96.  Leisexiz  und  die  Societät,  Gutachten  über  eine  Universalschrift.  189

Man  kann  auch  nicht  sagen,  dass  das  Problein  so  völlig  aussichtslos  ist  wie  das
der  Universalsprache;  denn  auf  beschränkten  Gebieten  ist  es  wirklich  gelöst:  die
Schiffe  verständigen  sich  auf  dem  Meere  durch  complicirte  Zeichen;  Mathematiker
und  Chemiker  haben  sich  eine  Zeichensprache  erfunden,  und  auch  sonst  macht  die
Zeichensprache  Fortschritte.  Um  eine  solche  handelte  es  sich  hier;  es  sollte  eine
Begriffsschrift  erfunden  werden,  die  alle  Völker  in  ihrer  Sprache  lesen  könnten.
(Aus  RöDEkeEn’s  Eingabe  im  Geheimen  Staatsarchiv:  »Vermittelst  dieser  Schrift  können
alle  Nationes  in  der  Welt  einander  vollkommen  verstehen,  und  darf  ein  Jeder  nichts
mehr  als  seine  Muttersprache  wissen  und  von  derselben  etwa  2—  3000  Wörter  als
radices  durch  diese  dazu  erfundene  Characteres,  deren  55  an  der  Zahl  sind,  schreiben
lernen,  woraus  ferner  eine  so  grofse  Menge  aller  Arten  Wörter  formiret  werden,
dals  keine  Sprache  in  der  Welt  u.  s.  w.«.)  Die  Proben,  die  RöDEkEN  gegeben  hat,
und  die  in  dem  umfangreichen  Fasc.  »Röpdeken«  im  Akademischen  Archiv  aufbewahrt
sind,  zeigen,  dass  er  ganz  neue  Zeichen  erfunden  hat,  die  recht  wunderlich  aussehen.
Leisxız  selbst  hat  sich  mit  dem  Problem  immer  wieder  beschäftigt.  Im  ganzen  Umfange
  der  menschlichen  Sprachen  ist  es  doch  unlösbar;  denn  die  feineren  Begriffe,
Beziehungen  und  Nuancen  auszudrücken,  wird  nie  gelingen  oder  nur  unter  eineın
Aufwand  von  Zeichen  -  Mitteln,  der  durch  seinen  Umfang  dem  Erlernen  zu  grosse
Schwierigkeiten  entgegenstellt.  Dazu  kommt  —  und  das  ist  die  Hauptsache  —,  die
Art  der  Begriffsbildung  in  den  Sprachen  ist  verschieden,  und  der  Inhalt  der  in  ihnen
correspondirenden  Worte  deckt  sich  nicht.

Cuxeau,  zum  Bericht  aufgefordert,  wandte  sich  an  die  Societät,  diese  an
Leissiız  (Secr.-Leisx.  Nr.  81  vom  22.  September  1708),  und  der  Erfinder  selbst
schrieb  an  ihn  (6.  October  1708,  Hannov.  Bibl.)..  Leısxız  antwortete  ihm  (a.a.  O.,
undatirt),  belehrte  ihn  über  die  Bemühungen  Früherer  um  die  Universalschrift  und
‘sab  ihın  werthvolle  Winke.  RÖDEKEN’s  vorläufiger  Entwurf  wurde  von  der  Societät
gedruckt  und  auch  an  die  auswärtigen  Mitglieder  vertheilt,  um  sie  zu  Gutachten
anzuregen,  die  die  Grundlage  für  den  Bericht  an  den  König  werden  sollten.

Die  Societät  stellte  im  Sommer  1709  die  Gutachten  zusammen,  verarbeitete  sie
einheitlich  und  legte  das  Actenstück  Lrısnız  zur  Revision  vor  (Secr.-Lrıex.  Nr.  89
vom  10.  August  1709).  Dieser  ordnete  an,  dass  noch  der  berühmte  Sprachkenner
Vox  SPARFVENFELT  in  Stockholm,  mit  dem  Lrısnız  längst  in  wissenschaftlichem  Austausch
  stand,  von  der  Societät  um  seine  Mithülfe  ersucht  werde,  was  auch  geschah
(s.  Secr.-Leisx.  Nr.  9ı  vom  31.  August  1709;  das  Schreiben  der  Societät  liegt  in
Hannover  im  Fasc.  »SPARFVENFELT«,  Ss.  Bopesann,  Briefwechsel  S.  301;  in  Scer.-Leiss.
  Nr.  103  vom  22.  März  1710  handelt  es  sich  wohl  um  ein  zweites  Schreiben
der  Societät  an  SPARFVENFELT).  Er  schickte  dann  das  stark  von  ihm  corrigirte  Gutachten
  an  die  Societät  zurück  (Nr.92  vom  7.  Septeinber  1709),  und  es  wurde  nun  deın
Minister  vox  ILGEex  überreicht  (8  Seiten  in  Folio,  Concept  im  Akademischen  Archiv,  in
welchem  Leisxizens  Antheil  hervortritt,  Reinschrift  ii  Geheimen  Staatsarchiv).  Es
lautete  im  Ganzen  abfällig:  die  Schwierigkeiten  sowohl  der  Ausbildung  als  der  Einführung
  seien  zu  gross.  Von  Leısnız  staınınt  u.  A.  folgender  Abschnitt:

»Man  hält  dafür,  dafs  nicht  ohnmöglich,  durch  grolsen  Fleifs  und
vortrefflichen  Verstand  diese  Schwürigkeiten  [—  sie  werden  namhaft  gemacht
  —]  sämtlich  zu  überwinden  und  eine  solche  Zeichenkunst  aufszudrucken,
  welche  zwar  schwehr  und  künstlich  zu  erfinden  und  aulszuarbeiten,
  aber  wenn  sie  einmahl  zu  Wege  gebracht,  leicht  zu  verstehen,
leicht  zu  lernen  und  leicht  zu  gebrauchen.  Wie  denn  gemeiniglich  die
hohesten  und  tiefsten  Erfindungen  also  bewand.  dafs  man  sie  vor  leicht
ansiehet,  wenn  sie  darstehen,  und  sich  verwundert,  worumb  sie  nicht
eher  entdecket  .worden.  Eine  solche  Erfindung  würde  die  Macht  und
Verordnung  und  Einstimmung  grofser  Herrn  so  sehr  nicht  von  nöthen