366  193.  Wırneıs  von  HumsoLpr’s  Denkschrift  (September  1809-1810).

seitix  nur  insofern  sie  eigene  Neigung  dazu  führet,  mit;  indeın  sonst  jeder  seinen
eixenen  Weg  geht.  Die  Akademie  dagegen  ist  eine  Gesellschaft,  wahrhaft  dazu  bestimmt,
  die  Arbeit  eines  Jeden  der  Beurtheilung  Aller  zu  unterwerfen.

Auf  diese  Weise  mufs  die  Idee  einer  Akademie  als  die  höchste  und  letzte
Freistätte!  der  Wissenschaft  und  die  vom  Staat  aın  meisten  unabhängige  Corporation
  festgehalten,  werden,  und  ınan  mufs  es  einmal  auf  die  Gefahr  ankommen
lassen,  ob  eine  solche  Corporation  durch  zu  geringe  oder  einseitige  Thätigkeit  beweisen
  wird,  dafs  das  Rechte  nicht  immer  am  leichtesten  unter  den  günstigsten
äulseren  Bedingungen  zu  Stande  kommt  oder  nicht.  Ich  sage,  ınan  muls  es  darauf
ankoınınen  lassen,  weil  die  Idee  in  sich  schön  und  wohlthätig  ist,  und  immer  ein
Augenblick  eintreten  kann,  wo  sie  auch  auf  eine  würdige  Weise  ausgefüllt  wird.

Dabei  entsteht  nunmehr  zwischen  der  Universität  und  Akademie  ein  Wetteifer
  und  Antagonismus  und  eine  solche  Wechselwirkung,  dals,  wenn  man  in  ihnen
einen  Excefs  und  einen  Mangel  an  Thätigkeit  besorgen  mufs,  sie  sich  gegenseitig
von  selbst  in's  Gleichgewicht  bringen  werden.

Zuerst  bezieht  sich  dieser  Antagonismus  auf  die  Walıl  der  Mitglieder  beider
Corporationen.  Jeder  Akademiker  mufs  nemlich  das  Recht  haben,  auch  ohne  weitere
Habilitation  Vorlesungen  zu  halten,  ohne  jedoch  dadureli  Mitglied  der  Universität  zu
werden.  Mehrere  Gelehrte  müssen  füglich  Universitätslehrer  und  Akademiker  seyn,
aber  beide  Institute  ınüssen  auch  andere  besitzen,  die  nur  jedem  allein  angehören.

Die  Ernennung  der  Universitätslehrer  ınufs  dem  Staat  ausschliefslich  vorbehalten
  bleiben,  und  es  ist  gewils  keine  gute  Einrichtung,  den  Facultäten  darauf
mehr  Eintluls  zu  verstatten,  als  ein  verständiges  und  billiges  Curatorium  von  selbst
thun  wird.  Denn  auf  der  Universität  ist  Antagonismus  und  Reibung  heilsam  und
nothwendig,  und  die  Collision,  die  zwischen  den  Lehrern  durch  ihr  Geschäft  selbst
entsteht,  kann  auch  unwillkührlich  ihren  Gesichtspunkt  verrücken.  Auch  ist  die
Beschaffenheit  der  Universitäten  zu  eng  mit  deın  unmittelbaren  Interesse  des  Staats
verbunden,

Die  Walıl  der  Mitglieder  der  Akadeınie  aber  mufs  ihr  selbst  überlassen  und
nur  an  die  Bestätigung  des  Königs  gebunden  sein,  die  nicht  leicht  entsteht?.  Denn
die  Akademie  ist  eine  Gesellschaft,  in  der  das  Princip  der  Einheit  bei  weitem  wichtiger
ist,  und  ihr  rein  wissenschaftlicher  Zweck  liegt  den  Staat  als  Staat  weniger  nahe.

Hieraus  entsteht  nun  aber  das  oben  erwähnte  Correctiv  bei  den  Wahlen  zu
den  höheren  wissenschaftlichen  Anstalten.  Denn  da  der  Staat  und  die  Akademie
ungefähr  gleichen  Antheil  daran  nelımen,  so  wird  sich  bald  der  Geist  zeigen,  in
welchem  beide  handeln,  und  die  öffentliche  Meinung  selbst  wird  beide,  wo  sie
sich  verirren  sollten,  auf  der  Stelle  unparteiisch  richten.  Da  aber  nicht  leicht
beide  zugleich,  wenigstens  nicht  auf  dieselbe  Weise  fehlen  werden,  so  droht  we
nigstens  nicht  allen  Walılen  zugleich  Gefahr,  und  das  Gesammtinstitut  ist  vor  Einseitigkeit
  sicher.

Vieliınehr  mufs  die  Mannigfaltigkeit  der  bei  demselben  in  Thätigkeit  kommenden
  Kräfte  grofs  sein,  da  zu  den  beiden  Klassen  der  vom  Staate  Ernannten  und
der  von  der  Akademie  Gewählten,  noch  die  Privatdocenten  hinzukommen,  welche
wenigstens  Anfangs  blols  der  Beifall  ihrer  Zuhörer  hebt  und  trägt.

Eine  ihr  ganz  eigenthümliche  Thätigkeit  aufser  ihren  akademischen  Arbeiten
aber  kann  die  Akademie  auch  durch  Beobachtungen  und  Versuche  gewinnen,  welche
sie  in  systematischer  Reihe  anstellt.  \'on  diesen  mülsten  einige  ihr  freigestellt  sevn,
andere  aber  ihr  aufgetragen  werden,  und  auf  diese  aufgetragenen  mülste  wiederum
die  Universität  Einflufs  ausüben,  so  dafs  dadurch  eine  neue  Wechselwirkung  entstände

ı  Ursprünglich  »Zufluchtsort«.
?  =  entfällt,  fehlt.