197.  Nıesunr’s  Briefe  an  die  philologisch  -  historische  Klasse  (1816  ff.).  391

zuselin  und  zu  beliebigen  Stunden  zu  arbeiten.  Kann  ich  nun  eine  Nummer  nennen,
so  bedarf  es  überdies  doch  noch  eines  Billets  an  Consalvi,  um  die  Erlaubnifs  zu
erhalten,  zu  excerpiren  und  zu  copiren.  So  aber  findet  ınan  keine  rescriptos.  Zum
Glück  wufste  ich,  dafs  der  Codex,  worin  die  Blätter  vom  Livius  stehen,  XX1\V  Palat.
sey,  und  habe,  freilich  nach  Suppliciren  und  Harren,  ihn  jezt  zur  Bearbeitung.  Die
Arbeit  ist  entsezlich:  der  resc.  Veron.  ist  ein  wahres  Kinderspiel,  hier  sieht  man
oft  auf  den  ersten  Blick  gar  keine  Spur  von  gewesener  Schrift,  der  Liquor  ruft
einen  Schatten  hervor,  selten  genügt  der  Rest  der  Dinte,  volle  Schrift  darzustellen.
Ich  habe  vier  Blätter  ohne  Überschrift,  herrliche  uralte  Züge  und  uralte  Orthographie,
  gefunden,  die  ich  noch  nicht  vollständig  herausgebracht;  indessen  ist  es
mir  gewils,  dafs  sie  zu  den  verlorenen  Theilen  der  Rede  pro  Fonteio  gehören;  auf
andern  Blättern  bin  ich  fast  gewils,  dafs  das  Ende  der  Rede  pro  Tullio  —  wovon
Mai  ein  Stück  vor  3  Jahren  fand  —  stehe.  Auch  vom  livianischen  Fragment  hoffe
ich  ein  gutes  Stück  mehr  lesen.  zu  können  als  die  Vorgänger.  Diese  Stücke  bin  ich
gesonnen  hier  mit  einer  Dedication  an  den  Pabst  herauszugeben,  um  so  vielleiclıt  mit
versichertem  Wohlwollen  gröfsere  Freiheit  zu  erlangen.  Endlich  steckten  in  diesem
Codex  über  80  Octavblätter  aus  einer  lateinischen  philosophischen  Schrift,  ohne
Zweifel  auch  ciceronisch,  und  wenigstens  die  eine  mir  bis  jetzt  lesbare  Stelle  ist  mir
weder  in  der  Erinnerung,  noch  kann  ich  sie  in  den  gedruckten  finden.  Ferner  sind
darin  vier  Blätter  lateinischer  Verse,  überschrieben  lib.  Vll.,  unbegreifliches  Zeug.
Noch  befinden  sich  darin  einige  Blätter  mit  römischer  Cursivschrift,  einige,  deren
Inhalt  mir  noch  nicht  verständlich,  aber  unbedeutend  scheint,  und  ein  griechisches
Blatt  mit  medicinischen  Recepten.  Es  bestätigt  sich  in  allen  diesen  Fragmenten,
dafs  die  Handschriften  in  der  Kaiserzeit  von  denen,  die  sie  für  die  librarii  als  Lohnarbeit
  anfertigten  —  vielleicht  sogar  auch  von  Sklaven  —,  zwar  mit  sehr  schöner
Schrift,  aber  weit  liederlicher  und  gedankenloser  als  wenigstens  vom  ı1.  JH.  von
den  Mönchen  geschrieben  wurden.  —

Dürfte  man  nur  suchen!  Es  fänden  sich  ohnezweifel  noch  ganz  andre  Schäze.
Ungeduld  würde  alles  verderben,  und  nur  eine  allmählich  befestigte  genauere  Bekanntschaft
  kann  die  verheimlichten  Herrlichkeiten  zugänglich  machen.  Mit  den
ltalienern  ist  es  nöthig  sich  verbindlich  zu  machen;  und  für  alle  folgenden  Reisenden,
  für  die  Zeit,  wo  hoffentlich  einst  unser  College  Bekker  sicher  kommen  wird,
wäre  es  höchst  wichtig,  sich  die  Vaticana  zu  verbinden.  Könnte  die  Akademie  die
Sammlung  ihrer  Memoiren  hieher  schenken?  Ich  bin  überzeugt,  dals  so  etwas  einen
aufserordentlich  vortheilhaften  Eindruck  machen  würde.  Ich  bitte  meine  nächsten
Collegen,  dies  zu  beherzigen.  Ich  selbst  verwende  so  viel  als  meine  Mittel  erlauben,
  die  leider  durch  die  unsägliche  Theurung  eines  von  der  Meinung  abhängigen
Lebens,  unter  den  Schröpfköpfen  dieses  römisch  genannten  Gesindels,  nicht  weit
reichen.  —  Von  litterarischen  Neuigkeiten  wülste  ich  nichts  mitzutheilen,  aufser
Erwähnung  einer  Schrift  des  Antiquars  Lorenzo  Re  über  die  in  der  Villa  des  Principe
  de  la  Paz  gefundene  Doppelherme  des  Seneca  und  Sokrates.  Da  nun  Seneca,
der  bei  Fulvius  Ursinus  ein  blofser  Muskelmann  ist,  hier  tüchtig  feist  erscheint,  so
hat  ein  römischer  Arzt  eine  Abhandlung  angehängt,  um  zu  beweisen,  dafs  Seneca
allerdings  nach  seinen  Schriften  fett  gedacht  werden  mufs.  Diese  Abhandlung  hat
der  Fried.  F.  auf  seine  Kosten  drucken  und  unter  andern  auch  sein  eigenes  Portrait
dabey  stechen  lassen.  —  Monsignor  Baldi,  Präfect  der  Vaticana,  lässt  ein  dickes
Buch  drucken:  Entdeckung  von  siebzelhn  Stellen  im  A.T.,  worin  das  Kreuz  namentlich
  erwähnt  wird.  Versteht  sich  in  der  Vulgata,  denn  Griechisch  versteht
dieser  erste  Bibliothekar  nicht.  Er  hat  auch  keinen  Menschenverstand,  ist  aber
sehr  höflich.

Ein  junger  Mann,  Namens  Nebbi  [Nibbi?],  übersezt  den  Pausanias,  mit  Beyträgen
  von  Gell  und  Dodwell.  —  Von  Alterthümern  ist  längst  nichts  Nahmbhaftes