360  192.  Nıesunr’s  Dankschreiben  und  Antrittsrede  (1810).

achtet  zu  werden,  da  die  Akademie  sich  bereitet,  mit  vervielfachter  Thätigkeit  verjJünzt
  aufzutreten,  und  die  Wichtigkeit  ihrer  Arbeiten  und  Wirksamkeit  von  unserm
erhabenen  Monarchen  ganz  gewürdigt  und  jeder  möglichen  Unterstützung  versichert
ist.  Und  für  wen  hätte  es  nicht  den  höchsten  Werth,  mit  Männern,  deren  Namen
und  Ruhm  in  die  entferntesten  Gegenden  verbreitet  ist,  in  eine  Verbindung  zu
treten,  welche  ihm  das  Recht  und  die  Gelegenheit  verschafft,  die  früheste  Kunde
von  den  Entdeckungen  zu  erhalten,  womit  ihr  Forschungsgeist  ihre  verschiedenen
Wissenschaften  bereichert?

Mich  aber  verpflichtet  das  Eigenthümliche  des  Wohlwollens,  welches  die
Akadenmie  in  ihrer  Wahl  zu  meinem  Vortheil  bestimint  hat,  zu  einer  vorzüglichen
Dankbarkeit.  Der  Gelehrte,  dessen  litterarischer  Ruf  auf  öffentliche  Werke  gegründet
  ist,  wird  in  dieser  Ehre  die  Anerkennung  von  Ansprüchen  finden,  zu  denen
die  allxemeine  Stimme  und  sein  eigenes  Selbstgefühl  ihn  befugt  erklärt.  Mir  ist
das  Urtheil  der  Akademie  günstig  gewesen,  obgleich  es  nur  durch  Wohlwollen  und
eine  gütige  Meinung  hat  geleitet  werden  können,  indeın  eine  frühe  Entfernung  von
dem  ausschliefsenden  Dienst  der  Wissenschaften,  durch  den  allein  Vorzüglichkeit
in  ihnen  gewonnen  werden  kann,  mir  auch  nicht  einmal  den  Versuch  gestattet  hat,
wenigstens  Liebe  für  sie  durch  Schriften  zu  bewähren.  Einpfangen  Sie,  meine
Herren,  meinen  warınen  Dank  für  dieses  Wohlwollen,  welches  bei  den  näheren
Beziehungen,  in  die  Sie  mir  gestattet,  zu  Ihnen  zu  treten,  eine  Nachsicht  verbürgt,
die  ich  unverholen  in  Anspruch  nehmen  mufs.  Denn  nur  äufserst  selten  und  bei
der  höchsten  Begünstigung  durch  Natur  und  Schicksal  wird  der  deutsche  Geschäftsmann
  die  grolsen  Schwierigkeiten  besiegen,  welche  ihn  auf  eine  unterbrochene  und
schwache  Beschäftigung  selbst  mit  denjenigen  Wissenschaften  beschränken,  die  für
ihn  den  eigenthümlichsten  Reiz  haben:  glücklich,  wenn  wit  der  Fähigkeit.  sich
ihnen  zu  weihen,  nicht  auch  die  Neigung  für  sie  durch  die  freindartigen  Formen,
Gegenstände  und  Beziehungen,  in  denen  er  fortleben  mufs,  in  ihm  abostirbt,  und
wenigstens  die  Wehmuth  und  das  Gefühl  seines  Verlustes  ihm  bleibt.

Es  läfst  sich  mit  einer  nur  zu  traurigen  Gewilsheit  voraussehen,  dafs  diese
Schwierigkeiten  in  demselben  Verhältnifs,  wie  der  Beruf  des  Geschäftsmannes  trüber
und  niederschlagender  wird,  zunehmen  müssen,  und  dem,  der  es  ganz  fühlt,  wie
viel  er  entbehrt,  ist  der  Verein  mit  Männern  um  so  wohlthätiger,  welche  den
Kummer  der  Welt  in  edlen  Beschäftigungen  vergessen,  die  sie  früher  in  glänzenderen
  Zeiten  unsers  Vaterlandes  weder  um  Schinmer  noch  den  gutimüthigen  Wahn,
dein  Ganzen  nützlich  sein  zu  können,  verlassen  hatten.

Nachdem  Deutschland  jede  andere  Art  des  Rulmms  verloren  hat  oder  absterben
sieht,  da  die  schöne  Zeit  unserer  grofsen  Dichter  ihrem  Abend  entgegengeht,  bleibt
ihm  noch  der  Rulun  höherer  Gelehrsamkeit,  und  diesen  vermag  die  Nation  sich
in  den  schwersten  Zeiten  zu  bewahren.  Er  entstand,  weil  Viele,  einzeln  und  verbunden,
  für  ihre  eigene  Ausbildung  die  nationaleigenthümlichen  Geisteskräfte  nutzten,
  welehe  durch  unselige  Einrichtungen  und  Umstände  für  das  Ganze  fruchtlos
bleiben  ınufsten;  daher  können  wir  diesen  Ruhm  und  diesen  Trost  auch  immerhin
bewalren.  wenn  wir  es  nur  wollen,  wie  andere  gesunkene  Völker  es  gethan  haben;
und  lebendiger  als  sie,  wenn  wir  nie  vergessen,  dafs  ererbte  Gelehrsamkeit  wie
ein  ererbtes  Vermögen  nur  durch  thätige  Benutzung  und  Erweiterung  ihren  verhältnifsmäfsigen
  Rang  behauptet.  Dahin  zu  wirken  ist  jetzt  der  nächste  Beruf  einer
deutschen  gelehrten  Gesellschaft  und  die  Pilicht  der  Gebildetsten  und  Einsichtsvollsten,
  so  weit  es  ihnen  gelingen  kann,  dahin  zu  streben,  dals  die  Nation  sich  über
verlorene  Güter  weder  durch  leichtsinniges  Vergessen  tröste  und  in  der  Herabwürdigung
  sich  wohl  sein  lasse,  noch  mit  blinder  Thorheit  dem  allmächtigen  Schicksal
  widerstrebe.  Der  Herbst  unsers  gesellschaftlichen  Daseins  ist  gekommen,  und
der  Frühling  wird  nicht  wiederkehren,  ehe  die  Zeit  ihren  Lauf  vollendet  hat.