186  Die  völkerrechtliche  Stellung  des  Papstes.

es  auch  koste,  dieselbe  genehmigen  und  untersiegeln.  Es  handelt  sich  um  Das,
was  das  Leben  und  die  Stärke  der  Kirche  ausmacht.  Es  handelt  sich  um  die
Unabhängigkeit  und  die  Freiheit  ihrer  höchsten  Gewalt,  für  welche  die  Römischen
  Pontifices,  vertrauend  auf  Gott  und  stark  durch  den  Muth,  welchen  das
Bewußtsein  der  Pflicht,  für  die  sie  stets  auch  gegen  die  schrecklichsten  Mächte
dieser  Erde  siegreich  gekümpft  haben,  einflößt,  eingetreten  sind.“  Deshalb  erregte
  es  auch  den  ganzen  Zorn  des  Papstes,  als  am  22.  März  bei  der  Grundsteinlegung
  des  Denkmals  Victor  Emanuels  auf  dem  Capitol  der  Minister-Präsident
  Depretis  dem  König  und  der  Königin  den  Wunsch  aussprach,  sie
möchten  sich  von  dort  Oben  recht  oft  „ihr  Rom  anschauen.“  Diese  Rede,
sagte  der  „Moniteur  de  Rome:  ist  ein  Manifest  des  Kampfes,  wie  es  das
officielle  Italien  bisher  noch  nicht  aufzuhängen  gewagt  hat.  Es  ist  das  erste
Mal,  daß  ein  Minister  Rom  ohne  Umschweife  die  Stadt  des  Königs  nennt;
gegenüber  dem  Vatican  auf  die  Stadt  zeigend  hat  er  dem  König  gesagt  „Alles
das  gehört  Ihnen  für  immer.“  Diese  Besitznahme  ist  auf  dem  Capitol,  in
Gegenwart  der  königlichen  Familie,  der  Würdenträger  und  des  diplomatischen
Corps  erfolgt.  Dieser  Umstand  giebt  dem  dem  Papste  angedrohten  Streite
einen  feierlichen  Charakter.  Man  bestätigt  die  Unzuträglichkeit,  daß  zwei  Souveräne
  in  Rom  residiren,  nachdem  man  zuvor  die  Möglichkeit  betont,  daß  beide
ruhig  neben  einander  leben  können.  Der  Kampf  zwischen  Vatican  und  Quirinal
  ist  mit  unvergleichlicher  Bestimmtheit  von  Herrn  Depretis  anerkannt
worden.  Er  hat  die  Römische  Frage  in  den  klarsten  Ausdrücken  vor  Europa
und  die  Civilisation  gestellt.  Wer  wird  in  diesem  Riesenkampfe  siegen?  Das
Unglück  mag  das  Papstthum  in  den  Staub  drücken,  es  kann  warten,  es  ist
sicher,  endlich  doch  zu  triumphiren,  während  eine  kurzsichtige  Politik,  ein  unglücklicher
  Krieg,  irgend  ein  Unfall  an  einem  Tage  das  Werk,  welches  ein  Tag
geschaffen  hat,  auch  wieder  vernichten  kann.“

Hier  erscheint  also  jede  Versöhnung  unmöglich.  In  dieser  Frage  ist  der
Unterschied  der  Politik  Leo's  XIII.  von  der  seines  Vorgängers  nur  der  des
Temperamentes,  an  die  Stelle  der  Leidenschaft  ist  eine  berechnete,  feste  Haltung
getreten,  welche  den  traditionellen  Standpunkt  unbeugsam  festhält.

Jeder  Zustand  der  hinter  der  Wiederherstellung  der  weltlichen  Herrschaft,
wenn  auch  in  beschränktem  Umfange,  zurückbleibt,  ist  für  den  Papst  Fortdauer
  widerrechtlicher  Beraubung  und  unvereinbar  mit  den  ihm  von  Gott  verliehenen
  Vollmachten.  Diese  Herrschaft  ist  die  Bedingung  seiner  Freiheit
welche  nur  dann  und  da  wirklich  besteht,  wenn  und  wo  seine  geistliche  Macht
anerkannt  ist,  ihre  Autorität  also  nicht  verkannt  wird.  Grundsätze,  welche
die  Curie  stets  und  überall  bekämpft  hat  wie  z.  B.  die  Gewissensfreiheit  in
der  Stadt  der  Apostel  verwirklicht  zu  sehen,  ist  für  den  Papst  ein  Sarrileg.
Rom  ist  entweiht  durch  die  der  Ketzerei  gegebene  Freiheit,  durch  die  protestantischen
  Kirchen,  durch  die  Preßfreiheit,  durch  die  evangelischen  Buchhandlungen,
  welche  offen  Schriften  verkaufen,  die  das  Papstthum  angreifen.  Der