21l.  Trenperenguns,  Die  Akademie  unter  Friepricn  WırneLm  IV.  497

Zu  der  Geschichte,  welche  die  Völker  in  ihrer  Bewegung  auffafst,  gesellte
sich  die  Statistik,  welche  ihre  Zustände  beobachtet,  soweit  sie  sich  in  Zahlen  ausdrücken.


Hoffmann’s  Blüte  und  Kraft  (er  starb  im  Jahre  1847)  fällt  unter  König
Friedrich  Wilhelm  den  Dritten,  unter  welchem  er  das  statistische  Bureau,  lange
als  Muster  angesehen,  gründete  und  auf  dem  Länder  tauschenden  Wiener  Congrels
Preufsens  V'ortheilen  treu  diente.  Noch  seine  letzten  Abhandlungen  gaben  den  sittlichen
  Sinn  kund,  in  welchem  er  die  statistischen  Zahlen  anschauete  und  auf  volkswirthschaftliche
  und  staatswissenschaftliche  Fragen  anwandte.  Dieterici  folgte
ihm;  aber  die  Akademie  verlor  den  ihr  treu  zugethanen  Genossen  schon  im  Jalıre
1859.  Ihm  hatte  sich  auf  seinem  Lebensgange,  auf  welchem  er  in  Blücher’s  Nähe
Schlachten  mitgefochten  und  dann  die  Stufen  der  Verwaltung  durchlaufen  hatte,  der
Blick  für  die  Verhältnisse  des  Lebens  aufgethan.  Seiner  eigenen  humanen  Natur  und
den  Impulsen  von  Herbart,  Kraus  und  Hoffmann  getreu,  suchte  er  in  den  statistischen
  Zahlen,  wo  irgend  möglich,  Arbeit  und  Bildung  als  die  sittlichen  Mächte  der
menschlichen  Gesellschaft  auf.  Die  reichen  Zusammenstellungen  aus  der  preufsischen
Statistik,  die  er  leitete  und  herausgab,  bildeten  auch  für  seine  akademischen  Abhandlungen
  eine  Unterlage.  |

Von  der  reinen  Mathematik  bis  zur  Statistik  in  der  bunten  Mischung  des
Menschenlebens  gingen  einzelne  Wissenschaften  an  unserm  Auge  vorüber,  einzelne
neben  einzelnen,  einzelne  nach  einander.  Inden  jedoch  die  eine  die  andere  nach
sich  zog  oder  die  eine  auf  die  andere  sich  stützte,  verbanden  sie  sich  äulserlich  wie
zu  einer  Kette.  Diese  äufsere  Verbindung  ist  nur  das  Anzeichen  einer  tiefern  innern.

In  der  Theilung  der  Arbeit,  welche  sich  für  die  Wissenschaft  in  einer  Akademie
  leibhaftig  darstellt,  wächst  der  Stoff  der  Erkenntnisse,  vollendet  sich  die
vielseitige  und  genaue  Betrachtung  des  Einzelnen,  die  sichere  Begründung,  die  feine
Erfindung  in  den  Theilen,  die  schöne  Gestaltung  zu  kleinern  Ganzen.

Aber  jede  einzelne  Wissenschaft  trägt  ein  Verlangen  in  sich,  das  sie  selbst
nicht  befriedigt,  ein  Verlangen,  das  wir  von  Altersher  als  ein  Verlangen  nach  Selbsterkenntnils
  der  Wissenschaften  beschrieben  finden,  als  ein  Verlangen  der  Theile  nach
deın  Ganzen,  der  zerstreueten  Vielheit  zur  tragenden  Einheit,  der  Principien  zuın
letzten  Grunde.

So  entstand  früh  eine  Betrachtung,  welche  auf  die  Ordnung  des  Ganzen,  auf
die  Kritik  der  Methode,  auf  die  Grenzbestimmung  des  menschlichen  Erkennens,
auf  die  Harmonie  einer  letzten  Weltanschauung  gerichtet  war  —  die  Philosopliie,
die  wir  mit  einem  Bilde  des  Aristoteles  als  diejenige  Wissenschaft  bezeichnen  können,
  welche  in  der  Theilung  der  Arbeit  den  Blick  des  Werkmeisters  wahrt,  den
Blick  für  das  Ganze  in  den  Theilen,  als  die  architektonische  Wissenschaft.

Ihre  Aufgabe  ist  leicht  gestellt,  aber  die  Schwierigkeit  ihrer  Ausführung  wächst
ınit  den  wachsenden  einzelnen  Wissenschaften.  Wer  mit  aristotelischen  Gedanken,
welche  kein  über  den  Dingen  schwebendes  und  schweifendes  Allgemeines,  sondern
ein  durch  sie  durchgehendes,  in  ihnen  befestigtes  anstreben,  an  die  architektonische
Arbeit  der  Philosophie  denkt,  der  sieht  z.  B.  in  der  heute  flüchtig  durchlaufenen
Reihe,  in  dem  weiten  Umfang,  der  sich  bei  jedem  einzelnen  Blicke  auftlıat,  die
steigende  Schwierigkeit,  die  sich  da  erhebt.  wo,  wie  in  der  Philosophie,  die  getheilte
  Arbeit  aufhören  und  eigentlich  Ein  Kopf  alles  leisten  soll.  Überdies  ist  es
in  einer  Zeit,  die  in  der  Philosophie  zunächst  auf  Kritik  hingewiesen  ist,  unvermeidlich,
  dafs  sich  die  erzeugende  Kraft  gehemmt  fühlt.  Die  Vermessenheit,  die
in  den  philosophischen  Bestrebungen  herrschte,  fordert  Selbstbesinnung.  Es  macht
bedenklich  und  zögernd,  wenn  man  in  der  Geschichte  mancher  deutscher  Systeme
den  Anblick  vor  sich  hat,  wie  kühne  Segler  sich  zuletzt  wie  Schwimmer  aus  dem
Schiffbruch  retten.

Geschichte  der  Akademie.  II.  32