208  109.  Erzählung  von  der  Stiftung  und  Einsetzung  der  Societät  (1711).

Ausübung  und  Beobachtung  der  Mels-,  Stern-,  Werck-  und  übrigen  Wifskünste
und  Kunstwercke  nach  dem  Bevspiel  der  gelehrten  Gesellschafften  zu  Londen  und
Paris  und  der  Naturforscher  in  Teutschland,  sowol  als  die  Ausarbeitung  der  Landessprache,
  wovon  die  frantzösische  und  welsche  Academien  und  fruchtbringende  Gesellschafft
  bey  uns  ihr  eignes  und  alleiniges  Werck  gemacht,  sondern  anch,  und
zwar  über  alles,  die  Anwendung  der  Morgenländischen  Sprachen,  ja  des  gantzen
Wissenschaffts-  und  Kunstwesens  zu  einem  gar  gottseligen  und  nach  seiner  Würde
die  andern  weit  übertreffenden  Zweck  aufgegeben.  Damit  man  dermahleins  demjenigen,
  so  ehemahls  in  Italien  und  anderswo  und  unlängst  mit  besser  Erkänntnifs
in  Grrols-Britannien  zur  Fortpflantzung  des  Christentliums  angefangen  worden,  unsers
Orts  nicht  nachzugeben  habe  und  dergestalt  das  wahre  Hauptabsehen  der  Gelehrsamkeit
  deren  Soecietaet  selbst  einverleibet  sehe,  welches  alle  evangelische  Wohlvesinnete
  zu  gewissem  Bevtritt  oder  Beyhülffe  ermuntern  kan.

Diesem  zufolge  wurde  nach  einem  Haupt,  welches  einem  so  weitläuffigem
Werck  gewachsen  und  dem  aus  so  mancherley  Gliedern  bestehenden  Leib  das
Leben  und  die  Bewegung  zu  geben  geschickt  wäre,  wıingesehen  und  solches  in  der
Person  des  Herrn  Gottfried  Wilhelms  von  Leibnitz,  Königlichen  Preufsischen
  und  Churfürstlichen  Braunschweig-Lüneburgischen  Geheimen  Rahts,  angetroffen.
  Dieser  wegen  seiner  unbeschränckten  Erkänntnifs,  bewährten  Erfahrung,
reiffen  Verstandes,  tieffen  Nachsinnens  und  durchdringenden  Scharffsinnigkeit  weitberühmte,
  in  dem  gelehrten  Reich  billich  hochangesehene  und  mit  Recht  für  vielen
anderen  bewunderte  Mann  hat  wie  sonst  zu  ımehrmahlen,  also  auch  hier  um  das
gemeine  Beste  sich  verdienen  wollen  und  die  ihm  so  würdig  angetragene  Stelle
ebenso  willig  angenommen,  wie  dann  fast  alles  mit  ihm  gleich  Anfangs  überleget,
verschiedenes  auch  von  ihm  an  Hand  gegeben  worden,  und  er  nach  vernoammener
Königlichen  Entschliessung  sich  unverweilt  nach  Berlin  erhoben  und  alda  das  vorhabende
  Werck  init  seinen  ersprielslichen  Rahtschlägen  zu  fassen  und  einzurichten
nieht  wenig  bevgetragen,  demselben  auch  von  solcher  Zeit  an  rühmlich  vorstehet,
wiewol  wegen  seiner  anderweit  obliegenden  Verrichtungen  er  nur  zu  gewissen
Zeiten  hie  persöhnlich  zugegen  sein  kan.

Hiernegst  war  man  auf  einen  wohlgeübten  und  erfahrnen  Sternkündiren
bedacht,  dem  die  Verfassung  der  jährlich  nöhtigen  Calender,  wie  nicht  weniger  die
Beschauung  der  Sternläuffe  anvertrauet  werden  möchte.  Hiezu  wurde  der  in  solcher
Kunst  vorlängst  rühmlich  bekannte  und  von  vielen  Jahren  her  geübte  Herr  Gottfried
  Kirch  ersehen  und  auff  Königlichen  Befehl  durch  eine  eigne  Bestallung
anhero  beruffen,  welcher  auch  von  Guben  sich  hieher  begeben  und  die  Zeit  über
an  seinem  Theil  dein  ihm  aufferlegten  Amt  mit  allem  Fleifs  völlige  Genüge  zeleistet,
wie  die  davon  oflentlich  dargelegte  Zeugnisse  es  gennesam  bestärcken;  wiewol  er
das  Glück  nicht  gehabt,  die  völlige  und  endliche  Einrichtung  des  angefangenen
Wercks  zu  erleben,  inmassen  er  nach  Gottes  Willen  im  Julio  des  nächstvergangenen
Jahres  durch  den  zeitlichen  Tod  aus  diesem  Leben  abwefordert  worden.

Iinmittelst  wurde  an  dem  ansehnlichen  Gebäu  auf  der  Dorotheenstadt,  welches
dazu  gewidmet,  dals  es  der  Gesellschaft  zu  ihrem  Sitz  und  Behältnis,  zugleich
aber  als  ein  Schaugerüst  zur  Betrachtung  des  Himmels  dienen  solte,  gearbeitet,
und  solches  auf  Königliche  Kosten  zu  seiner  erforderten  ziemlichen  Höhe  nach  und
nach  aufgeführet,  wiewol  solcher  Bau  von  Zeit  zu  Zeit  nach  denen  verschiedenen
Vorfällirkeiten,  absonderlich  bey  dem  bald  hernach  ausgebrochenen  und  noch  vorwährenden
  allgemeinen  beschwerlichen  Krieg  einigen  Anstand  erlitten  und  etwas
später.  als  der  Vorsatz  gewesen,  zur  Vollkommenheit  gedeihen  mögen.

Solche  Verweilung  hat  unter  andern  auch  dieses  Ungemach  ınitgeführet,  dafs
in  Ermangelung  eines  bequeinen  Orts  zu  ordentlichen  beständigen  Zusammenkünflten
und  Unterredungen  der  (iesellschaffter  nicht  füglich  zu  gelangen  gewesen.