211.  TRrenDeLensure,  Die  Akademie  unter  Frieprıch  WırneLn  IV.  483

Wir  versuchen  nur  einzelne  Züge  einer  Skizze  und  hoffen  auf  Nachsicht  und
Geduld.  Wenn  während  der  20  Jahre,  welche  wir  im  Sinne  haben,  in  der  Akadeinie
  etwa  80  Männer  thätig  waren:  so  ist  ein  vollständiges  Bild  in  dem  engen
Rahmen  eines  Vortrags  unmöglich.  Wo  wir  an  Männern  oder  Arbeiten  stumın
vorbeieilen,  die  wir  erwähnen  sollten:  ınufs  uns  der  leitende  Gesichtspunkt  sammt
der  knapp  gemessenen  Zeit  entschuldigen.

Wir  werfen  zunächst  einen  Blick  auf  das  Feld,  das  vor  uns  liegt.

Der  Akademie  gehört  die  Wissenschaft  als  solche,  zunächst  nicht  der  Unterricht,
  nicht  die  Anwendung,  sondern  die  Forschung  und  Untersuchung.  Sie  hat
ihren  Beruf  in  dieser  stillen  und  ernsten,  sich  täglich  weiter  ausdelinenden  Arbeit.
Dem  eindringenden  betrachtenden  Gedanken  ist  nichts  Kleines  zu  klein,  nichts
Grofses  zu  grols.  Im  Zufälligsten  sucht  er  das  Nothwendige  und  selbst  im  Scheine
die  Wahrheit.

Bei  einer  solchen  Weite  der  Aufgabe  ist  es  schwer,  von  Einem  Ende  der
Wissenschaft  zum  andern  Grenzinarken  zu  stecken.  Wenn  wir  uns  indessen
mitten  in  das  grolse  Feld  hineinstellen  und  auf  das  Charakteristische  der  einzelnen
Wissenschaften  sehen:  so  liegen  die  Wissenschaften  der  abstracten  Speculation,  wie
die  reine  Mathematik  eine  solche  ist,  am  weitesten  nach  der  einen  Seite  hin.  Denn
nichts  voraussetzend  als  constructive  Bewegung  und  Figur  und  Zahl  webt  die  Mathematik
  aus  den  einfachsten  Elementen,  die  es  giebt,  ınit  dem  Bande  strenger  Nothwendigkeit
  das  unauflösliche  Grundgewebe  menschlicher  Erkenntnifs,  und  befestigt
mit  den  feinen  aber  starken  Fäden,  die  sie  spinnt,  alles,  was  sie  aus  andern  Gebieten
  fassen  kann.  Nach  der  andern  Seite  hingegen  liegt  die  persönliche  Geschichte
  am  weitesten  entfernt.  Dem  Abstracten  und  Abstrusen  entgegengesetzt  bewegen
  sich  ihre  lebendigen  Gestalten  auf  dem  Grunde  der  ganzen  Natur.  Zwischen
der  Mathematik  und  Geschichte  liegt  daher  eine  reiche  Mannigfaltigkeit  von  Wissenschaften
  mitten  inne,  die  sich  in  einer  natürlichen  Ordnung  darstellen,  je  nachdem
in  ihnen  die  Principien,  die  in  der  Matheınatik  am  einfachsten  sind,  verschlungener
und  verschlungener  werden.

Wir  durchlaufen  nun  diese  Reihe  der  Wissenschaften,  um  aus  ihnen  einige
Punkte  hervorzuheben,  zu  welchen  die  Arbeiten  der  Akademie  eine  besondere  Beziehung
  haben.

Die  reine  Mathematik,  mit  der  wir  beginnen,  ist  eine  Welt  für  sich,  durch
zweitausendjährige  Arbeit,  in  welcher  Ein  Schlufs  den  andern,  Eine  Construction
die  andere  in  immer  grölsere  Tiefen,  in  immer  verwachsenere  Consequenzen  treibt,
zu  eineın  unermefslichen  Umfang  ausgedehnt.  Nur  der  tief  und  ganz  Eingeweihte
hat  den  Schlüssel  für  ihren  Eingang.  Sie  ist  bewundert  wegen  der  Schwierigkeiten,
welche  sie  überwindet,  und  beglaubigt  durch  die  Fruchtbarkeit  ihrer  Anwendung
in  allen  Gebieten  der  Wissenschaft  und  des  Lebens,

Als  iin  Jahre  1840  König  Friedrich  Wilhelm  der  Vierte  die  Regierung
antrat,  waren  für  ihr  Gebiet  neben  ältern  Vertretern,  wie  Grüson  und  Dirksen,
und  neben  Crelle,  dem  verdienten  Gründer  des  Journals  für  reine  und  angewandte
Mathematik,  schon  Männer,  wie  Dirichlet  und  Steiner,  in  vollem  Zuge  ihres
Schaffens  und  Wirkens.  Dirichlet  hatte  früh  in  der  höllern  Arithmetik,  namentlich
in  der  Zahlentheorie,  die  er  auf  den  deutschen  Universitäten  zuerst  als  Vorlesung
einführte,  sowie  in  der  mathematischen  Physik  und  Mechanik  seine  Aufgabe  gefunden,
während  Herr  Steiner,  den  alten  Geometern  verwandt,  statt  der  neuern  Rechnungen
vorzugsweise  die  synthetische  Methode  der  selbstthätigen,  selbstbewulsten  construirenden
  Anschauung  in  neue  Bahnen  führte.  Die  Akadeınie  verdankte  dein  Könige  den
Zuwachs  an  einer  Kraft  erster  Ordnung.  Jacobi,  der  Finder  und  Erfinder  in  der
Theorie  der  elliptischen  Functionen,  war  in  Königsberg  gefährlich  erkrankt.  Der
König  erhielt  ihn  seinen  grofsen  wissenschaftlichen  Arbeiten  längere  Zeit,  indem  er

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