Die  geschichtliche  Entwickelung  dieser  Rechte.  209

lein  vertrat  die  geistige  Macht  des  göttlichen  Gesetzes  und  die  Rechte  der  Völker
  unter  der  Herrschaft  roher  Gewalt  und  unablässiger  Fehde,  sie  allein  erscheint
in  diesem  Zeitalter  der  Oligarchie  in  gewissem  Sinne  als  demokratische  Macht,
indem  in  ihr  der  Niedrigstgeborne  zur  höchsten  Würde  aufsteigen  konnte,  sie
allein  repräsentirt  die  Wissenschaft.  Vor  allem  aber  gab  das  dem  Papste  die
Ueberlegenheit,  daß  er  seine  Macht  von  Gott  ableitete.  Früher  hatten  die
Pänste  sich  stets  Stellvertreter  des  heil.  Petrus  genannt),  Innocenz  III.  weist
diesen  Namen  ausdrücklich  zurück.  Die  Päpfste  sind  wohl  Nachfolger  Petri,
aber  Stellvertreter  Jesu  Christi,  ja  Gottes  auf  Erden?).  War  dies  der  Fall
md  sollte  der  Papst  als  solcher  sein  göttliches  Amt  wirksam  üben,  so  konnte
er  naturgemäß  nicht  nationalen  Gesetzen  unterworfen  sein,  er  stand  über  den
Fürsten,  denen  nur  ein  von  ihm  abgeleitetes  Licht  zukam.  Niemand  war  von
der  Gewalt  ausgenommen,  die  ihm  von  Gott  übertragen  war,  hatte  Christus
ihm  die  Macht  verliehen  den  Himmel  zu  öffnen  und  zu  schließen,  so  mußte
er  um  so  mehr  über  alle  irdischen  Dinge  richten.  Der  Papfst  hatte  nicht  blos
das  Recht  die  weltlichen  Gewalten  wegen  Vergehungen  zu  strafen,  er  durfte
nicht  blos  die  höchste  Entscheidung  in  allen  Streitfällen  beanspruchen,  sondern
ihm  stand  das  Recht  der  obersten  Regierung  zu.

Diese  Machtstellung  ist  in  ausgesprochenster  Weise  von  den  großen  Päpsten
  des  Mittelalters  behauptet  und  von  ihren  Nachfolgern  niemals  aufgegeben.
So  erklärt  Innocenz  III.  „Quantum  dignior  est  anima  corpore,  tanto
dignius  est  etiam  sacerdotium  quam  sit  regnume  (Epp.  1.  XIX  ep.  18  de
negot.  imp.)  Derselbe  schreibt  dem  Byzantinischen  Kaiser  »Ad  firmamentum
coeli,  hoc  est  universalis  Ecclesiae  fecit  Deus  duo  magna  luminaria,  i.  e.
duas  instituit  dignitates,  quae  sunt  Pontificalis  autoritas  et  Regalis  potestas.
  Sed  illa,  quae  praeest  diebus,  i.  e.  spiritualibus  maior  est,  quse
vero  carnalibus,  minor  est,  quanta  inter  solem  et  lunam  tanta  inter  Pontifices
  et  Reges  differentia  cognoscatur.:  (Solitae  c.  6.  De  msjorit.  X.
I.  33)  und  endlich  erhebt  Innocenz  sich  zu  dem  Ausspruch:  „Jacobus  enim
frater  Domini,  Petro  non  solum  universam  ecclesiam  sed  totum  reliquit
Seculum  gubernandume  (I.  II  ep.  209  ad  Patriarch.  Constant).

Gregor  IX.  schreibt  1236  (Oct.  23)  Friedrich  II.:  »ut  sicuti  principis
Apostolorum  vicarius  in  toto  orbe  sacerdotü  et  animarum  rogebat  imperium,
  sic  in  universo  mundo  rerum  obtineret  et  corporum  principatum
et  existimans  illum  terrena  debere  sub  habena  justitiae  regere  cui  Dominum
  noverat  in  terris  celestium  regimen  commisisse.  (Huillard-Bréholles
  Hist.  Dipl.  Frid.  II.  IV  p.  921).

Bonifaz  VIII.  endlich  sagt  1302  in  der  Bulle  „Unam  sanctam  Spiritnalem
  autem  et  dignitate  et  nobilitate  terrenam  quamlibet  praecellere
potestatem,  oportet  tanto  clarius  nos  fateri,  quanto  spiritualia  temporalia
antecellunt.  —  Nam  veritate  testante  spiritualis  potestas  terrenam  potestatem
  instituere  habet  et  indicare,  si  bona  non  fuerit.  Sic  de  ecclesia

et  ecclesiastica  potestate  verificatur  vaticinium  Hierimise  »Ecce  constitui
Handbuch  des  Völkerrechts  II.  14