197.  Niesunr’s  Briefe  an  die  philologisch  -historische  Klasse  (1816  ff.).  389

3.

Nıesvar  an  Burramann.  (Original.)

Die  Erfahrung  lehrt  mich,  dafs  es  nicht  möglich  ist  hier  in  Italien  ziemlich
schnell  zu  reisen,  alles  sehen  zu  wollen,  Bekanntschaften  zu  machen,  sich  über
tausend  Dinge  zu  erkundigen,  die  Sprache  zu  studiren,  dabey  eine  beständige  Diarrhöe
  zu  haben,  und  dennoch  Briefe  und  Berichte  über  das  was  man  sieht  zu  schreiben.
  Der  Akademie  meine  Pflicht  zu  erfüllen,  beginne  ich  mit  diesem  Schreiben.
Meine  Freunde  müssen  die  Güte  haben  sich  mit  diesem  Beweise  meines  Lebens  zu
begnügen;  um  so  ınehr  da  ich  erst  wissen  mufs  ob  überall  ein  Brief  aus  Italien
nach  Berlin  durchkommt.

Wenn  dies  geschieht,  so  bitte  ich  irgend  einen  von  meinen  Freunden  dringend,
  mir  einige  Nachricht  geben  zu  wollen,  wie  es  im  Ganzen  und  jedem,  und
jedem  Hause  geht.  Seyen  Sie  so  gut,  liebster  Buttinann,  Nicolovius  zu  sagen,  dafs
ich  von  ihm  keine  Zeile  bekommen  habe,  und  ihn  zu  bitten,  mir  (jezt  alles  nach
Rom  zu  addressiren)  Nachricht  zu  geben,  ob  er  nicht,  wie  ich  doch  zu  Gott  hoffen
will,  meinen  Brief  aus  München  mit  dem  Document  für  die  Wittwenkasse  erhalten?
Diesen  liefs  ich,  zu  einiger  Sicherheit,  von  Jacobi  versiegeln  und  überschreiben.

Lafst  mich  doch  ja  wissen  wie  es  namentlich  jedem  geht:  Nicolovius,  Ihnen,
Savigny,  Schleiermacher,  Göschen:  allenthalben  grofs  und  klein  —  Reimers  —  und
diesen  bitte  ich  zu  veranlassen  und  zu  betreiben,  dafs  er  es  nicht  vergilst,  dafs  von
unserm  Fronto  ein  Exemplar  an  Voss  geschickt  werde:  und  zwey,  das  eine  addressirt
  a  M.  l’Abbe  Morelli  a  Venise:  das  andre  a  M.  l’Abbe  Garatoni  a  Bologne  —
die  Handlung  von  Gleditsch  zu  Leipzig  —  es  wäre  woll  das  beste  das  Packet
an  Garatoni  ınit  dem  an  Morelli  in  einer  zweyten  Enveloppe  an  diesen  lezten  zu
addressiren.

Hätte  ich  doch  nur  zu  Verona  bleiben  können!  —  Jezt  mufs  Rath  geschafft
werden,  dals  ein  andrer  hingehe.  Der  Codex,  dies  noch  zu  wiederholen,  ist  n.  13.
Epistolae  S.  Hieronymi.

Jetzt  liegt  mir  noch  eine  andre  Sache  auf  dem  Herzen.  Böckh,  den  ich  zu
grüfsen  bitte,  mufs  nach  Heidelberg  schreiben  und  sich  erkundigen  ob  nicht  unter
den  aus  Paris  zurückgekommenen  Codd.  sich  das  Stück  des  alten  Testaments  befinde
  (ich  meine  XXXV  oder  XXXIlI  Palat.)  woraus  Giovenazzi  u.  Bruns  das  Fragment
  vom  Livius  herausgegeben.  Davon  haben  sie  fast  die  Hälfte  nicht  lesen  können.
Mit  Hydrosulphure  der  Potasche  muss  alles  hervorkommen.  Überdies  steckt  aufser
dem  Livius  noch  weit  mehr  in  dieser  Handschrift.  Dies  mufs  irgend  jemand  zu
Heidelberg  übernehmen:  denn  ich  fürchte  sehr,  dafs  der  Codex  dort  und  nicht
mehr  zu  Rom  sey.  Dies  lege  ich  Ihnen  aufs  Gewissen.

Leben  Sie  wohl,  liebster  Buttmann,  und  grüfsen  Sie  Ihre  Frau  und  alle  Freunde
herzlich.  Wahrscheinlich  bin  ich  in  weniger  als  vierzehn  Tagen  zu  Rom  —  woher
  über  die  Theurung  fatale  Nachrichten  erschallen.

Ihr

Niebuhr.  .

4.

Nıesuur  an  die  philologisch-historische  Klasse.  (Original.)

Rom,  den  20.  November.
Schon  vor  vierzehn  Tagen  wollte  ich  diese  Blätter  absenden;  wie  aber  eine
Krankheit  mich  damals  hinderte,  einige  begleitende  Zeilen  hinzuzufügen,  so  nalım
die  Ungewilsheit,  ob  irgend  einer  meiner  früheren  litterarischen  Briefe  angekommen
sey,  den  Muth,  diese  zahlreichen  Abschriften  abzusenden,  deren  Original  dem  Freunde