Die  Zukunft  der  Stellung  des  Papstes.  205

des  kirchlichen  Oberhauptes  beseitigt  ist.  Schon  jetzt  hat  die  Einheit  Italiens
die  Folge  gehabt  die  Bedeutung  und  den  Einfluß  des  Italienischen  Elements
in  der  Kirche  zu  schwächen,  der  gegenwärtige  Papst  hat  schon  mehr  nichtitalienische
  Cardinäle  ernannt,  als  irgend  einer  seiner  Vorgänger  und  es  ist  im
Fortgang  dieser  Entwicklung  sehr  wohl  möglich,  daß  ein  fremder  Cardinal  zum
Papst  erwählt  wird,  wenn  auch  nicht  grade  ein  Franzose  oder  Deutscher,  so
doch  vielleicht  ein  Belgier  oder  Schweizer;  denn  wenn  dies  seit  Adrian  VI.
nicht  geschehen  ist,  so  war  der  Grund  vornämlich  der,  daß  das  Haupt  eines
Italienischen  Staates  doch  selbst  Italiener  sein  mußte.  Aus  diesen  Gründen
halten  wir  eine  Aussöhnung  des  Papstthum  mit  dem  Italienischen  Königthum
für  ausgeschlossen  und  dies  ist  keineswegs  zu  beklagen,  denn  wenn  sie  möglich
wäre,  würde  fie  voraussichtlich  die  Macht  des  Papstes  über  die  Gewissen  der
Katholiken  ebenso  in  den  Dienst  Italienischer  Interessen  stellen,  wie  seiner
Zeit  die  Avignonesischen  Päpste  Diener  der  Französischen  Könige  waren.
Nicht  unmöglich,  aber  doch  sehr  unwahrscheinlich  ist  die  entgegengesetzte
Eventualität,  daß  der  Papst  Rom  verließe.  Sie  würde  stattfinden,  wenn  es
zu  einem  offnen  Attentat  auf  die  Person  oder  Freiheit  des  Papstes,  einem
Bruche  des  Garantiegesetzes  käme,  die  dieser  nicht  hinnehmen  könnte,  ohne  an
seiner  Würde  zu  leiden.  Eine  Abreise  unter  solchen  Umständen  wäre  eine
sehr  ernste  Verlegenheit  für  die  Italienische  Regierung,  das  Ereigniß  würde
den  Kampf  der  Parteien  steigern,  die  Monarchie  erschüttern  und  könnte  leicht
zu  fremder  Einmischung  führen,  aber  eben  deshalb  wird  Italien  es  nicht  leicht
dazu  kommen  lassen.  Von  einem  solchen  äußersten  Falle  abgesehen,  wird  man
sicher  die  Drohungen  des  Papstes  Rom  zu  verlassen  nicht  zu  buchstäblich  nehmen
  dürfen.  Wenn  er  seine  Lage  für  unerträglich  erklärt,  so  will  er  damit
sagen,  daß  sie  unsicher,  drückend  und  allen  Wechselfällen  ausgesetzt  sei,  die  ihn
allerdings  zwingen  könnten  sich  einer  Vergewaltigung  durch  die  Abreise  zu
entziehen.  Aber  er  ist  zu  weise,  um  leicht  dem  Rathe  der  Zelanti  zu  folgen,
welche  glauben,  daß  eine  solche  Krisis  eine  allgemeine  Empörung  der  katholischen
  Welt  hervorrufen  und  so  zu  einem  günstigen  Wendepunkt  werden  würde,
oder  den  Mystikern  Gehör  zu  schenken,  welche  auf  ein  Wunder  der  göttlichen
Vorsehung  hoffen.  Es  klingt  zwar  imponirend,  wenn  der  Osservatore  Romano
  sagt,  überall  wo  der  Papst  sich  niederlasse,  werde  er  Mittelpunkt  der
katholischen  Welt  sein,  »ubi  papa,  ibi  eccelesiae,  wogegen  Rom  durch  dessen
Abreise  seine  ganze  Größe  einbüßen  werde.  Man  kann  bereitwillig  einräumen,
  daß  Rom  durch  die  Entfernung  des  Papfstes  einen  sehr  wesentlichen  Verlust
  an  seiner  geschichtlichen  Bedeutung  und  an  dem  materiellen  Tribute  erleiden
  würde,  welchen  fast  alle  Länder  der  Erde  dem  Papste  und  damit  in
großem  Maße  auch  dem  Orte,  wo  er  residirt  darbringen  —  die  jährlichen  Ausgaben
  der  Curie  allein  werden  auf  10  Mill.  L.  angeschlagen  —  indeß  andrerseits
  darf  man  doch  nicht  glauben,  daß  der  Papst  die  ewige  Stadt  gleichsam
in  den  Falten  seines  Gewandes  wegtragen  könnte,  die  Hauptstadt  der  Kirche
läßt  sich  nicht  beliebig  versetzen,  eine  neue  nicht  improvisiren.  Ein  so  alter