292  1705.  Hersnorrz,  Entdeckungsgeschichte  des  Princips  der  kleinsten  Action.

Er  war  inzwischen  von  Friedrich  11.  als  Präsident  dieser  Akademie  nach
Berlin  gerufen  worden,  und  es  mochte  ihm  nicht  unerwünscht  sein,  dafs  er  sich  mit
einer  imponirenden  Entdeckung  hier  einführen  konnte.  Es  geschah  dies  1746  durch
einen  Vortrag:  »Die  Gesetze  der  Ruhe  und  der  Bewegung  aus  einem
mnetaphysischen  Princip  hergeleitet«.  Darin  verkündet  er  nichts  Geringeres,
als  dals  das  von  ihın  entdeckte  Princip  der  kleinsten  Action  den  ersten  bindenden
und  unwiderleglichen  Beweis  für  das  Dasein  Gottes,  als  eines  intelligenten  Weltlenkers,
  gebe.  Nach  ihm  beweist  hier  die  Existenz  des  Minimum  die  oben  erwähnte
  Ersparungstheorie.  Warum  freilich  gerade  das  Product  aus  Geschwindigkeit
und  Weglänge  so  ersparenswürdig  sei,  darauf  bleibt  er  die  Antwort  schuldig.  Am
verwunderlichsten  aber  ist,  dafs  er  nach  dieser  emphatischen  Ankündigung  des
neuen  Princips  nicht  daran  denkt,  etwas  zu  geben,  was  einem  allgemeinen  Beweise
seiner  Richtigkeit  auch  nur  ähnlich  sähe.  Es  folgen  nur  drei  neue  Beispiele.  welche
ihrerseits  zeigen,  dafs  der  Autor  erst  eine  sehr  undeutliche  und  verwirrte  Vorstellung
von  dem  Sinne,  den  die  von  ihm  verkündeten  Sätze  künftig  bekommen  würden,
hatte.  Das  dritte  dieser  Beispiele  ist  wenigstens  wirklich  ein  Fall,  der  unter  das
Princip  gehört.  Er  betrifft  eines  der  vorher  erwähnten  Beispiele,  nämlich  die
Constanz  der  Bewegung  des  Schwerpuncts  bei  Rotation  eines  festen  Systems  schwerer
Körper.  Aber  auch  dies  ist  sehr  unvollständig  und  ungenügend  behandelt  und  in
eine  unklare  Verbindung  mit  dem  statischen  Gleichgewicht  des  belasteten  Hebels
gesetzt.  Die  beiden  andern  Beispiele  aber,  betreffend  den  Stols  unelastischer  und
elastischer  Körper,  sind  gänzlich  unpassend.  Auf  diese  hat  ihn  offenbar  nur  die
Analogie  des  Lichtes  geführt,  dessen  Reflexion  schon  Descartes  mit  dem  Abprallen
elastischer  Kugeln  verglichen  hatte.  Der  Fall  des  unelastischen  Stofses  gehört  gar
nicht  hierher,  weil  er  in  die  Classe  der  irreversiblen  Processe  gehört.  Der  elastische
Stols  kann  allerdings  nach  dem  Princip  der  kleinsten  Action  behandelt  werden.
Dies  mülste  aber  in  ganz  andrer  Weise  geschehen,  als  Maupertuis  es  gethan  hat.
Welche  Gedankenverbindung  er  sich  zurecht  gemacht  hatte,  um  den  Gröfsen,  für
die  er  ein  Minimum  findet,  die  Bedeutung  der  Action  unterschieben  zu  können,
ist  ganz  unerfindlich.  Auch  seine  Zeitgenossen,  wie  Chevalier  d’Arcy,  der
1749  seine  Einwände  vorbrachte,  wulsten  es  sich  nicht  zu  erklären.  Maupertuis
selbst,  der  1752  auf  d’Arcy’'s  Einwände  antwortete,  wufste  es  nicht  verständlich  zu
machen.  Ebenso  umgeht  Euler  in  den  Aufsätzen  von  1751  und  1752,  wo  er  Maupertuis
  gegen  Samuel  Koenig  zu  vertheidigen  sucht,  diese  bedenklichen  Puncte
mit  vorsichtigem  Schweigen.

Man  könnte  nun  noch  vermuthen,  Maupertuis  habe  die  Beweise  für  sein
allgeıneines  Princip  wohl  gekannt  und  nur  ihre  Veröffentlichung  auf  eine  spätere  Zeit
und  einen  passenderen  Ort,  als  seine  überwiegend  metaphysische  Abhandlung  von
1746  darbot,  verschoben.  Aber  auch  diese  Annahme  wird  durch  die  erwähnte
Antwort  gegen  d’Arcy  unmöglich  gemacht.  Zu  der  Zeit  war  er  schon  ringsum
angefeindet  und  hätte  allen  Grund.  gehabt,  mit  seinen  Beweisen  herauszukommen.
Aber  er  rückt  iminer  wieder  nur  mit  denselben  drei  dürftigen  und  unpassenden
Beispielen  vor.

Euler’s  wichtige  Abhandlung,  welche  in  der  That  die  einzige  feste  Grundlage
für  die  weitgreifenden  Schlüsse  des  Präsidenten  bildete,  hat  dieser  in  einer  gewissen
gnädig  anerkennenden  Weise  an  der  Spitze  seiner  Vorlesung  von  1746  erwähnt:
»Diese  Bemerkung  (nämlich  Euler's)  hat  mir  um  so  mehr  Vergnügen  gemacht,  als
sie  eine  schöne  Anwendung  meines  Princips  auf  die  Bewegung  der  Planeten  giebt«.
Euler  spricht  sich  darüber  als  gewissenhafter  Mathernatiker  folgendermalsen  aus:

»Ich  mufs  aber  bemerken,  dafs  meine  Entdeckung,  da  sie  erst  veröffentlicht
ist,  nachdem  Herr  v.  Maupertuis  sein  Princip  auseinandergesetzt  hatte,  ihın  die
»Priorität  nicht  entziehen  kann.  Aufserdem  habe  ich  diese  interessante  Beziehung