398  197.  Nıesune’s  Briefe  an  die  philologisch-historische  Klasse  (1816  ff.).

bibliothekar  für  die  griechischen  Handschriften  ward  ein  Mann  angestellt,  dem  man
Pflichttreue  nicht  absprechen  kann:  denn  sobald  er  ernannt  war,  fing  er  au  die
Declinationen  zu  lernen.  Dafs  er  diese  Anstrengung  bald  aufgab,  darf  man  ihm
nicht  übel  nehmen:  denn  er  war  wirklich  zu  alt  dazu.  Derselbe  erhielt  zugleich
ein  anderes  Amt.  Es  wurden  zu  Schilda  unzählich  viele  alte  Inschriften  ausgegraben:
  fast  lauter  Quark:  es  ward  aber  alles  in  einer  prächtigen  Gallerie  eingemauert.
Die  Steine  kamen  oft  in  Stücken  ans  Licht:  dann  wurden  die  Lücken  mit  Kalk  ausgefüllt:
  das  Ganze  überkalkt  und  die  Schrift  neu  eingegraben  und  ınit  hübscher  rother
Farbe  ausgemahlt.  So  las  man  nun  in  dieser  Gallerie  IMP  TXTUS  CABAR  VES-PAS
  u.s.w.  Dieser  ausgezeichnete  Gelehrte  hiefs  Adami.  Er  hatte  einen  Collegen,
der  hiefs  Amati:  dieser  verdiente  sich  einen  Groschen  nebenbey  durch  Collationiren:
höchstwahrscheinlich  auch  durch  einen  kleinen  Handel:  denn  das  Reglement  der
weisen  Stadt  hatte  nichts  darüber  verfügt,  dafs  die  sogenannten  Schseiber  die
Schlüssel  nahmen  und  Bücher  holten:  mit  solchen  sah  einst  ein  Fremder  den  ganzen
  Pult  dieses  Gelehrten  angefüllt,  und  von  mehreren  interessanten  Handschıriften.
die  noch  einige  Jahre  früher  von  sich  hatten  reden  machen,  war  keine  Spur  zu
finden.  Indessen  konnte  man  vielleicht  ruhiger  darüber  seyn,  da  der  Oberbibliothekar
  ein  Prophet,  wenigstens  ein  Prophezeyungsverständiger  war:  die  Ankunft
des  Antichrists  und  die  Weltdauer  aus  den  Psalmen  berechnete.  Wobey  man  salı,
wie  gefährlich  solche  Untersuchungen  seyen:  denn  er  hatte  sich  verstiegen,  den
Text  der  Vulgata  für  verdorben  zu  halten.  »Ich  bin  hier  mit  chronologischen  Untersuchungen
  beschäftigt«,  sagte  er  einmal  jemandem,  der  glaubte  über  irgend  eine
Legende,  oder  über  den  Wahltag  irgend  eines  Ordensgenerals,  worüber  sich  schon
ein  Quartband  schreiben  läfst.  »Über  [das  Manuscript  ist  hier  verstümmelt]  :  und
ich  habe  gefunden,  dafs  die  Welt  goo  Jahre  älter  ist  als  man  gewöhnlich  annimmt.«
Also,  sagte  jener.  nehmen  Sie  wohl  die  samaritanische  Zeitrechnung  [das  Manuscript
  ist  hier  verstümmelt].  Erwiederte  der  Schriftgelehrte:  zwischen  der  Sündflutı
  und  Abraham  sind  900  Jahre  verloren  gegangen,  und  die  habe  ich  wiedergefunden.
  »Nicht  in  den  historischen  Büchern,  sondern  im  Psalm  Mosis.  Da  findet
sich  genau  die  Zeit  von  der  Schöpfung  bis  auf  die  Geburt  Christi,  und  von  da  bis
zur  Bekehrung  der  Juden,  und  dann  bis  zum  jüngsten  Tage.  —

So  viel  aus  der  Clıronik  von  Schilda,  die  noch  viele  andre  curiose  Umstände
enthält,  für  die  aber  der  Raum  zu  eng  ist.  —

Hier  ist  beyın  Graben  auf  dem  Forum  ein  neues  Fragment  von  den  fasti
Capitolini  gefunden:  aus  der  Zeit  unmittelbar  vor  den  Decemvirn.  Fin  junger
Edelmann  aus  der  Romagna,  ein  Sig.  Borghesi,  hat  mir  die  Abschrift  gezeigt:  er
beschäftigt  sich  mit  Berichtigung  der  fasti,  findet  aber  dies  unbedeutend.  Ja,  wenn
es  aus  der  Zeit  Augusts  wäre!  —

Mai  giebt  ein  Fragment  von  Philo  und  eins  von  Porphyrius  heraus.  Er
scheint  schon  auf  die  Grundsuppe  gekommen  zu  seyn.  Man  sagt,  er  wolle  hieher
kommen  und  Jesuit  werden.

Über  die  Anfragen  wegen  fehlender  und  hier  aufzutreibender  Werke  bitte
ich  um  Antwort  und  empfehle  mich  dem  freundschaftlichen  Andenken  meiner  Collegen.


6.

Nırsunr  an  die  philologiseh-historische  Classe.  (Original.)

Rom,  den  26.  März  1817.
Es  wird  der  Akademie,  wenigstens  unsrer  Classe  ohne  allen  Zweifel  angenehm
  seyn,  von  den  Ausgrabungen  auf  unserm  Campo  Vaceino,  die  sich  allmählich
bis  zum  forum  Romanum  durcharbeiten,  Nachrichten  zu  erhalten.  Diese  bedürfen