526  Das  offene  Meer.

Vollendet  wird  das  Delict  schon  durch  das  Aufziehen  der  Flagge
in  der  Absicht,  durch  sie  das  Schiff  als  ein  der  Deutschen  Handelsmarine
angehöriges  und  unter  dem  Schutze  des  Deutschen  Reiches  stehendes  zu
kennzeichnen.  Für  die  Beurtheilung  dieser  Handlung  ist  es  ohne  Einfluß,
ob  ihr  Zweck  erreicht  worden  ist  oder  nicht,  da  fie  auch  durch  ihre
Nutzlofigkeit  nicht  mehr  ungeschehen  gemacht  werden  kann.  ")

Die  Strafbarkeit  ist  übrigens  durch  die  strafbare  Absicht  begrenzt,
und  aus  diesem  Grunde  ist  der  Gebrauch  fremder  Flaggen  bei  Festgelegenheiten,
  Flaggengala  2c.  kein  Verstoß  gegen  das  Völkerrecht.  —  Neben
der  Nationalflagge  kommt  noch  besondere  theils  rechtliche,  theils  rein
technische  Bedentung  den  Kriegs-  und  Postflaggen  eines  Staates  zu,  deren
Führung  unter  besonderen  staatlichen  Schutznormen  steht,  den  Distinctionsund
  Commandoflaggen,  den  Ehrenflaggen,  ferner  der  internationalen
Genfer  Conventionsflagge,  der  Contumazflagge,  der  Nothflagge  u.  s.  w.)

1)  Diese  von  der  völkerrechtlichen  Literatur  bisher  consequent  übersehene
Seite  der  Frage  äußert  ihre  Folgen  sowohl  in  Friedens-  wie  in  Kriegszeiten.
Sehr  richtig  sagt  Garden,  Traité  de  Diplomatie,  p.  406:  „Quand  on  dit,
que  la  mer  est  libre,  on  ne  s'entend  parler  due  des  nations,  Car  elle  ne
Test  point  pour  des  particuliers;  ils  ne  peuvent  en  jouir  que  sous  la  sauvegarde
  de  leur  gouvernement,  et  o’est  pour  établir  cette  sauvegarde  qu'on  a
institué  les  pavillons  et  les  lettres  de  mer;  la  süreté  a  exigé  cette  restriction
du  droit  naturel,  et  tout  bätiment  naviguant  sans  Davillon  et  sans  lettres
de  mer  est  traité  comme  un  forban.“

*)  Ueber  den  Einfluß  des  Domicils  der  Schiffseigenthümer  auf  die  Nationalitüt
des  Schiffes  die  völlig  irrige  Behauptungen  bei  Wheaton,  Eléments,  T.  I.,  8  22  fl.

*)  Wenig  gehaltvoll  und  gquellengeschichtlich  verfehlt  sind  die  Ausführungen
Hautefeuille's  (a.  a.  O.  III.  p.  3)  über  die  Geschichte  der  Flagge  in  Verbindung
  mit  der  Lehre  vom  Durchsuchungsrecht,  lehrreicher  über  ältere  Gestaltung
des  Institutes  J.  J.  Moser's  Versuch,  V.  Th.,  S.  503;  Kaltenborn  I
Massé,  Le  droit  commercial  considéé  dans  ses  rapports  avec  le  droit  des
gens  et  le  droit  civil,  3e.  64.  Paris  1874,  3  vol.  I.;  Hautefeuille,  III.,  p.  3.

)  Ueber  das  Verhältniß  des  V.  Buches  des  Deutschen  Handelsgesetzbuches
zu  der  im  Text  behandelten  Frage  s.  Lewis,  Deutsches  Seerecht,  2.  Aufl.,  1.  Th.,  1.T.

8)  S.  v.  Stengel,  Lehrbuch  des  Deutschen  Verwaltungsrech,  S.  419.

*)  Nähere  Angaben  über  das  wechselnde  Verhältniß  s.  bei  Wagner,
S.  154  ff.,  Perels,  S.  55  ff.

7)  Bluntschli  a.  a.  O.,  Ueber  die  Frage  der  VBerwirkung  der  Flagge
s.  v.  Martitz  im  Archiv  für  öffentl.  Recht,  Bd.  I.  S.  ö8  ff.

5)  Ueber  die  Strafbarkeit  beim  unbefugten  Gebrauche  fremder  Flaggen
s.  Harburger  a.  a.  O.  S.  108.  In  Ansehung  des  Englischen  Rechts  vergl.
die  Kgl.  Instruction  v.  J.  1855:  „II  the  Consul  is  informed  that  any  Britiah
vessel  hoists  improper  colours,  he  will  send  or  go  on  board,  and  will  seize
the  colours  so  hoisted,  and  will  for  that  purpose  order  the  Master  to  haul
them  down  and  deliver  them  up  to  him“,  und  die.  Brit.  Consularinstruction
bei  Phillimore  II.,  S.  304/5.

5)  Ueber  den  internationalen  Signalcodex,  Signalbuch  (Berlin,  Reimer  1834).
s.  Bulmerincg,  a.  a.  O.,  p.  270.