.216.  Monssex’s  Denkschrift  (Corpus  Inser.  Latinarum)  1847.  527

letzten  Quellen  Stückwerk  ist.  Es  wird  auch  dieser  Theil  der  Vorarbeiten  weder
grolse  Kosten  ınachen,  noch  irgendwo  auf  wesentliche  Schwierigkeiten  stofsen,  mit
Ausnahme  indefs  des  Vaticans,  wo  für  die  Museen  dieselben  Heminnisse  eintreten
wie  für  die  Bibliothek.  Unüberwindlich  werden  sie  hoffentlich  auch  hier  nicht  sein.
Aber  aufser  dem  Studium  dieser  grofsen  Sammlungen  ist  es  für  ein  C.I.L.  erforderlich,
  dafs  der  Herausgeber  desselben  die  Hauptfundörter  der  lateinischen  Inschriften
persönlich  besuche.  Nicht  blols  werden  dadurch  fast  immer  ungedruckte,  oft  interessante
  Inschriften  gewonnen,  sondern,  was  noch  wichtiger  ist,  es  kommt  eine
gleichmäfsige  Behandlung  in  die  ganze  Samnınlung  und  es  wird  fester  Boden  für  die
Kritik  gewonnen,  sowohl  was  die  Ächtheit  als  was  die  Lesung  betrifft.  In  dem
dritten  Abschnitt,  welcher  der  epigraphischen  Kritik  gewidmet  ist,  wird  die  grolse
Wichtigkeit  der  Provincialreisen  für  sie  im  Einzelnen  hervorgehoben  werden;  hier
will  ich  nur  noch  die  Grenzen  andeuten,  auf  die  sie  nach  meiner  Meinung  zu  beschränken
  sind.  Hätte  jede  Stadt  einen  tüchtigen  Lokalarchäologen,  so  würde
dieser  in  voller  Mufse,  im  Besitze  aller  wünschenswerthen  Lokalnotizen,  dem  eiligen
  und  der  örtlichen  Verhältnisse  unkundigen  Reisenden  wenig  zu  thun  übrig
lassen,  vielmehr  weit  Besseres  leisten,  als  dieser  es  je  vermag.  Bei  dem  unglaublich
  tiefen  Stande  der  Wissenschaften  in  den  Provinzen  des  Königreichs  Neapel
sncht  man  aber  dort,  vielleicht  mit  Ausnahme  Calabriens  (wo  Morisani  für  Reggio
und  Capialbi  für  Monteleone  allerdings  Befriedigenderes  geleistet  haben),  vergebens
nach  Provincialgelehrten,  auf  die  ınan  sich  verlassen  könnte,  und  es  ist  daher  zur
Ausfüllung  der  Lücken,  welche  die  Ignoranz  und  die  Trägheit  der  Einheimischen
in  der  Epigraphik  lassen,  hier  die  Aushülfe  epigraphischer  Provincialreisen  unentbehrlich.
  Wo  dagegen  naınhafte  Gelehrte,  wie  z.  B.  Labus  und  Furlanetto,  die
Inschriften  ihrer  Stadt  gesammelt  und  herausgegeben  haben,  da  wäre  es  Petulanz,
solchen  Männern  das  Exercitium  korrigiren  zu  wollen.  Ein  kurzer  Aufenthalt  an  den
wichtigsten  Orten,  eine  Prüfung  der  bedeutendsten  und  zugänglichsten  Steine,  ein
Forschen  nach  später  hinzugefundenen  ist  imıner  wünschenswerth,  aber  nothwendig
nicht,  und  von  einer  förmlichen  Revision  der  Arbeit  kann  hier  nun  gar  keine  Rede
sein.  —  Aber  auch  da,  wo  eine  epigrapliische  Reise  wirklich  Bedürfnifs  ist,  darf
der  Reisende  nie  vergessen,  dals  er  für  das  C.  I.  sammelt.  Wer  einen  Distrikt  so
durchforschen  will,  dafs  er  jedes  Örtchen  selbst  besucht,  wo  nur  irgend  Aussicht
auf  alte  Inschriften  ist,  dafs  er  sich  an  jedem  alten  Orte  so  lange  aufhält,  bis  er
die  in  der  Nachbarschaft  gewöhnlich  in  einem  Uınkreis  von  mehreren  Miglien  zerstreuten
  Steine  sämmtlich  selbst  gesehen  hat,  der  thut  ein  gutes  und  nützliches
Werk,  und  möchten  sich  nur  viele  Reisende  zu  einer  solchen  aufopfernden  Beschäftigung
  verstehen!  Aber  für  ein  C.  1.  L.  kann  nicht  so  gereist  werden,  schon
darum  nicht,  weil  dann  zehn  Jahre  nicht  ausreichten  zur  Bereisung  Italiens;  das
C.1.  soll  nicht  nach  Inschriften  an  bisher  epigraphisch  unvertretenen  Orten  ausgehen,
  überhaupt  keine  Entdeckungsreisen  machen,  sondern  nur  das  schon  Gefundene
  und  in  Allgemeinen  Bekannte  sammeln,  sichten,  kontroliren.  Reiseziele
sind  also  nur  die  Orte,  wo  alte  Städte  standen  und  epigrapbischen  Nachlafs  hinterlassen
  haben,  und  an  jeden  darf  ınan  nur  so  lange  verweilen,  bis  deın  epigraphischen
  Bedürfnifs  genügt  ist,  und  darf  nicht  Tage  einer  elenden  Sepulcralinschrift
oder  einer  ungewissen  Verinuthung  aufopfern.  Meine  Regel  war,  die  in  der  Stadt
oder  nächsten  Uingegend  existirenden  Inschriften  alle  mit  eigenen  Augen  zu  sehen,
wichtigere  Inschriften  auch  in  weiterer  Ferne  aufzusuchen;  dabei  genügten  für  den
einzelnen  Ort  fast  iınmer  zwei  bis  drei  Tage,  oft  wenige  Stunden.  Kann  man  der
Lokalantiquare,  deren  es  z.  B.  in  den  nördlichen  Provinzen  des  Königreichs  Neapel
überall  giebt,  habhaft  werden  und  ihre  Scheden  zur  Einsicht  bekommen,  so  wird
die  Arbeit  sehr  abgekürzt  und  Vieles  gewonnen,  was  sonst  auch  dem  eifrigsten
Suchen  sich  entzogen  haben  würde.