216.  Monussen’s  Denkschrift  (Corpus  Iuser.  Latinarum)  1847.  533

ten,  Inschriften  mit  Angabe  der  Fundörter,  natürlich  nur  auf  dem  Papier,  in  Masse
zu  erfinden.  Ein  solcher  war  der  Canonicus  Pratilli  von  Capua,  vor  Allem  aber
Pirro  Ligorio,  der  Neapolitaner.

Diesen  vielfältigen  Fälschungen  begegnet  die  höhere  epigraphische  Kritik  zunächst
  durch  Zurückführung  der  Inschriften  auf  ihre  letzten  Autoritäten
  und  durch  Prüfung  der  Glaubwürdigkeit,  welche  jedem  Berichterstatter  zukommt.
  In  der  gegenwärtigen  epigraphischen  Literatur  erscheinen  die  falschen
Inschriften  sehr  oft  nicht  unter  der  Autorität  ihres  ursprünglichen  Urhebers,  wo
man  sie  sofort  beseitigen  würde,  sondern  unter  der  eines  andern,  oft  geachteten
Gelehrten,  welcher  die  Inschrift  nach  der  Mittheilung  des  Falsars  wiedergab,  nicht
selten  ohne  dessen  Namen  zu  erwähnen.  So  ist  die  ganze  neapolitanische  Lokalliteratur
  voll  von  pratillischen  Inschriften,  und  noch  viel  weiter  hat  sich  Ligorius’
verderbliche  Wirksaınkeit  erstreckt,  dessen  Papiere  sowohl  Zeitgenossen,  wie  Panvinius
  und  Pighins,  als  auch  Spätere,  z.  B.  Fabretti  und  Gudius,  mittel-  und  unmittelbar
  in  grofsem  Umfange  benutzt  haben.  Dieseın  Übel  wird  gesteuert,  wenn
ermittelt  wird,  welche  Inschriften  von  dem  Falsar  herrühren.  Dies  ist  leicht  gethan,
wo  dessen  Arbeit  gedruckt  vorliegt,  wie  Pratilli’s  Via  Appia;  für  Ligorius  tritt
die  besondere  Schwierigkeit  ein,  dals  sein  Werk  nie  ganz  gedruckt  worden  ist,
sondern  nur  handschriftlich  iim  Königl.  Geheimen  Archiv  zu  Turin  existirt.  Ebenso,
wie  nun  für  das  C.  1.  G.  sofort  die  Fourmont’schen  Papiere  in  Paris  abgeschrieben
wurden,  ınufs  man  sich  für  ein  C.  1.  L.  baldmöglichst  eine  Kopie  sämmtlicher  ligorischer
  Inschriften  verschaffen;  wie  denn  auch  Borghesi  für  seine  Fasten  eine  ähnliche
  Durchsicht  derselben  angestellt  und  danach  über  200  falsche  Konsuln  und  800
falsche  Konsularinschriften  ausgeschieden  hat.  Sind  durch  solche  Arbeiten  die  Produkte
  der  Fälscher  vom  Handwerk  ausgeschieden,  so  wird  gegen  die  municipalen
Betrügereien  die  topographische  Ordnung  eine  gute  Schutzwehr  bieten.  Es  liegt
in  der  Natur  der  Sache,  namentlich  bei  dem  reisescheuen  Charakter  der  Italiener,
dafs  für  die  Inschriften  jeder  Stadt,  wenigstens  jeder  Provinz,  andere  Berichterstatter
  und  andere  kritische  Gesetze  eintreten.  Hält  man  nun  die  topographische  Ordnung
  fest,  so  bleiben  dadurch  auch  gewöhnlich  die  von  einem  Berichterstatter  herrülırenden
  Inschriften  beisammen,  und  es  wird  dadurch  möglich,  die  Fälschung;  wenn
man  deren  Existenz  einmal  erkannt  hat,  in  ihrem  ganzen  Umfange  zu  verfolgen
und  auszurotten,  und  den  jedem  Abschreiber  zukommenden  Grad  von  Glaubwürdigkeit
  bei  der  Kritik  fest  im  Auge  zu  behalten.  Passend  wird  es  sein,  naınentlich
um  die  kritische  Benutzung  der  Sammlung  zu  erleichtern,  den  Inschriften  jeder
Stadt  eine  Übersicht  der  für  sie  in  Frage  koınmenden  Berichterstatter  mit  Angabe
ihrer  relativen  Glaubwürdigkeit  und  Genauigkeit  voraufzuschicken,  wie  ich  dies  in
meinen  samnitischen  Inschriften  getlian  habe.

In  sehr  vielen  Fällen  indefs  ist  aus  dem  gedruckten  oder  handschriftlichen
Material  allein  kein  fester  Boden  für  die  Kritik,  die  höhere  wie  die  niedere,  zu
zewinnen.  Das  Urtheil  über  Ächtheit  und  Falschheit  der  Inschriften  ist  so  schwierig.
dais  man  es  nur  dem  Epigraphiker  von  Fach  zugestehen  kann  und  jeder  andere,
sonst  glaubwürdigste  Berichterstatter  hier  inkompetent  wird.  Ist  deın  Herausgeber
die  Einsicht  der  Originale  versagt,  so  bleiben  ihm  die  inneren  Kriterien  und
die  Wahrscheinlichkeitsschlüsse,  aber  wie  trüglich  sind  diese,  wie  leicht  führen  sie
zum  Verwerfen  der  ächten,  zum  Festhalten  der  falschen  Inschriften!  Die  einzige
Inschrift,  welche  die  alte  Stadt  C’luviae  nennt,  hielt  ich  für  falsch,  weil  in  andern
falschen  Inschriften  von  Lanciano,  wo  sie  sich  befindet,  eben  diese  Stadt  Cluviae
vorkoınmt  und  das  sinnlose  BENNACIARIVS  in  der  ersten  Zeile  den  gröfsten  Anstofs
  gab;  aber  die  Einsicht  des  Originals  überzeugte  mich  von  meinem  Irrthun
und  gab  statt  des  sinnlosen  BENNAC.  vielmehr  BENEFICTARIVS.   Roselli,  ein
iiberwiesener  Fälscher,  giebt  in  einem  Grumentiner  Stein  einen  PRAEFectus  PON-