364  193.  Wiırusrn  von  HussoLor’s  Denkschrift  (September  1809  —1810).

Verlältnifs  als  höhere  Anstalten  zur  Schule  und  als  wissenschaftliche  zum  prakiischen
  Leben.

Der  Staat  mufs  seine  Universitäten  weder  als  Gymnasien  noch  als  Specialschulen
  behandeln,  und  sich  seiner  Akademie  nicht  als  einer  technischen  oder  wissenschaftlichen
  Deputation  bedienen.  Er  ınuls  im  Ganzen  (denn  welche  einzelnen  Ausnahmen
  hiervon  bei  den  Universitäten  stattfinden  müssen,  kommt  weiter  unten  vor)
von  ihnen  nichts  fordern,  was  sich  unmittelbar  und  geradezu  auf  ihn  bezieht,  sondern
  die  innere  Überzeugung  hegen,  dafs,  wenn  sie  ihren  Endzweck  erreichen,  sie
auch  seine  Zwecke  und  zwar  von  eineın  viel  höheren  Gesichtspunkte  aus  erfüllen,
von  einem,  von  dem  sich  viel  melr  zusainmenfassen  läfst  und  ganz  andere  Kräfte
und  Hebel  angebracht  werden  können,  als  er  in  Bewegung  zu  setzen  vermag.

Auf  der  anderen  Seite  aber  ist  es  hauptsächlich  Pflicht  des  Staates,  seine
Schulen  .so  anzuordnen,  dafs  sie  den  höheren  wissenschaftlichen  Anstalten  gelörig
in  die  Hände  arbeiten.  Dies  beruht  vorzüglich  auf  einer  richtigen  Einsicht  ihres
Verhältnisses  zu  denselben  und  der  fruchtbar  werdenden  Überzeugung,  dafs  nicht
sie  als  Schulen  berufen  sind,  schon  den  Unterricht  der  Universitäten  zu  anticipiren,
noch  die  Universitäten  ein  blofses,  übrigens  gleichartiges  Complement  zu  ihnen,
nur  eine  höhere  Schulklasse  sind,  sondern  dafs  der  Übertritt  von  der  Schule  zur
Universität  ein  Abschnitt  im  jugendlichen  Leben  ist,  auf  den  die  Schule  im  Falle
des  Gelingens  den  Zögling  so  rein  hinstellt,  dafs  er  physisch,  sittlich  und  intellectuell
  der  Freiheit  und  Selbstthätirkeit  überlassen  werden  kann  und,  vom  Zwange
entbunden,  nicht  'zu  Mülsiggang  oder  zum  praktischen  Leben  übergehen,  sondern
eine  Sehnsucht  in  sich  tragen  wird,  sich  zur  Wissenschaft  zu  erheben,  die  ihn  bis
dahin  nur  gleichsam  von  fern  gezeigt  war.

Ihr  Weg,  dalıin  zu  gelangen,  ist  einfach  und  sicher.  Sie  mufs  nur  auf  harmonische
  Ausbildung  aller  Fähigkeiten  in  ihren  Zöglingen  sinnen;  nur  seine  Kraft
in  einer  möglichst  geringen  Anzahl  von  Gegenständen  an,  so  viel  möglich,  allen
Seiten  üben,  und  alle  Kenntnisse  dein  Gemüth  nur  so  einpflanzen,  dafs  das  Verstehen,
  Wissen  und  geistige  Schaffen  nicht  durch  äufsere  Umstände,  sondern  durch
seine  innere  Präcision,  Harinonie  und  Schönheit  Reiz  gewinnt.  Dazu  und  zur  Vorübung
  des  Kopfes  zur  reinen  Wissenschaft  mufs  vorzüglich  die  Matliematik  und
zwar  von  den  ersten  Übungen  des  Denkvermögens  an  gebraucht  werden.

Ein  so  vorbereitetes  Gemüth  nun  ergreift  die  Wissenschaft  von  selbst,  da
gleicher  Fleifs  und  gleiches  Talent  bei  anderer  Vorbereitung  sich  entweder  augenblicklich
  oder  vor  vollendeter  Bildung  in  praktisches  Treiben  vergraben  und  sich
dadurch  auch  für  dieses  unbrauchbar  machen,  oder  sich,  ohne  das  höhere  wissenschaftliche
  Streben,  mit  einzelnen  Kenntnissen  zerstreuen.

Von  dem  Eintheilungsgrunde  der  höheren  wissenschaftlichen  Anstalten  und  den
verschiedenen  Arten  derselben.

Gewöhnlich  versteht  man  unter  höheren  wissenschaftlichen  Anstalten  die  Universitäten
  und  Akademieen  der  Wissenschaften  und  Künste.  Es  ist  nicht  schwer,
diese  zufällig  entstandenen  Institute  wie  aus  der  Idee  entstanden  abzuleiten;  allein
theils  bleibt  in  solchen  seit  Kant  sehr  beliebten  Ableitungen  immer  etwas  Schiefes
zurück,  theils  ist  das  Unternehmen  selbst  unnütz.

Sehr  wichtig  dagegen  ist  die  Frage:  ob  es  wirklich  noch  der  Mühe  werth
ist,  neben  einer  Universität  eine  Akadeinie  zu  errichten  oder  zu  erhalten?  und
welchen  Wirkungskreis  man  jeder  abgesondert  und  beiden  gemeinschaftlich  anweisen
muls,  um  jede  auf  eine,  nur  ihr  mögliche  Art  in  Thätigkeit  zu  setzen?

Wenn  man  die  Universität  nur  dem  Unterricht  und  der  Verbreitung  der
Wissenschaft,  die  Akademie  aber  ihrer  Erweiterung  bestimmt  erklärt,  so  thut  man
der  ersteren  offenbar  Unrecht.  Die  Wissenschaften  sind  gewils  ebenso  sehr  und