148.  Cur.  Worrr’s  Berufung  an  die  zu  gründende  Akademie  (1740).  249

»Würdiger,  besonders  Lieber  Getreuer,
Ihr  habet  nochmals  an  den  Regierungs-Rath  Wolff  zu  schreiben!,  ob  er
sich  nunmehro  nicht  entschliefsen  könne,  in  Meine  Dienste  zu  gehen,  und  würde
Ich  ihm  alle  raisonnable  Conditiones  accordiren.  Ich  bin

Euer  wohlaffectionirter  König.«

[Nachschrift,  eigenhändig:]  »Ich  bitte  Ihn,  sich  um  des  Wolffen  Mühe  zu  geben.
Ein  Mensch,  der  die  Wahrheit  sucht  und  sie  liebet,  mufs  unter  aller  menschlichen
Gesellschaft  werth  gehalten  werden;  und  glaube  Ich,  dafs  Er  eine  Conquete  im  Lande
der  Wahrheit  gemacht  hat,  wor  Er  den  Wolff  hierher  persuadiret.«

Der  Brief,  den  Reıngeck  am  7.  Juni  auf  diese  K.  Aufforderung  hin  an  WoLrr
gerichtet  hat,  existirt  nicht  mehr,  wohl  aber  die  Antwort  Worrr’s  vom  15.  Juni
(Büscaıng  S.63f.).  Aus  ihr  geht  hervor,  das  Reınzeck  u.  A.  vertraulich  geschrieben
hatte,  Worrr  solle  neben  Maurerruiss  Präsident  der  neuen  Akadeınie  werden;
mindestens  hat  ihn  Woırr  so  verstanden.  (Wie  das  Verhältnis  Beider  näher  gedacht
  war,  lässt  sich  nicht  ermitteln.)  Auch  von  den  Berufungen  ınehrerer  hervorrarender
  Ausländer  an  die  Akademie  muss  REınBEck  berichtet  haben.  Worrr’s  Antwort
  zerfällt  in  zwei  Theile.  In  dem  ostensiblen  Brief  erklärt  er,  nicht  abgeneigt
zu  sein,  in  preussische  Dienste  zu  treten  und  giebt  eine  Übersicht  über  seine  Einkünfte
  in  Marburg.  In  der  für  Reınseck  allein  bestimmten  ausführlichen  Naclıschrift
aber  heisst  es:

»Ich  habe  in  Ansehung  dessen,  was  Sie  ınir  von  der  allergnädigsten  Intention
S.K.  Maj.  in  Vertrauen  eröfnet,  dieses  noch  erinnern  wollen,  dafs  ich  einige  wichtige
  Obstacula  finde,  warum  schwerlich  bey  der  Präsidenten-Stelle  bey  der  K.  Societät
Ihro  K.  Maj.  ein  Genüge  leisten  dürfte.  Ich  bin  an  meinen  Füssen  auf  eine  ganz
besondere  Art  incoinmodiret,  dals  keine  Kälte  daran  vertragen  kann,  auch  selbst  iın
Sommer  es  mir  beschwerlich  ist,  wenn  nur  kühles  Wetter  ist.....  Daher  wohl  ohne
allen  Abbruch  meine  Collegia  abwarten  können;  aber  den  ganzen  Winter  über  und
des  Sommers,  wenn  nicht  warmer  Sonnenschein  ist,  nicht  aus  dem  Hause  gehen
können.  Die  Geschäfte  aber  bey  der  K.  Societät  würden  gar  sehr  liegen  bleiben,
wenn  ich  wegen  der  Witterung  zu  viel  zu  Hause  bleiben  mülste.....  Wenn  ich  nur
den  Kopf  durch  ein  freyes  Dociren,  dabey  man  in  Action  ist,  munter  erhalten  kann,
so  bin  ich  zu  aller  meiner  akademischen  und  andern  Arbeit  geschickt,  und  kann
mehr  thun  als  viele  andere,  die  keine  Incomınodität  an  irgend  einem  Theil  des  Leibes
verspüren  ....  Vor  das  andere  muls  ich  erinnern,  dals  ich  zwar  das  Französische
wohl  verstehen  kann,  wenn  ich  es  lese;  aber  nicht,  wenn  es  geredet  wird,  viel
weniger  selbst  reden.  Hingegen  Herr  Maupertuis  redet  nichts  als  Französisch,  und
wenn  einer  Latein  redet,  wird  es  ihm  wie  mir  bey  dem  Französischen  gehen.  Und
mit  den  andern  Ausländern  dürfte  es  wohl  gleiche  Beschaffenheit  haben.  Daher  mit
ihnen  mündlich  wohl  gar  Weniges  überlegen  dürfte  können:  welches  doch  nach  der
allergnädigsten  Intention  Sr.  K.M.  erforderlich.  Und  getraute  ich  mir  durch  Correspondenz
  eben  so  viel,  ja  noch  mehr  auszurichten,  als  durch  meine  Gegenwart.
Drittens  kann  auch  dieses  nicht  bergen,  dafs,  wenn  in  Connexion  das  Jus  Naturae
et  Gentium,  die  Moral  und  Politik  fortschreiben  soll,  ich  meine  Ideen  wohl  conserviren
  und  parat  haben  ınuls,  nicht  aber  durch  anders  Lesen  stören  darf,  welches
gleichwohl  nöthig  ist,  wenn  ınan  auf  neue  Experimente  denken  soll,  ne  actum  agatur,
oder  auch  Experimente,  die  nicht  genug  determiniret  sind,  von  Neuem  wiederholen,
und  zu  bessrem  Gebrauche  addiren  soll.  Da  ich  blos  durch  das  academische  Lesen

ı  Nicht  eine  bereits  erfolgte  erste  Aufforderung  Frirnrien’s  II.  ist  hier  wohl  zu  verstelen,
  sondern  der  König  denkt  an  die  Verliandlungen,  die  bei  Lebzeiten  seines  Vaters  mit
Worrr  kürzlich  geführt  worden  waren.