197.  Nieeunr’s  Briefe  an  die  philologisch  -historische  Klasse  (1816  ff.).  387

Philologie  sterbe  in  Italien  ganz  aus:  -und  je  näher  gegen  Rom,  je  barbarischer
werde  ich  es  finden.  De  Furia  und  seine  Gehülfen  an  der  Bibliothek  und  am  Conferiren
  der  Codd.  kann  ınan  als  Philologen  nicht  nennen:  eher  noch  einen  Abbate
Ciampi,  von  dem  ich  diesen  Morgen  eine  Vorlesung  in  der  Academia  Italiana  gehört
  habe  —  doch  würde  auch  der  bey  uns  höchstens  für  ein  subordinirtes  Lehreramt
  an  einem  Gymnasiuın  fähig  gelten.  Der  Canonicus  und  Professor  Schiassi  zu
Bologna,  der  für  etwas  gilt,  und  besonders  einen  Ruf  für  seine  Latinität  hat,  die  er
zu  Epitaphien  und  Gelegenheitsreden  benuzt,  ist  ein  ächtes  Musterbild  eines  italienischen,
  für  uns  ganz  unverdaulichen  Antiquars.  Diese,  sowje  überhaupt  die  sogenannte
  gebildete  Classe  der  Nation  habe  ich  mir  aufs  Haar  richtig  vorgestellt  —
und  das  ist  sehr  traurig  —  das  Volk  ist  aber,  wenigstens  an  manchen  Orten.  wie
zu  Venedig  (wo  ich  auch  die  höheren  Stände  ausnehme,  in  denen  noch  alte  Adern
schlagen),  zu  Padua,  ja  auch  hier  in  Toscana,  ungleich  besser  als  man  es  sich
denkt,  und  wirklich  oft  liebenswürdig  und  anschliefsend,  so  dafs  man  über  sein
Schicksal  mit  dem  Himmel  hadert.

Einen  geistreichen  und  liebenswürdigen  Mann  habe  ich  an  Mustoxidi  (man
spreche  aus  Mustoschidi)  kennen  gelernt.  Er  hält  sich  jezt  zu  Venedig  auf;  theils
aus  Neigung  für  die  Stadt,  theils  um  die  Bibliothek  für  eine  Sammlung  von  Ineditis
graecis,  die  er  mit  einem  andern  Griechen,  Deimetri  Schinäs,  herausgiebt,  zu  benuzen.
  Er  scheint,  wo  nicht  reich,  doch  wenigstens  bemittelt  und  ganz  unabhängig,
so  wie  es  auch  sein  Gemüth  ist.  Er  hat  ein  sehr  tiefes  Gefühl,  und  Anlagen  die
ihn  allein  fähig  gemacht  haben  sich  zu  dem  zu  bilden  was  er  geworden,  und  was
wahrlich  Achtung  verdient,  wenn  man  sieht  was  hier  Schulunterricht  ist,  nun  vollends
  gar  in  Korfu  es  seyn  mufs.  —  Er  hat  kein  Schreiben  von  der  Akademie  erhalten:
  ist  es  noch  nicht  abgegangen,  oder  verloren,  so  kann  es  nur  geradezu  nach
Venedig  a  M.  Andre  Mustoxidi,  addressiert  werden.  Er  hat  mir  für  die  Akadeinie  ein
Heft  Inschriften  gegeben,  welches  ich  gelegentlich  in  Abschrift  senden  werde:  es  sind
nicht  viele:  und,  ich  fürchte,  einige  wenige  aus  Achaia  ausgenommen,  alle  gedruckt.
Ich  dringe  sehr  in  ihn,  dafs  er  neugriechische  Volkslieder  drucken  lasse,  welche  er  besizt:
  ganz  wunderschöne.  Auch  eine  zu  Venedig  gedruckte  Geschichte  von  Sulli,  wovon
  alle  Exemplare  nach  Korfu  geschickt  sind,  hat  er  ınir  zu  verschaffen  versprochen.

Dafls  Mai  angeblich  die  fehlenden  Bücher  des  Dionysius  von  Halicarnassıs
herausgegeben,  habe  ich  bereits  an  Savigny  geschrieben.  Es  verhält  sich  damit
folgxendermafsen.  Schon  Montfaucon  hat  bemerkt,  dafs  in  der  Ambrosiana  eine  Handschrift
  vorhanden  sey:  Excerpte  aus  Dionys.  v.  H.  —  und  auch  Tomassinus  hat  sie
gekannt.  Für  mehr  als  Excerpte  geben  sie  sich  durch  ihren  Titel  nicht  aus:  sie
haben  die  gewöhnliche  Form:  örı  —  und  hängen  nicht  im  geringsten  zusammen.
Sie  gehen,  wie  es  scheint,  vom  Anfang  der  Archäologie  bis  zum  ersten  punischen
Kriege,  wo  diese  Geschichte  allerdings  aufhörte.  Sieht  man  aber  die  Sprache  an,
so  erkennt  man  auf  den  ersten  Blick,  dals  die  Excerpte  welche  den  Zeitraum  der
9  letzten  Bücher  angehen,  und  welche  allein  Mai  hat  drucken  lassen,  einer  alten
Zeit  gar  nicht  angehören  können  —  dies  beweist  freilich  nicht,  dafs  sie  nicht  aus
Dionysius  genommen  seyn  können,  da  die  Gräcität  der  Excerpte  des  Diodor  noch
weit  schlechter  ist.  Dafür  redet,  dafs  ein  Stück  darunter  vorkommt  welches  auch  in
den  Exc.  de  virt.  et  vit.  vorkommt:  und  aus  einem  solchen  byzantinischen  Eklogentomus
  kann  es  am  ersten  excerpirt  scheinen.  Aber  es  sind  xrives  der  Städte  in
Grofsgriechenland  darin  von  einer  Absurdität  wie  Dion.  gewils  nichts  schrieb.  Für
die  römische  Geschichte  ist  höchstens  ein  einziges  Factum  eine  kleine  Ausbeute:
Alles  ührige  ist  taubes  Erz.  [Anmerkung  von  Burrmann:  »In  seinem  Brief  an  Savigny
  erklärt  es  Niebuhr  für  Excerpte  aus  eineın  ganz  anderen  Schriftsteller  und
in  dem  Brief  an  Hermann  für  ein  Windei«.]  Maius  hat  sie  in  die  neun  Bücher
(von  12—20)  eingetheilt:  die  Urs.  und  Vales.  Excerpte  eingeflickt,  und  thut  als  ob  er

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