195.  Antrag,  ein  Corpus  Inscriptionum  zu  unternehmen  (24.  März  1815).  375

Anzahl  von  Mitgliedern  eigne  Abhandlungen  vorlesen,  die  dann  gedruckt  werden.
So  nüzlich  dieser  Theil  der  akademischen  Thätigkeit  ist,  so  erreicht  doch  jede
Privatgesellschaft,  deren  Berlin  viele  zählt,  diesen  Zweck  eben  so  vollständig,  und
die  Akademie.hat  nur  den  Vorzug  vor  jenen,  dals  in  ihr  vorzüglichere  Gelehrte
vereinigt  sind.  Der  Hauptzweck  einer  Königlichen  Akademie  der  Wissenschaften
mufs  sein,  Unternehmungen  zu  machen  und  Arbeiten  zu  liefern,  welche
kein  Einzelner  leisten  kann;  theils  weil  seine  Kräfte  denselben  nicht  gewachsen
  sind,  theils  weil  ein  Aufwand  dazu  erfordert  wird,  den  kein  Privatmann  daran
wagen  wird.  Die  mathematische  Klasse  so  wie  die  physikalische  hat  früherhin  zu
besonderen  Unternehmungen  Bewilligungen  von  Geldern  erhalten:  und  es  liegt  am
Tage,  dals  auch  die  historisch  -philologische  Klasse  in  ihrem  Gebiete  Forschungen
darbietet,  welche  ohne  Unterstützung  des  Staats  unausführbar  sind,  indem  sie  historische
  Deukmäler  aus  dem  Dunkeln  ziehen  und  dem  Gelehrten  in  die  Hand  geben
muls,  welche  zu  erwerben,  zu  bearbeiten  und  zu  verbreiten,  grofse  und  mannigfaltige
  Ausgaben  erfordert.

Wenn  die  Akademie  nicht  bestrebt  ist,  in  allen  ihren  Zweigen  Bedürfnisse
dieser  Art  allmählich  zu  befriedigen,  so  verfehlt  sie  durchaus  ihren  Zweck,  und
ihre  Thätigkeit  geht  immer  nur  in  dem  Kreise  fort,  welchen  der  Einzelne  ausfüllen
kann.  Es  ist  leider  nur  zu  wahr,  dafs  die  deutschen  Vereine  dieser  Art  noch  gar
nichts  geleistet  haben,  und  alle  Fortschritte  in  den  Wissenschaften  durch  die  Kraft
der  einzelnen  Gelehrten  gemacht  worden  sind.  Eben  daher  haben  denn  auch,  insbesondere
  im  Gebiete  der  Geschichte  und  Philologie,  grofse  und  allgemein  wichtige
Unternehmungen  in  Deutschland  gänzlich  unterbleiben  müssen.  Um  also  ihrem
Zwecke  zu  genügen,  und  von  ihrer  Seite  nicht  zurückzubleiben  bei  dem  Bestreben,
diejenige  Thätigkeit  und  das  Leben  in  die  Akademie  zu  bringen,  welche  ihr  einzig
angemessen  sind,  so  ist  die  historisch-philologische  Klasse  entschlossen,  einen
Thesaurus  Inscriptionum  zu  unternehmen‘.

!  Bis  hierher  ist  Burrmsann’s  Entwurf  mit  dein  Böckn’schen  Concept  identisch,  aber
von  dem  folgenden  Abschnitte  an  sind  beide  Actenstücke  doch  erheblich  verschieden.  Daher
soll  Böcku’s  Fassung  zum  Vergleich  hier  abgedruckt  werden:

»Ein  solches  Werk  kann  heutzutage  von  keinem  Privatmann  geliefert  werden.  Nach
der  jetzigen  Lage  des  Buchhandels  wird  sich  dazu  kein  Unternehmer  finden;  auch  ist  es  eine
so  grofse  Arbeit,  dafs  kein  Einzelner  mit  Glück  sie  vollenden  kann.  Der  Mangel  eines  solchen
  Werkes  ist  aber  in  unserer  Wissenschaft  fülhlbar.  Die  Inschriften,  nahmentlich  die
griechischen,  stehen  überall  zerstreut,  meist  in  Büchern,  welche  Privatleute  nicht  zu  besitzen
pflegen;  so  kommt  es,  dafs  wenige  von  der  reichen  Quelle  der  Inschriften  Gebrauch  machen.
Kein  Zweig  der  Alterthumskunde  bedarf  nicht  ihrer  Hülfe;  die  Inschriften  enthalten  wichtige
Urkunden  für  die  innere  und  äufsere  Geschichte  der  Staaten,  ihre  inneren  Einrichtungen,
Gesetze  jeder  Art,  Privatverhältnisse  und  dergleichen,  welche  nur  aus  ihnen  mit  der  möglichsten
  Vollständigkeit  erkannt  werden  können.  Ein  Theil  der  Paläographie  beruht  auf
ihnen;  selbst  für  die  Geschichte  der  Sprache  sind  sie  von  äufserster  Wichtigkeit.  Aber  da
sie  in  wenigen  Händen  sind,  ist  das  Studium  der  Inschriften  gegenwärtig  von  den  Philologen
fast  gänzlich  vernachlässigt,  und  die  Inscriptionenlehre  erscheint  den  meisten  wie  eine  geheime
  Wissenschaft.  Es  ist  einleuchtend,  dafs  durch  dieses  Unternehinen  der  Klasse  dieses
Studium  wieder  ein  Gemeingut  der  Philologen  werden  wird,  und  die  Klasse  hegt  daher  die
Überzeugung,  dafs  die  Akademie  ihr  diejenige  Unterstützung  gerne  bewilligen  wird,  welche
zu  einem  so  nothwendigen  und  nützlichen  Werke  erforderlich  ist,  so  wie  sie  andrerseits  sich
in  ihrer  Thätigkeit  gänzlich  gehemnit  fühlen  würde,  wenn  sie  aus  Mangel  an  Geldern  solche
ihrer  vorzüglich  würdigen  Zwecke  aufgeben  mülste.e  Die  Ausführung  dieses  Werks  wird
nicht  nur  der  Akademie,  sondern  auch  dem  Staate  und  der  Regierung,  durch  deren  Freigebigkeit
  sie  möglich  wurde,  ein  bleibendes  Ehrendenkmahl  gewähren,  und  die  AMitglieder
werden,  so  wie  sie  den  Gedanken  mit  Begeisterung  ergriffen  haben,  unter  den  gehörigen
Umständen  keinen  Fleifs  sparen,  die  Erscheinung  des  Werkes  zu  fördern.