193.  WırneLm  von  HunsoLor’s  Denkschrift  (September  1809-1810).  365

in  Deutschland  mehr  durch  die  Universitätslehrer,  als  durch  Akademiker  erweitert
worden,  und  diese  Männer  sind  gerade  durch  ihr  Lehramt  zu  diesen  Fortschritten
in  ihren  Fächern  gekommen.  Denn  der  freie  mündliche  Vortrag  vor  Zuhörern,
unter  denen  doch  immer  eine  bedeutende  Zahl  selbst  mitdenkender  Köpfe  ist,
feuert  denjenigen,  der  einmal  an  diese  Art  des  Studiums  gewöhnt  ist,  sicherlich
ebenso  sehr  an,  als  die  einsame  Wüste  des  Schriftstellerlebens,oder  die  lose  Verbindung
  einer  akademischen  Genossenschaft.  Der  Gang  der  Wissenschaft  ist  offenbar
auf  einer  Universität.  wo  sie  immerfort  in  einer  grolsen  Menge  und  zwar  kräftiger,
rüstiger  und  jugendlicher  Köpfe  herumgewälzt  wird,  rascher  und  lebendiger.  Überhaupt
  läfst  sich  die  Wissenschaft  als  Wissenschaft  nicht  wahrhaft  vortragen,  ohne
sie  jedesmal  wieder  selbstthätig  aufzufassen,  und  es  wäre  unbegreiflich,  wenn  man
nicht  hier,  sogar  oft,  auf  Entdeckungen  stolsen  sollte.  Das  Universitätslehren  ist
ferner  kein  so  mühevolles  Geschäft,  dafs  es  als  eine  Unterbrechung  der  Mufse  zum
Studium  und  nicht  vielmehr  als  ein  Hülfsmittel  zu  demselben  gelten  müfste.  Auch
giebt  es  auf  jeder  grofsen  Universität  immer  Männer,  die,  indem  sie  wenig  oder
gar  nicht  lesen,  nur  einsam  für  sich  studiren  und  forschen.  Sicherlich  könnte  man
daher  die  Erweiterung  der  Wissenschaften  den  blofsen  Universitäten,  wenn  diese
nur  gehörig  angeordnet  wären,  anvertrauen,  und  zu  diesem  Endzweck  der  Akademien
  entrathen.

Der  gesellschaftliche  Verein,  der  allerdings  unter  Universitätslehrern  als
solchen  nicht  nothwendig  gleich  regelmälsig  vorhanden  ist,  dürfte  auch  schwerlich
ein  hinreichender  Grund  sein,  so  kostbare  Institute  zu  gründen.  Denn  einestheils
ist  dieser  Verein  auch  auf  den  Akademien  selbst  locker  genug,  anderntheils  dient
er  nur  vorzüglich  in  denjenigen  Beobachtungs-  und  Experimentalwissenschaften,
wo  schnelle  Mittheilung  einzelner  Thatsachen  nützlich  ist.  Endlich  entstehen  in
diesen  Fächern,  ohne  Schwierigkeit,  iinmer  auch  ohne  Zuthun  des  Staats  Privatgesellschaften.


Geht  ınan  der  Sache  genauer  nach,  so  haben  Akademieen  vorzüglich  im  Auslande
  geblüht,  wo  man  die  Wohlthat  deutscher  Universitäten  noch  jetzt  entbehrt,
und  kaum  nur  anerkennt,  in  Deutschland  aber  vorzugsweise  an  Orten,  denen  Universitäten
  mangelten,  und  in  Zeiten,  wo  es  diesen  noch  an  einem  liberaleren  und
vielseitigeren  Geiste  fehlte.  In  neueren  Zeiten  hat  sich  keine  sonderlich  ausgezeichnet,
  und  an  dein  eigentlichen  Emporkommen  deutscher  Wissenschaft  und  Kunst
haben  die  Akademieen  wenig  oder  gar  keinen  Antheil  gehabt.

Um  daher  beide  Institute  in  lebendiger  Thätigkeit  zu  erhalten,  ist  es  nothwendig,
  sie  dergestalt  mit  einander  zu  verbinden,  dafs,  obgleich  ilıre  Thätigkeit
abesondert  bleibt,  doch  die  einzelnen  Mitglieder  nicht  immer  blofs  ausschliefsend
der  einen  oder  andern  gehören.  In  dieser  Verbindung  lälst  sich  nun  das  abgesonderte
  Bestehen  beider  auf  eine  neue  und  treffliche  Art  benutzen.

Dieser  Nutzen  beruht  aber  alsdann  viel  weniger  auf  der  Eigenthümlichkeit
der  Thätigkeit  beider  Institute  (denn  in  der  That  kann  durch  Universitätslelrer,
ohne  Einrichtung  einer  eigenen  Akademie,  vollkommen  erreicht  werden,  was  man
durch  diese  bezweckt,  vorzüglich  da,  was  noch  immer  sehr  verschieden  von  einer
eigentlichen  Akadeınie  ist,  diese  letzteren  wieder,  wie  in  Göttingen,  eine  eigne
gelehrte  Gesellschaft  bilden  können),  sondern  auf  der  Eigenthümlichkeit  ihrer  Form
und  ihrem  Verhältnifs  zum  Staate.

Die  Universität  nemlich  steht.  immer  in  engerer  Beziehung  auf  das  praktische
Leben  und  die  Bedürfnisse  des  Staates,  da  sie  sich  immer  praktischen  Geschäften
für  ihn,  der  Leitung  der  Jugend,  unterzielht;  die  Akademie  aber  hat  es  rein  nur
mit  der  Wissenschaft  an  sich  zu  thun.  Die  Lehrer  der  Universität  stehen  unter
einander  in  blofs  allgemeiner  Verbindung  über  Punkte  der  äufseren  und  inneren
Ordnung  der  Disciplin;  allein  über  ihr  eigentliches  Geschäft  theilen  sie  sich  gegen-