534  216.  Momnsen’s  Denkschrift  (Corpus  Inser.  Latinarum)  1847.

TIS  AQVILI,  und  weist  denn  auch  glücklich  diese  aquilische  Brücke  nach.  Durtte
man  den  Stein  für  ächt  halten?  Dennoch  ist  er  es;  nur  steht  statt  jenes  Monstrums
einfach  D.  M.  AQVILI.  PREPONTIS.  AQVILIA.  MAMMA  u.  s.  w.  —  Den  Stein  des
Claudius  Marcellus,  der  ihn  ENSIS.  ROMANORVM  nennt,  setzt  Muratori  unter  die
falschen  und  wer  hätte  es  nicht  gethan?  Ich  sah  ihn  im  Museum  von  Nola;  er  ist
unzweifelhaft  ächt  und  nicht  einmal  aus  sehr  später  Kaiserzeit.  —  Uıingekehrt,  wer  hat
bisher  gezweifelt  an  der  Ächtheit  der  berühmten  Hebonsinschrift,  die  seit  200  Jahren
auf  der  Piazza  von  Cajazzo  sich  befindet?  Sie  ist  aus  paläographischen  Gründen
entschieden  falsch,  was  für  die  topographische  Frage  üher  Caiatia  und  Calatia  von
Wichtigkeit  ist.  Von  modernen  Kopien  ächter  Inschriften  endlich,  wer  kann  da.
ohne  die  Originale  gesehen  zu  haben,  die  Ächtheit  bezweifeln?  —  Dafs  sich  der
Herausgeber  selbst  an  Ort  und  Stelle  begiebt,  gewährt  nicht  blofs  den  direkten
Nutzen,  über  die  gesehenen  Inschriften  ein  kompetentes  Urtheil  zu  erhalten,  sondern
wird  mafsgebend  für  die  Kritik  aller  Inschriften  dieses  Distrikts!  Ich  würde  nie
den  Muth  gehabt  haben,  alle  Frentaner  und  Tarentiner  Inschriften  Pollidoro’s  auszumerzen,
  wenn  mich  nicht  beim  Bereisen  dieser  Gegenden  die  Nichtexistenz  sänmtlicher,
  auf  seiner  Autorität  beruhender  Steine  auf  den  Umfang  seiner  Fälschungen
hingewiesen  hätte.  Wie  unendlich  wichtig  sind  auch  nur  zwei  oder  drei  zuverlässige
Abschriften  aus  einem  Orte  als  Prüfstein  und  Korrektiv  der  übrigen  von  dort  aus
mitgetheilten!  Man  denke  sich  eine  solche  abgelegene  Stadt,  die  vielleicht  nie  ein
namhafter  Archäolog  betrat;  es  kommen  Inschriften  von  da  her,  gut  und  schlecht
gelesen,  ächt  und  falsch;  die  Abschreiber,  wenn  man  auch  ihre  Namen  erfährt,
sind  gänzlich  unbekannte  Individuen.  Woher  soll  man  sich  ein  Urtheil  über  ihre
Zuverlässigkeit  bilden?  Sie  geben  einen  entschieden  falschen  Stein;  existirt  derselbe
aın  Orte  wirklich  in  Stein?  oder  haben  sie  ihn  erfunden?  Iın  letztern  Falle  sind
alle  ihre  übrigen  Abschriften  suspekt,  im  ersten  kann  man  sich  deren  unbedenklich
bedienen.  Es  ist  zum  Verzweifeln,  in  einen  solchen  Wust  Ordnung  bringen,  das
Falsche  ausscheiden,  den  Text  constituiren  zu  sollen;  man  verliert  den  Muth  und
entschliefst  sich  lieber  zu  beschwerlichen  Reisen.  als  länger  in  dieser  Verwirrung
unnherzutappen.  Am  Orte  selbst  ermittelt  man  die.  von  denen  die  Abschriften  herrühren
  —  sehr  oft  andre  als  die,  welche  sie  drucken  lassen  —,  man  lernt  sie  zum
Theil  kennen  und  ihre  Glaubwürdigkeit  richtig  taxiren,  man  sieht  wenigstens  einen
Theil  der  publicirten  Steine  oder  —  was  oft  eben  so  wichtig  ist  —  man  findet  sie
nicht  und  gelangt  so  zu  einem  Mafsstab  der  Glaubwürdigkeit  der  Berichterstatter.

Es  versteht  sich,  dafs  man  die  falschen  Inschriften  nicht  blofs  werlassen  kann.
sondern  nach  dem  Vorgange  von  Gruter,  Muratori  und  Böckh  eine  eigene  Abtheilung
  falscher  Inschriften  gebildet  werden  muls.  Da  die  Masse  derselben
so  sehr  grols  ist,  werden  hier  wohl  zur  Raumersparung  gewöhnliche  Lettern  und
fortlaufender  Druck  anzuwenden  sein.  Bei  der  Eintheilung  ist  zu  wünschen.  dafs
die  Produkte  jedes  Falsars  möglichst  zusammenbleiben.  Ein  Nachweis  der  Unächtheit
  kann  nur  bei  augenfälligen  Erdichtungen  unterbleiben.  Bei  Ligorins  wird  es
namentlich  wünschenswerth  sein,  die  ächten  Inschriften,  aus  deren  Interpretation
seine  Arbeiten  hervorgegangen  sind,  in  den  Noten  anzugeben,  obwohl  dies  eine
sehr  mühsame  und  kaum  ganz  zu  lösende  Aufgabe  ist.

B.  Constituirung  des  Textes.

Um  die  Constituirung  des  Textes  der  ächten  Inschriften  mit  Erfolg  zu  unternehmen,
  bedarf  der  Herausgeber  nicht  blofs  epigraphische  Kenntnifs  überhaupt,  sundern
namentlich  praktische  T  bung  im  Lesen  der  Steine.  Fordern  doch  Philologen  als  Grundlage
  einer  geschickten  Handhabung  der  plhilologischen  Kritik  Kunde  der  Manuseripte
und  Ubungz  im  Lesen  derselben:  wie  sollte  es  hier  anders  sein?  Dafs  die  Italiener
stets  Gelegenheit  haben  Steine  zu  sehen  und  die  deutschen  Gelehrten  nicht  leicht.