520  215.  Gernarp’s  Denkschrift  betreffend  das  Corp.  Inser.  Lat.  (1846).

erste  Theil  der  Aufgabe  (den  ich  den  litterarischen  nenne)  ist  ohne  Zweifel  der
dringendste;  es  ist  derjenige,  zu  dessen  Befürwortung  die  histor.  philos.  Klasse  bei
neulicher  Berathung  sich  sofort  bereit  erklärte  und  mehr  denn  einen  deutschen  Gelehrten
  im  Genuls  deutscher  Bibliotheken  sofort  damit  beschäftigt  wünschte,  dagegen
eine  gleiche  Empfehlung  der  andern,  von  italiänischen  und  sanstigen  Reisen  abhängigen
  Aufgabe  (welche  ich  die  monumentale  nennen  will)  wenigstens  auf  so  lange
verschoben  wurde,  bis  Dr.  Momınsen’s  samnnitische  Inschriftensammlung  als  Probestück
  dessen,  was  auf  solcheın  Wege  zunächst  zu  verhoffen  sei,  vorliegen  würde.

Allerdings  könnte  es  grolse  Vorzüge  haben,  den  ganzen  bereits  der  Litteratur
angehörigen  Vorratli  altlateinischer  Inschriften  in  topographisch  geordneten  Portefeuilles
  vor  sich  liegen  zu  sehen,  um  mit  den  sämmtlichen  wohl  gesichteten  Inschriften
  in  der  Hand  die  verschiedenen  Provinzen  der  alten  Welt  bereisen  und  zur
kritischen  Vervollständigung  jenes  Apparats  planınälsig  ansprechen  zu  können.  Es
ist  jedoch  vorläufig  ausgesprochen  worden,  dafs  jene  litterarischen  Vorarbeiten  etwa
fünf  Jahre  Zeit  brauchen  würden,  und  ein  solcher  Verzug  ist  meiner  Überzeugung
nach  für  jene  monuınentalen  Zwecke  nicht  statthaft,  für  die  ich  vielmehr  das,  seit
Professor  Jahn’s  im  August  v.  Js.  eingereichtem  Plan,  abgelaufene  Jahr  bereits  als
eine  grolse  Einbulse  betrachten  darf.  Es  ist  nämlich  die  umfassende  und  zweckmälsige
  Benutzung  der  dahin  einschlagenden  Denkmäler  von  Umständen  und  Personen
  abhängig,  welche  dem  epigraphischen  Unternehmen  in  Jahr  und  Tag  ganz
oder  theilweise  wahrscheinlich  ebenso  sehr  fehlen  werden,  als  sie  demselben  gegenwärtig
  zu  statten  kominen,  und  es  würde  demnach  die  Akademie  durch  eine  langsame
  Einwirkung  des  gewünschten  Erfolgs  vermuthlich  ebenso  sehr  verlustig  gehen.
als  sie  durch  eine  energische  Eınpfehlung  desselben  vielleicht  in  wenigen  Jahren
zum  Ziele  gelangen  kann.

Die  Verschiedenheit  der  Ansichten,  wie  grofs  der  Erfolg  epigraphischer  Reisen
sein  könne,  koınınt  in  keinen  Betracht,  sobald  es  feststeht,  dafs  sie  jetzt  oder  später
für  ein  epigraphisches  Corpus  überlıaupt  geleistet  werden  müssen,  und  sobald  ich
hierauf  den  Beweis  liefern  kann,  dals,  wenn  nicht  bald  ausgeführt,  ihr  bester  Erfola
verloren  gehen  mufs.

ı.  Der  erste  Grund,  durch  welchen  ich  diese  Behauptung  verbürge.  ist  die
Mitwirkung  Borghesi’s,  welche  einem  Unternehmen  für  römische  Epigraphik  die
Hälfte  der  Arbeit  nicht  nur,  sondern  auch  den  würdigsten  Standpunkt  im  Voraus
sichert.  Diese  Mitwirkung  zu  gewinnen,  darf  schon  wegen  Borghesi’s  vorgerücktem
Alter  nicht  gezögert  werden.  Er  hatte  sie  dem  französischen  Werke  zugesagt  und  wird
sie  demselben  vermuthlich  auch  nicht  entzielien,  wenn  ihm  von  dorther  die  dabei
von  ihm  gestellte  Bedingung  erfüllt  wird,  alle  nur  irgend  erreichbaren  Inschriften
ihm  zu  verschaffen.  Werden  unter  den  Auspicien  der  Akademie  ostensible  Anstalten
hierzu  geinacht,  namentlich  durch  Vermittelung  von  Gelebrten,  welche,  wie  die
Herren  Mommsen  und  Henzen,  als  seine  Schüler  betrachtet  werden  können,  so  hat
er  das  kostbare  Geschenk  seiner  Fasten  bereits  zugesagt  und  wird  mit  alleın  andern
Rath  und  Beistand  gern  zur  Hand  sein;  dagegen  andernfalls  seine  Willfährigkeit
schwerlich  dauern,  sein  Nachlafs  im  Fall  seines  Ablebens  an  die  päpstliche  Akademie
oder  an  unerhebliche,  den  Ausländern  mifswollende  Glieder  derselben  fallen  wird.
j  2.  Ein  anderer  dringender  Grund,  die  ımonumentalen  Arbeiten  lateinischer
Epigraphik  zu  beschleunigen,  liegt  in  der  ebenso  wandelbaren,  gegenwärtig  aber
hoch  anzuschlagenden  Mitwirkung  jüngerer  deutscher  Gelehrten,  welche  mit  gemeinsaınem
  Eifer  für  Epigraphik  gerade  jetzt  in  Italien  sich  noch  zusammenfinden.
Während  es  in  den  ersten  Jahren  des  archäologischen  Instituts  um  Arbeiten  dieser
Art  trostlos  aussah,  bis  Kellermann  sich  damit  zu  befassen  unternahm,  hat  theils
die  Anregung  des  Instituts,  theils  Borghesi’s  Willfährigkeit  mehrere  Gelehrte  gebildet,
  deren  deutsche  Philologie  durch  längeres  Studium  der  Inschriftensteine  zu