386  197.  Nıesuur’s  Briefe  an  die  philologisch  -historische  Klasse  (1816  ff.).

ben.  Damit  sind  auch  theologische  Blätter,  welche  im  Ulpian  -  Hieronyinus  eingemischt
  vorkommen,  geschrieben  gewesen:  und  dann  ist  die  Schrift  viel  gröfser  und
neuer.  Die  zweyte  ist  viel  mehr  eine  Art  Farbe  als  Dinte:  so  ist  das  Blatt  des
Gaius  geschrieben  und  so  die  Ulpianischen  Fragmente.  Diese  hat  man  algewaschen;
und  nur  wo  es  nicht  hinreichen  wollte  die  Zuflucht  zum  Messer  genommen.  Was
noch  sichtbar  geblieben  ist  gelbröthlich:  und  hergestellt  nimmt  es  auch  keine
schwarze  Farbe  an.

Seitdem  ich  mich  mit  allen  Hülfsmitteln  versehen,  ist  es  mir  ergangen  naclı
dem  allgemeinen  Gesez  des  finstern  Schicksals,  das  Gelegenheit  und  Fähigkeit  sie
zu  nuzen  trennt.  Weder  Venedig,  noch  Bologna,  noch  auch  die  Bibliotheken  dieser
Stadt  —  so  weit  es  mir  möglich  gewesen  diese  lezten  durchzusehen  —  enthalten
etwas  dieser  Art.  Auch  läfst  sich  nur  in  uralten  Kathedral-  und  Klosterbibliotheken
etwas  erwarten.  Die  zu  Padua  habe  ich  nicht  durchsehen  können,  weil  der  Bibliothekar
  auf  dem  Lande  war.  Auch  ist  die  von  Santa  Justina,  welche  sonst  uralte
Sachen  enthalten  haben  soll,  ganz  verschwunden:  geplündert  von  Kommissarien
aus  Frankreich  und  Mailand.  Nicht  besser  ist  es  der  von  San  Salvatore  zu  Bologna
ergangen  —  und  noch  viel  mehr  als  die  Franzosen  geraubt  ist  bey  diesen  Gelegenheiten
  verschleudert  und  gestohlen  worden.  Die  Mönche  von  San  Marco  und
von  der  sogenannten  Abtey  zu  Florenz  haben  vor  der  Säcularisation  die  herrlichsten
Sachen  weggebracht  und  sogar  die  Cataloge  aus  dem  Wege  geräumt:  mit  einem
Codex  (dem  des  Plutarch)  hat  ganz  vor  kurzem  ein  Mönch  aus  der  Abtey  sich
Befreyung  von  der  Verpflichtung  mit  seinen  wieder  zusammen  getriebenen  Klosterbrüdern
  zu  leben,  erkauft.  —  Ich  hatte  ein  heftiges  Verlangen  Ravenna  zu  besuchen,
  wo  ich  eben  Bücher  dieser  Art  erwarte.  Aber  die  ziemlich  entschiedene
Gewifsheit,  dals  der  Bibliothekar,  bey  der  eingetretenen  furchtbaren  Hize,  nicht  in
der  Stadt  seyn  werde:  die  Warnungen  vor  dieser  Hize,  die  für  ıneine  Constitution.
wie  ich  leider  erfahre,  auch  an  den  gesundesten  Orten,  gefährlich  ist  —  bestimmten
mich  diese  Nebenreise  aufzugeben.  —

Hier  zu  Florenz  ist  es  übrigens  auch  unmöglich  sich  auf  die  Bibliotheken  zu
beschränken:  so  wenig  als  man  dies  zu  Athen  thun  könnte,  wenn  diese  Stadt  eine
eben  so  wohl  erhaltene  Mumie  als  Florenz  wäre.

Was  ich  hier  nachgesehen  beschränkt  sich  beynahe  auf  den  Gegenstand  der
Einlage  welche  ich  die  Classe  an  Prof.  Hermann  zu  befördern  bitte:  Für  Savignv
habe  ich  aus  Bologna  allerley,  welches  ich  gelegentlich  ihm  senden  werde.  Ich
hätte  dort  oder  hier,  bey  mehrerer  Mufse,  drey  rvmovs  yevıxovs  der  PP  zu  Konstantinopel
  abschreiben  können,  welche  Heloander  ebenfalls  aus  Mangel  an  Zeit
nicht  abdrucken  lassen.  Brandis  hat  hier  einen  —  zwar  nicht  ganz  vollständigen
—  Codex  vom  ächten  Text  des  Simplicius  de  caelo,  woraus  er  manche  von  Peyron
übergangene  Fragmente  in  ihrer  wahren  Gestalt  gezogen  hat.

Zwey  vortreffliche  Philologen  habe  ich  kennen  gelernt:  Morelli  und  Garatoni.
Mit  dem  ersten  habe  ich  wahrhaft  freundschaftliche  Gefühle  ausgetauscht  —  so  wir
mir  überhaupt  die  Venetianer  bey  weitem  am  besten  gefallen  haben.  Mit  ihnen
kann  ein  Deutscher,  die  Sprache  ausgenommen,  sich  einheimisch  fühlen.  Was  Morelli
  auf  der  Bibliothek  wufste,  oder  selbst  in  seinen  sehr  bedeutenden  Sammlungen
besals,  trug  er  für  mich  zusammen.  Von  Garatoni  habe  ich  seine  neu  erschienenen
Curae  secundae  in  orat.  pro  Plancio  erhalten:  ein  Werk,  welches  jeder  Nation  Elre
machen  würde.  Aber  beyde  sind  Greise:  beyde  gehen  sichtbar  ihrem  Ende  entgegen,
  und  mit  ihnen  alles  eminente  in  der  Philologie  der  Italiener.  Nur  einen
kann  ınan  noch  nach,  aber  freilich  nicht  neben  ihnen,  nennen:  Fontani,  den  Bibliothekar
  der  Riccardiana:  wenn  ich  ihn  aber  nicht  als  Philologen  neben  jene
stellen  kann,  so  ist  er  dagexen  durch  grofse  Vielseitigkeit  interessant  und  lehrreich.
so  wie  er  einen  äufserst  tüchtigen  Sinn  kund  thut.  Übrigens  sagt  auch  er,  die