197.  Niesuner’s  Briefe  an  die  philologisch  -historische  Klasse  (1816  ff.).  385

versehen  war.  Ich  habe  nämlich  daselbst  ein  Blatt  aus  Gaius  Institutionen  (ganz
unverstümmelt)  und  zwey,  aber  schrecklich  zerstört,  aus  einem  Juristen  den  ich
nicht  zu  errathen  vermag,  über  die  Verlassenschaft  der  Freygelassenen  des  Kaisers
(wie  es  mir  scheint)  gefunden:  diese  beyden  Stücke  nicht  durch  andere  Schrift
verdeckt,  und  zum  Behuf  derselben  zerstört.  In  einem  Rescriptus  hingegen  habe
ich  einen  ungleich  wichtigeren  Fund  gethan,  nämlich  beinahe  einen  ganzen  Quartband
  eines  Juristen,  aus  dem  ich  nur  ein  Blatt,  soweit  ich  die  Schrift  mit  meinen
elenden  Hülfsmitteln  lesbar  machen  konnte,  zugleich  mit  jenen  für  Savigny  abgeschrieben
  und  ihm  gesandt  habe.  Obgleich  der  Name  des  Schriftstellers  nirgend
zu  entdecken  war,  so  halte  ich  es  gar  nicht  für  zweifelhaft,  dafs  es  ein  Stück  aus
einem  der  grolsen  Werke  Ulpians  sey:  der  Inhalt  ist  de  bonis  libertorum  latinorum.
Ich  beschwöre  nun  die  Akademie  das  Ihrige  zu  thun  damit  dieser  aufserordentliche
Schaz  ans  Licht  gezogen  werde.  Wenn  man  hier  in  Italien  sieht  was  während
der  letzten  20  Jahre  untergegangen  ist,  so  kann  man  sich  nicht  enthalten  mit  Ängstlichkeit
  Beschleunigung  zu  wünschen.  Wofern  nun  die  Akademie  unsrer  gemeinschaftlichen
  Wissenschaft,  der  vorjustinianische  Jurisprudenz  doch  so  sehr  als  irgend
  etwas  angehört,  diesen  Dienst  zu  leisten  vermag  —  und  es  zu  thun  beschliefst,
  mufs  ich  Beherzigung  einiger  Hauptpunkte  erbitten.  ı.  Es  muss  der  Auftrag
  einem  durchaus  historisch  Rechtskundigen  gegeben  werden:  denn,  wo  die
zweyte  Schrift  die  erste  völlig  deckt,  so  dafs  sich  ihre  Züge  nur  durch  die  lezten
schlingen  —  und  oft  ist  sie  dergestalt  ausgekrazt,  dals  das  Reagens  nur  einen
schwachen  Schimmer  darstellt  —  mufls  man,  einzelne  Worte  erkennend,  zuerst
rathen  was  da  stehen  könne,  und  nun  schauen  bis  man  gewahr  wird  was  wirklich
  da  steht.  Bei  dem  Gebrauch  des  Hydrosulphureums  von  Pottasche  wird  dies
nicht  in  demselben  Grade  nöthig  seyn;  immer  aber  doch  einigermafsen.  2.  Er  muls
ein  sehr  scharfes  Gesicht  in  der  Nähe  haben.  3.  Er  mufs  mit  dem  schon  genannten
Reagens  versehen  seyn,  und  die  Phiole  worin  dasselbe  in  Solution  aufbewahrt
wird,  ınit  schwarzem  Papier  verklebt,  bey  sich  führen.  Diese  Solution  wird  mit
einem  Pinsel  aufgetragen.  Eine  sehr  gute  Loupe  wäre  noch  überdies  zu  empfehlen.
  —  Meine  Bemerkungen  über  diese  Fragmente  wiederhole  ich  nicht  weiter,  da
ich  hoffen  will,  dafs  mein  Brief  an  Savigny  eingetroffen  seyn  werde:  und  wenn  er
verloren  seyn  sollte,  auch  für  diesen  nichts  besseres  hoffen  kann:  die  unbegreifliche
  Unsicherheit  der  Correspondenz  mit  Deutschland  macht  freylich  sehr  niedergeschlagen.


Nur  folgendes  füge  ich  noch  hinzu.  In  lateinischen  Handschriften  läfst  sich
kein  rescriptus  codex  erwarten,  wenn  die  deckende  Schrift  jünger  als  spätestens
das  Ende  des.  g.  Jhs.  ist.  Die  welche  ich  bis  jetzt  gesehn  (unter  denen  aber  sowohl
  ein  Würzburger  als  ein  Münchner  Codex  nichts  als  biblische  Texte  enthielten),
  waren  entweder  mit  longobardischer  Schrift,  oder  mit  einer  degenerirten  MajJuskel
  geschrieben.  In  jüngeren  findet  man  gewils  nichts:  und  ebenso  wenig  in
zierlich  geschriebenen  ältern.  —  Die  griechischen  sind  hingegen  viel  neuer,  und
man  kann  behaupten  dafs  sich  unter  alten  griechischen  Pergamenen  nichts  erwarten
läfst:  nämlich  die  Armuth  welche  in  Italien  vom  6.  bis  9.Jh.  zur  Zerstörung  aller
Bücher  trieb,  trat  bei  den  Griechen  im  13.  Jh.  ein.  Mein  Freund  Brandis  hat  zu
Verona  einen  griechischen  Cod.  rescriptus  gefunden,  welcher  aus  deın  9.  oder  10.  Jh.
ist:  es  war  wenig  herauszubringen,  aulser  dafs  es  ein  nicht  episches  hexametrisches
Gedicht  sey:  die  letzten  Sylben  jedes  Verses  waren  abgeschnitten.  —  Ich  habe  mit
Gewilsheit  gefunden,  dals  die  Römer  zweyerley  Dinte  gebrauchten.  Die  eine,  wenn
sie  ausgekrazt  ist,  scheint  ganz  verschwunden,  man  sieht  nur  Eindrücke  im  Pergament
  wo  die  Buchstaben  standen:  aber  schon  die  schlechte  Galläpfelinfusion  ruft
die  Schrift  schwarz  und  sehr  vollständig  hervor.  Dies  ist  gewils  unsere  gewölhnliche
  Dinte,  und  damit  waren  ohnezweifel  die  Fragmente  des  Symmachns  geschrie-Geschichte

  der  Akademie.  II.  25