498  21l.  TRreNnDELEnBURG,  Die  Akademie  unter  Frieprica  Wırneıy  IV,

Allein  die  Aufgabe  bleibt,  —  und  wenn  auch  nur  die  Jahrhunderte  ihre  architektonischen
  Geister,  einen  Aristoteles,  einen  Leibniz,  einen  Kant,  erzeugen.

Ohne  Zweifel  fühlte  König  Friedrich  Wilhelm  der  Vierte  die  bleibende  Bedeutung

  philosophischer  Fragen,  welche  weder  durch  Einpirie  noch  durch  Ortlhodoxie,
  diese  zwieträchtigen  und  doch  wider  die  Philosophie  einmüthig  verbündeten
Bestrebungen,  einen  Ersatz  hat,  als  er  Schelling  nach  Berlin  berief.  Wahrscheinlich
  fühlte  sich  der  König  selbst  durch  ihn  angezogen,  durch  Schelling’s  ideale  Anschauung
  der  Kunst,  durch  die  ans  Positive  anklingende  Betrachtung  des  Christlichen,
  durch  die  klare  Schönheit  seiner  Sprache,  vielleicht  auch  durch  die  klassische
Vornehmheit  seines  persönlichen  Wesens.  In  der  Akademie  fand  Schelling  seine
bereitete  Stelle,  da  er  seit  1832  ihr  auswärtiges  Mitglied  war.
In  früherer  Zeit  hatten  in  der  Akademie  die  Vertreter  der  einzelnen  Wissenschaften
  an  der  Philosophie  regern  Antheil,  z.  B.  Lambert  und  Euler,  Wilhelm
von  Humboldt  und  Link.  Die  Akademie  hatte  zwar  weder  Fichte  noch  Heel  in
ihre  Mitte  gerufen;  aber  sie  besals  damals  Schleiermacher,  dessen  philosophische
Arbeiten  noch  heute  an  Anziehungskraft  zunehinen,  und  hatte  ungern  Herrn  Heinrich
  Ritter  scheiden  selıen,  den  umfassendsten  Geschichtschreiber  der  Philosophie
in  unserm  Jahrhundert.  Schelling  fand  in  der  Akademie  zwei  befreundete  Männer
vor,  die  für  Philosophie  oder  der  Philosophie  verwandte  Richtungen  thätig  waren.
Steffens  und  Neander.

Steffens,  ein  Mann  von  reichen  poetischen  Lebensanschauungen,  hatte  in
der  Akademie  iin  Zusainmenhang  mit  seinen  Richtungen  auf  speculative  Naturphilosophie
  und  symbolisirende  christliche  Auffassung  über  Giordano  Bruno  und  Pascal
  gehandelt.

Aug.  Neander  könnte  als  der  gelehrte,  forschende,  darstellende  Kirchenhistoriker
  den  Männern  zugezählt  werden,  welche  die  Geschichte  vertreten,  und
wirklich  schlugen  einige  seiner  Arbeiten  nach  dieser  Seite  hin,  aber  als  ein  contemplativer
  Theolog  platonischen  Anschauungen  folgend.  hatte  er  in  den  meisten  Abhandlungen
  eine  grölsere  Verwandtschaft  mit  der  Philosophie  und  bewegte  sich
gern  in  solchen  Gegenständen,  in  welchen  sich  die  Geschichte  der  Philosophie  mit
der  Theologie  berührt,  und  er  verfehlte  des  tiefern  Eindrucks  nicht.

Schelling’s  akademische  Abhandlungen,  im  Problem  spannend,  aber  immner
vor  der  Lösung  abbrechend,  meistens  von  Aristoteles  ausgehend,  aber  zu  Unaristotelischem
  hinstrebend,  liegen  jetzt  in  dem  herausgegebenen  Nachlafs  in  einem  gröfsern
Zusammenhang  vor,  in  welchem  sie  sich  ergänzen  mögen.  In  der  Akademie  wurde
Schelling’s  hervorragende  Bedeutung  für  die  Geschichte  der  neuern  deutschen  Philosophie
  in  der  Gedächtnifsrede  dargestellt,  welche,  von  Herrn  Brandis  vertaht
am  Leibniztage  des  Jahres  1855  gelesen  wurde.  An  demselben  Tage  verknüpfte
Herr  Boeckh,  in  dem  die  Philosophie  bald  bei  den  Preisfragen,  bald  in  den  Einleitungsreden
  der  öffentlichen  Sitzungen  einen  gewichtigen  Vertreter  und  Förderer
hatte,  in  seinem  Vortrag  über  Schelling’s  Verhältnifs  zu  Leibniz  das  Andenken  beider
Pliilosophen.

Der  universelle  Leibniz.  der  Stifter  der  Akademie,  hat  in  ihr  durch  die  anderthalb
  Jahrhunderte  hindurch  auch  für  die  Philosophie  gewirkt.  An  seinem  Ehrentaxe
  wurde  auch  sein  philosophisches  Andenken  von  verschiedenen  Seiten  ernenert.

Wir  übergehen  die  fremden  Arbeiten,  welche  die  Akademie  unterstützte.  und
gedenken  nur  mit  Vorliebe  der  wichtigen  Herausgabe  von  Leibnizens  mathematischen
Werken  durch  Professor  Gerhardt  in  Eisleben.  Wir  übergehen,  darin  fast  undankbar.
  die  verdienstvollen  Mittheilungen  und  Einsendungen  von  Gelehrten  aufserbalb
der  Akademie.  Wir  übergehen  die  Preisfragen.  Wir  übergehen  die  Verbindungen
der  Akademie  mit  andern  Akademien  oder  gelehrten  Gesellschaften,  welche.  stetig  im
Wachsen  begriffen.  ein  äufseres  Bild  der  weltverbindenden  Wissenschaft  geben  würden.