422  201.  A.v.  Hunsornt’s  Rede  z.  Eröffnung  der  Naturforscher  -  Versammlung  (1828).

Beschwerden  von  Land-  und  Seereisen  abgehalten  wurden,  aus  Schweden,  N\orwegen,
  Dänemark,  Holland,  England  und  Polen  unsern  Vereine  zuzueilen,  andern
Fremden  für  kommende  Jalıre  die  Bahn  bezeichnen.  damit  wechselsweise  jeder  Theil
des  deutschen  Vaterlandes  den  belebenden  Einflufs  wissenschaftlicher  Mittheilung
aus  den  verschiedensten  Ländern  von  Europa  genielse.

Wenn  ich  aber  im  Angesicht  dieser  Versaminlung  den  Ausdruck  meiner  persönlichen
  Gefühle  zurückhalten  mufs,  so  sei  es  mir  wenigstens  gestattet.  die  Parriarchen
  vaterländischen  Rulnnes  zu  nennen,  welche  die  Sorge  für  ihr  der  Nation
theueres  Leben  von  uns  entfernt  hält:  Goethe,  den  die  grolsen  Schöpfungen  dichterischer
  Phantasie  nicht  abgehalten  haben,  den  Forscherblick  in  alle  Tiefen  des
Naturlebens  zu  tauchen,  und  der  jetzt  in  ländlicher  Abgeschiedenheit  um  seinen
fürstlichen  Freund,  wie  Deutschland  um  eine  seiner  herrlichsten  Zierden,  trauert:
OÖlbers,  der  zwei  Weltkörper  da  entdeckt  hat,  wo  er  sie  zu  suchen  gelelırt:  den
gröfsten  Anatoıen  unsers  Zeitalters,  Sömmering,  der  mit  gleichem  Eifer  die  Wunder
des  organischen  Baues,  wie  der  Sonnenfackeln  und  Sonnentlecke  (Verdichtungen  und
Öffnungen  im  wallenden  Lichtimeere)  durchspäht;  Blumenbach,  auch  meinen  Lehrer.  der
durch  seine  Werke  und  das  belebende  Wort  überall  die  Liebe  zur  vergleichenden
Anatomie,  Physiologie  und  gesammten  Naturkunde  angefacht  und,  wie  ein  heiliges  Feuer.
länger  als  ein  halbes  Jahrhundert  sorgsam  geptlegt  hat.  Konnte  ich  der  Versuchung
widerstehen,  da  die  Gegenwart  solcher  Männer  uns  nicht  vergönnt  ist,  wenigstens
durch  Namen,  welche  die  Nachwelt  wiedersagen  wird,  meine  Rede  zu  schmücken?

Diese  Betrachtungen  über  den  geistigen  Reichthum  des  Vaterlandes,  und  die
davon  abhängige  fortschreitende  Entwickelung  unseres  Instituts,  leiten  unwillkürlich
auf  die  Hindernisse.  die  ein  gröfserer  Umfang  (die  anwachsende  Zalıl  der  Mitarbeiter)
der  Ausführung  eines  ernsten  wissenschaftlichen  Unternehmens  scheinbar  entzegenstellen.
  Der  Hauptzweck  des  Vereins  (Sie  haben  es  selbst  an  Ihrem  Stiftungstaxe
ausgesprochen)  besteht  nicht,  wie  in  andern  Akademien,  die  eine  geschlossene
Einheit  bilden,  in  gegenseitiger  Mittheilung  von  Abhandlungen,  in  zahlreichen  Vorlesungen,
  die  alle  zum  Drucke  bestimmt,  nach  mehr  als  Jahresfrist  in  eigenen
Sammlungen  erscheinen.  Der  Hauptzweck  dieser  Gesellschaft  ist  die  persönliche
Annäherung  derer,  welche  dasselbe  Feld  der  Wissenschaften  bearbeiten;  die  mündliche
  und  darum  mehr  anregende  Auswechselung  von  Ideen,  sie  mögen  sich  als
Thatsachen,  Meinungen  oder  Zweifel  darstellen;  die  Gründung  freundschafßtlicher
Verhältnisse,  welche  den  Wissenschaften  Licht,  dein  Leben  heitere  Anmutl.  den
Sitten  Duldsamkeit  und  Milde  gewähren.

Bei  einem  Stamme,  der  sich  zur  schönsten  geistixen  Individualität  erhoben
hatte,  und  dessen  spätesten  Nachkommen,  wie  aus  dem  Schiffbruche  der  Völker
gerettet.  wir  noch  heute  unsere  bangen  Wünsche  weihen.  in  der  Blütezeit  des
hellenischen  Alterthums,  offenbarte  sich  aın  kräftiesten  der  Unterschied  zwischen
Wort  und  Schrift.  Nicht  die  Schwierigkeit  des  Ideenverkehrs  allein,  nicht  die
Entbehrung  einer  deutschen  Kunst,  die  den  Gedanken  wie  auf  Flügeln  durch  den
Raum  verbreitet  und  ihm  lange  Dauer  verheilst,  geboten  damals  den  Freunden  der
Philosophie  und  Naturkunde.  Hellas  oder  die  dorischen  und  ionischen  Colenien  in
Grofsgriechenland  und  Kleinasien  auf  langen  Reisen  zu  durchwandern.  Das  alte
Geschlecht  kannte  den  Werth  des  lebendigen  Wortes,  den  begeisternden  Einfluis.
welchen  durch  ihre  Nähe  hohe  Meisterschaft  ausübt,  und  die  aufhellende  Macht
des  Gesprächs.  wenn  es  unvorbereitet.  frei  und  schonend  zugleich,  das  Gewebe
wissenschaftlicher  Meinungen  und  Zweifel  durchläuft.  Entschleierung  der  Wahrheit
ist  ohne  Divergenz  der  Meinungen  nicht  denkbar,  weil  die  Wahrheit  nicht  in  ihrem
ganzen  Umfange  auf  einmal  und  von  allen  zugleich  erkannt  wird.  Jeder  Schritt.
der  den  Naturforscher  seinen  Ziele  zu  nähern  scheint,  führt  ihn  an  den  Eingang
neuer  Labvrinthe.  Die  Masse  der  Zweifel  wird  nicht  gemindert,  sie  verbreitet  sich  nur,