anleihe  lehnten  sie,  als  über  ihre  Rechte  hinausgehend,  ab,  und  auch  der  König
stellte  die  alleinige  Befugnis  der  Reichsstände  in  dieser  Frage  nicht  in  Abrede.
        <pb n="773" />
        Forderungen  und  Enttläuschungen.  621

Wenn  er  aber  am  Schlusse  die  Abgeordneten  mit  der  Bemerkung  entließ,  daß  sie
„ganz  in  seinem  Sinne  gehandelt“,  in  dem  nämlich,  „daß  sie  erstlich  Vertreter
wohlerworbener  Rechte  ihrer  selbst  und  der  Stände,  die  sie  abgeordnet,  zweitens
Ratgeber  der  Krone  sein  sollten,  nicht  aber  Repräsentanten  des  Windes  der
Meinung  und  der  Tageslehren“,  so  war  damit  nicht  nur,  wie  bemerkt,  der  Gegensatz
  zwischen  Regierung  und  Ständen  wiederhergestellt,  und  die  Stände  auf  die
Bahn  der  Opposition  gegen  die  Krone  hingewiesen,  sondern  es  war  zugleich  die
Lebensfähigkeit  der  nationalen  Ideen  und  Vorstellungen  wie  die  Kraft  der  öffentlichen
  Meinung  erheblich  unterschätzt.  Der  Ruf  nach  Reichsständen  fand  vielmehr
jetzt  in  allen  Schichten  der  Bevölkerung  Zustimmung,  und  ebenso  drang  der
nationaldeutsche  Gedanke,  die  Forderung  nach  einer  vollen  Umgestaltung  der
Bundesverfassung  in  alle  Poren  des  Volkes  ein.  Nicht  nur  die  Litteraten  und
die  Tagespresse,  sondern  die  einsichtigsten  Männer  der  Praxis  wie  der  Wissenschaft,
  des  Adels  wie  des  Bürgertums  forderten  die  Machtstellung  Preußens  im
Reich,  die  Umgestaltung  seiner  Verfassung  im  konstitutionellen  Sinne.  Wie  au
dem  Königsberger  Landtage  der  Oberstburggraf  von  Brünneck,  die  Gebrüder  von
Auerswald,  der  Vize-Marschall  des  Landtages  von  Sancken-Tarpusschen,  der
Landrat  von  Bardeleben  die  Verfassung  gefordert,  so  war  es  jetzt  vor  anderen
der  pommersche  Edelmann  von  Bülow-Cummerow,  der  in  seiner  Schrift  „Preußen,
seine  Verwaltung,  seine  Verfassung,  sein  Verhältnis  zum  deutschen  Reich“  die
Umbildung  der  Provinzialstände  in  eine  einheitliche,  mit  größeren  Rechten  versehene
Volksvertretung  und  den  Anschluß  der  Mittelstaaten  an  Preußen  sowie  umgekehrt  den
Ausschluß  Oesterreichs  aus  Deutschland  als  die  dringendste  Aufgabe  bezeichnete.  Die
Opposition  der  Stände  wurde,  wie  gemäßigt  auch  immer,  doch  eine  solche,  daß  ihr
die  Regierung  bald  nicht  mehr  gewachsen  war.  Denn,  wie  wir  sahen,  war  sie  in
den  Versammlungen  der  Stände  gar  nicht  oder  doch  nicht  genügend  vertreten,
und  der  Gegensatz  der  Anschauungen  konnte  folglich  nicht  durch  Aussprache  abgeklärt
  werden.  Der  Gedanke  aber  des  Königs,  über  den  drei  Ständen  der  Ritter,
Bürger  und  Landleute  einen  viertken,  die  „Herrenkurie“,  zu  bilden,  mußte  den
altpreußischen  Adel  schwer  verletzen.  Denn  dieser  höchste  Stand  sollte  vorzüglich
aus  den  AbchiatssiertenC  und  Standesherren  bestehen,  und  solcher  gab  es  unter
dem  alten  preußischen  Adel,  der  seine  Königstreue  und  vetesländisth.  Gesinnung
mit  Gut  und  Blut  so  oft  bezahlt,  nur  sehr  wenige,  während  die  Mehrzahl  der
Mediatisierten  und  anderen  Herren  erst  1815  der  preußischen  Krone  unterstellt
waren  und  noch  keine  Gelegenheit  gehabt  hatten,  ihre  Treue  dem  Staate  zu  erweisen.
Außerhalb  der  Stände  aber  drang  die  Opposition  oder  doch  die  Klage  über
schmerzliche  Enttäuschungen  in  immer  weitere  Kreise,  wuchs  zu  stets  größerer
Erbitterung.  In  der  Presse,  in  Zeitungen  wie  in  Gedichten  wurde  über  die
Zertrümmerung  der  anfänglichen  Hoffnungen  kühner  und  lebhafter  gesprochen,  und
die  schärfere  Handhabung  der  Zensur  hinderte  die  Ausbreitung  der  Wünsche  und
Bestrebungen  nicht.  Auf  den  damals  ins  Leben  tretenden  Versammlungen  der
Männer  der  Wissenschaft  wurden  sie  freimütig  erörtert,  und  fast  unter  den  Augen
des  Königs  richtete  in  der  Aula  der  Berliner  Hochschule  der  Philologe  August
Boeckh  die  Mahnung  an  die  Studierenden,  sich  zu  rüsten  auf  die  Freiheit.
Hinzu  traten  noch  kirchliche  Verhältnisse  eigentünllber,  Art.  Noch  einmal
hatten  die  Sammlungen  zum  Bau  des  Kölner  Doms  die  katholischen  und
evangelischen  Volksgenossen  einander  genähert,  ja  der  König  hatte  die  Grundstein-
        <pb n="774" />
        622  Evangelische  und  katholische  Kirche.

 

Der  Dom  zu  Köln  nach  seiner  i.  J.  1880  erfolgten  Vollendung.
Nach  einem  Lichtbilde.

legung  am  4.  September  1842  in  beredtesten  Worten  gefeiert  als  ein  Zeichen
der  Einheit  des  deutschen  Reiches,  wie  des  friedlichen  Lebens  und  der  Eintracht
zwischen  beiden  Kirchen.  Aber  während  der  König,  seinem  tief  frommen  Empfinden
gemäß  und  in  Uebereinstimmung  mit  seinem  gleich  anfänglich  abgelegten  Bekenntnis
  „Ich  und  mein  Haus  wollen  dem  Herrn  dienen“  sich  mit  innigster  Ueberzeugung
  der  vollen  Bibelgläubigkeit  hingab,  geschah  es,  daß  er  nicht  nur  katholisierender
  Neigungen,  sondern  auch  der  Bedrückung  der  Gewissen  beschuldigt  wurde.
Bedenklichen  Gemütern  war  schon  seine  Vermählung  (1823)  mit  der  katholischen
Prinzessin  Elisabeth  von  Bayern  anstößig  gewesen,  und  obwohl  der  Uebertritt
  der  Kronprinzessin  zur  evangelischen  Lehre  mehr  als  sechs  Jahre  später,
also  gewiß  ohne  Zwang  und  nach  eigenem  Willen  erfolgt  war,  ließen  sich  doch
nicht  alle  Zweifel  bannen.  Denn  nicht  nur  wurde  den  kleinen  Gemeinden  der
Alt-Lutheraner,  die  sich  fern  von  der  Union  hielten,  eine  so  aufmerksame  Beachtung
  ihrer  Wünsche  zu  teil,  daß  man  an  der  Aufrechterhaltung  der  Union  zu
zweifeln  begann,  sondern  nach  einem  Besuch  in  England  und  im  Zusammenhange
mit  der  orientalischen  Frage  betrieb  der  König  mit  lebhaftem  Eifer  die  Gründung
eines  protestantischen  Bistums  in  Jerusalem,  und  die  Verfassung  der  evangelischen
Kirche  wollte  er,  so  fürchtete  man  schon,  in  eine  bischöfliche  verwandeln.  Der
katholischen  Kirche  hatte  er  die  besondere  Ministerialabteilung  zugestanden,  hatte
        <pb n="775" />
        Katholische  Kirche.  623

in  der  Frage  der  gemischten  Ehen,  des  Plazets  und  des  unmittelbaren  Verkehrs
der  Bischöfe  mit  Rom  nachgegeben.  Jetzt  betrieb  sie  eine  rührige  Propaganda,
der  dann  der  Protestantismus  mit  der  Gründung  des  Gustav-Adolf-Vereins  zu
begegnen  suchte.  Mit  allem  Pomp  durfte  die  katholische  Kirche  in  der  feierlichen

 

Königin  hg  von  Preußen.
Kupserslich  von  Eduard  Mandel  (1810—1882)  .  m  Gemälde  von  Joseph  Karl  Stieler  (1781—1858).
Auf  eiwa  di-  —  verkleinert.

Ausstellung  des  „Heiligen  Rockes“  in  Trier  ihre  ganze  ungehemmte  Macht  zeigen,
und  dem  gegenüber  blieb  die  freiere  Lehre,  die  in  beiden  Kirchen,  dort  durch  den
Professor  Hermes,  hier  durch  David  Strauß  und  Bruno'  Bauer  Geltung  zu
erlangen  gesucht  hatte,  unterdrückt,  während  die  Behanptung  von  der  wunderthätigen
  Kraft  des  heiligen  Rockes  gerade  auch  in  katholischen  Kreisen  vielfach
        <pb n="776" />
        624  Nationale  Gegensähze.

Anstoß  erregt  hatte.  So  zweigten  sich  von  der  römischen  Kirche  damals  die
Deutsch-Katholiken  unter  Führung  von  Ronge  und  Czerski  und  von  der  protestantischen
  die  Lichtfreunde  unter  Führung  des  Pastors  Uhlich  und  des  Professors
Wislicenus  ab.  Beide  Richtungen,  obwohl  durch  ihre  alleinige  Betonung  der
verstandesmäßigen  negativen  Kritik  von  vornherein  zur  Bildung  einer  neuen
Kirche  unfähig,  schürten  doch  die  herrschende  Unzufriedenheit.

Unendlich  viel  weiter  war  L.  Feuerbach  gegangen,  der  kurzweg  jedes  Jenseits
  geleugnet,  und  seine  atheistische  Anschauung  paßte  nun  ganz  zu  der  sozialdemokratischen
  Lehre,  zu  der  Uebertragung  der  Lehre  von  der  politischen  Ungebundenheit
  auf  die  soziale  Zügellosigkeit,  die  unter  dem  Einfluß  der  Franzosen,
wie  St.  Simon,  Proudhon,  Ledru  Rollin,  L.  Blanc  nun  auch  von  den  deutschen
Radikalen,  von  Ruge,  Robert  Blum  u.  a.  gepredigt  wurde.  Französische  und
schweizerische  Vereine,  tausende  von  Flugschriften,  selbst  aus  Nordamerika,  Zerrbilder
  aller  Art  wirkten  zusammen,  um  nicht  nur  das  Mitleid  mit  den  armen
Bevölkerungen  in  Schlesien,  dem  Erzgebirge,  dem  Voigtlande  zu  erwecken,  sondern
zugleich  um  die  doch  kaum  aufatmende  Macht  des  Kapitals  als  eine  unsittliche
darzustellen,  die  man  nur  zertreten  könne,  wenn  man  gleichzeitig  die  abscheulichen
Despoten  verjage  und  die  Republik  erkläre.

So  gährte  es  auf  allen  Gebieten,  politische,  kirchliche  und  soziale  Unterschiede
  und  Forderungen  bewegten  das  Volk  in  lebhaftem  Maße.  Doch  wie  um
die  schon  genngsam  vorhandenen  Kräfte  der  Spaltung  und  Zerstörung  ins  Ungemessene
  zu  steigern,  kamen  noch  nationale  Kämpfe  dazu.  Die  alte.  Begeisterung
für  die  Polen  erhielt  neue  Nahrung,  als  Preußen  den  Plan  eines  polnischen
Aufstandes  1846  mit  der  Festsetzung  des  vornehmsten  Anführers  Mieroslawski  beseitigte,
  die  österreichische  Regierung  aber  in  Galizien  den  polnischen  Adel  durch  die
ruthenischen  Bauern  schmählich  dahinschlachten  ließ.  Auf  allen  Seiten  war  man
erzürnt.  Aber  wie  hatten  sich  die  Begriffe  verwirrt!  Nicht,  daß  die  Republik
Krakau  dem  österreichischen  Staat  einverleibt  wurde,  und  dadurch  der  deutsche
Handel  eine  empfindliche  Einbuße  erlitt,  erbitterte  die  Gemüter  so  sehr,  als  vielmehr
  der  Umstand,  daß  die  geliebten  Polen  mit  ihrem  Aufstand  nicht  Erfolg
hatten.  Die  ruchlose  Verhöhnung,  mit  welcher  die  Polen  alle  Deutschen,  trotz
der  übertriebenen  Nachsicht  der  preußischen  Regierung,  in  ihrem  Lande  vergewaltigten,
  verschwand  völlig  hinter  dem  Nimbus,  mit  dem  man  alle  Aufständischen
  umkleidete.  Endlich  aber  fand  die  unzufriedenheit  doch  einen  würdigen
Gegenstand  in  der  nationalen  Begeisterung  für  die  Befreiung  der  schleswigholsteinischen
  Herzogtümer.  Das  deutsche  Fürstenhaus,  das  über  diese  wie  über  das
Königreich  Däuemark  in  sogenannter  Personalunion  herrschte,  war  dem  Aussterben
  nahe,  und  in  diesem  Umstande  lag  die  Hoffnung  begründet,  daß  die  seit
etwa  einem  Vierteljahrhundert  gemachten  Danisierungs-Versuche  eine  Ende  haben
würden.  Deun  in  diesem  Fall  mußten  die  Herzogtümer  dem  männlichen  Agnaten,
dem  Herzog  von  Augustenburg,  zufallen,  während  für  das  Königreich  die  weibliche
Erbfolge  galt.  Da  erließ  der  König  Christian  VIII.  1846  einen  „Offenen  Brief",
in  dem  er  die  Einverleibung  Schleswigs  in  Dänemark  kurzerhand  aussprach,
obwohl  es  untrennbar  mit  Holstein  verbunden  war.  Ohne  Unterschied  der
Parteien  und  völlig  einmütig  erhoben  alle  deutschen  Patrioten  ihre  Stimmen
gegen  eine  solche  Beraubung  Deutschlands,  die  das  kleine  Dänemark  höhnend  dem
Reiche  zu  bieten  wagte.
        <pb n="777" />
        .  Beratungen  über  den  Plan  des  Königs.  625

Wir  werden  sehen,  wie  tief  Preußen  in  diese  Frage  verstrickt  wurde,  zunächst
war  man  in  Berlin  vollauf  mit  eigenen  Dingen  beschäftigt.  Der  König  hatte
nämlich  inzwischen  seinen  Plan  für  die  Ausbildung  der  ständischen  Verfassung
dem  Minister  des  Innern  Grafen  Arnim-Boytzenburg  überwiesen  und  mit  diesem
über  die  Möglichkeit  der  Berufung  des  Vereinigten  Landtages  beraten.  Der
König  war  gewillt,  dieser  Versammlung  das  Recht  der  Steuerbewilligung  wie  der
Zustimmung.  zu  Anleihen  zuzugestehen,  doch  sollte  diese  Befugnis,  da  man  den
Fall  einer  Ablehnung  in  Kriegszeiten  fürchtete,  nur  durch  die  Ausschüsse  geübt
werden,  welche  der  Sitatsschuldewwerwaltung  zur  Seite  treten  sollten.  Sehr
begründete  Einsprache  erhob  Graf  Arnim  schon  gegen  diese  Ausschüsse,  die  gen
Gesetz  von  1820  nicht  entsprachen,  namentlich  aber  verlangte  er,  daß  der  Vereinigte
  Landtag  in  jedem  vierten  Jahr  zusammentreten,  und  daß  das  Zweikammer-System
  angenommen,  ein  besonderes  Herrenhaus  gebildet  werde.  Denn  die  Bildung
einer  vierten  Kurie,  d  er  Herrenkurie  könne  nur  dahin  führen,  daß  Herren  und
Ritter  auf  der  einen,  Bürger  und  Bauern  auf  der  anderen  Seite  fest  geschlossene
Parteien  bilden  würden.  Eine  Repräsentation  aus  Wahlen  nach  der  Volkszahl
zu  empfehlen,  war  gewiß  nicht  die  Meinung  des  Grafen,  aber  schon  diese  Einwände
  wichen  soweit  von  den  Ideen  des  Königs  ab,  daß  Graf  Arnim  im
Sommer  1845  von  seinem  Posten  zurücktrat.  Nun  beauftragte  der  König  die  1816
Minister  von  Bodelschwingh,  Savigny,  Uhden,  Canitz  und  den  Hofmarschall  von
Rochow  mit  der  Beratung  seines  Entwurfes.  Aber  erhebliche  Bedenken  wurden
auch  in  diesern  Kommission  gelten,  gemacht,  und  darunter  befand  sich  wieder  das
des  Grafen  Arnim  wegen  der  Bildung  des  Herrenstandes.  Der  Hofmarschall
von  Rochow  wies  darauf  hin,  wie  nach  dem  Beispiele  der  Opposition  in  den
Provinziallandtagen  diese  ständische  Versammlung,  welcher  Art  sie  auch  sei,  die
Souveränetät  der  Krone  völlig  absorbieren  werde.  Man  äußerte  namentlich
wieder  die  Befürchtung,  wie  eine  geregelte  Finanzverwaltung  zu  führen,  und  wie  in
stürmischen  Zeiten  eine  plötzlich  auftauchende  Geldverlegenheit  zu  befriedigen  sein
möchte,  wenn  die  Krone  der  Bewilligung  eines  allgemeinen  Landtages  zur  Auflage
  von  Steuern,  zur  Ausschreibung  einer  Anleihe  bedürfe.  Andererseits  aber
konnte  man  sich  doch  nicht  verbergen,  daß  diese  Frage  durch  das  Gesetz  von  1820
schon  entschieden  sei.

Am  11.  März  1846  trat  diese  Kommission  in  gemeinsame  Beratung  116
mit  dem  Staatsministerium  unter  Vorsitz  des  Prinzen  von  Preußen.  Der  Prinz
hatte  bis  dahin  wesentlich  seinen  militärischen  Pflichten  gelebt  und  gemeinsam
mit  seiner  Gemahlin,  der  Prinzessin  Augusta,  in  überaus  sorgsamer  Weise  die
Erziehung  seiner  Kinder,  des  Prinzen  Friedrich  Wilhelm  und  der  Prinzessin
Luise,  geleitet.  Nun  aber  war  an  ihn  nicht  nur  als  den  mutmaßlichen  Thronfolger
  —  denn  die  Ehe  des  Königs  mit  der  Königin  Elisabeth  war  kinderlos
geblieben  —  sondern  vorzühlich  durch  die  erwähnte  letztwillige  Verfügung  des
Königs  Friedrich  Wilhelm  II.  die  Pflicht  herangetreten,  von  der  Verwaltung  des
Staates  Kenntnis  zu  nehmen  und  über  jede  Veränderung  in  der  Verfassung  des
Staates  namentlich  in  Beziehung  auf  die  ständischen  Verhältnisse  sein  Urteil  abugeben.
  Denn  nur  durch  die  Zustimmung  aller  Agnaten  sollte  nach  dem  Willen
des  verstorbenen  Königs  eine  solche  durchgeführt  werden  dürfen.

Niemand  war  wohl  so  sehr  von  der  Bedeutung  des  Augemnblickes  durchdrungen
  wie  der  Prinz,  niemand  fühlte  so  tief  wie  er,  welche  Machtmittel  die

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Stoates.  40
        <pb n="778" />
        626  Beratung  unter  dem  Prinzen  von  Preußen.  —  Der  Vereinigte  Landtag.

absolute  Krone  dahinzugeben  im  Begriff  war.  Freimütig  erklärte  er  in  der
gemeinsamen  Sitzung,  von  der  Notwendigkeit  einer  zentralständischen  Versammlung
noch  nicht  überzeugt  zu  sein,  aber  mit  dem  klaren  Blick  des  Staatsmannes  sprach
er  als  seinen  Grundsatz  aus,  daß  eine  weise  Regierung  dann  und  wann  Nachforschung
  halten  müsse,  ob  die  vorhandenen  Institutionen  noch  mit  der  Fortentwickelung
  der  Zeit  im  Einklang  seien.  Bei  diesem  Verfahren  sei  Preußen
groß  geworden,  in  diesem  Sinne  seien  schon  die  Provinzialstände  eingeführt
worden,  und  vielleicht  hätte  man  bei  ihnen  stehen  bleiben  können,  wenn  nicht
für  die  allgemeine  Forderung  der  Unterthanen  in  gegenwärtiger  Zeit  —  die  sich
auf  zwei  Dinge  bezögen,  Publizität  und  größere  Teilnahme  an  den  Staatsangelegenheiten
  —  einige  weitreichende  Zugeständnisse  in  Aussicht  gestellt  wären,
namentklich  die  Bildung  einer  ständischen  Zentralversammlung.  Nun  aber  bejahten
sämtliche  Minister  und  Teilnehmer  an  der  Sitzung  mit  Ausnahme  des  Ministers
von  Rochow  und  des  Hofmarschalls  gleichen  Namens  die  Bedürfnisfrage,  und
namentlich  Herr  von  Bodelschwingh  hob  treffend  als  das  größte  Uebel  der  einzelnen
Provinziallandtage  hervor,  wie  der  Staat,  da  er  in  ihnen  gar  keine  Vertreter  hätte,
einer  inneren  Zerreißung  durch  die  acht  Landtage  entgegengehe  und  4  Vereinigungspunkt
  dringend  notwendig  wäre.  Durch  diese  Gründe  ließ  sich  der  Prinz  überzeugen
  und  erklärte  nun  ebenfalls  seine  Zustimmung  zur  beinberufund  einer
gemeinsamen  Versammlung,  wiewohl  er  im  übrigen  mit  dem  Inhalt  des  Entwurfes
  nicht  einverstanden  war.  „Ein  neues  Preußen“,  so  sagte  er,  „wird  sich
bilden.  Das  alte  geht  mit  der  Publizierung  dieses  Gesetzes  zu  Grabe.  Möge
das  neue  so  erhaben  und  groß  werden,  wie  es  das  alte  mit  Ehre  und  Ruhm
geworden  ist!“  Wahrlich,  es  war  für  den  Prinzen  ein  gewaltiger  Entschluß,
mit  den  Formen  zu  brechen,  die  den  Staat  erschaffen,  aber  nachdem  er  ihn  einmal
gefaßt,  hat  er  treu  und  fest,  wie  sein  Sinn  war,  an  ihm  festgehalten,  und  er  ist
es  gewesen,  der  dem  neuen  Preußen  Ruhm  und  Ehre  gebracht,  wie  selbst  dieser
Staat  sie  vorher  noch  nicht  gekannt.

Endlich  am  3.  Februar  1847  erschien  das  Patent,  welches  den  Vereinigten
Landtag  zum  11.  April  einberief,  nebst  drei  Verordnungen  über  seine  Zusammensetzung.
  Doch  wie  hatte  sich  der  König  getäuscht,  wenn  er  unter  Hinweis  auf
das  Datum  des  3.  Februar,  des  Aufrufs  „An  Mein  Volk“,  den  Beginn  einer
glänzenden  Epoche  von  diesen  Gesetzen  ausgehen  sah,  in  welcher  das  herzlichste  Vertrauen
  die  geschäftigen  Feinde  besiegen  werde,  welche  sich  zwischen  ihn  und  sein  Volk
einzudrängen  suchten,  um  aus  der  Zwietracht  die  Schwäche,  aus  der  Schwäche  den  Umsturz
  zu  bereiten  und  ein  Reich  der  Willkür,  Gottlosigkeit  und  Unordnung  aufzurichten.

Denn  wenigstens  die  regelmäßige  Wiederkehr  der  Versammlung,  ihre  Teilnahme
  an  der  ganzen  Gesetzgebung  hatte  man  erwartet  und  war  schmerzlich  enttäuscht,
  als  jene  verweigert,  diese  auf  die  Bewilligung  neuer  Steuern  und  Staatsanleihen
  beschränkt  war.  Alle  anderen  Einnahmen  aus  den  Domänen  und  indirekten
Steuern,  sämtliche  Ausgaben  und  die  ganze  Gesetzgebung  waren  nicht  der  Beratung
des  Landtages  unterstellt,  das  Petitionsrecht  war  durch  die  Bildung  der  Herrenkurie,
  die  besonders  tagen  sollte,  und  durch  die  Bedingung  der  Zweidrittel-Majorität,
geschmälert.

Die  Freude  und  Begeisterung,  welche  der  König  mit  seinem  Werke  zu  erzeugen
  gedacht  hatte,  wollte  sich  nirgend  zeigen.  Von  allen  Seiten  vielmehr  gingen
die  Aeußerungen  des  Mißbehagens  und  der  Unzufriedenheit  ein.  Die  Provinzial-
        <pb n="779" />
        Der  Vereinigte  Landtag.  627

landtage  sahen  ihre  Bedeutung  beschränkt  und  beklagten  namentlich  in  den  alten
Provinzen  die  Bevorzugung  der  Herrenkurie  vor  der  Ritterschaft.  Ueberhaupt
aber  wollte  man  ja  nicht  Erweiterung  der  ständischen  Institute,  sondern  die  konstitutionelle
  Umbildung  der  Verfassung.  Vielfach  behauptete  man,  daß  diese  Gesetze
nur  als  Entwürfe  angesehen  werden  könnten,  und  zunächst  den  Provinziallandtagen
vorzulegen  seien.
Herr  von  Bülow=Cummeron
  kritisierte
  das  Gesetz
in  einer  Schrift
sachlich  aber
schonungslos,  H.
Simon,  ein  hervorragender

Jurist  in  Breslau,
  warnte  die
Stände  in  seiner
rift  „Annehmen
  oder  Ablehnen?"
  dringend,
  zu  dem
Vereinigten
Landtage  überdadurch

  die  bisherigen
  gesetzlichen
  Ansprüche
auf  eine  Verfassung
  aufgeben
würden.  Soweit
indessen  wollten
die  gemäßigten
Liberalen  es

doch  nicht  kommen
  lassen,  son-  Prinz  Brichrich  AIn  (später  Naiser  Friedrich  III.)  im  Jahre  1840.
dern  auf  dem  dem  Gemölde  von  Franz  Krüger  (1707—1857).
Landtage  selbst
dachten  sie  die  Ssse  welche  der  Geist  der  Zeit  stellte,  und  welche  durch
die  Zusage  von  1815  und  das  Gesetz  von  1820  gewährleistet  seien,  am  erfolgreichsten
  zur  Geltung  bringen  zu  können.  Umgekehrt  aber  kam  auch  die  Regierung
den  allgemeinen  Wünschen  insoweit  entgegen,  als  sie  Gesetze  zrsie,  welche  den
Austritt  aus  den  bestehenden  Kirchen  ohne  Verlust  der  bürgerlichen  Rechte  gestatteten,
  welche  das  öffentliche  Verfahren  im  Straf=  wie  Zivilprozeß  insihreen
und  Handelskammern  wie  Handelsgerichte  einrichteten.

Die  glänzende  und  umfassende  Rede,  mit  welcher  der  König  den  Vereinigten
Landtag  am  11.  April  im  Weißen  Saale  des  Berliner  Schlosses  eröffnete,  wies

(40.
        <pb n="780" />
        628  Der  Vereinigte  Landtag.

nun  von  vornherein  jeden  Gedanken  daran  zurück,  als  ob  diese  Versammlung  einen
Ausbau  der  Verfassung  im  konstitutionellen  Sinne  bewirken  könne.  „Keiner
Macht  der  Erde  soll  es  gelingen“,  so  rief  der  König,  „mich  zu  bewegen,  das
natürliche  Verhältnis  zwischen  Fürst  und  Volk  in  ein  konventionelles,  konstitutionelles
  zu  verwandeln,  und  nun  und  nimmermehr  werde  ich  es  zugeben,  daß  sich
zwischen  unserem  Herrgott  im  Himmel  und  dieses  Land  ein  geschriebenes  Blatt
Papier  eindrängt,  um  uns  mit  seinen  Paragraphen  zu  regieren  und  die  alte  heilige
Treue  zu  ersetzen.“  Und  wieder  sagte  er  den  Ständen,  daß  sie  „deutsche  Stände
im  althergebrachten  Sinne,  d.  h.  vor  allem  und  wesentlich  Vertreter  und  Wahrer
der  eigenen  Rechte  seien,  der  Rechte  der  Stände,  deren  Vertrauen  sie  entsendet.“

Vollkommen  anders  aber  waren  die  Meinungen  der  ständischen  Abgeordneten,
und  bei  der  Verschiedenheit  der  Ansichten  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  der  Landtag
einen  Verlauf  nahm,  der  dem  Sinn  des  Königs  ganz  entgegengesetzt  war.  Schon
die  Verhandlungen  über  die  Adresse,  welche  nach  dem  Antrag  des  Grafen  Schwerin
auf  die  Thronrede  dem  Könige  eingereicht  werden  sollte,  legten  den  Gegensatzt  klar.
Nur  mit  Mühe  gelang  es,  zwischen  dem  Entwurf  der  Kommission  und  dem  des
Grafen  von  Arnim  eine  Vermittelung  herzustellen.  Allein  wenn  der  König  in
seiner  Eröffnungsrede  das  neue  Werk  als  die  Vollendung  der  Gesetzgebung  von
1820  bezeichnet  hatte,  so  wiesen  doch  nicht  nur  die  Männer  der  Opposition,  wie
Graf  Schwerin  und  Alfred  von  Auerswald,  sondern  auch  Graf  Arnim  auf  die
Unvollkommenheiten  des  Gesetzes  hin  und  sprachen  es  aus,  daß  die  wohl  erworbenen
Rechte  noch  nicht  erfüllt  seien.  So  einigte  man  sich  zuletzt  dahin,  daß  in  der
Adresse  nicht  eine  Forderung  an  die  Krone  gestellt,  wohl  aber  das  Vertrauen-erklärt
  wurde,  daß  der  König  von  der  Triftigkeit  der  Wünsche  überzeugt,  in  seiner
Weisheit  ihnen  Befriedigung  gewähren  werde.  Der  Monarch  war  tief  betroffen,
  daß  ihm  da,  wo  er  gemeint  hatte,  Rechte  zu  verleihen,  Ansprüche  entgegen
traten,  und  betonte  in  seiner  Erwiderung  ziemlich  scharf,  daß  er  keine  anderen
Rechte  anerkenne,  als  die  in  seinem  Patent  gewährten.  Gleichzeitig  aber  erklärte
er  nun  doch  wieder  die  in  ihren  Grundlagen  feststehende  Verfassung  für  fortbildungsfähig
  und  verstand  sich  zu  dem  Zugeständnis,  den  Landtag  nach  vier  Jahren
wieder  einberufen  zu  wollen

Alsbald  aber  folgten  weitere  Anträge  im  Landtage  auf  Ausbildung  der  Verfassung,
  welche  die  regelmäßige  Berufung  der  Versammlung  nach  je  zwei  Jahren,
die  Beratung  allgemeiner  Gesetze,  die  Notwendigkeit  der  Zustimmung  zar  rechtlichen
  Giltigkeit  aller  Staatsschulden,  Mitwirkung  bei  allen  Steuergesetzen  und
Kontrolle  über  die  anderen  Staatseinnahmen,  den  Fortfall  der  Ausschüsse  verlangten,
  und  mit  sehr  bedeutenden  Majoritäten  angenommen  wurden.  Noch
bedenklicher  aber,  weil  für  den  Augenblick  von  unmittelbar  praktischer  Wirkung,
war,  daß  der  Landtag  die  königlichen  Vorlagen  über  eine  Einkommensteuer  wie
die  Garantie  über  Landrentenbanken  zur  leichteren  Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten
und  über  die  Eisenbahn-Anleihe  mit  erdrückender  Majorität  ablehnte.  Denn  solange
  ihm  nicht  die  Befugnisse  der  Reichsstände,  namentlich  die  Kontrolle  über
den  ganzen  Staatshaushalt  zugebilligt  seien,  hielt  der  Landtag  sich  rechtlich  nicht
zu  Schritten  befugt,  die  gesetzlich  den  Reichsständen  gebührten.  Nur  wenige
Männer  wagten  es  damals,  die  Krone  zu  verteidigen,  aber  zu  ihnen  gehörte  schon
neben  dem  Landrat  von  Manteuffel  der  Abgeordnete  der  Ritterschaft  des  Kreises
Jerichow,  Otto  von  Bismarck-Schönhausen.
        <pb n="781" />
        Der  Bereinigte  Landitag.  629

Hatten  aber  diese  Vorlagen  Gewissensbedenken  bei  den  Abgeordneten  hervorgerufen,
  so  äußerten  sich  solche  noch  stärker,  als  nun  die  Wahlen  zu  den  Ausschüssen,
  die  man  doch  überhaupt  nicht  wollte,  wirklich  vorgenommen  werden  sollten.
Denn  man  sah  voraus,  daß  diese  Ausschüsse  die  Rechte  des  Vereinigten  Landtages
  wie  der  Provinziallandtage  an  sich  ziehen  würden  und  zugleich  als  die  oft
verheißenen  Reichsstände  gelten  sollten.  Sie  mußten  entweder  in  Abhängigkeit
von  der  Regierung  geraten  und  deren  Werkzeug  werden,  oder  aber,  wenn  es  ihnen
gelang,  geschickt  vorzugehen  und  etwaige  Schwächen  der  Regierung  zu  benutzen,
eine  überaus  lästige  Kontrollbehörde,  ja  eine  Nebenregierung  selbst  werden.  Nur
mit  Mühe  wurde  die  Wahl  schließlich  vollzogen,  aber  58  Abgeordnete  verweigerten
sie  überhaupt,  und  158  wählten  nur  unter  dem  Vorbehalt,  daß  die  Ausschüsse
nicht  zur  Ausübung  der  Rechte  der  Gesamtheit  herangezogen  werden  dürften.  Ein
rheinischer  Abgeordneter  sagte  aus  der  Seele  vieler  heraus,  er  würde  die  Wahl
zum  Ausschuß  annehmen,  aber  dann  selbst  darauf  dringen,  daß  von  diesem
nichts  vorgenommen  werde,  was  den  Rechten  des  Landtages  entgegen  laufe.  Die
größere  Zahl  der  brandenburgischen  Stände  erklärte  ausdrücklich,  daß  sie  „nicht
aus  eigener  Ueberzeugung  und  in  voller  Uebereinstimmung  mit  ihrem  Gewissen,
sondern  lediglich  aus  Gehorsam  gegen  den  ausdrücklichen  Befehl  des  Königs  und
im  vollsten  Vertrauen  auf  die  erteilte  Zusicherung  der  Fortbildung  der  ständischen
Verfassung“  die  Wahl  vorzunehmen  bereit  seien.  —

„Ich  strebe  allein  darnach“,  hatte  Friedrich  Wilhelm  mit  dem  vollsten  Recht
in  seiner  Eröffnungsrede  gesagt,  „meine  Pflicht  nach  meinem  besten  Wissen  und
Gewissen  zu  erfüllen  und  den  Dank  meines  Volkes  zu  verdienen,  möchte  er  mir
auch  nimmer  zu  teil  werden!“  Und  trotz  der  scharfen  Opposition  lebte  in  allen
Abgeordneten  das  Bewußtsein,  daß  des  Königs  Verhalten  lediglich  von  der  Pflicht
treue  diktiert  war,  mit  welcher  er  sein  Denken  und  Thun  in  den  Dienst  des
Vaterlandes  getent.  Nichtsdestoweniger  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  der  allgemeine
  Beifall  den  Männern  der  Opposition,  dem  Grafen  Schwerin,  Alfred  von
Auerswald,  Georg  von  Vincke,  Camphausen,  von  Beckerath,  Hansemann  zufiel,
und  die  Hoffnungen,  die  man  auf  das  preußische  Königtum  sowohl  für  die
moderne  Verfassungsentwickelung  als  auf  die  verstärkte  Bundesgewalt  gesetzt,  erheblich
  zusammenschmolzen.  Gerade  weil  dieser  Landtag  nichts  von  den  Unarten
der  süddeutschen  Parlamente  gezeigt,  sondern  sich  durchweg  in  Formen  bewegt
hatte,  welche  dem  Volke  ziemten,  das  gewöhnt  war,  von  der  Krone  Reformen
zu  erhalten,  noch  ehe  es  die  Unhaltbarkeit  der  Zustände  selbst  recht  erkannt  hatte,
mußte  es  verhängnisvoll  werden,  wenn  die  lebendigsten  Wünsche,  die  enstesten
Bestrebungen  der  Nation  am  Throne  ein  Verständnis  nicht  fanden.  Es  wurde
aber  um  so  verhängnisvoller,  als  in  der  Schweiz,  in  Italien,  selbst  in  Oesterreich,
vornehmlich  aber  in  Frankreich  neue  revolutionäre  Bewegungen  in  unmittelbarer
Aussicht  standen,  die  ihre  Rückwirkung  auf  Deutschland  ebenso  wie  die  Juli-Revolution
  ausüben  mußten,  und  als  endlich  die  einstigen  Hoffnungen  der  deutschen
Patrioten  auf  Preußen  in  eine  Flut  von  Schmäh=  und  Scheltworten  umschlugen,
als  ob  nun  jede  Aussicht  verloren  sei,  daß  dieser  Staat  für  das  Reich  noch
schöpferisch  wirken  könne.  Und  die  Einheit  Deutschlands  schien  wichtiger  noch
als  die  Verschiedenheit  der  Ansichten  über  die  Staatsformen.  Man  wollte,  wie
es  die  von  den  Historikern  Joh.  Gust.  Droysen,  Georg  Waitz  und  dem  Juristen
Georg  Beseler  damals  gegründete,  von  Gervinus  und  Häusser  redigierte  Deutsche
        <pb n="782" />
        630  Deutsche  Einheitspläne.

Zeitung  in  Heidelberg  verfocht,  zwar  liberal  und  konstitutionell,  vor  allem  aber
deutsch  sein.  Und  während  die  radikale  Partei  unter  von  Struve  auf  einer  Versammlung
  in  Offenbach  schlankweg  sozialdemokratische  Forderungen  stellte,  berieten
die  gemäßigten  Liberalen  auf  einer  Versammlung  zu  Heppenheim  über  die  Schöpfung
eines  Zollparlaments  im  Anschlusse  an  die  Staaten  des  Zollvereins  oder  besser
noch  über  die  eines  deutschen  Parlaments  neben  dem  Bundestage.  Die  Meinung
für  das  deutsche  Parlament  drang  durch,  in  der  badischen  Kammer  verlangte  sie
Bassermann,  in  der  darmstädtischen  Heinrich  von  Gagern,  und  begeistert  jubelte
ganz  Deutschland  dem  Gedanken  Beifall.

Unter  diesem  fröhlichen  Planen,  aber  auch  unter  den  wilden  Wogen,  die
überall  bald  alles  vernichtend  zusammenschlugen,  tagte  in  Berlin  seit  dem  November
der  Vereinigte  Ausschuß  und  beriet  den  Entwurf  des  fast  fertig  gestellten  Strafgesetzbuches.
  Am  7.  März  schloß  der  König  die  Sitzungen  mit  dem  Zugeständnis
der  Periodizität  des  Vereinigten  Landtages  und  der  geforderten  Beschränkung  der
Wirksamkeit  der  Ausschüsse.  Den  konstitutionellen  Bestrebungen  genügte  indessen
diese  Nachgiebigkeit  noch  keineswegs.  Inzwischen  war  aber  am  28.  Februar  in
Paris  die  Revolution  ausgebrochen,  und  in  allen  Mittel=  und  Kleinstaaten  wurden
im  Sturme  liberale  Regierungen,  die  März-Ministerien  durchgesett.  In  Heidelberg
  fanden  sich  einundfünfzig  einflußreiche  Männer  ein  und  vereinigten  die
gründliche  Verschiedenheit  ihrer  Ansichten  —  denn  die  einen,  wie  Hecker  und
Struve  verlangten  die  Ausrufung  der  deutschen  Republik,  die  anderen,  wie
Heinrich  von  Gagern  die  Aufrichtung  der  deutschen  Kaiserwürde  —  in  dem  allen
gemeinsamen  Verlangen  nach  einem  deutschen  Parlament.  Man  setzte  einen  Ausschuß
  von  sieben  Männern  ein,  welcher  zur  Beratung  darüber  eine,  später
Vorparlament  genannte  Versammlung,  berufen  sollte.  In  der  That  erging
die  Einladung  des  Siebener-Ausschusses  an  alle  Mitglieder  der  deutschen  Ständeversammlungen
  zur  Beratung  der  deutschen  Verfassung  zum  30.  März  nach
Frankfurt.  Heinrich  von  Gagern  aber,  wie  sein  Bruder  Max  erfüllt  von  dem
Gedanken,  daß  ein  Parlament  unmöglich  ohne  Regierung  bestehen  könne,  wußte
namentlich  die  badische,  württembergische  und  sächsische  Regierung  für  seinen  Plan
einer  interimistischen  Zentralgewalt  zu  gewinnen.  Der  König  von  Württemberg
erklärte  zugleich,  nur  Preußen  könne  die  Leitung  übernehmen,  vorausgesetzt  allerdings,
  daß  es  das  konstitutionelle  System  annehme.  Vertreter  dieser  Regierungen
sollten  nach  Berlin  gehen,  um  das  Programm  zu  verwirklichen.  Man  forderte
ein  Oberhaupt  für  ganz  Deutschland  mit  verantwortlichen  Ministern,  einen  Senat
der  Einzelstaaten  und  ein  Volkshaus  mit  je  einem  Abgeordneten  auf  70  000  Seelen.

In  der  That  hatte  Friedrich  Wilhelm  schon  den  General  von  Radowitz  mit
einem  Entwurf  zur  vollen  Umgestaltung  der  Bundesverfassung  nach  Wien  geschickt,

Js  und  da  Metternich  unter  dem  Eindrucke  der  Pariser  Nachrichten  diesmal  doch
Bedenken  trug,  die  vorgeschlagene  Verstärkung  der  militärischen  Macht  und  die
Befugnis  des  Bundes  zur  Gesetzgebung  im  Handels-,  Zoll=  und  Verkehrswesen
kurzweg  abzulehnen,  so  wurden  die  Regierungen  zu  einer  gemeinsamen  Konferenz
nach  Dresden  zum  25.  März  eingeladen.

Doch  ehe  dies  geschehen,  war  am  13.  in  Wien  die  Revolution  ausgebrochen,
Metternich  war  gestürzt,  und  die  Staatskonferenz  zur  Zusage  einer  Konstitution
genötigt  worden.  König  Friedrich  Wilhelm  aber  hatte  den  Schmerz,  daß  sich
das  Fürstentum  Neuenburg  im  Februar  von  Preußen  losriß,  und  während  aus
        <pb n="783" />
        Die  Revolution.  631

den  Provinzen  überall  schon  eine  starke  Aufregung  gemeldet  wurde,  mußte  der
König  es  mitansehen,  daß  in  Berlin,  unter  seinen  Augen  fast  dröhnende  Volksversammlungen
  gehalten  wurden,  Aufläufe  in  allen  Straßen  stattfanden,  daß
überall  wilde  Freiheitsreden  ertönten,  und  die  Ruhe  nur  mit  militärischer  Hilfe
aufrecht  erhalten  werden  konnte.  Am  8.  März  versprach  der  König  eine  größere
Preßfreiheit  und  am  14.  berief  er  den  Vereinigten  Landtag  zum  27.  April.
Inzwischen  waren  aber  ganze  Massen  fremden  Volkes,  besonders  Polen  und  Rheinländer
  nach  Berlin  geströmt,  und  unter  ihrem  Einfluß  wurde  die  Unruhe  größer
und  größer.  Am  15.  kam  es  zum  Barrikadenbau,  und  mehrfach  mußte  Militär
einschreiten.  Da  entschloß  sich  der  König  in  der  Nacht  zum  18.  März,  ein  1018/46
Patent  zu  unterzeichnen,  welches  eine  konstitutionelle  Verfassung,  Preßfreiheit,
volle  Reform  der  Bundesverfassung  zusagte  und  den  Vereinigten  Landtag  schon
zum  2.  April  berief.

Mit  hellem  Jubel  empfing  die  Volksmenge  diese  Zusagen,  und  Tausende
versammelten  sich  vor  dem  Schloß,  um  mit  lauten  Hochrufen  dem  Könige  zu
danken.  Indessen  diese  Wendung  war  gar  nicht  nach  dem  Sinn  des  durch
die  fremden  Zuzügler  noch  mehr  aufgeregten  Gesindels.  Eine  Masse  von  Arbeitern,
Lehrburschen,  Gesellen,  Kommis,  Studenten  und  all  den  ausländischen  Vagabunden
brachen  in  wilde  Rufe  aus,  verlangten  den  Abzug  des  Militärs,  Oeffnung  des
Schlosses,  drängten  gegen  die  Wachen  vor.  Und  als  nun  der  König  den  Platz  zu
säubern  befahl,  geschah  es,  daß  durch  Ungeschick  eines  Grenadiers,  sowie  durch  den
Schlag  eines  Arbeiters  auf  das  Gewehr  eines  Unteroffiziers  zwei  Schüsse  losgingen,
  die  zwar  niemand  trafen,  aber  benutzt  wurden,  um  alle  schlechten  Leidenschaften
  zu  entfesseln.  Der  ruhige  Bürger  zwar  hatte  keinen  Anteil  an  diesem
sinnlosen  Skandal,  und  im  eigentlichen  Volk  hatte  er,  wie  ausdrücklich  bezeugt  ist,
gar  keine  Wurzel,  aber  überall,  in  allen  Straßen,  allen  Häusern  hieß  es  nun
„Verrat,  man  mordet  uns,  ganze  Massen  wehrloser  Bürger  sind  niedergehauen“.
Eine  weiße  Fahne  mit  der  Aufschrift  „Mißverständnis“  trug  nicht,  wie  man  gehofft,
  zur  Beruhigung  bei,  in  allen  Stadtgegenden  entstanden  wie  durch  einen
Zauberschlag  die  Barrikaden.

Aufs  tiefste  gebrochen  und  entsetzt  über  das  Blutvergießen,  war  Friedrich
Wilhelm  kaum  noch  zu  bereden,  dem  kommandierenden  General  von  Prittwitz,
der  nur  12000  Mann  zur  Stelle  hatte,  den  Befehl  zu  geben,  wenigstens  die
nächsten  Straßen  um  das  Schloß  herum  den  Banden  zu  entreißen  und  militärisch
zu  besetzen.  Um  Mitternacht  aber  schon  gab  der  König  den  Befehl,  nicht  weiter
vorzugehen,  nur  die  besetzten  Straßen  zu  behaupten.  In  einer  Proklamation
„An  meine  lieben  Berliner“,  die  er  noch  in  der  Nacht  entwarf,  verhieß
er  sogar  den  Rückzug  der  Truppen,  sobald  die  Barrikaden  geräumt  seien.  Aber
auch  von  diesem  Standpunkt  ließ  er  sich  trotz  der  entschiedenen  Warnungen
des  Prinzen  von  Preußen  und  des  Generals  von  Prittwitz  abbringen,  als  am
nächsten  Morgen  Bürgerdeputationen  ihm  vorstellten,  daß  das  Volk  die  Barrikaden
nicht  vor  dem  Abmarsch  der  Truppen  zerstören  werde.  Bodelschwingh  konnte
ihnen  mitteilen,  daß  der  König  befohlen  habe,  das  Militär  von  den  Straßen
zurückzuziehen,  nur  die  öffentlichen  Gebäude  besetzt  zu  halten.  Die  zornige  Entrüstung,
  der  heilige  Unwille  des  Prinzen  von  Preußen  änderte  die  Thatsache
nicht.  Denn  wirklich  rückten  alsbald  die  Truppen,  nachdem  sie  auf  seinen  Wunsch
noch  für  kurze  Zeit  in  der  Umgebung  des  Schlosses  Aufstellung  genommen  hatten,
        <pb n="784" />
        632  Die  Revolution.

in  ihre  Kasernen  ab,  ja  verließen  unter  dem  Hohn  des  Gesindels  mit  Erlaubnis
des  Generals  die  Stadt.  Berlin  war  in  der  Hand  des  Pöbels.  Dessen  größte
Wut  richtete  sich  gegen  den  Prinzen  von  Preußen,  der  den  Befehl  zum  Schießen
gegeben  haben  sollte,  und  dem  der  König  zu  seiner  Sicherheit  deshalb  eine
Mission  nach  London  auftrug.  Ein  neues  Ministerium  unter  dem  Vorsitz  des
Grafen  Arnim-Boytzenburg  wurde  hauptsächlich  aus  den  gemäßigten  Wortführern
Opposition  im  Ver-9
  6  ert  Landtage,  dem
Grafen  Schwerin,  Alfred
von  Auerswald,  Camphausen
  gebildet,  Freiherr
einrich  von  Arnim  übernahm
  die  auswärtigen
Angelegenheiten.  Doch  alle
Nachgiebigkeit  half  nichts,
die  Versprechungen  der
Bürgerdeputationen,  Ruhe
und  Ordnung  herzustellen,
ervwiesen  sich  als  eitel,  die
neugebildete  Bürgerwehr
vermochte  den  König  nicht
vor  den  gemeinsten  Insulten
  zu  schützen.  Die  Leichen
der  Barrikadenhelden  wurden
  in  den  Schloßhof  gecaboracmht,
  der  König  und  die
HKoönigin  genötigt,  durch
ihr  Erscheinen  ihnen  Ehre
zu  erweisen.

Der  Freiherr  von
Arnim  hoffte  der  Sache
nun  eine  andere  Wendung
zu  geben,  wenn  die  Augen
des  Volkes  auf  das  ganze
Varrikadenkampf  vor  dem  Köllnischen  Rathause  zu  Berlin  in  Vaterland  gerichtet  würder

  Nacht  vom  18.  zum  19.  März  1848.  den.  Daher  ward  am
Gleichzeitige  Zelchnung  von  Robert  Krehschmer.  21.  März  in  der  Frühe  in

allen  Straßen  ein  Plakat

angeschlagen  „An  die  deutsche  Nation“,  in  welchem  die  innigste  Verbindung  zwischen
den  Völkern  und  den  Fürsten  als  die  Rettung  aus  der  Gefahr  bezeichnet  wurde.
Dem  Könige,  der  sich  „zur  Rettung  Deutschlands  an  die  Spitze  des  Gesamtvaterlandes
  gestellt  habe“,  wurde  als  „dem  konstitutionellen  Fürsten,  dem  neuen
König  der  freien,  wieder  geborenen  deutschen  Nation“  Heil  und  Segen  zugerufen
und  ausgesprochen:  „Preußen  geht  fortan  in  Deutschland  auf“.  Umgeben  von
Ministern  und  Generalen,  geschmückt  mit  den  schwarz-rot-goldenen  Farben,  hielt
Friedrich  Wilhelm  wirklich  den  im  Plakat  angekündigten  Umritt  durch  die  Stadt
und  erklärte  in  mehrfachen  Ansprachen,  Deutschlands  Freiheit,  Ordnung  und
        <pb n="785" />
        Die  Revolution.  —  Frankfurter  Parlament.  633

Einheit  herstellen  zu  wollen;  Zurufe,  die  ihn  als  deutschen  Kaiser  begrüßten,
lehnte  er  jedoch  ab.  In  einer  weiteren  Proklamation  wurde  im  Anschluß  an
den  Vereinigten  Landtag  die  Einberufung  einer  allgemeinen  deutschen  Ständeversammlung
  in  Aussicht  gestellt,  welche  die  Mittel  zur  Abwehr  äußerer  Gefahren,
die  Durchführung  konstitutioneller  Verfassungen,  die  Wiedergeburt  und  Gründung
eines  neuen  Deutschlands  beraten  sollte.  Doch  auch  jetzt  noch  war  der  König  gegen  die
Massen  nicht  geschützt.  Als  die  Leichen  der  Empörer  in  feierlichem  Zuge  nach  dem

Friedrichshain  am  Schloß  vorbei  zum  Begräbnis  geleitet  wurden,  trat  der  König  auf
den  Balkon  hinaus  und  verharrte  entblößten  Hauptes,  bis  der  letzte  der  Särge
vorüber  war.  Wir  lagen  damals  alle,  gestand  der  König  später,  „auf  dem  Bauche“.

Eine  Flut  von  Schmähungen  in  Zeitungen  und  Schriften  brach  über
Friedrich  Wilhelm  herein,  in  Preußen  wie  im  Auslande  ertönten  die  heftigsten
Zornreden  über  ihn,  der  erst  sein  Volk  habe  niederkartätschen  lassen  und  dann
ihm  doch  volle  Nachgiebigkeit  habe  zeigen  müssen.  Dagegen  anzukämpfen  und
wieder  Vertrauen  zu  gewinnen,  erwies  sich  unendlich  schwer.  Selbst  das  Versprechen,
  welches  der  König  einer  polnischen  Deputation  gab,  ihre  Provinz  neu
zu  gestalten,  änderte  an  der  Gesinnung  nichts,  obwohl  es  die  Forderungen  der
heißgeliebten  Empörer  erfüllte.  Vielmehr  kam  es  in  der  Provinz  Posen  doch
noch  zu  einem  Aufstande,  in  welchem  die  Polen  mit  ruchlosester  Grausamkeit
gegen  alle  Deutschen  verfuhren,  und  welcher  erst  am  9.  Mai  niedergeschlagen
werden  konnte.  Dagegen  hatte  der  König  eine  andere  Sache,  die  schleswigholsteinsche
  mit  Eifer  ergriffen,  wodurch,  so  hoffte  man,  das  Ansehen  Preußens
auch  im  Reich  wieder  hergestellt  werden  könnte.  König  Friedrich  VII.  von  Dänemark
  hatte,  wie  erwähnt,  unmittelbar  nach  seinem  Regierungsantritt  im  Januar
die  durch  alte  Grundgesetze  verbotene  Trennung  Holsteins  von  Schleswig  und
die  Einfügung  dieses  nördlichen  Herzogtums  in  den  dänischen  Staat  verfügt.
Mit  aller  Kraft  wehrten  sich  dagegen  die  Schleswig-Holsteiner,  besetzten  die
Festung  Rendsburg,  und  Friedrich  Wilhelm  erkannte  ihre  Forderung  auf  eine
selbständige  ungeteilte  Stellung  beider  Herzogtümer  unter  dem  Prinzen  von
Augustenburg  an,  ließ  am  10.  April  seine  Truppen  einrücken,  und  ihnen  schlossen  14  /8
sich  auf  Veranlassung  des  Bundestags  Hannoveraner  und  Braunschweiger  an.
Am  29.  April  erstürmten  die  Preußen  unter  dem  General  von  Wrangel  die
Danewerke,  und  am  1.  Mai  überschritten  sie  die  Grenze  von  Jütland.  Indessen
auch  dieses  unzweifelhaft  gerechtfertigte  Verfahren  sollte  noch  schlimme  Verwickelungen
  für  Preußen  nach  sich  ziehen.

Das  Königtum  konnte,  wie  sich  auch  hier  zeigte,  den  schweren  Schlag  nicht
so  schnell  verwinden,  das  alte  Ansehen  nicht  so  rasch  wieder  herstellen.  Daher
geschah  es,  daß  das  deutsche  Parlament,  welches  nach  den  Beratungen  des
Vorparlaments  und  unter  thatsächlicher  Gewährung  des  Bundesrats  wie  der
einzelnen  Regierungen  aus  allgemeinen  Wahlen  heraus  zur  Neuordnung  der
deutschen  Verfassung  am  18.  Mai  1848  in  der  Paulskirche  zu  Frankfurt  a.  M.
zusammentrat,  von  der  „preußischen  Spitze“  absehen  mußte.  Auch  der  Bundestag,
in  dem  Dahlmann  im  Namen  eines  Siebzehner-Ausschusses  die  Aufrichtung
des  deutschen  Kaiserreichs  unter  den  Hohenzollern  gefordert  hatte,  legte  solchen
Plan  —  als  „schlecht  und  unpraktisch“  verurteilte  ihn  kurzerhand  der  Herzog  Ernst
von  Koburg  und  sein  Bruder,  der  Prinzgemahl  von  England  —  einfach  zur  Seite.
Und  doch  war  dieser  Entwurf,  wie  der  Prinz  von  Preisen  unter  entschiedenem  Be-
        <pb n="786" />
        1848
.  Mai

634  Franlfurter  Parlament.

kenntnis  zum  konstitutionellen  System  hervorhob,  ein  Meisterwerk  von  Klarheit,
Gediegenheit  und  Kürze,  der,  wie  er  nur  aus  echt  deutschem  Herzen  entsprungen
sein  könne,  die  Anerkennung  des  Gesamtvaterlandes  verdiene.  Friedrich  Wilhelm
selbst  war  weit  davon  entfernt,  an  die  Spitze  des  Reiches  als  Kaiser  treten  zu
wollen;  er  gedachte  vielmehr  diese  Würde  auch  jetzt  noch  und  zwar  erblich  an
den  Kaiser  von  Oesterreich  als  „Ehrenhaupt  teutscher  Nation“  zu  geben,  sich  aber
mit  der  bescheidenen  Rolle  eines  in  Frankfurt  gekrönten  deutschen  Königs  oder
Reichserzfeldherrn  unter  Oesterreich  zu  begnügen.  Die  Ausscheidung  Oesterreichs
aber  aus  Deutschland,  welche  immer  weitere  Kreise  der  Patrioten  für  notwendig
erkannten,  wies  er  weit  von  sich.  Es  kam  dahin,  daß  selbst  ein  deutscher  Fürst,
Herzog  Ernst  von  Koburg,  die  Abschaffung  der  stehenden  Heere  und  des  Adels
für  notwendig  hielt,  ja  den  historischen  Boden,  meinte  er,  müsse  man  verlassen
und  nach  amerikanischen  Muster  konstituieren.  Unter  solchen  Umständen  läßt  es
sich  begreifen,  daß  das  Parlament  in  Frankfurt  nach  mannigfachen  Debatten  auf
den  Ausweg  geriet,  den  Erzherzog  Johann  von  Oesterreich  als  Reichsverweser
zu  wählen,  um  nur  irgend  eine  Zentralstelle  zu  schaffen.  Als  Gemahl  einer
bürgerlichen  Frau,  und  weil  er  angeblich  einen  Trinkspruch  mit  den  Worten  „tkein
Preußen,  kein  Oesterreich,  ein  einiges  Deutschland!“  ausgebracht,  hatte  der  Erzherzog
  bersöonlich  eine  allgemeine  Beliebtheit  erworben,  und  in  dieser  Wahl  lag
doch  ein  Sieg  über  die  republikanische  Partei,  wie  über  die,  welche  eine  vielköpsige
  Zentralgewalt  wünschte.  Am  29.  Juni  erfolgte  die  Wahl  Johanns,  er
leistete  der  Nationalversammlung  den  Eid  auf  das  Gesetz  wegen  Errichtung  einer
provisorischen  Zentralgewalt,  ließ  sich  aber,  obwohl  dieses  Gesetz  den  Bundestag
aufhob,  sofort  von  diesem  durch  den  österreichischen  Präsidenten  von  Schmerling
dessen  Rechte  und  Befugnisse  übertragen.  Demnächst  bildete  er  sich  auch  ein
Reichsministerium,  und  nach  und  nach  erfolgte  seine  Anerkennung  durch  die
deutschen  und  auswärtigen  Regierungen.  Dagegen  versagte  man  ihm,  wie  anderwärts
  so  auch  in  Preußen,  die  verlangte  Huldigung  und  den  Treueid  der  Truppen.
Sie  würden  ihm  gehorchen,  so  lautete  ein  preußischer  Tagesbefehl,  „so  oft  ihr
Kriegsherr  sie  unter  dessen  Befehle  stellen  würde“.

So  stark  war  in  den  patriotischen  Männern  des  Frankfurter  Parlaments
der  Drang  nach  der  Einheit  des  Reiches,  daß  sie  selbst  eine  so  unglückliche  Einrichtung
  trafen.  Und  so  wenig  befestigt  war  andererseits  doch  wieder  ihre  Macht
im  Parlamente  selbst,  daß  sie  nun  nicht  sofort  die  Verfassung  selbst  beraten
konnten,  sondern  nach  dem  Verlangen  der  radikalen  Linken  in  die  Besprechung
über  die  sogenannten  Grundrechte,  dem  Stichwort  der  Republikaner  eintreten  und
volle  fünf  Monate  sich  mit  diesen  beschäftigen  und  abplagen  mußten.

Unterdessen  war  in  Berlin  der  Vereinigte  Landtag  zusammengetreten,  aber
nur  um  einem  äußerst  liberalen  Wahlgesetz  mit  allgemeinem  Stimmrecht,  welches
das  Ministerium  Camphausen  ihnen  vorlegte,  seine  Zustimmung  zu  geben  und
der  auf  Grund  dieses  Gesetzes  gewählten  National-Versammlung  den  Platz  zu
räumen.  Diese  aber,  welche  am  22.  Mai  1848  „zur  Vereinbarung  einer  Verfassung“
  in  Berlin  eröffnet  wurde,  hatte  im  Gegensatz  zu  dem  Landtage  des
vorigen  Jahres  und  dem  Parlament  in  Frankfurt  weder  die  maßvollen  und
tüchtigen  Mitglieder  wie  jene,  noch  zeigte  sie  sich  der  Lage  der  Dinge  überhaupt
gewachsen.  Ueber  einen  Verfassungsentwurf  Camphausens,  welcher  der  überaus
freisinnigen  belgischen  Verfassung  nachgebildet  war,  mochte  die  Versammlung  über-
        <pb n="787" />
        Preußische  Nationalversammlung.  635

haupt  nicht  beraten,  weil  er  eine  erste  Kammer  vorschlug,  sondern  setzte  unter
Waldeck  eine  Kommission  ein,  die  einen  neuen  Entwurf  aufstellen  sollte.  Und
obwohl  die  radikale  Partei  durchaus  die  Oberhand  hatte,  kobte  und  lärmte  draußen
das  Volk,  empfing  die  Abgeordneten  der  Rechten  beim  Austritt  aus  dem  Situngssaal
  mit  Pfeifen  und  Johlen,  ja  war  nicht  weit  davon  entfernt,  sie  thätlich  zu
mißhandeln.  Die  Bürgerwehr  vermochte  der  Versammlung  einen  wirksamen
Schutz  nicht  angedeihen  zu  lassen,  war  noch  weniger  im  stande,  dem  Pöbelhaufen,
der  am  14.  Juni  das  Zeughaus  stürmte,  irgend  einen  Widerstand  entgegen
zu  setzen.  Die  wirtschaftliche  Lage  litt  unter  dem  Einfluß  der  politischen  Unruhen
entsetzlich,  kein  Kaufmann  wagte  mehr  ein  Geschäft  zu  schließen,  und  nun  blockierte
infolge  des  Vorgehens  in  Schleswig-Holstein  die  dänische  Flotte  sogar  die  Ostseeküste,
  fügte  dem  preußischen  Handel  unermeßlichen  Schaden  zu,  ohne  daß  man
bei  dem  Mangel  einer  eienen  Flotte  die  Möglichkeit  der  #zue  hatte.  Die
Stimmung  im  Lande  wandte  sich  daher  immer  mehr  von  dieser  Versammlung
ab,  der  König  zürnte  ihr  und  dem  Verfassungswerk,  welches  sie  „ausheckte",
immer  heftiger,  berief  aber  ein  neues  Ministerium  Rudolf  von  Auerswald.  Ein
Konflikt  zwischen  dem  Militär  und  den  Bürgern  in  Schweidnitz  veranlaßte  die
Versammlung  zu  einem  Antrag,  der  Kriegsminister  solle  den  Offizieren  die  aufrichtige
  Mitwirk  ung  an  der  Verwirklichung  eines  konstitutionellen  Rechtszustandes
befehlen,  oder,  im  Falle  dies  gegen  ihre  politische  Ueberzeugung  sei,  sie  zum
Austritt  aus  dem  Heere  veranlassen.  Und  als  der  Kriegsminister  solches  verweigerte,
  hatte  der  König  die  Schwäche,  ein  neues  Ministerium  von  Beckerath.  zu
berufen,  in  welches  der  freisinnige  General  von  Pfuel  eintrat,  der  dann  in  der
That  jenem  ungeheuerlichen  Ansinnen  der  Versammlung  ein  Genüge  that.  Dennoch
  blieb  der  draußen  auf  der  Straße  vor  dem  Schauspielhause  lärmende  Pöbel
Herr  der  Versammlung,  und  diese  erklärte  beim  Beginn  der  Verfassungsberatung
kurzweg  das  Königtum  von  Gottes  Gnaden,  den  Adel,  die  Orden  und  Titel  für
abgeschafft.  Endlich  als  im  Oktober  zu  Wien  ein  neuer  Aufstand  ausgebrochen
war,  das  Heer  die  Stadt  hatte  verlassen  müssen,  verlangte  Waldeck  gar  Schutz
für  die  Volksfreiheit  in  Wien.

Da  endlich  griff  der  König  ein.  Auf  Veraulassung  des  Herrn  von  Bismarck-Schönhausen
  berief  er  am  2.  November  den  Grafen  von  Brandenburg,  welcher
inzwischen  in  Schlesien  die  Ruhe  vortrefflich  aufrecht  erhalten  hatte,  zum  Minister-Präsidenten
  und  den  Ministerialdirektor  von  Manteuffel  zum  Minister  des  Innern.
Eine  Deputation  der  Versammlung,  welche  dem  König  in  Potsdam,  wohin  er
übergesiedelt  war,  Vorstellungen  machen  wollte,  wurde  nicht  mehr  vorgelassen,
die  Versammlung  vielmehr  vom  8.  bis  zum  27.  vertagt,  zu  diesem  Termin  na
Brandenburg  berufen  und  über  Berlin  der  Belagerungszustand  verhängt.  Am
10.  rückte  General  von  Wrangel,  nachdem  mit  Dänemark  unter  dem  Einfluß,
oder  man  möchte  sagen,  auf  Anordnung  Rußlands  und  Englands  ein  für  die
Herzogtümer  ungünstiger  Waffenstillstand  zu  Malms  geschlossen  war,  mit  den
Truppen  wieder  in  die  Stadt.  Die  Linke  erklärte  mit  souveräner  Verachtung
der  Rechte  des  Königs  einstimmig,  das  Ministerium  sei  nicht  befugt,  Steuern  zu
erheben,  und  versuchte,  0  n  an  verschiedenen  Orten  wieder  zu  versammeln.  Nur

1848
2.  Nov.

die  Rechte  begab  sich  nach  Brandenburg,  war  jedoch  nicht  beschlußfähig.  Jetzt  «

aber  blieb  der  König  fest,  erklärte  die  Versammlung  für  aufgelöst  und  verkündigte
zugleich  den  Waldeckschen  Eutwurf  als  Verfassung  des  Staates.  Endlich  war
        <pb n="788" />
        Die  Köntal.  Stagtominister:  1  Grasf  Brandenburg,  23  von  Manleuffel  von  Sirot  5  von  Ladenbei  o  von  Nabe,  7  Slimons,  8  von  Schleinl#t#

1  de  di,  4
Die  Prolokollsaohrer:  9  von  Bockum,Dolls,  10  Geh.  Ober-Ulnonz.Nas  noer  Mitolleder  der  1.  und  2.  Kammer:  12  Veleier  1  Jarckort,  14  Medel,
15  von  Beckerath,  10  Urlichs,  11  Gras  Ar#nlm-Boltzenhur  15  von  Klesst.Repow,  19  von  L  s  10  Stasen  *-  21  von  Bodelschwingh,  12  Gra)s  6  3

2#  Stahl,  25  von  Auerzwald,  26  von  Gerlach,  #  von  Branneck,  26  Campl  *—  20  Gencral  von  er,  50  von  G  im,  21  Dahlmann,  32  Graf  Mkvenvleben,  as  von  Amdton,
24  von  Ueihmann-Hollmea,  35  Milde,  20  Brücgemann,  o#  Kühne,  es  Pi  #%  Zomet,  40  Ambronn,  41  Graf  Renard,  &amp;amp;  von  Patow,  43  Geppert,  4  Stlehl,  45  Lerkog  von  Noubor.
Das  Selge  Er.  Mas.  des  Künles:  1  Weee  von  Fallolg,  47  *  von  Bodin,  48  Pr#  Aalbe  105  Geh.  Kadlmeits-Nat  balre,  15  Graf  Waldersee,  51.  Masöor  von  Mloensin
  Uriedrich,  6#  Mullmelster  von  Kuobelsdors,  K4  Oberstleumank  von  Bouln,  us  Prinz  Priedri  Karl,  66  GEraf  von  der  Broeben,  37  Prinz  Korl,  ie  Gemer#l  von  Gerlach,

640  Generol  von  Wrongel,  90  General  von  Nauch,  #l  Veneral  von  Neumann,  63  Hofmarschall  Graf  Keller.
        <pb n="789" />
        i

BRönig  Friedrich  Wilbelm  IV.  beschwört  die  Verfassung  vor  den  vereinigten  beiden  Kammern,
am  6.  Februar  1850.
Nach  der  Zeichnung  von  Paul  Bürde  lithographlert  von  F.  W.  Gennerich.  Auf  etwa  ¼  verkleinert.
        <pb n="790" />
        638  Preußische  Verfassung.

also  wieder  der  König  Herr  in  Preußen,  aus  eigener  Machtvollkommenheit  hatte
er  eine  Verfassung  gegeben,  die  den  weitgehendsten  Ansprüchen  der  Liberalen  genügen
konnte  und  in  dieser  Beziehung  bei  ihnen  auch  Anklang  fand.  Nur  eben  weil  sie
die  Krone  aus  eigener  Machtvollkommenheit  gegeben,  mißfiel  sie  den  Demokraten,
aber  der  König  hatte  sogar  gleichzeitig  zugestanden,  daß  sie  im  Wege  der  Vereinbarung
  auf  dem  nächsten  Landtage,  der  zum  25.  Februar  einberufen  wurde,
revidiert  werde.  Zu  diesem  Landtage  wurden  die  Abgeordneten  auf  der  Grundlage
des  allgemeinen  Wahlrechts  erwählt,  doch  wurde  er,  wie  wir  später  erwähnen
werden,  im  April  1849  aufgelöst.  Nun  gab  die  Krone  ein  neues  Wahlgesetz  auf
Grundlage  des  Dreiklassen-Systems,  und  da  die  Demokraten  es  verschmähten,  auf
solcher  Grundlage  überhaupt  Abgeordnete  zu  wählen,  so  gelang  es  auf  dem  neuen
Landtage,  die  Verfassung  so  zu  gestalten,  daß  der  König  glaubte,  mit  ihr  regieren
zu  können.  Am  31.  Januar  1850  wurde  sie  als  Grundgesetz  verkündigt  und  am
6.  Februar  vom  König  feierlich  beschworen.  Die  alten  Stände  wurden  demnächst
  zur  Beratung  der  Angelegenheiten  ihrer  Provinz  und  ihres  Kreises  wieder
berufen,  und  die  erste  Kammer  wurde  durch  die  königliche  Verordnung  vom
12.  Oktober  1854  zu  einem  Herrenhaus  umgebildet,  in  welchem  der  Großgrundbesitz
  und  der  alte  Adel  eine  würdige  Vertretung,  sowie  ein  fruchtbringendes  Feld
für  seine  Thätigkeit  finden  sollte.

Wohl  waren  nun  eine  große  Anzahl  der  Forderungen  der  Zeit  erfüllt,  man
hatte  andere  Rechte,  die  in  Preußen  längst  in  Uebung  waren,  durch  die  Verfassung
noch  ausdrücklich  gewährleistet.  Man  hatte  Schwurgerichte  und  öffentliches  Gerichtsverfahren,
  man  hatte  Preßfreiheit,  das  Recht  freier  Meinungsäußerung,  das
Recht  zu  petitionieren,  Versammlungen  abzuhalten  und  Vereine  zu  bilden,  man
hatte  die  Unabhängigkeit  der  Richter  und  die  Staatsdiener-Eigenschaft  der  Lehrer,
man  hatte  die  Freiheit  des  Bekenntnisses,  die  Freiheit  der  Wissenschaft  und  ihrer
Lehre,  man  hatte  die  allgemeine  Schul=  und  die  allgemeine  Wehrpflicht.  Man
hatte  endlich  und  vornehmlich  die  Teilnahme  des  Volkes  an  der  gesetgebenden
Gewalt,  man  hatte  sie  durch  die  Bildung  der  zweiten  Kammer,  deren  350  Abgeordnete,
  wenn  auch  durch  die  Vermittelung  von  Wahlmännern  und  durch  drei  Abteilungen
  —  bei  denen  dem  Besitz  eine  gewisse  Bevorzugung  zugestanden  war  —  doch
von  allen  zur  Gemeindewahl  berechtigten  Männern  gewählt  wurden.  Und  diese  Kammer
erhielt  das  Recht,  Gesetze  vorzuschlagen,  alle  Gesetz-Entwürfe,  vor  allem  den  jährlich
ihr  vorzulegenden  Staatshaushalt  zu  prüfen,  zu  ändern,  umzugestalten,  ja  fortan
konnte  ohne  die  Zustimmung  beider  Kammern  ein  Gesetz  überhaupt  nicht  erlassen
werden.  Sie  muß  zu  jeder  Anleihe,  zu  jeder  Steuer,  zu  jedem  Handelsvertrage,
ja  zu  jedem  den  Staat  oder  seine  Bürger  belastenden  Vertrage  ihre  Genehmigung
erteilen.  Sie  kann  Mißstände  zur  Sprache  bringen,  ihre  Abänderung  verlangen,
sie  kann  von  den  Ministern  und  Räten  der  Krone  Rede  und  Antwort  verlangen,
und  diese  sind  für  ihre  Geschäftsführung  verantwortlich,  jede  der  beiden  Kammern
kann  Klage  gegen  sie  beim  obersten  Gerichtshof  erheben  und  selbst  das  Begnadigungsrecht
  der  Krone  nach  gefälltem  Urteil  hängt  in  solchem  Fall  von  der  Initiative
der  klagenden  Kammer  ab.  Aber  all  diesen  weitgehenden  Zugeständnissen  gegenüber
hatte  man  doch  die  Bewegungsfreiheit  der  Krone,  die  Selbständigkeit  und  alleinige
Regierungsbefugnis  des  Monarchen  gewahrt.  Die  Person  des  Königs  ist  unverletzlich,
  und  eben  deshalb  müssen  die  Minister  seine  Regierungsakte  mit  unterzeichnen,
oder,  wenn  sie  anderer  Meinung  als  der  Monarch  sind  und  seine  Handlung  nicht
        <pb n="791" />
        Preußische  Verfassung.  639

verantworten  zu  können  meinen,  um  ihre  Entlassung  bitten.  Dem  Könige  steht
die  gesamte  vollziehende  Gewalt  zu,  und  auch  für  die  gesetzgebende  giebt  er  zuletzt  und
allein  den  Ausschlag.  Der  König  ernennt  und  entläßt  die  Minister  und  Beamten  nach
seinem  Willen  und  keine  Partei-Majorität  hat  ihm  darein  zu  reden.  Er  ernennt
die  Generale  und  überhaupt  alle  Offiziere  der  Armee,  er  ist  der  oberste  Kriegsherr,
  er  entscheidet  über  Krieg  und  Frieden,  er  schließt  die  Verträge  mit  auswärtigen
  Mächten,  in  seinem  Namen  und  von  ihm  ernannten  Beamten  wird  das
Recht  gesprochen,  seine  Unterschrift  nd  sein  Befehl,  sie  zu  veröffenklichen,  giebt
den  von  den  Kammern  genehmigten  Entwürfen  erst  die  Kraft  des  Gesetzes.  Der
Wille  des  Königs  allein  entscheidet  mithin  in  letzter  Instanz  die  innere  wie  die
auswärtige  Politik  des  Staates.  Der  König  ist  kein  Schemen  wie  in  anderen
Staaten  geworden,  er  ist  der  wirklich  regierende  Herr  geblieben,  und  Friedrich
Wilhelm  hatte,  als  er  die  Verfassung  beschwor,  Fug  und  Recht  zu  der  Behauptung,
„in  Preußen  muß  der  König  regieren“.

Immerhin  sehr  wesentliche  Rechte,  die  Befugnis,  ganz  unabhängig  und  völlig
frei  zu  handeln,  war  mit  jenen  Zugeständnissen  dahin  gegeben,  es  war  eine  vo
ständige  Umgestaltung,  die  aber,  und  darin  liegt  ihre  Bedeutung,  den  sittlichen
und  politischen  Anschauungen  der  besten  und  gereiftesten  Männer  bei  allen  Abweichungen
  im  einzelnen  entsprach,  und  jene  Einheit  von  Regierung  und  Unterthanen,
welche  im  Wesen  des  Staates  liegt,  neu  begründete.  Das  nun  fragte  sich  allerdings,
  wieweit  sich  dieser  Uebergang  vom  absoluten  zum  konstitutionellen  Staat
bewähren  werde.  Aber  zunächst  war  doch  innerhalb  der  schwarz-weißen  Pfähle
die  Ruhe  des  Staates,  die  Sicherheit  der  königlichen  Regierung  wieder  hergestellt.
Und  blickte  man  auf  die  anderen  deutschen  Staaten  und  auf  die  Entwickelung,  die
der  Bundestag  genommen,  so  hätte  es  bei  den  haltlosen  Zuständen  im  Reich,  der
Abneigung  Oesterreichs  und  der  Mittelstaaten  vielleicht  nahe  gelegen,  sich  ganz
vom  Reiche  zu  trennen  und,  wozu  das  Staatswesen  gewiß  groß  und  mächtig
genug  gewesen  wäre,  ein  abgeschlossenes  Leben  für  sich  zu  führen.  Doch  auch
nicht  ein  Gedanke  solcher  Art  konnte  aufkommen.  Man  hätte  ja  mit  der  ganzen
Vergangenheit,  mit  dem  Grund-Charakter  des  Staates  gebrochen.  Mit  allen
Fasern  hing  dieser  mächtigste,  rein  deutsche  Staat  am  Reich,  und  wieder  dieses
war,  wie  wenigstens  eine  große  Zahl  der  Männer  des  Frankfurter  Parlaments
meinte,  auf  Preußen  angewiesen.  Und  wenn  dieser  Gedanke  im  übrigen  Deutschland
  zuweilen  geleugnet  wurde,  so  blieb  im  Berliner  Kabinett  selbst  doch  die
Lösung  der  deutschen  Frage  die  vornehmste  Aufgabe.

Preußens  Dersuche  zur  Einigung  Deutschlands.  —  Rrimhrieg.

ir  wissen,  daß  Friedrich  Wilhelm  sich  die  Stellung  Preußens  innerhalb
Deutschlands  immer  als  eine  sehr  bescheidene  gedacht.  Er  meinte  —  ganz
wie  seine  Vorfahren  im  Dienste  Habsburgs  so  oft  ihre  besten  Kräfte  verzehrt
hatten  —  die  Kaiserkrone  gebühre  nach  dem  Verlaufe  der  deutschen  Geschichte  dem
Erzhause,  das  so  lange  vom  fernen  Südosten  her  die  Geschicke  des  Reiches  nach
dem  Interesse  seiner  vielsprachigen  Völker  geleitet  hatte.  Für  die  Krone  Preußens
        <pb n="792" />
        640  Des  Königs  deutsche  Pläne.  —  Frankfurter  Parlament.

wünschte  er  nur  die  erbliche  Würde  eines  Reichserzfeldherrn  über  die  nach  Reichswehr-Herzogtümern
  einzuteilenden  deutschen  Truppen,  oder  hielt  es  doch  für  ausreichend,
  wenn  er  und  seine  Nachfolger  im  Frankfurter  Dom  als  deutsche  Könige
gekrönt  würden,  ja  es  erschien  ihm  wohl  ehrwürdig,  dem  deutschen  Kaiser  die
längst  vergessenen  Dienste  als  Erzkämmerer  des  heiligen  Reiches  zu  leisten.

Als  nun  Radetzky  die  Italiener  mehrfach,  besonders  bei  Custozza  besiegt,
als  Fürst  Windischgrätz  sowohl  die  Czechen  niedergeworfen,  wie  Ende  Oktober
auch  die  Hauptstadt  wieder  eingenommen  und  den  Aufstand  blutig  bestraft  hatte,
Kaiser  Ferdinand  aber  am  2.  Dezember  zu  Gunsten  seines  Neffen  Franz  Joseph
abgedankt,  da  trat  Friedrich  Wilhelm  alsbald  auch  mit  dessen  Minister  Fürsten
von  Schwarzenberg  in  Verhandlung  über  die  deutsche  Frage.  In  einer  ausführlichen
  Denkschrift  vom  4.  Januar  1849  legte  der  König  seinen  Plan  einer  gemeinsam
  durch  die  Regierungen  und  das  Parlament  vorzunehmenden  Revision
des  Frankfurter  Verfassungswerkes  vor.  Ein  Kollegium  der  deutschen  Könige
sollte  die  Regierung  führen,  ein  von  den  Fürsten  zu  beschickendes  Staatenhaus
als  Oberhaus  und  das  Parlament  als  Unterhaus  in  Wirksamkeit  treten.  Durch
einen  solchen  Plan  benachteiligte  aber  Preußen  ganz  gegen  sein  früheres  Verhalten
die  kleineren  Fürsten  und  begünstigte  die  Könige.  Es  betrat  damit  den  Weg,  den
Metternich  gegangen.  Aber  natürlich  dachte  sich  Oesterreich  nicht  den  Rang  ablaufen
  zu  lassen,  und  Schwarzenberg  hatte  ein  viel  weiter  gehendes  System  im
Auge,  wonach  sich  im  Reich  gewisse  Gruppen  bilden,  und  die  Mittelstaaten  die
kleinen  in  sich  aufnehmen  sollten.  Oesterreich,  Preußen  und  die  vier  Mittelstaaten
sollten  danach  die  Kleinstaaten  einfach  mediatisieren  und  Deutschland  unter  sich
aufteilen.  Jedoch  wie  der  König  zugab,  daß  es  seiner  Einbildungskraft  zwar
nicht  an  Bildern  und  Wünschen  für  die  Verfassung,  aber  doch  an  solchen  mangele,
die  er  für  befähigt  halte,  irgendwie  zur  Beachtung  zu  empfehlen,  so  erklärte  auch
Schwarzenberg  auf  die  Hindeutung,  ob  denn  das  kaiserliche  Kabinett  einen  durchdachten
  Plan  habe,  rundweg  Nein.  Die  Mittelstaaten  dagegen,  denen  der  König
ebenfalls  seinen  Plan  vorgelegt,  fürchteten,  durch  Preußen  Einbuße  an  ihrer
Souveränetät  zu  leiden  und  waren  zu  irgend  einem  Zugeständnis  um  so  weniger
zu  bewegen,  je  mehr  sie  hoffen  konnten,  daß  die  Revolutionen  zur  Neige  gingen,
oder  daß  doch  Oesterreich  nach  dem  Siege  über  den  allein  noch  tobenden  ungarischen
Aufstand  Kräfte  genug  entfalten  könne,  um  auch  im  Reich  die  Empörung  niederzuschlagen.


Etwas  weiter  war  indessen  doch  das  Parlament  in  Frankfurt  mit  seinem
Verfassungswerke  gekommen,  und  Preußen  hatte  den  übrigen  Staaten  vorgeschlagen,
die  Berechtigung  des  Verfahrens  dieser  Versammlung  anzuerkennen,  da  die  Regierungen
  ihr  keine  Vorlage  unterbreitet  hätten.  Nur  die  Revision  des  hier  festzustellenden
  Entwurfes  und  die  zeitige  Einreichung  der  eigenen  Pläne  war  den
einzelnen  Regierungen  vorbehalten.  Ueber  die  Frage,  ob  der  preußisch-dänische
Waffenstillstand  von  Malms  bestätigt  werden  sollte,  hatte  sich  zwar  in  der  Paulskirche
  ein  gewaltiges  Zerwürfnis  erhoben,  ja,  als  ihm  nach  einer  anfänglichen
Ablehnung  doch  zugestimmt  wurde,  weil  ohne  Preußen  die  schleswig-holsteinische
Frage  nun  einmal  nicht  zu  lösen  war,  hatte  der  Frankfurter  Pöbel  sich  gegen
das  Parlament  erhoben  und  den  General  von  Auerswald  wie  den  Fürsten  von
Lichnowsky  aufs  grausamste  ermordet.  Inzwischen  war  aber  auf  den  Antrag  der
Professoren  Dahlmann  und  J.  G.  Droysen  die  Stellung  Oesterreichs  in  dem  neuen
        <pb n="793" />
        Oesterreichs  Pläne.  —  Kaiserwahl.  641

Staatenbunde  zur  Erörterung  gekommen.  Und  wiewohl  es  nun  urtorisch  war,
wie  Oesterreich  seine  Verpflichtungen  zum  Bunde  bisher  aufgefaßt  hatte,  so  verlangte
  Schwarzenberg  doch  die  Aussetzung  der  Beratung,  bis  Oesterreich  seine
Verhältnisse  geordnet  hätte.  Vom  Anfang  an  war  es  den  Patrioten  klar,  daß
adas  Warten  auf  Oesterreich  das  Sterben  der  deutschen  Einheit  sei“,  und  daß
Pesterreich  mit  seiner  weitaus  überwiegenden  Zahl  nichtdeutscher  Unterthanen  im
neuen  Reiche  nur  ebenso  verderblich  wirken  könne  wie  im  alten.  Doch,  wie  um
-  Zweifel  über  ihre  Ansichten  zu  zerstreuen,  hatte  sich  die  Hofburg  am
4.  Februar  gegen  jede  Unterordnung  unter  eine,  von  einem  anderen  deutschen
Fürsten  gehandhabte  Zentralgewalt  verwahrt,  sowie  am  9.  März,  nachdem  die
österreichischen  Staaten  in  einer  streng  zentralen  Verwaltung  zusammengefaßt  waren,
den  Eintritt  mit  allen  seinen  Ländern  in  den  Bund  und  gleichzeitig  auch  den
Wegfall  eines  deutschen  Reichstages  verlangt,  nur  die  Bildung  eines  Staatenhauses
zugestanden.  Von  den  siebzig  Millionen  Einwohnern,  die  Oesterreich  und  Deutschland
  zusammen  bevölkerten,  sollte  auf  jede  Million  ein  Abgeordneter  von  den
Fürsten  in  dieses  Haus  entsendet  werden.  Das  aber  hieß,  da  Oesterreich  achtunddreißig
  Millionen  und  darunter  dreißig  Millionen  nichtdeutsche  Einwohner  hatte,
die  zweiunddreißig  Millionen  Deutsche  im  Reich  dem  Kaiserstaate  und  dem  Interesse
seiner  nichtdeutschen  Bevölkerung  unterwerfen.  Deutschland  sollte  seine  Einrichtungen
nicht  nach  seinen  Bedürfnissen  treffen,  sondern  nach  den  Vorschriften  und  nach  den
Zwecken  der  fremden  Nationen,  über  welche  der  Kaiser  herrschte.  Eine  solche
Verhöhnung  des  Deutschtums  konnte  das  Parlament  nicht  ohne  deutliche  Erwiderung
  lassen.  Daher  spaltete  sich  die  Partei,  welche  bisher  die  acht  Millionen
deutscher  Oesterreicher  dem  Reiche  zu  erhalten  gewünscht  hatte,  und  der  Streit
über  die  Frage,  ob  überhaupt  ein  Kaiser,  ob  mit  dem  Recht  der  Erblichkeit  oder
nur  auf  Lebenszeit  oder  auf  kürzere  Dauer  gewählt  werden  sollte,  trat  der  österreichischen
  Absicht  der  Vergewaltigung  Deutschlands  gegenüber  zurück.  Am  27.  März
wurde  das  erbliche  Kaisertum  beschlossen,  und  am  28.  —  denn  über  die  Personenfrage
  war  kein  Zweifel  —  Friedrich  Wilhelm  IV.  zum  deutschen  Kaiser  erwählt.
Nun  stand  es  zwar  so  gut  wie  fest,  daß  dieser  eine  Kaiserkrone  aus  den
Händen  des  Parlaments  nicht  annehmen  werde.  Er  hatte  seinen  Abschen  gegen
die  Revolution  —  und  in  deren  Strom  trieb  jetzt  auch,  wie  er  aussprach,  die
Nationalversammlung  —  scharf  und  oft  genug  ausgesprochen  und  wiederholt
betont,  wie  allein  die  deutschen  Fürsten  einen  Kaiser  wählen  dürften.  Seine
ganze  legitimistische  Grundempfindung  mußte  sich  einer  Anschauung  widersetzen,  aus
welcher  heraus  die  Versammlung  über  die  Krone  Karls  des  Großen,  der  Salier
und  Hohenstaufen  glaubte  versügen  zu  können.  Es  kam  aber  hinzu,  daß  das
Parlament  vor  der  Wahl  der  Linken  das  schwer  ins  Gewicht  fallende  Zugeständnis
  hatte  machen  müssen,  wonach  ein  dreimal  wiederholter  Parlamentsbeschluß,
  ungeachtet  des  kaiserlichen  Widerspruches  Gesetzeskraft  erlangen,  auch
die  Wahlen  zum  Parlament  in  geheimer  Abstimmung  erfolgen  sollten.  Am
3.  April  erklärte  daher  der  König  der  von  Frankfurt  eingetroffenen  Deputation,
daß  er  ohne  das  freie  Einverständnis  der  deutschen  Regierungen  keinen  Entschluß
von  solcher  Bedeutung  für  alle  deutschen  Staaten  fassen  könne,  und  die  Regierungen
prüfen  müßten,  ob  die  in  Frankfurt  beschlossene  Verfassung  dem  deutschen  Volke
omme  und  eine  kräftige  Reichsregierung  möglich  mache.  Darin  erkannte  die
Deputation,  weil  der  König  die  Verfassung,  auf  deren  Grund  ihn"  die  Krone
Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.

1849
25.  März
        <pb n="794" />
        642  Ablehnung  ·  Friedrich  Wilhelms.  —  Deutsche  Aufstände.

angeboten  sei,  nur  als  einen  der  Revision  bedürftigen  Entwurf  betrachte,  die
Ablehnung.  Dagegen  wurden  von  Berlin  aus  noch  an  demselben  Tage  an  die
einzelnen  Regierungen  Schreiben  gerichtet,  in  welchen  sich  der  König,  weil  der
Reichsverweser  zurückzutreten  wünschte,  zur  Uebernahme  einer  provisorischen  Zentralgewalt
  und  zur  Führung  der  sich  freiwillig  anschließenden  Staaten  bereit  erklärte,
und  in  welchen  die  Regierungen  zugleich  zur  Absendung  von  Kommissaren  nach
Frankfurt  zur  gemeinsamen  Beratung  mit  der  Versammlung  in  der  Paulskirche
aufgefordert  wurden.  Auch  in  Frankfurt,  wohin  Camphausen  im  Einverständnis
mit  dem  Könige  eilte,  glaubte  man,  weil  die  österreichischen  Abgeordneten  nach
der  Kaiserwahl  von  Schwarzenberg  sofort  zurückberufen  waren,  das  ganze  Werk
noch  einmal  beraten  zu  können,  und  schon  erklärten  achtundzwanzig  Staaten  ihre
Zustimmung  zu  der  Verfassung,  der  etwas  später  auch  Württemberg  beitrat.  Da

a  ließ  der  König  am  21.  April  durch  den  Grafen  von  Brandenburg  der  zweiten
Kammer  die  Ablehnung  der  Reichsverfassung  verkündigen  und  löste  diese,  als
sie  sie  trotzdem  annahm,  auf.  Damit  war  das  Werk  gescheitert.  So  tief
schmerzlich  es  war  für  jene  Männer,  die  in  Frankfurt  wahrlich  ihr  Bestes  eingesetzt
  hatten  für  das  Wohl  des  Vaterlandes,  und  deren  reines  patriotisches
Streben  auch  Friedrich  Wilhelm  nicht  verkannte:  sie  hatten  sich  nicht  nur
über  die  Auffassung  Friedrich  Wilhelms,  sondern  über  die  ganze  Lage  getäuscht.
Denn  ohne  einen  Krieg,  ohne  militärischen  Zwang  hätte  sich  Oesterreich,  das
war  gewiß,  einem  deutschen  Kaiser  aus  dem  Hohenzollern-Hause  niemals  unterworfen
  noch  seine  Machtstellung  in  Deutschland  aufgegeben.  Das  hatte  man  nicht
beachtet,  und  als  der  Prinz  von  Preußen  der  Deputation,  die  er  zu  sich  geladen,
die  Frage  vorlegte,  ob  sie  dem  König  zumuten  wolle,  mit  80  000  Mann  in
Bayern  einzurücken,  um  den  Monarchen  dort  zur  Einwilligung  zu  ie
erwiderte  ihm  einer  aus  ihrer  Mitte,  daß  daran  niemand  denke.  Trotzdem  wir
heut  durchweg  anerkannt,  daß  jene  Männer  ihrer  Zeit  voraus,  „den  Samen
einer  großen  Zukunft“  ausgeworfen  haben,  und  wenn  all  ihre  Gestaltungsversuche
die  deutsche  Einheit  nicht  begründen  konnten,  so  haben  sie  doch  die  Ueberzeugung
von  der  Notwendigkeit,  unter  Ausschluß  Oesterreichs  die  deutschen  Völker  unter
einem  erblichen  Kaiser  aus  dem  preußischen  Königshause  zu  scharen,  in  alle
erzen  so  tief  eingegraben,  daß  sie  zuletzt  Gestalt  gewann.

Unter  dem  Vorwande,  die  Reichsverfassung  erzwingen  zu  müssen,  wußten
indessen  die  radikalen  Parteien,  und  ohne  Zweifel  in  Verbindung  mit  den  Gesinnungsgenossen
  in  Paris,  zugleich  an  drei  Stellen,  in  Dresden,  in  der  baye-Mai

  rischen  Pfalz  und  in  Baden  Empörungen  hervorzurufen,  von  denen  namentlich
die  im  Süden  durch  die  Teilnahme  der  Truppen  und  den  Uebergang  der  Bundesfestungen
  Landau  und  Rastatt  einen  höchst  gefährlichen  Charakter  annahmen.
Die  Empörung  in  Dresden  warf  ein  preußisches  Garderegiment  leicht  nieder,
gegen  den  Aufstand  in  der  Pfalz  und  in  Baden  sandte  der  König,  auf  die  Bitte
der  Münchener  und  Karlsruher  Regierung  den  Prinzen  von  Preußen  mit  zwei
Armeekorps,  der  dann  durch  das  Gefecht  bei  Waghäusel  und  die  Einnahme  von

u1.  Juni  Rastatt  binnen  wenigen  Wochen  auch  hier  den  Aufstand  zu  Boden  schlug.
Inzwischen  hatte  Preußen  in  Wien  ein  neues,  vom  General  von  Radowitz
ausgearbeitetes  Projekt  vorgelegt,  welches  Oesterreich  in  eine  eigentümlich  ausgeklügelte
  Union  mit  dem  deutschen  Reich  als  Bundesstaat  unter  preußischer
Leitung  bringen  wollte.  Dies  lehnte  die  Hofburg  kurz  ab,  verlangte  eine  Direk-
        <pb n="795" />
        Dreikönigsbündnis.  643

torialregierung  von  Oesterreich,  Preußen  und  den  Mittelstaaten.  An  diese  hatte

sich  nun  Friedrich  Wilhelm  ebenfalls  gewendet  und  sie,  in  der  Voraussetzung,

daß,  wiewohl  die  Bundesverfassung  von  1815  völlig  beseitigt  sei,  doch  das  Recht

der  deutschen  Fürsten  zu  Sonderbündnissen  nach  Artikel  11  der  Bundesverfassung
fortbestehe,  zu  Besprechungen  nach  Berlin  geladen.  Hier  war  denn,  obwohl
Oesterreich  sich  ablehnend  verhielt,  und  der  bayerische  Gesandte  seinen  Mangel

an  Instruktion  erklärte,  in  der  Nacht  vom  26.  zum  27.  Mai  zwischen  rsen,  Er
Sachsen  und  Hannover  ein  Vertrag  geschlossen,  nach  welchem  Preußen  die  O

leitung  des  Bundes  erhielt,  die  Geschäftsführung  aber  von  einem  —

—  —

 

Die  Burg  Hohenzollern  nach  ihrem  e
Nach  dem  Gemälde  von  Johann  Adolf  Lasinsky  (1808—1871).
Der  Neubou  begonn  1647  und  om  3.  Dliober  1607  ersolgie  dle  selerliche  Lues  S  Könla  Wllhelu  1.

Verwaltungsrat  geübt  werden  sollte.  Eine  Verfassung  wurde  der  Nation  nach
dem  Muster  der  Frankfurter  in  Aussicht  gestellt,  die  eine  Reichsversammlung
demnächst  prüfen  sollte.  Die  übrigen  Regierungen  wurden  zum  Beitritt  zu  diesem
„Dreikönigsbunde“  eingeladen.  Unter  dem  Eindruck  der  preußischen  Siege  in
Baden,  und  da  Oesterreich  durch  den  ungarischen  Aufstand  vollauf  beschäftigt  war
—  auch  die  Altkaiserlichen  des  Frankfurter  Parlaments  billigten  den  Versuch
und  erklärten  in  Gotha  ihre  Zustimmung  —  traten  in  der  That  die  Kleinstaaten
fast  vollzählig  bei.  Doch  als  nun  der  Tag  für  die  Reichstagswahl  auf  den
Antrag  Nassaus  zum  26.  September  festgesetzt  werden  sollte,  zeigte  sich,  daß
Sachsen  und  Hannover  falsches  Spiel  gespielt  hatten.  Inzwischen  hatte  nämlich
Oesterreich  endlich  den  Aufstand  der  Ungarn  niedergeschlagen,  und  nun  meinten
41½
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        1850
20.  März

644  Oesterreichs  Plan.  —  Vierkönigsbündnis.  —  Rumpfbundestag.

die  beiden  Staaten,  Preußen  nicht  mehr  nötig  zu  haben.  Sie  beriefen  sich  jetzt
auf  einen  Vorbehalt,  den  sie  erst  nach  Abschluß  des  Vertrages  gemacht,  und
erklärten,  ohne  den  Beitritt  aller  Staaten  auch  ihrerseits  nicht  gebunden  zu  sein.
Man  weiß  heut,  daß  dies  treulose  Verhalten  mit  Oesterreich  und  Bayern  verabredet
  war,  um  die  Erstarkung  des  Kaiserreichs  abzuwarten  und  gemeinsam  die
Pläne  gegen  Preußen  und  das  Reich  ins  Werk  zu  setzen.  Denn  der  Wiener
Hof  wollte  ja  den  Bundestag  durch  ein  Direktorium  von  Oesterreich,  Preußen
und  den  vier  kleineren  Königreichen  ersetzen,  zu  welchem  nun  auch  beide  Hessen
hinzugezogen  werden  sollten.  Deutschland  sollte  wieder  in  sechs  Kreise,  jeder
unter  der  Leitung  eines  königlichen  Kreisobersten,  zerteilt  werden,  und  jede  Volksvertretung
  beim  Bunde  ausgeschlossen  sein.  ansterreich  bot  den  Mittelstaaten  also  auf
Kosten  der  Kleinstaaten  wieder  ein  großes  Uebergewicht,  drückte  Preußen  auf  gleiche
Lage  mit  ihnen  herunter,  und  das  war  in  Wien  sowohl  wie  in  München  und
Stuttgart  um  so  erwünschter,  als  die  hochherzige  Uebertragung  der  hohenzollernschen
  Lande  durch  den  national  gesinnten  Fürsten  Karl  Anton  an  Preußen  —  bei  der
Huldigung  legte  der  König  zugleich  den  Grundstein  zum  Wiederaufbau  des
Stammsitzes  seines  Hauses,  der  Burg  Hohenzollern  —  eben  damals  zu  dem
Unkenruf  von  den  preußischen  Vergrößerungsplänen  neuen  Anlaß  bot.

Und  in  der  That  war,  wiewohl  das  neue  Parlament  in  Erfurt  zusammentrat
  und  die  Verfassung  —  übrigens  schon  nicht  mehr  in  Uebereinstimmung  mit  dem
Willen  Friedrich  Wilhelms  und  des  neuen  durchaus  konservativ  gesonnenen  preußischen
  Landtages  —  en  bloc  annahm,  Preußen  von  Oesterreich  überholt.  Schon
hatten  nämlich  die  vier  Königreiche  unter  d0c  einen  Gegenbund  geschlossen,  und
nun  versammelte  Schwarzenberg  ohne  jede  Beratung  mit  Preußen  nur  um  die
Union  vollends  zu  sprengen,  die  Vertreter  der  vier  kleinen  Königreiche  und  Kurhessens,
  Luxemburgs,  ja  auch  des  dänischen  Königs  am  16.  Mai  in  Frankfurt
als  Plenum  des  alten  Bundestages.  Ein  so  rückhaltvolles  und  rücksichtsloses
Verfahren  —  um  einen  Ausdruck  des  Ministers  von  Manteuffel  zu  gebrauchen
—  mußie  den  König  tief  verletzen  und  seine  schon  entschwundene  Neigung  für
die  Union  neu  beleben.  Denn  Oesterreich  schob  Preußen  als  nicht  vorhanden
einfach  beiseite  und  wollte  es  zwingen,  sich  ihm  in  der  alten  Bundesverfassung
wieder  unterzuordnen.  Schon  war  es  sogar  zum  Kriege  bereit,  sammelte  in
Böhmen  seine  Truppen,  und  der  König  erbat  und  erhielt  daher  von  seinen
Kammern  einen  Kredit  von  achtzehn  Millionen.  Denn  auch  Kaiser  Franz  Joseph
äußerte  in  einem  Briefe  vom  20.  Juni  ganz  unverblümt  die  Absicht  zu  einem

—.-.  gegen  Preußen.  Ein  Kongreß  der  Unionsfürsten  in  Berlin  zeigte  aber

deren  geringe  Neigung  für  das  Berliner  Kabinett,  und  da  auch  Rußland,  gleich
England  entschieden  die  preußische  Verteidigung  der  schleswig-holsteinischen  Herzogtümer
  mißbilligte  und  auf  Oesterreichs  Seite  an  dem  Kriege  gegen  Preußen  teilzunehmen
  im  Begriffe  war,  so  mußte  man,  wie  ungern  auch  immer,  am  2.  Juli  1850
mit  Dänemark  Frieden  schließen,  um  nur  in  Wien  den  Antrag  stellen  zu  können,
einen  Kongreß  aller  deutschen  Staaten  zur  Beratung  der  Verfassung  zu  berufen.
Schwarzenberg  aber  machte  die  Ausführung  dieses  Plaues  von  der  Aufgabe  der  Union
abhängig,  verfügte  ungescheut  feindselige  Maßregeln  und  außer  den  österreichischen
Truppen  in  Böhmen  sammelten  sich  nun  auch  schon  die  bayerischen  in  Franken.

Bis  zur  äußersten  Grenze  aber  verschärfte  sich  der  Gegensatz  zwischen  Preußen
und  Oesterreich  wie  den  süddeutschen  Königreichen  andererseits,  als  der  Kurfürst
        <pb n="797" />
        Kurhessen.  —  Warschau.  645

von  Hessen  in  Folge  seines  brutalen  Verfassungsbruches  die  Hilfe  des  von  Preußen
nicht  anerkannten  neuen  Bundestages  anrief,  und  dieser  bereit  war,  das  Land
zu  besetzen.  Denn  wiewohl  der  in  allen  seinen  Stadien  gleichmäßig  schauderhafte
eiuche  Verfassungskonflikt  den  Oesterreichern  wenig  erwünscht  sein  mochte,  so
bot  sich  in  dem  Beschluß,  die  Exekution  in  Hessen  zu  vollstrecken,  doch  Gelegenheit
  für  eine  wirksame  Thätigkeit  des  Rumpfbundestages,  wie  man  ihn  genannt
hat.  Ließ  Friedrich  Wilhelm  dies  zu,  so  gab  er  damit  thatsächlich  seine  Unionsbestrebungen
  auf,  erkannte  den  Bundestag  und  somit  das  österreichische  Uebergewicht
wieder  an.  Zugleich  aber  bot  die  Besetzung  Kurhessens,  da  Preußen  eine  militärische
Etappenstraße  zwischen  Berlin  und  Köln  über  Kassel  hatte,  noch  eine  weitere
Möglichkeit,  den  verhaßten  Gegner  zu  demütigen.  Ueberzeugt,  daß  Rußland  jedes
Verfahren  gegen  die  angeblichen  Revolutionäre  in  Kurhessen  billige,  schlossen  daher
die  Monarchen  von  Oesterreich,  Bayern  und  Württemberg  in  einer  persönlichen
Zusammenkunft  zu  Bregenz  am  11.  Oktober  gegen  Preußen  ein  Bündnis  und
verabredeten  die  weiteren  militärischen  Maßregeln.  200  000  Mann  sollten  nunmehr
  mobil  gemacht  werden,  und  schon  sprach  man  sich  gegenseitig  die  Freude  aus,
gemeinsam  gegen  den  preußischen  Feind  zu  marschieren.

Oesterreich  wollte  durchaus  Preußen  zunächst  demütigen,  dann  vernichten,
gefahrvoll  aber  wurde  dies  erst,  als  auch  der  Zar,  entrüstet,  daß  Friedrich
Wilhelm  die  Verträge  von  1815  verlassen  und  mit  der  Revolution  paktiert  habe,
sich,  wie  er  schon  im  Mai  dem  Prinzen  von  Preußen  erörkert  hatte,  durchaus
auf  österreichischen  Boden  stellte,  die  preußischen  Unionsbestrebungen  verurteilte
und  bereit  war,  in  dem  bevorstehenden  Kriege  auf  Oesterreichs  Seite  zu  treten.

Eine  solche  Möglichkeit  war  für  die  Friedensneigung  des  Königs  ein  entsetzliches
  Bild.  Er  sandte  daher  den  Grafen  von  Brandenburg  zu  einer  Besprechung
  mit  dem  Zaren  nach  Warschau,  wo  sich  auch  Kaiser  Franz  Joseph  und
Schwarzenberg  einfanden.  Hier  stellte  es  sich  nun  heraus,  daß  der  Zar  namentlich
  den  Widerstand  Friedrich  Wilhelms  gegen  die  Bundesexekution  in  Hessen,
gegen  die  Bestrafung  der  Rebellen  als  persönliche  Beleidigung  ansah,  daß  Oesterreich
  aber  an  seinem  Bundestage  und  dessen  Exekutionsrecht  in  Hessen  wie  auch
in  Schleswig-Holstein  festhielt.  Dagegen  gab  es  nach,  daß  die  weiteren  Beratungen
über  die  Verfassung  auf  freien  Konferenzen  stattfinden  dürften,  und  so  erwog  Graf
Brandenburg,  daß  die  freie  Vereinbarung  der  Verfassungen  zwischen  den  einzelnen
Regierungen  ja  auch  bei  der  Union  der  leitende  Grundgedanke  war,  und  der  König
sah  ja  im  Grunde  seines  Herzens  sowohl  in  den  Schleswig-Holsteinern,  wie  in  den
Kurhessen,  ebenso  wie  Nikolaus,  nur  Empörer  gegen  die  Obrigkeit.  So  betrachtet,
schien  dem  Grafen  der  ganze  Streit  doch  nur  eine  Formsache  zu  sein,  für  die  man
sich  den  Gefahren  eines  Krieges  gegen  Oesterreich,  Rußland  und  Süddeutschland
nicht  aussetzen  dürfe.  Zu  dem  gleichen  Resultat  kam  Otto  von  Bismarck,  jedoch
aus  anderem  Grunde.  Er  urteilte,  daß  es  eines  großen  Staates  unwürdig  sei,
für  eine  Sache  zu  streiten,  die  nicht  seinem  eigenen  Interesse  angehöre.

iäu  Berlin  dagegen  war  Herr  von  Radowitz  entschieden  für  den  Krieg,  und
auch  d  preußische  Bevölkerung  forderte  voller  Begeisterung  für  die  verfassungstreuen
  Hessen  und  voller  Zorn  gegen  den  gewaltthätigen  Zaren  stürmisch  die
Erhebung  der  Waffen."“  Noch  während  der  Beratungen  im  Staatsmansterium
kam  die  Nachricht,  daß  wirklich  ein  österreichisch-bayerisches  Kor's  in  Hessen  a

5

 

1850
11.  Okt.

Olt.

1.  November  eingerückt  sei,  und  darauf  besetzten  nun  auch  zwei  preußische  Korps  1.  Nov.
        <pb n="798" />
        1850
28.  Nov.

646  Krieg  in  Sicht.  —  Olmü.

Kassel  und  Fulda.  Nun  galt  es  die  Entscheidung.  Heftige,  aufgeregte  Sitzungen
fanden  im  Staatsministerium  statt.  Radowitz  verlangte  energisch,  den  Waffengang
zu  unternehmen,  und  ebenso  forderte  der  Prinz  von  Preußen,  in  seinem  warmen
preußischen  Ehrgefühl  beleidigt,  daß  man  zurückweichen  wolle,  während  die  Truppen
sich  im  Felde  völlig  intakt  gegenüber  ständen,  Rußland  aber  wie  Oesterreich  hochmütig
  von  Preußen  Krieg  oder  Unterwerfung  verlangten,  sofortige  Mobilmachung,
bewaffnete  Unterhandlung.  Graf  Brandenburg  verharrte  bei  seiner  Friedenspolitik,
Friedrich  Wilhelm  aber  überließ  die  Entscheidung  den  Ministern.  Da  reichten
Radowitz,  Ladenberg  und  von  der  Heydt  ihre  Entlassung  ein,  und  nun  drang  die
Ansicht  des  Grafen  im  Staatsministerium  durch.  Es  wurde  von  der  Majorität
eine  besänftigende  Erklärung  nach  Wien  beschlossen  und  auch  nach  des  Grafen
von  Brandenburg  plötzlichem  Tode  abgesandt.  Gemeinsam  mit  Oesterreich,  aber
ohne  Auftrag  von  dem  nicht  zu  Recht  bestehenden  Bundestag  wollte  Preußen
sich  zur  Ausführung  der  Exekution  im  nördlichen  Hessen  verstehen,  während  das
bayerische  Heer  sie  im  Süden  vollziehen  solle.  Oesterreich  lehnte  indessen  auch  dies
ab,  und  von  allen  Seiten  gingen  die  Nachrichten  über  Rüstungen  in  Oesterreich,
Sachsen,  Bayern  ein.  Man  erfuhr  für  gewiß,  daß  Schwarzenberg  den  Vernichtungskrieg
  gegen  Preußen  wolle,  und  General  von  Rauch  meldete  die  feste  Absicht  des
Zaren,  mit  Oesterreich  gemeinsame  Sache  zu  machen.  Schon  wurden  in  Hessen
zwischen  den  Vorposten  bei  Bronzell  einige  Schüsse  gewechselt.  Da  gab  der  König
in  der  schleswig-holsteinischen  Sache  nach  und  erklärte  sich  zur  Auflösung  der  Union
bereit.  Nur  die  Etappenstraße  wollte  er  nicht  räumen  lassen,  da  er  dadurch  den
ungesetzlichen  Bundestag  anerkannt  hätte.  Gerade  deshalb  aber  hielt  Oesterreich
biese  Forderung  aufrecht  und  begnügte  sich,  den  freien  Verkehr  der  preußischen

ruppen  auf  der  Etappenstraße  zu  gewährleisten.  Rauschender  Beifall  ertönte  unter
n“  Mehrzahl  der  Abgeordneten  und  im  ganzen  Lande,  als  nunmehr  der  König  die
neuen  Kammern  wenigstens  mit  einer  kriegerischen  Thronrede  eröffnete.  Noch
ernster  aber  wurde  die  Lage,  als  auch  der  im  Dezember  1852  erwählte  Präsident
von  Frankreich,  als  Napoleon  an  der  Westgrenze  ein  Heer  versammelte.  Doch  dessen
Angebote  machten  dem  König  die  ganze  Sache  nur  noch  verhaßter,  und  so  wenig
er  nachgeben  mochte,  so  wenig  wollte  er  doch  den  Krieg.  Nun  aber  stellte  Oesterreich
  am  25.  November  das  Ultimatum,  binnen  48  Stunden  die  Erlaubnis  für
den  Marsch  der  Bundestruppen  über  die  Etappenstraße  nach  Kassel  zu  gewähren.
Wieder  wich  man  in  Berlin  aus  und  kam  auf  den  Ausweg  einer  persönlichen
  Unterredung  des  preußischen  Ministers  von  Manteuffel  mit  Schwarzenberg.
Nur  auf  den  ausdrücklichen  Befehl  seines  Kaisers  verstand  sich  dieser  zu  einer
solchen,  und  am  28.  November  Abends  trafen  sich  beide  in  Olmütz.  Hier  gab
nun  Manteuffel  alles  nach,  den  Durchzug  der  Bundestruppen  durch  die  preußische
Ettappenstraße  wie  die  Bundesexekution  in  Hessen.  Für  eine  solche  in  Holstein
sollte  zwar,  da  Oesterreich  nicht  wie  in  Hessen  durch  den  Beginn  der  Exekution
schon  engagiert  sei,  eine  österreichisch-preußische  Kommission  eingesetzt  werden,  aber
in  der  Sache  schloß  sich  Preußen  völlig  dem  Plane  Schwarzenbergs  an,  und  in
der  deutschen  Frage  gab  Manteuffel  nicht  nur  die  Union  preis,  sondern  erkannte
auch  die  österreichischen  Pläne  für  die  Verfassung  des  Reiches  an.  Schwarzenberg
  gab  nur  deren  Beratung  auf  einer  freien  Konferenz  in  Dresden  nach,  die
Gleichberechtigung  Preußens  mit  Oesterreich  in  dem  künftigen  Bunde  aber  lehnte
er  ab.  Das  Demütigendste  lag  indessen  darin,  daß  Manteuffel  zugestand,  die
        <pb n="799" />
        Dresdener  Konferenz.  —  Stimmung  im  Lande.  647

Abrüstung  zuerst  und  vor  Oesterreich  vornehmen  zu  wollen.  Wirklich  erging  am
10.  Meber  die  Abrüstungsordre.  So  konnte  der  Kaiser  die  Dresdener  Konferenzen
mit  den  Schwert  in  der  Hand  am  23.  eröffnen,  Preußen  stand  wehrlos  daneben.

So  tief  traurig  diese  Niederlage  war,  welche  der  empörte  Pattiotismus  im
eigenen  Lande  wie  im  Reich  ein  neues  Jena  schalt,  so  wurde  die  Sprache
Preußens  auf  den  Konferenzen  in  Dresden  doch  wieder  eine  entschiedenere.  Hier
wurden  Schwarzenbergs  kühnste  Pläne  mit  ruhiger  Bestimmtheit  zurückgewiesen.
Preußen  sollte,  wie  wir  wi  sen,  den  Gesamteintritt  des  Kaiserreichs  in  den  Bun
sowie  ein  Direktorium  genehmigen,  in  welchem  Oesterreich  und  die  preußenfeindlichen
  Mittelstaaten  das  Uebergewicht  gehabt  hätten,  die  Kleinstaaten  so  gut  wie
unbeachtet  blieben.  Dies  Schlimmste,  die  Herrschaft  Oesterreichs  und  der  Mittelstaaten
  durch  das  Direktorium,  wurde  nicht  zugestanden.  Der  König  ließ  sich
nur  auf  einen  dreijährigen  Verteidigungsbund  mit  der  Hofburg  ein,  und  Schwarzenberg
  mußte  das  Scheitern  seines  Planes,  welcher  Preußen  völlig  geknechtet,  ja
mediatisiert  hätte,  aufgeben.  Wie  von  selbst  verstand  es  sich  nunmehr,  da  gar
nichts  anderes  von  all  den  mühevollen  Arbeiten  für  die  Einheit  Deutschlands
übrig  blieb,  daß  der  alte  Bundestag  von  1815  als  einzig  möglicher  Vereinigungspunkt
  der  Staaten  Deutschlands  wieder  ins  Leben  trat,  und  der  alte  lockere
Staatenbund  wiederhergestellt  wurde.

So  begreift  es  sich,  daß  trotzdem  man  nun  die  Verfassung  hatte,  die
Stimmung  des  preußischen  Volkes  eine  gereizte  war.  So  wenig  die  Entwickelung
der  deutschen  Frage  wie  die  Stellung  zu  den  auswärtigen  Mächten  fand  den  Beifall
der  Nation.  Seltsamerweise  verknüpfte  sich  nun  auch  die  Anschauung  über  die
innere  Politik  mit  einer  verschiedenen  Beurteilung  über  die  auswärtigen  Staaten.
Indem  die  Liberalen  mit  Inbrunst  für  die  Verfassung  des  englischen  Musterstaates
schwärmten,  bewunderten  sie  harmlos  auch  die  Politik  des  Inselreiches,  obwohl  es
selbstverständlich  nur  seine  eigenen  Interessen  verfocht,  aus  dem  sich  ihm  gerade  jetzt
die  Demütigung  Preußens  wie  von  selbst  ergab.  Indem  anderseits  die  Konservativen
vielfach  die  Zustimmung  des  Zaren  fanden,  erschien  wieder  dieser  als  deren  natürlicher
  Bundesgenosse,  dessen  Freundschaft  sie  auch  durch  Unterstützung  seiner  auswärtigen
  Politik  gewinnen  müßten.  Eben  diese  Absicht  des  innigsten  Anschlusses,
demütigender  Unterwerfung  unter  die  russische  Macht  schrieb  man  namentlich  der

Kamerilla“  zu,  die  sich  seit  dem  Sommer  des  Revolutionsjahres  um  Friedrich
Wilhelm  gebille  hatte,  und  der  im  Gegensatz  zu  manchem  der  Minister  geistig  J
bedeutende  Männer,  vor  allem  die  Brüder  von  Gerlach  angehörten,  der  auch  Otto
von  Bismarck  sehr  nahe  stand.  Nichts  lag  indessen  z.  B.  dem  General-Adjutanten
von  Gerlach  ferner,  als  die  russische  Autokratie  zu  lieben,  und  mit  energischem  Nachdruck
  vertrat  Bismarck  allein  und  lediglich  das  preußische  Interesse.  Auch  übte  Gerlach
wohl  einen  stark  moralischen  Einfluß  auf  den  König,  der  ihn  liebte  und  zumal  seine
kirchlichen  Ideen  teilte,  aber  thatsächlich  hatte  doch  auch  sein  Einfluß  sehr  bestimmte
Grenzen,  und  zwar  nicht  sowohl  durch  die  Minister  als  hauptsächlich  in  dem  Charakter
des  Königs  selbst.  Denn  in  allem  Wesentlichen  folgte  der  König  nur  seinen  eigenen
Ideen  und,  wie  oft  ihre  Durchführung  huch  scheiterte,  so  kam  er  mit  Sicherheit
doch  wieder  auf  sie  zurück.  „Es  muß  endlich  in  meinem  Geiste  verfahren  werden",
schreibt  Friedrich  Wilhelm  einmal.  In  der  Hauptsache  ist  das  während  seiner
ganzen  Regierungszeit  geschehen,  und  sein  Wille  allein  leitete  die  Geschicke  des
Staates.  In  der  Natur  der  Dinge  auch  lag  es,  daß  nach  dem  Siege  über  die
        <pb n="800" />
        648  Innere  Verwaltung.

Revolution  sich  in  den  Regierungen  die  entschiedene  Neigung  zu  einer  Reaktion
zeigte,  die  mannigfach  denn  auch  in  der  Aufhebung  oder  Umdeutung  der  Verfassungen
  zur  Geltung  kam.  Soweit  wollte  Friedrich  Wilhelm  bei  all  seinem
Abscheu  gegen  jedes,  mit  der  Revolution  irgendwie  im  Zusammenhang  stehende
Institut  doch  nicht  gehen,  und  am  wenigsten  erlag  er  der  ihm  sehr  nahe  tretenden
Versuchung,  seinen  Eid  zu  brechen  und  die  Verfassung  durch  einen  Staatsstreich
zu  beseitigen.  Aber  namentlich  auf  Grund  einer  sehr  zweideutigen,  vom  Prinzen
von  Preußen  scharf  verurteilten  Auslegung  der  Verfassung  wußte  man  doch  auch  hier,
mißliebige  Personen  und  Erscheinungen  zu  unterdrücken  und  traf  damit  wenigstens
einigermaßen  mit  österreichischen  und  russischen  Anschauungen  zusammen.

Indessen  so  heftigen  Angriffen  die  Verwaltung  ausgesetzt  war,  so  hat  sie
doch  nach  vielen  Richtungen  hin  Ersprießliches  gewirkt.  Für  das  Heerwesen
waren  schon  1843  Ehrengerichte  für  die  Offiziere  eingesetzt,  die  Disziplinarstrafen
waren  durch  eine  Verordnung  von  1841  geregelt,  1844  waren  neue  Kriegsartikel
für  die  Unteroffiziere  und  Soldaten  erlassen,  und  1845  ein  Strafgesethbuch  für
das  Heer  veröffentlicht.  Unter  der  treuen  Fürsorge  des  Prinzen  von  Preußen
hatte  das  Heer  in  allen  Stürmen  der  Zeit  seine  innere  Festigkeit  und  seinen
Charakter  bewahrt.  Allein  gerade  der  Prinz  war  es,  welcher  die  Fehler  und
Unvollkommenheiten  rückhaltlos  und  scharf  erkannte,  die  sich  in  der  ganzen,  den
veränderten  Verhältnissen  nicht  mehr  angemessenen  Organisation  ausgebildet  hatten
und  bei  den  Mobilmachungen  deutlich  ins  Auge  gefallen  waren.  Unermüdlich
arbeitete  er  an  der  Reform,  die  er  indessen  erst  später  selbst  durchführen  sollte.
Im  Volke  war  das  Militär  seit  der  Revolutionszeit  zum  Dank  für  seine  Königstreue
  bitter  gehaßt.  Um  so  beliebter  wurde  dagegen  die  Marine.  Seit  den  schweren
Schlägen,  welche  die  dänische  Blockade  dem  deutschen  Handel  zugefügt  hatte,  war
man  nämlich  zu  dem  Gedanken  des  Großen  Kurfürsten  zurückgekehrt,  ja  hatte  ihn
vertieft,  indem  man  die  Entfernung  von  der  Nordsee  durch  den  Ankauf  eines  Landstriches
  am  Jahdebusen  von  Oldenburg  (1853)  wett  zu  machen  verstanden  hatte  und
hier  einen  Kriegshafen  zu  bauen  begann.  Lebhaften  Eifer  zeigte  für  die  Marine
besonders  der  zum  Admiral  ernannte  Prinz  Adalbert.  57  Fahrzeuge  mit  292  Kanonen
war  die  junge  preußische  Flotte  bald  stark,  in  den  Ostseehäfen  wurden  die  nötigen
Anlagen  errichtet,  und  am  28.  Juni  1854  ein  besonderes  Organisationsgesetz  für  sie
erlassen.  Die  Finanzen  waren  durchaus  geregelte,  1847  wurde  die  Staatsbank  neu
gegründet,  1856  ihr  vom  Staate  ein  erhebliches  Kapital  überwiesen.  Aber  den
mit  überraschender  Schnelligkeit  jetzt  an  den  Staat  herantretenden  Forderungen  vermochten
  die  bisherigen  Einnahmen  bald  nicht  mehr  zu  genügen.  Die  ländlichen
Rechtsverhältnisse  wurden  durch  das  Gesetz  vom  2.  März  1850  über  die  Ablösung
der  Reallasten  und  die  Regulierung  der  gutsherrlichen  und  bäuerlichen  Verhältnisse
ihrer  Entwickelung  näher  geführt.  Eine  Gemeindeordnung  vom  11.  März  1
sollte  die  Grundsätze  der  bisherigen  Land=  und  Stadtverfassung  in  Einklang  mit
den  neuen  Staatseinrichtungen  bringen.  Doch  kehrte  man  bald  wieder  zur  rechtlichen
  Unterscheidung  zwischen  Stadt  und  Land  zurück.  Im  Jahre  1856  gelang  es,
für  die  sechs  östlichen  Provinzen,  für  Westfalen  und  für  die  Rheinlande  eine  neue
Landgemeinde-Verfassung  zu  stande  zu  bringen,  und  wie  hier,  so  mußte  man  auch
für  die  Städte  den  Unterschied  der  Provinzen  beachten.  1853  erschien  die  neue
Städteordnung  für  die  sechs  östlichen  Provinzen,  für  Neuvorpommern  und  Rügen,
und  1856  erhielten  auch  Westfalen  und  die  Rheinlande  eine  solche.
        <pb n="801" />
        Innere  Verwaltung.  649

Eine  außerordentlich  lebhafte  herrschte  damals  im  Justizministerium
unter  Uhden  und  im  Ministerium  für  die  Gesetz-Revision  unter  K.  Fr.  v.  Savigny.
Vor  allem  kam  das  Strafgesetzbuch  zum  Abschluß,  während  die  als  besonders  dringlich
  zumal  vom  König  angesehene  Revision  des  Eherechts  nicht  gelang.  Der  Strafprozeß
  wurde  1846  durch  die  Einführung  des  mündlichen  und  öffentlichen  Verfahrens,
wie  durch  die  Teilnahme  der  Geschworenen  und  die  freie  Beweistheorie  ein  wesentlich
  anderer,  der  Civilprozeß  wurde  in  demselben  Jahr  in  neue  Bahnen  geleitet,  die
Patrimonialgerichte  fielen  dem  Jahre
1848  zum  Opfer,  an  ihre  Stelle
traten  die  Kreisgerichte  und  als
obere  Instanz  in  jeder  Provinz  ein
Appellationsgericht.  Die  alte  Hypothekenordnung
  von  1783  wurde  1853
abgeändert,  und  am  15.  Februar
1850  eine  mit  den  Zollvereins-Regierungen
  verabredete  Wechselordnung
  veröffentlicht.

Nie  aber  hatte  der  Staat  so
viel  für  die  Kunst  gel  wie  in
dieser  Zeit.  —
Gebiete  wirkte  der  König  auregend
und  fördernd  wie  auf  kaum  einem
andern,  und  Männer  wie  Peter  von

Cornelius,  Wilhelm  Kaulbach,
Schinkel,  Stüler,  vorzüglich  aber
Christian  Rauch,  der  Schöpfer  des
1851  enthüllten  Denkmals  Friedrichs
  des  Großen,  u.  a.  haben
damals  Berlins  Einwohner  zu
künstlerischem  Sinn  und  Verständnis
erzogen.  Größer  noch  als  der  Kranz
der  Künstler  war  vielleicht  die  Zahl

 

der  hervorragenden  Gelehrten,  die  —  «
auf  allen  Gebieten  der  Wissenschaften  Denkmal  König  Friedrichs  II.  zu  Berlin.
ein  neues  Leben  begründeten  und  d  phe  s

Wossen  und  1851
N  Ere  egoh  einem  Lichtbilde

Berlin  immer  mehr  zum  geistigen
Mittelpunkt  Deutschlands  machten.
Die  beiden  Humboldt,  die  Gebrüder  Grimm,  Boeckh,  Bopp,  Encke,  Dove,  Gräfe,
Ritter,  Ranke,  Pertz,  Raumer,  A.  Neander,  Nitzsch,  Trendelenburg,  Lepsius,  Heffter
und  andere  bilden  noch  für  eine  späte  Zukunft  Zierden  der  Wissenschaft.

Der  Zuchtlosigkeit  der  Jugend  suchte  der  Minister  von  Raumer  durch  scharfe
Regulative  und  größere  Betonung  des  Religionsunterrichts  in  den  Volksschulen,  deren
in  den  letzten  zwei  Jahrzehnten  30  000  nebst  38  Lehrer-Seminarien  neu  gegründet
waren,  zu  steuern.  Vor  allem  aber  lag  dem  Könige  der  Ausbau  der  evangelischen
Kirche  am  Herzen,  und  sie  verdankt  seiner  Fürsorge  unendlich  viel.  Nachdem  die  Verfassung
  der  Kirche  die  Verwaltung  ihrer  inneren  Angelegenheiten  selbst  überwiesen  hatte,
wurden  diese  1850  vom  geistlichen  Ministerium  abgetrennt  und  dem  Evangelischen
        <pb n="802" />
        650  Innere  Verwaltung.

Oberkirchenrat  unterstellt.  Mannigfache  Versuche  zur  Ausgestaltung  eines  synodalen
Lebens  und  einer  Gemeinde-Verfassung  wurden  gemacht,  ohne  indessen  zum  Ziele  zu
führen.  Unmittelbare  Erfolge  hatte  dagegen  das  Werk,  welches  man  als  „innere
Mission"“  bezeichnete.  Vor  allem  kam  die  weibliche  Thätigkeit  auf  dem  Gebiet  christlicher
  Barmherzigkeit  zur  Geltung,  und  das  Diakonissentum,  das  Pastor  Fliedner  in
Kaiserswerth  begründet,  entfaltete  in  dem  vom  Königspaar  1847  zu  Berlin  erbauten
Krankenhause  Bethanien  bald  eine  herzbewegend  schöne  Blüte.  Nachdem  ein  Kirchentag
  1848  in  Wittenberg  nachdrücklich  auf  die  „innere  Mission“  und  ihren  Begründer,
den  Schöpfer  des  „Rauhen  Hauses“  in  Hamburg,  Wichern,  hingewiesen  hatte,
erkannte  man  in  der  Pflege  für  die  Armen,  die  Kranken  und  die  Verbrecher,  überhaupt
  in  der  Liebe  zum  Nächsten  und  in  der  wirklichen  Bethätigung  des  christlichen
Lebens  das  eigenste  Feld  der  Kirche,  der  Geistlichen  wie  der  Laien.  Derselbe  Grundgedanke
  lag  in  der  1852  erfolgten  Wiederbelebung  des  Johanniter-Ordens.  Mit  voller
Hingabe  beteiligten  sich  der  König  und  die  Königin  Elisabeth  an  diesen  Werken,
welche  zugleich  die  Versöhnung  der  unzufriedenen  Klassen  herbeiführen  sollten.  Denn,
wie  bemerkt,  wurden  sozialdemokratische  Lehren,  wie  sie  in  Frankreich  viel  verbreitet
waren,  schon  damals  gepredigt  und  begannen  bei  dem  schnellen  Anwachsen  einzelner
großer  Vermögen,  die  doch  überaus  niedrig  versteuert  wurden,  in  den  Massen
Anklang  zu  finden,  wenn  auch  bei  den  starken  Wurzeln,  welche  das  Königtum  im
Volke  geschlagen  hatte,  eine  Loslösung  vom  Staat  noch  nicht  zu  befürchten  war.
Es  war  dies  eine  Folge,  wie  sie  ebenso  mit  einem  schnellen  Anwachsen  wie
mit  einem  plötzlichen  Niedergang  von  Handel  und  Gewerbe  nur  zu  leicht  verknüpft  ist.
Während  nun  allerdings  durch  die  unsicheren  Zustände  des  Jahres  1848  sowie
durch  die  dänische  Blokade  unserer  Küsten  und  die  Hingabe  Krakaus  an  Oesterreich
der  Handel  plötzliche  und  empfindliche  Einbußen  erlitten,  hatte  er  doch  andererseits
durch  die  Einrichtung  von  Handelsrat  und  Handelsamt  (1843),  dem  1848  ein
besonderes  Handelsministerium  folgte,  sowie  durch  das,  jetzt  erst  größere  Bedeutung
gewinnende  System  der  1843  und  1850  gesetzlich  geregelten  Aktiengesellschaften
und  Rentenbanken  wesentliche  Förderung  erfahren.  Die  Gesamt-Umsätze  der
preußischen  Bank,  die  1847  etwas  über  800  Millionen  betragen  hatten,  stiegen,
nachdem  das  Revolutionsjahr  sie  um  200  Millionen  hatte  fallen  lassen,  in  den
fünfziger  Jahren  auf  mehr  als  zwei  Billionen  Thaler.  Wesentlich  wirkte  der
überaus  erleichterte  Verkehr  ein.  Denn  mit  erfreulicher  Geschwindigkeit  wuchs
der  Eisenbahnbau  hauptsächlich  durch  Privat-Gesellschaften  und  auf  Grund  des
Gesetzes  von  1838.  Schon  waren  alle  Provinzen  mit  der  Hauptstadt  verbunden,
auch  das  Ausland  angeschlossen,  und  1857  hatte  der  Staat  einen  Schienenweg
von  578  Meilen  Länge.  Die  Befürchtung,  daß  das  Postregal  des  Staates  durch
die  Eisenbahnen  geschädigt  werde,  erwies  sich  als  irrig,  und  nachdem  1844  eine
erhebliche  Ermäßigung  des  Brief-Portos  bis  auf  einen  Silber-Groschen  für  eine
Entfernung  von  fünf  Meilen  eingetreten,  und  das  ganze  Postwesen  durch  das
Gesetz  vom  5.  Juni  1852  neu  geregelt  war,  zeigte  sich  auch  hier,  daß  jede
leichterung  des  Verkehrs  diesen  selbst  und  die  Einnahmen  steigert.  Ebenso  wie
die  Eisenbahnen  wirkte  aber  auch  die  neue  Erfindung  des  elektro-magnetischen
Telegraphen  ungestaltend  auf  alle  Verhältnisse  des  Lebens,  vorzüglich  auf  den
Handel  ein.  Und  schon  beteiligte  sich  dieser  mit  über  1500  Schiffen  an  dem
überseeischen  Verkehr.  Eine  allgemeine  Gewerbe-Ordnung  hatte  1845  alle  noch
hier  und  da  bestehenden  Beschränkungen  der  Gewerbefreiheit  ausgehoben,  und
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        Innere  Verwaltung.  —  Zollverein.  651

namentlich  die  Befugnis  zum  Betriebe  von  dem  Beitritt  zu  einer  Innung  ganz  unabhängig
  gemacht.  Demnächst  wurde  sie  erweitert  und  namentlich  wurde  zu  Gunsten  des
Arbeiters  die  Sitte,  ihn  durch  Darreichung  von  Waren  abzulohnen,  verboten,  die
Kinderarbeit  in  den  Fabriken,  der  man  schon  früher  entgegen  getreten,  noch  weiter
beschränkt.  Doch  wirkte  die  stetig  wachsende  Anlage  von  neuen  Fabriken,  von
denen  die  Borsigsche  Maschinen-Anstalt  in  Berlin,  die  Kruppsche  in  Essen  einen
wohlverdienten  Weltruf  erlangten,  auf  die  kleinen  Handwerksmeister  schon  schädigend
ein,  und  gerade  in  ihren  Kreisen  machten  sich  d  e  Wirkungen  der  Märztage  besonders
  fühlbar.  Die  Teilnahme  an  der  Burgerwehr,  wie  an  den  politischen  Versammlungen
  und  Festlichkeiten  hatte  ihnen  unerhört  viel  Geld  und  Zeit  gekostet.
Nun  mußten  ihrer  bieh  unsrewillin  feiern.  Denn  jede  Baulust  war  verschwunden,
viele  der  vornehmen  Familien,  für  die  sie  gearbeitet,  hatten  Berlin  verlassen.
Der  Mietswert  der  Häuser  war  um  25  Prozent  gesunken  —  im  November  1848
standen  über  4500  Wohnungen  in  Berlin  leer  —,  der  Zinsfuß  gestiegen  und
Hypotheken  nur  schwer  zu  bekommen.  In  sieben  Monaten  waren  der  Sparkasse
400  000  Thaler  mehr  entnommen  als  in  sie  eingezahlt,  und  mehr  als  1200  Handwerkern
  mußten  die  Steuern  erlassen  werden.  Da  begreift  es  sich,  daß  nicht  wenige
Handwerker  ihr  Ohr  der  sozialdemokratischen  Lehre  zu  öffnen  bereit  waren.

Der  Unwille  aber  gegen  das  herrschende  System  wurde  noch  größer  durch  die
Richtung,  welche  weiterhin  die  auswärtig  Politik  nahm.  Und  in  der  That  bot  sie
noch  immer  zu  vieler  Sorge  N  nlaß.  In  der  hessen-kasselschen  Sache  trat  Oesterreich
Preußen  mit  Füßen,  und  in  der  schleswig-  holsteinschen  lenkte  Preußen  ganz  in  das
trübe  Wasser  der  österreichischen  Politik  ein,  lieferte  auch  seinerseits  —  was  der
frühere  Minister  von  Arnim  für  Landesverrat  und  schlimmer  als  den  Raub  Straßburgs
  durch  Ludwig  XIV.  erklärt  hatte  —  Rendsburg  und  Friedrichsort  an  Dänemark
aus.  Trotz  der  Verabredungen  in  Olmütz  und  Dresden  mußte  aber  der  innere  Widerspruch
  zwischen  beiden  deutschen  Großmächten  nun  auf  dem  Bundestag,  wo#  Oesterreich
mit  den  Mittelstaaten  Preußen  immer  überstimmen  konnte,  in  die  Erscheinung  treten,
und  der  neue  preußische  Bundestagsgesandte,  Otto  von  Bismarck-Schönhausen,  der
am  29.  August  1851  in  Frankfurt  sich  als  solcher  legitimierte,  trug  denn  auch  kein
Bedenken,  die  preußischen  Interessen  scharf  zur  Geltung  zu  bringen,  obwohl  er  getreu
der  sozusagen  mit  der  Muttermilch  eingesogenen  Hochachtung  vor  Oesterreich  aufrichtig
  bestrebt  war,  ein  Zusammengehen  zwischen  Preußen  und  Oesterreich  allerwege
zu  ermöglichen.  Nur  überzeugte  er  sich  sehr  bald,  daß  die  Hofburg  die  von  ihm
für  seinen  Staat  in  Anspruch  genommene  rechtliche  Gleichstellung  in  jedem  Fall
verweigern  und  Preußen  in  politischer  Abhängigkeit  halten  wolle.  Damals  auch
erlebte  Deutschland  das  tieftraurige  Schauspiel,  daß  die  junge  deutsche  Flotte,  die
unter  allseitiger  Begeisterung  der  Nation  gegen  die  dänischen  Gewaltthaten  ins
Leben  gerufen  war,  und  für  die  weder  Oesterreich  noch  die  Mittelstaaten  Geldbeiträge
  flüssig  machen  wollten,  öffentlich  versteigert  wurde.  Nun  aber  machte  das
Wiener  Kabinett  sogar  noch  den  Versuch,  Preußen  in  wirtschaftliche  Abhängigkeit
zu  bringen  und  entweder  den  Zollverein  zu  sprengen  oder  doch  selbst  in  diesen
aufgenommen  zu  werden,  um  auch  hier  sein  Uebergewicht  und  seine  außerdeutschen
Interessen  zur  alleinigen  Geltung  zu  bringen.  Es  gelang  ihm  in  der  That,  am
10.  Juli  1851  einen  handelspolitischen  Ausschuß  am  Bundestage  einzusetzen,  und
da  Preußen  damals  nach  Zollerleichterungen,  die  süddeutschen  Staaten  aber  nach
Schutzzöllen  strebten,  so  schien  mit  dem  am  1.  Jannar  1854  stattfindenden  Ablauf
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        652  Zollverein.  —  Krimkrieg.

der  Zollverträge  für  den  Donaustaat  ein  günstiges  Ergebnis  möglich.  Es  verstand
sich  aber,  daß  Preußen,  namentlich  wenn  es  gelang,  Kurhessen  in  das  österreichische
Wirtschaftssystem  hinüberzuziehen,  empfindlich  geschädigt  und  seine  beiden  Staatenhälften
  wieder  aus  einander  gerissen  würden.  Es  war  daher  ein  sehr  wirksamer
Schachzug,  als  das  Berliner  Ministerium  durch  überreiche  Zugeständnisse  endlich
Haunover  in  dem  Vertrag  vom  7.  September  1851  zum  Anschluß  an  den  Zollverein
  veranlaßte.  Die  Mißstimmung,  die  sich  an  den  übrigen  Höfen  des  Zollvereins
  über  diesen,  ohne  ihre  Mitwirkung  geschlossenen  Vertrag  äußerte,  wurde
jedoch  von  Oesterreich  geschickt  benutzt,  und  wurde  um  so  bedeuklicher,  als  sich  nach
einem  Thronwechsel  in  Hannover  der  neue  König  Georg  durchaus  nicht  dem  Abkommen
  geneigt  zeigte.  Indessen  war  glücklicherweise  der  Wert  des  Zollvereins  sowohl
wie  die  nationalökonomische  Unmöglichkeit  der  Teilnahme  Oesterreichs  so  offen  vor
Augen  liegend,  daß  die  süddeutschen  Staaten  ihre  schutzöllnerschen  Wünsche  zurückstellten.
  Die  deutschen  Interessen  erwiesen  sich  eben  stets,  wenn  sie  in  Gefahr  waren,
grundverschieden  von  den  österreichischen,  im  Einklang  —  preußischen.  Und
nun  wurde  Oesterreich  durch  die  Verhältnisse  in  Frankreich,  wo  Napoleon  im  Begriff
schien,  den  Kaiserthron  wieder  aufzurichten,  doch  zu  einem  freundlicheren  Verhältuis
zu  Preußen  genötigt.  So  mußte  es  sich  mit  einem  sehr  günstigen  Handelsvertrag
begnügen,  Hannover  mußte  den  September-Vertrag  aufrecht  erhalten,  und  am
1853  4.  April  1853  konnte  der  Zollverein,  nunmehr  durch  die  Nordseestaaten,  Hannover
und  Oldenburg  verstärkt,  auf  zwölf  Jahre  verlängert  werden.  Die  wirtschaftliche
Einigung  Dentschlands  unter  preußischer  Führung  ließ  sich  nicht  mehr  zerreißen.
Da  nun  trat  ein  Ereignis  ein,  welches  die  Beziehungen  der  europäischen
Mächte  unter  einander  vollständig  umkehren  und  die  innere  Unwahrheit  der
heiligen  Allianz  erweisen  sollte.  Zugleich  zwang  es  Oesterreich,  seine  feindselige
  Politik  gegen  Preußen  wenigstens  scheinbar  zurückzustellen,  ja  sich  in
einem  Bündnis  mit  ihm  zu  einigen  und  zerstörte  endlich  für  einige  Zeit  auch
die  guten  Beziehungen  des  Kaiserstaates  zu  den  Mittelstaaten.  Der  Zar,  als
Bändiger  der  Revolution  von  den  einen  hoch  gerühmt,  von  den  anderen  als
gewaltthätiger  Herrscher  über  Europa  bitter  gehaßt,  hielt  sich  mächtig  genug,  nunmehr
  die  alten  russischen  Pläne  gegen  den  Orient  auszuführen.  Namentlich  von
Oesterreich  glaubte  er  umsoweniger  Widerstand  erfahren  zu  sollen,  als  er  ihm  in
der  ungarischen  Empörung  wirksame  Hilfe  geleistet,  und  der  junge  Kaiser  Franz
Joseph  in  Verehrung  und  Dankbarkeit  zu  ihm  aufsah.  Ueberdem  verstand  er  es,
wie  dereinst  sein  Bruder  Alexander,  seine  Pläne  mit  dem  Mantel  der  christlichen
Pflicht  und  Liebe  zu  verhüllen.  Ohne  jede  zwingende  Veranlassung  erklärte  er  den
Schutz  über  die  griechischen  Cheisten  in  Anspruch  nehmen  zu  müssen  und  besetzte,
als  die  Pforte  dies  zurückwies,  die  Moldau  und  Walachei.  Weder  Frankreich
noch  England,  am  wenigsten  aber  Oesterreich  konnte  einen  derartigen  Machtzuwachs
  Rußlands  an  der  unteren  Donau  ertragen.  Und  als  gegen  alle  Erwartung
des  Zaren  wie  König  Friedrich  Wilhelms  Frankreich  und  England  sich  einigten,
gemeinsam  ihre  Flotten  in  das  schwarze  Meer  sandten,  lag  es  doch  in  der  Natur
der  Sache,  daß  die  Beilegung  des  Streites  allein  durch  die  Westmächte  für
Oesterreich  auch  nicht  erwünscht  sein  konnte.  Bei  seinen  in  üblicher  Weise  zerrütteten
  Finanzen  war  es  aber  durchaus  nicht  im  stande,  einen  energischen  Krieg
zu  führen,  sondern  war  hier  auf  Prcußen  angewiesen,  welches  allein  Rußland
von  einem  Angriff  auf  die  deutschen  Staaten  Oesterreichs  zurückhalten  konnte.
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        Krimkrieg.  653

Und  das  war  ja  ohne  Zweifel  für  alle  Mächte  klar,  daß  allein  Preußen  dem
Kampf  im  Süden  ein  wirksames  Gegengewicht  durch  einen  Angriff  auf  die  russische
Westgrenze  geben  konnte.  Denn  in  solchem  Fall  hätte  Rußland  seine  besten

ruppen  für  den  Kampf  an  seiner  Westgrenze  verwenden  müssen  —  eine  englischfranzösische
  Flotte  in  der  Ostsee  bemühte  sich  vergeblich  wenigstens  Kronstadt  zu

 

Prinz  Eree  Wilhelm  von  Preußen  und  Hr  Gemahlin  Brinze  hin  Viltoria,
geb.  Prinzeß  Royal  von  Großbritannien,  im  Jahre  1858.
Gleichzeitige  Llthographie  eines  unbekannten

nehmen  —  und  der  mit  wechselndem  Glück  im  Süden  geführte  Streit  mußte  dadurch
für  die  Westmächte  unendlich  erleichtert  werden.  Die  Frage  war  in  Wirklichkeit
nicht  nur  eine  orientalische,  sondern  eine  4  und  die  Krisis  wurde  aus
einer  türkischen  zu  einer  russischen.  Die  Absicht  Westmächte  namentlich  Englands
  ging  ebenso  wie  die  Sehnsucht  Oesterreichs  *  Rußland  auf  seine  natürlichen
  Grenzen  in  Europa  zu  beschränken,  und  die  Entscheidung  lag  in  Berlin.
Schloß  sich  Preußen  den  Westmächten  und  Oesterreich  an,  so  schien  sich  endlich  die
        <pb n="806" />
        654  Krimkrieg.  —  Pariser  Kongreß.

Gelegenheit  zu  bieten,  die  Uebermacht  Rußlands,  die  seit  mehr  als  zwei  Jahrhunderten
auf  Europa  lastete,  zu  brechen.  Wie  der  Seemann  im  Mastkorbe  glaubte  Bunsen
in  seiner  Stellung  als  preußischer  Gesandter  in  London  die  Weltlage  zu  überschauen
  und  eifrigst  zum  Krieg  gegen  Rußland  raten  zu  sollen.  Mit  schroffen  Worten
erklärte  er  diejenigen  für  Verräter,  welche  jetzt  noch  im  Kaiser  von  Rußland,  der
sich  als  Diktator  Deutschlands  betrachte,  das  rettende  konservative  Prinzip  sehen
wollten.  Indessen  so  zutreffend  solche  Ausführungen  waren,  so  lag  in  ihnen  doch
mehr  patriotischer  Schwung  als  berechnende  Politik.  Friedrich  Wilhelm  war  empört
über  den  „scheußlichen“  Krieg,  erzürnt  über  die  frevelhafte  Weise,  mit  der
Rußland  zu  den  Waffen  gegriffen,  und  doch  entfernt  nicht  gewillt,  zum  besten  des
„Halbmondes“  gegen  das  „Kreuz“  und  für  „Muhamed“  gegen  „Christus“  ins  Feld
zu  rücken.  Aus  solchen  Anschauungen  ergab  sich  ihm  die  Neutralität  als  der  natürliche
  Standpunkt  Preußens,  und  wie  heftig  auch  damals  der  Unwille  aufwallte,
daß  der  König  nicht  Front  machen  wolle  gegen  den  Zaren,  der  ihn  so  schmählich
im  Stich  gelassen,  gegen  den  Despoten,  der  die  Freiheit  der  europäischen  Völker  so
schmählich  verachtet,  so  machte  doch  namentlich  Bismarck  geltend,  daß  in  einem
solchen  Kriege  Preußen  die  Hauptlast  zu  tragen  haben  werde,  ohne  irgend  einen
Gewinn  erlangen.  Im  Orient  habe  Preußen  gar  kein  Interesse,  sein  wirklicher
Feind  aber  sei,  wie  der  Zollverein  und  der  Bundestag  fortwährend  bewiesen,
Oesterreich;  Rußland  dagegen  zu  schonen,  könne  für  die  Zukunft  außerordentlich
wichtig  werden.  Nicht  aus  Vorliebe  für  Rußland,  sondern  aus  wohlverstandenem
preußischen  und  deutschen  Interesse  brachte  er  diesen  echt  friederizianischen  Standpunkt
  immer  wieder  zur  Geltung.  Und  wenn  der  leitende  russische  Mirter  Fürst
Gortschakoff  seinen  Haß  gegen  Preußen  nur  mühsam  verhüllte,  so  wurde  es  doch
unendlich  wichtig,  daß  die  Rache  an  Oesterreich  von  nun  san  geradezu  sein
Regierungsprogramm  bildete.  Allerdings  kam  es  dann  doch  auf  das  Drängen
des  österreichischen  Ministers  Grafen  Buol  zum  Abschluß  eines  Vertrages  mit
Oesterreich,  da  Preußen  unter  allen  Umständen  gegen  einen  möglichen  Angriff
Frankreichs  gedeckt  sein  wollte,  aber  indem  man  jede  Hilfeleistung  für  Oesterreich
von  der  vorher  einzuholenden  eigenen  Zustimmung  zu  einem  Unternehmen  gegen
Rußland  abhängig  gemacht,  hatte  man  doch  freie  Hand  behalten.  Die  übrigen
Staaten  Deutschlands  aber  lehnten  die  von  Wien  energisch  geforderte  Unterstützung,
  wenn  auch  unter  Ausflüchten,  ab,  da  sie  nur  schwere  Opfer,  und  nicht
den  geringsten  Gewinn  absahen.

Diese  neutrale  Haltung  aufrecht  zu  erhalten,  blieb  allerdings  während  der
Wechselfälle  des  Krieges  außerordentlich  schwierig,  und  vergeblich  hatte  der  König
durch  Spezialgesandte,  wie  die  Grafen  von  Pourtaless  und  von  Usedom  in  London,
den  General  der  Kavallerie  Grafen  von  Wedell  in  Paris  seine  Politik  zu  erklären
gesucht.  Als  endlich  nach  dem  furchtbarsten  Blutvergießen  und  nach  dem  Tode  des
Zaren  in  Paris  ein  Friedenskongreß  zusammen  trat,  geschah  es,  daß  Preußen  erst  nach
fast  erfolgter  Fertigstellung  der  hauptsächlichsten  Streitpunkte  zur  Unterzeichnung  des
Vertrages  zugezogen  wurde.  Das  empfand  die  Nation  zwar  schwer,  fiel  aber  nicht
allzusehr  ins  Gewicht,  da  Preußen  endlich  einmal  seinen  eigenen  Willen  behauptet
und  sich  nicht  in  einen  Krieg  hatte  hinein  dekretieren  lassen,  der  für  den  Staat
ohne  unmittelbares  Interesse  war.  Ueberdies  aber  hatte  man  nicht  sowohl  die  Zuneigung
  Napoleons  erfahren,  als  vielmehr  um  Rußland  sich  wieder  einmal  ein  großes
Verdienst  erworben.  In  England,  das  zu  gewinnen  Friedrich  Wilhelm  stets  schon
        <pb n="807" />
        Neuenburg.  —  Das  veränderte  Staatswesen.  655

wegen  des  gemeinsamen
  Religions=Bekenntnisses
  getief

  schmerzenden
Weise  und  mußte
sie  auch  in  der  Sache
des  Fürstentums

—  Neuenburgerfahren.  u
Medaille  zur  Erinnerung  an  die  silberne  Wedaille  zur  Erinnerung  an  die  erne
bochkett  pur  5  vP  r  diabe  Als  hier  nänlich  bocheit  4n  See  o  "2.6  R  —
i  Breu  gegen  die  1848  einds-

  —  gesetzten  demokra-  „r  —
tischen  Einrichtungen
  ein  royalistischer

  Aufstand  im  September  ausbrach,  wurde  er  von  der  demokratischen  Partei
und  einigen  Truppen  der  Schweiz  leicht  niedergeschlagen.  Höchst  umfassende  Verhandlungen
  mit  allen  Staaten  begann  der  König,  um  das  „liebe  Ländchen  am  Jura“
und  dessen  Bewohner,  „auf  die  er  stolzer  sei,  als  auf  alle  anderen  Unterthanen"“,
um  wenigstens  die  Männer  zu  retten,  welche  in  treuer  Anhänglichkeit  an  ihn
die  Erhebung  versucht  hatten.  Doch  war  es  keine  Frage,  daß  Preußen  nicht
deshalb  zum  Schwerte  greifen  dürfe,  sondern  das  kleine  Besitztum  aufgeben  mußte,
das  nie  mit  dem  Staate  vereinigt,  nur  in  persönlicher  Union  mit  seinem  Fürsten
verbunden  war.  Im  Mai  1857  wurde  das  Ländchen  an  die  Schweiz  abgetreten.

Friedrich  Wilhelms  Herz  war  tief  verwundet,  daß  er  die  getreuen  Unterthanen
  dahingeben  mußte.  Sein  ganzes  Nervensystem  war  schwer  zerrüttet.  Auf
der  Rückkehr  von  Wien,  wohin  er  der  Neuenburger  Frage  wegen  persönlich  sich
begeben,  traf  ihn  im  Oktober  1857  in  Dresden  ein  Schlaganfall,  der  seiner
Regierung  schon  jetzt  ein  thatsächliches  Ende  machte,  während  der  Tod  ihn  von
den  qualvollsten  Leiden  erst  am  2.  Januar  1861  erlöste.

Der  Verlust  Neueuburgs  konnte  für  den  Staat  nicht  ins  Gewicht  fallen,
aber  sehr  bedeutsam  hatte  sich  in  den  umfangreichen  Verhandlungen  mit  allen
Großstaaten  doch  die  vollkommene  Veränderung  der  Beziehungen  Preußens  zu
ihnen  gezeigt.  In  der  That  war  der  Staat,  den  die  Freiheitskriege  geschaffen,
und  wie  er  aus  den  Beratungen  des  Wiener  Kongresses  hervorgegangen,  ein
völlig  anderer  geworden.  Das  alte  patriarchale  Regiment  des  pflichttreuen  Absolutismus
  hatte  einer  konstitutionellen  Verfassung  weichen  müssen,  und  die  Freundschaft
  zwischen  Preußen,  Oesterreich,  Rußland  und  England,  der  Vierbund  war
in  die  Brüche  gegangen.  Die  bitterste  Feindschaft  hatte  man  von  Oesterreich  erfahren
  und  erfuhr  sie  in  den  kleinen  Fragen,  die  damals  den  Frankfurter  Bundestag
beschäftigten,  wie  vorzüglich  über  die  Besatzung  der  Bundesfestung  Rastatt  noch
täglich.  Die  Mittelstaaten,  nach  der  Beilegung  des  Krieges  sicher,  von  Oesterreich
nicht  mit  schweren  Forderungen  an  ihre  Opferwilligkeit  behelligt  zu  werden,  schlossen
sich  dem  Kaiserstaate  wieder  an  und  trafen  mit  ihm  in  dem  Bestreben  zusammen,
jede  Selbständigkeit  Preußens  zu  unterdrücken  und  jeden  Versuch  einer  festen
        <pb n="808" />
        656  Das  veränderte  Staatswesen.

Einigung  des  Reiches  im  Keime  zu  ersticken.  Denn  kein  Gedanke  sei  verruchter,
äußerte  Graf  Buol,  als  der  der  deutschen  Einheit  und  mit  unglaublicher  Geringschätzung
  sprach  der  sächsische  Gesandte  in  Wien  Graf  Vitzthum  von  Eickstädt  über
dies  machtlose  Preußen,  das  so  entsetzlich  ehrgeizige  Absichten  hege.  Mit  prickelndem
Behagen  erwähnt  er  das  Wort  des  Franzosen  Thiers,  wie  thöricht  es  sei,  daß  dies
Preußen,  das  unter  Friedrich  dem  Großen  zwanzig  Jahre  um  Schlesien  habe  kämpfen
müssen,  nun  ohne  den  Großen  König  ganz  Deutschland  gewinnen  wolle.  Die  persönlichen
  Beziehungen  des  Prinzen  und  der  Prinzessin  von  Preußen,  die  1854
unter  reger  Teiluahme  des  Volkes  ihre  silb  erne  Hochzeit  gefeiert,  zum  englischen
Königshause  waren  zwar  durch  die  im  Herbst  1855  erfolgte  Verlobung  ihres
Sohnes,  des  Prinzen  Friedrich  Wilhelm,  mit  der  Prinzeß  Royal  noch
enger  geknüpft.  Aber  das  Staatsleben  beeinflußte  diese  Verbindung  nicht.  England
vielmehr  war  —,  daß  der  schläfrige  Deutsche  nicht  „seine  Pflichten  gegen
Europa  erfüllt",  d.  h.  für  die  englischen  Interessen  sich  hatte  wauf  den  Kampfplatz
  schleppen"  lassen,  und  sah  hochmütig,  mit  einer  deutlich  zur  Schau  getragenen
sittlichen  Entrüstung  auf  den  Berliner  Hof  als  den  „Satelliten  Rußlands"  herab.
Ganz  gegen  alle  Erwartung,  gegen  die  eigenen  Wünsche  und  im  Gegensatz  zu  den
Gedae  der  heiligen  Allianz  war  Preußen  indessen  in  bessere  Beziehungen  zu
dem  jungen  Napoleoniden  gekommen,  der  den  Cäsarenthron  seines  Oheims  mit
List  und  klug  ersonnenen  Mitteln  wieder  aufgerichtet.  Denn  Napoleon,  ausgehend
von  den  Gedanken,  die  Verbindung  zwischen  Preußen,  Rußland  und  Oesterreich,
der  sein  Ohm  erlegen,  zu  sprengen  und  die  deutsche  Einheit  zu  stören,  unterschätzte
Preußens  Macht  erheblich,  glaubte  in  Berlin  überwiegenden  Einfluß  gewinnen
und  durch  Preußen  das  gehaßte  Oesterreich  schwächen  zu  können.  Nur  Rußland
war  von  den  alten  Bundesgenossen
wieder  in  ein  freundlicheres  Verhältnis
zu  Preußen  gekommen,  denn  trot  aller
Verachtung,  mit  welcher  Nikolaus
Preußen  entgegen  getreten  war,  hatte
das  td  doch  die  einzige  Stütze
wie  bei  den  Polenaufständen,  so  im
Krimkriege  in  Berlin  gefunden,  und
von  seinem  Sohn  und  Nachfolger
Alexander  durfte  man  auch  ein  weniger
brüskes  Verhalten  erwarten.  Aber
das  verstand  sich,  daß  weder  die
russische  Freundschaft,  noch  die  französische
  Zudringlichkeit  eine  irgendwie
fest  begründete  Einheit  des  deutschen
Reiches  billigen  würden.  Doch  alle
Hoffnung  der  deutschen  Patrioten  stand
allein  auf  Preußen,  und  dieses  mußte
nun  zeigen,  ob  die  neue  Verfassung
ihm  auch  unter  den  schwierigsten  aus-Denkmal

  Pans-  Friedrich  Shus  IV.  auf  der  wärtigen  Verhältnissen  die  Kraft  gab,
Nheinbrücke  zu  Ki

 

num,  „seine  geschichtliche  Aufgabe,  die
Von  Gust.  Bläser  (118  —1820.  —  sn  aschtblde.  deutsche  Macht  zu  sein“,  zu  erfüllen.
        <pb n="809" />
        Fünftes  Buch.
*

Die
Begrünsung  zes  Deutschen  Zeiches

durch
Känig  Wilhelm  1.

18/57)001—1871.

Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Stactes.  42
        <pb n="810" />
        Das  Palais  Kaiser  Wilhelms  I.  in  Berlin.
Nach  einem  Lichibilde.

Fünftes  Buch.

Die  Vegründung  des  Deutschen  Neiches  durch
Bönig  Wilhelm  I.  1807)61—1871.

Bis  zum  Wiener  Frieden.

Am  Anfang  des  Jahrhunderts  war,  wie  wir  sahen,  Deutschland  und  am
schlimmsten  von  seinen  Staaten  Preußen  völlig  zu  Boden  geschlagen.  Das
gute  preußische  Schwert,  allmählich  erst  durch  den  Arm  der  übrigen  deutschen
Stämme  unterstützt,  befreite  dann  das  Vaterland  von  der  fremden  Tyrannei
und  gewann  ihm  die  Freiheit  zurück,  seine  Geschicke  selbständig  zu  bestimmen.
Wie  viele  Jahre  waren  zerronnen,  wo  davon  nicht  die  Rede  gewesen  warl
Nur  das  Eine  hatte  man  ganz  außer  acht  lassen  müssen,  daß,  wenn  man  den
einen  Fremdling,  der  seit  mehr  als  zwei  Jahrhunderten  über  Deutschland  zu
herrschen  gesucht,  wenn  man  Frankreich  mit  Hilfe  der  anderen  fremden  Macht,
        <pb n="811" />
        Oesterreich  und  Preußen  seit  1815.  659

mit  Oesterreich  niederwarf,  man  dieses  doch  stärkte  und  ihm  wieder  eine  Kraft
über  Deutschland  gab,  die  fort  und  fort  wachsen  mußte.  Damals,  wo  die  Begeisterung
  für  das  alte  heilige  Reich  in  hohen  stolzen  Wellen  ging,  war  es  geschehen,
  daß  man  den  kleinen,  kaum  ein  Viertel  betragenden  Bruchteil  deutscher  Bevölkerung
  Oesterreichs  für  den  Beweis  seines  deutschen  Charakters  ohne  Bedenken,
unbesehen  und  wie  von  selbst  annahm.  Das  meinte  man  vielfach  auch  jetzt  noch.
Noch  1850  sah  der  Abgeordnete  Otto  von  Bismarck  in  Oesterreich  den  Repräsentanten
  und  Erben  der  alten  deutschen  Macht,  der  oft  und  glorreich  das  deutsche
Schwert  geführt.  Die  Einheit  des  ganzen  Vaterlandes  hatte  man  erstrebt  und
dabei  völlig  übersehen,  daß  vornehmlich  die  Interessen  der  nichtdeutschen  Völker
Oesterreichs  das  Haus  Habsburg  ztn  siner  Politik  geführt  hatten  und  wieder  führen
mußten,  welche  die  Kleinfürsten  in  die  Arme  Frankreichs  getrieben,  welche  deutsches
Recht  und  deutsches  Wesen  so  gründlich  verachtet  und  verleugnet  hatte,  bis  das
einst  so  stolze  Schiff  völlig  gekentert  war.  Denn  lediglich  an  dem  Interesse  der
dreißig  Millionen  nichtdeutscher  Unterthanen  im  österreichischen  Staatswesen  war
der  mehr  patriotisch  gefühlte  als  wolitisch  durchdachte  Plan  gescheitert.  Aber  die
Fremdberrschaft  Oesterreichs  über  Deutschland  war  nur  um  so  fester  begründet  in
jenem  System,  die  Mittelstaaten  liebkofend  an  sich  zu  ziehen,  die  kleinen  aber  zu
unterdrücken  und  Preußen  aus  dem  Sattel  zu  heben.  Denn  nicht  an  dem
Umstande,  daß  neben  Oesterreich  noch  ein  zweiter  Großstaat,  Preußen,  im  Bunde
war,  sondern  vornehmlich  an  dem  undeutschen  Charakter  des  Kaiserstaates  mußte
jeder  Versuch,  die  Reichseinheit  herzustellen,  scheitern.  Zunächst  freilich  hatte  die
Hofburg  die  Gährung  im  deutschen  Volke  benutzt,  um  eine  Uebereinstimmung  mit
Preußen  herbeizuführen.  Aber  nichts  anderes  hatte  sie  dabei  bezweckt,  als  nach
eigenem  Willen  und  Wunsch  zu  handeln,  den  Haß  und  die  Mißgunst  aber,  die
dies  Handeln  erzeugen  mußte,  auf  den  getreuen  deutschen  Nachbarn  zu  werfen.
Als  dann  aber  es  zu  Tage  trat,  daß  auch  die  unglückselige  zerrissene  Lage  der
Länder,  welche  man  Preußen  in  böser  Absicht  zugewiesen,  die  neue  Erstarkung
des  Gegners  nicht  gehindert,  als  es  sich  herausstellte,  daß  gerade  sie  den  rein
deutschen  Charakter  Preußens  stählte,  als  Preußen  die  wirtschaftliche  Einheit
Deutschlands  begründete,  als  die  gewaltig  fortschreitende  Gährung  der  Geister  das
Werk  des  Wiener  Kongresses  über  den  Haufen  zu  werfen  schien  und  mit  immer
heftigerer  Gewalt,  immer  inbrünstigerer  Sehnsucht  die  nationale  Einheit  des  heillos
zersplitterten  Vaterlandes  forderte  und  keine  andere  Burg  fand,  in  welcher  deutsches
Sein  und  Leben  gesichert  war  vor  dem  Anprall  aller  Feinde  als  das  schlichte
altersgraue  Schloß  an  der  Spree:  erst  da  änderte  man  zu  Wien  die  verdeckte
Taktik,  weiter  und  weiter  öffnete  sich  das  Visir,  und  wer  es  etwa  wagte,  das
Antlitz,  das  hervortrat,  mit  festem  Blicke  anzuschauen,  der  sah  wohl  italienische,
ungarische,  walachische,  slavische,  czechische,  hannakische  und  was  sonst  für  fremde
Züge,  aber  ein  deutscher  war  kaum  noch  zu  erkennen.  Doch  die  fester  geschlossene
innere  Einheit,  die  Oesterreich  nach  Metternichs  Sturz  errang,  mußte  nur  um
so  tiefer  den  alten  Sporn  eindrücken,  nunmehr  auch  die  alte  Herrschaft  über  das
Reich  herzustellen.  Mochte  doch  der  Deutsche  mit  der  ganzen  Kraft  seines  Gemütes,
  mit  dem  verspotteten  und  verlachten  Idealismus  die  Einheit  begehren  und
sein  eigen  Selbst  allein  unter  den  Fittigen  des  schwarzen  Adlers  bewahrt  und
gerettet  sehen!  Gerade  diese  Gährung,  die  Unruhe  und  Zerfahrenheit  der  Geister
mußte  ein  Fundament  abgeben,  auf  welchem  das  Kaiserhaus  die  frühere  Herrschaft
4
        <pb n="812" />
        660  Die  Lage  des  Staates.

nur  um  so  fester  begründen  konnte.  Schon  regte  sich  ja  auch  sein  alter  Nebenbuhler
  jenseits  des  Rheins,  und  wie  undeutlich  das  Krähen  des  gallischen  Hahns
noch  tönen  mochte,  es  war  das  Zeichen,  nur  umsomehr  zu  eilen,  das  Gebäude,
  an  dem  man  lange  genug  gezimmert,  schleunigst  unter  Dach  und  Fach  zu
bringen,  ja  schon  stand  man  wieder  mit  Frankreich  wie  einst  in  hochgefährlichem
Bunde.  Der  revolutionären  Bewegung  der  Geister  in  den  eigenen  Ländern  war
Oesterreich  ja  Herr  geworden,  und  wenn  man  daran  gedachte,  wie  die  herrliche
Bewegung  des  Jahres  1809  so  schnell  verraucht  war,  daß  sie  sich  1813  durchaus
nicht  hatte  wiederholen  wollen,  wie  sollte  man  nicht  hoffen,  daß  auch  die  neue
Bewegung  in  Oesterreich  nur  ein  einmaliges  Aufflackern  gewesen,  und  daß  das
Feuer  gründlichst  erstickt  sei!  Nur  um  so  besser  dann  aber,  wenn  die  patriotische
Erhebung  im  benachbarten  Deutschland  in  die  abschüssigen  Wege,  in  die  wilden
Fluten  der  Revolution  verran,  welche  die  Throne  unterwühlte,  die  deutschen  Fürsten
in  Angst  und  Sorge  zur  Hofburg  eilen  ließ!  Wo  anders  meinten  sie  denn  noch
Schutz  zu  finden,  nun  da  auch  in  Preußen,  so  schien  es,  die  Revolution  eingebrochen,
  die  moderne  Ansicht  vom  Staate  gesiegt?  Gerade  hier  war  es  ja  ebenso
wie  anderwärts  dahin  gekommen,  daß  ein  Dualismus  zwischen  Regierung  und
Unterthan  sich  gebildet,  der,  von  beiden  Seiten  anerkannt,  zum  Ruine  des  Staates
führen  mußte.  Weder  in  Wien,  noch  an  den  Höfen  der  Mittelstaaten  hatte  man
eine  rechte  Empfindung  davon,  daß  das  Volksleben  der  deutschen  Nation  in  sich
ein  organisches  ist,  das  von  den  breiten  Grundlagen,  dem  weitgreifenden  Wurzelgeflecht
  emporsteigt  durch  alle  Stufen  und  Glieder  zur  Spitze,  zur  Blüte  und
Frucht,  daß  weder  das  eine  noch  das  andere  der  besonderen  Glieder  entbehrlich
oder  ersetzbar  sei.  Denn  eben  diese  befehdeten  und  bekämpften,  zerfleischten  einander,
  also  daß  die  Herrschaft  des  fremden  Staates  über  sie  nur  um  so  leichter
zu  erreichen  schien.

Mochten  denn  immerhin  die  Thore  des  Königsschlosses  zu  Berlin  dem  Gedanken
  der  deutschen  Einheit  weit  geöffnet  sein,  um  so  gewisser  sammelte  sich  die
Mehrabl  deutscher  Fürsten  unter  der  schwarz-  gelben  Fahne,  da  irgendwie  doch
jeder  Gedanke  einer  deutschen  Einheit  ihnen  ein  Opfer  zumuten  mußte.  Mochten
doch  die  Wünsche  der  Unterthanen  auf  Teilnahme  an  der  Gesetzgebung  so  heftig,
wie  sie  wollten,  an  die  Pforten  zu  Berlin  pochen,  nur  mit  halbem  Willen  waren
sie  ihnen  aufgethan,  und  hentlh  suchte  man  sie  schon  wieder  zuzuziehen.  Herrschte
doch  auch  unter  denen,  die  eine  feste  monarchische  Gesinnung  hatten,  ein  tiefer
Unwille  gegen  die  Regierung,  strebten  doch  die  sogenannten  Altliberalen  nach  Ausbildung
  der  Verfassung,  und  war  doch  die  weitere  Beschränkung  der  königlichen
Gewalt  eine  weit  verbreitete  Forderung!  Ja  republikanische  Echanten  und  sozialistische
Pläne  fanden  auch  in  Preußen  Anhänger  und  Vertreter,  und  die  Macht  der
Krone  zu  zerbröckeln  schien  vielen  ein  glückverheißendes  Ziel!  Wie  überall  in
Deutschland,  so  hatte  auch  in  Preußen  der  monarchische  Sinn  einen  schweren
Stoß  erhalten,  und  derer  waren  nicht  wenige,  denen  die  alte  Königstreue  nur
Anlaß  zu  Hohn  und  Spolt  gewährte.  Wie  hätte  solch  Zwiespalt  innerhalb  der
schwarz-weißen  Pfähle  nicht  die  Hoffnung  Oesterreichs  und  der  anderen  Feinde
aufflammen  lassen,  die  Erwartung  der  Getreuen  aber,  daß  die  Hohenzollern  die
Einheit  Deutschlands  begründen  würden,  darnieder  schlagen  sollen!  Mochte  doch
der  große  Zar  dem  Wiener  Kabinett  noch  zürnen,  daß  es  ihm  in  den  Weg  getreten,
mochte  doch  der  neue  Napoleon  im  tiefsten  Herzen  bittern  Groll  gegen  das  Erz-
        <pb n="813" />
        Die  Lage  des  Staates.  661

haus  hegen,  mochte  man  auch  im  Palast  zu  St.  James  und  im  Parlament  auf
der  Downingstreet  schelten  über  die  nach  allen  Verhandlungen  nur  um  so  schmählichere
  Unthätigkeit  Oesterreichs  im  Krimkriege!  Das  war  doch  sicher,  daß  das
Aussteigen  der  preußischen  Macht  keiner  der  fremden  Mächte  erwünscht,  daß  gar
die  Gründung  der  deutschen  Einheit,  die  Schöpfung  einer  deutschen  Macht  unter
preußischer  Führung  auf  den  entschiedensten  Widerspruch  in  allen  Kabinetten
Europas  stoßen  würde.

Schon  war  ja  das  Ansehen  des  Staates  überall  gebrochen,  und  in  seiner  neuen
Jugendblüte  schien  er  wieder  geknickt.  Wie  aber  schien  es  sich  für  seine  Feinde  nun
so  glücklich  zu  fügen,  daß  durch  die  Erkrankung  des  Königs  eine  Stellvertretung
nötig  wurde,  die  Uebel  genug  nach  sich  ziehen  konnte!  Wie  glücklich  schien  es
sich  zu  fügen,  daß  der  Prinz  von  Preußen,  trotzbem  er,  so  oft  der  Anlaß  sich
bot,  feine  hohe  Achtung  vor  dem  historischen  Recht  der  deutschen  Fürsten  bekundet,
seine  gewissenhafte  Anerkennung  ihrer  Souveränetät  bewiesen,  dennoch  von  den
Fürsten  mehr  noch  als  sein  Bruder  und  Vater  argwöhnisch  beobachtet  wurde,  als
ob  er  ihre  Throne  antasten,  ihre  Länder  für  sich  zu  erwerben  wünsche!  Was
half  es  ihm,  das  Gegenteil  wiederholt  zu  bezeugen!  Die  Gassenjungen  in  Berlin
erzählten  sich  ja,  daß  er  die  deutschen  Fürsten  verschlucken  wolle!  Das  war  dem  König
von  Sachsen  wie  dem  von  Hannover  Beweis  genug,  und  folgerecht  hielten  die  Fürsten
zur  Hofburg,  schien  das  Werk  der  Einheit  mithin  ganz  unausführbar.  Wie  schien
es  sich  weiter  so  glücklich  zu  fügen,  daß  der  Prinz  von  Preußen,  trotz  aller  ihm  zugeschriebenen
  Vergrößerungs-Gelüste,  wie  man  wußte,  in  hohem  Maße  friedfertig  war
und,  an  der  Schwelle  des  Greisenalters  angelangt,  wohl  kaum  noch  die  wagende  Kraft
und  den  schwellenden  Mut  haben  werde,  den  nur  die  frische  Jugend  gewährt!  Durste
man  doch  hoffen,  daß  der  Prinz,  aufgewachsen  und  mit  seinem  ganzen  Herzen  der
heiligen  Allianz,  dem  alten  System  die  Viermächte  zugethan,  die  traditionelle  Zuneigung
  und  Nachgiebigkeit  seines  Hauses  gegen  Habsburg  gewiß  bewähren  werdel
Ja  um  so  mehr  werde  er  es  thun,  als  sein  innerstes  Empfinden  ihn  von  jeder  Annäherung
  an  den  Neffen  des  schrecklichen  Mannes,  der  seinem  Hause  und  Lande  zum
Fluch  geworden,  an  Napoleon  abwenden  mußte,  als  die  bersönliche  Freundschaft,  die
ihn  sowohl  mit  dem  absoluten  Zaren  in  Petersburg,  wie  mit  der  parlamentarischen
Königin  in  London  verknüpfte,  an  dem  Widerspruch  beider  Staaten  zu  Grunde
gehen  mußte.  Wie  schien  es  sich  aber  auch  endlich  so  glücklich  zu  fügen,  daß  der
Prinz  aus  den  schweren  Bedenken,  die  er  gegen  die  Umgestaltung  des  Staates
gehegt,  seinerzeit  kein  Hehl  gemacht,  daß  umgekehrt  er  dann  mit  unzweideutigen
Worten  sich  für  die  gewissenhafteste  Haltung  der  Verfassung  und  gegen  jede  nicht
völlig  ehrliche  Auslegung  entschieden  ausgesprochen.  Hatte  er  doch  damit  der
Feinde  hüben  und  drüben  genug  erworben!  Hielt  man  ihn  doch  auf  der  einen
Seite  für  den  erbitterten  Gegner  der  Verfassung  und  auf  der  anderen  für  einen
Abtrünnigen!  Schwer  und  immer  schwerer  hatte  er  ja  leiden  müssen  unter  den
Gehässigkeiten  und  Anfeindungen!  Im  inneren  Widerspruch  befand  er  sich  mit
den  Räten  der  Krone,  und  doch  kam  nicht  nur  alles  darauf  an,  die  Kontinuität
der  Entwickelung  festzuhalten,  sondern  der  Natur  der  Stellvertretung  entsprach  es
allein,  nach  den  Grundsätzen  des  Königs  und  seiner  Ratgeber  die  Regierung  zu
leiten.  Von  der  aufrichtigsten  Frömmigkeit  in  der  Tiefe  seines  Herzens  und
zugleich  erfüllt  von  innerlichem  Bedürsnis  der  Bethätigung  des  evangelischen
Glaubens  auch  in  den  Formen  der  Kirche,  bot  er  doch  der  herrschenden
        <pb n="814" />
        662  Die  Lage  des  Staates.

Richtma,  die  er  selbst  als  Heuchelei  bezeichnen  mußte,  Anlaß  zu  schweren
edenken.

In  Summa:  Das  Ansehen  Preußens  war  im  Auslande  tief  gesunken,  von
den  deutschen  Fürsten  war  der  Staat  leidenschaftlich  beargwöhnt,  von  Oesterreich
bitter  befehdet.  Die  eigene  Verfassung  des  Staates  befand  sich  im  Stadium  des
Uebergangs  und  mußte  in  Kampf  und  Streit  erst  ihre  Lebensfähigkeit  erweisen.
Die  Unterthanen  waren  gespalten  unter  sich  nach  politischen,  nach  ständischen,  aber
auch  nach  wirtschaftlichen  wie  kirchlichen  Grundsätzen,  die  Regierung,  deren  Leiter
der  Stellvertreker  doch  beibehalten  mußte,  stand  im  entschiedenen  Widerspruch  zu  den
Unterthanen  wie  zu  dem  Prinzen  selbst.  Wahrlich  es  sind  nicht  wohl  Zustände  denkbar,
  welche  den  Wechsel  einer  Regierung  und  die  gedeihliche  Fortentwickelung  des
nationalen  Lebens  schwieriger  machen  könnten!  Wie  sicher  waren  die  inneren  Verhältnisse
  beim  Regierungsantritt  Friedrichs  des  Großen  begründet  gewesen,  wie  hatte
selbst  Friedrich  Wilhelm  III.,  als  er  das  neue  Preußen  begründete,  in  der  sittlichen
Uebereinstimmung  der  Besten  des  Volkes  den  festesten  Halt  gefunden!  Nur  der
Große  Kurfürst  hatte  andere  Schwierigkeiten  vorgefunden,  hatte  Land  und  Leute
erst  erobern,  erst  schaffen  müssen,  und  doch,  wenn  man  jene  Zeit  mit  der  um  die
Mitte  dieses  Jahrhunderts  vergleicht,  wenn  man  den  Ton  auf  die  moralischen  und
geistigen  Schwierigkeiten  legt,  so  wird  man  sie  bei  der  Uebernahme  der  Stellvertretung
  durch  den  Prinzen  von  Preußen  für  kaum  geringer  anzuschlagen  geneigt
sein,  als  sie  beim  Antritt  der  Regierung  des  Großen  Kurfürsten  vorlagen.

Und  doch  sie  sind  überwunden,  sie  sind  nicht  nur  überwunden,  sondern  sie
haben  zu  einem  Ziele  geführt,  so  herrlich,  so  vollendet,  so  alle  Erwartungen,  alles
Maß  überschreitend,  daß  alles,  was  die  Geschichte  unseres  Staates  bietet,  dagegen
völlig  in  den  Hintergrund  tritt.  Kein  3weifel  ist  es,  daß  es  lediglich  die  Persönlichkeit
  des  neuen  Herrschers  ist,  auf  der  alles  beruhte,  die  Staat  und  Reich,
Gesellschaft  wie  Verkehr  so  gründlich,  so  durchaus  umgestaltete.  Indessen  wie
vermöchten  wir  ein  Charakterbild  des  Königs  zu  entwerfen,  der  in  unseren  Herzen
als  lebendige  Macht  lebt  und  eine  Verehrung  genießt,  wie  sie  noch  keinem  Sterblichem
  zu  teil  wurde!  Die  Einfachheit  läßt  sich  beschreiben,  die  Größe  läßt  sich
schildern,  die  Verbindung  beider,  wie  sie  uns  hier  in  einer  das  menschliche  Maß
beinahe  übersteigenden  und  doch  wieder  so  rein  und  ungesucht  menschlichen  Weise  entgegentritt,
  geht  heute  noch  über  die  volle  historische  Würdigung  hinaus.  Aber  das
bdorimn  wir  sagen.  Selbst  bei  den  Hohenzollern,  die  —  wir  hörten  es  —  in

der  Pflichttreue  das  Höchste  gesehen,  was  sie  leisten  konnten,  ist  eine  solche  Pflichttreue,
  die  in  der  wunderbarsten  Leistung  nichts  sieht,  als  die  einfache  Erfüllung
der  Schuldigkeit,  vorher  nicht  dagewesen.  Das  ganze  Leben  des  Königs  von  jenem
schlichten  Bekenntnis  am  Tage  seiner  Einsegnung  an:  „Ich  weiß,  daß  meine  Kräfte
der  Welt,  dem  Vaterland  gehören“  bis  zu  jenem  in  alle  Ewigkeit  ergreifenden  „Ich
habe  keine  Zeit,  müde  zu  sein“  ist  dem  Könige  nichts  als  die  natürliche  Lösung
der  ihm  von  Gott  gestellten  Aufgabe  gewesen,  dem  Staat  aber,  ja  der  ganzen  Welt
ist  seine  Regierung  das  segenreichste  Ereignis  des  Jahrhunderts  geworden.  Dereinst
an  der  Wende  des  fünfzehnten  und  sechzehnten  Jahrhunderts  war  die  Welt  bewegt
von  den  Mißbräuchen  der  Kirche,  und  die  Seele  der  Völker  dürstete  nach  einer
erläuterten  Erkenntnis  der  göttlichen  Wahrheit.  In  der  Seele  eines  Mannes
hatten  die  Kämpfe  der  Zeit  sich  abgespiegelt,  und  gerungen  hatte  er  mit  sich,  bis
er  selbst  zur  Klarheit  sich  durchgekämpft.  Ohne  jegliche  Absicht  eines  Bruches
        <pb n="815" />
        Die  Lage  des  Staates.  —  Uebernahme  der  Regentschaft.  663

mit  der  herrschenden  Kirche,  ohne  jegliche  Ahnung  von  den  Folgen  seiner  That,
in  schlichter  Erfüllung  dessen,  was  seine  Christenpflicht  ihm  gebot,  aber  überzeugt
von  der  Wahrheit  seiner  Sache,  war  Luther  dem  Unwahren  des  Ablasses  entgegengetreten
  und  eine  Bewegung  hat  er  hervorgerufen,  die  das  Schicksal  der  Welt
bestimmt.  Um  die  Mitte  unseres  Jahrhunderts  waren  alle  Herzen  und  Sinne
des  deutschen  Volkes  erfüllt  von  der  Sehnsucht  nach  nationaler  Einigung  und  den
Edelsten  der  Nation  schien  nichts  notwendiger,  schien  keine  Forderung  sittlich  berechtigter
  und  dringender  als  die  Vereinigung  der  deutschen  Stämme  unter  einem
kaiserlichen  Haupt,  als  die  Beteiligung  der  Nation  an  der  Gesetzgebung,  die  Oeffentlichkeit
  der  Handlungen  des  Staates.  In  der  Stille  des  schmucklosen  Hauses
unter  den  Linden  zu  Berlin  hatten  diese  Wünsche  in  der  Seele  eines  Fürsten
gezündet,  in  seiner  Seele  hatte  er  gerungen,  ob  sein  Preußen,  das  allein  durch
die  Arbeit  seine  Vorfahren  so  groß  und  herrlich  geworden,  die  neue  Form  vertrage,
  ob  es  auch  in  ihr  wie  in  der  alten  seine  Pflicht  erfüllen  könne,  hatte  er
gekämpft,  ob  Preußen,  die  so  lange  Jahrhunderte  wesentlich  durch  die  Kraft  der
Hohenzollern  von  Oesterreich  geübte  Herrscherstellung  in  Deutschland  annehmen
dürfe.  Aber  einmal  zur  Klarheit  gekommen,  löste  er  mit  sicherer  Hand  den  alten
deutschen  Bund  auf,  forderte  die  Einberufung  eines  deutschen  Parlaments,  erbaute
das  festgefügte  Werk  der  deutschen  Einheit  und  schuf  damit  einen  neuen  Mittelpunkt,
  um  den  fortan  sich  die  Welt  bewegen  sollte.

Solange  die  Stellvertretung  währte,  hielt  sich  der  Prinz  verpflichtet,  „unter
gewissenhafter  Beobachtung  der  Landesverfassung  und  der  Landesgesetze,  nach  den
Mir  bekannten  Intentionen  Seiner  Majestät,  Meines  königlichen  Bruders  und
Herrn  die  Regierungsgeschäfte  zur  Zufriedenheit  Seiner  Majestät  des  Königs  und
zum  Heile  des  Landes  zu  führen.“  Es  war  dies  nur  möglich  bei  einer  so
gewissenhaften  Beurteilung,  wie  sie  dem  schlichten  Rechtssinn  des  Prinzen  eigen
war.  Doch  eben  dieser  Rechtssinn  machte  die  Dauer  der  mehrfach  erneuerten
Stellvertretung  nicht  möglich,  da  die  Verfassung  bei  andauernder  Verhinderung
die  Regentschaft  des  nächsten  Agnaten  forderte,  d.  h.  die  Leitung  der  Regierung
mit  eigener  erantwortlicheir  und  also  nach  dem  eigenen  Ermessen  des  stellvertretenden
  Oberhaupts.  Denn  die  Krankheit  des  Königs  zeigte  Erscheinungen,
welche  die  Hoffnung  auf  Genesung  mehr  und  mehr  ausschlossen.  Noch  war  der
Landtag  mit  richtigem  Takt  an  dem  Paragraphen  der  Verfassung  vorbeigegangen,
aber  es  war  nichk  ärzürtehmen,  daß  dies  auch  fernerhin  geschehen  werde,  und
völlig  unberechenbar  waren  die  Folgen,  wenn  die  Lösung  einer  so  schwierigen
Frage  nicht  von  der  Krone  selbst  ausging.  Der  Justizminister  Simons  hatte
daher  die  rechtliche  Seite  mehrfach  zur  Sprache  gebracht.  Es  war  ein  erschütternder
Augenblick,  als  die  Königin  Elisabeth  ihrem  Gemahl  in  einer  Stunde,  da  seine
Kräfte  es  gestatteten,  die  Urkunde  vorlegte,  kraft  welcher  der  König  am  7.  Oktober
  1858  den  Prinzen  ersuchte,  „die  königliche  Gewalt  in  der  alleinigen  Verantwortlichkeit
  gegen  Gott,  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen  in  Meinem  Namen
als  Regent  ausüben  und  hiernach  die  erforderlichen  weiteren  Anordnungen  treffen
zu  wollen“.  Erschütternd  wirkte  die  Kunde  auf  die  überaus  große  Zahl  derjenigen
  im  Lande,  die  trotz  aller  Mißerfolge  des  Königs  reines  Streben,  reiche
Gaben  und  edles  Herz  erkannt  hatten  —  Charaktereigenschaften,  auf  welche  gerade
der  Prinz  so  oft  und  nachhaltig  hingewiesen.  Aber  ergreifender  ist  wohl  der
zarte  und  pflichttreue  Sinn,  mit  welchem  der  Prinz  seiner  Gemahlin  ein  Ereignis

858
7.  Okt.
        <pb n="816" />
        664  Uebernahme  der  Regentschast.
meldet,  das,  solange  die  Welt  besteht,  immer  aufs  neue  die  Blicke  auf  sich  ziehen
wird.  „Der  entscheidende  Schritt  ist  also  geschehen!  Gott  gebe  seinen  Segen
zu  dem  ernsten  Werke,  was  nun  durch  mich  für  das  Vaterland  beginnt.  Du
kannst  denken,  in  welcher  Aufregung  ich  bin,  und  wie  ich  nur  im  Gebet  mich
stärken  und  kräftigen  konnte  und  mich  Gottes  Barmherzigkeit  anheim  geben!
Wenn  somit  vielen  ein  Stein  vom  Herzen  fällt,  so  beginnt  für  mich  nun  erst
die  wahre  Sorge  und
Qual,  die  mir  schwerlich
(bei  der  voraussichtlichen
Unheilbarkeit  des  Königs)
wieder  abgenommen  werden
  wird.  Ich  schließe
mit  der  Bitte,  daß  du
für  mich  und  das  Vaterland
  und  das  schmerzlich
berührte  Königspaar
beten  mögest.  Dein  Wilhelm“.


Das  Nächste  nach
der  Entlassung  des  Ministers
  von  Westfalen,
der  die  Notwendigkeit
der  Regentschaft  bestritt,
war  die  Berufung
Landtags  zu  ihrer  Anerkennung.
  Ende  Oktober
  trat  er  zusammen,
und  der  Regent  leistete
in  dessen  Gegenwart  den
Eid  auf  die  Verfassung.
Sie  ist  sicherlich  nicht  das
Ideal  gewesen,  welches
sich  in  der  Seele  des
Prinz-Regenten  von  der

Fürst  Karl  Anton  von  ——  Verfassung  des  preußi-Nach

  einem  Lichtdilde.  schen  Staates  gebildet

hatte,  aber  nachdem  sein

königlicher  Bruder  und  er  selbst  sie  Tsigs  hätte  er  jeden  Versuch,  an

ihr  zu  rütteln,  für  Sünde  gehalten.  „Ich  will  nicht  untersuchen“  —  so  sagte

er  zum  König  Max  von  Bayern  —  ob  Konstitutionen  heilsam  sind,  aber  wo

sie  eristieren,  soll  man  sie  halten  und  nicht  durch  gezwungene  Interpretationen
verfälschen“.

Es  verstand  sich  daher,  daß  der  Prinz-Regent  mit  dem  bisherigen  Ministerium
die  Regierung  nicht  leiten  konnte,  und  längere  Zeit  schon  hatte  er  wegen  Bildung
eines  neuen  Ministeriums  Erwägungen  angestellt.  Der  Gedanke,  den  Gesandten
Otto  von  Bismarck-Schönhausen  als  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten
zu  berufen,  ließ  sich  damals  noch  nicht  ausführen,  und  nunmehr  kam  unter  dem
        <pb n="817" />
        Programm  des  Prinz-Regenten.  665

Vorsitz  des  hochherzig-patriotischen  Fürsten  von  Hohenzollern-Sigmaringen,
des  einzigen  deutschen  Fürsten,  der  freiwillig  Land  und  Souveränetät  ausgegeben  hatte,
ein  Ministerium  zu  stande,  welches  zwar  den  Zusammenhang  mit  der  bisherigen
Regierung  in  der  Beibehaltung  des  Handelsministers  von  der  Heydt  und  Justizministers
Simons  wahrte,  zugleich  aber  durch  die  Namen  Rudolf  von  Auerswald,  von  Bethmann-Hollweg,
  Graf  Pückler  und  von  Patow  einen  vollen  Frontwechsel  bedeutete.
Auch  die  Namen  von  Schleinitz,  von  Bonin  und  Flottwell  bekundeten  dies,  wenn
auch  die  politische  Richtung  dieser  Männer  nicht  eine  so  streng  ausgeprägte  wie  die
der  erst  genannten  war.  Ebenso  aber,  wie  diese  Ernennungen  des  Prinzen  Gesinnung
  kennzeichneten  und  es  bezeugten,
daß  er  keiner  der  Tagesparteien  angehörte,
sondern  schlechthin  eine  rein  staatliche  Auffassung
  hatte,  die  —  man  wird  an  Steins
Grundsätze  erinnert  —  „auf  dem  historisch
gewordenen  Grunde  des  preußischen  Staates
die  Kräfte  der  Nation  zu  ihrer  höchstmöglichen
  Entwickelung  zu  führen“  gedachte,
  so  sprach  der  Prinz  diese  Ansicht
auch  den  Männern  seines  Vertrauens  in
jener  berühmt  gewordenen  Audienz  vom
8.  November  1858  mit  vollster  Bestimmtheit
  aus.  Ja,  diese  Ansprache  giebt  ein
Programm,  eine  Uebersicht  über  das
Streben  des  Prinz-Regenten  während
seiner  ganzen  Regierungszeit  und  bezeichnet
zugleich  die  Schwierigkeiten  beim  Antritt
so  deutlich,  daß  ein  näheres  Eingehen  auf
sie  geboten  erscheint.  „Die  Pietät"“,  so  sagte
der  Prinz,  „gegen  Meinen  schwer  heimgesuchten

  König  und  Herrn  ließ  mich  Freiherr  Wilhelm  von  Schleinitz.
lange  schwanken,  wie  manche  Erlebnisse,  Nach  einem  Lichibilde.

die  ich  unter  seiner  Regierung  wahrnahm

in  eine  bessere  Bahn  wieder  borrzmeiten.  seien,  ohne  Meinen  brüderlichen  Gefühlen
und  der  Liebe,  Sorgfalt  und  Treue,  mit  welcher  unser  allergnädigster  König  seine
Regierung  führte,  zu  nahe  zu  treten."  Fern  von  jeder  Ueberstürzung,  von  keckem
Ergreifen  der  Neuerungen  und  gleich  weit  entfernt  von  jedem  Zurückhalten  an  überwundenen
  Zuständen,  erklärt  der  Regent,  wie  er  nur  in  der  Ueberzeugung,  daß  die
neuen  Räte  der  Krone  seine  Ansicht  teilten,  und  von  einem  Bruche  mit  der  Vergangenheit
  nun  und  nimmermehr  die  Rede  sein  solle,  sich  zu  dem  Wechsel  habe
entschließen  können.  Nur  da,  wo  Willkürliches  oder  gegen  die  Bedürfnisse  der  Zeit
Laufendes  sich  zeige,  solle  die  sorgliche  und  bessernde  Hand  angelegt  werden.
Diese  Bedürfnisse  richtig  zu  erkennen,  zu  erwägen  und  ins  Leben  zu  rufen,  das
sei  das  Geheimnis  der  Staatsweisheit,  wobei  man  von  allen  Extremen  sich  fern
halten  müsse.  Einfacher  läßt  sich  in  der  That  nicht  die  höchste  Pflicht  jeglicher
Regierung,  an  der  Fortbildung  des  Menschengeschlechts  zu  arbeiten,  bezeichnen.
Der  Regent  berührt  offen  den  Zwiespalt,  der  sich  zwischen  Regierung  und  Volk
aufgethan,  er  weist  hin  auf  die  damals  mannigfach  abhanden  gekommene  Auf-
        <pb n="818" />
        666  Programm  des  Prinz-Regenien.

fassung  vom  Staat  und  zugleich  auf  den  Weg  zur  Rettung,  wenn  er  sagt,  die
neu  berufenen  Ratgeber  der  Krone  erkennen  es  an,  daß  das  Wohl  der  Krone
und  des  Landes  unzertrennlich  sri  daß  die  Wohlfahrt  beider  auf  gesunden,
kräftigen,  konservativen  Grundlagen  beruhe.  Die  Aufregung,  die  im  öffentlichen
Leben  herrsche,  sei  zwar  teilweise  erklärlich,  zeige  aber  andernteils  Spuren  von
absichtlich  überspannten  Ideen,  denen  durch  ebenso  besonnenes  wie  gesetzliches  und
selbst  energisches  Handeln  entgegen  getreten  werden  müsse.  Versprochenes  müsse
man  treu  halten,  ohne  sich  der  bessernden  Hand  dabei  zu  entschlagen,  nicht  Versprochenes
  mutig  verhindern.  Vor  allem  sei  zu  warnen  vor  der  stereotypen
Phrase,  daß  die  Regierung  sich  fort  und  fort  treiben  lassen  müsse,  liberale  Ideen
zu  entwickeln,  weil  sie  sich  sonst  von  selbst  Bahn  brächen.  Gerade  hierauf  beziehe
sich,  was  er  Staatsweisheit  genannt.  Wenn  in  allen  Regierungshandlungen
sich  Wahrheit,  Gesetzlichkeit  und  Konsequenz  ausspreche,  so  sei  ein  Gouvernement
stark,  weil  es  ein  reines  Gewissen  habe,  und  mit  diesem  habe  man  ein  Recht,
allem  Bösen  kräftig  zu  widerstehen.  Nach  dieser  allgemeinen  Betrachtung  geht
der  Prinz-Regent  zu  den  einzelnen  Teilen  der  Aufgaben  des  Staates  über,  und
man  begreift  die  Schwierigkeit  der  Lage,  wenn  es  ausgesprochen  wird,  daß  die
inneren  Verhältnisse  seit  1848  von  einem  Extrem  zum  andern  geworfen  seien.

ie  kommunalen  Verhältnisse  seien,  nachdem  man  ganz  unvorbereitet  ein  Selbstgovernement
  einführen  gewollt,  zu  den  alten  Verhältnissen  zurückgedrängt  worden,
ohne  den  Forderungen  der  Zeit  Rechnung  zu  tragen,  was  sonst  ein  richtiges
Mittehalten  bewirkt  haben  würde.  Die  bessernde  Hand  müsse  hier  angelegt
werden,  vorerst  aber  bestehen  bleiben,  was  eben  erst  wieder  hergestellt  ist,  um
nicht  neue  Unsicherheit  und  Unruhe  zu  erzeugen,  die  nur  bedenklich  wäre.  Die
Finanzen  erzielten  zwar  Ueberschüsse,  aber  bei  weitem  nicht  solche,  daß  allen
Bedürfnissen  entsprochen  werden  könne,  weil  in  den  Steuervorlagen  nicht  richtig
operiert  worden  sei.  Wie  die  Mittel  für  jene  Bedürfnisse  zu  beschaffen  seien,  sei
die  Hauptaufgabe  der  Zukunft,  wobei  die  wahre  Besteuerungsfähigkeit  des  Landes
ins  Auge  zu  fassen.  Handel,  Gewerbe  und  Kommunikationsmittel  hätten  zwar
einen  ungeahnten  Aufschwung  genommen,  aber  bei  dem  Schwindelgeist,  der  Wunden
schlage,  sei  Maß  und  Ziel  zu  halten.  Den  Kommunikationswegen  seien  bedeutende
Mittel,  aber  mit  Rücksicht  auf  alle  Staatsbedürfnisse  und  unter  Innehaltung  der
Etats  zu  Gebote  zu  stellen.  Bei  den  veränderten  Prinzipien  in  der  Rechtspflege
müsse  das  Gefühl  der  Wahrheit  und  Billigkeit  in  allen  Klassen  der  Bevölkerung
geweckt  werden,  damit  Gerechtigkeit  durch  Geschworene  wirklich  gehandhabt  werden
könne.  Eine  der  schwierigsten  und  zartesten  Fragen,  die  ins  Auge  gefaßt  werden
müßten,  sei  die  kirchliche,  da  auf  diesem  Gebiet,  wie  der  Prinz  scharf  und
bestimmt  näher  ausführte,  in  der  letzten  Zeit  viel  vergriffen  sei.  Das  Unterrichtswesen
  sei  in  dem  Bewußtsein  zu  leiten,  daß  Preußen  durch  seine  höheren  Lehranstalten
  an  der  Spitze  geistiger  Intelligenz  stehen  und  durch  seine  Schulen  die
den  verschiedenen  Klassen  der  Bevölkerung  nötige  Bildung  gewähren  solle,  ohne
sie  über  ihre  Sphäre  zu  heben.  Im  Heerwesen,  so  fährt  der  Prinz-Regent  nach
einem  Hinweise  auf  die  Katastrophe  von  1806  und  die  Befreiungskriege  fort,
habe  eine  vierzigjährige  Erfahrung  und  zwei  kurze  Kriegsepisoden  auch  jetzt  aufmerksam
  gemacht,  daß  manches  sich  nicht  bewährt  habe  und  zu  Aenderungen  Veranlassung
  geben  werde.  Dazu  gehörten  ruhige  politische  Zustände  und  Geld.  Es
wäre  ein  schwer  sich  bestrafender  Fehler,  wollte  man  mit  einer  wohlfeilen  Heeres-
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        Programm  des  Prinz-Regenten.  —  Krieg  von  1859.  667

verfassung  prangen,  die  deshalb  im  Moment  der  Entscheidung  den  Erwartungen
nicht  entspräche.  Preußens  Heer  müsse  mächtig  und  angesehen  sein,  um,  wenn
es  gelte,  ein  schwer  wiegendes  politisches  Gewicht  in  die  Wagschale  legen  zu  können.
„Preußen  muß"“,  so  lehrt  der  Prinz-Regent  weiter  über  die  auswärtigen  Verhältnisse
  ganz  im  Geiste  seiner  großen  Vorfahren,  „mit  allen  Großmächten  im
freundschaftlichsten  Vernehmen  stehen,  ohne  sich  fremden  Einflüssen  hinzugeben
und  ohne  sich  die  Hände  frühzeitig  durch  Traktate  zu  binden".  Mit  allen
übrigen  Mächten  sei  das  freundlichste  Verhältnis  gleichfalls  geboten.  In  Deutschland
  müsse  Preußen  moralische  Eroberungen  machen  durch  eine  weise  Gesetzgebung
  bei  sich,  durch  Hebung  aller  sittlichen  Elemente  und  durch  Ergreifung  von
Einigungselementen  wie  der  Zollverband  es  sei,  der  indes  einer  Reform  werde
unterworfen  werden  müssen.  „Die  Welt  muß  wissen“,  —  König  Friedrichs  1I.
Kampf  für  Deutschlands  Fürsten  schwebt  vor  unseren  geistigen  Augen  —  „daß
Preußen  überall  das  Recht  zu  schützen  bereit  ist.  Ein  festes,  konsequentes  und,
wenn  es  sein  muß,  energisches  Verhalten  in  der  Politik,  gepaart  mit  Klugheit
und  Besonnenheit,  muß  Preußen  das  politische  Ansehen  und  die  Machtstellung
verschaften  die  es  durch  seine  materielle  Macht  allein  nicht  zu  erreichen  im  stande  ist.“

s  auf  den  letzten  Punkt  hat  der  Prinz-Regent  in  dreißig  Jahren  nach
diesen  Grunssgen  gehandelt  und  auf  allen  Gebieten  das  herrlichste  Ziel  erreicht.
Die  Voraussetzung  aber  für  diese  ungeahnten  Erfolge  war  das  Heer,  die  Grundlage
  der  Machtstellung  Preußens,  deren  Fehler  der  Regent  beklagt,  und  die
wieder  die  Grundlage  des  materiellen  Emporsteigens  seiner  Bürger  ist.  Denn
eins  bedingt  eben  im  Leben  der  Völker  das  andere.  Ohne  materielle  Macht
genießt  der  Staat  kein  Ansehen,  und  wieder  ohne  das  höchste  politische  Ansehen
des  aates  sinken  die  materiellen  Güter  seiner  Bürger.

Schon  im  nächsten  Frühiahre  sollte  es  sich  erweisen,  wie  notwendig  die  1859
preußische  Mochsfellung  war.  Zwischen  Oesterreich  und  dem  König  Viktor  Emanuel
von  Sardinien,  welcher  die  Lombardei  für  das  sich  einende  Italien  gewinnen
mußte,  und  dem  Napoleon  aus  anderen  Gründen  seine  Hilfe  lieh,  kam  es  im
April  zum  Kriege.  Es  versteht  sich,  daß  Oesterreich  auch  diesmal  für  seine  außerdeutschen
  Interessen  die  preußische  Hilfe  in  Anspruch  nahm  und  für  die  Erhaltung
der  Lombardei  Deutschland  einem  französischen  Einfall  aussetzen  wollte.  In  der

That  wäre  der  Regent  zum  Kriege  bereit  gewesen,  wenn  ihm  die  Voraussetzung
jeglichen  Erfolges,  nämlich  der  Oberbefehl  über  das  Bundesheer  zugestanden
worden  wäre.  Dies  aber  wollte  Oesterreich  nimmermehr  bewilligen  und  beantwortete
  einen  bezüglichen  Antrag  Preußens  sofort  durch  den  entgegengesetzten,  wonach
  der  Bundeskommission  von  siebzehn  Mitgliedern  die  höchste  Aussicht  über  das
Heer  gewahrt  bleiben  sollte.  Zu  bedenklich  schien  es  in  Wien,  das  deutsche  Schwert
in  preußische  Hände  zu  geben,  und  lieber  verzichtete  man,  wie  der  Regent  sagte,
auf  eine  Provinz,  als  daß  man  Preußen  einen  Siegesruhm  gegen  Frankreich
gegönnt  hätte.  So  nötigte  die  Hofburg  sich  selbst  zur  Nachgiebigkeit.  Da  aber
der  Regent  seine  Neutralität  zu  einer  bewaffneten  gestaltete,  und  seine  mobil
gemachten  Truppen  sich  nach  der  Westgrenze  in  Marsch  setzten,  Napoleon  jedoch
gegen  einen  Krieg  mit  Preußen  und  Oesterreich  schwere  Bedenken  hatte,  so  entschloß
er  sich  plötzlich,  den  Streit  beizulegen,  und  schon  Anfang  Juli  wurde  die  Welt  durch  11.  JuMl
den  zu  Villafranca  geschlossenen  Präliminarfrieden  überrascht.  Freilich  schalt  das
Wiener  Kabinett  offen,  daß  es  die  Lombardei  nur  habe  aufgeben  müssen,  weil
        <pb n="820" />
        1860
Juni

668  Krieg  von  1859.  —  Baden-Baden.

sein  naturlicher  Bundesgenosse,  weil  Preußen  es  verlassen  habe.  Und  diese  Anklage
fand  im  deutschen  Süden,  der  sich  für  Oesterreich  begeistert  hatte,  fand  aber  auch  im
Norden  Anklang.  Soweit  war  das  Mißtrauen  gegen  den  norddeutschen  Großstaat
verbreitet,  daß  eine  große  Anzahl  patriotischer  Männer  unter  Rudolf  von  Bennigsen
einen  besonderen  Verein,  den  „National-Verein“  zur  Bildung  einer  starken
deutschen  Zentralgewalt  und  eines  Parlaments  gründeten,  welcher  das  Berliner
Kabinett,  dessen  nationale  Politik  nicht  entschieden  genug  sei,  auf  den  richtigen
Weg  „drängen“  wollte,  ja  bei  der  Heftigkeit  des  Hasses  gegen  Preußen  innerhalb
des  Vereins  selbst  wagte  man  bald  darauf  nicht  einmal  mehr,  den  Ausschlu
Oesterreichs  zu  fordern,  und  überging  die  wichtigste  Frage,  welcher  Staat  denn
die  Zentralgewalt  üben  sollte,  mit  Stillschweigen.  In  der  Thronrede  am  Schlusse
des  Landtages  hatte  der  Regent  verkündigt:  „Preußen  ist  entschlossen,  die  Grundlagen
  des  europäischen  Rechtszustandes,  das  Gleichgewicht  Europas  zu  wahren.
Es  ist  sein  Recht  und  seine  Pflicht,  für  die  Sicherheit,  den  Schutz  und  die
nationalen  Interessen  Deutschlands  einzustehen.  Die  Obhut  dieser  Güter  wird  es
nicht  aus  der  Hand  geben.“  Unzweifelhast  hatte  der  Krinb-Regent  diese  Aufgabe
erfüllt,  ja  mehr  —  zwar  nicht  er  allein  hatte  die  Haltung  der  Krieg  führenden
Mächte  bestimmt,  vielmehr  hanten  diese  sich  auf  ganz  andere  Bedingungen,  als  er
geplant,  geeinigt;  aber  daß  sie  es  überhaupt  gethan,  war  der  Furcht  vor  Preußen
zuzuschreiben,  und  damit  war  dessen  Machtstellung  wieder  auerkannt.

Wie  sehr  das  Ansehen  des  Staates  durch  die  wenigen  Schritte,  welche  der
Regent  bisher  hatte  thun  können,  gehoben  war,  sollte  sich  sogleich  sowohl  in  der
neuen  Bewegung  zeigen,  welche  ein  breußischer  Anstoß  dem  widerwärtigen  Rechtsbruch
  in  Hessen  gab,  als  namentlich  in  dem  Verhalten  Napoleons.  Denn  da
nun  dessen  Begehrlichkeit  durch  die  Einverleibung  von  Savoyen  und  Nizza  an  den
Tag  kam,  während  er  vor  dem  Kriege  dem  leichtgläubigen  Europa  seine  tugendhafte
  Anspruchslosigkeit  beteuert  hatte,  so  geschah  es  ihm,  daß  aller  Orten,  namentlich
in  London  ein  gerechtfertigtes  Mißtrauen  sich  gegen  ihn  zeigte.  So  wenig  erwünscht,
wie  dem  neuen  Imperator  an  der  Seine  aber  ein  Krieg  war,  so  nötigten  ihn  die
inneren  Verhältnisse  Frankreichs,  wo  vorzüglich  der  ultramontane  Klerus  immer
erbitterter  gegen  ihn  und  seine  Förderung  des,  der  päpstlichen  Herrschaft  täglich
gefährlicher  werdenden  italienischen  Einheitswerks  wurde,  die  Mißstimmung  durch
Befriedigung  der  nationalen  Eitelkeit  zu  beseitigen.  Zweimal  hatte  er  daher
in  Berlin  leise  angedeutet,  daß  er  Schleswig-Holstein  gern  in  preußischen  Händen
sehen  würde,  wenn  man  eine  kleine  Grenzberichtigung  am  Rhein  zu  Frankreichs
Nutz  und  Frommen  zugeben  möchte.  Weit  von  sich  hatte  der  Prinz-Regent  den
Versucher  gewiesen,  von  dem  man  übrigens  Grund  hatte,  auch  Annexionsgelüste
auf  die  Schweiz,  Belgien  und  Holland  zu  mutmaßen,  und  so  hatte  denn  Napoleon
schließlich  um  eine  Zusammenkunft  mit  dem  Prinz-Regenten  gebeten.  Darin  hatte
dieser  zuletzt  nachgegeben  unter  der  ausdrücklichen  Bedingung,  daß  die  Grundlage
der  Besprechung  die  Unverletzlichkeit  des  deutschen  Gebietes  bilde,  und  daß  die
Zusammenkunft  in  Baden-Baden  stattfinde.  Denn  diesen  Ort  wünschte  der  Prinz,
weil  sich  hier  auch  die  Könige  von  Bayern  und  Württemberg  mit  ihm  zu  besprechen
  beabsichtigten,  und  er  den  deutschen  Fürsten  offensichtlich  zeigen  wollte,
vie  schlecht  begründet  ihr  Argwohn  sei,  als  begehre  Preußen  sich  zu  bereichern

nun  gar  auf  deutsche  Kosten.  Die  Zusammenkunft  fand  dann  auch  im
pi  statt,  verlief  aber,  da  der  Prinz  mit  vollem  Nachdruck  für  die  deutschen
        <pb n="821" />
        Baden-Baden.  —  Teplitz.  —  Tod  des  Königs.  —  Krönung.  669

Interessen  eintrat,  ohne  jeden  Erfolg  für  Napoleon.  Nur  einen  Gegner,  den

önig  von  Hannover,  hatte  Napoleon  völlig  umgewandelt  und  zu  seinem  begeisterten
Lobredner  gemacht.  Aber  auch  die  deutsche  Sache  selbst  war  durch  die  persönliche  Besprechung
  der  Fürsten  nicht  weiter  geführt.  Außer  der  kurhessischen  Angelegenheit  hatte
nämlich  Preußen  den  Antrag  auf  eine  Revision  der  Bundeskriegsverfassung  gestellt
und  für  den  Fall  eines  Krieges,  an  welchem  Preußen  und  Oesterreich  mit  ihrer
gesamten  Heeresmacht  teilnähmen,  die  Unterstellung  der  beiden  süddeutschen  Korps
unter  österreichischen,  der  beiden  norddeutschen  unter  preußischen  Oberbefehl  beantragt,
  wodurch  allerdings  die  Wahl  eines  Bundesfeldherrn  und  dessen  Beaufsichtigung
durch  die  siebzehn  Kommissare  beseitigt  werden  sollte.  Nimmermehr  mochten  sich
die  vier  Königreiche  zu  solchen  Opfern  verstehen,  aber  der  Eifer  des  Königs  Max
von  Bayern  brachte  es  mindestens  dahin,  daß  zwischen  dem  Prinzen  und  dem
Kaiser  Franz  Josef  zu  Teplitz  eine  Zusammenkunft  stattfand,  die  zwar  nicht  zu
irgend  einer  Abrede  führte,  aber  dem  österreichischen  Herrscher  doch  die  Ueberzeugung
  gab,  daß  er  für  den  Fall  eines  nochmaligen  Krieges  mit  den  Franzosen
auf  preußischen  Beistand  zu  zählen  habe.

Unterdessen  hatte  die  Krankheit  des  Königs  traurige  Fortschritte  gemacht,
welche  die  Herzen  des  Volkes,  vornehmlich  aber  des  treu  sorgenden  Bruders  und
der  mit  opferwilliger  Hingebung  ihn  pflegenden  Königin  mit  schwerer  Besorgnis
erfüllten.  Am  2.  Januar  1861  erlöste  ihn  der  Tod  von  seinen  Leiden,  und  der
Prinz-Regent  bestieg  den  Thron  seiner  Väter.  Bis  dahin  hatten  die  Lande
einem  neuen  Monarchen  in  feierlicher  Huldigung  Treue  gelobt.  Nun  bei  der
veränderten  Verfassung  war  eine  solche  nicht  mehr  die  geeignete  Form;  wohl  aber
hatte  der  König  die  begründete  Absicht,  der  Thatsache  einen  klaren  und  unzweideutigen
  Ausdruck  zu  geben,  daß  in  Preußen  nicht  die  Mehrheit  des  Landtages,
sondern  der  König  selbst  herrsche,  daß  durch  die  Hingabe  gewisser  Rechte  an  den
Landtag  die  Krone  weder  ihren  Ursprung  von  Gottes  Gnaden  verleugnet,  noch
ihre  bestimmende  Macht  aufgegeben  habe.  Denn  nur  wenn  der  König  will,  wenn
er  einen  Beschluß  des  Landtages  genehmigt,  wenn  er  ihn  im  Staatsanzeiger  zu
veröffentlichen  befiehlt,  wird  er,  wie  oben  ausgeführt,  Gesetz.  Wenn  auch  ein  solches  nur
mit  Zustimmung  beider  Häuser  des  Landtages  vom  König  erlassen  werden  kann,  so
bleibt  doch  eine  von  diesen  angenommene  und  beschlossene  Vorlage,  solange  der  freie
Wille  des  Königs  sie  nicht  zum  Gesetz  erhebt,  nur  eine  einseitige  Meinungsäußerung.
Ihre  pflichtgemäße  Erwägung,  die  Verantwortlichkeit  des  Königs  vor  seinem  Gewissen,
  wie  die  entscheidende  Bedeutung  des  königlichen  Willens  ist  vollauf  gewahrt.

Deshalb  beschloß  der  König,  sich  und  die  Königin  in  der  alten  Krönungsstadt
  des  Staates,  in  Königsberg,  bei  Anwesenheit  der  Mitglieder  beider
Häuser  des  Landtages  und  von  Vertretern  aus  allen  Provinzen  feierlich  zu
krönen.  Am  18.  Oktober  fand  die  bedeutsame  Feier  statt.  Sie  legte  Zeugnis
ab  „von  dem  geheiligten  und  in  alle  Zeiten  unvergänglichem  Rechte  der  Krone“,
sie  pbefestigte  von  neuem  das  durch  eine  glorreiche  Geschichte  geknüpfte  Band
zwischen  dem  königlichen  Hause  und  dem  Volke  Preußens“.  Sie  gab,  wie  der
König  es  aussprach,  „den  alten  unauflöslichen  Banden  des  Königshauses  und  der
Nation  ein  Unterpfand  verjüngter  Kraft.“  Mit  voller  Bedeutung  aber  erklärte
der  König  den  Mitgliedern  des  Landtages:  „Vor  äußeren  Gefahren  wird  ein
tapferes  Heer  (das  Vaterland)  beschützen.  Vor  inneren  Gefahren  wird  Preußen
bewahrt  bleiben,  denn  der  Thron  seiner  Könige  steht  fest  in  seiner  Macht  und  in

1861
2.  Jan.
        <pb n="822" />
        670  Krönung.  —  Militär-Reorganisation.

seinen  Rechten,  wenn
die  Einheit  zwischen
König  und  Volk,
die  Preußen  groß
gemacht  hat,  bestehen
  bleibt.“

Mit  der  Klarheit
  und  Sicherheit
des  ruhigen  und  besonnenen
  Lenkers

des  Staates  hatte  -  »-Krdauaqöthqlervomsqhke1861.dckKomgdenNcWMönungöthalekvomJahkelssl

JaoksscmosiqusqtesweshanauzsderGefchlchte-diesaoksae  »sama«-schmisscauaeuusekua.

  Einheit  zwischen  —
König  und  Volk  berührt,

  er  hatte  es  gethan  in  unmittelbarer  Beziehung  zu  der  Einrichtung,
welche  die  Grundlage  alles  Gedeihens  ist,  welche  der  ——  Einheit
zwischen  Regierung  und  Volk  seit  dem  großen  Jahre  der  Erhebung  ihren
wundervollen  Ausdruck  gegeben,  er  hatte  es  in  unmittelbarer  Beziehung  zum
Heerwesen  gethan.  Ohne  Zweifel  aber  hatte  der  König  mit  voller  Absicht  den
Finger  auf  diesen  Nerv  gelegt.  Denn  mit  rauher  Faust  war  er  inzwischen  berührt,
  und  die  königliche  Hand  allein  konnte  ihn  heilen,  ihm  seine  staats=  und
volkserhaltende  Kraft  bewahren.  Wie  wir  sahen,  beruhte  das  Heerwesen  auf  dem
Gesetz  vom  3.  September  1814.  Danach  stand  die  allgemeine  Behrpsicht,  die
dreijährige  Dienstzeit  in  der  Linie,  die  zweijährige  in  der  Reserve,  die  siebenjährige
  in  dem  ersten  und  die  ebenfalls  siebenjährige  in  dem  zweiten  Aufgebot
der  Landwehr  fest.  Die  Stärke  des  Heeres  war  dem  Ermessen  des  Königs  nach
den  jedesmaligen  Verhältnissen  des  Staates  überlassen,  und  an  dieser  Befugnis
des  Königs  hatte  die  Verfassung  nichts  geändert,  sie  bestand  also  ganz  zweifellos
zu  Recht.  Nun  aber  hatte  man  sich  wegen  der  Geldnot  nach  den  Befreiungskriegen
  auf  eine  jährliche  Aushebung  von  nur  40  000  Rekruten  bei  einer  Bevölkerung
  von  zehn  Millionen  entschließen  müssen,  und  daran  hatte  man  festgehalten,
  wiewohl  bei  dem  Anwachsen  der  Bevölkerung  auf  achtzehn  Millionen
wenigstens  25000  junge  Leute  jährlich  nicht  eingestellt  werden  konnten,  und  die
allgemeine  Wehrpflicht  mithin  nahezu  aufgehoben  war.  Aber  noch  eine  andere
Folge  betrübendster  Art  war  bei  den  letzten  Mobilmachungen  grell  hervorgetreten.
Eben  weil  man  nicht  genügend  Truppen  aushob,  mußte  bei  jeder  Mobilmachung
sofort  die  Landwehr  eingezogen  werden,  also  daß  man  sogleich  viele  tausend
Familienväter  einberief  und  nicht  nur  unter  Umständen  so  vielen  Familien  den
Ernährer  durch  den  Tod  entriß,  sondern  schon  durch  deren  Einziehung  ihr  wirtschaftliches
  Dasein  gefährdete  und  dem  Nationalvermögen  ungeheuren  Schaden  zufügte.
  War  es  doch  1859  dahin  gekommen,  daß  in  einer  Kompagnie  von  250  Mann
allein  242  Familienväter  sich  vorfanden,  deren  Angehörige  von  den  Gemeinden
erhalten  werden  mußten,  und  kostete  doch  überdies  bei  Einberufung  allein  des
ersten  Aufgebots  der  Landwehr  die  Unterstützung  ihrer  Familien,  wenn  jede  nur
drei  Thaler  monatlich  bekam,  jährlich  drei  Millionen  Thaler!  Ueberdies  hatten
sich  bei  den  Ofsizierskorps  der  Landwehr  geringwertige  Leistungen  gezeigt,  die  in
        <pb n="823" />
        <pb n="824" />
        <pb n="825" />
        Die  Krönung  König  Wilhelms  I.  in  Königsberg  am  18.  Oktober  1861.

Ausschnitt  aus  dem  Gemälde  von  Adols  Friedrich  Menzel  (deb.  1815)  im  Kgl.  Schlosse  zu  Berlin.

Berner  Gsch  d.  Preuß.  Stoate.  2.  Ausl.  Verlag  von  Emil  Strauß  in  Bonn
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        <pb n="827" />
        Militär-Reorganisation.  671

der  Formation  selbst  ihren  Grund  hatten.  Es  war  nun  kein  Zweifel,  daß  niemand
in  gleichem  Maße  wie  der  König  persönlich  befähigt  Er-  sowohl  die  Ursache  des
Uebels  als  auch  das  Heilmittel  zu  finden.  Schon  als  das  Frankfurter  Parlament
eine  Bundeskriegsverfassung  entworfen,  hatte  der  Prinz  sie  einer  äußerst  lichtvollen
  Kritik  unterzogen  und  einen  Gegenentwurf  aufgestellt,  in  welchem,  um  nur
eins  anzuführen,  namentlich  der  Nachweis  geführt  worden  war,  daß  eine  zweijährige
  Dienstzeit  wohl  zur  Abrichtung  von  Rekruten  genüge,  ja  daß  hierfür  die
Zeit  noch  viel  zu  hoch  gegriffen  sei,  daß  aber  nie  und  nimmer  in  solcher  Zeit
die  Erziehung  von  Soldaten  gelingen  könne,  diese  aber  die  wesentliche  Bedingung
eines  schlagfertigen  und  zuverlässigen  Heeres  sei.  Ebenso  hatte  sich  der  König
chon  lange  mit  den  Schattenseiten  der  preußischen  Heereseinrichtungen  beschäftigt
und  einen  Plan  ausgearbeitet,  nach  welchem  statt  der  bisher  40  000  künftig
63000  Mann  zu  dreijähriger  Dienstzeit  einberufen,  und  die  Landwehr  durch
Ueberweisung  der  vier  älteren  Jahrgänge  des  ersten  an  das  zweite  Aufgebot  entlastet
  werden  sollte.  Nach  der  Gesehgebung  war  der  König  unzweifelhaft  befugt,
seinen  Plan  ins  Leben  zu  führen,  nur  waren  für  die  neuen  39  Infanterie=  und
10  Kavallerieregimenter  9½  Millionen  Thaler  an  jährlichem  Aufwand  erforderlich,
  und  hierzu  war  die  Zustimmung  des  Landtages  notwendig.  In  der  Thronrede
  vom  12.  Jannar  1860  war  ihm  die  alle  bürgerlichen  wie  die  militärischen
Gesamtinteressen  berührende  Vorlage  vorgelegt  mit  dem  grnen  Wort,  daß  die
Beseitigung  der  tief  empfundenen  Uebelstände  die  Pflicht  und  das  Recht  des
Regenten  sei,  und  mit  der  Aufforderung,  ihr  eine  vorurteilsfreie  Prüfung  und
Zustimmung  zu  gewähren.  Diese  Aufforderung  war  allerdings  notwendig,  da  sich
die  Auffassung  verbreitet  hatte,  die  Vorlage  verletze,  weil  sie  die  Trennung  von
Linie  und  Landwehr  anstrebte,  die  Ehre  der  Landwehr,  so  daß  die  Thronrede
sogar  versichern  mußte:  „Es  ist  nicht  die  Absicht,  mit  dem  Vermächtnis  einer
großen  Zeit  zu  brechen;  die  preußische  Armee  wird  auch  in  Zukunft  das  preußische
Volk  in  Waffen  bleiben“.  Das  mußte  von  einer  Vorlage  ausdrücklich  erklärt
werden,  welche  die  Landwehr  entlasten  und  den  Gedanken  der  allgemeinen  Wehrpflicht
  verwirklichen  sollte.

In  der  That,  sechs  Jahre  sollte  der  Kampf  dauern,  ehe  der  König  den  Gedanken
  Scharnhorsts  wieder  der  Wahrheit  nahe  führen  konnte,  schwere  Tage  der
Erbitterung  auf  der  einen,  des  Grams  auf  der  anderen,  der  Hartnäckigkeit  auf
der  einen,  der  gewissen  Festigkeit  auf  der  anderen  Seite  sollten  kommen,  ehe  der
König  das  Werk  durchgeführt  haben  sollte,  „ohne  welches  die  Gründung  des
deutschen  Reiches  ein  wesenloses  Traumbild  geblieben  wäre“.

Der  neue  Kriegsminister  Albrecht  von  Roon  erkannte  die  klare  und
zum  Ziele  führende  Einfachheit  des  königlichen  Planes,  legte  seine  eigenen  Entwürfe
  zurück  und  verteidigte  das  Werk  seines  Königs  so  gewandt,  daß  allem
Widerwillen  zum  Trotz  die  nötige  Geldsumme  wirklich  auf  ein  Jahr  bewilligt  wurde.
Es  lag  in  der  Natur  der  Sache,  daß  der  Prinz-Regent  dieser  Bewilligung  zugleich
  die  bestimmte  Erwartung  auf  definitive  Gewährung  der  Geldmittel  entnahm
—  denn  was  anderes  als  die  zweckloseste  Geldvergendung  wäre  es  gewesen,  für
ein  Jahr  117  Bataillone  und  72  Schwadronen  zu  errichten,  tausende  von  Offizieren
und  Unteroffizieren  anzustellen  und  sie  nach  einem  Jahr  wieder  zu  entlassen?
Wie  auch  hätte  man  Männer  finden  sollen,  die  sich  nach  einem  einjährigen  Dienste
wieder  wegschicken  ließen?  In  der  That  wurden  die  neuen  Regimenter  formiert,
        <pb n="828" />
        672  Militär-Reorganisation.

1861  erhielten  im  Oktober  ihre  Fahnen  oder  Standarten,  und  im  Jannar  1861  vollzog
der  König  ihre  feierliche  Einweihung.  Und  doch  war  auf  Grund  einer  mißverstandenen
  Bemerkung  des  Finanzministers  von  Patow  die  Meinung  der  Abgeordneten
  allerdings  die,  daß  es  sich  bei  ihrer  Bewilligung  nur  um  ein  einjähriges
  Provisorium  gehandelt  habe.  In  der  folgenden  Session  wurde  zwar,
wiewohl  auch  nur  im  Kampfe  gegen  die  demokratische  Partei,  die  von  der  Regierung
  selbst  herabgesetzte  und  von  den  Abgeordneten  noch  mehr  beschnittene

Summe  bewilligt,  aber  für  die

Zukunft  von  der  Vorlage  eines

neuen  Gesetzes  über  die  zweijährige

  Dienstzeit  abhängig  gemacht.
  Man  verlangte  die  Lösung
der  deutschen  Frage  von  der

Regierung,  überzeugt,  daß  sie,

wenn  nur  Preußen  erst  liberale

Einrichtungen  treffe,  auf  friedlichem

  Wege  erfolgen  werde;

man  redete  sich  in  Haß  und

Zorn  hinein  über  das  saft=  und

kraftlose  Ministerium  der  Unthätigkeit

  und  Zahhaftigkeit,
welches  gerade  infolge  dieser

Eigenschaften  gewiß  kein  Heer

brauche.  Der  neue  Landtag  ergab

  das  ungeheuerliche  Ergebnis
  von  nur  24  konservativen

Stimmen  gegenüber  der  überwältigenden

  Mehrheit,  welche

die  Fortschrittspartei  gewonnen.

Und  während  der  König  das

gute  Recht  Deutschlands  gegen

«  den  Bund  verfocht,  sich  aber  bei

—  dem  heftigen  Widerwillen  der

Kriegsminister  Graf  Albrecht  von  Roon.  Fürsten  gegen  jede  Beschränkung

Nach  einem  Lichtbilde.  der  Souveränetät  mit  dem  Vors
  schlage  einer  freien  Vereinbarung
  unter  den  gleichartigen  Staaten  innerhalb  des  großen  Bundes  begnugte,
erhob  sich  ein  Sturm  der  Leidenschaften  der  deutschen  Fürsten  gegen  ihn,  der  nur
noch  durch  das  Toben  in  der  zweiten  Kammer  überboten  wurde.  Diese  erklärte,
durch  die  Regierung  getäuscht  zu  sein,  meinte,  auch  durch  die  neuen  liberalen

Gesetzesvorlagen  über  Aufhebung  der  Gutspolizei,  Einführung  einer  Kreisordnung,

Reorganisation  der  Oberrechenkammer  getäuscht  zu  werden.  Denn  die  Regierung

wisse  ja,  daß  das  Herrenhaus  solche  Gesetze  ablehnen  werde  —  das  Herrenhaus,

das  doch  soeben  erst  den  liberalen  Entwürfen  über  die  Grundsteuer,  wie  die

Reform  des  Eherechts  zugestimmt  hatte.  Es  war  alles  umsonst,  die  Nachgiebigkeit

  des  Herrenhauses  wie  die  in  einer  Novelle  ausgesprochene  Bereitwilligkeit

der  Regierung,  ihre  Forderungen  zu  ermäßigen.  Das  Abgeordnetenhaus  hielt
        <pb n="829" />
        Die  Militär-Reorganisation.  673

alles  für  wohlberechnete  Klugheit,  lehnte  die  Geldmittel  für  das  Heerwesen  ab,
verlangte  vielmehr  ein  Wehrgesetz  mit  zweijähriger  Dienstzeit  und  nahm  endlich
einen  Antrag  an,  nach  welchem  die  Regierung  schon  den  Etat  für  das  laufende  Jahr
nach  den  einzelnen  Posten  innerhalb  jeder  Verwaltung  aufstellen  sollte,  damit  sie  nicht
im  stande  sei,  bei  den  übrigen  Verwaltungen  Ersparnisse  zu  machen  und  diese  für  die
Militärverwaltung  zu  verbrauchen.  Dem  gegenüber  blieb  die  Regierung  des  Königs
fest  auf  dem  Boden  der  Gesetze,  welche  der  Krone  das  Recht  gaben,  über  die  Dienstpflicht
  allein  zu  befinden.  Vergeblich  suchte  der  Landtag  dies  zu  bestreiten,  indem
er  dem  Recht  der  Regierung  seine  ebenso  gesetzliche  Befugnis  der  Geldbewilligung
hart  gegenüber  stellte  und  an  die  Stelle  des  königlichen  Heeres  „ein  Volksheer
hinter  dem  Parlament"  setzen  wollte.  So  wurde  die  Militärfrage  zu  einem
Kampf  um  die  Verfassung  selbst.  Nicht  König  Wilhelm  bekämpfte  sie,  wohl  aber  das
Abgeordnetenhaus,  das  an  jenem  Recht  der  Krone  teil  zu  nehmen  strebte.  Nunmehr
ward  der  Landtag  am  11.  März,  an  eben  dem  Tage  aufgelöst,  an  welchem  er  durch
die  beabsichtigte  Besprechung  der  deutschen  Frage  auch  ihre  Lösung  der  Regierung
unmöglich  gemacht  hätte,  und  gleichzeitig  traten  die  liberalen  Minister  Auerswald,
Schwerin,  Patow,  Bernuth,  Graf  Pückler  von  ihrem  Amt  zurück,  nur  Graf  von
Bernstorff,  der  schon  vorher  das  auswärtige  Amt  für  von  Schleinitz  übernommen,
von  der  Heydt  und  von  Roon  blieben  in  dem  Ministerium,  dessen  Vorsitz  an  des
Fürsten  von  Hohenzollern  Stelle  Fürst  Hohenlohe-Ingelfingen  übernahm.

Denn  allem  Ansturm  gegenüber  hielt  der  König  stand.  „In  weiterer  Ausführung
  der  bestehenden  Verfassung“,  so  wies  er  zwar  das  neue  Ministerium  in
einem  Erlaß  vom  13.  Mai  1862  an,  „soll  die  Gesetzgebung  und  Verwaltung
von  freisinnigen  Grundsätzen  ausgehen",  und  ebenso  bestimmt  erklärte  er  es  für
seine  Pflicht  und  seinen  ernsten  Willen,  der  Verfassung  und  den  Rechten  der
Landesvertretung  ihre  volle  Geltung  zu  sichern.  Aber,  so  setzte  er  allerdings
hinzu,  ein  heilbringender  Fortschritt  könne  nur  gedacht  werden,  wenn  man  nach
besonnener  und  ruhiger  Prüfung  der  Zeitlage  die  wahren  Bedürfnisse  zu  befriedigen
und  die  lebensfähigen  Lei  in  den  bestehenden  Einrichtungen  zu  benutzen
wisse.  Und  im  gleichen  Maße  wie  die  Rechte  der  Landesvertretung  zu  schützen,
sei  es  seine  Pflicht  und  sein  ernster  Wille,  auch  die  Rechte  der  Krone  zu  wahren
und  sie  in  der  ungeschmälerten  Kraft  zu  erhalten,  welche  für  Preußen  notwendig
sei,  und  deren  Schwächung  dem  Vaterlande  zum  Verderben  gereichen  würde.  Man
sieht,  genauer  und  schärfer  konnte  der  König  nicht  wohl  seine  Pflicht  auffassen.
Rückhaltlos  erkennt  er  das  verfassungsmäßige  Recht  des  Landtages  an,  aber  mit
felsenfester  Gewißheit  ist  die  Ueberzeugung  in  sein  Herz  gegraben,  durch  jenes
Recht  nicht  die  erste  Pflicht  der  Krone  aufheben  zu  lassen,  selbst  für  die
Sicherheit  des  Volkes  zu  sorgen,  zu  sorgen  für  das  Gedeihen  und  die  Wohlfahrt
  Preußens  wie  des  ganzen  Reiches.  Die  erste  Bedingung  für  die  Einheit
und  Macht  Deutschlands  war  und  blieb  aber,  so  wenig  die  Liberalen  es  glauben
mochten,  ein  starkes  und  schlagfertiges  Heer.  Denn  ohne  Kampf  ließ  Oesterreich
nicht  ab,  Preußen  als  Enporkömmling  zu  behandeln,  verweigerte  es  das  Alternat
in  der  obersten  Leitung  des  Bundes,  welches  König  Wilhelm  als  das  einzige
Zugeständnis  für  Preußen  wr  Ohne  Kampf  verstanden  sich  die  deutschen
Fürsten,  von  denen  namentlich  Hannover  dem  Könige  seine  offene  Feindschaft
ansage  nicht  zu  einer  auch  noch  so  gelinden  Unterordnung  ihrer  Militär-Hoheit.
Ohne  Kampf  und  ohne  Sieg  Preußens  ließen  aber  am  wenigsten  die  außer-Verner,

  Gesch.  d.  Pr.  Staates.
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        674  Die  Militär-Reorganisation.

deutschen  Nachbaren  das  Werden  der  deutschen  Einheit  und  Macht  zu.  Die  klar
erkannte,  auf  dem  Boden  seiner  einfachen  Frömmigkeit  und  seiner  Ueberzeugung
von  Preußens  Beruf  für  ganz  Deutschland  sicher  ruhende  Pflicht  für  das  Vaterland
  verbot  dem  Könige  jede  Nachgiebigkeit  in  einer  Sache,  von  der  Sein  oder
Nichtsein,  von  der  die  Größe  oder  der  Ruin  des  Staates  wie  des  Volkes  abhängig
blieb.  Dennoch  ergaben  die  im  Mai  1862  vorgenommenen  Wahlen  sogar  einen
Zuwachs  der  Fortschrittspartei  und  umsomehr  beharrte  sie,  obwohl  die  Regierung
jezt  den  Etat  in  der  geforderten  Form  vorlegte,  auf  ihren  Standpunkt.  Selbst
ein  vermittelnder  Antrag  des  Generals  von  Stavenhagen,  des  Professors  von
Sybel  und  des  Stadtgerichtsrats  Twesten,  der  die  Reorganisation  als  vollendete
Thatsache  anerkennen  und  die  gesetzliche  Regelung  der  ganzen  Angelegenheit,
besonders  der  zweijährigen  Dienstzeit  auf  dem  nächsten  Landtage  der  Regierung
zur  Pflicht  machte,  fand  in  der  Kommission  keinen  Anklang.  Das  Abgeordnetenhaus
  lehnte  —  nachdem  es  gegen  zwölf  Stimmen  einen  freihändlerischen  Handelsvertrag
  mit  Frankreich  angenommen  —  und  obwohl  die  Regierung  in  voller
Uebereinstimmung  mit  den  Wünschen  des  Hauses  in  Kurhessen  die  Wiederherstellung
der  Verfassung  durchgesetzt  hatte,  alle,  von  der  Regierung  selbst  bis  auf  sechs
Millionen  ermäßigten  Ausgaben  für  die  Heeresreform  wie  für  den  Plan  über  die
Marine  ab.  Das  hieß  nun  in  der  That  nichts  anderes,  als,  um  dem  Parlament
neue  Rechte  sowohl  hinsichtlich  der  Begutachtung  der  Einnahmen  als  hinsichtlich  der
Wehrpflicht  zu  erobern,  das  kriegsherrliche  Amt  des  Königs  „zum  inhaltlosen
Schein"  herabwürdigen  und  die  Regierung  zur  Auflösung  der  neuen  117  Bataillone
und  72  Schwadronen  auffordern.  Das  Herrenhaus  verwarf  das  von  dem  Abgeordnetenhaus
  beschlossene  Budget  und  stellte  die  Regierungsvorlage  wieder  her.
Die  Krone  hatte  daher  keine  Budgetvorlage,  die  sie  zum  Gesetz  erheben  konnte.
Natürlich  konnte  ein  solcher  Zustand  auf  alle  Interessen  des  Landes  nur  schädigend
einwirken,  aber  der  fortschrittlichen  Mehrheit  verschlug  dies  nichts,  wenn  sie  nur
ihr  Ziel,  die  Herrschaft  des  Parlaments  über  die  Krone  erreichte.  Ihre  Theorie,
ihre  Reden  in  der  Kammer  und  zahlreichen  Volksversammlungen  hatte  sie  ja  vor  niemanden
  zu  verantworten,  und  die  Schuld  rechnete  man  daher  ohne  weiteres  dem
Könige  zu.  Dieser  aber  fühlte  die  ganze  Schwere  der  Verantwortlichkeit  und  eben
deshalb  konnte  er  nicht  nachgeben.  Es  kamen  Momente,  wo  ihn  der  Gedanke  beschäftigte,
  dem  Kronprinzen  das  Regiment  abzutreten.  Wie  sehr  er  litt,  zeigte  die
schlichte  Entgegnung,  die  er  einem  von  der  Trauer  des  Landes  redenden  Abgeordneten
gab.  „Trauere  ich  denn  nicht?  Ich  schlafe  keine  Nacht.“  Sehr  schmerzlich  sei  es  für
einen  Monarchen,  gestand  er  einer  anderen  Deputation  zu,  seine  besten  Absichten  verkannt
  und  entstellt  zu  sehen,  wie  er  das  leider  so  vielfach  erfahren  habe.  Schwer  sei
es,  bei  solchen  Anfechtungen  nicht  irre  zu  werden,  sondern  fest  zu  stehen.  Aber  der
Sage  gegenüber,  die  sich  bilde,  als  sei  er  mit  den  Worten  seines  Kriegsministers  nicht
einverstanden,  als  ob  die  Militär-Reorganisation  auf  den  Plänen  anderer  beruhe,
sprach  er  es  mit  unumwundener  Deutlichkeit  aus:  „Dieses  ist  Mein  eigenstes  Werk
und  Mein  Stolz,  es  giebt  kein  Boninsches  und  Roonsches  Projekt,  es  ist  Mein  eigenes,
und  Ich  habe  daran  gearbeitet  nach  Meinen  Erfahrungen  und  pflichtmäßiger  Ueberzeugung.
  Ich  werde  fest  daran  halten  und  die  Reorganisation  mit  aller  Energie  durchführen,
  denn  Ich  weiß,  daß  sie  zeitgemäß  ist.“  Ein  Zweifel  über  die  Meinung  des
Königs  konnte  daher  im  Lande  ebensowenig  herrschen,  wie  über  die  besondere  Befähigung
  des  Königs,  die  Heeresverhältnisse  am  richtigsten  zu  beurteilen.  Doch  dem
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        Militär-Reorganisation.  —  Oito  von  Bismard.  675

Abgeordnetenhause  war  die  Fortbildung  der  Verfassung  zu  Gunsten  des  Parlaments
das  Wesentliche,  und  ihm  galt  die  Mitwirkung,  die  ihm  die  Verfassung  bei  der  Feststellung
  des  Etats  auferlegte,  nur  als  ein  Recht.  Daß  aber  die  Verfassung  dem  Hause
in  der  Beteiligung  an  der  Feststellung  des  Etats  auch  die  Pflicht  für  das  Vaterland
auferlegte,  in  derselben  prompten  Weise,  wie  einst  der  absolute  Staat  es  gethan,  den
Etat  zur  Zeit  fertig  zu  stellen,  war  gn  der  fortschrittlichen  Mehrheit  des  Abgeordnetenhauses
  fern  liegender  Gedanke.  Leidenschaftlich  zürnte  sie  auf  „die  budgetlose  Regierung“"
  und  verzieh  es  sich  selbst  leichthin,  oder  vielmehr  sie  kam  überhaupt  nicht  auf
den  Gedanken,  daß  sie  den  Zustand  selbst  heraufbeschworen.  Denn  lange  nicht  so
scharf  war  man  gegen  die  Bewilligung  des  Geldes  selbst  gesonnen,  als  vielmehr  bestrebt,
  das  Geldbewilligungsrecht  zu  dem  Gewinn  der  parlamentarischen  Mitbestimmung
  über  das  Heerwesen  auszunutzen.  Und  die  einseitigen  Beschlüsse  des
Hauses  über  Bewilligung  oder  Verweigerung  von  Staats-Ausgaben  betrachtete  man  als
schlech  maßeebend  für  die  Regierung,  während  verfassungsmäßig  das  volle  Recht
wie  die  Pflicht  der  Regierung  zur  freien  Prüfung  und  eigenen  Entscheidung  über  die
aus  der  Beratung  beider  Häuser  hervorgehende  Budget-Vorlage  vollkommen  feststand.
  Die  Regierung  erklärte  man  für  schuldig  des  Verfassungsbruches,  während
das  Abgeordnetenhaus  eben  durch  die  Verweigerung  notwendiger  Mittel  den  Zustand
geschaffen  hatte.  Und  schon  war  auch  der  Feind  auf  dem  Plan.  Der  französische
Handelsvertrag  erregte  bei  den  schutzzöllnerischen  Südstaaten  böses  Blut,  Oesterreich
suchte  Preußens  Macht  und  Ansehen  schlechthin  zu  untergraben.  Wieder  beanspruchte
es  den  Zutritt  zum  Zollverein,  der  den  Lebensinteressen  der  deutschen  Industrie  ganz
zuwider  lief,  und  machte  den  Vorschlag,  eine  Delegiertenkonferenz  der  deutschen  Fürsten
zu  berufen,  um  über  eine  Neuordnung  der  Bundesverfassung  zu  beraten,  die  weder
eine  kräftige  Exekukivgewalt  gewährte,  noch  eine  wahre  nationale  Repräsentation  zuließ.
  Es  kam  dahin,  daß  Preußen  sich  entweder  vor  dem  durch  die  Mehrheit  der
Fürsten  völlig  lahm  gelegten  Bunde  demütigen  oder  ihn  verlassen  mußte.

Beides  widersprach  der  Gesinnung  des  Königs  vollkommen,  und  da  der
Finanzminister  von  der  Heydt,  welcher  das  Ministerium  thatsächlich  bisher  geleitet,
den  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses  gegenüber  bei  der  Heeres-Reorganisation
nicht  weiter  mitwirken  zu  können  erklärte,  so  berief  König  Wilhelm  jetzt  seinen
Gesandten  in  Paris,  Otto  von  Bismarck-Schönhausen,  wie  (er  schon
1859  und  im  Mai  1862  beabsichtigt,  einstweilen  zum  provisorischen  Präsidenten
des  Staatsministeriums  (24.  September  1862).  Wohl  zeigte  sich  der  Minister
als  ein  anderer,  als  ihn  die  öffentliche  Meinung,  die  in  seiner  bloßen  Ernennung
schon  den  „Staatsstreich"  sah,  gescholten,  er  bot  den  Führern  der  Altliberalen
sogar  den  Eintritt  in  das  Ministerium  an.  Am  wenigsten  dachte  er,  in  irgend
einer  Weise  die  Verfassung  nicht  inne  zu  halten.  Aber  es  half  nichts,  er  blieb
einmal,  weil  er  für  das  Königtum  eingetreten,  in  den  weitesten  Kreisen  der  verhaßte
  Junker,  und  als  er  gar  den  Ausspruch  gewagt,  daß  die  deutsche  Einheit
schwerlich  durch  —“*  J“s  sondern  nur  durch  Blut  und  Eisen  begründet
werden  könne,  da  ging  ein  gesittetes  Pfui  durch  die  Kreise  des  friedliebenden
Bürgertums,  das  die  Verhältnisse  ja  weit  besser  zu  beurteilen  wußte.  Das  ergab
sich  freilich  von  selbst,  daß,  wenn  zwischen  beiden  Häusern  des  Landtages  eine
Verständigung  über  das  Budget  nicht  erreicht,  und  die  Krone  ihrerseits  nicht
einmal  in  der  Lage  war,  einen  Entschluß  zu  fassen,  die  Ausgaben  des  Staates
nicht  einfach  eingestellt  werden  konnten.  Demnach  fand  sich,  da  das  Abgeordneten-45
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        676  Bundesreform.  —  Bismarck  und  Karoly.

haus  am  7.  Oktober  die  Regierungsvorlage  ablehnte,  das  Herrenhaus  sie  am  10.
wieder  herzustellen  suchte,  wie  die  Thronrede  am  Schlusse  des  Landtages  vom
12.  Oktober  es  aussprach,  die  Regierung  in  der  Notwendigkeit,  den  Staatshaushalt
  ohne  die  in  der  Verfassung  vorausgesetzte  Unterlage  führen  zu  müssen.
Sie  sei  sich  dabei,  hieß  es  weiter,  ihrer  Verantwortlichkeit  bewußt,  aber  auch
ihrer  Pflicht  gegen  das  Land  eingedenk,  bis  zur  gesetlichen  Feststellung  des  Etats
die  für  die  Landeswohlfahrt  unerläßlichen  Ausgaben  zu  bestreiten,  in  der  Zuversicht,
  daß  sie  demnächst  die  nachträgliche  Zustimmung  des  Landtags  erhalten
würden.  Nicht  weniger  bestimmt  ging  der  König  und  sein  neuer  Minister  gegen
die  österreichischen,  von  den  Mittelstaaten  treulich  beförderten  Bestrebungen,  Preußen
zu  vergewaltigen,  vor.  Völlig  unerträglich  war  dessen  Stellung  im  Bunde  geworden.
Die  Mittelstaaten  hatten  in  Würzburg  ein  ganz  unausführbares  Programm  entworfen,
  und  der  neue  Versuch  Oesterreichs,  ein  Direktorium  nebst  einer  Delegierten-Versammlung
  von  302  Mitgliedern  zu  schaffen,  sollte  das  bestehende  Verhältnis,
wonach  Preußen  allemal  überstimmt  wurde,  befestigen.  Das  war  natürlich  ganz
gegen  die  Anschauung  König  Wilhelms  wie  Bismarcks,  die  gerade  in  der  vollen
Anerkennung  der  wirklichen  preußischen  Macht  den  Ursprung  der  deutschen  Kraft
sahen,  und  um  so  mehr  sahen,  als  das  in  Verfassungsfragen  übliche  Zusammengehen
  der  Mittelstaaten  mit  Oesterreich  allemal  dann  zusammenbrach,  wenn
materielle  Interessen  auf  dem  Spiel  standen.  Alsdann  trat  der  Gegensatz  zwischen
Deutschland  und  Oesterreich,  die  Uebereinstimmung  Preußens  mit  Deutschland
jedesmal  hervor.  „Die  preußischen  Interessen,“  so  hatte  kurz  vorher  Bismarck
geschrieben,  „fallen  mit  denen  der  meisten  Bundesländer  außer  Oesterreich  vollständig
  zusammen,  aber  nicht  mit  denen  der  Bundesregierungen,  und  es  giebt
nichts  Deutscheres  als  gerade  die  Entwickelung  richtig  verstandener  preußischer
Partikularinteressen".  Mit  dem  hohen  Freimut,  der  ihn  immer  auszeichnete,
geißelte  Bismarck  dem  österreichischen  Gesandten  Karolyi  gegenüber  die  feindselige
Haltung  des  Wiener  Kabinetts  gegen  Preußen,  die  alle  Sympathien  für  den
Kaiserstaat  in  Berlin  vernichten  müßte.  Nur  durch  Aufgabe  des  antipreußischen
Hetzens  Oesterreichs  an  den  Höfen  der  deutschen  Fürsten  könne  die  vom  König
Wilhelm  ehrlich  gewünschte  Verbindung  der  beiden  Großmächte  erreicht  werden.
Wenn  die  Hofburg  aber  fortfahre  in  der  bisherigen  deutschen  Politik,  so  sei  ein
Bündnis  Preußens  mit  einem  Gegner  Oesterreichs  so  wenig  ausgeschlossen,  als
im  entgegengesetzten  Falle  eine  feste  und  treue  Verbindung  beider  Mächte  gegen
gemeinschaftliche  Feinde.  Oesterreich  möge  daher  seinen  Schwerpunkt  nach  Ofen
verlegen,  d.  h.  seine  außerdeutschen  Interessen  dürften  nicht  mehr  die  des  deutschen
Volkes  bestimmen,  und  jedenfalls  werde  Preußen  jede  durch  Mehrheitsbeschluß
der  Fürsten  herbeigeführte  Ueberschreitung  der  Befugnisse  des  Bundes  als  Bundesbruch
  ansehen.  Nicht  minder  bestimmt  wie  der  Minister  dem  Gesandten,  sprach
der  König  dem  Kaiser  es  aus,  wie  dessen  Pläne  dem  Bedürfnis  einer  zeitgemäßen
Reform  der  Bundesverfassung  nicht  genügten.  Die  Bürgschaft  für  die  Befriedigung
der  wirklichen  Interessen  und  Bedürfnisse  der  deutschen  Nation  konnte  Preußen
nach  den  Bismarckschen  Worten  nur  in  einer  wahren,  aus  direkter  Beteiligung
der  ganzen  Nation  hervorgehenden  National-Vertretung  finden.  Eine  solche  aber
widersprach  der  Grundanschauung  in  Wien.  Dennoch  lud  Kaiser  Franz  Josef  mit
beleidigender  Nichtachtung  der  von  König  Wilhelm  gestellten  Forderung,  zunächst
Minister-Konferenzen  zu  berusen,  den  König  Wilhelm  zu  dem  nach  Frankfurt  zum
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        /sd—“9on

—n  cu8

Fakslmile  der  Handschrist  des  Fürsten  Biemarck.
        <pb n="834" />
        1868
16.  Aug.

678  Frankfurter  Fürsten-Kongreß.  —  Polen-Ausstand.  —  Schleswig-Holstein.

16.  August  1863  von  ihm  ausgeschriebenen  Fürsten-Kongreß  ein,  welcher  über  die
österreichische  Führung  in  dem  geplanten  Direktorium  und  über  eine  Versammlung
von  Delegierten  der  einzelnen  Landtage  am  Bundestage  beraten  sollte.  König
Wilhelm  lehnte  die  Einladung  ab,  und  der  Versuch  Oesterreichs  scheiterte  an  dem

iderspruch  der  einzelnen  Staaten,  von  denen  die  einen,  wie  Preußen,  eine  wirkliche
Vertretung  der  Nation  am  Bunde  verlangten,  die  anderen  schon  in  jener  Delegierten-Versammlung
  ein  zu  weit  gehendes  Zugeständnis  sahen.  Das  Berliner  Kabinett
erklärte  sich  dagegen  zu  neuen  Minister-Konferenzen  bereit,  wenn  erstens  ihm  das
Recht  eines  Veto  gegen  einen  Bundeskrieg  zugestanden  werde  —  da  es  seine  auswärtige
  Politik  nicht  von  der  Abstimmung  der  kleineren  Staaten  abhängig  machen
konnte  —  wenn  zweitens  seine  volle  Gleichstellung  mit  Oesterreich  anerkannt
werde  —  da  es  jedenfalls  im  Bunde  mehr  Einwohner  als  Oesterreich,  mit  diesem
aber  in  Europa  gleiche  Machtstellung  habe  —  und  wenn  drittens  jedes  weitere
Opfer,  jede  weitere  Beschränkung  seiner  Unabhängigkeit  dem  wahren  Interesse  der
Gesamtheit  zu  gute  kommen  werde.  Dies  aber  werde  allein  durch  die  Berufung
eines  aus  direkten  Volkswahlen  hervorgegangenen  Parlaments,  nicht  aber  durch
jenen  nur  das  Sondertum  vertretenden  Delegiertentag  gewährleistet.

Man  hätte  nun  meinen  sollen,  daß  diese  durchweg  deutsche  und  zugleich
liberale  Politik  die  Gesinnung  der  eigenen  Unterthanen  gewinnen  müsse.  Allein
das  Gegenteil  trat  ein,  man  erklärte  diese  Schritte  für  List  und  Täuschung  und
fühlte  sich  zum  Widerstande  gegen  die  Regierung  um  so  mehr  verpflichtet,  als  sie
trotz  der  Zudringlichkeiten  der  fremden  Staaten,  namentlich  Frankreichs  dem
russischen  Nachbarn  in  der  Bekämpfung  eines  neu  ausbrechenden  Polen-Aufstandes
treu  zur  Seite  trat.  Denn  obwohl  die  Aufständischen  ihre  Ansprüche  auf  Posen,
Westpreußen,  ja  Pommern  offen  verkündeten,  in  Posen  sogar  eine  wohl  organisierte
Landesverwaltung  einsetzten,  so  übersah  man  die  Gefahr  für  das  Deutschtum  dieser
Länder,  man  übersah,  daß  der  Aufstand  der  Polen  sowohl  gegen  die  Russen  ausgebrochen,
  wie  gegen  die  Deutschen  gerichtet  war.  Man  schwärmte  wieder  für  die
angeblich  Unterdrückten  und  schalt  auf  die  Regierung,  welche  die  Knechtung  des
freien  Volkswillens  befördere.  Der  im  Januar  1863  einberufene  Landtag  blieb
in  den  Wee  des  alten  und  lehnte  die  Militärvorlage  ab.

diesen  Tagen  des  Kampfes  mit  dem  Landtage  wie  mit  Oesterreich  und
den  Mütesstanten.  geriet  nun,  auf  jene  zurückwirkend,  die  schleswig-holsteinische
Frage  wieder  in  Fluß.  König  Friedrich  VII.  von  Dänemark  hatte,  wie  erwähnt,
entgegen  dem  Londoner  Protokoll  sich  der  Herzogtümer  durch  eine,  dem  Dänentum
das  entschiedene  Uebergewicht  gewährende,  Verfassung  ganz  zu  bemächtigen  versucht.
  Allerdings  beschränkte  man  sich  in  Kopenhagen  in  Beachtung  der  vielen
Wirren,  in  welche  man  durch  diesen  offenbaren  Vertragsbruch  geriet,  1863  auf
das  sogenannte  eiderdänische  Programm,  d.  man  beschloß,  das  Land  nur  bis  zur
Eider  mit  Dänemark  zu  vereinigen,  dafür  aber  es  auch  völlig  zu  danisieren,  und
Holstein  in  einer  nur  um  so  drückenderen  Abhängigkeit  zu  erhalten.  Auch  dies
widersprach  sowohl  dem  Londoner  Protokoll,  wie  dem  alten  Rechtsgrundsatz,  wonach
  beide  Herzogtümrr  „up  ewig  ungedeelt“  sein  sollten,  wie  endlich  der  Thronfolgeordnung,
  welche  für  die  deutschen  Herzogtümer  jedenfalls  die  weibliche  Erbfolge
  ausschloß.  Die  Aufregung  in  Deutschland  über  die  Vergewaltigung  des
deutschen  Bruderstammes  wuchs  aber  ins  Ungeheuere,  als  mit  dem  Tode  König
Friedrichs  im  November  1863  auch  dessen  Nachfolger  in  Dänemark,  König
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        Schleswig-Holstein.  679

Christian  Xl.  aus  der  Glücksburger  Linie  des  Hauses  Oldenburg  jene  Verfassung
und  die  Einverleibung  Schleswigs  in  Dänemark  aufrecht  hielt.  Damit  schien  er
die  Anerkennung  seines  Erbfolgerechtes,  wie  es  das  Londoner  Protokoll  von  1852
ausgesprochen,  allerdings  zerstört  zu  haben,  und  mit  fieberhafter  Ungeduld  forderte
der  Nationalverein,  forderten  Zeitungen,  forderten  Liberale  und  Konservative,  Versammlungen,
  Abgeordnetenhaus,  Fürsten  und  Unterthanen  die  Rettung  der  Herzogtümer,
  die  Lossagung  vom  Londoner  Protokoll  und  die  Erhebung  des  Herzogs
Friedrich  von  Augustenburg.  Nun  aber  war  es  klar,  daß  Oesterreich  weder  dem  einen
noch  dem  anderen  Verlangen  jemals  beistimmen  werde,  daß  ein  so  ungestümes
Lossagen  von  einem,  wie  immer  bedauerlichen,  so  doch  abgeschlossenen  Vertrage
die  Einmischung  der  übrigen  Mächte  des  Protokolls,  Englands,  Frankreichs,  Rußlands
  herbeiführen  und  die  deutsche  Sache  jedenfalls  schädigen  werde.  Dagegen
der  Forderung,  die  Wahrung  der  Rechte  und  der  Selbständigkeit  der  Herzogtümer,
sowie  die  Beseitigung  der  neuen  Verfassung  von  König  Christian  von  Dänemark
zu  verlangen,  kounte  weder  Oesterreich  sich  entziehen,  noch  konnten  die  auswärtigen

ächte  aus  diesem  dem  Protokolle  entsprechenden  Verfahren  Anlaß  zur  Einmischung
  entnehmen.  In  der  That  beantragten  beide  Großmächte  beim  Bunde
die  Exekution,  und  10000  Mann  Hannoveraner  und  Sachsen  besetzten  in  der
Weihnachtswoche  dem  Beschluß  des  Bundes  zufolge  das  Land,  welches  die  Dänen
nun  bis  zur  Eider  räumten.  Schon  vorher  hatte  König  Wilhelm  eine  Anleihe
von  zwölf  Millionen  für  die  Rüstungen  vom  Landtage  fordern  lassen.  Das  Abgeordnetenhaus
  aber  benutzte,  wie  Bismarck  erklärte,  die  Gelegenheit  des  Geldbedarfs
  der  Regierung  nunmehr  dazu,  auch  „die  auswärtige  Politik  der  Regierung
einem  verfassungswidrigen  Zwange  zu  unterwerfen".  Es  verlangte  von  der  Regierung
  die  Anerkennung  des  Herzogs  von  Augustenburg,  bevor  es  die  geforderten
Mittel  für  die  militärischen  Maßnahmen  bewilligen  könne.  In  der  That  verweigerte
  es  sie,  als  die  Bedingung  abgelehnt  wurde,  und  verharrte  in  dem  völlig
unbegründeten  Glauben,  Preußen  wolle  ebenso  wie  Oesterreich  die  Herzogtümer
an  Dänemark  ausliefern.  Und  doch  hatte  der  König  auf  das  Verlangen,  vor  der
Bewilligung  den  Erbprinzen  von  Augustenburg  anzuerkennen,  dem  Landtage  deutlich
  ausgesprochen,  daß  die  Politik  seiner  Minister  das  Ergebnis  seiner  reiflich
erwogenen  Entschließungen  sei,  daß  diese  gefaßt  seien  mit  Rücksicht  auf  die  Verträge,
  auf  Preußens  Stellung  zur  Gesamtlage  Europas,  aber  zugleich  mit  dem
festen  Willen,  das  deutsche  Recht  in  den  Herzogtümern  zu  wahren  und  für  die
berechtigten  Ziele  erforderlichen  Falls  mit  den  Waffen  einzutreten.  In  welcher
Form  und  zu  welchem  Zeitpunkt  aber  dieses  Mittel  zu  ergreifen  sei,  hänge  verfassungsmäßig
  allein  von  seiner  Entscheidung  ab.  Er  werde  sich  von  dem  unwandelbaren
  Entschlusse  leiten  lassen,  die  Sache  der  Herzogtümer  so  zu  führen,
wie  es  Preußens  und  Deutschlands  würdig  sei.  Seine  Gesinnung  und  sein  königliches
  Wort  seien  Bürgen  dafür,  daß  die  Mittel  auch  für  die  bezeichneten  Zwecke
des  Rechts  und  der  Ehre  des  Landes  verwendet  werden  würden,  jeder  Zweifel
daran  widerspreche  dem  Vertrauen,  welches  das  prenßische  Volk  in  das  Wort
seines  Königs  zu  setzen  gewöhnt  sei.  Wenn  dennoch  dasselbe  Abgeordnetenhaus,
welches  die  Regierung  lebhaft  zur  Aktion  drängte,  die  Anleihe  ablehnte,  so  blieb
allerdings  keine  andere  Annahme  übrig,  als  daß  es  jetzt  sein  Recht  der  Geldbewilligung
  ausnutzen  wolle,  um  auch  das  Recht  der  Krone,  über  die  auswärtige
Politik  zu  bestimmen,  sich  anzueignen.  Bismarck  aber  setzte  alle  Hoffnung  darauf,
        <pb n="836" />
        680  Ausbruch  des  Krieges  gegen  Dänemark.

daß  die  dänische  Halsstarrigkeit  es  zum  Kriege  treiben  werde,  der  dann  die
Sicherheit  gab,  ohne  Einmischung  der  fremden  Mächte,  die  Herzogtümer  von  jeder
Form  der  dänischen  Herrschaft  zu  befreien.

Als  nunmehr  jedoch  der  Bund  es  unternahm,  die  Frage  der  Erbfolge  gegen
den  Willen  der  Westmächte  und  gegen  die  österreichischen  Wünsche  zu  Gunsten
des  Herzogs  von  Augustenburg  zu  entscheiden,  und  andererseits  die  Besetzung
Schleswigs  ablehnte,  gelang  es  Preußen  am  16.  Januar,  einen  Vertrag  mit
Oesterreich  abzuschließen,  und  beide  Großmächte  stellten  an  demselben  Tage  in
Kopenhagen  als  Ultimatum  die  Forderung,  binnen  48  Stunden  die  widerrechtlich
eingeführte  Verfassung  zurüchunehmen.  Denn  nimmermehr  wollte  Oesterreich  Preußen
allein  die  Früchte  des  Sieges,  die  ja  dem  kleinen  Dänemark  gegenüber  im  letzten
Grunde  nicht  zweifelhaft  sein  konnten,  genießen  lassen,  nimmermehr  mochte  es  die
durch  Napoleon  unterstützte  Ueberhebung  der  Mittelstaaten  ertragen.  Damit  war  der
Krieg  erklärt.  Denn  in  der  That,  Dänemark  hatte  im  Vertrauen  auf  England  und
auf  seine  eigene  Flotte  mit  dem  berühmten  Kriegsschiff  Rolf  Krake  den  Mut,  das
Ultimatum  abzulehnen.  Man  hatte  wohl  in  Kopenhagen  das  Gefühl  von  der  Wahrheit
  des  Satzes,  den  der  preußische  Generalstabschef  von  Moltke  aussprach,  daß
dieser  Krieg  von  den  Verbündeten  leicht  zu  führen,  aber  schwer  zu  beendigen  sei.
’  11.FebruarüberschrittdcrpreußischeOberbefchlshaberGrafvon
Wrangel  die  Eider,  und  nachdem  er  am  2.  den  Prinzen  Friedrich  Karl  von
Preußen  einen  vielfach  gemißbilligten  Versuch  hatte  machen  lassen,  bei  Missunde
den  Uebergang  über  die  Schlei  zu  bewerkstelligen,  auch  die  österreichischen  Truppen
am  3.  Februar  bei  Overselk  ein  verlustreiches  Gefecht  tapfer  durchgefochten  hatten,
erfolgte  der  Uebergang  am  5.  zwischen  Arnis  und  Kappeln.  Nunmehr  waren  die
Danewerke,  welche  nach  dem  Plan  des  Generals  von  Moltke  umgangen  werden  sollten,
aufs  heftigste  bedroht,  und  der  dänische  General  de  Meza  erkannte  die  Unmöglichkeit,
  sie  bei  den  hartgefrorenen  Gewässern  zu  halten.  Es  gelang  ihm  sogar,
seine  Armee  unbehelligt  nach  Düppel  abzuführen;  nur  die  Nachhut  hatte  gegen
ein  österreichisches  Korps  bei  Oeversee  ein  blutiges  Gefecht  auszuhalten.  Das
sicherste  Mittel,  Dänemark  zur  Unterwerfung  zu  zwingen,  scen  jetzt  die  Besetzung
Jütlands,  wodurch  man  zugleich  ein  Gegengewicht  gegen  die  dänische  Wegnahme
deutscher  Schiffe  gewonnen  hätte.  Doch  mochte  Oesterreich  dies  aus  Besorgnis
vor  weiteren  Verwickelungen  mit  Frankreich  und  England  anfangs  nicht  zugeben.
Denn  Lord  Palmerston  nannte  ja  den  Krieg,  der  deutsches  Land  vor  dänischer
Vergewaltigung  bewahren  sollte,  „verbrecherisch  und  frevelhaft",  machte  dem
preußischen  Gesandten  gegenüber  kein  Hehl  aus  seiner  Absicht,  Dänemark  zu  Hilfe
zu  kommen,  und  bot  alles  auf,  Frankreich  zur  Einmischung  für  Dänemark  zu
bewegen.  Erst  als  weitere  Schritte  mit  unfehlbarer  Gewißheit  ergaben,  daß  die
Mittelstaaten  in  ihrem  Eifer,  den  Herzog  von  Augustenburg  einzusetzen,  lediglich
das  Bestreben  verbargen,  die  beiden  Großmächte  nach  ihrem  Willen  zu  leiten,
gab  Oesterreich  in  einem  neuen  Vertrage  am  5.  März  die  Besetzung  Jütlands
nach,  forderte  aber  zugleich  die  Belagerung  der  Düppeler  Schanzen.  Noch  hoffte
man  diese,  die  Moltke  als  überflüssig  widerriet,  durch  den  Uebergang  nach  Alsen
zu  eeecben.  mußte  aber  bei  dem  Unwetter,  welches  in  der  hierfür  bestimmten

„  Nacht  vom  2.  zum  3.  April  ausbrach,  von  dem  Plan  abstehen,  was  um  so
bedauerlicher  war,  als  am  17.  März  die  preußische  Flotte  bei  Arkona  unter
Kapitän  Jachmann  gegen  die,  um  mehr  als  das  Doppelte  überlegene,  dänische
        <pb n="837" />
        Krieg  gegen  Dänemark.  681

ihren  ersten  Lorbeer  erworben  hatte.  Die  Eroberung  wurde  jetzt  nicht  nur  zu
einer  Ehrensache  für  die  Armee,  sondern  für  die  Stellung  Preußens  auf  dem
von  England  berufenen  Kongreß  eine  Notwendigkeit.  Nunmehr  wurden  vier
Parallelen  vor  Düppel  gezogen,  zum  18.  April  befahl  Prinz  Friedrich  Karl  den
Sturm.  Nachdem  den  ganzen  17.  ein  furchtbares  Feuer  unterhalten  war,  erfolgte
er,  und  in  wenigen  Stunden  waren  alle  zehn  Schanzen  genommen.  1100  Feinde
lagen  tot  oder  verwundet  auf  der  Wahlstatt,  3600  waren  nebst  118  Geschützen
und  4000  Gewehren  in  die
Hände  des  Siegers  gefallen.  Es
war  ein  glänzender  Erfolg  für
die  preußische  Waffenehre  und
zugleich  ein  5  Beweis
für  das  Urteil  des  Königs  über
die  erziehende  Kraft  seiner  Reform.
  Wenige  Tage  nach  dem
Siege  war  der  König,  der  in
einem  solchen  Feldzuge,  in  welchem
  nicht  seine  militärischen  Erwägungen
  die  allein  entscheidenden
  waren,  den  Oberbefehl  nicht
hatte  übernehmen  können,  bei
seinen  Truppen.

Nunmehr,  am  25.  April
trat  in  London  eine  Konferenz
der  Mächte  zusammen,  auf  welcher
sich  England  mit  verbissenem
Eifer  bemühte,  Deutschland  um
die  Früchte  seiner  Siege  zu
bringen  und  die  Dänen  in  ihrem
Trotz  bestärkte,  die  deutschen
Länder  für  sich  zu  gewinnen.
Napoleon,  heftig  beleidigt  durch
England  und  in  bitterer  Feindschaft
  gegen  Oesterreich,  suchte
durch  weit  gehende  Zugeständnisse  Generalfeldmarschall  Graf  von  Wrangel.
an  Preußen  einen  Keil  zwischen  Nach  elnem  Lichtdiloe.
die  deutschen  Großmächte  zu
treiben.  Rußland  versicherte  zwar,  sich  mit  Preußen  nicht  entzweien  zu  wollen,
bewies  aber  schon  durch  die  Wahl  seines  Gesandten  Brunnow  seine  Absicht,  mit
England  an  dem  von  Dänemark  gebrochenen  Londoner  Protokoll  von  1852  festzuhalten.
  Oesterreich  wollte  zwar  den  dänischen  Einfluß  in  den  Herzogtümern
beseitigen,  war  aber  bereit,  ihre  Personal-Union  mit  Dänemark  anzuerkennen.
Die  deutschen  Mittelstaaten,  als  deren  Vertreter  der  sächsische  Minister  Graf  Beust  zugelassen
  wurde,  forderten  die  Einsetzung  des  Herzogs  von  Augustenburg.  Für  Preußen
aber  war  die  Loslösung  der  Herzogtümer  von  Dänemark  das  Ziel,  welches  selbstverständlich
  in  erster  Linie  erreicht  werden  mußte.  Die  dynastische  Frage  stand
erst  in  zweiter  Linie,  und  König  Wilhelm  war  bereit,  die  Einsetzung  des  Herzogs
        <pb n="838" />
        682  Krieg  gegen  Dönemark.  —  Friede  zu  Wien.

von  Augustenburg  zuzulassen,  wenn  dadurch  für  die  deutsche  Sache  annehmbare
Bedingungen  zu  erreichen  seien.  Denn  wesentlich  auf  die  militärische  Sicherung
Norddeutschlands  und  die  Schöpfung  einer  heutschen  Seemacht  kam  es  für  Preußen
an,  und  kam  es  jetzt  um  so  mehr  an,  als  das  Erscheinen  einer  kleinen  oͤsterreichischen
  Flotte  unter  Tegethoff  in  der  Nordsee  einen  so  maßlosen  Zorn  in
England  erregt  hatte,  daß  sie  nicht  in  die  Ostsee  einlaufen  durfte.  Bis  zum
25.  Juni  zogen  sich  dann  die  Verhandlungen  der  Konferenz  hin,  ohne  ein  greifbares
  Resultat  zu  erzielen,  da  Dänemark  die  bloße  Personalunion  bestimmt  verwarf,
  da  alle  Mächte  und  vorzüglich  England  die  von  Preußen  wieder  angeregte
Kandidatur  des  Herzogs  von  Augustenburg,  zu  welcher  Oesterreich  nur  mit  Mühe
seine  Zustimmung  gegeben,  ablehnten,  da  ferner  Rußland  seine  eigenen  plötzlich
angemeldeten  Ansprüche  auf  den  Großherzog  von  Oldenburg  übertrug,  und  da
endlich  auch  Napoleons  beliebtes  Heilmittel,  nämlich  die  Befragung  der  Bevölkerung,
von  der  Konferenz  —  in  der  Ueberzeugung,  daß  sie  zum  Nachteil  Dänemarks
ausfallen  müsse  —  entschieden  verworfen  wurde.  England  wollte  sich  kurzerhand
zum  Schiedsrichter  aufwerfen  und  entwarf  einen  Teilungsplan,  nach  welchem
Dänemark  die  Lande  bis  zur  Schlei  und  den  Danewerken  hin  behalten  sollte.
Aber  schon  der  Trotz  der  so  offen  begünstigten  Dänen  sorgte  dafür,  daß  dieser
auffallende  Vorschlag  nicht  angenommen  wurde.  Der  dänische  Gesandte  verweigerte
  die  Verlängerung  des  Waffenstillstandes,  und  der  Wiederausbruch  der
Feindseligkeiten  machte  zuletzt  allem  unfruchtbaren  Hader  Europas,  all  seiner
Einmischung  in  die  deutschen  Angelegenheiten  ein  Ende.  Am  21.  Juni  waren
alle  Vorbereitungen  getroffen,  um  die  Dänen  von  der  Insel  Alsen  zu  vertreiben,

20.  Ju#  am  29.  früh  1  Uhr  begann  die  Einschiffung,  und  in  unaufhaltsamen  Vordringen
war  die  Insel  in  wenigen  Stunden  genommen,  das  dänische  Heer,  soweit  es  nicht
gefangen  oder  gefallen  war,  zur  sclennigsten  Einschiffung  nach  Fünen  genötigt.
In  Kopenhagen  war  der  Eindruck  gewaltig.  Jetzt  wurde  der  längst  zur  Nachgiebigkeit
  bereite  König  Herr  seines  eiderdänischen  Ministeriums,  und  da  nun
ganz  Jülland  besetzt,  auch  die  nordfriesischen  Inseln  befreit  wurden,  jede  Erwartung
auf  französische  und  englische  Hilfe  aber  fehlschlug,  so  wurde  endlich  die  Abtretung
der  Herzogtümer  Schleswig,  Holstein  und  Lauenburg  an  Oesterreich  und  Preußen
zugestanden,  am  1.  August  zu  Wien  die  Präliminarien  und  am  31.  Oktober  der
definitive  Friede  geschlossen.

#sn  war  ein  Krieg  gewesen,  dessen  Führung  fortdauernd  von  dem  Gange
der  diplomatischen  Entwickelung  abhängig  gewesen,  aber  sobald  die  kriegerische  Aktion
frei  geworden,  hatte  das  preußische  Heer  die  herrlichsten  Siege  erfochten.  Kriegerische
Thaten  und  Verhandlungen  waren  Hand  in  Hand  gegangen  und  hatten  endlich
wieder  ein  großes  nationales  Werk  geschaffen,  endlich  wieder  deutsches  Land
zurück  erobert,  zurück  erobert  trotz  des  entschiedenen  Widerwillens  des  ganzen  Auslandes.
  Welch  ein  Ereignis!  Preußen  stand  wieder  auf  der  Höhe  im  Rat
Europas,  wieder  hatte  es  sich  wie  einst  in  den  Tagen  Friedrichs  II.  und  des
Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm  als  der  Schutz  und  Schirm  für  deutsches  Recht
und  deutsche  Macht  erwiesen.  Wieder  wie  einst  in  den  Tagen  des  Großen  Kurfürsten
  hatte  es  deutsche  Lande  dem  fremden  Eroberer  entrissen,  und  nun  gar  jene
Lande,  die  für  die  Entwickelung  des  deutschen  Handels  unermeßlich  bedeutungsreich
waren,  Deutschland  weiteren,  ja  den  wichtigsten  Zugang  zur  Nord=  und  Ostsee
eröffneten  und  ihm  eine  Stellung  auf  dem  Meere  ermöglichten.
        <pb n="839" />
        Friede  zu  Wien.  —  Der  schleswig-holsteinische  Mittelstaat.  683

Allerdings  war  dieses  Ereignis  erreicht  worden  im  Bunde  mit  Oesterreich,
und  Oesterreich  hätte  bei  der  gegenseitigen  ohne  Zweifel  aufrichtigen  Freundschaft
hier  den  Unwert  surr  jahrelangen  Ausspielung  der  Mittelstaaten  gegen  Preußen,
den  hohen  Wert  des  Bündnisses  zwischen  beiden  Großstaaten,  das  eine  bundesfreundliche
  Leitung  der  kleinen  Staaten  ermöglichte,  wohl  erkennen  können.  Denn
dem  vereinten  Willen  der  beiden  deutschen  Großmächte  gegenüber  hatten  die  auswärtigen
  Mächte  sich  sügen  müssen.  Allein  eben  die  gemeinsame  Leitung  Deutschlands
  entsprach  durchaus  nicht  den  Wünschen  Oesterreichs,  und  wieder  suchte  es
in  den  Zollverein  einzudringen,  der  doch  im  günstigsten  Fall  „nur  das  künstliche
Produkt  politischer  Verabredung,  nicht  aber  der  realen  Interessen“  sein  konnte.
Mit  fester  Energie  widerstand  dem  insbesondere  der  Ministerialdirektor  Rudolf

Delbrück.  Denn  lediglich  der  Eifersucht  auf  Preußen  entsprang  ja  dieses  Verlängen,
  die  Mißstimmung  wurde  nur  noch  größer,  als  der  Zollverein  erneuert
wurde,  und  Oesterreich  wandte  sich,  wie  Bismarck  dem  Grafen  von  Rechberg
schrieb,  mit  leiser,  aber  wachsender  Tendenz  wieder  den  Mittelstaaten  zu.  Die
wichtigste  Frage  blieb  daher  für  das  Berliner  Kabinett  nicht,  ob,  sondern  wie
lange  das  mühsam  hergestellte  Einverständnis  werde  erhalten  werden  können.

Bis  zum  Prager  Frieden  und  zur  Gründung  des  norddeutschen
  Bundes.

s3  war  nunmehr  die  Aufgabe,  das  durch  den  Krieg  gewonnene  Resultat  zu

sichern,  und  das  „von  zwei  mächtig  hinauslockenden  Meeren  umspülte  Land
mit  dem  spröden  Erz  seiner  Bevölkerung“  dauernd  an  das  Vaterland  zu  knüpfen.
Dies  war  aber,  wie  der  König  es  aussprach,  nur  möglich,  „wenn  und  soweit
Preußens  Macht  und  Wehr  es  schirmend  umfängt,  Preußens  strenge  Zucht  und
Ordnung  und  staatsbildende  Kraft  es  erfaßt  und  durchdringt".  Ohne  Zweifel
war  hierfür  die  Einfügung  der  Herzogtümer  in  Preußen  das  sicherste  Mittel.
Dadurch  allein  konnte  Deutschland  den  vollen  Segen  der  Küstenländer  erhalten,
und  konnten  diese  wieder  den  einer  starken  deutschen  Regierung  empfinden.  Denn
für  sich  vermochte  ein  schleswig-holsteinischer  Mittelstaat,  wie  eine  Berechnung
der  Einnahmen  ergab,  entfernt  nicht  die  Mittel  für  eine  seetüchtige  Marine,  für
den  dringend  notwendigen  Küstenschutz,  für  den  Ausbau  des  Kieler  Hafens  und
für  die  Anlage  des  Nord-Ostseekanals  aufzubringen.  Auch  war  das  Thronfolgerecht
  des  Herzogs  von  Augustenburg,  für  welches  sich  die  Liberalen  aller  Orten,
sowie  die  Mittelstaaten  begeisterten,  auf  der  Londoner  Konferenz  entschieden
abgelehnt,  und  die  völkerrechkliche  Befugnis,  das  weitere  Schicksal  des  herrenlosen,
von  Preußen  und  Oesterreich  eroberten  Landes  zu  bestimmen,  stand  daher  diesen
beiden  Mächten,  und  zwar  nach  Maßgabe  ihres  Vertrages  vom  14.  Januar  zu.
Die  Erhebung  des  Herzogs  von  Augustenburg  mußte  überdem  Preußen  in  Wider-
        <pb n="840" />
        684  Die  Mittelstaaten  und  Oesterreich  gegen  Preußen.  —  Abgeordnetenhaus.

spruch  zu  Hannover,  Oldenburg  und  Rußland  bringen.  Instinktiv  fühlte  man
auch  im  Reich  trotz  aller  Begeisterung  für  die  Schöpfung  eines  neuen  selbständigen
Mittelstaates,  daß  „die  einfache  Natur  der  Dinge“  auf  die  Einverleibung  in
Preußen  hindränge.  Um  so  lauter  aber  protestierte  man  dagegen,  und  Bayern
wie  Sachsen  vorzüglich  waren  ungemein  rührig  und  thätig,  in  einem  neuen
Mittelstaat  einen,  ihre  eigene  Stellung  gegen  die  Großmächte  stärkenden  Genossen
gewinnen.  Deshalb  nahmen  sie  für  den  Bundestag  das  Recht  in  Anspruch,
über  die  Thronfolge  in  Holstein  wie  in  Schleswig  eine  Entscheidung  zu  treffen,
der  sich  Preußen  wie  Oesterreich  gehorsam  fügen  sollten.  Andererseits  war  König
Wilhelm  wie  der  Kronprinz  sehr  geneigt,  die  Thronfolge  des  Herzogs  anzuerkennen,
aber  dieser  meinte,  die  von  ihm  geforderten  Beschränkungen  der  Souveränität
nicht  gewähren  zu  können.  Die  Hoffnung  des,  von  seinem  Könige  zum  Grafen
erhobenen  Minister-Präsidenten  von  Bismarck  ging  dahin,  durch  den  einstweiligen
Besitz  allmählich  und  ohne  neuen  Krieg  zum  Eigentum  zu  gelangen.  Denn  entschieden
  war  der  König  wider  eine  neue  Schilderhebung.  Oesterreich  dagegen
hatte  das  lebhafteste  Interesse,  die  ganze  Angelegenheit,  von  der  es  keinen  Vorteil
für  sich  sah,  während  brennendere  Aufgaben  seiner  harrten,  so  schnell  als  möglich
zu  beendigen.  Unter  Umständen  wäre  es  daher  bereit  gewesen,  die  Einfügung
in  Preußen  zuzulassen,  wenn  nur  König  Wilhelm  sich  nicht  so  bestimmt  geweigert
hätte,  ihm  preußische  Landesteile  dafür  abzutreten.  Denn  in  Ermangelung  eines
Aequivalents  wollte  es  nimmermehr  eine  solche  Vergrößerung  Preußens  zugeben.
Nicht  den  deutschen  Gewinn,  sondern  nur  den  preußischen  Vorteil  sah  man.  Nach
dem  Sturze  des  Ministers  Grafen  von  Rechberg  aber  gelang  es  der  preußenfeindlichen
  Richtung  in  Wien,  freie  Bahn  zu  gewinnen  und  damit  der  so  glücklich  begründeten
  Freundschaft  die  Wurzeln  abzugraben.  Fortan  machte  Oesterreich  der
bisher  gemeinsam  geleiteten  Verwaltung  die  denkbar  größten  Schwierigkeiten,
unterstützte,  obwohl  ihm  die  bisher  von  ihm  schroff  angefochtene  Kandidatur  des
Herzogs  von  Augustenburg  auch  jeßzt  noch  mindestens  gleichgiltig  war,  die  herzogliche
Partei  kräftig,  lehnte  die  von  König  Wilhelm  für  die  Zustimmung  zur  Einsetzung
2  22  des  Herzogs  am  22.  Februar  geforderten  Bedingungen  ab  und  that  alles,  um
Preußen  zu  verdrängen.  Endlich  lenkte  es  wieder  vollständig  in  das  alte  Geleise
des  nachbarlichen  Hasses  ein,  einigte  sich  hinter  dem  Rücken  des  Verbündeten  mit
den  Mittelstaaten,  um  einen  Antrag  beim  Bunde  einzubringen,  der  darauf  hinauslief,
  den  Herzog  von  Augustenburg  einzusetzen.  Daß  man  sich  vertragsmäßig
verpflichtet  hatte,  nur  gemeinsam  mit  Preußen  die  Angelegenheiten  zu  entscheiden,
ließ  das  Wiener  Kabinett  einfach  unbeachtet.  Da  that  König  Wilhelm  einen
24.  März  unzweideutigen  Schritt,  indem  er  am  24.  März  1865  die  preußische  Flotten-Station
  von  Danzig  nach  Kiel  verlegte.  Das  erregte  einen  Sturm  der  Entrüstung,
und  die  fortschrittliche  Mehrheit  im  Berliner  Abgeordnetenhause  sah  in  der  Notwendigkeit
  der  Regierung,  Geldmittel  für  den  Bau  des  Kieler  Hafens  und  für
die  Marine  zu  erbitten,  wieder  nur  ein  Mittel  zum  Siege  in  der  Verfassungsfrage.
  Allerdings  hatte  die  Richtigkeit  der  Militär-Reorganisation  des  Königs
nicht  schlagender  bewiesen  werden  können,  als  durch  die  Mobilmachung  selbst.
Denn  nach  der  früheren  Organisation  hätten  für  die  37,000  Mann  mit  110  Geschützen,
  die  im  Felde  gestanden,  nicht  weniger  als  20,000  Landwehrleute  einberufen
  werden  müssen,  während  nach  der  Reorganisation  nur  3000  eingestellt
waren.  Was  half's  der  fortschrittlichen  Mehrheit  des  Abgeordnetenhauses  gegen-
        <pb n="841" />
        Das  Abgeordnetenhaus.  —  Krieg  in  Sicht.  —  Italien.  685

über!  Ohne  Rücksicht  auf  die  gebietende  Notwendigkeit  verweigerte  es  die  Mittel,  1865
um  nur  der  verhaßten  Regierung  jeden  Erfolg  unmöglich  zu  machen.  Auf  die
Oesterreicher  wirkte  die  Festigkeit  doch  soweit,  daß  sie  dem  vom  Bunde  mit  ihrer
thatkräftigen  Hilfe  schon  angenommenen  Antrage,  Holstein  dem  Herzog  von  Augustenburg
  zu  übergeben,  selbst  wieder  die  Spitze  abbrachen  und  sich  erst  dann  dazu  bereit
erklärten,  wenn  Preußen  denselben  Schritt  gethan  haben  werde.  Im  übrigen  aber  verstimmte
  die  Kieler  Angelegenheit  und  die  weitere  Absicht,  einen  schleswig-holsteinischen
Landtag  einzuberufen,  in  Wien  derartig,  daß  man,  falls  Preußen  sich  nicht  wie
einst  in  Olmütz  demütige,  bereit  war,  „es  tot  zu  schlagen“.  Der  allgemeinen
Zustimmung  in  Deutschland  wie  der  französischen  Hilfe  fühlte  man  sich  für  diese
Absicht  völlig  sicher.  Daß  dies  indessen  doch  nicht  so  leicht,  bezeugte  General  von
Moltke  in  einer  Sitzung  des  Berliner  Staatsministeriums  am  29.  Mai,  welcher  29.  Mal
der  König  persönlich  vorsaß,  und  der  auch  der  Kronprinz  beiwohnte.  Noch  vertagte
  der  König  die  letzte  Entscheidung,  denn  ein  Kampf  gegen  Oesterreich  widerstrebte
  all  seinem  Empfinden.  Noch  hoffte  er  durch  friedliche  Unterhandlungen
mit  dem  Kaiser,  der  persönlich  ebenfalls  den  Krieg  vermeiden  wollte,  den  Frieden
zu  erhalten,  und  auch  Bismarck,  wiewohl  längst  überzeugt,  daß  Oesterreich  ohne
Kampf  die  preußische  Gleichberechtigung  nicht  anerkennen  werde,  war  bereit,  die
Verhandlungen  fortzusetzen.  Um  so  leichter  aber  konnte  man  dies,  als  die  Armee,
wie  der  Kriegsminister  von  Roon  und  der  General-Inspekteur  der  Artillerie  von
Hindersin  zugaben,  zum  Kriege  vollkommen  gerüstet  war,  und  als  trotz  der  täglich
schroffer  werdenden  Haltung  des  Abgeordnetenhauses  die  Geldmittel  nicht  fehlten.
Denn  der  Handelsminister  Graf  Igzenplitz  hatte  mit  der  Köln-Mindener  Bahn
Unterhandlungen  eröffnet,  wonach  60  Millionen  Thaler  zur  Verfügung  standen.
Ebenso  waren  mit  Italien  schon  Beziehungen  wenigstens  angeknüpft.  Hier  waren
nämlich  den  Verabredungen  von  Villafranca  und  dem  definitiven  Frieden  von
Zürich  entgegen  mit  Ausnahme  von  Rom  und  Venetien,  alle  Gebiete  unter  dem
Szepter  des  Königs  Victor  Emanuel  zu  einem  Staate  vereinigt.  Und  nachdem  dieser
Monarch  sich  mit  Napoleon  über  die  römische  Frage  vorläufig  vertragen  hatte,  schien
für  Italien  nichts  günstiger  zu  sein,  als  ein  Krieg  zwischen  Oesterreich  und
Preußen,  um  nun  auch  noch  sein  anderes  fehlendes  Glied,  um  Venetien  wieder  zu
erwerben.  Und  wenn  der  italienische  Minister,  General  La  Marmora  eine  Verständigung
  zwischen  Wien  und  Paris  fürchtete,  so  schien  er  um  so  bereitwilliger
die  dargebotene  Hand  Preußens  ergreifen  zu  müssen.  Vorerst  glaubte  er  noch
zögern  zu  sollen.  Ebenso  unsicher  war  man  in  Berlin  über  das  Verhalten
Napoleons,  in  dessen  Aufmunterung,  die  Herzogtümer  zu  anncktieren,  man,  da  er
an  anderen  Höfen  den  Widerstand  dagegen  belebte,  nur  eine  Zweideutigkeit  erkennen
konnte,  welche  auf  den  rechten  Augenblick  zur  Ordnung  der  Verhältnisse  nach
französischen  Wünschen  wartete.

Inzwischen  hatte  zwar  König  Wilhelm  am  30.  Juni  in  einem  Briefe  des
Kaisers  Franz  Josef  Freundschaft  und  persönliche  Gefühle  angerufen,  um  gemeinschaftlich
  die  schwebende  Angelegenheit  zu  erledigen,  aber  auch  hierauf  war  nur  eine
ungenügende  Antwort  eingelaufen.  Und  nun  zeigte  ein  preußisches  Ultimatum,
welches  sogar  der  bayerische  Minister  von  der  Pfordten  billigte,  dem  Wiener  Kabinett
noch  einmal  den  vollen  Ernst.  Hatte  nun  aber  Oesterreich,  wie  es  wohl  erkannte,
keinen  besseren  Bundesgenossen  als  das  widerspenstige  Abgeordnetenhaus  auf  dem
Dönhoffsplatz  in  Berlin,  so  hatte  Preußen  in  der  unglücklichen  Lage  der  inneren
        <pb n="842" />
        686  Vertrag  von  Gastein.

i86s  Verhältnisse  des  Keiserstaates,  wo  eine  Ministerkrisis,  ja  ein  Verfassungssturs  in

14-Aug.

Aussicht  stand,  wo  ein  Konflikt  mit  Ungarn  noch  immer  nicht  beigelegt,  wo  das
Heer  auf  den  mäßigsten  Friedensfuß  gesetzt,  und  doch  ein  Defizit  von  80  Millionen
Gulden  in  den  Finanzen  war,  ebenfalls  einen  starken  Genossen.  So  fand  denn
ein  Vorschlag  des  österreichischen  Gesandten  in  München,  Grafen  von  Blome,
eines  gebornen  Holsteiners,  Eingang  im  Kabinett  zu  Wien.  Unter  gemeinsamer  Ausübung
  der  vollen  Souveränität  durch  beide  Staaten  sollte  danach  Oesterreich  in  Holstein,
Preußen  aber  in  Schleswig  die  Verwaltung  führen.  Damit  trat  Oesterreich  von
der  Kandidatur  des  Herzogs  von  Augustenburg  wieder  zurück,  gewährte  die
Möglichkeit,  den  Verunglimpfungen,  welche  Preußen  bisher  in  den  Herzogtümern
hatte  hinnehmen  müssen,  ein  Ende  zu  machen,  und  gab  zugleich  die  Liebe  der
Mittelstaaten  preis.  Auf  dieser  Grundlage  wurde  in  Gastein,  wo  König  Wilhelm
zur  Kur  weilte,  am  14.  August  1865  ein  Vertrag  gezeichnet,  der  überdem
für  Preußen  die  Besetzung  und  den  Ausbau  des  Kieler  Hafens  wie  die  Besetzung
Rendsburgs  sicherte.  Das  Mißverhältnis,  welches  für  Preußen  in  der  geographischen
Trennung  von  Schleswig  lag,  fiel  der  Vereinigung  der  beiden  Großmächte  gegenüber
  nicht  allzusehr  ins  Gewicht.  Man  hoffte  überdies,  wie  Bismarck  schrieb,
späterhin  Holstein,  das  für  Oesterreich  auf  die  Dauer  doch  lästig  werden  mußte,
durch  Geldentschädigung  zu  erhalten.  Sofort  zeigte  die  Empörung  der  Mittelstaaten,
  welche  nichts  als  einen  Rechtsbruch  in  dem  Vertrage  sahen,  sowie  der
Aerger  Napoleons,  welches  Gewicht  die  Einigung  Oesterreichs  und  Preußens  in
Europa  hatte.  Ein  längeres  Zusammenleben  des  Grafen  von  Bismarck  mit
Napoleon  im  Seebade  zu  Biarritz  konnte  den  Kaiser  zwar  überzeugen,  daß  König
Wilhelm  sich  auf  keine  Verpflichtungen  gegen  Frankreich  einlassen  werde,  sondern
„den  echten  Kern  erfolgreicher  und  praktischer  nationaler  Bestrebungen  nur  in
einem  starken  Preußen  und  in  einer  selbstäudigen  preußischen  Politik“  sehe.  Aber
in  der  trostreichen  Hoffnung  auf  einen  zukünftigen  Bruch  zwischen  beiden  deutschen
Großmächten  behielt  Napolcon  Preußen  gegenüber  als  dem  scheinbar  schwächeren
Teil  doch  eine  gewisse  wohlwollende  Haltung  be

In  Oesterreich  fühlte  man  sich  jedoch  u  des  leidlichen  Einvernehmens,
welches  in  der  Verwaltung  der  Herzogtümer  nun  herrschte,  durch  diese  Zusammenkunft
  beeinträchtigt,  und  das  Mißtrauen  wuchs,  als  es  gelang,  zwischen  dem  Zollverein
  und  Italien  einen  Handelsvertrag  abzuschließen.  Die  Haltung  des  österreichischen
  Gouverneurs  in  Holstein,  Generals  von  der  Gablenz,  wurde  gegen
den  preußischen  Gouverneur  in  Schleswig,  General  Edwin  von  Manteuffel,
allmählich  schroffer.  Ungestört  ließ  er  Presse  und  Versammlungen  für  die  Begründung
  eines  neuen  Mittelstaates  arbeiten,  die  gemeinsame  Souveränität  antasten.
Die  Beziehungen  Oesterreichs  zu  den  Mittelstaaten  „mit  aggressiver  Tendenz
gegen  Preußen“  wurden  immer  sichtbarer.  In  ernster  Rede  erklärte  im  Januar
König  Wilhelm  seinen  Ministern,  das  aggressive  Vorgehen  gegen  seine  monarchische
Autorität  in  den  Herzogtümern  sich  nicht  länger  bieten  lassen  zu  können,  aber
eine  nochmalige  Vorstellung  Bismarcks  in  Wien  hatte  nur  den  Erfolg,  daß  man
am  7.  Februar  den  alten  Bundesgenossen  mit  kühlen  Worten  zurückwies.  Jetßzt,
wo  Preußen  mit  einer  Thatkraft  und  Bestimmtheit  auftrat,  eine  Sprache  gegen
Oesterreich  führte,  an  welche  der  Kaiserstaat  seit  hundert  Jahren  von  dem  unterdrückten
  Verbündeten  in  Berlin  nicht  gewöhnt,  wo  es  die  Frage  nach  der  deutschen
Einheit  immer  thatkräftiger  in  Angriff  nahm,  war  Oesterreich  gewillt,  auf  jede  Gefahr
        <pb n="843" />
        Krieg  in  Sicht.  —  Die  deutsche  Frage.  687

hin  die  Schraube  wieder  fester  zu  ziehen,  die  selbständige  Stellung  Preußens  im
Reich  wie  in  Europa  auf  keinen  Fall  zuzugestehen  und  lieber  weitere  Verluste  zu
erleiden,  als  der  norddeutschen  Großmacht  das  geringste  Zugeständnis  zu  machen.
Im  Gecgenteil,  unser
Staat  sollte  wieder,  wie
König  Wilhelm  erkannte
und  aussprach,  auf  den
Fuß  vor  dem  siebenjährigen
  Kriege  herabgedrückt
  und  Schlesien
ihm  abgenommen  werden.
Damit  wäre  jede  Lösung
der  deutschen  Frage,  jede
Erstarkung  der  nationalen
  Macht  für  immer
verhindert  worden.  Seit
Anfang  März  rüstete
Oesterreich  denn  auch
unverhohlen,  so  daß  nun
auch  Preußen  daran  ging,
die  Kriegsbereitschaft  einuleiten.
  In  einem  Ministerrate
  erklärte  König
Wilhelm,  die  Hoffnungen
auf  eine  ehrliche  Einigung
  mit  Oesterreich  habe
dieses  untergraben;
keinen  Krieg  zu  provozieren,
  aber  vorwärts
zu  gehen,  ohne  vor  einem
Krieg  zurückzuschrecken,

Weg  zu  oen  sei  er,
wenn  es  müsse,  zum  Krieg
entschlossen.  Denn  in
der  That  handelte  es  sich  .-  —»  i
nicht  mehr  Bith  #ne  General  Edwin  von  Manteussel.

Schleswig-Holstein,  son-  Nach  einem  Lichtbilde.

dern  um  die  kriegerische

Haltung  des  österreichischen  Kabinetts  ge.  eiu  dem  Könige  wie  Bismarck
  war  es  klar,  daß  unmittelbar  neben  die  Frage  der  Elbherzogtümer  die
nationale  der  deutschen  Bundesreform  getreten  sei,  *  vielmehr,  daß  die  Angelegenheit
  der  Elbherzogtümer,  die  für  kurze  Zeit  den  alten  Gegensatz  verdeckt,
wieder  zurückgetreten  sei  hinter  die  der  nationalen  Entwickelung  Deutschlands.
Die  schleswig-holsteinische  Frage  sei,  so  erklärte  Bismarck  einem  italienischen
        <pb n="844" />
        688  Bündnis.  —  Deutsches  Parl  Bamberger  Konferenz.  —  Abgeordnetenhaus.

1860  Unterhändler,  für  einen  so  großen  Krieg,  wie  der  zwischen  Oesterreich  und  Preußen,
ein  zu  kleiner  Anlaß.  Nur  dann  sei  der  Krieg  gerechtfertigt,  wenn  es  um  die
allgemeine  deutsche  Frage  gehe.  Diese  Vertiefung  des  Gegensatzes,  die  in  der
Natur  der  Sache  lag,  half  aber  das  Mißtrauen  des  italienischen  Ministers  La

".  Upr  il  Mamora  überwinden,  und  so  kam  es  am  8.  April  zum  Abschluß  eines  Bündnisses
zwischen  Preußen  und  Italien.

Am  folgenden  Tage  ließ  König  Wilhelm  in  Frankfurt  einen  Antrag  einbringen,
  welcher  die  Bildung  eines  deutschen,  auf  Grundlage  des  allgemeinen
Stimmrechts  gewählten  Parlaments  zur  Beratung  über  die  deutsche  Verfassung
und  zugleich  die  Bestimmung  eines  Termins  für  die  Einberufung  verlangte,  da
ohne  dies  Mittel  jede  Besserung  der  Verfassung  erfahrungsmäßig  im  Sande  verlaufe.
  Der  Einstimmigkeit  gegenüber,  welche  jede  Reform  der  Verfassung  erforderte,
  erschien  die  Ausdehnung  der  gesetzgeberischen  Befugnisse  des  Bundestages,
falls  ein  von  der  ganzen  Nation  frei  gewähltes  Parlament  neben  ihm  stände,
als  das  einzige  Mittel,  um  aus  dem  unfruchtbaren  Zustande  herauszukommen
und  den  Sondergeist,  der  hier  seine  schlimmsten  Blüten  trieb,  zu  bändigen.

Aber  so  sonnenklar  der  bescheidene  Sinn  König  Wilhelms  allen  Fürsten
vorlag,  so  deutlich  auch  aus  diesem  Antrage  hervorging,  daß  er  für  sich  auf  jede
Ueberordnung  über  die  anderen  Fürsten  verzichtete,  so  erregte  doch  schon  dieser
Antrag  überall  den  hellen  Zorn  der  Mittelstaaten.  Und  allerdings  hätte  er
Oesterreich  das  bisher  so  ost  bewährte  Mittel  genommen,  in  der  Förderung  des
Sondergeistes  seine  eigenen  nichtdeutschen  Ziele  zu  verfolgen.  So  verdoppelte
Oesterreich  seine  Rüstungen  wie  gegen  Italien  so  gegen  Preußen,  in  Sachsen,
Württemberg,  Hannover  wurden  solche  vorgenommen,  und  in  Bamberg  zeigte  sich,
daß  selbst  Bayern,  dessen  Minister  anhaltend  in  lebendigem  Verkehr  mit  Bismarck
stand  und  Oesterreichs  falsche  und  unzuverlässige  Politik  heftig  schalt,  gewonnen
war.  Im  Maibeschlossen  die  Minister  der  Mittelstaaten  in  Bamberg,  160  000  Mann
gegen  Preußen  aufzustellen,  und  den  preußischen  Antrag  vergrub  der  Bundestag
in  den  Akten  seines  Ausschusses.  Diesmal  sollte  er  sich  aber  geirrt  haben,  dieser
Antrag  erlebte  eine  Auferstehung.

Das  Traurigste  bei  alledem  blieb  doch  die  Haltung  des  eigenen  Abgeordnetenhauses.
  Freilich  drang  in  immer  weitere  Kreise  das  Bewußtsein,  daß  die  Ehre
des  Vaterlandes  auf  dem  Spiele  stehe,  aber  das  Abgeordnetenhaus  blieb  bei  seiner
Haltung,  verweigerte,  um  sich  neue  Rechte  zu  verschaffen,  jedes  Budget.  Denn
an  der  Spitze  des  Ministeriums  stand  ja  der  Mann,  der,  wie  einer  der  Führer
der  Fortschrittspartei  sagte,  dem  Bösen  verfallen  war  und  von  ihm  nicht  loskommen
  werde,  der,  wenn  er  auch  Großes  erreicht  habe,  dies  nur  dem  Zufall
verdanke.  Nicht  nur  die  Fähigkeit,  sondern  auch  die  ehrliche  Absicht  wagte  man
dem  Minister  abzusprechen,  und  wenn  er  den  Antrag  auf  ein  deutsches  Parlament
gestellt  haite,  so  war  auch  dies  nichts  als  Lüge,  Heuchelei  und  Täuschung.  Selbst
die  Furcht,  die  in  Berlin  vor  den  Kroaten  herrschte,  und  die  viele  schon  veranlaßte,
  das  Silberzeug  in  sichere  Verstecke  zu  bringen,  half  nichts.  Das  Vaterland
mochte  zu  Grunde  gehen,  wenn  nur  der  Verfassungskampf  zum  Siege  des  Parlamentes
  führte.  Seien  seine  Führer  nur  erst  am  Ruder  —  so  war  die  Meinung  —
sei  dieser  Bismarck,  den  man  mit  allen  Scheltworten  belegte,  nur  erst  gestürzt,
so  werde  auch  sofort  mit  dem  Auslande  wie  mit  Oesterreich  der  allgemeine  Friede
hergestellt,  und  wenn  nur  erst  Preußen  abrüste,  die  allgemeine  Seligkeit  des
        <pb n="845" />
        Frankreichs  Haltung.  —  Oesterreichs  Schwankung.  689

Paradieses  wieder  gewonnen  sein.  Aber  unentwegt  und  fest,  weil  von  der  Rein=  1666
heit  seines  Gewissens,  von  der  Richtigkeit  seiner  Politik  und  ihren  deutschen
Zielen  fest  überzeugt,  gab  König  Wilhelm  den  in  immer  schärferen,  zudringlicheren
Formen  ihm  vorgelegten  Adressen  und  Petitionen  nicht  nach.  Er  wußte,  daß  die
Heeresreform  zum  Heile  des  Vaterlandes  notwendig  und  „zeitgemäß“  war,  wußte,
daß  ohne  eine  machtvolle  und  angesehene  Stellung  Preußens,  dieses,  mit  ihm
aber  auch  das  deutsche  Vaterland  verloren  sei.  Er  war  sich,  wie  er  es  oft  aussprach,
  vor  Gott  der  Verantwortung  bewußt,  die  auf  ihm  ruhte  —  und  man
weiß  auch  aus  Bismarcks  Munde,  wie  schwere  Kämpfe  es  ihm  gekostet,  bis  er
den  König  von  der  Notwendigkeit  zu  schlagen  überzeugt  hatte  —  aber  endlich
habe  er  es  vor  Gott  geprüft  und  könne  nun  auch  getrost  und  freudig  den  Weg
gehen,  den  er  führe.  Gebeten  habe  er  den  Kaiser,  wie  man  nur  bitten  kann,
aber  er  sah,  daß  alles  vergeblich.  So  hielt  er  auch  den  eisernen  Mann,  der  den
Abgeordneten  gegenüber  mit  stahlharter  Stirn  das  Recht  der  Krone,  die  Wohlfahrt
des  Vaterlandes  aufrecht  hielt,  fest,  und  löste  am  9.  Mai  den  Landtag  auf.

Inzwischen  hatte  der  kluge  Napoleon  versucht,  auf  einem  europäischen  Kongreß
die  schleswig-holsteinische,  die  deutsche  und  die  italienische  Frage  zu  entscheiden,
um  so,  wenn  nun  einmal  von  Preußen  keine  Abtretung  deutschen  Landes  zu  erzwingen
  war,  doch  die  Leitung  Deutschlands  in  seine  Hand  zu  bekommen.  Andernfalls
  war  es  ihm  auch  wieder  nicht  unwillkommen,  als  die  Hofburg  zwar  die
Abtretung  Venetiens  an  Italien  vor  dem  Kriege  zu  vollziehen  versprach,  den  Krieg
selbst  aber  verlangte,  um  dadurch  Schlesien  als  Ersatz  für  die  italienische  Provinz  zu
erhalten.  Denn  wie  ganz  Europa  rechnete  auch  Napoleon  auf  einen  sicheren
Sieg  Oesterreichs  und  hoffte  alsdann  von  dem  geschlagenen  Preußen  und  dem
um  Schlesien  vergrößerten  Oesterreich  um  so  leichter  die  gewünschte  Kompensation
zu  erzwingen  oder  einen  neutralen  Staat  am  Rhein  und  einen  Rheinbund  zu
errichten,  wodurch  Frankreich  wieder  der  Alleinherrscher  über  Deutschland  geworden,
  und  sein  alter  Nebenbuhler  Oesterreich  in  die  zweite  Linie  gedrängt
worden  wäre.  Der  neue  Mitbewerber  aber,  der  die  freie  nationale  Selbstbestimmung
  Deutschlands,  dies  Schreckgespenst  der  Tuilerien  und  der  Hofburg,
durchführen  wollte,  sollte  wieder  nur  soweit  gedemütigt  werden,  daß  er  späterem
etwaigen  habsburgischen  Aufbegehren  doch  noch  die  Wage  zu  halten  vermöge.
Der  Kampf  mußte  ja  beide  Großmächte  schwächen  und  um  so  sicherer,  und  ohne
Frankreich  Opfer  zuzumuten,  dem  Imperator  zugute  kommen.

Nun  aber  schwankte  Oesterreich  abermals,  erkannte  das  Erbfolgerecht  des
Herzogs  von  Augustenburg  wieder  als  berechtigt  an  und  ließ  den  Agitationen  für
dessen  Durchführung  freiesten  Spielraum.  Einseitig  stellte  es  dann  die  Entscheidung
  über  die  schleswig-holsteinische  Angelegenheit  dem  Bunde  anheim  und
berief  in  Holstein  die  Landstände.  Offenkundig  war  also  der  Gasteiner  Vertrag
gebrochen,  und  Preußen  der  ihm  rechtlich  zustehenden  Befugnis,  mit  Oesterreich
zusammen  die  Frage  zu  lösen  und  gemeinsam  die  Souveränität  in  den  Herzogtümern
  auszuüben,  beraubt.  Trotzdem  aber  die  Hofburg  auf  solche  Weise  das
Berliner  Kabinett  von  diesem  Vertrage  gelöst,  trug  man  doch  keine  Scheu  —
als  der  König  nun  das  vor  dessen  Abschluß  besiegente  Verbältnis  wieder  herstellte
und  preußische  Garnisonen  nach  Holstein  verlegen  wie  den  Zusammentritt  des
Landtags  zu  verhindern  befahl  —  am  Bundestage  offen  zu  erklären,  Preußen
habe  den  Gasteiner  Vertrag  gebrochen.  Und  so  ungeheuerlich  wurde  der  Ton  der

Verner,  Gesch.  d.  Pr.  Staales
        <pb n="846" />
        690  Die  Mittelstaaten.  —  Beginn  des  Krieges.

1866  kaiserlichen  Depeschen  nach  Berlin,  daß  sie  den  russischen  Gesandten  von  Oubril
an  die  Sprache  des  römischen  Kaisers  gegen  den  Markgrafen  von  Brandenburg
erinnerten.  Ja  mehr,  Oesterreich  trug  kein  Bedenken,  wegen  dieses  angeblichen
Bruches  eines  Vertrages,  der  nicht  die  geringste  Beziehung  auf  den  Bund  hatte,

nundie  Mobilmachung  des  ganzen  Bundesheeres  am  12.  Juni  in  Frankfurt  zu  beantragen.
  Es  konnte  dies  um  so  sicherer,  weil  es  durch  einen  an  demselben  Tage  abgeschlossenen
  Vertrag  mit  Napoleon  gedeckt  war,  und  weil  man  wußte,  daß  alle
Versuche,  die  Preußen  namentlich  in  Dresden,  in  Hannover  und  in  Kassel  gemacht,
um  nur  Neutralität  zu  erhalten,  völlig  gescheitert  waren.  Briefe  und  Vorstellungen,
  welche  der  König  sogar  persönlich  nicht  sparte,  waren  vergeblich  gewesen,
die  Mittelstaaten  standen  treu  zu  ihrem  Protektor,  und  der  Bundestag  nahm
den  Mobilmachungs-Antrag  in  nicht  einmal  ganz  ehrlicher  Abstimmung  an.
Darauf  erklärte  der  preußische  Gesandte  von  Savigny  den  Bund  für  aufgelöst
und  übergab  die  Reformvorschläge  seines  Königs,  Oesterreich  aber  rief  seinen  Gesandten
  in  Berlin  ab,  stellte  dem  preußischen  in  Wien  seine  Pässe  zu.

Wieder  wurden  von  Berlin  aus  Vorschläge  gemacht,  die  Könige  von
Sachsen  und  Hannover,  sowie  den  Kurfürsten  von  Hessen  zum  Rücktritt  vom
Bundesbeschluß  zu  bewegen.  Unter  voller  Zusicherung  ihres  Besitzes  und  ihrer
Souveränität  nach  Maßgabe  der  anzuerkennenden  preußischen  Reform-Vorschläge
wurde  nichts  als  einfache,  unbewaffnete  Neutralität  von  ihnen  gefordert,  da
Preußen  unmöglich  ihre  mobilen  Truppen  im  Rücken  seiner  Heere  lassen  konnte.
Auf  das  schnödeste  wurden  diese  Zugeständnisse  abgewiesen,  Kurhessen  sandte,  b
zur  Mobilmachung  keine  Zeit  blieb,  seine  Truppen  so  wie  sie  waren,  nach
deutschland;  König  Georg  von  Hannover  glaubte  in  dem  leisesten  Nachgeben  gegen
Preußen  eine  Sünde  gegen  seine  Eigenschaften  als  Christ,  Monarch  und  Welfe
erkennen  zu  sollen,  ließ  seine  Truppen  bei  Göttingen  zusammenziehen,  begab  sich
selbst  zu  ihnen  und  beabsichtigte,  sich  mit  den  Bayern  zu  vereinen.  Sachsen
sandte  seine  Truppen  nach  Böhmen.

Sofort  rückte  General  von  Manteuffel  von  Holstein,  General  von  Göben
von  Minden  aus  in  Hannover  ein,  und  der  Höchstkommandierende  der  gegen
die  Mittelstaaten  bestimmten,  verhältnismäßig  kleinen  (48000  Mann  starken)
Armee,  General  Vogel  von  Falckenstein,  besetzte  die  Hauptstadt,  ließ  Manteuffel
und  Göben  nach  Göttingen  vorgehen.  An  demselben  Tage  wurde  Hessen-Kassel
ohne  Schwertstreich  durch  den  General  von  Beyer,  am  15.  Sachsen  durch  General
Herwarth  von  Bittenfeld  besetzt.  In  drei  Tagen  war  das  Unglaubliche  geschehen,
Preußen  im  Besitz  aller  Hilfsquellen  der  Staaten,  die  am  häufigsten  gegen  es
gelärmt  hatten.  Leider  verzögerte  die  Halsstarrigkeit  des  Welfen  und  die  Ungenanigeit=
  mit  welcher  Falckenstein  die  ihm  zukommenden  Befehle  ausführte,  den
schnellen  Sieg.  Immer  bestrebt,  nach  Frankfurt  und  gegen  die  Bayern  zu
marschieren,  ließ  er  es,  während  König  Wilhelm  auch  jetzt  noch  ununterbrochen
mit  Hannover  verhandelte,  dahin  kommen,  daß  General  Flies  bei  Langensalza
statt,  wie  er  gemeint,  mit  der  Nachhut  der  nach  Norden  abziehenden  hannöverschen
Armee,  mit  dieser  selbst  ein  blutiges  Treffen  nur  mühsam,  ohne  Erfolg  bestehen
mußte.  Indessen  hatten  König  Wilhelm  und  Moltke  von  Berlin  aus  die  notwendigen
  Maßregeln  getroffen  und  am  nächsten  Morgen  war  die  Umzingelung
der  hannöverschen  Armee  so  vollständig,  daß  König  Georg  seine  Zustimmung

m.  Juni  zur  Kapitulation  geben  mußte  (29.  Juni).
        <pb n="847" />
        Faksimile  der  Unterschrift  Moltkes.
        <pb n="848" />
        692  Krieg  gegen  Oesterreich.

1860  Doch  die  Entscheidung  konnte  nur  der  Kampf  mit  den  Oesterreichern  selbst
bringen.  Diese  hatten  238000  Mann  unter  dem  Feldzeugmeister  Benedek,  der
nur  widerwillig  den  Oberbefehl  übernommen,  in  Böhmen  aufgestellt,  und  zu  ihnen
waren  noch  23.0000  Sachsen  gestoßen,  während  Bayern  die  österreichische  Forderung,
gemeinsam  in  Böhmen  zu  operieren,  abgelehnt  hatte  und  in  dem  getrennten
Kampfe  der  süddeutschen  Bundeskorps  den  sichersten  Schutz  der  eigenen  Länder
sah.  Benedek  zeigte  nicht  die  Gaben  des  Feldherrn,  und  die  durch  den  Geldmangel
  herbeigeführten  Versäumnisse  im  österreichischen  Heerwesen  machten  sich
scharf  bemerklich.  Kaum  daß  es  gelang,  die  geplante  Zahl  zu  erreichen,  und  die
innere  Tüchtigkeit  dieser  nur  kurze  Zeit  geschulten  Truppen  stellte  sich  als  eine
äußerst  mangelhafte  heraus,  der  #e80  cenüber  die  Bedeutung  der  Reorganisation
König  Wilhelms  um  so  mehr  zu  Tage

ach  dem  Plane  des  5A  ae  von  Moltke  wurde  in  Berlin  die

kühnste  Offensive,  die  Aufgabe  Schlesiens  und  der  Einmarsch  in  Böhmen  beschlossen.
  Die  Streitkräfte  waren  ursprünglich  in  drei  Heeressäulen  geteilt,  die
Elbarmee  unter  Herwarth  von  Bittenfeld  bei  Torgau  (46000  Mann),  die  erste
Armee  unter  dem  Prinzen  Friedrich  Karl  in  der  Lausitz  (93000  Mann)  und

die  zweite  unter  dem  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm  in  Schlesien  bei  Neiße
(115000  Mann).  Diese  waren  nun  nach  der  Besetzung  Sachsens  zu  einer
machtvollen  Masse  zusammenzuziehen,  um  der  mutmaßlichen  Vereinigung  der
österreichischen  im  nordöstlichen  Böhmen  zuvorzukommen.  Die  Elbarmee  wurde
unmittelbar  nach  der  Einnahme  Sachsens  unter  den  Prinzen  Friedrich  Karl

2.  Jun  gestellt,  und  am  22.  Juni  befahl  der  König  den  Einmarsch  der  Armeen  in
Böhmen  und  ihre  Vereinigung  bei  Gitschin.  Die  erste  Armee,  welcher  die
leichtere  Aufgabe  zufiel,  sollte  durch  schnelles  Vorgehen  die  Krisis  abkürzen.  Nach
raschen  Schlägen  bei  Hünerwasser,  Turnau,  Podol,  Münchengrätz  besiegte  Prinz
Friedrich  Karl  mit  26  000  Preußen  42000  Oesterreicher  und  Sachsen  bei  Gitschin

in  blutiger  Schlacht,  machte  das  ganze  österreichische  erste  Korps  kampfunfähig

und  hatte  damit  die  Hindernisse  zur  Vereinigung  mit  dem  Kronprinzen  aus  dem
Wege  geräumt.  In  gewissem  Sinn  war  der  Plan  Benedeks,  der  sich  hauptsächlich
  gegen  Friedrich  Karl  r*d-  während  er  den  Kronprinzen  für  schwächer
hielt,  schon  jetzt  vereitelt.  Er  aber  war  bei  seiner  Absicht,  Friedrich  Karl  zu
verrichten,  geblieben,  obwohl  die  schlesische  Armee  inzwischen  ebenfalls  aufgebrochen,
i  am  und  General  von  Steinmetz  bei  Nachod  am  27,  eine  große  Uebermacht  der  Oesterreicher
  zurückgeschlagen  hatte.  An  demselben  Tage  hatte  Gablenz  die  Preußen
a#m#  bei  Trautenau  zurückgewiesen.  Am  28.  aber  wetzte  die  Garde  bei  Burkersdorf
die  Scharte  glänzend  aus,  und  gleichzeitig  warfen  abermals  Steinmetzens  Scharen

im  furchtbarsten  Ringen  den  Feind  bei  Skalitz.  Die  Garde  nahm  Königinhof;
Steinmetz  siegte  noch  einmal  bei  Schweinschädel.  Aufs  glänzendste  war  die  Aufgabe

  gelöst,  die  preußischen  Armeen  in  so  nahen  Zusammenhang  gebracht,  „daß

der  Gegner  die  eine  nicht  angreifen  konnte,  ohne  daß  ihm  die  andere  in  den
Rücken  siel“.  Benedek,  der  sich  und  seinen  Kaiser  bger  in  argen  Täuschungen

über  Siege  erhalten,  maßte  nach  einem  Gesamtverlust  von  etwa  40000  Mann
seinen  Kriegsplan  aufgeben  und  sich  nach  Königgräß  zurückziehen;  ja,  als  hier
die  ersten  Truppen  in  völliger  Erschöpfung  ankamen,  sandte  er  —  acht  Tage  nach
der  Kriegserklärung  —  telegraphisch  seinem  Kaiser  die  Bitte,  sofort  Frieden  zu

|  schließen,  und  dieser  erklärte  sich  Napoleon  gegenüber  zur  Abtretung  Venetiens.
        <pb n="849" />
        Krieg  gegen  Oesterreich.  693

bereit,  um  von  Italien  Frieden  zu  erhalten,  obwohl  dessen  Heer  ven  Erzherzog  1866
Abrecht  am  24.  Juni  bei  Custozza  glänzend  geschlagen  worden  w’

Inzwischen  war  aber  der  König,  der  bisher  von  Berlin  "  dee  Führung
im  Großen  in  der  Hand  behalten  hatte,  selbst  auf  dem  Kriegsschauplatz  eingetroffen
  mit  seinem  Generalstabschef  von  Moltke,  dem  Kriegsminister  von  Roon
und  dem  Grafen  von  Bismarck.  Nun  machte  Benedek  doch  vor  der  Elbe  Halt
und  stellte
seine  Truppen
  zwischen
der  Bistritz
und  Elbe  zur
Schlachtordnung.
  in
Befehl  seines
Kaisers,  wie
„die  Natur  der
Dinge“  schien
ihm  keine

Prinz  Friedrich
  Karl  am
Abend  diese
Aufstellung
erkundet,  als
er  seinerseits
die  schon  befohlenen

Maßregeln
n  und  um

Abends

 

rinz  Friedrich  Karl  von  Preußen.
Aupfersli  Albert  Teichel  (1822—1878).  Mit  Bewilligung  des  Verlegers
Binnen  zehn  ——*  2  „t  erles

sprach  sich  1#-  König  mit  Moltke,  und  in  der  Nacht  mußte  ein  Offizier  zum

Kronprinzen  eilen,  um  diesem  den  schleunigen  —  zu  befehlen.  Nun  sollte

der  Feind  gefaßt  und  zugleich  vernichtet  werden.  Unter  den  Augen  des  Königs

entwickelte  sich  am  3.  Juli  jene  furchtbare  Schlacht,  von  deren  Entscheidung  s.  Ja#

Preußens  Dasein,  die  Rettung  *  Shn.  Im  härtesten  Kampfe  hielt

die  erste  und  die  Elbarmee  vom  frühen  gen  stand,  und  furchtbar  litten  die
ruppen  unter  dem  Donner  von  260  —.  Geschützen.  Heldenhaft  hielt

besonders  Franseckys  Division  die  schwersten  Verluste  aus.  Seit  acht  Uhr  weilte

der  König  auf  dem  Schlachtfelde,  ließ  sich  nur  mühsam  von  den  gefährlichsten
        <pb n="850" />
        694  Krieg  gegen  Oesterreich.

Punkten  entfernen,  und  seine  Anwesenheit  schon  rief  den  hellen  Jubel,  die
stürmische  Begeisterung  der  Truppen  hervor.  Wohl  kamen  jene  furchtbaren
Stunden,  da  man  ungeduldig  ausschaute,  ob  auch  der  Kronprinz  komme,  doch  noch
ehe  seine  Kolonnen  erschienen,  aniwortete  Moltke  dem  fragenden  König:  „Euer
Majestät  gewinnen  heute  nicht  nur  die  Schlacht,  sondern  den  Feldzug“.  Er  wußte,
der  Kronprinz  mußte  kommen,  und  um  1½  Uhr  griff  die  zweite  Armee  in  den
Kampf  ein,  brachte,  den  Feind  im  Rücken  und  in  der  Flanke  fassend,  die  Entscheidung
  ganz  so,  wie  es  geplant.  Daran  hätte  auch  der  Gehorsam  der  Generale
Benedeks,  der  vielfach  fehlte  und  den  Feldherrn  in  arge  Verlegenheit  brachte,  nichts
geändert.  5600  Tote,  7600  Verwundete,  über  22000  Gefangene,  über  6000
Vermißte,  im  ganzen  43000  Mann  hatte  dem  Feinde,  etwa  9000  Mann,
worunter  1065  Tote,  den  Preußen  die  Schlacht  gekostet.

Dieser  unerhörte,  alles  Maß  übersteigende  Sieg  Preußens  brachte  denn  bei
seinen  Freunden  das  herrlichste  Entzücken,  bei  all  seinen  Feinden  den  entschiedensten
Unwillen  und  mißtrauische  Ueberraschung  hervor.  Wann  wäre  es  auch  anders
bei  preußischen  Siegen  gewesen!  Aber  dieser  Sieg  warf  ja  alle  Voraussicht,
warf  das  ganze  Werk  von  1815,  warf  die  diplomatischen  Künste  und  Berechnungen
  eines  halben  Jahrhunderts  wie  spielend  über  den  Haufen.  Fortan,  daran
konnte  kein  Zweifel  sein,  bestimmte  preußische  Willenskraft  über  Deutschland,
fortan  mußte  Deutschland  wieder,  woran  man  seit  vielen  Jahrhunderten  zu  glauben
verlernt  hatte,  ein  mächtiges  unabhängiges  Staatengebilde  werden,  welches  nach
seinen  eigenen  Bedürfnissen  sich  einrichtete  und  ausgestaltete.  Natürlich,  daß  ganz
Europa  aufhorchte  und  hinschaute  auf  das  Hauptquartier  König  Wilhelms,  wie  wohl
die  neue  Welt  aussehen  möchte,  die  dort  geschaffen  wurde.  Denn  nachdem  einmal
der  Feldzug  entschieden  und  die  Grundlage  gelegt,  konnten  die  militärischen  Ereignisse
  wohl  noch  den  diplomatischen  Verhandlungen  Nachdruck  geben,  aber  diese
mußten  un  das  Werk  ausbauen.

war  ja  vorzüglich,  daß,  wenn  die  eine  der  Fremdherrschaften  über

en  auf  dem  Schlachtfelde  so  ins  Herz  getroffen  war,  nimmermehr  die
andere  zugeben  konnte,  daß  Deutschland  sich  zu  eigener  Macht  emporrichtete.  Umgekehrt
  vielmehr  sollte  der  anderen  nun  die  Oberherrschaft  zufallen,  und  man  begreift
nach  dem  Laufe  der  Geschichte,  daß  die  Franzosen  —  gereizt  überdies  dadurch,  daß
so  fabelhafte  Erfolge  ihre  Siege  in  Italien  und  der  Krim  doch  in  gar  zu  tiefen
Schatten  stellten  —  den  vernichtenden  Schlag  gegen  Oesterreich  wie  einen  eigenen
empfanden  und  heftig  danach  verlangten,  noch  in  der  Geburt  ein  Werk  zu  ersticken,
  das  nicht  nur  dem  Cäsarentum  ein  schroffes  Hindernis  gegen  alle  auf
Deutschland  gerichteten  Begehrlichkeiten  in  den  Weg  stellte,  sondern  die  prahlende
Selbstüberschätzung  an  der  Seine  selbst  in  ihrer  Nichtigkeit  enthüllte.  Und  wie
verlockend  für  die  gallischen  Gelüste,  den  Gegner,  dem  fast  allein  die  Bewältigung
der  Weltherrschaft  des  alten  Aaoleon  zu  danken  war,  jetzt  zu  überfallen,  wo  er,
wie  immer  siegreich,  doch  all  seine  Kräfte  im  Osten  brauchte  und,  so  schien  es,
den  stolzen  Scharen  Frankreichs  im  Westen  nicht  werde  widerstehen  können!  ge
doch  der  Kaiser  Napoleon  war  klüger,  als  seine  vorwärts  drängenden  Minister,
sein  aufgeregtes  Volk.  Er  wußte,  daß  er  einfach  nicht  im  stande  war,  ein  einigermaßen
  genügendes  Heer  am  Rhein  aufzustellen,  und  durfte  zufrieden  sein,  daß
ihm  sein  Vertrag  mit  Oesterreich,  daß  der  schon  vor  der  Entscheidungsschlacht
und  nach  dieser  unbedingt  wiederholte  Antrag  der  Hofburg,  Venetien  an  Italien
        <pb n="851" />
        Krieg  gegen  Oesterreich.  695

abzutreten,  die  passende  Gelegenheit  gab,  als  Vermittler  zwischen  die  streitenden
Mächte  zu  treten.  Man  mußte  nur  mit  großen  Worten  die  Empfindlichkeit  darüber
verbergen,  daß  man  sich  völlig  verrechnet,  daß  man  einst  gehofft,  das  besiegte
Preußen  großmütig  vor  den  Griffen  des  habsburgischen  Adlers  zu  retten  und  der
Hofburg  das  Ziel  anzugeben,  bis  zu  welchem  sie  in  der  Herrschaft  über  Deutschland
  vorgehen  dürfe  —  nun  aber  das  sich  verblutende  Oesterreich  aus  den  Fängen
des  hohenzollernschen  Adlers  retten  und  diesem  die  Flügel  beschneiden  wollte.
Man  mußte  zusehen,  ob  nicht  irgendwie  dem  Schreckbild  der  deutschen  Einheit
wenigstens  eine  französische  Farbe  aufgesetzt  werden,  einige  Grenzlande  zu  gewinnen
sein  möchten,  jedenfalls  aber  den  Südstaaten  eine  unabhängige  Stellung  von  dem
neuen  deutschen  Dunde  gegeben  werden  könne,  welche  sie  zwingen  mußte,  auf
Napoleon  sich  zu  stütz
Unaufhörlich  Mlen-  der  Telegraph  zwischen  dem  preußischen  Hauptauartier
und  Paris,  immer  erneuete  Wünsche  riefen  den  preußischen  Gesandten  Grafen
von  der  Goltz  in  Paris  ins  Kabinett  zum  Kaiser  und  ebenso  zur  Kaiserin  Eugenie,
die  vornehmlich  über  die  österreichische  Mißhandlung  entrüstet  war.  Immer  wieder
meldete  sich  der  französische  deend  Benedetti  im  Hauptquartier  beim  Grafen
Bismarck.  Napoleon  müsse  in  der  Lage  sein,  seinem  unruhigen  Lande  zu  sagen,
daß  die  preußischen  Friedensbedingungen  mit  dem  Interesse  Frankreichs  sich  vereinigen
  ließen.  Aber  was  er  auch  verlangte,  die  überaus  rücksichtsvolle  Mäßigung
König  Wilhelms  und  seines  bei  aller  Schnebiiget  nur  das  Notwendige  erstrebenden
Ministers  nahm  ihm  jede  Waffe  aus  der  Han
Denn  hier  wußte  man  sehr  wohl  zu  unterscheiden  zwischen  den  maßvollen
Worten  Napoleons  selbst  und  den  Zielen,  die  er  verfolgte,  und  der  Widerspruch
des  französischen  Kaisers  gegen  die  deutsche  Einheit,  sein  Vorwort  für  die  Bildung
eines  besonderen  süddeutschen  Bundes  ist  es  gewesen,  welche  die  Ueberzeugung
von  der  Notwendigkeit  fest  begründeten,  daß  man  einigen  Ersatz  dafür  in  der  Einverleibung
  der,  bisher  Preußen  in  zwei  Teile  zerreißenden  feindlichen  Gebiete  suchen
müsse.  Niemand  war  von  dieser  Notwendigkeit  mehr  durchdrungen  als  König
Wilhelm,  und  mit  voller  Bestimmtheit  trat  er,  wie  schmerzlich  sein  Herz  auch
durch  das  Unglück  der  verblendeten  Herrscher  berührt  war  —  das  er  erst  noch
durch  ihre  Thronentsagung  zu  Gunsten  ihrer  Nachfolger  hatte  vermeiden  wollen
—  für  die  Vereinigung  ihrer  Staaten  mit  den  preußischen  Ländern  ein.  Und
hiergegen  erhob  weder  Napoleon,  noch  Kaiser  Franz  Joseph  besonderen  Wider-Jener
  mochte  erkennen,  daß  diese  kleinen  norddeutschen  Staaten  nach  dem
glorreichen  preußischen  Feldzuge  doch  nicht  seinen  Spuren  zu  folgen  vermöchten,
und  für  Oesterreich  war  durch  das  Verhalten  der  Reichsarmee,  wie  man  die
Truppen  der  Mittelstaaten  höhnend  wieder  nannte,  erwiesen,  daß  sie  ihrer  seit
Metternichs  Zeiten  fest  gehaltenen  Bestimmung,  unter  der  Form  des  Bundesstaates
  für  Oesterreich  zu  kämpfen,  doch  nicht  genügen  konnten.  Damit  aber  war
zugleich  das  Zugeständnis,  selbst  den  Bund  zu  verlassen,  ohne  weiteres  gegeben.
Denn  nun  drängten  die  militärischen  Ereignisse  Oesterreich  zum  Abschluß.
Rastlos  waren  die  preußischen  Heere  nach  der  großen  Schlacht.  vorgegangen,  hatten
am  8.  Prag  —  am  13.  war  König  Wilhelm  in  Brünn  eingezogen,  bei
Tobitschau  war  ein  glänzendes  Reitergefecht  vorgefallen,  Benedek  hatte,  um  nur
Wien  zu  retten,  sich  zu  dem  weiten  Umwege  über  Preßburg  entschließen  müssen,
am  20.  standen  die  Preußen  eine  Meile  von  der  Hauptstadt,  von  Wien  entfernt
        <pb n="852" />
        696  Friedensschlüff.

1666  auf  dem  schlachtenreichen  Marchfelde.  Ein  doppeltes  Verlangen  herrschte  im

23.  Aug.

Hauptquartier  König  Wilhelms,  einmal  den  Frieden  ohne  Einmischung  Napoleons
abzuschließen,  und  zweitens  ihn  so  zu  gestalten,  daß  sofort  sich  ein  freundliches
Verhalten  mit  Oesterreich  feststellen  lasse,  dem  nach  dem  Austritt  aus  dem  Bunde
und  dessen  Zerstörung  ja  die  Bahn  freigemacht  war.  Schon  von  Brünn  aus  waren
deshalb  nach  Wien  die  günstigsten  Erbietungen  gemacht,  und  auch  jetzt  verzichtete
Preußen  auf  die  Besetzung  Wiens,  verringerte  —  was  für  die  österreichischen  Finanzen
ungemein  wichtig  war  —  die  Kriegskostenentschädigung  auf  die  unbedeutendste  Summe
und  erklärte  sich  —  was  dem  Könige  nicht  ganz  leicht  fiel  —  mit  der  vom  Kaiser  Franz
Joseph  geforderten  vollen  Erhaltung  Sachsens  einverstanden.  Dagegen  erklärte  Oesterreich
  seinen  Austritt  aus  dem  Bund,  gab  seine  Zustimmung  zu  den  von  Preußen  zu
treffenden  Einrichtungen  im  Norden  des  Mains  und  zur  Einverleibung  von  Hannover,
Kurhessen,  Nassau,  Frankfurt  in  Preußen  und  überließ  gegen  eine  Entschädigung  von
20  Millionen  für  die  Kosten  des  schleswig-holsteinischen  Krieges  die  Elbherzogtümer
an  Preußen.  Noch  kurz  vor  dem  Abschluß  war  es  bei  Blumenau  zum  Beginn  einer
Schlacht  gekommen,  deren  siegreicher  Ausgang  die  Einnahme  von  Preßburg  herbeigeführt
  hätte.  Noch  im  letzten  Augenblick  aber  hatte  auch  Napoleon  seine  Absicht,
als  Ersatz  des  preußischen  Ländergewinns  eine  billige  Entschädigung  für  Frankreich
am  linken  Rheinufer  in  Anspruch  zu  nehmen,  angezeigt,  doch  war  es  Bismarck  gelungen,
  ohne  seine  Vermittlung  am  26.  Juli  in  Nikolsburg  die  Präliminarien  abzuschließen,
  denen  dann  am  23.  August  in  Prag  der  definitive  Friede  folgte.

Nachdem  einmal  zwischen  Preußen  und  Oesterreich,  den  beiden  Hauptgegnern,
die  Präliminarien  abgeschlossen,  verstand  es  sich  von  selbst,  daß  auch  die  übrigen
Gegner  ihren  Frieden  mit  Preußen  machen  mußten.  Ueberdem  waren  auch  sie
in  einer  Reihe  von  Gesechten  bei  Dermbach,  Hammelburg,  Kissingen,  Waldaschach
und  bei  Aschaffenburg  schwer  getroffen,  Falckenstein  war  in  Frankfurt  eingezogen,
und  dem  neuen  Oberbefehlshaber  der  Mainarmee,  General  von  Manteuffel,  lag
nach  einer  Reihe  von  weiteren  Gefechten  vornehmlich  bei  Tauberbischofsheim  und
Seybottenreuth  der  Weg  nach  München  offen.  Vertreter  der  Mittelstaaten  eilten  nach
Berlin,  wo  König  Wilhelm  am  4.  August,  umjubelt  von  der  patriotisch  erregten
Menge,  eingetroffen  war.  Am  leichtesten  gelang  der  Abschluß  mit  Württemberg  und
Baden,  aber  auch  die  Schwierigkeiten,  die  dem  Frieden  mit  Bayern  und  Hessen-Darmstadt
  aus  der  Haltung  Napoleons  und  der  versuchten  Einmischung  Rußlands
erwuchsen,  wurden  durch  die  loyale  Haltung  Preußens  aus  dem  Wege  geräumt.
Am  13.  August  war  mit  Württemberg,  am  17.  mit  Baden,  am  22.  mit  Bayern,
am  3.  September  mit  Hessen  und  endlich  am  21.  Oktober  auch  mit  Sachsen  der
Friede  geschlossen.  Namentlich  Bayern  war  durch  die  Mitteilungen  Bismarcks
über  die  französischen  Absichten  auf  die  Rheinpfalz  vollkommen  gewonnen.  Endlich
wurden  die  Umständlichkeiten  beseitigt,  welche  Italien  erhob,  trotzdem  es  abermals
und  zwar  zur  See  bei  Lissa  von  Tegethoff  eine  Schlappe  erlitten,  und  am
3.  Oktober  war  der  Friede  zwischen  Oesterreich  und  Italien  hergestellt.

Nun  aber  hatte  Königgrätz  doch  auch  auf  die  inneren  Verhältnisse  Preußens
gewirkt.  Wie  Schuppen  fiel  es  wenigstens  einem  großen  Teil  der  Liberalen  von
den  Augen,  daß  jetzt  der  Weg  zur  deutschen  Einheit  geöffnet  sei,  und  daß  es
das  Heil  des  Vaterlandes  bezweckt  habe,  wenn  König  Wilhelm  das  preußische
Schwert  geschärft  und  geschliffen,  daß  dieses  allein  den  Weg  habe  bahnen  können
und  gebahnt  habe.  Am  5.  August  eröffnete  der  König  den  neu  berufenen  Land-
        <pb n="853" />
        Erläuterungsblatt
zu  der
eigenhändigen  Aufzeichnung  Rönig  Wilhelms  I.,
d.  d.  Berlin,  den  1.  Dezember  1866.

In  Größe  des  Originales.

Das  nachslebende  Faksimile  Gider,  n  Anfang  —  —  nuheichnung.  vom  31.  D#be  1866,  welcht
mit  drei  ähnlichen  von  10.  April  „  31.  Dezember  1871  und  31.  Der  —  1878  zusolge  Allerhöchsten  Bichn
—  1878  n  n  worden  ist.
        <pb n="854" />
        Uebertragung  der  nebenstehenden  eigenhändigen  Aufzeichnung
König  Wilhelms  I.

Berlin.  den  Sl.  Dezember  18660.

Seildem  ich  am  lo#.  April  1857  meinen  Abschiedsgruß  meinen  zu  Hinterlassenden
iederschrieb,  hat  das  Schicksal  nächug  in  mein  TLeben  eingegriffen.  Die  Vorsehung
bestimmte  in  einer  ungeahndeten  (10  Weise,  über  die  letzten  Lebensjahre  meines  theuern
Bruders  und  berief  mich  noch  bei  seinem  Leben  zu  seinem  Nachfolger.  Als  Gott  den
vielgeprüften  Mönig  und  Bruder  von  seinen  schweren  Leiden  guädig  erlöste,  mußte  ich  den
Thron  der  Häter  besteigen.  Gegen  meine  NMeigung  schritt  ich  zur  Krönung,  in  tiesster
Demuth,  um  Hreußen  mit  seinen  neuen  losirutionen  die  irdische  Macht  zu  vergegenwärtigen,
  die  zu  dessen  Beil  fest  bestehen  müsse.  Diese  meine  gewissenhafte  Ueberzengung,
hat  mich  geleitet  und  gestählt  in  den  schweren  Kämpfen,  die  ich  mit  jenen  neuen  Instituionen
Jahrrelang  zu  bestehen  hatte.  Diese  Mämpfe  haben  mich  tief  erschüttert,  weil  ich  Stand
halten  mußte  gegen  ein  wirres  Andrängen  gegen  jene  irdische  Macht,  die  ich  nicht  aus
den  Zänden  geben  durftc.  wenn  Hreußens  Geschichte  nicht  aufgegeben  werden  sollte.
Ich  vergebe  llllen,  die  wissentlich  und  unwissentlich  sich  meinen  auf  Gewissensüberzeugung
begründeten  Absichten  zum  Wohle  des  Daterlandes,  entgegensetzten,  um  die  Macht  der
Krone  zu  schmälern,  und  die  Herzen  der  Hreußen  derselben  zu  entfremden.  Dergessen
mögen  meine  Vachtemmen  es  aber  nicht,  .  r*ii  moglchn  waren,  wie  die  von  ****t

mitenacher  66—67
Willzelm.
        <pb n="855" />
        .  —  *.
..  –  –  —
–.  —  —  .  —..—
—  —..-  —

—  —  —
.  —  —  —.  —
–..-  —

—  —  —  –..

Verner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates.
        <pb n="856" />
        <pb n="857" />
        Der  Landtag.  697

tag  mit  einer  Thronrede.  Bange  Stille  herrschte  im  Saale  —  denn  wie  würde
der  König  seine  unvergleichliche  Lage  nach  diesen  beispiellosen  Erfolgen  benutzen?
Würde  der  Verfassungskampf  im  Innern  fortgesetzt,  die  budgetlose  Zeit  verlängert
werden?  Und  wenn  viele  von  Herzen  bereit  waren,  auch  ihrerseits  Frieden  zu
schließen,  wo  anders  lag  die  Möglichkeit  dafür  als  in  einfacher,  demütigender
Unterwerfung?  Da  geschah  das  Unerhörte.  In  einfachen  Sätzen  erkannte  die
Thronrede  an,  daß  die  seit  vier  Jahren  geleisteten  Staatsausgaben  der  gesetzlichen
Grundlage  entbehrten,  welche  der  Staatshaushalt,  wie  wiederholt  anerkannt  werde,
nur  durch  das  zwischen  der  Regierung  und  der  Volksvertretung  alljährlich  zu
vereinbarende  Heset  erhalte.  Es  war  gewiß  nicht  ein  Schuldbekenntnis,  wie  man
es  hier  und  da  wohl,  die  Befürchtungen  einzelner  Minister  bestätigend,  ausgefaßt
hat,  sondern  indem  die  Regierung  um  Indemnität,  wie  man  es  nannte,  nachsuchte,
  forderte  sie  den  Landtag  nur  auf,  durch  nachträgliche  Billigung  ihr  Verfahren
als  richtig  anzuerkennen.  Er  habe  so  handeln  müssen,  wie  er  tehandelt  habe,  erklärte
der  König  den  Abgeordneten  auf  die  eingereichte  Adresse,  und  werde  immer  so  handeln,
wenn  sich  ähnliche  Zustände  wiederholen  sollten.  „Doch,  meine  Herren“,  so  setzte
er  zuversichtlich  hinzu,  „es  wird  nicht  wieder  vorkommen“.  Aber  indem  der  König
diese  Billigung  unter  solchen  Umständen  und  in  so  hochherziger  Form  erbat,  schuf
er  zugleich  den  inneren  Frieden.  Die  Versöhnung,  die  Einheit  zwischen  Regierung
und  Unterthan  wieder  herzustellen,  war  nunmehr  bei  der  gehobenen  Stimmung
im  Lande  leicht  möglich  und  deshalb,  wie  die  Einsichtigeren  der  Liberalen,  Graf
Schwerin,  Twesten  und  viele  andere  erkannten,  auch  durchaus  notwendig.  Jetßzt
endlich  gewährte  man  den  Ministern  des  Königs  wieder  Vertrauen  und  war
überzeugt,  daß  das  Ziel  des  Königs  die  Machtstellung  Preußens  und  die  Einheit
Deutschlands  sei.  So  trennten  sich  die  politisch  denkenden  Liberalen  von  der  Fortschrittspartei
  und  bildeten  die  nationalliberale  Partei.  Endlich  brach  sich  der  seit
Jahren  wie  im  Schlummer  liegende  Gedanke  Bahn,  daß  alle  Begeisterung  kein
Ideal  verwirklicht,  wenn  man  die  einzig  mögchen  Mittel  verschmäht,  endlich  war
wieder  die  Ueberzeugung  lebendig,  daß  die  Regierung  genau  in  demselben  Maße
erfüllt  und  getragen  gewesen  sei  von  der  Begeisterung  für  die  Macht  und  Größe
des  ganzen  Vaterlandes,  daß  sie  aber  auch,  und  sie  allein,  das  richtige  Mittel,
nämlich  die  Schärfe  des  preußischen  Schwertes  gefunden  habe.  Dennoch  ergaben  sich
selbst  jetzt  noch  Schwierigkeiten,  und  die  Forsschrittsportei.  —  die  ja  ein  besseres
Mittel  als  Bismarck  zur  deutschen  Einheit,  nämlich  den  Weg  durch  die  Freiheit
gekannt  —  verweigerte  die  Indemnität.  Doch  blieb  dies  gleichgültig,  230  Stimmen
nahmen  die  Vorlage  an.  Ebenso  hatte  das  Gesetz  über  die  neuen  Gebietserweiterungen,
  welche  endlich  den  Zusammenhang  der  preußischen  Länder  herstellen
und  den  Staat  vor  der  Wiederkehr  des  Verhältnisses,  in  seinem  Rücken  einen
Feind  bekämpfen  zu  müssen,  bewahren  sollten,  einige  Schwierigkeiten  durchzumachen.
Aber  am  7.  September  ward  auch  dieses  gegen  eine  Minderheit  von  nur  14  Stimmen,
also  unter  Zustimmung  selbst  des  größten  Teils  der  Fortschrittspartei  angenommen.
Endlich  wurde  auch  nach  unglaublich  vielen  Weiterungen  dem  Staate,  welcher
ohne  Steuererhöhung,  ohne  Anleihe  einen  so  gewaltigen,  die  Welt  aus  den
Angeln  hebenden  Krieg  geführt,  der  für  die  Herstellung  des  Armee-Materials,
der  Abrüstung,  sowie  der  wegen  des  gespannten  Verhältnisses  zwischen  Oesterreich
und  Italien  noch  notwendigen  Kriegsbereitschaft  erforderliche  Kredit  von  60  Millionen
Thalern  bewilligt.  In  aller  Zeit  aber  wird  man  der  umfassenden  Thätigkeit  zu
        <pb n="858" />
        698  Der  norddeutsche  Bund.

gbenken  haben,  welche  die  Königin  Augusta  für  die  Verwundeten  entfaltete,
und  welche  in  ihrem  weiteren  großartigen  Ausbau  sowohl  der  christlichen  Nächstenliebe
  ein  weites  Feld  schuf,  als  auch,  wie  ihr  Gemahl  später  rühmend  hervorhob,
die  Einheit  der  deutschen  Stämme  kräftig  förderte.

Doch  wie  der  Krieg  für  die  deutsche  Einheit  geführt  worden,  so  hatte  König
Wilhelm  schon  am  4.  August  den  norddeutschen  Staaten  den  Entwurf  zu  einem
Bündnisvertrage  vorlegen  lassen,  und  schon  am  18.  August  ward  er  von  den
meisten  gezeichnet,  und  bis  zum
Oktober  hatten  alle  nördlich
des  Mains  gelegenen  deutschen
Staaten  sich  ihm  angeschlossen.
Dieser  völkerrechtliche  Bund
mußte  nun  aber  zu  einem  dauernden
  und  staatsrechtlichen  Bundesstaat
  im  Gegensa  u  dem
lockeren  Staatenbund,  den  der
Wiener  Kongreß  geschaffen,  ausgestaltet
  werden.  Die  Regierungen
unter  sich  berieten  daher  über
einen  Verfassungsentwurf,  und
schon  im  August  war  dem  preußischen
  Landtage  der  Entwurf
eines  Wahlgesetzes  auf  der  breiten
demokratischen  Grundlage  des
allgemeinen  Stimmrechtes  vorgelegt,
  nach  welchem  ein  norddeutsches
  Parlament  zur  Vereinbarung
  der  Verfassung  gewählt
werden  sollte.  So  unausrottbar
aber  war  das  Mißtrauen  in  den
Reihen  der  preußischen  Fortschrittspartei
  gegen  Bismarck,
daß  sie  sogar  hier  schlimme
Hintergedanken  witterte  und  endlich
  die  Vorlage  nur  mit  der
Bedingung  bewilligte,  daß  der

neue  Reichstag  lediglich  zur  Beratung  über  die  neue  Verfassung  einberufen  werden

solle.  Am  24.  Februar  eröffnete  König  Wilhelm  den  Reichstag,  und  obwohl
dieser  im  einzelnen  9  rr  8  an  der  Verfassung  änderte,  erklärten  die

Regierungen  am  17.  April  ihr  Einverständnis,  und  nachdem  auch  die  Landtage

der  einzelnen  Staaten  zugestimmt  hatten,  ward  am  24.  Juni  die  Bundesverfassung
*  %n%⅝%  veröffentlicht,  und  am  1.  Juli  1867  trat  der  norddeutsche  Bund  ins  Leben.

An  die  Spitze  des  Bundes  trat  als  dessen  Präsident  der  jedesmalige  König
von  Preußen.  Er  erhielt  als  solcher  das  Recht,  über  Krieg  und  Frieden  zu  beschließen,
  Verträge  mit  anderen  Völkern  abzuschließen  und  überhaupt  völkerrechtlich
  den  Bund  zu  vertreten.  Er  trat  vor  allem  als  Bundesfeldherr  an  die
Spitze  der  gesamten  Kriegsmacht,  und  erhielt  das  Recht,  die  Bundesbeamten,  ins- 



Augusta,  Deutsche  Snn  und  Königin  von  Preußen.
Nach  einem  Lichtbilde.
        <pb n="859" />
        Der  norddeutsche  Bund.  699

besondere  ihre  vornehmsten,  den  Bundeskanzler,  zu  ernennen.  Neben  dem  Präsidium
wurde  ein  Bundesrat  geblldet,  in  welchem  die  Regierungen  von  Preußen  17,  von
Sachsen  4,  von  Mecklenburg-Schwerin  und  Braunschweig  je  2,  von  den  übrigen
Staaten  je  eine  Stimme  führen.  Der  Bundesrat  und  der  aus  allgemeinen  direkten
Wahlen  hervorgehende  Reichstag  üben  gemeinsam  das  Recht  der  Gesetzgebung,  und
diese  erstreckt  sich  der  Hauptsache  nach  auf  das  Militärwesen  und  die  Kriegsmarine,
auf  die  Eisenbahnen,  soweit  sie  für  die  Landesverteidigung  in  Betracht  kommen,  die
Kolonisation  und  die  Auswanderung,  auf  Freizügigkeit  und  Niederlassungsverhältnisse
der  Bundesangehörigen,  denen  in  allen  Bundesstaaten  das  Heimatsrecht  gewährt
ist,  auf  den  Handel  und  Verkehr  mit  der  Zoll=  und  Handelsgesetzgebung,  sowie
den  Schutz  der  Schiffahrt  und  des  Handels  im  Auslande,  dem  Post=  und
Telegraphenwesen,  sowie  der  Ordnung  des  Münz-,  Maß=  und  Gewichtssystems,
auf  das  Finanzwesen,  soweit  es  gemeinsam  war,  und  das,  sofern  es  nicht  durch
die  Zölle  und  die  Post=  und  Telegraphengebühren  gedeckt  wird,  durch  Beiträge  der
einzelnen  Staaten  erhalten  wird,  auf  den  Schutz  des  geistigen  Eigentums  und
endlich  auf  gewisse  Gebiete,  die  wie  Beglaubigung  öffentlicher  Urkunden,  Obli-*
  Straf-,  bald  auch  Zivilrecht  die  Rechtseinheit  im  Bunde  begründen
ollten.

So  war  es  gelungen.  Das  deutsche  Volk  war  in  einem  wahren  staatlichen
Verbande  geeinigt,  war  eine  Nation  geworden.  Und  was  die  Jahrhunderte  an
Deutschlands  Genius  gefündigt,  hatte  die  pflichtgetreue  Arbeit  der  preußischen
Herrscher  gesühnt.  Noch  zwar  fehlte  die  so  lange  ersehnte  Kaiserwürde,  noch
fehlten  auch  die  süddeutschen  Staaten,  aber  herrlicher,  als  selbst  die  Männer  der
Paulskirche  geahnt,  war  das  Werk  geworden.  Denn  es  entsprach  der  Wirklichkeit
und  den  thatsächlichen  Verhältnissen.  Mit  einem  Schlage  hatte  der  praktische
Staatsmann  die  alte  Streitfrage  der  Wissenschaft  gelöst,  ob  der  deutsche  Bund
ein  Bundesstaat  oder  ein  Staatenbund  sei,  hatte  die  Staaten  Deutschlands  zu
einem  Bunde,  zu  einem  Ganzen  zusammengeschweißt.  Keineswegs  waren  die
deutschen  Fürsten,  was  sie  so  ängstlich  gefürchtet,  so  eifersüchtig  geargwöhnt  hatten,
Vassallen  Preußens  geworden,  sondern  nur  die  Leitung  des  Bundes  war  der
Krone  Preußens  erblich  übertragen,  und  wenn  die  Fürsten  gewisse  Rechte  geopfert
hatten,  so  hatte  Preußen  dieselben  Opfer  gebracht,  und  überdies  hatten  sie  ein
Doppeltes  für  das  Aufgegebene  gewonnen,  das  mit  jedem  Tage  seine  Bedeutung
deutlicher  erweisen  und  jeden  Verlust  als  voll  ausgeglichen  zeigen  mußte.  So
prunkend  auch  die  seit  dem  westfälischen  Frieden  und  wieder  seit  dem  Wiener
Kongreß  sorgsam  gehütete  Souveränität  erscheinen  mochte,  in  Wahrheit  war  sie
isher  doch  nur  das  glitzernde  Kleid  gewesen,  das  einen  matten  und  siechen  Körper
knapp  genug  verhüllte.  Weder  im  Rate  Europas  hatten  die  Stimmen  der
deutschen  Fürsten  etwas  gegolten,  noch  hatten  ihre  Handel  treibenden  Unterthanen
  im  Auslande  ihr  Haupt  erheben  dürfen.  Das  nun  ward  anders.  Die
Fürsten  hatten  jetzt  Anteil  an  der  Souveränität  des  Bundes,  und  dieser  hatte

aft  und  Ansehen  genug,  seine  Unterthanen  zu  schützen.  Die  Souveränität  der
Fürsten,  anstatt  beschränkt  zu  sein,  erhielt  jetzt  erst  Blut  und  Saft.  Ueberhaupt
aber  hatten  sie  nur  die  Rechte  an  die  Gesamtheit,  an  den  Bund  abgetreten,
welche,  wie  die  Vertretung  nach  Außen,  der  Verkehr  und  gewisse  Rechtsgebiete
die  gemeinsame  Regelung  erforderten,  alle  übrigen  aber  d.  h.  die  gesamte  innere
Verwaltung,  das  Kirchen-  und  Schulwesen,  sowie  in  gewissen  Grenzen  die  Justiz
        <pb n="860" />
        700  Der  norddeutsche  Bund.

und  Finanzen  übten  sie  nach  wie  vor  in  vollster  Freiheit.  Damit  war  im  wesentlichen
  den  Bedürfnissen  des  Volkes  abgeholfen,  und  da  dies  immer  klarer,  immer
fühlbarer  wurde,  so  trat  allmälig  auch  eine  volle  Gesinnungsänderung  hervor.
Die  demokratischen  Anschauungen,  die  Idee,  daß  eine  republikanische  Verfassung
allein  die  des  freien  Mannes  würdige  sei,  trat  —  wesentlich  allerdings  durch  die
mehr  und  mehr  an  Volkstümlichkeit  gewinnende  Gestalt  des  Königs  Wilhelm  —
auch  in  Mitteldeutschland  und  im  Süden  zurück,  und  die  vielfach  angefeindeten
Throne  der  kleinen  und  kleinsten  Fürsten  gewannen  nun  in  der  unserem  Volke
ursprünglich  eigenen  und  nun  wieder  auflebenden  monarchischen  Gesinnung  eine
Sicherheit  und  Festigkeit,  wie  sie  lange  Zeit  ihnen  gefehlt  hatte.

Lag  hierin  ein  alle  etwaigen  Opfer  voll  aufwiegender  Ersatz  für  die  Fürsten,
so  erhielt  die  Bevölkerung  in  politischer  Beziehung  nur  neue  Rechte.  Mit
freiem  Sinn  hatte  Graf  Bismarck  seinem  Könige  das  Zugeständnis  empfohlen,
das  allgemeine  Wahlrecht  für  den  Reichstag  des  Bundes  zu  genehmigen,  und
wenn  man  heute,  da  sich  in  betrübendster  Weise  seine  Nachteile  gezeigt  haben,
dies  Zugeständnis  mit  der  Stechpalme  vergleicht,  von  der  man  süße  Frucht  nicht
hoffen  dürfe,  so  sollte  man  nicht  vergessen,  daß  ein  besseres  Wahlrecht  noch  jetzt
nicht  erdacht  ist,  und  manche  verkommene  und  mißratene  Zweige  der  Pflanze
wohl  noch  sich  beschneiden  lassen.  Noch  ist  kein  anderes  Ventil  geöffnet,  in
welchem  die  widerstrebenden  und  vaterlandsfeindlichen  Elemente  ruhig  abströmen
könnten,  und  wie  der  Gärtner  nicht  nur  den  Samen  der  Erde  anvertraut,  sondern
die  wachsende  Pflanze  hegen  und  pflegen,  sie  beschneiden  und  wild  wuchernde
Schößlinge  beseitigen  muß,  so  wird  auch  der  Staatsmann  dies  damals  allgemein
geforderte  Zugeständnis  in  seinen  Wirkungen  sorgsam  beobachten  müssen.  Denn
immerhin:  wie  demokratisch  die  Unterlage  des  ganzen  Aufbaues  gestaltet  war,  so
war  durch  die  dem  Bundes-  räsidenten  gewährten  Befugnisse,  sowie  in  der  vollkommenen
  Freiheit  des  Bundesrats  in  seinen  Beschlüssen  dafür  gesorgt,  daß  auch
im  Bunde  die  dem  Volke  an  der  Teilnahme  der  Gesetzgebung  gewährten  Rechte
nicht  zu  einer  Nebenregierung,  nicht  zu  einer  Herrschaft  des  Parlaments  führen
konnten.  Die  konstitutionelle  Staatsform  hatte  das  Gepräge  des  deutschen  Geistes
empfangen,  und  die  Sehnsucht  des  deutschen  Geistes  nach  der  Einheit  des  Vaterlandes
  war,  soweit  zu  dieser  Zeit  möglich,  in  herrlicher  Weise  erfüllt.  Nach  einer
tausendjährigen  Geschichte  hatte  König  Wilhelm  in  Sturm  und  Schlachtgewittern  erreicht,
  was  so  viel  Ströme  von  Blut,  so  heiße  Geistesarbeit  nicht  hatte  verwirklichen
können.  Die  deutsche  Einheit  war  Leben,  war  Wirklichkeit.  Das  Rätsel,  an
dessen  Lösung  die  Edelsten  und  Besten  der  Nation  gearbeitet,  wie  die  Rechte  der
Fürsten  mit  einer  vollen  Reichsgewalt  zu  vereinen,  wie  die  uralte  deutsche  Teilnahme
  der  Nation  an  ihrer  Leitung  unter  so  verwickelten  Umständen,  und  ohne
die  Kraft  des  Ganzen  durch  die  von  Frankreich  herübergefluteten  revolutionären
und  republikanischen  Ideen  zu  gefährden,  wieder  hergestellt  werden  könne  —
König  Wilhelm,  beraten  von  seinem  großen,  herrlichen  Kämpen  Grafen  von
Bismarck,  hatte  es  gelöst.  Gelungen  aber  war  die  Lösung,  darüber  wird  kein
Zweifel  sein,  im  letzten  Grunde  durch  die  Sorgfalt  und  Treue,  welche  der  König
allen  Anfeindungen  zum  Trotz  den  Heereseinrichtungen  zugewendet  hatte.

Das  war  aber  das  Eigentümliche.  Sichtbar  war  die  Einigung  Deutschlands
nur  für  den  Norden,  thatsächlich  aber  für  das  ganze  Reich.  Allerdings  hatte
Oesterreich  nur  die  Neugestaltung  Deutschlands  diesseits  des  Mains  freigegeben
        <pb n="861" />
        Der  norddeutsche  Bund.  701

und  für  die  süddeutschen  Staaten  die  Befugnis  einer  besonderen  Vereinigung  vorbehalten,
  Frankreich  war  aufs  lebhafteste  für  sie  eingetreten.  Nun  aber  bezeugten
  in  den  Friedensverhandlungen  die  Vertreter  von  Bayern,  Württemberg
und  vornehmlich  von  Baden  nicht  die  geringste  Neigung  zu  einer  solchen  besonderen
Union,  die  jedem  Staat  nur  einen  Teil  seiner  Souveränität  genommen  hältte,
ohne  irgend  welche  Gewähr  für  einen  größeren  Schutz  nach  außen,  und  in  der
bayerischen  wie  badischen  Kammer  wurden  Anträge  zu  sofortigem  Eintritt  in  den
norddeutschen  Bund  eingebracht.  In  der  That  wurde  nämlich  der  schon  in  den
Friedensanträgen  wieder  anerkannten  Zollvereinigung  durch  den  neuen  Zollvertrag
vom  8.  Juli  1867  ein  ganz  anderer  Charakter,  der  eines  Staatenbundes  statt
des  bisher  nur  völkerrechtlichen  aufgeprägt.  Für  die  Zwecke  des  neuen  Zollvereins
traten  Bevollmächtigte  der  süddeutschen  Staaten  mit  dem  norddeutschen  Bundestage
  zu  einem  Zollbundestage  und  freigewählte  Vertreter  mit  dem  Reichstage  zu
einem  Zollparlament  zusammen.  Wichtiger  aber  war  noch,  daß  es  gleicheiti
mit  den  Friedensschlüssen  zugleich  zur  Unterzeichnung  besonderer  Schutz--  u
Trutzbündnisse  zwischen  Preußen  und  den  süddeutschen  Staaten  gekommen  1und
in  welchen  sich  die  Staaten  gegenseitig  für  den  Fall  eines  Krieges  nicht  nur  volle
Hilfe  zusagten,  sondern  auch  die  Ei  Truppen  unter  den  Oberbefehl  des
Königs  von  Preußen  gestellt  wurde

Damit  war  thatsächlich  die  wirsschaftlche  Einigung  wie  auch  die  politische,
insofern  sie  das  Ausland  stören  sollte,  hergestellt.  Die  russischen  Versuche,  sich
einzumengen  und  die  neue  Ordnung  Deutschlands  auf  einem  europäischen  Kongreß
  zu  beraten,  waren  bald  beseitigt.  Doch  die  tiefer  zingeweihten  Staatsmänner
  wußten,  und  die  Nation  fühlte,  daß  dies  herrliche  Werk  dem  Auslande,
namentlich  Frankreich  ganz  und  gar  nicht  gefallen  konnte,  ja  dieser  Umstand
hatte  gerade  zu  dem  Schutz=  und  Trutzbündnisse  geführt.  Wie  auch  hätte  sich
Frankreich  dazu  verstehen  sollen,  Deutschlands  Recht  der  Selbstbestimmung  über
seine  Geschicke  anzuerkennen!  Schon  anfangs  August  vielmehr  hatte  Napoleons
Botschafter  Benedetti  die  in  Nikolsburg  wieder  angedeuteten  alten  Gelüste  Frankreichs,
  für  die  Erstarkung  Deutschlands  entschädigt  zu  werden,  dahin  formuliert,
daß  Frankreich  die  linksrheinischen  Länder  Darmstadts  einschließlich  von  Mainz
und  die  Rheinpfalz  erhalten  müßte.  Auch  nicht  einen  Fuß  deutscher  Erde  dachte
Bismarck  den  Franzosen  zu  opfern,  und  am  wenigsten  König  Wilhelm  hätte  jemals
  seine  Zustimmung  dazu  gegeben.  Mit  der  ganzen  Kraft  seiner  überwältigenden
Persönlichkeit  hatte  Bismarck  den  Botschafter  diesmal  abgewiesen.  Sofort  würde
der  Friede  mit  Oesterreich  geschlossen  werden,  800  000  Mann  den  Rhein  überschreiten,
  denen  das  ungerüstete  französische  Heer  nicht  widerstehen  könne,  das
Elsaß  würde  wieder  Frankreich  genommen,  selbst  alle  revolutionären  Gewalten
in  Deutschland  entfesselt  werden,  und  die  deutschen  Dynastien  ständen  fester  als
die  Napoleons.  Darauf  hatte  der  Kaiser,  der  überhaupt  nur  unwillig  und  widerstrebend
  seine  Zustimmung  zu  solchem  Antrage  gegeben,  diesen  sofort  zurückgezogen.
  Aber  bald  darauf  ließ  er  ihn  erneuern,  die  Grenzen  von  1814  mit
Landau  und  der  oberen  Saar  fordern,  ja  Belgien  sollte  ihm  Preußen  unter  Umständen
  mit  Heeresgewalt  erwerben.  Auch  dies  wurde  in  Berlin,  wenn  auch  „in
dilatorischer  Form“,  um  so  mehr  abgelehnt,  als  es  eine,  bisher  glückliche  vermiedene
  Einmischung  Englands  herbeigeführt  hätte.  Aber  wer  hätte  meinen
dürfen,  daß  die  deutsche  Einheit,  begründet  im  Kampfe  mit  Oesterreich,  aufrecht
        <pb n="862" />
        702  Der  norddeutsche  Bund.

zu  erhalten  sei,  wenn  nicht  das  deutsche  Schwert  die  leidenschaftliche  Herrschbegier
drüben  an  der  Seine  bändigte!  Mochte  der  Kaiser,  krank  wie  er  war,  auch
persönlich  den  Kampf  noch  vermeiden  wollen.  Es  lag  ja  in  der  Natur  der
Dinge  begründet,  daß  Frankreich  nicht  ohne  Zwang  seine  vorherrschende  Stellung
in  Europa  an  die  Deutschen  abtreten  werde.  Mit  unzweideutiger  Gewißheit
hatte  Thiers  in  einer  gewaltigen  Rede  vor  dem  Kriege  schon  aller  Welt  verkündigt,
  daß  Frankreich  die  deutsche  Einheit  nimmermehr  zulassen  werde,  denn
die  Zerrissenheit  Deutschlands  sei  die  Grundbedingung  für  das  französische  Uebergewicht
  in  Europa.  Der  tobende  Beifall,  mit  dem  ganz  Frankreich  solch  offen
seindselige  Worte  aufnahm,  zeigte,  was  Deutschland  von  dem  Lande  zu  erwarten,
b0  sich  gerade  damals  mit  der  Geltendmachung  der  Selbständigkeit  aller  Völker
rüstete.
        <pb n="863" />
        Auszug  des  deutschen  Volles  zum  Kriege  im  Jahre  1870
Teil  des  Frieses  am  Germania  ·  Dentmal  beim  Einzug  d  3er  in  Berlin  am  16.  guu  1871,  von  Leopold
Rudvolf  alsr  (Ceb  1835).

Die  Errichtung  des  deutschen  Raisertumes.

Dn  den  Seegestaden  bis  zum  Main  war  Deutschland  geeint,  und  über  den
Main  hinausgreifend  hatte  Preußen  auch  die  Südstaaten  durch  die  Schutzverträge
  wie  den  Zollverein  mit  einem  festen  nationalen  Band  an  das  große
Vaterland  gekettet,  und  die  ausgesprochene  Gesinnung  der  Monarchen  und  der
Kabinette  zu  München,  Stuttgart  und  Karlsruhe  gab  die  Gewißheit  von  der
Haltbarkeit  dieses  Bandes.  Die  Gemeinschaft  der  wirtschaftlichen  Interessen  mit
den  süddeutschen  Stammesgenossen  und  die  thatkräftige  Verteidigung  aller  höchsten
Güter  des  nationalen  Lebens  war,  wie  es  der  König  aussprach,  gesichert.  Natürlich
  aber,  daß  im  Volke  der  alte  Haß  gegen  Preußen  noch  nicht  überall  gedämpft
war,  und  die  Ultramontanen  in  Bayern  „Patrioten“  nannten  sie  sich  —  wie
die  „Volkspartei“  in  Württemberg  thaten  redlich  das  Ihre,  ihn  zu  neuen  Flammen
anzufachen.  Dem  Bunde  der  Regierungen  und  der  Verkehrseinheit  fehlte,  zumal
nachdem  man  mit  einander  die  Schwerter  so  scharf  gekreuzt,  eins  der  wichtigsten
Bindemittel  der  vollen  nationalen  Einheit:  die  Waffengemeinschaft,  der  Kitt  des
gemeinsam  in  der  Verteidigung  des  Vaterlandes  vergossenen  Blutes,  den  ja  leider
die  Befreiungskriege  zwischen  dem  Süden  und  dem  Norden  nicht  geschaffen  hatten.
So  heftig  war  doch  aber  in  Preußen  der  Verfassungskampf  gewesen,  daß  seine
Wogen  sich  noch  nicht  beruhigen  wollten,  und  der  Geist  des  Widerspruchs  erhob
nunmehr  sowohl  im  Abgeordnetenhaus  wie  im  norddeutschen  Reichstage  sein  Haupt.
Die  größte  Forderung,  welche  die  radikalen  Parteien  stellen  konnten,  das  allgemeine
  Stimmrecht,  hatte  der  Kanzler  selbst  für  den  Reichstag  verfochten,  und
der  König  hatte  vertrauensvoll  es  zugestanden.  Dennoch  versagte  die  Fortschrittspartei,
  solch  königliches  Vertrauen  zu  erwidern,  hielt  es  für  ersprießlich,
allen  Vorlagen  der  Regierung  entgegen  zu  treten,  und  der  Abgeordnete  Virchow
scheute  sich  nicht,  in  vollster  Verkennung  der  Grundbedingungen  des  staatlichen  Lebens
und  Gedeihens,  am  29.  Oktober  1869  einen  Antrag  auf  Abrüstung  einzubringen.
        <pb n="864" />
        704  Die  Parteien  im  Reichstage.  —  Heer  und  Flotte.

Dem  stimmte  auch  der  frühere  hannöversche  Justizminister  Windthorst  zu,  der  aus
seiner  welfischen  Gesinnung  kein  Hehl  machte,  gleichzeitig  aber  der  bisher  nur
mäßig  vertretenen  katholischen  Fraktion  seine  überaus  großen  Talente  zur  Versügung
  stellte  und  schon  das  erste  Geplänkel  zu  Gunsten  der  katholischen  Kirche
eröffnete,  obwohl  sie  die  vollste  und  umfassendste  Freiheit  genoß.  Damals  überragte
  ihn  wohl  noch  sein  Fraktionsgenosse,  der  edel  gesinnte  Peter  Reichensperger,
der  auch  insofern  mit  ihm  im  Zorn  gegen  den  preußischen  Staat  sich  zusammenfand,
  als  er  die  Verdrängung  Oesterreichs  aus  dem  deutschen  Bunde  nicht  vertragen
  konnte.  Kirchliche  wie  nationale  Gesichtspunkte  vereinigten  auch  die  polnischen
  Abgeordneten  mit  diesen  Parteien  des  Widerspruchs,  und  nichts  hatte  ihre-Stellung
  schärfer  bezeichnen  können,  als  daß  sie  sich  der  Abstimmung  über  die
Bundesverfassung  enthielten,  weil  dies  eine  deutsche  Angelegenheit  sei.  Endlich
aber  schlossen  sich  an  diese  Schar  sieben  Sozialdemokraten.  Denn  seit  etwa  1862
hatte  Ferdinand  Lassalle  und  sein  Schüler  von  Schweitzer  mit  der  Verkündigung
des  „Ehernen  Lohngesetzes“  in  den  Massen  Beifall  gefunden,  ja  über  sie  hinausgehend
  hatte  Marx  1864  in  London  die  Internationale  begründet  und  in
Deutschland  für  seine  Lehre  zwei  so  thätige  Agitatoren  wie  Liebknecht  und  Bebel
gewonnen.

Dem  gegenüber  hielt  nun  die  nationalliberale  Partei  zwar  fest  an  ihren
liberalen  Grundsähen,  machte  auch,  da  die  Konservativen  nur  die  kleinere  Hälste
der  Mehrheit  besaßen,  und  die  Regierung  daher,  wollte  sie  anders  ihre  nationalen
Ideen  verwirklichen,  auf  ihre  Unterstüzung  angewiesen  war,  dieser  die  Lösung
der  Aufgaben  nicht  immer  leicht.  Aber  sie  hatte  das  aufrichtige  Bestreben,  mit
an  dem  Ausbau  der  deutschen  Einheit  zu  helfen,  und  hatte  erkannt,  daß  der
Kanzler  des  norddeutschen  Bundes,  wie  des  Grafen  von  Bismarck  Stellung  nun
bezeichnet  war,  eben  dieses  Ziel  im  Auge  habe.  Das  Vertrauen,  welches  sie  und
der  weitaus  größte  Teil  der  Rechten,  namentlich  die  freikonservative  Partei
dem  gewaltigen  eisernen  Kanzler  entgegentrugen,  sowie  die  Bereitwilligkeit,
mit  welcher  die  Regierung,  wie  auch  diese  Parteien  dem  deutschen  Gedanken  Opfer
brachten,  führte  in  den  großen  Fragen  des  nationalen  Lebens  dahin  „die  Einigung
des  deutschen  Volkes  an  der  Hand  der  Thatsachen  zu  suchen  und  nicht  wieder
das  Erreichbare  dem  Wünschenswerten  zu  opfern“  und  die  Aufgaben  „in  wesentlicher
  Uebereinstimmung  zwischen  der  Regierung  und  der  Landesvertretung"  zu  lösen.
Nachdem  der  erste  Reichstag  ein  sogenanntes  eisernes  Militärbudget  bis  Ende  1871
und  damit  eine  feste  Friedensstärke  des  Heeres  angenommen,  wurde  durch  die  unermüdliche
  Fürsorge  des  Königs  das  norddeutsche  Bundesheer  äußerlich  und  innerlich
  nach  preußischem  Muster  völlig  ausgestaltet.  Die  Fortbildung  der  Marine
und  der  Küstenverkeidigung  wurde  durch  eine  Anleihe  gesichert.  Denn  nunmehr
halte  Preußen  ja  auch  die  Küsten  der  Nordsee,  und  was  die  Mittelstaaten  dem
Vaterlande  nie  leisten  konnten,  geschah  jetzt  durch  die  Gesamtheit.  Die  Flotte,
die  Preußen  dem  Reiche  brachte,  und  die  am  17.  Juni  1868  vom  Könige  vollzogene
  Eiisfeung  von  Wilhelmshafen  war  recht  eigentlich  nach  dem  Ausdruck  des
auch  zum  Chef  der  Marine  ernannten  Kriegsministers  von  Roon  „die  Morgengabe“,
welche  Preußen  dem  jungen  Reich,  seiner  Wehrkraft  wie  seinen  Handelsbedürfnissen
  entgegenbrachte.  Von  grundlegender  Bedeutung  für  den  Verkehr  wurde  auch  die
Postverwaltung,  die  nach  der  Ablösung  der  noch  den  Fürsten  von  Thurn  und  Taxis
in  einigen  Gebieten  zustehenden  Rechte  und  nach  der  Einführung  des  einheitlichen
        <pb n="865" />
        Innere  Entwickelung.  705

Groschenportos  und  der  Postkarten  durch  die  geniale  Leitung  des  Generalpostmeisters

tephan  trotz  des  immer  größer  werdenden  Eisenbahnnetzes,  ja  gerade  mit
dessen  Hilfe  einen  nie  geahnten  Umfang  gewann  und  an  ihrem  Teile  die
deutsche  Einheit  wesentlich  beförderte.  Die  erste  Stelle  aber  in  der  Reihe  der
wichtigen  Gesetze  nahm  nach  den  Worten  des  Königs  das  Strafgesetzbuch  ein,
welches  nach  heftigen  Kämpfen,  besonders  über  die  Beibehaltung  oder  die  Abschaffung
  der  Todesstrafe  am  15.  Mai  1870  vom  Reichstage  angenommen  wurde.
Das  große  Ziel  der  nationalen
  Rechtseinheit  war  dadurch
  wesentlich  näher  ge-Durch

  eine  neue  Gewerbe-Ordnung,

  durch  Freiheit
  der  Niederlassung,  die
Aufhebung  der  polizeilichen
Beschränkungen  der  Eheschließungen,
  Beseitigung  der
mehrfachen  Besteuerung  des
Einkommens,  die  Regelung
des  gemeinsamen  Indigenats,
der  Bundes=  und  Staatsangehörigkeit
  wurde  dem
bürgerlichen  Leben  die  ausgedehnteste
  Freiheit  der  Bewegung
  gegeben,  und  diese
nach  außen  hin  durch  die  gemeinsame
  Vertretung  des
Bundes,  durch  Konsulate,  Gesandtschaften
  und  vorziglich
durch  die  Bundesflagge  geschützt
  und  gewahrt.  —  Die
preußischen  Finanzen  wurden
durch  den  im  Oktober  1869
eingetretenen  Finanzminister
Camphausen  einer  gründ-  Generalpostmeister  Heinrich  von  Stephan.
lichen  Neuordnung  unter-  Nach  einem  Lichtbilde.
zogen.  Unverkennbar  aber
sammelte  sich  ein  großer  Teil  der  Bewohner  der  neu  erworbenen  Provinzen
chon  jetzt  um  das  preußische  Banner,  soviel  Mißstimmung  und  Abneigung  auch
namentlich  in  Hannover  gegen  Preußen  lebendig  war.  Die  Einführung  der
preußischen  Einrichtungen,  wie  der  Kreis=  und  Provinzialverfassungen,  sowie  die
reicheren  Quellen,  welche  das  größere  Staatsgebiet  den  wirtschaftlichen  Interessen
eröffnete,  erleichterten  den  jungen  Preußen  den  Uebergang  in  die  neuen  Verhältnisse.
  Ganz  wesentlich  aber  war  es  die  Persönlichkeit  des  Königs,  die,  wir
wissen  es,  sich  überall  die  Herzen  auch  der  Widerstrebenden  gewann.  Der  König
wurde  recht  eigentlich  der  Träger  des  nationalen  Stolzes,  und  freudig  erkannte
All-Deutschland  in  ihm  die  Vollendung  aller  Tugenden  des  deutschen  Fürsten
und  Mannes.

Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  45
        <pb n="866" />
        706  Französische  Gelüste.

Und  gerade  deshalb  fühlte  sich  die  Nation  in  ihren  Tiefen  beleidigt,  als
gallischer  Hochmut  ihn  zu  kränken  wagte.  Unfaßbar  war  ja  der  Gedanke  an  der
Seine,  daß  nun  nicht  mehr  allein  Frankreich  die  führende  Macht  in  Europa  sein
sollte.  In  irgend  einer  Form,  sei  es  gegen  Preußen,  sei  es,  wie  Napoleon  wohl  gewünscht
  hätte,  im  Bunde  mit  Preußen  mußte  der  hoch  sich  aufbäumenden  französischen
Leidenschaft  ein  Genüge  geschehen,  eine  „Kompensation“  für  Preußens  Erfolge

186  gewonnen  werden.  Schon  im  Jahre  1867  hatte  daher  Napoleon,  überzeugt,  daß
vom  Berliner  Hofe  kein  deutsches  Land  ihm  abgetreten  werde,  die  eigentümliche
Lage  des  Großherzogtums  Luxemburg  zur  Befriedigung  der  französischen  Unruhe
gegen  Deutschland  zu  benutzen  gesucht.  Jeden  Tag  sprach  sich  in  Frankreich  lauter
und  lauter  das  Verlangen  aus,  an  der  Umgestaltung  der  Karte  von  Europa  einen  Anteil
zu  erhalten,  „die  preußische  Suprematie“  niederzuschlagen  und  diese  „maucits
Prussiens“  für  Sadowa  zu  züchtigen.  Napoleon  aber  konnte  sich,  ohne  seinen
Thron  zu  gefährden,  nicht  wohl  einer  Aufgabe  entziehen,  die  ihm  dornenvoll
genug  erscheinen  mochte.  Nun  meinte  er,  da  jenes  vom  König  der  Niederlande
beherrschte  Gebiet  mit  der  Auflösung  des  beutschen  Bundes  aus  dem  Reiche  ausgeschieden
  sei,  die  vertragsmäßige  Besatzung  der  Festung  Luxemburg  durch  Preußen
beseitigen  zu  können,  wenn  er  das  Land  selbst  seinem  Souverän  abkaufe.  Dies
verhinderte  zwar  der  Graf  von  Bismarck,  dagegen  gab  auch  Preußen,  immer  gewillt,
  die  Möglichkeit  des  Friedens  zu  erhalten,  auf  der  Londoner  Konferenz
nach  und  zog  seine  Besatzung  zurück  unter  der  Bedingung,  daß  die  Festungswerke
geschleist  würden.  Doch  eben  eine  solche  friedliche  Nachgiebigkeit  Preußens  schloß,
da  sie  ohne  Zwang  vor  den  Augen  Europas  erfolgte,  eine  Niederlage  Frankreichs  in
sich,  befestigte  also  weder  die  napoleonische  Dynastie  noch  begründete  sie  eine  Einmischung
  oder  gar  Herrschaft  über  Deutschland.  Und  dies  geschah  auch  nicht,  als
Napoleon  bereit  war,  eine  föderative  Einigung  des  Nordens  mit  dem  Süden
zwar  zuzugestehen,  dafür  aber  die  Vergewaltigung  und  Einverleibung  Luxemburgs
und  Belgiens  in  Frankreich  sich  auszubedingen.  Denn  auch  solchen  Vertrag
lehnte  Preußen  ab  und  bewahrte  seine  Unabhängigkeit  wie  sein  moralisches  Anehen.
  Noch  glaubte  insbesondere  Bismarck,  daß  eine  Veränderung  in  Frankreichs
Verfassung  oder  inneren  Verwaltung  die  drückende  Gewitterschwüle,  die  über
Europa  lag,  verscheuchen,  beide  Völker  über  die  Notwendigkeit  eines  Bruches
hinwegführen  werde.  Noch  meinte  er,  daß  beiden  Nationen,  ohne  Schaden  für  den
Staat  und  ohne  der  nationalen  Ehre  zu  nahe  zu  treten,  der  Krieg  erspart  werden
könne.  Nun  wurde  im  Herbst  1869  dem  Erbprinzen  Leopold  von  Hohenzollern  der
durch  die  Revolution  erledigte  spanische  Königsthron  angeboten,  und  Fürst  Bismarck
riet,  dies  schon  seit  Jahresfrist  erwogene  Angebot  anzunehmen.  So  geheim  die  ganze
Angelegenheit  betrieben  wurde,  so  konnte  es  doch  nicht  fehlen,  daß  sie  bald  der  ganzen
diplomatischen  Welt  bekannt  wurde,  und  so  wenig  Preußen  eine  Veranlassung
hatte,  über  sie  mit  Napoleon  in  Beratung  zu  treten,  so  durfte  man  aus  Napoleons
Stillschweigen  doch  schließen,  daß  er  die  Selbständigkeit  des  spanischen  Volkes
ernstlich  nicht  antasten,  daß  der  ihm  nahe  verwandte  Prinz  ihm  willkommener  als
andere  Kandidaten  sein  möchte.  Indem  aber  nun  die  seit  1866  mit  Feuereifer
  betriebene  Rüstung  des  französischen  Heeres,  wie  der  Kriegsminister  Lebveuf
behauptete,  vollkommen  fertig  und  zum  Abschluß  gediehen  war,  sand  man  in  dieser
von  Spanien  aufgestellten  Kandidatur  den  von  den  Kammern,  den  Ministern  und
dem  Volke  ersehnten  Kriegsvorwand.  Benedetti  wurde  angewiesen,  sich  von  seinem
        <pb n="867" />
        Ursprung  des  französischen  Krieges.  707

Urlaube  in  Wildbad  nach  Ems  zu  begeben  und  den,  dort  ohne  die  Anwesenheit  87½
eines  Ministers  seiner  Kur  lebenden  König  mit  dem  Verlangen  zu  belästigen,  dem
Prinzen  die  Annahme  der  Krone  zu  verbieten.  Der  König  lehnte  ein  solches  Ansinnen  als
über  seine  Befugnisse  hinausgehend  in  höflicher,  milder  Form  ab,  und  der  Prinz  trat
seinerseits  angesichts  der  drohenden  Gefahr  von  seiner  Kandidatur  hochherzig  zurück.
Allgemein  im  Inlande  wie  im  Auslande  war  die  Ueberzeugung,  daß  nunmehr
der  Friede  gesichert  sei,  war  es  um  so  mehr,  als  unter  anderen  der  französische
Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten,  Herzog  von  Grammont  dem  englischen
Gesandien  dieselbe  Ueberzeugung  ausdrücklich  ausgesprochen  hatte.  Wieder  aber
war  dies  nicht  nach  den  in  den  Tuilerien  und  im  französischen  Volke  maßgebenden
Würnschen,  man  wollte  um  keinen  Preis  sich  eine  Gelegenheit  entgehen  lassen,  die
in  ihrer  Verknüpfung  mit  dem  Namen  Hohenzollern  in  Frankreich  sowohl  wie
mutmaßlich  auch  in  Süddeutschland  als  ein  dynastischer  Kriegsfall  volkstümlich
gemacht  werden  konnte.  In  der  That  wollte  die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich
im  Verzicht  des  Prinzen  keineswegs  die  verlangte  Genugthuung  sehen,  und  man
halte  daher  wirklich  die  Stirn,  vom  Könige  ein  Verbot  an  den  Prinzen  zu  verlangen,
  jemals  wieder  auf  die  Kandidatur  zurückzukommen,  ja,  man  verlangte  vom
Könige  ein  ostensibles  Entschuldigungsschreiben  an  den  Kaiser  der  Franzosen  dafür,
daß  er  —  was  doch  genau  genommen  nie  geschehen  —  den  Prinzen  zur  Annahme  der
spanischen  Krone  Fchtige  habe.  Man  behauptete,  eines  solchen  Briefes  zu  bedürfen,
um  die  Mißstimmung  der  Franzosen  zu  besänftigen.  Allerdings  noch  hatte  man
keinen  fest  verpflichteten  Verbündeten.  Italien  verlangte  mit  dem  Gewinn  von  Rom
einen  Preis,  den  Napoleon  mit  Rücksicht  auf  den  Klerus  nicht  gewähren  mochte.
Der  Kaiser  von  Oesterreich,  den  Napoleon  im  Jahr  vorher  persönlich  in  Salzburg
besucht,  mußte  seine  Entscheidung  von  der  des  Zaren  abhängig  machen,  und  dieser,
in  inniger  Freundschaft  mit  dem  Könige  Wilhelm  lebend,  brauchte  die  preußische
Geneigtheit,  um  die  Polen  niederzuhalten  und  von  dem  verhaßten,  durch  Frankreich
ihm  1856  aufgenötigten  Pariser  Vertrage  befreit  zu  werden.  Immerhin  waren
die  politischen  und  militärischen  Vorbesprechungen  und  schriftlichen  Abmachungen
namentlich  mit  Oesterreich  soweit  gediehen,  daß  der  Abschluß  der  Verträge  jeden
Tag  erfolgen  konnte,  und  der  Taumel,  die  Kriegswut  der  Minister  Grammont  und
Olivier,  der  Kammern  und  des  Volkes  in  Paris  gedieh  zu  einem  solchen  Umfang,
daß  man  an  die  Worte  des  Fürsten  Metternich  aus  dem  Jahre  1840  von  dem
„verrückten  Frankreich"  erinnert  wird,  und  daß  selbst  Thiers,  der  damals  den
Krieg  gewollt  und  seitdem  nur  allzuviel  gethan,  den  Zwiespalt  mit  dem  Rufe
nach  Rache  für  Sadowa  zu  erhöhen,  jetzt  vergeblich  zur  Besonnenheit  mahnte.
Selbst  wenn  Napoleon  ein  kriegerisches  Ende  seines  listigen  Vorgehens  nicht  gewünscht
  hat,  nun  war  es  da,  und  er  mußte  es  darauf  ankommen  lassen,  daß  Frankreichs
Rüstungen  keineswegs  soweit  gediehen  waren,  wie  man  vorgab,  daß  Oesterreich  trotz
der  in  Salzburg  übernommenen  Verpflichtungen  und  trotz  der  in  Paris  mit  dem  Erzherzog
  Albrecht  getroffenen  Verabredungen  seine  Rüstungen  zwar  fortsetzte,  seine
Neutralikät  aber  bis  zum  Herbst  aufrecht  erhalten  wollte,  bis  die  Jahreszeit  für  die
Konzentration  der  russischen  Truppen  zu  weit  vorgeschritten  sei,  daß  Italien  endlich
abwartend  beiseite  stand,  bis  ihm  die  Einverleibung  Roms  zugestanden  wäre.
Man  weiß,  mit  welch  ruhiger,  mit  wie  erhabener  Würde  König  Wilhelm
die  maßlose  Zumutung  zurückwies.  Man  weiß,  wie  Fürst  Bismarck  dieser  Zurückweisung
  die  kräftige,  energische  Form  gab,  und  mit  wie  gehobener  Befriedigung
45“
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        708  Deutschlands  Einmütigkeit.

1670  die  Nation  sie  empfand.  Der  König  und  sein  Volk,  das  ganze  deutsche  Volk
wußte,  daß  Krieg  sei.  Ihn  jetzt  noch  vermeiden  wollen,  hieß,  wie  namentlich
Bismarck,  Moltke  und  Roon  erkannten,  seinen  Erfolg  in  Frage  stellen.  Daher  auch
diesmal  in  Berlin  kein  Zagen,  kein  Zaudern  wie  ehedem.  In  sich  gefestigt,  mit  sich
—9  eins  und  im  Vertrauen  auf  sein  Heer  und  sein  Volk,  befahl  König  Wilhelm

am  Abend  seiner  Rückkehr  nach  Berlin  die  Mobilmachung.  Und  —  ein
ah  welches  die  Welt  seit  Jahrhunderten  nicht  gesehen  —  wie  ein  Mann
stand  das  ganze  deutsche  Volk  auf,  stellte  sich  neben  den  König,  den  man,
wie  jedermann  zu  wissen  meinte,  um  das  Reich  zu  treffen,  persönlich  schnöde
zu  kränken  gewagt.  Während  drüben  jenseits  der  Vogesen  und  an  der  Seine
mit  keckem  Sinn  und  leichtferliger  Ueberhebung  zum  Kriege  gerüstet  wurde,  waltete
ein  heiliger  Ernst  im  ganzen  deutschen  Vaterlande,  und  die  sittliche  Kraft,  die
religiöse  Weise,  der  tiefe  Ernst,  der  in  jenem  stillen  Zimmer  des  Königs  zu
Berlin  herrschte,  lagerte  sich  draußen  auf  die  feierlich  gestimmte  Menge,  lagerte
sich  auf  das  gesamte  Deutschland.  Es  war  wie  im  gnadenreichen  Jahre,  wie  1813,
ja  es  war  mehr,  denn  damals  galt  es  der  Befreiung  von  der  Knechtschaft,
diesmal  drohte  sie  nur.  Man  fühlte  es  bis  ins  Innerste  des  Herzens  hinein,
daß  das  unruhige  Volk  da  drüben  uns  nicht  die  nationale  Einheit,  die  Bedingungen
  gönnen  wollte,  unter  welchen  wir  ein  freies,  machtvolles  Dasein,  ein
Leben  nach  unseren  Wünschen  führen  können.  Man  wußte,  daß  jeder  Sieg  der
Franzosen  nichts  anderes  bedeuten  konnte,  als  Deutschlands  Schmach,  Deutschlands
Erniedrigung,  Deutschlands  Tod.  Ernster  noch,  gewaltiger  noch  als  1813  war  die
Erhebung,  weil  sie  diesmal  Alldeutschland  von  der  Memel  bis  zum  Bodensee,  vom  Belt
bis  zu  den  Alpen  umfaßte  und  es  bekundete,  daß  Deutschlands  Einheit  begründet  sei,  daß
sie  Helsenfen  wbn  und  sich  dem  Auslande  zum  Trutz  erhalten  werde.  Wie  von  selbst
ergab  es  sich  f  ür  die  süddeutschen  Herrscher,  den  hochgesinnten  König  Ludwig  von
Bayern  wie  den  König  Karl  von  Württemberg  und  den  treuen  Schwiegersohn  des
Königs  Wilhelm,  den  Großherzog  Friedrich  von  Baden,  daß  sie  ihren  Verträgen
gemäß  sofort  ihre  Truppen  unter  den  Oberbefehl  des  Königs  von  Preußen  stellten,
daß  Bayern,  Schwaben  und  Badenser  fest  geeint  mit  Preußen  und  anders,  als
sie  Oesterreich  gegenüber  gekhan,  „anscheinend  das  eigene  Land  entblößend  ihre
Kontingente  bereitwillig  der  Hauptversammlung  anschlossen"“.  Einmütig  schickte
das  ganze  Vaterland  seine  Söhne  gegen  den  ins  Feld,  dessen  Ratgeber  gemeint
hatten,  die  vaterländische  Gesinnung,  wie  sie  seit  Jahrzehnten  so  machtvoll  die
deutschen  Herzen  ergriffen,  die  pflichttreue  Arbeit  des  preußischen  Staates  sei  spurlos
am  Süden  vorübergegangen.  Jetzt  gab  es  in  Deutschland  keinen  Staat  mehr,  so  schwach
und  so  verlassen,  daß  er  beim  Auslande  Hilfe  suchte;  seit  Oesterreich  nicht  mehr  mit
seiner  außerdeutschen  Politik  den  kleinen  Hösen  Gewinn  in  Aussicht  stellte,  seit
sie  nicht  mehr  zu  fürchten  und  zu  lavieren  hatten  zwischen  habsburgischer  Oberhoheit
  und  franzmännischer  Oberherrschaft,  seit  sie  sich  vertrauend  unter  die
Fittige  des  wweuzicchen  Adlers  gestellt,  wußten  sie,  wußten  Fürsten,  Staatsmänner
und  Völker,  daß  das  Heil,  die  Wohlfahrt  und  die  Rettung  Deutschlands  da,  und
allein  da  fest  begrinden.  war,  wo  die  Hohenzollern  ihr  Panier  aufpflanzten,  wo
die  schwarz-weißen  Fahnen  wehten.  Und  nun  begann  der  furchtbare  Krieg,  der
die  innere  Wahrheit  von  Deutschlands  Einheit,  Macht  und  Größe  zur  Anerkennung
bringen,  zur  unumstößlichen  Thatsache  für  die  ganze  Welt  erheben  sollte.
In  drei  gewaltigen  Heeressäulen  unter  dem  General  von  Steinmeh  bei
        <pb n="869" />
        Depesche  ded  derig  Wilhelm  I.  an  seine  Gemalln  öl  Augusta
über  d  les  bei  Gr  rle,  vom  18.  A  1870.
giß  r  8  8  Sataman  z4  e  deBee  von  n  l
«  c-  es
III  II  eia  bu  dd  vom  elgen-  r  ne  geschnek.
ue  9.  n  Ailunse.  W3  t
-erefait  in  der  N  d  z  r
aeworsen  e  tb  r  ane*  r

Berner,  Gesch.  d.  B  Staaies
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        L

MIM  ØW
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—
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        <pb n="873" />
        Kriegsereignisse  im  August.  709

Koblenz,  unter  dem  Prinzen  Friedrich  Karl  bei  Mainz,  unter  dem  Kronprinzen
Friedrich  Wilhelm  bei  Mannheim  begann  das  deutsche  Heer  unter  dem  Oberbefehl
des  Königs  Wilhelm  von  Preußen,  dem  sein  Generalstabschef  General  —  ——
zur  Seite  stand,  den  Kampf  gegen  die  noch  unfertige  französische  Arm

In
raschen  Schlägen  bei  Weißenburg  und  Wörth  drängt  Kronprinz  Friedrich  Wieln,  pÖ6.

.

 

General  von  Steinmeß.
Nach  einem  Lichtbilde  gezeichnet  von  A.  Neumann.

drängt  General  von  Säg  bei  Spichern  die  Franzosen  zum  Rückzug  nach  der's  nu.
Mosellinie.  Nun,  er  linke  Flügel  der  deutschen  Heere  keinen  Feind  mehr
vor  sich  hat,  gilt  7  mM  ein-  Schwenkung  nach  rechts  alle  drei  Heere  auf
gleiche  Höhe  zu  bringen.  Bei  Colombey-Nouilly  wird  der  französische  ber  14  aug.
befehlshaber  Bazaine,  der  nach  Verdun  hin  zur  Vereinigung  mit  einer  bei
Chalons  neu  gebildeten  französischen  Armee  unter  Mac  Mahon  auszuweichen  suchte,
        <pb n="874" />
        710  Kriegsereignisse  im  August.

277  *  —  —  —  ——
.—  —
EEm—]mP]F]nU.  *  —  —.7—  —  —  -  *
—  —
—  —

—.  *#

Eigenhändiges  Schreiben  Kaiser  Napoleons  III.  an  König  Wilhelm  I.,  d.  d.  Sedan,  den
1.  September  1870.

IJn  Größe  des  Originales.

Uebertragung.
Monsicur  *z.-  srere
Nayant  pas  ½#6  mouri  au  milicn  de  mes  treupes  il  ne  me  reste  du'  à  remettre  mon  pée  cot#re  les
mains  de  t“  Majes
e  %  L  2  le  bon  srere  Napeléon
Sedan  le  z  Sept.
d  Uebersetzung:
Mein  Herr
D  ich  nicht  tamilten  meiner  e4  habe  sterben  können,  bleibt  mir  nur  übrig,  meinen  Degen  in  Eurer
Mojestät  Häuec,  zu  lege
rer  mojenat  guter  Bruder  Napoleon.
1  den  1.  Sept.  1870.

6  fest  gehalter  bei  Vionville  und  Mars  la  Tour  ihm  der  Abzug  unmöglich  gemacht.
e  Teile  waren  aufs  äußerste  erschöpft,  von  einer  Verfolgung  konnte  keine

dede  sein.  Aber  der  furchtbare  Tag  ermöglichte,  als  weitere  Truppenteile  heran-18.

  Au  gerückt  waren,  zwei  Tage  darauf  den  vollsten  Sieg.  Bei  Gravelotte  und  St.  Privat
zwingt  König  Wilhelm  den  Marschall,  sich  unter  die  Kanonen  von  Metz  zurückzuziehen
  und  jede  Hoffnung  zur  Verbindung  mit  Mac  Mahon  aufzugeben.  Damit

aber  war  auch  die  ursprüngliche  Absicht,  an  Metz  vorbei  direkt  auf  Paris  zu
marschieren,  unausführbar  geworden,  und  Prinz  Friedrich  Karl  mußte  die  Festung
daher  mit  einer  ganzen  Armee  durch  eine  stets  heftiger  drückende  Kette  umschließen.
Während  Straßburg,  die  alte  Vormauer  des  deutschen  Reiches,  vom  General  von
Werder  nach  mehrwöchenklicher  Belagerung  am  28.  September  genommen  wird,
        <pb n="875" />
        Sedan.  711

 

im  bi  t
PAR  BALLOM  E
MONTE  FRANCC.  aLCRiE
20  Ckarmts
*  Erunacta

Déeret  du  26seplembre  1870

I  Taxe  ordinnite

 

 

—.
Anr  2  Le  poids  des  ie  erpedices  por  les  aérostals  ne  devra  pas  denosser
4  grammes

 

 

 

Adreßseite  eines  französischen  Ballonbriefumschlages  aus  den  Jahren  1870  und  1871.
Orlginalgröße.

rückt  die  dritte  und  vierte  oder  Maasarmee  unter  den  königlichen  bronfolgern  1870
von  Preußen  und  Sachsen,  geführt  vom  König  Wilhelm,  gegen  das  andere
französische  Heer  unter  Mac  Mahon  vor  und  schwenkt,  als  dieses  nicht  nach  Paris,
sondern  nach  dem  Nordosten  ausweicht,  rechts  ab.  Der  Kronprinz  von  Sachsen
zwingt  den  Marschall  durch  die  Schlacht  bei  Beaumont  auf  das  rechte  Ufer  der  so.  Aug.
Maas  zu  gehen.  Ein  Versuch,  den  Bazaine  noch  einmal  macht,  Mac  Mahon  die  s1.  Aus.
Hand  zu  reichen,  wird  durch  General  von  Manteuffel  bei  Noisseville  abgewiesen.  1.  Sept.
Mac  Mahons  abgehetzte  Truppen  sind  nicht  mehr  im  stande,  den  Rückzug  zu
bewerkstelligen,  bei  Sedan  werden  sie  zusammengezogen.  Aber  mit  erdrückeuder
Uebermacht  sind  die  Deutschen  zur  Stelle,  ein  Teil  überschreitet  die  Maas,  und
wie  heftig  der  Feind  sich  wehrt,  noch  einmal  nach  Carignan  durchzubrechen  sucht,  wie
glänzend  er  Angriff  auf  Angriff  zu  gestalten  sucht:  er  ist  umklammert.  Napoleon,
der  bei  seinen  Truppen  wegen  der  Empörung  seiner  hauptstädtischen,  solange  siegestrunkenen
  Bevölkerung  hat  bleiben  müssen,  sendet  dem  König  am  1.  September
durch  General  Reille  ein  Schreiben,  ergiebt  sich  ihm,  und  am  folgenden  Tage
kapituliert  die  ganze  französische  Armee.  83000  Mann,  über  2000  Offiziere  r  2.  Sept.
39  Generale  werden  wie  21000  schon  in  der  Schlacht  Gefangene  in  die  Kriegsgefangenschaft
  abgeführt.  Das  Kaiserreich  Napoleons  brach  völlig  zusammen.

Welche  Resultate  innerhalb  geringer  vier  Wochen!  Die  Welt  war  wie  umgewandelt,
  Deutschland,  nicht  nur  einig,  sondern  eben  deshalb  mächtig,  gebietend
wie  nie  zuvor,  das  bisher  ehrfürchtig  von  Europa  angestaunte  neue  Cäsarentum  des
Napoleoniden  gestürzt.  Nun  aber,  da  nur  noch  die  eine  französische  regelrechte
Armee  vorhanden,  acke  in  Metz  eingeschlossen  war,  sollte  auch  dem  Blödesten
klar  werden,  daß  der  Krieg  nicht  gegen  Napoleon,  sondern  gegen  das  ganze
französische  Volk  gefähri  weche.  „Entschieden“",  sagte  Moltke,  „war  der  Feldzug
        <pb n="876" />
        1870

28.  Sept.

27.  Olt.

*  Nov.

0l

5.-1687


12.  Jan.

15.—17.
Zan.

16.Febr.

1870
27.  Nov.
28.  u.  24.

Dei
1#1
19.  Jan-712

  Stroßburg.  —  Metz.  —  Versuche,  Paris  zu  entsetzen.

schon  jetzt,  wenn  zwar  keineswegs  beendet.“  Von  der  in  Paris  ausgerusenen
dritten  Republik  bewaffnet,  erhebt  sich  das  Volk  nach  Ablehnung  eines  angebotenen
Waffenstillstandes  einmütig  gegen  die  Deutschen.  Und  das  Herz  der  Franzosen
ist  ihre  Hauptstadt,  sie  zu  erobern  war  mithin  auch  von  Anfang  an  das  Ziel
der  Pläne  der  deutschen  Armeeleitung.  Während  daher  alle  verfügbaren  Truppen
sofort  nach  Paris  vordringen  und  die  Riesenfestung  immer  enger  unschließen,
also  daß  die  Stadt  nur  durch  Luftballons  mit  dem  außerhalb  ihres  Festungsgürtels
  liegenden  Lande  verkehren  kann,  entwickelt  das  Mitglied  der  provisorischen
Regierung,  Leon  Gambetta,  eine  erstaunliche  Thätigkeit,  stellt  eine  Armee  an  der
Loire,  eine  zweite  im  Norden  auf.  Aber  die  Eroberung  von  Toul  ermöglicht
die  Herstellung  der  Eisenbahnen  nach  Deutschland  und  erleichtert  die  Verstärkung
der  deutschen  Truppen.  Die  Kapitulation  von  Straßburg  macht  das  Korps  des
Generals  von  Werder  frei  zum  Kampfe  gegen  eine  Südarmee.  Die  Kapitulation
von  Meh,,  die  Prinz  Friedrich  Karl  am  27.  Oktober  erzwingt,  liefert  nicht  nur
173000  Gefangene,  löst  das  letzte  regelrechte  Heer  Frankreichs  vollständig  auf,
sondern  gewährt  gleichzeitig  die  Möglichkeit,  die  Belagerungsarmee  von  Paris  zu
verstärken,  den  General  von  Manteuffel  gegen  die  Nordarmee  und  den  Prinzen
Friedrich  Karl  gegen  die  Loirearmee  vorzusenden.  Der  bayerische  General  von
der  Tann  hatte  dieser  bisher  erfolgreichen  Widerstand  geleistet.  Er  sah  sich
zwar  durch  die  überlegene  Anzahl  der  Feinde  genötigt,  Orleans,  das  er  besetzt,
wieder  zu  räumen,  hielt  aber  trotz  des  Treffens  bei  Coulmiers  den  Gegner  vor
Orleans  fest.  Seine  Truppen,  sowie  die  des  ihm  zu  Hilfe  entsandten  Großherzogs
  von  Mecklenburg  wurden  nun  unter  den  Oberbefehl  des  Prinzen  Friedrich
Karl  gestellt.  Der  Prinz  vereitelt  bei  Beaune  la  Rolande  die  Absicht,  nach
Paris  durchzubrechen,  nimmt  durch  die  Schlachten  bei  Orleans  definitiv  die  Stadt
und  die  Verschanzungen  auf  dem  rechten  Loire-Ufer,  zersprengt  die  Armee  in
zwei  Teile  unter  Chanzy  und  Bourbaki  und  drängt  jenen  nach  weiteren  schweren
Gefechten  des  Großherzogs  bei  Meung  und  Beaugench  bis  über  den  Loir  zurück.
Noch  hofft  Chanzy,  dennoch  Paris  entsetzen  zu  können,  aber  Prinz  Friedrich
Karl  rückt  ihm  nach  und  vernichtet  bei  Le  Mans  seine  Armee  fast  vollkommen.

Entgegen  den  Vorschlägen  des  Generals  Chanzy  und  wider  die  Erwartung  des

preußischen  Hauptquartiers  war  nämlich  Bourbaki  mit  140  000  Mann  gen  Südosten
  gegen  General  von  Werder  abmarschiert,  um  Belfort,  welches  jener  belagert,
zu  entsetzen,  und  wenn  möglich  in  Baden  einzufallen.  Die  meisterhaften  Operationen
  Werders  und  die  dreitägige  Schlacht  bei  Belfort  machen  auch  dieses  Korps
kampfunfähig,  ja  als  ein  weiteres  deutsches  Korps  unter  General  von  Manteuffel
im  Süden  erscheint,  wird  Bourbaki  durch  eine  Reihe  von  Gefechten  gezwungen,
mit  85.000  Mann  über  die  schweizerische  Grenze  zu  gehen,  wo  seine  Armee
entwaffnet  wird.  Endlich  am  16.  Februar  erfolgte  auch  die  Einnahme  der  seit
dem  November  belagerten  Festung  Belfort.  Manteuffel  aber  hatte  unterdessen
durch  die  gewaltigen  Schlachten  von  Amiens  und  an  der  Hallue  auch  die  Nordarmee
  vom  Vormarsch  auf  Paris  abgehalten,  und  General  von  Göben  hatte  sie
bei  St.  Quentin  fast  vernichtet.

Somit  war  der  Zweck  aller  dieser  mit  zäher  Energie  aufgestellten  Armeen
durch  deutsche  Tüchtigkeit  vereitelt.  Paris  war  auf  die  Verteidigung  der  300  000
Truppen,  welche  innerhalb  seines  Festungsringes  standen,  angewiesen,  und  tapfer
genug  haben  sich  diese  gehalten.  Am  28.  Oktober  hatten  sie  unter  dem  Schutze
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        -  —  “#

 

 

Die  Kaiserproklamation  zu  Der
Nach  der  Zeichnung  des  Augenzcug#“
Berner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staates.  2.  Aufl.
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        ——t33

 

 

xrsailles  am  18.  Januar  1821.
zen  Anton  von  Werner  (geb.  1813).
Rerlaa  non  (Emil  Gtrauß  in  Unun
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        Paris.  —  Frieoe  von  Franksurt.  713

der  Dunkelheit  Le  Bourget  genommen,  und  erst  am  30.  hatten  es  die  Garden  1871
wieder  erstürmen  können.  Am  20.  November  hatten  sie  einen  gewaltigen  Ausfall
von  Vincennes  aus  unternommen  und  waren  erst  trotz  des  siegreichen  Vorgehens
der  Württemberger  bei  Champigny  am  3.  Dezember  zum  Rückzug  nach  Paris
genötigt.  Am  21.  Dezember  versuchten  sie  einen  neuen  Ausfall,  wurden  aber
wieder  zurückgewiesen.  Seit  dem  19.  September  hielten  die  Deutschen  Paris
umzingelt,  endlich  am  letzten  Tage  des  Jahres  wurde  der  Befehl  gegeben,  die
Forts  zu  beschießen,  und  am  5.  Januar  des  neuen  Jahres  begann  das  allgemeine
Bombardement  auf  der  Ost-,  Nord=  und  Südseite.  Aber  noch  ein  gewaltiger
Ausfall  am  19.  Januar  wurde  mit  100  000  Mann  versucht,  erst  als  auch  dieser
erfolglos  blieb,  war  der  Sieg  errungen.  Am  28.  Januar  wurden  sämtliche  28.Jan.
Forts  an  Deutschland  übergeben,  ein  Waffenstillstand  zugeslanden  und  wührerd
desselben  Wahlen  zu  einer  Nationalversammlung  in  Frankreich  vorgenomm

Nunmehr  wurden  zwischen  Thiers,  der  zum  Chef  der  französischen  Veerultong-  afbr
gewalt  erwählt  war,  und  dem  Grafen  von  Bismarck  am  26.  Februar  die
Friedenspräliminarien  zu  Versailles  abgeschlossen  und  von  der  Nationalversammlung
  in  Bordeaux  angenommen.  Nach  unendlich  vielen,  hauptsächlich  durch  den
Sturz  der  Republik  und  die  Herrschaft  der  Kommune  in  Paris  herbeigeführten
Schwierigkeiten  folgte  endlich  am  10.  Mai  1871  der  definitive  Friede  zu  Frank=  10.  Mai
furt  a.  M.  Kein  Gedanke  war  jetzt  mehr  an  die  unselige  Hochherzigkeit,  welche
1815  dem  vernichteten  Frankreich  die  Ausfallsthore  ließ  gegen  Deutschland,  kein
Gedanke  mehr,  auf  Kosten  der  deutschen  Sicherheit  dem  Volke  zu  schmeicheln,
welches  Jahrhunderte  lang  den  Deutschen  die  Lebensbedingungen  abgegraben,
seit  1552  Stück  für  Stück  von  Deutschland  abgebröckelt.  Frei  von  den  Gegensätzen
  einer  englischen  und  russischen  Bundesgenossenschaft  dursten  wir  endlich
unsere  Westgrenze  sichern,  den  Raub  dreier  Jahrhunderte  zurückfordern.  Es  galt,
Frankreich  so  zu  schwächen,  daß  „Deutschland  mit  erhöhter  Zuversicht  einer  neuen
Störung  des  Weltfriedens  entgegensehen“  konnte.  Woran  Hardenberg  einst  Monate
vergeblich  gearbeitet,  wofür  Stein  und  Blücher  mit  der  ganzen  Wucht  ihrer
Persönlichkeit,  Gneisenau  mit  der  Heldenkraft  seiner  glühenden  Beredsamkeit  eingetreten,
  was  einst  die  Badenser  in  begründeter  Furcht  erbeten,  die  Kronprinzen
von  Bayern  und  Württemberg  als  erste  Bedingung  gefordert,  um  den  süddeutschen
Kronen  eine  nationale  Politik  nur  zu  ermöglichen  —  jetzt  war  es  erreicht:  Graf
von  Bismarck  ließ  keinen  Erfolg  aus  der  Hand,  für  welchen  die  deutschen  Heere
geblutet,  der  größere  Teil  Hothlengens,  das  Elsaß  —  wenn  auch  ohne  Belfort
—  war  unser.  König  Wilhelm  hätte  keinen  Frieden  unterzeichnet,  der  nicht  dem
ganzen  Deutschland  die  volle  Möglichkeit,  nach  eigener  Selbstbestimmung  zu  leben,
mit  ganzer  Kraft  nach  außen  sich  zu  schützen,  gewahrt  hätte.

Denn  dazu  war  er  jetßt  allein  beruten  und  auf  den  Schlachtfeldern  Frankreichs
  war  die  Saat  aufgegangen,  welche  die  stille  Arbeit  des  deutschen  Geistes
seit  Jahrzehnten  ausgestreut.  Im  Spiegelsaale  des  Lustschlosses  Ludwigs  XIV.
zu  Versailles  ward  die  Frucht  gebrochen,  nach  welcher  unsere  Väter  so
lange  gelechzt.  „Das  Herrschergeschlecht,  das  uns  zum  Siege  führt“,  so  hatte
der  Herold  der  deutschen  Einheit  kder  Hutten  Bismarcks“,  so  hatte  Heinrich
von  Treitschke  dem  ganzen  Volke  das  Wort  schon  im  Beginn  des  Kampfes
von  den  Lippen  genommen,  „wird  Deutschlands  Krone  tragen.“  Nach  dem  Tage
von  Sedan  hatte  der  Großherzog  von  Baden  den  einfachen  Beitritt  der  Süd-
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        1871

16.  Apr.

18.  Jan.

714  Die  deutsche  Kaiserwürde.

staaten  zum  norddeutschen  Bunde  beantragt,  und  die  bayerische  Regierung  den
Wunsch  eines  Verfassungsbündnisses  ausgesprochen.  Die  vom  Präsidenten  des
Bundeskanzleramtes  Delbrück  erst  in  München  geführten,  dann  mit  allen  südêl*
  Regierungen  in  Versailles  fortgesetzten  Verhandlungen  führten  im  November
um  Abschluß  der  Verträge,  durch  welche  sie  sich  dem  Nordbunde  förmlich  ansclassen,
  und  an  deren  Stelle  später  am  16.  April  1871  die  Reichsverfassung
trat.  Der  König  von  Bayern  richtete  an  König  Wilhelm  ein  Schreiben,  in
welchem  er  ihn  bat,  dem  neuen  Bunde  den  Namen  „Deutsches  Reich“  beizulegen
und  als  Haupt  des  Reiches  den  deutschen  Kaisertitel  anzunehmen.  Der  Reichstag
genehmigte  die  Verträge  mit  diesen  Bezeichnungen,  und  nachdem  die  vom  König
als  unerläßliche  Vorbedingung  bezeichnete  Zustimmung  sämtlicher  deutschen  Fürsten
und  freien  Städte  erfolgt  war,  und  ihre  Bitten  mit  denen  des  Königs  von
Bayern  vereinigt  hatten,  übernahm  König  Wilhelm  am  18.  Januar  1871  die
kaiserliche  Würde  „in  dem  Bewußtsein  der  Pflicht,  in  deutscher  Treue  die  Rechte
des  Reiches  und  seiner  Glieder  zu  schützen,  den  Frieden  zu  wahren,  die  Unabhängigkeit
  Deutschlands,  gestützt  auf  die  geeinte  Kraft  seines  Volkes,  zu  verteidigen".
  „Wir  nehmen  sie  an“,  so  fährt  Kaiser  Wilhelm  in  seiner  Proklamation
fort,  „in  der  Hoffnung,  daß  dem  deutschen  Volke  vergönnt  sein  wird,  den  Lohn
seiner  heißen  und  opfermutigen  Kämpfe  in  dauerndem  Frieden  und  innerhalb  der
Grenzen  zu  genießen,  welche  dem  Vaterlande  die  seit  Jahrhunderten  entbehrte
Sicherung  gegen  erneute  Angriffe  Frankreichs  gewähren.  Uns  aber  und  Unsern
Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone  wolle  Gokt  verleihen,  allzeit  Mehrer  des  Reiches
zu  sein,  nicht  an  kriegerischen  Eroberungen,  sondern  an  den  Gütern  und  Gaben
des  Friedens  auf  dem  Gebiete  nationaler  Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung.“

Nur  zögernd  hatte  König  Wilhelm  sich  entschlossen,  die  „neue  Verpflichtung“
auf  sich  zu  nehmen,  ängstlich  und  mit  zarter  Gewissenhaftigkeit  hatte  er  die  Rechte
seiner  Mitfürsten  im  Reich  gewahrt.  Vornehmlich  an  Bayern  und  Württemberg
waren  wichtige  sachliche  Zugeständnisse  gemacht,  und  mit  peinlicher  Sorgsamkeit
leitete  König  Wilhelm  selbst  den  äußeren,  zeremoniellen  Verlauf  der  unvergleichlichen
Feier  dieser  Kaiser-Proklamation.  Das  hatte  auch  Bismarck  gethan,  als  er  die
Forderung  des  bayerischen  Gesandten,  den  neuen  Kaiser  nicht  als  „Kaiser  von

eutschland“,  sondern  als  „Deutscher  Kaiser“  zu  bezeichnen,  ohne  weiteres  zugestand.
Nun  aber,  als  er  auf  Befehl  seines  Herrn  die  Proklamation  verlesen,  und  der
Großherzog  von  Baden  begeistert  in  die  Versammlung  sein  Hoch  auf  „Kaiser
Wilhelm“  hineinrief,  da  stimmten  alle  anwesenden  Fürsten  nicht  minder  begeistert
ihm  zu,  und  überall,  allüberall  im  deutschen  Vaterlande  fand  die  glückselige  Stimmung
  in  übervollen  Herzen  ein  nicht  enden  wollendes  Echo.  Frohlockend  aber
schrieb  der  „Kronprinz  des  Deutschen  Reichs  und  von  Preußen“  in  sein  Tagebuch
ü„die  langjährigen  Hoffnungen  unserer  Voreltern,  die  Träume  deutscher  Dichtungen
sind  erfüllt,  und,  befreit  von  den  Schlacken  des  heiligen  römischen  Unsegens,  steigt
ein  an  Haupt  und  Gliedern  reformiertes  Reich  unter  dem  alten  Namen  und  dem
tausendjährigen  Abzeichen  aus  sechsigjähriger  Nacht  hervor“.

Wahrlich,  Tag  war  es  geworden  im  deutschen  Vaterland,  Tag  dank  der
Arbeit  der  preußischen  Könige,  und  Tag  mußte  es  bleiben  —  das  fühlte  jeder  —
wenn  auch  die  Gewitter  nicht  sehlen  würden,  die  die  Sonne  der  neuen  Kaiserwürde
  mit  ihren  Wolken  verfinstern  möchten.  —
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        Sechstes  Buch.
Im  neuen  Rleich.

Die  deutsche  Einheit,  auf  den  Schlachtfeldern  Böhmens  begründet,  hatte  sich
behauptet,  hatte  in  der  Sicherung  der  Westgrenzen  zugleich  die  Gewähr  für
ihre  Dauer  erkämpft.  Mit  unvertilgbarer  Schrift  hatte  die  Nation,  wie  Kaiser
Wilhelm  in  dern  Thronrede  dem  ersten  deutschen  Reichstag  es  aussprach,  auf
Frankreichs  Schlachtfeldern  ihren  Willen  verzeichnet,  „#ein  einig  Volk  zu  sein  und
zu  bleiben"“.  Damit  waren  aber  die  Machtverhältnisse  der  Staatengemeinschaft
Europas  vollkommen  andere  geworden.  Ein  neues  Zeitalter  brach  für  Europa
an,  in  welchem  Deutschland  die  Führung  übernahm  und  ein  Ansehen  erlangte,
welches  weit  über  das  der  Ottonen  und  Hohenstaufen  hinausreichte.  Die  Schwäche
und  die  Zerrissenheit  Deutschlands  ist  seit  dem  dreißigjährigen  Kriege  immer
wieder  der  Grund  gewesen  zu  dreisten  Uebergriffen  der  Mächte,  zum  Ausbruch
verheerender  Kriege.  Die  Erstarkung  Deutschlands,  seine  Befähigung,  selbständig
und  ohne  Einmischung  der  fremden  Mächte  seine  Geschicke  zu  bestimmen,  erwies
sich  als  der  zuverlässigste  Bürge  des  Friedens.

Freilich,  der  eben  so  hart  getroffene  Gegner  empfand  es  forkdauernd  als
tiese  Schmach,  in  einem  Kampfe  unterlegen  zu  sein,  der,  wie  ruchlos  auch  immer
vom  Zaune  gebrochen,  doch  mit  der  größten  Zähigkeit  und  Tapferkeit  von  ihm
durchgeführt  war.  Fort  und  fort  rüstete  er  sich,  bis  er  endlich  bis  an  die  Zähne
bewaffnet  dastand,  schon  schüttelte  der  tobende  Haß  den  Köcher  mit  vergifteten
Pfeilen,  aber  mit  staunenswerter  Umsicht,  mit  ebenso  vollkommener  Gerechtigkeit
wie  bestimmter  Entschlossenheit  wußte  Kaiser  Wilhelm  und  sein  getreuer  Fürst
von  Bismarck  dem  leidenschaftlichen  Verlangen  die  Schranke  aufzurichten.  Ohne
Bundesgenossen  hatte  der  Kaiser  den  harten  Strauß  ausgefochten  —  wie  sollte
es  nun  doch  nicht  einige  Besonnenheit  in  Paris  erzeugen,  wenn  das  ganze
kontinentale  Europa  sich  an  seine  Seite  stellte.

Edelmütig  bot  König  Wilhelm  noch  im  Dezember  1870  dem  Herrscher  von
Oesterreich  die  Hand.  Ihn  bestimmte  der  Wunsch,  wie  Bismarck  schrieb,  „mit
dem  mächtigen  und  befreundeten  Nachbarreiche  Beziehungen  zu  pflegen,  welche  der
gemeinsamen  Vergangenheit  ebenso  wie  den  Gesinnungen  und  Bedürfnissen  der
beiderseitigen  Bevölkerungen  entsprächen“  und  in  persönlichen  Besprechungen  zwischen
beiden  Herrschern  und  ihren  Ministern  zu  Gastein,  Ischl  und  Salzburg  gelang
es,  die  Verstimmungen,  welche  noch  herrschten,  völlig  auszugleichen.  Dem  Zaren
trug  Kaiser  Wilhelm  für  die  freundschaftliche  Hallung  während  der  Kriege  seinen
Dank  ab,  indem  er  ihm  auf  der  Londoner  Konferenz  die  Fesseln  abnehmen  ließ,  welche
ihm  der  Pariser  Friede  bezüglich  der  Souveränikätsrechte  im  Schwarzen  Meer  auferlegt
hatte.  Einseitig  hatte  Rußland  zu  aller  Welt  Erschrecken  den  Vertrag  gekündigt,  und
nun  erkannte  selbst  der  vornehmlich  darob  empörtke  Engländer,  daß  allein  durch  die
staatsmännische  Weisheit  und  das  korrekte  Verfahren  Fürst  Bismarcks  der  drohende
europäische  Konflikt  beseitigt  sei.  Alsbalb  (September  1872)  trafen  die  beiden
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        716  Auswärtige  Politik.

Herrscher  von  Rußland  und  von  Oesterreich  am  Berliner  Hofe  ein,  und  mit  erhobenem
  Bewußtsein  über  den  durch  Kaiser  Wilhelm  gefestigten  Weltfrieden  feierte
Europa  dies  Zusammentreffen  der  drei  Herrscher,  das  auf  dem  Grunde  realer
Interessen,  ohne  daß  eine  Zeile  geschrieben  wäre,  weit  sicherer  als  einst  die  salbungsvolle
  Urkunde  der  heiligen  Allianz  Völker  und  Staaten  vereinigte.  Ja,  die  Drei-Kaiser-Zusammenkunft
  wurde  so  sehr  das  Wahrzeichen  der  Berliner  Friedenspolitik,
daß  sie  selbst  wieder  dadurch  gestärkt  wurde,  und  das  Jahr  darauf  auch  König  Viktor
Emanuel  von  Italien,  tief  gekränkt  durch  den  andauernden  Widerspruch  der  Franzosen
gegen  die  Einverleibung  Roms,  erst  nach  Wien,  dann  aber  nach  Berlin  eilte  und  mit
diesem  Besuch  den  Anschluß  Italiens  an  die  Friedensmächte  einleitete.  Wahrlich,
das  waren  großartige  Ergebnisse  einer  ebenso  weisheitsvollen  wie  großmütigen
Politik,  und  wie  laut  immer  an  der  Seine  der  Ruf  nach  Revanche  ertönte,  klar
war  es  doch  selbst  nun  der  blinden  Leidenschaft,  daß  Frankreich  auf  keine  Bundesgenossen
  rechnen  durfte.

Immer  höher  stieg  das  Ansehen  Deutschlands,  immer  zuversichtlicher  blickten
Fürsten  und  Völker  auf  den  Patriarchen  der  Herrscher.  Und  als  es  nun  trotz
aller  Bemühungen  der  drei  Kaiser  zwischen  Rußland  und  der  Türkei  zum  Kriege
kam,  das  Zarenheer  siegreich  bis  an  die  Pforten  Konstantinopels  vordrang  und
der  Türkei  zu  San  Stefano  einen  Frieden  auferlegte,  der  allen  englischen  wie
österreichischen  Interessen  entgegenlief,  also  daß  zwischen  England  und  Rußland  es
zur  Waffenentscheidung  kommen  zu  müssen  schien,  da  war  der  deutsche  Einfluß
an  der  Themse  wie  an  der  Newa  und  Donau  stark  genug,  um  dies  neue  Unheil
von  Europa  abzuwehren.  Auf  Veranlassung  von  Rußland  traten  in  Berlin  die
Abgesandten  der  Mächte  zu  einem  Kongreß  zusammen.  Mit  nie  ermüdender
Geduld,  mit  nie  rastendem  Eifer  hat  Fürst  Bismarck  hier  die  Rolle  des  „ehrlichen
Maklers“  gespielt,  die  Interessengegensätze  der  an  der  Orientfrage  beteiligten
Staaten  zu  versöhnen  getrachtet.  Frohlockend,  wie  einst  in  den  Tagen,  da  an
der  Themse  das  Bündnis  mit  Preußen  das  Evangelium  war,  oder  da  John  Bull
den  Fürsten  Blücher,  weil  er  ihm  die  Fortdauer  seines  weltbeherrschenden  Handels
gereltet,  mit  täppischer  Zudringlichkeit  vergötterte,  frohlockend  rief  der  Engländer
nach  dem  Kongreß  sein  peace  with  honor!  Vor  allem  aber  suchte  Fürst
Bismarck  —  er  selbst  hat  es  oft  genug  betont  —  Rußlands  Wünschen  gerecht  zu
werden.  Reichlich  genug  fürwahr  war  auch  der  Gewinn,  den  er  ihm  verschaffte,
aber  da  es  selbstverständlich  nicht  der  alleinige  Einfluß  war,  der  den  Russen  im
Orient  zufiel,  da  sogar  der  ihm  in  Bulgarien  zugesicherte  durch  die  nationale  Erhebung
  der  Bulgaren  zu  nichte  gemacht  wurde,  so  gelang  es  allmählich  mehr  und
mehr  am  Hofe  zu  Petersburg  der  panslavistischen  Partei,  den  so  lange  wie  im
Halbschlummer  liegenden  Haß  der  Slaven  gegen  alles  deutsche  Wesen  lebhaft  zu
entflammen.  Die  Presse,  ja  selbst  die  Diplomatie  Rußlands  erlaubte  sich  gegen
Deutschland  eine  Sprache,  die  „bis  zu  vollständigen  Kriegsdrohungen  von  der
kompetentesten  Seite  gingen“  und  Deutschland  mit  Oesterreich  zu  entzweien  versuchten.
  So  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  nunmehr  Frankreich  von  einer  Schilderhebung
  Rußlands  die  Verwirklichung  der  eigenen  Revanche-Pläne  hoffte,  und
die  Republik  dem  Zaren  sich  näherte.  In  Berlin  aber  mußte  zwischen  Rußland
und  Oesterreich  gewählt  werden.  Da  war  es  denn  ein  Opfer,  das  Kaiser  Wilhelm
dem  Staate  brachte,  daß  er  seine  persönlichen  Empfindungen  wieder  einmal  hinter
die  Interessen  des  Staates  zurückstellte.  Da  waren  es  Meisterstücke  ersten  Ranges
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        Graf  Coril.  Graf  von  Moud.  von  Holsteln.  Dr.  Busch.
Illrst  von  Hohenlohc.  Gras  von  St.  Valller.  Gras  H.  von  Lord  Odo  Nussel.
Debprez.  Blömarck.  Sadullah  Bey.  Marquls  von  Sallsbury

Baron  Gras  de  Launay.  Waddington.  von  RNadowitz.  VBaron  von  Guvrll.  Lothar  Bucher.  Caratheodor#  ##t  schavon
  Gras  Für#st  von  Uori  von  Beaconoßcld.  Graf  Andrassy.  Jürst  von  Bismarck.  Gras  von  Schuwaloff.  Mehemed  ##l  Pascha.
Laypierle.  Karolyl.  Gortschakosff.

Der  Berliner  Rongreß  1878.

Nach  dem  i.  J.  1881  vollendeten  Gemälde  von  Anton  von.  Werner  (geb.  1813)  im  Rathause  zu  Verlin.
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        718  Auswärlige  Politik.

des  Fürsten  Bismarck,  daß  im  Oktober  1879  ein  Verleidigungs-Bündnis  mit
Oesterreich  gegen  einen  etwaigen  Angriff  Rußlands  abgeschlossen  wurde,  daß
Italien  1883  ihm  beizutreten  bewogen  wurde,  und  1887  der  Dreibund  Deutschlands,
  Oesterreichs  und  Italiens  erneuert  werden  konnte.  Gegenüber  dem  panslavistischen
  Toben  und  dem  französischen  Geschrei,  die  sich,  zumal  als  der  Revanche-Held
  Boulanger  in  Frankreich  die  Geister  entfesselte  und  beherrschte,  mit  einander
zu  häßlichem  Konzert  von  Zorn  und  Mißgunst,  von  Neid  und  Haß  vereinten,
war  hier,  wie  es  der  italienische  Minister  bezeichnete,  eine  Verschwörung  für
den  Frieden  zu  stande  gekommen.  Jahr  für  Jahr  kam  Kaiser  Wilhelm  mit
fremden  Herrschern  zusammen  oder  empfing  ihre  Besuche.  Immer  aufs  neue  bezeugten
  ihre  Huldigungen,  wie  gesichert  in  seiner  Hand  der  Friede  der  Welt  ruhe.
Aber  anders  war  es  doch  nicht.  Auch  nach  einer  Aussprache  des  Kaisers  und
Bismarcks  mit  dem  Zaren  Alexander  III.,  der  1887  in  Berlin  eintraf,  wurden  in
Rußland  die  Vorbereitungen  für  einen  2½  gegen  Oesterreich  getroffen,  wurde
die  aufhetzende  Sprache  der  Presse  in  Rußland  wie  in  Frankreich  stärker  und
leidenschaftlicher,  wurden  die  Rüstungen  hüben  und  drüben  größer  und  kräftiger.
Da  wurde  am  3.  Februar  1888  jener  deutsch-  österreichische  Vertrag  von  1879
veröffentlicht,  Fürst  Bismarck  hielt  am  6.  dieses  Monats  im  Reichstag  jene  ewig
denkwürdige  Rede,  in  welcher  er  nachwies,  wie  oft  in  den  Jahren  daher  durch  die
Politik  des  Kaisers  der  Krieg  vermieden  worden  sei.  Da  war  der  Friede  auch
diesmal  gesichert,  war  gesichert,  weil  das  Reich  wie  Brandenburg  zur  Zeit  des
Großen  Kurfürsten  unter  der  Devise  stand:  „Wir  Deutsche  fürchten  Gott  und  sonst
nichts  in  der  Welt“.  Denn  immer  blieb  Deutschland,  blieben  Deutschlands  Fürsten
einig,  und  wenn  der  Reichstag  nur  allzusehr  der  unberechenbaren  Wandelbarkeit
der  Parteien  und  der  Fraktionspolitik  verfiel,  so  standen  die  deutschen  Fürsten  in
wahrhafter  deutscher  Treue  festgeschlossen  um  den  Kaiser,  der  ihnen  Treue  um
Treue  vergalt  durch  strengste  Aufrechterhaltung  ihrer  Rechte.  Die  innigen  Gesinnungen
  der  deutschen  Fürsten  und  Regierungen  bildeten  daher  in  Wahrheit  einen
der  festesten  Anker  des  deutschen  Reichs.  Daran  änderte  auch  nichts,  daß  in  diesem
oder  jenem  deutschen  Staat  ein  Thronwechsel  staktfand  und  traurige  Ereignisse  ihn,
wie  in  Bayern,  erschwerten,  oder  gar,  wie  in  Braunschweig,  das  Herrschergeschlecht
ausstarb  und  der  nächstberechtigte  Erbe,  der  Herzog  von  Cumberland,  trotzdem
man  ihm  überaus  hochherzig  entgegengekommen  war,  noch  immer  gegen  die
Ereignisse  von  1866  protestierte,  die  Reichsverfassung  nicht  anerkennen  wollte.
Ungestört  und  unter  allseitiger  Zustimmung  konnte  hier  eine  Regentschaft  eingerichtet
  und  sie  dem  Prinzen  Albrecht  von  Preußen  übertragen  werden.  Niemals
vorher  in  der  ganzen  Weltgeschichte  hatte  Deutschland  einen  solchen  Grad  von
Macht  und  Ansehen  erlangt,  war  niemals  eine  solche  Anziehungskrast  für  fremde
Staaten  wie  jetzt  unter  Kaiser  Wilhelm.

Indessen  Bündnisse  erwirbt  nur  der  starte  Staat,  und  besser  als  Allianzen,  hatte
schon  der  Große  Kurfürst  gesagt,  sind  die  eigenen  Kräfte.  Den  Feinden  gebieten,
den  Frieden  erhalten,  kann  nur  der  Staat,  dessen  machtvolle  Rüstung  ihn  fürchten
lehrt.  Die  Behauptung  des  eigenen  Selbst  wie  die  schwierige  Vermittlerrolle  des
„ehrlichen  Maklers“  forderten  daher,  daß  das  Reich  kriegsbereit  blieb,  und  der
stets  wachsenden  militärischen  Uebermacht  Frankreichs  und  Rußlands  gegenüber
mußte  auch  Deutschland  sein  Heer  verstärken.  Nachdem  schon  im  Dezember  1871
eine  Friedensstärke  von  101  659  Mann  bei  zwölfjähriger  Dienstzeit  bewilligt
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        Das  Heer.  719

worden  war,  sollte  1874,  wie  es  die  Verfassung  erforderte,  ein  umfassendes
Wilitcgeset  gegeben  werden  und  die  bisherige  Friedenspräsenz  für  die  Dauer
d.  h.  bis  zum  Erlaß  eines  anderweiten  Gesetzes  festgesetzt  werden.  Es  war  ja
ohne  weiteles  klar,  daß  Deutschland  durch  seine  geographische  Lage,  in  welcher
es  an  drei  europäische  Großmächte  und  vier  Mittelstaaten  angrenzte,  in  seiner
Kriegsführung  nicht  zurückbleiben  konnte,  und  schon  war  uns  Frankreich  um  beinahe
  80000  Mann  in  der  Friedensstärke  voraus,  überbot  durch  seine  zwanzigjährige
  Dienstzeit  erheblich  auch  unsere  Kriegsmacht.  Der  Feldmarschall  Graf
Moltke  selbst  erhob  sich  im  Reichstag,  wies  darauf  hin,  daß  wir  das  in  einem
halb  1en  Jahre  Gewonnene,  in  einem  halben  Jahrhundert  zu  verteidigen  hätten,  daß
wir  Achtung  zwar  überall,  Liebe  aber  nirgends  gewonnen  hätten.  Aber  die
Forderung  der  Regierung  schien  nun  wieder  den  Liberalen  wie  eine  Beraubung
des  über  alles  geschätzten  Budgetrechtes,  und  es  bedurfte  nicht  nur  langwieriger
Verhandlungen,  sondern  auch  einer  lebhaft  für  die  Sache  eintretenden  Bewegung
des  Volkes,  um  schließlich  durch  die  Abgeordneten  Miquel  und  v.  Forckenbeck  einen
Vergleich  dahin  zu  stande  zu  bringen,  daß  die  Vorlage  auf  einen  Zeitraum  von
sieben  Jahren  angenommen  wurde.  Damit  begnügte  sich  die  Regierung,  mit
vollem  Recht  aber  sprach  Kaiser  Wilhelm  es  aus,  daß  die  gesetzliche  Regelung
der  Friedensstärke  der  Zukunft  vorbehalten  bleibe.  Demgemäß  wurde  dann,  nachdem
  dies  sogenannte  „Septennat"  1881  aufs  neue  bewilligt  worden,  demnächst  aber
seinem  Ende  entgegenging,  dem  im  Herbst  1886  zusammentretenden  Reichstag  ein
Gesetz-Entwurf  vorgelegt,  der  wiederum  auf  sieben  Jahre  die  Friedensstärke  um
41135  Mann  erhöhte  und  eine  Vermehrung  der  Kadres  um  31  Bataillone  und
34  Feldbatkterien  vorschlug.  Wieder  hatte  nämlich  Frankreich  sein  Heer  vergrößert,
stand  im  Begriff,  es  noch  weiter  zu  vermehren,  das  russische  war  auch  über  eine
halbe  Million  Streiter  angewachsen  und  sein  Anmarsch  an  der  Grenze  durch  neue
Eisenbahnbauten  wesentlich  erleichtert.  Ueberdies  betrug  in  Deutschland  der  Beitrag,
  den  jeder  Einzelne  für  das  Heer  leistete,  9,50  Mk.,  in  Frankreich  aber
21,37  Mk.  Wohl  wies  der  Feldmarschall  von  Moltke  unter  dem  ehrfürchtigen
Schweigen  der  Welt  darauf  hin,  wie  eine  friedliche  Verständigung  mit  Frankreich
unmöglich  sei,  wie  unsere  beste  und  letzte  Sicherung  in  der  Vorzüglichkeit  des
Heeres  liege,  und  diese  nur  durch  gute  Ausrüstung  der  Truppen,  geschickte  Eisenbahn-Bauten
  und  tüchtige  Festungs-Anlagen  zu  erzielen  sei,  wie  die  Forderung
nur  zur  Aufrechterhaltung  des  Friedens  gestellt  sei,  Deutschland  allein  aber  diesen
erzwingen  könne,  und  auch  Deutschland  nur  dann,  wenn  es  stark  und  kriegsgerüstet
  sei.  Wohl  sprach  Fürst  Bismarck  in  seinen  wuchtigen,  die  ganze  Welt,
nur  nicht  die  Opposition  im  Reichstage  überzeugenden  Reden  für  die  Notwendigkeit
  der  Vorlage,  erörterte  einleuchtend,  mit  welcher  Mühe  die  kaiserliche  Politik
gegenüber  dem  liberalen  Ansturm  in  der  bulgarischen  Frage  den  Frieden  aufrecht
erhalten,  wie  sie  den  Krieg  mit  Frankreich  vermieden  habe,  wie  auch  jetzt  Deutschland
  unter  keinen  Umständen  Frankreich  angreifen  werde,  ein  Angriff  Frankreichs
aber  völlig  unberechenbar,  doch  je  stärker  Deutschland,  desto  unwahrscheinlicher  sei.
Er  wies  vor  allem  darauf  hin,  daß,  wenn  die  Vorlage  abgelehnt  werde,  die  Bestimmung
  der  Reichsverfassung  eintrete,  wonach  jeder  Deutsche  drei  Jahre  dienst-Pflichtig
  sei,  und  nicht  irgend  ein  Prozentsat,  sondern  schlechthin  alle  Waffenfähige
das  Heer  bilden  würden.  Denn  unabhängig  sei  es  von  den  wechselnden  Majoritäten
im  Reichstage  und  —  dem  dürfe  man  sich  nicht  verschließen  —  müsse  es  auch
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        720  Das  Heer.

sein.  Unzweidkutig  deutete  er  auf  eine  Auflösung  des  Reichstages  hin,  dann
aber  laute  für  die  Neuwahlen  die  Parole,  ob  Deutschland  ein  kaiserliches  oder
ein  Parlaments-Heer  haben,  ob  es  sein  Heer  behalten  wolle,  wie  es  in  der  Verfassung
begründet  sei,  oder  ob  dies  durch  die  wechselnden  Majoritäten  des  Reichstages  in
beliebigen  Zwischenräumen  verringert  werden  dürfe.
och  wieder  wie  einst  in  den  Tagen  des  Konflikts  hielt  die  Opposition  ihr
Budgetrecht  höher,  als  die  wohl  verstandene  Pflicht  gegen  das  Vaterland  es
forderte,  und  wieder  verachtete  sie  das  Urteil  aller  im  Inlande  wie  im  Auslande
  als  Autoritäten  anerkannter  Männer.  Der  Reichstag  lehnte  die  Forderung
ab  und  mußte  aufgelöst  werden.  Da  aber  ging  es  mit  stürmischer,  mit  elementarer
Gewalt  durch  das  Volk,  und  beeinflußt  durch  die  tiese  Betrübnis,  die  der  Kaiser
Mitgliedern  des  Herrenhauses  gegenüber  in  herrlichen  Worten  über  die  abgrundtiefe
  Verkennung  seiner  Absichten  und  das  zur  Sicherstellung  des  Reiches  Notwendige
aussprach,  wählte  das  Volk  aufs  neue  seine  Vertreter,  und  mit  überwälltigender
Majorität,  mit  227  gegen  31  Stimmen  nahmen  diese  die  Vorlage  an,  und  bis  zum
31.  März  1894  war  demnach  die  Friedenspräsenz  auf  468  409  Mann  festgestellt.
Es  handelte  sich  nun  weiter  aber  auch  darum,  ebenso  die  Kriegsstärke  des
Volkes  den  militärischen  Vorkehrungen  der  Nachbaren  gleich  zu  machen.  Es  sollte
deshalb  die  waffenfähige  Mannschaft  in  das  stehende  Heer  (der  aktive  Dienststand  und
die  Reserve),  die  Landwehr  1.  und  2.  Aufgebots  bis  zum  39.  Lebensjahre,  sowie
der  Landsturm  bis  zum  45.  Lebensjahre  gegliedert  werden,  also  sechs  Jahrgänge
des  bisherigen  Landsturmes  für  die  Zeit  großer  Gefahr  sofort  und  im  Notfalle
jeder  noch  waffenfähige  Mann  zur  Verteidigung  des  Vaterlandes  bereit  sein.
Und  da  erlebte  Deutschland  das  seltene  schöne  Schauspiel.  Einmütig  und  in
der  schönen  Begeisterung,  in  welche  ihn  jene  erwähnte  Rede  des  Fürsten  Bismarck
gesetzt  hatte,  nahm  der  Reichstag  die  Vorlage  am  6.  Februar  1888  an.  Ja,  die
allgemeine  Begeisterung  setzte  sich  fort  auf  der  Straße,  trug  den  Fürsten  von
Schritt  zu  Schritt  unter  jubelnden  Zurufen  bis  in  sein  Haus.  Ein  helles
Klingen,  eine  freudevolle  Befriedigung  aber  durchzog  das  Herz  des  greisen  Kaisers,
als  er  endlich  einmal  sein  gewissenhaftes,  so  oft  durch  die  That  bewährtes  Streben
voll  und  ganz  auch  durch  die  Vertreter  des  Volkes  anerkannt  sah.  Die  Schlußworte
  der  Thronrede,  die  jeden  Gedanken  an  einen  Angriff  Deutschlands  weit
abgewiesen  aber  auch  scharf  betont  hatte,  daß  wir  mit  Gottes  Hilfe  so  stark
werden  wollen,  daß  wir  jeder  Gefahr  ruhig  entgegensehen  können  —  „diese  Worte“
sagte  Kaiser  Wilhelm  zu  dem  Präsidium  des  Reichs  „hätte  ich  gerne  selbst  zu
Ihnen  gesprochen“.  „Ich  hätte  Ihnen“,  sagte  er,  sein  ganzes  Wesen  und  den
Charakter  seines  Neichs  hell  beleuchtend,  „gerne  gefagt,  daß  ich  den  Frieden  will,
aber,  wenn  ich  angegriffen  werde,  zur  Abwehr  gerüstet  bin.“  Nunmehr  mochte
die  sichere  Gewißheit  seine  Seele  durchfluten,  daß  er  sein  Jahrzehnte  langes
Wirken  für  die  Zukunft  seines  Volkes  voll  gesichert  sah.  Es  war  die  letzte,  es
war  vielleicht  die  größeste  Freude  im  Leben  des  Kaisers.  Es  war  aber  auch,  da
500000  Mann  gleich  für  den  ersten  Waffengang  mehr  aufgeboten  werden
konnten,  in  der  That  zugleich  die  Schöpfung  einer  neuen  Großmacht  in  Europa.
Deutschland  war  nunmehr  nicht  nur  allen  Schwierigkeiten  gewachsen,  sondern,  da
die  feindlichen  Staaten  in  ihren  militärischen  Leistungen  bis  zur  äußersten  Grenze
angelangt  zu  sein  schienen,  aber  weder  die  Unteroffiziersbildung  noch  gar  die  Kraft  seines
ebenso  gebildeten  wie  kameradschaftlich  fühlenden  Offizierskorps  nachahmen  konnten,  allen
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        91  ½

·  stmkwyw
4  2½m
—

61

|

 

Die  Caufe  des  Hrinzen  Wilhelm  (jetzt  Kronprinzen  des  deutsche

Nach  der  Zeichnung  des  Augenzert
Berner,  Gesch  d  Preuß  Sta#tes.  2.  Ans  ch  der  Zeichnung  ¾
        <pb n="893" />
        «  «  hW  1  s
—  W3

7

 

m  Reiches  und  von  preußen)  zu  Potsdam  am  11.  Juni  1882.

u  Anton  v.  Werner  (geb.  187
ae  o  Verlaa  von  Ewil  Sirauß  iu  Vonn.
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        Die  Flotte.  721

allen  europäischen  Mächten  weit  voraus.  Der  Gedanke  Scharnhorsts,  der  preußische
Grundsatz,  daß  es  zwischen  Volk  und  Heer  keinen  Unterschied  gebe,  weil  beide  eins
und  jederzeit  zur  Verteidigung  des  Vaterlandes  bereit  seien,  war  nach  dem  Ausdruck
des  Kronprinzen  durch  die  Fürsorge  des  Kaisers  Gemeingut  der  Nation  geworden.
unmehr  konnte  auch  der  Flotte  eine  viel  eingehendere  Berücksichtigung  als
früher  zu  teil  werden.  Mit  eindringendem  Verständnis  leitete  der  Kaiser  ihre
Entwickelung,  und  für  sie  hatten
auch  die  opponierenden  Parteien
  im  Reichstage,  namentlich
  so  lange  der  Minister
von  Stosch  an  der  Spitze
des  Marinewesens  stand,  Neigung
  und  Bereitwilligkeit.  Mit
tiefer  Ergriffenheit  hatte  einst  der
Prinz  von  Preußen  auf  der
Rhede  von  Spithead  bei  der
großen  englischen  Flottenschau
das  dort  anwesende  kleine  preußische
  Geschwader,  das  Flaggschiff
  Gefion  mit  der  preußischen
Kriegsflagge,  preußische  Uniformen,
  Pickelhauben  und  Trommeln
  gesehen  und  gehört.  Mit
außerordentlicher,  lebhaft  kundgegebener
  Freude,  mit  „glühendem
Interesse“  hatten  Kronprinz  und
Kronprinzessin  ein  Jahrzehnt
später  bei  Nord-Peerd  auf  Rügen
die  Uebungsschiffe  besichtigt.  Mit
vollen  Ehren  hatte  die  kleine  Flotte
1864  gegen  eine  Uebermacht  däni-  Prinz  Heinrich  von  Preußen.
scher  Schiffebestanden,  hatteimletz-  Nach  einem  Lichtbilde
ten  Kriege  trotz  ihrer  notwendigen
Teilung  zwischen  Nord=  und  Ostsee  die  Hoffnung  der  Franzosen  auf  eine  Landung  an
den  norddeutschen  Küsten  vereitelt.  Noch  vor  dem  Kriege  aber  hatte  König  Wilhelm  am
Jahdebusen  die  Weihe  des  neuen  Kriegshafen  Wilhelmshafen  vollzogen,  und
Prinz  Adalbert,  der  viel  verkannte  Schöpfer  der  Flotte  durfte  bei  seinem  Tode  (1873)
wie  viel  auch  anders  geworden  sein  mochte  als  er  geplant,  mit  voller  Befriedigung
  auf  die  Entwickelung  unserer  Seemacht  sehen.  Die  Kieler  Bucht  wurde
ebenfalls  zu  einem  Kriegshafen  ausgebaut,  Werften  wurden  angelegt,  die  Schiffszahl
  unter  sorgsamster  Berücksichtigung  aller  Fortschritte  moderner  Technik  und
der  verschiedenen  Zwecke  der  Schiffe  erheblich  vergrößert,  eine  besondere  Torpedoflotte
  ausgerüstet,  die  Marineverwaltung  und  das  Kommando  neu  organisiert,
Offiziere  und  Mannschaften  mit  militärischer  Gewissenhaftigkeit  ausgebildet,  und
so  das  Bewußtsein  gestärkt,  daß  wir  jetzt  eine  Flotte  haben,  die  gegebenenfalls  unter
Führung  ihres  gebornen  Admirals,  des  Prinzen  Heinrich  von  Preußen  sicherlich
im  eigenen  Angriff  die  beste  Verteidigung  des  Vaterlandes  erkennen  wird.  Endlich
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Staates.  46
        <pb n="896" />
        722

Nordostsee-Kanal.

aber  wurde  der  Grundstein  gelegt  zu  einem  Werk,  das  nicht  nur  für  die  Verteidigung
  unserer  Küsten,  sondern  zugleich  für  den  deutschen  Handel  und  Verkehr  von
d

wur####G-qichs  800  zno

 

 
 
 

 

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*

2

  

 

 

er  erheblichsten  Bedeutung
ein  wird.  War  es  doch
ein  schwerer  Schaden  für
ihn,  daß  die  Ostsee  beinahe
ein  geschlossenes  Binnenwasser
  war,  dessen  einzige
Oeffnung,  die  gefahrvolle
Sundstraße  seit  Jahrhunderten
  von  Dänemark
zur  Erhebung  so  reicher
Zölle  verbarrikadiert  war,
daß  es  beinahe  von  ihnen
gelebt,  seine  kriegerischen
Machtmittel  und  politische
Bedeutung  durch  diese  Einnahmen
  wesentlich  ermöglicht
  hatte.  Das  geeinte
Deutschland  hatte  nunmehr
die  Mittel,  die  Küstenländer
der  Ostsee  endlich  in  unmittelbare
  Verbindung  mit
der  Nordsee  zu  setzen.  1886
wurden  sie  im  Betrage  von
158  Millionen  Mark  bewilligt,
  und  am  3.  Juli
1887  vollzog  der  Kaiser
seierlich  in  Gegenwart  von
Bundesrats=  und  Reichstags-Mitgliedern
  an  der
Holtenauer  Schleuse  die
Grundsteinlegung  des  Nordostsee-Kanals.


Die  Ausbildung  der

Mearine  wurde  aber  in  dem
Maße  notwendiger,  als
äendlich  das  machtvolle

Deutsche  Reich  das  auszuführen
  unternahm,  woran
das  alte  Reich  nie  hatte
denken  können,  was  von
seinen  einzelnen  Fürsten
nur  der  Große  Kurfürst  in
größerem  Umfange  zu  unternehmen
  versucht  hatte,  was
vor  allem  auch  Friedrich
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        Kaiser  Wilhelm  J.  im  neunzigsten  Lebensjahre.
Mach  einem  Lichtbiide

Berner,  Gesch.  d.  Preuß.  Staate#s.  2.  Aust  Verlag  von  Emil  Strauß  .in  Bonn.
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        Kolonialpolitik.  723

der  Große  aus  Mangel  an  Mitteln,  die  sämtlich  gegen  die  Feinde  auf  dem  Lande
konzentriert  werden  mußten,  hatte  unterlassen  müssen,  während  andere  in  Europa
herrschende  Nationen  seit  Jahrhunderten  daran  gearbeitet  hatten.  Es  galt  jetzt
den  mannigfach,  namentlich  durch  England  belästigten  überseeischen  Handel
nicht  nur  durch  den  vortrefflich  organisierten  Konsulatsdienst  und  Verträge  mit
anderen  Staaten  thatkräftig  zu  schützen,  es  galt  dem  deutschen  Volke  durch
vorwärts  strebende  Kolonien  Anteil  am  Welthandel  zu  gewähren.  Das  war
das  Ziel,  für  das  sich  national  gesinnte  Kreise  des  Volkes  mehr  und  mehr
begeisterten,  das  Ziel  aber  auch,  für  welches  die  Oppositionsparteien,  die  in
ihm  nach  dem  Ausdruck  eines  ihrer  Mitglieder  nichts  als  das  Ergebnis  einer
Schugenftsifämmung  bespöttelten,  nur  mühsam  zu  gewinnen  waren.  Schon  im
Jahre  1880  hatte  die  Regierung  durch  Reichsunterstühung  und  Bildung  einer
deutschen  Seehandelsgesellschaft  eine  große  Niederlassung  der  Hamburger  Firma
Godefroy  auf  den  Samoa-Inseln  thatkräftig  fördern  wollen,  der  Reichstag  aber
die  Vorlage  abgelehnt.  Die  Reichsregierung  verhielt  sich  daher  zunächst  abwartend,
im  Jahre  1883  aber  erklärte  sie,  als  der  Bremer  Kaufmann  Lüderitz  an  der
Bai  von  Angra  Pequena,  an  der  Westküste  von  Afrika  ein  Gebiet  von  150  Geviertmeilen
  von  Cap  Frio  bis  zum  Oranjefluß  erworben  hatte,  daß  dessen  Niederlassungen
  unter  dem  Schutz  des  Reiches  ständen,  und  im  folgenden  Jahr  wurde
ebenso  ein  Küstenstrich  westlich  vom  Kamerunfluß,  wo  Hamburger  Firmen  sich
eingerichtet  hatten,  unter  Reichsschutz  genommen.  Die  Heuptlinge  in  Angra
Pequena  sowie  in  Kamerun  und  der  König  von  Togo  versprachen,  keinen  Teil
ihrer  Länder  mit  Souveränitätsrechten  an  irgend  eine  fremde  Macht  oder  Person
abzutreten,  noch  Verträge  mit  fremden  Mächten  ohne  vorherige  Einwilligung  des
Kaisers  abzuschließen,  wogegen  der  Kaiser  den  Schutz  der  Häuptlinge  und  ihrer
Länder  unter  dem  Vorbehalt  aller  gesetzmäßigen  Rechte  Dritter  übernahm.  Die
deutsche  Flagge  wurde  gehißt  und  trotz  des  englischen  Widerspruchs  nicht  heruntergezogen,
  das  deutsche  Protektorat  unter  dem  Beifall  der  afrikanischen  Häuptlinge
aufrecht  erhalten.  Gleichzeitig  aber  entwickelte  Bismarck  das  augerblickliche
Programm  der  Regierung  dahin,  daß  das  Reich  selbst  eigentliche  Kolonien  nicht
gründen,  weder  Beamte  noch  Truppen  in  den  neuen  Ansiedlungen  seiner  Angehörigen
  unterhalten  solle,  wohl  aber  diese  in  seinen  Schutz  nehmen,  die  Konsulate
ausbilden  und  Kohlenstationen  anlegen,  die  Handelsfreiheit  am  Kongofluß  sichern
und  eine  Reihe  von  Dampferlinien  unterstützen  müsse.  Ohne  nationale  Begeisterung,
  ohne  eine  national  empfindende  Volksvertretung  könnten,  so  betonte  der
Fürst,  solche  Kultur  entwickelnden  Meliorationen  nicht  durchgeführt  werden,  hier  aber
müßten  alle  inneren  Parteinnterschiede  dem  Auslande  gegenüber  schweigen.  Sbbt
widersetzten  sich  die  Oppositionsparteien  wieder  solchem  Beginnen,  doch  gelang  es
zuletzt,  die  notwendigen  Summen  zur  Unterhaltung  der  Dampferlinien  des  Norddeutschen
  Lloyd  nach  Ostasien,  nach  Australien  und  nach  Alexandrien  zu  erhalten.

Indem  nun  aber  die  französische  Machtsphäre  am  Kongo  mit  größter  Behutsamkeit
geachtet  wurde,  glückte  es  nicht  nur,  mit  diesem  Nachbarn  ein  volles  Einvernehmen  in
Afrika  hervorzurufen,  sondern  es  kam  auch  dahin,  daß  die  von  England  und  Portugal
beschränkte  Schiffahrt  auf  dem  Kongo,  die  insbesondere  die  Kongogesellschaft  des  Königs
von  Belgien  vom  Meere  abschnitt,  ebenso  wie  die  auf  dem  Niger  freigegeben  wurde,
und  in  Berlin  ein  allgemeiner  Kongreß  der  seefahrenden  Nationen  Europas  und
der  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,  die  Kongo-Konferenz  zusammentrat.

46%
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        724  Kolonialpolitik.

In  einem  umfassenden  Schriftstück  von  38  Artikeln  wurden  die  Beschlüsse
dieser  Konferenz  zusammengefaßt.  Sie  bestimmten,  von  der  Befreiung  des  Kongo
und  Nil  abgesehen,  daß  jede  der  Vertragsmächte  alle  fremden  Flaggen  in  ihr
westafrikanisches  Gebiet  zulassen,  die  Sklaverei  verhindern,  die  Mission  befördern,
keine  Monopole  einführen  und  nur  insoweit  Abgaben  erheben  sollte,  als  zur
Deckung  der  im  Interesse  des  Handels  geleisteten  Auslagen  notwendig  seien.  Der
wichtigste  Artikel  aber  lautet:  „Die  Macht,  welche  künftighin  außerhalb  ihrer
augenblicklichen  Besitzungen  auf  den  Küsten  des  afrikanischen  Festlandes  von  einem
Gebiet  Besißz  ergreift,  oder  welche,  ohne  früher  eins  gehabt  zu  haben,  ein  solches
erwirbt,  ebenso  die  Macht,  welche  daselbst  eine  Schutzherrschaft  errichtet,  wird  die
betreffende  Urkunde  mit  einer  Anzeige  an  die  anderen  Mächte,  die  Mitunterzeichner
dieser  Akte  sind,  einsenden,  damit  diese  Gelegenheit  erhalten,  etwaige  Beschwerden
dagegen  einzulegen."  Außerdem  aber  wurde  für  etwaige  Streitigkeiten  bestimmt,
daß  die  streitenden  Mächte  vor  der  Erhebung  der  Waffen  die  Vermittlung  einer
oder  mehrerer  Verbündeten  oder  ein  Schiedsgericht  aurufen  sollten.

it  diesen  beiden  Bestimmungen  war  unermeßlichen  Erfahren  der  Zukunft
im  voraus  begegnet,  es  war  ein  neues  völkerrechtliches  Verfahren  eingeführt,  und
dies  von  fast  allen  europäischen  Staaten,  auch  von  England,  das  nun  plöglich
mit  einer  ganz  neuen  Größe  in  seiner  Kolonialpolitik,  wie  widerwillig  immer,
rechnen  mußte,  anerkannt.  Und  als  die  Reichsregierung  nun  von  deutschen
Laudsleuten  auf  den  Karolinen-Inseln  um  Schutz  angefleht  wurde,  Spanien  aber
einen  ganz  haltlosen  Anspruch  auf  die  Oberhoheit  in  jenen  Gebieten  erhob,  der
Pöbel  in  Madrid,  obwohl  König  Alphons  erst  vor  zwei  Jahren  bei  seinem  Besuch
in  Deutschland  vom  Kaiser  hoch  geehrt  worden  war,  sogar  sich  bis  zur  Beschimpfung
der  deutschen  Fahne  hinreißen  ließ,  Deutschland  aber  in  Uebereinstimmung  mit
der  Kongo-Akte  die  Erledigung  der  Streitfrage  dem  Schiedsgerichte  des  Papstes
anheimstellte,  da  stieg,  trotzdem  der  Papst  zu  Gunsten  Spaniens  entschied,  das
Ansehen  Deutschlands  im  Auslande  noch  höher.  Die  Mäßigung  und  Zuverlässigkeit,
  welche  die  deutsche  Politik  auch  hier  wieder  bewährte,  gewann  ihr  voll  und
ganz  das  Vertrauen  Europas.  Der  deutsche  Reichstag  aber  glaubte  gerade  damals
seinem  herrlichen  Kanzler  gegenüber  seine,  wie  man  es  genannt  hat,  „Politik  der
Nadelstiche“  so  schroff  wie  möglich  führen  zu  sollen,  er  hatte  den  Mut,  ihm  die
Vermehrung  der  Beamten  im  Auswärtigen  Amt  zu  verweigern,  obwohl  ihm  der
Fürst  die  detailierteste  Schilderung  der  Arbeitslast  machte  und  unter  Berufung.
auf  *  Diensteid  die  Notwendigeei.  der  Forderung  nachwies
aiser  aber  und  die  Nation  ergriffen  die  Gelegenbeit  des  siebzigsten
Cbburtstuges  des  Fürsten,  um  ihm  ihre  Dankbarkeit  in  einer  Weise  zu  bezeugen,
wie  sie  vorher  keinem  Staatsmann  zu  teil  geworden  ist.  Nie  hat  ein  Staatsmann
von  seinem  Monarchen  einen  Brief  erhalten,  wie  ihn  Kaiser  Wilhelm  damals  seinem
Kanzler  schrieb,  und  mit  jenem  feinen  Herzenstakt  wählte  der  Kaiser  sein  Geschenk,
  die  Darstellung  der  Kaiser-Proklamation  im  Schlosse  zu  Versailles,  übergab
es  ihm  in  Gegenwart  seiner  sämtlichen  Prinzen.  Die  Nation  aber  kaufte  ihm
das  Stammgut  seines  Hauses,  Schönhausen  für  1½  Millionen  zurück,  übergab
ihm  fast  dieselbe  Summe,  und  der  Fürst  errichtete  mit  ihr  eine  Stiftung  für
Oberlehrer.

Neben  jenen  europäischen  Verhandlungen  auf  dem  Kongo-Kongreß  in  Berlin

waren  nun  aber  solche  mit  der  inzwischen  gegründeten  „Gesellschaft  für  deutsche
        <pb n="903" />
        Kolonialpolitik.  —  Katholische  Kirche.  725

Kolonisation“  gegangen.  In  Ostafrika  hatten  deren  Vorsitzender  Dr.  Karl  Peters
und  Graf  von  Behr-Bendelin  westlich  vom  Reiche  des  Sultans  von  Zanzibar
durch  Verträge  mit  den  Herrschern  von  Usagara,  Nguru,  Useguha  und  Ukami  ein
Gebiet  von  2500  bis  3000  Geviertmeilen  mit  dem  Recht  der  Landeshoheit  erworben.
  Hierfür  riefen  sie  den  Schutz  des  deutschen  Kaisers  an,  und  am
27.  Februar  1885  ward  auch  dieses  Land  unter  deutschen  Schutz  gestellt.  Dasselbe
  geschah  wenige  Monate  darauf  mit  dem  nördlichen  Teil  der  Insel  Neu-Guinea
  und  den  vorliegenden  Inseln,  dem  nunmehrigen  „Kaiser  Wilhelms-Land“
und  dem  „Bismarck-Archipel“.  In  beiden  Gebieten  wurden  demnächst  die  Rechtsverhältnisse
  durch  Reichsgesetz  geordnet,  in  den  westafrikanischen  Gebieten,  wo  es
an  einer  die  Geschäfte  leitenden  Gesellschaft  fehlte,  wurde  auch  die  Verwaltung  von
Reichs  wegen  geübt.  Ebenso  wurde  auf  den  Marschall-Brown=  und  Providence-Inseln,
  wo  die  Oberhäuptlinge  von  Jaluit  schon  1878  an  Deutschland  eine
Kohlenstation  abgetreten  und  sich  verpflichtet  hatten,  keiner  anderen  Nation  gleiche
Rechte  zuzugestehen,  im  Oktober  1885  die  deutsche  Flagge  gehißt,  die  Inseln  unter
deutschen  Schutz  gestellt  und  zu  dessen  Ausübung  ein  kaiserlicher  Kommissar  bestellt.
Endlich  erbat  und  erhielt  auch  der  Sultan  von  Witu  den  Schußh  des  Reiches,  im
August  erkannte  der  Sultan  von  Zanzibar  dies  Verhältnis  an,  und  selbst  England
fsügte  sich  ihm  durch  Vertrag  vom  1.  November  1886.  Darauf  ward  auch  hier  die
deutsche  Flagge  gehißt.  So  glückte  es,  den  Jahrhunderte  alten  Vorsprung  der
Seemächte  einzuholen,  das  Werk  des  Großen  Kurfürsten  in  großartiger  Weise  aufzunehmen,
  dem  deutschen  Vaterlande  die  Vorteile  des  Welthandels  zuzuführen,  und
nunmehr  vermochte  der  Kaiser  gewiß,  wie  er  es  ausgesprochen  haben  soll,  seinem
gewaltigen  Ahnherrn,  dem  Großen  Kurfürsten,  frei  ins  Gesicht  zu  schauen.  —
Um  so  betrübender  für  den  Kaiser  war  dagegen  der  Kampf,  den  der  preußische
Staat  gegen  die  katholische  Kirche  auszufechten  hatte.  Denn  indem  man  auf  der
einen  Seite  die  Grundlage  des  Staates,  ohne  die  er  nicht  bestehen  kann,  die
Staatshoheit  selbst  in  Gefahr  soh,  beschah  es  doch,  daß  zugleich  das  Gewissen  einer
großen  Zahl  katholischer  Unterthanen  in  harte  Bedrängnis  geriet.  Indem  der
päpstliche  Stuhl  seine  Gesetzgebung  wiederum  als  solche  erklärte,  der  die  wellliche
Gewalt  sich  unterzuordnen  habe,  beanspruchte  er  für  sich  die  Staatshoheit,  die  aufzugeben
  kein  Staat,  am  wenigsten  aber  Preußen,  geneigt  sein  konnte.  Schon  vor
dem  Kriege  hatte  der  Papst  ein  ökumenisches  Konzil  nach  Rom  berufen  und  trotz
aller  Warnungen,  die  von  katholischen  Gelehrten,  Bischöfen  und  Staaten  ausgingen,
  erhob  dies  Konzil  die  Unfehlbarkeit  des  Papstes  zum  Beschluß.  Wiederholt
lehnte  Kaiser  Wilhelm  wie  seine  Regierung  es  ab,  sich  in  Glaubensangelegenheiten
der  katholischen  Kirche  zu  mischen,  aber  durch  die  Konzilbeschlüsse  war  die  geistliche
Autorität  der  Bischöfe  erheblich  beeinträchtigt  und  ihre  rechtliche  Stellung  zum
Staat  angegriffen.  Die  Giltigkeit  der  kirchlichen  Gesetzgebung  war  der  welllichen
übergeordnet,  der  staatlichen  eine  geistliche  Sonveränität  vorangestellt  und  ein
dauernder  Anspruch  auf  Ausübung  eines  Teiles  der  Staatsgewalt  durch  die  geistlichen
  Behörden  in  Anspruch  genommen.  Da  andererseits  zwar  die  Bischöfe,  die
dem  neuen  Dogma  sich  widersetzt  hatten,  nun,  nachdem  es  verkündigt  war,  sich
ihm  unterwerfen  zu  müssen  glaubten,  eine  nicht  unerhebliche  Zahl  katholischer
Staatsbürger  aber  dem  alten  Glauben  treu  blieb,  so  entstand  für  den  Staat  die
Notwendigkeit,  sein  Verhältnis  zu  den  Bischöfen  neu  zu  ordnen  und  die  Altgläubigen
gegen  etwaige  Maßregeln  der  Geistlichkeit  zu  schützen.  Das  war  um  so  notwendiger,
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        726  Katholische  Kirche.

als  der  Erzbischof  Ketteler  von  Mainz  die  Aufnahme  der  die  Freiheit  der  katholischen
Kirche  verbürgenden  Paragraphen  der  preußischen  Verfassung  in  die  des  Reiches
forderte,  Preußen  aber  hierzu  seine  Bundesgenossen  nicht  zwingen  konnte,  und  als
andererseits  der  Erzbischof  von  Posen,  Graf  Ledochowsky  vom  Kaiser  Wilhelm  verlangte,
  er  solle  gegen  die  inzwischen  vollzogene  Einverleibung  des  Kirchenstaates  in
das  junge  Königreich  Italien  sein  Wort  einlegen,  ein  Wunsch,  der  jedem  neuen
Völkerrecht  widersprach  und  Preußen  in  unabsehbare  Händel  verwickelt  hätte.
Der  Konflikt  zwischen  geistlichen  und  weltlichen  Behörden  konnte  demnach  nicht
ausbleiben.  Man  löste  zunächst  die  katholische  Abteilung  im  Kultusministerium  auf,
und  wenn  man  keinen  Geistlichen  oder  Lehrer  hinderte,  die  neue  Lehre  zu  predigen
und  zu  lehren,  so  schützte  man  doch  diejenigen  von  ihnen,  die  in  ihrem  Gewissen  si
zu  der  neuen  Lehre  nicht  zu  bekennen,  vermochten.  Mit  dem  Beginn  des  Jahres
1872  wurde  der  Geh.  Ober-Justizrat  Fark  zum  Kultusminister  ernannt,  und  er
übernahm  das  verantwortliche  Amt  mit  dem  Hinweise  darauf,  daß  die  Kirchen  und
Kirchengemeinschaften  zwar  ihre  Freiheit,  ihre  volle  freie  Bewegung  behalten  sollten,
er  ihr  niemals  hemmend  in  den  Weg  treten,  aber  die  Rechte  des  Staates  gegen
jeden,  auch  gegen  Kirchengemeinschaften  schützen  und  alle  unberechtigten  Ansprüche
vollständig  zurückweisen  werde.  Immer  heftiger  redeten  nun  die  Mitglieder  der
katholischen  oder,  wie  man  sagte,  der  Zentrumspartei,  vor  allem  der  kluge  frühere
hannöversche  Minister  Ludwig  Windthorst  gegen  die  vermeintliche  Unterdrückung  der
katholischen  Kirche.  Bismarck  aber  hatte  in  dieser  Partei  gleich  nach  der  Rückkehr
aus  Frankreich  die  Mobilmachung  gegen  den  Staat  als  das  Charakteristische  erkannt.
Und  der  Papst  lehnte,  als  in  der  Person  des  Kardinals  Fürsten  von  Hohenlohe  ein
deutscher  Botschafter  beim  Vatikan  ernannt  werden  sollte,  dies  und  damit  ein  für
die  Herstellung  des  Friedens  bestimmtes  Verteidigungsmittel  ab,  hoffte,  daß  bald
das  Steinchen  von  der  Höhe  loslösen  möchte,  welches  den  Fuß  des  Kolosses,
welches  das  neue  Reich  zertrümmern  werde.
Es  verstand  sich  daher,  daß  es  bei  den  Worten  des  Fürsten  Bismarck  „Nach
Kanossa  gehen  wir  nicht“,  sein  Bewenden  behielt.  Die  Schulaufsicht  wurde  der
Kirche  entzogen,  der  Orden  Jesu,  wie  er  es  in  mehreren  Bundesstaaten  schon
war,  durch  Gesetz  vom  deutschen  Reichsgebiet  verwiesen,  die  Vorbildung  und  Anstellung
  der  Geistlichen  staatlicher  Kontrolle  unterstellt,  die  Pflicht  der  Anzeige  von
der  Anstellung  neuer  Geistlichen  den  Bischöfen  auferlegt,  die  Zivilehe  eingeführt,
Zwangsmaßregeln  gegen  die  renitenten  Geistlichen  bis  zur  Einstellung  der  Leistungen
des  Staates  an  die  Kirche,  bis  zur  Entsetzung  und  Gefängnisstrafe  katholischer  Geistlicher
  eingeleitet,  ja,  die  Verfassungsparagraphen  über  die  Selbständigkeit  der  Kirche
mußten  geändert,  die  meisten  Bischöfe  ihres  Amtes  enthoben  werden.  Auf  überaus
würdige  Weise  lehnte  der  Kaiser  den  Anspruch,  den  der  Papst  auf  die  Zugehörigkeit
auch  der  Evangelischen  zur  römischen  Kirche  als  der  allein  seligmachenden  erhob,  in
einem  herrlichen  Briefe  ab.  Wie  immer  aber  Papst,  Geistlichkeit  und  Zentrumspartei
gegen  den  Staat  und  seine  Leiter  schalten  und  die  katholische  Bevölkerung  also  aufregten,
  daß  sie  ihre  Religion  wirklich  in  Gefahr  glaubte,  daß  sogar  ein  verkommener
Mensch  sich  durch  ein  Attentat  auf  den  Fürsten  Bismarck  ein  Verdienst  um  seine  Kirche
zu  erwerben  vermeinte:  Das  hatte  der  Kaiser,  das  hatte  Fürst  Bismarck,  das  hatte
auch  Falk  immer  wieder  betont,  daß,  um  mit  den  Worten  dieses  Kultusministers  zu
srrechen,  das  allein  berechtigte  Ziel  eines  so  ernsten  Kampfes  ein  fester  dauernder  Friede
sei.  Eben  diesen  hoffte  man  bei  einem  Wechsel  auf  dem  päpstlichen  Stuhl  zu  er-
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        Katholische  Kirche.  —  Evangelische  Kirche.  727

reichen  und  die  ehrliche  Gewissensnot  der  ihrer  Seelsorger  beraubten  katholischen  Unterthanen,
  die  Unsumme  von  Haß,  die  gegen  den  Staat  geschürt  wurde,  nötigte  dazu.
Es  drohte  die  Gefahr,  daß  die  ultramontane  Gährung,  die  ohnehin  schon  mit
polnischen  und  welfischen  Tendenzen  nur  zu  eng  verquickt  war,  den  Mächten  des
Umsturzes  und  der  Anarchie  zu  gute  kommen,  der  Befestigung  der  Einheit  der  gesamten
  deutschen  Nation  das  ernsteste  Hindernis  bereiten  werde.  Sehr  gern  ergriff
  man  daher  die  Hand,  die  der  neugewählte  friedfertige  Papst  Leo  XIII.  bot,
und  im  Namen  des  Kaisers  drückte  der  Kronprinz  ihm  die  Hoffnung  aus,  daß
da,  wo  eine  grundsätzliche  Verständigung  nicht  erreichbar  sei,  doch  versöhnliche
Gesinnung  beider  Teile  auch
für  Preußen  den  Weg  zum
Frieden  eröffnen  werde,  der
anderen  Staaten  niemals
verschlossen  war.  Trotzdem
dauerte  es  noch  Jahre  und
Jahre,  die  Erbitterung  wollte
nicht  weichen,  jedes  Zugeständnis
  des  Staates  rief  neue
Forderungen  des  Zentrums
hervor,  jede  Verhandlung
zeigte  nur,  wie  unendlich
schwierig  die  Verständigung
in  Wahrheit  war.  Endlich,
nachdem  schon  1881  beim
Vatikan  ein  besonderer  Gesandter,
  von  Schlözer,  ernannt
war,  erfolgte  eine  Revision
der  Kampfgesetze,  die  mit
großer  Majorität  im  Land
tage  gut  geheißen,  vom  Papste

mit  Befriedigung  begrüßt  und
vom  Kaiser  in  der  Hoffnung
auf  endlichen  Frieden  vollzogen
  wurde.  Im  wesent- 



lichen  ist  demnach  nur  die  Paul  auig  Adalbert  adet
staatliche  Schulaufsicht,  die  (ceb.  10.  naust  1827)
Zivilehe,  das  Recht  des  Einspruchs

  gegen  die  feste  Anstellung  von  Geistlichen,  die  Entfernung  der  Jesuiten
aus  dem  Reich  und  die  Zentrumspartei  selbst  geblieben.

Noch  heute  erhebt  sie  Klagen  über  Imparität,  über  ungenügende  Berücksichtigung
  der  katholischen  Kirche,  über  Bevorzugung  der  Bekenner  des  evangelischen
  Glaubens.  Und  doch  hat  der  Staat  für  die  katholische  weit  mehr  Geldmittel
  aufgewendet  als  für  die  evangelische  Kirche,  und  diese  hat  unter  dem
Kulturkampfe  sehr  empfindlich  leiden  müssen.  Sie  erhielt  aber  eine,  in  ¾§W[7
Folge  sich  von  großem  Segen  erweisende  neue  Verfassung,  welche  in  all  ihren
Abstufungen,  der  Gemeinde,  der  Kreis-,  Provinzial=  und  der  General-Synode
die  Laien  zum  Ausbau  der  Kirche  heranzog  und  sie,  die  zum  großen  Teil  der
        <pb n="906" />
        728  Evangelische  Kirche.  —  Kreisverfassung.

Kirche  bislang  gleichgültig,  teilnahmslos  oder  gar  feindlich  gegenüber  standen,  zum
Dienste  und  zur  Mitwirkung  in  der  Kirche  heranzog.  Sie  erfüllte  jahrelang  gehegte
  Wünsche,  und  in  allem  Wesentlichen  war  ihr  Urheber,  der  Präsident  des
Oberkirchenrats  Hermann  auf  die  Vorschläge  und  Entwürfe  zurückgegangen,  die
der  spätere  Berliner  Propst  Immannel  Nihsch  schon  in  den  vierziger  Jahren
einem  Kirchentag  und  dem  Könige  Friedrich  Wilhelm  IV.  unterbreitet  hatte.

Die  Heranziehung  der  Bevölkerung  zur  Löfung  aller  Kulturaufgaben  war  überhaupt
  eines  der  Ziele,  dem  man  entgegenstrebte.  Denn  in  Preußen  hatten  die  Gedanken
der  großen  Reformarbeit  im  Anfang  des  Jahrhunderts  weiter  gewirkt,  waren  innerlich
verarbeitet  und  hatten  tiefere  Wurzeln  geschlagen.  Es  galt  jetzt,  da  die  Teilnahme

des  Volkes  an  der  Gesetzgebung  geschaffen  war,  die  Laien  auch  zur  Verwaltung
heranzuziehen,  sie  durch  die  Mitarbeit  an  der  Verwaltung  für  jene  befähigter  zu
machen.  Es  galt,  die  Selbstverwaltung,  die  jene  Tage  den  Städten  gebracht,
auch  auf  die  Landgemeinden  zu  übertragen  und  in  der  Selbstverwaltung  den
„Zwischenbau  zwischen  Staat  und  Gesellschaft"  weiter  auszubauen,  durch  den  die
einander  widerstreitenden  Interessen  der  einzelnen  Stände  einer  staatlichen  Rechtsordnung
  unterworfen  und  mit  einander  ausgeglichen  und  versöhnt  werden  mußten.
Es  galt,  wie  der  Minister  Graf  Eulenburg  sagte,  die  allgemeine  Dienstpflicht,
die  Preußen  auf  militärischem  Gebiet  groß  gemacht,  auch  auf  das  bürgerliche
Gebiet  zu  übertragen,  es  galt  zugleich,  gleichsam  als  Aequivalent  der  Selbstverwaltung
  auf  dem  Gebiet  der  inneren  Verwaltung  die  Befugnisse  der  Regierungs-Präsidenten
  durch  Beseitigung  der  sie  hemmenden  kollegialen  Verfassung  der  Regierungs-Abteilungen
  zu  erhöhen,  es  galt  endlich,  die  cigentliche  Verwaltung  von
der  Verwaltungs-Gerichtsbarkeit  zu  trennen  und  dieser  die  Unabhängigkeit  und
Sicherheit  der  ordentlichen  Gerichte  zu  schaffen.  Gleich  nach  dem  Kriege  war  diese
Arbeit  im  Ministerium  des  Innern  unter  Graf  Eulenburg  vorgenommen,  und  bis
an  das  Lebensende  des  Kaisers  ist  sie  fortgesetzt.

Zuerst  erschien  der  Entwurf  zu  einer  neuen  Kreisordnung,  welcher  zunächst
für  die  älteren  Provinzen  mit  Ausnahme  Posens  eine  Reihe  von  Verwaltungsgeschäften
  den  Regierungen  abnahm  und  den  Kreisen  übertrug,  welcher  aber  auch
die  gutsherrliche  Polizei  beseitigte  und  sie  Amtsvorstehern  überwies,  die,  vom
Kreise  vorgeschlagen,  vom  Ober-Präsidenten  ernannt,  ihre  ebenso  weit  greifenden
wie  einflußreichen  Befugnisse  als  Ehrenamt  verwalten.  Der  Kreistag  besteht  aus
von  den  Wahlverbänden  der  größeren  ländlichen  Grundbesitzer,  der  Landgemeinden
und  der  Städte  frei  gewählten  Kreisabgeordneten,  und  seiner  Beschlußfassung
unterliegen  die  Kommunal-Angelegenheiten  des  Kreises.  Zu  ihrer  Verwaltung
wählt  er  aus  seiner  Mitte  sechs  Vertreter,  die  unter  Leitung  des  vom  König
ernannten  Landrats  den  Kreisausschuß  bilden,  der  neben  jenen  Geschäften  auch
die  ihm  von  der  Regierung  zugewiesenen  der  allgemeinenen  Landesverwaltung  zu
führen  hat,  der  aber  endlich  neben  diesen  verwaltenden  Befugnissen  zugleich  das
Verwaltungsgericht  erster  Instanz  bildet.  Ueber  ihm  wurde  bei  jedem  Regierungsbezirk
  ein  Verwaltungsgericht  zweiter  Instanz  gebildet,  das  wiederum  neben  zwei
berufsmäßigen  Beamten  aus  drei  gewählten  Laien-Mitgliedern  bestand,  übrigens
für  gewisse  Dinge  auch  als  Gericht  erster  Instanz  zu  entscheiden  hatte.

Begreiflich,  daß  sich  unter  den  Grundbesitzern  gegen  die  Kürzung  ihrer  seit  Jahrhunderten
  ausgeübten  Polizeigewalt  Widerspruch  entwickelte,  aber  in  der  schärfsten  Weise
trat  er  auf.  Trotzdem  der  Kaiser  —  der  lebhaft  an  den  Widerstand  erinnert  wurde,
        <pb n="907" />
        Proviazialverfassung.  —  Rechtspflege.  729

der  einst  der  Steinschen  Reform  entgegentrat,  auf  welcher  doch  seiner  Ueberzeugung
nach  die  heutige  Größe  Preußens  beruhe  —  keinen  Zweifel  darüber  ließ,  daß  er  an
der  Vorlage  festhalten  werde,  wurde  sie  im  Herrenhause  abgelehnt,  r  erfolgte
eine  Vertagung  der  K  K.2  und  durch  einen  „Pairsschub“  wurde  das  Herrenhaus
  um  24  aus  Allerhöchstem  Vertrauen  ernannte  Mitglieder  erweitert.  Die
neu  zusammengetretenen  Kammern  nahmen  nunmehr  die  Vorlage  an,  und  noch  im
Dezember  desselben  Jahres  wurde  sie  als  Gesetz  veröffentlicht.  Demnächst  (1875)
wurde  auch  die  Provinzialverfassung  neu  geordnet,  jede  Provinz  als  ein  Kommunalverband
  mit  Korporationsrechten  ausgestattet,  deren  Vertretung  dem  aus  Abgeordneten
  der  Stadt=  und  Laudkreise  bestehenden  Provinziallandtag  zusteht.  Dieser,
der  vom  König  mindestens  alle  zwei  Jahr  berufen  wird,  und  auf  dem  der  königliche
  Kommissar,  nämlich  der  Oberpräsident  jederzeit  gehört  werden  muß,  regelt
seinen  Geichestegang  selbst,  er  darf  Anträge  und  Beschwerden  an  die  Regierung
richten,  beschließt  über  die  Verwendung  der  Einnahmen,  auch  der  aus  Staatsfonds
stammenden,  über  die  Aufnahme  von  Anleihen,  wählt  den  Landesdirektor  und  die
anderen  Provinzialbeamten  und  wählt  ebenso  seinen  die  Geschäfte  führenden  Provinzial-Ausschuß.
  Weiter  wurde  die  Organisation  der  Verwaltungsgerichte  und
das  Verfahren  ergänzt,  endlich  als  dritte  Instanz  das  Oberverwaltungsgericht  nur
aus  Richtern  zusammengesetzt  und  mit  jeglicher  richterlicher  Unabhängigkeit  umgeben.

Im  Jahre  1880,  als  der  jüngere  Graf  Eulenburg  Minister  des  Innern  war,
wurde  gegen  die  Stimmen  des  Fortschritts  und  des  Zentrums  ein  Gesetz  über  die
Organisation  der  allgemeinen  Landesverwaltung  erlassen,  wurde  für  die  Abteilungen  des
Innern  in  den  Regierungen  die  Kollegialität  aufgehoben  und  1883  unter  dem  Minister
von  Puttkammer,  der  —  nunmehr  aus  zwei  Beamten  und  vier  vom  Provinzial-Ausschuß
  gewählten  Mitgliedern  sowie  dem  Regierungs-Präsidenten  als  Vorsitzenden  bestehende
  —  Bezirks-Ausschuß,  sowohl  als  Verwaltungs=  wie  als  Gerichtsbehörde  neu
organisiert,  die  Aufsicht  über  die  kommunalen  und  genossenschaftlichen  Verbände  auf  den
Landrat  und  den  Regierungs-Präsidenten  übertragen.  Im  Laufe  der  folgenden  Jahre
erfolgte  unter  Beobachtung  der  provinziellen  Eigentümlichkeiten  die  Uebertragung
dieser  Gesetzgebung  auf  die  neuen  Provinzen,  auf  das  Rheinland  und  Weifaln.

och  allgemeiner  und  noch  älter  war  der  Wunsch,  auch  auf  dem  Gebie

der  Rechtspflege  das  Laien-Element  zu  beteiligen,  und  außerordentlich  gachit
empfand  man,  daß  die  nationale  Rechtseinheit  das  Bewußtsein  der  Zusammengehörigkeit
  aller  Deutschen  stärken  und  der  politischen  Einheit  Deutschlands,  wie
der  Kaiser  sagte,  einen  inneren  Halt  geben  werde,  wie  ihn  keine  frühere  Periode
unserer  Geschichte  aufweise.  Hatte  nun  die  Verfassung  des  norddeutschen  Bundes
die  Ausübung  der  Gerichtsbarkeit  den  Einzelstaaten  überlassen,  dem  Bunde  aber
die  Vorschriften  vorbehalten,  nach  welchen  sie  geleitet  werden,  und  die  Einzelstaaten
  einander  Rechtshilfe  leisten  sollten,  so  war  man  doch  schon  1869  durch
die  Einsetzung  des  Reichsoberhandelsgerichts  erheblich  darüber  hinausgegangen
und  hatte  der  Bundesgewalt  auf  dem  Gebiete  des  Handelsrechts  auch  die  Rechtsfprechung
  selbst  überlassen.  Das  Reich  übernahm  nunmehr  die  Aufgabe,  in  höchster
Instanz  auch  in  bürgerlichen  Rechtsstreitigkeiten  und  in  Strafsachen  Recht  zu
sprechen,  den  Einzelstaaten  nur  die  unteren  Instanzen  zu  überlassen,  oder  auch  deren
Verfahren  durch  gemeinsame  Gesetze  zu  regeln  und  die  mannigfaltigen  Verschiedenheiten
  in  den  Gerichts=  und  Prozeß-Ordnungen  zu  beseitigen.  Nach  sehr  mühsamen
  Arbeiten  in  den  Justizministerien  der  einzelnen  Staaten,  vornehmlich
        <pb n="908" />
        730  Rechtspflege.

Preußens,  das  damals  der  Hannoveraner  Leonhardt  leitete,  gelang  es  im  Jahre
1874  drei  große  Entwürfe,  die  Zivilprozeßordnung,  die  Strafprozeßordnung  und
das  Gerichsverfassungsgeset,  die  bei  der  Abhängigkeit  jeder  dieser  Materien  von
der  anderen  in  untrennbarem  Zusammenhang  standen,  vorzulegen.  Nicht  geringer
war  die  Arbeitskraft,  die  darauf  der,  "
Ausschuß  des  Reichstags  unter  Miaquels  Leitung  den  Entwürfen  widmete.  Am
21.  Dezember  1876  wurden  nach  Beseitigung  mancher  Anstände  alle  drei  Entwürfe,
  sowie  eine  Konkursordnung  angenommen,  bald  darauf  erhielten  sie  die
Zustimmung  des  Bundesrats,  wurden  publiziert  und  der  Beginn  ihrer  Gesetzeskraft
  auf  den  1.  Oktober  1879  festgesetzt.  Oeffentlichkeit  und  Mündlichkeit  des
Verfahrens,  freie  Beweiswürdigung  durch  den  Richter,  der  nicht  mehr  aus  Akten,
sondern  aus  Rede  und  Gegenrede  der  Parteien  seine  Ueberzeugung  schöpft,  Schwurgerichte
  und  Schöffengerichte,  d.  h.  die  Heranziehung  des  Laienelementes  zur
Urteilsfällung,  vollste  und  unbedingte  Unabhängigkeit  der  Richter  von  jedem  amtlichen
  Einfluß,  Sicherung  des  Strafvollzuges  und  Schutz  der  Angeklagten,  Gliederung
  des  Instanzenzuges  in  möglichst  viele,  in  ihrer  Zuständigkeit  erweiterte  Amtsgerichte,
  in  Oberlandesgerichte  und  endlich  über  die  Einzelstaaten  hinausgreifend  in  das
nach  Leipzig  verlegte  Reichsgericht:  das  waren  die  Hauptresultate  einer  im  Sinne
gesicherter  Rechtssprechung  wie  der  Einheit  des  deutschen  Volkes  unternommenen
Reform,  die  überdies  noch  durch  eine  Rechtsanwaltsordnung  und  Regelung  der
Konsulargerichtsbarkeit  vervollständigt  wurde.  Mehrfach  sprach  Kaiser  Wilhelm,
der  sich  mit  der  ihm  eigenen  Gewissenhaftigkeit  aufs  sorgfältigste  in  diese  ihm  fernliegenden
  Dinge  eingearbeitet,  seine  Freude  und  Befriedigung  über  das  Gelingen  aus.

Es  war  aber  auf  dem  Gebiet  der  Rechtspflege  noch  mehr  geschehen,  und
wenn  das  Verfahren  einheitlich  geregelt  wurde,  so  war  auch  beinahe  noch  notwendiger,
  das  materielle  Recht,  nach  dem  geurteilt  werden  sollte,  zu  einem  einheitlichen
  zu  gestalten.  Deun  nicht  nur  zerfiel  Deutschland  in  die  drei  großen
Rechtsgebiete  des  preußischen  allgemeinen  Landrechts,  des  Code  Napolêon  und
des  gemeinen  Rechts,  sondern  in  unsagbar  viele  Kanäle  hatte  sich  das  Rechtsleben
  ergossen,  hatte  sich  weiter  und  weiter  zersplittert,  und  Provinzial=  wie  Lokalrechte
  hatten  auch  jene  großen  Gebiete  durchlöchert,  also  daß  wohl  vor  den  Thoren  der
Stadt  ein  anderes  Rechtens  war  als  innerhalb  ihrer  Mauern.  In  der  Natur
der  Sache  aber  liegt  es,  daß  die  überaus  umfassende  Aufgabe,  die  hier  zu  lösen
war,  Jahre  und  Jahre  der  schwer  wiegendsten  Arbeit  voraussetzte.  Doch  mit  solchem
Eifer  arbeitete  die  auf  einen  Beschluß  des  Bundesrats  1874  eingesetzte  Konimission,
daß  der  Kaiser  noch  die  Veröffentlichung  des  in  erster  Lesung  fertig  gestellten  Entwurfs
  nebst  den  Motiven  erlebte  (Januar  1888

Kaum  jemals  aber  hatte  sich  eindringlicher  und  überzeugender  die  fruchtbringende
Kraft  großer  Kriege  erwiesen  als  diesmal,  und  in  vorher  kaum  zu  ahnender  Weise  hob
sich,  worauf  wir  noch  zurückkommen,  jeglicher  Handel  und  jegliche  Industrie.  Freilich
der  Milliardensegen  aus  Frankreich  traf  in  Deutschland  die  Verwaltung  wie  den  Geldmarkt
  völlig  unvorbereitet  und  hilflos,  so  daß  es  kaum  fehlen  konnte,  daß  ein  Taumel
des  Schwindels  die  Menschen  überfiel,  der  Gefahren  und  Unsauberkeiten  genug  zeitigte.
Doch  war  das  vorübergehend,  kaum  hatte  man  den  Finger  auf  die  Wunde  gelegt,
als  sie  schon  heilte,  und  der  Krach,  der  Börse  und  Aktiengesellschaften  zum  Opfer
fielen,  wirkte  doch  wieder  reinigend.  Unter  ganz  anderen  Bedingungen,  mit
weit  größeren  Erfolgen  arbeitete  im  deutschen  Reich  der  Handel,  die  Industrie,
        <pb n="909" />
        Anwachsen  der  Sozialdemokratie.  731

das  Fabrikenwesen  als  einst  in  den  zersplitterten  Einzelstaaten,  und  ihnen  vornehmlich
  nützten  alle  Erleichterungen  des  Verkehrs,  die  Ausbildung  der  Flotte,
die  Entstehung  der  Kolonien.  Die  ganze  Lebensführung  der  Nation  wurde  eine
bessere,  reichere,  und  das  Anwachsen  der  großen  Städte  vornehmlich  Berlins,  dessen
Einwohnerschaft  sich  fast  verdreifachte,  dessen  Verwaltung  zumal  auf  dem  Gebiete  des
Schulwesens,  der  Gesundheits=  und  Armenpflege  vortrefflich  geleitet,  dessen  Aeußeres
durch  zahllose  Prachtbauten,  Denkmäler  und  anderen  Verschönerungen  ein  völlig
anderes  wurde,  lieferte  den  vollgiltigen  Beweis  für  den  wachsenden  Reichtum  der  Nation.
Der  Gewinn  der  völlig  veränderten  Lebensweise  war  natürlich  auch  den
niedersten  Schichten  der  Bevölkerung  zu  gute  gekommen,  hatte  ihre  Daseinsbedingungen
  gegen  früher  erheblich  gebessert.  Denn  jede  Steigerung  des  allgemeinen
  Wohlstandes  hebt  naturgemäß  auch  die  Lebensführung  der  Geringsten,
immer  aber  ist  dies  nur  absolut  der  Fall,  während  relativ  der  Gegensatz  zwischen
Arm  und  Reich  bestehen  bleibt.  Und  ihn  nach  bester  Möglichkeit  auszugleichen,
bleibt  daher  stets  Christenpflicht,  bleibt  Aufgabe  des  christlichen  Staates.  Mit
nacktem  Egoismus  waren  nun  aber  wie  zu  den  Zeiten  Friedrich  Wilhelms  I.,
namentlich  die  kapitalskräftigen  bürgerlichen  Kreise  an  dem  Elend  der  breiten  Massen
vielfach  vorüber  gegangen  und  hatten  mit  den  Zügellosigkeiten,  die  scharf  genug
sich  äußerten,  zugleich  die  berechtigten  Wünsche  abgethan.  Die  politische  Freiheit,
sich  selbst  zu  helfen,  hatte  ja  jeder  Staatsbürger,  ob  er  aber  wirtschaftlich  dazu
im  stande  war,  das  kam  für  viele  nur  wenig  in  Betracht.  Machtvoll  war  daher
inzwischen  die  Sozialdemokratie  angewachsen  und  bedrohte  mit  ihrer  Verleugnung
und  Bekämpfung  aller  staatlichen  und  sozialen  Ordnungen,  wie  sie  seit  der  Eisenacher
Versammlung  im  Jahre  1869  nicht  mehr  zweifelhaft  sein  konnte,  alle  Staaten,
jede  Kultur  und  Religion,  bedrohte  alles,  was  heilig  und  recht  ist,  mit  völliger
Vernichtung.  Wie  aber  um  allen  die  Augen  zu  öffnen,  hatte  der  Abgeordnete
Bebel  schon  im  ersten  Reichstag  die  Wiedereroberung  von  Elsaß  und  Lothringen
einen  Schandfleck  in  der  deutschen  Geschichte,  ein  Verbrechen  gegen  das  Völkerrecht
  genannt,  sich  offen  zu  den  Thaten  der  Pariser  Kommune  bekannt  und  den
Schlachtruf  des  gesamten  europäischen  Proletariats  ausgestoßen:  „Krieg  den
Palästen,  Friede  den  Hütten,  Tod  der  Not  und  dem  Müßiggange"“.  Alsbald  (zu  Gotha
1875)  kam  es  auch  zum  Zusammeuschluß  des  von  Lassalle  begründeten  gemäßigteren
und  nationalen  allgemeinen  deutschen  Arbeitervereins  mit  der  sozialdemokratischen
Arbeiterpartei,  und  nun  forderte  man  die  Verwandlung  der  Arbeitsmittel  in  Gemeingut
  der  Gesellschaft  sowie  die  genossenschaftliche  Regelung  der  Gesamtarbeit  mit
gemeinnütziger  Verwendung  und  gerechter  Verteilung  des  Arbeitsertrags.  Die  Befreiung
  der  Arbeiter  müßte,  so  fuhr  man  fort,  das  Werk  der  Arbeiterklasse  sein,
der  gegenüber  alle  anderen  Klassen  nur  eine  reaktionäre  Masse  seien.  Deshalb
müsse  man  mit  allen  gesetzlichen  Mitteln  den  freien  Staat  und  die  sozialistische
Gebscheft  fordern,  die  Zerbrechung  des  ehernen  Lohngesetzes  durch  Abschaffung
des  Systems  der  Lohnarbeit,  die  Aufhebung  der  Ausbeutung  in  jeder  Gestalt,  die
Beseitigung  aller  sozialen  und  politischen  Ungleichheit.  Zwar  wirke  man  im
nationalen  Rahmen,  des  internationalen  Charakters  der  Arbeiterbewegung  aber  sei
man  sich  wohl  bewußt  und  entschlossen,  alle  Pflichten,  welche  dieser  den  Arbeitern
auferlege,  zu  erfüllen,  um  die  Verbrüderung  aller  Menschen  zur  Wahrheit  zu
machen.  Und  im  Verfolg  dieser  Gedankenreihe  schloß  man  in  der  That  1877
zu  Gent  einen  internationalen  Bund  zwischen  allen  Sozialisten.
        <pb n="910" />
        732  Attentale.  —  Ausnahmegesetz.

Ging  man  nun  mit  dieser  Verleugnung  alles  Eigentums  und  jedes  Vaterlandes
  weit  hinaus  über  die  berechtigten  Forderungen  und  Beschwerden  der  Arbeiter,
  für  welche  Fürst  Bismarck  die  beteiligten  Minister  schon  lange  zu  gewinnen
gesucht,  und  für  deren  bessere  stgial-  Lage  er  gleich  nach  dem  Kriege  slususd  seine
Stimme  erhob  —  er  dachte  an  die  Bildung  von  Abbeitergenossenschaften  und  die  Beteiligung
  der  Arbeiter  am  Unternehmergewinn  —  so  übe  ertrumpfte  die  von  den
Führern  der  Sozialdemokratie  betriebene  Agitation  in  der  Presfehkt  in  Vereinen  und
Versammlungen  noch  weitaus  jene  Forderungen.  Die  Verhöhnungen  von  Religion
und  Vaterland,  die  Verhetzung  der  Armen  gegen  die  Reichen,  die  aufreizenden
Reden  gegen  jede  Ordnung,  jede  Zucht  und  Sitte,  die  Verspottung  alles  Heiligen,
jedes  Gesetzes  nahm  einen  Umfang  an,  der  deutlich  den  Vulkan  kennzeichnete,  auf
dem  man  stand.  Denn  ein  tobender  und  rasender  Beifall  lohnte  die  Redner,
mit  höchster  Gier  verschlang  man  die  Erzeugnisse  der  Presse.  Alle  Leidenschaften
waren  entfesselt  und  der  wilden  Begier  Raum  und  Wege  gewiesen.  Jede  Reichstagswahl
  zeigte  in  erschreckender  Weise,  wie  die  Unzufriedenheit  zunahm,  jeder  Blick  auf  die
sich  häufenden  Streiks,  wie  viele  Kreise  sie  ergriffen.  Da  war  es  denn  kaum  noch
ein  Wunder,  daß  auch  der  Meuchelmord  ein  berechtigtes  Mittel  erschien,  um  endlich
dem  Staat  und  der  Gesellschaft,  die  alles  verschuldet,  völlig  den  Garaus  zu  machen.

Und  doch,  wie  versteinert,  wie  aus  allen  Himmeln  gefallen  war  die  bürgerliche
Gesellschaft  nun,  da  ein,  nein  nicht  ein,  da  zwei  Verbrecher  es  wagten,  diese  Folgerung
zu  ziehen,  es  wagten  das  Leben  des  greisen  Kaisers  anzutasten,  auf  sein  Haupt,  das
die  Nation  wert  hielt  als  ihr  Palladium,  ihr  Heiligtum  die  Mordwaffe  zu  richten!
Als  Bebel  jenen  Schlachtruf  des  Proletariats  ausstieß,  da  hatte  er  im  Reichstage
  Heiterkeit  erweckt,  als  Bismarck  die  Todesstrafe  für  den  Mordversuch  gegen
den  Monarchen  verlangte,  da  glaubte  man,  er  rede  von  Zeiten,  die  völlig  vergangen:
  nun  war  das  Entsetzliche  geschehen,  der  Kaiser  bei  dem  zweiten  Attentat
schwer  verwundet,  also  daß  der  Kronprinz  seine  Stellvertretung  übernehmen  mußte.
Der  Nation  stieg  die  Schamröte  in  das  Gesicht,  in  rührender  Weise  bethätigte
sie  dem  Kaiser  ihre  Trauer  und  Teilnahme,  aber  der  Reichstag  lehnte  den  jetzt
gegen  die  Umsturzbewegungen  ihm  vorlegten  Gesehentwurf  ab.  Erst  ein  neu  gewählter
  Reichstag  gewährte  auf  2½  Jahr  die  von  der  Regierung  verlangten
schärferen  Maßregeln  gegen  Vereine  und  Verbindungen,  welche  durch  sozialdemokratische,
  sozialistische  oder  kommunistische  Bestrebungen  den  Umsturz  der  bestehenden
  Staats=  oder  Gesellschaftsordnung  bezweckten,  sowie  den  öffentlichen  Frieden,
die  Eintracht  der  Bevölkerungsklass,  wen  gefährdete.  Mehrfach  ist  dann  dies  als  ein
nicht  auf  dem  Boden  des  gemeinen  Rechts  stehendes,  viel  gescholtene  Ausnahmegesetz
  verlängert  worden.  Man  hoffte  von  ihm,  obwohl  es  an  und  für  sich  nur
negativ  wirken  sollte,  doch  zugleich  auch  einen  positiven  Erfolg  zu  erlangen,  insofern
  es  den  Terroismus  der  sozialdemokratischen  Partei  brechen  und  die  vielen
Arbeiter,  die  nur  widerwillig  und  notgedrungen  handeln  mußten,  wie  die  Partei
es  vorschrieb,  von  dieser  Tyrannei  befreien  werde.  Völlig  durchdrungen  aber
war  vornehmlich  der  Kaiser  gleich  vielen  seiner  Ahnen,  von  der  Notwendigkeit,
einen  Ausgleich  zwischen  den  harten  Gegensätzen  der  verschiedenen  Gesellschaftsklassen
  zu  schaffen  und  eine  neue  Ordnung  zu  begründen,  die  den  Frieden  zwischen
ihnen,  die  das  Wohl  der  unteren  Klassen  aufs  neue  zu  beleben  vermöchten.

Wiederholt  wies  er,  als  er  nach  seiner  Genesung  in  die  festlich  geschmückte
Hauptstadt  zurückkehrte,  auf  die  Notwendigkeit  der  Heilung  der  Wunden,  den  Ein-
        <pb n="911" />
        Sozial-Geseygebung.  733

fluß,  den  die  Religion  auf  sie  üben  werde,  hin,  und  wieder  hatte  Fürst  Bismarck
bei  der  Beratung  des  Sozialistengesetzes,  das  er  besser  Anarchistengesetz  nennen
wollte,  die  Notwendigkeit  betont,  „den  Arbeitern  einen  höheren  Anteil  an  den
Erträgnissen  der  Industrie  zu  gewähren  und  ihre  Arbeitszeit  nach  Möglichkeit  zu
verkürzen,  soweit  die  Grenzen,  die  durch  Wettbewerb  und  die  absatzfähige  Fabrikation
gezogen  sind,  beide  Bestrebungen  noch  gestatten“".  Denn  „die  positive  Förderung
des  Wohles  der  Arbeiter“,  die  der  Kaiser  als  „seine  kasserliche  Pflicht“  bezeichnete,
war  in  Wahrheit  der  Kern  der  sozialen  Politik,  wie  sie  die  Regierung  alter
preußischer  Tradition  entsprechend  neu  zu  entwickeln  suchte.  Freilich  der  alten
Volkswirtschaftslehre  —  die  in  der  Hoffnung,  daß  der  ungebundene  Wettbetrieb,  die
freie  Konkurrenz  allein  alles  aufs  beste  regeln  werde,  der  Staat  nichts  dazu  thun  dürfe,
ihm  vielmehr  nach  dem  Ausdruck  des  Abgeordneten  Bamberger  nur  die  Rolle  des
auf  äußere  Ordnung  bedachten  „Nachtwächters“  zustehen  solle  —  waren  solche  Pläne
ganz  entsetzlich.  Aber  schon  hatte  auch  die  Wissenschaft  diese  Lehre  über  den
Haufen  geworfen,  hatte,  wie  der  Straßburger  Professor  Schmoller  ausführte,  im
Staat  die  großartigste  sittliche  Erziehungsanstalt  des  Menschengeschlechts  erkannt,
der  Staatsgewalt  wieder  die  Aufgabe  zugewiesen,  über  den  selbstischen  Klasseninteressen
  zu  stehen,  die  Gesetze  zu  geben,  die  Verwaltung  mit  gerechter  Hand  zu
leiten,  die  Schwachen  zu  schützen,  die  unkeren  Klassen  zu  heben  und  hatte  in  dem
zweihundertjährigen  Kampf  des  preußischen  Königshauses  und  seiner  Beamten  für
Rechtsgleichheit,  Beseitigung  aller  Sonder=  und  Vorrechte  der  höheren,  für  Entfesselung
  und  Hebung  der  unteren  Klassen  —  von  dem  wir  hörten  —  das  beste  Erbteil
unseres  deutschen  Staatswesens  erkannt,  dem  wir  nimmer  untreu  werden  dürften.

Fürst  Bismarck  bezeugt  selbst,  da  lange  Jahre  ihn  die  auswärtige  Politik
voll  beschäftigt  habe,  aber  1877  sei  ihm  die  Not  des  Landes,  das  Ausblasen
aller  Hochöfen,  das  Zurückgehen  des  Lebensstandes,  der  Industrie,  der  Arbeiter,
das  Darniederliegen  aller  Geschäfte  äußerlich  so  nahe  getreten,  daß  er  sich  „um
diese  Dinge  bekümmern  mußte".  Mit  seiner  ganzen  übermächtigen  Kraft  hat  er
es,  nachdem  mehrere  Minister,  die  ihm  nicht  folgen  mochten,  ihre  Entlassung  erbeten
  hatten,  Graf  Stolberg-Wernigerode  zum  Vize-Präsidenten  des  Staatsministerium
  ernannt  war,  gethan,  und  seine  Pläne  gewannen  in  dem  Maße  Aussicht
  auf  Erfolg,  als  die  im  Herbst  1878  entstandene  volkswirkschaftliche  Vereinigung
des  Reichstages  Bestand  behielt.  Zur  Hebung  der  von  den  Arbeitern  beklagten
Mißstände  wurden  Fabrikinspektoren  eingesetzt,  Einigungsämter  zur  Beilegung  ihrer
Streitigkeiten  mit  den  Brotherren  gegründet,  die  Sonntags-,  die  Frauen=  und
Kinderarbeit  beschränkt.  Weiter  aber  handelte  es  sich  um  eine  volle  Reform  des
Steuer-,  des  Zoll=  und  des  Eisenbahnwesens,  sowie  um  den  Plan,  durch  eigene
Einnahmen  des  Reiches  die  Beiträge  der  Einzelstaaten  zu  ermäßigen  oder  abzuschaffen
  und  durch  eine  Ausgleichung  der  Steuersysteme  ihnen  die  Möglichkeit  zu
gewähren,  die  unteren  Klassen  von  den  direkten  Steuern  zu  befreien,  die  Mittelklassen
  zu  erleichtern.  Die  unbedingte  Oeffnung  unserer  Grenze  für  die  ausländische
  Einfuhr,  die  noch  wesentlich  durch  die  Thatsache,  daß  die  Eisenbahnen
im  eigenen  Interesse  sie  weit  billiger  als  die  deutschen  Erzeugnisse  beförderten,  verschlimmert
  wurde,  während  die  übrigen  Staaten  den  Eingang  deutscher  Waren
mit  erheblichen  Zöllen  belastete,  hatte  dahin  geführt,  daß  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung
  Frankreich  4,88  Mk.,  Großbritannien  12,59  und  Amerika  16,34,
Deutschland  aber  nur  2,83  Mk.  vereinnahmte,  also  in  viel  höherem  Maß  auf
        <pb n="912" />
        734  Sozial-Gesetzgebung.

die  direkten,  den  kleinen  Mann  besonders  drückenden  Steuern  angewiesen  war,
daß  die  deutsche  Industrie  mit  der  auswärtigen  nicht  mehr  Schritt  halten  konnte,
den  auswärtigen  Markt  fast  ganz  verlor,  den  einheimischen  kaum  noch  behauptete.
Heftig  platzten  die  Geister  im  Reichstage  zusammen,  als  Fürst  Bismarck  ihnen
nun  einen  neuen  Zolltarif  vorlegte,  der  doch  erheblich  hinter  dem  von  1818  zurückblieb.
  Die  seit  Jahren  mit  Hingebung  gepflegte  und  auch  von  der  preußischen
Regierung  befolgte  Theorie  des  freien  Handels,  von  der  Kraft,  mit  der  sich  Angebot
  und  Nachfrage  in  dem  Maße  günstig  entwickeln  werde,  wie  man  sie  ungebunden
  sich  selbst  überließ,  war  in  der  That  ernsthaft  in  Frage  gestellt,  und  als
nun  gar  der  Abgeordnete  von  Frankenstein
  die  Ueberweisung  gewisser  Ueberschüsse
  aus  den  Zöllen  an  die  Einzelstaaten
  beantragte,  da  schien  dies
„unchristlich,  kulturfeindlich,  unvernünftig“.
  Indessen  dank  der  Unterstützung
  der  Konservativen  und  des
Zentrums  wurden  im  Herbst  des
Jahres  die  Zölle  auf  Eisen,  Getreide
und  Holz,  der  ganze  Entwurf  angenommen
  und  ebenso  gelangte  das
Eisenbahngesetz  zur  Annahme,  welches
dem  Staate  die  Mittel  gab,  die
Privat-Eisenbahnen  anzukaufen,  um
der  Ausbeutung  des  Publikums  durch
Privatgesellschaften  ein  Ende  zu
machen,  den  Schienenweg  zu  einer
dem  öffentlichen  Nutzen  der  ganzen
Bevölkerung  dienenden  Verkehrsanstalt
  zu  gestalten  und  den  freien  Verkehr
  in  durchgreifender  Weise  zu  be--
  leben.  Hinterher  erst,  da  eine  Privat-—
  "  bahn  nach  der  anderen  vom  Staate
—
—  angekauft  wurde,  das  Bahnnetz  von
Albert  Maybach,  Staatsminister  8000  auf  etwa  40  000  Kilometer
und  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten.  stieg,  empfand  man  recht,  welche  Unzuträglichkeiten,
  welche  Härten  man  sich
von  den  auf  ihr  eigenes  Interesse  angewiesenen  Privatgesellschaften  hatte  gefallen
  lassen  müssen.  Vor  allem  die  Landwirtschaft  wie  die  Industrie  lernten  in
dem  billigen  einheitlichen  Tarif,  in  der  straffen  Organisation  durch  preußische
Beamte,  in  der  Anlage  der  Sekundärbahnen,  die  weltenlegenen  Orten  und  Gegenden
die  Wohlthaten  des  Verkehrs  mit  den  Kulturzentren  zuführten,  den  Segen  des
neuen,  durch  den  Minister  von  Maybach  geschaffenen  Gesetzes  kennen.  Ueberdies
  brachten  die  Eisenbahnen  einen  so  hohen  Ueberschuß,  daß  sie  1888  nicht  nur
die  Zinsen  für  die  Staatsschulden  deckten,  sondern  sie  um  etwa  39  Millionen
überstiegen,  vor  allem  aber  war  auch  die  Erwerbsfähigkeit  sowie  die  Möglichkeit
weiterer  Ausbildung  für  den  kleinen  Mann  in  immer  steigendem  Maße  gestiegen,
zumal  Hand  in  Hand  mit  dem  Eisenbahnwesen  an  der  Regulierung  der  Ströme,
        <pb n="913" />
        Sozial-Gesehgebung.  735

sowie  ihrer  Verbindung  durch  Kanäle  erheblich  gearbeitet  wurde,  und  vollends
durch  das  Verdienst  des  zum  Staatssekretär  erhobenen  Generalpostmeisters  Stephan
der  Weltpostverein  ganz  ungeahnte  Erleichterungen  dem  Verkehr  brachte.  Die
Postverwaltung  wurde  von  Jahr  zu  Jahr  eine  größere.  Von  4600  stieg  die
Zahl  ihrer  Anstalten  auf  20.000,  die  Telegraphenanstalten  vermehrten  sich  von  1000
auf  über  13000,  die  Briefsendungen  von  734  auf  über  2000  Millionen,  die
Packetsendungen  von  50  auf  beinahe  100  Millionen,  der  Telegramme  von  7  auf
21  Millionen,  und  die  Einnahmen  der  Post  stiegen  von  70  auf  über  200  Millionen
Mark.  Mit  unwiderleglicher  Sicherheit  beweisen  diese  Zahlen,  welchen  ungeheuren
Aufschwung  der  Verkehr  und  mit  ihm  Handel  und  Industrie  gewonnen  haben,
aber  auch  der  unermeßliche  Segen  für  den  kleinen  Mann  liegt  ganz  abgesehen
von  der  Schar,  die  als  Beamte  der  Eisenbahn=  und  Postverwaltung  dauernde
Beschäftigung  und  gutes  Einkommen  fanden,  auf  der  Hand.  Immer  wieder  konnte
in  Preußen  ein  sehr  erheblicher  Steuererlaß  zugestanden  werden,  und  bald  kam
es  dahin,  daß  das  Reich  die  Finanzen  der  Einzelstaaten  außerordentlich  erleichtern,
fast  150  Millionen  ihnen  zuweisen  konnte.  Obwohl  demnächst  auch  namentlich
für  das  Volksschulwesen  ein  sehr  erheblicher  Zuschuß  geleistet,  später  auch  das
Schulgeld  ausgehoben  wurde,  so  kam  es  weiter  dahin,  daß  ein  sehr  hoher
Prozentsatz  der  Bevölkerung  überhaupt  von  allen  Personalsteuern  befreit  wurde,
also  daß  in  Preußen  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  nur  25  Mk.  Steuer  gezahlt
  werden,  während  Frankreich  wie  England  mehr  als  das  Doppelte,  jenes
61,  dieses  58  Mk.  entrichten.

So  erheblich  diese  den  liberalen  Parteien  mühsam  abgekämpfte  Erleichterung
des  kleinen  Mannes  war,  so  schwand  doch  jede  Aussicht,  das  Mittel  zu  erlangen,
in  welchem  Fürst  Bismarck  die  ergiebigste,  am  wenigsten  drückende  und  daher  voll
gerechtfertigte  Finanzquelle  sah:  das  Tabaksmonopol  oder  doch  die  höhere  Besteuerung
  des  Tabaks.  Keineswegs  aber  war  Kaiser  Wilhelm  geneigt,  sich  durch
Parlamentsreden  und  Fraktionspolitik  an  der  Ausübung  derjenigen  Pflichten
hindern  zu  lassen,  die  ihm  aus  seiner  Stellung  als  Christ  und  Monarch  von
selbst  sich  ergaben.  Nächst  der  Stärkung  der  wirtschaftlich  Schwachen  durch  den

erzicht  auf  ihre  Steuern,  galt  es  nun  vor  allem  den  Schutz  der  bei  der  Arbeit
Verunglückten  wie  der  zu  ihr  durch  Alter  untüchtig  Gewordenen.  Indem  jene
bisher  eine  Schuld  des  Betriebsunternehmens  an  ihrem  Unfalle  nachweisen  mußten,
um  eine  Entschädigung  zu  erhalten,  erhöhten  die  dadurch  entstandenen  Prozesse
den  Haß  der  Armen  gegen  die  Reichen,  und  indem  diese  lediglich  auf  die  Almosen
der  Armenpflege  angewiesen  waren,  wurde  das  Gefühl  menschlicher  Würde  in
ihnen  erstickt  und  zugleich  die  Erbitterung  gegen  die  vom  Schicksal  Begünstigten
geschärft.  Da  nun  trat  der  Kaiser  mit  jener  Allerhöchsten  Botschaft  vom
17.  November  1881  an  den  Reichstag  hervor,  die  seitdem  und  noch  auf  lange
hinaus  die  Grundlage  unseres  staatlichen  Lebens  sein  wird  und  den  sozialen
Charakter  des  preußischen  Königtums  auch  auf  die  deutsche  Kaiserwürde  endgiltig
übertrug.  „Die  Heilung  der  sozialen  Schäden“,  so  wurde  vom  Hohenzollern=Thron
  wieder  alle  Welt  belehrt,  „werde  nicht  ausschließlich  im  Wege  der  Repression
sozialdemokratischer  Ausschreitungen,  sondern  gleichmäßig  auf  dem  der  positiven
Förderung  des  Wohls  der  Arbeiter  zu  suchen  sein.“  „Wir  halten  es“,  so  sprach
6..Kaiser,  „für  unsere  Kaiserliche  Pflicht,  dem  Reichstage  diese  Aufgabe  von
iem  ans  Herz  zu  legen,  und  würden  Wir  mit  umso  größerer  Befriedigung  auf
        <pb n="914" />
        736  Sozial-Gesetzgebung.

alle  Erfolge,  mit  denen  Gott  Unsere  Regierung  sichtlich  gesegnet  hot  zurückblicken,
  wenn  es  Uns  gelänge,  dereinst  das  Bewußtsein  mitzunehmen,  dem  Vaterlande
  neue  und  dauernde  Bürgschaften  seines  inneren  Friedens  und  den  Hilfsbedürftigen
  größere  Sicherheit  und  Ergiebigkeit  des  Beistandes,  auf  den  sie  Anspruch
  haben,  zu  hinterlassen.“  Freilich,  die  rechten  Mittel  und  Wege  für  die
Fürsorge  zu  finden,  auf  welche  der  durch  Alter  und  Invalidität  Erwerbsunfähige
einen  begründeten  Anspruch  habe,  sei  eine  schwierige,  aber  auch  eine  der  höchsten
Aufgaben  jedes  Gemeinwesens,  welches  auf  den  sittlichen  Fundamenten  des  christlichen
  Volkslebens  stehe.  „Der  engere  Anschluß  an  die  realen  Kräfte  dieses  Volkslebens
  und  das  Zusammenfassen  der  letzteren  in  der  Form  korporativer  Genossenschaften
  unter  staatlichem  Schutz  und
staatlicher  Förderung  werden,  wie  Wir
hoffen,  die  Lösung  von  Aufgaben  mögich
  machen,  denen  die  Staatsgewalt
allein  in  solchem  Umfange  nicht  gewachsen
  sein  würde.  Immerhin  wird
auch  auf  diesem  Wege  das  Ziel  nicht
ohne  die  Aufwendung  erheblicher  Mittel
zu  erreichen  sein.“

Auf  die  Nation  machten  solche
Worte,  die  4  zutreffendster  Weise  die
Pflichten  der  Humanität  und  des
Christentums  dem  Staate  zuwiesen,  vom
Staate  die  Pflege  des  praktischen
Christentums  verlangten,  den  tiefsten
Eindruck,  aber  wieder  kostete  es  große
Mühe,  die  liberalen  Parteien,  die  nun
einmal  auch  den  Hilflosen  auf  die
Selbsthilfe  zu  verweisen  für  völlig

 

6  W  genügend  hielten,  von  der  Notwendigkeit
  zu  überzeugen,  die  soziale  Not
Staatsminister  von  Boetticher.  durch  die  Kraft  des  Staates  zu  heilen.

Mehrfach  mußte  der  Kaiser  persönlich
eingreifen,  den  Volksvertretern  das  Gewissen  zu  schärfen.  „Unsere  Kaiserlichen
  Pflichten“,  schrieb  er  1883,  „gebieten  Uns,  kein  in  Unserer  Macht
Mittel  zu  versäumen,  um  die  Bestimmung  der  Lage  der  Arbeiter
und  den  Frieden  der  Berufsklassen  untereinander  zu  fördern,  so  lange  Gott
Uns  Frist  giebt,  zu  wirken“,  und  wieder  im  folgenden  Jahr:  „Die  Erfüllung
  der  Pflicht  gegen  die  arbeitende  Bevölkerung  soll  in  dieser  die  Segnungen
der  friedlichen  Entwickelung  des  geeinten  Vaterlandes  zum  vollen  Bewußtsein
bringen,  damit  den  auf  den  Umsturz  göttlicher  und  menschlicher  Ordnung  gérichteten
  Bestrebungen  revolutionärer  Elemente  der  Boden  entzogen,  und  die
seitigung  der  erlassenen  Ausnahmemaßregeln  angebahnt  werde“.  Ja  im  Jusammmerhange
  mit  diesen  Dingen  hatte  es  geschehen  müssen,  daß  der  Kaiser  als  König
von  Preußen  auch  dem  Lande  gegenüber  sein  verfassungsmäßiges  Recht,  die  Regierung
  und  Politik  selbständig  und  nach  eigenem  Ermessen  zu  leiten,  klar  und
bestimmt  betonte.  Gar  zu  gerne  hätte  man  die  starke  monarchische  Gewalt  nach
        <pb n="915" />
        Sozial-Gesehgebung.  737

englischem  Muster  zu  einem  Schemen  gemacht,  zu  einem  Schatten,  der  neben  dem
Parlamente  keine  Bedeutung  hatte.  Aber  all  ssolchen  Versuchen  ist  der  Kaiser

 

Kaiser  Wilhelm  I.  mit  —  Enkel  und  Urenkel.
Nach  einem  Lichtbilde.

wie  der  Fürst  Bismarck  mit  vollster  und  sicherster  Bestimmtheit  entgegentreten.

„Noch  ist“,  so  schrieb  der  König  1868,  „Preußen  nicht  daran  gewöhnt,  seinen

König  von  den  Maßregeln  der  Negierung  zu  trennen  und  Gott  gebe,  ⁊  es  nie
Berner,  Gesch.  d.  Pr.  Stoalcs.
        <pb n="916" />
        738  Sozial-Gesetzgebung.

anders  werde.  Daher  muß  der  König  zu  Zeiten  in  die  Bresche  treten,  wenn  er
Fehler  bei  dem  neugeschaffenen  Staatskörper  sieht.“  Mit  voller  Energie  hob
auch  jetzt  der  Mllerhchst  Erlaß  es  hervor,  daß  die  Regierungsakte  nicht  von
den  verantwortlichen  Ministern  ausgingen,  sondern  daß  sie  die  eigene,  durch  die
Gegenzeichnung  der  Minister  nur  zum  verfassungsmäßigen  Ausdruck  kommende
Willensmeinung  des  Monarchen  sei,  der  die  Politik  seiner  Regierung  persönlich
leite.  Dies  Recht  der  persönlichen  Bestimmung,  die  volle  Freiheit,  nach  eigenem
Ermessen  Gesetz-Entwürfe  vorzulegen,  die  von  den  Parlamenten  gefaßten  Beschlüsse
  zu  Gesetzen  zu  erheben  oder  abzulehnen,  behielt  Kaiser  Wilhelm,  wahrte  er
klar  und  scharf  sich  und  seinen  Nachfolgern,  lehnte  alle  Versuche,  eine  Parlaments-Fchierung
  zu  schaffen,  unzweideutig  ab.  Und  damit  bewegte  er  sich  nicht  nur  auf

dem  Boden  der  Verfassung,  sondern  gab  dieser  erst  ein  kräftiges  Leben,  den  vollen
Inhalt  und  den  Nachweis,  daß,  wenn  auch  die  juristische  Verantwortlichkeit  von
den  Ministern  getragen  wird,  der  Fels,  auf  dem  Preußen  ruht,  doch  die  moralische
Verantwortung  des  Herrschers  vor  Gott  und  seinem  Gewissen  ist.

o  war  denn  der  Boden  bereitet,  auf  welchem  die  neue  soziale  Gesetzgebung
erwachsen  konnte,  mit  der  Deutschland  allen  anderen  Staaten  voran  eilte,  und  die
dem  Arbeiter  gegen  Krankheit  und  gewerbliche  Unfälle  einen  rechtlichen  Anspruch
auf  eine  Rente  gab,  die  auf  Beiträgen  beruhte,  die  nicht  nur  er  selbst  trug,
sondern  zu  der  der  Arbeitgeber  in  gleicher  Höhe,  sowie  auch  das  Reich  durch  die
freie  Verwaltung  seitens  der  Reichspost  erheblich  beisteuert,  und  die,  auf
Berufsgenossenschaften  beruhend,  von  ihren  eigenen  Berufsgenossen  mit  bestimmt
wird.  Das  Bewußtsein,  dem  Vaterlande  neue  und  dauernde  Bürgschaften  des
inneren  Friedens  und  den  Hilfsbedürftigen  größere  Sicherheit  des  Beistandes,
auf  den  sie  Anspruch  haben,  zu  hinterlassen,  wollte  der  Kaiser  mit  in  die  Gruft
nehmen,  und  wenn  wir  uns  einer  Verfassung  erfreuen,  die  der  Nation  einen
großen  Anteil  an  der  Gesetzgebung  wie  an  der  Verwaltung  gewährt,  doch  aber
der  Krone  die  volle  entscheidende  Gewalt  giebt,  und  wenn  die  gesamte  staatliche
Verfassung  von  der  sittlichen  Ueberzeugung  der  Unterthanen  als  eine  Kraft  und
Segen  verbürgende  getragen  wird,  so  durfte  nunmehr  der  Kaiser  die  weitere
1Ueberzengung  haben,  daß  er  den  Grundstein  auch  zur  neuen  sozialen  Ausgestaltung

der  Gesellschaft  gelegt,  einen  Grundstein,  auf  dem  seine  Nachfolger  fortzubauen
vermöchten.

Denn  nun,  da  neben  dem  preußischen  auch  der  Reichsadler  auf  dem
Hohenzollernthron  horstete,  fühlte  die  Nation,  welche  Riesenkräfte  sie  hatte,  nun
fühlte  Europa,  daß  Deutschland  das  Herz  der  Welt,  und  die  Hauptstadt  des
Kaisers  wurde,  wie  das  Ausland  eingestand,  für  alle  Fürsten,  für  alle  Staatsmänner
  und  Generale,  für  alle  Völker  das,  was  einst  Mekka  den  Gläubigen,  was
Rom  der  katholischen  Welt  gewesen.  Der  Mittelpunkt  aller  aber,  um  den  sich
Preußen,  Deutsche,  um  den  sich  alle  Völker  in  ehrfürchtiger  Liebe  sammelten,
war  und  blieb  der  Kaiser.  Alle  die  herrlichen  Gaben  seines  Hauses  lebten  zusammen
  in  ihm,  und  welche  Tugenden  auch  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  in  seinem
Hause  sich  entwickelt  zttn  er  war  ihr  Träger,  er  war  die  lebendige  Verkörperung
der  sittlichen  Idee,  der  Pflichterkenntnis  und  der  Pflichttreue  der  Hohenzollern.
Und  wie  von  ihm  aus  diese  Pslichttreue  sich  verbreitete,  so  ward  ihm  auch  die
Liebe  seines  Volkes  in  einem  Maße  zu  teil,  wie  zuvor  nie  einem  Herrscher.
Welch  frohe  Tage  für  den  Kaiser,  als  sein  ältester  Enkel  Prinz  Wilhelm
        <pb n="917" />
        Friedrich  III.,  Deutscher  Raiser  und  Rönig  von  Preußen.
Das  Ramensfaksimile  nach  einem  Exemplar  im  Kal.  Pr.  Geh.  Staatsarchlv  zu  Verlin.
4%
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        740  Kaiser  Wilhelm  I.

der  Prinzessin  Auguste  Viktoria  von  Schleswig-Holstein  die  Hand  zum  Ehebunde
  reichte,  als  am  6.  Mai  1882  ihm  ein  Urenkel  geboren  wurde,  der  dereinst
seine  Krone  tragen  soll!  Welche  Freude,  als  er  die  Geburt  noch  weiterer  drei
Prinzen  seines  Enkels  erlebte!  Welche  Erquickung  für  den  Kaiser,  als  er  bei
allen  Festen,  die  er  und  sein  Haus  feiern  durften,  als  bei  all  seinen  Geburtstagen
  und  vorzüglich  bei  seiner  goldenen  Hochzeit,  seinem  Regierungsjubiläum,
seinen  Militärjubiläen,  seinem  achtzigsten  und  vollends  bei  seinem  neunzigsten
Geburtstage  Fürsten  und  Völker  sich  einmütig  um  seinen  Thron  scharten,  aus
begeisterten  Herzen  ihm  Huldigung  und  Dank,  Ehrfurcht  und  Liebe  entgegenbrachten!
  Wo  immer  der  Kaiser  sich  zeigte  in  Preußen  und  den  deutschen  Staaten,
im  Reichslande  und  im  Auslande,  bei  Manövern,  in  Bädern,  bei  unzähligen  festlichen
  Gelegenheiten,  wie  der  Einweihung  des  Niederwalddenkmals,  oder  nun  gar  am
Fenster  seines  schlichten,  von  einer  dichtgedrängten  Menge  belagerten  Palais,
wenn  er  nach  seiner  Gewohnheit  das  Aufziehen  der  Wache  beobachtete,  oder

wenn  er  in  seinem  einfachen  Gefährt

durch  die  Straßen  Berlins  fuhr:  immer

und  überall  wurde  er  umjubelt,  ge-5
  feiert,  geliebt.  Und  herzbewegender,
seelenvoller  wußte  niemand  zu  danken

als  er,  und  zutreffender,  die  Herzen

erhebender,  war  keine  Beredsamkeit  als

die,  welche  aus  all  seinen  Erlassen,

Briefen  und  Ansprachen  redete.  Jene

zarte  Weichheit  des  Gefühls,  die  so

manchem  seiner  Vorgänger  eigen,  zeigte

Die  lehte  Unterschrift  Kaiser  Wihelms  1.  sich  in  ihnen  und  vertrug  sich  zugleich

In  Gröhe  des  bei  den  Akten  des  Relchsloges  besinollchen  wunderbar  mit  der  oft  gepriesenen

Origlnales.  Sicherheit  des  Entschlusses.  Und  dessen

war  der  Kaiser  auch  bei  der  Aufgabe

  lieb  gewordener  Anschauungen  eben  darum  so  gewiß,  weil  er  in  all

seinen  Geschicken  den  Willen  der  göttlichen  Vorsehung  erkannte,  die  ihn  nur  als

ihr  Werkzeug  auserkoren  habe.  Daher  auch  seine  schlichte  Demut,  seine  tiesfe

innerliche  Frömmigkeit,  die  gerade,  weil  sie  auf  dem  festen  Grunde  des  Glaubens

ruhte,  allen  Schein  und  alle  Heuchelei  in  der  Bethätigung  des  religiösen  Sinnes  verachtete.

  Er  war  es,  der  die  Erneuerung  des  religiösen  Lebens  begründete,  er

war  es,  der  durch  seine  Person  der  neuen  Verfassung  Preußens  wie  Deutschlands

Gestalt  und  Wesen  gab,  der  den  Wünschen  der  Zeit  nach  einer  Teilnahme  des

Volkes  an  Gesetzgebung  und  Verwaltung  und  zugleich  auch  dem  tiefen  monarchischen

Gesähle  seines  Volkes  gerecht  wurde,  der  allezeit  der  selbst  regierende  Herrscher

Er,  der  ursprünglich  nur  Soldat  war  und  sein  wollte,  zeigte  sich  jeder

Aufgabe  gewachsen,  arbeitete  sich  gewissenhaft  ein  in  alle  Gebiete  der  menschlichen

Kultur,  wirkte  auf  viele  anregend  und  bestimmend,  und  er,  der  viel  bewunderte
Kriegsheld,  endlich  war  es,  der  der  zuverlässigste  Friedensfürst  wurde.

Von  Strömen  der  Liebe  dahingetragen,  gelangte  so  Wilhelm  der  Große
in  ein  Alter  hinein  weit  über  das  Maß  menschlichen  Lebens  hinaus,  und
doch  noch  war  es  allzufrühe,  als  nun  auch  diesem  begnadigten  Leben  das  Ziel
gesetzt  wurde.
        <pb n="919" />
        Kaiser  Friedrich.  741

Noch  durchzittert  uns  der  Schmerz  dieses  wunderseligen  Sterbelagers,  das
der  Erde  einen  „Gottesfrieden“  gab,  jenes  Sterbelagers,  wo  die  pflichttreue
Sorge  des  Kaisers  um  sein  Volk  noch  ihres  Amtes  in  der  Unterweisung  des
Enkels  über  die  großen  Fragen  der  Politik  und  in  der  Unterschrift  unter  das
Schriftstück,  das  den  Schluß  des  Reichstages  befahl,  waltete,  wo  jenes  „Ich  habe
jetzt  keine  Zeit,  müde  zu  sein“  dem  Charakter  des  Kaisers  und  seines  Hauses
einen  allzeit  die  Herzen  bewegenden  Ausdruck  gab.  Am  9.  März  1888  in  der
Morgenfrühe  ward  Kaiser  Wilhelm  heim  gerufen,  und  der  gusrert  hmerz
der  Nation  wand  aufs  neue  ein  Band  der  Einheit  um  das  deutsche  V

Einmütig  hatte  auch  die  Nation  den  letzten,  den  größten  Schmerz  des  —  geteilt.
  Seit  kurzem  wußte  er,  daß  die  Tage
seines  Sohnes  und  Nachfolgers  gezählt
seien!  Und  als  nun  der  todwunde  Held
von  Chlum  und  Wörth  von  Italien  her
in  die  von  Schnee  und  Eis  starrende
Heimat  zurückkehrte,  um,  allen  Leides  nicht
achtend,  des  kaiserlichen  Amtes  zu  warten,
da  richteten  die  Augen  der  ganzen  Nation
sich  nach  Charlottenburg,  wo  der  mit
warmer  Begeisterung  geliebte,  hoch  ideal
und  darum  echt  deutsch  und  frohmutig
Gu  Fessese  Held  dem  herannahenden

ode  die  Kraft  abgewann,  in  der  schmerge#nsreichen
  Zeit  die  Nation  zu  leiten  und
zu  führen.  Am  15.  Juni  erlöste  der
Tod  die  Seele  von  den  Fesseln  der  Vergänglichkeit.
  Wieder  ging  ein  Wehruf
durch  Alldeutschland.  Niemand  aber  war
schwerer  getroffen,  als  seine  Gemahlin
die  Kaiserin  Friedrich,  die  alle  Hoffnungen,
  Pläne  und  Entwürfe  für  das
Heil  der  Völker,  vorzüglich  auch  die  für
energische  Hebung  der  Kunst  und  des
Kunstgewerbes  mit  warmem  Verständnis  Vitltoria,  Deutsche  Kaiserin  und  Königin
hatte  teilen  dürfen.  von  Preußen.

Kaiser  Wilhelm  II.  bestieg  den  Nach  einem  Lichtbilde.
preußischen  Königsthron  und  den  kaiserlichen
  Stuhl  des  Reiches,  geleitet  von  der  Treue  der  deutschen  Fürsten  und  der
Liebe  des  Volkes,  mit  dem  festen  Willen,  das  Erbe  seiner  Väter  zu  erhalten,
gewillt  vor  allem,  dem  Vermächtnis  seines  Großvaters  die  umfassendste  Vollendung
zu  geben.  Mit  weitestem  stets  neuem  Eutgegenkommen  gegen  die  Mächte  den
äußeren  Fricden  der  Welt  aufrecht  erhaltend,  hat  er  sein  volles  Augenmerk  darauf
gerichtet,  man  darf  wohl  sagen  sein  Herz  daran  gehängt,  den  inneren  Frieden,  die
Einheit  zwischen  Staat  und  Volk,  welche  die  Sozialdemokratie  mit  ruchloser  Hand
zu  stören  sucht,  voll  wieder  herzustellen.  Die  Zeiten  der  Kämpfe  um  politische
Rechte  sind  zunächst  wohl  dahin,  es  gilt,  den  wahrhaft  Armen  und  Besitzlosen  die
Sicherheit  des  Lebens  zu  geben,  und  somit  dem  frechen  demagogischen  Hetzen
        <pb n="920" />
        Wilbelm  II.,  Deutscher  Raiser  und  RKönig  von  Preußen.

Das  Namensfaksimile  nach  einem  Exemplar  im  Kal.  Pr.  Geh.  Staatsarchiv  zu  Berlin.
        <pb n="921" />
        Angust  ri.  Deutsche  Raiserin  und  Rönigin  von  Preußen.
as  Namenssaksimlle  nach  einem  Exemplar  im  #Kol.  Hausarchiv  zu  Berlin.
        <pb n="922" />
        744  Kaiser  Wilhelm  II.

der  Sozialdemokratie  die  Mittel  zum  Kampfe  zu  entreißen.  Schwere  Tage  kamen
für  den  Kaiser,  trübe  Zeiten  für  die  Nation.  Der  Fürst  von  Bismarck  nahm  seinen
Abschied  (20.  März  1890),  und  die  warme  Dankbarkeit,  die  heiße  Liebe  und  die
glühende  Bewundein  seines  Kaisers  wie  seines  Volkes  nahm  er  mit  sich  in  seinen
Sachsenwald,  wohin  er  sich  zurückzog.  Neid  und  Mißgunst,  die  der  Fürst  so  oft
in  seinem  Leben  von  Gegnern  erfahren  hatte,  erhoben  jetzt  zwar  kühner  noch  das
Haupt,  und  schließlich  versagte  sogar  der  Reichstag  die  Teilnahme  am  80.  Geburtstage
  seines  Schöpfers,  dessen  Mund  nun  freilich  auch  manch  bitteres  Wort
aussprach.  Aber  die  wiederholten  Besuche  seines  kaiserlichen  Herrn  in  Friedrichsruh,
andere  kaiserliche  Anszeichnungen,  der  jubelnde  Empfang,  der  ihm  auf  seinen  Reisen
in  allen  deutschen  Gauen  bereitet  wurde,  die  schier  endlosen  Wallfahrten  des  ganzen
Volkes  nach  seinem  Landsitz  mochten  den  Fürsten  doch  von  der  tiefen  Dankbarkeit
und  Verehrung  überzeugen,  welche  im  Herzen  der  Nation  für  ihn  lebt.  Wahrlich,  sie
wird  ihm  bleiben  bis  ans  Ende  der  Tage.  Aber  trotz  seines  Rücktrittes  ist,  dank
vorzüglich  der  Mitwirkung  des  Staatsministers  von  Boetticher  schon  Großes
erreicht,  und  nichts  ist  unberechtigter,  nichts  unwahrer,  als  unsere  Zeit,  weil
auch  jetzt  noch  der  Staat  Schwächen  und  Lücken  aufweist,  auch  jetzt  noch  Unrecht
und  Sünde  geschieht,  des  Niederganges  anzuklagen.  Im  Gegenteil,  wir  sind  ein
aufsteigendes,  ein  vorwärts  strebendes  Volk.  Nirgend  ist  Stillstand,  nirgend

Rückschritt,  überall  vielmehr  berrscht  Leben,  herrscht  Rührigkeit,  waltet  Arbeit
und  Fleiß,  Streben  und  Thätigkeit

Wie  scharf  auch  immer  .  allen  Gebieten  der  geistigen  Entwickelung,  der
Wissenschaft  und  Künste,  entgegengesetzte  Richtungen  mit  einander  streiten  mögen,
so  bürgt  doch  gerade  der  Kampf  für  den  Fortschritt.  Unverhältnismäßig  höhere
Mittel  als  jemals  früher  stehen  den  Universitäten,  Akademien,  Museen  und  anderen
Bibungsansalten  zu  Gebote,  und  hoch  bedeutende  Männer  sind  mit  Erfolg  bemüht,
  die  Schätze  der  Wissenschaft  zu  heben.  Mit  früher  niemals  geahnter
Liberalität  wird  den  Künsten  die  Möglichkeit  gewährt,  sich  frei  zu  entfalten,  immer
neue  Aufgaben  stellt  ihnen  der  Kaiser  selbst.  Die  Litteratur,  wie  viel  Spreu  sie
auch  bergen  mag,  zeitigt  doch  auch  manche  herzerfreuende  Blüte.  Neue  und  wieder
neue  Erfindungen,  andere  und  wieder  andere  Aufschlüsse  über  die  Naturkräfte
geben  unserem  Leben  nicht  nur  größere  Behaglichkeit,  sondern  wirken.  umgestalten
und  fördernd  auf  alle  Kultur-Verhältnisse.  So  begreift  es  sich,  daß  im  Lause
der  letzten  25  Jahre  der  Ausgabe-Etat  des  Kultusministeriums  um  das  Fünffache
  gewachsen,  die  Arbeit  seiner  Beamten  unermeßlich  gestiegen  ist.  Mehrfach
wurden  jetzt  die  Lehrpläne  der  höheren  Schulen  beraten  und  teilweise  geändert,
durch  reiche  Unterstützungen  die  Erfolge  der  medizinischen  Wissenschaft  für  die
Allgemeinheit  nutzbar  gemacht.

Eine  Reihe  von  zeitgemäßen  Aenderungen  wurde  im  Heerwesen  vorgenommen,
eine  Felddienstordnung  und  Exerzierreglement  für  die  Infanterie  gegeben  und  dem
Reichstage  ein  neues  Militärgesetz  vorgelegt,  wonach  unter  Herabsetzung  der
Dienstzeit  auf  zwei  Jahre  jährlich  40000  Rekruten  mehr  eingestellt,  die  Ersatzreservisten,
  jährlich  18000  Mann,  voll  ausgebildet  werden  sollen.  Scharf  trat  die

pposition  dem  Entwurf  wieder  entgegen,  der  Reichstag  mußte  aufgelöst  werden,
der  neu  zusammengetretene  aber  nahm  ihn  nach  geschickter  Verteidigung  durch
den  neuen  Kanzler  von  Caprivi  gegen  vielseitige  Angriffe  unter  Zustimmung  des
Zentrums  an.  Immer  mehr  wurde  der  Gedanke  Scharnhorsts,  wurde  die  seit
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        Kaiser  Wilhelm  II.  745

 

Der  Alt-Reichskanzler  im
nwalde.

  

Neproduklion  nach  einer  Oriainalzeichnung
  des  Malers  W.  Zehme.

1807  angestrebte  allgemeine
Wehrpflicht  zur  Wahrheit
gemacht.  Die  Schiffszahl
wurde  ergänzt  und  vermehrt,
  ihre  Technik  verbessert,
  Oberkommando  und
Admiralität  getrennt,  die

ahl  der  Marinemannschaften
  erhöht,  ihre  Tüchtigkeit
  vor  allem  durch  den
lebendigen  persönlichen  Eifer
des  Kaisers  außerordentlich
gehoben.  Die  Marine  umfaßt
  jetzt  101  Schiffe  und
        <pb n="924" />
        746  Kaiser  Wilhelm  II.

Fahrzeuge,  eine  Torpedoflotte  von  146  Schiffen  und  Booten  mit  16581  Mann;
wie  unendlich  weit  sie  noch  hinter  der  englischen  und  selbst  der  französischen
zurückstehen  mag,  so  hat  sie  die  russische  und  italienische  erreicht,  an  frischer
Offensive  und  an  moralischer  Kraft  aber  wird  sie,  dessen  sind  wir  sicher,  die
Flotten  anderer  Nationen  weit  übertreffen.  Die  Kolonialpolitik  wurde  der  Gegenstand
  ernstester  Sorgfalt.  Glückliche  Expeditionen  im  dunklen  Weltteil  wurden
durchgeführt,  Aufstände,  die  sich  zeigten,  namentlich  der  des  Hendrik  Witboi  niedergeschlagen,
  die  Grenze  am  Kilimandscharo  mit  England  und  Frankreich  vereinbart,
eine  Schutztruppe  gebildet,  für  Förderung  von  Kultur  und  Handel  in  Kamerun
nicht  unerhebliche  Mittel  bereit  gestellt.  Witu  freilich  wurde  an  England  abgetreten,
  dafür  aber  endlich  das  Eiland  in  der  deutschen  Nordseeküste,  Helgoland
gewonnen.  Endlich  wurde  der  Nord-Ostsee-Kanal  fertig  Gestellt  und  in  feierlicher
  Versammlung  deutscher  Fürsten,  der  hohen  Beamten  und  einer  großen  Zahl
von  Schiffen  aller  seefahrender  Nationen  durch  den  Kaiser  eröffnet.  Mehr  und
mehr  zeigt  sich  seine  Bedeutung  für  den  Handel  und  die  Industric,  die  überdies
durch  Verträge  mit  anderen  Staaten,  durch  die  Fortbildung  des  Eisenbahnwesens
wesentlich  gefördert  wurden  und  gerade  jeht  in  großer  Ausstellung  der  Welt  zu  zeigen
suchen,  in  welcher  Blüte  sie  sich  befinden.  Wohl  klagt  man  über  die  finanziellen
Opfer,  die  ein  Krieg  den  Nationen  auferlegt,  aber  deutlicher  ist  selten  auch  die  kulturfördernde
  Macht  der  Kriege  in  die  Erscheinung  getreten  als  bei  den  Kämpfen  um
die  deutsche  Einheit.  Mit  überwältigender  Macht  zeigt  es  gerade  die  Zunahme  des
deutschen  Handels.  Während  die  Zahl  der  Segelschiffe  naturgemäß  infolge  der
veränderten  Technik  von  4  303  im  Jahre  1875  auf  2713  im  Jahre  1894  zurückgegangen
  ist,  stieg  die  der  Dampfer  in  derselben  Zeit  von  209  auf  1016,  1895  auf
1043,  und  der  Zahl  der  Tonnen  nach  ist  die  deutsche  Handelsflotte  die  zweite  der  Welt.
1890  beförderten  die  mit  Reichsunterstützung  vom  Norddeutschen  Lloyd  betriebenen
Reichspostdampser  auf  der  ostasiatischen  Linie  eine  Ladung  von  66  548  kbm,  auf
der  australischen  56  954,  im  Jahre  1894  aber  auf  jener  112  102,  auf  dieser
77212  kbm.  In  geradezu  überraschender  Weise  hob  sich  der  Handel,  und  seitdem
  Deutschland  geeinigt  und  sich  der  durch  die  Einigung  geschaffenen  Machtmittel
  bewußt  geworden  ist,  nimmt  es  endlich  gleichberechtigt  an  dem  Weltverkehr
teil,  und  jetzt  erst,  da  ein  machtvolles  Deutschland  besteht,  zeigt  sich  der  gewaltige
Wert  der  Mitherrschaft  auf  der  See,  zeigt  sich  der  Sinn  und  die  Bedeutung
der  Jahrhunderte  langen  Kämpfe  um  die  deutschen  Küsten.  Allein  von  1860  bis
1890  stieg  der  Wert  der  deutschen  Einfuhr  nach  Amerika  von  18  auf  99  Millionen
Mark,  nach  Brasilien  zwischen  1881  und  1893  von  10½  auf  62  Millionen,
nach  Argentinien  von  6  auf  51  Millionen,  während  Brasilien  1881  für  knapp  5,
1893  aber  für  über  125  Millionen  und  Argentinien  1881  für  31,  1893  aber  für
102  Millionen  Waren  in  Deutschland  einführte.  Nicht  anders  ist  es  mit  dem  Handel
nach  Asien  und  Australien.  Die  Einfuhr  Chinas  nach  Deutschland  hob  sich  zwischen
1885  und  1893  von  kaum  einer  auf  mehr  als  14  Millionen,  die  deutsche  Ausfuhr
dorthin  von  16⅛½  auf  mehr  als  33  Millionen,  die  Einfuhr  Japans  von  wenig  über
200  doo  auf  über  7  Millionen,  die  deutsche  Ausfuhr  dorthin  von  4½  auf
18⅛  Millionen,  die  Einfuhr  aus  Australien  von  8  auf  18,  die  deutsche  Ausfuhr
  dorthin  von  9  gar  auf  96¼  Millionen  Mark  Wert.  Ja,  der  Gesamthandel
Deutschlands  nahm  in  zwölf  Jahren  von  1882  bis  1894  um  mehr  als
1000  Millionen  zu,  stieg  von  6  323  082  000  auf  7  337  013000.  Nimmt  man
        <pb n="925" />
        Kaiser  Wilhelm  II.  747

hierzu,  daß  die  Zahl  der  Post-Anstalten  sich  auf  30  372,  der  Telegraphen-Anstalten
auf  beinahe  20  000,  der  Briefsendungen  auf  3507  Millionen,  die  der  Packetsendungen
  auf  149  Millionen,  die  Zahl  der  Telegramme  auf  34  Millionen  erhöht,
daß  die  Einnahmen  aus  der  Post  1894  mehr  als  300  Millionen  mit  einem
Ueberschuß  von  23  Millionen  betragen  haben,  daß  die  Länge  der  Eisenbahnlinien
  auf  beinahe  46  000  Kilometer  gestiegen  ist,  nimmt  man  ferner  hierzu  die
Vergrößerung  der  im  Jahre  1875  zur  deutschen  Reichsbank  umgewandelten,  jetzt
276  Zweigstellen  im  ganzen  Reich  besitzenden  ehemaligen  preußischen  Bank  und  beachtet,
  daß  seitdem  die  Summe  ihrer  Barmittel
  verdoppelt,  von  über  500  Millionen
auf  mehr  als  eine  Billion  gestiegen  ist,
ihre  Gesamt-Umsätze  aber  sich  mehr  als
verdreifacht  und  von  36  Billionen  im  Jahre
1876  auf  mehr  als  121  Billionen  Mark
im  Jahre  1896  gehoben  haben,  so  wird
der  überaus  erstaunliche  wirtschaftliche  Gewinn,
  den  das  Reich  aus  seiner,  in  den
Kriegen  geschaffenen  Einheit  gezogen  hat,
erkennbar  sein.

Die  gesamte  Hebung  des  Verkehrs
kommt  aber  auch  der  Landwirtschaft  zu
gute,  und  wenn  sie  über  die  Herabsetzung
der  Getreidezölle,  über  Not  und  Armut
klagt,  so  ist  man  daran,  die  mögliche  Hilfe
ihr  zu  gewähren.  Der  Reform  der  indirekten
  Steuern  trat  durch  den  neuen
Finanzminister  Miquel  die  der  direkten
Steuern  zur  Seite,  und  indem  sie  die
hohen  Einkommen,  das  Großkapital  auch
in  den  Aktiengesellschaften  heranzog,  die
kleinen  aber  entlastete  und  die  Auflagen
gerechter  verteilte,  indem  sie  ferner  die  reine  Finanzminister  Miauel.
Besteuerung  des  auf  74  Milliarden  be-  Nach  elnem  Lichtbllde
rechneten  Volksvermögens  einführte,  Erbschafts=
  und  Gewerbesteuern  neu  gestaltete,  hob  sie  nicht  nur  die  Finanzen  um
75  Millionen,  sondern  erleichterte  zugleich  das  Los  der  ärmeren  Klassen.  Ueberdies
  gewährte  der  Staat  dem  Volksschulwesen,  für  das  ein  organisches  Gesetz
zwar  auch  jett  noch  nicht  zu  stande  kam,  erhebliche  Zubußen,  also  daß  das
Schulgeld  in  den  Volksschulen  fast  gäuzlich  beseitigt  werden  konnte,  und  verzichtete
  zu  Gunsten  der  Gemeinden  auf  jede  Grund=  und  Gebäude-,  Gewerbeund
  Bergwerkssteuer  im  Gesamtwert  von  102  Millionen  Mark.  Eine  Reform
des  Wahlgesetzes  für  den  Landtag,  dessen  Legislaturperiode  schon  im  Juni  1888
auf  fünf  Jahre  verlängert  war,  ging  der  Stenerreform  zur  Seite.  Die  Gesetzgebung
  für  die  allgemeine  Landesverwaltung  wurde  fortgesetzt,  durch  eine  neue
Landgemeindeordnung  die  Bildung  von  Zwerggemeinden  verhindert,  die  Leistungsfähigkeit
  der  Gemeinden  erhöht.  Die  Kommission  für  das  bürgerliche  Gesetzbuch
beendete  ihre  gewaltige  Arbeit,  legte  ihr  großartiges  Werk  fertig  dem  Reichstage
        <pb n="926" />
        748  Kaiser  Wilhelm  I1.

zur  Beschlußfassung  vor,  und  dieser  hat  wirklich  das  Werk  zum  Abschluß  gebracht,
ein  Werk,  dessen  Vollendung  eine  Zierde  und  Ehre  für  das  deutsche  Volk  wie  selten
eines  ist,  das  seinen  Segen  voraussichtlich  auf  Jahrhunderte  hinaus  spenden  und
deren  Dankbarkeit  seinen  Schöpfern  erwecken  wird.  Dem  Zentrum  wurden  überaus  weit
gehende  Zugeständnisse,  selbst  die  Freigebma  der  einst  gesperrten  Gehälter  opponierender
  Geistlichen  gemacht  und  so  die  äußerste  Bereitwilligkeit  des  Staates,  mit  der
katholischen  Kirche  in  Frieden  zu  leben,  schlagend  bewiesen.  Die  Selbständigkeit
der  evangelischen  Kirche  wurde  durch  den  Fortfall  der  Zustimmung  des  Landtages
zu  Aenderungen  im  Wahlverfahren  erweitert,  vor  allem  aber  wurden  durch  die
thatkräftige  und  hingebende  Fürsorge  der  Kaiserin=  Königin  Auguste  Viktoria
namentlich  in  Berlin  eine  überaus  große  Zahl  von  Kirchen  neu  erbaut,  das  kirchliche
  Leben  vertieft  und  verallgemeinert,  also  daß  das  „praktische  Christentum“,  einst
ein  von  den  Hosiionsparteie  bespölteltes  Wort  Bismarcks,  den  weitaus  meisten
Zeitgenossen  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  ist.

Gerade  dies  aber  und  nicht  minder  die  Steuerreform  wird  wesentlich  dazu
beitragen,  das  gewaltige  Werk  des  Kaisers,  die  soziale  Reform,  die  Versöhnung
der  Gesellschaftsklassen  der  Vollendung  entgegenzuführen.  Schon  hat  die  soziale
Gesetzgebung  in  dem  Arbeiterschutz,  der  weiteren  Beschränkung  der  Frauen=  und
Kinderarbeit,  in  der  Sonntagsruhe,  vor  allem  in  der  Altersversorgung,  den  für
den  Arbeiter  kostenfreien  Schiedsgerichten  und  in  dem  bis  zur  Spitze,  bis  zum
Reichsversicherungsamt  ausgebildeten  Grundsatz  der  Selbstverwaltung  einen  gewissen
Abschluß  erreicht,  in  der  Aufhebung  des  Sozialistengesetzes  und  vor  allem  in  der
internationalen  Konferenz,  die  der  Kaiser  alsbald  nach  seiner  Thronbesteigung
berief,  neue  Bahnen  eingeschlagen.  In  Verbindung  mit  der  sozialen  Gesetzgebung
wurde  in  der  Presse  der  Rücktritt  des  Fürsten  von  Bismarck  gebracht,  und  die
Frage,  wie  die  Umsturzparteien  zu  bekämpfen  seien,  soll  auch  die  Entlassung  des
Grafen  von  Caprivi  (Oktober  1894)  herbeigeführt  haben,  an  dessen  Stelle  nun
der  Statthalter  von  Elsaß-Lothringen,  Fürst  Chlodwig  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst,
zum  Reichskanzler  ernannt  wurde.  Mehr  und  mehr  bricht  sich  selbst  hier  und
da  bei  den  Sozialdemokraten  die  Ueberzeugung  durch,  daß  der  Staat  gewillt  und
auch  befähigt  ist,  das  Los  der  Arbeiter  zu  verbessern.  Schon  ist  von  1886  bis  1891
trotz  aller  wirtschaftlichen  Schwierigkeiten  der  Jahreslohn  der  versicherungspflichtigen
  Arbeiter  um  15  Prozent,  von  732,15  Mark  auf  348,71  Mark  in
regelmäsigen  Abstufungen  gestiegen,  eine  überraschende  Vermehrung  im  Verbrauch
notwendiger  und  kostbarer  Nahrungsmittel  eingetreten,  selbst  das  Ausland  hat
anerkannt,  wie  viel  besser  die  wirtschaftliche  Lage  des  Arbeiters  in  Deutschland
als  in  England  sei,  und  in  Frankreich  hat  man,  trotz  oder  gerade  wegen  der
republikanischen  Verfassung,  bisher  eine  soziale  Reform  überhaupt  noch  nicht  durchsetzen
  können.

Aber  ungeachtet  aller  Fortschritte  bleibt  doch  noch  eine  Reihe  von  Aufgaben
zu  lösen,  noch  erhebliche  Schwierigkeiten  sind  zu  überwinden,  wenn,  wie  es  in  einer
Thronrede  des  Kaisers  heißt,  der  arbeitenden  Klasse  die  Gewißheit  verschafft
werden  soll,  daß  die  gesehzgebenden  Gewalten  für  ihre  berechtigten  Interessen  und
Wünsche  ein  warmes  Herz  haben,  und  daß  eine  befriedigende  Gestaltung  ihrer
Lage  nur  auf  dem  Wege  friedlicher  und  gesemäßiger  Ordnung  zu  erreichen  ist.
Auch  dürfen  wir  uns  darüber  nicht  täuschen.  Sie  wird  noch  erhebliche  materielle
Mittel  erheischen.  Nur  schrecke  man  nicht  allzu  ängstlich  vor  ihnen  zurück!  Die
        <pb n="927" />
        Kaiser  Wilhelm  II.  749

ganze  Geschichte  unseres  Staates  ist  durchzogen  von  politischen  und  finanziellen
Opfern,  welche  der  Adel  der  Gesellschaft  hat  bringen  müssen,  und  doch  ist  sein
Ansehen  kaum  jemals  größer  gewesen  als  hent,  wo  er  mitten  in  der  Arbeit  der
Nation  steht.  Welche  Opfer  also  auch  das  Kapital  bringen  muß,  dem  nationalen
Wohlstand  werden  sie  nicht  verloren  sein.

Auch  darüber  dürfen  wir  uns  endlich  nicht  täuschen,  die  Versöhnung  wird
noch  viele  Zeit  erfordern.  So  tief  greifende  Reformen  bedürfen  zu  ihrer  Gestaltung
der  Jahrzehnte,  ganzer  Zeitalter  und  sind  nicht  mit  diesem  oder  jenem  Akt  gelöst.
Einst  schien  es  des  freien  Mannes  unwürdig,  anders  als  mit  den  Waffen  dem
Staate  zu  dienen,  heut  aber  fehlt  keinem  Unterthanen  das  Bewußtsein  von  der
Notwendigkeit  der  Staatssteuern,  und  selbst  die  noch  in  unseren  Tagen  als  unsittlich
  verfehmte  Ausgleichung  durch  mittelbare  Besteuerung  hat  die  weiteste  Anerkennung
  gefunden.  Die  allgemeine  Schulpflicht  und  mehr  noch  die  allgemeine
Wehrpflicht  haben  anderthalb  Jahrhunderte  mit  unermeßlichem  Widerwillen  zu
ringen  gehabt,  heut  aber  halten  beide  Grundsätze  ihren  Siegeslauf  über  die  ganze
Welt  und  ruhen  fest  und  sicher  auf  dem  sittlichen  Bewußtsein  unseres  Volkes.
So  wird  auch  die  allgemeine  Gesellschaftsplict  noch  schwere  Anfeindungen  durchzukämpfen
  haben.  Aber  die  wunderbarsten  Erfolge  dankt  unser  Vaterland,  dankt
Europa  den  Hohenzollern.  Kein  Zweifel  denn  für  den,  welcher  den  Gang
der  Weltgeschichte  beachtet,  auch  diesen  Werk  wird  die  Weihe  der  Vollendung
nicht  fehlen,  wenn  anders  die  Nation  ihrem  Kaiser  entgegenbringt  die  Treuc  der
deutschen  Arbeit  und  das  volle  Vertrauen  zur  Thatkraft  und  zur  Pflichttreue  der
Hohenzollern.

 

Druck  der  Beuckmann'schen  Buchdruckerel  in  München.
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        Achen.  Aung  —
Adaib  eez  en,  deret  5.
Se  oe  Preußen  848.
4%X  ——
erises  „  Einrichtun

1  %%  Annahme  d  S—
a  ise.  4  mlübrung  der
echt  der  Bär,  ps  7  u.  ff.

—  E  *  Preußen  108.  -

r  von  Emem  bos.
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Einnadme  der  Dueel  167.  Barbel

#  Minister  K.  Freiherr

an.  oe“  G#sseadtrrn.  176.
end,  Sach

Register.

 

ED  Wilbelm  von  Preußen,  Prinz

,  Könign  858.  sos.
t  37  710.  747.
*55

*  Austerlih,  St  1  v"bon  460.

S
Boch  K.  Ph.  Em.
Vaben  mQxç3  .  mit
st#  HZusommenkunstdes  Prin
—  Baden,
kreeee  Wühelm  mit  Napoleon  ur

t—  Sras  Otio  von  6.
Bamberger  Konserenzen  bnd.
Kak.  Giro=  u.  Lehnbonk  zu
gl#n  415;  Die  preußische,  unter
t  Kuteim  III.  aoß.  650.

iemen  "2  *—  621.

Geseche


Bat  jur  r
Vanstein  irrt  K.elea

Wilhelm

zu  469.
*Wrm  SW  s6.  570.  Et  Minister  ie  von

6572.  682.
Anhast,  Zollvertrag  m

5%  sel,  —  —  u  3  —  zu  446.

e  e  a  von  —  Vassedit

bur#t  "2  alier,  8  wt
u0  n  1  2%  —-  Jo  ·  SA  88  -lacht  bei  520.
hann  Sigismut  Va  I  Os).stledemttsss
Ansbach  on  o!rm  aereten460  60.  Vazaine,  Frañz.  Nar  icall  700.
Arcis  fur  Aube,  Senan  bei  582.  ptet  Lei  *  keis  712.
När  T  Morgus  a  348.  eaumiont,  Schlacht  dei  710.

—  2  Quinea  197.  Veaune  la  Sha  vud  bei  712.

I  Im,  elecht  bei

Bebel  704.  781.
Arndt,  Di  —  r  460.  470.  G—  Wrh.  Wineer  hon  o20.  oas

66  512.
L#ensbu  —

kr  en  —N  n  490.

chhe  1280—82  1
Fasens  der

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scha#t  1r
Lesreiungekriege  50##

 

richs  VI.
wille“  61;
des  grauen

u  49;  „Berliner  Un-#r
  S  l—
Klosters  zu

egründ:
407
14  nburger
2  —  Sion  in
s  It  sa  4929;  Militär.
uenz  in  581;  Neubegrün!  ndung

de  ue  *  *—  5.  Kucen

  Eisenbabn  in  611;  Huldi

ngn  s  Wilheims  V.  in  #
k

kgung  vn  II  des
ks  lsswudatssustss
Vieltalletzalamamt  sinzu

  716.
weeise  4.236.200.  ö5  -orr.  r*nt

16  u.
.e  .  Kronprinz  von  Schweden
522  *l*  i  %
Vernhar
*  *  r  Nrberl  4  Eat  v.  83.
Ahärt  #nuher  Graf  von  566.  570.

673.
Fiei  erdo  D  et  von  285.
oSr  Minister  M.  U.
wnn  Einnahme  des  Schlosses  45.
*  rzog  von  872.  875.

shen,
—  WMinister  ar  ie  hererinrch  eon  #  Visors.  Schlacht  bei  u.  LEinnahme  ¾e  Gustav  Friedr.  v.  690,

—  en  i#o  ans
1  «

ers  420.
n““.  *  —
S  gssel  Schlacht

VBenda,  Nun##  348.
W-  Hhert.  General  Ludw.

Stt-  Botschaftker  Bincent  Graf

z7

77  an  —  iee  470.
Wiese,  Ehgführn  tt  76.

d  l

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Blichoffip  enn

696.  706.
e  2  von  621.  Siien  R  Russischee  General  L.  A.  5  st

—  Feneraf  H.  A.

—  Oberprästdem!  Wons  .
-63lnmee  Rudols  von  621.  685.  665.
Au  uuch  1630,  Reichstag  zu  88.
#  *  Wnlg  von  in  260.

—  n  Tinz  46.  4%.  551.
—  Ferdinand  von  Preußen,  Prinz  372.

640.  —
559.  588.

54  G  e.
Veraun,  Gesecht  bei  330.
Verge,  Vertrag  im  Kloct
#  4,  Schlacht  bei  381.
Selin.  erhöit  H#lödrische  irchte  14;
r  haltnis  zu  r  utho  20.  30.
alolhe  Burcegrafe#n  Hriedr
½  V  erkssleihen,  Fries.

——

679.  6s3  684.  686.  687.  688.  689.
698.  695.  696.  700.  704.  700  713.
5ê53  784  741.  748

Blospell,  Minister  von

#locher,  dean  GBen  —m—t—

Gebhard  Leberecht  von  462.  466.

438.  612.  618.  522.  525.  590  u.  fl.
548  u.  ff.  592.
        <pb n="930" />
        752  Register.
Blumenau,  Treffen  bei  696.
Behe  Gesandter  von  142;  Calzabi  *

eheimen  Nates  146.  Lamat.

t  von  415.
Vocah  olessor  August  499.  621.  649.

-  WR  von  629.
Wi  684.  6

Sodeischwingh,  Minister  C.  von  625—  Minister  n  “W
S  Canit.  rriherr  von
,  Gehcimer  inanztat  von  274;  urodn  Dallwig,  2  K.  W.  E.

Bode
Wi-  aii.  31
z—
r1

Herz#n  don  Pommern  E#¼#

*
an  Ra  uu  3  *8  os.

Vogusiad,  Herzog  von  Pommern  121.|Caprivi,  Kanzler

Bonaparte,  Nopoleon  L  456  u.  fl.
—N  656.  669.

Vonin,  —
Bonn  F  —  unsn  220;
line  r  Led  Franz

opp,  Sprochforscher
Vorcke,  ensralleuimoßt  von

Minister

Oel
got-I  am

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Sorwuan,  au  Hüscho

t“  eiche  bue  vi
Leark  e  K.  83

E.  596.

le,  c
Boden  Mlnlgec  General  *  --  #

Carignan,  isse  2
8  inister  von  1
eosdi  Treffen  bei  712.
tie,  Raiserin  v  82  geb.

hdtn  Preußen  577.

esfelben  ——
n  u
m—–]F  2  is  zu  ör
hde  owiecki,  Künstler  —
aus

d.S.  7  2  107.  Chotin,  Cisterzlenserlloster  10.

Christian  IV.  onis  v.  Wünene  rk„
  Kön!  pig  on  ——
5  en

r*  49  519.
—  an  Wn

dwoe  *  rrüche
ohann  mun  in
Brand  mdenburg,  Provinz  588.  und  uer  en-  Gron#  6éö3
—  (996)  Gründung  des  .,  urn  W  er
tabt,  durch  f  C  III-IRS
ersonnen  4  v  d  r*i**s  —  ue  "  von  ·—*x  9356  u
u
qkssmwevrichvl  »Es  sammt-  cocpacöky.gteaiay,  May-beim
versammlung  zu  635.  orneliua,  Hisioxienmaler  Peter  don

—  ke  Graf  Fr.  W.  von
685.  642.  645.

Bredow,

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Breniano,  Dichter
Sreaten  uscht  .  mm
in  (1740.  )  Aie-(s*
  Drich  II.  (1741)  323;  von  den

376;  Kal.  Gir#
Verirag  515;  leshh

"s  Fridorlelanum  366.

Statthalter  Lippotd  v.  28.  81.Cout  anlar  Treffen  bei  712.
EW  (027/28),  *  der  *  idie  General  de  l'  Homme  de  9  s

Zo  geiter  der  Generalrechen  ·

d
deg  cui-them  v  r*2  Ins.

aßlau,  Schl

Oesterreichern  Fe  83  Czerski,  an  nr  624.

"Dahle  ,  i  tsuisrssldsm
  tappen  *  kwen  Geschi  —  èer  Fr.  Chr.

Lupoautio  Achlllea  .
Dte  I  Thema-I

Gean  eat  zu  *  Penerar

7.  380.
—  VGesandter  bere  Traf  Fr.  9  zu  329.
—  Miunis  ——  raf  #e#ais  i-.  ass.
Donhard  —  —
#bhe  EGräfin.
Vorothea,  zwelte  d  a  Kurf.
Friedrich  Wilhelm  169.
Dormand,  Vertrag  zu  *
bung?

oibund  n  —
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r  937;  burch  d

8  Schlosses  on  dren  W
-

chlacht  bei  524;  zurückerohert

Dreebeuer  lere  647.

“  General  87
Vischering,  —  Frely.
s  von  600.

2.  —  Joh.  Gust.
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in
Duncker,  #  Feiber  Max  688.
#.  rW  don  rE

muzen,  Erstürmung

.  WMkzisedirektor  M.  292,

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r  4.  t  4  4%
2  .
A—

n  Vie  qu  u.  ff.  650
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6r  8—  Konal,  Erbauung  besselben.
Eleonore,  Gemahlt  #  led·
Wni———
Ellsabeth,  Gemahlin  des  Kursüchten
iedrich  1.

—  Gemahlin  des  Kurk.  m.  87.
—  4  82  üss.

 

ansammiung.  —  Kaiserin  von  Rußland  363.
Brieg,  Belagerung  von  328.  Danckelmann,  Eberhard  von  207.  218.—  Köniesn.  Gemahlin  Friedrich  Wil-Brienne,
  Gesecht  bel  580.  f.  1  .  622.  650.
Bromberg,  Bertraf  volf  von  *—  ——  deslelben
Browne,  Ockzerr.  arschall  968.—  t  It  Deutschland  713
erübl,  Sächs.  Mimister  Helh  d#s  —  ewerte,  —  Elten,  Abtel,  mir  dem  —.
Brünneck,  Oberstburggraf  von  621.  ow  366  vereinigt  460.
S  n  ½  2  7  5  —0.  4  #  e  wird  S  88  Hering=—
  Johann  anzig  an  Preußen  abgetreten
udde  idttg  34  von  den  aa  l  Eins  Kalikrehtlhelmk  in.  7  707.
Vulle,  Reichsgeseh  ver  goldenen  25.  468:  wird  Frei  zoans  E  a  Enckt,  Astronom,  l  o  s  646.
s  77  ens  von  535.  ccobert  580;  Wiedererwerbung  von  "  Wilhelmitie
osanber,  226.
7  Fr.  Freiherr  von,  Doum,  Koufmann  296.  297.  86.  —  ¾vmwmt  410.
*  —53  Ps.  521.  52.  Daun-Oesterr.  Feldmarschali  F..  97.  ers  asten  411.
Delbrück.  Miniskerlaldiredtor  Kiudol  3  Haherischer,
Ee.  6  *  1#  Kunterthönigkeit,  7  der

Sue#ten  EWas„
ansen,  Gesand

9.  Schlacht

gaerjhchh  bet,

an  2  Wrnden  Derscha
S  —5  K.  von  #W  Hut  —  —

u  87;,  Schlacht  bei  1/8.
Larseerödoo,  Schlachten  del  388.  62.  vW73  Hothohken.  r-*•P  .

#
2  von

222.
Kerrrichische  Vertrag  718.
ch,  Prinz  von  —

bel  6.  tm
ter  Chr.  .  von  598.  *“i#3.  —  “  181.189.  erhurt.  Erwerbung  der  Stodt  (1898)

-  tm  ranzolen  S.bebeben  1465.
—lssz  aun  der  Fürsten  zu  502.
2  der  Feee  von  504.

Mars
6W  S  Mann  10s
Bertaral.  tanhalter  in  der  Mari
        <pb n="931" />
        Register.  758

Ehen.  s  vgtum  Friedrich  Wirhelm  III.,  König  450  u.  F.]  Gräfe,  Arzt  Albr.  von  64
##  obber  zoa  in  Näuig  2  578.  g  Erkt.  un  von  #

—*2  vi  c  sama  I  Ihredtuadekzestaa
Gasse-I  von  ##G  Prinz  624.—.  Wirhelm  Fronpricg,  Sohn  Kaiser  *  .  guns  "*

527.  Wilhelme  I.,  f.  Friedrich  —5  Schlacht  bei  710.
Sley,  Ssch.  Sieier  26.  i  eims-Ranol,  Lesaun  der  L  "q  rer  Jal%

-  achsorscher  ol

Lec  *  reinh  b.  Schlosses  45.  64##.—
—  Wilhelm,  Sprachsorscher  6849.
-l  8  184.  Frbben.  n  r  der  196.

3.  aaussn  726.  8  Schlach  6.  Kolman  1  K.  W.  G.  464.
nslein,  General  Ed.  Bogel  von|Ge  geMilse-  Sa  2  230  U  f.  e  t  .  570.  500.  618.

WW7.6  von  28.

orge  SEchlacht  bei  628.
mann,  David  300.  I.  M.  Freih.  nn  9355.  #½  uerherc  Pn  vrinde  196.

gch,  Wusiker  348.  AKrschen,  1#6tr  bel  519.
Ftuin  Schlacht  dei  188.  m  E  s  gemvoa,01a0kkam·
Abt  42.  i#stenwalde  (1978),  Vertrag  von  24.  ——  derauhen  abgetreten  442;
als  o  Braunschwelg,  Herzog,  Wied  ————
nerhach,  Peloseph  g.  624.  E.  —*s  ———  ven
7  i#ur,  WWinn-  516.  Gadebu  1  in  186.  u  r
bn  XXIIXE  Ges-  524.  *Wd72s2  .
in

benstein,  Minister  339.  397.  438.  —  anz.  Staatbmann  Léon  Lte
.  *  “  712.  .  ½  rl-es  j  in  106.

mow-Lanal,  Eröffnung  des  354.  Gastein,  Vertrag  —  Gr  n
leurus,  E  8  21.  ee  —Nt  18.  Dez.  s  do,  #3  ig  von  Schweden
is.  05.  185.  (#.  Ret  S.  108).  118.  118.  120.  122.  124.
ies,  E  *n0  unpeasen  ##  i  he  Sn  ———  Gründung  desonwell,
  Minister  E.  H.  von  600.]  deslelben  280.  selb
665.  ——  —  mariet,  Errich-Follen,
  Gebrüder  Aug.  Ad.  9.  *  tung  desselben  169.  o
Karl  668.  ntrei-  ¶dmlaistration,  Er-  "
Forckenbeck,  von,  Abgeordneter  719.  eo  K.  Oeslerr.  General
Fortschrittspartei  684.  097.  698.  699.  1  □  462.  o  o3  bei
70  r  e  e  Hüorkgraf  von  7  mister  von  415.
eral  K.  G.  A.  von  614.

Fouqué  de  la  Motte,  Dichter  Fr.  S.An#
K.  490.  —iutch  *  Jagern  endorf  116.  Erwerbung  des  Stistes

 

—  General  372.  98.  —  Friedrich,  Markgraf  von  Ansbach

—  9#  em  225.  202.  und  Haifeu,  •uberna  tor  von  e  13  Weu
-eankenstein.  Fren3  von  734.]  Preußen  10.
eanklurt  a.  M.,  Fürslenkongreh  ins.—  Wi  t  Un  *  *  ool
be  a  8  einverlelbt  606;  W  eim  arhe  -an.  —  9#  *  J  14  t

Scte  acht  #  712.
en.

6  tra
En#d#  ri  l77  %  *  Sauch  4,  Paul  7en  r—tN
zn  3  Verlegung  der  Gerlach,  E  von  ¾l  t  *  se

Untverst
—  en  10c  Sa  Laye,  Friede  zu  St.
rgarsurer  Unsstand“  (1539)  90.  Gero,  M  I  i  4  Pke  455
—  Parlament  688.  Gersbn  Aneralalor  n  287.  9,  Vertrag  von  —  *
Hronse#n  en  Ed.  Friedr.  von  .  Bürgerl  aiches  7  Hiftn  von  Sae  67.  69.
eneral  von
—  Sglact  bei  663.  ardenber  t  #er  K.  A.  Farst
“  7  %  *en  n  d  #opperrchern  einge.  f  444.  6  6  V
er  Kriegsrat  400.  n  boß.  60  r*  33  58.  535.  541.
Fuichreen  A04  .  W  2.  .  53  Fbnns
erise,  —  fönig  duierrih  m-  mahme
ol  lenan,  Graf  45  #

#  land  *  bel  460.  N.  von  484.  49#.  494.  507
Burggraf  von  Nürn-  *.  2204  .  519.  568.  SSllg  /  öche  15  -  2  46.

168.
—  W.,  rgen  von  Nürnberg  38.  Göben,  General  Aug.  von  6090.  ’n.  Eanelber  (040),  Gründung  des  Bis-—
  7.  Burggraf  von  Nürnberg  96.Go#  *  EuFulLIl  Kaf  RNob.  H.  B.  tuma
—  von  6Vranbeneid  37.  wekort  che,  Gan#ls###  der  287.

—r  17#5  L  bes  Schlosses  45.  0  Launa  la
—  I.,  #1½  u.  ff.  *  (mister  294.  416.  #nen  Faalas.  kalrat  368.  422.
—  ##  t—W  0  n  ihit  rieo  9.  ,  99°.  .  Eust.  462.  #  —  —  E  16.
—  —1  auh  288  n.  GCos  Lärste,  Erwerbung  der  Stadt  (1808)  e  k  649.
der  Große,  #  zos  u.  ff.  458.  egel,  ——  X  593.
—.  .  Kalser  625.  656.  1  70.  —7  llvertrag  mit  610.  geilige  Alllanz  553.
".  u.oie  vokv  u46  *2
—  —  Ler  von  Baden  708.  Gotsl  —
n  Breußee,  Prinz  680.  on  o  nina  aau  an  a19.  ein  tk  iniiier  Freiherr  10.
#  32  Obotritensürst  6.  n  9  nscel  er  Abnig
r—  Göthe,  W—ins  o  M  Knirps
Wil  1  rm?  126  u.  f.Götze,  Kanzler  i-  de  König  20.
Wllhelm  I.,  König  u.  st.  ee  n  Oenernissonvernenr  Greise  qurai
Uilill  ssnis  u.  ff.  —  von  wassn  66.

Verner,  Cesch.  b.  Pr.  Siwack
        <pb n="932" />
        754  Reglster.

Seinrich  von  Preußen,  Prinz,  Sohns  Jacko  Kaub,  Uebergang  über  den  Nhein  bei
Konio  Friedrich  Wilhelms  I.  875.  Ja  Bis-  of  Matthias  von  90.  .  Mo  H
sa-  qa  Bis.  Kaulbach,  Historienmaler  Wilbelm  von
—  von  Preußen,  Pri  „  Sohn  Kalser  Felees  Ero  zanzi  .  419.  649.
gerh  II.  721.  vrn  II  auss,c·ttekk.Skq-mmceksmi
elandter  von  u.
*  an  Deutschland  P4  e  *  —  464.  9.  Schlacht  bel  382.
4  rdine,  Es  von  Welfalen  478.  #.  Leutnant  264.
e#aargenzeh,  1.  Kren  S  ——  gesd  E0“
Fin  on  neu-,  easy-huren  set-  eot,  a
ld  234.  256.  273.  Kchteler,  Erzötschof  von  Moinz  723.
an  T  or  H.  D.  r*  —  egung  der  Flottensation
dem  des  “m—r*1#ßß  73  Gräfin  nach  684.
rrhs  von  687.  Kieler  Sut  zum  #n  —
Es3  Bildung  der  626.  S  1  Kursbe  st  77  u.  ff.  gebau  0
erteseld  Si  von  108.  HI.,  K#fürst  39  u.  l.  ##rcheisen,  Mi  hßer  nh
—  Oberjägermeister  von  267.  EFrsedrich.  Kurfürst  164  u.  k.  —  t  bel  696.
Herhberg.  E  von  889.  907.  430.  #mika  20.  Ki  Kung  des  —*'
433.  437  u.  o.  #r  tedea,  Berlin.  —  T  521.
Herwarth  —*  General  6rt.  von  Mähren,  Markgraf  26.  aueiaschneseror  ——N-  zu
#
esen-Dormskadt,  Bollvertrag  mit  600,  Nohonn,  1  W  raf  13.  Kleist,  —  von  333.
i  6  *  v  We.  —  General  E.  Fr.  n  von  6524.
Z  ethUwBo-—von  Sag-a  case  67.  8
r*ss2  E  690;  Preußen  einver—  He  *  74  berch  von  406.  40.
von  .  Sohn  n  von
7  68  u.  wiz,  —  Mus.  N.  von  668.
i  Georg.  Lurfshr.  1.  5#s5  n  net  E—
Miuister  -  von  der  646.  1Lor  e  d  ders  von  ——  ur  W—“]i  Ernst  von

ert  Dodo  von  210.

78.  676.
u  eim,  Erwerbung  bes  Bisstuma  —  Sit  Bri  ns  #en,  Freil
*l  6  •i15  6  t  u.  ff.  Dur  gaoln,  *  berr  von  342.

indersin,  General  Gust.  Ed.  von  685.  JIoba  ece  !—  r*disn  e%  Oberst  453.
knterpommern,  Erwerbung  von  186.  desselben  660.  -*
ug  —  Statt.  -  tolien  (1866),  Srs  638.  HL  n  den  Mus  robert
K.  —  624.  dri  #  #er  H.  Fr.  A.  Graf  (1760)  368.  415;  Ber-  Euess  von
*.  ——  bei  von  655.  46.
#en  unter  42  Wiih.  I#.#lch,  Einnahme  von  (1610)  110.  Kolin,  Schlacht  bei  972.  878.
*  8  Sal  n  5  2  Ilterbog,  Gefecht  bei  521.  —  Grundsteinlegung  zum  Dom  in
.  se
fmann,  Geheim.  Rat  Gottft.  Sacofrat,  Schlacht  bei  692.
#K.  Königinhof,  Einnahme  von  692.
646  *—  berg,  Schlacht  bei  888.  uurn.  Vertrag  u  (1650)  153.
57  —*  Minister  Ad-  m  ——  vn  u  e  zu  n  oi)  *  in
-  c  as  u
Mississippi-,  General  Friedrich  alreund,  Preuß.  n0.  W3  2.  9  g  *  la
Ohio  37  von  444.  468.  40.  465.  von  470.
—  hn  znts  Slüst,  hlodn  is  Fürst—  *  ochtb  166  32  "Q  4—  einer  Musteru,
  diei
##n%n  —  97.  8  ch,  62  gur  51  —  Königsmark,  Hüner
—  Uebertragung  11  Fürstentums  an  giche  andver  der  al  und  —23  e  620.
ußen  0.  Kont  r0t  723.
—  Miederausban  der  Bu  Heften  (1415)  Konzil  zu  47.
—  Sigmaringen,  Karl  —tt  Burst  #  —  von  t  e  505.
4he  Erwerbung  des  7nt  186  et  t  Hsen  mit
—  Prinz  bLeopo  5  ###  66f0  Geheimer  Nat  K.  Ehr.  den  Raubri  duf  der  76.
r  an  ss  Preußen  565.  601.  *  appen,  Bsteln  uhn  252.
Pernznt  einverleibt  Karl  Aemil,  Kurprinz  146.  183.  Körner,  Karl  Theodor  5241.
Feldmarschal  ##  W.  %  *.  W  26.  W  1%½  *  5  1.
—  De  weldmarschal  og  von—  IV.,  deut  er  nic,  er  A.  von
278.  ecr  —  V.,  Koai  can  eingenommen  (1794)  444.

er  83.
onthorst,  Gerard  und  Willelm  von  —  X.  ECustav,  Könie  von  weden,  3  Mini

4  ¾le  r.  o  "  *  Kreseld,  L  bei  27.

d#nban  rm—m  Gesandter  Si  XII.,  Kön  von  Een  242.  reee  Damm  (1419),  Gesecht  auf

—  V1.  reull  er  Aseerse
4t4  Eriede.  —  Vil.,  deutscher  Kalser  925  H
viel-ab,  Prosessor  n  r'#  400.  —  Narigraf  378.  Krock  von  409.
umboldt,  713  von  5  —  #  von  Braunschweig,  442.  J  S  64.
Wiein  n  40.ö#.  543.  556.  Krusem  eral  ðr.  W.  v
70.  49.  W#.  u  e  708.  r5t
r5  n  er,  *  bei  692.  1  buch  25.  L.  der  ag  nen  hauses
usittenktie  t  —  .  569.  0  07:  8  t  4q
uiten  28  von  —  Hennersdorf,  Gesecht  bei  sspeeit.  Schlacht.
2  ·
sAchhklstanIuiI  Maria  Landtag  Dass  Inhalt-it
Katte,  Leutnant  von  264.  des  Kronprinzen  Frie  duch
—  n  Ed.  K.  E.  680.—  Winister  von  3417.  den  s  111  42
oby,  rzt  Johann  620.  —t  Schlacht  on  der  522.  Kutusow,  rüssischer  General  518.
        <pb n="933" />
        Register.  755

Luisenwahl,  Liu  "  der  —*  Ausbau  des  Schlosles
La  Belle  entsne  —  bei  549.  aa  Wu.  —  Kaiserlicher  General
Labian,  Vertrag  von  155.  Lu#t  A  —  Schlacht  bell  178.
#  g.  Miister  Adalbert  von  4  Wrsense
6n.  ——  Lüten,  Schlacht  bei  (16.  Rov.  1632)  E  "0E  l  von  —  Prinz  144.
on

.
#  emoise,  Tressen  beiLütow,  Major  Adolf  von  517.  —  1½4  An  Prinz  336.  878.  876.
*  Chemdenoi  #  w  Beriitung  vion  Vin  .  O  7.  r*
Londeshut,  Gesecht  o8

#  dengeleh  d.  r*m“’v  2—  õãlth  meain  706.  Mchist  "  ½  ö640.
#he  Ennan,  bes  z  "7  53
Augemn  Maaßen,  M  iusser  vP  G.  609.  #  —4  EdeB  an:
Keneulant  Schla  cht  bel  Mac  Mahon,  F  Marschag  70  458.
Lanöhans,  Erchitekr  von  1%.  Mogdeburg,  öbustum,  Eaan  r“  3  Gefecht  bel  682.
Laon,  Shact  bei  682.  deslelben  (979)  5;  Sereron  hausen,  Hannsverscher  Minister
—’  ——  hei  ban.  Sne  183.  Besetzung  von  zis
Zelln  ae  en  Franzo  alaane  15  a  Gesandter  Oberst  von  314.
e  Erwerbung  *  ,  Ihni-  (l#s)  219.  Lud.  With.  v.  356.  357.
derletb  “*rm*  Allgan#enkunst.  Manster,  Heiienspelb.  uereer  zu
—  Seethnor  ran  Preußen  u.  Oester  Brh  4½  W  t  Lol  Wlenh  I.  394.]  132;  Erwerdung  von  458;  Katho-73
  nne  682;  in  ai  Ma,  Nr.  „G#ofe  —  üsche  Mademie  zu  694.
werlei#  nomr
Le  ——-  den  Fronzosen  ge-  Fot  Wassen  )P  t  and  6u  6  K.
“—mrs-  -  d,  Schlacht  bei  692.
21  min,  Tisterzienserkoster  10.  r  ral  bon  9—  Zached,
Pich.  nre  E  h.  s.  enteuffel,  Ge  #her  Edwin  von  es8.  “  Generalpostmeister  Korl  F.
Leibniz,  W.  er  235.  4  71.  712.  nlehn  I.  Bonaparie
“  EE  —
29),  a  .  ardefe.  an  v.
r**  n  ".  4  s—  Po  rrmd  5n  #  H###lieatpen  Grof  381.  382.
#en  Ahelted  su,  Peldmerschen,  Nerperer,  Herzgin  van  Tirpl  Z,  gatsonamocrale  Perter  Cov.  1.
————————J
benzollern,  Erbprinz  706  6

st3  .  e  raa  25.01  Jelin  aungaulrin  ns.  uos.  .  Ro  —  ’—  Deutsche  634.
Morienburg  (1650),  Vertrag  zu

sene  Ae  erer  u.  00
«  ton,  est-rat  III  T  von  466.  Marienwerber  421.  ee  3  Achert  Koriler  A.  649.
——  ct,

en  3  mine  e.  la  Tour,  .

n  ehet  an.  2  —m  in.

B  z
—————  ele,  Ivachm  Chrifkan  556.
smum,

Inrppe.  Eitr  berechung,  ½  *  Matthiaß,  König  von  Ungarn  69  u.  fl.  —  b.alelben  35bq
Kippold,  Mönzmeister  94.  —  Mlchael  166.  35  3  .  «
II  -F·«  Hals  1  L  der  Mademie  rnn  eorg  H.  501

en  6.  6.  er  tnlchalten  '

Lohe  968.  Maxen,  Gesangennahme  des  Generals  e  *êm—°  e.  42.

Lombord,  Labsaettsrat  451.  Mein#,  7  s.  a  n“  dipnn

“m  oeens  —  Maximitian.  utscher“  #ler  88.  146  ander  "  4.  15  Frledrich  Wüi-NHothringen,

  Wiedervereinlgung  des-  rtsdh  Minmster  3  —  1

r  *#  de  ua..erde,  e  di  rutalrbs  nn  duien
oltum,  Minißer  Graf  von  500.  iningen,  Bollvertrag  mit  610.

olun,  Wialhe  wrgf  ven  Sur.  reMettngen.  6  t  rna  a  pn

40  168.  Hnnoinetn  8  n  s  .
cueshesia.,  Gesandter  Marqauls  von  erkel.  Ob  —  —  #W|  t  Kort  W.  640.

ç  Rerrelschis  Staats..
Luckau,  Vertrag  zu  (1851)  24:;  Ge-  Euhn2  rFst-  W.  urs  kunrrlen  -  der  Stadt
«

«  to  isfsuchmo  Nimm-neu  »Ja-Je  7’“  *

u  3  t  er  Heiln  ng,  «

Zum-K  o,  äs-  —*  |  1lin  Unsũhrer  Nr  Toln  *(  nazm

audwig,  Marker#

—  -.  -eaber,  po  ller  22.  Minden,  *——  *P7  St#tes  134;  3  7  18546.  golern

r  e0  Hureche#ben  em.  bertra)  Pon  abge-,
  Könlig  von  Frankreich  178.  Miquei.  #e  7  —  719.  i  6t#
—  1I.  ½  bden  r  Jos.  vi.  nnere  649.  K  en,  #  189.
#ul  n  *8  tNustadt,  Friede  zu

Senghlin  König  o  as  bei  518;  Schlach

uhelms
u.  .  E  #  ndorfs,  Generel"  8.  444.  ·
—  t  Tochter  des  Kaisers  Mleng  Schlacht  bu  .  Oderbruch,  Uebarmachung  desselben
I.  625.  e,  E  Haf  beheimm  319.
—  Henrictte,  Gemahlin  des  Kurk.  ##  Friede  zu  1
Mrledrich  ##uhelm  134.  1  Amüß  (1768),  6  von  979.
        <pb n="934" />
        756  Negister.

Olmützer  Punktation  646.  R  *  521;  Besetzung  vonsRothenburg,  Salente  Graf  329.

Onsaueg  Sütung  des  Waisen-  )  Friede  zu  MS  Rat  Präsident  los-M
thu  Mem)  II  von
—  Es  en  bel  712.  *  en.  n  d  mit  deen  H  9½t  zte  Ersecht  bei
nabrück,  Frie  erhonkiungen  zu  Ru  hes.  Zollvertrag  *  607.

hisch  .  ne  2  „  Arnol
S#bnn,  land,  Weshsh  von  328.  b  sawvataadenukm  Slaveus  Bissen  suec-nehmt  (1678)  187.
Oupreußen,  Provinz  öss.  Kupning  8.  giero,  Dominico  Caelono  Conte
Ottmachau.  Gesecht  5.i  319.  Priegnit  (1186),  bung  der  8.  166

Hunt  n  8  Lalen  4.  5.  Prinden.  E  N  von  278.  Ruhr  —-  der  5688.
Deutscher  Buuttwitz,  General  Kark  von  631.  RKumpfbundestag
—  —e  P  i  —3  7.  Srivat,  —5  bei  St.  ½3  Ruppin  wieder  ausgebaut  436.
Prizlal  !"  Niederlage  "l  Ryswick,  Friedenskongreß  zu  223.

*  7n  3  Deutschen  du  l  die  *—  bei

-  It
—  .  *  kPun  578.

—  der  n  le  24.  Pückler,  Minister  Lals  673.  Saalseld,  Gesecht  ##  464.
Hudenarde,  S#hest  bei  289.  Ke  —  Samue  Sachsen,  Königreich,  Besehung  des-Overser,
  Gefecht  bei  880.  lietten  s—  *  eren,  Ab  ·  E—  Sh  Friede  ß  696;
—“  schub  d  dedererwerbung  eines

t  264.
vutiit  Siescheher.  Adam  Gans  Edler  .  Pe  n  642.  686.
el
v.  i’lh  Gans  zu  28.  81.  36.  41  u.  fl.  —  alen  Joh.  Aug.  585.
Haderborn,  Erwerbung  des  Bistums  b87.  596.

468.  3  Salzo,  Hermann  von  35.
Papiergeld,  Das  erfle  preußische  4  '  Schön-seh  Eis-m  mderung  der
Pa  *  Bundais  —  %%  *  —  Musiker  u-  guermählung.  des  20%
süe  at  ne  zu  460  ,  Oel  ch  It  drich  q  266.
Hü#  u  (1308)  502  S  Un  means-,  Echlacht  bei  %.  z  E““  Karl  L.  568.
14%2  u  8  (E#h  Qulbow,  Dietrich  u.  Johann  28  u.  st.  58—  hguns  von  312;  3
Fre  31  01  #en  e  een  volal,  !
7  .  6  16)  ½  de  8  n.  .t  Tar  Ax
(1815,  553;  Belanerung  d.  (18701.  )  «  S  sap,  Uechtsqetcdkm  4
12  F  3  —  abe  von  713.  RNadowitz,  General  Jolef  von  618.  von  4#%  499.  516.
ate,  Minister  E.  R.  Freiherr  von  650.  642.  645.  646.  —  Sesandter  Karl  Fea
s672.  673.  Radziwl,  Fürst,  Statthalter  von  Schadoy,  Büdhauer  Irchen  —
*s  Geschichtschreiber  Georg  6.  649.  Häuben  161.  46.  b16.  582.
E  53  Antolue  800.  —  belli  eg  Elise  Scheln  olsch,  Sfbüchof  von  Breslau
u  a  .  q  von
*  e  9  Friedrich  Wil-  ehe  L,eeral  G.  J.  D.  von
“m““  ——  Verträge  mit  heims  1,  13  *  *-  488.  492.  507
171.  RKante,  duichreiber  Leopold  von
uel.  147.  Eing  6.  aan  Srieee  Frteen  me  i  er  ##  Genfried
enera
Ffn,  Suformechung  —  zs  I.  areß“  zu  w  c  e  "1  Schenkendorl.  Dichter  Max  von  499.:
Friedrich  Wiheims  I.  zuf  5642.  Schl  —  4
12  Rat,  Geheimer,  Stistung  desselben  *  1—
Pirmasens,  Schlacht  bei  448.  16..  Schi  I
lmc  soplntlotloa  der  Sachsen  zu  #  Erflürmun  r*ilr  von  188.  *4  al  s  Friehrich  592.
R.  Bildhauer  Christtan  592.  649.  9.
Aeten  A  von  Schlabrendorf,  n  von  422.
l  m,  Rauch-te  desschlollessz  Faule,  e  Ee.  Schieiermacher,  F.  D.  E.  498.  499.
Plotho,  Minister  Ouo  Edler  von  247.  Raumer,  Geschichtschreiber  N  v..1.  50.  555.
6679.  Schleinig,  Minister  A.  G.  Frrih.  v.
—  Gejandter  don  378.  Kekormation,  Siabtrunf  crl  878.
!—  —  Heinrich  von  274.  Räichenbech,  ün  elecht.  Schlesien,  1.  bas.
dis.  8  —  wu  #  Schlezwig  an  **  d  Preußen
Podol,  Gejech  2—  46„⅝⅞⅝  Peter  858  etreten  Preuhen  einvericibt
m  pm#s2  uWrui  n  tationshauptschluß  (1803  *  —  ischer  Krieg  680  u.  P.
olen,  on  395;  zwelir  Relchs-Deputationsha  u  —“—  er
Teilung  von  2  dritte  in  7  "  Su  rwnsst  28.
von  444;  Ausstand  der  (1881)  680.  —  rhe  cos.  n  727.
Pommern,  Belehnung  BrandenburgsRetzow,  G  i
mit  123;  Provinz  587.  Rhediger  *  dtne
E  W“  Aussterben  ber  ntlsn  Gedererwerhung  der  542.  “  #  -  u  .  A.  565.
oge  so,  Prosessor  —
Posen,  t  "5  aieben  u  %%  o  ooa  -
Potsdam  167.  -t  208:  Vertrag  zu  22  Gcograph  Karl  649.  Sn  w  von  607.  500
(1805)  460.  Rochow,  Domherr  Fr.  Everh.  v.  422.  4  Oberpräsident  H.  Th.  v.  188.
#otdae  Edikt  204.  —  Minister  Gust.  Ad.  von  619.  625.  563.  585.  588.  580.  606.  620.
Pourtalds,  Frirdrich  Graf  von  654.—  -kiarschall  von  625.  626.  ese  onberg,  Besce  88  27.
Prag,  Zusemmenkunft  des  Healers  mit—  Staatsmann  von  317.  Schönberg,  Präsiv
iich  Wilhelm  in—  Wichard  von  48.  Schönbrunn  r*6352  —G  mit
46,  Zufammenkunft  Friedrich  m  Notbee,  heron  64.  kapoleon  zu  4
14  I.  mit  dem  Kaiser  —  ;  Nonge,  Jobannes  ttt—  —  des  Schlosses
ebergabe  von  9  250;  chlach  Noon,  Minister  5  —  v.  ö71.385.
bei  371;  .  635.  9  704  Schöning,  General  1

3
Zusammenkunft  2  ——  Noßbach,  Schlacht  bel  2  omland,  Vorstadt  #  n  45.
        <pb n="935" />
        Register.  757

Shrter  —  K.  W.  Freiherr  ss——————  v.  arin.  O  .
*  —  von  685.  564.Stettin,  Einnahme  von  (1676)  187;  See  —  bei  181.
W  r  8)  2  2  Bo  tgghen.  Stadtgerichtsrat  Karl  674.
Sczulz,  Johannes  592.
Schwanenörden,  Gründung  desselben  an  66
88.  S#ichzen  —
Schwarßenberg,  Graf  von  114.  116  Se  raf  Br.  Zeep.  zu  560.  uns  Mar  a  8.  ——
u.  Mini  ster
S  e  Sta#thalter  Güns  z  de,  Vige  ·  Prasibent  788.  ühlch
N——*—m  !*  —5  —  u  3  S.
*  Leoll.  —“  0.  Uni

mit  607.  Stor  Pcuez  Beiehnung  mit  der  Herr.—  Et  s#ts  595.  596.
Schwarzenberg,  Oesterr.  General  Karl]  schafr  102.  schlach  *  onn“  46.
bil.  r  r  K  don  521.  been  er  von  721.  Usedom,  t  G.  Graf  von  664.
S  d  Vertrag  zu  250.  Sira  the.  von  428.  Utrecht,  ——  zu  248.
Schweidun#  Festung  375.  377.  zss.  s  6  3
Schweins  *  Tresfen  bei  692.  Strallund  —
kelD  von  704.  Straßburg,  ine  don  710.  71.
Schweri  n  Icltmscichall  Graf  Kurt  Siwangg  uy  (1702),  Kanonade  von  442
.  NIi.  dbeck,  -  *  Sa  n  Zusammentreten
—  Ertst  .  M-  Eraf  von  628.  Ster  Gustav  von  e  derseiben  620.
k  632,  678.  697.  S  Samuel  225.  Bereinigter  Landtag  *  Einbe-—
  Olto  Graf  von  144.  146.  168.  168.  Architelt  Fr.  rufung  dg
Schendorf,  Oesterreichischer  ——  Sieis  von  r*  ner  9n  Fast
*  srsa  7  #
—  Ludwig  Veit  zen  r*—*“  n
Sedan  Schlacht  bei  A#en  420.  2%  enesas  r—  Frank-Seebandlung
  u  t"  (1772),  Snhch,  Srn  28  von  354.  reich  ur  ch  v.  J.  1756,
Gründung  der  Sybel,  Professor  Heinr.  v.  674.  965;  —  '—  3  70;  Friedens:
—  Woss  ½#  kräktantarten  t  713;  Kallerproemnonen
  .  klamatson
Seoen  %  Bittorla,  Kai  Erbn  Frledrich.
Sennes,  Schlat  16½.  Tabakskollegium  271.  Hincennes,  Ausfall  der  Franzosen
Sestelmann  *  ##el  Friedrich  rr  e  4.  25.  von  712.
Sch.  Bayer.  General  von  der  S-  ens  von

räsident  eeerr
Sen  Fe  hr#  bei  696.  uosn  schofsheim,  Gefecht  bei  696.  rW  s  **  48.  491.
E  —  il  Friedrich  Wilbelm  enbien,  General  Graf  von  381.

n  875.  ondile,  Schlacht  bei  710.

s  Deutscher  Koiser  26.  38  u.  f.  Fe#  Konvention  bei  513.  Sioet  ow,  —#  z  ub.  708.
Sinton,  Jurist  H.  627.  n  ———  ir-  650.  Bollaire,  Fr.  W.
Eimons,  Minister  von  66.  665.  Se  Frü#de  16.  Borpommern,  J—  von
Sziendern  Kardinal  Graf  359.  bn  a  gureot  Kaiser  Franz#
Skalitz,  Se  Schan  bei  692.  58  z.  WM  3  IM—  Dnchter  oh.  Heinrich  560.  591.
—8  Oberpraͤsident  Graf  ndd  P  646  4  —  Oberhofmelsterin  Gräfin  Sophie  v.
o  -  .
s  I  uu  —  Zuch,  Kanzlet  Lse  7
Schlacht  bel  335,  Teschen,  e  u  398,  Vossem,  Vertrag  von
.  Charlotte,  chestn  bes  Kur=  Testamem  2  Friedrich  Wil-  —
pen  lianzen  Friedrich  201.  welm  215.  #.
iluri  Gemahlin  König.  Frledr.  #ele  Domi  «
Jena«-so  P  sn  4909.  Wachau,  Sie  E  526.
—  JLuile,  Gemahlin  Könlg  Friedr.  I.  FP  Kalpar  Waghäufel,  Ge  ——
242.  -albeck  Wern  Werner  von  5.
Setdemgeete  731.  omañut,  Ehritan  226.  Wlbeen  #echt  bei  696.
Spandau,  Erbauung  der  Bestung  94;Thorn  an  Preußen  algeir  eten  4  Waldourg  ———  deint.
den  Schweden  geöffnet  121.  Thorn  *5  530;  Wiede  #  don  303.
Sponheim,  Ezechiel  von  225.  erwerbung  von  567.  15  Gro#  144  urg
Sparr,  eel  2½%  Chr.  von  144.Thurn#  s.  Leonhard  100.  *X
168.  169.  173.  189.  Tüte,  e  a  460  I  on,  Belehnung  des  Kurf.
Ste.  1  Sen  Jakob  225.  Tobitschau,  G  Wn“  -  —  inn  in;
Spichecn,  Schlacht  bel  706.  orgau,  o  ¾  ä  rrien  r  44.
Scher  Erzolschot  #eal  552.  rsten  bio  Schi  cht  ri
Spiit  #46  cgerber  Kaufmann  297.  #in  *1Warl  boerdn  WMan  4  bel  625.
t  om  nt  t  erkammerherr  Kolbe  von  227.
i,  Gatparo  ,  Eroberung  von  D  250.  240.
Sorben,  nd  Veselben  4858;  K  Besecht  dei  692.  Wart  ensiehen,  Oberkriegskommissor
ledererrschkung  desselben  3899.  ressenseld,  Oeneral  —  von]  Graf  234,
—W—  v.  J.  1808,  490.  139.  ½  Cr.  Zad  ger  von  286.
Stände,  Die  alten  501.  Treitschke,  Heinrie  8  713.

Stavenhagen,  General  von  #  Trendelenbur#  .Ab.  64.  74  hhe  WTeorg  von  331.  365.
Stein,  H.  Fr.  K.  Frriherr  und  Krier,  Ausstel  W  des  Währ  kes  "

 

8  —EE—  Ern#  v.  127.
518.  525.  543.  552.  574.  60.  #r  *n  von  678.  —  —  82  *
Steinbrecher,  Rat  100.  Eußen  —  Z  essset  6.  von  488.
Sscmet  Fenerr  Kartl  Fr.  von  092.  Tukemeyer,  c  Graf  von  651.
Turenne,  Häen  Morschall  178.  ii-  Einnahme  der  Festung  488.
        <pb n="936" />
        758  Register.

r*  Fabrikant  354.  e  *  König  Friedrich  t  erg  (1860),  Friede  mit  696.
ehlau,  Lerfrog  zu  156.  I#belms  265.  ##ustertauen  Berabredung  zu  259.
5  mann  1,  Wildel  *5  sre  von  704.Woylich-Vottum,  Feldmarschafl  v.  278.
Meienburg,  Schlacht  bel  709.  Wilsnack,  Wunderdlu
ele  herzog  von  548  u.  f.  uxn  e  .
Wenden  1.  4.  4  .  Windthorst,  —  Ludw.  704.  x.
Werben,  Burg  4;  Friebt  726.

Weerden,  Abies,  krtt  wenagenog.  Wierteldt,  General  von  32  39.Zonten,  Vertrag  von  uu2.
tum  #e  at  460.  #2.  278.
Werder,  Gen  I  von  712.  wiscenud,  A#roleser.  Ab.  6  v.
Wesel  mit  Wt  vereinigt  460.  bene.  zurückerodert  530;  ½
Westfalen,  Wiedererwerbung  von  542;  leun  der  guierhue  don  594.  Vork,  General  Hans  David  Ludwig

Kovin;  588.  Witigenstein,  Obermarschall  Graf  234.
—  692  8  von  664.  ge  Sefg  i-  1  6512.  513.  515.  518.
Wefälische  Friede,  Der  136.  —  Mufsischer  General  Fürst  618.
Westminster,  Bertrag  von  3864.  —.  Min  If  Fürsten-sähst
Westpreußen  425;  Provinz  580.  Wit  itsiock,  eht  bei  #  3.
Weritc,  Proscsior  W.  M.  B.  de  5068.  Wihleben,  teral  J.  W.  580.
Wichern,  Bielonslioriülran  Johonn  ——  #e  don  Behe  und  u  Minister  von  422.  423.
einr.  Ungarn  73.  trumspartel  726.
kn  von  Magde-  *95  -  16.  7  R  Sposetti,  Oberpräsldent,
W  er  talsche
Widulind  !..  Philolog  Fr.  Aug.  4  eben,  Konvention  von  Kloller  378.
Funn  rlwn  We  21  *  Allianz  “  sasnn  E  on  1a.  ieten,  eag  a  Trochim  von
1719)  255;  augsbünd=  Wollin,  Ferung  von  186.  322.  333.  37.
#  zu  ##  111;  Er  809)  u.  n,  0  451.  454.  Zietens  eb  2*
ugreß  zu  Kofilerenzen  Wörth,  Schlocht  d  ssta-Verg  20  Schr  -lacht  am  55.
aeü  „r  #u  58#-nran  General  181.  bu  701.
ede  zu
3½N  t—  e  570.  —  General  Fr.  H.  E.  von  688.  635.  n5  paorlament  2  2
Wilhelm  I.,  ee  450.  é02.  680.  BZollver:e  auan  6463
578.  681.  685.  642.  646.  648.  2  Wratislaw,  Herzog  von  Pommern  ZBollvertra
678  u.  ff.  6..  an  4  "-—
  II.,  Koiler  738.  741.  u.  F.  Wulsen,  Luben  von  236.  ollen,  Erwerbung  von  38.

Berichtigung:  Am  Schluß  der  Urkunde  vom  30.  April  1416  ist  zu  lesen:  Johann  Propst  von  Gran,
Bizelanzler.
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      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
