168  Die  völkerrechtliche  Stellung  des  Papstes.

Kampfe  ein  Ende  zu  machen,  den  von  Rom  aus  die  Curie  und  alle  dem
Königreich  feindlichen  Elemente  gegen  dasselbe  führten?),  und  endlich,  diese
weltliche  Priesterherrschaft,  welche  ihre  Mißregierung  nur  durch  fremde  Truppen
behaupten  konnte,  war  ein  Anachronismus,  der  früher  oder  später  verschwinden
mußte.  Allerdings  war  mit  der  Einverleibung  noch  keineswegs  die  Nothwendigkeit
  gegeben  Rom  zur  wirklichen  Hauptstadt  Italiens  zu  machen,  wenn
man  wollte,  daß  der  Papst  dort  bliebe.  Männer  wie  Azeglio,  Gino  Capponi,
Menabrea,  Jacini,  Alfieri,  denen  man  so  wenig  Patriotismus  als  politische
Einsicht  absprechen  kann,  erklärten  dies  vielmehr  für  einen  entschiedenen  Fehler,
Capponi  und  Jacini  unterzogen  die  Beweggründe,  welche  das  Ministerium
Lanza  nach  Rom  führten,  einer  scharfen  Kritik,  Azeglio  geißelte  die  „Nomomanie“,
  selbst  das  Plebiscit  und  das  Einverleibungsdecret  vom  2.  October
1870  berührten  diese  Frage  nicht.  Wenn  die  Regierung  dagegen  Angesichts
der  früheren  Beschlüsse  des  Parlaments  und  der  Strömung  der  öffentlichen
Meinung  an  der  Ansicht  Cavours#  festhielt,  daß  Rom  durch  seine  eigenartige
Stellung  die  einzig  mögliche  Hauptstadt  Italiens  sei,  zu  deren  Gunsten  allein
die  Übrigen  großen  Städte  des  Königreichs  zurücktreten  könnten  10)  und  sich  entschloß
  sofort  mit  der  Verlegung  der  Hauptstadt  nach  Rom  vorzugehen,  so  steigerte
sie  die  Schwierigkeiten  ihrer  Lage  jedenfalls  außerordentlich.  Sie  mußte  wünschen,
  daß  der  Papst  in  Rom  bliebe,  nicht  bloß  aus  Rücksichten  auf  die  katholische
  Welt,  sondern  auch  im  eigenen  Interesse.  So  sehr  die  Italiener  die
weltliche  Herrschaft  hassen  mochten,  so  wollten  sie  doch,  daß  Rom  der  Mittelpunkt
  des  Katholicismus  bleibe.  Daß  der  Papst  als  ein  im  Herzen  Italiens
sitzender  Italiener  die  Altrömische  Weltherrschaft  wenigstens  in  einer  gesstigen
Art  fortsetzte,  das  war  für  sie  eine  Genugthuung  sogar  in  den  Jahrhunderten
ihrer  politischen  Ohnmacht  gewesen  und  diesen  Stolz  wollten  sie  nicht  aufgeben,
wo  sie  eine  Nation  geworden  waren.  Am  wenigsten  waren  die  Römer  geneigt
die  ergiebigen  Erwerbsquellen  zu  verlieren,  die  ihnen  der  Mittelpunkt  des
Katholicismus  schaffte.  Selbstverständlich  war  die  Lösung  sehr  erleichtert,
wenn  es  gelang  noch  in  letzter  Stunde  die  Zustimmung  des  Papystes  oder
doch  eine  passive  Stellung  desselben  zu  erlangen  und  so  sandte  der  König,
während  die  Truppen  schon  in  Bewegung  waren,  den  Grafen  Ponza  di  San
Martino  mit  einem  Briefe  vom  8.  September  an  den  Papst,  in  welchem  er
S.  Heiligkeit  um  Erlaubniß  bat  die  Punkte  besetzen  zu  dürfen,  die  für  Seine
Sicherheit  und  die  Erhaltung  der  Ordnung  unentbehrlich  seien.  Pius  IX.
empfing  den  Gesandten  freundlich  und  besprach  die  Lage  ruhig  mit  ihm,  als
derselbe  aber  versicherte,  daß  Italien  Seine  Unabhängigkeit  uud  Souveränetät
garantiren  werde,  erklärte  der  Papst  entrüstet  „Ich  traue  euch  nicht,  im  Namen
Jesu  Christi  sage  ich  euch,  ihr  seid  alle  getünchte  Gräber'  11).  Noch  entschiedener
  weigerte  Cardinal  Antonelli  jeden  Ausgleich,  die  Regierung  dürfe
nichts  erwarten,  was  als  schweigende  Zustimmung  des  Beraubten  zu  den  Beschlüssen
  des  Räubers  ausgelegt  werden  könne.  War  nun  schon  nach  der
Einverleibung  von  dem  vergewaltigten  Papste  eine  #renonciation  taciter,