Die  Stellung  der  Italienischen  Regierung  während  des  Conflictes.  171

das  ebenso  geändert  werden  könne,  wie  es  gegeben  sei.  Die  Lage,  in  der
sie  dazu  schreiten  mußte,  stand  geradezu  einzig  in  der  Geschichte  da.  Es
handelte  sich  um  die  künftige  Stellung  eines  bisherigen,  depossedirten  Staatsoberhauptes,
  das  abweichend  von  sonstigen  ähnlichen  Fällen  nach  seiner
Entsetzung  im  Machtbereich  des  ihm  feindlichen,  sein  Gebiet  occupirenden
Gegners  blieb,  ohne  doch  dessen  Gefangner  zu  werden,  indem  die  FJuaalienischen
  Truppen  freiwillig  vor  dem  Vatican  Halt  machten  und  die  Regierung
den  auswärtigen  Mächten  gegenüber  betonte,  daß  der  Papst  vollkommen
frei  sei  zu  gehen  oder  zu  bleiben.  Andrerseits  hatte  derselbe  in  keiner  Weise
mit  der  ihm  feindlichen  Macht  Friede  geschlossen  oder  seinen  Anspruch  auf
Wiedereinsetzung  in  seinen  früheren  Besitzstand  auch  nur  thatsächlich  aufgegeben,
er  erklärte  vielmehr,  daß  Pflicht  und  Gewissen  ihn  zwinge  stets  und  mit  allen
Mitteln,  die  ihm  zur  Verfügung  ständen  sich  seiner  Vergewaltigung  zu  widersetzen.
  Dieser  ihr  feindlich  gegenüber  stehenden  Macht,  diesem  gegen  seine  Beraubung
  protestirenden  Papste,  dessen  Bleiben  das  Italienische  Circular  vom
18.  October  gleichwohl  als  eine  glückliche  Eingebung“  bezeichnete,  sah  sich
die  Regierung,  um  die  katholische  Welt  zu  beruhigen  und  ihre  früheren  Versprechungen
  zu  erfüllen,  genöthigt  Rechte  einzuräumen,  wie  sie  niemals  einer
innerhalb  des  Staatsgebietes  befindlichen  Person,  Corporation  oder  Institution
gewährt  waren,  sondern  stets  und  überall  nur  der  Staatsgewalt  selbst  zustanden;
  Rechte  und  Privilegien,  welche  den  Papst  dem  politischen  Einfluß
des  Staates  entziehen  sollten,  in  welchem  er  fortan  lebte.  Diese  Aufgabe  zu
lösen  war  das  Gesetz  vom  13.  Mai  1871  bestimmt,  betreffend  die  von  Italien
dem  heiligen  Stuhle  und  der  katholischen  Kirche  ertheilten  constitutionellen
Garantieen“.14

)  Oeure  parlementaire  du  Comte  de  Cavour,  p.  480.  31.

2)  Oeure  parlement.  Introduct.  p.  24.

3)  Er  schrieb  dem  vertrauten  Unterhändler:  „Gott  gebe,  daß  Ihre  Bemühungen
von  Erfolg  gekrönt  seien.  Sie  werden  Ihren  Namen  mit  der  größten  Thatsache
der  Neuzeit  verbunden  haben“,  und  an  dessen  Mitarbeiter  Passaglia:  „Ich  hoffe,
daß  Sie  mir  zum  nächsten  Osterfest  einen  Oelzweig  senden  werden,  ein  Symbol  des
ewigen  Friedens  zwischen  Kirche  und  Staat,  dem  Papstthum  und  Italien.  Wenn
das  geschieht,  so  wird  die  Freude  der  katholischen  Welt  größer  sein,  als  die  welche
vor  1900  Jahren  beim  Einzug  des  Herrn  in  Jerusalem  sich  kundgab.“  Allerdings
machte  er  den  Anspruch  Italiens  nicht  von  dem  Gelingen  der  Unterhandlung  abhängig,
  sondern  sagte  am  25.  März:  »qualunque  sia  il  modo,  con  cui  Pltalia  giungerà
alla  cittaà  eterna,  sia  che  vi  giunga  per  accordo  o  senzas,  wohl  aber  hat  er
sorgfältig  eine  gewaltsame  Besitznahme  Roms  ausgeschlossen.

4)  Lidea  Italiapa  nella  soppressione  del  potere  temporale  dei  Papi,  con
documenti  inediti,  Torino-Roma.  1884.  Annessi  1  u.  II.

S)  So  das  Progetto  Ricasoli  (Atti  uffiziali  20.  Nov.  1861  S.  1256).  Es
wird  in  vaticanischen  Kreisen  behauptet,  daß  Anfangs  1867  das  Italienische  Ministerium,
  um  sich  dem  compromittirenden  Drucke  der  Actionspartei  zu  entziehen,  dem
Papste  vertraulich  angeboten,  ihm  das  Patrimonium  Petri  zu  lassen,  Florenz  end-