1705.  Heımnorrz,  Entdeckungsgeschichte  des  Princips  der  kleinsten  Action.  295

und  wie  er  meint,  ihn  Öffentlich  als  Plagiator  hinzustellen.  Diese  letztre  Annahme
ist  übertrieben.  Denn  die  Auffindung  eines  bisher  gänzlich  verborgen  gebliebenen
Privatbriefes  kann  keine  Klage  auf  Plagiat  gexen  einen  Gelehrteu  begründen:  davor
  würde  sich  Niemand  durch  die  grölste  Gewissenhaftigkeit  in  Durchsicht  der
Literatur  schützen  können.  Überhaupt  mufs  man  auf  Briefe  und  hinterlassene
Papiere  nicht  zu  viel  Werth  legen;  sie  können  eine  Menge  Dinge  enthalten,  welche
ihr  Autor  selbst  noch  als  unsicher  ansah  und  deshalb  nicht  veröffentlichte.

Maupertuis  liefs  sich  dazu  hinreifsen,  den  Brief  für  gefälscht  zu  erklären
und  Samuel  Koenig  vor  der  Akademie  als  Fälscher  zu  verklagen.  Nach  des  Beklarten
  Angaben  hatte  das  Original  einem  Berner  Agitator  Henzi  gehört,  der  als
Aufrührer  von  den  Berner  Aristokraten  hingerichtet  worden  war.  Die  Durchsicht
der  confiscirten  Papiere  desselben,  auf  Friedrich  Il.  Ersuchen  in  Bern  angestellt,
ergab  kein  Resultat.  Maupertuis  constituirte  die  Akademie  als  eine  Art  Disciplinargerichtshof,
  liefs  dem  Beklagten  eine  Aufforderung  zusenden,  innerhalb  bestimmter
Frist  das  Original  des  besagten  Briefes  vorzulegen.  Da  er  dies  nicht  konnte,
wurde  der  Brief  in  einer  Versammlung  der  Akademie,  nachdem  Euler  den  Bericht
erstattet  hatte,  für  gefälscht  erklärt.  Nach  Aussage  der  Gegenpartei  soll  die  Sitzung
stürmisch  gewesen  sein  und  die  Gültigkeit  der  Abstimmung  zweifelhaft.  Beschlüsse
gexen  Koenig  s  Person  oder  Charakter  wurden  nicht  gefafst.  Natürlich  sandte
dieser  sein  Diplom  als  Mitglied  zurück.

Herr  Gerhardt,  der  Herausgeber  von  Leibniz’  mathematischen  Werken.  hält
den  Brief  für  wahrscheinlich  von  Leibniz  herrührend,  wenn  er  auch  mit  dem  daınalixen
  Urtheile  der  Akademie  übereinstimmt.  dafs  der  Brief  in  den  Briefwechsel
mit  dem  Baseler  Mathematiker  Hermann  nicht  hineinpasse.  In  dem  Fragıinent  ist
gesagt,  dafs  der  Schreiber  beabsichtigt  habe.  in  dem  zweiten  Theil  seiner  Dynamik
das  Princip  von  der  Action  zu  behandeln,  aber  durch  die  milsgünstige  Aufnalıme
des  ersten  Theils  abgeschreckt  sei.  In  der  That  findet  sich  in  diesem  ersten  Theil
von  Leibnizeus  Dynamik  der  Begriff  der  Action  weitläuftig  erörtert,  obne  dafs  ein
unmittelbarer  Gebrauch  von  ihm  gemacht  wird;  und  es  erscheint  nicht  unwalırscheinlich,
  dafs  Leibniz  dort  nur  eine  spätere  Anwendung  desselben  vorzubereiten
beabsichtigte.

Nunmehr  griff  Voltaire  in  den  Streit  ein;  Samuel  Koenig  erschien  ihm  als
ein  unschuldig  Verfolgter.  Es  ist  vielleicht  die  rühmenswertheste  Seite  in  Voltaire's
Charakter  gewesen,  dafs  er  in  mehreren  berühmt  gewordenen  solchen  Fällen  grofsen
Muth  und  grolse  Wärme  in  der  Vertheidigung  der  Verfolgten  gezeigt  hat.  Dals
ihm  Maupertuis  mit  seiner  Metaplıysik  und  mit  seiner  Aufgeblasenheit  sehr  antipatlisch
  geworden  sein  mulste,  lälst  sich  begreifen,  abgesehen  von  höfischen  Klätschereien
  und  Rivalitäten,  die  zwischen  beiden  gespielt  haben.  Voltaire  schrieb
zunächst  anonym  (18.  September  1752)  einen  kleinen  Artikel:  »Reponse  d'un  academicien
  de  Berlin  a  un  academicien  de  Paris«,  worin  er  ganz  kurz  die  Thatsachen
zusammenstellt,  und  scharf  betont,  was  ihm  in  dem  Verfahren  gegen  S.  Koenig
ungehörig  erschien.  Die  meisterhafte  Präcision  der  Darstellung  verrieth  den  Autor.
Köniz  Friedrich  1.  hatte  allen  Grund,  erzürnt  zu  sein,  dals  sein  Gast  ihm  seine
Akademie,  der  er  so  viel  Sorge  gewidmet  hatte,  und  auf  die  er  so  viel  Hoffnungen
setzte.  sowie  deren  Präsidenten  öffentlich  bloszustellen  suchte.  Er  zog  es  vor,
zunächst  als  Schriftsteller  zu  antworten  in  einem  Briefe  vom  ır.  November  1732:
Lettre  d’un  academicien  de  Berlin  a  un  academicien  de  Paris,  welcher  sehr  leblıaft
geschrieben  ist  und  harte  Ausdrücke  xegen  den  Verläumder  schleudert.  Der  Brief
erschien  erst  anonym,  dann  aber  ınit  dem  Preufsischen  Adler  an  der  Spitze,  wenn
auch  olıne  die  Unterschrift  des  Königs.  Voltaire  war  gewarnt,  aber  nicht  geneigt
zu  schweigen,  obgleich  der  König  ihm  gegenüber  that.  als  ob  er  keinen  Verdacht
gegen  ihn  hätte.  Es  folgte  die  Veröffentlichung  der  berühmten  Satire  »le  Docteur