32  216.  Mosusex’s  Denkschrift  (Corpus  Inser.  Latinarum)  1847.

nung,  bei  der  die  Bearbeitung  jeder  Klasse  von  der  aller  übrigen  unabhängig  ist,
während  bei  einer  auch  nur  zum  Theil  systematischen  Anordnung  die  ganze  Samnlung
  vollendet  sein  mufs,  um  auch  nur  eine  systematische  Klasse  ausscheiden  und
bearbeiten  zu  können,  und  das  vielfältig  erforderliche  Vor-  und  Zurückweisen  ein
gleichzeitiges  Erscheinen  der  ganzen  Sammlung  fordert.  Am  zweckmälsigsten  wird
man  zunächst  die  ganze  Sammlung  in  rein  topographischer  Ordnung  anlegen  und
sich  so  der  grofsen  Arbeitsvortheile,  die  von  dieser  früher  hervorgehoben  sind,  in
ihrem  vollen  Umfange  versichern,  alsdann  aber,  wenn  Sammlung  und  Kritik  beendigt
ist,  zur  Ausscheidung  der  öffentlichen  Inschriften  schreiten,  die  man  innerhalb  der
einzelnen  topographischen  Abschnitte  vorbereiten  mag,  und  den  Druck  erst  beginnen
lassen,  wenn  auch  die  öffentlichen  Inschriften  schon  in  ihre  Klassen  getheilt  sind.

IL  Kritik  der  Inschriften.

A.  Kritik  der  Ächtheit.

Bei  der  Ausscheidung  der  falschen  lateinischen  Inschriften  ergeben  sich
Schwierigkeiten,  mit  denen  der  Bearbeiter  der  griechischen  bei  weitem  nicht  in
dem  Mafse  zu  käınpfen  hat.  An  Zalıl  und  Mannigfaltigkeit  werden  diese  von  jenen
unendlich  übertroffen.  Was  sind  die  Fälschungen  des  einen  Fourmont  gegen  die
vierzig  Bände  des  Ligorius  und  die  Unzahl  geringerer  und  oft  auch  obskurer  Falsare!
  Bald  auf  Stein  und  Erz,  bald  blofs  auf  dein  Papiere,  hat  man  nun  seit  drei
Jahrhunderten  nicht  aufgehört,  meistens  unglaublich  ungeschickt,  zuweilen  aber
auch  nicht  ohne  Gelehrsamkeit  und  Gewandtheit,  tausende  von  falschen  lateinischen
Inschriften  auszustreuen,  von  denen  die  grofsen  Sammlungen  wie  die  Lokalschriftsteller
  voll  sind.  Die  Kritik  findet  hier  noch  nicht  weniger  als  Alles  zu  thun,  da
alle  vorgängigen  Samınlungen,  ınit  Ausnahme  der  beschränkten  maffeischen,  die
Ausscheidung  der  falschen  Steine  so  gut  wie  ganz  verabsäumt  haben  und  die  Beseitigung
  von  Ligorius  und  Konsorten,  die  man  in  der  Theorie  Maffei  und  Marini
verdankt,  in  praxi  noch  erst  zu  erwarten  steht.

Die  Fälschungen  sind  dreierlei  Art.  Erstens  geschehen  sie  von  den
Kunsthändlern,  welche  zum  Besten  der  unwissenden  Dilettanten  falsche  Steine
fabriciren  oder  auf  wirklich  alte  Tabletten  und  Urnen  moderne  Inschriften  setzen
liefsen.  In  frühern  Zeiten  pflegten  sie  sich  gewöhnlich  eigens  dazu  erfundener  Inschriften
  zu  bedienen,  von  welcher  Art  z.  B.  die  Inschrift  von  der  Lucretia,  der
Gattin  Collatiu's,  die  21  Jahr  6  Monate  und  3  Tage  gelebt,  und  die  des  Schauspielers
C.  Jucundus  unter  Galba,  Otho  und  Vitellius  (Beide  im  Königl.  Museum  zu  Neapel)
sind;  späterhin,  und  besonders  in  den  siebziger  und  achtziger  Jahren  des  vorigen
Jahrhunderts,  wo  diese  Industrie  besonders  blühte,  liefsen  sie  ächte  Inschriften  aus
Gruter  oder  Muratori  auf  ihren  Steinen  wiederholen.  In  grofser  Menge  finden  sich
dergleichen  moderne  Kopien  in  allen  sicilischen  Museen;  in  dem  des  Prinzen  Biscari
  in  Catania  giebt  es  ganze  Fächer  falscher  Inschriften.  —  Die  zweite  Klasse
der  Falsare  sind  die  Municipal-  und  Provinzialschriftsteller,  die  zu  mehrerer
Ehre  der  Heimath  Inschriften  schmieden,  gewöhnlich  auf  dem  Papiere;  seltener
geben  sie  sich  die  Mühe,  dieselben  wirklich  in  Stein  hauen  zu  lassen.  Solcher
Betrüger  giebt  es  nicht  wenige  im  Königreich  Neapel,  so  z.B.  in  unserer  Zeit
de  Giorgio  in  Lanciano,  welcher  zu  denen  gehört,  die  nicht  auf  dem  Papiere  falschen;
  im  vorigen  Jahrhundert  Monsignor  Pollidoro  für  das  Frentanerland  und  Terra
d’  Otranto,  Monsignor  Corsignani  für  die  Provinz  der  Marser,  der  Baron  Antonini
für  Lncanien,  namentlich  für  Pästum,  Roselli  für  das  alte  Grumentum  —  welche
alle  ganze  Reihen  falscher  Inschriften  zeschmiedet  haben.  —  Die  dritte  Klasse  endlich
  bilden  die  Falsare  vom  Handwerk,  die  es  sich  zum  Specialgeschäft  imach-