Competenz  des  Userstaates.  149

tritt  im  gesammten  Staatsgebiete,  somit  auch  in  den  Eigengewässern,
  die  subsidiäre  Wirksamkeit  des  heimathlichen
Rechtes  des  fremden  Schiffes  ein.

Dieser  Grundsatz  in  seiner  Anwendung  auf  die  Gebiete  des  Civilrechts
  wie  des  Strafrechts  tritt  schon  im  älteren  völkerrechtlichen
Quellenmateriale  mit  großer  Bestimmtheit,  wenn  auch  nicht  mit  voller
principieller  Klarheit  hervor.  In  dem  oben  citirten  Vertrage  vom
Jahre  1756  heißt  es  hierauf  bezüglich:  „Les  sujets  respectifs  des  deux
parties  contractantes,  qui  viennent  séjourner  dans  les  Etats  de  l'une
ou  de  l'autre,  y  seront  6galement  soumis  à  toutes  autres  lois
et  reglemens,  qui  peuvent  les  concerner;  ils  joniront  de  la
plus  entière  protection  de  ces  mémes  lois  et  il  leur  sera  feit
dans  tous  les  Cas  quelconques  une  promte  et  parfaite  justice“;  und  im
Art.  XVIII:  „CQuoique  les  sujets  d’une  des  deux  parties  contractantes
soyent  soumis,  pendant  leur  séjour  dans  les  Etats  de
I'’autre,  aux  lois  et  statuts  du  pals  et  du  lieu,  où  ils  se
trouvent,  cependant  leurs  personnes  et  leurs  biens,  tant  vaisseaux,
que  marchandises,  argent  ou  autres  effets,  ne  pourront  jamais  étre
employés  de  force  par  le  gouvernement  au  service  public,  pas  méme
pour  la  défense  et  la  conservation  de  DEtat,  encore  moins  pour
Tutilité  d'aucun  particulier,  en  vertu  de  quelque  édit  général,  ou
special,  que  ce  puisse  etre."  Dasselbe  Princip,  welches  sich  mit  geringen
  Abweichungen  bis  ins  neueste  Vertragsmaterial  verfolgen  läßt,
gelangte  im  Preußischen  Consularreglement  vom  18.  September  1796
zur  ausdrücklichen  Formulirung.  „Die  Preußischen  Unterthanen  (auf
Preußischen  Schiffen  in  fremden  Häfen)  bleiben  in  all  ihren  dortigen
Civil-  und  Criminalfällen,  also  auch  Streitigkeiten  untereinander,  wenn
es  darüber  zu  Processen  kommt,  der  Jurisdiction  der  dortigen  Obrigkeit
unterworfen.“

Die  hier  vertretene  Auffassung  über  die  Jurisdictionsverhältnisse  in
fremden  Eigengewässern  blieb  seither  in  principiell  unangefochtener
Geltung  und  gelangte  sowohl  in  der  Staatspraxis  wie  in  den  internationalen
  Verträgen  zu  wesentlich  übereinstimmender  Anerkennung.  Die
Annahme  einzelner  Autoren,  daß  die  oft  citirte  Resolution  des  Französischen
Staatsraths  vom  20.  November  1806  mit  den  Worten  „les  droits  de
la  puissance  neutre  doivent  etre  respectés,  comme  s'agissant  de  la
discipline  intérieure  du  vaissean,  dans  laquelle  T’autorité  locale  ne  doit
pas  s'’ingérer,  toutes  les  fois  que  son  secours  n'’est  pas  réclamé  ou  que
la  tranquillité  du  port  n'est  pas  compromise“  —  eine  von  anderen
Rechtsprincipien  geleitete  Modification  der  bisherigen  vom  Gedanken  der
Staatsgebietshoheit  beherrschten  Theorie  sei,  beruht  offenbar  auf  einer
Täuschung.  Die  lediglich  eine  Polizeivorschrift  enthaltende  Formel
drückt  nur  die  Thatsache  etwas  bestimmter  aus,  die  aber  freilich  nie
zweifelhaft  war,  daß  der  Staat  einer  großen  Zahl  von  Lebensverhältnissen
  der  Fremden  fremd  gegenüberstehe,  daß  er  in  Ansehung  derselben

Handbuch  des  Bölkerrechts  II.  29