201.  A.v.  Heunoror's  Rede  z.  Eröffnung  der  Naturforscher-  Versammlung  (1828).  423

wie  ein  beweglicher  Nebelduft,  über  andere  und  andere  Gebiete.  Wer  golden  die  Zeit
nennt,  wo  Verschiedenheit  der  Ansichten  oder,  wie  man  sich  wol  auszudrücken  pflegt,
der  Zwist  der  Gelehrten  geschlichtet  sein  wird,  hat  von  den  Bedürfnissen  der  Wissenschaft,
  von  ihrem  rastlosen  Fortschreiten  ebenso  wenig  einen  klaren  Begriff,  als  der
jenige.  welcher  in  träger  Selbstzufriedenheit  sich  rühmt,  in  der  Geognosie,  Chemie
oder  Physiologie  seit  ınehrern  Jahrzehnten  dieselben  Meinungen  zu  vertheidigen.

Die  Gründer  dieser  Gesellschaft  haben.  in  walrem  und  tiefem  Gefühle  der
Einheit  der  Natur,  alle  Zweige  des  plıysikalischen  Wissens  (des  beschreibenden,
messenden  und  experimentirenden)  innigst  ıiniteinander  vereinigt.  Die  Benennungen
Naturforscher  und  Ärzte  sind  daher  hier  fast  synonym.  Durch  irdische  Bande  an
den  Typus  niederer  Gebilde  gekettet,  vollendet  der  Mensch  die  Reihe  höherer
Organisationen.  In  seinem  physiologischen  und  pathologischen  Zustande  bietet  er
kaum  eine  eigene  Klasse  von  Erscheinungen  dar.  Was  sich  auf  diesen  hohen  Zweck
des  ärztlichen  Studiums  bezieht,  und  sich  zu  allgemeinen  naturwissenschaftlichen
Ansichten  erhebt,  gehört  vorzugsweise  für  diesen  Verein.  So  wichtig  es  ist,  nicht
das  Band  zu  lösen,  welches  die  gleichmäßsige  Erforschung  der  organischen  und  unorganischen
  Natur  umfalst,  so  werden  dennoch  der  zunehmende  Umfang  und  die
allmähliche  Entwickelung  dieses  Instituts  die  Notliwendigkeit  fühlen  lassen,  aufser
den  gemeinschaftlichen  öffentlichen  Versammlungen,  denen  diese  Halle  bestimmt  ist,
auch  sectionsweise  ausführlichere  Vorträge  über  einzelne  Disciplinen  zu  halten.  Nur
in  solehen  engern  Kreisen,  nur  unter  Männern,  welche  Gleichheit  der  Studien  zueinander
  hinzieht,  sind  mündliche  Discussionen  möglich.  Ohne  diese  Art  der  Erörterung,
  olime  Ansicht  der  gesammelten,  oft  schwer  zu  bestimmenden  und  darum
streitigen  Naturkörper,  würde  der  freimüthige  Verkelir  wahrheitsuchender  Männer
eines  belebenden  Prineips  beraubt  sein.

Unter  den  Anstalten,  welche  in  dieser  Stadt  zur  Aufnaliime  der  Gesellschaft
getroffen  worden  sind,  hat  man  vorzüglich  auf  die  Möglichkeit  einer  solelien  Absonderung
  in  Sectionen  Rücksicht  genommen.  Die  Hoffnung,  dals  diese  Vorkelhrungen
  sich  Ihres  Beifalls  erfreuen  werden,  legt  mir  die  Pflicht  auf,  hier  in  Erinnerung
  zu  bringen,  dafs,  obgleich  Ihr  Vertrauen  zweien  Reisenden  zugleich  die
Geschäftsführung  übertragen  hat.  doch  nur  einem  allein,  meinem  edeln  Freunde
Hrn.  Lichtenstein,  das  Verdienst  sorgsamer  Vorsicht  und  rastloser  Thätigkeit  zukommt.
  Den  wissenschaftlichen  Geist  achtend,  der  die  Gesellschaft  deutscher  Naturforscher
  und  Ärzte  beseelt,  und  die  Nützlichkeit  ihres  Bestrebens  anerkennend,
ist  das  königliche  Ministerium  des  Unterrichts  seit  vielen  Monaten  jedem  unserer
Wünsche  mit  der  aufopferndsten  Bereitwilligkeit  zuvorgekommen.

In  der  Nähe  der  Versammlingsorte,  welche  auf  diese  Weise  für  Ihre  allgeineinen
  und  besondern  Arbeiten  vorbereitet  worden,  erheben  sich  die  Museen,
welche  der  Zergliederungskunst,  der  Zoologie,  der  Oryktognosie  und  der  Gebirgskunde
  gewidinet  sind.  Sie  liefern  dem  Naturforscher  einen  reichen  Stoff  der  Beohachtung
  -und  vielfache  Gegenstände  kritischer  Discussionen.  Der  gröfsere  Tlieil
dieser  wohlgeordneten  Sammlungen  zählt,  wie  die  Universität  zu  Berlin,  noch  nicht
zwei  Decennien;  die  ältesten,  zu  welchen  der  botanische  Garten  (einer  der  reichsten
in  Europa)  gehört,  sind  in  dieser  Periode  nicht  blos  verinehrt.  sondern  gänzlich
umgeschaffen  worden.  Der  frohe  und  lehrreiche  Genuls,  den  solche  Institute  gewähren,
  erinnert  mit  tiefem  Dankgefühl,  dafs  sie  das  Werk  des  erhabenen  Monarchen
  sind,  der  geräuschlos,  in  einfacher  Gröfse,  jedes  Jahr  diese  Königsstadt
mit  neuen  Schätzen  der  Natur  und  der  Kunst  ausschmmückt,  und  was  einen  noch
höhern  Werth  hat  als  diese  Schätze  selbst,  was  dem  preussischen  Volke  jugendliche
  Kraft  und  inneres  Leben  und  gemüthvolle  Anhänglichkeit  an  das  alte  Herrscherhaus
  gibt,  der  sich  huldreich  jedem  Talente  zuneigt  und  freier  Ausbildung  des
Geistes  seinen  königlichen  Schutz  verleiht.