197.  Nıesuue’s  Briefe  an  die  philologisch-historische  Klasse  (1816  ff.).  405

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NıesuHr  an  die  philologisch-historische  Klasse.  (Original).

Rom,  den  28.  December  1819.

Ich  hoffe,  dafs  die  Akademie  ein  Packet  erhalten  wird,  welches  ich  am  vorigen
Posttage  an  Hrn.  Prof.  Buttinann  absandte,  um  einen  Theil  meiner  Vorlesungsschuld
mit  einer  weitläuftigen  Abhandlung  zu  tilgen.

Heute  habe  ich  eine  äufserst  interessante  Neuigkeit  zu  melden.

Meine  Hoffnungen,  auf  der  Vaticanischen  Bibliothek  in  Codd.  rescriptis  wichtige
  Inedita  zu  finden,  wurden  durch  die  Weigerung  mir  zu  gestatten,  die  Schränke
einzeln  durchzusehen,  getäuscht.  Ich  habe  viele  hundert  Codices  in  Händen  gehabt,
welche  der  Catalog  als  alt  angab,  und  die  ich  forderte:  in  allen  war  nichts,  aulser
in  jenem  einzigen,  woraus  das  Livianische  Fragınent  genommen  ist,  welches  ich
ganz  vollständig  gemacht  habe:  und  die  einzelnen  Blätter  aus  den  verlorenen  Theilen
der  Reden  pro  Fonteio  und  pro  Rabirio.  Jım  zweyten  und  dritten  Winter  meines
hiesigen  Aufenthalts,  wo  die  Vacanz  der  Präfectur  den  Zutritt  sonst  leichter  machte,
war  gar  nicht  an  ein  solches  Unternehmen  zu  denken,  weil  die  gedruckten  Bücher
umgesezt  werden  müssten  —  um  die  neuen  Mahagonyschränke  in  den  neuen  Sälen
zu  füllen.

Es  war  mir  daher  wahrlich  nicht  unerwünscht,  dafs  Mai  gerufen  ward:  wiewohl
  ich  mein  Urtheil  über  seine  Urtheilslosigkeit  und  Ungelehrsamkeit  zu  ändern
nicht  Ursache  gehabt.  Er,  als  Präfect,  kann  ungehindert  Buch  für  Buch  durchsehen;
  und  so  hat  er  denn  auch  eine  ganz  ausnehmend  wichtige  Entdeckung  gemacht.

Nämlich  einen  Codex,  von  300  Seiten,  dessen  alter  Text  durchaus  aus  Cicero
de  Republica  besteht:  allerdings  lange  nicht  vollständig:  was  läfst  sich  aber  davon
nicht  für  Alterthum  und  Geschichte  erwarten!

.Dann  hat  er  einen  andern  Codex  gefunden,  der  den  Mailändischen,  worin
Fronto,  Symmachus  und  der  Commentar  zu  Ciceros  Reden  nebst  einigen  gothischen
Blättern  erhalten  ist,  ergänzt:  der  neue  Text  von  derselben  Hand  geschrieben  und
der  alte  ebenfalls  aus  denselben  Handschriften.  Nämlich  beyde  sind  (auch  der  der
Republik)  aus  dem  Schottenkloster  von  Bobbio,  welches  im  16.  Jahrhundert  einen
Theil  seiner  Handschriften  nach  Rom  verkauft  hat,  und  im  17.  einen  andern  nach
Mailand  —  ein  Theil  soll  geblieben  und  in  der  Revolution  zerstreut  worden  seyn!  —
Der  Interpres  Ciceronis  geht  über  fünf  andre  Reden,  und  giebt  Supplemente  zu  den
sieben  der  ersten  Ausgabe.  Vom  Fronto  sind,  nach  der  vorläufigen  Anzeige,  noch
drey  Briefbücher  an  M.  Antoninus  da  und  Supplemente  zum  zweyten;  ferner  mehrere
theils  lateinische,  tbeils  griechische  Schriften:  vom  Syınmachus  ein  Stück  einer  neunten
  Rede,  und  Zusäze  zu  ınehreren  andern.

Wie  viel  ich  nun  auch  darum  geben  würde,  wenn  ich  der  wäre,  der  diesen
Fund  gethan  hätte,  so  bin  ich  doch  wenigstens  voll  der  lebhaftesten  Freude,  obgleich
  die  Ausgabe  wahrscheinlich  schlecht  werden  wird,  dals  das  Werk  Ciceros  in
meinen  Tagen  gefunden  ist.  Es  kann  unglücklicherweise  meistens  Speculation  seyn,
und  die  Ausdrücke  des  Finders  in  der  Anzeige  an  den  Pabst,  dafs  die  Moral  und
Philosophie  sehr  viel  dadurch  gewönnen,  möchten  es  wohl  befürchten  lassen,  da
er  aber  auch  der  Jurisprudenz  und  den  Antiquitäten  Glück  wünscht  —  und  wenn
er  es  auch  nicht  thäte  —  so  wollten  wir  doch  hoffen,  dals  factischer  Gewinn  daraus,
und  sogar  in  Fülle,  zu  ziehen  seyn  wird.

Die  »Sibyllinischen  Bücher«  scheinen  ganz  elendes  Zeug  zu  seyn:  doch  als
altchristlich  aus  Gallienus  Zeit  verdienen  sie  wohl  nicht  ganz  übersehen  zu  werden.

Niebuhr.