508  213.  O.Jaun’s  Denkschrift  (Corpus  Inscriptionum  Latinarumn)  1845.

vollständige  Benutzung  der  epigraphischen  Litteratur  in  jedem  einzelnen  Fall  wichtig
und  nothwendig  ist,  ist  der  der  Kritik.

Es  sind  verhältnifsmälsig  nur  wenige  Inschriften  von  den  Herausgebern  unmittelbar
  nach  dem  Original  abgeschrieben,  die  meisten  haben  sie  nach  Abschriften
abdrucken  lassen,  welche  ihnen  von  Andern  mitgetheilt  worden  sind.  Es  ist  aber
keineswegs  ein  leichtes  Geschäft,  Inschriften  zu  copiren;  es  gehört  treue  Aufmerksaınkeit
  und  Sorgfalt,  ein  durch  Übung  geschärftes  Auge,  Kunde  der  Epigraphik
und  vor  allen  Dingen  strenge  Gewissenhaftigkeit  dazu,  Eigenschaften,  die  nicht  so
gar  häufig  sich  vereinigt  finden.  Daher  denn  auch  nicht  viele  Epigraphiker  den
Ruf  sicherer  Zuverlässigkeit  und  unbedingtes  Vertrauen  genielsen,  wie  z.  B.  Smetins,
Marini  und  Kellermann.  Sehr  viele  Inschriften  sind  daher  aus  Abschriften,  die
durch  Unwissenheit  oder  Leichtfertigkeit  verfälscht  waren,  fehlerhaft  abgedruckt
worden.  Es  ist  also  von  grofser  Wichtigkeit,  wenn  eine  und  dieselbe  Inschrift  sich
an  verschiedenen  Orten  aus  verschiedenen  Quellen  wiederholt  findet,  dafs  diese  verschiedenen
  Ausgaben  stets  ıniteinander  verglichen  werden,  um  die  wahre  Lesart
herzustellen.  Nicht  selten  gelingt  es  durch  ein  solches  Zeugenverhör,  die  Abschrift
eines  völlig  glaubwürdigen  Augenzeugen  zu  ermitteln,  wo  dieses  nicht  erreicht  wird,
ist  man  genöthigt,  die  verschiedenen  Überlieferungen  unter  einander  zu  vergleichen,
um  nach  den  Regeln  der  Kritik  über  die  einzelnen  Lesarten  zu  entscheiden.

Vjel  schlimmer  als  diese  durch  Nachlässigkeit  und  Irrthümer  hervorgebrachten
sind  die  durch  absichtlichen  Betrug  vorgenommenen  Fälschungen  der  Inschriften.
Es  ist  hinlänglich  bekannt,  dafs  solche  Betrügereien  in  der  Epigraphik  im  ausgedehntesten
  Maalse  Statt  gefunden  haben,  aber  wie  weit  alle  unsere  Sammlungen
mit  ganz  untergeschobenen  oder  theilweise  verfälschten  Inschriften  angefüllt  sind,
das  hat  in  seineın  ganzen  Uimfange  leider  noch  nicht  nachgewiesen  werden  können.
Vor  allen  hat  sich  Ligorio  durch  seine  Fälschungen  eine  traurige  Berühmtheit  erworben,
  und  aus  seinen  Papieren,  die  vielfach  von  verschiedenen  Gelehrten  benutzt
worden  sind,  ist  in  fast  alle  epigraphischen  Werke  eine  aufserordentliche  Menge
von  falschen  oder  verdächtigen  Inschriften  übergegangen.  Auch  hier  ist  die  Vergleichung
  der  verschiedenen  Saınmlungen  von  grolsem  Nutzen,  indem  sie  häufig
entweder  mit  Sicherheit  die  Ligorischen  Papiere  als  die  ursprüngliche  Quelle  der
fraglichen  Inschriften  nachweist,  oder  auch  die  Ächtheit  derselben  durch  Zurückführung
  auf  eine  zuverlässige  Autorität  feststellt.  Allein  für  diese  Fragen  ist  das
in  der  epigraphischen  Litteratur  vorliegende  Material  freilich  nicht  aufser  Acht  zu
lassen,  aber  für  die  völlige  Lösung  keinesweges  erschöpfend.

Es  ergiebt  sich  aus  den  vorstehenden  Bemerkungen  das  dringende  Bedürfnifs
einer  Sammlung,  welche  sämmtliche  Römische  Inschriften  in  möglichster  Vollständigkeit,
  kritisch  gesichtet  und  übersichtlich  geordnet,  vereinigt.  Die  Gränzen,  welche
einer  solchen  Sammlung  allerdings  gezogen  werden  müssen,  ergeben  sich  leicht,  wenn
man  die  Beziehung  auf  das  classische  Alterthum  als  den  leitenden  Gesichtspunct
festhält,  indem  daraus  folgt,  dafs  iin  Allgemeinen  die  christlichen  Inschriften  auszuschliefsen
  sind.  In  der  That  bildet  die  zahlreiche  Menge  der  christlichen  Inschriften
  ein  so  eigenthümliches,  in  sich  geschlossenes  Ganze,  dessen  wesentliches
Interesse  von  deın  der  heidnischen  so  scharf  gesondert  ist,  dals  es  als  das  Angemessenste
  erscheint,  diese  in  einer  für  sich  bestehenden  Samnilung  zu  vereinigen.
wie  sie  von  Marini  beabsichtigt  wurde,  dessen  umfassende  Vorarbeiten  in  der  Vaticanischen
  Bibliothek  niedergelegt  und  zum  Theil  von  Mai  veröffentlicht  worden
sind.  Nur  ausnalimsweise  müssen  daher  christliche  Inschriften,  welche  für  geschichtliche
  oder  geographische  Bestimmungen  wichtig  sind  oder  sonst  Aufklärungen  über
das  heidnische  Alterthum  geben,  Aufnahme  finden.  Durch  diese  Beschränkung  wird
der  doppelte  Vortheil  gewonnen.  dafs  die  an  sich  so  mächtige  Masse  des  Stofs  für
eine  solche  Sammlung  bedeutend  zusammenschmilzt,  und  dieser  selbst  einer  be-