384  197.  Niesune’s  Briefe  an  die  philologisch-historische  Klasse  (1816  ff.).

halts  geschrieben.  Diese  alte  Schrift  ist  von  der  nehmlichen  Hand  geschrieben  wie
das  Fragınent  des  Gajus:  mithin  läfst  sich  sagen,  dafs  das  Doıinkapitel  oder  die
Kirche  zu  Verona  in  Besitz  mehrer  juristischer  Werke  war,  welche  ihre  Geistliche
später  verbraucht  haben,  und  dafs  sie  diese  Bücher  schon  vor  Justinian  und  unter
König  Dieterich  besessen  hat.  —  Einzelne  Worte  von  gelblicher  Farbe,  da  wo  die
Zeilen  sich  nicht  decken.  waren  zu  erkennen.  Daraus  liefs  sich  der  Inhalt  schliefsen;
aber  ohne  chemische  Hülfsmittel  war  nichts  zu  ınachen.  Die  besten  Reagentien
waren  zu  Verona  nicht  zu  erhalten.  Ich  mufste  mir  selbst  schleunig  so  unvollkomınen
  wie  es  gerieth  eine  Galläpel  Infusion  bereiten,  welche  soviel  leistete,  dafs
sich  von  den  besseren  Mitteln  (Hydrosulfur  von  Potasche  u.  Prufsial  von  Potasche)
alles  hoffen  läfst.  Dafs  in  meiner  Abschrift  (Anmerkung  von  Burrmans:  nehmlich
  von  einem  Blatt  welches  N.  zur  Probe  und  zum  Beweis  abgeschrieben  und  mitgeschickt)
  so  viele  Lücken  geblieben  sind,  ist  auch  hauptsächlich  Folge  der  Eile
womit  ich  arbeitete,  indem  ich  nur  zwei  ganze  Tage  zu  \'erona  bleiben  konnte,
wo  es  doch  soviel  zu  sehen  gibt.  Zum  Glück  sind  diese  Blätter  ohne  Abbreviaturen
geschrieben.  Den  Namen’  des  Verf.,  Buchtitel  u.s.  w.  habe  ich  vergeblich  gesucht.
Ich  glaube  aber,  dafs  Sie  meine  Verinuthung,  die  sich  auf  die  Manier  der  Citationen
gründet,  dafs  es  ein  Werk  Ulpians  sei,  nicht  nur  richtig  finden,  sondern  auch  das
Werk  selbst  herausbringen  werden.«

(Anmerkung  von  Burımann:  Zum  Schlufs  fügt  N.  noch  hinzu,  »dafs  die  Gefälligkeit
  womit  die  Domherren  ihm  die  Bibliothek  öffnen  lielsen,  das  höchste  Lob
verdiene,  so  wie  die  Geduld  des  Custos,  Archi-Prete  Eucherio,  der  mit  der  gröfsten
  Freundlichkeit,  Morgens  und  Abends,  wie  er  wollte,  mit  ihm  ausgehalten  habe-.)

So  weit  die  Auszüge  über  diese  Mspte  aus  dein  Brief  an  Savıenv.  In  dem
Schreiben  an  die  Klasse  sagt  N.  über  den  zuletzt  erwähnten  Codex  folgendes:

2.

An  die  philologisch-historische  Klasse  der  Akademie  der  Wissenschaften.
  (Original.)

Florenz,  den  23.  September  1816.

Da  ich  voraussehe  dafs  die  erste  Zeit  meines  Aufenthalts  zu  Roın  mir  schwerlich
  Mufse  und  Ruhe  gewähren  wird  um  der  Akademie  Berichte  zu  schreiben,  so
benutze  ich  dazu  den  günstigen  Umstand  beyde  während  der  Abende  meines  um
einige  verlängerten  Verweilens  in  dieser  Hauptstadt  der  neuen  Litteratur  zu  geniefsen.
  Indem  ich  nun  mit  wahreın  Vergnügen  die  Pflicht  erfülle  ınich  als  ein
für  die  Akademie  nicht  abgestorbenes  Mitglied  zu  bewähren,  und  ein  Uhnterpfand
gebe  fortwährend  als  solches  zu  handeln,  mufs  ich  zuvörderst  zwey  Bitten  geltend
machen.  Die  eıste  ist  dals  diesen  Schreiben  keine  Art  von  Publicität  gegeben
werde,  diejenigen  Punkte  ausgenommen,  wofür  ich  selbst  darum  bitten  möchte:
denn  ohne  hierüber  vollkommen  ruhig  zu  seyn  müfste  ich  mir  bei  der  Äufserung
von  Urtheilen  die,  umhergetragen,  empfindlich  seyn  könnten,  einen  Zwang  anthun,
welcher  dein  Zweck  unsere  Klasse  mit  Wahrhaftigkeit  über  die  Litteratur  Italiens

zu  unterrichten  durchaus  zuwider  wäre:  —  die  zweyte  dals  keine  grölsere  Planmälsisgkeit
  und  Vollständigkeit  gefordert  werde  als  in  Privatschreiben  —  am  wenigsten

  vollständige  Abhandlungen.  Der  Nachsicht,  welche  die  Ansichten  eines  neu
eintretenden  Freindlings  bedürfen,  halte  ich  mich  versichert.

Um  mit  dem  wichtigsten  zu  beginnen  —  ich  darf  vermuthen  dafs  die  Mitglieder
  unserer  Klasse,  wenn  Savigny  zu  Berlin  anwesend  ist  und  meinen  Brief  aus
Venedig  erhalten  hat,  mit  den  Entdeckungen  bekannt  seyn  werden,  die  ich  das  Glück
gehabt  zu  Verona  in  der  Bibliothek  des  Domkapitels  zu  machen,  leider  aber  nicht
habe  vollenden  können,  weil  ich  nur  mit  den  rohesten  cheinischen  Hülfsmitteln