512  213.  O.Janx’s  Denkschrift  (Corpus  Inscriptionum  Latinarum)  1845.

Ligorio  ist  bereits  genannt  als  derjenige,  durch  dessen  Betrug  die  Unsicher.
heit  in  der  Epigraphik  zum  gröfsten  Theil  bewirkt  worden  ist,  so  dafs,  wenn  eine
Inschrift  als  von  Ligorio  herrührend  erwiesen  werden  kann,  sie  keine  Glaubwürdigkeit
  mehr  hat.  Dieses  nachzuweisen  ist  aber  häufig  sehr  schwierig,  in  vielen  Fällen
unmöglich.  da  verhältnifsmäfsig  selten  Ligorio  gradezu  als  Quelle  genannt  wird,
sondern  meistens  andere  handschriftliche  Sammlungen.  welche  zum  grofsen  Theil
aus  Ligorio's  Papieren  geflossen  sind,  wie  z.  B.  die  Schedae  Barberinae,  welche
Doni  und  Fabretti  viel  benutzt  haben.  Da  nun,  mit  Ausnahme  von  Maffei  und
Marini,  fast  alle  Epigraphiker  von  Ligorio  stammende  Inschriften  aufgenommen
haben.  so  entsteht  die  peinliche  Unsicherheit,  dafs  man  in  sehr  vielen  Fällen  Fälschung
  argwöhnen  muls,  ohne  sie  nachweisen  zu  können,  wobei  dann  auch  das
Ächte  nicht  von  Verdacht  verschont  bleiben  kann.  Nun  befinden  sich  aber  Ligorio’s
  sämmtliche  Papiere  auf  verschiedenen  Bibliotheken  Italiens;  diese  müssen  also
säinmtlich  genau  untersucht  und  dann  durch  Vergleichung  der  bereits  bekannt  gemachten
  Inschriften  mit  Sicherheit  ermittelt  werden,  was  von  Ligorio  herstammt.
Alle  Inschriften.  welche  allein  durch  Ligorio  bekannt  sind  und  nicht  durch  die
Existenz  der  Originale  oder  das  Zeugnils  zuverlässiger  Augenzeugen  als  ächt  erwiesen
  sind,  müssen  aus  der  Sammlung  ausgeschieden  werden  und  können  allenfalls
in  einen  Anhanır  verwiesen  werden.  Denn  wenn  auch  vielleicht  manches  wirklich
Ächte  auf  diese  Weise  entfernt  wird.  so  ist  doch  durch  Ligorio's  Fälschungen
die  Sache  so  gestellt,  dafs  alles,  was  in  Inschriften,  die  von  ihm  herrühren,  anderweitig
  nicht  Bekanntes  vorkommt,  dem  gröfsten  Verdacht  unterliegt,  —  was  aber
sonst  her  schon  bekannt  war,  hat  eben  deshalb  keinen  Werth.  Wenn  aber  diese
strenge  und  durchgreifende  Ausscheidung  aller  Ligorischen  Inschriften  zu  der  oben
verlangten  ausgedehnten  Autopsie  hinzukoinint.  so  kann  man  mit  Wahrheit  behaupten,
  dafs  für  die  kritische  Sichtung  und  Behandlung  der  Inschriften  eine  solche
Grundlage  gewonnen  ist,  dafs  die  Summe  dessen,  was  noch  zweifelhaft  bleiben
wird,  verhältnifsmälsig  nur  gering  sein  kann.

Wie  umfangreich,  wie  viel  Mühe  und  Arbeit  erfordernd  diese  in  Italien  vorzunehmenden
  Vorarbeiten  sind,  ist  nicht  zu  verkennen,  indessen  sind  sie  doch  nicht
von  der  Art,  dafs  sie  nicht  bei  zweckimäfsiger  Einrichtung  und  Vertheilung  in  einer
nicht  allzulangen  Zeit  vollendet  werden  könnten.  Für  einen  Mann  wäre  diese  Unternehmung
  freilich  zu  weitaussehend,  auch  macht  schon  die  Mannigfaltigkeit  der  Gegenstände,
  auf  welche  die  Inschriften  sich  beziehen,  es  wünschenswerth,  dafs  mehrere
Gelehrte  sich  ergänzend  diese  Saınınlung  bearbeiten,  vor  allen  Dingen  ist  es  wichtig,
dafs  bei  der  so  vielfach  vorwiegenden  Bedeutung  der  Inschriften  für  die  rechtlichen
Verhältnisse  ein  in  der  Epigraphik  bewanderter  Jurist  dabei  betheiligt  sei.  Als
einen  solchen  glaube  ich  Dr.  Th.  Mommsen  bezeichnen  zu  dürfen,  welcher  durch
wissenschaftliche  Leistungen  seine  Kunde  der  Epigraphik  bewährt  hat  und  jetzt  mit
Unterstützung  der  Königlich  Dänischen  Regierung  wie  der  Königlichen  Akademie
der  Wissenschaften  in  Berlin  in  Italien  mit  epigraphischen  Studien  beschäftigt  ist
Er  hat  sich  bereit  erklärt,  im  Verein  mit  dem  Unterzeichneten  seine  Kräfte  dieser
Aufgabe  zu  widmen,  und  wir  glauben  mit  Sicherheit  annehmen  zu  können,  dafs,
wenn  wir  in  den  Stand  gesetzt  werden,  nicht  nur  selbst  ganz  uns  diesem  Unternehmen
  hinzugeben,  sondern  auch  für  manche  einzelne  Arbeiten  Hülfsarbeiter  anzunehmen,
  dann  die  angedeuteten  Vorarbeiten  in  einem  Zeitraum  von  4-5  Jahren
auszuführen  sind.  Es  bedarf  aber  für  den  der  Verhältnisse  Kundigen  kaum  der
Bemerkung,  dafs,  sowie  diese  Vorbereitungen  allein  in  Italien  gemacht  werden
können,  ebenso  die  eigentliche  Ausarbeitung  nicht  dort,  sondern  in  Deutschland
im  Mittelpunkt  gelehrter  Hülfsmittel  und  Forschungen  geschehen  mus.  Ein  reger
Verkehr  mit  Italien  ist  ja  auch  von  hier  aus  möglich,  und  namentlich  wird  das
Institut  für  archäologische  Correspondenz,  durch  welches  ein  solches  Unternehmen