21l.  TRrENDELENnBURG,  Die  Akademie  unter  Frieoriıcn  Wirnuers  1V.  49]

Wahl  A.  von  Humboldt  zum  letzten  Male  in  ihrer  Mitte  erschien,  und  dafs  das
letzte  Wort,  das  sie  aus  seineın  Munde  vernahm,  belebend,  anerkennend,  und  warın,
wie  immer,  Herrn  Reichert  galt.

So  wurde  in  der  Akademie  während  der  beiden  letzten  Jahrzehnde  die  Biologie
  mannigfaltig  angebauet.

Strabo  nennt,  seine  Geographika  beginnend,  die  Geographie,  indem  er  ihren
universellen  Zusammenhang  mit  Astronomie  und  Naturgeschichte,  mit  Ethik  und
Politik  andeutet,  eine  philosophische  Wissenschaft.  Wirklich  liegt  in  der  Geographie
  der  grofse  Knotenpunkt  von  Naturkunde  und  Geschichte  Karl  Ritter  erhob
  die  Geographie,  indein  er  in  ihr  die  Anschauung  dieser  Wechselwirkung  durchführte,
  aus  einem  zusammengetragenen  Haufen  von  Kenntnissen  zur  Wissenschaft,
und  war  in  jenem  alten  Sinne  Strabo’s  ein  philosophischer  Geograph.  Die  Akademie
  sah  ihn  während  37  Jahren  an  der  Erneuerung  und  Vertiefung  der  geographischen
  Anschauung  arbeiten,  und  neben  seinem  grofsen  Werke  sprechen  gerade
einige  seiner  akademischen  Abhandlungen  den  Geist  seiner  geograpliischen  Betrachtungsweise
  bezeichnend  aus.  In  allen  Culturländern  der  Erde  als  der  Geograph
  des  Jahrhunderts  anerkannt,  vereinigte  er  in  seiner  Hand  Nachrichten  aus
allen  Gegenden,  durch  deren  Mittheilung  er  das  wissenschaftliche  Leben  in  der
Akademie  erhöhte.  Die  persönliche  Huld  des  Königs  rechnete  er  unter  die  theuersten
  Güter  seines  Lebens!.  Auch  durch  Karl  Ritter  waren  dem  in  seine  Anschauungen
  gern  eingehenden  König  die  Arbeiten  der  Wissenschaft  bekannt  und  lagen  ihm
am  Herzen.  Als  der  König  z.B.  durch  Karl  Ritter  im  Jahre  1845  erfuhr,  dafs
die  englischen  Physiker  wünschten,  es  ınöge  auf  der  Cambridger  Versammlung  für
Meteorologie  der  deutsche  Vertreter  derselben  nicht  fehlen,  sorgte  er  dafür  aus
eigenster  Bewegung.  Das  Bild  von  Ritter’s  harınonisch  gestimmter  Persönlichkeit
lebt  in  uns  fort,  und  die  Akademie  wird  die  Tage  nicht  vergessen,  da  die  drei
Männer,  A.  von  Humboldt,  Leop.  von  Buch  und  Karl  Ritter  in  ihr  eng  verbunden
waren.  Im  Jahre  1853  begann  Ritter  einen  Antrag  mit  den  Worten:  »Es  fehlt
unserer  Akademie  ein  D’Anville,  durch  welchen  im  vorigen  Jahrhundert,  wie  durch
seine  Nachfolger  Buache,  Gosselin  un.  a.  so  viele  neue  Entdeckungen  und  Eroberungen
  auf  dem  Gebiete  der  verschiedensten  Zweige  der  Wissenschaften  theils  gemacht,
  theils  verbreitet  worden«,  und  wies  mit  diesen  Worten  die  Akadenıie  an
Herrn  Kiepert,  der  seit  der  Zeit  unter  uns  wirkt.

Die  neuere  Linguistik,  die  vergleichende  Sprachforschung  tritt  mit  den  Naturwissenschaften
  in  Verwandtschaft.  Weniger  dem  Inhalt  der  Litteratur  zugewandt,
untersucht  sie  vornehmlich  die  Sprache  als  ein  natürliches  Erzeugnifs  der  Völker,
um  sich  im  Laut  ein  Zeichen  ihrer  Vorstellungen  zu  schaffen,  und  forscht  an  der
Hand  der  Lautübergänge  den  Übergängen  und  der  Abkunft  der  Völker  nach.  Wilhelm
  von  Humboldt’s  grofse  Arbeiten  auf  diesein  weiten  Felde  traten  einst  in
dieser  Akademie  ans  Licht.  Herr  Bopp  that  früh  den  sichern  Griff,  an  den  allen
denkenden  Völkern  identischen  Formen  des  Geistes,  die  sich  an  den  Beziehungen
des  Verbums  in  dem  Conjugationssysten,  an  den  Zahlwörtern  und  Pronominen
darstellen,  den  identischen  oder  differenten  Ursprung  der  Sprachen  zu  erkennen.
Von  diesen  Punkten  aus  die  Untersuchung  über  die  Fülle  der  Sprachen  ausdehnend,
  erwarb  er  festen  Schrittes  deın  indogermanischen  Sprachstamm  Ein  Glied
nach  dem  andern,  indem  er  vom  Sanskrit  aus  bald  den  Zug  der  Sprachen  nach
Europa,  bald  bis  in  Polynesien  hinein  nachwies.  Über  die  dunkle  Urgeschichte
verbreitete  sich  von  hier  aus  ein  kaum  geahndetes  Licht.  Indem  der  König  Herrn
Georg  Rosen's  Reise  in  den  Caucasus  förderte,  fürderte  er  auch  diese  Studien.
Denn  es  fehlten  in  der  Kette  noch  einige  wichtige  Glieder.  Herrn  Bopp’'s  Unter-!

  Kramer  in  der  Zeitschrift  für  Erdkunde.  1859.  VII.  S.  222.