Die  Geltung  dieser  Rechte.  213

8)  Dagegen  haben  der  Papst  und  kraft  seiner  Vollmacht  die  Bischöfe  ein
umfangreiches  Besteuerungsrecht  in  allen  christlichen  Staaten  durch  Peterspfennig,
  Dispense,  Annaten  u.  s.  w.  Kraft  dieser  in  Anspruch  genommenen
Rechte,  zu  deren  Ausübung  dem  Papfste  seine  Legaten  dienten,  deren  Befugnisse
er  entweder  Metropoliten  von  hervorragender  Bedeutung,  die  ihm  unbedingt  ergeben
  waren,  Übertrug  oder  die  er  mit  allgemeinen  Aufträgen  und  unbeschränkten
Vollmachten  in  die  Nationalkirchen  sandte,  konnte  der  Papst  so  ziemlich  jedes  weltliche
  Verhältniß  vor  seinen  Richterstuhl  ziehen,  wie  z.  B.  in  der  angeführten
Decretale  Novit  ille  Innocenz  III.  erklärte:  »non  enim  intendimus  iudicare
de  feudo  sed  decernere  de  peccato,  cuins  ad  nos  pertinet  sine  dubitatione
censura,  duae  in  quemlibet  exercere  possumus  et  debemuse,  unter  den
Begriff  der  Sünde  ließ  sich  aber  jede  Handlung  bringen,  welche  den  Interessen
der  Hierarchie  zuwiderlief.

1)  Gieseler  vertheidigt  (Kirchengesch  II,  1  §  22)  Überzeugend  die  Echtheit  dieser
Constitution,  welche  im  Auszug,  der  die  bezeichnenden  Worte  enthält,  auch  von  Gratian
  aufgenommen  ist.  c.  28  Dist.  LXIII.

2)  Bernhard  von  Clairvaux  anerkennt  bei  aller  Betonung  der  geistlichen  Machtstellung
  des  Papftes  die  selbständige  Gewalt  der  Bischöfe:  „Sunt  quidem  et  alii
coeli  ianitorese  (De  considerat.  II,  8).

2)  Epist.  1  I,  326.  ad  Faventin.  „Summus  Poutifex  non  hominis  puri,  sed
veri  Dei  vere  vicarins  appellatur.  Nam  quamvis  simus  Apostolorum  Principis
successores,  non  tamen  eius  aut  alins  Apostoli  vel  hominis  sed  ipsius  sumus
Vicarii  Jesn  Christi.6  Derselbe  schreibt  cap.  3  X,  de  translat.  I.  7.  „Romani
Pontificis  qui  non  puri  hominis  sed  veri  Dei  vicem  gerit  in  terris.

8  44.
Die  Geltung  dieser  Rechte.

Die  Annahme  liberaler  Katholiken,  daß  die  Päpste,  indem  sie  diese  Rechte
im  Anspruch  nahmen,  nur  eine  nothwendige  und  wohlthätige  Dictatur  in  der
Anarchie  des  Mittelalters  ausübten  und  das  internationale  Tribunal  des  heil.
Stuhles  die  einzige  Zuflucht  der  Bedrückten  gegen  das  Recht  des  Stärkeren
war,  daß  aber  diese  Ansprüche  später  in  dem  Maße  in  Wegfall  gekommen
seien,  als  sich  eine  feste  Rechtsordnung  in  den  Staaten  bildete,  ist  nicht  stichhaltig.
  Abgesehen  davon,  daß  die  Praxis  mit  der  Theorie  eines  partheilosen
md  gerechten  Richters  in  der  Person  des  Papstes  im  schärfsten  Widerspruch
stand,  hat  der  römische  Stuhl  in  späteren  Zeiten  niemals  das  geringste  von
diesen  mittelalterlichen  Ansprüchen  aufgegeben.  Sixtus  V.  erklärte  1586  in  der
Bulle  Postquam  verus  ganz  wie  Innocenz  III.  und  Bonifaz  VIII.,  daß  Christus
dem  heil.  Petrus  die  Fülle  der  himmlischen  und  irdischen  Gewalt  übergab.
(Bullar.  Rom,  Luxemb.  1727  I  p.  680.)  Die  nachreformatorischen  Päpste
haben  ebensogut  Fürsten  abgesetzt,  wie  ihre  Vorgänger,  so  Paul  III.  1535,
Heinrich  VIII.  von  England,  Pius  V.  1570,  Elisabeth,  Sixtus  V.  und  Gregor  XIV.,