362  193.  WırurLm  von  HumsoLor’s  Denkschrift  (September  1809  —1810).

suchen,  um  seinem  Ziele  näher  zu  kommen  durch  die  Verbindung  der  geüliten,
aber  eben  darum  auch  leichter  einseitigen  und  schon  weniger  lebhaften  Kraft
mit  der  schwächeren  und  noch  parteiloser  nach  allen  Richtungen  imuthig  hinstrebenden.


Was  man  daher  höhere  wissenschaftliche  Anstalten  nennt,  ist,  von  aller  Form
im  Staate  losgeinacht,  nichts  Anderes  als  das  geistige  Leben  der  Menschen,  die
äufsere  Mufse  oder  inneres  Streben  zur  Wissenschaft  und  Forschung  hinführt.  Auch
so  würde  Einer  für  sich  grübeln  und  sammeln,  ein  Anderer  sich  mit  Männern  gleichen
  Alters  verbinden,  ein  Dritter  einen  Kreis  von  Jüngern  um  sich  versammeln.
Diesem  Bilde  mufs  auch  der  Staat  treu  bleiben,  wenn  er  das  in  sich  unbestimmte
und  gewissermalsen  zufällige  Wirken  in  eine  festere  Form  zusammenfassen  will.
Er  mufs  dalıin  sehen,  "

ı.  die  Thätigkeit  immer  in  der  regsten  und  stärksten  Lebendigkeit  zu  erhalten;



2.  sie  nicht  herabsinken  zu  lassen,  die  Trennung  der  höheren  Anstalt  von
der  Schule  (nicht  blofs  der  allgemeinen  theoretischen,  sondern  auch  der
mannigfaltigen  praktischen  besondern)  rein  und  fest  zu  erhalten.

Er  ınufs  sich  eben  immer  bewufst  bleiben,  dals  er  nicht  eigentlich  dies  bewirkt
  noch  bewirken  kann,  ja,  dafs  er  vielmehr  iminer  hinderlich  ist,  sobald  er
sich  hineinmischt,  dafs  die  Sache  an  sich  ohne  ihn  unendlich  besser  gehen  würde,
und  dafs  es  sich  eigentlich  nur  so  damit  verhält:

dafs,  da  es  nun  einmal  in  der  positiven  Gesellschaft  äulsere  Formen  und
Mittel  für  jedes  irgend  ausgebreitete  Wirken  geben  mufs,  er  die  Pilicht
hat,  diese  auch  für  die  Bearbeitung  der  Wissenschaft  herbeizuschaffen;

dafs  etwa  nicht  blofs  die  Art,  wie  er  diese  Formen  und  Mittel  beschafft,
dem  Wesen  der  Sache  schädlich  werden  kann,  sondern  der  Umstand
selbst,  dafs  es  überhaupt  solche  äufsere  Formen  und  Mittel  für  etwas
ganz  Freindes  giebt,  immer  nothwendig  nachtheilig  einwirkt  und  das
Geistige  und  Hohe  in  die  materielle  und  niedere  Wirklichkeit  herabzieht;


und  dafs  er  daher  nur  darum  vorzüglich  wieder  das  innere  Wesen  vor
Augen  haben  mufs,  um  gut  zu  machen,  was  er  selbst,  wenn  gleich
ohne  seine  Schuld,  verdirbt  oder  gehindert  hat.

Ist  dies  auch  nichts  als  eine  andere  Ansicht  desselben  Verfahrens,  so  mufs
sich  doch  der  Vortheil  dann  auch  im  Resultat  ausweisen.  da  der  Staat,  wenn  er
die  Sache  von  dieser  Seite  betrachtet,  immer  bescheidener  eingreifen  wird,  und
im  praktischen  Wirken  im  Staat  auch  überlaupt  eine  theoretisch  unrichtige  Ansicht,
was  man  imıner  saxen  möge,  nie  ungestraft  bleibt,  da  kein  Wirken  im  Staat  blols
mechanisch  ist.

Dies  vorausgeschickt,  sieht  man  leicht,  dafs  bei  der  inneren  Organisation
der  höheren  wissenschaftlichen  Anstalten  Alles  darauf  beruht,  das  Prinecip  zu  erhalten,
  die  Wissenschaft  als  etwas  noch  nicht  ganz  Gefundenes  und  nie  ganz  Aufzufindendes
  zu  betrachten,  und  unablässig  sie  als  solche  zu  suchen.

Sobald  man  aufhört,  eigentlich  Wissenschaft  zu  suchen,  oder  sich  einbildet,
sie  brauche  nicht  aus  der  Tiefe  des  Geistes  heraus  geschaffen,  sondern  könne  durch
Sammeln  extensiv  aneinandergereiht  werden,  so  ist  Alles  unwiederbringlich  und  auf
ewig  verloren;  verloren  für  die  Wissenschaft,  die,  wenn  dies  lange  fortgesetzt  wird,
dergestalt  entflieht,  dafs  sie  selbst  die  Sprache  wie  eine  leere  Hülse  zurückläfst,
und  verloren  für  den  Staat.  Denn  nur  die  Wissenschaft,  die  aus  dein  Innern  stammt
und  in’s  Innere  gepflanzt  werden  kann,  bildet  auch  den  Charakter  um,  und  dem
Staat  ist  es  ebenso  wenig  als  der  Menschheit  um  Wissen  und  Reden,  sondern  um
Charakter  und  Handeln  zu  thun.